Die Feinde der Zeit - Adrian Tchaikovsky - E-Book

Die Feinde der Zeit E-Book

Adrian Tchaikovsky

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Beschreibung

Die Zukunft. Die Erde ist unbewohnbar geworden, und nach einigen fehlgeschlagenen Experimenten ist das Raumschiff Enkidu die letzte Hoffnung der Menschheit. Auf einem neuen Planet Eden gründen die letzten überlebenden Menschen eine Kolonie. Doch Eden ist bereits besiedelt – und die Nachbarn der Menschen bergen ein Geheimnis, das über die Zukunft der ganzen Spezies entscheiden wird.

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Seitenzahl: 632

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Das Buch

Die ferne Zukunft. Nachdem die Erde unbewohnbar geworden ist, hat die Menschheit Terraforming- und Siedlerschiffe in die Weiten des Alls geschickt, um das Überleben der Spezies zu sichern. Was sie dort draußen finden, übertrifft allerdings ihre kühnsten Erwartungen: intelligente Spinnenwesen, Oktopoden mit Kunstsinn, Maschinenintelligenzen und vieles mehr. Das Leben, das die Menschen zu neuen Welten bringen wollten – es ist schon längst da. Eines dieser Schiffe war die Arche Enkidu. Ein Siedlungsteam ist auf dem Planeten des Zielsternsystems gelandet, doch dann brachen die Funknachrichten ab. Hoffnung trifft nun in Gestalt von unerwarteten Besuchern ein – die intelligenten Spinnen Portia und Fabia, ein Nod-Organismus, der Oktopode Paul und die künstliche Intelligenz Avrana Kern sind auf der Suche nach den verschollenen Archen der Menschheit. Als sie auf die Enkidu treffen, senden sie ein Team hinunter auf den Planeten. Dort begegnen sie den Siedlern, Nachkommen der ersten Menschen auf dieser Welt. Doch hier ist alles anders, als es zunächst scheint – und schon bald geht es um das Überleben aller Spezies …

Erster Roman: Die Kinder der Zeit

Zweiter Roman: Die Erben der Zeit

Dritter Roman: Die Feinde der Zeit

Der Autor

Adrian Tchaikovsky wurde in Woodhall Spa, Lincolnshire, geboren, studierte Psychologie und Zoologie, schloss sein Studium schließlich in Rechtswissenschaften ab und war als Jurist in Reading und Leeds tätig. Mit seinem Roman Die Kinder der Zeit gewann er den Arthur C. Clarke Award, und die gesamte Trilogie wurde mit dem Hugo Award für die beste Science-Fiction-Reihe ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Leeds.

Mehr über Adrian Tchaikovsky und seine Werke finden Sie auf

ADRIAN TCHAIKOVSKY

DIE FEINDEDER ZEIT

ROMAN

Aus dem Englischenvon Irene Holicki

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der Originalausgabe:

CHILDRENOFMEMORY

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Deutsche Erstausgabe 12/2023

Redaktion: Ralf Dürr

Copyright © 2022 by Adrian Czajkowski

Copyright © 2023 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München,nach einem Cover Design von Steve Stone

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-30602-1V001

Für Irene Pepperberg und Alex

Was früher geschah

Die Zeit des Terraforming

I

Vor Tausenden von Jahren griff die Erde nach den Sternen. Im Rahmen von Doktor Avrana Kerns Terraforming-Projekt begann man Welten umzugestalten, um sie für irdisches Leben bewohnbar zu machen. Nur bei einem Planeten, Kerns eigenem Projekt, stand man kurz vor der Vollendung, als das Ende kam. Auf der Erde löste eine politische Krise einen katastrophalen Krieg aus, durch den die Heimatwelt der Menschen vergiftet, die Zivilisation in ein Zeitalter der Ignoranz zurückgeworfen und ein elektronischer Angriff entfesselt wurde, der ins All ausstrahlte, wo er die Menschheit ausschaltete, wo immer sie zu finden war.

