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Ein heimlicher Maler, eine vergessen geglaubte Liebe und eine wiedererwachte Sehnsucht. Paul Tissu traut seinen Augen nicht: eine junge Frau betritt seinen Stoffladen in der Aachener Innenstadt. Sie sieht aus wie Aurelie, spricht wie Aurelie, aber ist sie es auch? Die Französin war die große aber unerreichbare Liebe seiner Jugendtage, zu schön und zu reich für ihn, den einfachen Handwerkersohn. Ihm blieb nur, sie immer wieder zu malen – eine Leidenschaft, die er jahrzehntelang vor seinen Eltern und seiner Frau verheimlicht hat. Mit dem Auftauchen dieser Frau wird für Paul die Vergangenheit lebendig und er fasst einen folgenreichen Entschluss …
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Deutsche Erstveröffentlichung bei
Tinte & Feder, Amazon Media EU S.à r.l.
5 Rue Plaetis, L-2338, Luxembourg
September 2018
2. Auflage, November 2024
© Text: Stefanie Hohn
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Umschlagmotiv: @ Vasilina Popova / Getty; Alexander_Evgenyevich /
Shutterstock
Lektorat: Verlag Lutz Garnies, Haar bei München, www.vlg.de
Stefanie Hohn
c/o Barbara’s Autorenservice
Tüttendorfer Weg 3
24214 Gettorf
Independently Published
Das Buch
Ein heimlicher Maler, eine vergessen geglaubte Liebe und eine wiedererwachte Sehnsucht.
Paul Tissu traut seinen Augen nicht: eine junge Frau betritt seinen Stoffladen in der Aachener Innenstadt. Sie sieht aus wie Aurelie, spricht wie Aurelie, aber ist sie es auch? Die Französin war die große aber unerreichbare Liebe seiner Jugendtage, zu schön und zu reich für ihn, den einfachen Kaufmannssohn. Ihm blieb nur, sie immer wieder zu malen – eine Leidenschaft, die er jahrzehntelang vor seinen Eltern und seiner Frau verheimlicht hat. Mit dem Auftauchen dieser Frau wird für Paul die Vergangenheit lebendig und er fasst einen folgenreichen Entschluss …
Die Autorin
Stefanie Hohn veröffentlicht unter verschiedenen Pseudonymen historische und zeitgenössische Romane in namhaften Verlagen. Die Übersetzerin und promovierte Literaturwissenschaftlerin erschafft starke individuelle Charaktere und erzählt atmosphärisch dicht von Liebe, Freundschaft und Familie. Sprachaffin und weitgereist fühlt sie sich in vielen Ländern zu Hause, ihr Lieblingsplatz zum Schreiben aber liegt zwischen alten Apfelbäumen im heimischen Garten.
Für Mama
Wir malen mit den Augen der Liebe,
und Augen der Liebe
müssen uns auch nur beurteilen.
(Gotthold Ephraim Lessing, Emilia Galotti)
Lieber Paul,
ich weiß, du wartest auf ein Lebenszeichen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob »leben« das richtige Wort für den Zustand ist, in dem ich mich befinde, seit du fort bist.
Abschied nehmen ist wahrscheinlich das, was ich am besten kann. Oder nein, das ist falsch. Weitermachen kann ich, das Gewesene in eine Erinnerungsschublade stopfen und sie so lange nicht öffnen, wie die Bilder darin noch frisch und bunt sind.
Diesmal aber ist es anders. Ich denke ständig an die Tage mit dir hier in Paris und kann die Erinnerung an diese Momente kaum ertragen.
Heute Abend war ich oben auf dem Montmartre, habe mit Hunderten Touristen auf den Treppen vor Sacré-Cœur gesessen und auf den Sonnenuntergang gewartet. Der Himmel war blutrot, und die Stadt erschien in einer Klarheit, wie es selten der Fall ist. Eine Schönheit, die wehtat.
Kennst du das? Wenn das Leben heranrückt und alles so intensiv wird, dass es kaum auszuhalten ist?
So waren die Momente mit dir. Unsere Spaziergänge, die vielen Stunden, in denen du mich maltest, unsere letzte Nacht. Du so nah – und am Ende doch unerreichbar.
Jetzt liegen wieder viele Kilometer zwischen uns, und ich hoffe, dass mit jedem Tag, der vergeht, der Schmerz ein wenig nachlässt. Vielleicht tut dann auch irgendwann die Erinnerung nicht mehr weh. Vielleicht.
Deine Aurelie
Nacht
Sie war nicht schön genug.
Wieder einmal nicht.
Ihr Blick war nicht intensiv genug, das Haar nicht glänzend und die Haut nicht rein genug.
Dabei sah er sie so deutlich vor sich, wenn er die Augen schloss.
Über die Jahre hatten seine inneren Bilder eine Präzision erlangt, die fast wehtat. Aber es gelang ihm einfach nicht, die ephemere Schönheit seiner Visionen sichtbar zu machen.
Die Wirklichkeit war immer profan.
Er würde sie verscharren, wie alle anderen auch. Niemand würde sie jemals zu Gesicht bekommen.
Er war erschöpft. Wenn der Rausch vorbei war und seine Sinne begannen, die Umgebung wieder wahrzunehmen, drückte die klaustrophobische Enge des Gewölbes schwer auf seine Brust. Er fror.
Plötzlich hatte er es eilig. Wie lange war er schon hier unten?
Er griff nach dem Spaten, der in einer Ecke bereitstand. Wohin? Die Stelle vom letzten Mal vielleicht? Dort war die Erde noch locker.
Er grub so tief, wie er es wagen konnte. Auch wenn er keine von ihnen jemals wieder ausgraben wollte, so hatte er trotzdem Angst, sie mit seinem Spaten zu verletzen.
Den Rest erledigte er mit den Händen.
Als er fertig war, seufzte er erleichtert auf. Jetzt schnell raus hier, nicht dass seine Frau doch noch bemerkte, dass er nicht im Bett war, und sich auf die Suche nach ihm machte. Er musste vorsichtig sein.
Er schaltete die Strahler ab, und die Dunkelheit fiel über ihn her. Es war, als wiche mit dem Licht auch der letzte Rest Sauerstoff aus dem engen Gewölbe.
Vorsichtig tastete er sich zur Falltreppe und zog sich mühsam hinauf. Die Sprossen knarrten. Er zählte. Nummer fünf war gebrochen, über die musste er hinwegsteigen. Das schmerzte im Knie.
