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Anand ist Unternehmer in Bangalore, Kamala seine Hausangestellte. Arm und Reich, Tradition und Moderne, Aufstieg und bodenloser Fall – in der boomenden Metropole im Süden Indiens ist all dies nie mehr als einen Schritt voneinander entfernt. Lavanya Sankaran erzählt von zwei Familien, die in ein und derselben Stadt in zwei verschiedenen Welten leben. Und von dem, was sie verbindet: glühende Hoffnung.
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Seitenzahl: 502
Veröffentlichungsjahr: 2014
Lavanya Sankaran
Die Farben derHoffnung
Roman
Aus dem Englischen vonKathrin Razum
Titel der 2013 zeitgleich bei Tinder Press, London, und The Dial Press, New York, erschienenen Originalausgabe: ›The Hope Factory‹ Copyright © 2013 by Lavanya Sankaran All rights reserved Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 im Diogenes Verlag Ein Glossar der indischen Ausdrücke findet sich am Ende des Bandes. Covermotiv: Foto von Greg Reed, ›Vadodara, India‹, 2011 (Ausschnitt), Copyright © Greg Reed Die Handlung dieses Romans sowie Namen, Figuren und Orte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Begebenheiten, Schauplätzen oder Personen ist rein zufällig.
Für Aarya, meine geliebte Tochter
Alle deutschen Rechte vorbehalten
Copyright © 2016
Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.
Eine alte Zeile für moderne Zeiten… Sarveshaam mangalam bhavatu
[7] 1
Anand K. Murthy hatte zwei Fenster in seinem Büro. Durch das eine, ein schmales Fenster mit schwergängigem Riegel, das er nur mit Mühe aufbekam, sah man einen kleinen Ausschnitt des Fabrikgeländes. Das andere, das er lieber mochte, war ein schalldichtes Panoramafenster mit Blick in eine Produktionshalle. Die Zeiten, als Anand die Arbeitsabläufe noch Tag für Tag penibel überwachen musste, waren längst vorbei, doch dieser Anblick verschaffte ihm stets aufs Neue eine tiefe Befriedigung.
Hier stand er nun und spürte, wie sich das Gewicht des morgigen Tages auf ihn niedersenkte. Er neigte eigentlich nicht zur Nervosität, doch heute erlebte er fraglos eine Art Phantomversion davon: trockener Mund, beschleunigte Atmung, ein unkontrollierbares Pulsieren, das seine Wirbelsäule hinauf- und hinabjagte. Er griff nach dem Glas Wasser, das auf einem indigoblauen Plastikuntersetzer mit dem orange geprägten Schriftzug CAUVERY AUTO stand.
Ein Klopfen an der offenen Tür; er setzte das Glas ab und lächelte freundlich.
»Herein, herein, guten Morgen.« Der Anblick von Mr. Ananthamurthy hatte etwas Beruhigendes.
Der Betriebsleiter arbeitete schon seit den ersten Anfängen der Firma für Anand. Vor fünfzehn Jahren war [8] Ananthamurthy ein älterer Mann gewesen, hinter dessen ruhiger Art sich langjährige Betriebserfahrung verbarg; jetzt sah Anand mit plötzlichem Schrecken jemanden vor sich, der auf den Ruhestand zuging. Äußerlich hatten die vielen Jahre Ananthamurthy kaum etwas anhaben können, die wenigen langen Haare, die er sich quer über die Glatze kämmte, waren nur etwas grauer geworden, und seine Augen waren jetzt von Fältchen umgeben. Ansonsten war er der Gleiche geblieben: mager, aufrecht, von der Verlässlichkeit einer alten Schweizer Uhr, akkurat und absolut zuverlässig.
»Guten Morgen, Sir. Sie haben schon gegessen?« Seit fünfzehn Jahren begann Ananthamurthy den Arbeitstag mit dieser rituellen Frage.
»Ja, ja«, sagte Anand, wobei das selten stimmte. Er hatte morgens nie Hunger. Später zu seinem Kaffee würde er vielleicht ein Traubenzuckerplätzchen essen. »Und Sie?«
»Ja, Sir, danke.« Ananthamurthy wandte sich nicht wie sonst gleich tatkräftig der anstehenden Arbeit zu. Feierlich, doch mit einer scheuen Zurückhaltung, die sein gewohntes gravitätisches Auftreten überlagerte, stellte er eine Plastikdose auf Anands Schreibtisch.
»Meine Frau und meine Töchter haben darauf bestanden, Sir«, sagte er. »So ein wichtiger Tag für die Firma, da haben wir heute Morgen den Tempel besucht, und sie haben mir dieses Prasadam für Sie mitgegeben. Bitte, Sir.«
Anand steckte sich gehorsam ein winziges Stückchen der gesegneten süßen Halva in den Mund und spürte, wie sich Zucker und Weizen auf seiner Zunge auflösten. »Bitte richten Sie Ihrer Frau meinen Dank aus.«
[9] »Gerne, Sir. Sie hat vor, ihre Gebete den ganzen Tag fortzusetzen.«
Mehr sagte Ananthamurthy nicht, doch in seinen Augen sah Anand die gleiche glühende Hoffnung, die auch in seinem Innern brannte.
Anand drückte auf die Taste am Telefon, die ihn direkt mit seinem Sekretariat verband. In einer Phantasiewelt hätte dort eine junge Frau gesessen, vielleicht aus Goa, die auf einen Namen wie Miss Rita hörte und gewagte kurze Röcke zu hautengen Blusen trug. Die Realität jedoch war Mr. Kamath, kahlköpfig und von solch beängstigender Effizienz, dass er ein unverzichtbares Bollwerk in Anands Berufsleben darstellte. »Kamath? Wo bleiben denn die anderen? Und nachher möchte ich noch diesen Computer-Menschen sprechen.«
Seine Worte lösten bei Ananthamurthy einen Reflex aus.
»Dieser Mensch«, sagte er, womit er den neu angestellten EDV-Servicetechniker meinte, »ist nicht in der Lage, Weisungen zu befolgen.« Anand hörte geduldig zu, wohlwissend, dass Ananthamurthys Klagen weniger dem Mann als dem Arbeitsprozess galten. Die Automatisierung in der Fabrik griff wie ein Virus um sich, zur massiven Beunruhigung Ananthamurthys, der sich voll altersbedingter Empörung immer noch erfolglos mit dem Phänomen E-Mail herumschlug und seine Korrespondenz Buchstabe für Buchstabe heraushämmerte, wobei sein Blick nach jedem Anschlag hektisch von der Tastatur zum Bildschirm zuckte. Anand dachte oft, dass es höchste Zeit war, für die gesamte Belegschaft einen obligatorischen Textverarbeitungskurs zu organisieren.
[10] Zwei weitere Leute betraten sein Büro, und Anand musterte sie mit neuen Augen, wie zum ersten Mal.
Als Erste erschien Mrs. Padmavati von der Buchhaltung. Wie gewöhnlich kam sie mit flottem Schritt und energischer Miene herein. Ihre Effizienz war legendär – genau wie ihr Aufbrausen, wenn andere aus Achtlosigkeit Fehler begingen. Ihr Erscheinungsbild war, ihrem Arbeitsstil entsprechend, ausgesprochen ordentlich: der Baumwollsari sorgfältig gewickelt und an der Schulter festgesteckt, das lange Haar rigoros mit Kokosöl gebändigt und zu einem Zopf geflochten, der ihr als dicker Strang vom Nacken bis zum Steißbein fiel. An Schmuck trug sie nur das Allernotwendigste: kleine goldene Ohrringe, ein dünnes Goldkettchen mit ihrem Hochzeits-mangalsutra. Keine Fingerringe, keine Armreife – was Accessoires betraf, schienen sich all ihre Energien auf die gigantische Handtasche zu konzentrieren, die sie zu jeder Sitzung begleitete, eine derart geräumige Tasche, dass vor den Augen ehrfürchtiger männlicher Kollegen schon unzählige Gegenstände daraus ans Tageslicht gekommen waren, von Brieftaschen über einen Laptop, Zeitschriften und ein Geschenk für einen Kollegen bis hin zu, man glaubte es kaum, einer kleinen Spielkonsole, die laut Mrs. Padmavati ihrem neunjährigen Sohn gehörte, die man sie aber auf der Heimfahrt im Werkbus schon selbst hatte eifrig traktieren sehen. Sie arbeitete seit fünf Jahren für die Firma, gehörte somit zu den dienstälteren Angestellten, und Anand hatte sie an diesem Tag zum ersten Mal zu einer Sitzung auf Führungsebene eingeladen.
Wenn er ehrlich war, hatte es noch nicht viele solcher Sitzungen gegeben. Bis vor kurzem hatte die [11] »Führungsebene« nur aus Ananthamurthy und ihm bestanden, sie hatten beide diverseste Funktionen erfüllt.
Doch es war an der Zeit, das zu ändern. Er hatte das Thema ein paar Wochen zuvor aufs Tapet gebracht, und Ananthamurthy, der kürzlich von seinem Schwiegersohn ein Managementbuch geschenkt bekommen hatte, das er jetzt in seiner Freizeit las, hatte ihm zugestimmt: »Wir müssen uns professionalisieren, Sir. Das ist das A und O.«
Und so spielte Anand, der die Finanzen der Firma bisher strikt unter seiner Kontrolle gehalten hatte, jetzt mit dem Gedanken, Mrs. Padmavati zur Finanzchefin zu machen. Sie freute sich, an der Sitzung teilnehmen zu dürfen, und war, wie Anand merkte, nervös und zugleich begierig, sich zu beweisen. Sie stellte ihre Handtasche auf den Boden und setzte sich aufrecht hin, Notizblock, Stift und Taschenrechner zur Hand. Auch einen neuen Personalleiter hatten sie eingestellt, der nach ihr im Büro eintrudelte.
