Die exotische Tochter - Patricia Vandenberg - E-Book

Die exotische Tochter E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Es war ein kalter regnerischer Novembertag, an dem selbst bei Antonia Laurin, die sonst keine schlechte Laune kannte, keine gute Stimmung aufkommen wollte. Schon früh am Morgen, die Kinder waren kaum zur Schule gegangen, kam ein Telegramm. Antonia mochte Telegramme nicht, es sei denn, sie trafen zu einem Geburtstag oder einem anderen festlichen Anlass ein. Ein Telegramm wie dieses mit einer Todesnachricht jagte ihr ein Frösteln durch den Körper. Antonia musste zwei Mal lesen, bis sie begriff, um wen es sich bei dem Absender handelte. Das Telegramm war an Leon gerichtet, aber er hatte es gern, wenn sie alle Post zuerst öffnete. So konnte sie ihm schlechte Nachrichten schonend beibringen, und das war ihm bedeutend lieber, als wenn er sie selbst lesen musste. Dad ist am Samstag gestorben. Beisetzung Ende des Monats in München. Für Beschaffung einer Unterkunft wären wir sehr dankbar. Rosanna? Antonia musste lange nachdenken, bis ihr einfiel, dass die Tochter von Jacob Feldern Rosanna getauft worden war. Jetzt folgte ihrem Frösteln ein Schock. Jacob Feldern war nur ein paar Jahre älter als Leon, höchstens fünfundvierzig, und er sollte tot sein? Wenn er krank gewesen war, warum war ihnen das nicht berichtet worden? Und warum wurde sein Tod telegrafisch mitgeteilt? Als Antonia ihre Fassung wiedergewonnen hatte, sah sie, dass das Telegramm in Peru aufgegeben war. Ihre Gedanken wanderten Jahre zurück. Sie musste erst überlegen, wann sie Jacob zuletzt gesehen hatte, aber es musste wohl an die zwanzig Jahre her sein. Er war ein großer sportlicher Mann gewesen, ein Wikingertyp mit blondem Haar und stahlblauen Augen.

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Seitenzahl: 123

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dr. Laurin – 182 –Die exotische Tochter

Rosanna aus Peru bringt nicht nur Verwirrung in die Familie Laurin

Patricia Vandenberg

Es war ein kalter regnerischer Novembertag, an dem selbst bei Antonia Laurin, die sonst keine schlechte Laune kannte, keine gute Stimmung aufkommen wollte.

Schon früh am Morgen, die Kinder waren kaum zur Schule gegangen, kam ein Telegramm.

Antonia mochte Telegramme nicht, es sei denn, sie trafen zu einem Geburtstag oder einem anderen festlichen Anlass ein.

Ein Telegramm wie dieses mit einer Todesnachricht jagte ihr ein Frösteln durch den Körper.

Antonia musste zwei Mal lesen, bis sie begriff, um wen es sich bei dem Absender handelte. Das Telegramm war an Leon gerichtet, aber er hatte es gern, wenn sie alle Post zuerst öffnete. So konnte sie ihm schlechte Nachrichten schonend beibringen, und das war ihm bedeutend lieber, als wenn er sie selbst lesen musste. Sie las:

Dad ist am Samstag gestorben. Beisetzung Ende des Monats in München. Für Beschaffung einer Unterkunft wären wir sehr dankbar.

Rosanna

Rosanna?

Antonia musste lange nachdenken, bis ihr einfiel, dass die Tochter von Jacob Feldern Rosanna getauft worden war. Jetzt folgte ihrem Frösteln ein Schock. Jacob Feldern war nur ein paar Jahre älter als Leon, höchstens fünfundvierzig, und er sollte tot sein?

Wenn er krank gewesen war, warum war ihnen das nicht berichtet worden? Und warum wurde sein Tod telegrafisch mitgeteilt?

Als Antonia ihre Fassung wiedergewonnen hatte, sah sie, dass das Telegramm in Peru aufgegeben war.

Ihre Gedanken wanderten Jahre zurück. Sie musste erst überlegen, wann sie Jacob zuletzt gesehen hatte, aber es musste wohl an die zwanzig Jahre her sein. Er war ein großer sportlicher Mann gewesen, ein Wikingertyp mit blondem Haar und stahlblauen Augen.

