Die Erstürmung des Himmels - Marcus Imbsweiler - E-Book

Die Erstürmung des Himmels E-Book

Marcus Imbsweiler

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Beschreibung

Franz Liszt, gefeierter und umschwärmter Klaviervirtuose, zieht sich im Sommer 1841 zur Erholung auf die Rhein-Insel Nonnenwerth zurück. Mit ihm kommen seine Lebensgefährtin, die Gräfin Marie d’Agoult, und ihre gemeinsame Freundin, die Schriftstellerin George Sand. Schon bald wird die Insel zum Ziel von Musikliebhabern und Liszt-Verehrern, die per Dampfschiff anreisen. Ruhe findet der Komponist daher kaum. Im August gibt er ein gefeiertes Konzert zum Weiterbau des Kölner Doms, was die Liszt-Begeisterung am Rhein noch einmal steigert. Dafür kriselt es zusehends im Verhältnis mit Marie, die seinen Tourneeplänen kritisch gegenübersteht. Und als kurz vor Liszts 30. Geburtstag ein kleines Mädchen spurlos verschwindet, überschlagen sich die Ereignisse …

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Titel

Marcus Imbsweiler

Die Erstürmung des Himmels

Franz Liszt auf Nonnenwerth

Impressum

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2011 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2011

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Christoph Neubert

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung des Bildes »Franz Liszt, am Flügel phantasierend« von Josef Danhauser,

© bpk / Nationalgalerie, SMB / Andres Kilge

Druck: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-3704-5

Erster Teil

Die Insel

Zum Rhein! Zum Rhein!

Franz Liszt

Ich mag diese Gegend sehr, und ich habe hier so viel Herzlichkeit gefunden, so viel Güte, dass mir nicht einen Tag in den Sinn kam, Paris könne mir fehlen.

Marie d’Agoult

Die unaufhörlichen Besuche verleideten mir diese Sommermonate – und ich werde mich hüten, eine villeggiatura, wo Eisenbahnen und Dampfschiffe cursieren, je wieder zu versuchen.

Franz Liszt

… das Grab meiner Träume und Ideale, die sterblichen Überreste meiner Hoffnungen …

Marie d’Agoult

1

Den heiligen Boden der Insel Nonnenwerth betrete ich am 12. August des Jahres 1841.

Es ist ein freundlicher Donnerstagmorgen, und in den Bäumen lärmen die Vögel. Endlich angekommen! Mit einem Satz springe ich an Land, falle auf die Knie und drücke meine Lippen fest auf die feuchte Erde des Eilands. Sollen meine dottergelben Handschuhe ruhig schmutzig werden – das ist mir die Geste wert. Als ich aufschaue, sehe ich den Fährmann neben mir stehen. Was er für ein Gesicht macht! Ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, und es ist ja auch ein furchtbarer, verregneter Sommer gewesen, bis zu dem Augenblick, da ich nach Nonnenwerth kam. Ob ein Trinkgeld wohl für eine Klimaveränderung sorgen kann? Tatsächlich, schon geht über seinem gegerbten Antlitz die rheinische Sonne auf.

»Hol’s der Teufel«, macht er mit großen Augen, »das ist ja …«

»Mehr, als der Herr aus Paris gab?« Gönnerhaft klopfe ich ihm auf die Schulter. »Stellen Sie sich vor, auch ich komme aus Paris, auf Umwegen gewissermaßen. Und was dieser Herr kann, kann ich schon lange.«

Während er meine beiden Koffer auslädt, blicke ich mich um. Vergangenes Jahr entdeckte Franz dieses Fleckchen Erde für sich. Wenn er von Nonnenwerth sprach, dann stets im Ton der Sehnsucht. Mon Paradis, seufzte er, was in den von Debatten und Rauch geschwängerten Pariser Salons reichlich affektiert klang. Hugo und Dumas, unsere Dichter, winkten nur ab; sie hatten dem schmalen Inselchen auf ihren Rheinreisen keine Beachtung geschenkt. Aber vielleicht, so denke ich jetzt, vielleicht war das ein Fehler. Durch die Brille des Malers betrachtet, liegt da mitten im Fluss ein geschliffener Smaragd, dessen Reinheit durch die schroffe Umgebung noch erhöht wird. Die Enge des Tals, das Schiefergrau der Felshänge, gekrönt durch Rolandsbogen und Drachenfels, diese düsteren Mahnmale der Vergangenheit. Auf Nonnenwerth jedoch diktieren junge Bäume dem weitgereisten Gast ein lispelndes Willkommen ins Tagebuch. Schneiders Hotel erstrahlt in Weiß und milden Ockerfarben.

Winkend stößt der Fährmann vom Ufer ab. Sein Kahn, lang und flach, liegt ruhig im Wasser – genau wie die Insel. Als es noch Riesen in dieser Gegend gab, muss Nonnenwerth einem von ihnen als Spielzeug gedient haben.

Ein Knabe kommt vom Gasthof zur Anlegestelle gerannt, dass seine Rockschöße flattern. Er trägt eine kupferrote Uniform, seine Locken sind kraus, in seinem erhitzten Gesicht brennen Augen wie Kohlestückchen. Das Tollste aber: Schwarz ist auch seine Haut, die Hände, der Hals, die Backen. Was ihn nicht davon abhält, mich im breitesten rheinischen Singsang zu begrüßen.

»Mein Herr, Sie hätten sich anmelden sollen«, ruft er, »damit wir Ihr Gepäck transportieren! Ich werde tun, was ich kann, aber ich bin ganz allein!«

Ich zügele mein Verlangen, ihn an der Wange zu kratzen, um zu sehen, ob seine Hautfarbe echt ist. In Paris gehören schwarze Knaben zum guten Ton. Aber hier, am Rhein, zwischen Burgen und Klöstern, im altdeutschen Kernland, ist ihr Anblick gewöhnungsbedürftig.

