Die Farbe der Sterne - Curtis Briggs - E-Book

Die Farbe der Sterne E-Book

Curtis Briggs

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Beschreibung

Geld oder Liebe? Original oder Fälschung? Wandel oder Tradition? Gipfelstürmerei oder Höhenangst? Um all dies und noch viel mehr geht es in dieser turbulenten, romantischen Krimi-Komödie. Leo Sailer erbt ein marodes Grand Hotel am Kochelsee. Er will den alten Kasten, den sein Urgroßvater vor über 100 Jahren gebaut hat, unter allen Umständen retten, ganz im Gegensatz zu der jungen Managerin Julia Dehne. Als ein verschollenes Meisterwerk von Kandinsky auftaucht, scheint das die Rettung zu sein, aber damit gehen die Probleme erst richtig los. Leo und Julia geraten in einen Strudel von emotionalen, kriminellen und komödiantischen Verwicklungen, in die Immobilienhaie, Klein- und Groß-Kriminelle, eine hoffnungslos überforderte Polizei sowie ein intellektueller Marder entscheidend eingreifen … Die Farbe der Sterne ist ein Mix aus Krimi, romantischer Liebesgeschichte und Komödie, der Spannung und Lachen perfekt kombiniert.

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EPUB

Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Curtis Briggs · Stefan Lukschy

Die Farbe der Sterne

Roman

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© 2024 Langen Müller Verlag GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

Autorenfoto: Cinemagine

Umschlagillustration und Zeichnung Bild1: Christian Effenberger

Umschlagfoto: Curtis Briggs und Jad Tohmé

Satz: Langen Müller Verlag, Ralf Paucke

E-Book Konvertierung: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-7844-8492-1

www.langenmueller.de

✦✦✦

Inhalt

VORSPIEL

In dem ein alter Mann eine umweltbewusste junge Frau engagiert, um sein noch älteres Hotel für ihn zu verkaufen.

EINEN MONAT SPÄTER – MITTWOCH

An dem ein junger Ballondesigner das Hotel erbt, es retten will und sich einer „See von Plagen“ gegenübersieht. Selbst die junge Frau macht ihm das Leben schwer – bis sie gemeinsam etwas Aufregendes entdecken …

3. JULI 1914 – FREITAG

An dem ein berühmter Künstler dem Urgroßvater des jungen Hoteliers eine große Freude macht und ihm eine geheimnisvolle Blechschachtel schenkt.

DONNERSTAG – MORGEN

An dem ein Galerist und zwei Gauner hinter dem Bild her sind, ein windiger Wiener sich das Hotel unter den Nagel reißen will, eine Tante sich betrinkt und ein intellektueller Marder anthropologische Studien betreibt.

FRÜHJAHR 1945

In dem, nachdem die Nazis das Hotel nicht mehr frequentierten, der Krieg zuende geht, ein Geschenk verdoppelt und eingemauert wird und irrtümlicherweise ein Schuss fällt.

DONNERSTAG – NACHMITTAG

An dem zwei junge Menschen sich ineinander verlieben und ein krimineller Plan in Gang gesetzt wird, wie man aus Ölfarbe Gold machen kann.

FREITAG

An dem eine Nebenbuhlerin auf den Plan tritt und der Plan Gestalt annimmt.

FREITAG – BLAUE STUNDE

In der die Nebenbuhlerin wütend wird und der Plan schiefgeht.

FREITAG – NACHT

In der der Plan auf Teufel komm raus gerettet werden soll, was aber alles nur noch schlimmer macht.

2. SEPTEMBER 2006 – SAMSTAG

An dem ein pubertärer Lausbubenstreich tragisch endet.

IMMER NOCH FREITAG – NACHT

In der eine dilettantische Rettungsaktion gründlich schiefgeht.

SAMSTAG

An dem die Polizei, die Gauner, der Galerist und der Schlawiner eingreifen und alle zusammen heillose Verwirrung stiften, sodass ein Original und eine Kopie in eine interessante Beziehung zueinander treten.

SOMMER 1967

In dem im Hotel ein alberner Schlagerfilm in Breitwand und Agfacolor gedreht wird.

SAMSTAG – NACHT

In der köstliche Pasta, die Rätselseite einer uralten „Hörzu“, die körperliche Liebe, sowie eine Pistole, ein Revolver und mehrere Amazonas-Giftpfeile ins Spiel kommen.

SONNTAG – FRÜH

Als ein falsches Bild entführt wird, ein Marder zum Retter wird und eine Dachluke deutlich zu hoch ist.

11. AUGUST 1999

An dem außer einer Sonnenfinsternis ein tragischer Unfall stattfindet, der den Hotelerben dauerhaft traumatisiert.

SONNTAG – VORMITTAG

An dem eine wilde Verfolgungsjagd, mehrere Schusswechsel und eine filmreife Ballonfahrt schließlich zu einem erstaunlichen Ergebnis führen.

EIN HALBES JAHR SPÄTER

Als alles eigentlich gut wird … eigentlich …

EPILOG

In dem andeutungsweise zu erfahren ist, was nach dem Ende der Geschichte passiert.

DANKSAGUNG

✦✦✦

Vorspiel

Julia liebte das Chaos. Das Chaos war die ultimative Herausforderung.

„Was für ein schräger, verfallener Kasten“, dachte sie, als sie die Auffahrt hinauffuhr, „die perfekte Kulisse für einen altmodischen Horrorfilm. So zwischen ‚Psycho‘, ‚The Shining‘ und ‚Grand Budapest Hotel‘ …“

Sie lenkte ihren kleinen Peugeot auf den von weißen Pappelsamen bedeckten Parkplatz des Hotels „Seeblick“ und schaute vor dem Aussteigen kurz in den Innenspiegel. An ihre erst in der Früh abgeschnittenen Haare hatte sich Julia noch nicht gewöhnt. Das grinsende Gesicht im Spiegel kam ihr irgendwie fremd vor, war ihr aber durchaus sympathisch.

Zwischen dem Hotel und dem Parkplatz sah sie den Kochelsee in der frühsommerlichen Wärme glitzern, eine Einladung der bayerischen Voralpen zum Bade. Über dem See kreisten in der flirrenden Luft die Möwen. Es war noch in der Nebensaison, aber einer dieser Tage, an dem Italienreisende auf die Idee kommen könnten, ihre Sommerferien doch nördlich der Alpen zu verbringen. Wo hätte es schöner sein können? Und das Beste war, dass jenseits des Sees, hinter der majestätischen Bergkette, die Gletscher auf Julia warteten.

Sie stieg die ausgetretenen Stufen zum Eingang des Hotels hinauf und klingelte. Während sie auf der winzigen Veranda neben der Treppe wartete, betrachtete sie die Fassade des ehemaligen Grand Hotels, von der die Farbe in reizvoll gekringelten Spänen abblätterte. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab, zückte ihr Handy und schoss ein Foto. Julia fotografierte gerne morbide Strukturen, um die Dokumente des Zerfalls als Bildschirmhintergründe auf ihrem Laptop zu verwenden. Dabei fiel ihr auf, dass ein Buntspecht sich kräftig ins Zeug legte, einer Spalte im Putz der Fassade eine ansprechende Form zu verpassen. Julia grinste. „Wie nett, dass man hier nicht nur an zahlende Gäste denkt, sondern auch der heimischen Vogelwelt Möglichkeiten zur künstlerischen Entfaltung gibt.“

Nachdem sie fünf Bilder gemacht hatte und die Tür immer noch verschlossen blieb, ging sie um das Haus herum und spähte durch die schlecht geputzten Fensterscheiben in die menschenleeren Räume. An einem offenstehenden Fenster blieb sie stehen und rief hinein: „Hallo? Herr Sailer?“

Wenig später erschien ein halbverschlissener Bademantel im Fenster. Aus dem braun-grün gestreiften Baumwollungeheuer ragte Johannes Sailers Kopf heraus, ein hagerer Mittsiebziger, der mit seinem weißen Dreitagebart, seinen wachen Augen und den strubbeligen Haaren eher wie ein Künstler wirkte denn wie ein Hotelbesitzer. Als er Julia erblickte, musterte er die junge Frau und sagte dann zufrieden: „Wie schön.“

Julia verdrehte innerlich die Augen, ließ sich aber nichts anmerken. „Man hat mich nicht reingelassen.“

„Haben Sie geklingelt?“

„Ja.“

Sailer schüttelte den Kopf. „Die Klingel ist kaputt, normalerweise sitzt meine Schwester neben der Tür und betrinkt sich. Ich mach Ihnen auf.“ Er verschwand im Zimmer.