Antonia konnte sich nicht erinnern, dass Leon Kontakt zu Jacob gehabt hatte. Er war viel zu faul zum Schreiben und hatte die Korrespondenzen immer Antonia überlassen.

Eigentlich war es ein Zufall, dass sie sich überhaupt an den Namen von Jacobs Tochter erinnerte, aber sie hatte damals die Glückwünsche zur Geburt des Kindes geschrieben. Und jetzt fiel ihr ein, dass Leon gesagt hatte, er könne sich Jacob als Vater nicht vorstellen. Er hätte ja nicht mal von seiner Frau erzählt.

Antonia konnte es kaum erwarten, dass Leon nach Hause kam, aber sie wusste, dass an diesem Tag zwei Operationen eingeplant waren, und da blieb der Chefarzt mittags meist in der Klinik, weil er die Patienten gern selbst beobachtete, wenn sie aus der Narkose aufwachten.

Die Kinder kamen nacheinander aus der Schule. Zuerst Kyra, dann Kevin und zuletzt die Zwillinge Kaja und Konstantin.

»Und Papi glänzt mal wieder durch Abwesenheit«, stellte Kevin fest.

»Wollte er nicht kürzertreten?«, meinte Kaja.

»Wie lange redet er eigentlich schon davon?«, ergänzte Konstantin.

Kyra hatte etwas anderes auf dem Herzen. »Warum guckst du so komisch, Mami?«, fragte sie.

Antonia schrak zusammen. »Ich hätte auch etwas mit Papi zu besprechen«, erzählte sie. »Ein früherer Freund von ihm ist in Peru gestorben. Heute ist ein Telegramm gekommen.«

»Wer war denn in Peru? Papi hat davon nie erzählt.«

Konstantin setzte sich schon an den Tisch. Er hatte Hunger.

»Erinnert ihr euch, dass er mal den Namen Jacob Feldern erwähnt hat?«, fragte Antonia.

»Nein, aber ich habe auf dem Speicher ein Buch gefunden, auf dem dieser Name stand«, antwortete Kevin. »Ein Zukunftsroman.«

»Bist du traurig, weil er gestorben ist, Mami?«, fragte Kyra.

»Ich habe ihn nur ganz flüchtig gekannt. Warten wir mal ab, was Papi dazu sagt.«

Da läutete das Telefon.

Kaja meldete sich. »Ja, sie ist da«, sagte sie, und dann: »Du wirst verlangt, Mami. Der Schmidbauer.«

»Lieber Himmel, es wird doch nichts mit dem Haus passiert sein?«, rief Antonia aus. Es ging um das Ferienhaus, das der zweite Wohnsitz der Laurins war. Die Heizung war defekt.

»Gerade jetzt, wo es kalt ist!«, stöhnte Antonia. »Ich muss selbst hinfahren. Es ist anscheinend eine größere Sache.«

»Wir können doch mitkommen, dann schwänzen wir eben mal die Schule«, meinte Kevin sofort.

»Das fehlte noch. Was wollt ihr denn dort, wenn es kalt ist? Und wer weiß, was alles gemacht werden muss. Ich fahre morgen früh und komme abends zurück. Und wenn alles in Ordnung ist, können wir am Wochenende alle hinfahren.«

Zu ihrer Erleichterung kam Leon schon am frühen Nachmittag. Er sah müde aus und erzählte, dass es zwei schwere Operationen gewesen waren.

Bei einer hatte es Komplikationen gegeben, die vorher nicht erwartet werden konnten, und so war es um Leben und Tod des Patienten gegangen.

Antonia wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Leon sollte wenigstens in Ruhe Tee trinken.

Als seine Frau ihm schließlich das Telegramm reichte, zog Leon die Augenbrauen erstaunt empor.

»So lange nichts von ihm gehört, und dann so was«, murmelte er. »Seltsam, Jacob war doch ein richtiger Gesundheitsapostel. Da kann einem ja Angst und Bange werden, wenn jemand wie er schon so plötzlich das Zeitliche segnet. Ich frage mich allerdings auch, wie Rosanna dazu kommt, uns in einem kurzen Telegramm nach einer Unterkunft zu fragen. Wir hatten doch gar keinen Kontakt mehr.«

Ein bisschen überrascht sah Antonia ihren Mann an.

