Die Farben der Schmetterlinge - Stephanie Wismar - E-Book

Die Farben der Schmetterlinge E-Book

Stephanie Wismar

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Beschreibung

Max und Sarah sind glücklich. Ihr Leben verläuft so, wie sie es sich stets erträumt hatten. Beide gehen gut bezahlten Jobs nach, sie führen eine glückliche Ehe in ihrem traumhaft gelegenen Landhaus und haben eine wundervolle Tochter. Sich am Ziel ihrer Träume wähnend, trifft die Familie ein harter Schicksalsschlag, welcher ihr Leben für immer verändert. Ein Kampf, der Max alles abverlangt beginnt und sein Ausgang ist dabei mehr als ungewiss.

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Seitenzahl: 442

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Stephanie Wismar

Die Farben der Schmetterlinge

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Farbe der Schmetterlinge

Kapitel 2

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Impressum neobooks

Die Farbe der Schmetterlinge

„Liebe Gemeinde, es ist ein trauriger Grund, der uns am heutigen Tage hier vereint. Es ist schwer, in Worte zu fassen, welche Gefühle uns durchströmen und uns in ihrer Wucht ungläubig; ja gar ohnmächtig zurücklassen. Wir alle haben jemanden verloren. Eine Tochter; eine Freundin; eine Wegbegleiterin; eine Schülerin; ein Mitglied unserer Gemeinde. Aveline Keben wurde nur acht Jahre alt. Sie kam bei einem tragischen Unfall vor einer Woche ums Leben. Viel zu früh ist sie von uns gegangen. Jeden Tag spüren wir schmerzlich ihr Fehlen in unserer Mitte. Ich persönlich kannte die kleine Ave schon, seit sie ein Baby war. Sie war ein lebhaftes Kind. In der Sonntagsstunde, die für die Kinder der Gemeinde im Anschluss an die Sonntagsandacht stattfindet, brachte sie sich stets mit bereichernden Worten ein. Nun ist sie nicht mehr bei uns. Der Herr hat sie in seine behütenden Arme geholt. Zurück bleiben wir, in unglaublicher Trauer, verbunden in unserem Verlust. Also lasset uns nun zusammen in Schweigen ihrer Gedenken und sie in uns in Erinnerung behalten, wie sie war: Lebhaft, fröhlich, voller Glückseligkeit.“

Es war ein regnerischer Tag, an dem es regelrecht aus den Wolken schüttete. Genauso trüb wie Himmel und Wetter, war auch meine Stimmung. Vorne auf den Treppen zum Altar stand ein großes Bild von meiner Prinzessin mit einem Blumenkranz geschmückt. Sie lächelte uns entgegen. Der Wind durchspielte auf diesem Foto ihr schwarzes, glänzendes Haar. Sie trug ein Kleid mit vielen bunten Blumen darauf, welches soweit ich mich erinnere, eines ihrer Lieblingskleider gewesen ist. Die Sommersprossen gaben ihrem strahlenden Antlitz noch einen frechen Hauch. Sie war perfekt, dachte ich, während das Lied, welches ich zusammen mit meinen Schwiegereltern ausgesucht hatte, aus den Lautsprechern spielte. Ich habe bis jetzt noch nicht geweint. Sollte ich nicht weinen? Die komplette letzte Woche war geprägt von Tränen. Ein kurzes Lächeln huschte über meine Lippen, bei den Erinnerungen, die einem Vagabunden gleich, auftauchten und wieder verschwanden, wie es ihnen gefiel.

„Paps“, eröffnete Ave eines Tages, nachdem sie stundenlang aufgelöst war, wegen des Umzugs einer guten Freundin, „ jetzt hab ich mich leer geweint.“

So fühlte ich mich auch gerade. Meine Augen schienen keine Tränen mehr heraus zu bekommen. Merkwürdig, wie die Erinnerung mir genau in diesem Moment einschoss. Um mich herum, ein Meer aus Taschentüchern, Tränen und Schluchzern. Alle waren gekommen. Ihre Lehrer und Mitschüler, ihre Familie, Freunde, Menschen aus der Gemeinde, die meine Prinzessin gut kannten. Nur eine Person fehlte. Die wohl Wichtigste, von der jeder die Anwesenheit erwartet hätte. Sarah. Die eigene Mutter kam nicht zur Beerdigung ihres Kindes. Heute Morgen hatte ich stundenlang mit Engelszungen auf sie eingeredet. Ich hab sie bekniet und angefleht, mich zu begleiten. Es half alles nichts. Ihr Blick war leer. Ihre Augen ignorierten mich ebenso wie ihre Ohren. Seit dem Tag, an dem Aveline gestorben ist, liegt sie oder sitzt sie apathisch irgendwo im Haus herum. Das Sprechen hat sie weitestgehend eingestellt. Eine Antwort zu erhalten, glich einem Gewinn in der Lotterie. Selbst ihre Mutter setzte alles daran, dass ihre Tochter mitkam. Derzeit drang jedoch niemand zu ihr durch. Und als es zwölf wurde, kam ich nicht drum herum alleine loszufahren, damit ich nicht zu spät kam. Die Anwesenheit bei der Beerdigung eines Menschen ist die letzte Ehrerweisung, die man ihm machen kann, bevor er der Erde übergeben wird. Ich konnte nicht glauben, dass sie dies unserer Ave ausschlug. Die Musik verklang leise und die Stimme des Paters riss mich aus meinem Gedankenstrom.

„Ich möchte nun das Wort an diejenigen übergeben, die selbst noch etwas sagen wollen, allen voran an Max, den Vater von Ave. Max, ich bitte Sie nach vorne, Sie haben das Wort.“

Ich erhob mich von der Bank, und machte mich auf den Weg zum Altar. Meine Kehle war auf einen Schlag trocken. Zudem fühlte es sich an, als würde ein dicker Kloß in meinem Hals sitzen. Ich hatte mich gut vorbereitet; wenn man denn für sowas überhaupt, in irgendeiner Weise vorbereitet sein kann, aber jetzt vor allen zu sprechen schien mir eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Ich blickte in ihre wundervollen blauen Augen, als ich die Stufen emporstieg. Sie sah mir ins Gesicht, lächelte mir ermutigend zu. Wohlwissend, dass es nur ein Abbild ihrer war, gab es mir eben jenes Gefühl, dass Gefühl ich würde es schaffen können. Mein Blick hob sich und ich sah den weißen Sarg. Sie lag da. In meinem Kopf fing es an, sich zu drehen. Hitze-, und Kältewellen durchströmten mich. Ein Teil von mir wollte nicht hineinsehen, aus Schutz vor dem schlagartig eintretenden Schmerz, der unweigerlich folgen würde, doch der andere Teil musste sie einfach sehen. Ein letztes Mal. Danach würde sie nur noch in meiner Erinnerung und auf Fotos existieren. Ich blieb einen Moment stehen. Stille füllte die ganze Kirche. Dann schritt ich auf mein Spätzchen zu, welches ich zuletzt in dieser kalten, gekachelten Halle im Krankenhaus gesehen habe, lediglich bedeckt von einem weißen Laken. Sämtliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und ich weiß noch, wie ich dachte, sie müsse unheimlich frieren. Ich stand völlig neben mir, wie bei einem Film. Man ist außenstehender Beobachter, jedoch nicht selbst betroffen. Keine Ahnung wie, doch in der unendlichen Leere die in mir war, fingen meine Arme Sarah auf, die schlagartig zusammensackte und ein ohrenbetäubender Schrei, der einem durchs Mark ging, hallte von allen Wänden wieder.

Nun stand ich vor ihr. Aveline, in ihrer atemberaubenden Schönheit. Sie wirkte wie Dornröschen, als würde sie nur schlafen. Sie trug ein langes weißes Kleid, ihre Wangen hatten einen zarten rose´ Ton. Ihre Lippen waren leicht rot. Ihre sonst langen glatten schwarzen Haare, waren lockig frisiert und ein Kranz aus Blüten krönte sie. Sie sah aus wie eine Prinzessin. Ihr weißer Holzsarg war aufwendig gestaltet. Eine Blumenwiese zierte ihn, über die ein Schwarm Schmetterlinge hinwegflog. Das Bild war hineingeschnitzt und bemalt. Es passte zu ihr. Meine Hand zitterte, während ich ein allerletztes Mal ihre Wange streichelte. Meine zuvor vermissten Tränen schossen mir in die Augen. Einen Moment stütze ich mich ab, vergrub mein Gesicht in der freien Hand und betete nicht zu fallen. Der Pater war schon unbemerkt an mich herangetreten, als mir ein lautes Schluchzen tiefsten Schmerzes entfuhr.

