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Das große Epos über die geheimnisvollsten Wesen der Fantastik
Begeistert ist Benny nicht gerade, als er von seinem Vater in das Eliteinternat Glenshee Castle an der schottischen Küste gesteckt wird. Irgendetwas geht in Glenshee Castle nicht mit rechten Dingen zu, dessen ist er sich sicher. Als eines Tages einer seiner Mitschüler spurlos verschwindet, stellt Benny Nachforschungen an und stößt dabei auf ein Geheimnis, das bislang vor den Augen der Welt verborgen blieb: In Glenshee Castle erscheinen Wesen aus der Welt der Feen, und die Schatten werden lebendig…
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Seitenzahl: 732
Veröffentlichungsjahr: 2011
Das Buch
Das Buch
Der vierzehnjährige Benny wird von seinem Vater auf das schottische Eliteinternat Glenshee geschickt und ist überhaupt nicht begeistert. Warum wird er nach Schottland in die windgepeitschte Einöde abgeschoben? Erst nach und nach lebt Benny sich in der fremden Umgebung ein. Dabei ist es nicht gerade förderlich, dass er sich gleich am ersten Tag mit dem Schulsprecher und Anführer der ortsansässigen Schüler anlegt. Aber damit fangen Bennys Probleme gerade erst an – denn in den Hallen und Gängen des alten Schlosses, in dem das Internat untergebracht ist, geht es nicht mit rechten Dingen zu. Erst kann Benny die Gruselgeschichten von Feen, Kobolden und menschenfressenden Kelpies gar nicht glauben. Doch nach und nach häufen sich die seltsamen Ereignisse – bis einer seiner Mitschüler verschwindet und Benny erfährt, dass er sich den Zorn der Feenwesen zugezogen hat. Zusammen mit dem Mädchen Leslie und seinen engsten Freunden beginnt für Benny ein unglaubliches Abenteuer …
Die Autorin
Die Autorin
Maike Hallmann wurde 1979 in Hamburg geboren. Sie studierte Germanistik und begann nach ihrem Abschluss als freie Autorin in ihrer Geburtsstadt Hamburg zu arbeiten. Sie hat u. a. einen Jugendkrimi, diverse Kurzgeschichten und mehrere Shadowrun-Romane veröffentlicht, bevor sie mit Die Feen ihr erstes großes Fantasy-Epos schrieb. Maike Hallmann lebt mit ihrem Mann und ihrem Kind in Hamburg.
Die Feen
MAIKE HALLMANN
DIE FEEN
ROMAN
Originalausgabe
WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN
Impressum
Originalausgabe 11/2011Redaktion: Catherine BeckCopyright © 2011 by Maike HallmannCopyright © 2011 dieser Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung: Nele Schütz Design, MünchenKarte: Andreas HancockSatz: C. Schaber Datentechnik, WelsISBN: 978-3-641-06384-9www.heyne-magische-bestseller.de
Widmung
Für zwei,die von Anfang bis Ende dabei waren.
Karte
Erstes Buch
ERSTES BUCH
1 Abwärts
1 ABWÄRTS
Es ging so steil abwärts, dass Benny kurz glaubte, er wäre zu weit über die Kante getreten und stürzte nach unten, den Felsen entgegen und dem grauen, wilden Meer, das sie umspülte. Aber es war nur sein Blick, der stürzte, sein Körper stand sicher oben, mit vor der Brust verschränkten Armen und einem Ausdruck im Gesicht, als hätte er noch nie etwas Alberneres gesehen als die schottische Steilküste. Neben ihm stand sein Vater und strahlte ihn an, Benny wusste es, ohne hinzusehen. »Toll, nicht?«, glaubte er über dem Sausen des Winds und dem Tosen der fernen Brandung dort unten zu hören. Er hob die Brauen, sammelte Speichel im Mund und spuckte aus. Wo der Speichelklumpen landete, konnte er nicht sehen, er dachte, dass er Glück gehabt hatte, dass der Wind ihn nicht zurück in sein Gesicht geschleudert hatte, aber am verletzten Schweigen und der Körperhaltung seines Vaters, den er sorgsam aus dem Augenwinkel beobachtete, erkannte er, dass die Botschaft angekommen war, und nur darauf kam es an.
Stumm standen sie da und starrten hinunter. Benny hob den Blick, kniff die Augen zusammen und schaute übers Meer, grau unter dem verhangenen Himmel, dann wieder hinunter. Viel tiefer, als er erwartet hatte, sah er unten die schroffen Felsen. Schottland starrte ihn mit derselben Gleichgültigkeit an wie umgekehrt. Angesichts dieser alten Felsen und ungeheuren Tiefe war Benny ein Nichts, nur ein winziger Mensch, der kurz vorbeikam und wieder ging und die Felsen und das Meer nicht interessierte. Er atmete tief ein, und in ihm löste sich ein fester Knoten. Plötzlich erfüllte ihn, wenn schon nicht Heiterkeit, dann doch Leichtigkeit, als fließe Blei aus seinen Poren und lasse ihn hohl und leer und fast schwerelos zurück. Er dachte: Es wäre so einfach. Ein kleiner Schritt, ein Sturz. Oben sein entsetzter, sein fassungsloser Vater, unten Benny, zerschmettert auf den Felsen. Und vorbei. So viel Bedeutung hatte ein menschliches Leben, dass es binnen eines Lidschlags ausgelöscht werden konnte. Gar keine also. Er lächelte.
»Siehst du?«, brüllte sein Vater zufrieden. »Hab’s doch gewusst, das gefällt dir!«
Benny wandte ihm das Gesicht zu und betrachtete ihn. Joachim Reutter, Ende vierzig, das müde Gesicht voller Falten und die Augen erfüllt vom zwanghaft wilden Entschluss, dem Leben etwas abzugewinnen. Alt war er geworden, fand Benny. Oder er war schon immer alt gewesen. Seine Mutter hatte gefunden, sie sähen einander ähnlich. Tatsächlich hatten sie beide die schmale Statur eines Läufers und das gleiche aschblonde Haar. Da aber, fand Benny, endete die Ähnlichkeit.
Er wendete den Blick wieder ab, aber der Gedanke zu springen hatte seinen Reiz verloren, ihm war viel zu kalt dafür, und vom dummen Gesicht seines Vaters hätte er ja dann ohnehin nicht viel gehabt. Statt auf die Felsen sah er aufs Meer hinunter. Es lud nicht gerade zum Baden ein. Aber ganz unten lag ein kleiner, sichelförmiger Strand, und Benny fragte sich, ob man irgendwie hinunterkäme, wenn man es darauf anlegte.
Sein Vater warf einen Blick auf die Uhr, eine silberne Armbanduhr, etwas zu locker für sein Handgelenk. Ihr Anblick war Benny ebenso vertraut wie die Bewegung, mit der sein Vater den Arm vorstreckte, um den Ärmel zurückzustreifen, und dann mit so bedeutsam zusammengekniffenen Augen auf das große Ziffernblatt schaute, als gebiete er persönlich über die Zeit aller Menschen auf diesem Planeten. Manchmal hatte sich Benny gefragt, ob er dabei wirklich auf die Zeit achtete oder ob dieser Blick auf die Uhr nur dazu diente, seine Autorität bezüglich des Zeitplans zu unterstreichen.
»Wir sollten mal«, brüllte sein Vater gegen den Wind an.
Leck mich doch, dachte Benny. Er blieb stehen, statt seinem Vater hinterherzutraben, und betrachtete das Meer, das sich wütend gegen die Felsen warf. Ein Wunder, dass Schottland nicht pro Jahr um einen Kilometer zusammenschrumpfte, weil sich die Wellen durch die Küste fraßen.
Plötzlich verebbte der Wind. Für die Dauer eines tiefen Atemzugs war es ganz still. Ein leiser Windzug strich über Bennys Wange, ganz sachte, und im nächsten Augenblick brüllte der übermütige Küstenwind wieder los, riss an Bennys Kleidung, ließ sie knattern und schlug ihm die Kapuze seiner zu dünnen Jacke um die Ohren.
Verwirrt blinzelte Benny und griff sich an die Wange. Dann wandte er sich vom Abgrund ab und trottete seinem Vater hinterher, der schon ungeduldig im Auto wartete. Der kleine knallblaue Leihwagen sah in dieser Landschaft aus, als habe jemand versehentlich einen leuchtend blauen Klecks Farbe auf ein Gemälde gespritzt. Benny stieg ein und knallte die Tür hinter sich zu.
»Wunderschön, oder?«, beharrte sein Vater unerbittlich.
»Na ja«, brummte Benny. Statt den Motor zu starten, starrte sein Vater ihn an. Benny suchte den Reiseführer aus dem Handschuhfach heraus und schlug irgendeine Seite auf.
»Dass du dich für nichts interessierst!«, hörte er seinen Vater vorwurfsvoll sagen.