Eine seltsame Reaktion für jemanden, der sonst doch immer sehr mitfühlend war.

»Sie wird niemanden sonst kennen«, vermutete Antonia.

»Uns kennt sie doch auch nicht, und warum wird Jacob hier beigesetzt, obwohl er doch seit ewigen Zeiten im Ausland lebt?«

»Es wird wohl ein Familiengrab vorhanden sein, und es gibt viele, die in heimatlicher Erde ihre letzte Ruhestätte finden wollen. Warum bist du so ungehalten, Leon?«

»Bin ich das? Nun, Jacob war nicht gerade das, was man einen guten Freund nennt. Er hatte es faustdick hinter den Ohren, und er ging auch nicht ganz freiwillig – nach dieser einen Geschichte …«

»Darüber hast du nie etwas gesagt.«

»Wozu auch? Ich hoffte ja, dass bald Gras über die Sache wachsen würde, und wir waren jung verheiratet und hatten genug mit uns selbst zu tun.«

»Und was war das für eine faule Geschichte?«

»Er hatte Geld unterschlagen in der Firma seines Onkels, und der soll dadurch in große finanzielle Schwierigkeiten geraten sein. So hieß es damals wenigstens. Mir hat Jacob erzählt, er sei um sein Erbteil betrogen worden.«

»Vielleicht war es ja so«, meinte Antonia nachdenklich. »Die Anschuldigungen hast du doch nur von anderen gehört, oder?«

»Schon, allerdings ist er überstürzt, fast fluchtartig verschwunden. Also lassen wir das. Es ist lange her.«

»Trotzdem – wenn seine Tochter Hilfe braucht, sollten wir ihr die nicht versagen«, erklärte Antonia bestimmt.

Erst dann erzählte sie Leon, dass sie morgen ins Ferienhaus fahren müsse wegen der Heizung.

»Kann der Schmidbauer das nicht allein machen?«, fragte Leon. »Mir ist es nicht recht, wenn du allein fährst.«

»Es ist doch keine Weltreise, Leon. Ich kenne die Strecke, und Glatteis haben wir auch nicht. Wenn eine größere Reparatur erforderlich ist, wird Schmidbauer das mit mir absprechen wollen.«

»Was sein muss, muss sein«, gab Leon nach.

»Und zwar so schnell wie möglich. Es ist doch besser, dass es jetzt passiert ist, als um die Weihnachtszeit, wenn wir dort feiern wollen.«

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen! Das war immer Antonias Wahlspruch gewesen. Außerdem war sie von jeher hilfsbereit, aber wo sie Rosanna unterbringen sollte, wusste sie noch nicht. In dem Telegramm hatte Jacobs Tochter zudem von ›wir‹ gesprochen. Also kam sie offensichtlich nicht allein.

Antonia konnte sich ihr Unbehagen nicht erklären, aber sie wunderte sich doch, dass sich Rosanna ausgerechnet an sie wandte. Daher fragte sie Leon, ob Jacob denn keine anderen Verwandten mehr gehabt hatte.

»Keine Ahnung, ich habe mich damit nicht befasst, aber ich könnte mir vorstellen, dass er seiner Familie erzählt hat, dass wir die besten Freunde waren, was immer ihn auch dazu bewogen haben mag.«

Nach einem längeren Schweigen fuhr er fort: »Lass dir bloß in deinem Mitgefühl nicht einfallen, Rosanna bei uns einzuquartieren. Ich möchte meine Ruhe haben.«

Antonia lächelte Leon verständnisvoll an. Sie konnte verstehen, dass er seine knappe Freizeit in Ruhe verbringen wollte.

»Sie kommt ja anscheinend auch nicht allein. Eigentlich haben wir genug Platz im Haus, es wird sich schon was finden.«

»Sie kann nicht älter als neunzehn Jahre sein«, rechnete Leon später nach. »Jedenfalls hatte er keine Frau und kein Kind, als er von hier fortgegangen ist. Gabi hat er ja verlassen.«

»Welche Gabi?«

»Gabi Körper, du hast sie nie kennengelernt. Sie ist nicht in München geblieben, nachdem Jacob sich aus dem Staub gemacht hatte.«

»Jedenfalls bemerke ich, dass du keine freundlichen Erinnerungen hast, Leon«, stellte Antonia fest.

