Die Fälschung - Carsten Berg - E-Book

Die Fälschung E-Book

Carsten Berg

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Beschreibung

Das neue Jahrtausend scharrt mit den Hufen, nicht nur in Aachen, der westlichsten aller deutschen Großstädte. Matteo Hanenstein will auch einmal ein Held sein, etwas Großes vollbringen. Es muss nicht die Welt bewegen aber ihn. Stattdessen bewegt ihn eine Frau aus dem fernen Sankt Petersburg, und diese Liebe kostet ihn fast den Verstand … Als er sich endlich bewegt, gelangt er von Amerika nach Russland in weniger als einer Zigarettenlänge. Von dort schreibt er einen langen Brief an seine Zarin. Endlich ist er sie los. Und am Ende steht ein Anfang. Hanenstein hat Zeit. Er trinkt Tee.

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EPUB
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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2023

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DieFälschungRomanCarsten Berg

Eifeler Literaturverlag 2024

Impressum

1. Auflage 2023

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Umschlaggestaltung:

Dietrich Betcher

Abbildungsnachweis:

© M.Photos – stock.adobe.com

Druckbuch:

ISBN-10: 3-96123-074-9

ISBN-13: 978-3-96123-074-7

E-Book:

ISBN-10: 3-96123-111-7

ISBN-13: 978-3-96123-111-9

Como sempre

para as minhas três musas

Lotte + Janne + Vera

EINS

Wer das Nichthandeln übt,

sich mit Beschäftigungslosigkeit beschäftigt,

Geschmack findet an dem, was nicht schmeckt:

der sieht das Große im Kleinen und das Viele im Wenigen.

Er vergilt Groll durch Leben.

(Tao-Te-King, 63)

Auch an diesem Samstag ging die Welt nicht unter, so sehr Matteo Hanenstein auch darauf hoffte. Das Brodeln in seinem Schädel ließ ihn zwar beim Erwachen zuerst glauben, die Erde bebe, aber dann blieb es nicht still genug für den ersehnten großen Knall, der ihn von allem erlöste und der von obskuren Autoritäten für die ins Haus stehende Jahrtausendwende vorausgesagt worden war. Stattdessen flötete das Meisenpärchen vor seinem Fenster. Und das bot auch nicht das Panorama von Los Angeles, sondern vom Regen glänzende Dächer, Dachgärten, Hinterhöfe und Stiefmütterchen auf Fensterbänken der Viktoriastraße im östlichen Ausläufer des Frankenberger Viertels in der alten Kaiserstadt Aachen.

Er öffnete vorsichtig das rechte Auge, sein gutes, und wegen der Intensität der Strahlen, die darauf einschossen, ahnte er, dass es in der Welt da draußen schon auf Mittag zugehen musste. Das Wochenende umarmte ihn bereits auf die altvertraute Weise, nur hatte er diesmal alleine reingefeiert. Er schloss das Auge wieder, drehte sich rum, als das Telefon irgendwo in der Küche läutete. Hanenstein gähnte, räkelte sich aber immerhin bereits, sehr behutsam, als sei er eingefroren. Warum auch immer es läutete, es musste warten, bis er halbwegs die Kontrolle über seinen Körper wiedergefunden hatte.

Unter der Dusche fiel ihm dann nicht nur mehrfach die Shampooflasche aus der Hand, sondern auch ein, was Benno ihm gestern Nacht am Telefon orakelt hatte: Morgen kommt eine wunderschöne Überraschung, du alter Einsiedler!

Benno, sein Freund Benno, der ewige Schwätzer, der Frauenschwarm, der Welt bester Texter – und jetzt sein Ex-Kollege. Hanenstein packte die große Wehmut und er drehte das Wasser auf kalt. Das hatte er noch nie ausstehen können aber ein wenig körperliches Martyrium passte jetzt gut zu seinem Kater. Außerdem versetzte es ihn in die richtige Stimmung: Er fühlte sich eiskalt im Stich gelassen. Toller Freund! Kaum kam eine Frau daher, war’s vorbei mit der Männerfreundschaft.

Während er sich abtrocknete wurde ihm wärmer und seine Gedanken wurden gnädiger. Er sah, wie die beiden ihm aus dem Fenster zugewunken hatten, bevor sie mit dem Möbelwagen abfuhren. Benno und Miriam. Und Miriam war auch nicht mal eben vorbeigekommen. Das hatte sich schon über Monate gezogen, bis die beiden sicher gewesen waren. Nach Monaten zu dritt in diesen Räumen. Nicht gerade der Jackpot für eine Frau.

Und nun waren sie ausgezogen. Er, Benno, mit ihr, Miriam, und er, Matteo Hanenstein, stand allein in der Wohnung.

»Aber nicht mehr lange!«, hatte Benno mit seinem Orakel-Grinsen gesäuselt. Hanenstein konnte den Optimismus seines Freundes nicht teilen. Benno hatte immer die Mädels aus dem Hut gezaubert und seinem Freund Matteo präsentiert, bis zum Schluss mit der nie ermüdenden Hoffnung, endlich, trotz aller offensichtlichen Sinnlosigkeit, die Richtige für ihn gefunden zu haben. Aber Herr Hanenstein hatte seine eigenen Vorstellungen. Und die beschränkten sich nicht nur auf die Optik, obwohl er da von Berufs wegen vorbelastet war. Erschwerend kam seine ausufernde, zudem in erschreckendem Maße wachsende Sammlung von Frauen – oder besser: der Bilder von Fotomodellen oder Schauspielerinnen – mit auf die Waagschale. Aber gänzlich inkompatibel wurden die animierten Damen durch eine aus der Steinzeit überlebte Liebe Hanensteins, so nannte Benno es gerne, die Hanenstein bis zur bewussten Stunde unter der Dusche noch nicht fachgerecht verarbeitet hatte.