»Tu ich doch«, erwiderte Benny und überflog die aufgeschlagene Seite. »In Schottland gilt, wie in ganz Großbritannien, die Greenwich Mean Time, damit liegt Schottland eine Stunde hinter Deutschland zurück. Zu Hause wäre also schon eine Stunde mehr von diesem verschissenen Tag rum. Das finde ich hochinteressant.«
Er hörte förmlich, wie sein Vater innerlich bis drei zählte. »Benny«, sagte er dann betont kameradschaftlich und locker.
Begeben Sie sich auf die Ebene Ihres Kindes, zitierte Benny in Gedanken aus einem der Elternratgeber, die zu Hause hin und wieder auf dem Klo oder auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer auftauchten.
»Es tut mir leid, wenn du sauer bist wegen des Internats. Sieh mal, ich will doch nur …«
»Lass stecken«, sagte Benny, kramte im Handschuhfach und schob sich die Stöpsel seines MP3-Players in die Ohren. Ohne weitere Umstände drückte er auf Play, und weil es alphabetisch ganz vorn stand, jammerten ihm als Erstes Creed mit My Own Prison ins Ohr. Er drehte die Lautstärke auf. »… dein Bestes«, echote der unvollendete Satz seines Vaters trotzdem in seinem Kopf. Seit dem Tod der Mutter war er zum wandelnden Phrasenschwein geworden, Benny bekam gar nicht genug Taschengeld, um ihm für jeden ausgelutschten Spruch einen Euro zwischen die Lippen zu schieben.
Lange passierte gar nichts. Erst als zum zweiten Mal der Refrain begann, wandte der Vater mit schmalen Lippen den Kopf ab und startete den Motor. Er würgte ihn ab. Beim zweiten Versuch klappte es.
Erleichtert sah Benny aus dem Fenster und sah draußen das Hochland vorbeisausen – hier und da weiße Schafkleckse auf graugüner Weite, erschütternd schön, aber es ging ihn nichts an. Das alles hier ging ihn nichts an. Er hatte jedenfalls nicht darum gebeten, nach Schottland abgeschoben zu werden, und hatte nicht vor, Gefallen an irgendetwas hier zu finden, außer vielleicht am Essen. Er schloss die Augen und dachte eine Weile an gar nichts mehr.
2 Glenshee
2 GLENSHEE
Sie waren an einem groben, großen Stein abgebogen, auf dem etwas stand, das Benny auf die Schnelle nicht hatte lesen können. Die schiere Weite des leicht gewellten Landes, durch das sie fuhren, flüsterte in seinem Kopf, es fiel ihm schwer, die Augen auf Details zu fokussieren. Alles verlor sich in grauer Ferne, saftiges Grün, gedämpft von so feinem Nieselregen, dass sich die Tröpfchen wie Wasserdampf auf die Fensterscheiben des Wagens legten.
Hier und da sprenkelten noch immer einsame Schafe das Grün, ab und an stand da auch ein Baum, gebeugt vom übermütigen Wind, der an ihm zerrte und riss, seit er die Kühnheit besessen hatte, dort Wurzeln zu schlagen, und ihn mit den Jahren und Jahrzehnten in alle Richtungen verdrehte. Manchmal zogen sich Mauern durch die Landschaft, niedrige Mauern aus Stein, doch was genau sie begrenzten, erschloss sich Benny nicht. Auf der Fahrt die Küste entlang hatten überall kleine Ortschaften in Senken oder auf Hügeln gekauert, manchmal nur eine Kirche und ein halbes Dutzend kleiner, niedriger Steinhäuschen. Seit sie jedoch ins Land hineinfuhren, gab es nur noch Weite und Schafe und vereinzelte Bäume, und einmal hatte Benny eine winzige Hütte gesehen, aus deren Schornstein Rauch aufstieg. Weit und breit kein Auto. Die Straße war auch nicht sehr gut, zwar asphaltiert, aber schmal und voller Schlaglöcher. Es kam ihm vor, als würde die Landschaft immer wilder und öder.
»Da«, überbrüllte sein Vater My Own Prison in der Wiederholungsschleife. »Schau.«
Gehorsam schaute Benny und nahm sogar die Stöpsel aus den Ohren. Voraus standen links und rechts der Straße ein paar Häuser. »Sind wir da?«
»Wart’s ab.«
Drei Häuser waren es, alle recht klein und seltsam geduckt, als würden sie sich zum Schutz vor dem Wind niederkauern und das Dach tief in die Stirn ziehen. Dahinter schwang sich die Straße in kühnem Winkel abwärts, und das Land wich zurück, als habe ein Riese mit beiden Händen eine tiefe Furche hineingeschaufelt. Weitere Häuser säumten wie Stufen die abfallende Straße, weiter unten verbreiterte sich die Ansiedlung zu einem kleinen Dorf. Es wirkte fast verwunschen, wie aus einer anderen Zeit, aber die Straße war asphaltiert und frei von Schlaglöchern.
»Glenshee«, verkündete sein Vater stolz, als hätte er diese klägliche Ansammlung von Häuschen eigenhändig erbaut.
Benny hob die Brauen, ohne etwas zu sagen.
Kaum bogen sie um die nächste Ecke, war das Dorf auch schon fast wieder zu Ende. »Wo ist denn …«, murmelte der Vater und beugte sich vor, um durch das feine Gestäube des Regens in die Ferne zu schauen. Sie fuhren an einem winzigen Haus vorbei, dessen Steinfassade mit irgendeiner bläulich blühenden Rankenpflanze bewachsen war. Und dort saß auf der hohen Mauer, die sich ans Haus anschloss, ein Mädchen und schaute Benny direkt an. Er sah sie erst, als sie fast schon daran vorbei waren, so still saß sie, und als er mit dem Kopf herumruckte, um nachzuschauen, war sie fort. Nur der Eindruck sehr heller, fast weißblonder Haare, die dünn und flusig im Wind wehten, blieb in ihm zurück, und das Gefühl, von scharfen Augen eingehend gemustert worden zu sein.
»Was ist?«, fragte sein Vater.
»Nichts«, brummte Benny und wandte sich widerwillig wieder nach vorn.
»Ah!«, rief sein Vater aus. »Da!« Mitten auf der Straße hielt er an und deutete nach vorn.
Benny sah nur eine weite graue Fläche, die sich hinter dem Dorf erstreckte. Zuerst glaubte er, es sei ein endloser betonierter Platz, aber es war ein riesiger See, der direkt hinter dem Dorf in bleigrauer Reglosigkeit dalag. Und ein ganzes Stück dahinter, wo das Tal leicht anstieg, wuchs eine Burg empor, ausladend und so schroff und wuchtig, als hätte derselbe Riese, der das Tal ausgehoben hatte, sie mit einem gewaltigen Hammer direkt aus einem riesigen Felsbrocken gehauen. Durch den Tröpfchenregen verschwammen ihre Umrisse, als läge sie hinter einer feinen Nebelwand. Sie war noch so weit fort, dass Benny sie mit der Fingerspitze verdecken konnte, spielzeugklein, aber selbst auf diese Entfernung wirkte sie gewaltig.
»Glenshee Castle.« Sein Vater lächelte selbstzufrieden. »Dein neues Zuhause.«
Mit einem Ruck verschloss sich etwas in Benny, er spürte es in sich nachhallen, als wären große Torflügel zugeschlagen. »Ah«, sagte er. »Nett.«
»Nett? Was heißt denn hier nett?«
»Halt eine Burg, oder? Willst du hier eigentlich ewig stehen bleiben?«
Kopfschüttelnd gab sein Vater Gas. Immerhin sagte er nicht wieder Ich verstehe dich nicht, sondern hielt den Mund. Nur sein Gesicht sprach Bände, aber Benny schaute einfach nicht hin.
Stattdessen blickte er aus dem Fenster, sah auf halbem Weg die Ruine eines Steinhäuschens vorbeisausen, die wie ein abgebrochener Backenzahn am Wegrand steckte, und schloss die Augen, als sie über eine kurze, aber breite Brücke fuhren und die Mauern der Burg über ihnen aufragten. Sie waren da.
Glenshee Castle überwältigte ihn. Allerdings auf andere Art als seinen Vater, der leuchtete wie eine Hundertwattbirne. Er schaute sich mit funkelnden Augen um, die verrieten: Er als Junge hätte alles dafür gegeben, auf ein solches Burginternat zu gehen.
Benny hingegen kam Glenshee Castle aus der Nähe noch bedrückender vor. Alles war wie auf den mehrfachen Maßstab vergrößert, die Mauern ragten steil und grau und himmelhoch auf, die schmalen Fenster lagen deutlich höher, als er groß war, und das offene Tor, auf das sie zuhielten, war mehr als doppelt mannshoch, als wäre Glenshee Castle nicht für Menschen erbaut worden. Zu seiner eigenen Überraschung schüchterte die Burg ihn ein. Er fühlte sich verloren, als sie durchs Tor traten, in einen Hof, in dem ein Bus parkte – nein, zwei, hinter dem ersten stand noch einer.
Kurz schaute sich sein Vater um, dann steuerte er auf ein weiteres Tor zu, das ins Innere der Burg führte. Schweigend folgte ihm Benny. Das eigenartig hohle Gefühl in seinem Innern ähnelte Hunger, aber er hätte keinen Bissen herunterbekommen. Er wusste nicht, was er denken sollte. Hier zu sein war so unwirklich, als würde er träumen.
