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"Das bist du. So wie du wirklich bist. Frei, sinnlich, ganz du selbst. Schön ist nicht das, was gefallen will. Schön ist das, was wahrhaftig ist." Ava beginnt, an ihrem Leben zu verzweifeln: Ihr erstes Kind starb bei der Geburt, ihr Mann Dirk denkt nur an seine Karriere und will schon wieder in eine neue Stadt ziehen und sie selbst wird von seltsamen Sehstörungen heimgesucht. Der Umzug nach Paris hilft auch nicht gerade, sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nur in der Villa Brillant, dem ehemaligen Wohnhaus des berühmten Bildhauers Rodin, das ganz in der Nähe ihres neuen Heims liegt, findet Ava Ruhe, doch dann rauben ihr auf einmal nächtliche Klopfgeräusche den Schlaf. Sie kommen vom Nachbargrundstück, auf dem sich angeblich eine unbewohnte Ruine befindet. Ava jedoch sieht dort eine wunderschöne Villa! Als das Tor zum Grundstück eines Tages offensteht, kann sie sich dem Sog des Geheimnisvollen nicht länger entziehen …
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Stefanie Hohn
Die Ewigkeit des Augenblicks
Roman
Das Buch
Ein Neuanfang in Paris – vielversprechend und zugleich beängstigend für Ava, die sich längst nicht von ihrer Fehlgeburt und einer mysteriösen Augenkrankheit erholt hat.
Ihr neues Heim, die schmucke Vorortvilla in der Rue des Illusionistes, hat sie zwar selbst ausgewählt, aber die unfreundliche Alte von Gegenüber irritiert Ava mindestens ebenso wie ihr viel zu charmanter Vermieter, Sebastian Duroc. Der Kunstsammler macht keinen Hehl daraus, dass er sich für sie interessiert, doch Ava fasziniert die Villa auf dem Grundstück nebenan viel mehr. Alle behaupten, es sei eine Ruine, seit Jahren unbewohnt, doch Ava sieht das ganz anders. Woher sonst sollten die nächtlichen Klopfgeräusche kommen, die ihr den Schlaf rauben? Ist es eine Einladung, als das Tor zum Grundstück eines Tages offensteht? Und vor allem – von wem?
Die Autorin
Stefanie Hohn, geb. 1967 in Aachen, studierte Literaturübersetzung in Düsseldorf und promovierte über Charlotte Brontë. Sie arbeitete als Übersetzerin und Lehrbeauftragte für das literarische Übersetzen in Düsseldorf, gründete eine Sprachschule für Kinder und leitete sieben Jahre in Paris die Organisation eines europäischen Englischwettbewerbs für Schüler.
In ihren Romanen lotet sie die Grenzbereiche zwischen Realität und Phantastik aus, schreibt über die Liebe und die Kunst – und das, was beide miteinander verbindet.
Impressum:
2. Auflage, November 2020
© Alle Rechte vorbehalten.
Stefanie Hohn
c/o Barbara’s Autorenservice
Tüttendorfer Weg 3
24214 Gettorf
© Text: 2019 Stefanie Hohn
©Umschlaggestaltung: 2020 Katharina Netolitzky unter Verwendung eines iStock Fotos
Lektorat: Ulrike Weinhart
Bestellung und Vertrieb: Nova MD GmbH, Vachendorf
ISBN: 978-3-96443-497-5
Wenn es nicht gerade Hochsommer und über dreißig Grad heiß war, dann liebte Alphonse Petit seinen Beruf. Hinter dem Steuerhebel des großen Baggers, mit dem er die riesige Schaufel so mühelos bewegen konnte, fühlte er eine Art göttliche Allmacht. Mit einer kleinen Bewegung seiner Hand konnte er das Alte, Hässliche, das niemandem mehr nutzte, aus dem Stadtbild entfernen und Platz für Neues schaffen. In fast allen umliegenden Häusern waren die Rollläden heruntergelassen worden. Die Stadt war wie leergefegt. Vor allem aus den wohlhabenden Pariser Vororten flüchteten die Bewohner um diese Jahreszeit in die Normandie oder an die langen Sandstrände des Atlantiks. So störte es auch niemanden, wenn Alphonse Petit den Schutt der verfallenen Villa auf der Rue des Illusionistes im beschaulichen Pariser Vorort Meudon mit lautem Getöse aus der Baggerschaufel in den Container hinunterkrachen ließ.
Mit routinierter Präzision schob er ein ums andere Mal die Schaufel in den riesigen Haufen aus Mauerresten, Gips, Mörtel, Glassplittern und Metallteilen. Als Alphonse Petit den Container mit einer neuerlichen Ladung ansteuern wollte, nahm er im Grau-Braun des Bauschutts ein helles Schimmern wahr. Es kam nicht selten vor, dass sich die Sonne in einem Glassplitter fing und der Baggerführer seine Arbeit unterbrach, um sich zu vergewissern, dass da nicht doch ein Wertgegenstand in seiner Schaufel gelandet war. Doch dies hier war kein Glassplitter. Es war viel größer – und weiß. So blendend weiß, dass es den Widerschein der Sonne in einem Spiegel an Helligkeit übertraf. Alphonse senkte die Schaufel wieder ab und kniff die Augen zusammen. Es – was auch immer es war – ruhte genau zwischen einem Pflasterstein von der alten Eingangstreppe und einem Stück hellgrauen Stucks aus den wenigen Teilen der Fassade, die noch erhalten geblieben waren. Es lag dort, sauber und glänzend, als sei es gerade eben aus dem dunstverhangenen Himmel mitten in seine Baggerschaufel gefallen.
Alphonse Petit stellte den Motor ab und kletterte von seinem Führerhaus herunter. Die plötzliche Stille verursachte bei ihm ein leichtes Schwindelgefühl und als er sich vorbeugte, um den Gegenstand in Augenschein zu nehmen, musste er sich sogar abstützen, um nicht vor Erschütterung vornüber zu kippen.
Es war eine Frau. Eine nackte Frau. Natürlich keine echte, sondern eine aus Stein. Solche Skulpturen sah man in Museen – wenn man Museen besuchte, was Alphonse Petit selten tat. Nein, eigentlich nie. Dennoch wusste er, dass diese kleine Skulptur etwas ganz Besonderes sein musste, denn so einen reinweißen, makellosen Stein hatte er noch nie gesehen. Sie lag da – ergeben in ein Schicksal, das sie sich nicht ausgesucht hatte, welches aber auch nicht mehr abzuwenden war.
Ihr Gesicht war ihm zugewandt, der Kopf geneigt, eine Hand auf dem Bauch, die andere ihm entgegengestreckt, als bitte sie ihn, Alphonse Petit, sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Sie war höchstens achtzig Zentimeter groß, aber ihre Hände und Füße, die kräftige Muskulatur ihrer Schenkel und Oberarme und die Linien ihres Gesichts wirkten so lebensecht, dass Alphonse Petit fürchtete, sie könne jeden Moment zu sprechen beginnen. Er neigte sich vor, um sie aus der Schaufel zu heben, zuckte aber erschrocken zurück, als er seine Hände sah. Sie waren staubig und ölverschmiert. Ratlos sah er sich um. Weit und breit kein Wasser. Kein Teich, keine Regentonne, nichts. Also zog er sein altes Schnäuztuch aus der Hosentasche seines Overalls, benetzte es mit dem letzten Rest aus seiner Wasserflasche und rieb sich, so fest er konnte, die Hände damit ab.
Dann schob er eine Hand unter ihren Rücken, die andere unter das Gesäß, und hob sie – sorgfältig bemüht, nicht den Busen oder ihre Scham zu berühren – aus der vollbeladenen Baggerschaufel.
Er stand eine Weile unschlüssig da, die Skulptur in den Händen wie ein junger Vater, der zum ersten Mal sein Kind entgegennehmen darf und nicht recht weiß, wie er es am besten halten soll. Schließlich trug er sie zu einem Stück Rasen hinüber, das nicht von Geröll und Schutt bedeckt war und legte sie vorsichtig ab. Dann lief er zu seinem Auto und holte eine Wolldecke heraus. Als er die Figur sorgfältig in die Decke gewickelt auf dem Beifahrersitz ablegte, füllte sich seine breite Brust mit dem stolzen Gefühl, eine gute Tat vollbracht zu haben. Noch wusste er nicht, was er mit ihr anfangen sollte, aber er hatte dieses wunderbare Geschöpf aus Stein vor der Zerstörung gerettet – und das allein machte diesen Tag zu einem guten Tag.
~
Es liegt nicht am Stein. Es ist der wunderbarste Stein, den er je hatte.
Die Hände. Sie schmerzen in den Gelenken, an Schwielen und Blasen am Handballen und an den Fingern. Wundgescheuert. Die vielen Stunden, Tage, Nächte, Monate. Sind es schon Jahre? Wo ist die Zeit geblieben? Sie zerrinnt zwischen seinen Händen. Früher, da hat er sie festhalten, sichtbar machen können, die Ewigkeit des Augenblicks.
Der Nacken. Er brennt. Der Wille sitzt dort, hart und fest. Er will es schaffen, er muss. Es gibt keine Alternative. Aber jeder Tag, der vergeht, erzählt etwas anderes. Irgendwann, er weiß nicht wann genau, hat sich die Angst neben den Willen gesellt und reißt an seinen Muskeln mit einer Macht, gegen die selbst der Wille sich kaum noch stemmen kann. Die Angst, sie niemals erreichen zu können.