»Also dann«, sagte Anand, nachdem sie sich alle ausgiebig mit süßem prasadam aus Ananthamurthys Schachtel bedient hatten. »Gehen wir noch einmal unsere Vorbereitungen durch, damit wir genau wissen, wo wir stehen.« Er zögerte, schob sich die Brille auf der Nase hoch und verkündete, was alle Anwesenden längst wussten. »Morgen könnte der wichtigste Tag in der Geschichte unserer Firma werden.«
Die von Cauvery Auto produzierten Form- und Pressteile wurden an Kraftfahrzeughersteller verkauft, die PKWs und andere Fahrzeuge für den indischen Markt montierten. Sie hatten die Firma über die Jahre mühevoll aufgebaut, waren Aufträgen nachgejagt, hatten stunden-, manchmal [12] tagelang auf Einkaufsleiter gewartet, gottähnlichen Wesen in geheiligten Büros, denen scheinbar nicht bewusst war, dass Anand im Vorzimmer saß, so dass sein Neunuhrtermin vorbeitickte, die Mittagspause kam, der Nachmittag verstrich, bis er schließlich, verschwitzt, hungrig, ärgerlich, aber immer noch geduldig, gebeten wurde, am nächsten Tag wiederzukommen. Ja, tut mir außerordentlich leid, Sir ist sehr beschäftigt, hoffentlich hat er morgen Zeit für Sie.
Aber jetzt standen sie endlich an der Schwelle zu einer neuen Phase. Am nächsten Morgen würde ihr größter Kunde kommen, in Begleitung von Vertretern der japanischen Mutterfirma. Sie würden einen Rundgang durch das Werk machen, prüfen, inspizieren und endlose Diskussionen über Produktionskapazitäten und Entwicklungsmöglichkeiten führen. Wenn alles gutging, würde Cauvery Auto möglicherweise bald auch den internationalen Markt beliefern. Es war ein berauschender Gedanke. Anand machte sich nichts vor – es ging um viel, zweifellos bewarben sich noch jede Menge andere Firmen, von denen viele (so fürchtete er) besser dastanden als Cauvery Auto.
Wenn sie diesen Auftrag bekamen, würde das ihrer aller Leben verändern. Es würde Stabilität bedeuten, Wachstum, Profit, nicht nur für die Firma, sondern für jeden Einzelnen von ihnen – für ihn, für Ananthamurthy, für Mrs. Padmavati, für alle, es würde ihre Finanznöte mildern und ihren Familien eine völlig andere Zukunft eröffnen.
Am späten Vormittag unternahm Anand einen Inspektionsgang. Die Produktionshalle wurde grundsätzlich gut in Schuss gehalten, aber aus gegebenem Anlass hatten einige [13] der Arbeiter neue Overalls bekommen, und die Buchhaltung hatte neue ergonomische Schreibtischstühle in leuchtendem Orange angeschafft. Anand hatte nichts dagegen – solche Dinge trugen zur Effizienz, Entspanntheit und guten Stimmung am Arbeitsplatz bei, und er hatte Ananthamurthys gemurmelte Einwände gegen diese Ausgabe überhört. »Schließlich«, hatte der Betriebsleiter gesagt, »sind wir ja keins von diesen amerikanisch angehauchten Callcentern, nein?« Seine Tochter arbeitete in einem solchen Callcenter in der Stadt, und Mr. Ananthamurthy hatte sie einmal dort besucht und war entrüstet wiedergekommen. »Was für eine Verschwendung«, hatte er gesagt. »Und wozu das alles? Um ein paar Anrufe zu beantworten. Was erfordert das schon für Fähigkeiten?«
Gepflegte Blumenbeete säumten die Außenmauern der Fabrikgebäude; die Gärtner suchten sie gerade nach Unkraut ab. Anand spürte, wie sich die Verkrampfung in seinem Rücken löste, wie unwillkürlich eine scheue, ungläubige Freude darüber in ihm aufstieg, dass seine Mühen dieses parkartige Gelände, diese Präzision und Eleganz hervorgebracht hatten.
Er blieb vor einem der Lagerhäuser stehen, auf dessen frisch beschriftetem Schild stand: HAHLE 2.
»Das ist doch falsch geschrieben, nein?«, sagte er. »›Halle‹ schreibt man anders.«
»Ich werde es überprüfen, Sir«, sagte der leitende Schildermaler und machte sich eine Notiz.
Die Wachleute salutierten, als er vorbeiging. Sie trugen Uniformen in den Unternehmensfarben – orangefarbene Hemden und indigoblaue Hosen, wie seine [14] Schwiegermutter es vorgeschlagen hatte, als ihre Meinung noch etwas zählte. »Das sind so hübsche Farben«, hatte sie gesagt. »Wie die Paradiesvogelblume, meine Lieblingsblume.« Anand hatte blindlings zugestimmt – und dann zu seiner Bestürzung erfahren, dass sie in ihrer Jugend selbst als Paradiesvogel bezeichnet worden war, ein Kompliment, das sie nie vergessen hatte. Jetzt wurde sie nicht müde, Bekannten von der dezenten Ehrerweisung ihres Schwiegersohns zu erzählen. Dieser wiederum ignorierte ihre schalkhaften Anspielungen und machte so, wie er fand, das Beste aus dieser peinlichen Situation.
Die Zeit schritt schneller voran als Anand; er ließ die Mittagspause ausfallen, stillte seinen Hunger mit einer Tasse Kaffee hie und da und ein paar Traubenzuckerplätzchen von einem der Teller, die Kamath für die Besprechungen in seinem Büro bereithielt. Die Meetings fanden kein Ende, alle waren nervös, bombardierten ihn mit Plänen und Präsentationen.
Nach dem anfänglichen Fauxpas mit den Paradiesvogel-Farben hatte seine Frau ihm die anonyme Verlässlichkeit eines Innenarchitekten ans Herz gelegt, der Anand ein Büro nach allen Regeln der Kunst einrichten würde: mit schönem Teppichboden und geschmackvollen Möbeln. Anand hatte ihren Vorschlag ignoriert. Sein Büro war genau so, wie er es mochte: schlicht, aufgeräumt, ein großer Schreibtisch, an der einen Wand ein paar Stühle, die für Besprechungen zusammengestellt werden konnten, und das Beste: das schalldichte Panoramafenster zur Fabrikhalle.
Um achtzehn Uhr versammelten sich Ananthamurthy, Mrs.Padmavati, der Personaler und Kamath in Anands [15] Büro, alle sichtlich erschöpft. Sie hatten getan, was sie konnten, der morgige Tage lag in der Hand der Götter. Ananthamurthy, der dem Grundsatz folgte, dass man nichts unversucht lassen sollte, zählte gerade die Morgengebete auf, die er am nächsten Tag in der Frühe verrichten würde, um die Gunst der Götter zu erlangen. Für Anand bestand Göttlichkeit darin, penibelst zu planen und nichts dem Zufall zu überlassen. Er wusste nicht so recht, wie er sein nächstes Anliegen formulieren sollte, und sagte dann: »Ich glaube, ich ziehe morgen ein Jackett an. Und eine Krawatte.«
»Da wird Ihnen aber sehr warm werden, Sir«, sagte Ananthamurthy, gelinde erstaunt über diese Abweichung von der Kleiderordnung, die Polyesterhosen und ein Baumwollhemd vorsah.
Mrs. Padmavati jedoch begriff, was Anand eigentlich sagen wollte. »Alle sollten Krawatten tragen, Sir, oder nicht? Beziehungsweise ich einen Seidensari. Für ein gepflegtes Erscheinungsbild.«
»Ja«, sagte Anand erleichtert. »Ja. Genau.«
Ananthamurthy stellte sich neben ihn, und sie schauten in die große, hohe Produktionshalle hinunter. Die Maschinen glänzten, der ganze Raum war in Licht gebadet, so sauber, so steril, dass selbst die Luft gebändigt schien, allen Staubs entledigt, der außerhalb der Fabrik allgegenwärtig war. Die anderen waren gegangen, nur sie beide waren noch da.
Normalerweise war Anand derjenige, der andere anspornte, ermutigte, doch jetzt brachen sich bei ihm Zweifel Bahn.
[16] »Wir sind doch ausreichend vorbereitet, nein?«
»Ich denke schon, Sir«, sagte Ananthamurthy.
»Es wäre ein großer Erfolg, wenn das klappen würde«, sagte Anand. »Ein großer Erfolg für uns, Ananthamurthy.«
»Wenn es klappt«, sagte Ananthamurthy nüchtern, »werden wir dringend mehr Land brauchen, Sir. Mindestens vier Hektar. Sonst kommen wir nicht weiter. Bei den derzeitigen Verhältnissen…«
Anand seufzte. »Ja, ja.« Gewerbliches Bauland außerhalb der Stadt war notorisch schwer zu kriegen. »Ich werde mich umgehend darum kümmern, Ananthamurthy.«
Auf dem Heimweg machte Anand, einer spontanen Eingebung folgend, einen kleinen Abstecher in ein einfaches Industriegebiet. Es lag nur ein paar Kilometer von seiner Fabrik entfernt, doch man betrat hier eine völlig andere, eine desperate Welt. Die Straßen waren hastig und planlos angelegt, ungeteert und vom Regen zerfurcht. Hier gab es keine großen, schönen Werksgelände, keine hohen Fabrikhallen, keine Begrünung. Diese Fabrikschuppen waren zweckorientierte, auf engstem Raum errichtete Produktionsstätten, dicht gedrängt und ohne jede Ästhetik, von Arbeitern bevölkert, die keine einheitliche Arbeitskleidung trugen und keiner Gewerkschaft angehörten. Anands tiefliegender Wagen war hier fehl am Platz, in dieser Gegend waren Motorroller und robuste Kleintransporter unterwegs.