Hinter dem Tor öffnete sich eine weite Halle. Als sie eintraten, hörte Benny Stimmen: Ganz am anderen Ende der kargen Halle, in der Wandteppiche und Waffen hingen, Schwerter und Äxte und einige Morgensterne und eine Reihe wappenverzierter Schilde, standen gut zwanzig dunkelblau uniformierte Kinder und lauschten einem älteren Schüler in der gleichen Uniform, der ein paar Treppenstufen höher stand und in schnellem, nicht ganz akzentfreiem Englisch auf sie einredete. Schuluniformen – ach ja. Einer der Punkte, die seinem Vater besonders gefallen hatten. Von Gemeinschaftsgefühl hatte er gesprochen und von Tradition und Gleichberechtigung und davon, dass sich niemand durch seine Kleidung hervortun konnte – innerhalb von fünf Minuten waren sicher dreißig theoretische Euro fürs Phrasenschwein zusammengekommen, woraus Benny schloss, dass sein Vater befürchtete, Benny fände Schuluniformen schrecklich. Tatsächlich hatte er dazu aber keine besonders ausgeprägte Meinung, es war ihm einigermaßen egal, was er trug, und was die anderen anzogen, erst recht. Schuluniformen, Kartoffelsäcke, seinetwegen auch Schottenröcke, das kümmerte ihn wenig, solange er zum Laufen seine Trainingsklamotten anziehen konnte.
Kurz betrachtete er den kleinen Haufen Leute. Sie sahen einander so ähnlich in ihren Uniformen, alle vielleicht elf, höchstens zwölf Jahre alt. Sie alle schauten so aufmerksam drein, dass er grinsen musste – nie im Leben interessierten sie sich alle derart brennend für die Geschichte dieser blöden Burg oder die Hausregeln oder was auch immer der Ältere ihnen gerade verkündete.
Nach einem raschen Rundumblick hielt sein Vater schnurstracks auf die Gruppe zu. Benny folgte ihm mit ein paar Schritten Abstand.
»Entschuldigung«, rief sein Vater auf Deutsch, dann, sich besinnend: »Excuse me«, und fuhr auf Englisch fort: »Mein Sohn und ich sind gerade erst angekommen. Ich darf mich vorstellen: Reutter ist mein Name. Dieser junge Mann hier ist mein Sohn. Wir suchen das Büro der Direktorin.«
Peinlich, dachte Benny. Wirklich peinlich. Sein Vater betonte jede Silbe so, wie er es für besonders schottisch hielt, die Grammatik war so überkorrekt wie aus dem Lehrbuch.
Alle Blicke wandten sich ihm zu – ihm, nicht seinem Vater. Der ältere Schüler musterte ihn eingehend.
Ruhig erwiderte Benny den Blick der kalten grauen Augen.
Der Fremde hob die Brauen, sie waren so dunkel wie das Haar und bildeten zwei perfekte Bögen. Das schmale Gesicht mit der fein geschnittenen, etwas zu langen Nase war wie dafür gemacht, abfällig auf andere hinunterzusehen. »Reutter«, sagte der Schüler. »Herr Joachim Reutter?«
»Richtig«, sagte Bennys Vater überrascht.
»Und Robin Benedict.« Ein kurzes, förmliches Lächeln. »Nun, wir haben Sie bereits vermisst. Ihren Sohn, um genau zu sein. Eigentlich hätte er gestern Abend ankommen sollen – da fand die offizielle Begrüßung statt.«
»Ja«, sagte Bennys Vater. »Wir sind ein wenig – nun, ich hatte noch einen wichtigen Termin, und dann haben wir uns ein wenig an der Küste aufgehalten. Aber in den ersten Tagen, habe ich mir sagen lassen, findet ja ohnehin noch kein regulärer Unterricht statt. Und jetzt sind wir ja da.«
»Offensichtlich.« In der Stimme des Jungen lag kühle Missbilligung. Er ließ den Blick über die jüngeren Schüler schweifen, die reglos dastanden. »Gerome.«
Einer der Zwerge zuckte zusammen, als hätte er eins mit der Peitsche übergezogen bekommen. »Ja, hier.«
»Sir.«
Verwundert sah Benny, wie dem Kleinen das Blut in die runden Wangen stieg. »Ja, Sir«, schmetterte der Zwerg markig. Unwillkürlich schnaubte Benny, nur ganz kurz, es war nicht mal ein richtiges Lachen, aber er sah, wie sich der Kiefer des älteren Schülers spannte: Er hatte es gehört.
»Bring Herrn Reutter bitte ins Büro von Direktorin Rutherford. Sieh zu, dass du nicht trödelst. Melde ihn ordnungsgemäß an und komm zurück. Ich gehe davon aus, dass du den Weg findest.« Er wandte sich an Benny. »Du bleibst direkt hier. Die halbe Führung hast du verpasst, du wirst selbst zusehen müssen, wie du dich im Westflügel zurechtfindest.« Er runzelte die Stirn. »Gerome!«
»Ja, Sir!«
»Worauf wartest du?« Mit einem Nicken entließ der Schüler den Kleinen und damit auch Bennys Vater. Mit entschuldigendem Blick eilte Joachim Reutter, 49 Jahre alt und Professor für Anglistik, hinter dem Kleinen her, der ein Tempo an den Tag legte, als sei ein Rudel ausgehungerter Wölfe hinter ihm her. Perplex starrte Benny hinterher und war versucht, einfach mitzugehen, aber da waren die beiden schon um die nächste Ecke verschwunden, und der ältere Schüler fuhr in seinem Vortrag fort, als sei nichts gewesen. Er klang routiniert, etwas blasiert und war Benny so herzlich unsympathisch, dass ihm davon wenigstens zum ersten Mal richtig warm wurde, seit sie in Inverness aus dem Flieger gestiegen waren.
»In dieser Halle spielte sich früher fast alles ab, was in irgendeiner Weise mit dem Gesinde zu tun hatte oder mit dem Volk aus den umliegenden Dörfern. Gesindespeisungen fanden hier ebenso statt wie die Rechtsprechung, wenn es einen Zwist zu entscheiden gab. Auch wurden hier Waffen an das einfache Volk ausgegeben, wenn es Burg und Land zu verteidigen galt, und Verwundete konnten sich hierher zurückziehen.«
Irgendwelche Gesindespeisungen interessierten Benny ungefähr so sehr wie die Frage, was es morgen zum Frühstück geben würde. In diesem Moment nämlich beschloss er, dass er nicht bleiben würde. Er hatte keinen Schimmer, was er hier sollte. Die Uniformen, der blasierte Affe dort oben auf der Treppe, diese zugige Burg, das ganze schöne, aber fremde Postkartenschottland dort draußen mit seinen Steinhäuschen und Felsen und riesigen grünen Weiten und Schafen … all das ging ihn nichts an. Die Vorstellung hierzubleiben, erschien ihm mit einem Mal so lächerlich, dass er sich nicht gewundert hätte, wenn es nur ein seltsamer Traum gewesen wäre. Aber er wachte nicht auf, und als er den Handlauf des Treppengeländers berührte, war das dunkel gemaserte Holz kühl und glatt und echt unter seinen Fingern. Jawohl, es war offiziell – hier stand er wahr- und leibhaftig mitten in Schottland in einer Burg herum, in einem Elite-Internat, in dem er die nächsten Jahre seines Lebens verbringen sollte. Fast hätte er laut aufgelacht.
»Für uns heute ist die Halle, außer aus historischer Sicht«, dozierte der blasierte Typ weiter, »nur noch zu besonderen Gelegenheiten von Bedeutung. Es ist bis auf die Rote Halle der einzige Raum – von der Bibliothek mal abgesehen, die aber aus mehreren ineinander übergehenden Räumen besteht –, der sämtliche Schüler von Glenshee Castle, Lehrer und Angestellte problemlos gleichzeitig aufnimmt. Gestern Abend hat hier, wie ihr wisst, der Empfang der neuen Schüler stattgefunden.« Kurz huschte etwas Ähnliches wie ein Lächeln über seine Züge, das Benny eindeutig an seine Adresse zu gehen schien, auch wenn er ihn nicht anschaute. »Und eines Tages werden hier eure Abschlussfeierlichkeiten stattfinden, wenn ihr Glenshee Castle erfolgreich verlasst. Die Porträts, die ihr an den Wänden …«
Der Rest ging an Benny vorbei, als hätte er sich Watte in die Ohren gestopft. Er strich über den Handlauf, betrachtete die Waffen und Teppiche an den Wänden, schaute zur meterhohen Decke auf und unterdrückte ein Gähnen. »Wie heißt der Typ eigentlich?«, flüsterte er einem der uniformierten Kleinen zu, als sich Sir Wichtig nach Beendigung seiner Rede umdrehte und die Treppe emporstieg, offensichtlich in dem festen Glauben, man würde ihm andächtig schweigend folgen.
Der uniformierte Kleine warf ihm einen zögerlichen Blick zu. »Alasdair MacGregor«, flüsterte er.