„Max, wenn Sie wollen, kann ich ihren Teil übernehmen. Es ist nicht schlimm. Jeder kann das verstehen, sollten Sie sich nicht in der Lage fühlen dies zu tun“, flüsterte er mir sanft zu. Eine seiner Hände berührte meine Schulter. Diese Geste sollte beruhigend wirken, doch in diesem Moment gab sie mir keine Stärke. Im Gegenteil. Sie sorgte dafür, dass mein aufgewühltes Gemüt dem nahenden Nervenzusammenbruch noch näher kam. Pater Andrew Phillis war seit unseres Kennenlernens zu einem engen Freund der Familie geworden, und für mich im Speziellen zu einer Art Vater. Er hatte Ave getauft, er war bei unserer Hochzeit dabei, er wurde zu sämtlichen Feierlichkeiten eingeladen. Wir zwei hatten einen besonderen Draht zueinander. Ich wusste, ich konnte immer zu ihm kommen. Egal was es war. Er gab mir das Gefühl, dass es ihn wirklich interessierte, was mich bewegte oder mir Sorgen bereitete. Das hätte ich mir von meinem Vater gewünscht, den stets nur die Leistungen interessierten, die ich erbrachte. „Ist ok. Ich brauchte nur einen Moment, danke Pater.“

Ein seichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Ich setzte meinen Gang zum Rednerpult fort, während Pater Andrew hinter mir zurückblieb. Ich blickte auf. Mir war gar nicht klar, wie viele Menschen gekommen waren, um Anteil zu nehmen, und sich von meinem Spätzchen zu verabschieden. Die Bänke der Kirche waren gefüllt. Der dicke Kloß im Hals war prompt wieder da. Es schnürte mir die Kehle zu. Die Worte auf meinem Zettel, waren sie die Richtigen? Waren sie geeignet, auszudrücken, was ich fühle? Sie kamen mir lächerlich unbedeutend vor in diesem Augenblick. Ich kämpfte gegen die Enge in meiner Kehle an und die ersten Worte drangen, wenn auch sehr dünn aus meinem Mund.

„Heute ist einer der schwersten Tage in meinem Leben. Ich war nie ein emotionaler Mensch. Rationalität lag mir stets mehr als Gefühlsduselei. Vor zwölf Jahren lernte ich Sarah kennen und es dauerte gut zwei Jahre, bevor aus Freundschaft Liebe entstand. Nach weiteren zwei Jahren dann, wurde sie schwanger. Ich hatte Angst. Eigentlich wollte ich zuvor noch so viel erleben. Vater zu werden, zu diesem Zeitpunkt, passte nicht in meine Vorstellungen. Je näher also der Entbindungstermin rückte, desto panischer wurde ich. Die Angst etwas zu verpassen durch diese immense Verantwortung einem Kind gegenüber, ließ für mich die Gedanken an eine Trennung aufkommen. Ich wollte am liebsten weglaufen. Alles würde anders werden mit der Geburt. So dachte ich. Trotz der inneren Panik blieb ich und der Tag der Entbindung kam. Sarah bekam Wehen und ich fuhr mit ihr ins Krankenhaus. Die Schmerzen standen ihr ins Gesicht geschrieben. Sechzehn lange Stunden zog sich der Geburtsprozess hin, und dann.......“, ich musste schlucken und eine Träne rollte mir über die Wange, „ ertönte der Schrei. Sie war da. Und von da an, dem Moment, in dem ich sie zum ersten Mal sah, wusste ich, was die Leute meinten, wenn sie von Liebe auf den ersten Blick sprachen. Dieses kleine Wesen war perfekt. Ein Blick. Mehr war nicht nötig. Ich wusste, dass ich nie jemanden zuvor so geliebt hatte, und auch nie wieder jemanden so lieben würde, wie unseren kleinen Engel. Meine Befürchtungen waren verschwunden. Die Angst vor einem Leben mit einem Kind, wich der Angst, sie wieder zu verlieren. Dass meine schlimmsten Befürchtungen, sich jemals bewahrheiten würden, hätte ich nie zu denken gewagt. Kein Elternteil sollte den Schmerz spüren müssen, den der Tod seines Kindes mit sich bringt. Niemand sollte ein Kind zu Grabe tragen. Der Tag, an dem unsere kleine Ave starb, war der, an dem ein großer Teil von mir ebenfalls aufhörte zu leben. Ohne sie weiterzumachen ist eine Qual. Jeden Moment zu Hause, wartet man sehnsüchtig auf ein Lachen, das Geräusch trappelnder Kinderfüße, die unsere Treppe hinunter sausen. Bis die bittere Erinnerung eintritt. Der Gedanke an ihren Tod. Dann realisiert man die Absurdität des Wartens. Es ist nichts mehr als das reine Sehnen des Herzens nach diesem einem Menschen, der einem alles bedeutet hat.“

In den Händen hielt ich einen Brief, adressiert an Aveline. Ich öffnete ihn. Meine Augen lasen die ersten Zeilen, die sogleich verschwammen. Mehr und mehr Tränen bahnten sich ihren Weg. Ich konnte nicht vorlesen. So sehr ich es wollte. Meine Kraft verließ mich. Es war zu viel. Die Endgültigkeit war kaum ertragbar. Der Pater reichte mir ein Taschentuch. „Ich kann das für dich tun, wenn du es möchtest. Es ist in Ordnung.“ Nach kurzer Pause entschied ich mich, zu den Trauergästen zu gehen und dem Pater die Verlesung meines ersten und letzten Briefes an Ave zu überlassen. Ich vermochte beim Gang zur Sitzbank kaum aufzuschauen, doch ein kurzer Blick verriet mir, dass ich mit meinen Gefühlen nicht alleine war. Meine Knie waren weich und ich war froh, die Möglichkeit zu haben, jetzt zu sitzen, ehe sie nachgaben.

Ich sah zum Altar, wo Pater Andrew, einem Felsen in der Brandung gleich, den Platz, an dem ich eben noch gestanden hatte, einnahm.

„Bevor wir uns gemeinsam auf den Weg in Richtung Blumenwiese machen zur Beisetzung, möchte ich zum Abschluss nun den Brief vorlesen, der Ave von Max geschrieben wurde.

‚ Meine liebste Aveline, mein wundervolles Mädchen,

Es gibt so viele Dinge, die ich noch mit dir machen wollte, so viel, was ungesagt blieb und jetzt, wo uns die Zeit, die ich glaubte, noch mit dir zu haben geraubt wurde, bin ich wie gelähmt. Du fehlst hier jede einzelne Sekunde. Dein Lächeln, das selbst die dickste Wolkendecke verscheuchen konnte, wird nie mehr erstrahlen. Deine Geschichten, die einen Erwachsenen in den Bann der Kinderwelt sogen, verhallen. Dein Tanzen, welches die pure Lebensfreude ausdrückte, stoppte abrupt. Acht Jahre, einhundertzweiundzwanzig Tage und sieben Stunden dauerte mein Glück an. Ich möchte dich Folgendes wissen lassen: Es war die schönste, atemberaubendste Zeit, weil du an meiner Seite warst. Ich bin unheimlich stolz so ein herzliches kleines Mädchen kennengelernt zu haben, und stolzer noch die Ehre gehabt zu haben, mich dein Vater nennen zu können. Jetzt wo du nicht mehr hier bist, fällt das Aufstehen jeden Tag schwer. Einen Grund zum Weitermachen zu finden scheint unmöglich und nur die Erschöpfung, aus der Trauer heraus, die mir sämtliche Kraft raubt, lässt mich abends einschlafen, um den folgenden Tag wieder im alten Kreislauf gefangen zu sein. Ich bin so müde, mein Spätzchen. Warum können sich meine Augen nicht für immer schließen, damit sich die deinen wieder öffnen? Wieso bloß hatte ich dermaßen viel Zeit hier auf Erden, wo dir doch nur so wenig vergönnt gewesen ist? Ich weiß, nichts kann dich zurückbringen. Aber ich muss dir ehrlich sagen, dass ich den Tag kaum erwarten kann, an dem wir uns wieder treffen und mein gebrochenes Herz in deiner Anwesenheit, Heilung erfährt. Ich hoffe, du bist an einem sonnigen Ort, wo es warm ist und du den lieben langen Tag mit den anderen Himmelskindern spielen kannst, so wie du es hier gern hattest. Ich werde dich nie vergessen. Wie könnte ich auch? Warst du doch der größte Reichtum, den ich besaß. In Liebe, dein dich erwartender Paps, eines wundervollen Tages ....`