Er parkte an einem schlammigen Hang und zog die Handbremse an, ignorierte einige neugierige Blicke und machte sich auf den Weg zu einem Schuppen, der ein Stückchen entfernt lag. Er unterschied sich in nichts von den [17] anderen Schuppen – schmutz- und rußverschmiert, ein Blechdach, die Dunkelheit im Innern nur notdürftig von ein paar Neonröhren erhellt. Anand ignorierte den schläfrigen Wachmann, der auf einem Hocker unter einem Schild mit dem Namen des derzeitigen Inhabers saß, und linste hinein.
Der Geruch nach heißem Öl, das Scheppern und Dröhnen der überbeanspruchten, gebraucht gekauften Maschinen waren unverändert. Anand kannte die derzeitigen Besitzer nicht, doch dieser Schuppen barg die Geschichte seiner ersten Jahre als selbständiger Unternehmer. Damals hatte er sich noch kein Auto leisten können und war durch Matsch und Regen auf einem himmelblauen Motorroller mit dem Kennzeichen KA 04 R 618 zur Arbeit gefahren, der zum Schluss diverse Beulen und einen langen Riss im Sitzpolster aufwies.
Vor kurzem hatte sich Anand, völlig gebannt, eine Fernsehsendung von National Geographic über die frühen amerikanischen Pioniere angeschaut, die in die widrigen westlichen Regionen ihres Landes vorgedrungen waren – und sich vollauf mit ihnen identifiziert. Genau wie diese Pioniere hatte er sich gegen eine unvorstellbar widrige Welt behauptet. Eine Welt, in der alles erkämpft, jedes Detail geplant werden musste. Was schiefgehen konnte, ging schief. Was nicht schiefgehen sollte, ging ebenfalls schief. Dazu dann noch der indische Staat, ein seltsames Höhlentier, das sich in dunklen Grotten verbarg und plötzlich hervorschoss, mit den Fangarmen fuchtelte, die Saugnäpfe gierig nach Schmiergeld streckte. Wenn alles zusammenbrach, machte man weiter, denn innehalten hieß kapitulieren. Sich [18] zu beklagen war reine Atemverschwendung. Umstände zu machen ein Luxus. Stattdessen plante man beim nächsten Mal umso sorgfältiger, so gut es nur irgend ging, schuf Absicherungen auf jeder Ebene, gegen ungelernte Arbeiter, die man aus gesetzlichen Gründen nicht einfach so entlassen konnte, gegen Stromausfälle, gegen Wasserknappheit, gegen fehlende Kanalisation, gegen kaputte Telefone, schlechte Straßen, verrottende Hafenanlagen, launenhafte Lieferanten, denen Qualität nichts bedeutete, denen man nachjagen, die man in die Enge treiben musste, damit sie ihre Versprechen hielten – ja, Sir, selbstverständlich, Sir, ich liefere noch heute, Sir. Oh, sagen Sie das nicht, Sir, selbstverständlich liefere ich heute. Bei Gott, Sir. Das Problem ist nur, Sir, die Nichte meines Schwagers heiratet.
In den Anfangsjahren hatte es Momente gegeben, wo Anand plötzlich so kampfesmüde war, dass er fast aufgegeben hätte, Momente, wo er den nächsten Anruf fürchtete, der nur der Vorbote irgendeines neuen Problems sein konnte, einer Panne, eines unerwarteten Chaos. Doch irgendetwas in ihm hatte nicht lockergelassen, blindlings weitergemacht, und es war ihm gelungen, sich aus dem Urschlamm zu erheben und schlicht zu sagen: Doch, wir schaffen das. Wir können Produkte von internationaler Qualität herstellen, und wir können pünktlich liefern. Und er fand die Kraft in sich, die mit solch einem alchimistischen Zauber einhergeht, entdeckte, dass er die Fähigkeit besaß, Schlacke in reines Gold zu verwandeln.
Anand ging zu seinem Wagen zurück und fuhr langsam im Rückwärtsgang von dem Gelände. Er würde Ananthamurthy von diesem Abstecher erzählen, denn der hatte [19] neben ihm in diesem alten, schmierigen Schuppen geschuftet. Oder vielleicht doch nicht. Sie neigten beide nicht dazu, ihre Vergangenheit zu verklären. Ananthamurthy würde ihn vermutlich überrascht anstarren und sich fragen, warum Anand ihm Dinge erzählte, die er längst wusste.
Auf der Heimfahrt ertappte sich Anand dabei, wie er die Ansprache übte, die er am nächsten Tag halten würde. »Willkommen«, sagte er zum Lenkrad. »Willkommen.« Einen flüchtigen Augenblick lang befielen ihn seine üblichen Selbstzweifel, und er wünschte, er hätte gewisse natürliche Vorteile: eine größere Statur, eine bessere Sprechstimme, die Fähigkeit, andere Menschen auf einen Blick einzuschätzen, und das nötige Charisma, um sie sofort für sich einzunehmen. »Wiiillll-kommen«, probierte er. Die Schnellstraße schwang sich über eine sanfte Anhöhe, die von der Flut der endlosen Stadt überspült wurde, bunten Häusern aus Betonhohlblöcken mit schwarzem Wassertank auf dem Dach, wie eine Welle schwappten sie den Hügel hoch. Sein Wagen schob sich an schmutzigen Mauern vorbei, die mit Werbeplakaten für Filme und Politiker vollgekleistert waren. Die Filmschauspieler posierten mit ansprechender Souveränität, was man von den Politikern nicht sagen könnte: Potthässlich, mit zerzaustem Haar und durchtriebenem Grinsen, sahen sie aus wie steckbrieflich gesuchte Verbrecher, die sich plötzlich kokett anzubiedern suchen. »Willkommen«, sagte er im Vorbeifahren. Nein. Dreckskerle.
[20] 2
Das glänzende kleine Auto mit Fließheck bildete einen scharfen Kontrast zu seiner Umgebung, das Metall schimmerte, der ausgepolsterte Innenraum war komfortabel heruntergekühlt. Die staubige Straße, auf der es fuhr, bestand aus Teer, Dreck und stinkendem Abfall und wimmelte von Fußgängern, die sich achtlos immer wieder vor das Auto schoben. In der drangvollen Enge der Bebauung war wenig Platz zum Manövrieren: Läden, Wohnhäuser, einfache Esslokale, dicht an dicht, bunt durcheinandergewürfelt und gefährlich übereinandergebaut, stets kurz davor zusammenzustürzen, Wunder einer von Wunschdenken geleiteten Architektur und versiegender Finanzen.
Neben dem Karren des Zwiebelverkäufers stehend verfolgte Kamala das Vorankommen des Wagens mit einem Gefühl, das an Stolz grenzte. Natürlich gehörte ihr das Auto nicht. Sie hatte nie darin gesessen, auch in keinem anderen Auto. Aber sie hatte miterlebt, wie sich der Besitzer des Wagens, einst ein staubiger Schuljunge, der (kaum anders als ihr Sohn) in ihrem Gässchen Kricket spielte und von seiner Mutter, einer Putzfrau wie Kamala, ausgeschimpft wurde, zu seiner jetzigen hohen Stellung aufgeschwungen hatte.
Das Auto hielt neben einem neuen Gebäude, das in [21] einem fröhlichen Rosa gestrichen war. Er war gekommen, um nach mehreren Monaten wieder einmal seine Eltern zu besuchen; Kamala kannte die ganzen Details, so wie die gesamte Nachbarschaft. Wer hätte damit schon gerechnet? Dass er ein Stipendium erhalten, Ingenieurwissenschaften studieren, eine Stelle bei einer Firma in Pune kriegen und so erfolgreich werden würde, dass seine Eltern nicht mehr als Putzfrau und Gärtner arbeiten mussten, sondern wie Fürsten in einem rosafarbenen Haus wohnen konnten und er in seinem glänzenden Auto die ganze Strecke von Pune bis hierher gefahren kam, um sie zu besuchen.
Sie würde später bei ihnen vorbeigehen, beschloss Kamala, und etwas Obst mitbringen. Das war vollkommen statthaft. Ein kleiner Besuch, um ihnen zu ihrem Erfolg zu gratulieren – und herauszufinden, wie man so einen Erfolg erzielte.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Zwiebel in ihrer Hand zu, wog sie auf der Handfläche. Die Zwiebel war warm, barg noch die Hitze dieses Tages und der vielen Hände, durch die sie gegangen war. Der Kauf einer Zwiebel war keine große Kunst, im Gegensatz zum Kauf anderer Gemüsesorten. Wenn etwa Tomatenzeit war, lohnte es sich zu warten – den morgendlichen Käuferansturm verstreichen und die übriggebliebenen Tomaten in der Mittagshitze nachreifen zu lassen, so dass sie üppig rot, prall und saftig wurden und die Verkäufer sie abends schließlich nur noch loswerden wollten, egal, zu welchem Preis, da die Tomaten die nächtliche Feuchtigkeit nicht überstehen würden. Dies war der richtige Moment, um sie zu kaufen. Aber mit Zwiebeln verhielt es sich anders; Zwiebeln waren [22] ein robustes, unromantisches Gemüse, dessen Preis sich nicht mit der Tageszeit, sondern saisonbedingt veränderte. Manchmal kostete ein Kilo Zwiebeln fünf Rupien und reichte, wenn man gut wirtschaftete, eine ganze Woche, aber außerhalb der Saison stieg der Preis so stark an, dass man auf Zwiebeln meist verzichtete.
»Kaufst du nun, Schwester, oder nicht? Was ist an dieser einen Zwiebel so besonders?«
Kamala schrak auf. »Entschuldige, Bruder – hier, die nehme ich«, sagte sie und wählte zwei weitere Zwiebeln aus, die sie ihm zum Auswiegen reichte.
Die in Papier eingeschlagenen Zwiebeln landeten bei dem anderen Gemüse in ihrer geflochtenen Plastiktasche. Sie hatte bereits ein halbes Pfund Bohnen, ein paar Kartoffeln, Karotten und zwei Tomaten gekauft. Sie würde ein gehaltvolles Kurma daraus kochen, beschloss sie, mit Kokosnuss, Gewürzen und Öl angereichert, und es ihrem Sohn mit dampfend heißem Reis zum Abendessen servieren.