Julia reagierte amüsiert. Ihre Vorstellung von dem Horrorfilm verfestigte sich. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich in einer abgerockten Geisterbahn, mit Hitchcock als Ausrufer im Frack am Megaphon, Kubrick als Mann an der Kasse und Jack Nicholson als Erschrecker im Bademantel, der sich mit einem blutigen Beil in der Hand zu ihr in den rumpeligen Wagen setzt oder ihr schwarze Fäden durchs Gesicht baumeln lässt. Julia war bereit, sich überraschen zu lassen.

Als Sailer Julia die Tür öffnete und sie hereinbat, hatte er sein liebstes Kleidungsstück gegen ein abgetragenes dunkelbraunes Cord-Jackett ausgetauscht. Die dazu so gar nicht passenden gelben Badelatschen trug er noch an den Füßen.

„Schade“, dachte Julia. Sie legte bei Männern seit jeher gesteigerten Wert auf gute Schuhe.

Sie betraten Sailers Büro. Der Mann mit den falschen Schuhen zeigte mit einer ausladenden Geste in den großen Raum. „Bitte sehr.“ Julia guckte sich zufrieden um. Sie hatte zwar öfters in WGs genächtigt, in denen ein „kreatives Chaos“ herrschte, aber das, was sie hier zu sehen bekam, toppte alles.

Im gestreiften Licht der vormittäglichen Sonne tanzte der Staub, bevor er sich auf die unendlich vielen, zum Teil umgefallenen Aktenstapel und die Berge ungeöffneter Post legte, die die Möbel und den Boden des großzügig geschnittenen Zimmers unter sich begruben. Dazwischen lagen leere Mineralwasserflaschen herum, unter einer Akte schaute der Henkel einer benutzten Kaffeetasse hervor, in der es sich eine Großfamilie kleiner Hausspinnen gemütlich gemacht hatte. In einer Ecke lehnte eine Gitarre, der die Hälfte der Saiten fehlte. Der schwere Eichenschreibtisch, der den Raum dominierte, verschwand unter Papieren und Büchern, die offenbar schon länger aufgeschlagen dalagen. Julia reizte es instinktiv, dieses Chaos in den Griff zu kriegen.

Trotzdem fragte sie sich, ob die vor ihr liegende Aufgabe in den drei Sommermonaten, für die Sailer sie telefonisch angefragt hatte, zu bewältigen sei, und ob das nicht mit ihren Plänen, im Herbst nach Paris und New York zu gehen, kollidierte.

„Vielleicht wäre eine gute Putzfrau …“ – „Neinnein“, unterbrach Sailer sie. „Ich will die Dinge geordnet haben, bevor ich das Hotel verkaufe. Ich weiß, es ist viel Arbeit, aber ich zahle gut, Sie kriegen eine anständige Provision und nach fünf Uhr können Sie hier wunderbar Ferien machen. Mögen Sie Champagner?“

Während Sailer in die Küche verschwand, nahm Julia in einem der Korbstühle auf der Seeterrasse des Hotels Platz und genoss den sommerlichen Blick in die Natur und den kurzen Moment der Stille. War es wirklich erst sieben Tage her, dass sie eine Stunde vor ihrer geplanten Hochzeit, schon im Brautkleid und auf dem Weg zur Kirche, die Reißleine gezogen hatte, Hals über Kopf getürmt war und zwei Tage darauf Berlin verlassen hatte?

Die Monate davor waren heftig gewesen. Sie musste ihre Masterarbeit abliefern, konnte sich jedoch kaum auf ihr Thema „Die volkswirtschaftlichen Folgen des Klimawandels“ konzentrieren, weil ihre Eltern, vor allem aber ihr Verlobter Fabian sie ständig mit Fragen zu Hochzeitsvorbereitungen nervten. Je näher der Termin der Trauung rückte, desto unheimlicher wurde ihr die Sache. War das wirklich das Leben, das sie sich erträumte? Inzwischen kannte sie die Antwort.

Ihre Eltern waren naturgemäß entsetzt über die „pubertäre Anwandlung“ ihrer einzigen Tochter. Und Fabian verfiel sofort in fieberhafte Betriebsamkeit. Er versprach Julias Eltern hoch und heilig, die Geflohene notfalls mit einem Lasso einzufangen, und tröstete während des vergeblichen Versuchs, sie telefonisch zu erreichen, abwechselnd ihre tränenüberströmte Mutter und ihren entgeisterten Vater.

Vielleicht war genau das der Hauptgrund für ihre Entscheidung. Die gemeinsame Zukunft mit dem „idealen Schwiegersohn“ war einfach zu perfekt durchgeplant gewesen. Fabian hatte ein halbes Jahr zuvor eine Zahnarztpraxis im Berliner Villenviertel Dahlem eröffnet und seinen Heiratsantrag zwischen zwei Hightech-Behandlungsstühlen in den edlen Praxisräumen mit der Bemerkung garniert, dass zu einem erfolgreichen jungen Modezahnarzt doch nichts besser passen würde als eine engagierte Umweltschützerin: „Du rettest die Gebirge und ich rette die Gebisse. Willst du meine Frau werden?“ Ihr ungläubiges Schweigen hatte Fabian irrtümlicherweise als Zustimmung gewertet, und als Julia sich Bedenkzeit ausbitten wollte, war es schon zu spät. Fabian hatte bereits hochoffiziell und höchst altmodisch bei ihren katholischen Eltern um ihre Hand angehalten.

Julias Mutter, eine konservative politische Journalistin, die ihren Berufsstand durch das Internet und social media für bedroht hielt, und ihr Vater, ein emeritierter Biologieprofessor mit ausgeprägtem Familiensinn, hatten gleich nach Fabians Antrag Überlegungen angestellt, wie man die gute alte Zeit in die Gegenwart hinüberretten könnte: Sie planten, in ihrem ererbten Häuschen in Zehlendorf für sich selbst das Dach auszubauen, um dem jungen Paar das geräumigere Erdgeschoss und dem erhofften Nachwuchs das erste Stockwerk zur Verfügung zu stellen – und Fabian plante enthusiastisch am Mehrgenerationenhaus mit.

Beim Gedanken daran schnürte es Julia sogar noch im fernen Bayern die Kehle zu. Ihre Abenteuerlust wäre unter der heiligen Dreifaltigkeit in kürzester Zeit erstickt worden. Fabian und ihre Eltern harmonierten derart miteinander, dass Julia sich nicht einmal getraut hatte, den dreien zu erzählen, dass sie mit viel Glück eines der wenigen, heiß begehrten Praktika bei der UNESCO bekommen hatte. Hier am See würde sie die nötige Ruhe finden, um sich über ihre Zukunft endgültig klarzuwerden.

Ein ausnehmend hübscher Marder huschte über den Rasen, nahm kurz interessiert Blickkontakt mit Julia auf und riss sie aus ihren Erinnerungen. Als wollte er ihr seine artistische Kunstfertigkeit demonstrieren, machte er zwei Purzelbäume, grinste selbstbewusst und zeigte ihr, wie Freiheit aussehen konnte. Julia nickte nachdenklich und beobachtete, wie der Marder ein undichtes Fallrohr hinaufkletterte und auf einem der Balkone verschwand.

Vom See her kam eine vierköpfige Familie zum Hotel gelaufen. „Grüß Gott“, berlinerte der Vater, dessen Kopf aus dem aufgeblasenen Gummischwan seiner Kinder herausragte.

Julia erwiderte seinen Gruß. „… ach, ich habe eine Frage. Sind Sie die einzigen Gäste?“

„Jetzt, wo Sie anjekommen sind, nich mehr. Schönen Tach noch.“ Die Familie verschwand im Haus, gerade als Sailer mit einer Flasche deutschen Sekts und zwei Gläsern auf einem leicht zerbeulten Hotelsilbertablett erschien.

„Und? Haben Sie sich’s überlegt?“, fragte er und entkorkte die Flasche.

