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Mitte der 1970er-Jahre folgt Ros ihrer Freundin Marga aus der Provinz in die Mauerstadt Berlin. Die allgemeine Sinnsuche treibt skurrile Blüten im Westteil der Stadt: Psychoanalyse ist out, Bioenergetik und Encounter-Gruppen sind in, indische Gurus gelten als begehrte Lehrmeister. Während Ros zwischen ihren Talenten als Künstlerin und dem vermeintlich sicheren Architekturstudium hin- und hergerissen ist, gerät Marga mitten in den Strudel der Selbstfindungsangebote und schließlich auf einen Horrortrip. Ros will der Freundin zur Hilfe eilen, lässt sich davon aber selbst nah an den Rand des Wahnsinns treiben. Gleichzeitig steckt sie in einem immer wilderen Gefühlskarussell rund um ihre Leidenschaft zur Malerei, die verzweifelte Sehnsucht nach Anerkennung und gleich mehrere schwelende Liebschaften.Ein Roman über die Wirren zwischen Liebe und Selbstfindung
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Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für meine wunderbare Familie
Über die Autorin
Ankunft
Zweisamkeit
Neue Freunde
Jahreswechsel
Berlin hat lange, kalte Winter
Frühling
Else
Weiß
Gestalt
Veränderung
Wahnsinn
Hilfe
Blutorange
Heinrich
Nichts, wie es war
Leidenschaft
Vorbei
Weiter
Nachwort
Sigrid Schein-Zint ist in Duisburg aufgewachsen, mit weiteren Lebensstationen in der Eifel, Trier, Berlin und Ulm. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seit einigen Jahren lebt sie wieder in Berlin.
Nach einem Architekturstudium in Trier absolvierte sie das Studium der Stadt- und Regionalplanung in West-Berlin. In der damals noch geteilten Stadt arbeitete sie mehrere Jahre im Bereich der behutsamen Stadterneuerung, ehe sie, der Familie zuliebe, in die süddeutsche Provinz zog.
Bereits seit ihrer Kindheit schreibt die Autorin Erlebtes und Beobachtungen, aber auch kleine Geschichten und Fantasien in ihre Notizhefte. Immer war der Wunsch mit dabei, sich dem Schreiben irgendwann einmal ganz widmen zu können.
2014 veröffentlichte sie unter dem Namen »Blutorange« die erste Fassung des vorliegenden Romans, der jetzt in einer komplett überarbeiteten Fassung als »Die Farbe der Kali« erneut erscheint. Weitere Werke sind in Arbeit.
Wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.
Eugène Ionesco (1912–1994), frz. Schriftsteller
Ros hatte kaum geschlafen. Den verzweifelten Blick der Mutter, die ihr schweigend die Thermoskanne reichte, konnte sie kaum ertragen. Jetzt war sie auf dem Weg. Die Morgensonne schimmerte rötlich durch den Dunst. Ihr kleines Auto war vollgepackt mit ihren Habseligkeiten, ihrer Sehnsucht und ihrer Hoffnung. Mit jedem Kilometer wuchs die Erwartung, trockneten die Tränen und verschwand die Traurigkeit. Sie entfloh dem Kleinstadtmief, den Vorwürfen des Vaters, den sinnlosen Versuchen, ihm etwas zu erklären.
Am Transitübergang musterte sie der Grenzpolizist mit strengem Blick und umrundete ihr Fahrzeug. Sie war erleichtert, als sie endlich weiterfahren durfte. Die Landschaft entlang der Autobahn fühlte sich fremd an. Die Betonplatten ließen ihr Gefährt rhythmisch schwingen, da-dong, da-dong, da-dong.
Da waren auch Zweifel in der Zuversicht, Unsicherheit bei aller Freude auf das Erhoffte und Angst davor, ihren Träumen zu folgen.
Endlich, am späten Nachmittag, fiel sie Marga in die Arme. Sie lachten und tanzten und beschlossen, die mitgebrachte Flasche Sekt sofort zu öffnen. Der Korken sprang an die Decke, der Inhalt schäumte über und ergoss sich auf den Boden.
»Stundenlang geschüttelt auf realsozialistischer Autobahn, das hätten wir wissen können.« Sie kicherten über ihr Missgeschick und wischten gemeinsam das klebrige Nass auf.
So fing Ros’ Geschichte an, in dieser großen Stadt, dem westlichen Stern am blutroten Himmel.
Margas Wohnung war sehr klein. An die Wand hinter der Kochnische legten sie Ros’ Matratze. Für den Übergang reichte es aus, die Nähe zu Marga tat ihr gut. Marga nahm das Leben so leicht, darum hatte Ros sie schon früher in der Schule beneidet. Während Ros noch überlegte, war Marga schon losgelaufen, die Freundin hinter sich herziehend.
Die ersten Tage nach ihrer Ankunft in Berlin ließ sich Ros durch die Stadt treiben, stieg in die U-Bahn hinab, fuhr ein paar Haltestellen und kam wieder ans Licht. Sie sog die neuen Bilder auf, das Beobachten war ihre Gabe und der Skizzenblock füllte sich schnell.
Am Abend freute sie sich auf Marga.
Ros, hochgewachsen, schlank und feingliedrig, mit kleinen festen Brüsten und kurzen braunen Locken um ihr leicht kantiges Gesicht, sah mit ihren dunkelbraunen großen Augen südländisch aus. Sie hatte etwas Unnahbares, das die einen irritierte, die anderen faszinierte.
An Marga hingegen war alles rund, weich und hell. Sie war eher klein, hatte breite Hüften, einen vollen Busen und ein großflächiges Gesicht mit hoher Stirn. Das aschblonde volle Haar trug sie schulterlang. Im Gegensatz zu Ros, die dunkle Hosen und schlichte Oberteile bevorzugte, kleidete sich Marga exotisch, trug Hosen mit auffallend farbigen Mustern, weite Röcke, Blusen mit Rüschen und ausgefallene Schuhe. In ihren wasserblauen Augen konnte man sich verlieren. Marga wusste um ihre Ausstrahlung auf Männer. Sie hatte diese Art zu blicken, ihre vollen Lippen mit der Zunge zu befeuchten, ihre Hüften zu schwingen, ohne sich jedoch anzubiedern. Sie genoss ihren Körper, und das strahlte sie aus. Und sie ließ keine Gelegenheit zu einem Abenteuer aus: Junge Literaten, alte Anwälte, einsame Studenten und zufällige Kneipenbekanntschaften landeten in ihrem Bett. Marga hatte einige Semester Psychologie studiert. Seit ein paar Monaten jobbte sie in einem Kinderladen. Der Lohn war nicht üppig, aber sie ging gerne dorthin. Mit den Kindern konnte sie unbekümmert und fröhlich sein. Wenn Ros sie abholte, tranken sie noch einen Kaffee zusammen, kehrten gemeinsam die Räume aus und genossen die friedliche Stimmung in der bunten, jetzt leeren Umgebung. Ein Stück dieses Friedens nahmen sie mit nach Hause.
Sie fanden eine größere Wohnung, Ros war sehr froh. Nach den ersten Wochen der räumlichen Enge brauchte sie etwas Abstand zu Marga, die genüsslich ihre Männergeschichten pflegte, anstatt ihr den Rücken zu kraulen:
»Liebes, diese Abenteuer tun mir einfach gut.«
Ros’ Zimmer in der neuen Wohnung war groß und hell. Sie brauchte wenig – ein selbst gebautes Bett, zu einem Regal verschraubte alte Aktenschränke, einen kleinen Kleiderschrank, eine Kommode, ein Tischchen. Das Wichtigste aber waren ein Zeichenbrett mit Behältern voller Stifte und eine Staffelei, hinter der kleinformatige Leinwände lehnten. Das war nun ihr Reich. Ros hatte zwar einen Studienplatz in Architektur, aber ihre Leidenschaft war das Zeichnen und Malen. Angeregt durch die große steinerne Stadt ließ sie Kuben entstehen, die sich durchdrangen, neue Körper bildeten und sich bis an den Horizont ins Unendliche fortsetzten. Inmitten dieses Formengebirges platzierte sie Menschen, nachdenklich sitzend, zielstrebig nach oben steigend oder in den Abgrund stürzend, wobei sie geradezu detailbesessen war.
