Die Essenz der Brombeere - Franziska Trenkle - E-Book

Die Essenz der Brombeere E-Book

Franziska Trenkle

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Beschreibung

Eine Amour fou zu einem beunruhigend distanzierten Mann. Die Selbstbeobachtung einer Frau, die gewissenhaft notiert, wie ihr Körper auf Nahrungsverweigerung reagiert. Begegnungen mit Menschen – im Zug, auf der Party, auf dem Land, in anderen Ländern. Franziska Trenkle erzählt in "Die Essenz der Brombeere" zwei Dutzend Geschichten, von denen einige zusammenhängen, bei anderen bleiben die Verbindungen im Vagen. Immer aber zeichnen die literarischen Miniaturen faszinierende und manchmal verstörende Bilder der menschlichen Existenz, erzählen von einer Frau, die scharf beobachtet – sich selbst und andere. Einer Frau, die in ihrer eigenen, bildreichen Sprache denkt und schreibt, die sich oft fremd unter den Menschen fühlt und doch dem Leben tief verbunden ist.

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2019

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INHALT

IMPRESSUM

AUßENHAUT

DIE ESSENZ DER BROMBEERE

ZWEISIMMEN

FORTSETZUNG

FULDA

ALS MEIN KÖRPER DIE ANGRIFFSFLÄCHE BOT

LINDGREN

STRETCHING IM HOF

WANDERN MIT VATER

FLIEGENGEWICHTE

PRAKTISCHE ÜBUNG

KONTAKTBLUTUNG

LAVENDER HILL

MEIN ERSTER PORNO

MIT RENÉ IN RONCO

HOCHZEIT IN ENGLISH

SONNTAGSBRATEN

SCHENKKREIS

POLYAMORY

ADEN – LIEBESGESCHICHTE AUF PAKISTANISCH

STEWART LANE IN CHINA

TIAN

SICILY

OLINKA – GESCHICHTEN AUS DER SOWJETUNION

IMPRESSUM

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2019 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99064-591-8

ISBN e-book: 978-3-99064-592-5

Lektorat: Susanne Schilp

Umschlagfotos: Razvan Ionut Dragomirescu, Kateryna Ovcharenko | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

AUßENHAUT

Nildar verschwindet im Badezimmer und damit in seine Privatsphäre, die ich immer heiliggehalten habe – wie gleichermaßen umgekehrt –, nachdem er mich kurz zuvor getragen hatte wie ein Junges.

Vor gegenseitigen Übertretungen in des anderen abgesteckten Bereich hüteten wir uns, passten auf, als handle es sich um Verhütung. Und wenn ich aus Naivität, einfach weil ich mir nicht vorstellen konnte, warum etwas schon Sperrzone sei – z. B. sich an Weihnachten zu treffen oder ein Geschäftsessen abzukürzen, horribile dictu den Nachtisch zu meinen Gunsten fallenzulassen –, auf die zarten Zwiebeln innerhalb der Umzäunung trat, äußerte sich Nildar genau dann dazu, wenn offen an die Wand gestellt und mit der flachen Hand auf dem Brustkasten dagegengehalten wurde. Was sehr unangenehm war für uns beide, da er von seinen überkommenen Lebensregeln kein Jota abgewichen wäre. Und da ich auf dem Terrain „Forderungen stellen“ immer äußerst unsicher zitterte, sobald Liebe sich eingenistet hatte, bedeutete solches Nachfragen und Begründethabenwollen gleichzeitig akute Selbstverletzung, leider unvermeidbares Harakiri.