Erst oben knipste er die Taschenlampe an und leuchtete in das schwarze Loch zu seinen Füßen. Der Lichtkegel verlor sich in der Finsternis.
Er klappte die Falltür zu und rückte die alte Kommode wieder an ihren Platz.
Nichts war zu sehen.
Langsam stieg er die Kellertreppe hinauf, kontrollierte, ob die Schaufensterbeleuchtung korrekt eingeschaltet war, und ging nach oben in die Wohnung. Leise schlich er sich ins Bad.
Unter seinen Fingernägeln klebte Erde. Seine Hände, Arme und das Gesicht waren rot gesprenkelt. Er nahm eine Bürste zu Hilfe und schrubbte so lange, bis die Haut brannte.
Langsam sickerte der rotbraune Sud durch den Abfluss und hinterließ einen öligen Film im Waschbecken. Hektisch bearbeitete Paul die Emaille mit einem scharfen Reinigungsmittel. Es roch nach Chlor.
Als er die letzten Spuren beseitigt hatte, wagte er sich endlich ins Bett.
Seine Frau schlief tief und fest. Sie lag auf dem Rücken und schnarchte laut. Ihre Brust hob und senkte sich. Das Nachthemd war verrutscht und ließ einen großen Teil ihrer linken Brust frei. Ein leiser Ekel erfasste Paul. Ihr Busen war schon immer zu groß gewesen. Jetzt, wo sie fast fünfzig war, hing er zu beiden Seiten hinunter, wenn sie auf dem Rücken lag.
Paul überlegte, auf das Wohnzimmersofa auszuweichen, aber dann täte ihm morgen der ganze Körper weh. Also aushalten. Es waren ohnehin nur noch wenige Stunden, bis der Wecker klingelte.
Er rollte sich am äußersten Bettrand zusammen und zog die Bettdecke über die Ohren. So konnte er alles ausblenden, was an seiner Nachtruhe nagen wollte. Nur die leichte Übelkeit, die sein nächtlicher Rausch wieder einmal verursacht hatte, blieb.
Kapitel 1
»Ach, wissen Sie, an Farben sieht man sich doch irgendwann satt. Ich hatte so eine Phase, da wollte ich alles in Grün. Das Sofa grün, die Wände grün, die Vorhänge grün … Mein Mann ist ganz verrückt geworden, er hasst nämlich Grün.« Sie kicherte.
»Grün«, wiederholte Paul und zog kurz die Augenbrauen hoch, bevor er den schweren cremefarbenen Brokatdamast ausrollte, auf den Frau von Hohenstein mit ihren manikürten Fingern gezeigt hatte.
»Ja, grün ist furchtbar, nicht? Danach hatte ich eine Rot-Phase. Na ja, die Wände waren nicht rot, aber jedes Stückchen Stoff im Haus …« Sie entblößte ihre dritten Zähne und ließ ein tiefes Raucherlachen ertönen. »Mein damaliger Dekorateur wollte mich davon abbringen, aber wenn ich so einen Farbfimmel habe, bin ich stur! Er glaubt, das müsse daran liegen, dass mein Mann Kunstprofessor ist.« Diesmal endete ihr raues Lachen in einem rasselnden Hustenanfall.
»Verstehe«, murmelte Paul und strich mit den Händen über den Stoff. »Dieser hier ist sehr dezent. Passt immer.«
»Dezent!« Frau von Hohenstein zog die Mundwinkel verächtlich nach unten. »Langweilig, meinen Sie.« Wieder wanderte sie die Regalwände ab, in denen sich die Stoffballen bis zur Decke stapelten.
»Er hat ein interessantes Muster. Wenn die Sonne darauffällt, bekommt er Tiefe. Das ist sehr schön«, sagte Paul.
Die Kundin machte eine ungeduldige Handbewegung und zeigte auf eine Stelle knapp unterhalb der Decke. »Der lachsfarbene da oben. Darf ich den mal sehen?«
Paul unterdrückte einen Seufzer und zerrte die Leiter herbei. Schwerfällig stieg er hinauf und zog einen Ballen mit hauchdünnem Gaze hervor. »Meinen sie den?«
»Ja, genau den.«
»Aber ich dachte, Sie wollen einen blickdichten Stoff? Das hier ist Organza, beinahe durchsichtig.«
»Bringen sie ihn mal herunter. Die Farbe gefällt mir. Vielleicht ist beinahe durchsichtig ja doch besser.«
Gehorsam stieg Paul die Leiter mit dem Ballen unter dem Arm hinunter und breitete den Stoff über dem cremefarbenen Brokatdamast aus. Frau von Hohenstein nahm das zarte Gewebe zwischen Daumen und Zeigefinger, hob es hoch und hielt es sich vor das Gesicht wie einen Schleier. Dann ließ sie es fallen und schüttelte den Kopf. »Nein, das ist es auch nicht. Er ist in der Tat zu dünn.«
Wieder wanderte sie die Regale entlang, wies hierhin und dorthin und schickte Paul ein ums andere Mal die Leiter hinauf, ließ Ballen herunterholen und ausbreiten. Nach über einer Stunde ziellosen Suchens hatten sich die Stoffe auf der Ladentheke zu einem Wall aus Farbe und Gewebe aufgetürmt.
»Ach, Herr Tissu!« Sie sprach es wieder falsch aus, obwohl er sie bereits mehrmals höflich darauf hingewiesen hatte, dass das u am Ende ü gesprochen wurde. Tissü, sein Name war Paul Tissü. In Aachen waren französisch klingende Namen keine Seltenheit, aber Frau von Hohenstein weigerte sich standhaft, seine belgische Abstammung zur Kenntnis zu nehmen.
»Wissen Sie«, sagte sie jetzt mit einer wegwerfenden Handbewegung, »ich glaube, ich will gar keinen Stoff an den Fenstern haben. Wenn ich es mir recht überlege … Vielleicht sollte ich etwas Moderneres nehmen. Jalousien sind ja auch nicht schlecht, was halten Sie davon?«
»Ganz wie Sie meinen«, erwiderte Paul und neigte leicht den Kopf. Immer öfter ertappte er sich bei dieser Geste dienstbarer Ergebenheit, die er bei seinem Vater immer gehasst hatte.
