Glücksspiele - Marcus Imbsweiler - E-Book

Glücksspiele E-Book

Marcus Imbsweiler

4,4

Beschreibung

Olympia 2012 wirft seine Schatten voraus. Auch die deutsche Marathonhoffnung Katinka Glück sieht in den Spielen ihren Karrierehöhepunkt. Dann aber legt man der Läuferin anonym einen Startverzicht nahe, es kommt zu unverhohlenen Drohungen. Schließlich lauert ihr sogar ein Unbekannter im Training auf. Steckt die Konkurrenz hinter diesen Machenschaften? Privatermittler Max Koller wird zum Schutz der Athletin eingeschaltet. Und dann geschieht auch noch ein Mord ….

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Marcus Imbsweiler

Glücksspiele

Kollers sechster Fall

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2012 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart,

1

»Herrschaftszeiten!«

Der Mann, der das sagte, saß rechts von mir.

Ich tat, als hätte ich nichts gehört.

»Eine Augenweide, diese Frau, nicht wahr?«

Jetzt blinzelte ich.

Aber ganz vorsichtig! Der Satz war in meine Richtung gesprochen worden, eine von diesen inhaltsleeren Bemerkungen, mit denen Gespräche beginnen. Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch. Wir waren in Karlsruhe, und in Karlsruhe ödete mich alles an: die Stadt, mein Auftrag, die Gesichter der Athleten, die Stimme des Hallensprechers, sogar der Geruch nach Bockwurst, obwohl ich sonst nichts gegen Bockwurst habe. Von irgendwo zog es. Aber das Schlimmste waren die Plastiksitze mit ihrem Dauerquietschen.

»Nicht wahr …?«, hallte es in meinem Ohr nach.

Ich ließ ein unentschiedenes Brummen hören.

»Ihren Laufstil meine ich nicht«, fuhr mein Nachbar fort. »Den können Sie vergessen. Sie fällt sogar ein wenig ins Hohlkreuz, wenn sie läuft. Aber die Power in ihren Beinen! Da kann ihr keine das Wasser reichen. In ganz Deutschland nicht!«

Ich gähnte. War noch nicht einmal Absicht, dieses Gähnen, aber wenn der Typ es als Zeichen für meine Gesprächsunwilligkeit verstand, umso besser.

Tat er nicht.

»Frequenz, Schrittlänge, Fußabdruck«, leierte er herunter. »Da ist sie eine Klasse für sich, die Katinka. So was kann man nicht trainieren, höchstens bis zu einem gewissen Grad. Das hat man, oder man hat es nicht.« Nach dieser Bemerkung fuhr er sich über das Kinn. Ich hörte, wie es unter seinen Fingern knisterte.

Unten auf der Kunststoffbahn spulte Katinka ihre Runden ab. 15 sollten es am Ende sein, wenn ich richtig gerechnet hatte. Ein Einladungsrennen über 3000 Meter. Sie lief in einer größeren Gruppe, aber schon fielen hinten die Ersten ab, bemitleidenswerte Jugendliche, bei denen die Haut über den Hüftknochen spannte. Einzelne Anfeuerungsrufe gellten durch die Halle, ein paar Leute klatschten.

»Sie hat’s wirklich drauf«, murmelte der Mann rechts von mir.

Murmel du nur. Wäre ich nicht zu faul gewesen, hätte ich mir längst etwas zu essen geholt. Außer der Bockwurst gab es Fritten und Käsebrötchen und Laugenstangen. Und eine Art Salat, wir befanden uns schließlich bei einer Laufveranstaltung.

»Sind Sie ihr Trainer?«, kam es von der Seite.

Sofort schnellte mein Kopf herum. Herrschaftszeiten! Was war denn das für eine Frage! Wahrscheinlich gab es in der gesamten Europahalle keinen einzigen Menschen, die dicke Bockwurstverkäuferin einmal ausgenommen, der weniger Ähnlichkeiten mit einem Leichtathletiktrainer hatte als ich. Warum fläzte ich mich wohl so gelangweilt auf den Plastikschalen herum? Desinteresse, dein Name ist Koller!

Mir lag bereits eine entsprechende Antwort auf der Zunge, als ich das Grinsen des Fragestellers bemerkte. Den Ansatz nur eines Grinsens: schmale Lippen, in den Mundwinkeln Spott und ein Hauch von Überlegenheit. Schau an, der Kerl wusste ganz genau, dass ich nicht Katinkas Trainer war! Er wusste es, der Schuft, und wollte mich bloß aus der Reserve locken.

»Ich bin ihr Mentaltrainer«, erwiderte ich, ohne mit der Wimper zu zucken. Was du kannst, kann ich schon lange! »Schnelle Beine sind angeboren, da gebe ich Ihnen recht. Aber die Power im Kopf, die erfordert Training. Hartes, intensives Training. Seit ich mit Katinka arbeite, hat sie einen Gehirnmuskel wie der Bizeps von Schwarzenegger.«

Sein Grinsen wurde breiter. Es reichte jetzt über das ganze Gesicht, wobei dieses Gesicht ziemlich schmal war, so weit kam er mit seinem Grinsen also nicht. Hoch oben auf seinem langgezogenen Schädel stoppelte blondes Haar, die faltige Haut leuchtete in Mittelmeerurlaubsbraun. Anfang März, wohlgemerkt. Und da war noch etwas, eine Besonderheit, die mir auffiel, ohne dass ich sie auf Anhieb hätte benennen können. Irgendwie sah der Typ seltsam aus.

»Sie wird also gewinnen?«, sagte er und nickte in Richtung Laufbahn. Er kaute die Worte regelrecht durch, bevor er sie, immer noch grinsend, in die Freiheit entließ.

»Nö.«

»Nein?«

»Dann gäbe es ja nichts mehr zu tun für mich. Außerdem hat sie einen scheiß Laufstil, sagen die Experten.«

Das entlockte ihm ein Lachen, wenn auch nur ein kleines. Anschließend wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Rennen zu. Eine Weile herrschte Stille zwischen uns. Unten hatten die Läuferinnen die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht, der Rundenzähler drehte auf 7. Katinka, die noch ganz locker wirkte, hielt sich stets an dritter, vierter Position. Einmal kam sie ins Stolpern und bedachte eine ihrer Konkurrentinnen mit einem giftigen Blick. Die Gruppe um sie herum wurde immer kleiner. Der Hallensprecher verkündete ihre Namen: zwei Polinnen, je eine aus Tschechien und den Niederlanden, drei Deutsche.