»Liebes, du hast so viel Talent!« Marga war fasziniert von Ros’ Können. »Warum studierst du nicht Grafik oder Malerei?«
»Marga, wie oft soll ich das noch erklären? Das Malen ist meine Nische, meine ganz eigene Welt, in die ich mich zurückziehe, und das soll so bleiben.«
Aber stimmte das? Hatte sie nicht vielmehr Angst davor, ihre Fähigkeiten öffentlich unter Beweis zu stellen? Ständig war sie bewertet worden. Wenn der Vater mit immer lauter werdenden Beschimpfungen seine Tochter, sein einziges Kind, das leider kein Sohn geworden war, mit Vorwürfen überschüttete, wenn er sie anschrie, dass sie zu nichts nutze sei, weil sie etwas zerbrochen, eine Besorgung falsch erledigt oder gar vergessen hatte. Schon damals hatte sie sich, um die Tränen zu unterdrücken und ihm keinen Triumph zu gönnen, in ihre Bilderwelt geflüchtet, war mit leerem Gesicht vor ihm gestanden, bis sie wegtreten durfte. Das Zeichnen und Malen war ihr ureigener Bereich, der sollte niemandem ausgeliefert werden.
Ros hängte nur wenige eigene Bilder in ihrem Zimmer auf. »Du kannst aus dem Vollen schöpfen. Warum hängst du nicht mehr auf?«, fragte Marga.
»So ist es gut für mich, das entspricht meiner Stimmung.«
»Und die ist gerade düster, oder was?«
Marga zeigte auf die Reproduktion eines Bildes von René Magritte.
»Es ist nicht düster, sondern geheimnisvoll. Ich liebe dieses Bild. Ich kann es immer wieder betrachten, mich ein Stück weit hineinziehen lassen, dabei ganz still und ruhig werden. Es sagt mir: Nichts ist, wie es im ersten Moment zu sein scheint.«
Marga sah Ros verständnislos an.
»Für mich ist es genau richtig. Außerdem steckt in diesem Bild auch die Erinnerung an einen Moment tiefer Verbundenheit mit meiner Mutter.«
»In diesem Bild?«
»Ja, du kennst doch diese kleine Straße zu unserer Siedlung. Von der Bushaltestelle führt sie nach Westen. Ich erinnere mich genau, wie nah ich mich meiner Mutter fühlte, als ich mit ihr diesen Weg entlangging, da muss ich so etwa zwölf Jahre alt gewesen sein. Die Sonne war fast versunken. Sie fasste mich an der Hand, wir blieben stehen und genossen diese Herrlichkeit. Über dem rötlichen Sonnenverglühen stand ein kräftiges Hellblau, das sich in vielen Nuancen im Dunkel verlor. Wir vergaßen, dass Vater uns gleich wieder tadeln würde, weil es schon spät war und er sich nicht vorstellen konnte, was wir so lange in der Stadt machten. Aber dieses Gefühl, mit Mutter dort einfach zu stehen und zu schauen, in Ruhe und Frieden, das ist fest in mir gespeichert. Ich habe es als kleinen Schatz in dieses Bild von Magritte eingeschlossen.«
»Ja, ich glaube, ich verstehe, was du empfindest. Aber trotzdem: Deinem Zimmer fehlt eindeutig Farbe«, beharrte Marga. Die gab es in ihrem Zimmer zur Genüge. Marga hatte die Wände in Gelbtönen gestrichen, jede Seite in einer anderen Nuance und Helligkeit.
Ros’ Raum ging nach Osten, sodass die helle Morgensonne sie wecken konnte. Margas Reich lag genau zur anderen Seite, und wenn sich der Abendhimmel rot färbte, dann leuchteten die gelben Wandflächen orange. Ihre breite Matratze lag direkt auf dem hellbraunen Teppichboden. Neben dem Kleiderschrank, einem großen schwarzen Ungetüm, standen ein schönes Vertiko und ein Schreibtisch aus der Gründerzeit. Ein großer Spiegel lehnte an der Wand, daneben ein Regal, vollgestopft mit Büchern und Nippes.
Die Küche hatten sie gemütlich mit Tisch und Stühlen vom Trödel eingerichtet. Hier saßen sie und redeten, oft stundenlang. Sie waren beide zufrieden mit dieser kleinen Wohnung: Neubau, günstig gelegen, mit Zentralheizung und zu einem erschwinglichen Preis. Margas Kontakte hatten sich als sehr nützlich erwiesen. Bezahlbare Wohnungen waren Mangelware in dieser Stadt.
Ros brauchte dringend Geld, ihre Ersparnisse würden nicht mehr lange reichen. Bis Semesterbeginn dauerte es noch einige Wochen, und so reihte sie sich frühmorgens in die Schlange der Jobvermittlung der Technischen Universität ein. Einige gut gelaunte, orientalisch anmutende Studenten standen vor ihr. Sie lachten laut auf, einer drehte sich zu ihr um und beantwortete ihren fragenden Blick: »Die wollen immer ganz bestimmte Fähigkeiten, und dann sind es doch nur Hilfsarbeiten, die du machen musst. Also können wir alles. Manchmal geht es schief, aber was solls, dann wird man eben nach Hause geschickt. Nächstes Spiel, neues Glück!«
Endlich kam Ros an die Reihe. Da wäre noch ein Job für heute, aber sie müsse schon mal an Druckmaschinen gearbeitet haben. Ros zögerte. Da tippte ihr einer der freundlichen jungen Männer auf die Schulter und flüsterte: »Da war ich schon mal. Es sind nur Kopierer.«
Ros bekam den Job und hatte bis zum Abend Hunderte von Kopien gemacht, sortiert und geheftet. Das Erlebnis stimmte sie zuversichtlich. Trau dich, spiel einfach mit, machte sie sich Mut. Ein anderes Mal arbeitete sie ein paar Tage lang in der Wäscherei des Hotels Kempinski, dafür musste sie morgens um fünf Uhr in den Wedding fahren. Sie lernte nette Türkinnen kennen, die sie in der Mittagspause großzügig und äußerst lecker bewirteten.
Die schlimmste Arbeit musste sie in einer Papierfabrik erledigen. Dort wurden Papprollen für das Innenleben von Klopapier und anderen weichen Papieren für den Haushalt hergestellt. Sie musste die Rollen auffangen und stapeln, den ganzen Tag in gebückter Haltung verbringen. Ros war immer heilfroh, wenn sich die Pappbahnen zwischendurch schief um die Schneidevorrichtung wickelten und die Maschine angehalten werden musste. Mit furchtbaren Rückenschmerzen legte sie sich abends unter Margas sanfte, warme Hände und ließ sich massieren.
Das Angebot einer Handelsagentur mit Sitz in einer schönen alten Dahlemer Villa brachte die Erlösung von diesem Job. Dort hatte sie Konstruktionspläne von Eisenbahnwaggons auf Transparentpapier durchzuzeichnen und zu vermaßen. Die Werkzeichnungen auf vergilbtem Papier waren in einer Sprache beschriftet, die Ros nicht kannte. Sie vermutete, dass sich die irgendwo preiswert hergestellten Waggons ohne die fremdländische Beschriftung der Pläne besser verkaufen ließen. Da machte offensichtlich einer ein gutes Geschäft, und zeichnen konnte sie, schließlich hatte sie nicht umsonst eine Lehre zur Bauzeichnerin gemacht. Sie konnte erstmals ohne Zorn an die Worte ihres Vaters denken: »Für ein Studium gebe ich kein Geld aus. Du machst eine Lehre.« Als die Pläne fertig waren und sie bezahlt wurde, lud sie Marga zum Essen ein.