Die Augen sind schuld. Ein milchiger Schleier, der ihm den Blick verstellen will auf das, was da eingesperrt ist in dem großen weißen Stein. Früher konnte er die Form hinter dem steinernen Vorhang klar und deutlich sehen. Er musste ihn nur mit der Kraft seiner Hände und der Schärfe seines Blicks beiseiteschaffen, Stück für Stück, um zu ihrer Schönheit vorzudringen, ihrer Natürlichkeit, ihrer Wahrhaftigkeit. Aber sie verschwimmt immer mehr. Je tiefer er eindringt in diesen Stein, desto weiter entfernt sie sich. Sie scheint ihn zu fliehen. Aber er darf es nicht zulassen. Er darf nicht aufhören, niemals.
Kapitel 1
»Lass es uns wenigstens versuchen!«
»Mein Leben ist ein einziger Versuch!« Ava warf das Küchenhandtuch auf den Fußboden und bückte sich gleich anschließend, um es wieder aufzuheben. »Ein verdammter, misslungener Versuch! Da, siehst du? Ich kann nicht mal etwas in die Ecke schmeißen und es liegen lassen. Selbst meine Wut ist ein Versuch!«
»Ava, bitte!«
Dirk wollte sie in den Arm nehmen, aber Ava riss sich los und rannte ins Schlafzimmer. Sie warf sich aufs Bett und griff nach den Taschentüchern, doch es kamen keine Tränen. Nicht einmal das.
Sie wartete eine Weile, ob nicht vielleicht doch der große Zusammenbruch käme, aber sie fühlte sich merkwürdig leer. Keine Energie für Verzweiflung. Auch ihre Wut war verglüht wie der Funken einer schwachen Fehlzündung.
Nach Paris ziehen. Neue Eindrücke, neue Menschen, ein neues Leben. Noch vor einem Jahr hätte sie einen Freudentanz aufgeführt, wenn Dirk ihr eröffnet hätte, dass er nach Paris versetzt worden war. Jetzt fühlte sie nur Angst. Sie waren erst seit drei Jahren in Hamburg – gerade Zeit genug, um eine Arbeitsstelle zu finden, den letzten Umzugskarton auszupacken und ein paar nette Menschen kennenzulernen.
Und Murielle zu verlieren.
Ruckartig setzte Ava sich auf. Nein. Sie wollte nicht an Murielle denken. Daran, dass Dirk »probieren wir’s« gesagt hatte, weil sie unbedingt ein Kind wollte. So war auch Murielle »ein Versuch« geworden. Ein schmerzhafter Fehlversuch, ebenso wie die Lehre als medizinisch-technische Assistentin, das abgebrochene Biologiestudium und ihr Beruf als Lehrerin. Seit ein paar Monaten fragte sie sich sogar, ob nicht auch ihre Ehe mit Dirk nur ein Versuch war. Es war gut möglich, dass sie sich von Anfang an geirrt hatte. In allem. Auch und vor allem in der Liebe.
Versuche konnte man abbrechen. Aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt. Sie hatte nicht die Kraft, alleine weiterzumachen. Dirk würde das durchziehen. Er würde sie solange bearbeiten, bis sie zustimmte. Weil es seine einzige Chance auf einen beruflichen Aufstieg war. Und sie würde zustimmen. Weil sie auf seinen Job angewiesen waren. Weil Paris ja auch nicht die schlimmste Stadt der Welt war. Und weil sie, Ava, hier in Hamburg doch sowieso nichts mehr zu verlieren hatte, außer ein paar locker geknüpfte Freundschaften.
Doch! Sie hatte etwas zu verlieren! Etwas sehr Wichtiges. Ein Grab mit einem kleinen weißen Sarg, in dem ein winziger Körper vermoderte. Auch wenn es nur ein Grab war, tat es gut zu wissen, dass sie jederzeit dort hingehen konnte. Das reichte, um ihr das Gefühl zu geben, eine Mutter zu sein und dieser kleinen, verlorenen Seele Schutz bieten zu können, falls sie doch noch irgendwo hier herumirrte und nach ihr suchte.
Für den Rest des Tages sprachen sie nicht mehr über das Thema Paris. Abends ging Ava früh zu Bett und als sie am Morgen erwachte, war Dirk schon aus dem Haus. Eine Geschäftsreise, wieder einmal. Seit Ava nicht mehr arbeiten konnte, war jeder Tag wie ein weites, ödes Feld, das sie überqueren musste. Um überhaupt durch den Tag zu kommen, schuf sie sich Stationen – emotionelle Halteleinen, an denen sie sich entlanghangeln konnte. Regelmäßige Yogastunden, Sitzungen bei ihrer Therapeutin oder auch von Zeit zu Zeit ein Treffen mit einer ehemaligen Kollegin, die jedoch über nichts anderes als die Schule zu reden wusste. Und eigentlich wollte Ava nicht über die Schule reden.
Oft wanderte sie ziellos durch die Stadt oder die umliegenden Felder, schaute sich Fernsehserien an und wartete darauf, dass Dirk nach Hause kam. Wenn er dann da war, wünschte sie ihn fort. Wenn er fort war, verfluchte sie ihre Einsamkeit.
Heute war sie froh, alleine zu sein. Sie räumte die Wohnung auf und ging zum Friedhof, das dritte Mal in dieser Woche. Die Therapeutin hatte ihr empfohlen, die Abstände zwischen den Besuchen an Murielles Grab zu vergrößern. Das hatte sie auch versucht. So war das mit ihr und den Versuchen. Sie misslangen. Sie musste es üben, das Abschiednehmen. Eigentlich hatte sie ja schon einige Übung darin, aber man konnte es nicht genug üben, fand Ava, denn jeden Moment konnte das Schicksal erneut zuschlagen und ihr einen geliebten Menschen nehmen. Dann war es gut, vorbereitet zu sein.
Die Blumen auf Murielles Grab waren noch frisch. Trotzdem stellte sie einen neuen Strauß daneben und wartete, bis die Sonne über die Bäume gekrochen kam und den kleinen weißen Grabstein in ein gleißendes Licht tauchte, das sie kaum ertragen konnte. Sie starrte so lange auf das grelle Weiß, bis es sich als heller Fleck in ihre Netzhaut eingebrannt hatte und sie die Augen schließen konnte, ohne das Bild zu verlieren. Erst dann wandte sie sich ab.
Es war ein kühler, klarer Oktobermorgen. In der Nacht hatte es geregnet. Die Straßen wirkten wie blank geputzt und die wenigen weißen Wolken eilten mit einer Zielstrebigkeit über den Himmel, als gäbe es am Ende des Horizonts etwas Wichtiges zu erfahren.
Ava hatte keine Termine heute. Die Panik vor der Leere des Tages war jedoch heute Morgen ausgeblieben. Anstatt wie üblicherweise ihren Friedhofsbesuch mit einem Cappuccino in dem Café neben dem Eingang zu beschließen, ging sie direkt nach Hause zurück. Sie zog nicht einmal die Jacke aus. Sofort setzte sie sich vor den gemeinsamen Laptop im Arbeitszimmer. Dirk hatte ihn nicht heruntergefahren. Als sie die Maus bewegte, öffnete sich eine französische Internetseite: Une belle maison, Annonces Immobilières de Paris. Er suchte also schon nach einer Bleibe.
Nachdem sie ihren Ärger darüber mit einer frischen Tasse Cappuccino und einem Keks besänftigt hatte, begann sie, die Angebote in und um Paris zu studieren. Sie stellte schnell fest, dass selbst eine winzige Wohnung in der Innenstadt unbezahlbar war. Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, mitten in Paris zu leben. Sie kannte die Stadt sehr gut, war oft mit ihrer Großmutter dort gewesen, später auch alleine, und sie wusste aus Erfahrung, was das Leben in einer Millionenmetropole mit ihr machte. Sie war dafür nicht geschaffen. Sie brauchte Wald zum Spazierengehen, Vogelgezwitscher beim Aufwachen, ein Fleckchen Grün vor der Haustüre. Eigentlich brauchte sie auch das Meer in der Nähe oder zumindest das Gefühl, in weniger als zwei Stunden hinfahren zu können. Deswegen liebte sie Hamburg. Der Vorteil an Paris war, dass die Bretagne sehr viel näher lag. Und die Bretagne brauchte sie auch.
Also außerhalb von Paris suchen. Der Westen war schön. Die grünen Hügel, die sich jenseits des Bois de Boulogne und der Seine bis hin nach Versailles erstreckten. Meudon, Sèvres, Saint Cloud, Garches … Auch hier waren die Wohnungen und Häuser teuer, aber es gab wenigstens Luft zum Atmen und die Weite des Blicks über Paris.
Sie hätte gerne ein Haus gemietet, selbst, wenn sie nur zu zweit waren. Immer noch. Und es wahrscheinlich auch bleiben würden. Aber Ava hatte die schönsten Monate ihrer Kindheit in einem Haus verbracht, mit einem großen Garten und der Weite des Atlantiks vor der Tür.
Wie viel Geld würden sie aufbringen können für die Miete? Mehr als jetzt? Sie war sicher, dass Dirk seinen gut bezahlten Job hier in Hamburg nicht aufgeben würde, wenn ihm nicht ein deutlich höheres Gehalt winken würde. Seit sie ihn kannte, war das seine Hauptantriebsfeder: mehr Geld zu verdienen. Es gelang ihm auch ganz gut. Wenn die Firma ihn nach Paris versetzen wollte, würde er eine maximale Gehaltssteigerung herausschlagen. Vermutlich war das alles bereits geschehen. Vermutlich war es für ihn überhaupt keine Frage mehr, dass sie nach Paris zogen – auch wenn er sie gefragt hatte. Eine rhetorische Frage. Bestimmt hatte er auch schon eine Bleibe ausgesucht. So einen teuren Neubau, modern, kalt, steril.
