Schlossblick - Marcus Imbsweiler - E-Book

Schlossblick E-Book

Marcus Imbsweiler

4,5

Beschreibung

Freds Imbiss „Schlossblick“ steht - anders, als der Name vermuten lässt - am südlichen Stadtrand von Heidelberg. Besucht wird er hauptsächlich von Schülern eines Privatgymnasiums und einer Hauptschule. Eines Nachts wird ein Lehrer der Hauptschule, Thorsten Schallmo, vor dem Imbiss erschossen. Privatdetektiv Max Koller beginnt zu ermitteln. Schallmo hatte nicht den besten Ruf als Lehrer, ein persönlicher Racheakt scheint denkbar. Dann aber erfährt Koller, dass das Opfer ein Verhältnis mit einer Schülerin des benachbarten Privatgymnasiums hatte - ist der Mörder also dort zu suchen?

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Marcus Imbsweiler

Schlossblick

Kollers fünfter Fall

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www.gmeiner-verlag.de

© 2012 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart,

unter Verwendung eines Fotos von: © Ray – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-3815-8

Figuren und Handlung dieses Romans sind erfunden. Auch der auf S. 244 erstmals erwähnte ägyptische Staatspräsident hat mit dem Herrn, der im März 2010 in der Heidelberger Chirurgie behandelt wurde, lediglich Krankheit und politisches Schicksal gemein.

1

Eine Hand schnellte aus dem Regen auf mich zu und legte sich wie ein Schraubstock um meinen Hals. Ihre Innenseite fühlte sich rau und feucht zugleich an, und entweder war sie außerordentlich groß oder mein Hals ungewöhnlich dünn – jedenfalls packten mich ihre fünf Finger so fest, dass ich keine Luft mehr bekam.

»Na, endlich!«, hörte ich jemanden zischen.

Es war Tischfußball-Kurt. Sein Gesicht schob sich vor meines. Schwaches Licht einer entfernten Straßenlampe fiel über seine Züge. Seine Augen waren zusammengekniffen, die Lippen ein Strich, der linke Mundwinkel zuckte nervös, wie unter Stromschlägen. Und erst seine Haut! Auf seiner Halbglatze verdampften die Regentropfen, so glühte sie.

»Na, endlich!«, wiederholte er mit mühsam unterdrückter Wut.

Ich versuchte, ihm meinen Hals mit einem Ruck zu entziehen. Keine Chance. Kurts Hand war keine Hand, sondern eine Zange, aus deren Griff es kein Entrinnen gab. Der Druck seiner Finger ließ einfach nicht nach.

»Glaubst du mir jetzt, Max?«, keuchte er. »Ich habe es dir gesagt: Irgendwann wird es hier Tote geben! Hundert Mal habe ich es dir gesagt, tausend Mal! Aber nein, der Herr Privatdetektiv weiß es besser. Ist sich zu fein für den Hasenleiser, was? Nimmt nur noch die Schnösel aus Neuenheim. Unsereins kann ja warten, richtig? Aber jetzt haben wir den Schlamassel!«

»I-diot!«, presste ich hervor. Mein Gesicht musste mittlerweile ebenso rot angelaufen sein wie Kurts. Ich holte aus, um seinen Arm mit letzter Kraft zur Seite zu schlagen, doch in diesem Moment ließ er los. »Bist du völlig übergeschnappt?«, krächzte ich. Mehr gab mein schmerzender Kehlkopf nicht her. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass Kurt in seiner Jugend ein guter Rugbyspieler war, hier hätte ich ihn gehabt.

»Pass auf, was du sagst!«, schnauzte er zurück. Seine Äuglein funkelten. »An deiner Stelle würde ich jetzt keine große Lippe riskieren. Ich bin so kurz davor, dich zu vermöbeln. Verstehst du: so kurz!« Daumen und Zeigefinger, eben noch an meinem Hals zugange, näherten sich einander, bis höchstens ein Blatt Papier dazwischenpasste. Dabei zitterten sie. Nun bemerkte ich auch die Flecken in Kurts Gesicht. Seltsam, so kannte ich ihn gar nicht. Ich kannte seine Wut, den üblichen Jähzorn, Sekundengrimm eines Vulkans namens Tischfußball-Kurt. Aber hier war mehr. Etwas, was ich von meinem Trinkkumpan aus dem Englischen Jäger nicht gewohnt war: Angst.

»Mann, Mann, Mann«, stöhnte ich und betastete meine Kehle. Kurts Brustkorb hob und senkte sich. Ja, er hatte Angst, der Depp. Aber warum?

Hinter ihm wurde ein Mann sichtbar. Er kam über den Parkplatz auf uns zu geschlurft, in der einen Hand einen Baseballschläger, in der anderen einen Regenschirm. Trotz des Schlägers wirkte der Kerl nicht im Geringsten bedrohlich. Er war eher eine Witzfigur: groß, leicht untersetzt, mit hängenden Schultern und auffällig dicker Unterlippe. Sein Haar war so schütter, dass es kaum die Kopfhaut bedeckte; dafür hatte er es wachsen lassen und im Nacken zu einem dünnen Zopf zusammengebunden. Vom einen Ohr baumelte ein Ring mit silbernem Kreuz, die Augen waren rund und wässrig. Und ganz unten lugten unter verwaschenen Jeans die furchtbarsten Pantoffeln hervor, die mir jemals zu Gesicht gekommen waren. Das musste Fred sein, der Imbissbesitzer.