»Parlez-vous français?«, frage ich, mich zu ihm hinabbeugend.

»Mäh wui!«, strahlt er. »Biä sür, Missjö!«

»Das ist gut«, sage ich, nun wieder auf Deutsch. »Dann wirst du es noch weit bringen.«

Bevor ich fortfahren kann, zeigt der Knirps auf meine beiden Koffer und ruft mit unverhohlener Bestürzung: »Ist dies all Ihr Gepäck, mein Herr? Mehr nicht?« Dabei wirft er dem Fährmann, der bereits die Mitte der Passage erreicht hat, empörte Blicke nach, als trage der die Schuld am Verlust meiner Besitztümer.

»Nur die zwei Koffer«, bestätige ich.

»Und wann kommt der Rest?«

»Es gibt keinen Rest.«

Diese Antwort gefällt ihm nicht, ich sehe es ihm an. Mit einem Schlag bin ich klaftertief in seiner Achtung gesunken. Zwei Koffer bloß! Hätte er sich dafür so beeilen müssen? Menschen wie er beherrschen nur die einfachste Grundrechenart: kleines Gepäck, kleines Trinkgeld. Dass es Ausnahmen von dieser Regel gibt, beweise ich ihm postwendend. Grinsend steckt er den Obolus ein, macht einen Diener und schnappt sich meine Koffer.

Begleitet vom Tschilpen der Spatzen über uns, erklimmen wir den schmalen Weg zum Gasthof. So flach die Insel insgesamt auch ist, überragt sie das Niveau des Flusses doch um Manneshöhe. Am südlichen Ende fällt der Ufersaum steil zum Wasser ab und ist mit großen Steinen gegen Eisgang gesichert, weiter nördlich hat man auf diese Schutzmaßnahme verzichtet. Dort ist die Böschung von Strauchwerk überwuchert und in einzelne Buhnen unterteilt.

Eichen und Linden säumen den Weg zum Hotel. Jetzt, am frühen Morgen, liegt die Westfront des Gebäudes noch im Schatten. Ein mächtiger Klotz, streng und herrschaftlich die Fassade, dazu der gewollt herbe Kontrast zwischen dem hellen Maueranstrich und dem anthrazitfarbenen Dach. Wie reich müssen die Nonnen des vergangenen Jahrhunderts gewesen sein, dass sie sich einen solchen Palast leisten konnten! Drei Stockwerke wachsen vor uns in die Höhe, nur rechter Hand, wo sich der Wirtschaftstrakt anschließt, ist man näher am Boden geblieben. Ein offenes Tor führt in einen großen Innenhof.

An diesem Tor fällt mir eine Inschrift auf. In Kniehöhe ist auf einem der Sandsteinpfeiler eine Markierung angebracht, dazu der eingemeißelte Vermerk »GW 1784«.

»Da staunen Sie, was?«, ruft der Knabe, der meinem Blick gefolgt ist. »Das Große Wasser von 1784. Bis hierher stand es, man mag es sich kaum ausmalen.«

Ich schaue zurück zum Fluss und versuche mir die ungeheure Wasserfläche vorzustellen. »Jetzt übertreibst du, Junge.«

»Aber Missjö!« Empört bläst er die Backen auf.

»Die gesamte Insel überflutet? Willst du mir das erzählen?«

»Und ob sie das war! Alles stand unter Wasser.« Er setzt die Koffer ab. »Die heiligen Frauen hatten sich natürlich längst in Sicherheit gebracht. Ganz Nonnenwerth verlassen, stellen Sie sich das vor. Das Kloster ein Wasserschloss, mitten im Rhein, von den Fluten eingeschlossen.«

»Und von Nixen bewohnt. Wie romantisch!«

»Romantisch?« Kopfschütteln. »Das glaube ich nicht. Es war ja im Februar, überall lagen noch die Eisplatten herum, dann kam das Tauwetter und mit ihm der Schlamm und der Dreck. Widerlich! Da kann man noch von Glück sagen, dass das Haus nicht einstürzte. War ja gerade erst erbaut geworden, nach dem großen Brand.«

»Wie, gebrannt hat es auch?«

»Ja, zehn Jahre vorher. Alles zerstört, das gesamte Kloster. Die Äbtissin Benedikta ließ dann ein Gebäude aus Stein errichten, das länger stehen sollte als das alte.«

»Stattdessen war bald darauf mit den Nonnen Schluss, richtig?«

Der kleine Fremdenführer zuckt mit den Achseln. Nachdenklich fahre ich mit der Hand über den rauen Torpfeiler. Ein verheerender Brand, Überschwemmungen – all das scheint an diesem strahlenden Augusttag so fern, so unwirklich. Aber dann fällt mein Blick auf den gespenstisch gebleckten Zahn der Drachenfelsruine im Norden, der mich begreifen lässt, dass auch Nonnenwerth nur ein Paradies auf Zeit ist. Eines der besonderen Umstände. Jahrhunderte lang war es Kloster, sah Generationen von Nonnen kommen und gehen. Dann kam Napoleon und vertrieb den Orden. Jetzt ist es Hotel, aber wie lange? Ein Atemholen nur vor dem nächsten Umschwung, dem nächsten Besitzerwechsel. Und immer leckt der Rhein an der Insel, nagt, droht, umschmeichelt. Im Winter die Eisschollen, im Frühjahr das Hochwasser. Auch am jenseitigen Flussufer kennt man die Gefahr. Sämtliche Häuser des kleinen Orts Rolandseck halten respektvollen Abstand vom Rhein. Nur das hölzerne Fährhaus, an dem eben der Kahn anlegt, wird regelmäßig den entfesselten Fluten geopfert. Um sie versöhnlich zu stimmen. So ist es nun mal in dieser Gegend: Die Menschen leben vom Fluss, und sie leiden am Fluss. Manche sterben darin.