Hanenstein wickelte sich in einen unmodisch gestreiften Bademantel und drückte im Vorbeigehen die PLAYBACK-Taste des Anrufbeantworters. Während das Band zurückspulte öffnete er den Küchenschrank, atmete mit einem tiefen Zug das entgegenströmende, herb-süße Aroma ein und ließ den Blick prüfend über die säuberlich angeordneten Reihen diverser Teesorten gleiten.

»Hi! Hier ist Aakea ... Aakea Nadorna. Ich hoffe, Benno hat dich vorgewarnt ... wie auch immer, ich komm’ jetzt gleich.« Es rauschte, so als sei die Aufnahme schon beendet, aber dann räusperte sich die Stimme. »Falls du doch da bist, wäre es sehr, sehr schön, wenn du vielleicht einen Kaffee machen könntest, ich meine, bevor wir den Kram raufschleppen, ja? Okay, bis gleich!«

Die Dose Assam fiel Hanenstein aus der Hand, die mit einem Mal eiskalt war. Zittrig kramte er die Kaffeekanne hervor. Benno hatte ihn natürlich nicht vorgewarnt. Was sollte das bedeuten: Den Kram raufschleppen? Benno liebte Überraschungen und Hanensteins unbeholfenen Umgang damit ganz besonders. »Sei einfach spontan, Junge!«, hatte Benno stets getönt. Das mit dem Kaffee würde er ja noch hinbekommen aber auf fremde Menschen, zudem weiblichen Geschlechts, war er grade gar nicht eingestellt, nicht heute! Hanenstein schlurfte in sein Zimmer, um die Bekleidungsfrage zu klären. Er schob die Tür des Wandschrankes zurück und sein schlammverspritztes Sportzeug rollte ihm vor die Füße. Wegzulaufen war auch keine Lösung – wohin auch? Immerhin wollte diese Person offensichtlich bei ihm einziehen. Aber warum konnte Benno nicht wenigstens mal fragen, bevor er ihm seine Nachfolgerin präsentierte? Natürlich war die Miete für einen alleine zu hoch und Bennos Bemühungen, Hanensteins Einsiedlerleben Einhalt zu gebieten, in allen Ehren. Aber musste es gleich eine Frau sein?

Hanenstein sah seine morgendliche Vision vom Weltuntergang auf grausame Weise Gestalt annehmen. Aus war’s mit der Ruhe, den liebgewonnenen Ritualen, die er nun mal brauchte, um sich sicher zu fühlen. All die schönen kleinen Sinnlosigkeiten, mit denen er sich seine Zeit vertrieb – aus und vorbei!

An Frühstück war jetzt nicht mehr zu denken, außerdem hätte er dann erst zum Kaiser’s in der Bismarckstraße gemusst, um etwas einzukaufen. Aber Madame hatten ihre Ankunftszeit ja recht offen formuliert, wohl auf seine Spontaneität pochend. Ob sie überhaupt einen Schlüssel hatte? Hanenstein stiefelte die Treppe runter und sah in den Briefkasten: Die Zeitung war wieder nicht da. Dafür überraschenderweise ein Brief. Bunt bemalt, ohne Absender und adressiert an:

Aakea Natalja Nadorna

c/o Hanenstein

Viktoriastraße 88

52066 Aachen

Wieder oben goss er sich Kaffee ein und drehte sich eine Zigarette. Wie er das hasste: Warten – dazu auf nüchternen Magen rauchen! Er holte das Telefon an den Küchentisch, zündete die Zigarette an und nahm sich vor, seine ganze Wut an dem Abo-Fritzen der Zeitung auszulassen. Grade hatte er die Nummer gewählt, als es klingelte. Er ließ den Hörer wieder auf die Gabel gleiten, da wurde auch schon ein Schlüssel ins Schloss gesteckt, dann noch einmal. Nichts tat sich. Klar, sein Schlüssel steckte von innen. Da konnte sie stehen, bis sie grau wurde. Es klingelte wieder. Hanenstein hielt die Luft an und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

»Hallo?« Eine sehr warme, angenehm tiefe Alt-Stimme, eine entfernte Verwandte derer auf dem Band, drang durch die Tür und Hanenstein sprang ihr entgegen und riss sie mit einem Ruck auf, obwohl er geplant hatte, sehr langsam und cool zu sein.

»Hi! Ich bin Aakea!« Ein Lächeln erstrahlte und ein wohliges Kribbeln breitete sich in ihm aus. Dann kippte Aakea plötzlich leichthin vornüber und knallte zwei Koffer neben seine Füße. Wie eine Bogensehne schnellte sie zurück und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr Lächeln war keinen Deut verrutscht.

»Und? Hast du auch einen Namen? Oder soll ich sagen: ›Hallo, Der-der-niemals-spricht‹?«

Die Stimme, die da so tief aus diesem Mund mit den blitzenden Zähnen in sein Gesicht sprang und das »R« leicht rollte, umklammerte seinen Kehlkopf und Hanenstein bemerkte, dass er die ganze Zeit mit offenem Mund dastand. Also räusperte er sich. Aber sie war wieder schneller.

»Zumindest quatschst du einen nicht gleich tot … Welches ist denn nun mein Zimmer? Na, sicher das, das noch leer ist. Hätte ich auch selber drauf kommen können ...«

Langsam tänzelte sie durch die Wohnung und Hanenstein wurde endlich aus seiner Verkrampfung erlöst. Was hatte er zu jammern? Ein wunderbares Wesen würde die Räume mit ihm teilen, ihre zarten Tatzen die abgewetzten Teppiche streicheln, sie würden sich jeden Tag begegnen, irgendwann vielleicht sogar miteinander sprechen. Jetzt durfte er sie nur nicht gleich abschrecken, obwohl: Sie sah nicht aus, als könne sie irgendwas schrecken. Und da drehte sie sich auch schon wieder zu ihm, ganz langsam diesmal, und ihre Augen glänzten seltsam groß und traurig.

