Die Farben des Sees - Rike Richstein - E-Book

Die Farben des Sees E-Book

Rike Richstein

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Beschreibung

»Weißt du noch, dass der See an jedem Tag eine andere Farbe hat? Man vergisst es, wenn man fortgeht und ihn nicht mehr sieht. Keine Farbe taucht zweimal auf. …Weißt du es noch?« Seit mehr als 20 Jahren hatte Matilda keinen Kontakt zu ihrer Großmutter Enni. Nun, da sie verstorben ist, reist Matilda in Ennis Haus am Bodensee, um sich nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten Mads abzulenken. Vieles in diesem Haus ruft Erinnerungen an ihre Kindheit hervor und macht ihr bewusst, dass sie noch immer nicht versteht, warum der Kontakt zu Enni irgendwann abgerissen ist. Als sie in Ennis Nachttisch das Foto eines ihr unbekannten jungen Mannes findet, merkt Matilda, wie wenig sie über das Leben ihrer Großmutter weiß. Sie will herausfinden, wer dieser Mann ist, dessen Name, Hans Wells, auf der Rückseite des Fotos steht. Matilda macht sich in der Stadt am See auf die Suche und findet ihn. Die Geschichte, die der inzwischen alte Mann zu erzählen hat, öffnet ihr die Augen über die Lebenslügen in ihrer Familie. Wie die Farben des Sees sich ständig ändern, so ändern sich die Perspektiven auf ihr Leben und Matilda erkennt, dass es die eigenen Entscheidungen sind, die ihr Leben bestimmen. In die eine oder in die andere Richtung.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Rike Richstein

Die Farben des Sees

ZumBuch Seit mehr als 20 Jahren hatte Matilda keinen Kontakt zu ihrer Großmutter Enni. Nun, da sie verstorben ist, reist Matilda in Ennis Haus am Bodensee, um sich nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten Mads abzulenken. Vieles in diesem Haus ruft Erinnerungen an ihre Kindheit hervor und macht ihr bewusst, dass sie noch immer nicht versteht, warum der Kontakt zu Enni irgendwann abgerissen ist. Als sie in Ennis Nachttisch das Foto eines ihr unbekannten jungen Mannes findet, merkt Matilda, wie wenig sie über das Leben ihrer Großmutter weiß. Sie will herausfinden, wer dieser Mann ist, dessen Name »Hans Wells« auf der Rückseite des Fotos steht. Matilda macht sich in der Stadt am See auf die Suche und findet ihn. Die Geschichte, die der inzwischen alte Mann zu erzählen hat, öffnet ihr die Augen über die Lebenslügen ihrer Familie.

Wie die Farben des Sees sich ständig ändern, so ändern sich die Perspektiven auf ihr Leben und Matilda erkennt, dass es die eigenen Entscheidungen sind, die ihr Leben bestimmen – in die eine oder in die andere Richtung.

RikeRichstein, Jahrgang 1995, studierte Geschichte in Konstanz und in Tübingen. Mit ihren literarischen Arbeiten gewann sie mehrfach regionale Preise, darunter den »Kulturpreis Schwarzwald-Baar für Literatur und Drama«. Für die Arbeit an »Die Farben des Sees« erhielt sie ein Stipendium vom »Förderkreis der Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg«. Seit einigen Jahren lebt sie wieder am Bodensee und hat in dieser Zeit bereits unzählige Seefarben beobachten können.

Bereits von ihr erschienen:

»Herr Paul oder die Unwahrscheinlichkeit des Glücks«

Rike Richstein

Die Farbendes Sees

Roman

Gestaltung: Manuel Pollanka – Irgendwas mit Grafik, Deizisau

Satz: Satzteam Dieter Stöckler, Konstanz

Druck und Verarbeitung: Florjančič tisk d.o.o., Maribor (SI)

Umschlagmotiv:

© Jurij Frey, »Frau am Fenster«, Öl auf Leinwand, 73x54 cm

Schriften:

Bricolage Grotesque von Mathieu Triay (Google Fonts)

Bitter von Sol Matas (Google Fonts)

Verlag und Vertrieb:

Stadler Verlagsgesellschaft mbH

Max-Stromeyer-Straße 172

78467 Konstanz

www.verlag-stadler.de

1. Auflage der Taschenbuchausgabe 2025

© Copyright by: Verlag Friedr. Stadler GmbH & Co. KG, Konstanz

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isbn 978-3-7977-0795-6

eisbn 978-3-7977-5100-3

Inhalt

PROLOG

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

EPILOG

DANKE

fürm.