Aber in so etwas würde sie nicht einziehen! Sie liebte den Charme alter Häuser; Dielen, die knarrten, Balken, die ächzten. Ein romantischer Garten mit wilden Blumen und Schmetterlingen …
Auf dem Bildschirm tauchte eine kleine Stadtvilla in Meudon auf. Frei ab Februar. Das würde passen. Zwei Stockwerke und ein kleines Dachzimmer, eine Fassade aus Bruchsandstein, grüne Fensterläden, schmiedeeiserne Balkongitter, ein Kamin im Wohnzimmer. Ein kleiner Garten war auch dabei, gepflegt sogar. Die Miete war horrend, aber die Lage hervorragend. Aus dem Dachfenster hatte man Blick auf den Eiffelturm. Paris war greifbar nahe und doch weit genug entfernt, um nicht von der Stadt überwältigt zu werden. Der Bahnhof in der Nähe und der Gare Montparnasse war in 15 Minuten mit dem Zug erreichbar. Zum ersten Mal seit über einem Jahr spürte Ava in der Herzgegend ein kleines Flattern, einen winziger Stolperer, wie ein Freudensprung angesichts der Morgensonne nach einem langen, dunklen Winter.
Es war eine Pariser Telefonnummer. Ava brauchte mehrere Anläufe, um die Nummer zu Ende zu wählen und nicht beim ersten Klingelton wieder aufzulegen. Als sich eine Frauenstimme am anderen Ende meldete, klopfte ihr das Herz bis zum Hals. Aber der weiche Pariser Tonfall der Dame weckte in ihr ein vertrautes Gefühl von Heimat. Ihre Großmutter hatte so gesprochen. Sie war in Paris aufgewachsen und der Liebe wegen in die Bretagne gezogen. Ein großes Glück, fand Ava, sonst hätte sie als Kind niemals diese wunderbaren Ferien am Meer verbringen können.
»Bonjour Madame«, sagte sie, durchflutet von dem Glück, endlich wieder einmal Französisch sprechen zu können. »Ich rufe wegen Ihrer Immobilienanzeige an. Das Haus in Meudon, wäre das noch frei?«
»Oui, Madame, es gibt zwar bereits einige Interessenten, aber noch hat sich der Vermieter nicht entschieden.«
»Dann eilt es wahrscheinlich. Wann könnte ich es denn besichtigen?« Sie kritzelte kleine Häuser mit spitzen Dächern auf ihren Block. Eins neben dem anderen, ohne den Stift abzusetzen.
»Heute Nachmittag kann ich Ihnen einen Termin anbieten, Madame.«
»Oh, das schaffe ich nicht. Ich wohne in Hamburg!«
»Ah, verstehe. Wann könnten Sie denn nach Paris kommen?«
Ava stieg die Hitze in den Kopf. Nach Paris kommen! Dirk würde erst in drei Tagen aus London zurück sein. Dann wäre es sicher zu spät. Aber sie konnte doch unmöglich …
»Morgen«, hörte sie sich sagen. »Ich kann das Haus morgen am frühen Abend besichtigen.«
Als sie auflegte, saß sie minutenlang fassungslos vor dem Telefon. Sie hatte es tatsächlich getan! Jetzt musste sie Dirk fragen – sie konnte nicht einfach ein Haus mieten, ohne sich mit ihm abzusprechen! Sie stand auf, ging in die Küche und wischte mit dem Lappen über die saubere Anrichte. Zum zweiten Mal heute nahm sie den Besen und kehrte nicht vorhandene Krümel zusammen. Aber besichtigen konnte sie das Haus. Warum denn auch nicht? Sie ließ den Besen fallen und ging zurück ins Arbeitszimmer. Ein weiteres Mal be-trachtete sie die Abbildungen des Häuschens in Meudon. Sie musste nach Paris!
Hektisch suchte sie im Internet nach einem Flug für morgen früh und wurde tatsächlich fündig. Mit Übernachtung? Oder gleich morgen Abend wieder zurück? Eine Nacht vielleicht? Oder sogar zwei? Es gab da dieses winzige Hotel im Fünfzehnten Arrondissement, in dem sie vor ein paar Jahren schon einmal mit Dirk übernachtet hatte. Das war nicht sehr teuer und doch zentral gelegen. Sie könnte durch Paris spazieren, vielleicht das eine oder andere Museum besuchen, nach Lust und Laune in einem Straßencafé sitzen und die Menschen beobachten.
Kurzentschlossen buchte sie den Flug und zwei Übernachtungen. Plötzlich schien alles möglich. Auf einmal konnte sie nicht mehr begreifen, wieso sie nicht schon längst auf die Idee gekommen war, einfach mal ein paar Tage alleine zu verreisen. Als alles gebucht war, rief sie Dirk an. »Ich fliege morgen nach Paris«, verkündete sie ohne Umschweife.
Es war einen Moment still am anderen Ende der Leitung, dann fragte Dirk: »Allein?«
»Ja, natürlich.«
»Hast du es dir also anders überlegt?«
»Ich habe gar nichts überlegt«, gab Ava zurück – und das war nicht einmal gelogen. Sie hatte einfach gehandelt. »Du bist sowieso nicht da und …«
»Ava, ich finde das super. Mach das! Es wird dir guttun. Ich freue mich, dass du endlich wieder …«
»Hast du schon eine Wohnung in Paris gefunden?«
»Äh … also … nein. Ich wusste ja bis gerade eben nicht, dass du überhaupt einverstanden bist.«
»Das habe ich auch nicht gesagt.«
»Warum sonst willst du dann nach Paris – ausgerechnet jetzt?« Dirk klang verwirrt.
»Ich muss … ich will … Ach, ich habe einfach Lust dazu.« Auf einmal fehlte ihr die Kraft für weitere Erklärungen.
»Fein. Hör zu, Ava, ich muss wieder rein. Die Konferenz hier geht noch bis zum Abend, dann gemeinsames Essen, es kann spät werden. Ich weiß nicht, ob ich später nochmal anrufen kann.«
»Brauchst du nicht. Mach dir keine Sorgen. Ich habe alles im Griff.«
»Das hört sich gut an«, sagte Dirk. »Ich melde mich spätestens morgen früh.« Dann legte er auf. Er hatte nicht einmal gefragt, wann sie zurückkehren würde. Für Details und Nebensächlichkeiten war in seinem Leben kein Platz. Manchmal fragte Ava sich, ob auch sie inzwischen zu einem dieser nebensächlichen Details geworden war, die Dirk auf seiner Überholspur nur behinderten.
Sie wollte darüber nicht nachdenken. Nicht jetzt. Vor ihr lag ein großes Abenteuer. Endlich wieder einmal.
In der Nacht schlief sie schlecht. Die Dunkelheit nährte die Zweifel, ob sie einer solchen Reise überhaupt schon wieder gewachsen war. Die seltsame Sehstörung, die es ihr unmöglich gemacht hatte, ihren Beruf als Lehrerin weiter auszuüben, war nun schon seit ein paar Wochen nicht mehr aufgetreten, aber sie hatte auch peinlich darauf geachtet, sich keinerlei Stress auszusetzen.
Was, wenn es morgen passierte? Am Flughafen? In Paris in der Metro? Wenn es einsetzte, konnte sie minutenlang nichts sehen. Das Bild vor ihren Augen löste sich in bunte Einzelteile auf, wie das Störbild im Fernsehen, auf einem Kanal, auf dem nicht gesendet wurde. Kein Arzt hatte gefunden, woran es lag. Ihre Augen waren in Ordnung, behaupteten sie. Ein psychisches Problem, stressbedingt – eine Auszeit, zur Ruhe kommen, waren die Empfehlungen. Zum ersten Mal war es kurz nach Murielles Tod aufgetreten. Sie hatte nicht vor der Klasse gestanden damals. Nur im Supermarkt und – als hätte jemand einen Schalter umgelegt – zersetzte sich das Warenregal, in das sie gerade greifen wollte, in Millionen kleine Puzzleteile, die wild durcheinander tanzten.
Schlimmer als der eigentliche Vorgang war die Angst davor und die legte sich in dieser Nacht um ihre Brust wie die Tentakel eines bösartigen Kraken. Gegen Morgen hatten sie jeglichen Unternehmungsdrang aus Avas Körper herausgepresst. Sie stand auf mit dem festen Entschluss, die Reise abzusagen. Noch bevor sie ihren morgendlichen Kaffee zubereitet hatte, fuhr sie den Computer hoch, um den Flug und das Hotel zu stornieren. Das Erste, was sie sah, war die Frontansicht des Hauses in Meudon. Ava war sicher, gestern alle Fenster am Bildschirm geschlossen und den PC ordnungsgemäß heruntergefahren zu haben. Hundertprozentig sicher.
Merkwürdiger aber war, dass sich das Fenster nicht schließen ließ, sondern dass ohne ihr Zutun nacheinander jede einzelne Abbildung des Hauses erschien. Ava klickte mehrmals auf das rote Kreuz rechts oben im Bildschirmfenster – ohne Erfolg. Als plötzlich weitere Bilder des Hauses und der Umgebung erschienen, die sie gestern noch gar nicht gesehen hatte, klappte Ava den Laptop zu. Mit zitternden Fingern nahm sie das Flugticket, das ausgedruckt auf dem Schreibtisch neben ihr lag. 11:40 Boarding. Sie sah auf die Uhr. Kurz nach halb sieben. Das wäre mehr als genug Zeit, um sich fertigzumachen, letzte Kleinigkeiten in den Koffer zu packen, das Taxi zu rufen. Sie ging in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an.