Marga wollte eigentlich gar nichts essen und bestellte nur einen Salat, um dann mit der Bitte, probieren zu dürfen, Ros letztendlich den halben Hauptgang und fast das ganze Dessert wegzuessen.
»Warum hast du dir nichts anderes bestellt, wenn dein Hunger so groß ist?« Ros ärgerte sich. Ein Festmahl hatte es sein sollen und nicht überschattet von Margas neuestem Diätplan.
»Tut mir leid, ich wollte dir den Abend nicht vermiesen.« Marga war betroffen.
Sie schwiegen sich ein paar Minuten an und bestellten schließlich noch Rotwein und ein weiteres Dessert. Bei alten Geschichten aus der gemeinsamen Schulzeit konnten sie wieder miteinander kichern. Arm in Arm schlenderten sie nach Hause.
Ros lag noch lange wach und dachte über ihre Freundin nach. Marga war nicht glücklich, Ros’ Liebe zu ihr reichte für sie nicht aus. Marga suchte die große Liebe und die hatte eindeutig männlich zu sein. Auch Ros suchte die große Liebe – sie aber war sich durchaus nicht sicher, ob sie diese nicht vielleicht schon gefunden hatte. Vater, Mutter, Kind – diese Denkmuster genügten ihr nicht. Sie wollte einfach geliebt werden, bedingungslos, ohne Konventionen. Am liebsten wollte sie genau so weiterleben wie jetzt, Marga die Männer lassen, sich selbst auch mal verlieben, aber der Freundin dabei im Herzen treu bleiben. Warum sollte das nicht möglich sein?
An diesem Nachmittag hatte sie ein Lied von André Heller im Radio gehört. Es hatte ihr auf Anhieb gefallen, dieses Loblied auf alle Möglichkeiten der Liebe, wenn man nur wirklich liebt. Die Melodie und der Refrain gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Denn ich will, ja ich will, ja ich will, dass es das alles gibt, was es gibt. Aber genau dieses wirklich Lieben war wohl der schwierigste Punkt an der Sache. Liebe ohne Besitzanspruch, ohne Beherrschung des anderen.
Ros kannte Liebe nur in Verbindung mit Macht: »Wenn du nicht machst, was ich will, dann hab ich dich nicht mehr lieb. – Mach es doch mir zuliebe. – Wenn du nicht tust, was ich will, heißt das, dass du mich nicht liebst.«
Ständig hatte sie unter Druck gestanden, ständig irgendetwas beweisen müssen, um die Zuneigung anderer nicht zu verlieren. Oder stimmte das eigentlich gar nicht, war das vielleicht nur ihre Angst gewesen? Angst vor Versagen und darauf folgender Ablehnung. Ihr Vater zeigte sich meist ablehnend, nichts an ihr schien ihm wirklich zu gefallen. Die hilflose Mutter konnte sie vor den Wutausbrüchen ihres Vaters nicht beschützen. – Nun aber fort mit den finsteren Gedanken! Es war ein guter Tag gewesen, und sie liebte Marga wirklich, auf welche Weise auch immer, und Marga liebte sie ganz sicher auch. Ros wollte jetzt keine dunklen Wolken zur Nacht. Sie stand auf, setzte sich an ihr Zeichenbrett und betrachtete ihre Skizzen. Dann griff sie nach ihren Stiften, um einer Wiese weitere Farbtupfer zu schenken. Das beruhigte ihre Gedanken. Weit nach Mitternacht kroch sie ohne Umweg über das Bad unter ihre Decke und schlief sofort ein.
Es ist absolut dunkel, ein starker Druck lastet auf ihr. Das Atmen fällt ihr schwer, das beklemmende Gefühl ist unerträglich. Licht, sie muss das Licht anmachen, dann ist es vorbei. Sie drückt den Schalter der kleinen Lampe, aber es wird nicht hell. Es muss aber doch hell werden. Immer wieder presst sie den Schalter. Panik steigt in ihr auf. Ich muss unbedingt aufwachen. Was, wenn ich nie mehr aufwache? Die Lampe, die Lampe, sie muss doch angehen. »Licht, Licht! Hilfe, Hilfe!« rief sie laut.
»Ros, wach auf, du träumst.« Ros wand sich stöhnend hin und her. »Ist ja gut, ich bin da.« Marga hatte die kleine Lampe vor dem Bett angeschaltet und strich Ros sanft über die Wange.
Licht, endlich Licht und Marga, die sie spüren konnte. Sie lebte noch, sie durfte weiterleben. Woher kam bloß diese Angst, nicht aufwachen zu können, nicht leben zu dürfen? Sie war doch genau deshalb fortgegangen, um ihr Leben zu leben. Aber was war ihr Leben? Ein Leben mit Marga? In den Armen der Freundin schlief sie wieder ein.
Ros genoss ihren ersten freien Tag. Bis mittags lief sie im Schlafanzug herum, zupfte welke Blätter aus den wenigen Zimmerpflanzen, räumte in der Küche ein bisschen auf und setzte sich schließlich mit einer großen Schale Milchkaffee an ihr Zeichenbrett, um die Zeichnung einer Ruine mit zarten Grau- und Brauntönen zu kolorieren. Als sie auf die Uhr sah, war es schon Nachmittag, sie verspürte riesigen Hunger und begann zu kochen.
Marga war bei ihrer Heimkehr vom Kinderladen begeistert, dass ein dampfender Teller Suppe auf sie wartete: »Ach, so hätte ich das jetzt am liebsten immer und heute tut es besonders gut. Die Woche ist total schlimm, die Eltern nerven, Karin fehlt, die Kinder konnten nicht in den Hof, weil da umgebaut wird, und überhaupt, alle waren schlecht drauf. Ach bitte, Ros, ich brauche jetzt unbedingt eine Fußmassage.« Mit diesen Worten zog sie ihre Stiefel und Strümpfe aus und streckte Ros die verschwitzten Füße hin. Ros drehte ihren Kopf ruckartig weg, sprang auf und rannte ins Bad. Marga begann schallend zu lachen: »Vertrieben durch Gestank, vertrieben durch Gestank!«
Ros kam mit einer Plastikschüssel voll warmen Wassers gekrönt mit Schaum zurück: »So, dann wollen wir erst einmal die Füßchen baden. Ja, rein damit und dann schön die Suppe löffeln.«
Marga fügte sich mit Genuss. Nach dem Essen rückte Ros ihr gegenüber einen Stuhl zurecht und legt sich die jetzt duftenden Füße der Freundin auf den Schoß. Während sie sie massierte, begann Marga zu berichten: »Wir haben zwei neue Familien und die nerven, besonders die Mütter. Die wollen unbedingt unser Konzept haben, also schriftlich, denen genügt nicht, was wir auf dem Elternabend erzählen.«
»Und ihr habt nichts Schriftliches, nicht wahr?«
»Wozu auch, wir wollen uns ja gar nicht so festlegen.
Wir schauen jeden Tag, was ansteht, wie die Kinder so drauf sind, was sie mitbringen – das ist schon das ganze Konzept. Dazu brauche ich nicht viel Theorie und ich muss auch nicht wissen, wer sich das alles ausgedacht hat, ob der Ansatz fortschrittlich ist und solchen Käse. Die Kinder sind wichtig, die wissen doch am besten, was gerade dran ist. Der Mist, der sie belastet, den haben doch eh ihre Eltern verzapft, den bringen sie von zu Hause mit.«
»Du meinst, ohne ihre Eltern wären sie alle liebreizende und immerzu fröhliche Wesen, ohne jedes Problem?«
»Ja, die werden erst durch die sozialen und ökonomischen Bedingungen, in denen sie aufwachsen, so, wie sie sind. Da müssen wir viel auffangen. Das ist alles verdammt schwierig. Böse an sich ist ja kein Mensch.«
Sie schwiegen eine Weile. Ros hatte so ihre Zweifel an dem reinen Wesen der Menschenkinder, und besonders an der Idee, dass man unausweichlich ein Spielball seines sozialen Umfelds war. Aber Pädagogik war nicht ihr Fachgebiet und mit Kindern, außer mit sich selbst, hatte sie keine Erfahrung.