»Helle Wasser, dunkle Wälder

und die Sehnsucht

sind mein Haus.

Komm zu mir und teile mit mir

Tag und Wärme, Kälte auch.

Wo wir gehen blüht das Laub,

sind Wege kürzer,

Winter grün.

In deinen Augen wächst mein Leben,

dein Gesicht

darf nicht vergehn.«

Peter Porsch, frei nach der finnischen Volksweise

»Kalliolle, kukkulalle«

prolog

Weißt du noch, dass der See an jedem Tag eine andere Farbe hat? Man vergisst es, wenn man fortgeht und ihn nicht mehr sieht. Keine Farbe taucht zweimal auf. Es gibt Tage im Herbst, wenn der Nebel sich verzogen hat, da sieht er aus wie flüssiges Silber. Manchmal hat er schaumfarbene Muster, manchmal liegt er da wie ein riesiger Spiegel, in den die ganze Welt schauen kann. An manchen Tagen atmet er samtgrau wie ein großes, schlafendes Tier. Manchmal sieht er aus, als ende die Welt an seinem Horizont und manchmal wirkt es, als könne man mit zwei Sätzen über sein gleißendes Blau die schneebedeckten Berggipfel berühren. Es gibt Tage, da ist seine Oberfläche rau vom Regen, und Tage, an denen er türkisblau schimmert mit einem Schuss Flaschengrün. Weißt du es noch?

Ich denke immer noch an dich, jedes Mal, wenn ich auf die Wasseroberfläche schaue.

eins

Das Schiff gleitet ruhig durch die Nacht. Auch der Wind schläft. Die Lichter am Ufer glitzern verheißungsvoll und der fast volle Mond spiegelt sich im tintenschwarzen Wasser. So, als ob es noch eine Ahnung davon weitergeben will, wie leuchtend blau es heute bei Tageslicht gewesen sein muss. Die Mischung aus dem orangenen Schimmern der Uferpromenaden und dem glänzenden Schwarz ist so perfekt, dass ich sie dir gerne zeigen würde. Aber seit ich heute die Zeitung aufgeschlagen habe, weiß ich, dass das nie wieder möglich sein wird.

Matildaslebenist vorbei. Alle Ausrufezeichen der letzten Jahre haben sich zu Fragezeichen gekrümmt und mit dieser Bewegung ihr Herz entzweigeschnitten. Natürlich bedeutet ein Herz, das sich anfühlt wie zerteilt, nicht wirklich das Ende des Lebens. Das weiß sie selbst und alle Menschen um sie herum sind in den letzten Wochen nicht müde geworden, es ihr zu versichern. Aber Wissen und Fühlen waren schon immer zwei sehr verschiedene Dinge.

Sie steht auf dem ausgestorbenen Deck der schmalen Fähre zwischen leeren Plastikbänken in Holzoptik und starrt auf das Wasser. In den hell erleuchteten Innenbereich will sie nicht gehen, aus Angst, einer der anderen Fahrgäste würde die Müdigkeit in ihrem Gesicht als Traurigkeit entlarven und ihr eine erneute »Istdochallesnichtsoschlimm«-Litanei vortragen.

Auch wenn es unwahrscheinlich ist, fürchtet sie sich davor. Die Nachtluft ist warm und streicht tröstend über ihr dunkles Haar, das im Licht der Schiffsbeleuchtung schimmert. Seit Neuestem trägt sie wieder Pferdeschwanz, auch wenn sie findet, dass das ihrem Gesicht eine unnötige Strenge verleiht. Aber Matilda ist klein und zierlich; Menschen, die ihr die Hand schütteln, packen nie richtig zu, aus Angst, sie zu zerquetschen. Daher kann etwas Strenge vielleicht nicht schaden.

