Die ersten Tage - Kerstin Zegay - E-Book

Die ersten Tage E-Book

Kerstin Zegay

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Beschreibung

Ein Raumschiff kehrt nach einer langen Expedition zur Erde zurück und findet den Planeten völlig verändert vor. Ein Traum der Menschheit geht in Erfüllung. Zeitreisen sind möglich. Während der Mission geschiet das Unfassbare: eine globale Katastrophe. Aus dem Weltraum sehen die vier Zeitreisenden, wie die Erde in eine Aschewolke gehüllt ist. Sie beschließen einen weiteren Zeitsprung und stürzen auf eine Erde, auf der nichts mehr so ist, wie es war. Flora und Fauna haben einen evolutionären Sprung gemacht. Auf der Suche nach Menschen müssen sie sich Tieren stellen, die aus einem Albtraum entsprungen zu sein scheinen. Eine Kolonie Krabben, jede einzelne größer als vier Meter, schnappen mit den Scheren nach ihnen. Riesige Mulle mit scharfen Säbelzähnen beginnen eine Hetzjagd, mit den Astronauten als Beute. Als sie endlich auf Menschen treffen, müssen die beiden Frauen und Männer erkennen, dass auch diese die Katastrophe nicht ohne Veränderungen überstanden haben. Wird es ihnen gelingen eine neue Zivilisation zu errichten? Ein dystopischer Science-Fiction-Roman voller Spannung und Dramatik.

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Seitenzahl: 507

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kerstin Zegay

Die ersten Tage

Impressum

Die ersten Tage

Kerstin Zegay

© 2019vss-verlag, 60389 Frankfurt

Covergestaltung: Hermann Schladt (Bild www.pixabay.de)

Lektorat: Peter Altvater

www.vss-verlag.de

Prolog - Drei Jahre in der Zukunft

Josh starrte aus dem Fenster und wagte nicht, den Blick abzuwenden, aus Angst den einen Augenblick zu verpassen. Dieser Moment war der einzige Grund, weshalb er sich zu dieser Reise entschlossen hatte.

Die letzten Stunden waren anstrengend gewesen und Josh sah Bent die Erschöpfung an. Doch sie hatten keine Wahl gehabt. Sie mussten den Meteroitenhagel passieren, um den Zeitplan einhalten zu können. Es war ausschließlich Bents Können zu verdanken, dass sie unbeschadet aus der Situation herausgekommen waren. Insgeheim musste er sich eingestehen, dass seine Vorstellung von Kaptain Kirk und Commander Spock geprägt war und romantisch eingefärbt.

Die Realität sah anders aus. Das unbequeme Schlafen in diesen Hängevorrichtungen und der ekelig anmutende Toilettengang waren nicht so sein Ding. Schnell war aus Abenteuer Routine geworden und er nur noch Handlanger für Ellis Pflanzenexperimente.

In der Spiegelung der Scheibe erkannte Josh, dass sie eingeschlafen war, festgezurrt in ihrem Sitz. Das schwere Buch drohte bald aus ihrer Hand zu fallen.

Lichtblitze schnellten an ihnen vorbei und die Unendlichkeit des Weltraums breitete sich vor ihnen aus.

Josh kontrollierte die Zahlen auf der Anzeige. Mehr als einmal hatte er sich gefragte, wie Bent die Orientierung behalten konnte. Oben, unten, rechts, links. Schon lange konnte er keinen Unterschied mehr feststellen.

„Geschwindigkeit um eins verringern“, befahl Bent.

Sofort zog Josh an einem Hebel. Mit der anderen Hand krallte er sich in die Lehne seines Sitzes. Die Anschnallgurte schnitten ihn ins Fleisch und die EKG-Elektroden ziepten unangenehm an seinen wenigen Brusthaaren. Unruhig rutschte er in seinem Sitz hin und her und versuchte seine Fingernägel noch tiefer in das Plastik zu graben, als würde es helfen zu bremsen. Immer wieder kämpfte er mit der Übelkeit, gegen die er heimlich Tabletten nahm, nur um vor dem Team nicht wieder als Looser dazustehen. Erfahrung prägt.

Bent drückte nacheinander mehrere Knöpfe und Kippschalter, kontrollierte eine Anzeige und drehte eine Kurve, um den Kurs zu halten.

Josh drehte sich der Magen um. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.

Eva trug Vitalwerte in ihre Tabellen ein, fuhr mit dem Finger den Herzableitungen des Teams nach und runzelte die Stirn, als sie Joshs beurteilte. „Alles in Ordnung?“

Schnell nickte Josh. „Joah, klar.“ Er sah demonstrativ aus dem Fenster. Atmete tief und versuchte verzweifelt, seinen Herzrhythmus zu beruhigen, indem er die Sterne zählte. Er starrte regelrechte Löcher in den Weltraum.

Eva sah ihn prüfend an.

Bent drosselte abermals das Tempo. Ein Ruck ging durch das Schiff und es schien zu schweben. Nur das Surren der Instrumente war zu hören.

Und dann kam der Moment, auf den Josh so lange gewartet hatte. Aus einem kleinen, hellen Punkt wurde schnell und schneller ein großer, weißer Ball. Auf dem Hinflug hatte er kaum eine Minute Zeit gehabt die Aussicht zu genießen und hatte sich mit dem Rückflug getröstet. Jetzt kostete er jede Minute aus, hielt Ausschau nach dem Krater Belopol'skiy oder dem Ioffekrater und hoffte, eine der Sonden zu entdecken. So sehr wünschte er sich, die amerikanische Flagge zu sehen. Josh drückte sich fast die Nase platt, obwohl er wusste, dass es noch ein paar Minuten dauern würde, denn noch befanden sie sich hinter dem Mond. Wie schön er war. Die Meteoriten-Krater, die Hochländer und die mit Lava erstarrten Senken kannte er genauso gut wie die Zigarettenbrandlöcher im Wohnzimmerteppich vom Vormieter, den überquellenden Mülleimer in der Küche oder die Pfütze die sich auf dem Linoleumboden unter dem Schlafzimmerfenster bildete, wenn es stark regnete. Er war so stolz, einer der wenigen Menschen zu sein, die der Erde entkommen waren, die dem Mond nahe sein durften.

Trotz der Aussicht, die als Ablenkung groß genug war, dass er die Übelkeit nicht beachtete, rebellierte sein Magen.

Schon bald würde sich die Erde in ihr Blickfeld schieben und das Fenster mehr und mehr ausfüllen, je näher sie kamen.

In der Kabine hatte sich eine aufgeregte Stille breit gemacht, die fast greifbar war.

Die Consus flog immer weiter der Heimat entgegen.

So sehr sich Josh in den Weltraum gewünscht hatte, es Kaptain Kirk gleichzutun, fremde Welten zu erforschen, Asteroiden aus der Nähe zu sehen und die Anziehungskraft eines schwarzen Loches zu erleben, so sehr sehnte er sich nach Hause. Die Erde mit ihrer Schwerkraft, den Naturgesetzen, wo die Füße auf dem Boden standen und nicht wie eigenständige Wesen durch den Raum schwebten.

War ihm die Consus eben noch viel zu schnell gewesen, schien sie nun quälend langsam um den Mond zu schweben.

Keiner sagte ein Wort. Alle warteten gespannt auf den Augenblick, wenn der blaue Planet erschien und sie endlich wieder Funkkontakt zur Erde haben würden und die erfolgreiche Beendigung der Mission verkünden konnten.

Und dann war es endlich soweit. Doch es war ganz anders, als Josh erwartet hatte.

Die Erde war eingehüllt in eine Aschewolke. Die bekannten Formen der Kontinente waren nicht mehr zu sehen, die riesigen Flächen der blauen Ozeane nicht zu erkennen. Kein Lichtschein der Großstädte drang in die Tiefen des Alls.

Ruß, Qualm und Asche schwelten auf, um sich kurz darauf noch höher aufzutürmen, ähnlich der Raucherschlote in der Tiefsee.

In diesem Moment gab es an einem undefinierbaren Ort auf der Erde eine Explosion. Sie hörten sie nicht, aber die Asche türmte sich noch höher auf und quoll über. Es gab nur wenige Lücken zwischen den Wolken und wenn, erhaschten sie einen kurzen Blick in die Hölle. Die Welt schien zu brennen. Alle blickten gebannt auf die Flammen.

Kapitel 1 - 250 Jahre in der Zukunft

Bent zitterte. Nicht nur ein bisschen, die Zuckungen erinnerten an Schüttelfrost. Sein Gewicht folgte der Schwerkraft und die Gurte, die ihn immer noch eisern krallten, schnitten tief in beide Schultern. Leises, aber stetiges Gluckern durchdrang die Stille, hypnotisierend.

Kleine, blitzende Sternchen begannen einer irren Choreographie zu folgen und nur Sekunden später verlor Bent erneut das Bewusstsein. Die Dunkelheit hieß ihn willkommen, ein warmes, wohliges Gefühl durchströmte ihn, gaukelte ihm Nestwärme vor und doch fühlte er, dass in der hintersten Ecke eine Ahnung hockte, die Intuition von beginnenden Schwierigkeiten, bereit ihn anzuspringen.

Eine dicke Kröte spannte die Muskulatur der Oberschenkel erneut und streckte sich vorwärts, schwamm vorbei an Knüppeln und Schalttafeln, dessen Lichter für immer erloschen waren. Schwerfällig kletterte sie die Konsole herauf und hockte sich zwischen Sidestick und Schubhebel. Ihr Rücken war übersät von fetten Warzen. Das wenige Mondlicht, welches die verschmorten Scheiben der Consus durchdrang, ließ ihre Haut bläulichrot schimmern. Mit Glubschaugen inspizierte sie den Innenraum.