Auf dem Heimweg kam sie an dem geparkten Wagen vorbei und konnte es sich nicht verkneifen, durch das Fenster hineinzulinsen und dabei den metallenen Türgriff zu berühren – das sollte ihr Glück bringen.
Das Gässchen, in dem sie wohnte, ging von der Straße ab und war so schmal, dass sie mit ausgestreckten Armen die Hauswände zu beiden Seiten berühren konnte. »Halt, halt«, rief sie den Jungs zu, die dort Kricket spielten. »Wartet einen Moment, bis ich vorbeigegangen bin.« Bis vor kurzem wäre ihr Sohn unter den Kricketspielern im Gässchen gewesen, hätte mit ihnen Schelte bekommen, wenn der Ball [23] gegen eine Hauswand knallte, doch mit fortschreitendem Alter hatte er neue Beschäftigungen entdeckt, die ihn weiter wegführten. Momentan war er nirgends zu sehen, doch wenn das Essen fertig war, würde er nach Hause kommen, wie durch den Duft der frisch zubereiteten Mahlzeit herbeigezaubert.
Sie betrat einen kleinen schmalen Hof, um den sich mehrere einstöckige Behausungen drängten. Die größte hatte vier Zimmer, dort wohnte der Vermieter. In der kleinsten, die nur aus einem Raum bestand, war Kamala zu Hause.
Sie stellte die Tasche mit dem Gemüse ab und ging in das Gemeinschaftsbad, um sich Hände und Füße zu säubern. Bis sie schließlich auf der Stufe vor ihrer Tür saß, das gewaschene Gemüse neben sich aufgetürmt, einen Teller und ein Messer vor sich auf dem Boden, war wie üblich auch die Mutter des Vermieters aus dem Haus gekommen, um ihrerseits draußen das Abendessen vorzubereiten. Beim Gemüseschnippeln und Reiswaschen konnten sie schauen, was die andere kochen würde, einander Tipps geben und ein bisschen tratschen.
»Oho!«, sagte die Mutter des Vermieters. »Das wird ja ein richtiges Gemüsefestmahl.«
»Ja, Amma, ich habe ein bisschen das Maß verloren«, sagte Kamala. »Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich meinem Jungen ein schönes Kurma gekocht habe.«
»Kamala-Tochter, er ist in dem Alter, wo er alles Gemüse dieser Welt essen könnte und immer noch hungrig wäre«, sagte die Mutter des Vermieters. »Läuft in der Schule alles gut bei ihm?«
Kamala zog eine Grimasse; einem so klugen Jungen wie [24] ihrem Sohn sollte es eigentlich nicht so schwerfallen, stillzusitzen und zu lernen. »Er würde gut vorankommen«, antwortete sie, »wenn er sich ein bisschen mehr um die Schule kümmern würde.«
»Er ist ein gescheiter Junge«, sagte die Mutter des Vermieters beschwichtigend. »Mach dir keine Sorgen, er wird seine Sache schon ordentlich machen. Er ist gescheit und voller Ehrgeiz.«
Kamala vermochte nicht zu erklären, warum es gerade der Ehrgeiz ihres Sohnes war, der ihr solches Unbehagen verursachte. »Und Ihr werter Sohn, Amma?«, fragte sie. »Geht es ihm gut? Und Ihrer Schwiegertochter auch?« Das war eine heikle Frage, denn die Frau des Vermieters hatte sich kürzlich mit ihrem Mann gestritten und wohnte derzeit bei ihrem Bruder. Der Hof hatte von Geschrei und Türenknallen widergehallt, was für dieses ruhige Paar völlig untypisch war, aber dass sie mit drei erwachsenen Kindern noch einmal ungeplant schwanger geworden war, schien sie beide aus der Bahn zu werfen.
»Den Umständen entsprechend. Nach all den Jahren noch mal schwanger, in diesem Alter! Was sind das doch für Narren!«
Mit Rücksicht auf ihr Gegenüber verlieh Kamala ihrem Vergnügen an dieser späten Leidenschaft keinen Ausdruck, allerdings konnte sie sich eine Bemerkung nicht verbeißen: »Vielleicht lag es am Vollmond, Amma. Gegen den waren nicht einmal Radha und Krishna gefeit.«
Die alte Dame betrachtete sie ungehalten. »Radha und Krishna waren aber nicht alt genug, um selbst schon Großeltern zu sein!« Sie lachte widerwillig. »Na ja, aber ein Kind [25] ist ja immer willkommen. So eine Freude, im Gegensatz zu uns murrenden Alten…«
Abendliche Ruhe senkte sich über den Hof, das Zirpen von Zikaden und Grillen vermischte sich mit den Stimmen aus den anderen Räumen, angenehm nah, angenehm gedämpft. Eine alte Petroleumlampe wärmte Kamalas Raum und erfüllte ihn mit einem sanften gelben Licht, das seltsame Schatten an die Wand warf.
Sie hörte das Quietschen des Hoftors, als das köchelnde Gemüsekurma praktisch fertig war. Der Duft von Gewürzen und Kokosnuss lag in der Luft, und ihr Sohn kam schnuppernd und schnüffelnd wie ein ausgehungerter Welpe herein.
»Nein!«, sagte sie. »Nein! Ungewaschen gibt es keinen Bissen.«
Die Tasse Wasser, die er sich auf Gesicht, Hände und Füße spritzte, war eher ein seiner Mutter zuliebe vollzogenes Ritual als ein ernsthafter Versuch, sich zu säubern; Narayan ließ sich neben Kamala auf den Boden fallen, während sie ihm heißen Reis auf den Teller häufte und die Gemüsesoße darübergab. Zunächst war er zu hungrig, um etwas anderes zu tun, als zu essen, vermischte Reis und Gemüse rasch mit der rechten Hand und schaufelte es sich in den Mund, hielt immer schon die nächste Portion bereit, während er noch kaute. Doch das Funkeln in seinen Augen verriet, dass er Neuigkeiten hatte, und Kamala wartete geduldig, bis er fertig war. Wenn sie ihm beim Essen zusah, verspürte sie unweigerlich eine stille Zufriedenheit.
Tatsache war, und mittlerweile akzeptierte sie das, dass [26] seine Haut, so viel sie ihm auch zu essen geben mochte, nie den üppigen Schimmer besitzen würde, den man bei den Kindern reicher Leute sah, deren Haut von Fleisch unterfüttert und frei vom Staub der Stadt war. Das Brot und der Kaffee, die sie ihm zum Frühstück gab, die drei Rotis mit Pickles, die sie ihm als Mittagessen einpackte, der Reis mit Gemüse, den sie ihm abends kochte, konnten mit den Essensmengen in den Häusern, wo sie arbeitete und wo sich Eier und Fleisch, Chipstüten, Milch und Kuchen in der Küche türmten, nicht mithalten. Sie aßen so viel, diese Kinder, dass aus Wohlgenährtheit nicht selten Fettleibigkeit wurde und der Bauch ihnen über den Gürtel quoll.
Nicht so ihr Sohn. Sein Körper, genau wie ihrer, verwertete jeden Bissen, den er zu sich nahm, ohne dass etwas hängenblieb. Sein Gesicht war hager, und an seinem schmalen Körper zeichneten sich Muskeln und Knochen ab. Aber er hatte Kraft: Er konnte seine Mutter hochheben, sie lachend durch die Luft schwingen, dass sie kreischte. Und er hatte einen regen Verstand, sann stets auf neue Möglichkeiten, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Als er noch jünger gewesen war, hatte sein Einfallsreichtum Kamala entzückt, sie hatte freudig über sein Gekasper gelacht und gefunden, dass er sich positiv von seinen Altersgenossen abhob, besonders wenn sie an diesen phlegmatischen Ganesha von gegenüber dachte, dessen schlammverkrusteter Geist keinen eigenständigen Gedanken hervorbrachte und der auf der Suche nach einer Antwort immer zu seiner Mutter schaute. Doch ebendieser phlegmatische Ganesha war zu einem Jungen herangewachsen, der abends für die Schule arbeitete und seiner Mutter keine Scherereien machte.
[27] »Hast du viele Hausaufgaben auf?«, fragte sie. Ihre Blicke trafen sich, und aus Narayans Augen blitzte ein solcher Übermut, dass ihr ganz flau wurde. Sie sah ihn streng an, versuchte sein Gebaren zu entschlüsseln. Und dann begriff sie. »Du böser Junge!«, schimpfte sie. »Was fällt dir ein! Erzähl mir nicht, dass du schon wieder die Schule geschwänzt hast! Du ungezogener Kerl! Warum tust du das!«
»Schrei nicht, Amma«, sagte er. »Es hatte einen guten Grund. Schau, was ich dir mitgebracht habe.« Er leerte seine Hosentaschen und breitete einen Haufen Münzen und Scheine vor den erstaunten Augen seiner Mutter aus. »Alles für dich. Siehst du?«
»Wo hast du das her? Kind, was hast du da getan!«
Doch Narayan, der geborene Selbstdarsteller, ließ sich nicht hetzen. Er aß die letzten Reste seines Essens. Er spülte seinen Teller ab und stellte ihn zum Trocknen hin. Und als seine Mutter sichtlich kaum mehr an sich halten konnte, setzte er sich und erzählte ihr seine Neuigkeiten.
»Es war Raghavans Idee«, sagte er, was Kamalas Befürchtungen nicht im Geringsten entkräftete. Raghavan war drei Jahre älter als ihr Sohn und ein Kind der Straße. Sein Vater war ein Säufer und seine Mutter noch Schlimmeres, und der Himmel wusste, wie er sich durchgeschlagen hatte. Er war zäh und findig und in Kamalas Augen kein bisschen vertrauenswürdig. Anständige, harte Arbeit war nicht Raghavans Sache; er strahlte eine Art verwegene Leichtlebigkeit aus und redete permanent davon, wie man schnell zu Geld kommen konnte.