»Seid doch mal ein bisschen leiser«, lamentierte der Typ. »Am Ende läuft noch die ganze Nachbarschaft zusammen.«

»Die Nachbarschaft schläft«, blaffte ich zurück. »Und was soll das mit dem Schläger?«

Er sah auf seine Hand herab, als bemerke er erst in diesem Moment, was ihm da in die Finger geraten war.

»Ach, der«, murmelte er. »Ich hab nix anderes, um mich zu verteidigen. Der Knirps, dem ich das Ding abgenommen habe, war erst zwölf, aber besoffen wie Harry.«

»Klingelt’s jetzt, Max?« Das war wieder Kurt. Ein zackiger Knuff gegen meinen Oberarm: »Hasenleiser ist Wildwest! Aber du hörst ja nicht auf mich.«

»Und warum habt ihr mich nun gerufen? Mitten in der Nacht?«

»Elf Uhr«, fuhr Kurt auf. »Seit wann ist das mitten in …«

»Warum, Kurti?«

Er schnappte nach Luft. Kurti mochte er nicht. Zumindest nicht in diesem Zustand. Wenn mein Freund Kurt Schneider kurz vorm Explodieren steht – sein Normalzustand –, braucht man ihn bloß Kurti zu nennen. Wie es seine erste Frau immer tat, bevor sie mit seinem Geld durchbrannte. Wer sehr mutig ist, krault ihn noch hinterm Ohr. Das funktioniert besser als jeder Zünder. Paff!

Und tatsächlich leuchteten die Flecken in Kurts Gesicht, seine Brauen spielten ein wildes Sträubespiel. Gleich würde er mich erneut am Hals packen! Und nie wieder loslassen. Vorsichtshalber wich ich einen Schritt zurück. Doch er griff bloß nach meinem Arm und zerrte mich durch den Regen. Über den ganzen Parkplatz ging es, bis zu einem maroden Jägerzaun, an den sich ein ungepflegter Garten anschloss. Sein Finger richtete sich auf das Grünzeug.

»Da«, sagte er heiser. »Schau’s dir an, Besserwisser!«

Und ich schaute es mir an. Es: Das waren die Beine eines Mannes. Er lag der Länge nach im Gesträuch, und um ihn in Augenschein zu nehmen, musste ich das Grundstück betreten. Der Regen prasselte auf mich herab, als ich einen Schritt über den niedergetrampelten Jägerzaun machte. Ich schob ein paar Zweige beiseite. Der Mann lag auf dem Rücken, regungslos, die Augen geschlossen. Ich schätzte ihn auf etwa 40 Jahre. Er trug Jeans und eine Regenjacke mit herabgerutschter Kapuze, das nasse Haar hing ihm strähnig in die Stirn. Mich vorbeugend, tastete ich mit drei Fingern nach seiner Halsschlagader. Da war nichts, kein noch so schwacher Herzschlag. Nur das Raspeln seiner kurzen Bartstoppeln unter meinen Fingerkuppen.

»Na, was sagst du jetzt?«, hörte ich Kurts erregte Stimme hinter mir.

Schweigend richtete ich mich auf und starrte den Toten an. Dann sah ich mich um. Auf dem Parkplatz standen einige Autos sowie Freds hell erleuchteter Imbiss. Der Rest lag im Dunkeln. Dunkel war auch das Haus, das zu dem Garten gehörte. Ein kleines, zweistöckiges Gebäude.

»Was ist passiert?«, fragte ich. »Woran ist der Mann gestorben?«

»Verdammt, hast du das Loch in seinem Schädel nicht gesehen?«, zischte Kurt. »Er ist erschossen worden, Max!«

Erneut beugte ich mich über den Toten und bewegte vorsichtig seinen Kopf. Tatsächlich, hinter dem rechten Ohr klaffte ein kleines, hässliches Loch. Das Haar ringsum war dunkel verklebt. Ein Austrittsloch fand ich nicht, so sehr ich auch suchte. In meinem Nacken sammelte sich die Nässe. Ich trat einen Schritt zurück und stieg wieder über den Zaun.

»Wer ist das?«, fragte ich meine beiden Helden.

Kurt schwieg.

»Schallmo heißt er«, antwortete Fred und kratzte sich am Kopf. Aus Rücksicht auf seine letzten Haare kratzte er sehr vorsichtig. »Thorsten Schallmo, ein Lehrer von der Hauptschule drüben. Hat ab und zu was bei mir getrunken.«

»Und weiter?«

Er zuckte regelrecht zusammen unter seinem Schirm. »Wie weiter? Mehr kann ich dir über den Typen nicht erzählen.«

»Was geschehen ist, will ich wissen. Aber nicht hier, im Regen. Stellen wir uns unter.«

Zu dritt trotteten wir zu Freds Imbiss hinüber. Schlossblick stand in geschwungener Leuchtschrift über einer Art Wohnwagen, der schon mindestens 50 Jahre auf dem Buckel hatte. Eine Seite des Wagens war über die gesamte Länge aufklappbar und gab den Blick auf ein reiches Innenleben mit Regalen, Spüle, Friteuse, Mikrowelle und Bratrost frei. Ich entdeckte auch einen Minifernseher. In der Durchreiche stand einsam und allein eine Halbliterflasche Orangensaft. Unter der hochgestellten Klappe stand es sich trocken. Ich nahm meine Mütze ab und schüttelte sie aus. Meine Regenjacke war dicht, immerhin.