Bei seinem Vortrag meines Briefes schaute ich erhobenen Hauptes in die Augen des Fotos unserer strahlenden Tochter. Es war mein Abschied, die Worte die ich ihr nicht mehr sagen konnte, da ihr plötzliches Ableben bei dem Unfall, diesem wahrhaft dummen Zufall, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort war, kein persönliches Lebewohl mehr zuließ. Wir hätten da sein sollen. Sie hätte ihre Eltern gebraucht, als sie ihre letzten Atemzüge tat. Wie einsam musste sie sich gefühlt haben? Diese Gedanken waren quälend, wohl wissend, dass wir nichts anders machen konnten oder gar verhindert hätten. Die Trauergäste wurden nach draußen gebeten. Die Kirche begann sich zu leeren. Der nächste Weg stand bevor. Den Sarg zu seinem Bestimmungsort zu bringen, Ave ihrer Ruhestätte zuzuführen. Vier Männer waren ausgewählt: ich, Aves Großvater, Aves Onkel, sowie mein bester Freund Len. Er war die letzte Woche meine Rettung. Falls er nicht gerade Dienst in unserer Wache schob, verbrachte er die Zeit an meiner Seite. All die Klagen, sowie unzählige emotionale Ausbrüche trug er mit. Das hätte ich von Sarah auch erwartet. Sie redete seit dem Tod unserer Kleinen allerdings nicht mehr mit mir, noch mit irgendwem anders. In diesen Momenten, wenn ich dringend ein offenes Ohr und eine Schulter zum Anlehnen benötigte, war es dann Lenny, der da war. Dafür war ich ihm enorm dankbar. Es wurde Zeit. Wir sammelten uns am Sarg, dessen Deckel, vor dem Herausbeten der Anwesenden geschlossen wurde.

„Ich geh voran und ihr folgt mir mit Ave, ok?“, erkundigte sich der Pater.

Ein kurzes Nicken von uns vieren reichte, dann hoben wir an und setzten uns in Bewegung. Langsam voranschreitend näherten wir uns der Kirchentür, die weit offen schon auf unsere Ankunft zu warten schien.

„Kameraden, Achtung, stillgestanden!“, ertönte es laut brummend von außen herein.

Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Die Kollegen, von der Feuerwehr standen in ihrer Ausgehuniform Spalier für unsere Tochter. Mein Herz raste. Meine Atmung beschleunigte. Mir wurde ganz heiß. Eine Überraschung, die ich mir kaum erträumt hatte. Beim Hinaustreten also bemühte ich mich, um eine stolze Haltung, den Blick weit nach vorn gerichtet. Diese Ehrerbietung bedeutete mir sehr viel, auch wenn ich derzeit unfähig war, meiner Dankbarkeit darüber Ausdruck zu verleihen. Der Regen war unverändert stark. Es schüttete wie aus Eimern. Wir zogen vom Pater geführt allen voran, hoch auf den Hügel der Blumenwiese, der hinter der Kirche lag. Ein herrliches Plätzchen. In all den Jahren zuvor, seit ich in Helmsworth wohne, war es mir nie aufgefallen. Erst bei der Wahl der Grabstätte stach mir die atemberaubende Einzigartigkeit ins Auge. Schweigend war ich vor vier Tagen die Wiese in Begleitung von Len abgeschritten. Es war sonnig. Ganz oben auf dem Hügel dann, blieb ich urplötzlich stehen, nachdem wir eine Stunde rastlos querfeldein gestapft waren. Viele Wildblumen wuchsen hier durcheinander, und bei blauem Himmel, wie eben an jenem Tage, konnte man die ganze Ortschaft überblicken. Heute würde die Aussicht uns verwehrt bleiben. Der Trauerzug war beinahe am Ziel. Im Halbkreis nahmen wir Aufstellung, um das Erdloch, welches frisch ausgehoben wurde. Am Fuße ihres Grabes stand eine gusseiserne Wanne, gefüllt mit verschiedensten Blumen, reichster Farbpracht zur einen Seite. Zur anderen ein großer Metalleimer mit Sand. Am Kopfende ein Sandhügel mit Schaufel.

„Als Kind Gottes zur Welt gekommen, übergeben wir den Körper von Aveline dem Erdreich, welches du geschaffen. Das Wertvollste, ihre Seele, erbitten wir dich, oh Herr in dein Himmelreich aufzunehmen und ihr eine Ewigkeit in Ruhe und Liebe zu schenken. Wir halten die Erinnerung an unsere geliebte Ave in Ehren. Und wenn bei einem jeden von uns der Tag gekommen ist, dem Schöpfer allen Lebens gegenüber zu treten, werden wir die, welche von unseren Herzen zu Lebzeiten so schmerzlich vermisst wurden, wiedersehen. Nun lasset uns sie gemeinsam, in ihre zugedachte Ruhestätte betten.“

Zaghaft, behutsam, senkte sich der Sarg in die Grube. Der Moment des letzten Abschieds war angebrochen. Ein Wiedersehen in diesem Leben würde es nicht mehr geben. In Gedanken vertieft, fuhr ein Zucken, gleich einem elektrischen Strom durch meinen Körper.

„Man sieh dir das an!“, raunte mir Lenny leise ins Ohr. Sein Zeigefinger deutete gen Himmel. Mir war gar nicht aufgefallen, dass er, obwohl es stundenlang wie aus Eimern schüttete, sich gerade jetzt in strahlendem blau zeigte. Der Regen war seicht und schien geräuschlos zu fallen. Er hatte etwas Zärtliches an sich. Die Sonne leistete ihren Beitrag zum Schauspiel. Es war atemberaubend. Ein Anblick, den ich so sicher niemals je wieder haben würde, denn hinter dem Hügel, unten über der ganzen Ortschaft, welche durch die aufgeklarte Sicht erschienen war, leuchtete bunt und mit intensiven Farben, ein gigantischer Regenbogen. Es verlieh dem Tag einen bitter süßen Akzent.