Kamala mochte ihn nicht und fand es schrecklich, dass er mit ihrem Sohn befreundet war. Er würde Narayan vom [28] rechten Weg abbringen, dieser Raghavan mit seinen schweren Lidern und seiner Horde nichtsnutziger Freunde, die meinten, dass es reichte, Zigaretten zu rauchen wie ihr Lieblingsfilmstar, um so zu werden wie er. Wenn dieser Star in seinen Filmen irgendwelche Mädchen auf der Straße mit respektlosem, lüsternem Blick angaffte, mussten sie das ebenfalls tun. Und wenn er den korrupten, einen Schlagstock schwingenden Polizisten mit bloßen Händen angriff und besiegte, mussten sie den örtlichen Verkehrspolizisten verspotten und belästigen, der doch nichts weiter tat, als müde an der Ecke zu stehen und den Verkehr gelegentlich fehlzuleiten. Wenn Filme mit diesem Star nahelegten, dass kritische, aufmüpfige junge Damen Säure ins Gesicht gekippt bekommen sollten und geradezu danach verlangten, vergewaltigt zu werden, nickten sie weise. Wenn er einen Armen spielte, der gegen die Autorität der Reichen aufbegehrte, tat er dies zur ungehemmten Begeisterung von Raghavan und seinen Freunden, die nichts davon hören wollten, dass der Schauspieler jenseits der Kameras genauso weich gebettet war wie die Leute, denen er auf der Leinwand die Stirn bot. Kamala fand das alles unannehmbar. Dieses großspurige Jungmännergehabe war nicht nur äußerst respektlos, sondern auch Ausdruck eines grundlegenden Mangels an gesundem Menschenverstand. Warum konnte dieser elende Schauspieler, statt (in seiner letzten Komödie) einen jungen Mann darzustellen, der sich seinen Eltern widersetzte und sich durchschlug, indem er mit einer hübschen jungen Begleiterin Raubüberfälle beging, nicht mal einen jungen Mann spielen, der fleißig lernte und auf seine Mutter hörte und eine Stelle in einem schönen [29] Büro in der Stadt anstrebte? Dann würden all seine betörten jungen männlichen Anhänger es ihm nachtun, und im ganzen Land würden Mütter dankbar Lichter entzünden und junge Mädchen (und Polizisten) erleichtert aufseufzen. Und sollte der Filmstar alle Schuld von sich weisen und sagen, bitte sehr, meine Aufgabe ist es, die Leute zu unterhalten, weshalb erwartet man von mir, dass ich mich verhalte wie ein frommer Tempelpriester, der die Armen segnet, warum dann, fragte sich Kamala und kam damit zum Kern des Problems, warum begriffen solche jungen Idioten wie Raghavan nicht, dass Filme eins waren und die Wirklichkeit etwas ganz anderes? Dummköpfe.
Sie erwartete Narayans Bericht also ziemlich voreingenommen und mit der Befürchtung, er sei auf illegalem Weg an das Geld gekommen.
»Rat mal, wo ich das Geld herhabe, Amma«, sagte er. Aber Kamala war nicht zu Ratespielen aufgelegt, was seinen neusten Schabernack betraf. »Hör auf mit dem Unsinn«, herrschte sie ihn an. »Sag mir sofort, wo du dieses Geld herhast.«
»Von der Straßenecke«, sagte er.
»Was soll denn das heißen, von der Straßenecke? Was hast du da wieder für einen Unfug angestellt? Irgendwann erwischt dich der Polizist noch und verpasst dir eine Tracht Prügel! Und vielleicht wäre das gar nicht das Schlechteste!«
»Nein, Amma, das wird er nicht, keine Sorge. Er weiß, was ich getan habe, und er ist jetzt mein Freund. Jetzt mach dir doch nicht solche Sorgen, es ist alles in Ordnung.«
Er strapazierte ihre Geduld nicht länger und erzählte es [30] ihr: Er hatte den ganzen Tag an Autofahrer, die auf der Hauptstraße vor der Ampel hielten, Zeitungen und Zeitschriften verkauft. »Es funktioniert so«, sagte er. »Der Agent für diese Gegend gibt uns zehn Prozent für jede verkaufte Zeitschrift, für manche sogar fünfzehn oder zwanzig. Und ich kann das richtig gut, Amma, das hat sogar der Polizist gesagt. Schon nach zwei Stunden habe ich genauso viel verkauft wie die älteren Jungs, die das schon lange machen.«
»Und dieser nichtsnutzige Gassenjunge Raghavan hat das auch gemacht? Er hat Zeitschriften verkauft?«
»Ja. Von ihm haben wir überhaupt erst davon erfahren. Aber er ist nach einer Weile gegangen, um sich einen Film anzuschauen. Ich bin den ganzen Tag dabeigeblieben!« Narayan zählte das Geld, das er verdient hatte – es waren fast hundert Rupien. »Siehst du«, sagte er triumphierend. »Wenn ich das jeden Tag mache, Amma, dann kann ich in einem Monat genauso viel verdienen wie du!«
Mit so etwas hatte Kamala nicht gerechnet. Dass ihr Sohn, ihr kleiner Narayan, eine so clevere Verdienstmöglichkeit auftat und darin auch noch so gut war – und sich nicht von diesen Flegeln beirren ließ, die sich ins Kino absetzten. Er hatte da eine beträchtliche, keineswegs vernachlässigbare Summe verdient. Wenn es stimmte, was er sagte, wenn er diese Zeitschriften tatsächlich so gut verkaufen konnte – ihr wurde ganz schwindlig bei der Vorstellung, plötzlich doppelt so viel Geld zur Verfügung zu haben, was eine große Last von ihr nehmen würde. Doch dieser Phantasie folgte unmittelbar eine ernüchternde Überlegung: Wenn sie jetzt zuließ, dass Narayan der Verlockung [31] solcher Einkünfte erlag, dann würde das sein Schicksal besiegeln. Er würde die verhasste Schule auf der Stelle abbrechen und sich damit begnügen, sein Leben lang Zeitungen zu verkaufen. Also keine Schulbildung, kein Englisch, kein Büro.
Sie schwieg noch einen Augenblick, kämpfte selbst gegen die Versuchung des Geldes an. Sie erwiderte den strahlenden Blick ihres Sohns mit einem Lächeln und unterdrückte ihre Unsicherheit. »Das ist ganz wunderbar, was du da getan hast«, sagte sie. »Der kleine Lord Krishna mit all seinem Schalk und seiner Gewitztheit hätte es nicht besser machen können!«
»Morgen werde ich schon ganz früh hingehen«, sagte er, »und noch mehr verdienen.«
»Das kannst du gern tun«, sagte sie. »Und übermorgen auch noch, denn wir haben ja Wochenende. Aber am Montag gehst du wieder in die Schule.«
»Aber Mutter…«, sagte er, ganz fassungslos über ihre Dummheit.
»Nein, Narayan, du kannst nicht dein Leben lang am Straßenrand Sachen verkaufen. Willst du denn nicht richtig Englisch lernen und irgendwann eine Stelle kriegen, wo du viel mehr Geld verdienen kannst?«
»Ich kann Englisch«, sagte er empört und führte es ihr vor: »I speaking English. I speaking English very good.«
Sie lachte. »Siehst du?«, sagte er ermutigt. »Ich muss nicht in diese blöde Schule gehen, um das zu lernen. Ich kann Hindi und Tamil, und sogar ein bisschen Telugu.« Das stimmte – ihr Sohn hatte diese Sprachen im Laufe seines Lebens wundersamerweise absorbiert, sie gleichsam [32] aus der Luft dieser Stadt gesogen, die summte und schwirrte von den Worten der Menschen aus aller Welt, die hier lebten.
Aber auch seine Sprachbegabung stimmte sie nicht um: Narayan musste die Schule abschließen.
[33] 3
Die Einfriedungsmauer seines Hauses ragte weiß, schmucklos und abweisend in die Höhe. Als sie sich den Kauf des Grundstücks endlich hatten leisten können, hatte sich Anand ein kleines, adrettes Haus mit großem Garten vorgestellt und an die altmodischen Bungalows mit Satteldach und diesen typischen Giebeln gedacht, die es in Mysores Stadtteil Lakshmipuram gab, aber seine Frau hatte entsetzt die Hände hochgeworfen, großer Gott, nein, bitte eine moderne Ästhetik!, und da er von diesen Dingen nichts verstand, willigte er ein – und bekam einen Klotz von einem Haus, das für ihre Bedürfnisse viel zu groß war. Ganz gewiss jedenfalls für seine Bedürfnisse: ein übergewichtiges, auskragendes Gebäude, das sich verschämt auf eine zu kleine Fläche quetschte, schier aus den Grundstücksnähten platzte und zu den Nachbarn hinüberquoll, so dass für wenig mehr als eine kleine Rasenfläche vor der Haustür Platz blieb, und das außer Luft und Raum auch noch alles Geld fraß, das er zusammenkratzen konnte. Monat für Monat zahlte Anand gewissenhaft einen Teil des Kredits zurück, mit dem er das Grundstück und den Hausbau finanziert hatte; er schätzte, dass es noch fünf Jahre dauern würde, bis das Haus ihnen ganz gehörte. Und vielleicht noch länger, bis er sich darin wirklich zu Hause fühlte.
[34] Als er eintrat, schien alles ruhig zu sein, bereit für die Nacht, doch der Eindruck trog. Seine Frau kam aus dem Schlafzimmer gestürmt.