II

Die Anlage auf Kerns Welt war durch Sabotage zerstört worden, Kern selbst überdauerte als hochgeladenes künstliches Bewusstsein und wachte als solches über den von ihr neu gestalteten Planeten. Ein Uplift-Virus, das sie in der Absicht auf der Welt freigesetzt hatte, Primaten, die sie dort niemals hatte etablieren können, auf eine höhere Intelligenzstufe zu heben, begann stattdessen seine Wirkung auf verschiedene Wirbellose auszuüben, insbesondere auf eine Spinnenart.

III

In einem anderen Sternensystem überlebte über den Nachbarplaneten, denen man die Namen Damaskus und Nod gegeben hatte, eine Handvoll Terraformer den elektronischen Angriff. Einer von ihnen, Disra Senkovi, verwendete das gleiche Nanovirus, um Oktopoden zu liften, die dann auf der Wasserwelt Damaskus eine Zivilisation errichteten. Erma Lante und andere begaben sich stattdessen nach Nod und fanden dort ein vollkommen fremdes Ökosystem vor, die erste wahrhaft extraterrestrische Lebensform, die die Menschheit jemals entdeckt hatte.

IV

Auf Nod war eine mikrobenartige Lebensform ansässig, ein Komposit-Wesen, das alle einmal gemachten Erfahrungen in seinen Zellen speichern konnte. Nachdem dieser Nod-Organismus die Biologie der Erde entdeckt und analysiert hatte, ging er daran, Lante und ihre Kollegen zu kolonisieren. Er verschlang sie, baute sie neu auf und verschmolz mit ihnen. Infolge eines tragischen Missverständnisses griff die Instanz als Nächstes auf Damaskus über und zerstörte die dortige Oktopus-Zivilisation, während er sie zu verstehen suchte, worauf die Oktopoden in den Orbit flüchteten und fortan in Dauerkrise im Weltall lebten.

Die zweite Morgendämmerung und das Zeitalter der Archen

V

Auf Kerns Welt entwickelten die Portiiden-Spinnen über viele Generationen eine komplexe Gesellschaft mit einer organischen Technologie, bei der anstelle von Computern Ameisenkolonien für die Rechenoperationen zuständig waren.

VI

Auf der Erde kämpfte sich die Menschheit zum zweiten Mal ins Weltall vor, und dabei wurden die Archive ihrer Vorgänger mit den Koordinaten der Terraforming-Missionen wiederentdeckt. Die Erde selbst war nach dem Krieg nur noch ein vergiftetes Wrack, und die verzweifelten Überlebenden bauten Archen und flüchteten von der Erde, in der Hoffnung, im All andere für das menschliche Leben präparierte Welten zu finden.

VII

Die Arche Gilgamesch landete auf Kerns Welt und traf dort auf die Portiiden sowie auf den künstlichen Intellekt der Avrana Kern. Nachdem es um Haaresbreite zum Krieg gekommen wäre, infizierten die Portiiden die Gilgamesch-Menschen mit einer Abart des gleichen Nanovirus, das sie selbst auf den Weg zur Empfindungsfähigkeit geführt hatte. Durch Überbrückung der Artenschranke konnten die Menschen zu Neumenschen, später N-Menschen genannt, werden, einer gelifteten Spezies, die fähig war, die Portiiden als ebenfalls empfindungsfähige Art anzuerkennen und ihre Welt mit ihnen zu teilen.