„Oh, meine kleine Ave“, entfuhr es mir mit einem Seufzen und Tränen liefen mir leise die Wangen herunter. Ein Zeichen. Alles was ich wollte, in den vergangen Tagen. Nun hatte ich es erhalten. Hätte mir jemand vor zwei Jahren erzählt, ich würde in einem Regenbogen oder dem Wetter etwas sehen, darin eine versteckte Botschaft vermuten, ich hätte ihn für verrückt erklärt. In dreiunddreißig Jahren, seit ich mich erinnern kann, war ich stets ein rationaler Mensch. Für die Dinge, die passierten, wie sie geschahen und wann sie stattfanden, gab es die passende Erklärung. Zufall? Schicksal? Unerklärliches? Nein! Das gab es nicht. Es musste einen plausiblen Zusammenhang geben, den ich lediglich zu finden hatte. Am Tag der Beerdigung meiner Tochter, bin ich anderer Meinung. Der Tod von Ave veränderte alles. Er änderte mich und meine Sicht der Dinge. Wie sonst könnte die Seele der Eltern eines verstorbenen Kindes dies auch verkraften? Mit dem Spruch: „Aus der Erde sind wir genommen, zur Erde sollen wir wieder werden, Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub. Möge sie in Frieden ruhen“, läutete Pater Andrew den letzten Abschnitt des Zeremoniells ein. Er warf je eine Hand voll Sand bei jedem einzelnen gesprochenen Part auf ihren Sarg. Der Reihe nach, taten es ihm die Trauergäste gleich. Ich wartete, bis alle dran gewesen waren. Letzter zu sein, gab mir die Chance, sie nochmal für mich alleine zu haben. Mich komplett zu öffnen, meinen Gefühlen so freien Lauf zu lassen, fiel mir vor dieser Menschenmasse schwer. Außerdem denke ich, wüssten sie damit nicht umzugehen. Was sollten sie denn auch entgegnen? Es gab keine passenden Worte, die es hätten besser machen können. Nichts vermochte mein Leid zu lindern, also wieso die Anwesenden unnötig belasten? Sie trauerten auch. Trotzdem verstanden sie es nicht. Nachvollziehen können es wohl lediglich vom selben Schicksal Getroffene. So wartete ich, beobachtete, wie der weiße Sarg unter einer braunen Decke langsam verschwand. Den Abschluss machte ich. Hinter mir standen sie noch, einer Mauer ähnlich, die Beistand versprach, sollte ich von der Wucht meiner Trauer umgerissen werden. Ich nahm eine Hand voll Erde, spürte das körnige Gefühl und die Kühle, welche von ihm ausging. Meine Augen sahen sich an ihm fest, um sich nach einer gefühlten Ewigkeit zu lösen, den Blick Richtung Grab schwenkend. Es war unglaublich schwer, den Sand zu werfen. Das Gewicht mochte wohl fünfzig bis sechzig Gramm betragen, wirkte für mich jedoch eher wie fünfzig bis sechzig Kilo. Ein Kraftakt war von Nöten, diese Masse in irgendeiner Weise zu bewegen. Einmal losgelassen, drohte es, mich auf die Knie zu zwingen. Schwäche ergriff meinen Körper. In meinem Kopf drehte es sich, meine Beine schienen aus Gummi und ich schwankte wie ein Grashalm im Wind. Ich blieb Ave zugewandt. Die Augen der Anderen konnte ich deutlich in meinem Rücken wahrnehmen. Sie verharrten geduldig. Warum gingen sie nicht einfach? Merkten sie nicht, dass ich jetzt lieber alleine sein will? Mein Innerstes blieb unbeugsam an Ort und Stelle stehen. Keine zehn Männer würden es schaffen mich mit vereinten Kräften fortzuschaffen. Ich war bereit das auszusitzen. Irgendwann hauen sie schon ab. Dann habe ich meinen Willen. Ich wäre alleine mit meiner Tochter. Niemand würde mich anstarren in Lauer darauf, was als Nächstes geschieht.

Wie lange es dauerte, wusste ich nicht. Len war es, der von hinten an mich herantrat.

„Hey Kumpel? Wollen wir los?“, fragte er mit besorgter Mine.

„Nein. Ich bleibe noch etwas. Geht ruhig schon vor“, entgegnete ich beschwichtigend.

Weitere Worte brauchten wir nicht. Er verstand. Eine Umarmung später, hörte ich wie seine Schritte sich entfernten, gefolgt von fernem Murmeln. Wenige Atemzüge danach: Stille. Ein leichter Windhauch strich meinen Nacken, umsäuselte meine Ohren, ansonsten Ruhe. Ich drehte mich um. Sie waren weg. Endlich alleine! Ich zog mein Jackett aus, schmiss es achtlos neben mich auf die Wiese. Meine Hände krempelten die Hemdärmel hoch, während mich die Füße festen Schrittes zum Kopfende der Grube trugen. Die Finger umschlossen fest die Schaufel und ich legte los. Schippe um Schippe füllte sich das Erdloch auf, bis es ein erhabenes Niveau gegenüber dem Boden ringsherum erreicht hatte. Ich arbeitete ohne Pause. Als das Werk vollbracht war, stellte ich mich wieder ans Fußende. Trostlos sah es aus. So wie es jetzt war, gefiel es mir nicht. Die Schweißperlen rannen mir in die Augen und vermischten sich mit Tränen der Wut. Meine Hände verkrampften sich zu Fäusten, schnappten sich diesen dämlichen Spaten, droschen mit aller Kraft den Erdboden vor ihrem Grabe zusammen, während ein markerschütternder Schrei sich aus meiner Kehle löste. Mit aller Wucht schleuderte ich die Schaufel davon.

„Aaaaaaaaah!“

Sekunden später, kniete ich kauernd, bitterlich weinend auf der Wiese. Ich brach innerlich zusammen. Die letzten Tage, mit all seinen Gefühlen, den dauernden Anrufen von Menschen mit Beileidsbekundungen, der Organisation der Beerdigung, verschufen sich nun Platz in diesem Ausbruch. Es war zu viel zu ertragen. Wir waren nicht zur Ruhe gekommen seit ihrem Tod. Ob wir es jetzt vermochten, bezweifelte ich stark. Die letzte Etappe war beendet mit dem heutigen Abend. Was folgte, würde schlimmer sein. Ein Leben, geprägt durch eine unsagbare Leere. Sarah und ich alleine. Aveline hatte uns bereichert, sie war oftmals ein Antrieb, der uns von nun an fehlen würde. Auf allen vieren kroch ich an die Seite des Erdhaufens. Dort legte ich mich nieder. Ich schloss die Augen, ein Arm obenauf gelegt, als würde ich sie damit umarmen können. Ich betete aus tiefstem Herzen, Gott möge mich zu sich nehmen.

Wie lange ich da in dieser Position verharrte, wusste ich nicht. Pater Andrews war es, der mich aus meiner Lethargie weckte.

„Steh auf! Komm hoch Max“, sagte er sanft fordernd, mir zugleich seine Hand entgegenstreckend. Ich schrak hoch. Dass jemand zurückkommen könnte, hatte ich nicht bedacht. Seine Hand ergriff ich dankend. Mein Körper fühlte sich steif wie ein Brett an. Sicherlich bedingt durch die Kälte des Regens, sowie des Bodens auf dem ich lag. Meinem verwunderten Gesichtsausdruck, entgegnete er sogleich die Antwort, ohne meine Frage abzuwarten.

„Unser Gärtner Ray wollte das Grab füllen. Er hat dich daneben liegen sehen. Daraufhin ist er zur Kirche zurück, in mein Büro hinein, um mich zu kontaktieren. Der Ärmste war recht erschüttert. Vermutlich nahm er an, du wärst Tod.“

Ich sammelte mich einen Moment. Oh, Gott! Wie ich aussah! Als ich an mir herunterschaute, eröffnete sich mir ein erbärmlicher Anblick. Schmutzig und durchnässt stand ich da. Ein Häufchen Elend von einem Mann. Mein Körper zitterte wie Espenlaub, ich fror, sämtliche Wärme schien entwichen. Schulter an Schulter schwiegen wir, mein Tagewerk betrachtend, dass ich energisch Stunden zuvor verrichtet hatte. „Irgendwas fehlt“, sagte der Pater sich lässig vor und zurück wiegend, die Hände in den Hosentaschen vergraben. „Ich finde die Blumen wunderschön! Die hätten der Kleinen sicher gefallen. Die kahle Erde entspricht nicht ihrem Naturell.“

Er bückte sich zur gusseisernen Wanne. Ein paar von ihnen hatte er hoch genommen, brach sie drei Zentimeter hinter dem Blütenkopf am Stängel und begann sie argwöhnisch von mir aus dem Augenwinkel heraus betrachtet, in den kalten Erdhaufen zu stecken. Still beobachtete ich ihn eine Weile dabei. Schließlich half ich. Jede Blume wurde von uns in der Weise zurechtgestutzt. Solange bis keine mehr übrig blieb.

„Schon viel besser“, entgegnete ich und brach somit mein eisernes Schweigen. Ein Blütenteppich bedeckte ihr Grab. Bunt, fröhlich, lebhaft. Dies wurde meinem Spätzchen definitiv gerechter als dieser trostlose Anblick von vor dreißig Minuten. Ein paar Schritte machten wir zurück, um eine gute Sicht zu haben. Hinter dem Hügel stand die Sonne schon tief, der Tag neigte sich seinem Ende. Mit sanftem Druck an meiner Schulter deutete mir Pater Andrew, dass die Zeit zum Gehen gekommen war. Sein Arm war fest um mich gelegt, er führte mich mit ihm zum Pfarrhaus neben der Kirche. Beim Abstieg warf ich einen sehnsüchtigen Blick zurück und sah die letzten Strahlen verschwinden.

