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Nach der Ermordung seiner großen Liebe durch südafrikanische Spezialeinheiten in Botsuana Mitte der 80er Jahre, beschließt der junge Entwicklungshelfer Leander Kriegsberichterstatter zu werden. Er erlebt die Gräueltaten in Ruanda, Afghanistan und Syrien. Schonungslos erkennt er, dass es neben den vielen Menschen immer auch die Wahrheit ist, die zuerst stirbt. Kritisch hinterfragt er, ob es die eine Wahrheit überhaupt geben kann und erkennt die Mechanismen, die es braucht, um Menschen in Kriege ziehen und töten zu lassen. Er selbst erschießt bei einem Einsatz einen serbischen Milizionär, der eine Frau vergewaltigt. Ihre eisblauen Augen verfolgen ihn. Um sein erlittenes Trauma zu verarbeiten, macht er sich auf die Suche nach ihr. Er findet sie. Aber findet er auch die Liebe?
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2022
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FÜR DIE LIEBE UND DAS GLÜCKfür meine Familieund die Menschen, die sich der freien Presse verschrieben haben
AM HIMMELSZELT DIE STERNE SCHAUENLAUSCHEN AUF DER VÖGEL FLUGRIECHEN EINER FRISCH GEMÄHTEN WIESEBERÜHREN UND IN NEBELSCHWADEN SCHWEBENSCHMECKEN EISENHALTIG INTENSIV
DICH ZU LIEBEN IST DIE FREIHEIT
Andrea Corvo
Prolog
Kriegsberichterstatter
Sturm und Drang
Botsuana
Maun
Mike
Makgadikgadi
Sholanah
Operation Plecksy
Veränderungen
Die Wahrheit stirbt zuerst!
Heimaturlaub
Jugoslawienkriege
Heimkehr in die Fremde
Am Ende eines Weges wartet die Entscheidung
Liebe hat weder Augen noch Verstand
Reden ist einander lieben
Epilog
Der Zug hielt mit kreischenden Bremsen. Leander stand am Bahnsteigende. Der Bahnhof war menschenleer. Bis auf ihn. Keine Menschenseele. Die Waggontüre schob sich leise zur Seite, obwohl er den Druckknopf noch gar nicht berührt hatte. Das Signallicht am Drücker war auch nicht grün, sondern leuchtete in kräftigem Rot. Verunsichert sah er sich um und stieg ein. Letzter Wagen. Er stieg hinten zu. Warum wusste er nicht. Vielleicht um zu sehen, wer die anderen Passagiere waren. Er ging durch den Zug nach vorne, um sich in die erste Reihe zu setzen. Der Zug war ungewöhnlich lang und vollkommen leer. Vielleicht saßen Passagiere auf den Sitzreihen hinter dem Bordrestaurant? Das war im Augenblick nicht einsehbar. Aber auch hier war niemand. Er war tatsächlich der einzige Fahrgast. Einen Fahrer wird es ja wohl geben, dachte er und ein leicht mulmiges Gefühl kroch in seine Magengegend. Kurz vor dem Führerstand fiel sein Blick auf ein Buch, das herrenlos auf einem der Sitze lag. Es erregte seine Neugier. Er setzte sich. Nahm es in die Hand. Den Buchrücken schmückten goldene Buchstaben, aber Leander konnte den Titel nicht entziffern. Als er den Vorderdeckel aufschlug, fiel ein kleines Passbild auf seinen Schoß. Er nahm es vorsichtig auf. Verblasst und abgegriffen zeigte es den Kopf einer jungen Frau mit blonden Haaren und leuchtend eisblauen Augen.
Plötzlich wurde es stockdunkel und gleißendes Licht schoss in kurzen Abständen auf sein Augeninneres.
AFRIN, 16.03.2018
Die Lage in Afrin war so unübersichtlich wie gefährlich. Für Lee, einen deutschen Kriegsberichterstatter und den französischen Fotoreporter André Durand sollte es zur tödlichen Falle werden. Beide hörten die auf sie abgefeuerten Schüsse nicht. Vielleicht galten sie ihnen nicht einmal. Der Gefechtslärm der einschlagenden Mörsergranaten war auch viel zu laut und die Raketenangriffe der türkischen Luftwaffe vom Vortag wurden gerade verstärkt fortgesetzt. Ein plötzliches Klatschen und Durand riss es die Halsschlagader auf. Lee sah es aus dem Augenwinkel. Ganz deutlich und doch so unwirklich. Das Adrenalin schoss durch seinen Körper. Zu einem klaren Denken oder Handeln kam er nicht mehr. Das warme Blut des Freundes pulsierte in sein Gesicht und lief über die schusssichere Weste mit der Aufschrift „Press“. Er spürte noch den plötzlich stechenden Schmerz in seiner linken Seite. Schwer getroffen wird er nach hinten geschleudert und fällt.
Das Krankenhaus war gerade von mehreren Raketen getroffen und schwer beschädigt worden. Beide waren Freelancer und auf dem Weg dorthin, um zu überprüfen, was an den Gerüchten dran war, dass türkisches Militär und seine Unterstützer, die Rebellen der Freien Syrischen Armee, auch zivile Opfer billigend in Kauf nähmen, oder gar gezielt töteten. Nach diesem feigen Angriff gab es jedenfalls jede Menge Tote und Schwerstverletzte. Wie viele? Kinder, Frauen, Männer? Interessierte das jemanden? Die Meldungen jedenfalls widersprachen sich und letztlich spielte es keine große Rolle, weil in diesem verdammten Krieg die Anzahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung keine schwergewichtige Größe war. Landgewinn war das Ziel. Es war ein vollkommen aus dem Ruder gelaufener Stellvertreterkrieg in diesem nördlichen Teil Syriens.