Wenn das Augenflackern auftreten würde, könnte sie sich auch einfach irgendwohin setzen und warten, bis es vorbeiging. Es war bis jetzt immer vorbeigegangen, irgendwann. Vielleicht passierte auch gar nichts. Vielleicht war sie ja geheilt. Wie sollte sie es herausfinden, wenn sie sich nicht ab und zu dem Leben aussetzte?
Sie legte ein Kaffeepad in die Maschine ein und drückte auf den Startknopf. Langsam füllte sich die Tasse mit verheißungsvoll duftendem Kaffee.
»Also gut«, sagte sie laut zu sich selbst, als sie mit der heißen Tasse zu ihrem Laptop zurückkehrte und den Bildschirm hochklappte. Und dann betrachtete sie in aller Ruhe die Bilder des Hauses noch einmal.
Kapitel 2
Die Eisenpforte hing schief in den Angeln und protestierte laut und schrill gegen die Störung ihres Dornröschenschlafs. Sebastian war lange nicht mehr in dieser Straße gewesen. Madame Fleurette kümmerte sich mit großer Hingabe und Effizienz um seine Objekte und war immer genauestens informiert, was sich in der Nachbarschaft seiner Wohnungen und Häuser so tat. Sie hatte ihn auch darauf aufmerksam gemacht, dass seine kleine Stadtvilla in Meudon neu vermietet werden musste. Und ihm erzählt, dass das Grundstück direkt daneben verkauft werden sollte. Schon länger hatte er mit dem Erwerb dieses Grundstücks geliebäugelt, aber die Erben der alten Villa hatten sich hoffnungslos zerstritten und sich nicht einigen können, was damit geschehen sollte. Nun wurde sie also verkauft.
So fügte es sich, dass er heute zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte – das Grundstück besichtigen und die Mietinteressenten für sein Haus kennenlernen. Madame Fleurette hatte ihm nicht viel über sie berichten können. Ein junges Ehepaar aus Hamburg, wohlsituiert, eine spontane Besichtigung durch die Ehefrau. Normalerweise kümmerte er sich um die Vermietungsangelegenheiten nicht. Er vertraute voll und ganz auf Madame Fleurettes gutes Gespür für Menschen. Aber wenn er schon in Meudon war, konnte er sich die potenzielle Mieterin auch ansehen.
Die Kieseinfahrt zu der alten Ruine war von Unkraut überwuchert. Efeu, wilde Brombeersträucher und Disteln hatten längst die Regie im Garten der Villa übernommen und wuchsen bis in die gebrochene Steintreppe hinein, die zum morschen Portal hinaufführte. Es musste einmal eine prachtvolle Fassade gewesen sein, inzwischen aber waren einzelne Mauerteile eingefallen und von den Stuckverzierungen im Giebel und unterhalb der beiden scheibenlosen Fenster sah man nur noch Bruchstücke. Der Rest lag zerbröselt auf den gebrochenen Steinplatten zu seinen Füßen. Zwei Säulen, von denen der Putz bröckelte, rahmten die zersplitterte Eingangstür, die ebenso schief in den Angeln hing wie die Grundstückspforte.
Vorsichtig schob er sich durch den Türspalt in die Ruine, sorgsam darauf bedacht, nichts zu berühren, um nicht von herabfallenden Mauerstücken oder der schweren Eichentür selbst erschlagen zu werden.
Er wusste bereits jetzt schon, dass dieses Haus nicht mehr zu retten war. Da half nur der Abriss, was er sehr bedauerte, denn ihm war immer am Erhalt alter Bausubstanz gelegen. Doch hier gab es nichts mehr zu erhalten.
Die Größe der Vorhalle entsprach dem, was er von einem hochherrschaftlichen Anwesen erwartete. Von der Treppe, die früher einmal ins obere Stockwerk geführt hatte, war nur noch die breite Balustrade unversehrt. Die Stufen waren größtenteils gebrochen oder gar nicht mehr vorhanden. Von dem eingefallenen Dach lagen ein paar Balken und Ziegel vor der Treppe. Schade war es um den Marmorfußboden, der, soweit er das sehen konnte, keine größeren Schäden aufwies. Marmor war eben etwas Besonderes. Ein Stein für die Ewigkeit.
Die hinteren Außenwände waren komplett eingefallen, so dass er von der Eingangstür bis in den verwilderten Garten schauen konnte. Er stieg über die Trümmer der ehemaligen Rückwand des Hauses und stand inmitten von Unkraut und Glasscherben. Ein Gerüst aus verrostetem Metall ragte in den Himmel, wie eine Hand, die nach den Wolken greifen wollte. Vermutlich die Überreste eines Wintergartens.
Sebastian hatte genug gesehen. Er bahnte sich durch Büsche und Unkraut den Weg zurück zur Straße. Der Preis, der für dieses Anwesen verlangt wurde, war zu hoch. Er würde hart verhandeln müssen. Doch das schreckte ihn nicht, im Gegenteil. Er verhandelte leidenschaftlich gerne. Außerdem musste er unbedingt verhindern, dass hier ein hochpreisiges Spekulationsobjekt entstünde und dadurch der Rue des Illusionistes ihr besonderer Zauber genommen würde. Es geschah jeden Tag überall in der Stadt – alte Villen wurden abgerissen und durch funktionelle, moderne Mehrfamilienhäuser aus Glas und Beton ersetzt. Und so ging jeden Tag ein Stück Schönheit und Geschichte unwiederbringlich verloren. Wenn er etwas tun konnte, um diesen Prozess zumindest punktuell aufzuhalten, dann würde er es mit allergrößter Entschlossenheit tun.
~
Als Ava in Meudon aus dem Zug stieg, stand Madame Fleurette, die Immobilienmaklerin, bereits am Bahnsteig. Sie würde einen roten Mantel tragen, hatte sie am Telefon gesagt, und einen Katalog der Immobilienagentur gut sichtbar mit sich führen. Ein bisschen erinnerte sie Ava an ihre französische Großmutter, auch wenn die ein eher hellhäutiger, keltischer Typ gewesen war – so wie sie selbst. Aber die zierliche Statur der Maklerin und die überschäumende Energie, die jede ihrer Gesten ausstrahlte, weckten sofort das Gefühl, diese Frau schon ewig zu kennen. Vielleicht war es auch einfach die typisch selbstbewusste und elegante Art der Parisienne, die Ava so vertraut erschien.
»Sie haben Glück«, sagte Madame Fleurette, als sie ihr die Hand zur Begrüßung reichte. »Dies ist ein perfekter Tag, um das Haus zu besichtigen. Klares Wetter, Sonne und der Vermieter ist auch vor Ort. So können Sie ihn direkt kennenlernen.«
Ava wusste nicht, ob Letzteres tatsächlich ein Glück war, schließlich würde sie ohne Dirk keine Entscheidung treffen können. Darüber hinaus war sie nicht einmal sicher, ob sie diesen Umzug wirklich wollte.
Der Weg vom Bahnhof ging steil bergan und Ava kam ins Schwitzen, als sie ihren kleinen Koffer die Straße hinaufzog. Sie war vom Flughafen direkt hierher gefahren; hatte nur beim Umsteigen am Gare Montparnasse eine Kleinigkeit in einem Bistro essen können und nicht die Zeit gefunden, den Koffer im Hotel abzustellen. Madame Fleurette tänzelte neben ihr her und pries im munteren Plauderton die Vorzüge der Nachbarschaft an. Geschäfte fußläufig erreichbar, ruhige Seitenstraße, gepflegtes Umfeld, Kindergärten und Schulen in direkter Nähe.
»Sehen Sie? Dort, ganz am Ende liegt die Grundschule. Der Kindergarten ist gleich daneben.« Sie wies mit ihrem Immobilienkatalog eine breite Straße hinunter und strahlte Ava in Erwartung überschäumender Begeisterung an. Erst jetzt nahm Ava die ausgeprägte Zahnlücke zwischen den beiden kurzen Schneidezähnen wahr und auch die protzigen Ringe an Madame Fleurettes Fingern gefielen ihr nicht.
»Wir haben keine Kinder«, gab sie kurz angebunden zurück und wuchtete ihren Koffer den Bürgersteig hinauf. Es war wirklich ein steiler Anstieg. Vielleicht war es doch nicht das richtige Haus.
»Oh, ich dachte, Sie hätten erwähnt, dass … Da habe ich wohl etwas falsch verstanden. Umso besser. Dann können Sie das Kinderzimmer im Dachgeschoss wunderbar für sich nutzen.« Madame Fleurette lächelte unverwandt weiter. Nach einer Weile setzte sie hinzu: »Bisher hat im Haus eine Familie mit drei Kindern gewohnt. Ich habe mich immer gefragt, wo sie den Platz gefunden haben für das ganze Spielzeug.«
»Ist das Haus so klein?«, fragte Ava mit heimlicher Genugtuung darüber, der Maklerin aus ihrer plumpen Verkaufstaktik einen Strick drehen zu können.