Im Pfarrhaus angekommen, schmiss mir Andrew, wie er mich dauernd zurechtwies ihn doch bitte zu nennen, ein paar Handtücher sowie trockene Anziehsachen zu. Er schlenderte zur Heizung und drehte sie auf, um alsbald im Nebenraum, der voll mit Bücherregalen war, vor denen alte Ledersessel standen, zu verschwinden. Ich wickelte mich in ein großes Badehandtuch, schlang es eng um meine Brust. Das Wohnzimmer war hauptsächlich mit alten dunklen Holzmöbeln bespickt. Kleine Stehlampen erleuchteten hier und da eine Ecke. Vor mir, ein massiver Holztisch. Von weit weg ertönte ein Klimpern, welches keinerlei Beachtung meinerseits erhielt. Der alte Kamin zog mich mehr an. Auf ihm standen verschiedene Fotos aufgereiht. Sie zeigten den Pater mit vielen unterschiedlichen Personen.

„Tja. Die alten Zeiten. Gern denkt man daran zurück. Doch mein Platz ist jetzt hier. Und das ist ganz gut so.“ Ich hatte ihn nicht hereinkommen hören.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Setz dich oder bleib stehen. Fühl dich ganz wie daheim! Ich dachte, dass hier wäre der perfekte Rahmen dafür“, bedeutete er und hob zwei volle Gläser auf meine Sichthöhe.

„Ein Dalmore Single Malt. Fünfunddreißig Jahre. Ein sehr edler Tropfen wie mir zugesichert wurde. Es könnte auch billiger Fusel sein. Ich kenne mich mit Alkohol nicht sonderlich gut aus musst du wissen.“

Er nahm Platz und stellte mir ein Glas hin, seins behielt er in der Hand. Wieder beherrschte unbehagliche Stille die Situation. Ich beschloss, mich ebenfalls zu setzen. Meine Hände griffen nach dem Glas, die Finger umschlossen es fest, sie klammerten sich regelrecht daran, wie ein gangunsicherer älterer Herr sich ganz auf seinen Gehstock verlässt, um Halt zu haben. Die Ruhe hatte etwas Unheimliches. Nervös nippte ich an dem servierten Drink. Meine Mundwinkel verzogen sich. Es brannte schmerzhaft in der Kehle. Beim Hinuntergleiten der braunen Suppe schüttelte es mich.

„Grundgütiger!“, rief ich angewidert. „Der ist ja pisswarm!“

„Besuch ist selten in meinem Haus. Alkohol trinke ich sonst nicht, kenne mich demnach auch nicht mit Lagerung et cetera aus. Doch wenn ich mich richtig erinnere, soll warmes Hochprozentiges mehr ´ballern´ wie es in entsprechenden Kreisen ausgedrückt wird, was heute wohl recht kommt. Auf Aveline!“

Er hob sein Glas und schüttete die Hälfte des Inhaltes rasch in seinen Mund und schluckte es im selben Zuge. Seine Mimik entgleiste ihm dabei ähnlich, wie mir zuvor die meine. Dann zog er aus seiner Jackettinnentasche ein silbernes Etui. Er öffnete es und bot mir eine Zigarette an.

„Du rauchst? Du trinkst Alkohol! Was für ein Pastor bist du eigentlich? Ich erkenne dich kaum wieder!“, sagte ich ihm mit ironischem Unterton.

„Einer, der sich Sorgen macht um einen guten Freund. Auch mich kann die Welt manchen Tag in eine „Leck-mich-am-Arsch-Stimmung“ versetzen.“

Ich konnte nicht anders. Ich lachte schallend los. Ein saufender, rauchender und fluchender Pater. Dieser Irrsinn war makaber. Es war alles, nur definitiv nicht das Gemüt, welches ich von Andrew kannte.

„Lach ruhig. Ich bin auch menschlich! Und bei den ganzen Ave Marias sowie Vater unser, wird der Herr mir schon ein paar Flüche verzeihen. Deine Stiefmutter Mary richtet just in dem Moment eine Trauerfeier in eurem Hause aus. Sarah hab ich nicht sprechen können.“

„Lass mich raten, eingeschlossen im Schlafzimmer?“, unterbrach ich, wütend über ihr Verhalten und schüttete den Rest meines Whiskeys runter, um das leere Glas geräuschvoll auf dem Tisch abzusetzen.

„Du solltest nicht zu verärgert darüber sein. Jeder hat seinen Weg zu trauern. Der eine braucht Zeit für sich alleine, während der Andere reden will. Einige stürzen sich kopfüber in Arbeit. Welchen Weg auch immer man wählt, früher oder später kommt man an denselben Punkt, an dem es zwar nicht aufhört wehzutun, denn das tut es nie, aber an dem es leichter wird. Es ist noch zu früh. Gib ihr Zeit! Gib dir Zeit!“

Ich wollte ihn unterbrechen, seine erhobene Hand allerdings gebot mir zuzuhören.

„Du brauchst keine Antworten zu geben. Ich fand es großartig, wie du deine Rede gehalten hast. Das zeugt von einer inneren Stärke. Ihr werdet diese Stärke brauchen. Sarah mehr als je zuvor eine Schulter zum Anlehnen, kräftige Arme die sie auffangen. Ich möchte, dass du weißt, jederzeit, was auch immer, ich bin für dich da. Du kannst mit allem zu mir kommen. Wir können reden, wir können aber auch einfach zusammen schweigen. Wie es dir beliebt. Ich werde uns Nachschub holen, schließlich steht es sich schlecht auf einem Bein!“, schloss er lächelnd seine Ausführungen.

Wir leerten die Flasche, hörten die Standuhr auf dem Kaminsims leise vor sich hin ticken und verbrachten die meiste Zeit wortlos voreinander sitzend. Die Unbehaglichkeit war verschwunden. Sein Platz wurde von einem Gefühl von Verständnis und Geborgenheit abgelöst. Gegen zweiundzwanzig Uhr machte ich mich schließlich heimwärts. Voll wie nie zuvor in meinem Leben, torkelte ich durch die Straßen. Andrews Angebot der Begleitung hatte ich ausgeschlagen. Ohne Diskussionen ließ er mich von dannen ziehen. In meinem Kopf hatte sich ein Whiskyschleier über die bleierne Trauer gelegt. Er schien mich momentan zu betäuben und trug zu einer wohligen Müdigkeit bei. Heute hatte ich überlebt. Was Morgen war, wusste ich nicht. Es interessierte mich auch absolut gar nicht. Ich genoss den dumpfen Seelenfrieden des Augenblicks.

Kapitel 2

Zu Hause, trat ich in eine leere Szenerie. Die Trauerfeier war beendet, meine Schwiegermutter war in den letzten Zügen des Reinemachens. Einen Moment fühlte ich mich schuldig. Hätte ich nicht hier sein müssen? Es ging schließlich um meine Tochter! Als sie mich erblickte jedoch, war dort keinerlei Ärger in ihren Augen. Im Gegenteil. Sie strahlten mir voll Güte entgegen. Ich wankte zu ihr. Die fast schon vergessenen Tränen kamen wieder. Ein zärtliches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Ihre offenen Arme empfingen mich, umarmten und hielten mich fest. Sie führte mich zum Sofa, bettete mich. Sehr fürsorglich kümmerte sie sich. Die Decke bis zum Hals hochgezogen, gab sie mir einen Kuss auf die Stirn und begann mir über den Kopf zu streicheln. Eine lang vermisste Wärme stieg in mir hoch. Der Whiskey fing an, die letzten Gedankenfetzen zu umnebeln. Der Schlaf war es dann, der die späten Tränen von den Wangen wischte, um meine erschöpfte Seele zur Ruhe zu bringen.

Am nächsten Morgen erweckte mich mein Kopf ungewollt früh zu neuem Leben. Die Verschnaufpause wurde somit abrupt für beendet erklärt. Mein erster Weg würde direkt ins Bad führen, denn mein Schädel verlangte nach Aspirin. Ob mein Magen sich bei all dem Alkohol mit Beschwerden dazu gesellen würde, blieb derweil offen. Langsam setzte ich mich. Es verlangte einen Moment tiefen Durchatmens, bevor ich mich in der Lage fühlte endgültig aufzustehen. Mein Kreislauf fuhr mit mir Achterbahn, alles drehte sich und schwankte. Schritt für Schritt bahnte ich mir einen Weg. Hinter meiner Stirn das rhythmisch dazu passende Pochen. Angekommen am Tresen der Küche, sah ich einen Zettel. Mary musste ihn dort liegen gelassen haben. Jetzt jedoch erstmal war ich bemüht, die schier weitläufige Strecke ins Badezimmer zu meistern. Nur noch ein wenig weiter. Ein kleines Stück vorwärts erwartete mich die Erlösung. Keine Sekunde länger wollte ich mich dermaßen elend fühlen. Während die linke Hand sich am Waschbeckenrand abstützte, fischte die Rechte unwirsch nach dem passenden Pillendöschchen.