Noch sechs Runden.

Neben mir vernahm ich ein Rascheln. Obwohl die Europahalle gut geheizt war, hatte der Mann seinen Mantel nicht abgelegt. Ich schielte nach rechts und sah, wie er in seinen Taschen kramte. Als Erstes kam ein Bonbon zum Vorschein, das er ohne Eile aus seiner Hülle befreite. Bonbon einwerfen, die Verpackung zurück in die Tasche. Das Nächste war ein Stift, der ebenfalls wieder eingesteckt wurde. Zuletzt hielt er einen weißen Briefumschlag in der Hand.

Beziehungsweise im Handschuh. Denn genau das trug der Kerl, trotz der Wärme. Dünne, schwarze Laufhandschuhe.

»Das Rennen geht nun in seine entscheidende Phase«, tönte es aus dem Lautsprecher. Auf der Rundenanzeige erschien eine 4. 800 Meter vor dem Ziel bestand Katinkas Gruppe nur noch aus den drei Osteuropäerinnen und ihr selbst. Ihre beiden Landsfrauen waren deutlich zurückgefallen, die Holländerin kämpfte verzweifelt um den Anschluss. Katinka dagegen schien mühelos mit den anderen Schritt halten zu können.

»Sie ist eine Vorzeigeathletin«, kam es von rechts. »In jeder Beziehung. Und sie hat einen knackigen Hintern, finden Sie nicht?«

Anstatt zu antworten, zog ich eine Grimasse. Mit Verachtung in allen vier Himmelsrichtungen. Der Kerl würde schon kapieren, was ich von seinem Geschwätz hielt.

Eine Frage allerdings blieb, die entscheidende Frage: Was, um alles in der Welt, wollte er von mir?

»Ehrlich, ich bin ein Fan von Katinka.« Er zwinkerte mir zu. »Auch wenn sie dieses Rennen hier nicht gewinnt, wie die Experten sagen.«

Erst sein Zwinkern brachte mir zu Bewusstsein, was ich an der Erscheinung des Mannes so seltsam fand. Er hatte keine Brauen. Bloß einen schwachen Flaum blonder Härchen über den Augenhöhlen, der von der sattbraunen Haut regelrecht verschluckt wurde. Warum war mir das nicht gleich aufgefallen? Nun, es war mir aufgefallen, aber nicht als konkrete Tatsache, sondern als vages Gefühl, dass mit meinem Nachbarn irgendwas nicht stimmte. Weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick.

»Worum geht es?«, fuhr ich ihn an. »Wollen Sie ein Autogramm von ihr? Ein Foto, ihre Privatnummer? Dann sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Für solche Kinkerlitzchen bin ich nicht zuständig.«

»Auch nicht als Mentaltrainer?«, grinste er.

Ich starrte ihn an. Sein Blick, blass und stechend gleichzeitig, hatte etwas Stalkerartiges. Vielleicht stand er tagelang vor den Häusern gut aussehender Frauen und glotzte durch die Fensterscheiben. Vielleicht rührte daher seine Bräune, und vielleicht hatte er seine Brauen verloren, weil er sich ständig ein Fernglas gegen Joch- und Stirnbein drückte.

Ja, vielleicht war der Blonde unser Mann.

Weil diese Gedanken ziemlich unkontrolliert durch meinen Kopf flipperten, fiel mir keine gescheite Erwiderung ein. Was hätte ich auch sagen sollen? Sein Grinsen machte mich madig. Unter meinem Hintern quietschten die maroden Plastiksitze. Unter seinem auch. Dabei hatte Katinka den Unbekannten, der ihr angeblich auflauerte, ganz anders beschrieben: breit, schwer, ein eher dunkler Typ. Der hier konnte es nicht sein. Höchstens in Verkleidung. Aber warum suchte er dann den Kontakt zu mir, während eines Rennens?

»Ist das die Vorentscheidung?«, brüllte der Hallensprecher.

Automatisch wandten wir uns dem Geschehen auf der Bahn zu. In der vorletzten Runde hatten sich die beiden Polinnen etwas abgesetzt. Ihre Schrittfrequenz war einfach höher als die der anderen. Katinka und die Tschechin schienen das Tempo ebenfalls forciert zu haben, doch der Abstand vergrößerte sich. Alle übrigen Läuferinnen spielten keine Rolle mehr und wurden überrundet.

»Da, schau an«, kommentierte der Blonde seelenruhig.

Ich biss die Lippen zusammen. Plötzlich wollte ich, dass Katinka das Rennen gewänne. Dabei war sie chancenlos, sie hatte es mir vorher erklärt. Die Konkurrenz bestand aus pfeilschnellen Mittelstrecklerinnen, die ihr, der Marathonläuferin, im Endspurt klar überlegen waren. Sicher, die Mädels aus der Region würden Katinkas Tempo nicht lange mitgehen können, dazu war es zu hoch, die Krzysztyna und die Tatjana aber hätten kein Problem damit. Mitlaufen, im Windschatten halten und am Ende den Turbo zünden – das war die Taktik der anderen. Katinka hatte keinen Turbo. Sie war der Diesel unter den Läufermaschinen, ideal für 42,2 Kilometer auf Asphalt.

»Na los«, presste ich zwischen den Zähnen hervor. »Das schaffst du!«

Doch sie schaffte es nicht. Die beiden Polinnen legten noch einmal einen Zahn zu und machten den Sieg unter sich aus. Krzysztyna vor Tatjana, oder umgekehrt. Eine halbe Runde vor dem Ziel mogelte sich auch noch die kleine Tschechin an Katinka vorbei und feierte ihren dritten Platz ausgelassen. Katinka lächelte trotzdem, winkte beidhändig, gratulierte der Konkurrenz. Ihre Bubifrisur ließ sie viel frischer aussehen als die anderen.

Der Mann neben mir hatte sich erhoben. Erst jetzt fiel mir auf, wie groß er war. Mit seinen langen Beinen machte er einen Storchenschritt über unsere Sitzreihe und ging. Jedenfalls dachte ich, er würde gehen. Dann aber spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und hörte seine Stimme an meinem Ohr.

»Richten Sie ihr etwas aus, junger Mann«, raunte er. »Sagen Sie ihr, dass Olympia ohne sie stattfinden wird.«

Ich war so verdattert über diesen Satz, dass ich ihn weder kommentieren konnte, noch zu sonst einer Reaktion fähig war. Ich starrte bloß geradeaus ins weite Oval der Europahalle.