Leise schwappte das Wasser an die Wände des Raumschiffes im Rhythmus der Brandung, nur unterbrochen von einem kurzen Keuchen eines der Insassen, die immer noch angeschnallt in ihren Sitzen bewegungslos ausharrten.

Gelangweilt ruhte die Kröte in sich und schloss halb die Augenlider.

In der Nähe kreischte ein Vogel, der sich mit schweren Flügelschlägen den Neuankömmlingen näherte und einen Erkundungsflug über dem gestrandetem Schiff zog.

Die Nase der Consus hatte sich tief in den Grund des Meeres gegraben. Die Rückseite ragte wie ein Mahnmal aus den Wellen empor.

Ohne Beute zog der Vogel ab, nicht ohne seine Enttäuschung laut kund zu tun.

Wassertropfen spritzten Bent ins Gesicht. Urplötzlich schlug er die Augen auf. Seine Nasenspitze war nur wenige Zentimeter von der Wasseroberfläche entfernt. Der Meeresspiegel war gestiegen. Eindeutig stand der jetzt höher als vor seiner Ohnmacht.

Wieder begannen Blitze zu zucken. Tief atmete Bent ein, pustete kleine Ringe ins Wasser, atmete ein. Er fixierte die Kröte und wunderte sich irgendwo tief in seinem Verstand, wirkte der Frosch doch völlig fehl an seinem Platz. Kräftig sog er die stickige Luft in seine Lungen. Die Sternchen drängten sich an den Rand seines Gesichtsfeldes und lösten sich auf.

Langsam legte er den Kopf in den Nacken, entfernte sich Millimeter von der Wasseroberfläche.

Die Kröte hob erst das eine Bein, dann das Andere und erinnerte an einen in Zeitlupe eröffneten Schuhplattler.

Mit tausenden von winzigen Nadelstichen kehrte das Leben in Bents Extremitäten zurück und damit glühend heißer Schmerz. Unwillkürlich schrie er auf. Seine linke Schulter quälte ihn. Ein Blick zur Seite verriet ihm, wie schwer die Consus beschädigt war. Verbogenes Metall, herausquellendes Dämmmaterial aus der Verkleidung und wirr ineinander verschlungene Kabel lösten Unbehagen in ihm aus. Mit der rechten Hand tastete er nach dem Hebel, um den Gurt zu lösen. Das erwartete eiskalte Eintauchen ins Wasser blieb aus. Die Metallstrebe, die einst die Wand verstärkte, um die kurzen Flügel zu stützen, hielt ihn im Sitz gefangen. Panisch versuchte er sich aus der Umklammerung zu befreien. Mit seinem ganzen Gewicht zog er an seiner Schulter, bemüht, sich von dem Eisen zu befreien. Nur Sekunden später gab er auf, gepeinigt von der Qual. Bent schluckte Wasser, hustete, spuckte, schlug mit dem unverletzten Arm um sich, in dem Wissen das die Flut jeden Tropfen weiter gnadenlos voran peitschte. Barbarisch zerrte Bents Gewicht an der ausgekugelten Schulter. Vorsichtig betastete er die Luxation. Er bemerkte die leere Gelenkpfanne, der Oberarmkopf drückte gegen die Muskulatur und stach ungewöhnlich stark hervor. Die Weichteile um das Gelenk waren bereits geschwollen und er spürte die Finger der linken Hand nicht mehr. Entweder klemmte der Knochen die Blutzufuhr ab oder irgendein Nerv war eingeklemmt. Kleine Kondenswölkchen bildeten sich an seinen Lippen. Mit aller Kraft zwang er sich zur Ruhe, erinnerte sich an seine Tauchübungen, atmete, nötigte seine Lungenflügel sich aufzublähen. Die Panik verebbte mit jedem Atemzug ein wenig mehr. Ruhe. Einatmen, einundzwanzig, zweiundzwanzig, ausatmen... Durch den gelösten Gurt ein wenig Bewegungsfreiheit wiedererlangt, drehte er sich, soweit es der eingeklemmte Arm zu ließ.

Die Frauen saßen in ihren Sitzen. Angeschnallt, wurden die Körper daran gehindert ins Wasser zu gleiten.

„Eva!“ schrie Bent. „Elli!“

Das Kinn auf die Brust gestützt, die langen Haare das Gesicht verdeckend, konnte Bent keine Regung erkennen.

„Eva!“ brüllte Bent sie erneut an. „Elli!“

Keine Regung.

Wieder zwang Bent sich zu Atemübungen. Einatmen. Ausatmen. Gurgelnd sprudelte die verbrauchte Luft aus seinen Lungen ins Wasser. Kaum noch konnte er die Nase von der Oberfläche fern halten.

Mit einem lauten Klatschen landete die fette Kröte im Wasser. Mit kräftigen Beinschlägen schwamm sie zu Bent, glotze ihn an und paddelte weiter. In Gedanken hörte Bent sie höhnisch lachen.

Die Schmerzwellen der Schulter verebbten allmählich und Bent wagte einen letzten, aussichtslosen Versuch sich aus der Eisenschiene zu befreien.

Der Zug auf die ausgeleierten Bänder war enorm. Bent ging an seine Grenzen und ein bewunderungswürdiges Stück darüber hinaus. Er probierte den Arm zu drehen, um aus einer anderen Position aus der Schraubzwinge zu gleiten. Vergeblich. Er rackerte sich ab, die Metallschiene zu verbiegen. Vergeblich. Ebenso wie das Unterfangen die Stahlstrebe auszuhebeln. Seine Kraft reichte nicht.

Ihm blieben nur noch wenige Minuten Zeit, bis das Wasser zu hoch stand und Bent Wasser atmen musste.

„Eva! Elli!“

Mutlos sah er sich um, in der Hoffnung einen Gegenstand zu entdecken, der ihm nützen könnte. Ein Messer oder eine Stange, die sich als Hebel einsetzen ließe. Nichts als ein paar verirrte Algen trieben im Innenraum der Consus.

Keine Reaktion von den Rücksitzen.

„Hier endet es also.“ dachte er. Eine kleine Träne suchte sich ihren Weg ins Meer.

Bent atmete ein letztes Mal tief ein, so wie er es bei den Apnoetauchgängen gelernt hatte. Vor seinem geistigen Auge durchlebte er Tauchgänge und Erlebnisse mit Meeresbewohnern, die er in all den Jahren unternommen hatte. Der weiße Hai, der nur wenige Meter neben ihm aus einem Schiffswrack glitt und ihn mit Missachtung strafte, der riesige Blaupunktrochen der knapp unter ihm schwebte, mit seiner ganz eigenen Arroganz. Viele Stunden hatte Bent im Meer verbracht und nun holte es ihn heim. Kurz fürchtete er den Moment, in dem das Wasser den Weg in seine Lunge finden würde und den verzweifelten Kampf um Sauerstoff, den er nicht gewinnen konnte.

Die Sekunden rasten und das Wasser schwappte über ihm zusammen. Das Salz brannte in seinen Augen. Algen verfingen sich glitschig an seinem Hals.

Resignierend zerrte er an seinem Arm.

In der absoluten Stille erfasste er dröhnend die letzten gleichmäßigen Kontraktionen seines eigenen Herzens. Der Sauerstoff wurde allmählich knapp und jede einzelne Zelle verlangte Nachschub. Am Rande des Gesichtsfeldes lauerte die Schwärze, begehrte nach mehr Platz und begann sich ins Zentrum zu schieben.

Plötzlich ging es ganz schnell. Sein Gewicht vom Wasser getragen, konnte er die Schulter leicht drehen und aus dieser Position befreite er sich mühelos von dem Stahlträger.

Sofort schoss er zur Wasseroberfläche, atmete ein, salzige Flüssigkeit durchflutete seine Lungen. Er hustete, er keuchte. Immer noch verlangte der Körper nach Luft. Bents Körper schüttelte es vor Krämpfen, sein Kopf war rot angelaufen.

Kleine Tropfen Kondenswasser lösten sich von der Decke und sickerten in die Konsole.

Mit dem gesunden Arm klammerte er sich an den Sitz, krächzte, japste, rotzte und endlich gelangte der Sauerstoff dorthin, wo er am dringendsten gebraucht wurde. Kräftig hob und senkte sich sein Brustkorb. Die Anspannung wollte nicht weichen.

Bent ballte die Faust, grinste dem Tod entgegen und murmelte „Nicht heute!“.

Der ausgekugelte Arm schwamm nutzlos im Wasser, dennoch gelangte das Gefühl in die Finger zurück. Die Blutversorgung war wieder hergestellt und ein kurzer Blick auf die Hand verriet ihm, dass das Gewebe nicht abstarb.

Bent gab sich ein paar Minuten Zeit zu Kräften zu kommen. Er schloss die Augen und genoss die ungehinderte Atmung.

Immer noch verharrten die Frauen regungslos in ihren Sitzen.

Bent kletterte auf die Rückenlehne und stieß Eva an. Keine Reaktion. Ihr Puls ging kräftig.

Er zerrte Ellis Kopf an den Haaren zurück, starrte sie. Bent ließ los und ihr Kinn prallte auf die Brust. Dann legte er seine Finger an die Halsschlagader. Extrasystolen trommelten zwischen den verlangsamten Herzschlägen.

Unvorbereitet wurde Bent aus dem sicheren Stand quer durch den Innenraum des Schiffes gewirbelt. Mit dem Kopf schlug er gegen die Funkanlage. Die Haut platze am Haaransatz auf. Blut quoll aus der Wunde. Bent hatte keine Zeit sich zu orientieren, schon prallte er gegen den Eisenträger, der ihn noch vor wenigen Minuten gefangen hielt. Hart kollidierte Beckenknochen mit Stahl. Die Schmerzen versprachen ein enormes Hämatom. Er schluckte Wasser.