»Du kommst doch mit, nein?«, sagte Vidya. »Drück dich ja nicht!« Ihr langes Haar fiel ihr vorn über die Bluse, an seiner gepflegten Glätte war unschwer zu erkennen, dass sie den Nachmittag im Schönheitssalon verbracht hatte. »Erzähl mir jetzt nicht, dass morgen ein wichtiger Tag ist und du nicht mitkommen kannst.«
Anand parierte das mit Würde. »Ich habe morgen tatsächlich einen wichtigen Tag«, sagte er, »aber natürlich komme ich mit. Ich drücke mich nicht.«
»Dann beeil dich«, sagte sie. »Ich bin schon seit einer halben Stunde fertig.«
Anand sah, dass das nicht ganz stimmte, denn während sie die Treppe hinunterging, steckte sie sich große goldene Kreolen an die Ohren. »Ich brauche nicht lang«, sagte er. »Sind die Kinder oben?«
»Ja«, sagte sie. »Valmika muss lernen. Hey, sie hat ein A in der Bioarbeit. Super, nein?… Und hör mal, ich habe Pingu gerade ins Bett gebracht, also bring ihn nicht wieder in Fahrt.«
»Okay«, sagte er und rannte die Treppe hinauf.
Er ging direkt zum Zimmer seines Sohnes. Vyasa lag unter der Decke; Valmika, mit ihren vierzehn Jahren doppelt so alt wie ihr Bruder, saß in einem Schaukelstuhl neben ihm, einen Zeh auf die Bettkante gestützt, schaukelte sanft vor und zurück und las ihm eine Geschichte vor. Anand blieb einen Moment lang in der Tür stehen und beobachtete die beiden, die ganz in die Geschichte vertieft waren, [35] bis sie ihn bemerkten und mit fast dem gleichen Lächeln begrüßten.
Er umarmte seine Tochter. »Ein A in Bio – gut gemacht, yaar!«
»Appa!«, forderte sein Sohn ungeduldig seine Aufmerksamkeit ein. »Ich habe mir heute weh getan. Mama hat mich angeschrien, und Akka hat gelacht.«
Anand gab der Versuchung nach. Er ließ sich neben Vyasa aufs Bett fallen und legte den Arm um ihn. »Wie hast du dir weh getan?«, fragte er. »Und warum hat Mama dich angeschrien?«
»Ich bin beim Kricket hingefallen, und ich war schlecht in der Mathearbeit, deshalb hat Mama mich angeschrien.«
»Und warum bist du hingefallen?«
»Ich bin gerannt und habe versucht, den Ball zu fangen, und da bin ich gestolpert. Und danach hatten wir Mathe. Mein Fuß hat so weh getan, dass ich vergessen habe, für die Arbeit zu lernen, Appa.«
»Und ich habe gelacht«, sagte seine Schwester und stupste ihn mit der großen Zehe an, »weil du ein Schaf bist – du hättest am Tag davor lernen müssen, du Dubbel.«
Anand beschwichtigte seinen empörten Sohn, gab ihm einen Gutenachtkuss und musste gegen das Verlangen ankämpfen, der Erschöpfung nach diesem langen Tag nachzugeben und sich vom Singsang seiner Tochter, die jetzt weiter vorlas, einlullen zu lassen. Seine Kinder: ein enormes Glück, und so leicht erzielt – ein angenehmer, unkomplizierter Akt, und neun Monate später dann wie durch Zauberei eine unglaubliche Freude. Er hatte durchaus damit gerechnet, angesichts der Geburt seines ersten Kindes ein Hochgefühl zu [36] empfinden – war er doch, wie alle, mit den uralten indischen Geschichten über Elternliebe von epischem Ausmaß aufgewachsen: Väter, die starben, als sie von ihren Söhnen getrennt wurden, Mütter, die den stärksten Männern Respekt abverlangten, Töchter, die durch ihre Heirat fortgerissen wurden und das gebrochene Herz ihres Vaters mitnahmen, Eltern, die jene Menschen über endlose Wiedergeburten hinweg mit einem Fluch belegten, die ihren Kindern etwas angetan hatten –, und dennoch verblüffte ihn die Intensität des Gefühls, das ihn erfasste, als man ihm seine Tochter in die Arme legte. Und dann, sieben Jahre und zwei Fehlgeburten später, ein weiteres Mal bei der Geburt seines Sohns. Und noch mehr verblüffte es ihn, dass diese Intensität mit den Jahren nicht abnahm, sondern sich immer wieder unerwartet manifestierte, wenn er zufällig einen Blick auf seine Kinder erhaschte oder ihre Stimmen auf der Treppe hörte und spürte, wie sein Herz sich zusammenzog, wenn er sich, von einem frohen, scheuen Stolz erfüllt, anhörte, was sie in der Schule geleistet hatten, oder wenn er sie wegen irgendeiner Ungezogenheit maßregelte und merkte, wie ein Gefühl der Zärtlichkeit ihn ganz weich werden ließ, noch während er ihnen mit strenger Stimme eine Strafpredigt hielt.
»Appa«, zischte seine Tochter. »Mama kommt.« Die Schritte seiner Frau waren auf der Treppe zu hören, und Anand flitzte zur Dusche und ließ seine kichernden Kinder zurück.
Die Fahrt zu Amir und Amrita war mit zwanzig Minuten relativ kurz, aber unangenehm wegen des zähen, gellend lauten Abendverkehrs. Vidya war mit ihrem Handy [37] beschäftigt, erwiderte die Anrufe und Nachrichten, die ihr tägliches Leben in Gang hielten. Anand war abwechselnd verärgert über den Verkehr und besorgt, ob für die Präsentation am nächsten Tag wirklich alles bereit war.
Die Wohnung in der Cunningham Road lag im Dunkeln, als sie eintrafen. Sie mussten den schlafenden Wachmann wecken, und dann folgten Anand und Vidya dem träge schwankenden Strahl seiner Taschenlampe über einen schmalen Weg zur Rückseite des Gebäudes. Mit ihren hohen Absätzen geriet Vidya auf dem Pflaster ins Straucheln, und Anand reichte ihr die Hand, um sie zu stützen.
»Mein Gott«, sagte sie und umklammerte seine Finger. »Wie konnten die nur ihren tollen Bungalow in Whitefield für diese Wohnung aufgeben. Da verdienen sie tonnenweise Geld mit dem Verkauf ihrer Software-Firma – so viel, dass sämtliche Zeitungen darüber berichten –, und dann ziehen sie in ein Gebäude ohne Generator. Ist ja schön und gut, dass sie ihr ganzes Geld für wohltätige Zwecke spenden, aber sie könnten doch wenigstens in einer anständigen Wohnung wohnen!«
»Sie spenden ja wohl nicht alles, nein?«, sagte Anand. »Nur einen Teil.«
»Widersprich mir nicht ständig«, sagte sie und entzog ihm ihre Hand, als sie vor der Haustür standen.
»Eine unangekündigte Stromsperre«, sagte ihre Gastgeberin lachend, als sie ihnen öffnete. »Achtung, Stufe.« Die Gäste folgten ihr so gut es ging durch die Wohnung, immer ihrer Stimme nach, die sie aufforderte, hier links zu gehen, dort auf das Beistelltischchen zu achten, bis sie durchs Wohnzimmer auf eine kleine Veranda gelangten.
[38] Mochte Vidya auch anderer Meinung sein, für Anand hatte diese Veranda, die auf ein kleines Gärtchen hinausging, einen entspannten, behaglichen Charme, den er in seinem eigenen Haus mit dessen gesuchter, stilvoller Förmlichkeit vermisste. Auf einem langen, niedrigen Tisch standen Kerzen und Weinflaschen durcheinander, auf dem umlaufenden Sofa türmten sich buntbedruckte Kissen. Anand ließ sich neben ihrem Gastgeber Amir, der gedankenverloren eine Gitarre zupfte, in die Kissen sinken.
Er hatte Amir zwar über Vidya kennengelernt, aber sie hatten sich sofort angefreundet; die Ungezwungenheit, die zwischen Amir und Amrita herrschte, griff schnell auf ihre Freunde und Bekannten über. Anand nippte an seinem Whiskey, lehnte sich genüsslich zurück und spürte, wie zum ersten Mal seit Stunden seine Anspannung ein wenig nachließ. Genau so stellte er sich Gastlichkeit vor: zwanglos, unkompliziert, ein paar gute Freunde.
Amir sprach gerade über Hinweisschilder: »Heute bin ich an einer Fußgängerbrücke vorbeigefahren, vor der stand ein Schild: Höchstbelästigung 50Personen. Aber das hat keinen abgeschreckt, die Leute sind eifrig drübergelaufen.«
»›Damenwische‹«, rief Amrita. »Das habe ich gestern an einem Wäschegeschäft gesehen. Und ebenfalls im Sonderangebot: ›Kopfküssen‹.« Sie stellte eine Schale Nüsse und einen Teller mit Kebabs auf den Couchtisch und nahm ihr Weinglas.
»Ach, so ein bisschen Kopfküssen im richtigen Moment ist doch nicht zu verachten«, sagte ihr Mann träge, legte die Gitarre weg und griff nach der Schale mit den Nüssen. »Nehm ich immer gern.«
[39] »Tja, von mir kriegst du nur Damenwische«, sagte Amrita. »Vidya! Wie wär’s mit einem Drink?«
Vidya klappte ihr Handy zu. »Sorry«, sagte sie, setzte sich auf ein Kissen und streifte ihre hochhackigen Sandaletten ab. »Diese ewigen Anrufe sind wirklich eine Plage… So ein Abend wie jetzt tut so gut! Echt entspannend.«
»Hier, bitte«, sagte Amir.
»Mmh!« Vidya nippte an ihrem Wodka Tonic, stellte das schwitzende Glas dann aber auf dem Tisch ab, als ihr Telefon klingelte. »Oh, das ist Pingu. Ja, Schätzchen? Du kannst nicht schlafen?… Ja, ich bin bald wieder da, mach einfach die Augen zu und denk an was Schönes… Akka ist da, aber stör sie nicht, ja? Sie muss lernen…«
»Wen erwartet ihr denn noch?« Anand glaubte die Antwort zu kennen, aber er konnte sich die Frage nicht verkneifen.
