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Der Ruf ist alt: Ich will mich ändern! Aber welche Anteile am Menschen sind überhaupt formbar? Welche entziehen sich jeder Umgestaltung? Einige schränken ihre Veränderungsmöglichkeiten voreilig ein: "Das passt nicht mehr zu mir!" Andere glauben fälschlicherweise, ihnen sei eine bleibende Veränderung gelungen, "Ich bin wie neugeboren!" bis sie - im Stress - von Rückfällen überrascht werden. Die Erzählung folgt einem eher beiläufig begonnenen Gespräch zwischen dem Teilnehmer einer Fachtagung zum Thema Autismus und seiner früheren Ausbilderin. Das Gespräch endet im Zusammenbruch des Mannes, als ihm seine traumatisierenden Erfahrungen - zu einem Bild verdichtet - bewusst werden. Ausgangspunkt war die Überwindung eines Verhaltens, das den Mann selbst so störte, dass er es endlich mit Unterstützung seiner Ausbilderin loswerden wollte. Dem Gespräch gelingt die Aufdeckung einer hilfreichen Erkenntnis, ohne dass damit entschieden wäre, ob eine dauerhafte Veränderung seines Verhaltens erreicht wurde - oder jemals erreicht werden kann... Die Gründe, am Erfolg zu zweifeln, sind bekannt. Der Vorsatz, ein störendes Verhalten zu ändern, tritt gegen innere Widerstände an. Lästige Gewohnheiten oder ein bislang nützliches Vorgehen, das nicht mehr taugt, sind dabei schwierige, aber bezwingbare Hürden. Anders scheint es bei traumatisierenden Erfahrungen zu sein, die sich in kaum noch erreichbaren Tiefen festsetzen. Hier scheint das Leben unwiederbringlich aus den Fugen. Das eigene Verhalten entzieht sich der Kontrolle und wirkt fremdgesteuert. Die Erzählung fragt in aller Eindringlichkeit, Härte und Zuwendung nach den Grenzen jeder Verhaltensänderung; sie muss auf Antworten verzichten.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Man kann es drehen und wenden, wie man will:
Das Glück ist weiß und rosenfarben; man kann es nicht anders auftreten lassen.
(Téophile Gautier, Mademoiselle de Maupin)
Für mich ist Weinheim nur ein weiterer Tagungsort. Ich habe in den letzten Jahren Dutzende von Fortbildungen hinter mich gebracht, habe mich zum „Seminarfuchs“ gemausert, der die Rituale solcher Veranstaltungen beherrscht. Nach Belieben ausspielt. Kein großes Ding.
Das Tagungshaus liegt auf einer Anhöhe im Gorxheimertal in einem Waldgebiet, das einen Ausläufer der „Badischen Weinstraße“ östlich von Weinheim bildet. Der Name Weinheim hätte mich warnen sollen. Ich sitze auf einem weißen Plastikstuhl an einem weißen Plastiktisch auf der Terrasse vor dem Tagungsraum. Von hier oben verdecken die Bäume, hauptsächlich Fichten, die Stadt. Die Talstraße schlängelt sich von den letzten Wohngebieten durch den Wald hinauf. Sie endet auf halber Höhe auf einem Parkplatz. Danach gibt es nur noch einen Anfahrtsweg für die Lieferanten und für die Post. Der normale Sterbliche hat seinen Wagen auf dem Parkplatz abzustellen und sein Gepäck zum Hotel hoch zu buckeln.
Der Tagungsraum ist für die gemeinsamen Aktionen. Daneben gibt es mehrere studioähnliche Räume, für Kleingruppenarbeit. Die Terrasse hat sich geleert. Die Seminarteilnehmer haben sich entweder vor der Hitze des Hochsommers in die Studios zurückgezogen oder über das weite, von Baumriesen gesäumte Gelände verstreut, um über das Thema der Fortbildung – die Behandlung von Autismus – zu diskutieren. Einige auch, um sich von dem Thema zu erholen.
Die Sonne knallt. Ich habe meine Füße auf einen zweiten Stuhl gelegt. Von wegen Kreislauf und so. In amerikanischen Filmen zeigen die Bosse oder die, die’s werden wollen, ihre Macht durch Füße auf dem Tisch! Am besten mit Stiefeln. Noch besser mit Sporen an den Stiefeln.