Die Wände bebten, ein dröhnendes Glucksen erfüllte die Consus und die Wasseroberfläche glich einem Whirlpool aus der Hölle.

Jäh sackte das Raumschiff ein ganzes Stück tiefer in den Meeresgrund. Sprudelnd eroberte das Wasser neues Territorium.

Bent kämpfte sich zurück an die Oberfläche.

Kurz und entschlossen inspizierte er den Innenraum. Die Frauen befanden sich in der gleichen misslichen Lage wie er vor ein paar Minuten. Die Nasenspitze nur Zentimeter vom Wasser entfernt. Er schätzte, dass die Consus einen guten Meter abgesackt war und die Blase an Luft ein paar Stunden ausreichen würde um sie mit Sauerstoff zu versorgen.

Bent fror, seine Locken klebten nass am Kopf und immer wieder fanden Wassertropfen den Weg in den Raumanzug und rutschten die Wirbelsäule entlang. Der Ausgang befand sich im hinteren Teil des Raumschiffes, etwa sechs Meter über seinem Kopf, unerreichbar, selbst mit zwei gesunden Armen.

Er schüttelte den Kopf, wischte die unbezwingbaren Gedanken zur Seite.

Einen Schritt nach dem anderem, ermahnte er sich selbst und wandte sich den Frauen zu.

Salzwasser rann seine Kehle herab als er sich durch das Kabelgewirr hangelte.

„Eva“, schrie er sie an und suchte einen sicheren Halt auf der Lehne seines Copilotensitzes unter Wasser. Der lag zu tief und seine Füße trampelten ins Leere. Wasser strampelnd spritzte er ihr ein paar Tropfen ins Gesicht um ihr kurz danach unsanft die Wange zu tätscheln. In der Öffentlichkeit hätte er für diese Behandlung entsetzte Blicke geerntet, denn die Watsche war härter als beabsichtigt und der Verzweiflung geschuldet. Feuerrot zeichneten sich seine Finger auf Evas blasser Haut ab. Vorsichtig, fast um Entschuldigung bittend, strich er ihr eine nasse Strähne aus der Stirn.

Der Zweck heiligt die Mittel und der Erfolg gab ihm Recht, leicht zuckten die Augenlider.

„Eva“, flüsterte Bent kaum hörbar aus Panik ihre aufkeimenden Lebensgeister durch zu laute Geräusche zu vertreiben. Krampfhaft hing er an ihrem Sitz und wisperte immer wieder ihren Namen. Ihre Haut war so weiß. Nur das leichte Beben der Lider verriet ihm, dass Evas Herz noch pumpte. Kleine Wassertröpfchen hatten sich im Wimpernkranz verfangen. Sie hustete, noch einmal zuckten die Augenlider, dann öffnete sie sie ganz, orientierungslos, benommen.

„Eva!“, seine Stimme klang schrill und mit einem Mal war sie hellwach. Ihre Augen spiegelten den Schrecken der letzten Stunden wieder.

Bent rechnete mit einer Panikattacke, spannte die Muskulatur in der Annahme ihr seine Hand wieder ins Gesicht schlagen zu müssen.

Eva starrte paralysiert auf die Wasseroberfläche und rührte sich nicht. Bent ließ ihr ein paar Minuten Zeit und beobachtete besorgt Elli.

„Eva.“

Sie drehte leicht den Kopf, lächelte und öffnete ihren Gurt.

Eva plumpste ins Wasser und fast erwartete Bent ein erneutes Absacken der Consus. Nichts passierte.

Eva schwamm zu Bent, plötzlich hellwach. „Was ist passiert?“

„Ich habe euch prophezeit, dass es schwer wird mit der Landung. Wir sind abgestürzt. Irgendwann bin ich auch ohnmächtig geworden und im Wasser aufgewacht.“

„Dein Arm?“ Eva betastete seinen Oberarm.

Sofort erschauderte Bent unter einem scharfen Schmerz. „Ausgekugelt.“

„Ich werde sie dir reponieren.“ Eva sah Bent in die Augen auf der Suche nach einem stummen Einverständnis. Vergeblich.

„Jetzt?“ fragte er.

„Genau jetzt. Wenn wir hier rauskommen wollen, brauche ich dich“, antwortete sie und schob leise „funktionstüchtig“ hinzu.

Bent nickte. „Ok.“

„Versuche dich zu entspannen.“

„Soll das ein Witz sein.“

„Entspanne deine Muskeln, sonst tut es weh. Leg deine Hand auf den Bauch.“ Eva griff nach dem Ellbogen und ruckte den Arm ein bisschen nach links, ein bisschen nach rechts. Sofort rutschte der Oberarmkopf in die Gelenkpfanne.

Bent schrie, schluckte Wasser, hustete und tastete nach dem Arm. Es fühlte sich richtig an und der Schmerz verebbte, langsam. Vorsichtig bewegte er die verletzte Schulter.

„Besser. Danke.“

„Was ist mit Elli?“

„Sie lebt. Noch.“

Eva schwamm zu ihr und begann mit einer notdürftigen Untersuchung. „Atmung funktioniert. Puls flatterhaft“, informierte sie ihn. „Sie muss raus aus dem Wasser.“

„Das müssen wir alle.“

„Wo ist Josh?“

Bent schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

„Was machen wir jetzt?“

„Ich weiß es nicht.“ Bent brüllte und schlug mit der Hand auf das Wasser. „Ich weiß es nicht. Die Consus ist instabil. Sie rutscht tiefer in den Meeresboden, der Ausgang...“, er zeigte auf irgendeinen Punkt in der Dunkelheit „... ist unerreichbar. Vom Sauerstoff will ich gar nicht sprechen.“

Eva schwamm durch die Kabine und prüfte die Wand.

„Zu glatt.“ unterbrach Bent ihre Inspektion.

„Und wenn wir die Schränke als Leiter...?“

Bent schüttelte den Kopf. „Ich schaffe es mit meinem Arm nicht. Du hast zu kurze Beine, geschweige denn, dass wir Elli da hoch bekämen.“

In der Dunkelheit klappte eine Schranktür im Einklang der Wellen auf und zu.

„Du willst also abwarten?“ Sie prüfte die Kabel in der irrigen Annahme diese würden ihr Gewicht tragen.

Bent rappelte sich auf. „Wenn es oben nicht geht, müssen wir es unten versuchen.“

Fragend sah Eva ihn an.

„Die Frontscheibe. Sie war vorhin schon gesplittert. Vielleicht kann ich sie ausschlagen...“

„Du willst... Mit deinem Arm?“

Bent rappelte sich auf, holte tief Luft und tauchte ab. Das Salz brannte in seinen Augen. Trotzdem gab er seinen Reflexen nicht nach. Tiefe Schwärze umgab ihn. Nicht einmal die eigene Hand konnte er erkennen. Trotzdem hoffte er aus den wenigen Lichtimpulsen Umrisse zu erkennen.

Langsam tastete er sich vorwärts, erkannte den Stahlträger, der ihn so lange gequält hatte. Er schwamm einen kräftigen Zug nach vorne und erschrak heftig als er mit seinen Locken im Kabelsalat hängen blieb. Fahrig wischte er sie zur Seite.

Vorsichtig tastete er weiter und erkannte den groben Stoff seines Sitzes. Erleichtert, einen Orientierungspunkt gefunden zu haben, schob er sich vorwärts und atmete eine Blase Kohlendioxid ab. Noch hatte er Zeit und kein Verlangen einzuatmen. Weiter tastete er sich nach vorne, in der Erwartung bald die Schaltkonsole unter den Fingern zu spüren und knapp dahinter die Scheibe.

Wie die Tentakel einer Qualle glitten seine Finger durch das Wasser.

Entsetzt schrie Bent auf. Kleine Bläschen waberten über seine Lippen und suchten sprudelnd den Weg an die Oberfläche. Er schluckte Wasser und zwang sich den Blasen nicht zu folgen. Sein Herz hämmerte, einem wahnsinnigen Rhythmus folgend.

Da, wo der Steuerknüppel hätte sein sollen, fühlte er Sand, Kies, Steine. Hektisch taste er den Meeresboden ab. In Bents Hals steckte ein Kloß und die Zunge klebte am Gaumen, als hätte sich die Körperflüssigkeit schon jetzt mit dem Meer vereinigt. Seine Beine kribbelten. Die Nase der Consus und damit der Notausgang, ihre einzige Hoffnung, befand sich irgendwo unter dem Sand.

Resignierend ließ er vom Boden ab, traute sich aber nicht, sich vom Boden abzustoßen, um an die Oberfläche zu gelangen. Vorsichtig tastete er sich den Weg zurück und war erleichtert, als der Sauerstoff seine Lunge durchströmte.

Es bedurfte nicht vieler Worte und Eva erkannte an seinem Gesichtsausdruck, dass die Frontscheibe keine Option war. Schwer hing die Stille in der Luft, nur unterbrochen vom Klatschen der Wellen und Bents keuchendem Atem.

Wie aus dem Nichts erzitterten die Wände, zerbarst Eisen wie Porzellan.

Eva schrie, laut, durchdringend.

Metall rieb sich an Metall. Das quietschende Geräusch schmerzte in ihren Ohren. Wasser gurgelte, Schaumkronen bildeten sich, flossen ineinander, wirbelten in irren Pirouetten durch den Innenraum und wurden wieder auseinandergerissen.

Mit aller Kraft des gesunden Armes klammerte er sich an den Sitz.