Frau von Hohenstein sah auf die Uhr. »Ach, du liebes bisschen, es ist ja schon fast halb eins! Jetzt muss ich mich aber beeilen, ich habe noch eine Verabredung! Ich komme morgen wieder, lieber Herr Tissu. Dann zeigen Sie mir Ihre Kollektion an Jalousien, ja?« Betonte sie das u besonders, um ihn daran zu erinnern, dass nicht er, sondern sie darüber entschied, wie sein Name zu lauten hatte?
Sie rauschte zur Tür hinaus und ließ eine olfaktorische Zumutung aus Tabak und Parfüm zwischen den Stoffen zurück.
Pauls Hand wanderte in die Schublade, in der er den Ladenschlüssel aufbewahrte. Es war zwar noch über eine halbe Stunde bis zur Mittagspause, aber er hatte genug. Er brauchte jetzt erst mal einen starken Kaffee, vielleicht mit einem Schuss Rum. Auch diese Angewohnheit seines Vaters hatte sich in sein Leben geschlichen. Irgendwann hatte er aufgehört, Paul zu sein. Er konnte nicht sagen, wann genau das passiert war, aber die Schablone, die an Pauls Stelle getreten war, kam einfach besser durch die Tage als der richtige Paul. Wer auch immer das war.
Gerade wollte er hinter seinem Wall aus Stoffballen hervortreten, um das Geschäft zu schließen, da bimmelte die Türglocke. Unwillkürlich duckte er sich. Schräg gegenüber der Eingangstür stand ein großer Spiegel, der sich wiederum in der Vitrine spiegelte, die die kostbaren Seidenstoffe beherbergte. Von seinem Platz hinter dem Stoffberg hatte er einen direkten Blick auf diese Vitrine, und so sah er die Kundin, die soeben den Laden betreten hatte, ohne dass sie ihn sehen konnte.
Er sah also in diesem Moment nur die doppelt gespiegelte Silhouette einer Frau, konnte weder ihre Gesichtszüge klar erkennen noch ihre Augenfarbe, und doch geschah etwas in seinem Brustkorb, das er vielleicht als Herzanfall gedeutet hätte, wenn ihm in diesem Moment nicht jede analytische Fähigkeit abhandengekommen wäre. Er schnappte nach Luft und ließ sich rückwärts auf den Stuhl fallen, der zu seinem großen Glück an genau dieser Stelle stand.
Die junge Frau – denn jung musste sie sein, so anmutig wie sie sich bewegte – machte ein paar Schritte in Richtung Ladentheke, blieb dann unschlüssig stehen und ließ den Blick über die zahlreichen Stoffballen in den Regalen schweifen. Dann ging sie einen weiteren Schritt nach vorne, und die gespiegelte Erscheinung in der Vitrine verschwand.
»Hallo?«
Diese Stimme! Er schob den Kopf ein klein wenig vor, gerade genug, um hinter dem Stoffberg hervorzulinsen. Sie stand mitten im Raum, das Kinn leicht nach vorne gereckt, die langen schwarzen Haare nach hinten geworfen, und lauschte.
»Hallo? Ist niemand da?«
Paul machte sich so klein wie möglich, was bei seinen Körpermaßen nicht ganz einfach war. Er betete inständig, sie möge das Geschäft wieder verlassen, und hoffte gleichzeitig, sie würde für immer dort stehen bleiben. Sie tat weder das eine noch das andere. Sie kehrte ihm den Rücken zu, setzte einen Fuß auf die Leiter, die noch immer an der Regalwand lehnte, und streckte die Hand nach einem intensiv karminrot leuchtenden Stoff aus. Die schlanke Taille, die schmalen Handgelenke …
Aber nein, das war doch nicht möglich!
In diesem Augenblick kam der Geselle aus der Werkstatt und entdeckte Paul hinter seiner Stoffmauer. Sein Blick wanderte zu der Kundin auf der Leiter und stirnrunzelnd wieder zurück zu Paul. Paul legte einen Finger über die Lippen. Stumm bedeutete er dem jungen Mann, seine Anwesenheit nicht zu verraten und sich um die Kundin zu kümmern. Der Geselle hob ratlos die Achseln.
Paul formte ein strenges »Nun mach schon!« mit den Lippen.
Unbeholfen trat der Geselle auf die schwarzhaarige Schönheit zu, die hastig von der Leiter herunterstieg.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Ja, also ich … Eigentlich wollte ich nur fragen, ob Sie auch Fertiggardinen haben, solche, die man nur aufhängen muss, nicht nähen, also so was ganz Einfaches, Schlichtes, ich kann nämlich nicht nähen …«
Aber wir können das!, hätte Paul beinahe laut gerufen, doch er besann sich rechtzeitig.
»Haben wir«, hörte er den Gesellen brummen. Schritte, und dann standen sie jenseits seiner Stoffmauer, nur eine Armlänge von ihm entfernt. Er war sicher, nun auch ihren Duft wiedererkennen zu können. Sein Herz hämmerte so laut, dass er fürchtete, sie würde es hören.
»An was hatten Sie denn gedacht?«, fragte der Geselle.
»Am besten etwas mit Schlaufen, die ich einfach nur auf die Gardinenstange aufziehen muss.«
»Haben Sie denn die Maße?«
»Die Maße?«
»Wie breit? Wie hoch? Es ist ja nicht jedes Fenster gleich.«
»Oh! Nein, das stimmt. Also, hm … daran habe ich gar nicht gedacht.«
Typisch, dachte Paul. Das war so ganz ihre Art. Völlig unpraktisch veranlagt.
»Dann sollten Sie erst einmal ausmessen.«
»Ja, das muss ich wohl.« Eine Weile herrschte Stille, nur das leise Rascheln der Stoffe war zu hören. »Dieser hier gefällt mir. Haben Sie den auch mit Schlaufen?«
»Äh … nein, ich glaube nicht.«
Idiot! Dann machen wir die Schlaufen eben dran, wenn sie Schlaufen will!
»Schade! Der hätte mir gefallen. Aber wenn ich sowieso erst ausmessen muss …«
»Ja, messen Sie mal. Die Breite ist wichtig. Und natürlich, ob bodenlang oder nur bis Höhe Fensterbank.«
»Nein, nein. Nur bis zur Fensterbank. Es ist eine kleine Wohnung, keine bodentiefen Fenster, leider!«
Eine kleine Wohnung? Paul konnte es nicht glauben. Das sah ihr so gar nicht ähnlich. Ob sie alleine dort lebte?