Ich war es schon gewohnt, gehoben und eine kurze Strecke mitgetragen zu werden, bevor ich in der Regel abgelegt und ausgewickelt wurde. Erst als er mich hält, mich quasi sitzen lässt auf Unterarmen würdig eines Meisterarmdrückers, fällt mir sein total unübliches Rückenweh wieder ein, welches er erwähnt hatte. Etwas Schmerzverzerrtes blickt an mir hoch. Dieser Mann wird zwei senkrechte Stirnfalten entwickeln, gegen die weder Kraut noch Gift gewachsen ist. Meine Lektion während dieser ganzen Niedergangs-Phase ist, dass was man loslässt, allenfalls nicht wiederkehrt. Doch wie könnte ich nicht loslassen, was ich leben sehen will. Wir befinden uns in einem länglichen, großzügigen Raum und während ich mich mit Nildar nahe beim verhangenen Fenster aufhalte, sitzen meine Eltern im Hintergrund am Stuben- oder Küchentisch und mischen sich nicht ein, wirken zudem wohlwollend. Sie sitzen da wie für ein Gemälde, etwas breitbeinig und dem Betrachter, also mir, zugewandt. Genau genommen sitzen sie vor dem Tisch und nicht am. Gerade bequem genug, um einfach nur zu sitzen, Handflächen nach oben in den Schoss gelegt. Stimmung von ihrer Seite her nicht gespannt, auch nicht zwischen den beiden, sondern einvernehmlich, wahrscheinlich da bereits tot. Im Unterschied zu einem dieser niederschlagenden amerikanischen Portraits, auf denen die Personen auf den einfachsten Stühlen, in den einfachsten unifarbenen Kleidern sitzen und einem mit der ganzen Erbärmlichkeit des Lebens in den Augen staubig anblicken, sendete der Blick meiner Eltern Hilfsbereitschaft aus, ohne aus seiner Stummheit hervorzutreten.

Nildar verschwindet im Badezimmer, um sich seines Rückens anzunehmen. Schien und scheint mir passend, bei körperlichen Malaisen jedweder Art im Badezimmer wie in ein Kurhaus zu verschwinden, um erst einmal einzig sich selbst an sich selbst heranzulassen. Während ich in die Schule müsste, um eine Lektion abzuhalten, die jedoch später beginnt – ein vollkommen unüblicher Umstand – und demzufolge auch nur eine knappe Stunde dauert. Die Eltern blicken verständnisvoll. Mich stört bei dieser Aussicht einzig, dass ich noch einmal wegmuss, nicht dass es bereits Nacht ist oder draußen alles feucht, es von den lederartigen Blättern tropft. Auch scheint es nicht walbauchfinster zu sein, eher wie anhaltendes Dämmerungslicht, als lebten wir auf einem anderen Planeten, mit verzögerter Umlaufbahn vielleicht oder kleineren Sonnen. Ich wäre ohne weiteres bereit gewesen, jetzt und auf der Stelle mit Nildar zu schlafen, sozusagen um den Akt vollbracht zu haben; um ein Quäntchen Realität mehr in mir zu haben, alsdann hätten sich Atome von Echtsein in mir aufgehäuft, die sich vielleicht zueinander hingezogen gefühlt hätten wie Eisenpartikel, sich zu einem Kristall gebildet hätten, den ich hätte hüten dürfen. Nicht umsonst nennt sich solches Erinnerungsschatz.

Plötzlich übersiedet es mich heiß und nass, rinnt an mir herab wie Nachtschweiß, an dem Tropenfalterflügel kleben bleiben, fühle ich mich wie aufgejagt nach tiefem, bohrendem Schlaf, denke nämlich, dass Nildar womöglich nicht mehr aus dem Badezimmer auftaucht, entweder bereits verschwunden ist oder sich innerhalb des Badezimmers aufgelöst hat, durch den Badewannenabfluss gespült wurde mitsamt Säure; Knöchelchen wie Schädel alles denselben Weg. Das geht mir im Traum durch den entzündeten Kopf, während ich – gleich einer Ermittlungsbeamtin – seine Habseligkeiten, Siebensachen, fahrig durchkämme, doch alles, was ich finde, sind Rasierklingen nebst einer angebrochenen Packung Kondome. Würde er solches einfach zurücklassen? Warum sind Männer-Kulturbeutel so eintönig? Wie ist ihm die Ausflucht ins Badezimmer gelungen? Stand ich doch gerade nicht unter der Wahrnehmung, dass ich auf ihn hätte aufpassen sollen – was ich sowieso lieber einmal passiv erlebt hätte: wie auf mein Dasein aufgepasst wird –, denn eigentlich war abgemacht und ich spürte es an der Ausrichtung der Luft, dass wir nachher miteinander schlafen würden. Ich würde wieder seine Finger in mir spüren und sie zusammenpressen. Solches Liebesspiel hatten wir uns nie vorenthalten, deshalb hätten wir diesbezüglich kaum Mätzchen gespielt. Nildar bezeichnete mich stets als gefügig, ein Wort, das einzig bei ihm, so schien es mir, keinen machistischen Beigeschmack verbreitete, ja, mir erstaunlicherweise gefiel, denn ich wollte unter allen sexuellen Umständen gefügig sein, war geradezu erpicht darauf wie ein begeisterter Welpe, wenn es ans Spielen auf der Wiese ging. Manchmal gebrauchte Nildar auch den Komparativ, gefügiger, als hätte ich mich noch steigern können.