»Hast du die Fotos gemacht? Die sind wunderschön ... dieses Türkis! Welches Meer ist das?«

»Der Atlantik. Portugal. Alentejo, genauer gesagt.«

»Diese Wolken.« Sie nickte fast unmerklich mit dem Kopf. »Dazu dieses Azurblau. Das gibt es nur dort. Ich liebe die Landeanflüge, wenn wir noch eine Weile darüber, darin kreisen. Mitten im Azur…«

Und nun lächelte sie, einfach so wie normal Sterbliche, wenn sie von irgendetwas angerührt und sehr verletzlich für alle Hässlichkeit dieser Welt sind.

»Ich bin übrigens Matteo ...«, und er hielt ihr steif seine Hand hin. Und sie, als sei dieses Begrüßungsritual nicht von ihrer Welt, schwebte zu ihm herüber und drückte ihm einen kleinen Kuss auf die Wange, während seine Finger in ihren Bauch stießen.

Sie zog die Nase hoch, legte sie dann mit einem Mal quasi quer, indem sie den Mund leicht nach rechts zog.

Hanenstein starrte Aakea an, in einem Déjà-Vu gebannt. Genauso hatte es Roxanne damals gemacht. Damals als…

»Das ist Angelo! Wo ist denn der Türöffner?«

Hanenstein stand da wie ein Idiot, seine Hand immer noch wie eine Prothese in den leeren Raum ragend. Er hatte keine Klingel gehört.

»Was? ... äh, neben dem Lichtschalter im Flur ... Wer ist Angelo?«

*

Angelo war genau die Sorte Mann, die Hanenstein mit Worten verachtete, im Innersten aber beneidete: groß, dunkelhaarig, lockig, hantelgestählt, lässige Bewegungen, markantes Profil. Ein Mann, der, sobald er nur einen Raum betrat, automatisch zu dessen Mittelpunkt wurde und dies als Naturgesetz hinnahm. Und natürlich fuhr er einen Wagen, der zu ihm passte und für dessen Anzahlung Hanenstein den Computer und sich ununterbrochen hätte laufen lassen müssen. Selbstverständlich war Angelo ein komplettes Arschloch, das wusste Hanenstein in dem Moment, als er dieses reißerische Lächeln sah und Angelo ihm die Hand quetschte. Hanenstein hatte ein Auge für so etwas. Was seine Geschlechtsgenossen anging, machte ihm keiner so schnell was vor. Was aber dachten die Frauen sich eigentlich dabei?

Dabei hatte Aakea Geschmack, zumindest was ihr Mobiliar anging. Einladend und hell strahlte ihre Einrichtung, obwohl sie die komplette Längswand bis zur Decke mit weißen, nach vorne hin offenen Schranksystemen bedeckte. Luftig und leicht wirkte das, passend zur Musik, die mit einem Mal aus ihrem Zimmer durch die Wohnung perlte, brasilianisch, tänzelnd, sonnig, wie sie, die immer mehr Kartons in der Zimmermitte auftürmte. Zwanzig Stück schleppte Hanenstein die sechs Treppen hoch, Angelo die anderen zwanzig. Und während sie in unfreiwilliger Allianz schwitzten, entblätterte Aakea mit seligem Lächeln ihr Innerstes: Bücher, Bücher und noch mehr Bücher. Nach einem offensichtlich lange einstudierten System entwirrte sie das Chaos in die Wand. Zielsicher wie eine Gepardin schob sie einen Packen nach dem anderen an seinen vorbestimmten Platz, ging dabei mal mühelos in die Hocke, um sich gleich darauf wieder in die höheren Sphären zu recken und eine Handvoll bunter Rücken in Position zu schubsen. Niemals zögerte sie auch nur für einen Wimpernschlag, ihre Augen glänzten und mit jeder weiteren Kiste, die sie aufklappte, verstärkte sich ihr Lächeln. Hanenstein beneidete sie um diese ihm mystisch scheinende Hingabe, vermisste aber gleichwohl die Quelle ihrer mysteriösen Verzückung. Seine Anwesenheit jedenfalls schien Aakea nicht zu stören, vielleicht nahm sie ihn nicht einmal wahr. Und schon wieder überraschte sie ihn.

»Du stehst mehr auf Comics, oder?«, fragte sie, ohne ihre katzenhafte Geschmeidigkeit beim Sortieren auch nur einen Moment lang zu verlieren.

»Liegt vielleicht am Job ...«, beeilte er sich, eine Entschuldigung zu formulieren. »Da geht’s eben mehr um Bilder. Hab’ aber nix gegen Bücher, also Texte. Der Benno ist ja Texter und der hatte hier auch jede Menge Bücher stehen, ohne dass ich davon ’ne Allergie bekommen hätte.«

Jetzt hielt sie zum ersten Mal in ihrer Arbeit inne, sah von den Buchrücken auf und Hanenstein direkt an. Ihr Lächeln schien noch freundlicher, keine Spur spöttisch.