»Oh nein! Aber Kinder brauchen viel Platz. Es ist wunderbar geräumig. Sie werden es ja sehen. Es liegt am Ende dieser Straße.«
Sie waren in eine baumbestandene Allee eingebogen, die rechts und links von schmucken Villen gesäumt war. Zumindest vermutete Ava, dass sich hinter den beinahe mannshohen Bruchsteinmauern und schmiedeeisernen Toren schmucke Villen verbargen. Von der Straße aus waren nur die Giebel zu sehen. Rote Dächer, romantische Erker, blumengeschmückte Giebelfenster. Die meisten dieser Häuser waren aus dem für die Gegend typischen Bruchsandstein gebaut, so wie auch das Haus, das sie besichtigen wollte. Aus einigen Gärten drangen Stimmen oder Gelächter, doch auf der Straße war niemand zu sehen. Das Leben spielte sich offenbar hinter den hohen Grundstücksmauern und fest verschlossenen, durch Alarmanlagen gesicherten Zufahrtstoren ab. Nachbarschaftliche Kontakte zu knüpfen würde hier schwer werden.
Dann standen sie vor dem Haus mit der Nummer 27. Es war das letzte Haus in der breiten Stichstraße, dahinter schloss sich der Wald an.
»Monsieur Duroc ist schon da«, sagte Madame Fleurette und wies auf einen silbernen Jaguar, der direkt vor dem Haus parkte. Sie gingen durch ein bogenförmiges Tor, das in eine dichte Buchsbaumhecke eingelassen war. Ava zerrte ihren Koffer über den holprigen Steinweg hinauf zum Eingang und blieb erst einmal erschöpft stehen. Sie schwitzte, hatte Durst und jegliche Lust, dieses Haus zu besichtigen war auf dem Weg vom Bahnhof bis hier vom pausenlosen Geschwätz der Maklerin erstickt worden. Gar nichts hatte diese Frau mit ihrer Großmutter gemein. Wie hatte sie das bloß denken können? Sie würde das hier schnell hinter sich bringen und dann noch zwei schöne Tage in Paris verbringen. Sollte Dirk das Haus oder die Wohnung aussuchen, wenn er unbedingt nach Paris ziehen wollte. Er bestimmte sowieso immer alles.
Madame Fleurette klopfte, aber niemand öffnete. »Er ist wahrscheinlich im Garten«, sagte sie und zog einen Schlüssel aus ihrer Hermès-Handtasche.
Im Haus flutete Ava helles Sonnenlicht entgegen, das durch ein hohes Fenster im Treppenaufgang hereinfiel. Es roch nach frischer Farbe und geöltem Parkett. Die Räume im Erdgeschoss waren alle ohne Wände miteinander verbunden, nur die kleine Küche war durch eine Schiebetür vom Essbereich abgetrennt. Das Wohnzimmer wurde beherrscht von einem großen Kamin mit prachtvoll verziertem Kaminsims. Ava war sofort verliebt.
Eifrig pries Madame Fleurette die Vorzüge des Hauses an – hell, freundlich, gute Raumaufteilung, der besondere Charme der hohen Fenster im Wohnraum, doch Ava hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie stand vor dem Kaminsims und war in die kunstvollen Gravuren der Marmoreinfassung versunken, als plötzlich eine dunkle, warme Männerstimme Madame Fleurettes Wortfluss unterbrach.
»Einen wunderschönen Tag, ma chère! Ich war kurz im Garten und habe nicht bemerkt, dass Sie schon da sind.«
Ava wandte sich um. Ein mindestens ein Meter neunzig großer Mittvierziger trat in diesem Augenblick durch die Küchentür auf Madame Fleurette zu. Er trug eine Baskenmütze und mit seinem karierten Jackett, der ausgebeulten Cordhose und einer auffallend gebogenen Nase wirkte er wie die schlechte Kopie eines englischen Lords. Als er sich jetzt für die obligatorischen Wangenküsse zu Madame Fleurette hinunterbeugte, musste Ava unwillkürlich an einen Habicht denken, der aus großer Höhe zur Landung ansetzt.
»Oh, Monsieur Duroc! Wie schön Sie zu sehen«, flötete Madame Fleurette. »Darf ich Ihnen Madame Hochstein vorstellen?« Sie rundete die Lippen und holte tief Luft, um das H in Avas Nachnamen richtig auszusprechen, was jedoch nicht wirklich gelang und eher einen unfreiwillig komischen Effekt hatte.
Ava trat auf Monsieur Duroc zu und streckte ihm die Hand entgegen. Als sie auf dem Ärmel ihres Mantels einen Kaffeefleck entdeckte, wollte sie hastig die Hand zurückziehen, aber Monsieur Duroc hatte sie schon ergriffen und ließ sie nicht los. Er sah aus seinen scharfen Habichtaugen auf sie hinab und ohne, dass es einen Grund dafür gab, fühlte sie sich ertappt. »Ich … äh … bewundere gerade die schönen Gravuren … sehr besonders … dieser Marmor …«, stammelte sie.
»Es ist wirklich ein bemerkenswertes Stück Handwerkskunst«, sagte er und sah ihr tief in die Augen. Dann ließ er endlich ihre Hand los. Schnell steckte sie sie in die Manteltasche.
»Aber bitte«, sagte er mit einladender Geste, »schauen Sie sich um. Lassen Sie sich von mir nicht stören.«
Das war leichter gesagt als getan. Als sie mit Madame Fleurette die Treppe ins Obergeschoss hinaufging, verfolgte er sie mit seinem Habichtblick, als taxiere er eine besonders fette Beute. Sie kannte solche Männer. Typischer Franzose, immer auf der Jagd. Nur weil sie reich waren, glaubten sie, jede Frau müsse ihnen zu Füßen liegen. Ava ärgerte sich maßlos, dass sie sich so hatte verunsichern lassen. Er sah noch nicht einmal besonders gut aus in seiner ausgebeulten Hose und mit der krummen Nase. Wahrscheinlich lag es an seiner Größe, dass er sie so einschüchterte.
Die beiden Zimmer im Obergeschoss waren geräumig und hell. Die Oktobersonne fiel schräg auf den dunklen Holzboden und die Dielen knarrten genauso, wie alte Holzdielen knarren sollten. Aus dem Schlafzimmerfenster konnte man das Nachbargrundstück einsehen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie gar nicht auf die direkte Nachbarschaft geachtet hatte – zu sehr war sie damit beschäftigt gewesen, ihren Koffer über das unebene Pflaster zu zerren.
Eine hohe Mauer trennte die beiden Grundstücke und hinter der Mauer wucherte wild das Gestrüpp. Mehr war von hier aus nicht zu sehen.
Gerade als sie Madame Fleurette fragen wollte, wer nebenan wohnte, klingelte deren Handy. Sie hob entschuldigend die Hand und zog sich in den Flur zurück, um zu telefonieren. Unterdessen stieg Ava ins Dachgeschoss hinauf. Es war nur ein winziger Raum mit einer beträchtlichen Dachschräge, aber aus dem Dachfenster konnte man tatsächlich den Eiffelturm sehen.
»Es ist sehr schön«, sagte Ava, als sie mit Madame Fleurette ins Erdgeschoss zurückkehrte.
»N’est-ce pas?«
»Allerdings werde ich heute nichts entscheiden können«, setzte Ava schnell hinzu. »Ich muss mich erst mit meinem Mann besprechen.«
»Selbstverständlich«, sagte die Maklerin und ihr strahlendes Lächeln verdunkelte sich um eine Nuance. Es konnte aber auch sein, dass es nur der Schatten einer Wolke war, der durch das hohe Treppenfenster fiel. »Besprechen Sie alles in Ruhe. Bedenken Sie aber, dass es bereits eine Reihe von Interessenten gibt, die …«
»Das ist kein Problem«, mischte sich jetzt Monsieur Duroc ein. Sie waren unten angekommen, wo er sie, lässig an das Treppengeländer gelehnt, erwartete. »Auch ich treffe nie überstürzte Entscheidungen. Ich habe keine Eile.«
»Tja, dann … vielen Dank für Ihre Entgegenkommen«, sagte Ava und griff nach ihrem Koffer. Anstatt die Hand zum Abschied zu reichen, nickte sie mehrmals mit dem Kopf. Die beiden würden sie für unhöflich halten, aber auf keinen Fall wollte sie diesen Schürzenjäger noch einmal berühren. Und nur Madame Fleurette die Hand zu geben, kam auch nicht in Frage.
»Müssen Sie zum Bahnhof?«, fragte Monsieur Duroc und hielt ihr galant die Haustür auf. »Kann ich Sie ein Stück mitnehmen?«
»Ich … äh, ja, also nein.« Das fehlte gerade noch! »Ich gehe lieber zu Fuß. Machen Sie sich keine Umstände.«
»Wie Sie möchten. Es macht mir aber nichts aus.« Er lächelte amüsiert.
»Ich schaffe das schon, vielen Dank, auf Wiedersehen!«, sagte Ava schnell und zerrte ihren Koffer hinter sich her zur Straße.
Vor dem Nachbargrundstück blieb sie kurz stehen, um ihren Schal zu ordnen und den Mantel zu schließen. Die Eisenpforte in dem großen Grundstücksportal hing etwas schief in den Angeln und wirkte reichlich heruntergekommen. Eine hohe Hecke versperrte die Sicht auf das, was sich dahinter befand. Im Gegensatz zu den benachbarten Häusern war auch oberhalb der Hecke kein Giebel zu sehen. Entweder war es ein Flachbau oder das Haus lag so weit hinten im Grundstück, dass man es von der Straße nicht sehen konnte. Aber hätte sie es dann nicht vom Schlafzimmerfenster aus sehen müssen?