Marga wollte nicht mehr über den Kinderladen sprechen. Stattdessen fragte sie nach Ros’ Erlebnissen des Tages. Aber da gab es nicht viel zu erzählen und Marga schien auch gar nicht zuzuhören, sie war offensichtlich völlig erschöpft. »Danke fürs Füßestreicheln, Liebes, und für die leckere Suppe. Ich muss dringend ins Bett.« Sie hauchte Ros einen Kuss auf die Stirn und verließ die Küche.
Ros räumte auf, ging in ihr Zimmer und legte sich auf ihr Bett. Sie war noch nicht müde, zum Zeichnen hatte sie aber auch keine Lust. Auf dem Boden lag Bölls Ansichten eines Clowns.
»So was liest du?«, hatte Marga verwundert gefragt. »Hat dir die Lektüre in der Schule nicht gereicht?«
»Nein, hat sie nicht«, hatte Ros patzig geantwortet. Ros liebte die melancholische Stimmung des Buches, das Aufbegehren gegen die Moralbegriffe der Kirche. Doch Maries Entscheidung in der Geschichte konnte sie nicht verstehen. Ros wäre bei dem Clown geblieben, sie hätte mit allem gebrochen, sich für ein Leben an der Seite des kreativen Außenseiters entschieden.
Sie las ein paar Seiten, aber konnte sich nicht konzentrieren. So niedergeschlagen und erschöpft wie heute hatte sie Marga noch nie erlebt. Die Arbeit mit Kindern schien doch nicht so locker zu sein, wie sie es sonst immer darstellte.
Endlich hatte das Semester begonnen. Ros saß auf einer niedrigen Mauer vor der Architekturfakultät, hielt ihr Gesicht in die noch warme Herbstsonne und hing ihren Gedanken nach. Die Vorstellung, nach ihrem Studium irgendwann als Architektin diese gebaute Umwelt mitzugestalten, mitzuverantworten, war ihr fremd. Der Vater hatte entschieden, sie könne ganz gut zeichnen, und er kenne einen Architekten, da könne sie eine Lehre machen. Und Ros, voller Unsicherheit, hatte sich gebeugt. Ihre Bauzeichnerlehre war recht gut verlaufen, sie hatte sich wohlgefühlt in dem kleinen Architekturbüro.
Ihr Lehrherr hatte oft scherzhaft zu ihr gesagt, leider verkaufe er keine Grafiken, sondern Häuser. »Du könntest sicherlich eine ganz ordentliche Architektin abgeben, aber dein wahres Talent ist das Zeichnen, vielleicht auch die Malerei. Probier es aus.«
Natürlich hatte ihr Vater wieder mal getobt: »Was fällt dem denn ein, dir solche Flausen in den Kopf zu setzen?«
Nun war sie fort von zu Hause – und war doch einen Kompromiss eingegangen.
An der Uni war alles so anders, als sie es kannte, die Sprache, das Tempo, die Gestik. Sie wollte dazugehören und fühlte sich doch fehl am Platz. Hier traf sie zum ersten Mal auf Professor Heiner-Christopher Hirtchen, von den Studierenden HC genannt, dessen zerknitterter Mantel sie an Inspektor Columbo aus der amerikanischen Krimiserie erinnerte. In dem Entwurfsseminar, das er leitete, fühlte sie sich wohl. Sie war stolz darauf, zu der Gruppe zu gehören, die Vorkenntnisse in Zeichentechnik, Grundrissgestaltung und Baukonstruktion vorweisen konnte. Jetzt konnte sie endlich etwas von dem nutzen, was sie in ihrer Lehre gelernt hatte. Sie fühlte sich manchmal sogar ihren Mitstudierenden, die überwiegend männlich waren, überlegen. Das half ihr etwas beim Verdrängen des immer vorhandenen Gefühls, dass dieses Studium nicht das war, was sie wirklich wollte.
Hin und wieder rief sie ihre Mutter an, doch der Gedanke an sie machte Ros traurig. Ihr Weggehen schmerzte die Mutter noch immer. Der Vater tat manchmal versöhnlich, wollte aber nie über mehr als die aktuelle Wetterlage mit Ros reden.
Zur Gewohnheit wurden ihr lange Spaziergänge. Sonntagmorgens, wenn die Stadt ausschlief, ging sie los, mal mit festem Ziel, mal nur der Nase nach, immer aber kehrte sie mit neuen Eindrücken und Bildern zurück. Das hautnahe Erleben der Grenze, plötzlich und unvermittelt vor dieser Mauer zu stehen, die Ost und West trennte, erschreckte sie stets aufs Neue.
Lange bevor Marga sich sonntags polternd den ersten Joghurt aus dem Kühlschrank holte, saß Ros am Zeichenbrett und skizzierte. An den Nachmittagen besuchten sie oft gemeinsam Ausstellungen. Was hatte diese Stadt nicht alles zu bieten! Wie reich und unendlich die Anregungen waren. Etwa die herrlich klare, schnörkellose Architektur der Neuen Nationalgalerie mit ihrer Darbietung zeitgenössischer Kunst. Während Ros im Rausch der Eindrücke stumm von Werk zu Werk ging, löste Marga zweimal die Alarmanlage aus, weil sie unbedingt die Oberflächen der Bilder von ganz Nahem betrachtete. Auch ins Brücke-Museum nach Dahlem fuhren sie. All die Bilder dort kannte Ros bereits aus Büchern, jetzt sah sie sie im Original – welch ein Glücksgefühl! Genau so war es ihr auch bei einer Klassenfahrt nach Paris ergangen. Während die meisten ihrer Mitschülerinnen, darunter auch Marga, kichernd durch die Räume zogen, konnte sie selbst ihr Glück kaum fassen, im Louvre sein zu dürfen.
Eine besondere Beziehung entwickelte Ros zur neuen Akademie der Künste im Hansaviertel. Hier waren die Visionen der Architektur aus der Zeit vor dem Faschismus in zahlreichen Ausstellungen gegenwärtig. Wunderbare Zeichnungen gab es zu sehen. Architektur und bildende Kunst gehörten eben doch zusammen. Diese Erkenntnis war Ros ein Trost, wusste sie doch, dass sie viel lieber Kunst studiert hätte.
Ihr Lehrherr, an den sie nun oft denken musste, zeichnete in seiner Freizeit sehr schöne Stadtlandschaften nach Skizzen und Fotos, die er von seinen Reisen mitbrachte. »So ein Künstlerleben, das war mal mein Traum«, hatte er Ros anvertraut und ihr zum Abschied ein Bild mit Widmung geschenkt.
Sie fühlte sich geborgen in der Akademie der Künste, in diesem Gebäude mit seinem schönen Innenhof. Sie ging gerne über das Holzpflaster, ja sogar den viel zu trockenen Streuselkuchen des Cafés aß sie mit Genuss.
Endlich fand sie in der Uni Kontakt zu anderen Studierenden. Der Umgangston war herzlich, die Diskussionen um die Lehre aber oft hart. Ros hatte für die meiste geäußerte Kritik kein Verständnis. Alles zu hinterfragen und mit Argwohn zu betrachten, das war ihr fremd. Sie wollte gute Arbeit leisten, was sollte daran gesellschaftlich angreifbar sein? Wozu ständig die sozioökonomischen Hintergründe beleuchten?