Für Leander, der im Kollegenkreis nur Lee – the German und in der direkten Ansprache Lee genannt wurde, und André Durand spielte es eine Rolle. Beide kannten sich seit vielen Jahren und pendelten zwischen dem Libanon, Syrien und dem Irak hin und her. Lee verkaufte seine Berichte über das Grauen dieser Welt an die großen Nachrichtenagenturen und André hing an seinem Schlepptau. Jedenfalls sooft das ging. Ging es einmal nicht, verkaufte er seine Fotos an den, der das meiste zahlte. Beide waren im Grunde zwei einsame Wölfe, die sich nicht gesucht hatten. Gefunden hatten sie sich 1988 an der Theke des Thüringer Hofes in Windhoek. Es lag zentral, direkt an der Kaiserstraße, nicht weit vom Bahnhof und war gut geführt. Es gab anständiges Essen, saubere Zimmer und ein zünftiges Windhoek Pilsner. Gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot. Ein Überbleibsel aus der Zeit von Deutsch-Südwest. Nach der vierten Flasche löste es die Zungen der beiden und sie beschlossen, den Wahnsinn aus Hass und Tod gemeinsam zu fassen, zu verarbeiten und als Nachricht verpackt, den Menschen zugänglich zu machen, die sich für diese dunklen Seiten der Menschheit interessierten. Der eine in Worten, der andere in Bildern.
Nicht nur ihr jugendliches Alter verband sie – beide waren damals noch keine 30 Jahre alt. Es war vor allem ihre unglaubliche Neugierde. Vielleicht war Wissbegierde das passendere Wort. Denn sie wollten hinter die Kulissen sehen, sie wollten die Zusammenhänge erkennen und, wo immer möglich, verstehen. Nicht immer gelang ihnen das. Sie stritten zusammen über Gott und die Welt, oder über die Schönheit der Frauen. Sie gingen viele gemeinsame Wege und trennten sich oft für Monate. Und sie waren argwöhnisch. Sie misstrauten den Besserwissern dieser Welt. Denn die Rechthaber und die Wahrheitsverkäufer waren nie neugierig, nie wissbegierig. Sie wussten schon immer alles. Ihr Handeln war stets getrieben, einem bestimmten Zweck zu dienen. Ein guter Fotograf, ein guter Journalist geht mit offenen Augen durch die Welt. Seine Welt ist nie vollendet, seine Fotos, seine Reportagen sind ebenso Frage wie Antwort.
GEH DEINEN EIGENEN WEG UND SCHLAG NICHT DEN PFAD EINES ANDEREN EIN.
Abitur in der Tasche und ab in die Welt. Für den jungen Leander war das keine Option, sondern eine Obsession. Schon seit Langem zog es ihn hinaus. Nur möglichst weit weg vom elterlichen Nest. Dort herrschte das strenge Regiment des Vaters. Die Mutter umsorgte ihn dagegen stets liebevoll. Andere sagten, sie verhätschele ihn. Der Vater wird später behaupten, die harte Hand sei stets aus Liebe geführt worden. Die Mutter riet ihm zu einem Studium. Der Vater verlangte nach einem klassischen Ausbildungsberuf. Leander konnte sich für keine dieser Alternativen erwärmen und festlegen wollte er sich schon gar nicht. Die Entscheidung nahm ihm dann, wie so oft, der Vater ab. Durch sein weitreichendes Beziehungsgeflecht organisierte er einen Ausbildungsplatz bei einer großen Speditionsfirma. Im gleichen Zug wurde das Taschengeld auf 300 Mark aufgestockt. Mitte der 70er Jahre war das ein kleines Vermögen. Für den Vater war es nicht mehr als ein goldener Zügel. Er konnte ihn lockern oder anziehen, ganz nach Belieben. Wohlverhalten erkaufen sei das, bedeutete er seiner Frau. Die sah ihn verständnislos an. Anders als Leander, der verstand das System. Aber zur Rebellion war er zu träge. Noch.
Die Lehrzeit verging unspektakulär. Leander schickte Güter aller Art um die ganze Welt, organisierte die kostengünstigsten Transportwege und bereiste auf diesem Weg den Globus. In seiner Freizeit entwickelte er sich immer mehr zu einem Partylöwen. In den Diskotheken war er vor allem bei den Mädchen und jungen Frauen gern gesehen. Er sah unverschämt gut aus, hatte eine sportliche Figur, war eloquent und charmant. Zeitlebens neugierig und interessiert am kleinen und großen Weltgeschehen, hatte er sich ein beachtliches Allgemeinwissen aufgebaut, das er geschickt einzusetzen wusste. Die Mädchen lauschten seinen Ausführungen, den Jungs ging er damit gehörig auf den Senkel.