In diesem Augenblick trat Monsieur Duroc auf die Straße. So schnell sie konnte, hastete Ava weiter, bog rechts ab, dann links und wieder rechts, ohne wirklich zu wissen, ob dies der richtige Weg war. Sie wusste nur, sie musste abwärts, doch bald gab es keinen Weg mehr, der sie abwärts führte. Die Straßen wurden enger, die Häuser bescheidener. Sie war sicher, vorhin mit Madame Fleurette hier nicht vorbeigekommen zu sein. Sie hatte sich verlaufen.
Als sie nach einer halben Stunde den Bahnhof immer noch nicht gefunden hatte, fragte sie einen alten Mann, der vor einem einfachen Häuschen in einer Gasse saß.
»Dort entlang«, brummte er und zeigte die schmale Straße hinauf. Er musste steinalt sein; die Falten in seinem Gesicht ähnelten Moränen einer Gletscherlandschaft, doch sein Blick war scharf und wach.
»Aber zum Bahnhof müsste es doch ins Tal hinunter gehen?«, wunderte sich Ava.
»Non, non!« Der Alte schüttelte den Kopf und wies unbeirrt mit seinem krummen Zeigefinger nach oben.
Es dauerte nicht lange, als sie zu einer Fußgängerbrücke kam, die über Bahngleise hinweg führte, welche irgendwo hinter den Häusern verschwanden. Dort musste der Bahnhof liegen, aber wie sie dort hingelangen sollte, war ihr ein Rätsel. Sie ging weiter, vorbei an modernen, aber bescheidenen Einfamilienhäusern und stand plötzlich vor einem parkähnlichen Grundstück umzäunt von einem hohen, spitzenbewehrten Eisengitter. Das Tor stand offen, dahinter saß ein uniformierter Portier in einem Pförtnerhaus.
Ava trat durch das Tor an das Pförtnerhaus heran. »Entschuldigen Sie, ich wollte zum Bahnhof, aber da bin ich hier nicht richtig, oder?«
Der Uniformierte lachte und schüttelte den Kopf. »Das hier ist die Villa des Brillants, ein Teil des Musée Rodin«, sagte er und zeigte auf eine rote Villa mit einem hohen, spitzen Dach, die am Ende einer baumbestandenen Allee lag. »Sie verstehen – der Bildhauer«, fügte er hinzu, als Ava ihn verständnislos ansah. Natürlich wusste sie, wer Rodin war, aber die Erwähnung dieses Namens brachte ganz plötzlich und unvorbereitet etwas in ihrem Inneren zum Klingen. Ihre Großmutter hatte immer behauptet, eine ihrer vielen Kusinen sei entfernt verwandt gewesen mit Camille Claudel, der Geliebten Rodins. Avas Mutter hatte die Großmutter immer ausgelacht. Märchen seien das, es gebe keine direkte verwandtschaftliche Linie zu den Claudels, aber Ava hatte die Vorstellung gefallen, dass auch durch ihre Adern das Blut einer solch illustren, wenn auch tragischen Persönlichkeit fließen könnte.
Am Eingang wehte eine französische Flagge. Auf der Rasenfläche vor dem Haus waren mehrere Stühle und Tische verteilt – wahrscheinlich Picknickplätze für Besucher des Museums.
»Ist es weit bis zum Bahnhof von hier?«
»Etwa fünfundzwanzig Minuten«, sagte der Portier und hob entschuldigend die Achseln, als sei es sein Verschulden, dass Ava sich so weit von ihrem eigentlichen Ziel entfernt hatte.
Ava seufzte. Sie hatte das Bedürfnis, sich zu setzen. »Darf ich?«, fragte sie und wies auf eine der Sitzgruppen.
»Allez-y«, sagte der Portier freundlich.
»Kostet es Eintritt?«, fragte Ava.
Der Mann machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ausruhen kostet nichts.«
Es war bereits später Nachmittag, doch die Oktobersonne wärmte noch ein wenig. Es herrschte eine beinahe feierliche Stille und Ava schien die einzige Besucherin zu sein. Ein leiser Wind spielte im goldenen Laub der Kastanienallee, die vom Eingangsportal bis zum Haus hinüberführte. Sie stellte sich vor, dass Camille Claudel vor einem guten Jahrhundert an genau dieser Stelle gesessen und auf das Haus geblickt haben könnte, und ein kleiner Schauer lief über ihren Rücken. Die Geschichte dieser Frau war ihr sehr nahe gegangen und sie hatte sich gefragt, ob die Liebe zu einem Genie wie Rodin – so befruchtend sie gewesen sein mochte – einer Frau mit starken eigenen Ambitionen am Ende nicht zwangsläufig zum Verhängnis werden musste. Vielleicht war Liebe – richtige, leidenschaftliche, das Ich in seinen Grundfesten erschütternde Liebe – immer eine Gefahr für den Verstand.
Ava konnte es nicht wissen, denn diese Art von Liebe kannte sie nicht. Dirk war irgendwann in ihr Leben getreten und weil er im Gegensatz zu ihr immer wusste, was er wollte, war sie bei ihm geblieben. Es war einfacher gewesen, als ihn zu verlassen.
Sie zog ihren Mantel enger. Der Wind hatte aufgefrischt und die Sonne stand mittlerweile so tief, dass sie nicht mehr wärmte. Ava stand auf und wandte sich dem Ausgang zu. Doch auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um. Die Villa leuchtete in der untergehenden Sonne. Plötzlich war der Drang, durch die weiße Tür in dieses Haus zu treten und zu sehen, was sich in seinem Inneren verbarg so groß, dass sie auf dem Absatz kehrtmachte. Der Portier war nicht zu sehen. Sie würde die Eintrittskarte später bezahlen.
Es waren nur zwei Räume. Gleich hinter der Eingangstür lag linker Hand ein Esszimmer mit gedecktem Tisch. Es sah aus, als müsste an jedem Essplatz ein guter Freund Rodins sitzen, der Meister selbst am Kopf des Tisches – und nur sie konnte diese Menschen nicht sehen, weil sie nicht dazugehörte. Fast konnte sie Gelächter und klirrende Gläser hören, so nah fühlte sie sich auf einmal dieser vergangenen Welt, deren Paraphernalien hier vor ihr ausgebreitet lagen.
Im hinteren Raum stand ein hölzernes Himmelbett, davor einige Skulpturen und Antiquitäten sowie Bilder von Rodin, aufgenommen in diesem Raum. Von hier aus trat sie in einen Wintergarten, der Rodin wohl, gemeinsam mit dem vorderen Raum, als Atelier gedient hatte. Eine Treppe führte aus dem Haus hinaus, hinüber zu einem großen, langgestreckten Gebäude mit hohen Fenstern. Dort waren die Originalskulpturen des Meisters ausgestellt. Im ersten Augenblick dachte Ava, sie seien aus Stein, aber als sie näher herantrat, sah sie, dass es Gips war. Sie wirkten unfertig und waren doch gleichzeitig vollkommen in ihrer stillen Ausdruckskraft. Ava wanderte die Reihen mehrmals ab und hatte die ganze Zeit das seltsame Gefühl, Rodin habe gerade eben erst seine Arbeit beendet und den Saal verlassen.
Als sie sich endlich losreißen konnte, dämmerte es bereits. Sie bezahlte nachträglich ihre Eintrittskarte und ließ sich den Weg zum Bahnhof genau erklären. Diesmal fand sie ihn auf Anhieb. Sie kam auch durch die schmale Gasse, in der der Alte gesessen hatte. Er war nicht mehr da und sie konnte ihm nicht sagen, dass er sie in die falsche Richtung geschickt hatte. Sie grollte ihm nicht. Im Gegenteil. Fast fühlte sie sich schon ein wenig zuhause hier.
Kapitel 3
Als sie auf dem Bahnsteig stand und auf den Zug wartete, klingelte ihr Handy. Dirk.
»Hey, Schatz! Bist du gut in Paris angekommen?«
»Ja, alles problemlos.«
»Und bist du schon im Hotel?«
»Nein, ich …« Sie zögerte. Dann entschied sie, ihm die Wahrheit zu sagen. »Ich bin in Meudon.«
»Meudon? Wo ist das denn? Ich dachte …«
»Meudon ist ein Vorort von Paris. Im Südwesten.«
»Und?«, fragte Dirk gedehnt.
»Ich habe mir hier ein Haus angesehen.«
Einen Moment war es still in der Leitung. Ava konnte im Hintergrund Stimmen hören. Er war nicht allein.
»Du überraschst mich immer wieder, Ava«, sagte er. »Also hast du es dir anders überlegt.«
»Ja.«
»Hör zu, Ava. Ich habe bereits Kontakt aufgenommen zu einem französischen Kollegen vor Ort, der … also, er zieht weg und seine Wohnung wird frei. In Neuilly. Ganz modern, super Ausstattung, mit Dachterrasse und …«
»Also hast du gelogen! Du hast gesagt, du hättest noch nichts gefunden.«
»Ich habe nichts festgemacht. Aber Neuilly ist …«
»Nein!«
»Was nein?«
»Ich will nicht nach Neuilly. Ich will kein modernes Luxusapartment. Entweder Meudon oder gar nicht.« Ava staunte selbst über die Vehemenz ihrer Forderung.
»Darüber reden wir, wenn ich zurück bin.« Dirks Tonfall duldete keine Widerrede. Es war dieser Tu-was-ich-dir-sage-Tonfall, den Ava bei ihrem Vater schon gehasst hatte. Dieser typische Tonfall von Menschen, die es gewohnt waren, zu führen.