»Noch ein Pärchen«, sagte Amir. »Kollegen aus unseren Software-Tagen, nette Leute. Und Kavika. Ich habe sie kaum gesehen, seit sie wieder da ist – freu mich schon drauf.«
Anand sah sich rasch um. Vidya war wieder mit irgendeinem Anruf, irgendeiner Nachricht beschäftigt. »Was macht Kavika denn hier? War sie nicht bei der UNO?«
»Ja, und sehr erfolgreich«, sagte Amrita. »Aber sie hat die Stelle aufgegeben und ist jetzt mit ihrem Baby wieder hier. Ihrem kleinen Kind, vielmehr. Sie lotet gerade ihre Möglichkeiten aus, aber jetzt hilft sie mir erst mal beim Fundraising für dieses Stipendienprogramm für unterprivilegierte Schulkinder.« Sie klopfte Anand aufs Knie und lächelte. »Vielen Dank übrigens für deine Spende. Das war sehr großzügig.«
[40] Er tat das verlegen ab und fragte stattdessen: »Ist sie länger hier?«
»Ich hoffe es«, sagte Amrita. »Sie ist klug. Witzig. Ziemlich unkonventionell, aber sie hat das Herz am rechten Fleck.«
»Mein Gott.« Amir musste lächeln, als er an früher zurückdachte. »Wir waren eine richtige Rasselbande damals, haben die Nachbarschaft unsicher gemacht, wir alle – Kavika war ein richtiger Rabauke, so wie mein Bruder, Kabir… Vidya war wohlerzogener, das weiß ich noch. Einmal haben Kabir und Kavika Harry Chinappa die Zigaretten geklaut und sie unter meinem Kopfkissen versteckt… Ammi hat mir dermaßen den Hintern versohlt! Meine Güte. Wer hätte gedacht, dass sie so einen Bizeps hat!«
Amrita schüttelte missbilligend den Kopf, und Anand lachte schallend. Amirs Mutter war für ihre Milde und Sanftmut bekannt. Vidya schaltete sich ein. »Ach, die Zigarettengeschichte! Echt witzig! Unsere Eltern haben alle getobt!« Sie schwenkte ihr Handy. »Kavika müsste in ein paar Minuten hier sein.«
Er war ihr schon einmal begegnet, an einem Abend bei seinem Schwiegervater in der Woche zuvor. Sie hatte eine Kurta von Fabindia getragen, die ihr bis zu den Knien reichte, und ein vierjähriges Mädchen hatte sich schläfrig in ihren Schoß gekuschelt. Lächelnd und plaudernd hatte sie auf dem Chintzsofa gesessen, zwischen Ruby Chinappa und einem anderen Gast eingeklemmt wie eine dünne Scheibe Wurst zwischen den weichen rundlichen Hälften eines Brötchens. Anand hatte kaum etwas gesagt.
[41] »Du wirst es nicht glauben!«, war Vidya aufgeregt herausgeplatzt, als sie gerade frisch davon erfahren hatte: Nach jahrelanger Abwesenheit und einer glamourösen internationalen Karriere, während der jeglicher Kontakt zu ihren alten Kindheitsfreunden versiegte, war Kavika zurückgekommen – mit Kind, aber ohne Ehemann, und es hatte, das war das eigentlich Interessante, offenbar auch nie einen gegeben. »Mein Gott, kannst du dir das vorstellen!«, hatte Vidya zu Anand gesagt. »Kannst du dir das vorstellen! Gott, yaar! Ich fasse es nicht, dass ihre Mutter kein Wort davon gesagt hat.« Aber Harry Chinappa hatte Kavika, womöglich aus Achtung vor ihrer Mutter, alsbald für salonfähig befunden, und Vidya war ihm darin sogleich gefolgt. Das alles betraf Anand nur am Rande, und er hatte keinen weiteren Gedanken darauf verwendet – bis er Kavika zum ersten Mal begegnete und irgendein beiläufiger Kommentar von ihr, belanglos, humorvoll, ihn überraschte und sein Interesse weckte.
Heute Abend war sie deutlich legerer gekleidet, sie trug ein weißes Tanktop und eine weite Baumwollhose, deren Muster sich nur unwesentlich von dem der Kissen auf der Veranda unterschied. Sie war schlank, großgewachsen, hatte einen schmalen Oberkörper, und ihr graumeliertes Haar war ganz kurz geschnitten, geradezu militärisch, so dass ihr Gesicht, das weit jünger aussah, als es ihren fünfunddreißig Jahren entsprach, noch markanter wirkte. Sie hatte sich ein dünnes dupatta um den Hals geschlungen, das die nackten Schultern frei ließ.
Sie setzte sich im Schneidersitz auf ein Kissen, ihre Sandalen hatte sie in eine Ecke geschleudert. So nah saß sie bei [42] ihm, dass er sich hätte hinüberbeugen und sie berühren können. Anand war sich der Anwesenheit seiner Frau und der anderen Leute auf der Veranda bewusst, des anderen Paars, das eben gekommen war, Amirs, der Drinks einschenkte, ehe er sich wieder in die Unterhaltung zwischen Kavika und Amrita einklinkte. Anand setzte eine Miene höflicher Gleichgültigkeit auf, und vielleicht übertrieb er es ein bisschen, denn irgendwann hörte er Vidyas Stimme an seinem Ohr: »Mein Gott, versuch doch wenigstens, so zu tun, als würde dich das alles interessieren!«
»Ich kann es kaum glauben, Amir, dass ich es zu euch geschafft habe, ohne irgendjemanden schmieren zu müssen«, sagte Kavika gerade. »Ich habe die ganze Woche nichts erledigen können, ohne dass irgendjemand Bakschisch von mir wollte! Echt verrückt.«
Im Kerzenschein schimmerte ihre Haut und rötete sich manchmal sanft, wenn sie lachte. Soweit er es erkennen konnte, trug sie kein Make-up.
»Ja, es ist wirklich verrückt« – Amir stieg freudig in eines seiner Lieblingsthemen ein –, »und der erste Schritt, um daran etwas zu ändern, besteht darin, dass Leute wie wir keinerlei Schmiergelder mehr zahlen. Weder die fünfzig Rupien an den Störungssucher, damit er die Leitung repariert, noch die paar hundert für eine Kopie unseres Trauscheins, ganz zu schweigen von größeren Summen…«
»Na, das ist ja mal eine ganz neue Idee«, sagte Kavika und wich der Erdnuss aus, die Amir nach ihr warf.
»Aber im Ernst, Amir«, sagte Anand, »in der Theorie ist das ja schön und gut. Aber du weißt genauso gut wie ich, dass es manchmal einfach nicht ohne geht. Sonst rühren [43] diese Mistkerle keinen Finger.« Kaum waren die Worte über seine Lippen gekommen, ließ er sich auf den Rücken sinken und schloss reumütig die Augen. Jetzt würde er Amirs »Sei Teil der Lösung, nicht Teil des Problems«-Vortrag über sich ergehen lassen müssen.
Und so war es.
»Sagt mal«, fragte Anand, nachdem er eine Weile brav zugehört hatte, »geht ihr eigentlich zu diesem Konzert nächste Woche?«
»Ja! Du auch?… Super!« Amir war abgelenkt.
Irgendwann fiel Anands Blick auf seine Uhr, und er rappelte sich hoch. Er hatte den Gastgebern schon vorher gesagt, dass er früher gehen musste. Vidya blieb noch, Kavika würde sie nach Hause fahren.
»Ist das in Ordnung für dich?«, fragte Anand. »Es liegt ja nicht gerade auf deinem Weg…«
»Kein Problem«, sagte Kavika fröhlich. Er erwiderte ihr Lächeln verlegen. Vidya, merkte er, sah ihm mit gerunzelter Stirn nach, als er die Party verließ.
Zu Hause begab er sich geradewegs in das kleine Büro im Erdgeschoss, das seine Frau als »das Arbeitszimmer«, er hingegen als »meins« bezeichnete. Dies war sein Revier. Der einzige Winkel im Haus, den er für sich beanspruchte und tapfer gegen alle und jeden verteidigte; hier breitete er seine Papiere aus, wie es ihm gerade passte, oder machte es sich auf dem langen Sofa bequem, und er verbot den Hausmädchen staubzuwischen, selbst auf den Regalen, die Vidya mit in glänzendes Leder gebundenen Büchern gefüllt hatte, Büchern, die er keines Blickes würdigte. Sie hatten für die [44] Inneneinrichtung keinen teuren Profi herangezogen; Vidya hatte sich ein paar Bücher zum Thema besorgt und wollte ein bisschen experimentieren. Ihre gemeinsamen Freunde lobten das Ergebnis ihrer Bemühungen; Vidya hatte kurz davon gesprochen, so etwas beruflich zu machen, und dann das Interesse verloren.
Am Schreibtisch klappte Anand seinen Laptop auf und klickte die Präsentation für den nächsten Tag an. In seinem Kopf ging es drunter und drüber, sehr zur Unzeit, er konnte sich nicht konzentrieren.
Die Tür des Arbeitszimmers wurde geöffnet. »Aha! Ich dachte doch, dass ich dich habe heimkommen hören.« Valmika linste herein.