»Und warum tut er so wichtig?«
Statt zu antworten, eilte der Kleine den anderen hinterher. Benny seufzte leise und folgte ihnen. Er in Jeans und Pulli mitten zwischen diesen Kindern in ihren blitzneuen Schuluniformen – das kam ihm vor wie ein Sinnbild dafür, wie fremd und unpassend er sich hier fühlte. Er sah sich auch nicht in der Lage, Sir Alasdair mit der gebührenden Hochachtung zu lauschen. Sehr viel lieber hätte er sich auf seinen Rücken gesetzt und ihm das überhebliche Gesicht in den Dreck draußen vor dem Burgtor gedrückt. Während er den anderen hinterherschlenderte, versuchte er, nur zum Spaß, seine Chancen realistisch abzuschätzen. Vermutlich war es besser, es nicht zu versuchen – Alasdair mochte zwei, drei Jahre älter sein als er, und trotz des schmalen Gesichts und der blasierten Art machte er keinen schwächlichen Eindruck.
In dem zugigen Gang, den sie betraten, lagen die Schlafsäle für die Zweitklässler, insgesamt drei Stück, für jede Klasse einer. Mit den höheren Klassen stieg man auf, wie Alasdair seinen ehrfürchtig lauschenden Zuhörern erläuterte. In den ersten beiden Klassen nächtigte man auf Glenshee Castle im Schlafsaal, dann im Sechsbettzimmer, in der fünften und sechsten Klasse gab es Vierbett, und in der Abschlussklasse teilte man sich mit je einem Mitschüler ein großes Zimmer im Ostflügel, zu dem Schüler der unteren Jahrgangsstufen keinen Zutritt hatten. Überhaupt erwarb man sich mit jedem Schuljahr mehr Privilegien.
Benny überlegte kurz. Bliebe er, würde er in der vierten anfangen – also dieses Jahr in einem Sechsbettzimmer schlafen, die beiden nächsten im Vierbettzimmer. Nein, danke. Leute strengten ihn schon genug an, wenn er den halben Tag lang mit ihnen zu tun hatte, er hatte keinen Bedarf, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, mit Typen eingepfercht zu sein, die möglicherweise so waren wie Alasdair oder eine ältere Version des eifrigen kleinen Gerome. Scheinbar aufmerksam musterte er einen Wandteppich, der ein wenig zu verschlissen und blass war, um noch von Pracht sprechen zu können, und ließ sich weiter zurückfallen. Da keuchte von hinten Gerome heran wie eine übereifrige kleine Dampflok. Ehe er ihn überholen konnte, packte Benny ihn am Arm. »He«, sagte er leise. »Wo ist denn das Büro dieser Direktorin?«
Gerome starrte ihn an, als hätte er gedroht, ihn ohne Umschweife aus dem nächstbesten Fenster zu werfen. »Dort hinten den Gang lang, dann die Treppe … ich … ich kann das nicht gut beschreiben. Und …«
»Die sind ein bisschen bescheuert hier, oder?«, erkundigte sich Benny. »Musst du diesen Typen wirklich Sir nennen? Was soll denn das?«
Geromes entsetzter Blick vermittelte ihm das deutliche Gefühl, dass der Kleine nicht weniger Wert auf seine Gesellschaft legen könnte, wenn er mit der Pest infiziert wäre. »Das ist die korrekte Anrede für Schüler höherer Jahrgänge«, presste er heraus.
»So.« Benny verzog das Gesicht. »Dann musst du mich also auch mit Sir anreden?« Was ihn dazu trieb, den Zwerg zu quälen, wusste er selbst nicht, normalerweise hackte er nicht auf Kleineren herum. Jedenfalls nicht sehr oft.
Gerome blinzelte. »Ja … Sir.«
»Kommst du dir dabei nicht dämlich vor?«, hakte Benny unerbittlich nach.
»Und was geht dort hinten vor, wenn ich fragen darf?«, hallte Alasdairs Stimme durch den Korridor.
Hastig riss sich Gerome los und verschwand in der Masse dunkelblauer Uniformen. Benny seufzte. »Nichts«, sagte er, gerade laut genug. »Gar nichts. Ich wollte nur wissen, wo hier ein Klo ist.«
Mit einem Kopfnicken deutete Alasdair den Gang hinunter. »Neben den Schlafsälen. Ich gehe aber davon aus, dass du in der Lage bist, es noch eine Weile auszuhalten.«
»Echt nicht«, bedauerte Benny. »Ich muss schon die ganze Zeit wirklich dringend. Tut mir fürchterlich leid.«
»Mit Sicherheit«, versetzte Alasdair kalt, drehte sich um und bog um eine Ecke. Die anderen folgten ihm.
Benny blieb stehen. War das nun eine offizielle Erlaubnis oder nicht? Im Grunde genommen ja auch egal. Er drehte einfach auf dem Absatz um, trabte an den Toiletten vorbei und die Treppe zur Halle hinunter.
Und nun? Der See fiel ihm ein. Warum sich nicht ein wenig die Beine vertreten, während sein Vater unnötige Gespräche mit einer Direktorin führte, die Benny in wenigen Stunden nichts mehr angehen würde? Sollte er ruhig noch ein bisschen schottischen Akzent imitieren, über die Probleme seines Sohns schwadronieren und dann feststellen, dass besagter Sohn nicht daran dachte, sich mit lauter kleinen Kindern brav in dieser lausig kalten Burg herumführen zu lassen, eine dämliche Schuluniform zu tragen und in einem Zimmer mit fünf fremden Internatszombies zu schlafen.
Vorbei an den Bussen, raus aus dem Tor, im Vorbeigehen einmal auf den Leihwagen geklopft, ganz kameradschaftlich, man kannte sich ja inzwischen – nachher, wenn sie zurückfuhren, würde ihm der vorhin noch so fremde Geruch im Wageninneren wahrscheinlich schon ganz vertraut vorkommen. Dann der Rückweg in eisigem Schweigen, in Inverness den Flüchen seines Vaters über den Linksverkehr lauschen, in irgendeiner kleinen Pension übernachten. Und morgen früh nach Hause. »Was für ein blödsinniger Ausflug«, brummte er. »Einmal Schottland und zurück.« Seine Laune hob sich spürbar. »Sir«, näselte er im Vorbeigehen einen struppigen kleinen Baum an. »Es heißt Sir Benny! Schließlich bin ich in einer höheren Klasse als du.«
Der See lag noch immer bleigrau und stumm da, aber aus der Nähe sah Benny, wie die feinen Regentröpfchen seine Oberfläche mit winzigen Explosionen sprenkelten – es sah aus, als zittere auch er in der Kälte. Gern hätte er seine Jacke geholt, aber die lag im verschlossenen Wagen. Genau wie der MP3-Player, fiel ihm ein, den hatte er vorhin auf Wunsch seines Vaters im Handschuhfach verstaut, bevor sie ausgestiegen waren. Sei’s drum, dachte er und suchte nach flachen Kieseln, um sie über das Wasser flitschen zu lassen. Riesig war der See, das Ufer hier und da so dicht bewachsen, dass man sich mit einer Machete den Weg zum Wasser hätte hindurchbahnen müssen, aber es gab auch flache Uferabschnitte. Der durchnässte Sand war grau und schwer, sah aber recht fein aus. Vielleicht war es hier im Hochsommer richtig schön – soweit es in Schottland überhaupt einen richtigen Sommer gab. Jetzt war September, und eigentlich hätte zumindest noch ein wenig Restsommer da sein dürfen, aber laut Reiseführer stiegen die Temperaturen ohnehin selten über achtzehn lausige Grad.
Benny kam nicht annähernd an seinen eigenen Rekord von achtzehn Sprüngen heran und hörte auf zu zählen, als er Eriks Rekord aus dem letzten Sommer eindeutig übertroffen hatte. Als er daran dachte, musste er grinsen. Sie waren sich nicht einig geworden, wer richtig gezählt hatte, ob es neun oder elf Sprünge gewesen waren, aber als Benny direkt danach unzweifelhaft achtzehn geschafft hatte, hatte so ein Kleinkram natürlich keinen mehr interessiert. Erik – vermutlich der Einzige, den er vermisst hätte. Und der Einzige, der sich wirklich freuen würde, wenn Benny zurückkam. Benny neigte nicht dazu, viele Freundschaften zu schließen.
Lustlos warf er einen letzten Stein, der zweimal aufkam und dann versank. Mit einem Mal kam ihm auch Hamburg nicht reizvoller vor als Schottland. Die Altbauwohnung am Park mit Ausblick auf den Weiher, der nur einen Bruchteil so groß war wie dieser See, die Wohnung, die für zwei Leute viel zu groß geworden war und ihm trotzdem meistens erstickend eng vorkam – kein Zuhause, das einen mit glühender Sehnsucht erfüllte. Er stellte sich vor, wie sein Vater allein in die 102 Quadratmeter zurückkehrte, dem Echo seiner Bewegungen lauschte und morgens einsam seinen schwarzen Kaffee trank. In der Küche, in der noch die Kissen mit den komischen bunten Troddeln lagen, die Bennys Mutter auf einem ihrer blöden Flohmärkte erbeutet hatte. Jabba, der fette Kater, hatte die Troddeln zur Hälfte abgefressen, was nach Bennys Meinung eine erhebliche Verbesserung des Designs darstellte.