»Genau genommen habe ich gar nicht mehr an ihn und Gabi gedacht. Du hattest mich völlig fasziniert, mein Schatz, und du hältst mich immer noch in Atem. Für mich gibt es nichts Wichtigeres als meine Familie.«

Damit war für Leon das Thema beendet.

»Du bleibst aber nicht über Nacht im Ferienhaus, oder?«, erkundigte sich Leon noch vor dem Einschlafen.

»Ich komme nicht zu spät zurück«, versprach Antonia.

*

Rosanna Feldern saß, wie schon in den vergangenen Tagen, am Schreibtisch ihres Vaters und ordnete Papiere.

»Verbrenne das ganze Zeug, Rosanna«, schlug der junge Mann vor, der an der Terrassentür lehnte. »Damit kannst du doch nichts anfangen.«

»Das meinst du«, erwiderte sie gereizt. »Ein paar Notizen habe ich schon gefunden, die mir weiterhelfen können.«

»Ich frage mich, was du vorhast. Warum hast du ausgerechnet diesem Dr. Laurin telegrafiert?«

»Weil er Dads bester Freund war. Dad hat es immer wieder betont. Außerdem sind die Familien Laurin und Kayser tonangebend in München.«

»Sie wohnen gar nicht in München, sondern in einem Vorort«, widersprach Jerry Coleman mürrisch. »Und mit engen Freunden müsste man doch auch in Verbindung stehen.«

»Dad hat sicher mit ihnen telefoniert, er war kein Briefeschreiber. Ja, es ist ein Vorort von München, wo sie wohnen. Sie sind gut betucht und haben bestimmt gute Beziehungen. Was soll ich denn hier? Ich möchte etwas von der Welt sehen.«

»Dazu brauchst du keine fremden Leute, Kleine. Mit dem Geld aus der Lebensversicherung kannst du einiges auf die Beine stellen. Dir geht es jetzt gut.«

»Aber es wird mir noch besser gehen, wenn ich mir das hole, was Dad zustand.«

»Du weißt doch gar nicht, ob die Geschichten stimmen, die er dir erzählt hat«, meinte Jerry ironisch.

»Wenn du damit sagen willst, dass Dad gelogen hat, kannst du gleich verschwinden«, fauchte Rosanna ihn an. »Er war der beste Vater überhaupt. Er wurde nur immer von den Menschen enttäuscht.«

Jerry Coleman hatte sich zwar eine andere Meinung über Jacob Feldern gebildet, aber da er Rosanna sehr mochte, behielt er seine Eindrücke lieber für sich.

Die junge Frau beachtete ihn nicht mehr und widmete sich wieder dem Inhalt der Schreibtischschublade.

Plötzlich stieß sie einen kleinen Schrei aus. Ein Umschlag war ihr in die Hände gefallen, in dem sich Fotos und ein Notizbuch und in einem Extraumschlag ein paar Urkunden befanden.

»Es hat sich also doch gelohnt, dass ich mir die Zeit genommen habe«, freute sie sich. »Wann fliegen wir, Jerry?«

»Wir? Ich komme nicht mit.«

»Wieso nicht? Ich habe damit fest gerechnet.«

»Ich habe weder Zeit noch Geld, mir solche Extratouren leisten zu können.«

»Ich zahle für dich. Ich will nicht allein von hier fortgehen. Wir gehören doch zusammen. Und du findest überall Arbeit. Was hast du denn hier für Chancen?«

Rosanna war nicht einmal neunzehn, aber an Selbstbewusstsein und Energie hatte sie keinen Mangel – eine bildhübsche und selbstbewusste junge Frau.

Jerry sah sie forschend an. »Willst du nicht lieber nach deiner Mutter suchen?«, fragte er vorsichtig.

Ihre Augen begannen zu funkeln. »Sie hat uns verlassen, sie existiert nicht für mich. Ich habe hier nicht eine einzige Zeile von ihr gefunden.«

Ihre Worte verrieten Jerry, dass sie zumindest danach gesucht hatte. Er konnte jetzt verstehen, dass sie tief enttäuscht war.