Anton kam zu Besuch. »Ein alter Freund«, stellte Marga ihn vor. Ein netter Mann, fand Ros, mit David-Bowie-Frisur und attraktivem Körperbau. Er studiere schon viel zu lange, gab er zu, schaffe es einfach nicht, seine Abschlussarbeit zu vollenden. Er hatte Angst vor dem Danach. Solange er Unterstützung bekam – genügsam war er –, konnte ihm nicht wirklich etwas passieren, musste er nicht für sich selber sorgen. So drückte er es nicht aus, aber Ros interpretierte seine Erklärungen so. Anton gefiel ihr. Mit seinem Besuch hielt auch der Winter in der geteilten Stadt Einzug.
»Seht mal, es hat begonnen zu schneien«, rief Marga. »Lasst uns rausgehen!«
Herrlich war das. Die Autos mussten sehr langsam fahren und der Verkehrslärm wurde durch den Schnee, der schon die Fahrbahn bedeckte, gedämpft. Fußgänger und Autofahrer schienen plötzlich gleichberechtigt. Ausgelassenes Treiben überall, natürlich waren sie nicht die Einzigen, die durch die dicken Flocken rannten, Schneebälle formten und sich bewarfen. Die Stadt hatte sich ein weißes Kleid übergeworfen und tanzte darin wie eine elegante alte Dame.
Durchnässt, müde und zufrieden kehrten sie in die warme Wohnung zurück. Sie tranken Tee mit Rum und unterhielten sich. Ros vernahm überrascht, was Marga über ihren Job sagte: »Das ist nur eine Übergangslösung, mehr nicht. Ich habe einfach eine Pause gebraucht. Studieren ist nichts für mich, ich will was Praktisches tun. Menschen behandeln, die sich nicht gut fühlen, so was. Aber nicht als Psychologin, nein, ich möchte Körper und Geist als Einheit betrachten.«
Schon wieder eine neue Idee, dachte Ros. War es nicht schon immer so gewesen? Ros hingegen hatte schon früh ein klares Ziel vor Augen, sie wollte unabhängig leben können, anders als ihre Mutter, und ihr war klar, dass sie dafür zuallererst gute Noten brauchte. Sie musste einfach gut sein, um unabhängig zu werden. Sie wollte einen Beruf erlernen, der sie sicher ernähren konnte, ihre künstlerische Begabung war während der Schulzeit für sie ohne Bedeutung.
Marga war ganz anders gewesen. Sie hatte Ros oft überredet, Schulstunden zu schwänzen: »Komm, merkt doch niemand, wenn wir nicht da sind, trau dich! Wir gehen ins Café Bleib. Ich hab was Tolles gelesen, das muss ich dir erzählen.« So war das immer, Marga hatte ununterbrochen tolle Gedanken über Gott und die Welt. Sie war sehr aktiv in ihrer Kirchengemeinde und konnte ausführlich über den jungen Priester berichten, der sich um die Jugendgruppe kümmerte. Ros war ihre ständige Zuhörerin, ihre Bewunderin. Aber gleichzeitig war Marga für Ros ihre einzige Vertraute, der sie von ihren Nöten mit dem Vater erzählen konnte, ohne ein lapidares »Dann hau doch einfach ab« zu ernten. Marga war nie für einfache Lösungen.
Nun entwarf sie ein Ausbildungskonzept für eine ganzheitliche Körper-Seelen-Behandlung. »Die Hülle, die die Seele birgt, sie gilt es zu pflegen.«
»Ach, da haben wir es wieder: ›In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist‹, was?«, sagte Anton provozierend.
»Nein, so meine ich das nicht. Keine Leibesübungen zur Geistespflege. Es ist viel komplizierter, erst mal will ich einfach mehr darüber wissen. Mit meiner Kirche bin ich da in einer Sackgasse, ich schaue jetzt viel mehr auf die fernöstlichen Religionen. Die trennen nicht so.«
»Na, christliche Kirche und Körperliebe, das geht ja wohl auch nicht«, bestätigte Anton.
Marga bewies ihnen bis spät in die Nacht, wie intensiv sie sich mit anderen Religionen beschäftigt hatte. Schließlich beschloss Ros, nicht mehr nachzuhaken und ins Bett zu gehen. Wenig später hörte sie Anton lachen und bald darauf Marga lustvoll stöhnen.
Das weiße Kleid der Stadt war am nächsten Morgen zerrissen. Der Berufsverkehr staute sich im grauen Matsch. Ros ließ ihr kleines Auto stehen und lief zur Bushaltestelle. Überfüllt und schwerfällig kam der Bus zum Stehen.
Übellaunig rief der Fahrer: »Dreck draußen lassen, es sind schon genug Türken hier.«
»Selber Dreckskerl «, rief Ros. Sie wollte sich noch schnell hineindrängeln, da schloss sich die Tür und der Bus fuhr los, schmutziges Nass auf sie spritzend. »Scheiß Fascho!«, schrie Ros jetzt schrill und ließ den Zornestränen freien Lauf. Auch das war eine Facette dieser riesigen Stadt.
Der nächste Bus war fast leer, Ros stieg ein und blieb nahe der Tür stehen; sie fühlte sich klein und hilflos. Anzeigen, den Typ. Los, mach was, da muss doch mehr möglich sein als ohnmächtige Wut. Einen Brief an den Oberbürgermeister schreiben? »Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schütz, ein Busfahrer Ihrer städtischen Verkehrsbetriebe hat heute rassistische Bemerkungen über unsere türkischen Mitbürger gemacht.« Ros sann dem Begriff Mitbürger noch eine Weile hinterher. Mitbürger? Bürger sind doch Bürger, was also sind Mitbürger? Bürger mit mir? Im Gegensatz zu Bürgern ohne mich oder umgekehrt? Ach was, beendete sie ihre Überlegungen, immerhin habe ich ihm was entgegnet und bin nicht still geblieben.
Durch den Schnee zur Uni stapfend beruhigte sich Ros und Anton kam ihr wieder in den Sinn. Er hatte sie heute Morgenso warm angeschaut. Ihr war, als wüsste er, was sie empfunden hatte. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass er auch gerne mit ihr gegangen wäre. Konnte das funktionieren? Anton und sie? Marga und Anton?
Als Ros nach Hause kam, saß Anton lesend in der Küche. Marga hatte Teambesprechung, war also noch nicht da. Ros setzte sich zu ihm und berichtete von ihrem Erlebnis mit dem Busfahrer. Anton hörte zu, zeigte Verständnis, nahm ihre Hand. Sie ließ es geschehen. Er war so anders als die Jungen, die sie aus ihrer Schul- und Lehrzeit kannte.
Anton erzählte von den Schwierigkeiten mit seinem Professor, der kaum zu erreichen war. Wie sollte er da wissen, ob er bei seiner Diplomarbeit noch im Rahmen des Themas lag und ob er es richtig eingrenzte? »Ach Ros, sei froh, dass du was Handfestes studierst. Hätte ich doch nie Soziologie genommen.«
»Fang doch was anderes an. Was würdest du denn lieber machen?«
»Na, was Konkretes, am liebsten wäre ich Schreiner. Die Möbel in meiner Bude habe ich alle selbst gemacht. Das macht mir Spaß, dafür habe ich Ausdauer.«
»Und warum machst du keine Lehre?«
»So kurz vor dem Abschluss aufhören, das würden meine Eltern mir nie verzeihen. Die legen sich krumm, damit ich studieren kann.«
»Dann wechsle den Prof und lass dir ein neues Thema für die Diplomarbeit geben, das du leichter schaffen kannst. Schließ das Studium ab. Als Soziologe findest du dann keine Anstellung. Dadurch bist du quasi gezwungen, eine Schreinerlehre zu machen, um deinen Broterwerb zu sichern.«
»Dein Vorschlag ist ziemlich hinterhältig.«
»Nein, pragmatisch, einfach eine Eltern-Beruhigungsstrategie.« Jetzt musste Ros grinsen.