Eine Ausnahme war Ulrich. Er konnte nicht nur gut zuhören, sondern zwang Leander oft zu Diskussionen, führte ihn weg vom Monologisieren hin zu einem verbalen Wettstreit. Meist endete das dann in einer politischen Debatte. Ob er es wollte oder nicht, Leander musste – nicht neidlos – anerkennen, dass er hier Defizite hatte. Und er mochte Defizite nicht. Bei anderen nicht und bei sich selbst schon gar nicht. Das wollte er ändern. Nicht um Ulrich auszustechen, zu dem die Bindung wuchs, sondern, weil er echtes Interesse an politischen Zusammenhängen hatte, das stetig zunahm. Er beendete seine Ausbildung und versuchte den Wehrdienst zu verweigern. Bekam dafür aber keine Anerkennung bei der Prüfungskommission. Im Gegenteil. Sein Antrag wurde abgelehnt. Auf die Frage der verknöcherten Kommissäre, warum er denn verweigern wolle, meinte er ‚es sei für ihn unzumutbar, ja unvorstellbar und mit seinem Gewissen niemals vereinbar in einen möglichen Krieg zu ziehen und dann vielleicht möglich und nicht auszuschließen sei seinen eigenen Bruder zu erschießen der in der DDR leben könnte und mit den Kampfverbänden des Warschauer Paktes alles rechts vom Eisernen Vorhang verteidigen müsse.‘
Er wolle der NATO wohl einen Angriffskrieg unterstellen, blaffte ihn einer in Unehren ergrauter Beisitzer an, der im Dritten Reich SS-Sturmbannführer war, es aber vom Minderbelasteten zum Mitläufer schaffte. Er befand sich da in guter oder besser schlechter Gesellschaft. Die Anzahl dieser Zeitgenossen entsprach etwa den pulverförmigen Partikeln einer mittelgroßen Persilpackung. Die Schmutzpartikelfilter der Industrie waren am Markt noch nicht angekommen, die in der Gesellschaft Nachkriegsdeutschlands hingegen arbeiteten mit großen und groben Öffnungen. Und Persil warb mit Flugzeugen, den sogenannten Himmelsschreibern, die durch das Firmament zogen, um den deutschen Michel zu umschmeicheln: Der Krieg ist vorbei, Persil ist wieder da. Alles wird weiß – Friede sei mit euch! Euch wird vergeben! Und es gab neue Enzyme in den Waschmitteln, wie Proteasen. Das entfernte selbst hartnäckige Blutflecke.
Einer der drei Inquisitoren erkundigte sich altväterlich mit sonorer Stimme nach Leanders Bruder. Wo in der DDR dieser lebe, wie alt er sei und was sie getrennt habe. Der Weg zum Schafott war für Leander längst vorgezeichnet, das Fallbeil fiel bei seinem Satz: „Ich weiß nichts Konkretes von einem Bruder, aber auszuschließen ist doch nichts. Oder konnten Sie für Ihren Vater die Hand ins Feuer legen?“
Er verlor 15 Monate seiner Lebenszeit beim Bund. Hatte aber Glück im Unglück. Nach der Grundausbildung verschlug es ihn zum Panzergrenadierbataillon 22 nach Braunschweig und hier in die Schreibstube. Zuständig unter anderem für die Personalakten.
Hier begann die Metamorphose des jungen Leander. Hin zu einem Menschen, der etwas verändern, etwas Besseres schaffen wollte. Er erkannte schnell, dass die Qualifikation der Vorgesetzten hinsichtlich der Menschenführung nach wie vor darin bestand, einen befehlsausführenden Soldaten mit unbedingtem Gehorsam zu schaffen. Leander selbst nahm seine Wesensänderung anfänglich gar nicht wahr. Als Abiturient stand ihm die Offizierslaufbahn offen. Dank seiner körperlichen Fitness, seiner umgänglichen Art und überdurchschnittlichen Intelligenz wurde er frühzeitig und außerplanmäßig zum Hauptgefreiten ernannt. Diese Position erlaubte es ihm, sich für den schwächeren oder zu Unrecht gemaßregelten Kameraden einzusetzen. Und er lernte, dass der Uffz, der am lautesten schrie und am härtesten maßregelte, oft der Dümmste unter den Uniformträgern war. Die Geländeübungen und Gefechtsmärsche bei voller Ausrüstung glichen bei dieser Gattung von Unteroffizier Torturen, die nichts anderes als Schikane waren und zu nichts anderem dienten, als die eigene Minderwertigkeit zu kaschieren. Sätze wie, „Ich werde harte Hunde aus euch machen. Ein deutscher Stahlhelm fällt nur einmal!“ waren pure Machtdemonstrationen – dich kann ich fertig machen – ich habe die Macht dazu!
Die Entlassung war ehrenhaft und überfällig.
Er nahm das Studium der politischen Wissenschaften auf, kehrte dem Elternhaus den Rücken und gründete mit Ulrich eine WG. Ein Jahr lang litt die Mutter unter diffusen Krankheitsbildern, wie Kopf- und Magenschmerzen. Oder Appetitlosigkeit und Gereiztheit. Das sei nichts anderes als der Verlustschmerz diagnostizierte der Vater wenig einfühlsam. Und entzog dem Filius, quasi als Denkzettel, die finanzielle Unterstützung.
Leander jobbte abends als Kellner, schuftete in den Semesterferien auf dem Bau und hielt vier Semester durch.
Eines Abends, es war ein grauer, regnerischer, aber nicht allzu kalter Herbsttag, kam er in die WG zurück. Müde und ausgelaugt setzte er sich an den alten Küchentisch, nahm eine Flasche Bier und drückte den Bügelverschluss nach hinten. Er liebte dieses „Ploppgeräusch“. Er steckte sich eine „Camel ohne“ zwischen die Lippen, zündete sie an und sog tief ein. Grad so, als wollte er das Nikotin in einem Zug herausziehen. Sein Blick war zur Decke gerichtet. Er spitzte die Lippen, blies den Rauch himmelwärts und sagte: „Ulrich, für mich ist hier Schluss!“
Ulrich, zwischenzeitlich ein Freund geworden, der Leander gut genug kannte, spürte, dass etwas Einschneidendes ins Haus stand. Er schwieg, sah Leander aus den Augenwinkeln an und wartete. Er wartete eine gefühlte Ewigkeit. Die Stille hatte eine unangenehme Dichte. Nur zweimal wurde sie unterbrochen von langgezogenen Trink- und Schluckgeräuschen. Dann brach es aus Leander heraus.