Mit den Fingern greift sie immer wieder an den billigen Schmuck um ihren Hals und an ihren Ohrläppchen. Sie hat ihn im Studium gekauft und sich nicht davon getrennt, obwohl man sieht, dass die Steine nur aus Glas sind und der Silberlack an den Fassungen abblättert und hässliche Stücke von weißlichem Plastik freigibt. Aber erst kam die BAföG-Rückzahlung, dann ist sie von der WG in eine Zwei-Zimmer-Wohnung gezogen und musste eine Küche kaufen; es gab nie den Moment, an dem sie über neuen Schmuck nachgedacht hat. Die einzig schöne Kette, die sie hat, die mit dem Vogel mit den ausgebreiteten Schwingen, hat Mads ihr geschenkt und die hat sie zu Hause gelassen.

Erst als die Fähre anlegt, reißt sie sich vom Anblick ihrer eigenen Gedanken und dem des Wassers los, um all ihre Aufmerksamkeit der Wegsuche zu widmen. Sie weiß nicht, ob sie sich nach über zwanzig Jahren noch an eine einzige Straßenkreuzung erinnert.

Es ist spät, als sie in Ennis Haus ankommt. Es riecht noch wie früher. Erst hat man den Geruch des Sees in der Nase. Das Kühle, Leichte. Dann der süße, schwere Holzgeruch im Flur. Sie tastet nach dem Lichtschalter und lässt ihre Taschen vor der ersten Treppenstufe auf den Boden fallen. Mit zögernden Schritten durchquert sie den Flur. Sie hat noch nie etwas besessen, das größer war als ein Sofa oder eine Küche, und jetzt soll all das hier ihr gehören?

Mit den Fingerspitzen befühlt sie die holzvertäfelten Wände. Die Küchentür ist angelehnt und Matilda stößt sie vorsichtig auf. Auf der Anrichte steht eine Flasche Wein, das Licht aus dem Flur fällt in einem breiten Streifen auf den Küchentisch mit der schweren Holzplatte, der sich an die Eckbank drückt. Die Fenster, das weiß sie noch, gehen auf den schlichten Hinterhof hinaus, der im Dunkeln liegt. Eine Weile steht Matilda regungslos in der Tür und atmet die Stille ein. Vielleicht funktioniert das so. Wenn man nur lange genug Stille einatmet, umhüllt sie irgendwann die Fragen und Bilder im eigenen Kopf und bringt sie zum Schweigen. Dann macht sie einen Schritt auf die Fliesen und sieht sich um.

Plötzlich fällt ihr der Stromausfall wieder ein. Sechs Jahre muss sie gewesen sein oder ein bisschen älter. Sie sieht es vor sich. Alle saßen um den Küchentisch. Sie und Juli vermutlich hinten auf der Eckbank. Vor wenigen Minuten waren die Lichter in der ganzen Straße erloschen und Enni hatte sie alle vom Wohnzimmer in die Küche gescheucht, wo sie sich dann um den Tisch drängten. Gerade noch war der Backofen an gewesen, die Küche ist der kleinste Raum im Haus und bleibt am längsten warm. Matilda erinnert sich, wie ihr Vater pfeifend die Treppen hochstieg, langsamer als sonst, weil er im Dunkeln die Stufen nicht richtig erkennen konnte, und mit ein paar zusätzlichen Decken herunterkam. Enni suchte Kerzen zusammen und das warme Licht, das in ihren Gesichtern widerschien, ließ den Sturm draußen unecht erscheinen.

Als die Lampen und der Fernseher ausgingen, war Matilda der brüllende Wind, der durch die Gassen hastete und gegen die Fensterläden schlug, unheimlich, auch wenn sie das nie zugegeben hätte. Höchstens vor Juli. Aber Juli saß schon den ganzen Tag über mit großen Augen am Fenster und beobachtete, wie kleinere Äste durch die Gasse gewirbelt wurden, und zeigte, selbst als ein paar Dachziegel krachend auf der Straße zerbarsten, keine Spur von Furcht. Aber dann, in der von Kerzen erleuchteten Küche, umgeben von ihrer Familie, wich Matildas Angst einem anderen Gefühl, irgendetwas zwischen Abenteuer und Geborgenheit. Sie versucht, sich zu erinnern, was danach geschah, wann der Strom wiederkam und was sie bis dahin gemacht haben, aber außer dem Bild der vom Kerzenlicht erhellten Gesichter in der Küche ist ihr Kopf leer. Wahrscheinlich haben sie eines von Opas selbst ausgedachten Würfelspielen gespielt, bei denen sich ab und an noch die Regeln änderten, oder ihr Vater hat für alle etwas vorgelesen.