Das Zeitalter der Entdeckungen

VIII

Generationen später erreichte ein Schiff mit einer Besatzung aus N-Menschen und Portiiden und einer hochgeladenen Instanz von Avrana Kern die Welten Nod und Damaskus und traf dort sowohl auf die Oktopus-Zivilisation wie auch auf den Nod-Organismus. Kern stellte fest, dass Letzterer den verzweifelten Wunsch hatte, ein Universum in größerer Breite zu erleben, nachdem ihm der Kontakt zu den Menschen die wahre Dimension der Existenz aufgezeigt hatte. Kern konnte die Entität überzeugen, dass das erforderliche Stimulans in der Kommunikation zu finden sei, während sie durch Verschlingen das Universum immer nur auf eine Kopie ihrer selbst reduzieren würde. Zwischen den Bewohnern von Kerns Welt, Damaskus und Nod wurden Friedensabkommen geschlossen – ein erster zaghafter Schritt auf dem Weg zu einer artenübergreifenden interstellaren Gesellschaft.

IX

Nachdem Oktopus-Wissenschaftler Zugang zu Forschungen erhalten hatten, die bis dahin wegen der Gefahr einer Nod-Infektion unter Verschluss geblieben waren, testeten sie aus, inwieweit sich ein Raumschifftriebwerk verbessern ließe. So wurden Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit innerhalb der Grenzen der Relativität möglich, und die neue kombinierte Kultur konnte sich schnell zwischen den Sternensystemen bewegen. Seither stehen sie vor vielen Aufgaben, aber am wichtigsten ist doch die Suche nach anderen Lebewesen, um mit ihnen in Kontakt zu treten, seien es Aliens, Überreste der Terraforming-Ära oder gar Archen von der zerstörten Erde, die immer noch keine Heimat gefunden haben.

Die Hauptpersonen des Romans

Terraformer und ihre Welten

Avrana Kern – Kerns Welt

Disra Senkovi – Damaskus

Erma Lante – Nod

Baltiel, Rani, Lortisse – Nod

Renee Pepper – Rourke

Alex Tomasova – Rourke

Mikhail Elesco – Rourke

Die Crew der Arche Enkidu

Heorest Holt – Oberkommando

Halena Garm – Sicherheit

Olf – Technik

Mazarin Toke – Wissenschaft

Esi Arbandir – Altertumsforschung

Dastin Gembel – Assistent Wissenschaft

Die Crew des Portiiden-Schiffes Skipper

Bianca – Portiiden-Spinne, Befehlshaberin

Avrana Kern – hochgeladene Intelligenz

Miranda – Interlokutor

Portia – Portiiden-Spinne

Fabian – Portiiden-Spinne

Paul – Oktopus

Jodry – N-Mensch

Gothi/Gethli – Korviden

Personen auf Imir

Liff – Kind

Ihre Eltern

Molder – ihr Onkel

Garm – Wachschwein

Arkelly – Mitglied der Ratsversammlung

Yotta – Kind, Liffs Freundin

Die Witwe Blisk

Miranda – Lehrerin

Portia – Jägerin

Fabian – Techniker

Paul – Künstler

Teil 1

Der alte Seemann

Das Zeitalter der ArchenVor langer Zeit

1.1

Kein Winseln, sondern ein Knall.

Das Schiff hatte Heorest Holt mit allen geeigneten Drogen vollgepumpt, um einen friedlichen Wiedereintritt ins Leben zu gewährleisten, aber darauf war er nicht vorbereitet. Es hörte sich an wie das Ende der Welt. Aus subjektiver Sicht hatten sie sich alle eben erst in der Kommandozentrale versammelt, um über das Ziel zu sprechen und ihren Erfolg zu feiern. Esi Arbandir, die geschwätzige Altertumsforscherin, hatte den antiken Druckern der Enkidu sogar etwas Alkoholisches entlockt, das trinkbar war.