Der hartnäckige Regen kribbelte auf seiner Haut wie tausend Käferfüße, allmählich wurde er trotz der Winzigkeit der Tröpfchen nass. Die letzte Handvoll Steine verstaute er einem alten Reflex folgend unter einem Busch, was albern war, da er nicht wiederzukommen gedachte. Dann blickte er sich seufzend um und wühlte in seiner Hosentasche nach Geld. Da war noch das Wechselgeld von heute Morgen, als er am Flughafen ein leichenweißes belegtes Brötchen von der Konsistenz eines durchweichten Lappens gekauft hatte. Ein paar Münzen nur. Vielleicht fand er ja im Dorf einen Kiosk oder etwas Ähnliches. Er wandte sich vom See ab und trabte den langen Weg zum Dorf entlang.
Die Straße stieg steiler an, als er gedacht hatte. Wer kam eigentlich auf die blödsinnige Idee, ein ganzes Dorf an einen Hang zu bauen, wenn oberhalb des Tals oder im Tal selbst genug Platz war, um dort zehnmal so viele Häuser auf derselben Höhe unterzubringen?
Als er an der Mauer vorbeikam, auf der vorhin jemand gesessen hatte, wurde er unwillkürlich langsamer und hielt Ausschau. Aber er sah nichts. Die kleinen blauen Blüten der Pflanze, die sich mit dem Mut der Verzweiflung in die Fugen zwischen den kindskopfgroßen Steinen klammerte, hingen nass und trübselig herunter. Behutsam hob er eine davon an, sie war so schlaff wie ein nasses, welkes Blatt. »Auch wurde hier im Notfall Dünger an das einfache Pflanzenvolk ausgegeben«, blödelte er und imitierte Alasdairs gespreizten Tonfall ebenso wie seinen affigen Akzent. »Gerome, schreib das mit! Gerome, mach Platz! Gerome, steck den Kopf in den Arsch! Und dann sag: Ja, Sir!«
»Ich sehe …«, sagte jemand von oben, und Benny fuhr erschrocken zusammen. Er blinzelte hoch, gegen den feinen Regen. Dort oben saß ein Mädchen auf der Mauer, etwa in seinem Alter.
»Ich sehe«, feixte sie, »du hast Alasdair kennengelernt. Gar nicht schlecht. Vielleicht die Nasenflügel noch ein wenig blähen, dann kommst du recht nah dran.«
Dünn und mickrig war sie, das Haar klebte ihr feucht am Kopf, so fein und hell, dass es aussah, als wüchse ihr nur nasser Flaum am Schädel. Als sie grinste, bewegten sich ihre Ohren mit und schoben sich ein wenig nach oben. Es waren die prächtigsten Segelohren, die er je gesehen hatte; an diesem kleinen, etwas schiefen Gesicht sahen sie aus wie die Henkel altmodischer Teetassen.
»Hallo«, sagte er verlegen und ließ die Blüte los, was gar nicht so einfach war, weil sie vor Nässe an seinem Finger kleben blieb. »Ich habe dich vorhin gesehen.«
»Oh, ich dich auch. Da warst du noch nicht so nass. Was machst du hier?«
»Ich soll dort zum Internat gehen.« Er deutete mit dem Daumen hinter sich. »Aber ich habe mich dagegen entschieden.«
»Hast du das.« Sie hob die fast farblosen Brauen, einen Augenblick erinnerte es ihn an Alasdair. Nachdenklich neigte sie den Kopf. »Nun, das wird niemand gern sehen.«
»Was?«
»Wenn du Glen verlässt«, sagte sie salbungsvoll. »Wenn du die Möglichkeit ausschlägst, dazuzugehören zur großen, glücklichen Familie. Wenn du nicht teilhaben willst an der großen Erfolgsgeschichte. Wenn du … es wird einfach niemand gern sehen. Niemand verlässt freiwillig Glenshee.«
»Das werden wir ja sehen«, stellte er trocken fest. »Du kennst dich hier wohl aus?«
Nickend schwang sie die Beine über die Mauer und wackelte mit den Füßen, die in zu großen Turnschuhen steckten.
»Gut. Ich suche einen Kiosk oder so etwas. Gibt es das hier?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Einen Bäcker? Irgendwas?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Einen Supermarkt.«
»Klingt gut. Hat der geöffnet?«
Nicken.
»Wärst du vielleicht so ungemein freundlich, mir zu sagen, wo ich den finde?«, erkundigte er sich belustigt.
»Ich zeig ihn dir.« Unvermittelt sprang sie von der Mauer, landete neben ihm und grinste ihn an. Sie war einen guten Kopf kleiner als er.
»Auch gut«, stimmte er zu. Nebeneinander trabten sie die Straße hinauf. Erstaunt stellte er fest, dass sie kein Problem hatte, Schritt zu halten – eher musste er darauf achten, nicht zurückzubleiben.
»Wie heißt du eigentlich?«
»Leslie.«
»Leslie also.« Er nickte. »Ich bin Benny.«
»Ich weiß. Robin Benedict Reutter aus Hamburg in Deutschland. Ich dachte allerdings, du nennst dich eher Robby. Oder Rob.«
Abrupt blieb er stehen. »Woher …?«
»Oh, schau nicht so doof.« Sie blieb ebenfalls stehen, legte den Kopf in den Nacken und lachte. »Weißt du denn nicht, dass du seit Wochen Tagesgespräch bist? Alles zerreißt sich das Maul.«
»Was?«
»Normalerweise wird niemand Neues aufgenommen. Es ist nicht üblich. Erstklässler, ja. Viertklässler – nein. Das ist noch niemals vorgekommen. Die oberen Jahrgänge dünnen eben zusehends aus. Aber kaum ist die neue Direktorin da, schwupps, wird mit der ehrwürdigen Tradition gebrochen. Die musste sich was anhören! Die arme Rutherford. Fast wäre sie deinetwegen gleich wieder geflogen, noch vor ihrem ersten richtigen Arbeitstag.« Leslies Augen blitzten boshaft.
»Das … das wusste ich nicht.«
»Woher auch? Aber du willst ja sowieso nicht bleiben.«
»Richtig. Richtig, das will ich nicht. Also kann’s mir ja auch egal sein.«
Sie lachte und lief weiter. »Du bist Alasdair weggelaufen, stimmt’s?«
»Und woher weißt du das jetzt schon wieder?«
»Ich weiß es einfach. Er wird toben vor Wut!«
»Er kommt mir nicht vor wie jemand, der tobt.«
»Oh, das täuscht.« An einem winzigen Häuschen mit blütenweißen Spitzenvorhängen hinter schmutzverkrusteten Fensterscheiben bogen sie ab, und vor ihnen öffnete sich ein gepflasterter Platz, klein und hübsch und malerisch.
»Woher kennst du ihn?«, wollte er wissen.
»Ist ein kleiner Ort, nicht wahr? Und Alasdairs Familie ist hier sehr … bekannt. Sie wohnen dort drüben. Im Herrenhaus.« Nachlässig deutete sie quer über den Platz.
»Wo?«, fragte er verwirrt. Keins der einstöckigen Steinhäuser ähnelte seiner Vorstellung eines Herrenhauses auch nur im Entferntesten.
»Kannst du von hier aus nicht sehen, ist ein bisschen abseits vom Dorf. Da sind wir schon.«
Der Supermarkt entpuppte sich als besserer Tante-Emma-Laden. Rasch zählte Benny sein Geld. Leslie folgte ihm hinein und winkte der molligen Frau zu, die an der einzigen Kasse saß. Bei Leslies Anblick erhellte sich ihr müdes Gesicht, als fiele plötzlich ein Lichtstrahl darauf. »Leslie MacGregor«, rief sie heiser aus. »Du bist ja schon wieder patschnass! Was treibst du bei solchem Wetter draußen?«
»Touristen aufsammeln.« Leslie grinste frech. »Schau mal, das ist Robin Benedict Reutter – der geheimnisvolle Unerwünschte, der in die vierte Klasse aufgenommen werden sollte.«
»Sollte?«
»Er will nicht. Er fährt direkt wieder nach Hause. Er kann Alasdair nicht leiden, und ich glaube, ganz Schottland nicht, wenn ich mich nicht sehr irre.«
Unbehaglich ließ Benny die Musterung der Frau über sich ergehen. »Vielleicht besser so«, befand sie am Ende jedoch nur. »Sucht euch ruhig was Schönes aus. Heiße Schokolade hätte ich auch da, in der Thermoskanne. Mögt ihr?«
»Gern«, sagte Leslie, ehe Benny etwas sagen konnte. Sie folgten der Kassiererin in einen kleinen Nebenraum mit einer winzigen Küchenzeile und einem kleinen Tisch, an dem zwei Stühle standen. Leslie bekam eine große rosa Tasse ohne Henkel, für Benny goss die Frau die heiße Schokolade direkt in den Deckel der Thermoskanne. Obenauf kam ein gewaltiger Schuss Sprühsahne. Vor Wohlbehagen seufzte Leslie leise auf.