»Tja, dann … komme ich morgen wieder. Vielen Dank erst mal!«
Der Geselle sagte nichts, aber Paul hoffte, dass er ihr wenigstens verbindlich zunickte. Ungehobelter Kerl! Völlig ungeeignet für den Umgang mit Kunden. Dafür war er ein genialer Polsterer. Gott sei Dank, denn Paul war die Polsterei leid. Für diese schwere Arbeit taten ihm mittlerweile seine abgearbeiteten Hände zu weh.
Er hörte das leichte Klappern ihrer Absätze auf dem Parkett und lugte ein weiteres Mal vorsichtig aus seinem Versteck hervor. Just in diesem Augenblick drehte sie sich um und ließ nochmals ihren Blick zu dem karminroten Stoff hinaufgleiten. Durch eines der Oberlichter fiel die Sonne auf ihren Scheitel. Eine feine, helle Linie, die das schwarz glänzende Haar teilte. Doch das war es nicht, was Paul erneut ins Taumeln brachte. Es waren die Augen.
Es waren ihre Augen.
Zwei blaue Saphire. Diese Augen besaß nur ein einziges Wesen auf dem ganzen Planeten! Aber nein, das konnte unmöglich sein!
Ihr Blick wanderte hinüber zu seinem Schutzwall, und er zuckte zurück. Ein paar Schritte, und ihr Spiegelbild erschien wieder im Vitrinenglas. War sie nur eine Vision, auf seine Netzhaut gezaubert, ein Spiel des Lichts mit seiner Fantasie?
»Auf Wiedersehen!«, rief sie noch, und dann war sie draußen. Die Türglocke bimmelte, und zurück blieb eine wieder erwachte Sehnsucht, die wie eine frische Brise durch den Verkaufsraum wehte.
Paul zählte bis zwanzig, denn länger dauerte es nie, bis seine üblichen Kundinnen nach Verlassen des Ladens die Auslagen im Schaufenster betrachtet hatten. Nun gehörte sie ganz sicher nicht zu dieser Art Kundin, dennoch war höchste Vorsicht geboten. Unter gar keinen Umständen durfte sie sehen, wie er sein Versteck hinter den Stoffballen verließ. Der Geselle war noch damit beschäftigt, die präsentierten Fertiggardinen ordentlich an den Ständer zurückzuhängen, als Paul sich zu voller Größe aufrichtete. Er konnte so gerade über den obersten Ballen hinwegsehen.
»Wenn sie Schlaufen will, kriegt sie Fertiggardinen mit Schlaufen!«
»Aber die von Arnstutz hier gibt’s nicht mit Schlaufen. Und die wollte sie haben.«
»Dann machen wir die verdammten Schlaufen dran!«
»Aber …«
»Wir machen Sie dran, verstanden?« Pauls Faust sauste auf das Stückchen Ladentheke nieder, das nicht von Textilien bedeckt war. Der Stoffberg schwankte, und der Geselle zog den Kopf ein.
»Jawoll, Chef!«
»Und jetzt kümmern Sie sich hinten um das verflixte Sofa! Hier im Laden sind Sie ja doch nicht zu gebrauchen!«
Mit hochgezogenen Schultern hastete der Geselle zurück in die Werkstatt.
Wie im Traum rollte Paul einen Stoffballen nach dem anderen ein und verstaute ihn an seinem angestammten Platz. Er hatte eine sehr eigene Systematik, die Ballen anzuordnen. Niemand verstand seine Logik. Barbara behauptete, es herrsche Chaos in seinem Geschäft, ein wildes Durcheinander von Farben und Textilien in sämtlichen Regalen, die sich ringsum bis zur Decke erstreckten. Aber Barbara hatte keine Ahnung. Sie hatte keinen Blick für die Farbmuster, mit denen Paul seine Wände gestaltete. Sie schimpfte, weil die empfindlichen Viskosegewebe unter dicken Leinenballen lagerten und die Firma Arnstutz neben der Firma Olmann lag.
Dabei war es so unwichtig, welches Firmenlabel ein Ballen trug, ob das Gewebe stark und fest oder fein und durchsichtig war! Jede Stofffarbe erzählte eine Geschichte, löste eine Schwingung aus, die nur er bewusst wahrnehmen konnte. Also durfte auch nur er die Ballen anordnen, ihnen den Platz zuweisen, der einzig und richtig war. Hätte Barbara oder auch der Geselle nur ein klein wenig Fantasie gehabt, so hätten sie in dem vermeintlich wilden Chaos an den Wänden die Kunstwerke entdecken können, die Paul aus Farbkontrasten und -harmonien erschuf.
»Du hast kein System!«, keifte Barbara von Zeit zu Zeit. »Die Stoffe kommen nicht zur Geltung, und ich finde nie etwas!«
»Oh doch, ich habe ein System«, pflegte Paul dann zu sagen. Aber er unterließ es, ihr etwas erklären zu wollen. Sie hätte es sowieso nicht verstanden. Über die Jahre war er sehr geübt darin geworden, Barbaras Ärger an sich abperlen zu lassen. Sie nannte ihn stur, doch wenn es überhaupt noch etwas in seinem Leben zu verteidigen gab, dann war es die geheimnisvolle Anordnung der Stoffe in den Regalen seines Geschäftes. Niemand durfte ihm da hineinpfuschen. Am allerwenigsten seine Frau.
Es war weit nach Mittag, als er endlich fertig war. Anstatt wie üblich in die Wohnung hinaufzugehen, um in seinem Lehnsessel das halbe Stündchen wohlverdiente Mittagsruhe zu halten, setzte er sich in der Werkstatt auf den alten Holzstuhl seines Vaters und trank einen starken Kaffee mit einem noch stärkeren Schuss Rum.
Was für ein Spiel trieb seine Fantasie mit ihm? Nach all den Jahren! Die Zeit hatte längst jeden Gedanken an sie aus seinem Bewusstsein getilgt. Sie konnte es nicht sein!
Seine Hand, mit der er den Kaffeebecher hielt, zitterte leicht.
Er musste sich getäuscht haben. Irgendein junges Ding, eine Studentin vermutlich, es gab so viele hier in der Stadt. Er hatte sich getäuscht. Ganz sicher. Und doch war die Ähnlichkeit frappierend. Oder mit seinen Augen stimmte etwas nicht. Er würde das untersuchen lassen. Wahrscheinlich brauchte er allmählich doch eine Brille. Eine fürs Lesen hatte er ja schon. Es war ihm zwar neu, dass sich im Alter auch die Fernsicht verschlechtern konnte – aber ging nicht alles verloren?
Ja, irgendwann ging alles einmal verloren.