»Verstanden? Katinka Glück wird nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen. Sagen Sie ihr, dass es besser so ist. Mit guten Wünschen von Freunden. Hier, geben Sie ihr das.«

Der Briefumschlag, den er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, fiel in meinen Schoß. Ich glotzte auf den Umschlag, als enthalte er etwas Explosives, und rührte mich nicht. Erst nach ein paar Sekunden schnappte ich ihn mir, sprang auf und drehte mich um.

Oben, am höchsten Punkt der Halle, verschwand eben der helle Mantel des Blonden hinter einem Grüppchen von Besuchern. Hastig drängte ich mich an meinen Nachbarn vorbei, erreichte die Treppe und eilte sie empor. Auf halber Höhe rannte ich gegen einen beleibten Kerl mit Tasche, der im falschen Moment einen Schritt zur Seite gemacht hatte.

»Sorry«, sagte ich und wäre fast gefallen, weil der Dicke das Gleichgewicht verloren hatte und sich verzweifelt an mir festklammerte. Bis ich mich befreit und ihn umrundet hatte, verstrichen wertvolle Sekunden.

Auf der obersten Stufe angekommen, war kein heller Mantel mehr zu sehen. Ich stürmte durch sämtliche Etagen des Gebäudes, schaute in Gänge, hinter Ecken, fragte einen vom Personal – nichts. Der Typ blieb unauffindbar. Ein simpler Überrumpelungseffekt nur, aber der hatte ihm genügt, um zu türmen.

Unverrichteter Dinge kehrte ich an meinen Platz zurück. Es quietschte jämmerlich, als ich mich niederließ. Unten stand Katinka, eine Wasserflasche in der Hand. Sie hatte sich etwas übergezogen und würde gleich zu mir nach oben kommen.

Sollte ich ihr überhaupt von dem Unbekannten erzählen?

Der Umschlag war nicht verschlossen. Er enthielt vier Flugtickets für die Seychellen, ausgestellt auf Katinka, ihren Mann und die beiden Kinder. Dazu das Prospekt eines schicken Sea Resort mit All-Inclusive-Paket. Als Datum für den Abflug war der 27. Juli 2012 eingetragen.

Am 27. Juli sollten die Olympischen Sommerspiele in London beginnen.

2

Der Startschuss zur Rettung des deutschen Spitzensports fiel vier Wochen vor den Karlsruher Ereignissen in Mannheim, und als er fiel, dröhnte mir der Schädel.

»Grippe?«, fragte Dr. Eichelscheid mitfühlend.

Ich nickte.

»Meine Sekretärin soll Ihnen einen Erkältungstee machen«, schnarrte Herr Harboth und begann, auf dem Display seiner beeindruckenden Multifunktionsanlage herumzufingern.

»Tee?«, krächzte ich entsetzt.

»Oder wünschen Sie etwas anderes?«

»Danke, Tee ist schon … Aber bitte mit zwei Aspirin, wenn möglich. Pro Tasse.«

»Bei mir gehen Grippeattacken auch immer mit Kopfweh einher«, bestätigte Dr. Eichelscheid. »Verheerend ist das!«

Ich zog die Nase hoch und hustete vernehmlich. Nur so zur Sicherheit.

Nachdem Harboth meine Wünsche durchgegeben hatte, trommelte er ein letztes Mal auf dem Display herum. Eigentlich seltsam, dass die Apparatur nicht imstande war, Tee zu servieren. Stattdessen musste eine Sekretärin daran glauben. Beziehungsweise ich, denn ich hasste Tee. Aber Grippe war die einzige Möglichkeit, meine beiden Gastgeber von der wahren Ursache meiner Kopfschmerzen abzulenken.

»Haben Sie gut hierher gefunden?«, erkundigte sich Dr. Eichelscheid. Er war wirklich sehr besorgt um mich. »Mit den Parkplätzen ist es um diese Zeit in der Innenstadt schwierig.«

»Mein Rad steht direkt vor dem Haus.«

»Ihr Rad?« Na, da rissen sie aber die Augen auf, die beiden Herren. Eichelscheid formte passenderweise auch seinen Mund zu einem großen O, während Harboth ein beeindruckend reinweißes Gebiss entblößte. So unterschiedlich wie ihre Reaktionen waren sie auch vom Typ her: Eichelscheid ein gemütlicher Älterer mit Brille und nussbraunem Haarkranz, Harboth straff und energisch, ein Mann, der zur Not durch die Wand ging, wenn diese die schlechteren Argumente hatte.

»Ihr Rad?«, wiederholte Dr. Eichelscheid. »Aber Herr Koller, Sie hätten doch ein Taxi nehmen können! Wenn Sie auch noch so vergrippt sind.«

»Ich habe frische Luft gebraucht«, brummte ich, und das stimmte ja auch. Nur durch viel, viel Bewegung ließen sich die Folgen des gestrigen Gelages lindern. »Kommen wir nun zur Sache?«

»Sehr richtig.« Harboth zeigte mit einem Finger auf mich. »Ganz Ihrer Meinung.«

»Aber natürlich«, nickte der andere.

Seufzend rieb ich mir die Augen. Harboths Finger hatte mitten auf meine Stirn gezielt, und sofort wurden die Schmerzen stärker. Zwei Aspirin waren das Mindeste, um mich meinen Zustand ertragen zu lassen. Draußen schneite es. Die kurze Fahrt vom Mannheimer Hauptbahnhof in die Innenstadt hatte mir gutgetan, aber hier, im überheizten Büro der Metropolregion, mit seinem Geruch nach Teppichbodenkleber und künstlicher Frische, war der Effekt schon wieder verflogen.

»Also«, begann Dr. Eichelscheid, »dass es sich um einen Auftrag aus dem Bereich Personenschutz handelt, wissen Sie bereits. Wobei ich betonen möchte: Personenschutz im weitesten Sinne, im allerweitesten sogar. Die betreffende Person wird weder bedroht noch verfolgt, noch gibt es Anlass zu der Sorge, jemand wolle ihr etwas zuleide tun. Überhaupt keinen Anlass.« Er legte die Fingerspitzen zusammen und sah mich über seine Brille hinweg an. Die bekümmerte Miene, die er dazu aufsetzte, sprach seinen Worten allerdings Hohn. Vielleicht konnte der nette Dr. Eichelscheid nicht anders, als sich Sorgen zu machen.