Waren die Lichter und Heizungen schon wieder an gewesen, als sie ins Bett gingen? Und war das eine der Nächte, in denen sie und Juli sich zu zweit in eines der schmalen Betten legten? Sie schliefen oft so, auch ohne besonderen Grund.

Matilda tritt näher an die Fenster und bemüht sich, in dem Schwarz die Konturen des Hinterhofes auszumachen, doch sie sieht nur die Spiegelung ihres eigenen Gesichts.

In einem Sommer gab es dort hinten in der Ecke ein Wespennest und Juli wurde gestochen. Es muss der Sommer gewesen sein, in dem sie es lustig fanden, alles rückwärts auszusprechen und sich »Iluj« und »Adlitam« rufend über den Hof jagten. Doch plötzlich schrie Juli auf und rief »Mama!«, nicht »Amam«. Der Stich schwoll so sehr an, dass ihre Mutter fahrig wurde und sie schließlich zum Arzt brachte. Matilda erinnert sich noch daran, wie die beiden das Haus verließen. Juli weinte und ließ sich von niemandem beruhigen, obwohl sie doch sonst nicht müde wurde zu betonen, dass sie schon groß sei und längst keines von diesen Heu-Babys mehr. Sie sagte Heu-Babys, weil sie immer das »l« von Heulen verschluckte. Seit Juli sprechen konnte, sprach sie zu schnell. Matilda musste bei Enni bleiben, obwohl sie doch bei Juli sein wollte. Aber als die Tür ins Schloss fiel, da war sie doch froh, dass niemand mehr schrie und weinte. Trotzdem wollte sie nicht weiter im Hof spielen und sie nahm auch sonst keines von Ennis Ablenkungsangeboten an, bis Juli mit einem dicken Verband um den Stich und vor Stolz strahlend zurückkam.

»Eine große Spritze hab' ich bekommen, direkt als wir ankamen«, berichtete sie, als sei das ein großer Verdienst.

»Und dann den Verband, damit die Salbe nicht abgeht. Mama und ich waren auch schon in der Apotheke, morgen müssen wir den Verband neu machen. Und Traubenzucker durfte ich mir aussuchen.«

Nachdem sie mit den Händen noch mal verdeutlicht hatte, wie groß die Spritze war, gab sie Matilda die Hälfte der runden, bröseligen Bonbons ab, ohne dass ihre Mutter sie dazu ermahnen musste.

Noch am selben Tag kam ein Mann, der mit Opa das Wespennest entfernte. Matilda und Juli sahen vom Wohnzimmer aus zu, die Zähne klebrig und die Gesichter wieder leuchtend, aber Tür und Fenster zur Sicherheit geschlossen.

Fast lächelt Matilda. Wie lange sie schon nicht mehr an diesen Nachmittag gedacht hat. Zur Abwechslung ist es ganz schön, mal Erinnerungsstücken nachzuhängen, die keine scharfen Kanten haben. Keine Fallen, Löcher oder Netze, die man immer erst bemerkt, wenn man sich schon darin verfangen hat. Sie hält die Luft an und lauscht. Die Stille ist eher friedlich als gespenstisch. Die Wand zum Wohnzimmer ist zum Teil verglast, mit diesen altmodischen, fast blinden, leicht farbigen Gläsern, die auch tagsüber wenig Licht hindurchlassen. Matilda öffnet die nächste Tür ebenso behutsam und sieht, dass sie vergessen hat, wie viele Bücher Enni besaß. Jedes Stückchen Wand ist von einem Regal verdeckt, in dem ordentlich Buchrücken an Buchrücken nebeneinander aufgereiht ist. Das alles fühlt sich gar nicht an, als ob es ihr gehören würde.

Matilda lässt ihren Blick über die Regale und das Sofa schweifen und für einen Moment fällt ihr etwas ein, etwas, das damals die Kühle zwischen ihrer Mutter und Enni für einen Moment verschwinden ließ, aber sie weiß nicht mehr, was es war. Bevor sie sie greifen kann, ist die Erinnerung schon wieder fort.