Julia atmete tief durch, dann streckte sie ihm die Hand hin. „Aber Ende August müssen wir durch sein.“

Er reichte ihr ein Glas und stieß mit ihr an. „Ende August bin ich wahrscheinlich schon tot.“

✦✦✦

Einen Monat später Mittwoch

Die Illusion war perfekt: Vor einer bayerischen Bergkulisse mit Schloss Neuschwanstein schwebten Heißluftballons in allen Farben und Formen, von der untergehenden Sonne warm beschienen, durch den stahlblauen Himmel.

Die Firma „Klinger.Balloons“ bei Lindau, für die Leo Sailer seit drei Jahren als Designer arbeitete, war in der Branche bekannt für ihre ausgefallenen Entwürfe und in München und Umgebung ein beliebter Hersteller ungewöhnlicher Werbeträger.

So hatte Leo in das raumfüllende Diorama unter die üblichen Ballons auch solche in Form eines Maßkruges, einer Obélix-Figur samt Hinkelstein und eines blond-rosa Glitzer-Einhorns gemischt.

Leo drückte die Klemmlampe, die die Abendsonne für seine Installation simulierte, ein wenig tiefer – gerade heute war es ihm wichtig, dass seine Arbeit in besonders gutem Licht erschien –, da betrat sein Chef Dr. Hubertus Klinger mit seiner Assistentin Conny den Konferenzraum.

Was für ein Paar! Klinger war für einen Ballonfabrikanten eindeutig zu adipös, der Endfünfziger schnaufte und wischte sich unablässig mit einem kleinkarierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn und von den Augenlidern hinter seiner dicken schwarzen Hornbrille. Conny sah mit ihrer Modelfigur neben ihm aus wie ein Strich – ein sehr attraktiver Strich.

Bevor Leo seine Präsentation vorstellen konnte, fuhr ihm Klinger in die Parade: „Ausgerechnet an diesem Wochenende!“

Leo schluckte. „Ich hatte Ihnen versprochen, dass die Präsentation fertig wird, und sie ist fertig geworden.“

„Hast du überhaupt geschlafen?“, fragte Conny mit flirtiger Besorgnis. Leo schüttelte den Kopf.

„Ich hab mir nicht ausgesucht, wann mein Vater stirbt, Herr Dr. Klinger.“

Klinger würdigte das Ballon-Diorama mit keinem Blick. Er erinnerte Leo stattdessen an den kommenden Sonntag, an dem sich alle wichtigen Kunden der Firma zu einem großen Ballontreffen zwischen Wasserburg und Lindau angemeldet hatten. „Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Sie immer gerade dann ausfallen, wenn wir in die Luft gehen? Das letzte Mal hatten Sie eine ,Aduktorenzerrung‘. Wie kriegt man denn so was?“

„Ich bin übermorgen zurück, versprochen. Sorry.“ Leo verließ eilig den Konferenzraum. Klinger sah ihm wütend hinterher und wandte sich zähneknirschend an Conny. „Weiß er von unserem neuen Auftrag?“

„Ich fürchte nein …“ Conny sah ihre Chance und fixierte Klinger. „Und wenn ich am Wochenende die Kunden betreue?“

Aber Klinger war für Connys Augenaufschlag unempfänglich und blökte: „Sie? Sie sind für den reibungslosen Ablauf des Events verantwortlich. Und ich werd Sie bestimmt nicht vom Innenminister zum Außenminister befördern!“

Mit einem hastigen Blick auf die Uhr betrat Leo sein Büro. Der Schreibtisch war penibelst aufgeräumt. Er ertrug es einfach nicht, wenn schrägliegende Bleistifte oder herumliegende Notizzettel die strenge Grafik seines Arbeitsplatzes störten. Leo war kein Pedant, er war ein Ästhet. Niemand, der das mit Bauhausmöbeln ausgestattete Büro betrat, hätte sich träumen lassen, dass er in einem heruntergekommenen ehemaligen Grand Hotel aufgewachsen war.

Er packte seinen schweinsledernen Aktenkoffer, nahm ein gebügeltes Hemd aus einem Sideboard, gähnte und zog sich um. Als er mit nacktem Oberkörper dastand, kam Conny ohne anzuklopfen herein. Sie warf einen anerkennenden Blick auf Leos Muskeln und wurde ernst. „Da ist nebenan jemand richtig sauer. Musste das sein?“

Leo warf sich das frische Hemd über. „Ich kann da nicht nicht hinfahren. Ich hab meinen Vater ewig nicht gesehen.“ Er hielt beim Zuknöpfen kurz inne. „Und jetzt ist er tot.“

Conny staunte. „Wie … das stimmt?“ Leo nickte.

„Ich dachte, das hast du dir nur ausgedacht, wegen deiner …“ Sie machte eine Geste des Abstürzens.

Leo kannte diese Geste nur allzu gut. Und er reagierte äußerst ungehalten darauf – wie jeder Mensch, der sich bei seiner größten Schwäche ertappt fühlt. „Quatsch! Ich hab keine Höhenangst!“

Conny grinste in sich hinein. „Neinnein, du bist nur ein klitzekleines bisschen klaustrophobisch und hebst nicht gerne ab.“ Sie ging zu ihm und schloss einen Hemdenknopf, den er vergessen hatte. „Brauchst du jemanden zum Händchenhalten?“

Leo schloss seinen Aktenkoffer. „Danke, da muss ich alleine durch.“ Weil Conny keine Anstalten machte, sein Büro zu verlassen, deutete er auf die Tür. „Ich hab’s eilig, bitte.“

Als sich die Aufzugtür des Bürotraktes öffnete, schluckte Leo. „Ups …“ In der übervoll besetzten Kabine rückten seine Kolleginnen und Kollegen zusammen, um Platz für ihn zu schaffen, aber Leo winkte ab. „Alles gut, danke, ich nehm die Treppe.“ Die Kollegen schauten sich wissend an, und die Aufzugtür schloss sich. Leo traten kleine Schweißperlen auf die Stirn. Er ging zur großen geschwungenen Treppe des 60er-Jahre-Baus und sah durch das Treppenauge in die Tiefe.

„Oh Mann …“, stöhnte er leise. Der lange Huber aus der Buchhaltung rauschte freundlich grüßend an ihm vorbei und tänzelte wie Fred Astaire die Stufen hinab. Warum gelang ihm das nicht? Warum bekam er weiche Knie, obwohl er wusste, dass die Treppe sich nicht bewegte, auch wenn es für ihn so aussah? Er straffte sich, schob seinen Aktenkoffer unter den Arm, umfasste mit beiden Händen das Treppengeländer, kniff die Augen zusammen und hangelte sich mit abgewandtem Blick vorsichtig nach unten. Dort angekommen atmete er erleichtert auf.

Oben am Treppenabsatz erschien Conny und rief ihm kokett zu: „Erwischt!“

Peinlich berührt, aber wenigstens auf festem Grund, verließ Leo das Verwaltungsgebäude in Richtung Parkplatz.

„Wer fliegen will, muss frei sein – wer frei sein will, muss fliegen!“ Als sollte Leo verhöhnt werden, prangte der Werbeslogan von „Klinger.Balloons“ auf einem Lieferwagen der Firma, der direkt neben seinem Golf stand. Leo blickte abfällig auf den Transporter und stieg in sein Auto. Hätte er eine Spraydose dabei gehabt, hätte er den Spruch am liebsten mit einem kunstvollen Graffiti übersprüht.

Beim Anschnallen durchsuchte er die Musikbibliothek seines iPhones. Er spielte mehrere Titel an – melancholische Popsongs und klassische Trauermusik, fand jedoch nichts, was zu seinem emotionalen Wirrwarr passte. Beim Start seines Navis befahl er dem Display: „Home!“ Dann entdeckte er auf einer Playlist einen seiner Lieblings-Oldies: „Born to Be Wild“. Um seine Emotionen zu betäuben, drehte Leo die Lautstärke voll auf und fuhr los.

Sein Vater war erst der dritte Tote, der in seinem Leben eine Rolle spielte. An seine Großeltern hatte er keine Erinnerungen, dafür spukten jetzt seine Mutter und sein Freund Thom um die Wette in seinem Kopf herum.