»Können wir, Missjö?«

Der scharzer Junge sieht mich erwartungsvoll an. Zum Teufel mit all den Untergangsvisionen! Bin ich zum Philosophieren hergekommen? Mit einem Klaps treibe ich ihn an, mich zur Rezeption zu führen. An der Klosterkapelle wenden wir uns nach rechts und gelangen zur Nordseite des Gebäudes.

Schneiders Gasthof auf Nonnenwerth genießt einen exzellenten Ruf. Südlich des Siebengebirges soll sich kaum ein gepflegteres Etablissement finden lassen. Elegante Wohnungen, warme Bäder, guter Tisch und Wein zu festen, mäßigen Preisen, eine mit Anlagen und Bosquets geschmückte Insel, dazu Lustfahrten in die Umgebung, so steht es in den Prospekten, die dreisprachig kursieren. Schneiders Vorgänger hat die ehemalige Benediktinerinnenabtei für seine Zwecke umbauen lassen und behutsam modernisiert: jede Zelle ein Zimmer, mehrere Zimmer zu Suiten zusammengefasst, ein großer Saal, Speiseräume, ein Billardsaal, dazu die verlassene, nur an Sonntagen genutzte Kapelle. Ob man mit dem Dampfschiff anreist oder wie ich den beschwerlicheren Landweg wählt, immer leuchtet die beeindruckende Hotelfassade einladend hinter den Bäumen hervor, ein Juwel mitten im Rhein.

Und doch bleiben die meisten der 50 Zimmer dauerhaft leer. Woran es liegt, ob nun an der Abgeschiedenheit des Ortes, an der Unfähigkeit der Pächter, an den keineswegs mäßigen Preisen oder an dem Zwang, die Zimmer monatsweise zu mieten – mein Gewährsmann wusste es nicht, und es war ihm auch gleich, denn Besucher, die Nonnenwerth meiden, quartieren sich in der Regel bei ihm ein. Er heißt Groyen und betreibt ein Hotel in Rolandseck.

Über ein paar Stufen erreichen wir den Haupteingang. Ein rundes, leutselig dreinblickendes Männchen schlurft herbei: Friedrich Schneider, der Pächter der Gastwirtschaft und in dieser Eigenschaft Konkurrent von Groyen. Während er mir Gästebuch, Tintenfass und Feder zuschiebt, preist er das schöne Wetter, das sich endlich, endlich eingestellt habe.

»Es wurde aber auch Zeit«, seufzt er.

»Ja«, sage ich und schreibe.

»Schade, dass Sie nicht schon vorgestern hier waren. In der Nacht gab es einen Sternschnuppenregen – exzeptionell. Der ganze Himmel erleuchtet. Ein Ereignis!« Er räuspert sich. »Wir müssen sehen, wo wir noch ein Zimmer für Sie finden. Das Haus platzt in diesen Tagen schier aus den Nähten.«

»Woran das wohl liegt?«, schmunzle ich und gebe ihm das Buch zurück.

»Oh, das kann ich Ihnen sagen, Herr …« Über die Seite pustend, besieht er sich den Eintrag. »Herr Herrmann aus Paris. Ach! Sie sind auch Künstler? Musiker sogar?«

»Pianist.«

»Pianist?«, jubelt er. »Dann habe ich die große Freude, Ihnen mitzuteilen, dass der Berühmteste unter all Ihren Kollegen justament in diesem Haus weilt.« Er beugt sich zu mir herüber, um mir den Namen des Gasts in Verschwörermanier zuzuflüstern.

»Heißt dieser Mann etwa Liszt?«, komme ich seinen gespitzten Lippen zuvor.

»Sie wissen?«

»Seinetwegen bin ich hier. Franz schrieb mir, er wolle den Sommer auf Nonnenwerth verbringen.«

»Franz?« Er schnellt zurück. »Sie … Sie kennen ihn persönlich?«

»Der gute, alte Franz«, sage ich und genieße die Verblüffung, die sich über sein Vollmondgesicht legt. »Mein engster Freund und Lehrer. Manchmal habe ich das Gefühl, ich kenne ihn besser als mich selbst. Wir haben zusammen konzertiert, Reisen unternommen und am Genfer Konservatorium gemeinsam unterrichtet.« Und um seiner Bestürzung weitere Nahrung zu geben, setze ich hinzu: »Was allerdings schon einige Jahre her ist.«

»Einige Jahre?« Schneiders Mienenspiel ist einfach köstlich. »Aber in Ihrem Alter … bitte entschuldigen Sie diese Anmerkung, bester Herr Herrmann, bloß … Sie wirken noch so jung. So äußerst jung, wenn ich das sagen darf!«

»Sie dürfen, mein Lieber. Die Genfer Professorenstelle bekam ich mit fünfzehn.« Daraufhin erwidert er nichts, nur seine Äuglein zwinkern unkontrolliert. Ich nehme ihm das Gästebuch aus der Hand und gehe die Einträge durch. »Ah, da haben wir ihn ja. Seine Handschrift ist unverkennbar. Glück für Sie, dass er mit seinem eigenen Namen unterschrieben hat. Er ist ganz vernarrt in Pseudonyme.«