Kapitel 2
Der Lichtkegel der Lampe warf seinen hellen Schein in das Erdloch zu seinen Füßen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Hatte er damals wirklich so tief gegraben?
Als er sich aufrichtete, wuchs sein Schatten auf der Wand bis an die Decke des Gewölbes. Überlebensgroß schien er auf ihn niederfallen zu wollen.
Die Erde war hart wie Beton. Wie versteinert in all den Jahren. War es die richtige Stelle?
Natürlich war sie es. Akribisch hatte er den Standort vermessen und notiert.
Niemals hatte er sie ausgraben wollen – ein Grab für die Ewigkeit sollte es sein. Er hatte es nicht übers Herz gebracht, sie zu verbrennen oder zu zerstückeln. Sie war einfach zu schön gewesen.
Aurelie. Mit »o« wie in »tot« und langem »i«. Das hatte sie zu Golombach gesagt, dem Geographielehrer, als er sie der Klasse präsentierte wie ein Ausstellungsstück und behauptete: »Das ist Aurelie aus Straßburg.«
»Au-re-li-e«, hatte er gesagt, als wäre ihr Name ein Schmerz oder eine botanische Seltenheit.
Schräg vor ihm hatte Golombach sie dann auf einen Stuhl gedrückt. Bei Golombach mussten die Tische in Reihen stehen, während alle anderen Lehrer schon längst das U bevorzugten. So sah er während der nächsten fünfundvierzig Minuten nur ihre schmalen Schultern, über die das glatte, glänzende Haar fiel wie schwarze Seide. Doch als er sich ein wenig vorbeugte, konnte er auch ihren Duft erahnen. Nach frischer Erde roch sie, schon damals.
Erst in der nächsten Unterrichtsstunde bekam er einen freien Blick auf ihren Hals, den kleinen kirschroten Mund und die Nasenflügel, die leicht zu beben schienen, wenn sie sprach. Und auf ihre Augen.
Es musste an der Sonne gelegen haben, die durch das Fenster in den stickigen Klassenraum fiel. Hätte sie an jenem Tag nicht geschienen, hätte graues, neblig trübes Wetter geherrscht wie an so vielen anderen Tagen, dann wäre vielleicht alles anders gekommen.
Sie sprach mit ihrer Sitznachbarin, Tatjana. Ihre Hände fuhren dabei durch die Luft, als müsste sie jedes einzelne Wort in Stein meißeln. Ihr Mund bewegte sich schnell, die Augenbrauen hoben und senkten sich wie grazile Tänzerinnen auf einer schneeweißen Bühne.
Er hatte sie minutenlang angestarrt, wahrscheinlich mit offenem Mund. Als ihr Blick auf ihn fiel, zuckte er zusammen. Ihre Augen waren eisblau, eine faszinierende Unmöglichkeit.
Dies war der Moment, ab dem er wusste, dass sie ihm gehören sollte. Natürlich konnte er nicht einfach auf sie zugehen und sie ansprechen. Gunter konnte das. Ralf auch. Selbstbewusst scherzten sie mit ihr, begleiteten sie zum Bus, schirmten sie ab gegen feindliche Übergriffe aus dem Lager der übrigen Verehrer. Stille Zweifler wie er durften aus der Ferne zusehen, wie sie ihre beiden Höflinge mit einem Lachen oder einer leichten Berührung am Arm bedachte.
Aber er hatte einen Weg gefunden, sie zu besitzen. Allumfassender, als Gunter und Ralf das jemals gekonnt hätten. Nur ihm ganz allein gehörte dieser helle Strahl, der im Bergkristallblau ihrer Augen zu leuchten schien. Er hatte das Licht ihrer reinen Seele gebannt, festgehalten für die Ewigkeit und so vor der Profanität des Alltäglichen bewahrt.
Die Grube vor seinen Füßen war nun einen halben Meter tief. Er musste achtgeben, dass er mit der scharfen Kante des Spatens nichts zerstörte. Er legte ihn zur Seite und schürfte mit den bloßen Händen weiter. Obwohl sich vor seinem Mund Atemwölkchen bildeten, tropfte ihm der Schweiß von der Stirn, hinein in die kalte Erde. Mit den Fingernägeln lockerte er das Erdreich, um tiefer vordringen zu können.
Seine Knie schmerzten. Arthrose. Auch in den Händen. Seine Finger stießen auf etwas Hartes, Glattes. Hitze wallte in ihm auf. Er griff nach der Lampe und leuchtete in die Grube, doch die Erde verschluckte das Licht. Verärgert warf er die Lampe beiseite und grub hektisch weiter. Obwohl der Lichtkegel nun an die Decke fiel, begann es in der Grube sanft zu schimmern.
Natürlich. Aurelie. Sie leuchtete immer noch, nach so langer Zeit. Er kroch fast in die Grube hinein, um sie freizulegen. Seine Finger bohrten in das Erdreich, ruckten hier, zogen da, und endlich: Langsam, ganz langsam hob er sie aus ihrem dunklen, kalten Grab.
Er klemmte sie unter den Arm, hastete die Treppen hinauf in die Werkstatt, die um diese Stunde in völliger Dunkelheit lag. Andachtsvoll legte er sie auf den Tisch. Erst dann ließ er sie los, ging zur Tür und schaltete das Licht an.
Hinter dem dicken Panzerglas leuchteten ihre Augen noch immer wie zwei Bergseen im Sommerlicht. Vorsichtig klappte er die Schließen ihres klimaversiegelten Sargs um und löste den Deckel.
Sie war vollkommen intakt. Die Farbe leuchtete frisch, als hätte er sie erst gestern auf die Leinwand aufgetragen. Das war sie. Aurelie. Das rabenschwarze Haar fiel über die rechte Schulter, sie lächelte so, wie sie immer gelächelt hatte, einen Mundwinkel leicht spöttisch gehoben. Es sah aus, als blinzelte sie ihm zu. »Na endlich«, schien sie zu sagen, »hat ja lange genug gedauert.«
Eine solche Ähnlichkeit. Frappierend! Aber Aurelie müsste inzwischen auch fast fünfzig sein, genau wie er. War es möglich, dass sie sich so gar nicht verändert hatte?
Lange saß er da und betrachtete das Porträt. Es war perfekt. Niemals zuvor und niemals danach war es ihm gelungen, die Essenz der Schönheit in Farbe zu bannen. Es war ein Meisterwerk.