Antifaltencreme, Vitaminersatzpräparate, Kapseln gegen Durchfall, Pillen bei Verstopfung, Lutschpastillen für den Hals, Nasenspray, homöopathische Kügelchen für Gott weiß was, Hustenlöser, Fiebersaft, Salbe zur Behandlung von Insektenstichen, diverse kleine, mir mysteriös erscheinende Töpfchen. Wo in aller Welt war unser Aspirin? Ich kann mich nicht erinnern, dass es je in diesem Haushalt gefehlt hatte. Letzte Woche erst hatte ich eine einnehmen müssen. Es waren zu diesem Zeitpunkt mindestens sieben übrig. In der Zwischenzeit hatte ich keine mehr benötigt. Genervt schlug ich die Klappe vom Medizinschränkchen zu. In Begleitung meines Mordskaters ging es also zur Küche zurück. Kaffee! Das könnte helfen. Es war zumindest einen Versuch wert. Jeder einzelne Schritt schlug von innen schmerzlich klopfend zu. Dieses blöde Gesöff! Scheiß Alkohol! Beschissenes Leben! Im Gedanken verfluchte ich alles und jeden. Wasser rein in die Kaffeemaschine, Knopf gedrückt, fertig. Der am Tresen befindliche Barhocker bat eine willkommene Gelegenheit zum Verschnaufen. Jetzt, ratterte in mir der Kater, außerhalb der Automat. Kopf und Arme sanken auf den Tresen.

Poch, Poch, Poch,....

Die Konzentration war einzig darauf gerichtet. Technik sei Dank, war ein Kaffee heute im Handumdrehen gebrüht. Wieso konnte mein Arm nicht zehn Zentimeter länger sein, fragte ich mich, die Hand in Richtung meiner Rettung ausgestreckt. Ich glich einem Ertrinkenden, der sich weitmöglichst dem helfenden Ring entgegen reckte. Eine Chance hatte ich nicht. Meine Augen suchten nach einem langen Gegenstand. Dann würde ich ran kommen. Jedoch war ich sicher, dass dies zum Umkippen der Tasse führte. Daraus resultieren würde mehr Arbeit, mehr Wartezeit und mehr Kopfschmerzen. Also drückte ich mich vom Tresen ab, versuchte meine Position stabil zu halten, um den Kaffee zu holen. Kaum in der Hand schwenkte ich direkt mit meiner Errungenschaft zurück. Wie ein nasser Sack plumpste mein Körper auf den Hocker. Ein aromatischer Geruch entstieg dem Dampf des Pottes. Oh ja, dachte ich. Genau das brauchst du nun! Schluck für Schluck genoss ich. Und mit dem Anstieg des Koffeingehalts in meinem Blut öffneten sich meine Augen zusehends. Der Zettel. Ich wagte einen Blick.

„Liebster Max, liebste Sarah,

Ich habe etwas klar Schiff gemacht, damit ihr das nicht übernehmen müsst. Morgen komme ich erneut. Ich koche etwas für euch mit. Hoffentlich mögt ihr gefüllte Pilzköpfe in Champagnersauce. Dazu gibt es Schweinemedaillons und Bratkartoffeln. Vorsichtshalber bringe ich Tupperdosen, falls ihr dann doch keinen Hunger verspüren solltet, könnt ihr es wenigstens einfrieren. Es kann dann einen anderen Tag wieder aufgetaut werden. Wir haben euch sehr lieb. Egal was, wir sind für euch da, wann immer ihr Hilfe wollt. Fühlt euch gedrückt, Mary.

Mir stand der Sinn nicht nach Besuch. Weder physisch, noch psychisch. Mein einziger Wunsch: Ruhe. Ich wollte ellenlange Gespräche tunlichst vermeiden. Dieses eine Thema: Unser kleines Spätzchen, sollte nicht aufgewühlt werden. Es würde mich einfach quälen. Gelitten hatte ich für meine Verhältnisse derart, dass es für mehrere Leben reichte. Zu solch Unterhaltungen war ich nicht bereit. Mary meinte es lediglich gut. Sie wollte uns unterstützen. Ohne Rückfrage, ob wir diese Hilfe überhaupt haben möchten. Schließlich ist es eine private Angelegenheit. Ruhe wäre für die erste Zeit das, was wir am Nötigsten hatten. Einerseits verärgert, versuchte ich auch ihre Sichtweise nachzuvollziehen. Trotz all der Dankbarkeit ihrer angebotenen Unterstützung wegen, fiel mir Verständnis aufzubringen immens schwer. Ich war verstimmt. Die übrig gebliebenen Tropfen des Kaffees rollten mir auf die Zunge. Mit einem Krachen setzte ich die Tasse ab. Meine Beine schleppten den Rest des Körpers die paar Meter zur Couch. Jede Zelle meines Organismus war auf Demotivation und Resignation eingestellt. Die Finger krallten sich fest in die Decke, zogen sie bis unters Kinn hinauf, um sich dann ebenso darunter zu vergraben. Meine Augen schlossen sich. Der penetrante Schmerz war nun seichter. Immer noch spürbar, aber besser. Mein aufgewühlter Geist, starrte in eine schwarze Leere. Existiert so etwas wie geistige Löcher? Beschreiben würde ich es ganz pragmatisch als Nichtdenken, Nichtfühlen, Nichtexistieren- im Klartext ohne Gehirnfunktion. Geht sowas bei lebenden Menschen? Die Ohnmacht die meinen Kopf im Griff hatte, breitete sich bald schon auf den restlichen Körper aus.

Als ich aufwachte, stach mir die Uhrzeit ins Auge. Es war mittlerweile vier Uhr am Nachmittag. Ich musste eingeschlafen sein. Meine Güte. In den Schlaf driften, kannte ich von mir nicht. Langsam kam mir Sarah in den Sinn. Zuletzt hatten wir uns gestern früh gesehen. Hatte sie mit Mary gesprochen? Innerlich wünschte ich es mir sehnlichst. An sie ranzukommen war seit der Identifizierung von Ave im Krankenhaus unmöglich geworden. Man erhielt keine Antworten, stellte man ihr eine Frage, sie starrte stattdessen teilnahmslos an einem vorbei. Ich hatte die ganze vergangene Woche so zugebracht. Mit einem apathischen Abbild der Frau, die ich einst in der Kirche von Pater Andrews ehelichte. Unsere Ehe war geprägt von gegenseitigem Respekt und Liebe. Wir achteten den Anderen. Bei Uneinigkeiten konnten wir stets Kompromisse schließen. Ich fühlte mich wohl. Jetzt war da eine Unsicherheit in mir. Wie sollte ich mit ihr umgehen? Warum öffnete sie sich mir nicht? Komplett den Schmerz wegzunehmen, vermochte ich nicht. Den Verlust jedoch gemeinsam zu tragen, würde es uns beiden leichter machen. Ich konnte ihr helfen, für sie da sein, sollte sie mich brauchen. Und ich brauchte sie, mehr denn je.

Mit einem tiefen Seufzer sammelte ich Mut. Entschlossen trat ich den Weg zum Schlafzimmer an, welches im Obergeschoss lag. In meiner Brust schlug mein Herz vor Aufregung. In der ersten Etage angekommen, zögerte meine Faust einen Wimpernschlag lang, klopfte schließlich dann aber doch an die Tür.

„Schatz? Geht es dir gut?“ Ich drückte die Klinke hinunter. Es tat sich nichts. Zugeschlossen wie so oft in letzter Zeit.

„Sarah, könntest du mir bitte öffnen? Oder antworte wenigstens damit ich weiß, dass du okay bist. Sarah?! Hallo?“ Mein Magen drehte sich mir um. Hatte ich zuvor noch leicht geklopft, glichen die Versuche sie zu kontaktieren nun einem lauten Trommelfeuer. Beide Fäuste schlugen wieder und wieder gegen die Tür. Meine Stimme erhob sich ebenso deutlich.