Der Erfolg: Sie waren weiter gekommen als irgendein Mensch je zuvor, und sie waren die ältesten Menschen überhaupt. Ein Fragment der Erde, das allen Widrigkeiten zum Trotz weiterleben würde. Das Schiff hielt noch zusammen, und obwohl Olf, der Techniker, in quälender Ausführlichkeit sämtliche ausgefallenen und toten Systeme aufgezählt hatte, schien allein die Tatsache, dass er noch lebte, dass er sprechen und dass sie ihn hören konnten, alle Wahrscheinlichkeiten, ja sogar alle Gewissheiten einschließlich des Todes selbst überlistet zu haben. Sie hatten überlebt. Sie hatten es geschafft. Fast zweieinhalbtausend Jahre lang waren sie in Kälte und Stille durch den interstellaren Raum gereist. Und jetzt hatten sie sogar noch Daten gesammelt. Als Holt das letzte Mal aufgewacht war, hatte es Hoffnung in Hülle und Fülle gegeben. Das Sonnensystem, das sie angesteuert hatten, war tatsächlich da, und selbst, wenn das nicht allzu überraschend war: Auch der Planet war vorhanden und sofort zu finden. Ein System von vierzehn Welten zerrte am Muttergestirn, und eine davon, die fünfte von der Sonne aus gesehen, hatten die Ahnen für erdähnlich genug gehalten, um sie in ein Paradies zu verwandeln.

Jedenfalls behaupteten das die Altertumsforscher, und worauf hätte sich die arme auf der Flucht befindliche Menschheit sonst berufen sollen? Während der Alkohol durch die Kehlen floss, hatten die sechs Menschen darüber spekuliert, was genau sie wohl dort erwartete. Olf sprach von einer unberührten Welt, für sie gebaut von ihren unvorstellbar fernen Vorfahren und dann zurückgelassen wie eine Ware in noch intakter Verpackung. Als hätten die Ahnen in die Zukunft geschaut und über ihren kommenden Untergang ebenso Bescheid gewusst wie darüber, dass Holt und seine Leute ihnen eine Ewigkeit später nachfolgen würden. Als hätten sie einen Planeten wiederaufgebaut, als verdiente Belohnung für jene, die dereinst kommen würden, und wären dann ohne viel Aufhebens abgezogen. Und dank des Alkohols war ihnen diese Vorstellung gar nicht so abartig erschienen. Sie hatten darauf getrunken. Esi, die Altertumsforscherin, hatte vergnügt von all den Dingen geschwatzt, die ihnen die Ahnen vielleicht noch zurückgelassen haben könnten: intakte Maschinen, Archive voller Überlieferungen, all die Wunder ihrer verschollenen Epoche. Vielleicht würden gar die Ahnen selbst, in einer vollkommen geregelten Gesellschaft lebend, ihre Not leidenden Verwandten willkommen heißen. Von der Erde?, würden sie sagen. Aber wir dachten, da wäre niemand mehr! Kommt herein, kommt nur herein und habt teil an unserem Überfluss!

Der Chefwissenschaftler, der kahlköpfige alte Mazarin Toke – zwar waren sie nach der Kryostase alle so haarlos wie ein Ei, aber er hatte sich schon mit einem kahlen Schädel in die Truhe gelegt –, war blind gewesen, als er aufwachte, und ein Arm und ein Bein waren verkrüppelt. Er kam nicht gut damit klar. Sie hatten ihm einen Rollstuhl gedruckt, und er hatte Gembel, seinen Assistenten, der ihm Augen und Hände ersetzte, aber unter Alkohol war er noch während der Feier ausfallend geworden. Die Ahnen, hatte er verkündet, wären wahrscheinlich schon noch da, aber ohne jede Verbindung zur Erde wären sie sicher zu Wilden degeneriert und lebten wie die Tiere in einer Welt, die dafür geplant war, alle ihre Bedürfnisse zu erfüllen und sie vor keinerlei Herausforderungen zu stellen. Wenn wir Fleisch wollen, müssen wir wahrscheinlich Jagd auf sie machen, hatte er mit hämischem Grinsen bemerkt, und alle hatten die Augen verdreht, ihm aber dennoch zugeprostet.