»Und um wen geht es nun?«

Er drehte sich um und zeigte auf die Wand hinter sich. »Um Katinka Glück. Sie werden ihren Namen aus der Presse kennen.«

An der Wand des Büros hing ein breites Hochglanzposter, das eine Reihe von Hochglanzpersönlichkeiten zeigte. Sie hatten Gardemaß, waren schlank und muskulös und durchtrainiert. Jedenfalls die meisten. Ein Beinamputierter war auch dabei, und in der Mitte präsentierte ein gebürtiger Österreicher, seines Zeichens stärkster Mann der Welt, stolz seine gewaltige Körpermasse.

»Verstehe«, grinste ich. Für meine Erheiterung war nicht der Koloss mit dem Bundesadler auf der Brust verantwortlich, sondern Harboths Sekretärin, die im selben Moment das Büro betrat. Durch eine Tür, die sich direkt neben dem Plakat befand. Über den Athleten prangte in großen Buchstaben: »Weltklasse aus der Region«, aber dass die Tee bringende Vorzimmerdame bestenfalls für Mittelklasse stand, sah man auf den ersten Blick. Nein, das war kein Chauvinismus, das war das Resultat meiner kühlen, unbestechlichen Beobachtungsgabe. Wer die Teetasse überschwappen lässt, dass beiderseits die Aspirin C-Hüllen durchnässen, wird von der Ratingagentur Koller gnadenlos herabgestuft. Auf das berühmte Ramschniveau.

»Hach, das tut jetzt gut!« Mit einem Stoßseufzer nahm ich das Getränk entgegen. »Diese Grippe bringt mich noch um.«

»Wohl bekomm’s!« Ein zähnebleckendes Lächeln, von dem ich nur hoffen konnte, dass es nicht ironisch gemeint war, untermalte Harboths Aussage.

Auch Dr. Eichelscheid nickte mir aufmunternd zu. »Sie wissen, um wen es sich bei Frau Glück handelt?« Seine Frage war natürlich keine Frage, sondern die Feststellung einer Selbstverständlichkeit, auf die es nur eine Antwort gab.

»Logisch«, sagte ich und pustete in die Teetasse. »Eine Sportlerin. Eine Weltklassesportlerin. Eine Weltklassesportlerin aus unserer Region, stimmt’s?«

»Allerdings«, freute er sich. In dem Blick, den er Harboth zuwarf, schwang Stolz mit. »Man darf es mit Fug und Recht einen Glücksfall nennen, wenn eine international renommierte Leichtathletin wie Katinka Glück Werbung für unsere hiesigen Niederlassungen macht. Weltklasse aus der Region: Das gilt für sie ebenso wie für die Deutsche Bank.«

Aha, deshalb also der Stolz in seinem Blick. Und wie gut, dass er das mit der Bank erwähnt hatte. Denn auch nach zehnminütigem Palaver wollte mir nicht einleuchten, dass sich die Finanzmacht aus Frankfurt von einem Gemütsbolzen wie Dr. Eichelscheid vertreten ließ, während tough guy Harboth für die Belange der Provinz stand. Umgekehrt wäre eher ein Schuh daraus geworden: wenn Eichelscheid einen auf Heimatfritzen gemacht und Harboth den Investmentbanker gegeben hätte.

Aber sah ich vielleicht aus wie ein erfolgreicher Privatermittler?

»Ein Glücks-Fall«, murmelte ich, löste die beiden Brausetabletten Aspirin aus ihrer Umhüllung und ließ sie in die Tasse gleiten. Heftiges Sprudeln begleitete ihren Untergang. Wie Erkältungstee mit Aspirin wohl schmeckte? Ich wusste ja nicht einmal, wie er ohne schmeckte!

»Frau Glück«, ergriff Harboth das Wort, »gehört zu denjenigen Sportlern, die sich zu ihrer Region bekennen. Was man beileibe nicht von allen sagen kann, die hier an den Olympiastützpunkten trainieren. Wenn es um Sponsorentermine oder Charityveranstaltungen geht, bei denen prominente Gesichter gefragt sind, kann man immer auf sie zählen.«

Ich probierte einen Schluck Tee. Schien ja eine windschnittige Person zu sein, diese Katinka Glück. Immer Gewehr bei Fuß, wenn der Ausrüster rief. Kein Sportlerball ohne ihre austrainierten Beine.

Und der Tee? Der schmeckte vor allem eins: heiß.

»Letzten Herbst hat sie sich für London qualifiziert«, ergänzte Eichelscheid. »Eine 2:29 in Berlin bei suboptimalen Bedingungen.«

»Das ist nicht ganz richtig.« Harboth ließ mal wieder sein Gebiss durch das Büro leuchten. »Sie hat die Qualifikationsnorm geschafft. Ob sie nominiert wird, ist noch offen.«

»Natürlich wird sie. Wer sonst?«

»Die Konkurrenz ist ungewöhnlich groß in diesem Jahr.«

Der Banker winkte nur ab.

»Wenn sie so toll ist«, warf ich ein, »warum wird sie dann bedroht?«

»Frau Glück wird nicht bedroht«, schüttelte Dr. Eichelscheid den Kopf.

»Aber ich soll sie beschützen.«

»Sie sollen in ihrer Nähe sein. Aufpassen, die Augen offenhalten. Mehr nicht.«

Mehr nicht. Es gab Tage, an denen zählte das Augenoffenhalten zu den größten Herausforderungen der Menschheit. Heute zum Beispiel. Noch einmal am Tee genippt. In Form von Brausetabletten soll Aspirin ja schneller helfen.

»In den letzten Monaten«, fuhr Dr. Eichelscheid fort, »gab es ein paar Vorfälle im sportlichen Umfeld von Frau Glück, die Spuren hinterließen. Interne Querelen im DLV, die Frage, welche Betreuer und Ärzte für die Kaderathleten zuständig sein sollen und so weiter. Unsere Katinka Glück ist kein Kind von Traurigkeit, sie sprach die Probleme offen an, hielt mit Kritik am Verband nicht hinterm Berg und bekam prompt Gegenwind.«

Also doch nicht so windschnittig, schoss es mir durch den wehen Schädel.

»Streit um ihren Trainer gab es auch. Alles nichts Ungewöhnliches, von außen betrachtet, aber Sie wissen ja, wie Spitzensportler sind.«

»Sensibel«, half Harboth. »Übersensibel.«

Mein Blick fiel auf den dicken Gewichtheber, der 2008 in Peking Olympiagold gestemmt hatte. Wusste ich, ob so einer sensibel war?