»Wo sind eigentlich deine Dackel, Kurt?«

»Im Auto. Schlafen, Gott sei Dank! Ich will mir gar nicht ausmalen, was hätte passieren können, wenn die beiden mit mir …«

»Schon gut. Jetzt raus mit der Sprache: Was ist hier passiert?«

Kurt sah Hilfe suchend zu seinem Kumpel hinüber, der den Wagen durch eine rückwärtige Tür betreten hatte und gerade den zusammengeklappten Schirm in eine Ecke stellte. Fred bemerkte den Blick. »Erzähl du’s ihm. Du hast ihn ja auch angerufen.«

»Stimmt«, sagte ich.

»Ja, weil sich der Herr sonst nie her bequemt hätte«, grollte Kurt. »Da muss es erst einen Toten geben, bevor sich ein Max Koller in die Suburb aufmacht!«

»Jetzt bin ich aber da. Verdammt, nun erzähl schon!«

Knurrend und fluchend fügte sich Tischfußball-Kurt. Während seines Berichts tänzelte er auf und ab, ganz Löwe vor der Fütterung, schüttelte die Fäuste, fuchtelte mit den Armen, und wenn er gar zu laut fauchte, ermahnte ihn Fred zur Vorsicht. Aber wer sollte uns bei diesem Sauwetter schon stören? Der Parkplatz im Heidelberger Süden, auf dem Freds Imbissbude stand, grenzte an ein Sportgelände, außer dem einen Häuschen mit den dunklen Fenstern gab es keine Anrainer, und die Straße lag um diese späte Stunde verlassen da. Sollte doch jemand vorbeistreunen, sah er außer drei Männern, von denen einer wild gestikulierte, nichts Verdächtiges.

Schallmo war um kurz vor elf gestorben. Kurt hatte am Imbiss gestanden und einen Orangensaft geschlürft, Fred war mit Aufräumen beschäftigt gewesen. Abendliches Geplauder: Was man so quatscht, wenn man quatscht. Der eine schlürft, der andere räumt. Und der Regen? Prasselt friedlich auf das Dach des Imbisswagens. Plötzlich ein kurzer, heftiger Schlag; irgendetwas ist in die Decke der Bude gefahren. Bevor die beiden noch ergründen können, was den Schlag verursacht hat, hören sie ein zweites Geräusch, ein viel leiseres, entferntes, dem ein Stöhnen folgt – und auf der anderen Seite des Platzes bricht Schallmo zusammen.

»Genau«, nickte Fred.

»Nun denk aber nicht«, rief Kurt, »ich hätte den kommen sehen. Hab ich nämlich nicht! Fred auch nicht, stimmt’s?« Kopfschütteln beim Budenbesitzer. »Der war plötzlich da, der Schallmo. Muss von der Straße her gekommen sein, an den Autos vorbei, und dann – zack! Voll erwischt hat’s den, von hinten!« Kurt griff nach der Saftflasche, öffnete sie und nahm einen großen Schluck. Dann merkte er, dass ich dastand und ziemlich dämlich dreinschaute. Wahrscheinlich sogar sehr dämlich, denn sofort begann es um Kurts Mundwinkel heftig zu zucken. »Was ist los, Max? Zu viel gesoffen?«

»Nein, bloß … wenn ich ehrlich bin, kapiere ich das nicht.«

»Was denn, verdammt?«

Ich zeigte zu dem halben Dutzend abgestellter PKW hinüber. »Du meinst, Schallmo wurde getroffen, während er hier zwischen den Autos hindurchging?«

»Nicht durch. Dran vorbei! Rede ich Chinesisch, Max?«

»Ja, aber warum liegt er dann im Garten?«, rief ich. »Dort hinten, auf einem fremden Grundstück?«

»Weil wir ihn da hingeschleift haben.«

Ich schnappte nach Luft. »Wie bitte? Was habt ihr?«

»Verdammt, was soll die Frage?«, brüllte Kurt. »Machst du jetzt einen auf minderbemittelt, oder was?«

»Selber minderbemittelt!«, brüllte ich zurück. »Ich will wissen, was ihr euch dabei gedacht habt, eine Leiche fortzuschleppen! Kannst du mir darauf eine klare, verständliche Antwort geben?«

»Wir wollten nicht, dass er von der Straße aus gesehen wird«, erklärte Fred und starrte mich mit seinen großen Augen an. »Der fiel ja auf, wie er da lag. Also haben wir ihn da, in die Dings …« Seine freie Hand wedelte in Richtung Garten. »So hatten wir erst mal Ruhe.«

»Und wo lag er ursprünglich?«

»Da.« Fred zeigte auf einen roten Golf.

»Quatsch, da«, widersprach Kurt und wies auf den Kombi daneben.

»Es war links vor dem Golf.«

»Also näher am Kombi!«

»Gebt mir Bescheid, wenn ihr euch geeinigt habt«, seufzte ich und rieb mir die Augen. Der Regen musste den beiden Vollidioten das Gehirn ausgewaschen haben. Da schleppten sie eine Leiche über den halben Platz, um sie am Ende in einem fremden Grundstück abzulegen! Hinterher telefonierten sie einen Kumpel herbei und vertrieben sich die Wartezeit bei einem Bier und Radiogedudel. Solche Leute wollte ich nicht kennen.

»Kombi«, verkündete Kurt mit einer gewissen Endgültigkeit. Sein Kumpel schwieg.

»Und was, wenn die Bewohner des Hauses dort hinten etwas gemerkt haben?«

»Da gibt’s keine Bewohner«, wischte Kurt meinen Einwand weg.