Bent, der im Wasser strampelte, wurde völlig überrascht und wirbelte durch den Innenraum. Verzweifelt packte er einen Kabelbaum und versuchte Stabilität zu gewinnen. Mit seinem Gewicht überfordert, riss der Kabelsalat aus der Verankerung und viele einzelne Drähte ragten tief ins Wasser.

Das Meer zerrte an dem Raumschiff.

Japsend kämpfte sich Bent zurück an die Oberfläche.

Es knallte, es ruckte, die Consus zitterte wie ein Kind nach einem Alptraum. Nur Sekunden später wirbelte er durch die Luft und prallte gegen Eva, die laut aufjaulend, um ihre Besinnung kämpfte.

Jäh sauste ein Erlenmeyerkolben knapp an Bents Schläfe vorbei ins Wasser. Pinzetten, Spatel, Labormesser, Pipetten folgten.

Schützend legte Bent seinen Arm um den Kopf und verlor sofort den Halt.

Dann sackte die Consus ab. Das Wasser schien zu kochen.

Bent und Eva verloren den Halt und wurden nach oben gespült.

So schnell es begonnen hatte, so schnell war es auch wieder vorbei.

„Elli!“, schrie Eva hysterisch und auch Bent erkannte in welchem Schlamassel Elli steckte. Sofort tauchte er ab.

Knapp zwei Meter unter ihm schwebte Elli in ihren Gurten, festgehalten in ihrem Sitz. Ihre Haare umwoben ihren Schädel wie Schlangen die Medusa.

Ein kräftiger Zug und Bent hatte Elli erreicht und drückte den Knopf des Gurtes. Er klemmte seinen Arm unter ihre Schultern und zerrte sie nach oben. Sofort entglitt sie ihm, gefangen von den Sicherheitsgurten. Überrascht tauchte er zurück und drückte an dem Knopf, zerrte an den Gurten.

Wie lange? Wie lange war sie unter Wasser?

Eva erschien und presste ihre Lippen auf Ellis, blies ihr Luft in die Wangen.

Glockenhell hörte Bent Ellis Lachen und erinnerte sich an das kleine Grübchen auf der linken Wange, das nur dann zum Vorschein kam. Dann blitzte auch der Narr in ihren blauen Augen.

Verzweifelt zerrte Bent an den Gurten, die sich scheinbar noch fester zu zerrten, außer sich vor Wut. Mit dem Ellenbogen streifte er eine Stahlstrebe, riss sich die Haut auf und der Glaskolben der dort steckengeblieben war, segelte in ruhigen Umdrehungen dem Meeresboden entgegen.

Bent hielt inne. Ein winziger Hoffnungsschimmer blitzte auf.

Bent tauchte an die Oberfläche, holte nochmal tief Luft, in der festen Absicht, das nächste Mal mit Elli nach oben zu stoßen.

Hektisch tastete er sich durch das biologische Arbeitsmaterial im Sand. Den Glaskolben, die Petrischale und Plastikbrettchen warf er zur Seite. Der aufgewirbelte Sand und das Salz in seinen Augen beeinträchtigte die Sicht und es ging ihm nicht schnell genug. Gereizt schleuderte er einen Gummischlauch über die Schulter. Unter Wasser funktionierten seine Bewegungen nur in Zeitlupe. Endlich packte er Metall. Bent hob es hoch und erkannte den kleinen Biolöffel, der aussah wie ein Eisportionierer in Miniaturausgabe. Direkt schmiss er ihn beiseite und nicht weit davon fand er, was er suchte, einen Spatel und eine langgezogene Pinzette.

Augenblicklich stieß er sich vom Grund ab, ungeachtet der Gefahr von hervorstehenden Streben und Stahlschienen.

Eva war wieder auf dem Weg an die Oberfläche, eine neue Ladung Sauerstoff einsaugen. Bent war ihr dankbar. Dankbar, dass sie nicht aufgab, die Situation nicht als unlösbar einschätzte.

Unmittelbar versuchte er mit der Pinzette den Schlitz der Schraube zu fassen. Die Pinzette war zu dick und passte nicht annähernd. Sofort versuchte er es mit dem Spatel, während die Pinzette wieder auf dem Grund landete. Der Spatel passte und vorsichtig versuchte er die erste Schraube zu lösen. Sie saß fest. Eher würde sich der Spatel verbiegen, als dass sich die Schraube lockerte. Er verkürzte die Hebelwirkung und stabilisierte die Spatelfläche mit dem Daumen. Erlöst stellte Bent fest, dass es funktionierte. Schrittweise begann sich die Schraube zu drehen und vorsichtig bewegte Bent den Spatel weiter. Bald war die Schraube so locker, dass seine Finger den Kopf zu fassen bekamen und er die letzten Windungen schnell löste.

Bent prüfte den Gurt. Die gelöste Schraube gab ihm mehr Spiel, aber nicht genug, um Elli aus der Umklammerung zu befreien.

Noch eine, dann wäre sie frei. Eva lächelte ihm aufmunternd zu.

Bents Hände zitterten und er wusste nicht, ob es an der Panik lag zu versagen oder dem Sauerstoffmangel. Aber er gestattete sich nicht zu atmen, denn es könnten die entscheidenden Sekunden sein, die für Elli Leben oder Tod bedeuten konnten. Noch konnte er seinen Lungen versagen zu atmen.

Bent stieß den Spatel in die Schraube, rutschte ab und versuchte es erneut. Die Schraube saß fester, hatte sich irgendwie mit dem Gewinde verschmolzen und bewegte sich nicht einen Millimeter.

Mit all seiner Verzweiflung und seinem Gewicht zog er an dem Spatel. Seine eingerenkte Schulter schmerzte. Niedergeschlagen zog er an dem Spatel, bis das Metall nachgab und sich zu einem L verbog. Angestrengt versuchte Bent das Instrument in die Ausgangsposition zurück zu biegen und brach den Spatel in zwei Teile.

Schlagartig berührte Bent etwas an der Schulter. Die Augen weit aufgerissen, krampfte sich sein Herz zusammen, viel zu vertieft in die vor ihm liegende Aufgabe.

Eva reichte ihm ein Instrument, eine Alternative. Direkt griff die Klinge des Skalpells in die Schraube. Behutsam drehte er das Werkzeug, gepeinigt von dem Gedanken, welche Folgen es haben könnte, wenn er wieder versagte.

Ellis Lippen hatten sich blau verfärbt und zeugten vom akuten Sauerstoffmangel.

Bents Finger fühlten sich schwerfällig an, taub. Er war kaum in der Lage, das Skalpell richtig zu greifen.

Da drängte sich Eva zwischen sie, nahm ihm das Instrument aus der Hand und begann mit der Klinge die Gurte zu bearbeiten.

Bent schlug sich mit der Hand vor die Stirn und beschimpfte seine eigene Blödheit. Seine Lunge schrie nach Luft. Er schoss an die Oberfläche, gestattete sich zwei tiefe Atemzüge und tauchte wieder ab. Evas Kampf war verbissen und Bent löste sie ab.

Hartnäckig jagte er die Klinge durch die Nylonfäden.

Abrupt war Elli frei und Bent bugsierte den Körper an die Oberfläche. Schwer lag sie in seinen Armen. Irgendwie schafften sie es, Elli auf das Seitenbrett eines Schrankes zu schieben, dass ihnen als Liege dienen musste. Während Eva sofort begann, ihre Körperfunktionen zu begutachten, traute sich Bent, Kraft zu schöpfen. Er konzentrierte sich auf die Atmung und massierte seine malträtierte Schulter.

„Soweit ich das hier beurteilen kann, scheint sie in Ordnung.“

Bent lächelte. „Es kommt noch besser.“

Schief sah Eva ihn an.

Er deute ins Dunkel. „Manchmal lösen sich Probleme von alleine.“

„Rede doch nicht in Rätseln.“

„Nicht wir müssen zur Tür, durch das Absacken kam der Ausgang zu uns.“

Eva drehte sich um ihre eigene Achse, bemüht, Elli nicht von dem Brett rutschen zu lassen. Da war die Tür, einen knappen Meter über der Wasseroberfläche, in erreichbarer Nähe.

Mit einem kräftigen Zug schwamm Bent auf die gegenüberliegende Seite. Die Elektronik würde nicht funktionieren und die Taste war irgendwo unter dem Sand, aber die Ingenieure hatten eine Notfallfunktion vorgesehen. Mit seinem ganzem Gewicht hängte sich Bent an den Hebel und stieß sich mit aller Kraft von der Wand ab, die schmerzende Schulter ignorierend.

Quietschend, aber mit Leichtigkeit sprang die Tür nach außen auf. Frische Luft strömte ins Innere. Bent lachte erleichtert auf.

Dicke Wolken hatten sich vor den Mond geschoben und alles Licht geschluckt.

Bent krallte sich an den kurzen Flügel. Wellen klatschten an das Metall des Schiffes und zerrten an seinem Körper. In der Nähe hörte er Eva unter der Belastung schwer schnaufen. Sie versuchte Elli auf den Träger zu schieben und den Kopf über Wasser zu halten.

Bent sah sich um und hatte keine Ahnung, in welcher Richtung die Küste lag.

Kapitel 2

Josh spürte den dringlichen Wunsch nach Wasser, das kühl die Kehle hinabrann. Sand knirschte zwischen seinen Zähnen. Die Brandung klatschte rhythmisch gegen seine Waden und der nasse Raumanzug klebte schwer auf seinem Körper. Gänsehaut überzog seinen Körper und er fröstelte. Mehr schlafend als wach schlug Josh endlich die Lider auf, gequält von dem Wunsch sich in sein behagliches Bett zu kuscheln und die bleierne Müdigkeit von der Belastung der letzten Tage auszukurieren, getrieben von der Kälte des dämmernden Morgens. Er glaubte jeden einzelnen Knochen zu spüren, selbst der kleine Amboss im Mittelohr machte seinem Namen alle Ehre. Ein fiktiver Schmid hämmerte sein Eisen und verpasste ihm gewaltige Kopfschmerzen.