Ich schaue auf die im Prospekt als „malerisch“ beschriebene Landschaft. Ja gut, soll sie malen wer will. Malerisch malen. Zwei Begriffe aus der Steinzeit. Die Teilnehmer halten das erbsenkleine Kameraauge ihrer Smartphones hin. War dort. Hab das gesehn. Hab die und den getroffen… Aufdringlich leuchten meterhohe Rhododendron-Büsche vor sattgrünen, sanft abfallenden Wiesenhängen. Ein verschwenderisches Strotzen und Farbenspeien, als wollte mir die von Gärtnern hindekorierte Natur deutlich machen, dass sie sich von meiner unguten Stimmung nicht anstecken lässt.
Sack du weiter und weiter in dich rein, umso lebhafter winken wir dir mit unsern Ziersträuchern, Rosenstöcken und Clematisblüten zu! Zur Krönung die gewaltige Linde im Zentrum der leicht abfallenden Rasenfläche:
Ich strotze vor Kraft – und du?
Ich bin schön, ich bin nützliche – und du?
Ich steh hier noch in hundert Jahren – und du?
Was ich dir mit auf den Weg gebe? Leg dich nie mit einer Linde in Weinheim an!
Stunden später. Die Abendsonne hängt als ausgelaufener Eidotter zwischen zwei Fichtenkronen. Ich nippe an ihrem Licht. Döse. Fühle mich überflüssig. Dumpf und lächerlich. Seit neun Jahren bin ich Therapeut. Soll heilen, helfen. Dafür werde ich bezahlt. Doch zwischen den Kriseninterventionen, in denen ich andere aufrichte, sitze ich auf den Händen und sortiere meine eigenen Ungereimtheiten. Momentan beschäftigen mich drei: Mein Tic, eine Teilnehmerin anzuflirten, mein Wunsch, den Beruf zu wechseln oder mich umzubringen. Mal kokett gesagt. So fühle ich mich. Kokett.
Unecht.
Daneben.
Es ist der zweite Tag unserer fünftägigen Fortbildung – und schon muss ich eine Teilnehmerin mit mir belästigen! Kindisch. Zwanghaft. Ohne erotische Färbung kann ich mich nicht konzentrieren. Ohne erotische Färbung bin ich unwach, halb abwesend. Was ist das? Gefallsucht? Eitelkeit? Blödheit? Zerstreuung? Oder doch nur die selbstquälerische Bestätigung, einer zu sein, der zurückgewiesen werden muss? Dem die Grenzen seiner Bedeutung immer wieder deutlich zu machen sind?
Zirkel-Fragen im Selbsterkundungs-Karussell. Warum kann ich auf die Teilnehmerin nicht unbefangen zugehen? Mit ihr besprechen, was gerade anfällt? Was die Situation von sich aus hergibt? Warum kann ich den Dingen nicht ohne künstliches Gehampel ihren Lauf lassen? Leicht zu fragen und schwer zu beantworten…
Mein Ideal ist die natürliche Nähe. Entspannt zusehen, was einfach so Ping auf Pong passiert. Ich werde nicht müde, dieses Ideal anderen ans Herz zu legen. Im Wissen, dass es aussichtslos ist. Sonst wär’s kein Ideal.
„Du liebst doch nur, was du töten kannst!“ Kommentar eines Freundes, der danach nicht mehr Freund sein konnte. So recht hatte er. So einer darf nicht dauerhaft um mich sein.
Flirten wird als Vorstufe zum Liebe machen angesehen. Erstmal schnuppern, dann Sex. Stimmt. Für andere. Idealerweise möchte ich ewig in der Flirt-Schwebe zwischen Verheißung und Erfüllung bleiben. Da bin ich Ich. Ein unfertiges, steckengebliebenes Bündel Mensch. Eine Bindestrich-Figur. Im Orgasmus bejauchzt der Körper ein Ende – wird nicht umsonst der kleine Tod genannt. Für mich liegt Vollendung im Werden. Im Vielleicht. Ich bin unerwachsen.