»Nur den alten Böker«, ergänzte Fred.

»Und der ist balla-balla, der kriegt nichts mit.«

»Dann hoffen wir mal, dass ihr recht behaltet«, brummte ich. »Hatte der Lehrer keine Tasche bei sich? Einen Rucksack oder sonst irgendetwas?«

»Nein!«, knurrte Kurt. Fred schüttelte den Kopf, dass hinten sein Schwänzchen ins Trudeln geriet.

»Gut. Also noch mal: Schallmo kommt auf den Parkplatz, aber bevor ihr ihn überhaupt wahrnehmt, spürt ihr einen Schlag. War das der erste Schuss?«

Fred nickte. »Der muss so einen Schallschlucker benutzt haben. Ein Knall war nämlich nicht zu hören. Nur dieser Schlag – zack.«

»Schalldämpfer.«

Er zeigte nach oben. »Wenn du ein paar Schritte zurückgehst, siehst du das Loch.«

Gemeinsam mit Kurt trat ich hinaus in den Regen. Etwa eine Spanne über der hochgeklappten Seitenfront, kurz unterhalb des eigentlichen Wagendaches, entdeckte ich ein Einschussloch, um das herum das Holz gesplittert war. Ich drehte mich um. Auf der anderen Seite des Parkplatzes, vielleicht 20 Meter entfernt, standen die Autos, hübsch eins neben dem anderen. Dahinter lag das eingezäunte und von einer schütteren Hecke umgebene Sportgelände in völliger Dunkelheit.

»Schöne Scheiße«, knurrte Kurt. »Letztes Mal hat der Kerl die Leuchtschrift zerballert. Heute wollte er uns persönlich an den Kragen.«

»Und warum?«

»Weil er den Hass auf uns hat, weil er verrückt ist, keine Ahnung! Vielleicht mag er keine Feuerwürstchen. Alles schon mal vorgekommen! Nächstes Mal sind wir dran.«

Ich schob ihn zurück unter das Vordach. »Du siehst also einen Zusammenhang zwischen den Schüssen von damals und heute?«

»Du etwa nicht?« Kurt starrte mich an, als sei ich völlig verrückt geworden.

Er wollte noch mehr sagen, doch ich bedeutete ihm, ruhig zu sein. Von der Straße her näherte sich jemand. Es war ein Halbwüchsiger auf einem Fahrrad, der völlig durchnässt auf uns zuflitzte und unter dem Vordach eine Vollbremsung hinlegte.

»Hey, Fred«, rief er und hielt sich an der Wagenwand fest. »Schiebst du mal zwei Dosen Pils rüber?«

»Hab schon geschlossen«, brummte der Imbissbesitzer.

Der Junge schaute überrascht. »Ist doch noch alles offen hier.«

Fred schwieg.

»Oder nicht?«, wandte sich der Radler an uns. »Sieht doch offen aus.«

Ich zuckte die Achseln.

»Ich geh dann mal pissen«, knurrte Kurt und verschwand im Regen.

»Zwei Pils«, rief der Junge fröhlich und legte ein paar Münzen auf die Durchreiche. Wortlos öffnete Fred einen Kühlschrank, entnahm ihm die Dosen und reichte sie nach draußen. Wir warteten, bis der Typ außer Sichtweite war.

»Siehst du?«, murmelte Fred. »Ist doch besser so, mit dem Schallmo in Bökers Garten, wo ihn keiner entdeckt. Wär ja sonst die Hölle los hier.«

»Kannst du mir erklären, warum ihr die Polizei nicht gerufen habt?«

Fred zuckte leicht zusammen. So, als habe er die ganze Zeit auf diese Frage gewartet. »Nee«, sagte er und kratzte sich wie vorhin am Kopf, nur deutlich heftiger. »Also, schon. Weißt du, ich mag keine Bullen. Die sind immer so …« Er überlegte, dann winkte er ab. »Ehrlich, ich mag die nicht.«

»Ist das alles? Weil du sie nicht magst, zieht ihr die Leiche ins Gebüsch und tut, als sei nichts geschehen? Nach dem Motto: Pils verkaufen und abwarten? So stellt ihr euch das vor?«

»Keine Sorge, wir rufen die Bullen noch. Kurt meinte halt, wir sollten erst dir Bescheid sagen, damit du dir ein Bild von der Lage machen kannst.«

»Von der Lage des Toten? Die habt ihr ja längst verändert.«

»Ich meine nur. Mit der Polizei will ich nichts zu tun haben.« Er ging zum Kühlschrank. »Magst du ein Bier?«

»Nein, verdammt! Wenigstens einer von uns sollte klaren Kopf bewahren.«

Fred seufzte. »Also, ich brauche jetzt eins. Sonst trinke ich nie, verstehst du? Nicht während der Arbeit. Aber heute …« Er griff sich eine Dose, riss sie an der Lasche auf und nahm einen großen Schluck.