»Hey, Matteo! Du kannst ja doch richtig sprechen, nicht nur in Zwei-Wort-Sätzen.« Aakea legte den Kopf leicht schräg und schaute ihn von unten mit großen Augen an. Sie spitzte ihre Lippen und plötzlich verschoss ihr Mund eine erneute Breitseite ihres Lachens. »Und ich hatte schon befürchtet, die Comics hätten bereits deine Sprache auf dem Gewissen.«

Hanenstein wusste nicht recht, wie er das finden sollte und machte ein bedröppeltes Gesicht. Sofort unterbrach Aakea ihr Lachen, zog die Augenbrauen hoch und spielte die zutiefst Bekümmerte.

»Tut mir leid! Manchmal geht mein Schandmaul mit mir durch. Aber nimm das als gutes Zeichen, denn wenn ich lästere, fühle ich mich wohl und schon ganz wie zu Hause.« Sie schob den Bücherpacken, den sie immer noch in der Hand hielt, in die mittlere Ebene, klatschte in die Hände und tänzelte auf Hanenstein zu.

»Komm, wir trinken jetzt erstmal den Begrüßungsschluck, bevor Angelo den Schampus alleine wegputzt!« Sie hakte sich bei ihm ein und zog ihn durch die Küche Richtung Dachterrasse. »Und keine Sorge, der macht sich auch nicht allzu viel aus Büchern, behauptet immer, als Ingenieur brauche er nur Formeln. Du siehst, ich bin es gewohnt, von Ignoranten umgeben zu sein.«

»Wer ist ein Ignorant?«, fragte Angelo, die Flasche zum Öffnen bereit in den Händen und sein Gesicht zum Sonnen ausgerichtet.

»Immer der, der so dumm fragt, mein Süßer!«, hauchte Aakea ihm einen Kuss auf die Wange.

Nach dem Anstoßen und dem ersten Schluck machte Angelo auf Konversation, indem er natürlich gleich die Kernfragen seiner Metaphysik auf Hanenstein abfeuerte: Was machste? Was haste? Wieviel kannste noch rausholen? Aakea rettete ihren neuen Nachbarn, der bereits verzweifelt nach einem dringenden Termin in Tateinheit mit sofortiger Abreise Ausschau hielt, indem sie ihrem Liebhaber gehörig in die Parade fuhr.

»Ich glaube nicht, dass dich das was angeht – oder möchtest du hier einziehen?« Bevor Angelo protestieren konnte, knebelte sie seinen Mund mit ihrem. »Lass doch bitte nicht immer direkt den großen Macker raushängen, ja? Meinst du, das ist möglich?«

Hanenstein war ihr unendlich dankbar und zum Zeichen seines Dankes hätte er ihr jetzt gerne von der schier unüberwindlichen Kluft erzählt, dem tiefen Graben zwischen Image und Ideal, Ist und Soll, dem, was man wirklich macht und dem, was man eigentlich will oder wie man sich selber sieht und gesehen werden möchte, irgendwann einmal, und der Angst, dass das Leben an einem vorbeigeschossen ist, ohne dass man auch nur den Weg dahin gefunden hat, vom Ziel traute er sich schon gar nicht mehr zu sprechen ... In diesem Moment auf der zukünftig gemeinsamen Dachterrasse hätte er sein Allerheiligstes gegeben, um aus ihrem Munde zu hören, dass sie das verstehe – und vor allem: Wie sah es bei Aakea selbst aus? Was machte sie daraus?

Stattdessen saß er da, schlürfte Sekt und starrte angestrengt in den strahlendblauen Himmel, um nicht sehen zu müssen, wie Aakea, mittlerweile auf Angelos Schoß sitzend, sich an dessen Lippen festsaugte. Fast noch grausamer waren die Finger, die sich unter Aakeas kurzes Hemdchen hinaufwühlten und bald alle erogenen Zonen passiert haben dürften. Das konnte ja ein heißer Sommer werden!

*

Hanenstein hockte auf der Couch, seine Beine unter sich begraben. Sein Körper verschwand zusehends. Der Kopf versank zwischen den nach oben gezogenen Schultern, der Hals war bereits nicht mehr auszumachen, der Rücken bog sich immer weiter und bildete einen runden Buckel, bis Hanenstein in seiner Gänze die Form einer Schildkröte angenommen hatte.

Vor ihm auf dem niedrigen Tisch standen drei leere Flaschen, im Aschenbecher qualmte eine Selbstgedrehte vor sich hin. Einzig lebendig an Hanenstein waren seine Augen, die über die Seiten huschten, um sich hin und wieder an Details festzusaugen, während seine Hände mechanisch weiterblätterten.

Aus Aakeas Zimmer schwabbte eine Welle zweistimmigen Lachens, tanzte unter der Tür hindurch und drehte Pirouetten vor seiner Couch. Er sah kurz auf, lauschte, kratzte sich dann am Ohr. Merkwürdig, wie schwer es ihm heute fiel, sich auf seine Sammlung zu konzentrieren. Selbst die Favoritin der letzten Tage schaute mit fremdem Blick aus ihren meerblauen Augen durch ihn hindurch. Trotz der vielen Stunden, die sie gemeinsam verbracht hatten, wenn er sich weggeträumt hatte, Geschichten erfunden hatte, Abenteuer, die er gemeinsam mit ihr durchlebt hatte. Er konzentrierte sich auf Madeleines vollen Mund, ihre leicht geöffneten Lippen. Aber sie blieben stumm. Auch er hatte ihr nichts mehr zu sagen.

Hanenstein stand langsam auf, spürte den rauen Teppichboden unter seinen nackten Fußsohlen und legte das Album auf seinen Zeichentisch vor dem Fenster. Einen Moment sah er hinaus in die Wolken, die sich vor dem Abendrot formierten, als legten sie gleich einen Tanz aufs horizontale Parkett. Sofort hatte er seine Kamera in der Hand, schwenkte mit dem Sucher übers Firmament, hielt endlich still und lauschte dem sich wieder schließenden Verschluss der Linse.