So verlegen Benny auch war, so gut tat die heiße Schokolade. Erst jetzt merkte er, wie durchgefroren er war.
An der kleinen Küchenzeile lehnend, betrachtete die Kassiererin Leslie wohlwollend. Dann wandte sie sich an Benny. »Ich bin Gin.«
»Benny.« Er runzelte die Stirn. »Das wissen Sie ja schon.«
»Sag ruhig du, niemand siezt mich. Du siehst ganz durchgefroren aus. Wenn du hierbleiben würdest, solltest du dir angewöhnen, bei diesem Scheißwetter eine Regenjacke zu tragen. Solchen Regen haben wir hier im Hochland oft. Man unterschätzt ihn, wenn man hier fremd ist, er kriecht bis in die Knochen. Wahrscheinlich bist du morgen krank. Ich mache dir besser noch einen schönen Tee.«
»Ich werde nie krank«, wehrte er ab. »Vielen Dank!«
»Schaden kann’s nicht.« Trotz seines Protests setzte sie heißes Wasser auf. Der Wasserkocher war von außen verschmiert, als sei er seit Jahren nicht abgespült worden. »Du sprichst sehr gut englisch!«, stellte sie wohlwollend fest.
»Meine Mutter war Engländerin.«
»Oh!« Sie schaute ihn an. »Schottin?«
»London. Sie kam aus London.«
»Mensch, Gin«, mischte sich Leslie ein, die dem Gespräch mit stillem Vergnügen gefolgt war. »Das hört man doch! Er klingt wie eine alte britische Lady.«
»Sei nicht so frech«, wies Gin sie zurecht. »Er hat eine sehr schöne, saubere Aussprache. Du hingegen klingst, als hätte ein Brauereipferd deine Vokale plattgetrampelt.«
Leslie grinste nur. »Gin stammt nämlich auch aus England«, verriet sie Benny. »Aus Gloucestershire.«
»Aha.«
»Und sie behauptet, dort wäre es wärmer, würde weniger regnen, und die Leute wüssten sich allesamt besser zu benehmen als die gottverdammten engstirnigen, schroffen, unmanierlichen Schotten, die die Zähne nicht auseinanderbekommen, wenn sie mit jemandem reden sollen, dessen Familie nicht seit mindestens zehn Generationen in genau demselben Haus an genau demselben Ort lebt und auch nirgendwo anders hinwill.« Sie zog eine Grimasse und dozierte gestelzt: »Gin findet, Schotten sind genau wie das Land – seelisch karg, die Laune ständig verregnet, das Herz so verschlossen wie die Türen.«
Erbost warf Gin einen Teebeutel nach ihr. Leslie schüttelte sich vor Lachen. »Ist doch so!«
»Stimmt ja auch! So seid ihr, und so bleibt ihr. Du bist die einzige Ausnahme. Bis auf die Sache mit den Manieren, die hast du auch nicht.« Kopfschüttelnd hob Gin den Teebeutel vom Boden auf, der Benny nicht allzu sauber vorkam, schüttelte ihn nachlässig ab und steckte ihn in eine angeschlagene blaue Tasse, die sie mit heißem Wasser aus dem fauchenden Wasserkocher auffüllte und vor Benny hinstellte.
»Äh – danke«, brachte er heraus und fragte sich, ob er pingelig war oder ob auf der Oberfläche des Tees wirklich eine feine Staubschicht schwamm.
»Gern.« Sie strahlte ihn an. »Ach, schade, dass du nicht bleibst. Aber es ist eine kluge Entscheidung. Dieser arrogante, verrotzte Haufen Neunmalkluger da oben … die Erstklässler kommen an und sind ganz liebe kleine Kerle, ein bisschen ängstlich, sagen Ja und Nein und Danke und Bitte, und schon ein paar Wochen später tragen sie die Nase so hoch, dass ich die Popel darin zählen kann. Ja und Nein und Danke und Bitte sagen sie noch immer, aber es klingt ganz anders.«
»Danke. Bitte. Sir«, dozierte Benny blasiert.
Gin starrte ihn an. »Genau!«
»Kann er gut, nicht?« Als würde sie lauschen, legte Leslie den Kopf schräg. Irgendwo draußen fuhr ein Auto vorbei. Fast schien es Benny, als würde sie aufatmen. »Läufst du gern?«, wandte sie sich unvermittelt an ihn.
Überrascht nickte er. »Ja.«
»Ich auch. Man sieht es mir nicht an, aber ich laufe auch gern.« Sie seufzte. Mit einem Mal schien sie in Gedanken weit fort zu sein. »Trink deinen Kakao aus. Wir sollten allmählich mal zurück.«
Verwirrt gehorchte er. Danach griff er zögernd nach der Teetasse, aber Leslie winkte ab und stand auf. »Danke, Gin«, sagte sie und umarmte die Kassiererin.
Gin strich ihr übers feuchte Haar. »Immer gern. Kommt bald wieder vorbei, wenn ihr mögt.«
»Ich bin ja dann nicht mehr da«, bemerkte Benny. »Also – danke für die heiße Schokolade. Und, äh … den Tee. Bis dann. Also – auf Wiedersehen. Mach’s gut, meine ich.« Er streckte die Hand aus, die sie ergriff und einen Moment lang festhielt.
»Alles Gute«, sagte sie ernst. Ihre Augen waren grün mit winzigen goldbraunen Sprenkeln darin. Unwillkürlich dachte er, dass sie zu den Leuten gehörte, deren Alter schwierig zu schätzen war. Als sie hereingekommen waren, hatte er sie für alt gehalten, mindestens sechzig, aber jetzt sah sie viel jünger aus. Ihr Haar war kastanienbraun und dicht, fast ein bisschen struppig, und die Haut im runden Gesicht ganz glatt, bis auf tiefe Fältchen um Augen und Mund.
»Ja, äh – danke«, murmelte er verlegen, als er merkte, dass er sie angestarrt hatte.
Die wohlige Stimmung war ganz verflogen. Verwirrt folgte er Leslie, die eilig hinausstrebte. »Ist vielleicht besser«, sagte sie, als sie wieder in das graue, klamme Nieseln hinaustraten, »wenn du sie nicht allzu lange warten lässt. Komm.«
»Ich …«
Aber sie lief schon los. Verärgert folgte er ihr. Stimmte mit ihr irgendwas nicht? Erst ganz gemütlich, fast aufdringlich, und jetzt schien es fast, als wollte sie ihn so schnell wie möglich loswerden. Sollte ihm aber auch recht sein, schließlich ging auch sie ihn bald nichts mehr an.
Auf halbem Weg fiel ihm ein, dass er jetzt keine Schokolade oder etwas anderes für den Rückweg gekauft hatte. Das war blöd, weil die Stimmung später sicher nicht so entspannt sein würde, dass sein Vater bereitwillig anhielt, damit er noch etwas kaufen konnte. Beim Gedanken an das, was ihm gleich bevorstand, wurde ihm mulmig, aber er straffte den Rücken und beschloss, es einfach auszusitzen.
In Sichtweite der Burg blieb Leslie abrupt stehen. »Denk daran«, sagte sie leise und so eindringlich, dass er unwillkürlich lauschte. »Alasdair will dich nicht dort haben, und er ist es nicht gewöhnt, respektlos behandelt zu werden. Leg dich nicht unnötig mit ihm an. Und auch nicht mit den anderen. Sei ein bisschen vorsichtig. Der Rest wird sich finden.«
»Bitte was?«
Sie lächelte zu ihm auf, stupste ihn mit der Hand nicht gerade sanft vor die Brust und wandte sich ab, um im Galopp die Straße wieder hinaufzulaufen. Sie sah aus wie ein Kind, das spielt, es sei ein Pony. Irritiert starrte er ihr hinterher. Dann schüttelte er verärgert den Kopf. Ganz bei Trost schien hier keiner zu sein.
Ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, drehte er sich um und marschierte auf Glenshee Castle zu, das hoch und kalt und grau vor ihm aufragte.
3 Willkommen auf Glen
3 WILLKOMMEN AUF GLEN
Der kleine knallblaue Mietwagen war fort, und es dauerte einige Herzschläge lang, bis sein Verstand begriff, was die Augen sahen. Stumm stand er im allmählich kräftiger werdenden Regen und starrte auf den leeren Fleck. Es war so absurd, dass er einen verstörenden Augenblick lang glaubte, sich einfach geirrt zu haben – sicher hatte das Auto nicht hier gestanden, sondern woanders. Aber da waren die tiefen Reifeneindrücke im Kies. Und dort der Busch, dessen tief hängende Zweige beim Parken über die Flanke des Wagens gescharrt hatten, so dass sein Vater beim Aussteigen besorgt nachgesehen hatte, ob es einen Kratzer gegeben hätte.