Nur Halena Garm war nicht zu der spontanen Versammlung gestoßen, um auf die Zukunft zu trinken. Sie war damit beschäftigt gewesen, sich mehr Informationen über ihr Ziel, den Planeten zu beschaffen. Das sei nicht ihre Aufgabe, riefen die anderen ihr freundlich zu. Oh doch, sagte sie. Sie sei die Sicherheitschefin, und was gebe es für die Sicherheit an größeren Herausforderungen als den Planeten selbst? Sie fürchtete keine wilden Tiere oder atavistischen Ahnen. Sie machte sich vielmehr Sorgen, dass bereits auf der neuen Welt lebende Bewohner nicht begeistert sein könnten, wenn plötzlich ein marodes Boot voller entfernter Verwandter aus der Dunkelheit auftauchte. Die werden ihre eigenen Probleme haben, hatte sie gesagt. Und mit uns bekommen sie noch eins dazu.

Und so hatte sie dagesessen und versucht, die Schiffsinstrumente zu voller Funktionsfähigkeit hochzufahren, während die anderen feierten. Einmal, nur ein einziges Mal, behauptete sie, ein Signal aufgefangen zu haben. Eine Übertragung von jenem fernen Himmelskörper. Aber das Schiff hatte nichts als statisches Rauschen aufgezeichnet, sie konnte das Signal nicht wiederholen und hatte nach einer Weile frustriert aufgegeben.

Schließlich waren sie in die Kälteschlafkapseln zurückgekehrt. Olf hatte sich gewaltsam ausgenüchtert und alle nötigen Checks durchgeführt – der Abschlussbericht der Technik war auch für alle anderen ernüchternd gewesen. Nahezu alle Werte des Schiffs bewegten sich im roten Bereich. Fast hätten wir es nicht geschafft, hatten sie zueinander gesagt. Aber jetzt standen sie kurz vor dem Ziel. Nur ein kurzer Schritt über den eisigen Abgrund, dann wären sie in ihrer neuen Heimat. Vielleicht hatte die unsichtbare Welt einen Namen und Bewohner, die diesen Namen und seine lange, sagenumwobene Geschichte kannten. Die größte Krise für die Flüchtlinge, die mit dem Hut in der Hand von der Erde kamen, war vielleicht eine diplomatische, wenn erst die Verhandlungen um Landeplätze und Wohnraum begannen. Aber in diesem Punkt war Holt zuversichtlich gewesen. Das würde in seiner Verantwortung liegen, und er wusste, dass er es schaffen würde, welche Kompromisse auch nötig wären. Immerhin stand das Schicksal der menschlichen Rasse auf dem Spiel. Er würde einen Weg finden.

Doch vielleicht gab es auf der Welt gar keine Menschen, die ihr einen Namen geben und diplomatische Hürden aufbauen konnten. Vielleicht war sie das Paradies, das die Altertumsforscher versprochen hatten. Keine fortgeschrittene Gesellschaft aus silberhaarigen Ahnen; keine neoprimitiven oder barbarischen Stämme im Naturzustand, keine mystischen Herrscher mit unheimlichen mentalen Kräften; keine sprechenden Tiere wie aus dem Märchen. In diesem Fall fiele ihnen, der Inneren Crew der Enkidu, den letzten Sprösslingen der Alten Erde, diese Ehre zu. Die Gespräche am Tisch hatten sich endlos im Kreis gedreht: historische Namen, mächtige Namen, Namen, die vor Bedeutung nur so strotzten, lyrische Namen, die einem wie Musik von der Zunge rollten. Letztlich lag die Entscheidung bei Captain Heorest Holt, dem Kommandanten. Er hatte sie alle mit großer Zuneigung angesehen, seine Crew, seine Leute, seine Freunde. Esi, Herz und Seele der Party; den kleinen, zuverlässigen Olf; den verbitterten Mazarin, den jungen Gembel, der dem alten Mann den Becher füllte; und sogar die strenge Halena, die sich endlich doch noch hatte überreden lassen, sich zu ihnen zu gesellen. Sie waren gemeinsam ausgebildet worden – alle bis auf Gembel jedenfalls, der keine Gelegenheit fand, zu Wort zu kommen. Anders als bei so vielen Archen-Crews hatten sie so viel Zeit bekommen, sich aneinander zu gewöhnen, bis sie schließlich zusammenpassten wie die Teile eines Puzzles. Sie waren ein Team. Und sie hatten es geschafft. Sie hatten diesen Trümmerhaufen voller versagender Systeme tatsächlich über die Lichtjahre hinweggesteuert, nur mithilfe lückenhafter Sternenkarten, die sie von seit Jahrtausenden verlassenen Orbitalen geholt hatten. Die Sonne war da; der Planet war da; und die Hoffnung war da.