Schöne Tage in Katalonien verlebten wir beide – gleichsam unser Arkadien –, kann hier ohne Mühe sagen „wir“, Nildar zeigte damit keine Probleme, ja, benutzte es, selten zwar, aber selber. Als ich nach einer Woche in dem städtebaulich großzügigen, raumverschwenderischen Teil Barcelonas ankam, in dem die Avenidas nur so strotzten und unser Fin-de-siècle-Hotel gleich zwei Straßen für sich reklamierte, mit prunkigen Eckerkern sich hervortat, gleichsam an die Brust schlug, hatte Nildar sich im Bett und in der Stadt bereits eingenistet, alle Laken und Kissen ausgiebig zerwühlt und zerknittert, den Schmutzige-Wäsche-Koffer mit weißen Stoff- und Baumwollhemden unordentlich befrachtet. Zimmerreinigung ließ er nur während meiner Anwesenheit sowie aufgrund meines Begehrens zu, ansonsten wies ein Schild an der Tür stets darauf hin, ihm mit seinen Sachen den geheiligten Frieden zu lassen. Vom Standpunkt der zurechtgemachten Diva aus hätte ich erwarten dürfen, vom stadtfernen Flughafen umarmend abgeholt und in die Stadt geleitet zu werden, aber gewiss doch fand ich, wieder zurechtgeschrumpft in meine Billigjeans samt Ballerinas, den Weg auch alleine mithilfe einer selbst recherchierten Adresse und Straßenkarte, nachdem mich Nildar dem Sonnenstand, den Himmelsrichtungen sowie einem Hotelnamen hatte überlassen wollen, um so ausgerüstet als vermeintliche TickTrickundTrack oder Großtadtpfadfinderin beim ersten Anlauf und ohne Irrlauf bis zu ihm vorzustoßen. Äußerst bald jedoch schloss ich sein kleines Hotelzimmer ins Herz, das selbst in einer Ecke untergebracht schien und über eine Brüstung weit mehr als einen Balkon verfügte; besonders die stets offenstehenden Fenstertüren, die mir das Meer mit schwacher Brandung näherbrachten nebst abgerissenen Nachbarsgesprächen, in dem morgendlichen Halbschlummer, der mir zu dem Zeitpunkt zu eigen war, bereits alles registrierend bei physischer Immobilität. Davon einmal abgesehen muss von durchaus mobilen Tagen die Rede sein, Nildar erhob sich für seine Verhältnisse früh, wenn auch, was das Wachsein betraf, meinem stundenlang hinterherhinkend. Selbstredend – denn üblicherweise gingen wir morgens einer Arbeit nach und hatten uns früh aufweckend-erwachend erst gerade spätnachts ausgekostet – übten wir für einmal Liebe am Vormittag aus; Gelegenheit schafft Liebe. Ich lag wie am Strand, wenn auch leicht fröstelnd, mit angezogenen, dadurch schlanker wirkenden Beinen und blätterte in dem Führer hin und zurück. Ich hatte keinerlei Ungeduld oder Absicht, Nildar wachzuwünschen, dennoch schien er meine geistige Funkbereitschaft zu spüren, meine akute Hirnschärfe, die andere Wellen sendet als ein schlafendes Kind. Auch hatte ich bereits geduscht und musste nur unter dem hoteleigenen, etwas kratzigen Badetuch ergattert werden, was seinen männlichen Händen keine Mühe bereitete, sowieso nichts wäre ich lieber entgegengekommen als diesen Fingern und unzerbrechlich wirkenden Handgelenken, die ich gerne überall in, an und auf meinem Körper gehabt und darüber hinaus jede weitere verfügbare Präposition wie ebenso Position zugelassen hätte in Bezug auf denselben; jederzeit. So lag ich im Nu nackig da und ließ mich freudig auf ihn ziehen, der eine gute Unterlage abgab für eine ganze Lektionsdauer, solid und warm und fest. Mein zu diesem Zeitpunkt stets leicht unterkühlter Körper wäre noch so gerne in seinen hineingeschlüpft, so erkundete ich alles nach Nischen und Durchgängen, mich dabei anschmiegend, als gelte es, zwei Blätter zusammenzukleben. Auf seine kommende Erregung war ich richtig stolz, als wäre dies allein mein Eigentum und selten Kostbares, ich drückte mich gegen seinen Unterleib, um nichts zu verpassen, kam dabei im Gegenzug praktisch zum Orgasmus, ohne dass ich es hätte erwarten können, den ganzen Menschen, nicht bloß seinen Penis in mir zu spüren. Vielleicht liebte ich ihn auch deshalb so, weil ich mich gedankenlos gehen lassen konnte wie sonst bei nichts und niemandem. Mich in seiner körperlichen Gegenwart für etwas zu schämen oder wegen einer Sache zu genieren, lag mir ferner als dem Kind der Gedanke, nicht zu spielen. Lust lag stets verborgen in einem barocken Kästchen hinter meinem Bauchnabel und es brauchte der Knopf nur gedrückt zu werden, worauf das Schloss aufschnappte. Bevor Nildar in mir kam und ich mich auf dem Rücken platzierte, meistens, zog er immer selbst ein Kondom über, wogegen ich nichts hatte, außer dass es beträchtlich zu lange dauerte und ich mir zum weiteren Ausmalen mit meinen Gedanken aushelfen musste, die ganze Abläufe und Zyklen zehnfach vorwegnahmen und durchspielten, bis Nildar endlich meine Schenkel aufklappte und in meiner Scheide vorwärtskam, die ihn sogleich mit allen Mitteln einvernahm wie die Lippen eines Säuglings, den man schließlich nach langem Schreien stillte.