In diesem Moment fuhr der Zug ein. »Ich ziehe nicht nach Neuilly«, sagte sie nur noch schnell und drückte das Gespräch weg. Sie versuchte, mehrmals tief durchzuatmen, aber der Zorn schnürte ihr die Kehle zu.
Also hatte Dirk tatsächlich alles schon in die Wege geleitet. Ohne ihre Meinung dazu anzuhören. Wäre sie das nicht wert gewesen? Wahrscheinlich war Dirk der Meinung, dass sie nach ihrem Zusammenbruch noch immer nicht ganz zurechnungsfähig war. Sie ging ja auch immer noch zum Friedhof. Und zur Therapeutin. Das bedeutete für ihn wohl, dass sie noch nicht wieder richtig funktionierte. Ein Mitarbeiter, der nicht funktionierte, wurde entlassen. Eine Ehefrau, die nicht funktionierte, musste man eben irgendwie mit durchziehen.
Als Ava am Hotel ankam, war ihr fast übel vor lauter Frust und Zorn.
In ihrem Zimmer zog sie sich sofort aus und duschte so lange und heiß, bis ihre Haut brannte. Dann drehte sie den Regler auf kalt und der Schock nahm ihr fast den Atem. Aber anschließend fühlte sie sich besser. Sie wickelte sich in ein Handtuch und rief die Maklerin an.
»Madame Fleurette?«
»Oui, Madame Hochstein? Haben Sie noch Fragen?«
»Nein. Aber ich denke, wir werden das Haus nehmen. Könnten Sie es uns vielleicht ein paar Tage reservieren, bis mein Mann es sich auch angesehen hat?«
Madame Fleurette versprach, bis zum Ende der Woche nichts zu unternehmen und auf ihren Anruf zu warten.
Zufrieden legte Ava auf. Ein erster Schritt war getan. Jetzt musste sie nur noch Dirk überzeugen. Aber sie war hoffnungsvoll. Wenn sie ihn vor die Entscheidung stellte, entweder ohne sie nach Neuilly zu ziehen, oder mit ihr in das Haus in Meudon, würde er zustimmen. Sie ignorierte die nagenden Zweifel, ob das eine gute Voraussetzung für einen Neuanfang in Paris war. Sie wollte nur endlich wieder einmal selbst etwas bestimmen können. Was Dirk konnte, konnte sie schon lange.
~
Dirk beendete die Sitzung, indem er seinen Laptop zuklappte und einmal kurz in die Runde nickte. Die britischen Kollegen hatten sich wie immer eigensinnig gezeigt und es ihm nicht leicht gemacht, zu konkreten Ergebnissen zu kommen. Die Erfahrung zeigte, dass man ihnen das Gefühl geben musste, große Handlungsspielräume zu haben, ohne dass sie sie tatsächlich hatten. Die Vertriebsstrategie war von der Konzernleitung klar definiert, da konnten auch die Briten nicht ausscheren. Dennoch versuchten sie immer, ihr eigenes Ding zu machen. Seine Aufgabe war, sie auf Linie zu halten. Das konnte er.
Das Taxi, das ihn ins Hotel bringen sollte, wartete bereits am Eingang. So gefiel ihm das. Er hatte genau zwei Stunden Zeit, um Fitness zu machen, zu duschen und einen kurzen Blick auf seine E-Mails zu werfen, bevor er mit dem britischen Vertriebschef zum Abendessen verabredet war. Der Zeitplan war eng getaktet, wie immer. Da bedeutete eine Kleinigkeit wie ein bereits wartendes Taxi schon eine große Erleichterung.
Im Taxi warf er einen Blick auf sein Handy. Eine Nachricht von Ava. Bitte ruf mich an. Es ist wichtig.
Er stöhnte innerlich. Das passte ihm jetzt gar nicht in den Kram. Die Autofahrt dauerte höchstens zehn Minuten. Fünf Minuten davon musste er für einen wichtigen geschäftlichen Rückruf einkalkulieren. Blieben maximal fünf für Ava. Lieber hätte er die Zeit genutzt, um seinen Sitzungsbericht abzufassen. Er erledigte solche Dinge gerne sofort. Vielleicht konnte Ava sich kurzfassen, sie hatten ja eben erst telefoniert. So viel konnte in der Zwischenzeit nicht geschehen sein.
Sie war sofort dran.
»Was ist los?«
»Nichts, alles in Ordnung. Ich wollte nur, also ich habe … ich muss mit dir reden. Hast du Zeit?«
»Vier Minuten«, sagte er mit Blick auf seine Uhr.
»Wo bist du?«
»Ich sitze im Taxi auf dem Weg zum Hotel. Sag schon, was gibt’s?«
»Vier Minuten sind zu wenig. Kann ich dich gleich anrufen, wenn du im Hotel bist?«
»Da habe ich noch weniger Zeit. Ich habe nachher noch ein Abendessen und …«
»Also gut. Dann mach ich’s eben kurz.« Sie klang verärgert.
»Tut mir leid, Ava. Glaub mir, es macht mir auch keine Freude, immer so unter Zeitdruck …«
»Ich möchte, dass wir dieses Haus in Meudon mieten.«
Das war es also. Was sie sich da nur wieder in den Kopf gesetzt hatte. Wie kam sie überhaupt auf die Idee, ohne ihn irgendwelche Häuser zu besichtigen?
»Das sagtest du eben schon. Und ich sagte, dass wir darüber reden, wenn ich zurück bin.«
»Das ist zu spät.«
»Aber Ava, ich …«
»Du willst, dass wir nach Paris ziehen. Ich will, dass wir dieses Haus mieten. Betrachte es als Deal.«
Dirk traute seinen Ohren nicht. »Ich hab das Ding ja noch nicht einmal gesehen.«
»Komm aus London hierher. Dann sehen wir es uns zusammen an.«
»Das geht nicht, ich muss am Freitag ins Büro.«
»Dann vertrau mir und lass mich entscheiden.«
Fast hätte Dirk laut aufgelacht. Ava vertrauen! Sie war schon immer sprunghaft gewesen. Früher hatte er ihre Spontaneität hinreißend gefunden, aber seit dieser Sache mit der Totgeburt brachten ihn ihre plötzlichen Stimmungswechsel manchmal an den Rand der Verzweiflung. Sie sagte Verabredungen mit Freunden kurz vor dem Termin ab, weil sie sich nicht stark genug fühlte. Behördengänge, die sie versprochen hatte zu erledigen, schob sie vor sich her. Oft war der Kühlschrank leer, weil sie angeblich keine Zeit zum Einkaufen gefunden hatte, oder ihre Augen wieder Probleme gemacht hatten. Er hatte den Verdacht, dass sie stundenlang auf dem Friedhof zubrachte und darüber die wichtigen Dinge einfach vergaß. In letzter Zeit war es besser geworden, aber vertrauen konnte er ihr nicht.
»Ava, bitte, wir müssen das nicht überstürzen. Es ist noch viel Zeit bis Februar und wenn du nicht nach Neuilly willst …«
»Will ich nicht!«
»… suchen wir etwas anderes Schönes. Aber diese Woche kann ich nicht nach Paris.«
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. Dirk sah auf die Uhr. »Ich muss jetzt Schluss machen.«
»Ich habe schon zugesagt!«
»Du hast was?«
»Ich habe gesagt, dass wir das Haus nehmen wollen.«
»Ava! Aber du hast doch nichts unterschrieben?«
Sie antwortete nicht.
»Ava?«
»Bitte, Dirk. Ich brauche das hier. Ich muss einmal das Gefühl haben, auch etwas entscheiden zu können. Nur einmal.«
Es wurde eng. Ihr war zuzutrauen, dass sie eigenmächtig ein Haus mietete, nur um zu zeigen, dass sie es konnte. Und sie konnte es – sie hatte alle Vollmachten.
Er musste seine Taktik ändern. »Also gut. Schick mir die genauen Daten. Was es kostet, Ausstattung, Lage, alles, was du hast. Ich seh’s mir an.«
»Danke!«
»Aber Ava …«
»Ja?«
»Unterschreibe nichts, ohne dass ich dabei bin. Versprichst du mir das?«
»Ich unterschreibe nichts. Versprochen.«
Er atmete erleichtert auf. Das war gerade noch einmal gut gegangen.
~
Am nächsten Tag stand Ava früh auf. Seit ihrem Besuch in der Villa Rodins in Meudon hatte sie nur ein Ziel: das Museum des Bildhauers im Fünfzehnten Arrondissement. Sie wollte unbedingt die Umsetzung seiner Entwürfe in Marmor und Bronze sehen. Wenn schon diese Gipsskulpturen eine solche Magie entfalten konnten, wie mussten sie erst in ihrer endgültigen Form wirken?