Als wollte er sich sein Gefühlschaos von der Seele schreien, sang er auf der Fahrt durch die sanft geschwungene oberbayerische Landschaft sehr laut und sehr falsch gegen den dröhnenden Rocksong an. Die Klimaanlage blies ihm mit voller Stärke warme Luft ins Gesicht. Sie funktionierte schon seit dem Frühjahr nicht mehr, aber Leo scheute die Reparatur. Er wollte seine alte Gurke so lange fahren, bis sie unter ihm zusammenbrach. Ohnehin war er kein übertrieben sportlicher Fahrer. Danach würde er sich ein Elektroauto kaufen.

Während er zum Gesang von Steppenwolf seiner Verzweiflung, seinem Schmerz und seiner Wut freien Lauf ließ, traten Leo Tränen in die Augen. Schließlich begann er hemmungslos zu weinen.

„Wollen Sie Brücken und Tunnel vermeiden?“, holte ihn die freundliche Navistimme zurück in die Gegenwart. „Ja“, schluchzte er beinahe lächelnd. Er wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. „Blöde Frage.“

Vor einer geschwungenen Hochbrücke zwang das Navi Leo, auf eine schmale Nebenstraße abzubiegen, die sich endlos ins Tal hinab- und auf der anderen Seite des Tals wieder hinaufschlängelte. Leo schaute auf seine Uhr. Er ahnte, dass er sich gewaltig verspäten würde.

Julia saß in Sailers Büro und wedelte sich mit einer Urkunde Luft zu. Die Aktenberge waren in dem Monat seit ihrer Ankunft im Hotel „Seeblick“ sichtlich geschrumpft, doch nach wie vor unübersehbar. Immerhin waren die leeren Wasserflaschen und die Kaffeetassen inzwischen verschwunden. Sie schaute auf ihre Uhr. „Männer …“

Wie schaffte sie es nur, immer wieder in Situationen zu geraten, in denen sie unter Männern leiden musste? Um sich gegen ihre beiden älteren Brüder zu behaupten, hatte sie schon früh raffinierte Nesthäkchen-Strategien entwickelt. Da sie ohnehin nicht ernstgenommen wurde, spielte sie das kleine hilflose Mädchen und zog so meist die Eltern auf ihre Seite. Bedauerlicherweise hatte das den Nebeneffekt, dass man ihr in der Familie gar nichts mehr zutraute, selbst als sie heranwuchs. Ihr großer Bruder Richard verbot ihr bei Androhung der Todesstrafe, sein heiliges Aquarium ohne sein Beisein auch nur von der Ferne anzuschauen, und für den Mittleren, die Sportskanone Robert – Landesliga im Tischtennis – waren Mädchen ohnehin keine ernstzunehmende Konkurrenz.

Je älter Julia wurde, desto mehr nervte sie jedoch das behütete Dasein als Hascherl, das seine Interessen hinter die ihrer dominanten Brüder permanent zurückstellen musste. Richard und Robert durften alles, Julia durfte nichts. Sie entwickelte einen fanatischen Gerechtigkeitssinn und beschloss, es ihren Brüdern zu zeigen. Wenn die beiden samstagabends in die Disco verschwanden, kletterte Julia aus dem Fenster ihres Kinderzimmers, hangelte sich an dem vor ihrem Zimmer befindlichen Spalier mit wildem Wein hinunter und traf sich heimlich mit Freundinnen, deren Eltern weniger streng waren als ihre eigenen. Ihr Drang nach Unabhängigkeit und Opposition wurde immer stärker, keinesfalls wollte sie so werden wie „R and R“.

Richard trat später in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ein esoterisch angehauchter Meeresbiologe, dementsprechend entwickelte Julia eine Leidenschaft für die Berge. Und während Robert bald an seine sportlichen Grenzen stieß und als mittelmäßiger Sportjournalist bei einem Käseblatt in Chemnitz versauerte – ein Job, den die Mutter ihm verschafft hatte –, absolvierte Julia in kürzester Zeit ein Volkswirtschaftsstudium mit Prädikatsexamen und den Nebenfächern Politologie und Geowissenschaften. Im Gegensatz zu vielen ihrer ökologisch aktiven Kommilitoninnen und Kommilitonen wusste Julia, dass die von ihr so sehr geliebte chaotische Welt nur retten konnte, wer auch etwas von Ökonomie verstand.

Als Fabian in ihr Leben trat, fühlte sie sich zum ersten Mal von einem Mann wirklich ernstgenommen. Im Gegensatz zu ihren Eltern und ihren Brüdern war er von ihren Plänen, die Alpengletscher zu retten, hellauf begeistert – oder tat er nur so? Seine Begeisterung ließ jedenfalls merklich nach, je öfter Julia ihre ausgedehnten Studientouren ins Hochgebirge machte und ihn in seiner Berliner Studentenbude allein ließ. Sein ultimativer Versuch, sie als Zehlendorfer Zahnarztgattin ganz an sich zu binden, ging schließlich komplett daneben.

Julia hatte vor einigen Tagen auf Sailers Schreibtisch zufällig ein altes Kinderfoto von Leo und seinem Hund Ruppi, einem freundlich dreinblickenden Hovawart, gefunden. Das Bild machte sie neugierig, was für ein Exemplar der Spezies Mann das Schicksal ihr diesmal vorsetzen würde. Sie entledigte sich ihres Business-Outfits und verließ das Büro.

In Shorts und Bikini-Oberteil trat Julia auf die kleine, schattige Veranda neben der Eingangstür des Hotels. In der Linken trug sie einen Stapel Akten, in der Rechten ein großes Glas Mineralwasser mit Eiswürfeln. Sie setzte sich an den alten Holztisch und öffnete eine Akte, als sie das Geräusch eines sich nähernden Autos aufblicken ließ. „Na endlich …“

Leo stellte seinen Golf neben Julias Wagen auf dem Hotelparkplatz ab und nahm sich eine Minute, bevor er ausstieg. Die altgewohnte Umgebung schien ihm beinahe irreal zu sein. War er wirklich hier aufgewachsen? War das der Ort, an dem Glück und Unglück für ihn so sehr ineinander verwoben waren? In den drei Jahren, die er nicht mehr hier gewesen war, hatte sich eine Patina aus Laub, Staub und Moos über Haus und Grundstück gelegt, als wollte es die Zeit Leo schwermachen, sich zuhause zu fühlen.

Auf dem Weg zum Hotel schweifte sein Blick über die renovierungsbedürftige Fassade, das Dach, das dringend neu gedeckt werden musste, die Balkone, deren Stahlträger teils rostig aus der Wand ragten, und den vernachlässigten Garten. Neben dem Parkplatz lag die alte Streuobstwiese, auf der die Kirschen, die die Stare übriggelassen hatten, neben zu früh herabgefallenen Äpfeln im Gras verfaulten. Weiter hinten beim kleinen Wäldchen stand das zum Geräteschuppen degradierte alte Holzhaus der ehemaligen Pinselmanufaktur seines Urgroßvaters.

Leos Gedanken rasten zurück, er erinnerte sich, wie glücklich er als Kind im Hotel und im Park mit seinem Hund herumgetollt war und wie gerne er das frische Obst direkt von den Bäumen gegessen hatte. Damals, als die Welt noch in Ordnung gewesen war, damals, als seine Mutter noch lebte und alles zusammenhielt.

„Na toll, der verlorene Sohn. Und nur zwei Stunden zu spät. Wir hatten einen Notartermin!“ Julia wollte gleich bei der ersten Begegnung klarmachen, wer die Hosen anhatte, auch wenn es nur Shorts waren. Leo war von der forschen Begrüßung erkennbar verunsichert.

„Entschuldigung, Notartermin? Wir? Wer sind Sie? Und was machen Sie hier?“ Er musterte Julia. Warum konnte diese Kratzbürste nicht weniger hübsch sein? Die Kratzbürste streckte ihm ihre Hand hin.