Josh zuckte zusammen, als er den Kopf drehte und fasste sich an die Stirn.

'Diese Stille!', wunderte er sich.

Er tastete seinen Körper ab. Viele blaue Flecke, Prellungen, Schürfwunden, aber keine gebrochenen Knochen.

„So fühlt man sich also, wenn man von einer Dampfwalze überrollt wird“, sprach er mit sich selbst.Erleichtert über seine selbst gestellte Diagnose atmete er auf.

Langsam verabschiedete sich das Dunkel der Nacht und mit ihr der Mond, der wie ein weit entfernter Freund verblassend über ihnen thronte. Nebelschwaden waberten am Ufer entlang und schoben sich über das Wasser.

Die Bucht, in der er saß, war nicht besonders groß. Hohe Felsen säumten sie und die Wassermarke der Flut zeigte ihm, dass er nicht allzu lang hier verweilen durfte. Unweit des Strandes, auf der Felsklippe, begann ein dicht gewachsener Wald.

Immer weiter verdrängten die Sonnenstrahlen die Schatten und die Konturen der Umgebung wurden schärfer. In weiter Entfernung hörte er das Zwitschern von Vögeln.

Allmählich gewann er seine Sinne zurück, die Schmerzen blieben jedoch, und geballt kehrte schließlich auch die Erinnerung zurück.

'Wo sind die Anderen?' Erschrocken sah Josh sich um. Er war allein. Keine Elli, kein Bent, keine Eva, keine rauchenden Überreste ihres Raumschiffes.

Vage erinnerte er sich wie er mit dem Kopf gegen die Scheibe geknallt war, als Bent ein Manöver flog, um ihr Tempo zu drosseln. An der Stelle, an der seine Stirn das Glas berührt hatte, war nicht nur Blut zurückgeblieben, sondern auch feine, spinnennetzartige Risse. Bent hatte ihn angebrüllt, Eva geschrien.

Erst wurden seine Arme und Beine ganz schwer, so als würden sie nicht mehr von ihm gelenkt. Sein Kopf war wie in Watte getaucht und er konnte die anderen nicht mehr verstehen. Ein letzter Gedankenblitz drang durch: Das wars! Die Erkenntnis erfüllte seinen Geist und traf ihn wie ein Knüppel. Dann war alles schwarz. Jemand hatte das Licht ausgeknipst.

Qualvoll rappelte sich Josh auf und klopfte den Sand vom Raumanzug. Er streckte sich, dehnte sich und je mehr sich die Muskulatur an die Bewegung gewöhnte, umso weniger schmerzte es.

Die Brandung klatschte hoch an die Küste, um sich mit röhrendem Getöse und schäumender Gischt nur Sekunden später auf einen erneuten Angriff auf die Klippen vorzubereiten.

Unschlüssig starrte Josh auf den Horizont und wägte die Optionen ab. Er musste die anderen suchen und ließ sich keine andere als die Möglichkeit offen, sie nicht im lebenden Zustand zu finden. Mit einem Blick auf das Wasser, welches sich einen Weg durch die scharfkantigen Klippen suchte, schloss Josh den Versuch, durch Schwimmen von der Bucht zu entkommen, aus. Er drehte dem Meer den Rücken zu und untersuchte das Riff. Sechs, sieben Meter musste er überwinden.

Er inspizierte die Felsen. Es war einerlei, wo er seinen Versuch startete, die stark zerklüfteten Klippen zu erklimmen. Der eine Weg würde ihm so unmöglich erscheinen wie der andere. Doch er hatte keine Wahl.

„Das wird ja ein Kinderspiel“, wandte er sich ironisch, mangels Gesprächspartner, erneut an sich selbst.

Josh ließ die Finger knacken, mit einem großen Ausfallschritt dehnte er die Oberschenkelmuskulatur erst links, dann rechts, wippte auf den Zehenspitzen wie ein Hochspringer kurz vor dem Anlauf und zögerte den Moment hinaus, an dem sich seine Finger in den rauen Felsen klammern mussten.

Bilder tauchten auf, Bilder von seinem Körper, der mit grotesk verdrehter Wirbelsäule zwischen den Klippen lag. Blut lief aus dem Mundwinkel ins Wasser, welches versuchte, ihn an den Haaren in den offenen Ozean zu ziehen.

Die Sonnenstrahlen durchbrachen den Nebel.

Er wischte die Gedanken beiseite und stellte den Fuß in eine natürliche Mulde. Mit der rechten Hand griff er in eine Senke, um sich abzusichern, und zuckte sofort wieder angewidert zurück, als er lauwarmes Wasser und glitschige Algen fühlte. Angeekelt verzog er die Mundwinkel.

Eine Möwe kreiste um die Bucht, bereit den Tag mit ein wenig Fisch zu beginnen.

Mit dem Fuß in der Mulde und der Hand in der Senke stieß er sich ab. Die ersten drei Meter hatte er zügig überwunden, immer mit dem unausgesprochenen Befehl, an sich selbst, nicht nach unten zu sehen. Josh verharrte, um einen griffigen Stein zu finden, an dem er sich wieder positionieren konnte. Der nächste erschien ihm zu scharfkantig, deshalb streckte er sich, bis die Oberschenkel zum Zerreißen gespannt waren. Wieder drückte er sich ab und suchte mit dem Fuß nach einer Möglichkeit sich abzustützen. Schweiß lief ihm über die Schläfen, den Hals herab und über den Rücken. Der Wind, der unablässig vom Meer zur Küste wehte, zerrte an seinen Haaren und ließ ihn trotz der Anstrengung frösteln. Josh zog das andere Bein nach und klammerte sich an die Felsen.

Joshs Gedanken versumpften zwischen den Hirnsynapsen. Er stellte in Frage, ob sein Wunsch nach Abenteuer und Abwechslung das Richtige gewesen war, ob ein einfacherer Weg nicht der Bessere gewesen wäre. Hätte, könnte, wäre... wem nützte es, einmal getroffene Entscheidungen zu hinterfragen. Wahrscheinlich schoben sich bald rote Buchstaben in sein Gesichtsfeld und bescheinigten ihm: game over, so wie es noch vor ein paar Wochen auf seiner Playstation der Fall gewesen war. Ein paar Wochen... es kam ihm so weit weg vor, in einem anderen Leben, in einer anderen Wirklichkeit.

Josh krallte seine Hände so fest in die kalten Steine, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Sein Atem ging stoßweise und jeder Herzschlag rauschte in seinen Ohren. Unglaublich, aber er hatte den Berg, der ihm unvorstellbar erscheinende Mount Everest erklommen, fast. Nur noch wenige Züge und er hatte es geschafft. Josh gönnte sich eine kleine Pause.

Plötzlich schob sich etwas an den Rand seines Blickfeldes und zog seine Konzentration auf sich.

Erleichtert wollte er sich vom Felsen lösen. Winken, um Hilfe rufen, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und erschrak noch bevor er die verkrampften Finger lockerte.

Seine Beine gehorchten nicht mehr den Anweisungen, er war unfähig sie anzuwinkeln und mit dem Fuß nach einer neuen Trittmöglichkeit zu suchen. Sie gehörten einem fremden Körper, der sich entschlossen hatte zu verharren, abzuwarten.

Gefährlich nah an der Küste bahnte sich ein Frachter seinen Weg durch das Wasser.

Längst hatte er seine Ladung verloren. Moose, Farne und Pilze überwucherten das schwimmende Biotop und nur an wenigen Stellen ließ sich der Lack der Schiffshaut erahnen. Er war zerfressen von Rost. Im Bug hatten die Ablagerungen ein großes Loch gefressen, so dass Josh dicke Rohre, schwere Schrauben und Leitungen erkannte. Den nächsten Sturm würde der Pott nicht überstehen.

Auf dem Deck, unweit der Brücke, hatte ein Kapokbaum sein zuhause gefunden. Die Wurzeln und dicke Äste wuchsen an der Reling entlang. Es schien, als würden sie nach Wasser lechzen, und sprießten der Meeresoberfläche entgegen. Sobald sie ein Stück Erde erhaschten, würden die Wurzeln sich festkrallen wie ein Anker und das Schiff hätte dann, nach langer Irrfahrt endlich einen Hafen erreicht. Möwen hatten sich in den Ästen ihre Nester gebaut. Ein besonders dickes Exemplar warf ihren Kopf in den Nacken und kreischte laut dem Himmel entgegen. Mit kräftigen Flügelschlägen hob sie ab und stürzte sich ins Wasser. Nur Bruchteile von Sekunden später kam sie wieder hervor mit einer Makrele im Schnabel und flog zurück zu ihrem Nest, in dem ihre Jungen sie lauthals begrüßten, kaum zu unterscheiden von dem restlichen Geschrei des Vogelchors.

Josh konnte seinen Blick nicht abwenden.

Efeu wuchs aus einem zerstörten Bullauge die Schiffswand entlang über die Reling, verquillt mit einer Wurzel des Baumes, wucherte weiter eine Wand entlang bis zu einem Schornstein, der in der Mitte gebrochen war.

Ein Ozeanriese, der keiner mehr war, der einem schwimmenden Garten ähnelte, einer fahrenden Insel.

Plötzlich begann der Vorhang aus grünen Blättern zu erzittern und mitten im Dickicht flog quietschend eine Tür auf, zerriss die dünnen Ästchen.