„Mach auf! Ich will dich sehen! Sarah! Komm schon!“ In meiner Verzweiflung begann ich mit ihr wie mit einem Kind zu reden. Für mich unüblich fing ich an Drohungen auszusprechen, die ich definitiv entschlossen war notfalls auch umzusetzen.

„Du hast genau zehn Sekunden Zeit, diese verdammte Tür aufzusperren! Tust du dies nicht, trete ich sie ein. Das schwöre ich dir! Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei,...“, ich entfernte mich einige Schritte, um Anlauf zu nehmen, „ zwei, eins,.....“.

Ein Klicken ließ mich innehalten. Licht schimmerte sanft auf den Teppichboden des Flurs. Sie hatte sie einen Spalt weit geöffnet. Eilig stürmte ich drauf zu. Wer wusste schon, ob sie es sich nicht wieder anders überlegen würde. Die Luft, die mir entgegen strömte, war stickig, sie stank abgestanden wie in einer Kaschemme. Dass, was ich zu sehen bekam, glich der Behausung eines Messis. Der Boden war bedeckt von Papier, alten ausgetrunkenen Weinflaschen und anderem Zeugs. Meine Augen wanderten den ganzen Raum ab. Mit offenem Mund verweilte ich im Türrahmen stehend. Sarah hatte nichts gesagt. Zusammengekauert starrte sie apathisch Löcher in die Luft. Der Zustand sowohl des Zimmers, als auch meiner Frau war besorgniserregend. Wortlos begab ich mich zum Bett und ließ mich nieder. In meinem Schoß die Hände gefaltet, ließ ich den Blick erneut schweifen. Sarahs Haare ungewaschen, die Augen rot und verquollen, ihr Geruch eine Mischung aus Schweiß und Alkohol.

„Sarah! Du musst mit mir reden. Guck dich an! Sieh dich mal um hier! Das ist doch nicht normal. Ich trauere auch, verstehst du?! Trotzdem kann ich nicht alles sein lassen. Geh ins Bad und dusch dich! Deine Klamotten hast du mindestens schon drei volle Tage an.“ Von ihr kam keine Reaktion.

„Hey! Ich rede mit dir.“

Selbst ein Schütteln an der Schulter brachte nichts. In meiner Not packte ich sie mit beiden Händen an den Armen. Sie musste aus dieser Dauerschleife der Lethargie heraus. Ich hatte geredet, ich habe gefleht, sogar total in Ruhe gelassen habe ich sie. Mehr als sieben Tage lang mittlerweile. Alles hatte keinen Erfolg. So unangenehm es mir auch war, wählte ich diesen etwas rabiateren Weg mir Gehör bei ihr zu verschaffen. Mit Druck schob ich sie ins Bad.

„Dusch dich!“, befahl ich möglichst sanft, doch mit gewissem Nachdruck und schloss die Tür hinter mir beim Hinausgehen. Zurück im Schlafzimmer riss ich die Vorhänge auf. Ich öffnete die Fenster, damit der Raum Frische erhielt. Das sie es überhaupt in dem Mief aushielt! Wir waren stets unterwegs in der Natur. Wir liebten die klare Luft draußen. Langsam begann ich über zu räumen. Von unten besorgte ich mir einen Sack. Die Flaschen und Taschentücher sammelte ich beharrlich auf. Die Klamotten warf ich direkt in die Wäschetonne, ebenso wie das Bettzeug, welches ich wechselte. Gegen Ende wischte ich die Nachtschränke neben dem Bett über, welche ringförmige Abdrücke von den Weinflaschen hatten. Beinahe am Ende des Reinemachens schaute ich in deren Schubladen. Sicher hatte Sarah hier ebenfalls benutzte Taschentücher reingestopft. Stattdessen fand ich etwas, was mich noch wütender machte, als ich es eh schon war. Wutentbrannt stürmte ich ins Bad. Ich spürte meine Halsschlagader pulsieren. Schon auf dem Weg schrie ich ihr entgegen.

„Sarah!“

Die Tür riss ich auf. Dann packte ich sie am Arm. Ich drehte sie zu mir um. Meinen Ärger schrie ich ihr ins Gesicht.

„Was ist das?“, verlangte ich lauthals zu wissen. Ich schleuderte ihr die leeren Pillenblister entgegen.

„Antworte mir! Ich will, dass du mir sagst, was das soll! Bist du jetzt völlig durchgeknallt?“ Je mehr sie schwieg, desto wütender wurde ich. Sie an beiden Schultern greifend, schüttelte ich sie. Ich rüttelte, in Hoffnung auf irgendeine Reaktion.

„Wolltest du dich etwa umbringen? Mich alleine lassen mit all der Scheiße? Ich trauere auch. Weißt du, wer die letzten Tage für mich da war? Lenny! Gebraucht hätte ich dich! Ave hätte dich gebraucht! Zur Hölle du bist ihre Mutter und warst nicht mal auf der Beerdigung! Sie war dein Baby, dein kleines Mädchen? Was ist bloß los mit dir?“

Wie sie vor mir stand, absolut unbewegt, keinerlei Erwiderung zeigend, trieb mich zur Weißglut. Mein Zorn suchte sich einen Weg. Er brach sich Bahn in einem Schrei und mit dem Ergebnis eines zerbrochenen Badspiegels. Dann, als ich es schon gar nicht mehr erwartet hatte, fing sie an, bitterlich zu weinen. Und so merkwürdig es klingen mag, war dies seit einer Woche der glücklichste Moment, den ich erlebte. Ignoriert zu werden tat mir im Herzen weh. Es gab einem das Gefühl nur Luft zu sein. Nach einer Vielzahl unterschiedlichster Anläufe eine Rückmeldung zu empfangen, breitete sich die Verzweiflung mit jedem misslungenem Versuch weiter aus. Eine Reaktion des Gegenübers nach einer Aktion der eigenen Person bedeutete, wahrgenommen zu werden, es ließ erkennen mit dem Anderen in Kontakt zu sein. Das vermisste ich. Menschliche Bindung und Zuneigung von dem Menschen, den ich liebe. Eine Verbindung zu Sarah schien hergestellt. Zögerlich machte ich mich daran, mich ihr zu nähern. Die zarten Bande des Anfangs wollte ich nicht gleich wieder einreißen. Diese Unsicherheit, welche derzeit viel Raum zwischen uns einnahm, bewirkte eine Handlungsunfähigkeit im Umgang miteinander, die eine normale Beziehung schwierig machte. Mir tat leid, sie mit meinem Wutausbruch erschrocken zu haben. Ich konnte sie zudem nicht weinen sehen. Sanft nahm ich sie in meine Arme. Die Umarmung erfolgte zwar nur von meiner Seite aus, doch diese Tatsache war mir gleich. Sie hatte auf mich reagiert. Einzig das zählte. Den Gedanken, dass sie nach wie vor die Dusche ausließ, verdrängte mein Kopf.

„Ich möchte, dass du weißt, es war nicht meine Absicht dir wehzutun, genauso wenig wie dich zu erschrecken. Du kannst dich frisch machen, wenn du willst. Während ich auf dich warte, räume ich den Rest des Schlafzimmers über. Ok?“ Ein gezwungen wirkendes Lächeln huschte über meine Lippen. Ohne weitere Signale ihrerseits begab ich mich zurück. Die Ausrede, ich hätte in unserem Zimmer was zu tun, sollte ihr ein wenig Raum geben für sie alleine. Auf der Bettkante sitzend, schaute ich zum Fenster und wartete. Die Uhr behielt ich akribisch im Blick. Eine kurze Zeitspanne konnte quälend lang erscheinen. Gerade in Dauerwarteschleifen, wie meine Wenigkeit sie diese Tage erfuhr.

„Hallo? Max? Sarah?“, schrie eine Stimme von unten herauf. „Wo seid ihr? Ich hab euch Essen in Tupperdosen mitgebracht. Wir können gerne zusammen zu Abendbrot essen, sofern ihr zwei Lust dazu habt.“

„Mary! Hey.“, entgegnete ich ihr, die Treppe hinunter gehend. Sie musste den Ersatzschlüssel unter dem großen Stein im Vorgarten genommen haben, um sich Zutritt zu verschaffen. Wenige Worte fielen mir ein. Die Kargheit der Kommunikation, entsprang der schlimmen Phase, die wir durchstehen mussten. Sie traf aber auf Verständnis. Manchmal bedarf es keiner Worte. Ein Schweigen, oder eine Geste, zusammen in der Traurigkeit vereint, drückte da mehr aus, als es durch große Reden möglich wäre. In unserem Fall eine länger ausfallende Umarmung, woraufhin ich meine lädierte Hand schnell in der Hosentasche vergrub.