„Julia Dehne. Ihr Vater hat mich engagiert, um ihm zu helfen. Mein Beileid.“

„Danke, aber helfen? Wobei?“

„Geschäftlich.“

Leo schaute die leichtbekleidete Julia von oben bis unten skeptisch an. „Geschäftlich?“

„Sie glauben doch nicht, dass ich bei der Hitze zwei Stunden im Businesskostüm schwitze. Gehen wir rein?“

Auch wenn er zunächst irritiert war, imponierte Leo Julias resolute Art. In seinem Zustand der Gefühlsverwirrung war ihm die Gegenwart eines Menschen, der klar denken konnte, durchaus angenehm. Er ließ sich gerne führen, zumal ihn der Anblick der vielen ungeordneten Akten noch mehr verunsicherte, als er es ohnehin war. Hilflos stand er mit seinem Overnight-Koffer im Büro seines Vaters und blickte entgeistert auf das Durcheinander.

„Kontoauszüge, Mahnungen, unbezahlte Rechnungen, Steuerbescheide. Vieles ungeöffnet. Cool, oder?“ Julia beobachtete Leo, wie er nachdenklich das vollgeräumte Zimmer durchmaß. Alles, was ihm ins Auge fiel, erinnerte ihn an seine Kindheit und an seinen endgültigen Weggang vom „Seeblick“. Seitdem hatte es offensichtlich niemand für nötig gehalten, aufzuräumen.

Die Bücher in den Regalen standen noch immer so schief da wie damals, als Leo die väterliche Bibliothek heimlich auf der Suche nach „Erwachsenenliteratur“ durchforstete. In einem Regal wartete der alte Dual-Plattenspieler darauf, endlich mal wieder in Gang gesetzt zu werden. Das schwarze Bakelit-Telefon mit der Wählscheibe, dessen Rattern Leo früher so fasziniert hatte, war von seinem angestammten Platz am Schreibtisch auf eine Fensterbank gewandert, gewissermaßen als Andenken an bessere Zeiten. Verkabelt war es schon lange nicht mehr. In allen Ecken des Raums tummelten sich Wollmäuse, vorzugsweise hinter der saitenlosen Gitarre.

Julia verglich das, was der alte Sailer über Leo erzählt hatte, mit ihrem eigenen Eindruck und begann, Johannes Sailers Enttäuschung darüber zu verstehen, dass es ihm nicht gelungen war, das Zerwürfnis zwischen ihm und seinem Sohn zu kitten. Sollte sie die Karten auf den Tisch legen und Leo verraten, was sein Vater über ihn gesagt hatte? Sie beschloss, diplomatisch vorzugehen. Julia wollte Leo nicht verletzen, aber dennoch ihren Plan durchziehen.

„Ihr Vater hat viel von Ihnen gesprochen.“

„Ach ja?“

„Ich hatte den Eindruck, dass er Ihnen das hier nicht zumuten wollte, deshalb hat er …“

Leo unterbrach Julia: „Wieso nicht?“

Julia ließ eine Testrakete los: „Er meinte, dass Sie lieber bunte Luftballons fliegen lassen.“

Leo lachte kurz auf und ging zum Fenster, um auf den See hinauszusehen, wo ein einsamer Segler gegen die Wellen ankreuzte, über denen hoch oben die Möwen schwebten.

„Auf jeden Fall wollte er vor seinem Tod Ordnung schaffen und …“

Erneut unterbrach Leo Julia. „Das klingt aber gar nicht nach ihm. Na, ist ihm ja auch nicht gelungen.“

„… und das Hotel verkaufen“, fuhr Julia fort, „… deshalb der Notartermin.“

Die Mitteilung traf Leo wie ein Keulenschlag. Das Hotel, das seit vier Generationen im Familienbesitz war, sollte verkauft werden? Warum wusste er nichts davon?

Julia machte ihm in knappen Worten klar, dass sie ihm die Nachricht lieber persönlich habe überbringen wollen – und dass bei der finanziellen Schieflage des Hauses dies sicher die beste Lösung für ihn sei. Schließlich müsse er als Alleinerbe auch die Schulden des Betriebs übernehmen. Alternativ dazu könne er natürlich das Erbe ausschlagen. Dass sie selbst an dem Verkauf des Hauses in hohem Maße interessiert war, verschwieg Julia ihm wohlweislich.

Leo atmete tief ein. In ihm stieg eine unbändige Wut hoch. Wut auf seinen Vater, der das Hotel heruntergewirtschaftet hatte, und Wut auf sich selbst, weil er es nicht verhindert hatte.

Alois Furtwanger, Inspektor der „Kreis-Bauaufsichtsbehörde, Abteilung römisch VII, Strich 4, Referat Nahrungsmittel, Gaststättengewerbe und Beherbergungsbetriebe“ litt unter Stress, chronischer Arbeitsscheu, den hochsommerlichen Temperaturen und der Pflicht, als Beamter bei der Erledigung dienstlicher Aufgaben Anzug und Krawatte tragen zu müssen, sowie darunter, dass, wo immer er hinkam, Witze über seinen Namen gemacht wurden. Außerdem hatte er einen heftigen Kater.

Furtwanger war leidenschaftlicher Biertrinker und trotz seiner 45 Jahre noch Junggeselle. Je mehr er aus dem Leim ging, desto geringer schätzte er seine Chancen ein, jemals eine Frau zu finden. Der gestrige Abend hatte ihm schwer zugesetzt. Er ärgerte sich schwarz, dass man ihn zum wiederholten Mal über den Tisch gezogen hatte, auch wenn es mit Lovely Rita sehr schön gewesen war. Seine gelegentlichen erotischen Ausflüge in ein am Münchner Stadtrand gelegenes Mittelklasse-Bordell endeten regelmäßig mit dickem Kopf und leerer Brieftasche. Dass er bei der anschließenden Fahrt zu seiner kleinen Dachwohnung in der City keinen Unfall gebaut hatte, grenzte an ein Wunder. Zuhause hatte er sich angezogen in sein Bett fallen lassen, auf die gekälkten offenen Dachbalken gestarrt und war in dem peinigenden Wissen, sich mit dem Ausbau seiner Wohnung gewaltig überhoben zu haben, in einen schweren, traumlosen Schlummer gesunken. Nachdem er frühmorgens von einem zwielichtigen Bordell-Bekannten aus dem Schlaf geklingelt worden war, hatte Furtwanger in den Rasierspiegel geschaut und seinem ganzen Elend ins Gesicht geblickt: Ein grauer Mann, der charakterlich zu schwach war, um der in seinem Amt weit verbreiteten Korruption zu widerstehen. Furtwanger hatte sich in seiner pekuniären Not von dem Bekannten verbotenerweise finanziell unter die Arme greifen lassen. Jetzt musste er liefern.

In servilem Ton telefonierend stieg Furtwanger aus seinem auf dem Hotelparkplatz abgestellten Kleinwagen. „Ja, Herr Farkas … Ja, verstanden … Selbstverständlich, Herr Farkas, wird gemacht.“ Er legte auf und hielt sich den Kopf. „Arschloch!“ Wenigstens hatte er den aus dem Ungarischen stammenden Namen „Farkas“ richtig ausgesprochen, „Farkasch“. László Farkas selber hatte ihn mehrmals mit dem Hinweis genervt, dass ein einfaches „s“ am Ende eines Namens im Ungarischen wie ein deutsches „sch“ auszusprechen sei, ein „sz“ hingegen wie ein deutsches „s“.

Als der Inspektor das Hotel „Seeblick“ betreten wollte, fegte eine Windbö über das Haus, ein loser Dachziegel knallte dicht neben ihm auf die steinernen Stufen. Furtwanger, der in seiner Einsamkeit viel und gerne Selbstgespräche führte, bekreuzigte sich. „Das fängt ja gut an.“ Dann ging er hinein.

An der Rezeption stand Margarete Sailer, die gemütliche, fünfzehn Jahre jüngere Halbschwester des Verstorbenen. Sie kippte einen Schluck Gin herunter und überprüfte ihren Atem. In einer Illustrierten hatte sie irgendwann einmal gelesen, dass Queen Mum ihren Gin liebte, nicht zuletzt, weil er angeblich keine Alkoholfahne hinterließ. Margarete beeilte sich, die Flasche zuzuschrauben und hinter dem Rezeptionstresen verschwinden zu lassen, als Furtwanger in seinem wehenden Trenchcoat forsch auf sie zutrat.

„Guten Morgen, kann ich bitte Herrn Sailer sprechen?“

„Tut mir leid, Herr Sailer ist vor vierzehn Tagen verstorben“, entgegnete sie trocken.