Bei dem Gedanken an das kalte Grab, aus dem er sie gehoben hatte, überlief ihn eine Gänsehaut.
Er nahm ein weißes Laken, hüllte das Porträt darin ein und verbarg es zwischen zwei Schaumstoffmatten in einer Nische. Wenn sie das nächste Mal kam, war er bereit. Diesmal würde er sie keinem anderen überlassen. Diesmal nicht.
Kapitel 3
Sommer 1979
Der Regen wurde stärker. Die rote Gardine im Fenster gegenüber verlor ihre Konturen und schien in kleinen Rinnsalen die Scheibe hinabzuperlen. Die Fassade auf der anderen Hofseite, Blumenkästen, Fensterrahmen, die Gardine – alles zersetzte sich wie in einem Kaleidoskop voll bunt schillernder Tropfen.
Paul verfolgte mit dem Finger den Zickzackkurs eines roten Regentropfens, bis er sich mit einem metallgrauen Rinnsal vereinigte. Wie konnte er die leuchtende Transparenz des Wassers nur aufs Papier bekommen?
Vielleicht musste er mehr Weiß nehmen? Er tauchte den Pinsel in die bräunliche Brühe, die auf der Fensterbank stand, um ihn zu reinigen. Dann drückte er einen Klecks weiße Farbe neben die rote und die schwarze Farbe auf seiner Palette und tippte den Pinsel hinein.
Nein. So ging es auch nicht.
Frustriert warf Paul den Pinsel auf den Bogen Papier, das sich von der vielen Farbe schon wellte. Er bekam es einfach nicht hin. Genauso wenig wie die blöden Matheaufgaben. Er hasste Mathe. Mit negativen Zahlen rechnen. Wer sollte das begreifen? Von nichts konnte man doch nichts abziehen? Und von weniger als nichts noch mal weniger als nichts abziehen, indem man die Zahlen addierte? Wie unlogisch! Wenn keine Äpfel da waren, dann waren schließlich keine Äpfel da. Daran änderte auch der blöde Strich vor der Zahl nichts. Minus drei Äpfel minus fünf Äpfel sollten acht Äpfel sein? Paul schwirrte der Kopf vom vielen Nachdenken, und er starrte wieder auf das bunt schillernde Tropfenmuster an der Fensterscheibe.
Malen konnte er die Äpfel schon. Täuschend echt sahen sie aus. Aber wer wollte schon Äpfel malen. Was Wasser mit den Farben der Wirklichkeit machte – das interessierte ihn. Er wollte unbedingt verstehen, warum Farben intensiver leuchteten, wenn es geregnet hatte und danach wieder die Sonne schien. Nur wenn er das verstand, würde er auch in der Lage sein, die Farben so miteinander zu mischen, dass sie diese Lichtqualität erlangten, die Wasser ihnen verleihen konnte.
»Paul! Was träumst du denn schon wieder! Bist du endlich fertig?«
Seine Mutter steckte den Kopf durch die Tür. Sie wirkte gehetzt. Es gab immer viel für sie zu tun. Wenn sie nicht nähte oder putzte oder kochte, musste sie runter in den Laden und Kunden bedienen. Oder sie saß über lange Zahlenreihen gebeugt und schimpfte, dass die Einnahmen diesen Monat wieder einmal nicht ausreichten, um die Ausgaben für Stoffe, Polstermaterial und den Lohn des Lehrlings zu decken. All das musste schließlich bezahlt werden, wenn der Laden laufen sollte. Also musste sein Vater mehr Sofas polstern und sie noch mehr Gardinen nähen. Ihr Rücken war schon ganz krumm davon.
»Ich kann das nicht.«
»Was kannst du nicht?« Sie war näher gekommen.
»Das Rechnen.«
»So schwer kann das doch nicht sein!«
Nein, wahrscheinlich war es wirklich nicht so schwer. Er war wohl einfach zu dumm. Resigniert zog er die Schultern hoch. Seine Mutter beugte sich über das Heft, in dem er gerechnet, durchgestrichen, gerechnet und wieder durchgestrichen hatte.
»Paul, wie sieht denn dein Heft aus!«
Wieder hob er die Schultern und schielte gleichzeitig zu dem Papierbogen mit den wilden Farbklecksen. Der sah schlimm aus. Unauffällig schob er ihn ein Stück zur Seite. Wenn seine Mutter sah, dass er wieder experimentiert hatte …
»Paul! Du hast ja schon wieder gemalt, anstatt dich auf deine Aufgaben zu konzentrieren!«
»Nein!«
»Ich sehe es doch! Lüg mich nicht an!«
Gemalt war einfach nicht das richtige Wort. Das hier waren Experimente. Sein verzweifeltes Bemühen zu begreifen, was hinter dem Geheimnis der Farben steckte. Aber er konnte es nicht in Worte fassen. Also sagte er nur noch einmal: »Nein. Hab ich nicht.«
Ihre Hand fuhr auf das Matheheft nieder. »Bilder, Paul, sind nicht real. Das hier ist real. Wann begreifst du das endlich?«
Sie sammelte die verstreut liegenden Farbtuben von seinem Schreibtisch und der Fensterbank.
»Die verwahre ich jetzt. Vielleicht konzentrierst du dich dann endlich und schaffst deine Aufgaben. Erst wenn du die erledigt und Papa unten in der Werkstatt geholfen hast, bekommst du sie wieder. Wir haben viel zu tun, Paul, und alle müssen mithelfen. Auch du!«
Damit verließ sie das Zimmer.
Die Farben hatte ihm Geli geschenkt, die seit ein paar Wochen oben unterm Dach wohnte. Sie kam manchmal, um im »Atelier« auszuhelfen. So nannte seine Mutter das Nähzimmer direkt neben seinem Kinderzimmer. Mittlerweile standen dort drei Nähmaschinen, wovon mindestens eine von morgens bis abends ratterte. Geli war eigentlich Erzieherin, aber sie verdiente in ihrem Beruf so wenig, dass sie abends nach der Arbeit oder am Wochenende der Mutter mit den Bügelarbeiten half und im Gegenzug für die winzige Dachwohnung weniger Miete zahlte.
Paul schloss normalerweise seine Zimmertür, wenn nebenan gearbeitet wurde. Aber an einem Samstagvormittag hatte sie offen gestanden, und er hatte genau in dem Moment aufgeschaut, als Geli an seinem Zimmer vorbeiging und hineinsah. Ihre Augen waren blau wie der Himmel an einem diesigen Sommermorgen.