»Pseudonyme?«

»Von seinen Freunden lässt er sich Crétin nennen. Oder Cretino. Manchmal auch Vieux, Vecchio, Fellow – je nach Lust und Laune.«

Schneider starrt mich mit offenem Mund an. Dann greift er nach dem Buch, wie um zu kontrollieren, ob dort wirklich der Name Liszt steht. Was ja auch der Fall ist, in der charakteristischen Signatur mit ihren schrägen, langgezogenen Buchstaben. »Crétin«, murmelt der Hotelbetreiber, »nein, diesen Namen hat er nie erwähnt. Aber«, und damit sieht er mich plötzlich sehr ernst an, »eine Frau ist mit ihm, eine Dame aus Frankreich, die inkognito reist. Sie will ihre Identität auf keinen Fall preisgeben. Hier im Haus wird sie bereits ›die Geheimnisvolle‹ genannt. Wissen Sie vielleicht, um wen es sich bei der Dame handelt, Herr Herrmann?«

»Hat sie sich denn nicht eingetragen?«

»Doch, hier.« Er zeigt auf einen zierlichen Namenszug oberhalb von Liszts Eintrag.

»Madame Mortier Defontaine«, lese ich schmunzelnd. Wenn Franz schon unerschöpflich im Erfinden von Tarnnamen ist, so wird er von seiner Geliebten, der Gräfin Marie d’Agoult, noch übertroffen. Damals in der Schweiz riefen wir sie Arabella oder Lara. Von Franz lässt sie sich Zyo nennen, Myoult. Spielerei, ja. Aber wie steht es hiermit: Catherine Adélaïde Méran? Unter diesem Namen, eher einer Prinzessin oder einer Fee würdig als einer Ehebrecherin, ließ sie sich in die Genfer Standesamtsakten eintragen: als Mutter des ersten gemeinsamen Kindes mit Liszt. Um fünf Jahre verjüngt, auch das noch. Und zuletzt wurde gemunkelt, dass sie für ihre dichterischen Werke das Pseudonym Daniel Stern gewählt hat. Wenn ich mich recht erinnere, heißt eine ihrer Pariser Bekannten Defontaine, die ebenfalls schriftstellert.

»Nun«, sage ich und gebe dem Pächter das Buch zurück, »wenn sich Madame so angemeldet hat, wird das auch ihr Name sein. Zumindest auf Nonnenwerth.«

2

Meinem Hotelzimmer sieht man an, dass es einstmals als Klosterzelle diente. Klein ist es und karg eingerichtet, aber reinlich. Sein größter Nachteil besteht darin, dass es viel zu weit von Liszts Unterkunft entfernt liegt. Franz und Marie haben mehrere Räume im Nordflügel des Hotels angemietet, mit Blick auf den Drachenfels, und jeder, der Logis auf Nonnenwerth nimmt, besteht auf größtmöglicher Nähe zu dem gefeierten Gast. Ob rechts, links oder im Stock darunter – Hauptsache, man wird Ohrenzeuge einer der seltenen Übungsstunden des Meisters. Wer wie ich zu spät kommt, muss mit einem Zimmer an der Peripherie vorlieb nehmen. All dies erzählt mir der kleine Schwarze, der Korf heißt, und er erzählt mir auch, dass Liszt, nachdem er das altersschwache Hotelklavier ausprobiert hatte, sofort nach einem besseren Instrument schicken ließ, sich dann aber bereit erklärte, auf dem Privatflügel der Inseleignerin, einer gewissen Frau von Cordier, zu spielen. Nun steht dieser Flügel im großen Saal, er hämmert auf ihm herum, dass die Saiten springen, und die arme Frau von Cordier weiß nicht, welche Miene sie zum Heldentod ihres Lieblingsstücks machen soll.

»Das wundert mich nicht.« Beide Beine ausgestreckt, lasse ich mir von dem Jungen die Stiefel ausziehen. »Die herkömmlichen Instrumente sind zu schwach für ihn, er ruiniert sie alle. Wien, Dresden, London, es ist ganz gleich, wo er spielt. Immer reißen die Saiten. Es gibt bereits ein geflügeltes Wort über ihn: Klaviere pflastern seinen Weg.«

»Ist das wahr? Woher wissen Sie das, Herr Herrmann?«

»Woher wohl? Weil ich jahrelang mit ihm konzertiert habe.«

»Dann sollten Sie unbedingt ein gemeinsames Konzert geben, hier auf Nonnenwerth! Klavier vierhändig. Oder an zwei Klavieren, wenn sich ein zweiter Flügel findet.«

»Wir werden sehen. Weißt du, Liszt und ich spielen in letzter Zeit vorrangig solo.«

»Wie schade! Warum?«

»Nun, wir gehen künstlerisch gewissermaßen getrennte Pfade.«

»Aber wenn sich hier Ihre Pfade treffen? Missjö Liszt ist der liebenswürdigste Mensch, den man sich vorstellen kann. Es macht ihm nichts aus, mit Liebhabern zu musizieren. Er hat sogar versprochen, Frau von Cordiers Tochter zu begleiten, die ja nun eine schöne Stimme hat, aber nicht zu den …«

»Ich bin kein Liebhaber«, unterbreche ich ihn kalt. »Ich bin Pianist.«

»Aber gewiss doch«, sagt er hastig. »So meinte ich das nicht, bitte entschuldigen Sie, Herr Herrmann. Ich meinte nur, dass Missjö Liszt sich bestimmt freuen wird, mit Ihnen zusammen zu spielen, wenn es ihm schon nichts ausmacht, junge talentierte Damen zu begleiten.«

»Oh«, lache ich, »das hat ihm noch nie etwas ausgemacht.«

Beschwören kann ich es nicht, aber ich glaube, der kleine Korf wird in diesem Moment knallrot unter seiner dunklen Haut. Er stellt meine Koffer ab und trollt sich, ohne auf ein weiteres Trinkgeld zu warten.