Furtwanger kramte einen amtlichen Wisch aus seiner Aktentasche und schob ihn Margarete hin. „Herr Sailer Leo ist nach dem Tod seines Vaters Sailer Johannes als Alleinerbe der neue Inhaber des Hauses und dessen Chef, richtig?“

„Und Sie sind?“, fragte Margarete ihn, ohne auf seine Frage einzugehen. Furtwanger zückte seinen Dienstausweis und betete seinen amtlichen Titel im Tempo der Warnung einer Medikamentenwerbung herunter: „Furtwanger, Kreis-Bauaufsichtsbehörde, Abteilung römisch VII, Strich 4, Referat Nahrungsmittel, Gaststättengewerbe und Beherbergungsbetriebe.“

Margarete verzog leicht den Mund. „Warten Sie.“ Sie ließ den Inspektor stehen, ging durch die Lobby zum Büro und klopfte an. Als sich die Tür öffnete, erschien zu ihrer größten Verwunderung Leo. Margarete war sich nicht sicher, ob ihr Neffe tatsächlich vor ihr stand oder ob ihr der Alkohol etwas vorspielte. „Wo kommst du denn plötzlich her?“

Hinter Leo erschien Julia. „Ich hab ihn gestern Abend erreicht, da waren Sie schon … zu Bett. Was gibt’s denn?“

Margarete wies mit dem Kopf in Richtung des Inspektors und flüsterte: „Da ist jemand von der … von der römischen Kreis-Bau-Beherbungs-Getriebeaufsicht oder so ähnlich, der möchte Leo dringend sprechen.“

„Ich mach das schon.“ Julia ging zu Furtwanger, während Margarete Leo überschwänglich um den Hals fiel. „Es tut mir ja so leid, Leolein.“

Leo ließ die Umarmung über sich ergehen und ertrug tapfer Margaretes leider doch vorhandene Ginfahne. Dabei beobachtete er argwöhnisch, wenn auch mit einer gewissen Bewunderung, wie Julia den Beamten mit professioneller Raffinesse auflaufen ließ.

„Julia Dehne. Ich bin die Generalbevollmächtigte.“

Leo flüsterte seiner Tante zu: „Ist sie das wirklich?“ Margarete nickte bedeutungsvoll.

Furtwanger schaute verstört zwischen Leo und Julia hin und her, dann erwähnte er eine lange Liste vermeintlicher Beschwerden über das Hotel „Seeblick“, die in den letzten Monaten bei ihm eingegangen seien, „… und auch im Internet liest man ja so manches.“

„Ach ja?“, konterte Julia und blickte ihm direkt in die Augen.

Von Julias Blick eingeschüchtert, kramte Furtwanger in seinem Brummschädel die dringend vorzutragenden Details zusammen, die Farkas ihm per SMS hatte zukommen lassen. Der Ungar hatte den Inspektor angewiesen, eine sorgsam ausgewogene Mischung aus Wahrheit und Lüge herunterzubeten. Außer dem abgelaufenen TÜV für den Aufzug – was den Tatsachen entsprach – zweifelte Furtwanger, jetzt wieder selbstsicherer, pauschal die hygienischen Zustände in der Hotelküche an, monierte die Renovierungsbedürftigkeit von Fassade, Dach und Balkonen, den ungepflegten Park samt der Gefahr durch herabfallende Äste und unzählige Maulwurfshügel und stilisierte am Ende seine kleine Begegnung mit dem herabfallenden Dachziegel zu einer Frage von Leben und Tod hoch. Er war zufrieden mit seiner Performance.

„Hier ist eine Mängelbeseitigungsliste, die Sie bitte in den nächsten zwei Wochen abarbeiten wollen, sonst …“ Er zog ein Dokument aus seiner speckigen Aktentasche. Dafür musste er sein Handy auf dem Rezeptionstresen ablegen, wo es zwischen zwei Stapeln ausgeblichener Hotelprospekte versank. Furtwanger hielt Julia das Dokument vor die Nase, die winkte kalt lächelnd ab.

„Herzlichen Dank für Ihre Hilfe, Herr ...“ – „Furtwanger.“ – „Herr Furtwängler, wir werden innerhalb der gesetzlichen Frist – das sind meines Wissens drei Monate – auf Sie zurückkommen. Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen wollen ...“ Sie schaute den Inspektor provozierend an, der ihr immer noch mit dem Wisch in der Hand gegenüberstand.

Leo musste sich ein Grinsen verkneifen. Als der Beamte keine Anstalten machte, das Hotel zu verlassen, nahm Julia ihn sanft bei den Schultern, um ihn in Richtung Ausgang zu bugsieren.

Furtwanger warf seine Mängelliste auf den Stapel mit den Hotelprospekten, ohne sein darunterliegendes Handy zu bemerken. Er begann zu schwitzen. „Also, bei Gefahr im Verzug kann ich den Laden auch sofort schließen lassen.“

Julia schaute ihn freundlich an, sagte knapp „Gut zu wissen. Bis bald“ und schob ihn aus der Tür. Dann wandte sie sich an Leo. „Und das ist nur eins von unseren Problemen.“

Leo löste sich von Margarete, der Tränen in den Augen standen. „Leolein, es tut mir ja so leid, dass du nicht bei der Beerdigung warst …“

„Wenn mich keiner einlädt“, erwiderte Leo lakonisch. Er hatte wirklich keine Lust auf Margaretes trunkene Rührseligkeiten. Der Tod seines Vaters hatte ihn tief bewegt, jetzt erinnerte er sich daran, dass der Senior es in Bezug auf seine Schwester mit Hofmannsthal hielt: „Sentimentalität ist Gefühl, das man unter dem Einkaufspreis erworben hat.“

Im Moment interessierte Leo viel mehr die Frage, welche Funktion Julia eigentlich genau in seinem Hotel hatte. „Vielleicht klären Sie mich mal auf“, bat er sie.

Julia ging zurück zum Büro, Leo folgte ihr. Margarete nahm einen Schluck aus ihrer Ginflasche und log Leo weinerlich hinterher: „Ich wusste doch nicht, wie ich dich erreichen kann …“

„War jetzt wirklich nicht so schwer.“ Julia schloss hinter sich und Leo die Tür.

In Wahrheit hatte Margarete alles getan, um Leo von der Beerdigung seines Vaters fernzuhalten. Sie hatte Angst, er könnte auf die Idee kommen, sie aus dem Hotel zu verbannen.

Mit einem Seufzer ließ sich Leo in den alten ledernen Schreibtischstuhl fallen. „Ein Irrenhaus! Und wieso sind Sie die Generalbevollmächtigte?“

„Nur bis das Haus verkauft ist. Ihr alter Herr hatte einfach keine Lust auf alles Geschäftliche.“ Julia erzählte Leo, wie sein Vater im Lauf der wenigen Wochen, die sie für ihn arbeitete, immer mehr Vertrauen zu ihr gewonnen hatte. „Er ahnte, dass er wegen seiner Herzprobleme möglicherweise nicht mehr lange zu leben hatte, und war wohl froh, eine studierte Ökonomin an seiner Seite zu haben. Und er bedauerte es sehr, dass es nicht mehr zu einer Versöhnung zwischen Ihnen beiden gekommen ist.“

Leos Gedanken fuhren Achterbahn. Er wollte sich zurückziehen, um herauszufinden, wie es weitergehen sollte. Eines war ihm indessen klar: Sein Aufenthalt im Hotel „Seeblick“ würde erheblich länger dauern als die geplanten zwei Tage, die er sich freigenommen hatte. Er griff zu seinem kleinen Rollkoffer.

„Ich brauche ein bisschen Zeit für mich allein. Sie verstehen das sicher.“ Leo ging zur Tür. Bevor er das Büro verließ, drehte er sich nochmal zu Julia um. „Eins kann ich Ihnen aber jetzt schon sagen. Verkauft … wird das Hotel ganz sicher nicht. Bis später.“ Damit verschwand er in die Lobby.