Ich sah auf meine Uhr. Gleich Viertel vor zwölf. Höchste Zeit, die Angelegenheit zu einem Ende zu bringen. »Der Schütze«, sagte ich zu Fred, »kann es sein, dass er auf dem Sportgelände stand? Hinter dem Zaun?«

Eifriges Nicken. »Wir haben ihn ja noch weglaufen sehen.«

»Was habt ihr? Seid ihr ihm nach?«

»Quatsch, ich bin doch nicht lebensmüde! Das mit dem ersten Schuss haben wir ja gar nicht kapiert. Da war dieser Schlag, die Bude zitterte, und wir wussten nicht, was los ist. Als wir uns umguckten, stand plötzlich der Schallmo vor den Autos, glotzte zu uns rüber – und brach auch schon zusammen. Was glaubst du, was wir da taten?«

»Sag’s mir.«

»Wir gingen in Deckung, was dachtest du! Ich in meiner Bude, und Kurt hat sich auf den Boden geschmissen. Einfach raus aus der Schusslinie. Aber dann passierte nichts. Gar nichts. Und als wir uns vorsichtig wieder hervorwagten, hörten wir jemanden durch die Hecken am Sportplatz abhauen.«

»Und gesehen habt ihr ihn auch?«

Er zuckte die Achseln. »Was man so sieht im Dunkeln. Einen Schatten halt.«

»Ein Mann? Groß, klein, dick?«

»Keine Ahnung. Eher nicht dick. Auch nicht groß, würde ich sagen.«

»Also klein und dünn.«

»Geht so. Max, im Dunkeln, überleg mal!«

Ich rollte mit den Augen. Überleg mal! Es war zum Haareraufen mit den beiden Chaoten. Zum Überlegen gab es hier nur eins: ob ich nicht doch Zuflucht zum Alkohol nahm, um all diesen halbgaren Mist hinunterzuspülen. Ein Schuss rauscht in den Imbisswagen – die beiden glotzen blöd. Ein Mann wird erschossen – die beiden räumen die Leiche weg. Und als der Mörder das Weite sucht, sehen die beiden bloß einen Schatten. Im Grunde sollte ich sie ihrem Schicksal überlassen und einfach gehen.

Aber das tat ich nicht.

Denn so, wie irgendwo tief drinnen in Tischfußball-Kurt die Angst hockte, lauerte in mir das schlechte Gewissen. Es drückte und zwickte, drängte mächtig nach oben, und so sehr ich auch Gegendruck ausübte, bekam ich es nicht fort. Kurt hatte mir in den letzten Monaten tatsächlich mit dem Schlossblick in den Ohren gelegen. Fred fühle sich bedroht, sagte er. Es hatte Schmierereien gegeben und einen Zettel mit wüsten Beschimpfungen. Eines Nachts hatten irgendwelche Typen am Imbiss randaliert. Na und, hatte ich entgegnet, so was kommt vor. Hasenleiser halt. Was hätte ich tun sollen? Wache vor dem Schlossblick schieben? Personenschützer spielen? Darauf hatte auch Kurt keine Antwort gewusst, und so war es beim Nichtstun geblieben.

Vor sechs Wochen aber hatte ein Unbekannter in der Nacht Freds Leuchtschrift kaputt geschossen. Mitten rein in die grellgelben Buchstaben, dass es rauchte. Das hätte natürlich Anlass für mich sein können, mich um den Imbiss zu kümmern. Wenn ich nicht gerade bis zum Hals in Arbeit gesteckt hätte. Für das Schachturnier im Englischen Jäger musste ich unbedingt die Marshall-Eröffnung auswendig lernen, die mit dem cleveren Bauernopfer, außerdem standen die letzten Korrekturen meines neuen Buches an. Nicht zu vergessen die Ermittlungen für diesen Promianwalt, der seine Ehefrau der Untreue verdächtigte. Ich gab sie ihm, die untreue Ehefrau, aber nicht sofort, denn es war mein lukrativster Auftrag seit Jahren, dessen Abschluss es so lange wie möglich hinauszuzögern galt. Also blieb mir gar nichts anderes übrig, als Tischfußball-Kurt abzuwimmeln. Okay, das mit der Leuchtschrift war natürlich ärgerlich, aber ein Muster konnte ich hinter all diesen Attacken gegen seinen Kumpel Fred nicht entdecken. Bestimmt hatten die Schüsse und die Schmierereien und der Zettel nichts miteinander zu tun. Genau so sagte ich es Kurt, woraufhin der kein Wort mehr mit mir sprach. Bis heute. Meinen Rat, Anzeige zu erstatten, ignorierte er natürlich.

»Ich nehme doch ein Bier«, seufzte ich. Fred nickte.

Ja, das schlechte Gewissen. Um kurz nach elf hatte mich Kurt angerufen. Angebrüllt trifft die Sache eher. Dass mein Handy das ausgehalten hatte! Kurt pflegt schon in Normalform jeden zweiten Satz zu schreien, wenn er nicht gerade krank oder verliebt ist. Aber das hier war eine komplett andere Stufe von Erregungszustand. Christine kam durch die halbe Wohnung geeilt, um zu sehen, welches Gerät da am Bersten war. Über die Entfernung von drei Kilometern warf mir Kurt Beleidigungen an den Kopf, dass es nur so schepperte. Von einer Leiche sagte, nein, brüllte er kein Wort. Ich verstand nur Schlossblick und Fred und Kackeamdampfen, was mich stante pede und glühenden Ohres in den Heidelberger Süden radeln ließ.

Ich wäre sogar bei Glatteis gefahren.

»Und jetzt?«, wollte Fred wissen. Seine dicke Unterlippe glänzte feucht.

»Jetzt rufen wir die Polizei.«

»Warum?«

»Warum?« Das Echo kam von Tischfußball-Kurt, der mit regennassem Schädel hinter mir stand.

Wortlos nahm ich einen Schluck Bier. Beim Absetzen der Dose verschüttete ich ein paar Tropfen, denn Kurt hatte mich bei den Schultern gepackt und zu sich gedreht.