Mit Rodin als Künstler hatte sie sich bislang nicht befasst. Für sie war er immer nur der Mann gewesen, der Camille Claudel in den Wahnsinn getrieben hatte, weil er sich nie endgültig für sie entscheiden wollte. Doch das waren nichts als ihre unreifen Vorurteile als Teenager gewesen. Als Mensch mochte er fehlbar gewesen sein – aber wer war das nicht? Als Künstler war er unzweifelhaft einer der ganz Großen, davon hatte sie sich seit ihrem Besuch gestern in der Villa des Brillants überzeugen können. Ihm war es gelungen, die Vergänglichkeit des Augenblicks für die Ewigkeit festzuhalten. Wenn sie doch nur auch in der Lage wäre, diesen wundersamen Augenblick, als Murielle auf ihrem Bauch gelegen und ihr das erste Mal in die Augen gesehen hatte, festzuhalten! Sie merkte, wie er in ihrer Erinnerung verblasste. Er war noch da, aber er verlor seine Schärfe. All diese großartigen Momente eines Lebens, die einfach vorüberziehen und in der Erinnerung zu blassen Schwarz-Weiß-Gedanken werden – welchen Zauber können sie entfalten, wenn sie festgehalten wurden, in Bildern – oder eben in Stein. Das war vielleicht der Grund, warum sie die Fotografie immer geliebt hatte. In diesem Augenblick vermisste sie schmerzlich ihre Kamera. Sie lag zuhause, gut verpackt in einer Ecke des Schranks. Wie lange hatte sie sie nicht mehr in den Händen gehalten? Warum eigentlich nicht?
Sie stand gerade vor einer Skulptur, die einen Mann und eine Frau, eng umschlungen in einem leidenschaftlichen Kuss zeigte, als sich um sie herum eine Schülergruppe versammelte. Das Gelächter und die lautstarken Kommentare rissen sie aus ihrer Versunkenheit. Ein Jugendlicher stellte sich hinter die Skulptur und machte eine obszöne Handbewegung. Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. Wie gerne hätte sie das steinerne Liebespaar mit einem Tuch verhüllt, um es vor den Blicken dieser testosterongesteuerten Halbstarken zu schützen. Sie fühlte eine völlig irrationale, aber intensive Scham, ganz so, als habe man sie selbst nackt mit ihrem Liebhaber ertappt. Verwirrt und angewidert wandte sie sich ab.
Als sie aus den kühlen Hallen in den Museumsgarten trat, vibrierte ihr Handy. Eine Textnachricht von Dirk. Sie hatte ihm gestern noch sämtliche Daten zu dem Haus in Meudon geschickt, ihm die Webadresse genannt, wo er sich die Bilder ansehen konnte und ihm noch einmal mit Nachdruck zu verstehen gegeben, dass sie so wohnen wollte und nicht in einem sterilen Neubau.
»Habe mit der Maklerin gesprochen. Können es uns morgen nochmal gemeinsam ansehen. Termin in Hamburg gecancelt.«
Ungläubig starrte sie auf ihr Handy. Sollte sie Dirk tatsächlich überzeugt haben? Sicher, sie hatte ihm gewissermaßen die Pistole auf die Brust gesetzt, aber es war völlig untypisch für ihn, sich unter Druck setzen zu lassen. Und dass er einen Geschäftstermin absagte, um ihr einen Gefallen zu tun, war noch nie vorgekommen. Sie wanderte zwischen den Bronzeskulpturen im Museumsgarten umher und ärgerte sich über ihr schlechtes Gewissen, das ihr die Freude an ihrem Triumph nahm. Alles fühlte sich falsch an. Egal, was sie unternahm, irgendwann kam immer der Punkt, an dem sie die Lust verlor an einer Sache oder ihre einmal getroffene Entscheidung bereute. Zwei Schritte vor und drei zurück – das war ihr Leben. Auf einmal fühlte es sich auch falsch an, zwischen all diesen Steinfiguren hier herumzulaufen. Sie sollte sich dazu stellen, sich nicht mehr bewegen und abwarten, bis sie selbst zu Stein wurde. Dann gäbe es auch nichts mehr zu entscheiden und anschließend zu bereuen. Vielleicht war sie eigentlich eine von ihnen und nur durch einen dummen Zauber zum Leben erweckt worden, ohne für das Leben geeignet zu sein. Jetzt lief sie durch ihre Tage, ohne Kenntnis darüber, was leben bedeutete und wie mit dem ewigen Fortschreiten der Zeit umzugehen war.
Frustriert setzte sie sich auf eine Bank, betrachtete die umherwandernden Museumsbesucher und stellte sich vor, aus wunderschönem weißem Marmor zu sein und tagaus tagein von ihnen bewundert zu werden. Liebevolle Hände würden sie putzen und pflegen und nichts könnte sie in ihrem steinernen Gleichmut erschüttern.
~
Früh am nächsten Morgen landete Dirk in Paris und holte sie mit dem Taxi am Hotel ab, um mit ihr zusammen nach Meudon zu fahren.
»Es tut mir leid«, sagte Ava, als er sie zur Begrüßung in den Arm nahm.
»Was tut dir leid?«
»Dass du wegen mir jetzt deinen Termin absagen musstest.«
»Ich habe ihn nicht abgesagt. Er ist vom Kunden verschoben worden.«
»Das trifft sich ja gut.«
»Es geht. Ich hätte viel zu tun im Büro. Aber du hast ja keine Ruhe gegeben.«
»Vielleicht war es mir wichtig?«
»Ich hoffe, es ist dir immer noch wichtig.«
Sie hasste es, wenn er so auf sie heruntersah, als wäre sie ein ungezogenes Kind. »Ja«, sagte sie und löste sich aus seiner Umarmung.
Die Besichtigung selbst ging schnell. Diesmal war nur Madame Fleurette vor Ort und Dirk warf einen kurzen Blick in alle Räume, ließ sich von ihr die Heizung und den Stromkasten zeigen und ging dann sofort zu den vertraglichen Bedingungen über. Ihn interessierte weder die Nachbarschaft noch der Garten. Ihn interessierte auch der Blick aus dem Dachfenster auf den Eiffelturm nicht. »Ja, schön«, sagte er nur, als Ava ihn darauf hinwies.
Innerhalb von nur einer halben Stunde hatte er mit seiner üblichen Effizienz das Haus besichtigt, den Vertrag unterzeichnet und sogar noch eine wöchentliche Pflege des Gartens für die Sommermonate hineinverhandelt. Auf keinen Fall wollte er selbst Rasen mähen oder Büsche schneiden müssen. Mit Ava sprach er nicht ein Wort während der gesamten Prozedur. Sie kam sich vor wie die unsichtbare Nebenfigur in einem Ein-Mann-Stück.
Dann standen sie draußen und Ava konnte es kaum fassen. Fast hatte sie den Verdacht, dass Dirk dieses leidige Thema einfach schnellstmöglich vom Tisch haben wollte und es ihm vollkommen gleichgültig war, wo und wie sie wohnen würden, wenn es schon nicht das moderne Luxusapartment in Neuilly sein konnte.
»Warum warst du jetzt auf einmal so entschlossen?«, fragte sie, als sie sich von Madame Fleurette verabschiedet hatten und auf die Straße traten.
Er schürzte die Lippen und wiegte den Kopf hin und her, als müsse er darüber erst einmal gründlich nachdenken. Dann sagte er: »Ich hatte den Eindruck, du warst entschlossen, und bevor du ohne mich irgendwelche Entscheidungen triffst …«
»Triffst du sie lieber selbst – ohne mich?«
»Ich bitte dich! Du warst doch dabei!«
»Ich hätte es nicht sein müssen.«
»Ava, was willst du denn jetzt? Du hast dieses Haus ausgesucht.«
»Gefällt es dir denn überhaupt?«
Er drehte sich zum Haus um, ganz so, als habe er es unter diesem Aspekt noch gar nicht betrachtet, und sagte: »Doch, ja, es ist hübsch.«
»Es ist dir egal.«
»Ava, ich komme hierher, weil du dir plötzlich in den Kopf gesetzt hast, dieses Haus mieten zu wollen. Also miete ich dieses Haus. Und jetzt bist du damit auch nicht zufrieden?«
Ava öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber dann fehlte ihr plötzlich die Energie für ihre Worte. Dirk begriff einfach nicht, worum es ihr ging. So richtig begriff sie es auch selbst nicht. Da war nur dieses unbestimmte Gefühl, dass in der ganzen Angelegenheit etwas sehr Wichtiges zu kurz gekommen war.
Zurück in Hamburg bat sie Dirk, sie am Friedhof abzusetzen. Jetzt, da der Umzug beschlossen war, wollte sie die Sache mit dem Abschiednehmen noch einmal sehr gründlich üben. Es blieb nicht mehr viel Zeit.
Es war dann am Ende trotz des vielen Übens immer noch entsetzlich schwer. Dirk behauptete, sie hätte das Thema falsch angepackt. Es sei wie bei einem Pflaster. Je schneller es abgerissen wurde, desto schmerzloser war es. Aber Ava hatte auch noch nie ein Pflaster schnell entfernen können. Sie hatte es gehasst, wenn ihre Mutter beim Ablösen von Pflastern – egal wie groß sie waren – kurzen Prozess machte und dann behauptete, das könne doch nun wirklich nicht weh getan haben. Ihre Großmutter hatte mit ihr das Pflaster-Entfernen immer zelebriert, es mit einer spannenden Erzählung verbunden und am Ende Avas grenzenlose Tapferkeit mit einer süßen bretonischen Erdbeere oder gar einem Eis belohnt.
Diesmal belohnte sie niemand mit irgendetwas. Ganz alleine wanderte sie nach ihrem letzten Besuch an Murielles Grab nach Hause, um noch ein paar persönliche Dinge – getränkt mit den Tränen der Endgültigkeit – in Kartons zu verpacken.
Und dann war Hamburg Geschichte.
Kapitel 4
Es war bereits das dritte Mal in dieser Woche, dass Ava die Villa des Brillants besuchte. Sie lag tatsächlich nur zehn Minuten Fußweg von ihrem neuen Heim entfernt.