Josh atmete krampfhaft und kämpfte mit der Luft, obwohl beständig Adrenalin durch seine Gefäße pumpte. Er schloss die Augen und bemühte sich ruhiger zu atmen, krallte sich weiter in die Felsen, unfähig auch nur einen Schritt weiter nach oben zu klettern. Die Kanten schnitten sich in die Handballen, aber er spürte es kaum. Getrieben von Neugier und Entsetzen beobachtete er die Fahrt des zum Untergang verdammten Frachters, wie der Zeuge eines Unfalls, der nicht wegschauen konnte.

Zwei große Pranken gelangten auf das Oberdeck, eingehüllt in dunkelbraunen, zotteligen Pelz, bestückt mit scharfen Krallen. Bedächtig schob sich der Rest des massigen Körpers nach. Deutlich zeichneten sich die einzelnen ausgeprägten Muskeln ab. Aus der langgezogenen Schnauze bleckten gigantische scharfe Zähne in drei Reihen. Blut und Speichel tropfte, auf das Deck. Arrogant inspizierte die Kreatur den Frachter, stolzierte ein paar Schritte, hob das Bein und markierte den Stamm des Baumes. Das Tier schnüffelte am Boden, hielt sich etwas länger an der Leiter zur Brücke auf und streckte die Nase jaulend in die Luft.

Erschrocken wich Josh den Blicken aus und rutschte mit den Füßen ab. Unsanft prallte er mit dem Becken gegen die scharfkantigen Steine und konnte ein schmerzhaftes Aufstöhnen nicht unterdrücken. Panisch bemühte sich Josh, mit den Zehenspitzen einen Tritt zu erspüren, rutschte aber immer wieder ab. Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn. Lange konnten seine Finger und die selten benutzte Oberarmmuskulatur sein Gewicht nicht mehr halten. In seiner Brust rasselte es. Er schaffte es nicht länger, sich an die Zacke zu klammern, und rutschte ab, schlitterte über die rauen Felsen, schlug mit dem Kinn auf einen Felsvorsprung. Schmerzhaft biss er sich auf die Zunge.

Ein kehliges Knurren dröhnte vom Meer herüber. Erst leise und dunkel, dann wurde es immer lauter.

Über Josh klickte es. Klick, klick, klick, klick.

Josh schloss die Augen, presste die Lider fest aufeinander. „Es ist ein Alptraum. Ganz einfach. Gleich summt der Wecker“, flüsterte er.

Klick, klick.

Kein Wecker klingelte. Josh zitterte. Er presste sich an den Felsen, ganz so, als wollte er mit den Steinen verschmelzen.

Klick, klick, klick, klick.

Die Hüfte schmerzte sehr realistisch und das Blut schmeckte echt. „Okay. Kaptain Kirk sieht jeder Gefahr ins Auge.“ Josh blinzelte nach oben. Die aufgehende Sonne blendete ihn und er erkannte nur Umrisse und Schatten.

Ein durchdringendes Brüllen antwortete dem Ungeheuer auf dem Deck des Tankers. Es klang nicht freundlich und es war nah.

Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Sonnenlicht und den Umrissen wichen klare Strukturen.

Wenige Meter über ihm lauerte eines dieser Monster. Ungeduldig klickten die Krallen auf den Steinen. Es geiferte und rannte ungeduldig, wie ein Löwe im Käfig, auf und ab, begleitet von tiefen, kehligen Lauten. Keine Sekunde ließ es den Artgenossen auf dem Tanker aus den Augen.

Josh schlitterte weiter die Klippen herab. Immer wieder langte er nach den zerklüfteten Steinen und bekam keinen zu packen. Wie Schmirgelpapier rieb der Berg an seiner Haut. In Zeitlupe rutschte er den scharfkantigen Klippen entgegen. Mit der Hüfte blieb er in einer Spalte hängen. Blut füllte seinen Mund und rann über die Lippen, vermischte sich mit dem Salz des Ozeans.

Vorsichtig beobachtete er das Ungeheuer, welches er keiner Tierart zuordnen konnte. Immer noch wanderte es hektisch hin und her.

Josh konnte sich nicht zwischen Panik und Angststarre entscheiden. Bis jetzt hatte das Tier ihn noch nicht bemerkt.

Behutsam bewegte Josh seine Gelenke, stöhnte. Er atmete aus, begleitet von einem Pfeifen. Das Einatmen funktionierte, aber das Ausatmen fiel ihm schwer, begleitet vom einem stetigen Zischen tief aus den Bronchien. Josh erkannte die Anzeichen eines Asthmaanfalls und griff in die Brusttasche zu seinem Inhalator. Zwei tiefe Züge und die Atemnot war vorbei. Erschrocken hielt er in der Bewegung inne, durchsuchte die Tasche, leer. Das erlösende Medikament befand sich immer in dieser Tasche.

Seine Lunge rasselte. Hektisch durchsuchte er die Taschen. Nichts, sie waren alle leer.

Sein Herz hämmerte gegen die Rippen, immer schwerer fiel es Josh, die Luft wieder auszuatmen. Er legte die linke Hand auf die Oberschenkel und lehnte seinen Oberkörper nach vorne, soweit es der Felsen zuließ, um mit seinem Körpergewicht die Lungen zu erleichtern, die aufgenommene Luft wieder abzulassen. Josh presste die Lippen zusammen und so langsam wie möglich blies er die Luft gegen den Druck. So hatte er es als Kind gelernt, wenn er wieder den Inhalator vergessen hatte und auf den Notarzt warten musste. Heute würde kein Notarzt kommen. Entweder er rettete sich selbst oder er würde hier, eingeklemmt zwischen den Felsen, sterben. Sein Herz raste und sein Kopf arbeitete gegen die Panik und die Todesangst an. Immer wieder atmete er bewusst gegen den Druck und ganz langsam löste sich die Verkrampfung und er konnte besser atmen. Eine Woge der Erleichterung durchflutete ihn.

Ein Blick nach unten verriet ihm, dass der Wasserpegel stieg. Das Wasser drängte weiter in die Bucht.

Irgendetwas zwitscherte laut, trillerte. Das Tier brüllte.

Josh erkannte, dass es nicht mehr auf und ab lief.

Er atmete tief durch und seine Lunge entspannte sich. Der Weg nach unten war versperrt, es blieb nur noch der Weg nach oben. Josh suchte sich einen Weg durch die Felsen, möglichst ohne viel Kraftaufwand, denn er lief schon auf Reserve.

Oben angekommen würde er sich dem Tier stellen müssen. Messerscharfe Zähne gegen seine bloßen Hände. Er rechnete sich wenig Chancen aus. „Eine Aufgabe nach der anderen“, sprach er sich selber Mut zu und versuchte seinen eingeklemmten Fuß zu befreien. Josh fand die Mulde wieder, die ihm schon vor wenigen Momenten, aber einer gefühlten Ewigkeit, Halt gegeben hatte. Mit Bedacht und auf seine Atmung achtend, um nicht einen erneuten Asthmaanfall auszulösen, schob er seinen Körper vorwärts.

Ein in den Ohren schmerzendes Pfeifen, dann ein tiefes Grollen und Knurren. Krallen klickerten über die Steine und erschienen über dem Abgrund.

Josh presste sich an die Felswand, versuchte mit ihr zu verschmelzen, in der Hoffnung unentdeckt zu bleiben.

Auf den Klippen jaulte das Tier laut auf, schmerzgepeinigt, wie ein geprügelter Hund.

Josh hatte die Ausmaße des Tieres gesehen und er mochte sich gar nicht vorstellen, welche Kräfte der Angreifer besitzen musste, um solch einem Monster Schmerzen zu bereiten. Noch schlimmer, was würde es mit einem Menschen wie ihm anstellen?

Auf dem Kampfplatz zwitscherte es laut, so laut, als würde Josh sich in einer übervollen Vogelhalle befinden. Die Lautstärke schmerzte Josh in den Ohren, doch er wagte es nicht, auch nur eine Hand von den Steinen zu lösen.

Speichel tropfte von den Lefzen in den Abgrund. Etwas traf es in der Seite und hob es von den Füßen, so dass es dumpf auf den Boden prallte. Der Schlag war so hart, dass Josh hörte, wie beim Aufprall die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Knochen brachen. Der Schwanz mit dem dornigen Ende hing herunter, so dass Josh fast danach greifen konnte.

Doch dann rappelte sich das Tier wieder auf und brüllte laut.

Josh zitterte, versuchte sich zu beruhigen und klammerte sich noch fester an die Felsen.

Pfoten rutschten über die sandige Oberfläche.

Es zwitscherte.

Plötzlich fiel das zottelige Tier an ihm vorbei in die Tiefe. Es knirschte laut, als es auf den Klippen aufschlug.

Josh verharrte irritiert.

Es hatte eindeutig das Rückgrat gebrochen. Spitze, weiße Knochen ragten zwischen dem Fell hervor. Beine lagen verdreht und es röchelte. Blut sickerte aus einer tiefen Wunde am Hals.

Joshs Magen verkrampfte, denn er hatte Angst vor dem, was ihn auf den Klippen erwartete.

Sorgsam wählte er die Tritte aus, die ihm Halt gaben. Es dauerte nicht lange, da hatte er den Rand erreicht. Vorsichtig spähte er über die Kante, duckte sich sofort wieder. Er musste erst ein wenig Mut sammeln, bevor er einen neuen Blick riskierte.

Eine große Wiese erstreckte sich bis zum Waldrand. Viele kleine, blaue Libellen surrten über den roten und gelben Wildblumen. Die platt getretenen Gräser zeugten von dem Kampf. Aber weit und breit erkannte er keine Gefahr. Vorsichtig und so leise wie möglich schwang er seinen Hintern über die Kante. In der Hocke sondierte er immer noch die Lage, konnte aber keine Bedrohung erkennen. Was auch immer das Untier aus der Hölle den Abhang hinuntergestoßen hatte, war verschwunden. Erleichtert atmete er auf und es dauerte eine kleine Weile, bis er sich beruhigt hatte. Er sammelte seine Kräfte und den Mut, den er brauchte, um sich weiter zu bewegen.