„Alles nur Theorie, alles nur blablabla. Deutschland brennt! Die Straßen sind voll von Demonstranten. Die Gefängnisse voll von den Kämpfern der RAF. Die Politik beschneidet die lang erkämpften Freiheitsrechte, die Polizei wirft nach wie vor die Schleppnetze der Rasterfandung aus und ich sitze mir an der Uni den Arsch platt!“
„Und, was willst du machen, mein kleiner Gardeoffizier?“
„Weißt du, du bist so ein wohlfeiler Arsch“, schleuderte Leander Ulrich entgegen.
Der spürte sofort, dass er sich auf dünnem Eis bewegte und ruderte schnell zurück. „Sorry, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Aber was ist denn los mit dir? Ich merke doch schon die ganze Zeit, dass dich etwas umtreibt, dass du unzufrieden bist. Ein nörgelnder Grantler bist du geworden.“
„Hörst du mir denn nicht zu? Wir marschieren nicht nach vorn. Wir marschieren geradewegs zurück! In einen Polizeistaat! Ich bekomme keine Luft mehr zum Atmen! Ich will Freiheit! Ich muss hier raus! Ich geh' ins Ausland.“
Ulrich sah seinen Freund jetzt doch ein wenig besorgt an und dachte: ‚Ausland schön und gut, wenn er das will, aber der hat doch nicht wirklich einen Plan. Und von nichts eine Ahnung hat er außerdem.‘ Dies behielt er im Augenblick aber besser für sich und versuchte stattdessen das Ganze auf eine sachliche Ebene zu heben. Er fragte vorsichtig: „Was willst du denn im Ausland machen?“
„Ich frag' mich das auch schon seit Monaten. Ich will irgendetwas Sinnvolles tun. Den Menschen helfen – vielleicht als Entwicklungshelfer.“
Ulrich verdrehte die Augen: „Als Speditionskaufmann und Student mit Theoriewissen in den politischen Wissenschaften? Die suchen Praktiker – Elektriker, Maurer, Brunnenbohrer sowas in der Art!“
Doch Leander meinte es ernst und war wild entschlossen. Er wollte aus dieser engen, ihm die Luft abschneidenden Alltäglichkeit ausbrechen und aufbrechen in eine größere Welt, in eine Welt, in der er frei atmen und ein Mann sein konnte. Aber noch etwas anderes trieb ihn an. Intuitiv, kaum bewusst, jedenfalls spielte es vordergründig in seiner Gedankenwelt keine Rolle. Es rumorte und gärte in seinem Inneren. Er wollte, nein er musste sich von seinem Vater befreien. Der Alte saß schwer auf seinen Schultern, flüsterte ihm ständig ins Ohr und waberte durch sein Gehirn.
Ulrichs Bedenken gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie kannten sich von der Berufsschule. Ulrich kam aus einem steinreichen Elternhaus. Der Vater war gelernter Maurer. Ein einfacher, ehrlicher und fleißiger Mann. In seinen Kindertagen hatte Ulrich nur einen kleinen schwarzen Stoffhund zum Spielen. Den nahm er mit in sein Bett. Der war sein Spielgefährte, Beichtvater und Tröster. In den Jahren hatte er sein rechtes Auge verloren, was Ulrichs Liebe zum kleinen Struppi, wie er ihn nannte, nur noch wachsen ließ. Trotz der Not und dem Sparzwang der Nachkriegsjahre verlebte Ulrich eine glückliche Kindheit. Er machte mit seinem blauen Tretroller und den Nachbarskindern die Reihenhaussiedlung unsicher. Sie bastelten sich ihre Spielsachen selbst und die Welt, ihre Welt war ein einziger Abenteuerspielplatz. In diesen Aufbaujahren nach dem verlorenen Krieg, mit den zerbombten Häusern und einer zerstörten Infrastruktur, machte sich Ulrichs Vater selbständig und gründete einen Baubetrieb. Er war sich für keine Arbeit zu schade. Er mauerte, schaufelte, verputzte was das Zeug hielt. Erst allein, aber nach zwei Jahren konnte er drei weitere Arbeiter einstellen. Ulrichs Mutter kümmerte sich um die Baustoffe und so wuchsen der Maurerbetrieb und der Baustoffhandel weiter und weiter bis zu einem florierenden mittelständischen Unternehmen. Ulrich und seine Eltern vergaßen jedoch nie, wo ihre Wurzeln lagen. So arbeitete Ulrich, wann immer es ging, am Bau. Er machte eine kaufmännische Lehre bevor er zum BWL-Studium auf die Universität wechselte. Leander bewunderte Ulrichs Eltern. Er mochte sie und er mochte Ulrich.
Dennoch ließ er sich die Bewerbungsunterlagen des Deutschen Entwicklungsdienstes aus Berlin-Kladow mit der Post schicken. Nach der Lektüre war er vollkommen desillusioniert. Das Annahmekriterium war eine abgeschlossene Berufsausbildung und zwei Jahre Berufserfahrung in einem den Programmen des DED entsprechenden Berufes als Facharbeiter. Das konnte er nicht vorweisen. Er bewarb sich trotzdem und wurde für das Folgejahr angenommen. Ob es daran lag, dass er seine Schreibstubenzeit beim Bund in eine Panzergrenadierzeit mit Qualifikation zum Mechaniker für schweres Gerät umschreiben ließ? Eine gute Beziehung hält so lange, wie Rinde am Baum.
MAN MUSS AUS SEINEM HAUS HERAUSTRETEN, UM ZU LERNEN.