»Warum grinst du so?«
»Oh, so was Ähnliches könnt ich mir selber vorschlagen. Ich weiß auch, dass ich was anders will.«
»Ros, du gefällst mir. Du bist so offen, so direkt, das mag ich an dir.« Anton rutschte näher an sie heran, nahm ihre Hände, und wieder ließ sie es geschehen. »Und wie findest du mich?«
Ros spürte, wie sie rot anlief. War Anton nicht Margas Freund? »Äh, wann wohl Marga zurückkommt?«, stotterte sie ausweichend.
»Ach Marga, um die musst du dich nicht sorgen. Wir sind einfach gute Freunde und gehen gerne miteinander ins Bett.«
Na, wenn hier jemand direkt war, dann doch wohl Anton. Ros ließ ihn gewähren, ließ zu, dass er sie vom Stuhl zog und in den Arm nahm, ihren Hals küsste und ihre Lippen suchte, bis sie endlich seinen Kuss erwiderte. Ja, warum auch nicht? Sie nahm ihn Marga ja nicht weg. Die beiden blieben nicht lange in der Küche, sondern strebten zu Ros’ Bett, um sich dort langsam liebkosend zu entkleiden und lange zu lieben.
Was für ein Erlebnis. So konnte es also auch sein, staunte Ros, so sanft, achtsam für das, was der andere wollte, so bedacht und zärtlich. Was für eine schöne Liebesnacht, und das ganz ohne große Liebe.
Auf welche Tölpel sie sich bisher eingelassen hatte. Ihr erster Freund hatte so lange hektisch an sich und ihr herumgefummelt, bis es nur noch wehtat. Dass sich das Ganze in seinem Kinderzimmer abspielte, wo in den Regalen noch die Spielzeugautos standen und die Kuscheltiere saßen, machte es nicht gerade erotischer. Auch drohte seine misstrauische Mutter jede Minute hereinzuplatzen.
Ros hatte die vermeintliche sexuelle Freiheit eher als Zwang empfunden. Miteinander schlafen, das gehörte einfach dazu, sonst wurde man für frigide gehalten. In der Klasse gingen gefälschte Rezepte für die Pille herum – jemand hatte Beziehungen zu einer Arzthelferin. Die füllte die Rezepte entsprechend aus und legte sie dem Arzt mit einem Packen anderer Rezepte zur Unterschrift hin. 20 Mark pro Rezept – damit hatte die Arzthelferin einen guten Nebenverdienst und die Schülerinnen ihre angebliche sexuelle Freiheit.
Mit Grauen dachte Ros auch an einen anderen Freund. Sie hatte ihn auf einem Fest kennengelernt, als sie schon in der Lehre war. Sein Auto diente als Liebesnest, alles musste fürchterlich schnell gehen. Was hatte das mit Genuss zu tun? Den hatte sie viel besser mit sich alleine und ließ die Abenteuer künftig bleiben.
Und nun Anton.
Als Marga nach Hause kam, lagen die beiden erschöpft da. Spontan rief Ros: »Wir sind schon im Bett.«
»Schlaft gut«, entgegnete Marga, offensichtlich nicht überrascht, und verschwand in ihrem Zimmer.
Die Verwirrung wegen der letzten Nacht bestimmte den ganzen nächsten Tag. Ros konnte sich kaum auf die Vorlesungen und ihr Entwurfsseminar konzentrieren.
»Was ist los«, wurde sie von allen Seiten gefragt, »hast du etwa Liebeskummer?«
Nein, eigentlich das Gegenteil, dachte sie. Wie würde es sein, wenn sie sich heute Abend zu dritt begegneten?
Mit Herzklopfen schloss Ros die Tür auf. Marga und Anton saßen in der Küche und sprachen über Carlos Castaneda, dessen Bücher abends in den Kneipen als Raubdruck für fünf Mark angeboten wurden.
»Hallo«, piepste Ros, vor Verlegenheit brachte sie kein weiteres Wort über die Lippen.
»Auch einen Tee? Du bist ganz blass. Ist es in der Uni heute nicht gut gelaufen?«, fragte Anton und Marga schob hinterher: »Bestimmt hast du wieder mal nichts gegessen. Da ist noch Suppe aus dem Kinderladen, echt lecker.«
Als wäre nichts passiert, dachte Ros. Sie setzte sich und ließ sich von den beiden mit Tee und Suppe umsorgen.
Ros lauschte ihrem Gespräch über »seinen Platz finden« und »das Pirschen«, aß die warme Suppe und konnte sich langsam entspannen. Die Diskussion über die Anweisungen, die der Schamane Don Juan seinem Schüler Carlos gab, sagte Ros nicht wirklich etwas, sie hatte keines der Bücher von Castaneda gelesen. Aber das war jetzt auch nicht wichtig. Sie fühlte sich wohl mit Marga und Anton und nur das zählte. Es ging ihr gut.
Darüber, dass sie ihn beide wollten, sprach sie mit Marga auch die nächsten Tage nicht. Jede genoss ihn auf ihre Weise. Er war bereit dazu, ohne Verbindlichkeit, ein Spiel der Sinne im Hier und Jetzt, ohne jede Forderung an die Zukunft. Freie Liebe, das ging wohl doch. Waren sie zu dritt, saßen sie brav beieinander, tranken Tee und redeten über Politik und das abendliche Kulturprogramm.
Anton blieb, bis das Prickeln nachließ. Am Abend vor seiner Abreise rissen sie einen Hundertmarkschein in drei Teile und versprachen einander, sich wiederzusehen.
Wieder in trauter Zweisamkeit redeten Marga und Ros lange über dieses Abenteuer und waren sich so nah wie nie zuvor. Sie konnten teilen, ohne sich etwas zu neiden, war das nicht echte Liebe?
Sie kannten sich seit ihrer Schulzeit: die dünne, stille Ros und die mollige, laute Marga. Immer hatten sie zusammengehangen, fast alles gemeinsam getan. Erst nach dem Abitur hatten sich ihre Wege getrennt.
Ros hatte sich dem strengen Vater gefügt und die von ihm ausgewählte Lehre begonnen. Sie gab einen Teil des Lehrgeldes zu Hause ab, was ihr blieb, sparte sie. Drei Jahre lang lebte sie nur für das eine Ziel, von zu Hause fortzugehen, um studieren und ihr Leben leben zu dürfen, nicht wissend, was sie sich darunter eigentlich genau vorstellte. So lernte sie, einfach nach vorne zu schauen, wenn es zu Hause unerträglich war, weil der Vater sie und die Mutter wieder und wieder wegen bloßer Kleinigkeiten beschimpfte. Sie taugten beide nichts, schrie er dann. Und der Mutter zuliebe musste sie das Ritual des Entschuldigens mitspielen, Fehler eingestehen, die sie nicht begangen hatte, Worte bereuen, die sie so nie gesagt hatte. Der Vater war verbittert. Der Krieg habe ihm den Start in den Beruf versaut, schimpfte er, was habe er schon von seiner Jugend gehabt? Was die jungen Leute heute alles dürften, früher hätte man die gleich einkassiert. Seiner eigenen Tochter ein besseres Leben zu gönnen, sich für sie darüber zu freuen, dass jetzt alles anders war, dazu war er nicht fähig.
Margas Eltern hatten ein Lebensmittelgeschäft. Der gutmütige, schweigsame Vater und die redegewandte, temperamentvolle Mutter verbrachten täglich viele Stunden im Laden. Marga wuchs zwischen den Regalen auf und wusste durch die vielen mitgehörten Gespräche gut über die Erwachsenen Bescheid. Margas nachsichtige Mutter ließ ihrer Tochter viel Freiraum, nur was die Kirche betraf, war sie streng. Tischgebet und Beichte waren unverzichtbar, das Kirchenjahr bildete einen festen Rahmen für das Familienleben. Margas Eltern waren stolz, dass ihre Tochter studierte. Zeit, sie zu besuchen, hatten sie nicht. Dass Marga schon lange nicht mehr an der Uni eingeschrieben war, bekamen sie gar nicht mit.