»Verdammt, Max, so kannst du dich nicht aus der Dings, aus der Verantwortung stehlen«, fauchte er. »Du hast Fred hängen lassen, obwohl du wusstest, dass es hier Probleme gibt. Wie oft habe ich dir damit in den Ohren gelegen?«

»Oft. Außerdem habe ich wegen dir gerade Bier verschüttet.«

»Jetzt wird nicht schon wieder gekniffen, hörst du, Max? Du bist uns etwas schuldig!« Meine Schultern schmerzten unter seinem Griff. Aber was in seinen Augen aufleuchtete, war eher Panik als Wut. »Also kümmere dich gefälligst um diese Sache hier und finde heraus, wer Schallmo erschossen hat!«

»Diese Sache?«

»Ja, verdammt!«

Ich machte mich los. »Mann, Kurti, komm endlich runter von deinem Trip! Ihr glaubt doch wohl nicht, dass ihr die Polizei außen vor lassen könnt? Hier geht es nicht um eine Rauferei unter Halbwüchsigen, sondern um Mord. Ich werde jetzt Kommissar Fischer anrufen und ihm erklären – nein, ich werde versuchen, ihm zu erklären, warum ihr Schallmo ins Gebüsch geschleift habt. Ob er euch glaubt, weiß ich nicht. Das ist das Einzige, was ich für euch tun kann.«

»Das Einzige, ja? Und damit ist die Sache für dich erledigt? Ein schöner Freund bist du!« Er schlug mit der Faust gegen Freds Imbisswagen, dass es durch die Nacht dröhnte. »Weißt du was, Max? Du kannst mir gestohlen bleiben, du mit deinem elitären Ermittlergehabe!«

Ich weiß nicht, warum ich in diesem Moment zu dem verwilderten Garten hinüberschaute. Dorthin, wo Schallmo lag. Vielleicht hoffte ich, dass er von Kurts Faustschlag aufwachte, sich erhob und seiner Wege ging. Damit der Spuk ein Ende hatte und ich nach Hause konnte. Zu Hause stand ein Bier im Kühlschrank, das dreimal besser schmeckte als Freds Spülwasser in Weißblechummantelung.

Aber Schallmo verschwand ebenso wenig wie mein schlechtes Gewissen. »Okay«, sagte ich und griff nach der Dose. »Ich werde der Sache nachgehen. Bedingung: Ihr müsst mir den Rücken freihalten. Wenn die Polizei erfährt, dass ich ermittle und wir uns kennen, können wir die Sache gleich vergessen.«

»Klar«, sagte Kurt und rieb sich die Hände. »Völlig klar. Hätte ich nicht besser formulieren können.«

»Schön. Dann gebe ich euch jetzt die Nummer von Kommissar Fischer. Den ruft ihr gleich an. Aber erst«, mit einer Handbewegung brachte ich Kurt, der schon wieder aufbrausen wollte, zum Schweigen, »aber erst, nachdem ich hier weg bin. Ich werde Schallmo durchsuchen und vielleicht noch ein Foto von ihm machen. Anschließend verschwinde ich, und ihr beiden erwähnt mit keinem Wort, dass ich hier war. Außerdem bringt ihr die Leiche wieder an ihren Platz. Schafft ihr das?«

Fred nickte.

»Ich schon«, sagte Tischfußball-Kurt kämpferisch.

2

»Ach, Herr Koller.« Kommissar Fischer versteckte ein Gähnen hinter vorgehaltener Hand. »Natürlich haben wir damals sofort gemerkt, dass die Leiche bewegt worden war. Ihre Lage, die Blutspuren, der Zustand der Kleidung – dazu bedurfte es nicht einmal moderner Untersuchungsmethoden. Wir haben sogar Blätter in Schallmos Haar gefunden. Es war klar wie Kloßbrühe, dass Ihre beiden Freunde irgendetwas mit ihm angestellt hatten. Bloß was, wollten sie uns nicht verraten.«

»Das sind nicht meine Freunde«, wehrte ich ab. »Diesen Fred kannte ich vorher überhaupt nicht, und Kurt … na ja.«

»Sie behaupteten natürlich, nur so ein bisschen herumgefummelt zu haben. Hier gezupft, da gezupft. Um zu sehen, ob er auch wirklich tot sei.« Er winkte ab. »Hielten uns wohl für selten dämlich, Ihre Freunde. Wohin soll ich mich setzen, Herr Koller?«

Wortlos schob ich einen Stuhl in die Mitte des Raumes. Fischer nahm Platz. Während er ein Stofftaschentuch aus der Tasche zog, um sich seine breiten Nasenlöcher auszuwischen, sprach er weiter: im zufriedenen Ton eines Mannes, der gerade einen erholsamen Urlaub verbracht hat. Dabei hatte er bloß einen Fall abgeschlossen – mit meiner Hilfe!