Die Aussicht war fantastisch. Bis zum Horizont war kein Land zu erkennen. Die Brandung schlug an den Klippen. Buckelwale brachen aus dem Wasser und zeigten ihre imposanten Rücken. In jedem Urlaub hätte er die Aussicht geschätzt und mit dem Fotoapparat aus jedem Winkel abgelichtet, eine Erinnerung konserviert. Heute gönnte er sich nur einen kurzen Blick.

„Hallo!“, rief Josh laut in den Wald, lauschte angestrengt und hoffte auf keine Reaktion. Im gleichen Moment fragte er sich, wie sinnvoll es war, mögliche Angreifer auf sich aufmerksam zu machen. Auf der anderen Seite benötigte er dringend Hilfe.

„Mein Name ist Josh Fischfuß, Kommandant des Raumschiffs Consus. Ich stamme aus diesem Sternensystem“, brüllte er in den Wald. „Auch wenn ich es anhand der Umstände ...“, er schielte auf das Tier, welches am Strand mit dem Tod rang, „ … kaum glauben kann“, murmelte er. „Unsere Absichten sind friedlich“, setzte er wieder laut hinzu. Josh grinste. „Außerdem wollte ich das immer schon mal sagen.“ Nichts als Stille antwortete ihm und das erleichterte ihn irgendwie.

„Ich bleibe auf jeden Fall an den Klippen. Hier ist es sicherer als im Wald“, führte Josh sein Selbstgespräch weiter und traute sich kaum einen Schritt näher an das Dickicht.

Die Bäume standen eng zusammen, die Stämme dick gewachsen, und Josh konnte kaum hinter die ersten Reihen schauen. An den Ästen hingen gigantische Pflanzenranken, die dem laubbedeckten Boden entgegentrieben, schlängelten sich in den Zweigen und raubten symbiotisch die Nährstoffe. Dicke, schwere Tropfen rannen an ihnen herab. Überall zwischen den Bäumen lagen Monolithen, überzogen von einer üppigen Moosschicht, verteilt wie die Puzzleteile eines durcheinander geratenen Spiels.

Es blieb die Hoffnung, das Raumschiff und seine Freunde zu finden, und wenn nicht sie, so doch Hilfe, denn irgendwo an der Küste musste ja die Zivilisation zu finden sein. Erst ging er drei Schritte nach rechts, stoppte und überlegte. Dann ging er, ohne besonderen Grund, in die andere Richtung.

Mit der linken, flachen Hand schlug sich Josh auf die rechte Brust. „Josh an Consus, bitte kommen.“ Er wartete kurz, als ob ihm jemand antworten würde, und zuckte kurz mit den Schultern, als es keiner tat, weil ein Kommunikator nur in Fernsehserien existierte. Doch er versteckte sich hinter Floskeln und Gesten, denn er kannte sie, waren ihm vertraut und gaben ihm Sicherheit, als wäre alles ein unglaublich gutes Spiel.

Warum habe ich mich nur auf diese Mission eingelassen? Wäre es nicht schlauer gewesen, mit dem Hintern zu Hause zu bleiben? Er war einer der ersten Zeitreisenden auf diesem Planeten und war mit großer Wahrscheinlichkeit einer globalen Katastrophe entgangen. Doch zu welchem Preis?

Die Sonne stieg höher. Raue Felsen, wilde Wiesen und dicke Bäume wechselten sich monoton ab. Die Sonne brannte, der Raumanzug klebte an seiner Haut und auf seiner Stirn und Nase hatte sich in kürzester Zeit ein Sonnenbrand gebildet, was auf Grund seiner Hautfarbe nicht wirklich eine Überraschung war. Der salzige Schweiß verstärkte das Brennen nur noch.

„Was für eine Scheiße!“ Langsam purzelten die Erinnerungen zurück in sein Bewusstsein. Nur Sekunden hatte Josh die Gelegenheit gehabt, aus dem Fenster zu sehen, und doch hatte sich das Bild eingeprägt.

Die Sonne, der Mond und die Sterne schienen noch näher als die winzige Erde. Doch sie stürzten weiter auf die Heimat zu. Schon wenig später waren Farbflecke zu erkennen, die wie in einem riesigen Van Gogh Bild ineinanderflossen, zerrissen von Flüssen und Seen, bis das Meer die Landgrenzen markierte. Immer deutlicher zeichneten sich die Konturen Italiens ab, die Balearen, Gibraltar und die Finger Chalkidikis. Erst jetzt fiel ihm auf, was ihn die ganze Zeit irritiert hatte. Die Lichter. Zu seiner Zeit hatte die Erde geleuchtet, selbst aus großer Höhe waren ganze Straßenzüge zu erkennen gewesen. Josh Herzschlag beschleunigte sich, als er begriff, welch weitreichende Konsequenzen das Fehlen von Elektrizität haben würde. Die Erde war zurückgepurzelt in die Steinzeit. Er spürte, wie sich seine Lunge verkrampfte, und wischte die Ideen beiseite, weil es nicht sein durfte, nicht sein konnte, weil jeder weitere Gedanke einen neuen Asthmaanfall auslösen könnte.

Das Raumschiff war viel zu schnell gewesen, der Stahl hatte geknirscht, der Eintrittswinkel hatte nicht gestimmt. Und dann diese Hitze. Trotz aller Schwierigkeiten hatte Bent es irgendwie geschafft, sie auf Kurs zu halten. Dann hatte Josh das Bewusstsein verloren. Aber was auch immer den anderen passiert war, er hatte überlebt und er hoffte, dass er das Team finden würde, denn er fürchtete nichts mehr, als alleine durch diese Ödnis zu streifen. So sehr er sich dagegen sträubte, die Gedanken weiter zu verfolgen, zwang sein Hirn ihn in diese Richtung. Ein einsamer Robinson Crusoe als letzter Überlebender der Menschheit. Musste Josh sich zuerst zu jedem Schritt zwingen, liefen seine Beine nun automatisch mit dem rhythmischen Klatschen der Wellen, wenn sie an die Küste trafen. Sein Körper verlangte nach einer Pause, die sein Geist schon längst eingefordert hatte.

Ein Blick auf seine Armbanduhr verdeutlichte, dass er erst dreißig Minuten unterwegs war. Und schon jetzt fühlte er sich völlig am Ende. „Kein Wunder. Was du alles durchmachen musstest“, versuchte er sich selber aufzumuntern.

Der Duft von wildem Yasmin durchzog die Luft und war so intensiv, dass er kaum wagte zu atmen. Die Pflanze überwucherte mehrere Bäume und war zu einer beachtlichen Größe angewachsen. Selbst die Blüten waren dreimal so groß, wie er sie im Biologieunterricht kennengelernt hatte. Josh war erleichtert, als er die Pflanzen hinter sich gelassen hatte.

Plötzlich blinkte etwas am Horizont und Josh stoppte. Mit der Hand schirmte er die Augen vom Sonnenlicht ab und blinzelte. Konnte es sein? Die Nase des Raumschiffes hatte sich tief in den Grund des Meeres gegraben. Die Rückseite ragte aus den Wellen empor wie ein Mahnmal. Das Metall blitzte, als Spiegel der schwachen Sonnenstrahlen.

Josh lächelte. „Das Schicksal … Das Schicksal … Das Schicksal beschützt Narren, Kinder und Schiffe mit dem Namen Consus.“ Dann rannte er los.

Kapitel 3

Josh hockte sich ins Gras und weinte. Langsam rollte eine Träne seine Wangen entlang und ging in ein Wimmern über. Mühsam versuchte er sich wieder zu kontrollieren. Seine Erleichterung war so groß, dass ihn die Emotionen übermannten. Trotzdem waren ihm die Tränen peinlich. Er gönnte sich ein paar private Minuten dieser Gefühle.

Dann machte er sich vorsichtig an den Abstieg zum Strand, der hier wesentlich leichter war als in der vorherigen Bucht. Der Hang war steil, aber überall standen hohe Pinien, an denen er sich entlanghangelte und Halt fand. Alle paar Meter machte er eine Pause, um sich zu überzeugen, dass die Menschen in den orangen Overalls noch im Sand saßen. Dass er keine Halluzinationen hatte. Aber sie waren da.

Drei Menschen in Raumanzügen, wie er selbst einen trug. Jedes Mal rollten wieder ein paar Steine von seinem Herzen. Josh hielt es kaum noch aus. Schnell und schneller rannte er die Böschung herunter. Sand, Erde und Steine rollten mit ihm herunter und dann geriet der ganze Hang ins Rutschen. Josh stürzte, so dass er das letzte Stück hinabrollte. Unten angekommen verschnaufte er, schaute kurz auf und prüfte, ob er bemerkt worden war. Niemand sah zu ihm herüber.

Josh sprang auf die Füße und klopfte sich den Dreck vom Anzug.

„Hallo!“ schrie er laut.

Er rannte los. Immer noch bemerkte ihn keiner.

„Eva!“

Verdammt war es schwer durch den Sand zu laufen. Schon nach wenigen Metern hämmerte sein Herz gegen die Rippen wie ein Gefangener gegen die Gitterstäbe seiner Zelle.

„Be … !“ Für die zweite Silbe reichte die Luft nicht.

„E … !“

In die kleine Gruppe kam Bewegung. Endlich. Josh rannte weiter. Japste.