Tagsüber widmeten wir uns dem Strandleben, fasziniert davon, wie ich war, wenn eine Stadt über ihr eigenes Meer mitsamt Badestrand, Badetüchern, Badenixen, Nackedeis, Strandbars und Erdbeerverkäufern verfügte. Baden am Meer war für mich bis dahin mit Provinz verhängt, denn Städte spielten sich im Hinterland ab. Nie hätte ich gewagt, diese provinzielle Vorstellung einer Weltgeographie meinem Weltreiser darzulegen, der alles schon gesehen hatte und überall schon gelandet und von so und so vielen menschlichen Zungen beleckt worden war. In mir dagegen waltete immer noch die kindliche Einbildungskraft, die sich ihre Welt aus Schulferien, Jugendbüchern und Schlüsselerlebnissen zusammengeklaubt wie -geklebt hatte und die nie modernisiert worden war, vielmehr im Russland des 19. Jahrhunderts sowie in weiteren, fabelhaften Romanen sich auskannte und behaglich fühlte. Daher stammt auch meine Sprache, die sich weniger um alle aus dieser gefertigten Wissensgerüste und Fachgebäude kümmert, dafür ganz stark und sehr mütterlich um sich selbst kreist. Wohl auch deswegen verfolgte mich im Unterschied zu Nildar stetes Staunen ob all den Straßen-, Häuser- und Gasseneindrücken, die sich vor uns auf dem Weg zum Strand auftaten, den Blick nach oben geheftet, eine Folie über die Fassaden ziehend, um ein Negativ oder Relief davon mit nach Hause zu tragen im prallen Gedächtniskoffer. Meine Rezeptoren waren unentwegt zu befriedigen, ein Kinderspiel für eine Stadt dieser Kultur- und Güteklasse. Auch war ich durchgängig begeisterungsfähig, ja, durchfuhr mich Aufregung wie ein Hochhausaufzug bei jeder schmucken Fassade, sei diese nun plakettengeschmückt oder bar. Meiner Orientierungsunfähigkeit ist es ferner zu danken, dass mich ein Gebäude mindestens von vier Seiten aufs Neue zu faszinieren vermag, bevor die Wiedererkennung Mäßigung fordernd eingreift. Als ein gesunder Menschenverstand streifte ich nie durch fernes Land, dazu hatte ich meinen Pfadfinder bei mir, der regulierte, wenn nötig, erklärte, bildete, verglich. Um wie viel fröhlicher aber war ich, der keine Vergleiche zur Verfügung standen, die so am einfachsten mit einer Simplicissimusperspektive in Superlativen schwelgen konnte: das schönste Haus, die blumigste Fassade, der prächtigste Platz.