Pfeifend trete ich ans Fenster. Es geht nach Süden, wie mir die hoch stehende Sonne verrät. Ihr Licht fällt in einen Wirtschaftshof, der von unterschiedlich hohen Gebäudeflügeln begrenzt wird. Dahinter zeigen sich Bäume und Buschwerk bis zur Südspitze der Insel. Es muss einen weiteren Innenhof im Norden geben, der Jahrhunderte lang den Kreuzgang des Klosters beherbergt hat. Aber ihn bekomme ich von meinem Zimmer aus nicht zu sehen. Schneiders Gasthof scheint tatsächlich ausgebucht zu sein.

Auf der Suche nach dem Kreuzgang strolche ich durch die dunklen, mit Teppichen ausgelegten Gänge, die noch immer eine gewisse klösterliche Stille ausströmen, als plötzlich jemand meinen Namen ruft. Meinen Spitznamen, um genau zu sein.

»Puzzi! Sie hier?«

Ich fahre herum. Es gibt nur eine Frau auf Gottes Erde, die das Recht hat, mich mit diesem Kosewort anzureden. Oder sagen wir: die das Recht hatte, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin so heißen möchte. Gleichwie, im Moment des Herumwirbelns erwarte ich, gegen jede Wahrscheinlichkeit, George Sand zu sehen, die berühmteste Schriftstellerin Frankreichs, die in Wirklichkeit Aurore Dudevant heißt.

Und tatsächlich: Sie ist es!

»Monsieur Piffoël!«, rufe ich geistesgegenwärtig aus, Gleiches mit Gleichem vergeltend. Zur Not hätte ich sie auch Kusine nennen können, wie es Heine, der Dichter, gerne tut. Durch den langen Flur eilen wir aufeinander zu.

Wie sie sich verändert hat – das fällt mir als Erstes auf. Ihr Haar glänzt im gewohnt kraftvollen Schwarz, ihre Locken lassen sich wie üblich kaum bändigen, und da blitzt noch immer der unnachahmliche Schalk in ihrem Blick. Von ihrer jugendlichen Leichtigkeit jedoch, mit der sie vor Jahren die Schweiz eher durchtanzt als bereist hat, ist wenig geblieben. Ich entdecke Falten um ihren Mund und eine Strenge, die tief durchlebten Kummer erahnen lassen. Es sind die Spuren der zurückliegenden Jahre, mit dem nervenaufreibenden Prozess gegen ihren dummen, alten Gatten und der Sorge um ihre beiden Kinder. Die Sand ist eine erfolgreiche Autorin, aber als Schlossbesitzerin so verschuldet, dass sie zu noch mehr Erfolg verdammt ist und deshalb Tag und Nacht schreibt. Vor allem in der Nacht. Mitte dreißig ist sie jetzt und, wie man zu sagen pflegt, »vom Herbst angehaucht«.

»Puzzi!«, wiederholt sie mit ihrer tiefen Stimme, bevor sie mir einen Kuss auf jede Wange drückt. Keine zarten, vorbeiwehenden Damenküsse, sondern feste, männliche, bei denen sie meinen Nacken mit beiden Händen umfasst. Ihre Kleider riechen nach Rauch. »Sollten Sie nicht in Italien sein?«

»Und Sie auf Nohant«, erwidere ich vergnügt. »Welcher Schelm sich dieses Zusammentreffen wohl ausgedacht hat? Dabei liegt es ja auf der Hand: Wo Franz und Marie sind, darf der berühmte Monsieur Piffoel nicht fehlen. Aber dass Sie sich bis nach Preußen wagen, mitten hinein in die deutscheste aller Provinzen, das wundert mich doch sehr.«

»Ich liebe die Provinz«, erwidert sie mit einer gewissen Bitterkeit. »Bedauerlicherweise ist sie manchmal randvoll mit Städtern. Und Sie? Wollen Sie sich mit Franz treffen? Es gab Unstimmigkeiten zwischen Ihnen, hörte ich.«

»Das hörten Sie? Und von wem, wenn ich fragen darf?«

»Von wem?« Sie überlegt. »Von allen, fürchte ich.«

»Nun, es gab Unstimmigkeiten, in der Tat, aber sie liegen hinter uns. Missverständnisse, die bereinigt wurden. Und wo sie es nicht sind, werden wir sie hier, an diesem schönen Ort, aus dem Weg räumen. Wissen Sie, George«, damit hake ich sie unter und führe sie weiter den Gang entlang, »in den vergangenen Wochen und Monaten habe ich Pläne geschmiedet. Große Pläne, man könnte fast von künstlerischen Visionen sprechen.«

»Sie und Visionen?«, entgegnet sie spöttisch.