»Man muss das verstehen.« Fürs Verstehen war natürlich der Gemütliche zuständig. »Sportler haben nur ihren Körper als Kapital. Und das auch nur eine begrenzte Zeit lang. Jede kleine Verletzung, jede hartnäckige Erkältung kann sofort einen Verdienstausfall nach sich ziehen. Während der normale Arbeitnehmer …«

»Aber hier ging es doch gar nicht um Verletzungen«, fiel ich ihm ins Wort. »Oder habe ich etwas überhört?«

»Das Umfeld muss stimmen, Herr Koller. Nur dann bringt der Sportler seine Leistung. Wenn Bezugspersonen wegfallen, verschiebt sich das gesamte Koordinatensystem.« Mit seinen zarten Händen zeigte mir Eichelscheid an, wie es war, wenn sich so ein System verschob.

»Und dann«, ergänzte Harboth, »kam der Stalker.«

»Der Stalker?«

»Letzte Woche schlich ein Mann um das Haus der Glücks. Abends, Katinka hat ihn entdeckt. Sie war allein mit den Kindern und bekam es mit der Angst zu tun.«

»Kein Wunder«, nickte Eichelscheid.

»Was wollte der Mann?«, fragte ich.

Harboth zuckte die Achseln. »Niemand weiß es. Herumlungern, in die Fenster schauen. Auf das Grundstück wagte er sich nicht, verschwand aber erst nach geraumer Zeit. So die Aussage von Frau Glück. Wer er war, ob nun ein Spanner, ein Fan oder ein Exhibitionist – wir können nur raten.« Er lehnte sich zurück. »Das Haus der Familie ist das letzte in einer Baureihe, direkt am Wald. Man kann sich ihm also ohne Aufsehen nähern.«

»Hat sie Anzeige erstattet?«

»Sicher. Aber was bringt das? Der Mann tat ja nichts, außer herumzulungern.«

Ich überlegte. Ein wenig am Kopf kratzen, den Tee in der Tasse kreisen lassen. Es sollte zumindest so aussehen, als überlegte ich.

»Und warum sitzen wir dann hier? Ich meine, kam der Mann wieder? Gibt es konkretere Anhaltspunkte, dass die Frau in Gefahr ist?«

Zwei Männer, zweimal Kopfschütteln. »Er kam nicht wieder«, antwortete Dr. Eichelscheid, »und wir sehen auch keinen Grund, warum er das tun sollte. Objektiv betrachtet besteht kein Anlass zur Besorgnis. Aber Frau Glück macht sich Sorgen, und allein darauf kommt es an. Wir als Sponsoren sehen uns in der Pflicht, ihr eine störungsfreie Vorbereitung auf die Spiele zu ermöglichen.«

»Sie beide?«

»Ja. Sie hat Verträge mit meiner Bank und mit der Metropolregion. Katinka Glück ist das Gesicht unserer aktuellen Werbekampagne hier im Rhein-Neckar-Raum. Im April eröffnen wir eine neue Niederlassung in Heidelberg.«

»Wir können uns schlecht nachsagen lassen, wir hätten eine unserer Vorzeigeathletinnen im Stich gelassen«, schnarrte Harboth. »Spitzenleistungen entstehen nur unter optimalen Bedingungen, und die möchten wir unseren Leuten bieten.«

»Verstehe. Meine Rolle wäre also die eines Aufpassers. Sieben Tage in der Woche, rund um die Uhr?«

»Aber nein«, wehrte Dr. Eichelscheid amüsiert ab. »Wo denken Sie hin? Ein Kindermädchen braucht sie nicht, unsere Frau Glück. Zu Hause ist in der Regel ihr Mann da, und die wichtigsten Trainingseinheiten absolviert sie in der Gruppe. Es geht um die Zeiten, in denen sie allein ist: wenn sie zu Wettkämpfen fährt oder ihre langen Läufe macht.«

»Aber gerade bei Wettkämpfen ist man doch nicht allein. Eher das Gegenteil!«

»Sie sprechen von den Rennen selbst? Das schon, ja. Denken Sie aber auch an das Vorher und Nachher: an die Anreise, die Fahrten zum Hotel, zum jeweiligen Veranstaltungsort, das Training in einer fremden Stadt …« Wie von Mitleid übermannt, seufzte Eichelscheid auf. »Spitzensport kann ein einsames Geschäft sein.«

»Die meisten Athleten«, sagte Harboth, »sind mit einem Manager oder einer anderen Bezugsperson unterwegs. Bei der Glück war das früher auch der Fall, aber inzwischen …« Seine Mundwinkel schnellten auseinander. »In manchen Dingen hat sie ihre eigenen Vorstellungen, unsere liebe Katinka.«

Innerlich stöhnte ich auf. Wenn mir der Metropolmister noch einmal seine Reißzähne zeigte, würde ich die Flucht ergreifen. Harboths Zahnarzt kam wohl günstig an Bleichmittel.

»Ja«, sagte ich. »Frauen sind manchmal so. Männer auch. Wie war das mit den langen Läufen?«

»Lange Läufe?«, stutzte Dr. Eichelscheid. Dann nickte er. »Richtig. Beim Marathontraining stehen natürlich auch Einheiten von zwei oder mehr Stunden auf dem Programm. Frau Glück läuft bevorzugt im Wald, und das sollte sie in nächster Zeit nicht ohne Begleitung tun.«

»Wenn ich 100 Meter am Stück renne, kriege ich einen Herzinfarkt.«

»Sprachen Sie nicht eben von einem Fahrrad?«

»Ach so, ja.« Ich kratzte mich am Kopf. »Das wäre möglich.«

»Sehr gut«, nickte Harboth und rückte demonstrativ seine Schreibtischuhr zurecht. »Dann lassen Sie uns zusammenfassen …«

»Gern. Aber könnte ich vorher noch mal so einen Grippetee bekommen? Mit Brausetabletten?«

Er nickte und gab die entsprechenden Anweisungen durch. Dann wiederholte er, was Dr. Eichelscheid bereits als meinen Aufgabenbereich umrissen hatte: die Läuferin begleiten, ihr Sicherheit vermitteln, die Augen offenhalten, Verdächtiges melden.