Ein Plätzchen am Strand sich einzuverleiben war, noch im September, eine Aufgabe für Fortgeschrittene. Wir schafften es nur mit der Dreistigkeit der Fremden, so viel Sand unter unsere Tücher zu bekommen, wie ihre genauen Ausmessungen erforderten. D. h. wir mussten Mädchen- und Frauen- und Männerpopos aller Schattierungen, die sich in unmittelbarer Nähe vor unseren Augen erhoben und setzten, in Kauf nehmen. Auch vermochten die gelbgrünrosa Bikinis die durchschnittliche Fleischfülle nicht zu fassen und also hängte und schwabbelte und überquoll es ein ums andere Mal auf dem Augen-Bildschirm in nächster Nähe. Selbst Nildars Körper, bei Tag betrachtet, bot keine Augenweide, abgesehen von dem Kunstturner-Zuschnitt, was die Muskulatur betraf. Eine Straße schwarzer Haare sprießte vom Bauchnabel bis zur Peniswurzel und verzweigte sich in der Folge die Beine entlangwuchernd, einzig ausgebremst von den Zehennägeln. Entschädigt für das enttäuschende Gesichtsfeld wurde ich jedoch im Überfluss, denn ach, wie liebte ich das Meer, ach, wie gern würde ich mich ihm ganz anvertrauen, es schien mir die beste Form von Wasser, das einzige Element, in dem wir uns zurechtfinden sollten; ein Wesen ohne Kiemen, der Beginn aller Degeneration. So schwammen Nildar und ich mehrfach hinaus, ich ließ ihn dann ziehen, der mit kräftigen Muskeln das Meer beackerte wie ein Mühlenrad. Wogegen ich lieber dümpelte, mich hinunterziehen ließ und wieder hochpaddelte, jede Ritze umspült vom salzigen Element, wie es meiner Haut und Nase genehm war. Ich kam mir vor wie in Flüssigsmaragd und wäre als Figürchen gerne konserviert worden unter einer dieser Plastikkuppeln mit Seetang und liebäugigen Fischelein, um von Patschhänden ein ums andere Mal auf den Kopf gestellt und von listigen Kinderblicken begutachtet zu werden. Zudem konnte ich mich im Wasser an Nildar hängen und ihn unter dem Meeresspiegel anfassen, so oft und wo immer ich wollte. Eine der Strandbars, in der Nildar wie üblich seinen Schwarztee zu sich nahm – was angesichts der Septemberabende, angesichts meiner Dünnhäutigkeit sowie angesichts der Meeresluft, die abseits der Sonne jahrein, jahraus Härchen zu stellen weiß, für mich einigen Sinn ergab –, wohingegen ich mich von innen nach außen mit alkoholischen Kalorien zu wärmen suchte, verfügte über keine zwei Tische, an denen ein und dieselbe Sprache gesprochen worden wäre. Mittendrin jedoch hielten wir unser Tischchen wie ein Inselreich besetzt und hätten Vorhänge rundherum gezogen werden dürfen. Es würde sich im Folgenden herausstellen, dass auch wir keiner gemeinsamen Sprache mächtig waren, um uns mitzuteilen, was wir uns bedeuteten, wir bedienten uns bloß der gleichen Wortbausteine wie Legoteilen. So statteten wir diesem globalen Café einen Besuch ab, nicht aber dem olympischen Teil der Strandpromenade, in dem hochmoderne Stahl- und Glasgebilde himmelweit herauskragen, dazwischen strömen die illegalen Nutten wie aus dem Holzgebälk vertriebene Kakerlaken hervor, um ohne Vorgeplänkel allen männlichen Gruppierungen sich aufzudrängen; vielleicht schaut bei dem einen ein Handy heraus, die Brieftasche des andern zeichnet sich ab über der linken Arschbacke, dort wo Männer ihr Geld locker sitzen haben und wer würde nicht erwarten von einer Frau dieses Gewerbes, dass sie einen Mann erfolgreich anzufassen versteht.