»Aber ja! Lange genug war ich Puzzi, das Wunderkind, der schmale Schatten des großen Franz Liszt. Inzwischen habe ich selbst ein Oeuvre vorzuweisen. Klavierstücke, die außer ihm und mir keiner spielen kann, die uns beiden gewissermaßen auf den Leib geschrieben sind. Ich will mit Franz zusammen Tourneen unternehmen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.«

»Gehört hat.«

»Selbstverständlich, auch das. Franz Liszt und Herr Herrmann, gemeinsam und einzeln, jeder die Werke des anderen präsentierend. Und natürlich die eigenen, keine Frage. Den schnöden Rest werde ich übernehmen: das mühsame Geschäft des Werbens, der vorausschauenden Reklame und des Verhandelns mit den Zeitungsredakteuren. Damit muss er sich nicht plagen.« Ich zwinkere ihr zu. »Nur das Herumscharwenzeln mit der Damenwelt wird allein seine Aufgabe bleiben.«

»Herr Herrmann?«, wiederholt die Sand nach kurzem Zögern. »So nennen Sie sich jetzt?«

»In Hamburg und Leipzig trat ich bereits unter diesem Namen auf.«

»Gut, dann wollen wir sehen, was Franz zu Ihren Plänen sagt. Wenn er sich in letzter Zeit über Sie und Ihren Lebenswandel äußerte, dann eher im Ton der Sorge.«

»Das kann ich ihm nicht verdenken.«

»Insofern ist es lobenswert, dass Sie sich zu einem Neubeginn durchgerungen haben. Wobei Sie sich nicht allzu sehr auf Franz und seine Unterstützung versteifen sollten. Er weiß selbst nicht, wohin ihn der Fluss des Lebens noch treiben wird. Nehmen Sie sein aktuelles Inseldasein als Sinnbild: Liszt auf dem Strome.«

»Ist er im Haus?«

»Gestern gab er ein Konzert in Bonn. Für den Nachmittag wird er zurückerwartet.«

»Und Sie sind nicht dabei?«

»Nein.« Als wir ins Erdgeschoss hinabsteigen, kommen uns mehrere Gäste entgegen, die uns höflich grüßen, ohne ihre Neugier über das ungleiche Paar verbergen zu können. »Wissen Sie«, fährt die Sand fort, »ich lebe auf Nonnenwerth ganz zurückgezogen. Die Vergnügungen überlasse ich anderen. Ich bin hier, um zu schreiben, und hoffe, dass mich außer meinen Freunden niemand erkennt.«

»Das wird Ihnen nicht gelingen, so berühmt, wie Sie sind.«

»Oh, sagen Sie das nicht«, lächelt sie. »Noch hat mich keiner mit meinem Namen angesprochen. Natürlich spüre ich, dass man rätselt, wer sich hinter dieser überreifen Französin verbirgt. Aber Gott sei Dank zieht Marie fast die gesamte Aufmerksamkeit der Inselbewohner auf sich. Auch ihren Namen kennt man nicht – aber sie ist viel interessanter, denn sie ist Franzis Gefährtin! Sie werden es nicht für möglich halten, Puzzi: Ich wurde schon gefragt, ob es sich bei meiner schönen Landsfrau um die berüchtigte George Sand handelt!«

»Wie? Man verwechselt Sie beide?«

»Oh, nein. Mich hält niemand für die Gräfin d’Agoult, bewahre. Aber es gibt Damen hier, dicke, rheinische Damen mit wässrigen Augen, die schwören Stein und Bein, in Marie die Zigarren rauchende George Sand erkannt zu haben. Nach ihrer Beschreibung in der Revue litteraire oder wo auch immer. Obwohl unsere gute Marie weder Zigarren raucht noch in Männerkleidern auftritt.«

»Und obwohl Sie und Marie sich überhaupt nicht ähnlich sehen.«

»Es liegt wohl an meinen Reisebriefen aus der Schweiz, die hier sehr verbreitet sind. Aus diesem Buch liest man eine geistige Nähe zwischen mir und Franz heraus, welche anscheinend unweigerlich in eine körperliche zu münden hat. Dabei sollten die Deutschen den Begriff Seelenverwandtschaft kennen.«

Ich nicke nachdenklich. Seelenverwandtschaft – sie hat den deutschen Begriff gewählt, während wir unsere sonstige Unterhaltung auf Französisch führten. Die Sand spricht recht gut Deutsch, genauso wie Marie, deren Mutter aus Frankfurt stammt. Dass sie ihr Büchlein, die »Briefe eines Reisenden«, erwähnt, gefällt mir weniger. In ihnen hat sie unserer gemeinsamen Fahrt nach Chamonix ein fragwürdiges Denkmal gesetzt, und seither amüsiert sich alle Welt über Puzzi, den Melancholiker, der sich an Franz Liszts Frackschößen durchs Leben hangelt. Ich habe gehofft, das Interesse an der Schrift sei mittlerweile erkaltet. Aber wenn dem nicht so ist, muss ich auch auf Nonnenwerth damit rechnen, wie ein exotisches Tier angegafft zu werden, sobald man erfahren hat, wer sich hinter dem Pianisten Herrmann verbirgt.

Mittlerweile haben wir den Ausgang erreicht und steigen die Stufen zum Garten hinab. Auf einem parkähnlichen, nicht allzu weitläufigen Gelände stehen Dutzende von Stühlen um runde Tische, dahinter schließen sich Kräuterbeete und Buschwerk an sowie im Hintergrund ein vom Wind bewegtes Wäldchen. Auf beiden Seiten sieht man den Rhein durch das Laub schimmern. Weit in der Ferne rasselt ein Dampfer. Wir lassen uns nieder und bestellen Kaffee. Nur wenige Tische sind besetzt.

»Täusche ich mich, oder waren Sie früher nicht blond?«, fragt George Sand mit einem prüfenden Seitenblick.

»Blond war ich nur in Ihrem Buch, Verehrteste.«

»Aber Sie trugen die Haare länger damals. Mindestens so lang wie Franzi.«

»Mag sein.«

»Sie waren ein süßer Junge, Hermann«, lächelt sie versonnen. »Ein kleiner Engel!«

Ich schweige. Vom Kellner, der den Kaffee bringt, lässt sie sich eine Zigarette geben und anzünden. Ihre Bewegungen sind eher noch knapper als früher – so, als spare sie sich all ihre Energie für die eigentlichen Bedürfnisse des Lebens auf. Für Romane zum Beispiel, an denen sie unablässig, wie manisch arbeitet. Dunkel ruhen ihre großen Mandelaugen im hellen Gesicht, das von einer langen und sehr geraden Nase geteilt wird.