»Dieser Fred, der Imbissbesitzer, dachte wohl, wir können ihm nichts, wenn er einen auf zurückgeblieben macht. Ich sehe ihn noch vor mir, mit seinem Kulleraugenunschuldsblick. Versteht unsere Fragen nicht, verliert den Faden, erinnert sich an nichts und so weiter. Blätter im Haar der Leiche? Ach, Herr Kommissar, die wird der Wind hineingeweht haben. Gartenerde auf dem Rücken Schallmos? Vielleicht ist der arme Mann in den Dreck gefallen, bevor er auf den Parkplatz kam. Was für einen Mist man sich da anhören muss!«

»Ich würde mal behaupten, dass der den Idioten gar nicht zu spielen brauchte«, meldete sich Kommissar Sorgwitz aus dem Hintergrund. »Der war einfach er selbst.«

»Komisch«, wunderte sich sein Busenfreund Greiner, der neben ihm saß. »Dasselbe wollte ich gerade sagen.«

»Der mit der Halbglatze dagegen«, fuhr ihr Chef fort, »gab den Renitenten. Zumindest am Anfang. Brüllte rum, beschimpfte uns als Faschos und Stasibeamte und warf mit dem Aufnahmegerät nach Herrn Sorgwitz.« Skeptisch begutachtete der Kommissar das Ergebnis seiner Nasenreinigung. »Dass Herr Sorgwitz zurückwerfen würde, damit hatte er nicht gerechnet.«

»Seitdem war er handzahm wie ein Zwerghase«, ergänzte der blonde Jungkommissar.

»Dumm, dass er ins Krankenhaus musste, bevor er uns gestehen konnte, was er und dieser Bremer mit der Leiche angestellt hatten. Lebensmittelvergiftung! Wir hielten das zuerst für einen Trick.«

»Kein Trick«, sagte ich. »Kurt war kurz vorm Abnippeln.«

»Hübsch formuliert. Aber was ist nun? Wollen Sie nicht allmählich anfangen mit Ihrer Spezialbehandlung? Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, Herr Koller!«

Seufzend legte ich meine Fingerspitzen auf Fischers dünne Haarpracht und begann, seine Kopfhaut zu massieren. Ganz leicht, ohne Druck, in langsam kreisenden Bewegungen. Der Kommissar ließ ein wohliges Schnurren hören. Ja, wirklich, er schnurrte wie ein alter Kater! Greiner und Sorgwitz legten das Manuskript beiseite, das sie sich brüderlich geteilt hatten, und beobachteten uns interessiert. Ich überlegte, ob ich ihnen das Gegaffe verbieten konnte, doch an der Situation war nichts zu ändern, da musste ich durch.

Eine Weile herrschte Stille, unterbrochen nur von den Katzenlauten des Kommissars. Vor dem Fenster, das auf den Innenhof des Polizeireviers Mitte ging, strichen ab und zu Köpfe vorbei. Hoffentlich wurde niemand auf die kleine Szene aufmerksam. Am Ende drückten sie sich noch die Nasen an der Scheibe platt, nur um zu sehen, wie ich dem Kommissar den Hinterkopf liebkoste.

»Dass Schallmos Handy fehlte«, beendete Fischer das Schweigen, »fiel uns natürlich ebenfalls gleich auf. Er trug es nicht bei sich, es lag weder in seinem Wagen noch in seiner Wohnung. Jemand musste es an sich genommen haben. Da wir von Ihnen nichts wussten, tippten wir zunächst auf einen Ihrer beiden Freunde.«

»Das sind nicht meine Freunde.«

»Aber als Sie dann plötzlich auftauchten«, mischte sich Sorgwitz, der Kampfhund, ein, »war die Sache klar. Sonnenklar!«

Fischer nickte. »Ja, meine Mitarbeiter wollten mit mir wetten, dass Sie es waren, der das Handy eingesteckt hatte. Und sie hätten die Wette gewonnen.«

»Eingesteckt ist das falsche Wort«, sagte ich.

»Und welches wäre das richtige?«

Ich überlegte. »Nun … es fiel mir quasi in die Hand. Sehen Sie, das war so: Ich wollte eben versuchen, ob ich Schallmo nicht wiederbeleben könnte, da kam eine SMS.«

»Ach!«

»Ja. Ich beuge mich über ihn, da brummt es in seiner Jacke.«

»So ein Zufall aber auch.«

»So ein Schreck, meinen Sie wohl! Damit konnte doch keiner rechnen.«

»Mit einer brummenden Jacke?«

»Sie nehmen mich nicht ernst«, klagte ich. »Da will man Ihnen etwas erklären, und Sie machen sich nur lustig. In Ihrem Alter!«

»Wieso, in meinem Alter?«, fuhr er auf. »Was geht Sie mein Alter an? Darf man mit 60 keine Witze mehr machen?«

»Nicht über mich. Also: Ich höre das Signal von Schallmos Handy, nehme es an mich – und vergesse es. Ehrlich, ich war so mit anderen Dingen beschäftigt, dass ich es einfach vergessen habe!«

»Gleich vergesse ich mich«, knurrte er. »Und dann können Sie sich vergessen, Koller!«

»Um diese Uhrzeit kam keine SMS mehr«, meldete sich Greiner. »Ihre Geschichte ist erstunken und erlogen, Koller!«

»Wie soll ich mich auch auf die Wahrheit konzentrieren, wenn ich die ganze Zeit massieren muss? Dann habe ich das Handy eben am Morgen danach gefunden. Und das war dann wirklich Zufall.«

»Zufall!«, lachte Sorgwitz. Auch Kommissar Fischer brummte ungnädig.

»Könnte sogar stimmen«, sagte Greiner. »Immerhin habe ich ihn in dem verlotterten Garten herumstreunen sehen. Mit diesem typischen schuldbewussten Gesichtsausdruck. Gleich danach ist er ja auch getürmt.«

»Angeborener Fluchtreflex«, murmelte ich. Sollten sie doch glauben, was sie wollten! Ich bereute schon lange, das Handy an mich genommen zu haben.