Sie lächelte ihm zu und verschwand im Nebenzimmer. Niemand sonst war da, und Paul tat etwas, was er sonst nie tat. Er stand auf und ging hinüber. In der Tür blieb er stehen. Sie hob gerade das zischende Bügeleisen aus der Halterung. Als sie ihn sah, stellte sie es zurück.
»Guten Morgen! Du bist Paul, richtig?«, sagte sie.
Paul nickte.
»Du weißt, wer ich bin, oder?«
Wieder nickte Paul.
»Du darfst mich Geli nennen, wenn du willst. Eigentlich heiße ich Angelika, aber meine Kinder nennen mich immer Geli.«
Paul sagte nichts. Er fragte sich nur, wie ein Mensch so blassblaue Augen haben konnte, dass man meinte, durch sie hindurch in den Himmel schauen zu können.
»Also ich meine nicht meine eigenen Kinder. Ich habe keine. Ich arbeite in einem Kindergarten, weißt du?«
Paul trat näher.
»Du bist schon älter. Fünfte Klasse?«
Er war erst in der vierten Klasse, aber es machte ihn stolz, dass sie ihn für einen Fünftklässler hielt. Also schwieg er wieder.
»Ich wohne oben in der Dachwohnung.«
»Ich weiß.«
»Ah, du kannst also doch reden.«
»Klar!«
Sie lächelte wieder. Eine Weile bügelte sie schweigend, und Paul beobachtete sie. Nur das laute Zischen des Dampfbüglers war zu hören.
»Vielleicht magst du mir beim Zusammenfalten helfen?«
Paul sprang vor und hob das Ende des roten Samtstoffes vom Boden auf. Gemeinsam legten sie die schwere Stoffbahn zusammen. Er hatte das schon hundertmal mit seiner Mutter getan, aber nie hatte es ihm solchen Spaß gemacht.
»Danke, du bist eine große Hilfe!«, sagte Geli und legte die fertig gebügelte und gefaltete Bahn auf einen Stapel mit den übrigen Bahnen. Es war ein Großauftrag des Stadttheaters. Der musste bis Montag früh fertig sein, und seine Mutter war furchtbar nervös deswegen.
Geli war überhaupt nicht nervös. Ihre Bewegungen waren weich und gleichmäßig. Sie stand aufrecht und hielt den Kopf gerade, selbst beim Bügeln. Nur wenn sie aufsah und ihn anlächelte oder etwas zu ihm sagte, neigte sie ihn leicht zur Seite. Manchmal beugte sie sich kurz vor, um die lange Stoffbahn ein Stück weiter hochzuziehen. Dabei gab der weite Ausschnitt ihres Hemdes den Blick frei auf die beträchtlichen Wölbungen darunter. Sie trug einen weißen BH, der ihre Brüste eng zusammenpresste. Auch der Spalt in der Mitte sah weich aus. Alles an ihr schien weich zu sein.
Paul hätte ihr stundenlang zusehen können.
Den Samstagnachmittag verbrachte er damit, sie zu zeichnen. Nur das Gesicht und den Hals – und den Ansatz ihrer Brüste. Dieser Teil gelang ihm ganz gut, aber das verhangene Blau ihrer Augen – das bekam er nicht hin. Er fertigte mehrere Skizzen an, und immer wirkte ihr Blick leblos. Schließlich gab er es auf. Die misslungenen Zeichnungen zerknüllte er und warf sie achtlos in den Papierkorb.
Am folgenden Sonntagnachmittag kam Geli wieder. Die Nähmaschine hatte den ganzen Morgen gerattert – es gab also viele Stoffbahnen zum Bügeln und Zusammenlegen. Eine Weile hörte er Geli und seine Mutter nebenan lachen und schwatzen, dann wurde es stiller, und nur noch das laute Zischen und metallische Klappern der Bügelstation war zu hören.
Er lugte um die Ecke. Heute trug sie ein geblümtes Kleid, das um die Hüften ein wenig spannte.
»Soll ich wieder helfen?«, fragte er unvermittelt.
Überrascht hob sie den Kopf und lachte, als sie ihn sah.
»Das wäre sehr schön!«
»Seid ihr bald fertig?«
»Ich denke schon, ja. Deine Mutter hat die letzten Bahnen genäht. Mit deiner Hilfe hab ich es sicher auch schnell geschafft.«
Eigentlich wollte er gar nicht, dass sie so schnell fertig würde.
»Gefällt dir … gefällt Ihnen das Bügeln?«
»Du darfst gern du sagen, wenn du magst.«
Paul nickte erleichtert. So richtig hatte er das noch nicht raus mit dem Du und dem Sie. Fremde erwachsene Menschen wurden gesiezt, das wusste er, aber Geli war nicht fremd. Sie lebte in seinem Haus, gehörte also irgendwie zur Familie. Aber im Zweifel, hatte sein Vater gesagt, sollte er jemanden lieber erst siezen.
»Also, gern esse ich Eis und lese Bücher und gehe spazieren«, sagte Geli.
»Eis esse ich auch gern!«
»Bestimmt tust du das. Aber um Eis essen zu können, brauchst du Geld, richtig?«
»Meistens bezahlt Papa.«
»Tja«, Geli zuckte mit den Achseln. »Mein Papa zahlt mein Eis aber nicht mehr. Also muss ich bügeln, damit ich Eis essen kann.«
»Also bügelst du nicht gern.«
»Manchmal schon. Vor allem, wenn ich so nette Unterstützung habe!«
Verlegen sah Paul zu Boden.
Geli lachte. »Komm, fass mal mit an.« Gemeinsam falteten sie die Bahn, und Paul kam ihrem Dekolleté dabei gefährlich nahe. Ein blumiger Duft strömte ihm entgegen. Hastig trat er ein paar Schritte zurück.
»Was machst du denn gern?«, fragte sie und griff nach einer neuen Stoffbahn.
»Eis essen.«
Geli lachte.
»Das ist klar. Was noch?«
Paul schob die Unterlippe vor und sah zur Decke.
»Mathe kann ich nicht leiden.«
Wieder lachte sie. »Ich auch nicht. Aber ich habe nicht gefragt, was du nicht leiden kannst, sondern was du gern magst. Liest du gern?«
Er zuckte die Achseln. »Nö. Nich so. Manchmal.«
»Spielst du gern Fußball?«
»Ich hasse Fußball!«
»Wirklich? Die meisten Jungs spielen supergern Fußball.«
»Ich nicht.«
»Fährst du gern Rad?«
»Geht so.«
»Hm. Ich weiß: Du zauberst gern!«
»Zaubern?« Paul zog eine Grimasse. Wie kam sie denn darauf?