Fast gleichzeitig schwang eine Stimme in den Raum. Ein Blues kam aus dem Flur um die Ecke. Vorgetragen von einer weiblichen Stimme. Irgendwo zwischen Annie Lennox und Nina Simone. Hanenstein lauschte verwirrt und erkannte, dass Aakea unter der Dusche sang. Ihre Stimme löste etwas in ihm aus. Er wusste nur noch nicht genau was.

Als sie verklang und wenig später im Flur leise eine Tür geöffnet wurde, drückte er auf die Fernbedienung.

Mit einem leichten Sirren setzte sich das Bild zusammen, der Ton blieb stumm. Hanenstein angelte nach der Programmzeitschrift unter dem Tisch, schlug die aktuelle Seite auf und ging rüber in die Küche. Während er mit geschultem Blick über die von den Sendern zur Verfügung gestellten Bilder der jeweiligen Filme huschte, entkorkte er eine Flasche und setzte deren eiskalten Hals an den Mund. Als er die potentielle Hauptdarstellerin seines Abends gefunden hatte, schloss er die Tür seines Zimmers hinter sich, ließ sich auf die Couch fallen und drückte Programmknopf Sieben. Gerade rechtzeitig, um Emmanuelle Béarts Schmollmund und ihre melancholischen Augen in der Totale zu erwischen. Sie sah ihn sehr traurig an und er verstand genau, was sie ihm sagen wollte. Er drehte sich eine Zigarette und steckte sie gleichzeitig mit Emmanuelle an. Schweigend rauchten sie gemeinsam und Hanensteins Schultern gehorchten allmählich wieder dem Gravitationsgesetz. Er räkelte sich wohlig in die Kissen, während ihre Blicke durch leuchtende Lavendelfelder streiften. Die nächtliche Sommerluft stand still im Zimmer und seine nackten Beine klebten am flammend-roten Stoff der Couch. Sein Atem ging ruhig und tief als Emmanuelle ihn jetzt anlächelte. Gerade wollte er ihr entgegenkommen, da knallte eine Tür. Angelos Pfeifen zerfetzte die purpurnen Wolken des französisch-deutschen Friedens und Hanensteins Schultern schossen wieder zur Decke. Gleich darauf hörte er behutsame Schritte, die sich seiner Tür näherten.

»Gute Nacht, Matteo!«

Er räusperte sich. Aber da entfernte sich Aakeas Stimme bereits.

»Träum was Schönes!«, setzte sie noch hinzu.

»Du auch ...«, murmelte er. »Und …«, setzte er etwas lauter hinzu, »du solltest öfter singen«. Er hörte, dass ihre Schritte verharrten. »Es wäre schade, wenn es nur die Dusche hört.«

»Danke, Matteo.« Dann schloss sich fast unhörbar eine Tür.

Etwas lustlos, mehr einer geheimen Pflicht gehorchend, schnitt er später, mitten im Film, während eines überlangen Dialogs zwischen zwei Männern, das Foto aus der Programmzeitschrift, scannte es auf ein weißes Blatt und katalogisierte es unter dem Buchstaben »E« in seine Sammlung. Es war nicht das erste aber er fand, es passe gut zu ihr. So wie zu all den anderen Geschöpfen, die mittlerweile bereits zwei komplette Ordner überquellen ließen. Voller Stolz begutachtete Hanenstein das Layout seiner Sammlung. Unzählige Stunden hatte er den dicken Grafik-Mac in der Agentur dafür heiß laufen lassen, bis er genau das ausspuckte, was Hanenstein als äußere Hülle seiner zweidimensionalen Träume akzeptieren konnte. Bisweilen war der Job gar nicht so schlecht, auch wenn er ursprünglich noch gelernt hatte, mit der Hand zu arbeiten, zu scribblen, Zeichnungen, Skizzen mit einem real existierenden Stift auf einem Blatt Papier festzuhalten. Aber heute lief alles nur noch virtuell via Bildschirm: Der Job, das Leben, die Träume.

Hanenstein suchte immer noch nach der Frau, der einen, die nur für ihn auf dieser Welt gelandet war. Dummerweise suchte er nicht im Leben, sondern flüchtete sich in Tagträume. Seine Heldin suchte er auch für seine Zeichnungen, seinen Comic. Sie sollte ein Cocktail aus allen sein: Die Eine, die alles hat, alles ist. ALL IS ONE.

Hanenstein musste eingenickt sein, denn als er die Augen wieder auf den Bildschirm richtete, war das französische Flair verschwunden, stattdessen schnappte ein graumelierter News-Verkäufer rhythmisch nach Luft und versuchte dabei betroffen in die guten Stuben zu schauen, wie immer auf der Suche nach der Quote. Im Hintergrund flackerten irgendwelche Kriegsbilder aus dem Nahen Osten und plötzlich gellte ein Schrei. Hanenstein riss die Augen weit auf und versuchte einen Zusammenhang zwischen Bild und Ton zu finden. Zweifelsohne hatte er soeben eine Frau gehört, sehen konnte er aber nur irgendwelche bärtigen Männer, die lange Geschützrohre mit Granaten oder ähnlichem Männerspielzeug vollstopften und dann ohne einen Laut abfeuerten. Aber da war es wieder – WOAROHARHAJAAA!!! – von rechts, irgendwo aus den Tiefen des Flures. So musste eine rollige Königstigerin klingen. Aber Hanenstein war schon etwas zu lange aus dem Geschäft. An die Chance einer Überwindung des Leib-Seele-Dualismus hatte er beinahe den Glauben verloren. Und so saß er perplex und kerzengerade auf der Couch, die Füße fest in den Teppich gedübelt. Langsam aber dämmerte auch ihm, welcher Urgewalten er da gerade Zeuge wurde. Seine neue Mitbewohnerin hatte soeben lautstark den Vollzug einer phantastischen Reise gemeldet. Und sie war hörbar angekommen. Glückwunsch, signora! Da konnte ja nun auch Herr Angelo mächtig stolz auf sich sein. Was aber trieb der eigentlich? Das war doch wieder typisch: Das Mädel schreit und stöhnt sich die Stimmbänder heiser, als sei gerade eine komplette U-Boot-Besatzung nach dreimonatiger Tauchfahrt mit Graf Luckner persönlich ausgerechnet in ihrem kuscheligen Bettchen aufgetaucht – und was macht der Typ? Er spielt den stummen Genießer! Wahrscheinlich grinste er jetzt wieder quer über sein arrogantes Gesicht!