„Nacht gut überstanden?“

„Hab geschlafen wie ein Stein.“

„Mir ging es ebenso, nachdem ich mich an deiner Alkoholfahne berauscht hatte“, lachte sie verschmitzt.

„Ich würde gerne Sarah sehen. Ihr Verhalten lässt mich in steter Sorge. Hast du sie inzwischen zu Gesicht bekommen? Sie macht sich rarer als Schnee im Sommer!“

„Sie ist im Bad. Hoffentlich duscht oder wäscht sie sich auch. Aktionismus scheint bei ihr in den letzten Tagen nicht so hoch im Kurs zu stehen. Vor circa fünf Minuten ließ ich sie allein, vernommen habe ich aktuell noch nichts, was sich nach Wasser anhört.“

„Dürfte ich hoch? Ich könnte nachschauen. Vielleicht reagiert sie ja auf mich.“

Den Badspiegel! Ich hatte es ganz vergessen! Mary war bereits halb die Treppen herauf gestiegen.

„He! Wundere dich nicht über den kaputten Spiegel, es gab vorhin einen kleinen Wutanfall meinerseits, er ist dabei in Mitleidenschaft gezogen worden.“

Sollte ich mit gehen oder doch unten verweilen? Unentschlossen wippte ich auf meinen Beinen vor und zurück.

„Hattest du nicht gesagt sie wäre im Bad?“, tönte es kurz darauf von der ersten Etage herab. In großen Schritten, zwei Stufen gleichzeitig überspringend, folgte ich meiner Schwiegermutter ins Obergeschoss.

„Sicher ist sie erneut magisch von ihrem Lieblingsort, dem Bett angezogen worden. Lass uns im Schlafzimmer nachsehen.“

Zu meiner Verwunderung fanden wir sie dort nicht.

„Sarah? Mein Liebling, wo bist du?“, rief Mary.

„Sarah! Ich bin es, Mum!“

Mit Falten in der Stirn, schritt sie suchend durch sämtliche Räume.

„Sarah! Antworte doch bitte!“

Ihr Tempo beschleunigte sich mit jedem Raum, in dem sie ihre Tochter nicht vorfand. „Sarah!“

„Sie wird dir nicht antworten! Du kannst deine Rufe einstellen!“

„Wo ist sie?“

„Ich hatte sie ins Bad gebracht, hab ich doch gesagt.“

„Da ist sie aber nicht!“

„Sie wird schon hier sein! Schließlich führt der Weg raus aus dem Haus direkt die Treppe runter, vor der wir standen!“

Angestachelt von ihrer Angst und Nervosität stürmte ich an ihr vorbei, jeden Winkel der Zimmer, welche sich hier befanden inspizierend. Sie konnte ja nicht wie vom Erdboden verschluckt sein. Das Bett unberührt, die Räume verlassen, die Dusche staubtrocken. Wir fanden Sarah nicht.

„Was hast du getan?“, forderte sie zu wissen.

„Wie bitte?“

„Du hast den Badspiegel zertrümmert! Das zeugt ja wohl von einer Gewaltbereitschaft! Meine Tochter ist nie abgehauen. Schon gar nicht in ihrer Verfassung! Wo ist sie? Was ist vorgefallen?“

„Wir hatten einen Streit! Mehr war da nicht! Ich wurde wütend und schlug in den Spiegel, okay?! Das du mir sowas zutraust! Unglaublich! Ihr habt keine Ahnung! Keiner von euch! Wisst ihr, wie es sich anfühlt, sein Kind zu verlieren? Wisst ihr etwa, was es heißt, einen Partner an der Seite zu haben, der maximal noch als körperliche Hülle neben einem existiert? Eine Partnerin, die zwar saufen und alles verkommen lassen kann, es jedoch kaum fertig bringt, eine menschliche Regung zu vollbringen?“, in Rage geredet, stiegen mir Tränen der Wut in die Augen.

Unter keinen Umständen würde ich meiner Frau weh tun! Die verborgene Anschuldigung in ihren Worten, sei es lediglich aus Angst heraus, trafen mich schwer. Sie sollte wissen, dass ich ihre Tochter mindestens genau so sehr liebte, wie sie. Schweigend setzten wir die Suche fort. Als der letzte Raum im Haus zum dritten Mal abgesucht war, schnappte ich mir mein Telefon, während ich ein zweites Mary in die Hand drückte. Wir telefonierten uns die Finger wund. Die Telefonliste wurde von A bis Z systematisch abgespeist. Zwischendurch gaben wir uns via Kopfschütteln ein Zeichen, wenn die gerade kontaktierte Person weder was von Sarah gesehen, noch von ihr gehört hatte. Jede negative Rückmeldung mehr, trieb uns dem Rande des Wahnsinns näher. In unserer Kleinstadt kannte man sich untereinander. Sollte sie das Haus verlassen haben, hätte sie jemand gesehen. Eine dreiviertel Stunde später, war auch die letzte Nummer abtelefoniert. Das Gesicht in die Hände vergraben, ließ ich mich auf das Sofa fallen.

Fertig und verzweifelt, wünschte ich, alles wäre nur ein Albtraum, aus dem ich jeden Moment erwachen könnte.

„Es tut mir leid. Ich war verzweifelt. Sie ist doch meine Tochter! Zuzusehen, wie sehr sie die Trauer im Griff hat, fällt ungemein schwer. Der Gedanke, sie auch zu verlieren.....“.

Weinend sank sie in den Sessel. Sie erregte schon Mitleid in mir, ihre Gefühlsregung verstand ich nur allzu gut, trotzdem bekam ich keine tröstende Umarmung zustande. Der Dorn ihrer Worte bohrte immer noch in meinem Kopf. Ganz kühl wollte ich aber doch nicht sein.

„Ich liebe Sarah. Ebenso wie du es tust! Wir machen alle eine schwere Zeit durch. Anstelle des sich gegenseitigen Zerfleischens, sowie unsinnigen Schuldzuweisungen, sollten wir zusammen halten. Vielleicht ist es besser, die Polizei mit ins Boot zu holen.“

Ich spürte, wie meine Hände feucht wurden, als das Freizeichen nach dem Wählen des Polizeinotrufs ertönte. Schließlich war es nicht alltäglich, die Beamten anzurufen. „Helmsworth Police Department, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Mein Name ist Max Keben. Ich wohne in der Westminster Lane 35. Ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben. Meine Frau Sarah ist verschwunden.“

„Wie lange ist sie denn schon nicht auffindbar?“

„Etwa zwei Stunden. Sie war die ganze Zeit zu Haus. Ich habe Angst, dass sie sich etwas angetan haben könnte.“

„Ist sie physisch oder psychisch krank, deutete sie an sich umbringen zu wollen? Benötigt sie dringend medizinische Hilfe?“

„Nein. Wir haben vor einer Woche unsere Tochter verloren, seitdem ist sehr in sich gekehrt, sperrte sich teilweise in unser Schlafzimmer für lange Zeiträume. Nun ist sie nicht mehr hier, wir haben bereits umhertelefoniert. Niemand hat etwas von ihr gehört oder gesehen.“

„So leid mir das tut, muss ich Ihnen mitteilen, dass uns die Hände gebunden sind. Sie ist volljährig, weder ernsthaft krank, noch hat sie ihren Suizid angedroht und sie ist noch keine vierundzwanzig Stunden abwesend. Warten sie ab, ich bin sicher, sie kommt innerhalb der nächsten Zeit wieder Sir.“

Ohne eine Antwort zu geben, legte ich auf. Im Rahmen meiner Arbeit bei der Feuerwehr von Helmsworth, wusste ich eigentlich um die Bedingungen, welche für das Erstellen einer Vermisstenanzeige notwendig waren. Oft arbeiten wir mit der hier ansässigen Polizeidienststelle Hand in Hand. In Notsituationen schaltet der Kopf natürlich nicht so wie sonst. Ich wendete mich Mary zu.

„Wir müssen warten. Es bleibt uns nichts übrig. Möchtest du einen Drink? Ich für meinen Teil könnte einen gebrauchen!“