»Ich finde, du siehst ein bisschen aus, als könntest du zaubern.«
Verdutzt sah er sie an. Wie sah man denn aus, wenn man zaubern konnte?
»Also nicht?«
Er schüttelte den Kopf.
»Jetzt bin ich aber ratlos. Machst du gar nichts gern?«
Paul überlegte. Er hatte sich noch nie gefragt, was er gern machte. Er mochte Schokolade und Eis und Nudeln. Er freute sich, wenn er mit Papa Pommes und Currywurst kaufen ging, weil Mama keine Zeit zum Kochen gehabt hatte. Er liebte es, wenn einer von beiden zum Gutenachtsagen noch mal an sein Bett kam, was aber leider immer seltener geschah. Manchmal half er auch gern seinem Vater in der Werkstatt, aber nur, wenn der gut gelaunt war und nicht mit ihm schimpfte, weil er sich ungeschickt anstellte.
»Malst du gern?«, unterbrach Geli seine Gedanken.
Überrascht sah er sie an. Malte er gern? Er tat es einfach. Wann immer er konnte. Er vergaß dabei die Welt um sich herum. Er konnte nicht aufhören, bis die Striche auf dem Papier sich so zusammenfügten, dass es echt aussah. Er verzweifelte oft, wenn seine Buntstifte nicht das hergaben, was er sah, weil die Farben einfach nicht stimmten. Weil sie nicht strahlten wie die Wirklichkeit. So wie gestern, als er versucht hatte, das Leuchten in Gelis Augen einzufangen.
»Und?«, hakte Geli nach.
»Meistens stimmen die Farben nicht«, sagte er.
Nachdenklich sah sie ihn an. »Warum nicht?«, fragte sie dann.
Anstatt zu antworten, lief er in sein Zimmer, suchte all seine Buntstifte zusammen und griff sich ein Blatt Papier.
Zurück im Nähzimmer, legte er das Blatt auf den großen Tisch, neben die zusammengefalteten Stoffbahnen. Der rote Samt hatte eine tiefe, satte Tönung, von der ein strahlender Glanz ausging, wenn das Tageslicht darauffiel. Er begann, mit sämtlichen roten, blauen, orange- und violettfarbenen Stiften mehrere Flächen zu schraffieren, drückte mal richtig fest auf, dann wieder weniger fest und legte schließlich das Blatt auf den Stoff.
»Da, siehst du? Sie stimmen einfach nicht.«
Geli war näher getreten und beugte sich über den Papierbogen.
»Ja. Du hast recht. Dieses Rot lässt sich mit deinen Buntstiften wohl nicht wiedergeben.«
Paul griff nach dem Bogen und zerknüllte ihn. Dann raffte er seine Stifte zusammen, rannte zurück in sein Zimmer und warf die Tür hinter sich zu.
Sie hatte die falsche Frage gestellt. Es ging nicht darum, ob er gern malte, sondern einzig darum, ob er es richtig tat.
Er hatte Geli an diesem Sonntag nicht mehr gesehen, aber am darauffolgenden Montag stieg sie gerade die Treppe hinunter, als er aus der Schule kam.
»Ich habe etwas gefunden. Ich glaube, das gehört dir«, sagte sie.
»Was denn?«, fragte Paul.
»Komm, ich zeig’s dir.«
Er folgte ihr ins Dachgeschoss und blieb vor der Tür stehen, als sie in die Wohnung ging.
»Du darfst ruhig reinkommen«, meinte sie.
Er trat einen Schritt vor, blieb aber im Türrahmen stehen.
»Ok, dann warte hier«, sagte sie und verschwand im Schlafzimmer. Er glaubte zumindest, dass es ihr Schlafzimmer war.
Als sie zurückkam, hielt sie ihm ein zerknülltes Papier entgegen. Es war eine der Skizzen, die er von ihr gezeichnet hatte.
Paul fühlte, wie seine Ohren heiß wurden.
»Das hast du gezeichnet, richtig?«
Er zögerte, nickte aber dann.
»Ich glaube, ich verstehe jetzt. Willst du sie wiederhaben oder darf ich sie behalten?«
»Die ist doch gar nicht gut!«, fuhr es aus ihm heraus.
»Paul«, sagte sie und hockte sich vor ihn. »Die ist sehr, sehr gut. Glaub mir. Ich wusste, dass du zaubern kannst!«
»Aber die Augen stimmen nicht.«
»Nein?«
»Nein.«
»Was stimmt denn nicht?«
»Die Farbe«, flüsterte er.
»Daran sind die Buntstifte schuld. Hast du keinen Malkasten? Damit kannst du Farben sehr viel besser mischen.«
»Der ist in der Schule.«
»Und hier zu Hause hast du keinen?«
Er schüttelte den Kopf.
»Aha«, sagte sie nur und richtete sich auf.
Zwei Tage später hatte sie dann mit den Acrylfarben und einer Mischpalette vor der Tür gestanden. »Wasserfarben sind was für kleine Zauberer. Du bist ein großer«, hatte sie gesagt und ihm zugezwinkert.
Und jetzt waren die Farben weg. Paul zweifelte, dass er sie so schnell wiederbekommen würde. Es gab immer etwas zu tun. Bilder sind nicht real, behauptete seine Mutter. Wenn sie ihm nur die Farben zurückgab, dann konnte er versuchen, sie real zu machen. Vielleicht konnte er die Mutter irgendwann überzeugen.
Es war keine Zauberei. Es lag nur an der richtigen Mischung der Farben.
Kapitel 4
Paul trat auf die Straße hinaus, was er äußerst selten tat, wenn er morgens die Ladentür aufschloss. Lieferwagen ratterten durch die Kleinkölnstraße, und noch hatten die frühen Sonnenstrahlen ihren Weg zum Asphalt nicht gefunden.
Der Morgen war kalt, aber es roch nach Frühling. Das musste eine Sinnestäuschung sein, denn woher sollte er stammen, der erdige Geruch, begleitet von einer Spur frischen Grases und Blütenstaubs? Die Blumenkästen vor den Fenstern der Wohnhäuser ringsum waren noch leer, und in dem Kübel vor der benachbarten Modeboutique steckte dieselbe künstliche Palme wie gestern und vorgestern und an allen Tagen zuvor.