»Imir«, hatte er gesagt, an alle gewandt, und sein Glas erhoben. An diesem Punkt hätte er ehrlicherweise nicht genau sagen können, warum. Er schaute nur an seiner langen Nase entlang und erklärte, der Name sei tief bedeutsam und sinnreich, dabei hatte er den vagen Verdacht, er habe ihn einst als Kind in einer alten Geschichte gelesen. Einer Geschichte mit sprechenden Vögeln und Zank und Streit, in der auf den Trümmern von etwas Großem und Schrecklichem neues Leben entstand. Doch Imir gefiel allen, sogar Mazarin Toke, und so tranken sie darauf. Dann war es Zeit geworden, wieder nüchtern zu werden und in die Betten in der Kryo-Kammer zurückzukehren. Hätte er sitzen bleiben und die Ankunft abwarten wollen, die Enkel der Enkel der Kinder, die er nie haben würde, wären noch vor der Landung alt geworden und gestorben.

Und da war er nun. Augenblicke später. Jahrhunderte später. Im Begriff, in Würde und Gelassenheit zu erwachen, um auf der neuen Welt Ordnung zu schaffen, doch dann war etwas explodiert. Schlagartig hatte es die Luft in der Kryo-Kammer sehr eilig, die Kryo-Kammer zu verlassen, und er, Holt, der sich soeben gähnend aufrichtete, wurde aus seiner Kapsel geschleudert und auf den Boden geworfen. An mehr oder weniger intimen Stellen wurden ihm ein Dutzend Schläuche und Röhren aus dem Körper gerissen, und er wusste, dass er sterben würde. Doch er starb nicht. Die Luft, die heulend an ihm vorbei ins Nichts rauschte, hörte mit einem Mal genau dann damit auf, als er sicher war, dass es keine Luft mehr gab, die irgendwohin rauschen konnte. Unter ihm erbebte das Deck, begleitet vom Donnern sich schließender Schotten.

Die Lichter erloschen. Er konnte nur daliegen, sich sammeln und nach den letzten Resten jener würdevollen Gelassenheit greifen, von der er eben noch so sehr erfüllt gewesen war. Dabei war er der Kommandant. Er müsste jetzt in Aktion treten und allen sagen, was zu tun sei. Leider wusste er nicht, was zu tun war, er wusste gar nichts.

Da war ein Licht. Ein kleines rotes Lichtlein. Er versuchte es zu erreichen, schaffte es, auf die Beine zu kommen, und fand auf die harte Tour die Wand, weil er die Dimensionen der Kryo-Kammer nicht richtig in Erinnerung hatte. Seine zitternde Hand ertastete eine Reihe von Schaltern. Seine Finger erinnerten sich daran, wie man einen Kanal öffnete, und das war gut so, denn der Rest von ihm hatte nichts Brauchbares beizutragen.

»Hier spricht Holt«, sagte er in die knisternde Leere hinein. »Hier spricht der Kommandant. Was ist los?«

Nach einer viel zu langen Pause ertönte, immer wieder unterbrochen, Olfs raue Stimme: die Technik, die einzige Abteilung, von der Holt wirklich dringend zu hören hoffte.