Sein erster Einsatzort war Botsuana. Der Flug von Frankfurt über Khartum nach Johannisburg verlief einigermaßen passabel. Leander verschlief die meiste Zeit. Nur eine Gewitterfront über dem Mittelmeer schaukelte ihn und die anderen Passagiere mächtig durcheinander. Mit einem leicht zögerlichen „Auf Wiederseh'n“ verabschiedete er sich etwas unsicher von der Stewardess, die ihm ihr schönstes Lächeln schenkte. Er verharrte kurz oben auf der Gangway. Die heiße, feuchte Luft traf ihn mit solcher Wucht, dass er fast zurückweichen musste. Nur noch die wenige Schritte nach unten und er würde das erste Mal afrikanischen Boden betreten. Was würde ihn erwarten? Würde er die Heraus forderungen bestehen? Würde er sich zurechtfinden? Schnell verscheuchte er diese Fragen aus seinem Kopf. Er hatte sie sich in seiner Vorbereitungszeit oft genug gestellt und mit einem klaren ‚Ja‘ beantwortet. Und doch zögerte er nun. Es war einfach so ein Gefühl. Unbestimmbar. Vielleicht fühlte sich so auch der erste Fallschirmsprung an, oder der Sprung vom Zehnmeterturm im Freibad. Der Sprung ins Ungewisse eben. Und er sprang.
Die Passkontrolle am Jan Smuts International Airport in Johannesburg war äußerst penibel. Der Security Agent betrachtete immer wieder die Ausweispapiere und Leanders Gesicht, allen voran das Durchreisevisum für Südafrika. Noch mehr schien ihn das Visum für Botsuana zu interessieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit fragte er: „Wohin wollen Sie, Sir und was ist der Zweck Ihres Aufenthaltes?“
„Ich fliege gleich weiter nach Botsuana“, antwortete Leander.
„Sie bleiben nicht in Südafrika, Sir?“
„Nein, meine Maschine fliegt in ein paar Stunden.“
„Warum haben Sie dann kein Flughafentransitvisum?“
Leander verstand die Frage nicht und antwortete sichtlich verunsichert: „Ich warte hier im Flughafen und fliege im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes nach Botsuana weiter, Sir!“ Er dachte sich, dass der Zusatz ‚Sir‘ vielleicht ein wenig hilfreich sein könnte. Und tatsächlich knallte der Mann seinen Stempel in den Pass und reichte ihn Leander mit den Worten: „Sie können das Flughafengelände aber auch verlassen, wenn Sie wollen.“
Leander steckte seinen Pass zurück in die Brusttasche und dachte an die Abschiedsworte seines Freundes Ulrich. „Du wirst keine Probleme im Süden Afrikas haben. Schließlich bist du ein Weißer, ein Mann und zudem aus Westdeutschland. Der BRD und nicht aus der DDR!“
Die Apartheid hatte das Land noch voll im Griff. Er hatte sechs Stunden Aufenthalt bis zum Weiterflug nach Maun. Sein erster Gang war der Weg zu den Toiletten. Er wollte sich auch ein wenig frisch machen. Gleich hier wurde ihm aber schlagartig bewusst, wie wertlos der intensive Crashkurs in der Heimat für seine neue Aufgabe und vor allem als Vorbereitung auf das Land war. Es stank fürchterlich. Er starrte entgeistert auf die Löcher im Boden, über denen Gitter angebracht waren. So sahen also die Hocktoiletten des von Weißen geführten internationalen Flughafens in Johannesburg aus. In den Wartehallen suchte er auch vergeblich nach einer Bar, einem Café, einem Restaurant oder ähnlichem. Es gab nur ein paar wenige Getränkeautomaten, nichts sonst. Dafür gab es reichlich Polizei. Er setzte sich auf ein viersitziges Sofa, dessen Kunstlederbezug schon merklich verschlissen war. Der Fruchtsaft, den er sich vom Automaten gezogen hatte, sollte eigentlich nach Aprikosen schmecken, erinnerte ihn aber eher an einen herben Apfelgeschmack.
Er beobachtete das rege Treiben um ihn herum. Jeder Neuankömmling wurde sogleich von mehreren Schwarzen umringt, die für ein paar wenige Münzen das Gepäck tragen wollten. Sie taten nicht nur geschäftig, sie waren es auch. Sie standen in ständiger Konkurrenz zueinander und ihre wachen Augen blickten hektisch, ja angstvoll, zwischen den Neuankömmlingen, der Polizei und den Rivalen hin und her. Sie waren wie ein Rudel räudiger, lechzender Straßenköter, das nur auf Beute wartet, um sich dann mit ganzer Kraft oder Schläue (oder beidem) auf ihr Opfer zu stürzen. Daheim warteten hungrige Mäuler, die gestopft werden wollten. Andere ersäuften ihr Elend und die Armseligkeit im Alkohol.
Eine Gruppe Großwildjäger in Khakikleidung und mächtigen Hüten, die ihre Jagdwaffen lässig geschultert hatten oder in den Händen hielten, schlenderte laut schwatzend durch das internationale Terminal in Richtung Ausgang. Einer von ihnen stieß einem Schwarzen, der nicht schnell genug zur Seite ging, mit einem Stock, den er bei sich trug, in die Seite. Keinem der Anwesenden erschien das ein bemerkenswerter Vorgang zu sein. Es geschah so widerspruchslos und wurde so selbstverständlich hingenommen, wie der Anblick der waffentragenden Großwildjäger selbst. Es interessierte schlicht niemanden. Leander allerdings war sichtlich berührt und sein Magen krampfte sich zusammen. Aber er erinnerte sich an seinen Intensivkurs und den Referenten, der ihnen immer wieder einbläute: „Nicht einmischen, dort herrschen andere Gesetze!“ Leander brannte sich das Bild des Mannes ins Gedächtnis. Er war anders als die anderen Jäger. Seine Kleidung war abgetragen. Er war groß, massig, nicht dick, sondern muskulös, hatte rote kurzgeschorene Haare. Ein breitkrempiger, speckiger Lederhut baumelte auf seinem Rücken. Seine Haut war von Wind und Wetter gegerbt, obwohl er noch keine 40 Jahre alt sein durfte. Das Auffälligste war jedoch eine breite Narbe, die sich von der Stirn, am rechten Auge vorbei, fast bis zum Ohr zog. Seine grünen Augen blickten außergewöhnlich kalt.