»Hallo Kutty«, sagte er lächelnd und hatte prompt den Kopf wieder frei. »Fertig mit den Hausaufgaben?«
»Mhm.« Valmika schlenderte zum Sofa. »Ich hasse Physik. Und die Physik hasst mich.«
»Pingu schläft?«
»Ja.« Sie sah die Ordner und den aufgeklappten Laptop auf dem Schreibtisch. »Arbeitest du noch?«
»Ja. Ich habe morgen ein paar wichtige Besprechungen, Valmika.« Als er ihren fragenden Blick sah, erläuterte er: »Wir kriegen Besuch in der Fabrik, und wenn alles gut läuft, können wir vielleicht ins Exportgeschäft einsteigen.«
»Appa! Das ist ja toll! Erfährst du gleich morgen, ob es klappt?«
»Nein, Kutty.« Er lächelte über ihre Freude. »Das wird ein paar Monate dauern… Es ist völlig offen… Aber man muss seine Vorbereitungen treffen.« Sie gähnte ausgiebig. »Müde? Du solltest schlafen gehen. Es ist schon spät, nein?«
[45] »Ja. Stimmt. Wenn Newton sich unter eine Kokospalme gesetzt hätte statt unter einen Apfelbaum, müssten wir nicht diese dämlichen Gesetze lernen, denn die Kokosnuss hätte ihn erschlagen. Und das wäre gut so gewesen. Bleibst du noch lange auf?«
»Wahrscheinlich schon.«
»Wenn morgen ein wichtiger Tag ist, Appa«, sagte sie und wiederholte, was sonst er am Abend vor einer Klassenarbeit zu ihr sagte, »solltest du früh schlafen gehen, damit du morgen frisch und ausgeruht bist!«
Er lachte. »Gute Nacht, Laddu.«
Um Mitternacht schlug die Haustür zu; hastig, stirnrunzelnd, blickte er auf seinen Laptop.
»Ich kann es nicht fassen, dass du so früh gegangen bist.« Es schien Vidya nicht zu beeindrucken, dass er gedanklich offenkundig ganz woanders war. Sie setzte sich aufs Sofa und zog ihre Sandaletten aus. Ihr Make-up war etwas in Mitleidenschaft gezogen, der Eyeliner an einem Augenwinkel verschmiert, der Lippenstift bis auf einen leuchtend rosafarbenen Rand abgerieben. »Und dass du gesagt hast, du zahlst Schmiergelder…«
Ich versuche es zu vermeiden, sagte Anand.
»Ich habe mich heute Abend länger mit Kavika unterhalten… Was die alles gemacht hat! Ich finde sie umwerfend. Morgen treffe ich mich mit ihr.«
Er wandte die Augen nicht vom Bildschirm. Schön, sagte er. Das ist schön.
Sie sah ihn mit kritischer, forschender Miene an. »Hey, ich weiß, was mit dir ist. Ich weiß, warum du so früh [46] gegangen bist. Es ist wegen Kavika, stimmt’s?« Das kam mit unangenehmer, unerwarteter Deutlichkeit.
Er blickte auf, wagte aber nicht zu antworten.
»Weißt du, Anand«, sagte seine Frau. »Es ist völlig in Ordnung, eine starke und unabhängige Frau zu sein, so wie sie. Du solltest lernen, damit umzugehen.«
[47] 4
Am nächsten Morgen war Narayan schon vor Kamala fertig. Er schlang Brot und Kaffee herunter und erklärte ihr stolz, sie müsse ihm kein Mittagessen einpacken. »Ich kauf mir was«, sagte er. »Mit dem Geld, das ich verdiene.«
Iss etwas Stärkendes, wollte sie sagen. Überanstreng dich nicht. Mach keine Dummheiten. Pass auf dein verdientes Geld auf, gib nicht alles für irgendeinen Unsinn aus. Aber sie sagte nichts davon und sah ihm nach, als er davonrannte.
Sie drehte sich um, wollte die Tür abschließen und hielt mit grimmigem Blick inne. Der Abfallhaufen war immer noch da. Unbekümmert lag er an der Wand neben ihrer Tür wie ein Gast, der keinerlei Anstalten macht zu gehen. Er war schon am vorigen Tag da gewesen – und war immer noch da. Ja er war über Nacht sogar eindeutig größer geworden.
Sie hörte sie nebenan reden, ihre Nachbarn, im liebevollen Tonfall Frischvermählter, der allerdings im Handumdrehen in Gezank und Geschrei umschlagen konnte, das durch den Hof hallte und alle anderen störte. Sie überlegte, ob sie gegen die Tür hämmern sollte. Doch genau in diesem Moment, wie durch Kamalas Ärger hervorgelockt, tauchte die frischgebackene Ehefrau auf, äußerst schlampig [48] gekleidet, mit ungewaschenem Gesicht, ungekämmtem Haar und in einem dünnen Polyesterkaftan, unter dem sich die Hügel und Mulden ihres Körpers freizügig abzeichneten.
»Wofür halten Sie mich eigentlich«, sagte Kamala sofort, »für Ihr Hausmädchen?«
Die junge Frau wirkte überrascht, wie jedes Mal, wenn Kamala sie schalt. »Warum schreien Sie denn schon wieder, alte Frau?«, fragte sie, eine echte Frechheit in Anbetracht von Kamalas Alter. »Wer hält Sie hier für irgendwas?«
»Glauben Sie, ich räume Ihnen hinterher?«
»Das ist doch nur ein bisschen Schmutz. Ich räume ihn nachher weg. Ganz sicher.«
»Machen Sie es jetzt«, sagte Kamala, wohlwissend, dass das nicht geschehen würde. Sie schloss ihre Tür ab und legte den Schlüssel unten in die geflochtene Plastiktasche. »Wie oft soll ich das eigentlich noch sagen. Jetzt sofort.«
Die junge Frau gähnte Kamala an, sie hatte den Abfall bereits vergessen. »Sagen Sie Ihrer Freundin Thangam, dass ich das Geld jetzt habe.«
»Sagen Sie es ihr selbst«, erwiderte Kamala und ging verärgert weg.
Trotz der gelegentlichen Irritation durch unliebsame Nachbarn war ihr Zuhause für ihre Bedürfnisse ideal. Der kleine Raum war lindgrün gestrichen, und auch wenn die Farbe mit der Zeit etwas verblasst war und hier und da Flecken aufwies, hatte sie immer noch etwas Fröhliches. Kamalas Habe war ordentlich an der einen Wand gestapelt: zwei zusammengerollte Schlafmatten, ein Kerosinkocher, Kochgeschirr aus Aluminium, außerdem gab es ein paar Regalbretter für die Kleider. Schon vor Jahren hatte Kamala [49] das winzige Fenster mit Plastikfolie abgedeckt; dadurch staute sich zwar manchmal der Rauch vom Kochen im Zimmer, aber zugleich wurden die indiskreten Blicke neugieriger Passanten draußen im Gässchen abgewehrt, was für Kamalas Seelenfrieden wichtiger war.
Im Hof gab es einen Wasserhahn; außerdem teilten sich die Anwohner ein Bad und eine Toilette. Das klappte gut, solange man seine Wasch- und Toilettengewohnheiten mit denen der Nachbarn und mit der Wasserversorgung abstimmte – offiziell gab es morgens und abends jeweils eine Stunde lang Wasser, manchmal jedoch, wenn es der Stadtverwaltung gerade einfiel, auch nur kürzer. Natürlich gebot die Etikette, dass der Vermieter und seine Familie die sanitären Anlagen als Erste benutzen durften, aber sie waren brave Leute, die sich der stummen, ungeduldigen, hinter den geschlossenen Türen im Hof nur unzulänglich verborgenen Warteschlange bewusst waren, und trödelten nicht unnötig herum.
Kamalas Arbeitsplatz lag einen kurzen, flotten Fußmarsch entfernt, außerhalb dieses Dorfes, das unerklärlicherweise mitten in der expandierenden Stadt fortbestand. Zehn Jahre zuvor hatte das Dorf noch auf freiem Feld gelegen, jetzt wurde es von Vorstädten, Kleinindustrie und dem Baustellenlärm der entstehenden Schnellstraße bedrängt. Von der Stadt vollständig einverleibt, hatte sich der ruhige ländliche Weiler in einen städtischen Slum verwandelt, von Arbeitern wimmelnd, die in den Wohnhäusern und industriellen Betrieben ringsum beschäftigt waren. Die ungeteerte Straße weitete sich an ihrem Ende zu verblüffender asphaltierter Pracht. Der Übergang von Schmutz zu üppiger [50] Vororteleganz war jäh und markant, nur eine Abflussrinne bildete die Grenze. Hier: Chaos. Dort: das Wohnviertel ihrer Dienstherrin – großzügige, sorgfältig geplante Bungalows mit gepflasterten Bürgersteigen davor, von Mauern und Gärten und Wachleuten umgeben; Häuser, die so groß waren, dass sie die üblichen Slumproportionen umkehrten: Statt einen Raum für vier Menschen schien es hier vier Räume pro Hausbewohner zu geben.
»Namaste, Schwester«, sagte der Wachmann, als sie sich dem Tor näherte. »Spät dran heute Morgen, hm?«
»Oh, wirklich?«, fragte sie besorgt. Sie besaß keine Uhr, und mit der Zeit war das so eine Sache, mal dehnte sie sich aus, mal zog sie sich zusammen, glitt in diese oder jene Richtung, so dass Kamalas Einschätzung nie mit der Realität übereinstimmte.
»Nein«, sagte der Wachmann in einer Anwandlung von Freundlichkeit, »ich glaube nicht. Mach dir keine Sorgen.«
Sie eilte über einen kleinen Seitenweg zum Hintereingang der Küche und stellte ihre Gummisandalen auf das dafür vorgesehene Regal. Ihr Blick huschte als Erstes zur Wanduhr: Nein, habba, alles in Ordnung.
»Ah, Schwester, da bist du ja!« Thangam saß im Schneidersitz auf dem Mosaikboden der Küche, das Rechnungsbuch, das sie immer bei sich trug, aufgeschlagen im Schoß. »Komm her, hör dir das an!«
»Was ist denn?«
»Sch! Hör einfach hin! Diese dumme Gans ist hochgegangen und hat um Geld gebeten – mit den üblichen Folgen…«
Laute Stimmen hallten durchs Treppenhaus herunter, [51] Argument und Gegenargument; Verärgerung, bittender Kontrapunkt.