»Captain«, sagte Olf. »Heorest. Stabil. Wir sind stabil. Ich glaube, wir sind stabil.«

Und als hätten sie auf Olfs Bestätigung gewartet, bevor sie sich herauswagten, gingen die Lichter in der Kryo-Kammer wieder an. Holt sah sich um, schlüpfte aus dem hinten offenen Hemd, in dem er geschlafen hatte, und suchte in den Spinden nach einem Bordoverall. Olfs Kapsel stand offen, der Deckel hing bedenklich schief herunter. Seine eigene Kapsel war wieder zugeklappt, nachdem sie ihn ausgeworfen hatte. Barfuß stolperte er los, um nach den anderen zu sehen. Halenas Kapsel war leer, der Deckel fast geschlossen, doch dazwischen hatten sich einzelne Schläuche eingeklemmt. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Oder doch, vielleicht hatte sie den Ruck zur gleichen Zeit gespürt wie er, aber ihre fünf Sinne schneller wieder beisammengehabt. Wahrscheinlicher war jedoch, dass es Olf wichtig gewesen war, als Erstes von der Sicherheit und nicht vom Kommandanten zu hören.

Esi und Mazarin waren noch im Tiefschlaf. Für die Wissenschaft gab es nichts zu tun, und dass die Altertumsforscherin als Letzte geweckt werden würde, wenn ihnen nicht gerade einer von den Ahnen ins Gesicht starrte, war allen klar. Doch während Esis Anzeigen alle im noch tolerablen gelben Bereich waren, bewegten sich die von Mazarin entweder im roten Feld oder waren erloschen wie ausgeblasene Kerzen. Olf hatte für ihn eine neue Kapsel bereitgestellt, nachdem ihn die letzte so zugerichtet hatte, aber vielleicht waren das, was versagt hatte, gar nicht Teile des Schiffes gewesen, sondern Teile des Mannes. Jedenfalls war er tot. Und auch wenn er nicht gerade der Umgänglichste gewesen war, so war er doch einer von uns gewesen.

Holt leitete die Aufwachprozedur für Esi ein und weckte per Fernsteuerung auch Gembel, den neuen Chefwissenschaftler. Während die beiden zu sich kamen, setzte er sich mit Olf in Verbindung, um zu erfahren, wie schlimm es stand. Er wollte seine Aufgabe nicht ohne eine vollzählige Innere Crew angehen. Und er wollte sich nicht einmal vorstellen, wie es wäre, hierher zurückzukommen und noch mehr rote Lichter und noch weniger Freunde vorzufinden.

Olf wirkte kleiner als früher, eingeschrumpft durch die Kryostase, sein Overall bauschte sich um seinen Körper, wie er da auf seinem Sitz hockte. »Das Bremsmanöver«, sagte er. »Captain. Heo. Ich habe getan, was ich konnte. Ich habe alle Checks durchgeführt …«

»Das wissen wir«, sagte Holt. »Sag einfach, wie es ist.«

Die Enkidu hatte die langen Lichtjahre von der Erde durch die unendlichen stillen Weiten des Raums bei minimaler Systemaktivität bewältigt, nur mit Grundlast und der Energie für die Kryo-Systeme. Den vielen Tausend Kapseln – in denen die kleine Crew und die riesige Bevölkerung im Frachtraum am Leben erhalten wurde. Jener winzige Teil der Erdbevölkerung, den sie hatten mitnehmen können. Natürlich war es unterwegs zu Schäden gekommen. Olf, Holt und verschiedene andere Crewmitglieder waren aus ihrem langen, todesähnlichen Schlaf geholt worden, um Reparaturen vorzunehmen. Aber alles in allem war es so gelaufen wie geplant. Denn das Weltall war zwar voller Gefahren, aber überwiegend war es doch voller Nichts, und dieses Nichts reizte die Toleranzen des Schiffs nicht bis zum Anschlag aus.