Leanders Blick blieb bei einem Mann mittleren Alters haften, der lässig an der ihm gegenüberliegenden Wand lehnte und immer wieder zu ihm herübersah. Er sah so unscheinbar aus, dass es schon wieder auffällig war. Leander schenkte ihm anfangs dennoch keine große Aufmerksamkeit. Er war erschöpft vom Flug und musste auf dem Sofa kurz eingeschlafen sein. Seine Reisetasche hatte er neben sich auf den Boden gestellt und den rechten Fuß durch den Trageriemen gesteckt. Plötzlich ein heftiges Reißen und lautes Rufen und er war schlagartig wach. Er sah noch einen kleinen barfüßigen schwarzen Jungen davonlaufen, zwei Polizisten hinter ihm her. Offensichtlich hatte der kleine Dieb seine Tasche stehlen wollen. Der unscheinbar gekleidete Mann kam auf Leander zu, blieb kurz vor ihm stehen und sagte: „Unseren Augen entgeht nichts. Einen guten Flug nach Botsuana.“ Da war er also, der National Intelligence Service – kurz NIS. Bekannt dafür, bei derlei Überwachungen nicht unerkannt zu bleiben, sondern – im Gegenteil – möglichst viel Präsenz zu zeigen. Ein jeder sollte wissen, dass er da ist. Im gesamten öffentlichen Leben. Im privaten Leben. Einem jeden wurde klar gemacht, dass er in alle Ritzen der Gesellschaft schauen konnte. Und ein jeder sollte stets damit rechnen in den Fokus seines Brennglases zu geraten.
Nach diesem Zwischenfall konnte Leander sich nur schwer beruhigen. Er war so voller Gedanken und Gefühle, dass er fast den Aufruf seines Fluges nach Maun überhörte. Als er über das Rollfeld einer guten Handvoll anderer Passagiere folgte, die einer heruntergekommenen Dornier 228-100 zustrebten, rutschte seine Laune vollends in den Keller. Aber der Flug verlief wider Erwarten ohne Komplikationen und als die Maschine nach knapp dreistündiger Flugzeit auf der Piste aufsetzte, war es fast Mitternacht. Seit mehr als 30 Stunden war er nun schon auf den Beinen. Er war hungrig und erschöpft. Als er den Flieger verließ und oben auf der schäbigen Fahrgasttreppe stand, verzauberte ihn sogleich der afrikanische Nachthimmel. Die Sterne prangten groß und feurig am Firmament. Strahlend, leuchtend und zum Greifen nah. Plötzlich hatte er einen dicken Kloß im Hals und musste mächtig schlucken. Er spürte es mit all seinen Sinnen: Er stand am Fuße des brodelnden Vulkans des südlichen Afrikas und war dem Frieden des Himmels doch so nah wie nie zuvor.
Die Einreisekontrolle war reine Formsache und schnell erledigt. Leander sah sich ein wenig hilfesuchend um. Sollte er nicht abgeholt werden?
„Hallo, du musst Leander sein.“
Leander blickte nach rechts zu dem Mann, der ihn so unvermittelt angesprochen hatte.
„Ja, dann musst du Mike sein!“
Mike, der Entwicklungshelfer vor Ort, ein erfahrener Haudegen, wartete schon seit geraumer Zeit in der kleinen, heruntergekommen Halle des Flughafens. Er hatte es sich in einem der zwei Sessel gemütlich gemacht, die hier herumstanden. Er hielt eine Bierflasche in seiner rechten Hand. Zwei leere Flaschen standen neben seinem linken Fuß. Als er sich ein wenig behäbig erhob, stieß er sie um. Das klirrende Geräusch zerriss das beruhigende, eintönige Gebrumme der beiden Ventilatoren, die an langen Eisenstäben von der Hallendecke hingen und dem satten Gesumme der unzähligen Fliegen.
Mike kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
„Herzlich willkommen im Paradies!“
Leander wusste nicht, ob das jetzt ehrlich oder sarkastisch gemeint war. Aber nachdem Mike sein offenstes Lächeln zeigte, entschied er sich für die erste Variante.
„Du musst hundemüde sein. Ich schlage vor, dass wir gleich ins Hotel fahren. Ich habe auch dafür gesorgt, dass du noch etwas zu essen bekommst.“
„Das ist jetzt genau das Richtige für mich. Ich bin zwar zum Umfallen müde, aber ich habe einen Bärenhunger!“
Als beide das kleine Flughafengebäude verließen, war die Luft angenehm kühl. Grillen und Heuschrecken luden zu einem herrlichen nächtlichen Konzert ein und die Sterne bedeckten noch immer das Firmament. Leander war überwältigt! So nah, so deutlich hatte er die Milchstraße noch nie gesehen. Allerdings erkannte er kein einziges ihm bekanntes Sternbild.