Julia schluckte. „Scheiße.“

Leo ging an der verwaisten Rezeption vorbei und blieb kurz stehen, um einen Blick auf das Gemälde zu werfen, das hinter dem Tresen an der holzgetäfelten Wand über dem Schlüsselbord hing. Es war nicht sehr groß, strahlte aber in endlos vielen, expressiv leuchtenden Farben. Mond und Sterne glänzten silbern über dem nachtblauen Kochelsee. Leo liebte das Bild. Er entsann sich, wie er als Kind manchmal in der Dunkelheit die Fenster seines Zimmers in der zweiten Etage des Hauses geöffnet und Mond und Sterne über dem See mit der freien Darstellung des Malers träumerisch verglichen hatte. Versonnen ging er in Richtung Treppe.

Am Knauf der Fahrstuhltür neben der Treppe hing ein handgeschriebenes Schild: „Defekt – außer Betrieb“. Leo atmete durch, nahm seinen Rollkoffer in eine Hand und zog sich mit der anderen am geschwungenen Holzgeländer nach oben in den ersten Stock.

Im dunklen Flur der Beletage des Hotels knarrten die Dielen. Leo sog die Luft ein, es roch noch immer so gemütlich, wie er es von früher kannte, eine Mischung aus warmem Holz und letzten Spuren von erloschenem Kaminfeuer. Das Überwinden des weiteren Stockwerks kostete ihn einige Mühe. Schließlich erreichte er schweißnass die zweite Etage.

Vor einer Tür blieb er stehen. Auf der oberen Türfüllung klebte ein halb abgerissener Aufkleber mit einem Totenkopf und einer graffitiartigen Schrift „Eintritt verboten – Leo!“. Leo strich sanft mit der Hand über den Aufkleber, als von drinnen jemand „O sole mio“ anstimmte. Er öffnete die Tür.

Was er in seinem ehemaligen Zimmer vorfand, verschlug Leo die Sprache.

Mitten auf seinem alten Bett balancierte ein junger Mann in einer albernen Verkleidung, bestehend aus schwarzer Hose, weiß-blauem Ringelshirt und Strohhut samt rotem Hutband, und ahmte ungelenk mit einem Besenstiel die Bewegungen eines venezianischen Gondoliere nach. Vor ihm stand ein großer, an einen Laptop angeschlossener Flatscreen, auf dem die subjektive Kamerafahrt einer Gondel durch den Canal Grande zu sehen war. Der junge Mann sang inbrünstig „O sole mio“, dabei schien es ihn wenig zu stören, dass das Lied eigentlich eine neapolitanische Canzone war.

„Entschuldigung, was machen Sie hier? Wer sind Sie?“, fragte Leo höflich und schaute sein Gegenüber stirnrunzelnd an.

Der junge Mann ließ sich beim Kutschieren seiner imaginären Gondel nicht stören und antwortete mit heftigem italienischen Akzent: „Ische mache Prufung fur die Gondoliere. In Venezia. O sole miii...“

„Auf meinem Bett?“, protestierte Leo.

Der falsche Gondoliere stutzte, stieg vom Bett, stoppte das Video und stellte sich vor: „Marco de Luca.“ Er fragte Leo, warum man ihn in seinem, also Marcos Zimmer einquartiert habe, immerhin wohne er hier bereits seit einem halben Jahr und sei im Hotel angestellt.

„Entschuldigung, das ist mein Zimmer“, widersprach Leo, aber Marco deutete auf die spärliche Möblierung des Raums: „No no, scusi, iste meine Zimmer. Hier, meine kleine Gondola, meine Tische, meine Kleiderschranke, und da drin ...“, er tippte auf seinen Laptop „… meine große Geheimnis.“

Leo wurde langsam ungehalten. Er zeigte auf ein neben dem Schrank hängendes Foto, auf dem er als Teenager mit einem Kristallpokal im Arm zu sehen war, und suchte im Zimmer nach weiteren Beweisen für sein Wohnrecht. „Mein Hockeypokal, mein Radiowecker, meine Tunierwimpel und mein Hockeyschläger.“ Er griff zum Hockeyschläger, als wolle er sich damit bewaffnen und wies mit dem Schläger auf eine elaborierte Graffiti-Signatur an der Wand. „Ach ja, und mein Markenzeichen.“ Marco mit Besenstiel und Leo mit Hockeyschläger standen einander gegenüber. „Leo Sailer. Ich bin Ihr neuer Chef.“

Marco warf den Besenstiel fassungslos aufs Bett und umarmte Leo emphatisch. „Die Sohn von die alte Chefe?“ Er schwärmte von Leos Vater, beteuerte, wie sehr er ihn als Mensch geliebt habe, und schwor: „… ische werde Sie liebe, wie ische habe geliebte Ihre Vater.“

Es war eine Kondolenz auf Italienisch, total übertrieben, dennoch von tiefer Herzlichkeit. Leo ließ Marcos Umarmung widerwillig über sich ergehen, im Griff des kräftigen jungen Mannes fühlte er sich eingeengt und nicht wirklich wohl.

Als Marco Leo losließ, entdeckte der hinter Marcos, also eigentlich seinem eigenen Bett einen großen Käfig, aus dem ein nagendes Geräusch zu hören war. „Was ist das bitte?“

„Iste Zuhause von Giacomo, Giacomo wie Casanova“, antwortete Marco stolz. „Die großte Liebhaber von die Welt! Iste eine kalabrische Langschwanz-Amster.“

Leo trat näher und sah, dass Giacomo sich wie ein Erdmännchen aufrichtete und den Dialog der beiden jungen Männer aufmerksam verfolgte. Mit dem untrüglichen Instinkt eines oberbayerischen Marders hatte Giacomo schon bei Leos Eintritt in das Zimmer und bei der Heftigkeit der Auseinandersetzung zwischen den beiden gespürt, dass sein Erscheinen die Angelegenheit eher noch dramatischer aufladen würde. Er hatte sich deshalb zunächst versteckt. Nachdem Leo allerdings den Käfig entdeckt hatte, wagte Giacomo die Flucht nach vorn. Obwohl er weit davon entfernt war, ein Hamster zu sein, wusste er, dass er besonders niedlich aussah und dass der Blick seiner kleinen schwarzen Knopfaugen seine Wirkung auf Menschen im Allgemeinen nicht verfehlte. Also schaute Giacomo Leo mit leicht schiefem Kopf und krauser Stirn an und betete, dass es nicht allzu schlimm werden möge.

Leo schüttelte den Kopf und bestand darauf, dass dieses Tier keinesfalls ein Hamster sein könne, er selbst habe als Junge mehrere Hamster besessen, von denen zwei bedauerlicherweise im Park des Hotels auf Nimmerwiedersehen entlaufen seien. „Dieses Viech …“ – „Giacomo“, warf Marco ein – „… ist ein Marder oder ein Frettchen. Der muss aus dem Haus verschwinden, spätestens bis Inspektor Furtwängler wieder auftaucht.“

Marco protestierte: „Giacomo iste eine reinrassige kalabrische Langschwanz, mit amtliche Zertifikat ausse Internet-Zoohandel ,www.amsterkauf.ru‘.“

Überdies, fügte er mit bedeutungsvoller Miene hinzu, sei Giacomo dressiert. Bevor Leo etwas entgegnen konnte, startete Marco auf seinem Handy ein YouTube-Video mit dem Song „Tiptoe Through the Tulips“ von Tiny Tim.

Giacomo hasste die Nummer. Aber er wusste, dass seine einzige Option war, jetzt zu performen. Normalerweise reichte ein alberner rudimentärer Tanz aus, um Marco dazu zu bringen, ihn mit kleinen Köstlichkeiten zu belohnen – so weit hatte Giacomo sein Herrchen in monatelanger Arbeit dressiert. Diesmal jedoch ging es um Leben und Tod. Eine Verbannung aus dem Hotel hätte für den Marder bedeutet, dass er wieder im Freien nächtigen und sich auf das Durchnagen von Bremsleitungen kaprizieren müsste, eine mühevolle Arbeit mit zweifelhaftem Gewinn, zumal kaum noch Gäste ins Hotel kamen. Die süßliche Bremsflüssigkeit war zudem geschmacklich nicht zu vergleichen mit dem Studentenfutter, das Marco Giacomo nach jedem seiner Tänze auftischte.

Giacomo gab sich einen Ruck, stellte sich auf die Hinterbeine und drehte auf den Zehenspitzen virtuos eine Pirouette. Dazu wippte sein Kopf im Takt der Musik auf und ab.