Hatte er vielleicht den Wagen im Burghof geparkt? Benny schaute hinüber zum Tor. Waren da Reifenspuren? Er war nicht sicher, immerhin waren dort auch die Busse entlanggefahren. Nach der Starre setzte das Herzklopfen so plötzlich ein, dass ihm schwindlig wurde. Fast stolperte er, als er in den Hof rannte. Dort standen die Busse, wie zuvor. Keine Spur des Leihwagens. Wie ein Idiot sah er hinter den Bussen nach, dazwischen, sogar darunter, er suchte an den unmöglichsten Stellen. Als er nichts fand, schaute er noch einmal nach, um zu prüfen, was offensichtlich war. Nichts. Keine Spur. Absolut nichts.
Sein Puls jagte dahin wie ein Pferd, das ihn abzuwerfen versuchte, und er hatte längst begriffen, was er nicht begreifen wollte. Mit rasendem Puls stürmte er in die Halle, den verwischten, verschwommenen Gedanken im Kopf, er müsste zu dieser Direktorin laufen, sie würde es ihm erklären, dort säße sein Vater, ungeduldig, starrte ihn an und sagte: Benny, den Schreck hast du verdient, siehstewohl, lass uns jetzt fahren.
Stattdessen standen an der Treppe Alasdair und ein anderer Schüler in ihren blauen Uniformen und starrten ihm entgegen. Benny wurde langsamer und atmete tief ein. Er spürte seine Beine nicht mehr, aber er stolperte auch nicht. Alasdairs Blick war kühl. Der zweite Schüler, ein etwas untersetzter Junge mit glatten schwarzen Haaren, streckte zögernd die Hand aus. »Elvis Bloomsfield«, sagte er. »Ich bin dein Pate.«
Benny wollte toben, schreien, sogar nach seinem Vater brüllen, aber eine seltsame Lähmung hatte ihn erfasst. Wortlos ergriff er die dargebotene Hand. »Benny.« Seine Stimme klang fremd.
Alasdair hob die Brauen, wandte sich ab und ging voran. Elvis folgte ihm. Weil es offenbar von ihm erwartet wurde und er ohnehin nicht wusste, wohin, schloss sich Benny an. Etwas in Alasdairs Blick war tief in sein Innerstes gedrungen, als sähe der andere genau, was in ihm vorging. Er verschloss sein Gesicht, so gut es ging, und schwieg. Wie ein Strafgefangener kam er sich vor. In seinem Kopf jagten sich die Gedanken. Vor allem einer: Verrat. Er fühlte sich so verraten, dass er hätte kotzen mögen. Aber er war ganz leer. Magen leer, Kopf leer, Herz leer. Ihm war übel.
»Wann ist mein Vater weggefahren?«
»Vor zwanzig Minuten«, antwortete Alasdair.
Bennys Beine zuckten, als wollten sie sagen: Lauf, den holen wir noch ein! Er ballte die Fäuste. »Mein Gepäck?«
Alasdair blieb stehen. Eine Reisetasche, vor einigen Tagen neu gekauft, und Bennys Rucksack standen einsam im Gang, unter dem verblassten Wandteppich, bei dem sich Benny vorhin abgesetzt hatte. Mit zusammengebissenen Zähnen wuchtete er den Rucksack auf den Rücken, die Tasche an ihrem breiten Riemen über die Schulter. Die beiden anderen flankierten ihn, als sie weitergingen.
»Morgen nach dem Frühstück«, teilte ihm Alasdair mit, während sie durch lange Korridore eilten, durch die ihnen ab und zu jemand entgegenhuschte und wieder verschwand, »hast du einen Termin mit Direktorin Rutherford. Sieh zu, dass du sie nicht warten lässt.« Seine Stimme war die von jemandem, der es gewohnt war, dass man tat, was er anordnete, und gar nicht auf die Idee kam, es könnte sich jemand widersetzen.
Eine weitere Treppe hinauf, einen weiteren Gang entlang, dann hielten sie vor einer der vielen Türen an. Benny hatte den Eindruck, sie hätten kilometerweise immer gleichbleibender grauer Korridore im Laufschritt hinter sich gebracht. Er war nicht sicher, ob er den Rückweg finden würde. Seine Schulter schmerzte vom Gewicht der Tasche.
Alasdair griff nach der Tür und stieß sie auf. Dahinter lag ein dämmriges Zimmer mit mehreren Betten und einem Kamin, in dem ein Feuer brannte. Ohne weitere Umstände trat Benny ein, ließ sein Gepäck auf den Boden plumpsen und schaute sich um. Bei seinem Eintreten war der dickliche Junge, der vor dem Kamin kauerte, erschrocken hochgefahren und starrte die drei an.
»Robin Benedict Reutter«, stellte Alasdair Benny vor. »Und das dort ist Felix von Hauenstein. Von Hauenstein hält man sich besser fern.«
»Ich wollte nur … Sir«, stammelte Felix. »Das Feuer. Ich habe nach dem Feuer gesehen.«
Als wäre er gar nicht da, wandte sich Alasdair ab. Unter seinem Blick straffte Benny den Rücken. Arschgesicht, dachte er. Solche Leute hatte er noch nie leiden können.
Alasdairs graue Augen glitzerten spöttisch, als er ihn eingehend musterte. »Einmal Schottland und zurück dauert etwas länger als gedacht, nicht wahr?«, fragte er leise. Zwischen zwei Herzschlägen wusste Benny nicht, weshalb ihm auf einmal so kalt wurde. Dann fielen ihm seine eigenen Worte ein, vorhin am See. Einmal Schottland und zurück – was für ein blödsinniger Ausflug.
Alasdair ließ ihn stehen. Elvis folgte ihm, ohne Benny anzusehen. Die Tür fiel zu.
Ich war vollkommen allein am See, dachte Benny benommen. Es musste ein Zufall sein.
Im Zimmer war es ganz still bis auf das Knistern des Feuers. Irgendwann drehte sich Benny um. Felix stand noch immer in derselben Haltung da und starrte ihn an. Erst als Benny ihn ansah, kam Leben in ihn. »Das dort ist deins«, sagte er eilig und wies auf das Bett am Fenster. »Und das daneben dein Schrank. Räum am besten gleich alles ein – warte, ich helfe dir. Es muss ordentlich sein, darauf legt man hier Wert. Mann, du machst Sachen. Ich habe gehört … na, egal. Lass uns schnell einräumen.«
Der Schrank war alt und aus massivem Holz, desgleichen das Bett. Keine Sperrholzmöbel, die das Flair einer Jugendherberge verbreiteten, sondern wuchtige, schöne alte Möbel. Auf dem Kopfkissen lag blau-weiß karierte Bettwäsche. Benny strich darüber. Der Stoff war kühl und steif und ein wenig rau. Ganz allmählich klärte sich sein Kopf. Sein Vater war also weggefahren, ohne Abschied, ohne ein Wort, ohne zu fragen, ob er bleiben wollte.
Gut, dachte er. Dann wusste er ja, woran er war. Ihm war zumute, als gäbe es ihn zweimal. Der eine Benny war betroffen, vielleicht sogar verzweifelt. Der andere betrachtete den ersten, als ginge ihn das alles gar nichts an. Als er sich auf die Bettkante setzte, fühlte er sich so schwer, als könnte er nicht wieder aufstehen. Er sah sich um. Ein einziges dieser sechs wuchtigen Betten, die sich in diesem Zimmer fast verloren, hätte in seinem Zimmer zu Hause gewirkt, als hätte sich ein Elefant in einen Kaninchenkäfig verirrt. Vor dem Kamin, in respektvollem Abstand zum offenen Feuer, standen zwei mit grünem Samt bezogene Sessel, auf einem lag ein dickes gelbbraunes Schaffell. Ein Stück neben dem Kamin standen ein Bücherregal und eine wuchtige Holztruhe mit eisernen Beschlägen. Zwei der Betten hatten dicke Pfosten, die hoch aufragten, und Vorhänge aus schwerem Stoff, die zurückgebunden waren. Sein eigenes gehörte nicht dazu. Noch einmal strich er über die Bettwäsche und über die Decke, dick und weich. Die Erkenntnis, dass er in Schottland war, sickerte in ihn ein. Er war in Schottland, und er würde in Schottland bleiben. Jedenfalls erst einmal. Zu seinem Vater wollte er jedenfalls mit Sicherheit nicht zurück. Er fragte sich, wo der jetzt war – irgendwo auf der Strecke die Steilküste entlang vermutlich, in einem kleinen knallblauen Mietwagen. In dessen Handschuhfach, fiel ihm siedendheiß ein, sein MP3-Player lag, falls sein Vater nicht daran gedacht hatte, ihn in Bennys Gepäck zu stecken, bevor er weggefahren war. Er sprang auf und durchwühlte den Rucksack. Ein verschmähter Müsliriegel fiel ihm in die Hände, zwei Romane, jede Menge Kleinkram. Kein Player. »Scheiße«, murmelte er.
Jetzt erst fiel ihm auf, dass Felix seine Tasche geöffnet hatte und die Sachen fein säuberlich in den Schrank räumte. »Sag mal …«
»Ja?«
»Hast du einen MP3-Player gefunden? Irgendwo in einer der Taschen?«
Hastig beugte sich Felix hinunter und schaute in den Seitentaschen nach. Kopfschütteln und ein Blick, als erwarte er dafür Prügel.