Die Luft roch nach Algen und nach dem abgestanden Salzwasser, welches sich in kleinen Senken gesammelt hatte.

Josh fiel Bent um den Hals und klammerte sich an ihn. Er brachte seine gesamte Selbstbeherrschung auf, um nicht wieder loszuschluchzen.

„Bent.“ Die Erleichterung war seiner Stimme anzuhören.

Erst erwiderte Bent kurz die Umarmung, dann stieß er Josh von sich.

„Hey!“ Bent klang ärgerlich, doch er lächelte und boxte ihn auf den Oberarm. „Schön, dass du wieder da bist.“ An seiner Schläfe klebte getrocknetes Blut, welches aus einer kleinen Wunde an der linken Augenbraue über die Wange, den Hals in den Kragen des Raumanzuges gelaufen und dort getrocknet war.

Josh strich sich über den Muskel, denn er wusste, dass sein Löwe eine blaue Färbung annehmen würde, aber er lächelte tapfer.

Eva umarmte ihn zärtlich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Wo warst du so lange?“

Josh schoss das Blut ins Gesicht.

Elli gab ihm förmlich die Hand, aber Josh meinte in ihren Augen echte Wiedersehensfreude zu erkennen. Ihre Haare waren wild zerzaust, als hätte sie in der Nacht wilde Kämpfe austragen müssen.

„Setz dich“, sagte Eva.

Minutenlang starrten sie auf die Wellen des Meeres und ihr verunglücktes Raumschiff, ohne etwas zu sagen. Josh erkannte Ellis blau gefrorenen Fingerkuppen und Lippen. Sie schlang ihre Arme um den Oberkörper.

„Ich hatte einen sehr anstrengenden Vormittag.“ Demonstrativ wischte sich Josh den Schweiß von der Stirn. „Während ihr ...“

„Wir ...“, Bent betonte es zischend, „ … waren in der Consus und haben um unser Leben gekämpft.“

Eva hob beschwichtigend die Hände und sah Bent bittend an, der sich daraufhin die letzten Worte verkniff. „Josh, erzähl doch mal, was dir passiert ist.“

„Ich bin am Strand wach geworden. Aber es war nicht so idyllisch wie hier.“

Warnend sah Eva Bent an, der die Lippen fest aufeinander presste.

„Als mir klar wurde, dass ich es über das Meer nicht schaffen würde, viel zu viele Riffe, beschloss ich die Klippen heraufzuklettern. Klappte auch ohne Probleme“, setzte Josh seinen Bericht fort.

„Riff? Klippen?“, fragte Bent und konnte die Ironie nicht verbergen.

„Ja, und dann kam der Tanker.“

„Ein Schiff? Auf dem Meer? Das ist ja eine Überraschung.“

„Bent!“ zischte Eva mahnend.

„Der Tanker war mehr ein Schiffswrack“, warf Josh erklärend in Bents Richtung ein.

„Natürlich.“

„Er war total verrostet, hatte ein großes Loch und war über und über mit Pflanzen bewachsen. Aber das schlimmste war das riesige Tier, dass dann das Deck betrat. Enorme Pranken, scharfe Krallen und diese Zähne ...“, Josh hielt die Hände auseinander, „ … so lang und mehrere Reihen.“

Bent sprang ungeduldig auf.

„Aber, das Allerschlimmste, das Tier war nicht nur auf dem Schiff, sondern ein Artgenosse oberhalb der Klippen, an denen ich hing.“

„Was für ein Seemannsgarn“, beschwerte sich Bent.

„Und dann?“, fragte Elli.

„Du glaubst den Scheiß doch nicht.“

„Dann fiel es die Klippen runter und brach sich die Wirbelsäule.“

„Wahrscheinlich vor Schock, weil es dich gesehen hat.“

„Bent!“, versuchte Eva die Situation zu retten.

„Kannst du mal was anderes sagen als meinen Namen“, herrschte er Eva an. „Den kenne ich nämlich. Aber das ...“, Bent deutete auf Josh, „ … ist doch Humbug.“

„Es war aber so“, rechtfertigte sich Josh.

„Sag doch einfach die Wahrheit. Du bist am Strand wach geworden, bist ein bisschen spazieren gegangen, hattest richtig viel Schiss in der Bux und warst überglücklich, als du uns gesehen hast.“

Jetzt sprang Josh ebenfalls wütend auf. „Ich denke mir doch keine Geschichten aus.“ Er ballte die Hände zu Fäusten.

Bent lachte.

Das machte Josh noch wütender. „Wenn du mir nicht glaubst, dann kann ich dir das Vieh zeigen.“

„Jungs!“ beschwichtigend stellte sich Eva zwischen die Kampfhähne.

„Ich glaube dir“, sagte Elli in der ruhigen Art, wie sie immer sprach.

Überrascht drehte sich Bent zu ihr um. „Was?“

„Ich habe auch den Eindruck, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Wieso sollte Josh uns anlügen.“ Elli zupfte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Eben. Wieso sollte ich euch anlügen.“

„Weil du ein Spinner bist. Deshalb.“

„Das ist eine richtig reife Argumentation“, mischte sich Eva ein.

„Es ist nicht gelogen.“ Josh betonte jedes einzelne Wort mit Nachdruck.

„Also dümpeln auf der Erde von heute Tanker, um die sich keiner kümmert, und greifen Monster Menschen an“, wiederholte Bent. Aus ihm sprach die Verachtung.

„Genau so ist es.“ Zufrieden setzte sich Josh. „Außerdem habe ich nicht gesagt, dass sie angreifen, sondern nur dass es sie gibt.“

„Evolutionsbiologisch durchaus möglich.“

„Ts, ts“, brummte Bent.

„Ich meine, die Erde war in diese Aschewolke gehüllt. Wir wissen doch gar nicht, was passiert ist. Außerdem sind wir Jahre weiter gereist, als geplant. Das sind viele, viele Generationen von ...“ Elli unterbrach.

„Was willst du damit sagen?“ herrschte Bent sie an.

Elli zuckte zusammen.

„Du hast doch genau verstanden, was sie damit sagen will. Außerdem haben wir gemeinsam entschieden, dass wir der Katastrophe entkommen wollen, deshalb haben wir den Zeitsprung erneut gewagt. Tu nicht so, als ob du nicht wusstest, dass sich alles verändern könnte, also würde“, fasste Eva zusammen.

Bent massierte sich die Schläfe. „Aber doch nicht so“, gab er kleinlaut zu. „Außerdem ist Josh ein Geschichtenerzähler.“

„Bin ich nicht“, brauste Josh auf.

Bent blitzte ihn an und gab sich ohne ein weiteres Wort damit zufrieden.

„Wie kommen wir jetzt hier weg?“ fragte Elli.

„Tja, Ideen habe ich schon. Aber mit … ach Mist. Wie war das noch? … der Umsetzung … klappt … nee.“ Josh kratzte sich an der Nase. „So … Tja, Ideen habe ich schon. Aber mit der Durchführung hapert es im Moment.“ Er sah sich in der Runde um.

Eva fasste Bent am Handgelenk, noch bevor er etwas sagen konnte.

„Was für Ideen hast du denn?“

„Das war doch nur ein Zitat. In einer Enterprisefolge ...“

„Der macht mich irre“, sagte Bent. „Wirklich.“

„Ich weiß“, antwortete sie ihm. „Versuche gelassen zu bleiben.“

„Also, wie kommen wir hier weg?“ wiederholte Elli ihre Frage.

„Ich flippe gleich aus“, murmelte Bent wie ein Mantra vor sich her.

„Tust du doch schon längst“, setzte Josh noch einen oben drauf.

„Es reicht jetzt“, mahnte Eva Josh. „Wir sind doch nicht im Kindergarten.“

„Wie ist eigentlich deine Meinung zu dem Ganzen hier?“ fragte Bent Eva direkt. „Die Beiden sind sich schon einig.“ Er deutete auf Elli und Josh.

„Meine Meinung. Du willst also meine Meinung hören. Ich halte Tanker, Tiere und sonstigen Unfug für völlig irrelevant. Wir sollten zusammen halten und die nächste Stadt suchen und irgendjemanden von unserer Situation in Kenntnis setzen.“

„Das Wort zum Sonntag“, sagte Josh.

„Und vor allen Dingen sollten wir uns alle Mal ein bisschen zusammenreißen“, antwortete Eva scharf. „Die Situation ist Scheiße, ja. Aber es hilft doch nicht, wenn wir uns alle an die Gurgel gehen. Die letzten Tage in der engen Consus haben wohl an unseren Nerven gezerrt.“

Elli kniff die Lippen zusammen.

Josh zeigte in die Richtung aus der er gekommen war. „Also da gibt es nichts außer Wald.“

Eva zeigte in die andere Richtung. „Dann gehen wir hier am Strand entlang?“ Sie suchte Bestätigung bei Bent.

Bent nickte. „Hier werden wir am ehesten auf einen Hafen treffen. Außerdem gehen wir dann nicht im Kreis.“

„Und es gibt keine wilden Tiere.“

„Wie geht es dir Elli? Bist du bereit?“, fragte Bent.

Elli seufzte tief. „Nein. Nein, ich bin nicht bereit. Aber gehen wir.“

„Ich habe gegen Biester gekämpft, habe mich hierher geschleppt, aber wenn es Elli gut geht ...“ Josh verstummte als er Evas strengen Blick spürte.

„Josh, du hast keine Ahnung, was WIR durchgemacht haben. Also, lass es.“

„Haben wir alles?“, fragte Bent.

„Da wir nichts haben, haben wir alles“, antwortete Josh.

Bent ignorierte ihn. „Na dann, los.“

Kapitel 4

An der Wasserkante liefen sie den Strand entlang und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.