Als wir an einem Abend auf der Dachterrasse des Hotels uns – neben uns – das ganze Häuser- und Turmpanorama Barcelonas einverleibten, ich rittlings auf Nildar, so dass unser beider Augenpaare den Westen sowie Osten oder allenfalls den Süden sowie Norden – wie denn wüsste ich solches zu erkennen – zu Gesicht bekamen, die Türme der Sagrada neben den zahllosen Kränen ambitionierter Baustellen nicht minder futuristisch wirkten wie diese, ein sattblauer Abendhimmel zum Meer hinauszog, ich folglich alles, was mir zuinnerst war, greifbar nahe fühlte, gluckste die kleine Glücksquelle in mir übersprudelnd wie ein Vergnügungsbrunnen für Königinnen und deren Begleiter. Dem grenadineroten Drink, der aufmunternd wie in einem Traum selbstverständlich bereitstand, sprach ich von Zeit zu Zeit zu, wenn meine Zunge kurz von Nildar abließ. Als wir dann im Hotelbett endlich den Rest eingefordert hatten, schlief ich ohne Tücher und Leinen durch, bis morgens um vier Nildars Wärme meinen Körper erneut verlassen hatte und ich kalt wie Marmor um seine Decke bat.

Lange war ich süchtig nach Nildars Körper, der meinem so perfekt entgegenkam, wo ich, zurückgelassen, stets dachte, allein durch die mich auszehrende immerinnewohnende Anziehung müsste er zu mir hin finden, von welchem Ort auf dem Planeten auch immer, um meinen Körper abzudecken, sich einzuverleiben, auf dem seinen abzupausen. So reagierten auch meine Beine, mein Unterleib, mein Herz gleichermaßen heftig erfreut, rief Nildar mich z. B. spätabends aus einem polnischen Hotel an, in dem es ihm nur mit Aufwand gelang, die Ingredienzien für sein Teeritual zusammenzusammeln, in einer Stadt, die ich mir windig und regnerisch, scheußlich gebaut, darüber hinaus nach Urin stinkend vorstellte. Meine Vorstellungskraft baute sogleich eine ganze Bühne um ihn herum auf, wo immer er weilte, indem sich mein Kopfarchiv Bauklötze südlicher, nördlicher, westlicher oder östlicher Couleur bediente und so ein Gerüst schaffte, in welches ich ihn hineinversetzte; womöglich vergleichbar einem gängigen Computerspiel, nur endlos formenreicher, fantasievoller und farbenfroher. Da diese Anrufe unerwartet kamen, beglückten sie mich umso mehr, gerade spätabends, und ich schlief danach, ohne mich der Fantasie noch einmal hingeben zu müssen, wie in einem Katzenkörbchen.

Als Nildars erste Ansichtskarte ihren Weg durch den Schlitz in meinen Briefkasten fand, war ich noch die andere, von ihm unabhängige Person, die gerade mit neuem Liebhaber sich reger Sinnlichkeit erfreute. Sie stammte aus Ungarn und strahlte Melancholisches von einem Dächermeer in Sepia aus. Sogleich drückte ich sie gegen mich und heftete sie danach mit Reißzwecken an mein Kartenbrett, auf dem sich mannigfache Landschaften um einen Logenplatz stritten. Nildars Texte waren nichtssagend und entsprachen den Erwartungen aller. Nie wäre ich so tief gesunken, die Sprache meiner Geliebten nicht zu kritisieren. Auf der ganzen kunterbunten Welt schien es durchgehend nett und interessant. Dagegen mir schien es bald interessanter, die Treppen hinunterzustürmen und mir aus dem Briefkasten all die netten Schönwetteransichten zu holen, die, wenn ich Glück hatte, hineingeglitten waren. Nildar, voll der Pragmatik, nutzte auf seinen Reisen jedes Eckfenster Zeit, das ihm Kontrollaufträge samt -listen gestatteten, um sich einem Weltkulturerbe, verschnörkelten Altstadtgassen oder Meereswogen an die Fersen zu heften. So brachte er auch regelmäßig einen gut gefüllten Erzählrucksack mit, wenn er wieder einmal Station machte im Flachland, bei mir, seiner Seinigen.