»Scheiße.« Seufzend ließ sich Benny wieder aufs Bett plumpsen. Fing ja gut an. Er lief gern und viel, vor allem, wenn er sich nicht gut fühlte oder seine Gedanken nicht zur Ruhe kamen, und Musik gehörte zum Laufen dazu. Am liebsten hätte er seinen Vater angerufen, aber auf Glenshee Castle waren keine Handys erlaubt, und er hatte nicht daran gedacht, seins mitzuschmuggeln. »Was machst du da eigentlich?«, erkundigte er sich, obwohl es ihn nicht wirklich interessierte.
»Ich räume deine Sachen ein.«
»Sehe ich. Warum? Ich bin schon groß, weißt du? Ist ja sehr nett von dir, aber ich kann das auch selbst.«
»Bin ja gleich fertig«, murmelte Felix.
»Schläfst du auch hier im Zimmer?«
»Nein. Du bist mein Pate. Ich will nicht, dass du Ärger bekommst.«
»Ich bin dein was?«
»Mein Pate.« Sorgfältig, fast penibel, als gäbe es Tote, wenn Pullover nicht genau Ecke auf Ecke lagen, packte Felix die letzten paar Klamotten in den Schrank, strich noch einmal darüber, stellte die Tasche unten in den Schrank und schloss die Tür.
»Wird man da nicht gefragt?«, fragte Benny.
»Danke«, erwiderte Felix.
»Sorry. Ich mein ja nur. Werde ich nicht gefragt? Wirst du nicht gefragt?«
»Nein. Es wird zugeteilt.« Felix saugte die Unterlippe in den Mund und biss darauf, es gab ein schmatzendes Geräusch. Er hatte eins dieser Gesichter, die einen zum Prügelknaben qualifizierten, rund, fast ein wenig dicklich, blass wie Magermilch, die Augen groß und verschreckt. »Will war mein Pate. Du erbst mich, sozusagen. Tut mir leid. Ich bin nicht unbedingt … also … ich verstehe es, wenn du das nicht toll findest, aber so ist es eben.«
»Moment.« Benny betrachtete ihn genauer, die hochgezogenen, runden Schultern, die schlaffe Körperhaltung, den braven Seitenscheitel. Einer von den Jungs, wegen denen man in seiner alten Schule die Tradition der Mannschaftswahlen abgeschafft hatte, weil sie sonst am Ende immer den Tränen nahe übrig blieben und zuschauten, wie sogar die Mädchen vor ihnen in die Mannschaften gewählt wurden, die sich beim Fangen eines Basketballs den Finger verstauchten oder gleich kreischend davor wegrannten. Einer von denen, bei denen es einem schwerfiel, nicht mit drauf einzuhacken, weil es einem leicht einfach so passierte, ohne dass man es recht bemerkte.
»Was macht ein Pate?«, wollte Benny wissen. Hatte nicht Alasdair vorhin gesagt, dieser Elvis Bloomsfield sei der seine?
Ein Schulterzucken, ohne ihn anzusehen. »Er ist der Ansprechpartner, wenn der andere Probleme hat. Oder wenn andere mit ihm Probleme haben, dann können sie auch den Paten ansprechen und ihn bitten, sich darum zu kümmern. Der Pate schaut auch ein bisschen darauf, wie die Leistungen seines Schützlings so sind. Und wenn es Probleme gibt, spricht er ihn an.« Jetzt hob er doch den Blick. »Ich werde dir keine Probleme machen.« So schnell, wie er wieder wegschaute, schien er sich da selbst nicht ganz sicher zu sein.
»Will war vorher dein Pate, ja?«
»William. Ja.«
»Und war er in Ordnung?«
Ruckartig ging Felix’ Kopf hoch. »Ja. Ja, Will war in Ordnung.«
»Was ist mit ihm passiert?«
Wieder ein Schulterzucken, die aufrechte Körperhaltung verlor sich. »Er hat es halt nicht geschafft. War ihm zu viel. Der Druck und so. Hatte einen Nervenzusammenbruch, und seine Eltern haben ihn abgeholt.« Während er sprach, bewegten sich seine Augen schnell hin und her, die Stimme wurde ganz monoton, er war kaum zu verstehen.
Benny kniff die Augen zusammen. Das war eindeutig nicht alles, aber er beschloss, nicht weiter nachzuhaken. Er war todmüde, und im Grunde interessierte es ihn auch nicht, weshalb William oder Will, Pate von Felix, dem kleinen Prügelknaben, nicht mehr hier war. Es interessierte ihn sehr viel mehr, dass er selbst jetzt hier war – und offenbar erst einmal bleiben würde.
»Wer schläft mit hier im Zimmer? Sind die nett?«
Der Blick, den Felix ihm zuschoss, war unerwartet spöttisch. Träum weiter, sagte der Blick. »Sicher«, sagte Felix jedoch tonlos. »Da wäre Nicholas Hunter, der sagt nicht viel, hat meistens schlechte Laune, aber tut keinem was. Da drüben an der Tür schläft Daniel Green, das Mathegenie der Schule. Patrick Callahan, der redet auch nicht so viel, aber der ist prima, zu Callahan kannst du immer gehen, wenn du mal ein Problem hast. Und dann sind da noch Richard Dickenson und … Oliver.«
»Aha«, sagte Benny. »Und wie sind Richard Dickenson und Oliver?«
»Ganz okay«, erwiderte Felix reglos.
»Also Arschgesichter«, stellte Benny fest.
»Nein, das habe ich nicht gesagt. Bestimmt nicht. Sie sind … witzig. Und sehr gute Fechter. Und Oliver – na ja. Er ist eben ein Prinz.«
»Ein Prinz.«
»So nennen wir solche Leute hier halt. Wirst du schon noch merken. Aber für einen Prinzen ist er ziemlich okay, wirklich. Er ist halt nur …«
»Was?«
Felix zuckte schwach mit den Schultern. »Wirst dich schon mit ihnen vertragen, da bin ich ganz sicher. Im Schrank hängen übrigens deine Schuluniformen. Du hast zwei. Manche ziehen sie schon zum Frühstück an, andere erst zum Unterricht, das steht dir frei. Wenn sie zur Reinigung müssen, hängst du sie außen an die Tür, dann holt der Wäschedienst sie ab. Dein Name ist hinten eingenäht. Mit dem Unterricht und so, das ist hier alles ein bisschen anders, das erklärt dir morgen bestimmt Bloomsfield. Deine Schulbücher stehen da drüben schon im Regal, ich habe für die Pflichtfächer alles rausgesucht, was du brauchst. Das Frühstück ist um halb sieben. Das ist erst mal alles, was du wissen musst, glaube ich.« Mit hängenden Schultern blieb er stehen, als warte er auf den Befehl, sich ebenfalls zusammenzufalten und im Schrank zu verstauen.
Angesichts so bereitwilliger Duckerei überkamen Benny plötzlich eine Mischung aus Jammer und Ekel und die Frage, ob es vielleicht in ein paar Jahren möglich sein würde, Rückgrattransplantationen vorzunehmen. »Danke«, sagte er und bemühte sich um eine freundliche Stimme. »Danke für alles.«
»Gern«, erwiderte Felix leise und huschte davon. Hinter ihm fiel die schwere Tür ins Schloss, erstaunlich leise.
Mit einem Mal war es sehr still im Zimmer. Feuerschein und das sickernde Dämmerlicht von draußen zeichneten die Konturen der Möbel nach. Der Schlafraum war voller Schatten.
Benny trat ans Fenster. Es war doppelt verglast. Fast hätte er gelacht, als er feststellte, dass er darüber staunte, dass es nicht vergittert war. Es ließ sich problemlos öffnen. Als hätte er vor dem Fenster auf ihn gewartet wie ein treuer Hund, trieb ihm der Wind zur Begrüßung übermütig einen ganzen Schwall Regen ins Gesicht. Benny wischte sich das Wasser aus den Wimpern. Unter dem Fenster lag eine Wiese, weiter hinten hoben sich verschwommen die Umrisse einer Mauer ab, und dahinter erstreckte sich das Tal von Glenshee, ein paar kleine Felder, die von Wildnis abgelöst wurden. Etwas an den Formen und Farben, auch wenn sie in der hereinbrechenden Dämmerung verschwammen, tat etwas mit ihm, ließ ihn tiefer atmen. Es ließ sich nicht leugnen, dass in den kargen Linien Schönheit lag. Eine schroffe Schönheit, die ihm recht gut gefiel.
Mit klatschnassem Gesicht wandte er sich ab, ließ das Fenster offen und den Wind hereinjauchzen und betrachtete das Bett, das vor ihm einem William gehört hatte. Will, Pate vom kleinen, dicken, etwas feigen Felix, den er jetzt wohl irgendwie geerbt hatte, was immer das bedeuten mochte.
»Schottland«, murmelte er. »Na, dann mal willkommen, lieber Benny.« Seufzend beugte er sich über das Bett und machte sich daran, die brettsteife Wäsche aufzuziehen.
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