Der aufsteigende Rauch lässt eine in der Nähe sitzende Dame empört aufsehen. Als sie unseren Blicken begegnet, wendet sie den Kopf sofort wieder zur Seite. Ich versuche die Leute einzuschätzen. Reiche Nichtstuer, Adlige auf der Suche nach Zerstreuung, Bankierswitwen und Stadträte, einige Engländer und Russen. Dazu Tagestouristen, die ihr Mittagsmahl auf dem Rhein einnehmen wollen. Sie sehen in die Sonne oder auf ihre Uhren und scheinen auf irgendetwas zu warten.

»Kaum zu glauben, dass dieser Ort einmal ganz den Nonnen gehörte«, sage ich.

»Finden Sie? Meiner Meinung nach spürt man das.« Sie bläst den Rauch zur Seite weg. »Auch für Agnostiker wie mich hat dieses Eiland eine ganz besondere Aura. Vielleicht keine allzu heimelige, aber eine Aura. Deutsch-katholisch, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Eher nein.«

»Sie sind doch Deutscher, Hermann.«

»Aus Hamburg, ja! Wo es nur Protestanten und Juden gibt.«

»Trotzdem. Wohnen Sie einmal ein paar Tage auf der Insel, dann werden Sie mir zustimmen. Abends, wenn keine Fähre mehr geht, wenn kein Dampfschiff hält, merken Sie, wie abgeschnitten von der Welt Sie sind. Oft legt sich dann der Wind, und plötzlich dringt das Gemurmel des Rheins an Ihr Ohr. Keine Vogelstimmen mehr, kein Blätterrauschen, nur noch der Fluss mit seinem Wispern. Man kann nicht sagen, welcher Vokabeln er sich bedient, welche Geschichten er uns erzählt. Es ist bloß ein dumpfes Gluckern, wenn sich die Wellen vorwärts wälzen und gegen das Ufer schlagen … sehr hintergründig und sehr beklemmend. Zumindest für mich.« Sie nimmt einen tiefen Zug. »Vielleicht muss man Nonne sein, um es zu lieben.«

»Sie lieben es nicht? Sie, die Dichterin, das Gemurmel des Flusses?«

»Es ist nicht ehrlich. Es hat seine Unschuld verloren, seinen romantischen Zungenschlag.«

»Warum? Weil es von den Schaufelrädern der Dampfer übertönt wird?«

Sie überlegt eine Weile. »Nicht ganz, Puzzi. Die Dampfer können nichts dafür. Sondern weil diese Dampfer Gesellschaften gehören, deren Aktionäre sich auf Nonnenwerth erholen. Die Moderne beutet die Romantik aus, das ist der Punkt. Wenn Sie sich nachts ans Fenster stellen, um die Sterne über dem Rhein anzuschmachten, hören Sie im Nebenzimmer einen feisten Kapitalisten schnarchen, der von seiner Rendite träumt. Diese Insel ist ein Ghetto, Puzzi. Wer kann sie sich leisten? Wer kann sich eine solche Aura leisten? Nur wir vom Glück Begünstigten: Baronessen, Bankierssöhne, Gräfinnen und gefeierte Virtuosen.« Sie spitzt ihren rot geschminkten Mund. »Schade, dass mein Freund Heine nicht hier ist. Ihm würden die richtigen Verse zu Nonnenwerth einfallen.«

»Das glaube ich auch«, entgegne ich amüsiert.

Etwas später – die Sand hat noch zu schreiben, wie sie sagt – nehme ich mein Mittagessen alleine ein. Es wird draußen serviert, zur Freude der nun doch zahlreicher werdenden Gäste. Eine schwarz-weiß gefleckte Katze streicht über den Rasen und wird reihum geherzt. Als sie zum Haus zurück strolcht, kommen zwei fette Krähen angeflattert und treiben sie mit ihren starken Schnäbeln vor sich her. Wer eben noch mit dem Kätzchen schmuste, lacht nun über das verstörte Vieh.

Ansonsten passiert nicht viel. Über der Insel scheint ein großes Fermatenzeichen zu schweben. Es gibt keine Kutschen, keine Pferde, keine Passanten, keinen Straßenlärm. Nichts, was auf ein Fortkommen schließen lässt; nichts, was nach Bewegung schmeckt. Der Rhein fließt, Nonnenwerth aber steht. Selbst das heisere Röhren und Pfeifen der vorbeiziehenden Dampfer versandet im unaufhörlichen Rauschen der Blätter. Die gesamte Insel ist von einem Band stattlicher Bäume umgeben – Pappeln im Osten, Weißbuchen und Lärchen im Westen –, die den Blick auf die umliegenden Ortschaften versperren. In Rolandseck, nur etwas mehr als einen Steinwurf entfernt, könnte sich ein Mord ereignen, ohne dass man ihn auf Nonnenwerth zur Kenntnis nähme.

Endlich, gegen vier Uhr nachmittags, ertönt eine Glocke vom Fluss her. Alles horcht auf: Das Dampfschiff! Das Dampfschiff ist da! Sofort beginnt ein allgemeines Geschiebe und Gerenne zum östlichen Ufer der Insel hin, wo es eine zweite Anlegestelle oder eine Kahnstation geben muss. Ich bleibe als Einziger still an meinem Platz sitzen. Auf das Läuten der Schiffsglocke folgen laute Rufe und Gegenrufe, es wird gelacht, geklatscht und jubiliert. Fetzen eines Liedes schallen über die Insel. Sogar die Kellner und Hotelbediensteten scheinen Vorfreude zu empfinden.