Als wir eben das zweite Mal miteinander schliefen, fiel dies mitten in den Blutsturzbeginn meiner Tage. Überhaupt schienen sich meine Hormone schleunigst nach Nildar wie nach einem Magneten auszurichten, so dass ich ihn in der Regel blutend empfing. Eigentlich aller Empfängnis- wie Verhütungssorgen enthoben, zog es Nildar während solcher Perioden trotzdem vor, kondomgeschützt vorzugehen, was ich nie thematisierte, befürchtend bis wissend, er hätte ohne sich schlicht geweigert. Auch fiel es für meine Lust kaum ins Gewicht, die ihm wie bereits einmal davor und jedes einzelne Mal danach mit allen Säften und Drüsen und folglich einem komplett auf ihn eingeschossenen endokrinen System entgegendrängte, dass es nicht zum Sagen war. Allerdings schaffte ich es nie, Nildar zu zwei Orgasmen zu bewegen, Maßhalten schien auch hierbei seine Devise; während ich nach der Penetration noch auf mindestens zwei weitere aus war, sei es durch Fingerspiel, seltener durch Zungenertastung aller meiner Lippen, oft indem ich schaukelte auf seinen harten, starken Oberschenkeln, ein egoistisches kleines Mädchen auf der Wippe, das immer noch höher hinauswill. Er stellte mir seinen Körper zur Verfügung, von dem ich mich nicht erholen konnte. Nicht dass er so göttlich gewesen wäre – ich hatte mir Reste meines Verstandes bewahrt –, aber als Spielwiese für mich dennoch ein unsägliches Vergnügen. Meistens ließen wir uns nicht lange angezogen und nachdem ich einmal eine Freundin lobende Bemerkungen über die Unterhosen des ansonsten wenig geschätzten Freundes ihrer Schwester hatte machen hören, richtete ich mein spezielles Augenmerk auf die modische Tauglichkeit derselben, bevor ich sie von ihm runterschälte, die meistens sich an den Zehen verhedderten, zum unaussprechlichen Leidwesen meiner vollzählig versammelten Ungeduld. Ebenso wie ich selbst gerne an und in jeder Ritze berührt wurde, konnte ich es kaum erwarten, alle seine Teile mit Händen und Fingern zu umwickeln, meinen Mund damit vollzunehmen. So viel weibliche Aktivität im Bett nahm Nildar ebenso genießend wie gelassen zur Kenntnis, obwohl er, wie ich mir versichern ließ, mit Vergleichbarem nicht vertraut war, bislang. Überhaupt dünkt mich sein Verhältnis und Verhalten mir gegenüber mit „Zur-Kenntnis-Nehmen“ recht adäquat umschrieben zu sein. Ich lag stets in allen Einzelheiten wie auf einer Scheibe unter seinem distanzierten, sich nur randseitig einmischenden Blick.

Bei mir zu Hause schliefen wir immer auf der Matratze, die meist blau ummantelt war und nur auf einem Rost ruhte, so dass mir mein Bett mehr wie ein Floß schien, auf dem ich Ruhe gefunden hatte. Obgleich Nildar sich frühzeitig in der ersten Nacht, um keine Ansprüche keimen zu lassen oder diesen gerecht werden zu müssen, als „schlechter Zusammenschläfer“ kategorisiert hatte, was auf mich wie ein Etikett aus dem Tierreich wirkte, hätte ich gerne jede zweite Nacht neben ihm einschlafend und aufwachend verbracht, so geborgen und hautnah fühlte ich mich neben ihm; leicht an die Wand gedrängt – keine Beanstandung, ich schlief gerne wie in einer Box –, die Kühle der Mauer durch mehrere Tücher und Flanelldecken abgemildert, die Nildar für mich einladend und geglättet bereitlegte, während ich im Bad noch irgendeiner Körperhygienesache nachging und er sich in Daunen und Duvet einwickelte, zuvor noch vorsorglich ein weißes T-Shirt überstreifend. Weil ich in solchem Arrangieren meiner Tücher Fürsorglichkeit ausmachte, war ich immer bewegt, wenn ich mich hineinbegab und sie um mich festzog, ich, die stets nackt neben Nildar schlief, etwas anderes wäre mir um des Himmels willen nie in den Sinn gekommen neben einem mir gewogenen Männerkörper. In all den übrigen Nächten, in denen Nildar alleine lag, erregte mich allein der Gedanke, wie mein liegender Körper ihm entgegenfieberte.