Die groteske Vorstellung beeindruckte Leo durchaus, dennoch begann er, an Marcos Verstand zu zweifeln. „Das ist Ihr großes Geheimnis …?“

Marco schaute Giacomo verliebt zu. So schön hatte er überhaupt noch nie getanzt. Er warf dem Marder eine Nuss zu und erklärte Leo, dass die Hamsterdressur nur sein Hobby sei, sein großes Geheimnis hingegen stecke in seinem Laptop.

Leo wurde ungeduldig. „Es tut mir leid, Sie können im Hotel kein Tier halten! Die übertragen Maul- und Klauenseuche, Karies, Corona, Haarausfall ... außerdem nagen die Stromkabel und Bremsleitungen durch.“

Hier fühlte sich Giacomo ungerechtfertigterweise diffamiert. Bremsleitungen müsste er doch erst dann durchnagen, wenn er aus dem Hotel verbannt wäre. Er gab sich bei seiner zweiten Pirouette noch mehr Mühe, geriet beinahe ins Straucheln und setzte weitertanzend einen geradezu unwiderstehlich flehenden Dackelblick auf, eine für Marder zugegebenermaßen nicht ganz leichte Übung.

Sollte die geneigte Leserschaft Zweifel hegen, dass Giacomo Leos Drohungen tatsächlich verstand, so können wir sie beruhigen. Die intellektuellen Fähigkeiten des Marders werden im Allgemeinen unterschätzt. Auch wenn Giacomo nicht jedes Wort verstand, so spürte er doch sehr genau, worum es ging.

Marco ließ sich von Leo nicht einschüchtern. Er tippte etwas in seinen Laptop und öffnete eine App auf seinem Handy. Auf dem Screen des Telefons erschien ein kitschiges Venedig-Capriccio mit einer gelben Gondel im Zentrum.

„Grappa Gondola!“

Leo war sich nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. „Grappa Gondola?“ Er blickte Marco ungläubig an.

„No, no, Chefe. ,Grab‘, wie fur die deutsche Tote in die Sarg …“ er rang nach Worten, „… oder die Presidente Trump, ,Grab bei die Pussy‘. Grab-a-Gondola! Iste eine Appe wie Uber oder Taxi fur Venezia! Fur die Gondole! Aber iste noch assolutamente geheime.“ Er hielt Leo stolz sein Handy vor die Nase.

Giacomo beendete seinen Tanz und schaute gespannt zu Leo.

„Okay. Ich nehm ein anderes Zimmer. Und Sie entsorgen diesen Tanzbären. Deal?“ Leo deutete auf Giacomo, der das Gesicht verzog. Dann verließ er das Zimmer.

Der enttäuschte Giacomo gab einen klagenden Laut von sich. Zu Recht empfand er die herabsetzende Bezeichnung „Tanzbär“ als grobe Beleidigung.

Die Treppe hinaufzusteigen, war für Leo schon eine Herausforderung gewesen, um wie vieles schwieriger war der Abstieg. Als er mit seinem Rollkoffer endlich am oberen Treppenabsatz der Beletage stand und die letzten 13 Stufen mit dem fadenscheinigen Kokosläufer hinuntersah, wurde ihm schwindlig. Die Lobby begann wie ein Schiff in stürmischer See zu schwanken, und die silbernen Sterne auf dem Bild über der Rezeption tanzten um den Mond Ringelreihen. Leo ließ den Koffer oben stehen und hangelte sich mit beiden Händen nach unten.

Zu allem Überfluss hörte er dabei ständig Margaretes vom Gin aus der Balance geratene Stimme, die am Telefon einem potentiellen Gast dreist das Blaue vom Himmel vorlog: Man befinde sich zwar in der Hochsaison, zufälligerweise seien aber noch zwei Zimmer frei, der Herr habe die Wahl zwischen De luxe und Superior mit See- oder Alpenblick. Zur Erfrischung empfahl Margarete dem Anrufer den hoteleigenen Pool oder den ebenfalls hoteleigenen Strand, „unsere Kuschel-Karibik am Kochelsee“. Als Leo endlich unten angekommen war, verstieg seine Tante sich in die Behauptung, man habe selbstverständlich auch eigene Boote und fragte keck in den Hörer: „Laufen Sie Wasserski?“

Neben Margarete stand eine leicht verzweifelte Julia. Nach dem Tod ihres Bruders hatte Margarete, sehr zu Julias Unwillen, im Hotel das Kommando übernommen. Leo ging mit fragendem Blick zu Julia. „What the f…?“ – „Ich sag doch, verkaufen“, entgegnete sie knapp.

Margarete legte zufrieden auf. „Sie wollen sich’s überlegen.“

„Seit wann haben wir Boote?“, fragte Leo, und als Margarete unumwunden zugab, dass sie selbstverständlich keine Boote hätten, stutzte er sie zurecht. „So was kannst du nicht machen! Was meinst du, was das für einen Ärger gibt, wenn die Gäste bei ihrer Ankunft merken, dass alles, was du ihnen erzählt hast, erstunken und erlogen war.“ Von den negativen Bewertungen auf den einschlägigen Internet-Portalen ganz zu schweigen.

Margarete blieb hartnäckig und spielte die Unschuld vom Lande. „Wenn die Gäste erst einmal eingetrudelt sind, fällt mir schon was ein. Ich bin halt ein Einfallspinsel. Und überhaupt, wenn du alles so viel besser weißt, hätt’st ja hierbleiben und das Hotel selber führen können.“

Einmal in Fahrt, war sie nicht mehr zu stoppen. „Dein Vater fand das gar nicht lustig, dass du ihn in der Krise alleingelassen hast. Wegen bunten Luftballons!“

Leo hob gerade zu einer grundsätzlichen Verteidigungsrede an – er wollte nicht nur Margaretes zu erwartende absurde Ausreden, die versprochenen Boote seien gesunken und der Pool geklaut, lächerlich machen, sondern gleichzeitig klarstellen, dass sein Vater das Haus heruntergewirtschaftet habe und die alleinige Verantwortung für das jetzige Desaster trage –, da stieß Julia ihn warnend in die Seite, weil ein älteres Ehepaar in Wanderkleidung und mit altmodischen Rucksäcken die Lobby betrat.

Leo räusperte sich und begrüßte die beiden: „Grüß Gott. Herzlich willkommen im Hotel ,Seeblick‘.“

Margarete bekam Oberwasser und zischte ihm zu: „Die Herrschaften wohnen hier schon ein paar Tage.“

Während die ältere Dame dazu ansetzte, sich nach einem Ausflugsdampfer zu erkundigen, um den See zu besichtigen, öffnete sich krachend erneut die Eingangstür des Hauses. Zwei Herren mit eleganten hellbraunen Lederkoffern traten ein und drängelten sich vor.

„Hallöchen!“, grüßte einer der Herren. „Hallöchen“ grüßte Leo unsicher zurück.

„Ich habe ein Doppelzimmer reserviert. Auf Zäk Montana und Toto Caselly!“, bellte der andere Margarete an, die unverzüglich in ihrem Reservierungsbuch nachschaute. Zäk sah aus wie die Parodie eines zweitklassigen Bösewichts aus einem drittklassigen C-Movie, und so benahm er sich auch.

Die ältere Dame wandte sich freundlich an ihn. „Wissen Sie zufällig, ob es am See Ausflugsdampfer gibt, junger Mann?“

„Ja, draußen ... Na los, Beeilung, der legt gleich ab!“, röhrte Zäk.

Als die Dame ihren abgestellten Rucksack hinter Zäks Koffer hervorzerren wollte, fauchte er derart heftig „Nicht anfassen, ja?!“, dass sie vor Schreck beinahe umgefallen wäre. Unter der lächerlichen Fassade des schmalen Mittvierzigers lauerte spürbar die Bereitschaft, jederzeit gnadenlos zuzuschlagen. Verängstigt verließ die Dame, ihren Gatten hinter sich herziehend, mit einem „Oh, danke“ rasch die Lobby.

Toto stotterte seinem Freund verzückt ins Ohr: „Sie hat ju-junger Ma-Mann zu d-dir gesagt …“ Er war einen Kopf kleiner als Zäk, wog aber etwa das Doppelte. Trotz seines Übergewichts bewegte sich Toto mit der Grazie eines Tänzers.