Hanenstein sah schwarz für die Zukunft. Und insbesondere für seine Wochenenden.

ZWEI

Ohne weit zu gehen,

kann man die ganze Welt verstehen;

ohne aus dem Fenster zu schauen,

kann man die Wege des Himmels begreifen.

Je weiter man fortgeht,

desto weniger versteht man.

Deshalb begreift der Weise, ohne zu reisen;

er sieht, ohne zu schauen;

er vollendet, ohne zu tun.

(Tao-Te-King, 47)

Als Hanenstein frühmorgens allein in der Küche stand und die Rauchopfer der Nacht in den Abfalleimer entleeren wollte, blieb sein Blick an einem leuchtend roten Etwas kleben. Schlapp räkelte es sich wie eine übergroße Made über einem leeren Milchschlauch, der Kopf schien seltsam spitz, irgendwie zerquetscht. Und etwas tiefer verkroch sich noch ein zweites dieser Untiere. Hanenstein war sicher nicht empfindlich, er hielt sich auch nicht für prüde, aber vor dem Frühstück schon gebrauchte Präservative kredenzt zu bekommen, war sicher auch nicht jedermanns Geschmack.

Er brauchte jetzt ganz dringend frische Luft. Ein paar Sachen hatte er schnell gepackt. Sprit musste auch noch im Tank sein. Vielleicht sollte er Aakea eine kurze Nachricht hinterlassen? Krumm hockte er am Küchentisch und bekritzelte einen kleinen Zettel:

Bin ein bisschen an die See gefahren, weil ich-

Ja, warum? Weil er Angst vor einer morgendlichen Neuauflage des nächtlichen Spiels hatte? Das konnte er unmöglich schreiben. Weil er liebend gerne Angelo in die Eier getreten hätte? Ehrlich wäre das immerhin. Auf neidische Mitbewohner legte Aakea aber sicher keinen gesteigerten Wert. Also strich er die letzten beiden Worte und setzte stattdessen einen Punkt dahinter. Als er die absolute Sinnlosigkeit dieser Rumpfmitteilung erfasste, zerknüllte er das Papier und warf es im Hinausgehen in die Kiste mit dem Altpapier.

*

Nur Rauschen, das in seinen Ohren an- und abschwoll. Und Wind, der seine Haut streichelte. Wasser und Sand, durch die seine Füße wateten. Gerade trat er in ein Loch und taumelte leicht nach rechts, Richtung Meer, aber er fing sich, mit den Armen heftig rudernd, wieder ab. Das Loch hatte er nicht sehen können, denn Hanenstein kniff weiter die Augen fest zusammen und übergab seinen restlichen Sinnen das Kommando für den Blindflug. Eine Übung zur Stärkung des Selbstvertrauens und der anderen vernachlässigten Sinnesorgane. Hatte er soeben erfunden. Hanenstein war schon mächtig stolz auf dieses überfallartige Aufkeimen seiner Spontaneität. Und er war ebenso froh, dass ihn keiner dabei sehen konnte. Aber er glaubte, bereits eine Lockerung seiner Muskulatur, speziell der unteren Gesichtshälfte, zu verspüren und wartete auf das Lachen der Erleuchtung, das ihn bestimmt, nur einen Wimpernschlag weiter auf der kosmischen Zeitachse, wie ein Tiger anspringen würde.

Stattdessen trat Hanensteins rechter Fuß in ein weiches, sehr kaltes Etwas. Bevor er den Fuß gänzlich aufsetzte und sein Gewicht darauf verlagert hatte, riss er ihn in einem instinktartigen Reflex wieder zurück, verlor dabei natürlich das Gleichgewicht und kippte, unterstützt durch das Gewicht seines Rucksacks, nach hinten. Und sofort, schon als die Zehen die Wahrnehmung »weich-und-kalt« gemeldet hatten, öffneten sich, wie von einem unsichtbaren Band aufgezogen, seine Augenlider und seine Pupillen mit den über sie gleitenden Linsen erkannten unschwer eine glasige, äußerst tote Qualle mittleren Ausmaßes. Seine Zehen hatten allerdings schon dieselbe Befürchtung gehabt, sodass die Überraschung auch nur kleinerer Dimension war. Größer jedoch war Hanensteins Plumps in die seichte Brandung.

Bevor er sich aufrappelte, ließ er einen unsicheren Blick über den Strand schweifen und atmete erstmal tief durch. Es erscholl kein Gelächter und auch von Ovationen für seinen Aufsetzer blieb er verschont. Hanenstein war am Meer. Nordsee. Belgische Küste. Oostende. Und er war ganz allein. Trotz all der Hochhäuser im Rücken, welche damals an die Promenade geklatscht worden waren, und sofort schien ihm seine Lage weit weniger peinlich.