In unserem Sommer setzten wir uns gerne auf eine Bank am befestigten Rheinufer; Nildar setzte sich breitbeinig auf die Bank, ich mich rittlings auf ihn. Manchmal aßen wir auch zuerst etwas oder ich trank meinen Sekt, zu dem Nildar immer Wein sagte, was mir korrekt schien. Individuelle Sprachregelungen kostete ich aufmerksam aus und fügte sie meinem Repertoire hinzu. Später einmal, als ich einen Satz, den er mir geschäftsmäßig geschrieben hatte, aus dem Stegreif zitieren konnte, spürte ich, wie ihm mulmig wurde bei solchem Besitzergreifen seiner abgelegten wie abgelegenen Äußerungen und wie froh er war, Distanz schaffen zu können zwischen ihm und mir, der Übergriffigen. Er selber kostete nie vom Wein, es war mir nicht vergönnt, ihn zu beobachten, wie ihm die Kontrolle entglitt, wohingegen meine Wenigkeit ihm dieses Spektakel sozusagen jeden Abend präsentierte. Als Kontrolleur zu arbeiten, bestimmte in erster Linie und vorbildlich sein Verhältnis zu sich selbst; oder womöglich steuerte, andersherum, das Selbstverständnis die Berufswahl. Da wir uns auf einer Rheinuferbank schlecht entkleiden konnten, pirschte Nildar sich vom Hosenbund herkommend zu meiner Scheide vor, die sich spreizte, soweit möglich in Jeans und Unterhose, fortlaufend nasser werdend gleich einem fleißigen Lieschen. Auch unter meinem Top an meinen Busen zu gelangen, war ein Leichtes; ich zog begeistert den weißen BH unter demselben hervor und stopfte ihn in die Tasche. Begeisterung war mehr meine Sache, allein, ich besorgte sie gründlich.

Gleich nach unserem ersten Nachtlager, als ich Nildar nach etwas Intimem fragte, worauf er mir mit einem „Wenn du noch magst“ die Initiative zurückrollte, vergleichbar einem zaghaften Fußballjungen, unterließ ich solch heiser geäußerte Erkundigungen nach Vorlieben, um nicht weiter abzuprallen. Konditionalsätze hatten bei mir im Bett nichts verloren, das hätte selbst einem Prüfer auffallen dürfen.

Mit Nutten hätte sich Nildar nie eingelassen, so viel Unreinem zwischen den Schenkeln durfte er sich nicht aussetzen. Das beruhigte mich verständlicherweise, wenn er auf Reisen war. Über die Infektionsrate der Prostituierten in den Ländern, die er bereiste, war er durchwegs auf dem Laufenden: Nicht mit der Zange, so sein gnadenloser Kommentar. Nicht etwa, dass er mit Blut oder Sekreten Probleme bekundet hätte: die gerade während meiner Periode benutzten Pariser, die er sich stets selber über- wie abzog, sahen in ihrer Blut-Sperma-Gummi-Schleim-Mischung unappetitlicher aus als ein Häufchen hingemetzelter Würmer. Daher stammt alles Menschenleben, dachte ich mir bei ihrem Anblick, während ich immer noch erregt auf dem Rücken lag, mit Brustwarzen hart und überempfindlich bis zur Rissigkeit. Die Entsorgung der Kondome besorgte stets Nildar unaufgefordert und von mir unkommentiert, ich griff nur einmal in ein solches hinein, als ich blind nach meinen Kleidern auf dem Boden fingerte, bei deren Ertastung und korrekter Zuordnung ich kein Geschick erlangte. Alles an Nildar war hart und hatte gute Ausmaße, schließlich verfalle ich nicht jedem Körper. Manchmal nach ausgiebigem Beischlaf kam dieser charakteristische Geruch auf, der offenbar von meinen aufgeklappten Schenkeln sowie unseren sämtlichen Fingern ausging. Etwas schiffbrüchig lagen wir dann, in Gespräche abdriftend, den Schlaf umtaumelnd.

Von hinten nahm mich Nildar selten, jedoch immer überraschend; brauche ich gar nicht auszumalen, wie ich mich dabei gebärdete.