»Sollte der Unbekannte wieder auftauchen«, schloss Harboth, »finden Sie heraus, wer er ist und was er will.«

»Aber rechnen Sie nicht damit«, sagte Eichelscheid. »Das war bestimmt nur ein harmloser Spinner, der mal sehen wollte, wie eine Olympiateilnehmerin so wohnt. Wie dem auch sei, hier haben Sie einen Plan mit Frau Glücks Terminen für die kommenden drei Wochen.« Er reichte mir ein mehrseitiges Dokument. »Wann und wo wir Sie brauchen, ist jeweils vermerkt.«

Ich überflog die Papiere. »Sie weiß jetzt schon, dass sie am Donnerstag in drei Wochen zweieinhalb Stunden durch den Wald joggen wird?«

»Ihr Trainingsplan steht im Grunde schon bis zu den Spielen fest.«

»Das nenne ich mal durchstrukturiert«, brummte ich.

Hätte ich es nur bleiben lassen! Harboths Vorzeigegebiss bleckte sich wie von selbst – vermutlich, weil er mich für das Gegenteil von durchstrukturiert hielt, und das zu Recht. Oder es lag an dem Thema, das er als Nächstes anschnitt. »Apropos«, grinste er. »Wir haben noch nicht über die finanzielle Seite unseres Arrangements gesprochen.«

»Weltklasse aus der Region«, sagte ich. »So lautet mein Motto. Deshalb sind auch meine Honorare Weltklasse.«

3

Dass mein neuer Auftrag überall und ausnahmslos auf Zustimmung stieß, hätte mich stutzig machen sollen. Mein Freund Fatty etwa meinte, wenn das keine ruhige Kugel sei, die ich da zu schieben hätte, dann wisse er auch nicht mehr – und er musste es wissen, sieht er doch selbst aus wie eine Kugel, eine superruhige. Auch meine Kneipenkumpane nickten die Sache ab; die einen, weil man da so viel an die frische Luft kam, die anderen, obwohl man so viel an die frische Luft kam. Sogar Christine, meine Ex, mit der ich unerklärlicherweise wieder zusammenlebte, hatte nichts gegen die Harmlosigkeit des Auftrags einzuwenden, und als sie erfuhr, dass Katinka Glück zwar jung, attraktiv, durchtrainiert und intelligent (um nur einige der ihr nachgesagten Attribute zu verwenden), aber auch verheiratet und zweifache Mutter war, hob sie endgültig den Daumen.

»Sie ist nicht jung«, widersprach ich. »Sie ist 33.«

»Jünger als ich.«

»Die paar Jährchen! Und seit wann sind Marathonläuferinnen attraktiv? Maximal 50 Kilo, keine Brust, keinen Hintern, dünne Ärmchen … Moment, Christine, das waren deine eigenen Worte, als wir mal zufälligerweise in eine Übertragung reinschalteten!«

»Stehst du etwa auf vollbusige Kanonenweiber?«

»Nee.«

»Na also.«

Ich schwieg. Keine Ahnung, worauf ich stand. Im Geist ging ich die mir bekannten Leichtathletikdisziplinen durch, um sie nach ästhetischen Gesichtspunkten zu sortieren. Kugelstoßen und Diskuswurf ins Kröpfchen, so viel stand fest. Sprinterinnen waren okay, Hürdensprinterinnen noch besser, wegen der zusätzlichen Eleganz. Weitsprung? 400m-Lauf? Zehnkampf?

»Ich weiß nicht … Wie heißt noch mal das Ding mit der Stange?«

»Staffellauf?«, schlug Christine vor.

»Mit der Riesenstange.«

»Stabhochsprung.«

»Wie sehen Stabhochspringerinnen aus? Gelenkig wahrscheinlich.«

Christine zuckte die Achseln. Katinka Glück hatte Familie, das genügte ihr. Ob sie in ihrer Freizeit mit irgendwelchen Stäben hantierte, interessierte sie nicht.

»Vielleicht hat der olle Eichelscheid noch eine Stabhochspringerin im Angebot«, sagte ich. »Fragen kann man ja.«

Dazu gab es jedoch vorerst keine Gelegenheit. Als ich an einem windigen Februarvormittag zum ersten Mal vorm Haus der Glücks in Ziegelhausen eintraf, parkte da ein Smart mit reichlich Werbeaufschriften, aber kein Gefährt, das zu dem gemütlichen älteren Herrn mit dem Haarkranz gepasst hätte.

Ich stieg vom Rad und zog die Handschuhe aus. Der lange Anstieg vom Neckar hatte mich ins Schwitzen gebracht. Wie von Eichelscheid und Harboth bereits angekündigt, war Katinkas Haus das letzte einer von Schlaglöchern übersäten Straße, die in einer Wendeschleife endete. Um das Gebäude lief ein schmaler Grünstreifen, gleich dahinter begann der Wald. Die Häuser stammten allesamt aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren, sie waren weder besonders schön noch besonders groß, dafür ohne überflüssigen Firlefanz. Zwei Stockwerke, ein Satteldach, hinten raus wahrscheinlich eine Terrasse, fertig. Im Vorgarten waltete ein gewisses Laissez-faire-Prinzip, das sommerlichen Wildwuchs vorausahnen ließ. Neben einem blattlosen Strauch lag ein umgekipptes rotes Bobby-Car.

Bevor ich läuten konnte, wurde die Tür geöffnet. Ich sah Katinkas ausgestreckte Hand und hörte sie sagen: »Dr. Eichelscheid kommt nicht. Er hatte einen Unfall. Wir müssen uns also ohne ihn beschnuppern.«

Beschnuppern?

So konnte man es natürlich auch nennen. Schön, dass Katinka Glück auf das übliche Hallöchen-Blabla verzichtete. Lieber gleich mitten rein in das Hier und Jetzt unserer Geschäftsbeziehung! Auf zum Beschnuppern!

Andererseits: Woher wusste sie, dass es sich bei mir um ihren zukünftigen Aufpasser handelte? Und nicht um den Stromableser? Sah man mir den Privatermittler an der Nase an?

»Das Bobby-Car auch«, sagte ich, ihre Hand schüttelnd. Und, als sie fragend blickte: »Einen Unfall, meine ich. Wie geht es dem Herrn denn?«

»Blechschaden. Ihm ist nichts passiert. Duzen wir uns?«

»Gern.«

»Schön. Dann lass uns gleich losziehen.«

Ich machte eine Geste, die zu einem Viertel aus Nicken bestand und ansonsten aus dummem Gesicht. Vielleicht war die Verteilung auch etwas günstiger, es spielte aber keine Rolle. Denn Marathonläuferin Katinka Glück war schon wieder im Haus verschwunden. Ich glotzte sozusagen gegen die Leere im Türrahmen. An diese Art der Kommunikation musste ich mich erst noch gewöhnen. In sportlichen Kategorien ausgedrückt, hatte sie eher etwas von Sprinttraining. Kurze Antritte statt langer Dialoge. Lass uns losziehen! Klar, ich war ja nicht zum Brunchen hier. Fünf Sekunden vorm Haus mussten reichen, fürs Beschnuppern und für alles andere. Ziehen wir los! Könnte ja dunkel werden, in sechs Stunden oder so.