Ich muss lange warten. Endlich naht der Zug von der Anlegestelle. Ein paar Kinder laufen voran, hinter ihnen wird eine unüberschaubare Menschenmenge sichtbar, alle in heller Sommerkleidung, mit Hüten, Sonnenschirmen, Fächern. Die Spitze des Zuges aber, umkreist von stets wechselnden Trabanten, bildet ein gravitätisch, fast zeremoniell dahinschreitendes Paar, beide groß, beide schlank und selbst auf die Entfernung von einer gewissen Unantastbarkeit: Franz Liszt und die Gräfin Marie d’Agoult. Wie es um sie herum wuselt! Wie man Kontakt zu den beiden sucht, um im letzten Moment zurückzuschrecken! Nein, diese zwei Menschen sind nicht dazu geschaffen, dass man ihnen auf den Leib rückt. Da mögen sie noch so viel Freundlichkeit ausstrahlen: In ihrer Nähe wird die Luft dünn. Ich sehe, wie Liszt einem Kind im Vorbeigehen über das Haar streicht und wie seine Geliebte mit einer kleinen Verbeugung einen Blumenstrauß entgegennimmt. Aber das ist Pose, einstudiert, weltmännisches Gehabe. Ich verkneife mir ein Grinsen: ich, Hermann Cohen aus Hamburg, der ich den größten Pianisten des Kontinents kenne wie niemand sonst.

Kein Grinsen also. Stattdessen gähne ich. Dann wische ich mir eventuell vorhandene Krümel vom Hemd und erhebe mich. Auf Liszts Begrüßung bin ich gespannt. Ob er mich der lauernden Menge sogleich vorstellen wird? Vielleicht gar als Puzzi le mélancolique? Das wäre mir unangenehm, aber nicht zu vermeiden. Mir wird bestimmt eine kleine Stichelei als Replik einfallen.

Sie kommen näher. Haben sie mich schon entdeckt? Mich, eine einsame Gestalt, bleich, mit immer noch kindlichem Gesicht und zarten Zügen. Der einzige Gast, der seinen Tisch nicht verlassen hat. Hinter ihnen der nicht abreißende Strom der Inselbesucher. Sind es achtzig Personen? Oder hundert? Ich weiß es nicht, sondern habe nur Augen für Franz, meinen Lehrer, meinen Freund, mein Vorbild. Wie wird er mich empfangen?

In dieser Sekunde erfasst mich sein Adlerblick. Ich sehe, wie er für einen kurzen Moment in der Bewegung erstarrt, wie seine Brauen zucken. Aber schon hat er sich wieder gefangen, führt den Schwung seines rechten Armes ganz ungezwungen fort, um mit dieser Geste einen Satz zu unterstreichen, den er seinem aktuellen Nachbarn hingeworfen hat, wie ein Hundehalter ein Stöckchen wirft. Der Mann zieht sich mit Bückling in die Menge zurück und wird durch einen anderen ersetzt. Liszts Blick jedoch bleibt auf mir haften.

Auch Marie ist meiner gewahr geworden. Augenblicklich schlägt ihre hübsche Stirn Falten, sie beugt sich zu Franz hinüber, um ihm etwas zuzuraunen und ihm die Hand auf den Unterarm zu legen.

Liszt schüttelt sie ab.

Nun noch zehn, zwölf Schritte. Ihr Weg führt sie direkt an meinem Tisch vorbei. Ob der gelungenen Überraschung spitze ich die Lippen. Franz scheint nicht im Traum daran gedacht zu haben, ich könne seine briefliche Erwähnung der Insel als Einladung auffassen. Schon werden seine Begleiter auf mich aufmerksam: Wer mag dieser junge, elegante Herr mit dem Künstlergesicht wohl sein?

Ich deute eine Verbeugung an. Steif setzt Liszt einen Fuß vor den anderen. Sein Blick in meinem. Welches Wort wird wohl als erstes über seine Lippen kommen? In welche Formulierung wird er seine Verwunderung fassen? Voilà, Messieurs, un génie! Oder: Darf ich Ihnen, ehrenwerte Gesellschaft, den jungen Mann vorstellen, der mir einst nachfolgen wird, nein was sage ich, der schon längst in meine Fußspuren getreten ist?

Solche eitlen Gedanken schießen durch meinen Kopf, als Liszt endlich vor mir steht. In Wahrheit jedoch steht er nicht, sondern geht sofort weiter. Und er spricht kein Wort, kein einziges. Vor aller Welt straft er mich mit Missachtung. Und Marie, seine Geliebte, schürzt bloß die Lippen, bevor sie ihm folgt. Die Menge ihnen nach.

3

Am Abend heißt es, Liszt werde spielen. Von Mund zu Mund, von Zimmer zu Zimmer verbreitet sich das Gerücht, es durcheilt sämtliche Gänge, bis es schließlich auch mich erreicht, und zuletzt werden es wohl die Nonnenwerther Spatzen vom Hoteldach in die Welt hinaus gepfiffen haben.

Wer wollte sich dieses Ereignis entgehen lassen?

Man trifft sich im großen Saal. Wohl ein Dutzend geräumiger Tische fasst kaum die erwartungsvolle Menge. Herausgeputzt wie selten die Herrschaften, die Damen in Vorfreude glühend. Die neuesten Duftnoten aus Brüssel und Paris nehmen Besitz von Nonnenwerth. Das Licht von hundert Kerzen bricht sich in Colliers, Goldketten und Ohrgehängen. Gastwirt Schneider ist in Schweiß gebadet.

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