»Gut, ich werde mitkommen«, meinte er kurz entschlossen. »Ich kann dich doch nicht allein lassen.«

Nun hatten Rosannas Augen einen zärtlichen Schimmer.

»Ich bin froh, Jerry. Ich habe so sehr auf dich gehofft.«

*

Bevor Antonia in ihr Wochenend- und Feriendomizil aufbrach, ging sie noch zu den Kaysers. Teresa war schon in der Küche, während Joachim noch im Bett lag.

»Wie geht es Paps?«, erkundigte sich Antonia besorgt, denn in letzter Zeit hatte ihr Vater öfter mal Schwächeperioden.

»Er steht erst auf, wenn das Frühstück auf dem Tisch angerichtet ist«, erwiderte Teresa lächelnd. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Er lässt sich gern etwas verhätscheln.«

»Ich fahre ins Ferienhaus, Teresa, die Heizung muss repariert werden. Würdest du im Laufe des Tages mal nach den Kindern sehen?«

»Sie können zum Essen rüberkommen. Warum hast du nicht schon gestern Bescheid gesagt?«

»Weil du mit Paps jetzt genug zu tun hast«, erwiderte Antonia freundlich.

»So ein Unsinn! Natürlich können sie bei uns essen. Bleibst du über Nacht?«

»Nein, ich will möglichst früh zurückkommen. Schmidbauer will nur nicht allein entscheiden, was zu tun ist. Es ist auch besser, wenn ich selbst nach dem Rechten sehe.«

»Guck bei uns auch gleich nach, Antonia.«

»Das hatte ich vor, ist doch klar, wenn ich schon mal dort bin.«

Die beiden Häuser lagen nebeneinander. Sie dienten der ganzen Familie, auch den Brinks, als Wochenend- und Ferienaufenthalt. Sie hatten schon alle schöne Wochen und Tage dort verbracht. Es war nicht weit dorthin, sodass man immer nachschauen konnte, ob noch alles in Ordnung war, oder wenn die Jahreszeiten wechselten, die entsprechenden Vorbereitungen getroffen werden konnten.

Antonia verabschiedete sich, aber Teresa hielt sie noch zurück.

»Nimm dir wenigstens eine Brotzeit mit«, verlangte sie.

»Ich werde schon nicht verhungern«, lachte Antonia.

»Was ich dich eigentlich fragen wollte, Teresa, kannst du dich noch an Jacob Feldern erinnern?«

»Jacob? Freilich, Leon war doch mal mit ihm befreundet – oder was man so Freundschaft nennt. War eine große Sportskanone, hatte dann wohl Differenzen mit der Familie und ist schließlich Hals über Kopf ins Ausland gegangen.«

»Und in Peru gestorben. Seine Tochter hat es uns telegrafisch mitgeteilt.«

»Seltsam, ich dachte, der Kontakt sei völlig abgebrochen. Eine Geburtsanzeige haben wir mal bekommen, das weiß ich noch.«

»Rosanna heißt das Mädchen, ich konnte mich auch nur noch vage erinnern. Leon ist ganz auf Distanz gegangen. Er ist besorgt, dass Rosanna sich bei uns einquartieren will. Wir reden noch darüber. Ich muss losfahren.«

*

Während Teresa den Tee für ihren Mann zubereitete, ließ sie ihre Gedanken zurückwandern in die Zeit, als sie noch nicht mit Joachim Kayser verheiratet war und ihn nach langen Jahren durch die Verbindung zwischen Leon und Antonia wiedergesehen hatte …

Er war ihre Jugendliebe gewesen, sie seine unvergessene, aber sie waren getrennt worden, weil sie für Leon und Sandra sorgen musste – und wollte. Sie hatten ihre Eltern durch einen Unfall verloren. Sie war eine junge Tante gewesen, aber sie hatte ihre Pflichten sehr ernst genommen.

Die Familie Feldern hatte in der Nachbarschaft gewohnt, und obwohl Jacob ein paar Jahre älter war als Leon, hatte er dauernd bei ihnen gehockt. Er war ein Pfiffikus, aber die Schuljahre hatte er nur mit Ach und Krach geschafft.