Schon füllte sich der Türrahmen wieder. Katinka Glück stand in Sportklamotten vor mir. Sie war mittelgroß und brünett, hatte eng zusammenliegende grüne Augen und ein Gesicht, in dem sich keine Spur von den fröhlichen Dingen fand, die ihr Nachname versprach. Das einzig Lustige an dieser Frau war ihre Bubifrisur. Sie hätte als Studentin in den Anfangssemestern durchgehen können. Wenn sie nicht die ganze Zeit so ernst dreinblicken würde.

»Ziehen wir los«, grinste ich.

Wie hatte sie es nur geschafft, so schnell wieder aufzutauchen? Statt in Jeans und Pullover nun in roter Windjacke, langer schwarzer Laufhose und Sportschuhen. Dazu in der Rechten ein Stirnband und dünne Handschuhe. Entweder hatte Katinka die Sportsachen unter ihrer Alltagsmontur getragen, oder sie wusste um das Geheimnis einer neuen, extrem effizienten Art des Umkleidens. Wortlos nahm sie einen Schlüssel von einer Leiste und schloss die Haustür hinter sich. Zweimal drehte sie den Schlüssel im Schloss, bevor sie ihn in einer winzigen Tasche neben dem Reißverschluss ihrer Jacke verstaute.

»Wohin geht’s?«, fragte ich.

»Hier lang.« Sie zeigte zum Ende der Straße. »Wir laufen meine übliche Runde.«

Wir?

Einen Moment lang fürchtete ich, sie würde mir verbieten, mich aufs Rad zu schwingen. Was sie natürlich nicht tat, sie war ja informiert. Andererseits hatte ich so oder so den Schwarzen Peter gezogen. Warum musste die Frau auch in Ziegelhausen wohnen? In einem Lindwurmtal, das sich immer höher in den Odenwald schraubte? Von hier aus gab es nur eine Richtung: bergauf. An Hängen entlang, über Kuppen und Kämme, durch tief eingeschnittene Hohlwege oder schmal sich windende Waldpfade bis ins nächste Tal. Oder auf den breiten, allmählich ansteigenden, dafür äußerst kurvenreichen Forststraßen. Mehr als 400 Meter betrug der Höhenunterschied zwischen dem Neckar und den Odenwaldgipfeln.

Hinter der Wendeschleife stand eine Schranke, und hinter ihr begann ein Waldweg. Katinka lief vor, ich folgte. Die Steigung war mäßig, auf dem Boden lag feiner Splitt. Nach einigen 100 Metern bog sie rechts ab. Unter uns spitzten die Dächer ihrer Straße durch die kahlen Bäume. Im Süden waren die Funktürme auf dem Königstuhl zu sehen. Katinka lief gleichmäßig und ohne Anstrengung, ihr Oberkörper bewegte sich kaum. Das schwarze Stirnband bedeckte ihre Ohren. Mit ein paar kräftigen Tritten schloss ich auf.

»Anderthalb Stunden«, sagte ich. »So steht es in dem Plan, den ich bekommen habe.«

Sie nickte.

»In diesem Tempo?«

»Ist okay. Auf der zweiten Hälfte beschleunige ich ein bisschen.«

Beschleunigen? Klar, wir waren ja gerade mal zehn Stundenkilometer schnell. Wenn auch nur geschätzt, denn ich besaß keinen Fahrradcomputer. Christine hatte mir mal einen geschenkt, aber der war kaputt. Vielleicht musste ich bloß die Batterie wechseln. 10 km/h, und das bergauf. Die Blätter des vergangenen Herbsts raschelten unter meinen Reifen.

»Ist der Spanner noch mal aufgetaucht?«

»Nein.«

Pause. Bräunlich-violett leuchteten die Stämme der entlaubten Bäume. Dunkle Schatten kündigten Nadelholz an, dann wieder blinzelte der Winterhimmel durch die Wipfel.

Katinka sah beim Laufen stur geradeaus. Was ging wohl in ihrem Kopf vor, wenn sie trainierte? Dachte sie überhaupt etwas? Lief sie sonst mit Musikbeschallung, zählte sie ihre Schritte, achtete sie auf ihre Atmung?

Nicht, dass mich all dies großartig interessiert hätte. Aber irgendetwas fragte man sich halt, während die Minuten verstrichen und nichts von Bedeutung passierte.

»Was war das für ein Unfall, den Dr. Eichelscheid hatte?«

Sie schwieg. Erst dachte ich, sie hätte die Frage nicht verstanden oder nicht genug Luft, um sie zu beantworten. Aber als sie schließlich sprach, klang sie so entspannt wie zuvor.

»Ein Auffahrunfall, sagt seine Sekretärin. Ich habe kurz überlegt, wer da wem hintendrauf gefahren ist. Das erwähnte sie nämlich nicht, und ich ging ohne nachzufragen davon aus, dass Eichelscheid in dem vorderen Wagen saß.«

»Aber vielleicht war er es auch, der dem anderen ins Heck gerauscht ist.«

Zum ersten Mal sah ich so etwas wie ein Lächeln über ihr Gesicht huschen. Na also! Ging doch.

»Rauschen? Nein«, erwiderte sie. »Leute wie Friedemann Eichelscheid halten sich an absolut jede Geschwindigkeitsbegrenzung, bremsen vor jedem Zebrastreifen und fahren niemals schneller, als der ADAC empfiehlt. Da wird nicht gerauscht.«

»Ein Friedemann in jeder Beziehung. Unter so einem Abteilungsleiter möchte man ja arbeiten.«

»Meinst du? Vielleicht fällt es einem bei Tempo 30 ja leichter, ein Dutzend Mitarbeiter zu entlassen.«

Ich schwieg, weil der Weg steil anstieg. Um mit Katinka mithalten zu können, musste ich aus dem Sattel gehen. Wir erreichten einen Höhenzug zwischen Ziegelhausen und dem weiter östlich gelegenen Kleingemünd, dem wir nach Norden folgten. Dann ging es kreuz und quer durch den Odenwald, bis ich die Orientierung komplett verloren hatte. Hin und wieder verrieten mir Wegweiser ungefähr, wo wir uns befanden. Irgendwann begann es leicht zu regnen.