Die Weihnachtszeit brach schnell und heftig aus. In jedem Geschäft gab es nun Glitzerkitsch und fromme Lieder. Marga wollte zu Weihnachten unbedingt »nach Hause«. Ros hatte keinerlei Sehnsucht nach trautem Heim, wohl aber nach ihrer Mutter. Aber würde ein Besuch den Kummer der Mutter lindern, wenn es unter dem Weihnachtsbaum doch nur wieder Streit gäbe? Der Vater duldete keine Ausgelassenheit, kein lautes Lachen, so würden sie beide nur leiden. Ros fuhr nicht.
Am Abend des 24. Dezember stapfte sie durch den Schneematsch in den äußersten Südosten Kreuzbergs. Die Straßen waren düster, es roch nach Hausbrand, einzig die Lichterketten in vielen Fenstern wiesen auf Weihnachten hin. Dick eingemummelte, bunt angezogene Kinder spielten auf den breiten Gehwegen. Sie warteten entweder auf die Bescherung oder hatten muslimische Eltern, hier lebten viele Türken. Ros zog den Schal fester um sich. Wäre sie doch bloß mit dem Auto gefahren, sie hatte sich in der Entfernung mal wieder verschätzt.
Kommilitonen bewohnten hier in Kreuzberg eine Fabriketage. Das letzte Gebäude am Ende der Straße musste es sein, es passte auf Toms Beschreibung. Er war studentischer Mitarbeiter und hatte Ros hilfreiche Ratschläge gegeben, welche Lehrveranstaltungen sie besuchen sollte, um auf ihre Vorkenntnisse sinnvoll aufzubauen. Stets sprach er sie an, wenn sie sich in der Uni zufällig trafen, so auch direkt vor den Weihnachtsferien. Als er gehört hatte, dass sie nicht zu ihren Eltern fahren wollte, hatte er sie eingeladen. Jetzt war sie gespannt, auf was sie sich da eingelassen hatte. Es konnte nur besser sein, als allein zu Hause zu sitzen. Endlich hatte sie den richtigen Hinterhof gefunden. Die hell gekachelten Fassaden, nahmen ihm die Düsternis. Es gab einen alten Lastenaufzug, aber Ros entschied sich für die Treppe. Auf dem ersten Treppenabsatz empfing sie der Spruch »Ich geh kaputt, kommst du mit?«, mit breiten roten Pinselstrichen an die Wand gemalt.
Tom öffnete ihr die verbeulte Eisentür und umarmte sie flüchtig, bevor er sie in einen sehr großen, hellen und hohen Raum führte. »Unsere Halle. Hier standen vor zehn Jahren noch Druckmaschinen, wir haben die gesamte Etage gemietet und umgebaut.«
Ros’ wurde magisch von der Fensterfront angezogen, durch die gelbes Licht schien. »Wo kommt denn dieses Licht her?« Das Haus stand direkt an der Spree und die Kaimauer, die hier die Grenze zum anderen Deutschland markierte, lag keine zwei Meter entfernt.
»Die Spree kontrollieren Soldaten in kleinen Motorbooten, immer schön bewacht von ihren eigenen Kollegen in den Wachtürmen. Und guck, am anderen Ufer verläuft der Todesstreifen. Sobald es dämmert, wird er in gelbes Licht getaucht, dann ist da drüben jeder Zentimeter ausgeleuchtet. Hier drin wird es nie ganz dunkel«, erklärte Tom.
Drüben – einmal mehr war Ros von der Grenze schockiert. Sie war ungeheuerlich, etwas, das es einfach nicht geben durfte. Ros blickte zum Wachturm und musste an einen Ausspruch von Marga denken. Als sie vor Kurzem gemeinsam mit dem Auto unterwegs gewesen waren und Ros zweimal falsch abgebogen war. »Das mit dem Verfahren hält sich hier in Grenzen.« Sie hatten über das Wortspiel gelacht, die Grenze aber war tödlicher Ernst.
Ros’ Gedanken blieben bei Marga hängen, die jetzt sicher den Weihnachtsbaum im elterlichen Wohnzimmer schmückte, brav angezogen ohne ihre wallenden Röcke und den klirrenden Schmuck. Marga hatte viele Gesichter.
»Super, so eine ehemalige Fabriketage, findest du nicht auch?«, unterbrach Tom ihre Gedanken und Ros schaute sich um. Spüle, Herd und Kühlschrank waren an einer zwei Meter langen Wandscheibe im vorderen Teil des riesigen Raumes aufgereiht. Dahinter verbarg sich eine Badewanne, nur an einer Seite durch einen Paravent vor Blicken geschützt. »Hier kommen die Leitungen hoch. Das Stück Wand haben wir deshalb stehen lassen. Genial, was?«
»Sehr gewagt.« Ros hoffte, dass das Klo weniger offen angeordnet war. Sie folgte Tom in den rückwärtigen Teil der Etage. Hier lagen an einem düsteren Flur vier Zimmer und zu ihrer Erleichterung auch ein ganz konventionelles kleines Bad mit WC. Toms Raum war ein schmaler Schlauch. Orange gestrichene Weinkisten bargen sein Hab und Gut. Ein Hochbett war geschickt zwischen die Wände gespannt.
»Das Holz konnten wir günstig nachts von einer Baustelle holen. War eine tolle Aktion, beinahe hätten wir die Balken nicht durchs Treppenhaus gekriegt.« Er lachte Ros an.
Sie nickte verschwörerisch, kletterte die Leiter hoch und war sehr beeindruckt von dieser Schlafstatt mit Aussicht.
»Je höher, desto wärmer«, erklärte Tom. »Ist im Winter ganz wichtig und im Sommer öffne ich einfach die oberen Fensterflügel. Am Fluss ist es ruhig und das gelbe Licht scheint hier kaum rein.«
Als Ros wieder neben ihm stand, bewunderte sie den Schreibtisch. Tom hatte auf zwei Holzböcke ein Türblatt befestigt. »Das ist ein prima Zeichentisch.«
Sie standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber, einander in die Augen schauend.
»Komm weiter, ich will dir noch die anderen Zimmer zeigen und dir die Leuten vorstellen, die du noch nicht kennst.«
Sie traten durch die nächste Tür. Dieser Raum war größer als Toms. Ein giftgrüner Ohrensessel stand in einem Meer von Zeitungsausschnitten und aufgeschlagenen Büchern. Katja lag auf dem Bett und sprang sofort auf, um Ros mit einer herzlichen Umarmung zu begrüßen. Katja studierte auch Architektur. Wie Tom war sie bereits im Hauptstudium, sie hatten in der Uni ein paar Mal miteinander gesprochen. Ros und sie waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen.
»Das ist mein Freund Wolfgang.« Katja zeigte auf einen gebeugten Rücken am Schreibtisch. »Wie du siehst, studiert er etwas Hochgeistiges, nämlich Literatur und Geschichte.«
Wolfgang blickte kurz von seinem Manuskript auf und brummte »Hallo«, schien sich aber nicht sonderlich für die Eindringlinge zu interessieren.
»Ist mein Brummbär«, Katja fuhr ihm liebevoll durch die langen, zerzausten Haare.
Es klingelte, und während Katja ein Pärchen aus ihrem Semester begrüßte, folgte Ros Tom ins nächste, wiederum kleinere Zimmer. Elke, die hier lebte, studierte Tiermedizin und saß über ihren Büchern.
»Na, wie viele Knöchelchen hast du wieder auswendig gelernt?«, fragte Tom.
»Genug für heute«, Elke schob ein dickes Buch und einen Notizblock zur Seite. »Tag, Ros. Tom hat mir schon von dir erzählt. Ich geh schon mal nach vorne, mal sehn, ob noch was zum Abwaschen rumsteht.«
Im letzten Zimmer wohnte ein angehender Chemiker im zehnten Semester. »Unsere Laborratte Josef«, stellte Tom ihn amüsiert vor.