Mike, der das erstaunte Gesicht richtig deutete, sagte: „Hier siehst du andere Sterne als zu Hause. Wir sind hier auf der Südhalbkugel. Sieh mal“, Mike zeigte mit seinem Finger nach rechts in das diamanten besetzte Dunkel und sah Leander erwartungsvoll an. „Na, was haben wir denn da?“
„Mhm, hab' ich schon einmal gesehen. Auf einer Flagge? Neuseeland?“
„Nicht schlecht. Ja, Neuseeland und noch ein paar andere Länder haben dieses Sternbild in ihren Landesfahnen.“
Andächtig flüsterte Leander: „Ja, klar. Der Stern des Südens.“
„Noch bemerkenswerter ist aber der große dunkle Fleck links unterhalb, südwestlich, da. Siehst du ihn?“
„Ja klar.“
„Das ist der Kohlensack. Eine Dunkelwolke aus interstellarem Gas in deren Innerem neue Sterne entstehen.“
Wie wunderschön Afrika doch war. Mit diesem Gedanken ging er neben Mike auf den staubigen Parkplatz zu. Dort stand ein verdreckter, beigefarbener Landrover.
Die Luft war geschwängert vom wunderbar warm duftenden Jasmingeruch des Amatungulu-Strauchs. Leander erinnerte er an getrocknetes Heu oder an Orangenhaut. So genau konnte er es nicht beschreiben. Obenauf schwebte leicht und frei das frische Aroma des Zitronengrases. Es war eine betörende Duftkreation.
Sie verstauten den Rucksack und den großen Seesack auf den Rücksitzen. Leander ließ sich müde in den braunen abgewetzten Kunstledersitz fallen und nickte schnell ein. Doch der Erschöpfungsschlaf währte nur kurz. Nach nicht einmal drei Kilometern auf der gerade neu geteerten Straße, erreichten sie Riley's Hotel. Das Hotel bestand aus einem kleinen Hauptgebäude und ein paar wenigen kleinen Häuschen und Rundhütten. Mike ging grußlos an einem Schwarzen vorbei, der hinter einem alten Tresen stand, in einen kleinen Nebenraum, der wohl so etwas wie Bar, Speisezimmer und Treffpunkt für alle Weißen war. Das Hotel war im Alleinbesitz der botsuanischen Regierung und deshalb für den Deutschen Entwicklungsdienst der angesagte Stützpunkt. Beide setzten sich an einen kleinen Tisch. Niemand sonst störte die nächtliche Ruhe. Es schien als würde alles Leben andächtig dem Konzert der Grillen und Zikaden lauschen.
Nach kurzer Zeit betrat eine junge Schwarze den Raum. Sie war ein wenig schüchtern und bewegte sich bemerkenswert geräuschlos. Lediglich ihre gestärkte weiße Schürze knisterte ein wenig. Sie stellte zwei Teller und eine Platte mit Maisbrei, Rindfleisch, Hühnchen und Gemüse auf den Tisch. Mike erhielt unaufgefordert eine Flasche Bier und Leander bestellte ebenfalls ein Windhoek Lager. Als er den ersten Schluck aus der bulligen Braunglasflasche trank, schnalzte er genießerisch mit der Zunge und leerte sie in einem weiteren kräftigen Zug. Die restliche Zeit während des Essens verlief wortlos. Als Mike mit einem kräftigen Rülpser sein Mahl beendete, nahm Leander noch eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und blies den Rauch an die Zimmerdecke.
„Danach können wir gehen. Ich bin hundemüde.“
„Ja, ich zeig dir noch schnell dein neues Zuhause und alles Weitere können wir dann morgen früh besprechen. Ich frühstücke immer so gegen acht Uhr. Du kannst aber morgen auch ausschlafen, wenn du willst.“
„Nein, acht ist gut. Lass uns gehen. Ich rauch' die noch auf dem Weg zu Ende.“
Als beide das kleine Hotel verließen, schlief der Portier in einem kleinen Sessel hinter dem Tresen. Aus der Küche drang leise das Geräusch von Tellerwaschen. Es hatte merklich abgekühlt, ja es war geradezu frisch geworden. Mike ging voraus. Der schmale Pfad war beiderseits von Kameldornbüschen begrenzt, deren Äste mit großen, festen Stacheln bewährt waren. Nach etwa 60 Metern öffnete sich der Weg und gab den Blick frei auf einen kreisrunden Platz, an dessen hinterem Ende sieben gemauerte, mit Stroh bedeckte Rundhütten standen. Mike steuerte zielsicher die ganz rechts stehende an. Er blieb vor der Türe stehen und sagte: „Das ist deine neue Suite. Gute Nacht, schlafen wirst du ja sicher gut, so müde wie du bist.“
„Danke, schlaf du auch gut. Wir sehen uns dann morgen.“
Leander betrat sein neues Reich. Seine Tasche und der Rucksack standen neben einem einfachen Bett. Der Rahmen war aus Akazienholz gearbeitet. Darüber war ein riesiges Moskitonetz gespannt. Links neben dem Bett war eine kleine Nische, in der sich die Nasszelle befand. Leander stellte beruhigt fest, dass es eine Toilettenschüssel gab. Daneben ein kleines Handwaschbecken und eine Dusche. Zu erkennen zwar lediglich an einem kleinen rostigen Duschkopf, der aus der Wand ragte, aber immerhin. Keine Duschabtrennung, keine Duschwanne, nur ein kleines Loch im Betonboden. Aber alles war außerordentlich sauber. Leander duschte ausgiebig und wusch sich den Staub einer langen Reise weg. Nach der gründlichen Abendtoilette, auf die er schon immer größten Wert legte, ging er nochmals vor die Tür. Es fröstelte ihn leicht, aber die Luft war frisch und ein leichter, sehr angenehmer Geruch von Rauch hüllte ihn ein. Plötzlich sah er, keine 20 Meter von ihm entfernt, eine Gestalt, die er zuvor nicht wahrgenommen hatte. Der Mann war groß gewachsen und hager. Die Dunkelheit verschluckte die scharfen Konturen. Er steckte in einem weiten Umhang, der einer Baumwolldecke ähnelte. Durch den Bogen und den Pfeil, den er in seiner linken Hand hielt, fühlte sich Leander in eine andere Zeit versetzt und glaubte an eine Sinnestäuschung. Erst als der Schwarze seine rechte Hand zum Gruß erhob und mit dem Kopf leicht nickte, löste sich Leanders Argwohn ein wenig auf. Er ging zurück in seine Hütte und legte sich ins Bett. Sofort fiel er in einen todesähnlichen Schlaf. Er hörte weder die kleinen Galagosäffchen, die auf Nahrungssuche auf seinem Runddach herumturnten, noch das Motorengeräusch des Dieselgenerators, der in der Ferne monoton vor sich hintuckerte. Doch nach einer kurzen, traumlosen Nacht wurde Leander gegen fünf Uhr von einer in kürzester Zeit stark anschwellenden, orchestralen Vogelgemeinschaft geweckt. Neben den auffallend bunten Bienenfressern, den schillernden Glanzstaren, den lautstarken Hadedas, den am Boden herumhüpfenden Tokos, waren es die typisch rufenden Schildraben mit ihrem ar-ar-ar-ar. Es schien so, als ob ein jeder auf sich aufmerksam machen und damit zeigen wollte, dass er in ganz besonderer Weise der aufgehenden Sonne den gebührenden Respekt erweisen möchte.