Bin die wandelnde Widerlegung der Annahme, dass nur der seinem Nächsten helfen kann, der sich selber zu helfen weiß.
Seminare sind Sozialbörsen. Die Themen sind der unwichtigere Teil. Man sieht sich. Man kennt sich von anderen Seminaren. Man ist gespannt auf Neue. Der Fachkreis-Markt bewegt sich. Die Teilnehmer kommen zum Eröffnungsvortrag zusammen. Man grüßt sich, nickt sich zu, umarmt sich stürmisch oder gibt vor, sich nicht zu kennen. Ab und zu möchte man sie oder ihn auch so schneiden, dass es ihr oder ihm in die Knochen fährt, weil sie oder er einen Artikel veröffentlichten, der anzuzweifeln wagt, woran man selber erfolgreich arbeitet. Meist erfährt man über Vertraute, die einen kurz beiseite nehmen, dass sie oder er der feindlichen Schule angehören.
Feindliche Schule im gleichen Raum bedeutet geistige Ansteckungsgefahr! Ach, seufzen die Vertrauten der eigenen Fraktion, wie viele aus unserem Lager sind schon durch ungebeten auftauchende Irrlehrer mit dem Virus einer Theorie kontaminiert worden, die das Autoimmunsystem rund um ihr Glaubenssystem zusammenbrechen ließ!
Man ist gut beraten, diesen Seufzern von ganzem Herzen zuzustimmen.
Ich sehe durch die vom Abendlicht entzündeten Fichtenäste wie auf eine überkolorierte Leinwand.
Was bisher geschah:
Kaum habe ich die Frau bemerkt, die sich auf den Klebeband-Namenskärtchen Margot nennt, steigt mein Puls. Das Seminar ist gerettet! Ich habe, wie in jedem vernünftigen Seminar, abseits der fachlichen Weiterbildung einen zwischenmenschlichen Auftrag zu erfüllen!
Schon bei den Ostermärschen, bei den Antiatom-Demos, Anti-Pershing-Protesten, bei den Hausbesetzungen, den „Sonntagsspaziergängen“ gegen den Flughafenausbau und die Castor-Transport-Sitzblockaden, wo es weiß Gott um überpersönliche Anliegen ging, fing ich erst richtig Feuer für die Parole des Tages, wenn ich sie an der Seite einer untergehakten Aktivistin skandieren durfte, die mir Hoffnung machte, dass es zwischen uns was werden könnte.
Krank.
Zugegeben.
Es gibt Menschen, die durch die Tür kommen und da sind. Es gibt Menschen wie mich, die durch die Tür kommen und hoffen, nicht gleich Teil der Tapete zu werden. Und dann gibt es Menschen, die durch die Tür kommen und den Raum füllen. Jeder Schritt von ihnen erzeugt Bugwellen, die andere beiseite schieben. So bei Margot. Eine Erscheinung mit Verdrängungsmasse! Sie weiß, wie sie wirkt. Umso gelassener kann sie sich Dinge leisten, die andere ins Tölpelhafte stoßen. Wo wäre die ungeschickte Bewegung, die bei ihr nicht als berückende Eigenwilligkeit, wo wäre das unpassende Wort, das bei ihr nicht als pfiffige Provokation gedeutet wird?
Kaum gesehen, kombiniere ich mir ihre Reize im Schnellverfahren zusammen: Kopf einer portugiesischen Schönheitskönigin, Figur einer kalifornischen Bikini-Ikone, Gang einer russischen Primadonna, Temperament einer ungarischen Csardas Tänzerin... Erst nach dieser spontanen Kitsch-Montage darf ich mich innerlich ohrfeigen und über das Ergebnis freuen.
Feinsinnigeres muss folgen. Klar.
Später.
Wie immer.
Dass ich für den Moment mit meinem Eindruck nicht alleine stehe, beweist mir eine junge, rothaarige Teilnehmerin, die sich beim Pausenkaffee zu Margot wendet und sagt: „Du bist so unglaublich schön, ich möchte dich immer nur angucken.“
Einfach so!
In der Psychoszene trägt man das Herz auf der Zunge…
Es bilden sich Gruppen um die Stehtische. Kaffeetrinker zu Kaffeetrinkern, Teetrinker zu Teetrinkern.