Der hagere, fast glatzköpfige Josef folgte ihnen in die Halle. Es sollte Chili con Carne und Obstsalat geben. Schnell hatte jeder eine Arbeit zugeteilt bekommen und die erste Flasche Edelzwicker »Der Gute von Aldi« wurde geöffnet. Ros, mit roten Wangen vom Wein und klebrigen Finger vom Obst, fühlte sich wohl in dieser großen Runde.
Wolfgang, der angebliche Brummbär, erläuterte weit ausholend die unumstößliche Wahrheit, dass alles mit allem zusammenhinge: der Geschmack des Essens mit der Größe der Zwiebelstückchen, die Wahl des Gerichtes mit der Herkunft und finanziellen Lage der beteiligten Köche und die geistreichen Aussprüche mit dem Weinkonsum derer, deren Hirnen sie entsprangen.
Der große Tisch bot Platz für alle, sie waren jetzt acht. Es wurde viel gelacht, bis der große Topf endlich auf dem Tisch stand, die Kelle herumgereicht wurde und beim Essen zufriedene Ruhe einkehrte.
»Unsere Laborratte hat noch eine Überraschung«, verkündete Katja. »Los, Josef, hol sie!«
Während er umständlich, nicht ohne an den Tisch zu stoßen, aufstand und den Raum verließ, wurde laut über die Art der Überraschung spekuliert.
»Schokoladenweihnachtsmänner.«
»Zehn Flaschen Champagner.«
»Selbst gestrickte Socken von seiner Oma für alle.«
»’ne riesengroße Haschtüte.«
»Ich werd nicht mehr«, staunte Tom, als Josef nach einer Weile ächzend ein grünes Bündel in den Raum zog. »Ein Weihnachtsbaum!«
»Haben mir meine Eltern mitgebracht, damit ich schöne Feiertage im kalten Berlin habe, während sie auf Mallorca weilen.«
»So nackt kann der nicht bleiben«, fand Elke.
»Aber erst mal müssen wir ihn irgendwie aufstellen – oder sollen wir ihn aufhängen?« Wolfgangs Blick fiel auf ein Stahlseil, das quer durch den Raum gespannt war.
»Da hingen wohl mal die Probedrucke der Druckerei oder vielleicht auch ein Raumteiler«, beantwortete Tom Ros’ unausgesprochene Frage.
»Ja, aufhängen und schmücken!«, war die vielstimmige Meinung.
Bewegung kam in die Gruppe, Wolfgang holte eine Leiter und befestigte die Baumspitze mit einem Draht am Seil. Die restlichen WG-Bewohner verschwanden in ihren Räumen, während die Gäste in ihren Taschen kramten.
Tom kam mit einem roten Schal wieder und band ihn um die Spitze: »Scheint die richtige politische Einstellung zu haben, der Baum.« Lachend setzte er sich neben Ros und nahm ihre Hand. »Was ist los mit dir, du bist so still. Bist du jetzt doch traurig, nicht zu Hause zu sein?«
»Nein, nein, auf gar keinen Fall. Ich war nur in meine Gedanken vertieft.«
»Hattest du nicht Plätzchen mitgebracht? Ich hole Wolle von Katja, dann können wir sie an den Baum hängen.«
Bald war es ein sehr schöner Weihnachtsbaum, geschmückt mit bunten Ketten, Tüchern, Plätzchen, Wäscheklammern und Luftschlangen. »Bin aus dem Rheinland«, gestand Josef, »Luftschlangen hab ich immer zur Hand.«
Als die Gruppe wieder am Tisch saß, entspann sich ein Gespräch. Elke geriet in Erregung. »Ich weiß nicht, ob ihr das auch kennt: Bei mir zu Hause wird immer alles glattgebügelt – um des lieben Friedens willen, sagt meine Mutter dann. Und man selbst wird gezwungen zu lügen, zu schweigen, nachzugeben, nur so sein, wie man wirklich ist, darf man nicht. Sie sind alle so verlogen, deshalb musste ich da weg.«
»Kenn ich«, sagte Wolfgang, der Brummbär. »Bei mir darf keiner im Dorf wissen, dass ich in Berlin bin, um nicht zum Bund zu müssen. Ich gehe jedenfalls erst dann wieder zurück, wenn ich nicht mehr eingezogen werden kann … wenn überhaupt«, ergänzte er mit einem zärtlichen Blick auf Katja, die als Einzige dieser Runde in Berlin geboren war.
Tom war sichtlich erregt: »Unsere Väter sind ganz schön kaputt. Und wisst ihr was? Die sind nicht etwa so schlecht drauf, weil sie das Elend des Krieges nicht verkraften können, sondern weil sie die Verlierer sind. Die Schuld drückt doch die Wenigsten nieder, nein, es ist die gekränkte Eitelkeit der Herren. Deshalb machen sie sich jetzt zu den Herrschern ihrer Familien, da soll pariert und bedingungslos gehorcht werden.«
Jeder in der Runde konnte Geschichten zum Thema Eltern beisteuern. Ros stellte erleichtert fest, dass hier zwar jeder eine andere Biografie hatte, es aber doch viele Gemeinsamkeiten gab. Und so erzählte nun auch sie von sich, von ihrem Wunsch zu studieren, vom Vater, der für Bildung kein Geld ausgeben wollte, und dass sie es schließlich auch allein geschafft hatte. Marga erwähnte sie nicht und verschwieg, dass ihre Freundin der wichtigste Grund gewesen war, in diese Stadt zu kommen.
Weit nach Mitternacht löste sich die Runde auf. Ros stand mit Tom am Fenster und sie sahen auf den gelb beleuchteten Todesstreifen hinab. Da war ein junger Mann im Wachturm gegenüber.
Was er wohl denkt?, überlegte Ros. Sehnt er sie nicht auch weg, diese Grenze? Ihm wird doch absolut klar sein, dass er eingesperrt ist, dass es auch für ihn nur unter Todesgefahr einen Weg hinaus gibt. Hier ging es doch nicht um Schutz, das war Bewachung. Ros entdeckte Hunde, die auf dem Sandstreifen entlangliefen, und Wachposten mit Gewehr über der Schulter. Sie blickte wieder zum Wachturm hinüber.
Tom reichte ihr ein Fernglas. »Er schaut dich an.«
Sie sah hindurch und von Fernglas zu Fernglas schien sich ihr Blick mit dem des Grenzsoldaten zu treffen. Ros winkte ihm zu. Er hob die Hand, ganz zaghaft und langsam, und erwiderte den Gruß, nur eine kurze kleine Bewegung unterhalb des Fernglases. Ein zweiter Mann erschien jetzt neben ihm und er wandte sich der anderen Seite zu. Wie unmenschlich diese Grenze doch ist, dachte Ros. So stand sie in Gedanken versunken neben Tom, der einen Arm um Ros’ Schulter gelegt hatte. »Bleib doch heute Nacht hier bei mir«, hauchte er ihr ins Ohr.
Er gefiel ihr durchaus, aber sie konnte so vieles nicht einordnen. Ihre Gefühle für Marga, ihre Sehnsucht nach Anton. Das passte alles nicht zusammen. »Ich gehe nach Hause, Tom. Es war wirklich ein schöner Abend, aber jetzt möchte ich allein sein.«
Sie sah ihm seine Enttäuschung an, doch er fasste sich schnell wieder, holte ihre Jacke und brachte sie hinunter auf die Straße. Sie verabschiedeten sich mit einem flüchtigen Kuss. Tom roch gut, seine langen blonden Haare kitzelten sie.
Sie ging durch die graue Nacht den weiten Weg zurück und fror erbärmlich.
Lange konnte sie nicht einschlafen, die Gespräche hatten sie aufgewühlt, so vieles musste sie noch zu Ende denken. Gegen Morgen siegte die Müdigkeit. Heute war keine Wintersonne da, um ihr Gesicht zu streicheln, stattdessen hingen dicke Schneewolken am Himmel.