Leander schlüpfte durch das Moskitonetz und stand auf. Er war kein Langschläfer, nie gewesen. Er verstaute seine Sachen in der kleinen Rundhütte. Es sollte schon ein wenig gemütlich sein. So recht wollte ihm das aber nicht gelingen. Die Rondavel war doch sehr spartanisch ausgestattet. Neben dem besagten Bett gab es nur noch einen Schrank aus Eisenholz. Der war zwar sehr massiv geschreinert, hatte aber keine Fächer, Schubladen oder ähnliches und so legte Leander seine große Reisetasche einfach hinein. Er würde sich Bretter und Haken besorgen müssen. Bis zum gemeinsamen Frühstück mit Mike war noch reichlich Zeit. Er wollte ein wenig die Gegend erkunden und trat vor die Tür. Wieder stieg ihm der Geruch von kaltem Rauch in die Nase. Er liebte diesen Duft, warum konnte er nicht sagen. Aber er erregte ihn geradezu. Verdeckt durch drei große Schirmakazien, erkannte er gerade noch das Dach des Haupthauses. Rechts neben seiner Hütte standen sechs weitere, wie auf einer Perlenschnur aufgereiht. In einer davon musste Mike wohnen. Der Platz vor den Hütten bis zum Weg, der zum Haupthaus führte, war gänzlich unbefestigt und bestand aus grünem, kurzgeschnittenem Gras. Es war Regenzeit und die Natur dankte es mit einer Vielzahl von Farben, Gerüchen und Klängen. Zwei prächtige Jacarandabäume bildeten den Abschluss dieses halbrunden Platzes. Allerdings war ihre Blütezeit schon vorbei. Ein dahinter liegender, dicht ineinander verwachsener Heckensaum aus Akazien- und Trompetensträuchern mit vielfach bewehrten Stacheln bot Schutz zur Savanne hin. Gerade als sich Leander auf den Weg zum Haupthaus begeben wollte, erschrak er über ein lautes Rascheln zwischen zwei rotblühenden Büschen. Verunsichert und auch ein wenig ratlos blieb er stehen. Als unerfahrener Novize hatte er keine Ahnung, welche Tiere in diesem Teil Afrikas frei herumliefen und wo Gefahren lauerten. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass seine Angst unbegründet war. Ein Sekretärvogel kämpfte mit einer Schlange und wie es aussah, hatte der gerade sein Frühstücksmahl gefunden.
Zu seinem Erstaunen saß Mike schon an dem kleinen Tisch, an dem sie letzte Nacht gegessen hatten.
„Na, gut geschlafen?“, empfing er Leander gutgelaunt.
„Ja, kurz aber tief. Ich brauch' nicht so viel Schlaf und erhol' mich auch immer ziemlich schnell.“
„Bist ja noch jung. Das Frühstück hier ist nicht so vielfältig, wie ich mir das wünschen würde, aber es ist gut.“
Als hätte die junge Schwarze vom Vorabend auf dieses Stichwort gewartet, trat sie an den Tisch und fragte Leander, ob er Tee oder Kaffee wünsche. Er entschied sich für Kaffee, aber nur dies eine Mal. All die anderen Tage, die noch kommen sollten, bevorzugte er Tee.
„Essen bekommst du in dem kleinen Raum neben der Küche“, sagte Mike. Leander ließ sich das nicht zweimal sagen. Er folgte nur zu gern der Schwarzen, die ebenfalls den Weg zur Küche einschlug. Ihr Gang war federnd und Leanders Blick richtete sich anerkennend auf die sich wiegenden Hüften und den wohlgeformten Hintern. Das Frühstücksbuffet war tatsächlich recht übersichtlich. Er nahm sich eine Scheibe dünnes Rindfleisch, Eier und Speck sowie Weißbrot. In einer Schale lagen, wild durcheinander, frittierte Raupen. Leander nahm eine davon und sah sie sich ein wenig skeptisch an. Die junge Schwarze, die ihn verstohlen von der Küche aus zusah, lächelte und sagte:
„Die kann man essen und sie schmecken wirklich gut. Wir rösten sie hier. In dem Schälchen findest du eine Knoblauchpaste mit kleinen Erdnusssplittern. Versuch es.“
Leander tauchte die Raupe in die dickflüssige Soße und biss zaghaft zu.
„Mhm, die schmeckt ja wirklich. Ein wenig wie Fisch. Danke für den Tipp. Ich bin Leander“, stellte er sich vor.
„Mein Name ist Sholanah.“