Sie schüttelt unwillkürlich den Kopf und unterdrückt ein Gähnen. Morgen, morgen wird sie alles genauer in Augenschein nehmen. Sie muss ins Bett. Leise, als ob sie keine der Erinnerungen verscheuchen will, schließt sie erst die Tür zum Wohnzimmer, dann die zur Küche und trägt ihre Taschen nach oben. Und noch bevor ihr Herz sie wieder daran erinnern kann, dass sie gerade unglücklich ist, fällt sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

zwei

Heute ist der See karibisch blau. Wirklich. Wie auf einem dieser grässlichen Südseeposter mit den Palmen. Aber in echt sieht die Farbe gar nicht so schlecht aus. Es ist ein Sommersonntag im August, an dem die Luft vor Wärme und Friedfertigkeit flimmert. Alle haben Zeit, alle sind glücklich und liegen im Schatten.

Sonnenflecken zittern auf dem Wasser, das von weiß strahlenden Booten durchpflügt wird. Wenn man sie fixiert, muss man die Augen zusammenkneifen, so hell sind sie. Die Luft ist zu warm, um wirklich angenehm zu sein, aber ab und zu kommt eine Brise vom See herüber. Sie ist kühl und riecht erdig und nass. Die Berge hinter dem See sind nur schwach im Dunst zu erahnen, als ob sie jemand träumt. Inzwischen frage ich mich immer öfter, ob ich dich geträumt habe.

Alsmatildaaufwacht, lauscht sie auf Mads Atem, aber natürlich ist es still. Sie wirft einen Blick auf ihr Handy und stellt fest, dass sie den ganzen Morgen verschlafen hat. Auf dem Weg nach unten versucht sie, die knarzenden Stufen auszulassen, doch es gelingt ihr nicht. Das Haus erwacht. Ihre nackten Füße frieren auf den Küchenfliesen, obwohl es ein warmer Tag ist.

Ennis Kühlschrank ist leer. Natürlich. Ihre Mutter muss alles Verderbliche weggeworfen haben, als sie vor ein paar Wochen hier gewesen ist. Auch wenn es nicht viel mehr als ein halber Tag gewesen sein kann, wegen »der Formalitäten«, wie sie am Telefon sagte. Matilda sieht sie vor sich, wie sie durch das Haus eilt. Ihre schnellen Bewegungen bauschen die weite Bluse, die auffälligen Ohrringe, für die Matilda sich mit fünfzehn geschämt hat, klimpern und wenn ihre Mutter die Treppe hochhastet, hält sie sich nicht am Geländer fest.

Seit zwanzig Jahren meidet ihre Mutter diesen Ort und auch Matilda ist seitdem nicht mehr hier gewesen, obwohl sie den Grund dafür nicht kennt. Sie kann sich nicht erinnern, ihre Mutter je danach gefragt zu haben, es hat sie nie interessiert. Dass dieser Ort ein Teil ihres Lebens war, ist so lange her, dass es sich nie wichtig angefühlt hat. Aber jetzt gehört das Haus auf einmal ihr, ihr und Juli. Und auf den klar umgrenzten Grundflächen ihres Lebens, die in den letzten Wochen ohnehin aufgeweicht worden sind und aus denen jetzt auf der einen Seite alles herausfließt, steht seit Kurzem auch noch dieses alte Haus im Weg herum.

Es liegt im Tageslicht so da, wie sie es in Erinnerung hat, insofern man den Dingen, die man sich als Kind gemerkt hat, trauen kann. Neben der Küche und dem Wohnzimmer gibt es unten nur noch eine schiefe Tür, die in den Keller führt. Lange fürchtete sie sich vor der steil abfallenden Kellertreppe und Juli machte sich manchmal einen Spaß daraus, die schwachen Neonröhren zu löschen, wenn Matilda erst auf halber Strecke war. Mit angehaltenem Atem wartete sie dann auf das wiederkehrende Licht. Es dauerte nie lange, bis die Lampen wieder leise surrten und Juli von oben rief: »Siehst du? Es ist gar nichts Schlimmes passiert, als es dunkel war!«