Auf einer Bergabpassage fuhr ich vor, um mir eine Regenjacke überzuziehen. Außerdem Mütze und Handschuhe. Katinkas Lauftempo mochte überdurchschnittlich hoch sein; mir wurde trotzdem kalt dabei.

»Wo sind deine Kinder jetzt? Im Kindergarten?«

»Kindergarten und Krippe.«

»Und dein Mann? Was arbeitet er?«

»Grundschullehrer.«

»Also kann er dich beim Training nicht begleiten?«

Sie warf mir einen kurzen Seitenblick zu. »Vielleicht möchte er auch gar nicht.«

»Hast du keinen Manager?«

»Ich hatte einen. Mit dem gab es Ärger. Jetzt habe ich keinen mehr.«

»Und du trainierst immer allein? Gibt es in deinem Verein niemanden, der dein Tempo läuft?«

»Keine Lust.« Sie merkte, dass sie sich missverständlich ausgedrückt hatte. »Ich bin es, die keine Lust auf Begleitung hat, verstehst du? Ziehe mein Ding lieber allein durch.«

»Oh, sorry, und jetzt quatsche ich auch noch die ganze Zeit.«

Sie schwieg. Danke, das war Antwort genug. Ich weiß, dass ich manchmal einen Satz zu viel sage, und es gab schon eine Menge Situationen, in denen ich mir hinterher wünschte, das Maul gehalten zu haben. Aber war es gescheiter, sich 90 Minuten lang gegenseitig anzuschweigen? Sprach sie wenigstens zu Hause mit ihren Kindern?

Gut, schwiegen wir halt. Eine Weile fuhr ich voraus und wartete an der nächsten Kreuzung auf sie. Der Regen wurde stärker.

»Es war nicht meine Idee, dich einzuschalten«, sagte sie, als wir wieder auf gleicher Höhe waren. »Wenn ich unterwegs bin, habe ich keine Angst. Harboth und Eichelscheid meinen, es mit der Fürsorge ja immer gleich übertreiben zu müssen.«

Jetzt war ich es, der auf einen Kommentar verzichtete. Wenn ihr meine Anwesenheit lästig war, brauchte sie es nur zu sagen. Ich würde ganz sicher nicht auf Erfüllung des Vertrags bestehen. Es gab angenehmeren Zeitvertreib, als sich im Februar auf 400 Metern Meereshöhe nass regnen zu lassen.

»Nun schau nicht so beleidigt«, hörte ich sie sagen.

»Ich bin nicht beleidigt.«

»Sondern?«

»Ich friere. Du nicht?«

»Nö. Das Zeug ist wasserabweisend.« Sie sah auf ihre Uhr. »Männer frieren immer. Los, hier lang!«

Sie zeigte nach rechts. Der Weg, der sich dort den Hang hochschlängelte, war verdammt steil und verdammt schmal. Meinte sie das ernst? Ich fuhr ein Rennrad und kein Mountainbike!

»Was ist?«, rief sie mir über die Schulter zu, schon einige Meter voraus. Und grinste dabei, ich hatte es genau gesehen! Ich nahm Schwung, schloss rasch auf, doch es gelang mir nicht, an ihr dranzubleiben. Der Weg war zu steil. Während sie die Bergziege spielte, machte ich einen auf Nilpferd. Krümmte den Rücken, schnaufte, fletschte die Zähne. Nicht gerade der Lance-Armstrong-Stil, aber Lance Armstrong kannte den Odenwald nicht. Der Regen peitschte mir ins Gesicht. Unter den Achseln und zwischen den Schulterblättern sammelte sich Flüssigkeit. Ich wog keine 70 Kilo, aber jedes einzelne war zu viel in diesem Moment.

»Und? Immer noch kalt?«, fragte Katinka oben. Sie hatte nicht auf mich gewartet, sondern war einfach weitergelaufen, ohne sich umzusehen. Wenn ich auf halber Strecke vom Rad gefallen wäre, hätte sie es vermutlich nicht einmal gemerkt. War ja nur ihr Begleiter, der da im Schneeregen von Ziegelhausen sein Leben aushauchte.

»Kalt?«, keuchte ich. »Mir ist so warm, ich könnte ein komplettes Einfamilienhaus heizen.«

»Gut, dann hängen wir noch einen Schlenker dran. Komm, leg einen Zahn zu!«

Sie beschleunigte. Es schüttete, es war bitterkalt, der Odenwald zeigte sich von seiner allermiesesten Seite, aber Katinka Glück hängte freiwillig noch einen Schlenker dran. Vor dem Regen war keine Rede von Schlenkern gewesen. Vielleicht kam sie nur bei Sauwetter auf solche Gedanken.

Masochismus?

Oder doch Sadismus, ausgelöst durch einen unerwünschten Beschützer, der auf zwei Rädern gerade mal so schnell war wie sie auf zwei Beinen?

Ich beschloss, die Frage zurückzustellen: bis ich Katinka etwas besser kannte. Vorerst war ich heilfroh, mir nach zwei Stunden Training und einer entsetzlichen Talfahrt durch Ziegelhausen bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt keine Lungenentzündung geholt zu haben. Genau genommen empfand ich es als Wunder. Ein Wunder, das nur durch ein anderes, noch größeres in den Schatten hätte gestellt werden können: wenn Katinka mich zum Abschied auf einen Tee mit Schnaps hereingebeten hätte.

Aber das tat sie nicht. Und der Schnaps war dabei das kleinste Hindernis, nehme ich an.

4

Eine Woche und zwei Trainingseinheiten später schüttelte mir der Oberbürgermeister höchstpersönlich die Pranke. Er galt als ambitionierter Hobbyläufer, der beim Heidelberger Halbmarathon den Startschuss abfeuerte, bevor er sich, volksnah und imagebewusst, unter das losstürmende Feld mischte. Wäre ein gewisser Max Koller jemals vor ihm ins Ziel gekommen, hätte er mit meinem Namen womöglich etwas anfangen können. So aber stand er ratlos grinsend vor mir, bis ihn Harboth, der Metropolfritze von der Säbelzahntigerfraktion, raunend mit den nötigen Informationen versorgte. Der OB war sofort im Bilde; natürlich hatte er von Katinkas Problemen gehört, und natürlich hängte er sie nicht an die große Glocke.

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