»Wo steckte eigentlich Ihr beleibter Kumpel die ganze Zeit?«, wollte Fischer wissen. »Dieser fröhliche Kindergärtner. Er ist uns im Laufe der Ermittlungen nicht ein einziges Mal über den Weg gelaufen. Krank?«

»Fortbildung.«

»Ein Kindergärtner auf Fortbildung? Was es nicht alles gibt.«

»Es heißt Erzieher, Herr Fischer. Und die haben pro Jahr mehr Fortbildungsveranstaltungen als Sie in einem kompletten Polizistenleben.«

Na, da protestierten sie aber, die drei. Vor allem die beiden Jungspunde. Dauernd seien sie unterwegs, riefen sie, würden landverschickt, gecoacht, gebrieft, geteambuilded. Jedes zweite Wochenende! Und abends, da besonders. Wenn die liebe Seele Erholung brauchte. Auch der alte Fischer nickte und schüttelte sein Haupt gleichzeitig, außerdem so heftig, dass ich meine Massage unterbrechen musste.

»Überhaupt«, rief der schwarzhaarige Greiner und schwenkte mein Manuskript, »überhaupt haben Sie, Herr Koller, ein total falsches Bild von uns Polizisten.«

»Verkürzt und klischeehaft«, assistierte Sorgwitz.

»Absolut klischeehaft!« Mit dem Zeigefinger trommelte Greiner auf den Papieren herum. »Wie Sie uns hier schildern! Der Leser meint ja, er hätte es mit den letzten Deppen zu tun.«

»Nicht nur der Leser«, murmelte ich.

»Wenn es wenigstens zum Lachen wäre! Aber die beiden Polizisten in Ihrem Roman sind ja die reinsten Langweiler. So können Sie das nicht stehen lassen.«

»Sondern?«

»Sie müssen die Stellen mit uns ändern. Und zwar grundsätzlich. Passen Sie auf: Entweder Sie führen zwei neue Superhelden ein, jung, gutaussehend, mit Vorbildcharakter …«

»Träumt weiter!«

»… oder Sie überzeichnen uns völlig. Machen richtige Knalldeppen aus uns, so dass jeder Leser merkt, mit realen Figuren haben die beiden nichts zu tun.«

»Genau«, nickte Sorgwitz. »Sie müssen viel mehr übertreiben, sonst kapieren es die Leute nicht.«

Ich schaute vom einen zum anderen. »Meinen Sie das ernst? Ich soll echte Dummbeutel aus Ihnen machen?«

»Keine echten. Übertriebene!«

»Sind Sie sicher?«

»Die Leser werden es Ihnen danken.«

»Kein Problem. So viel ist da gar nicht zu ändern.«

»Vorsicht!« Kommissar Greiner drohte mir mit dem Finger.

»Gut, dann wäre das ja geklärt«, dröhnte Fischer. »Zurück zur Realität. Schauen Sie mal aus dem Fenster, Herr Koller. Sehen Sie die junge Polizistin dort? Die kleine Blonde mit den traurigen Augen. Wissen Sie, was? Die war auch in Schallmo verknallt!«

»Nein!«

»Aber ja! Nadja heißt die Kleine. Hat Rotz und Wasser geheult, als sie von seinem Ableben hörte. Nicht, dass da etwas gelaufen wäre. Die haben sich nett unterhalten, nach einer Verkehrskontrolle, das muss man sich einmal vorstellen. Dann waren sie wohl zusammen einen trinken, aber ganz freundschaftlich, hat sie gesagt. Wobei sie schon in Flammen stand. Keine Ahnung, was die Weiber an diesem Schallmo fanden! Und bevor sie ihn das nächste Mal treffen konnte, war der Mann tot.«

»Nicht zu fassen«, murmelte ich düster.

»Sie sagen es.«

»Nadja ist ihr Name?«

»Kennen Sie das Mädchen?«

»Nein.«

»Hätte mich auch gewundert. Sie ist schließlich Polizistin. Aber selbst Polizistinnen sind vor Unfug nicht gefeit. Die Sache mit Schallmo hat sie so mitgenommen, dass sie tagelang nicht ans Telefon ging.«

»Das habe ich gemerkt.«

»Wie bitte?«

»Ach, nichts.« Mit geschlossenen Augen knetete ich weiter. Nadja! Wie mich dieser Name verfolgt hatte! Immer, wenn ich mit meinen Ermittlungen nicht weitergekommen war, hatte ich mich an ihn geklammert. Und war prompt in der nächsten Sackgasse gelandet. Ein blondes Polizistenhascherl! Das Schicksal schlägt manchmal ironische Volten.

Das Schicksal? Oder doch ein Großmeister namens Zufall?

Seit dem Mord an Thorsten Schallmo tendiere ich zu Letzterem. Aber bring das mal drei eingestaubten Beamtenhirnen bei! Bis man denen das einmassiert hat!

3

»Bist du krank?« Mitfühlend strich mir Christine über den Kopf. »Mein Mäxchen wird doch kein Fieber haben?«

Vor Schreck bekam ich einen Hustenanfall. Wenn es etwas gab, was mir das Zusammenleben mit meiner Ex verleidete, dann das: überfallartiges Gekümmere am frühen Morgen, Besorgnisattacken vom ersten Sonnenstrahl an. Diese Muttchenattitüde!

»Kaffee«, brummte ich und entzog ihr meinen Kopf.

»Bitte?«

»Kaffee, dann wieder gesund.«

Sie ging in die Küche. »Kaffee hast du auch schon aufgesetzt?«, hörte ich sie rufen. »Und wo kommen die Brötchen her?«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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