Während er in den trockenen, heißen Sand robbte, zog er seine triefende Sporthose aus und versuchte sie gemeinsam mit seinem gestrandeten Selbstvertrauen in der Sonne zu trocknen. Die Mittagsglut des Sandes durchströmte seinen blanken Hintern und ihm wurde schlagartig bewusst, dass er schon viel zu lange auf Entzug war und seit ungezählten Monaten im sexuellen Notstand dahinvegetierte, ohne es überhaupt gemerkt zu haben.

Die meisten Vertreter des menschlichen Geschlechts, besonders natürlich deren männliche Hälfte, glaubten ja, wohl mangels Selbstversuchen, ernstlich, mit jedem Tag ohne Sex – körperliche Liebe, Beischlaf, Bumsen, Koitus, Verkehr der Geschlechter, Vögeln, Kopulieren, Vollzug, Ficken, Hautkontakt und was ihnen dergleichen mehr für Ausdrücke über die Lippen kamen – wachse das Bedürfnis nach dem Fehlenden stetig unaufhaltsam weiter an, bis mann unweigerlich platze. Das Gegenteil – Hanenstein stellte sich gern als Kronzeuge zur Verfügung – war der Fall: Hatte mensch mit Mühe und Not die ersten Stunden und Tage nach dem ultimativ letzten tiefen Hautkontakt überlebt, hatte mensch es fast schon geschafft und die gefährlichste Klippe heil umschifft. Erleichternd kam hinzu, dass mensch ja nicht wusste, wann es das letzte Mal sein würde; das stellte mensch erst später voller Wehmut fest. Hätte mensch es vorher gewusst, wäre es vermutlich nie zum Vollzug gekommen; aber der Mensch ist glücklicherweise von der Gabe der Hellseherei verschont geblieben. In den ersten Tagen danach brannte noch der ganze Körper vor Sehnsucht nach dem Unersetzlichen, jede Hautpore hatte die Erinnerung an die andere Haut gespeichert, hielt sie jederzeit abrufbereit und schrie sie immer wieder ungefragt und nie kontrollierbar heraus. Mit der Zeit aber, das hing ganz von der Intensität der verlorenen Liebe ab, wurden diese Speicherbestände immer weiter in den Orkus geschossen, wahrscheinlich aus Gründen des Selbstschutzes vom Immunsystem aufgefressen. Zurück blieb die Sehnsucht – aber nur noch von geistigen Zutaten gespeist: Romantische, bisweilen erotische Gedanken, bei denen dem jeweiligen Süchtigen aber nicht mehr Myriaden von Schauern über die Haut peitschten und durchs Blut jagten – vielmehr tauchte irgendwann die Frage auf: Wie war das eigentlich noch? Wie fühlte sich das an? Damit hatte der Balsam des Vergessens schon nahezu gesiegt und der neugeschaffene Mönch konnte beinahe wieder lächeln wie Buddha ... bis er sich erneut verguckte, verliebte ... und sofort brannte wieder die Haut ... so wie jetzt Hanenstein.

Er hatte kaum Bilder abrufbereit, dafür wilde Töne. Ihr Schrei hallte immer noch in den abgründigen Schluchten seines Schädels nach. Und zu diesem orgiastischen Getöse schwirrten ihre glänzenden, traurigen Augen um ihn herum wie Irrlichter. Ihr Blick, als sie die Fotos vom Meer gesehen hatte, ganz weich und weit offen. Schon wieder bekam er Bild und Ton nicht zusammen aber diesmal war es schlimmer und er hatte schon wieder die Augen geschlossen. Im Sand hätte man jetzt Erz schmelzen können und Hanenstein merkte gar nicht, was er die ganze Zeit in der Hand hielt. In seiner Vorstellung war es ihre Hand. Oder war es doch eher ihre Brust?

Sich den Schweiß aus dem Gesicht wischend beschloss er, Aakea eine Karte zu schicken. Immerhin fühlte er sich so lebendig wie lange nicht mehr, wie ein vom Frühling wachgeküsstes Murmeltier, und das schrieb er allein auf ihre Fahnen. Er war heute sehr großzügig.

Nach einem langen Fußmarsch und einer nicht minder langen Wahl der passenden Ansichtskarte setzte er sich in ein Strandcafé auf die weitläufige Promenade Oostendes und kaute an seinem Stift herum. Mit jedem Versuch einer humorvollen, tiefsinnigen und dabei doch lässigen Formulierung, die weder ein Geheimnis aufbaute noch es verriet, schrumpfte seine soeben empfangene Erleuchtung und er selbst zum flackernden Teelicht.

Er schlürfte den guten belgischen Kaffee, verleibte sich abwechselnd den dazu servierten Keks und den Rauch einer Zigarette ein und schaute wie immer sprachlos aufs Meer. Hanenstein beschloss, sich rundum wohl zu fühlen und ebenso, sich in Zukunft öfter mal was Gutes zu gönnen. Und außerdem wusste er ja nicht, ob der Preisrammler seiner Nachbarin von nun an gar jedes Wochenende zur Tigerdressur anreisen würde – dann könnte Hanenstein sich jetzt schon auf regelmäßige Wochenendausflüge einrichten. Und da der Mensch bekanntlich einen freien Willen hat oder zumindest gerne hätte, nahm er wieder den Stift zur Hand und schrieb mit einem ehrlichen und breiten Grinsen los:

Mein Lieber,

da Du nur selten oder ehrlich gesagt nie nette Post bekommst, schreibe ich Dir jetzt, denn eigentlich bist Du doch ein ganz netter Kerl! Wenn Du nur etwas öfter die Zähne auseinanderbekommen könntest! Zum Biertrinken und Rauchen klappt’s doch auch schon ganz gut – oder?

Denk mal drüber nach!

In alter Freundschaft

Dein M.

PS: Grüße an die neue Frau Mitbewohnerin!

Und ihre Neugier würde Aakea zwingen, das zu lesen, wenn sie ihre Post aus dem Kasten holte. Stolz auf seinen Husarenstreich orderte Hanenstein ein Leffe bruin und prostete der untergehenden Sonne zu, nachdem er noch schnell ein Foto einer einsamen Wolke vor dem flammenden Inferno geschossen hatte.

*

Auf Zehenspitzen schlich Hanenstein durch die dunkle Wohnung, die Dielen aber zeterten um die Wette. Auf seiner Türschwelle holte er zum ersten Mal wieder Luft und rutschte in diesem Atemzug mit dem linken Fuß auf etwas aus. Er rumste gegen die Türzarge und kam damit zum Stillstand. Vom Boden hob er ein Blatt Papier auf, Format DIN A4, das er eilig zum Zeichentisch trug. Im runden Lichtkegel des Strahlers erkannte er eine sehr hübsche, äußerst schwungvolle und selbstsichere, dabei fein ziselierte, ihm allerdings gänzlich unbekannte Handschrift:

Hi, Matteo!

Ich hoffe, Du bist wieder gut gelandet (wo immer Du warst)!

Und ich hoffe noch mehr, wir haben Dich heute Nacht nicht geweckt!

Aber das Bett war offenbar nicht so fachmännisch aufgebaut, wie Angelo es selbstverständlich behauptet hat, und so begab es sich dann um exakt 2.38 a.m., dass ich mit meinem Allerwertesten unsanft den Teppichboden küsste. Ich weiß den Zeitpunkt meines Kontaktes mit der Basisstation deshalb so genau, weil der Wecker auch noch auf mir landete und ich dem Mistding daher einen Blick gönnen musste ... Jetzt aber habe ich selber die Montage übernommen und bete nun inbrünstig, mehr Glück und Sachverstand als dieser unselige Mann beweisen zu können!

Nochmal’s: DESCULPA! Prasstitje! Mea culpa! Pardon! 1000x Entschuldigung! Mi dispiache! I’m so sorry! Lo siento! Przepraszam! Afedersiniz! Özür dilerim! ... mehr haben ich und meine Wörterbücher nicht drauf.

Auf bald! Aakea

PS: Die Wohnung ist zauberhaft und die Dachterrasse der helle Wahn!

Das Papier zitterte ein wenig in Hanensteins Händen. Er musste jetzt unbedingt noch eine rauchen. Vorsichtig hob er das Blatt wieder hoch, nachdem er sich sicherheitshalber schnell noch die von der Salzluft klebrigen Hände am Hosenbein abgerieben hatte. Ihr erster Schriftverkehr sollte schließlich ansehnlich bleiben.

Wenn er überlegte, wie lange er zum Formulieren seiner profanen Ansichtskarte gebraucht hatte, um es dann letztendlich als hoffnungslos aufgeben zu müssen, blieb ihm nur das große Staunen. Wie sie das geschrieben hatte! Einfach so. Derart locker. Und erst recht, was sie geschrieben hatte! Hanenstein war gerne bereit, jede Silbe zu glauben, und er hoffte, Aakea nicht durch das Gepolter zu wecken, welches das von seinem bangen Herzen fallende Mont-Blanc-Massiv seit der Lektüre dieser himmlischen Botschaft verursachte.

*

Der erste Arbeitstag der Woche hatte kaum zum Start angesetzt, da war er auch bereits mit unbekanntem Ziel verflogen. Hanenstein konnte sich nicht erinnern, was er überhaupt in der Agentur all die Stunden getan, geschweige denn, wofür er heute sein Geld verdient hatte. Er wusste nur, dass er sich unbändig darauf freute, zurück in die Wohnung zu kommen. Die Wohnung, die nun zum Glück nicht mehr nur seine alleine, sondern ihre gemeinsame war. Und er hatte ein fantastisches Rezept für das Diner kreiert. Aakea würde Augen machen! Hanenstein war sogar sicher, dass es ihm nichts ausmachte, wenn dieser Kerl auch immer noch da rumlungern und sich über ihr Essen hermachen würde.

Als er die Wohnungstür aufschloss überraschte ihn absolute Stille, dabei hätte er jede Wette gehalten, zuerst ihr kehliges Lachen zu hören. Schnell durchquerte er die Räume, warf die Tasche auf seine Couch und spähte zum Schluss auch auf den Dachgarten: Nichts. Kein Mensch da. Enttäuscht ließ er sich auf einen Stuhl am Küchentisch fallen und kramte den Tabak aus seiner Jacke. Als er den Beutel auf den Tisch legte, bemerkte er einen kleinen Zettel. Die Handschrift kam ihm vor, als kenne er sie seit Jahrzehnten.

Hi, Matteo!

Du warst heute Morgen so früh aus dem Haus, da konnte ich Dir gar nicht mehr sagen, dass ich für ein paar Tage weg bin. Meine übliche Route: Warschau – Moskau – Sankt Petersburg. Und in Piter sehe ich endlich meine Schwester wieder und natürlich meine Großeltern!

Dann war da ein Pfeil nach rechts gemalt und irgendetwas stand darunter in kyrillischer Schrift, das Hanenstein nicht entziffern konnte, und selbst wenn – seine Russischkenntnisse beschränkten sich auf zwei Worte und selbst bei denen war er nicht sicher, ob ein Russe sich darüber nicht totlachen oder ihn stattdessen sofort mit der Kalaschnikow durchsieben würde.

Genieß die Ruhe in Deiner (unserer?) Wohnung!

Bis Donnerstag!

Natalja