Doch als sie endlich das System erreicht hatten, auf das sie länger zugeflogen waren, als die Geschichte ihrer Zivilisation gedauert hatte, hatten sie ihre Geschwindigkeit reduzieren müssen. Und als die Enkidu in einen Bogen um die Sonne gefallen war und die Anziehungskraft des Sterns nutzte, um in der Bremsphase Treibstoff zu sparen, war irgendetwas in dem vom Vakuum zerfressenen Rumpf des alten Schiffes zerbrochen.

»Wir … wir haben, wir haben«, sagte Gembel immer wieder, er stotterte von Natur aus, und zudem schnürten ihm die aufgewühlten Emotionen die Kehle zu, »elftausendvierundneunzig Stück Frachtgut verloren, Sir. Elf. Elftausend. Vier und. Neunzig. Sir.«

»Der Schöpfer möge uns vergeben.« Esi Arbandir hatte inzwischen ihre Kapsel verlassen und legte Holt eine Hand auf den Arm. Er umschloss ihre Finger.

Und schüttelte sie gleich wieder ab. Schüttelte sie ab, weil es nötig war, und fragte: »Wo stehen wir jetzt? Rumpfintegrität? Können wir überhaupt in eine Umlaufbahn kommen?«

Olf nickte stumm. Er modellierte zusammen mit der Enkidu die Schäden und wie viel schlimmer sie werden könnten, sobald man dem Schiff noch mehr Belastung zumutete. Die Belastung beim Abbremsen. Die Belastung beim Ändern der Flugbahn von einer Geraden zu einer Orbitalkurve. Die tödlichen Gewissheiten der Mathematik.

»Es wird wehtun«, sagte er. Seine Projektionen erwachten auf allen Displays zum Leben. Sofort begann Halena Garm sie zu manipulieren, sie modellierte, wie sich ihre Shuttles, ihre Schlepper, sogar die automatischen Drohnen als Puffer einsetzen ließen, um die ramponierte alte Enkidu zusammenzuhalten, indem sie zum Schutz des Mutterschiffs die eigene Integrität opferten. Holt ließ sich auf seinen Sitz fallen und ging die anderen Berichte durch, während Halena und Olf sich kabbelten. Olf hatte bereits vor der Explosion einen Teil der Fracht zu evakuieren versucht. Er hatte die Probleme vorhergesehen, aber nicht, wie schlimm sie werden würden. Halena hatte ein Sicherheitsteam für die Betreuung dieser Menschen wecken lassen, doch jetzt waren die Menschen, die sie hätten betreuen sollen, mitsamt einem fünfhundert Meter langen Splitter des Schiffs nicht mehr da. Elftausendvierundneunzig Stück Frachtgut. Das hieß Kryo-Kapseln. Das hieß Menschen.

Esi stellte mit denselben Transportmitteln, die Halena zur Stabilisierung der Konstruktion verwenden wollte, eigene Modelle auf. Sie wollte die verlorene Fracht retten. Doch diese Fracht war zum größten Teil bereits unwiederbringlich verloren. Zerbrochen, zersplittert, abgeschaltet. Im Schlaf gestorben mit letzten Erinnerungen an eine Einschiffung auf der Erde vor mehr als zweitausendsechshundert Jahren objektiver Zeit. Vielleicht gab es Schlimmeres. Und vielleicht würde es noch mehr Verluste geben, denn das Schiff war inzwischen ein einziges Bündel von Schwachstellen, die es verwundbar machten, der Rumpf, die inneren Holme und die Verstrebungen, nichts war mehr stabil.

»Nein«, sagte Holt, und sie sah ihn an, tief enttäuscht, mit geröteten, aber tränenlosen Augen, denn die Kryostase entzog dem Körper die Feuchtigkeit. »Wir retten das, was wir haben.« Damit hakte er rasch mit der leidenschaftslosen Effizienz des Kommandanten Halenas Änderungsvorschläge ab. Ja, ja, nein, ja. Er genehmigte den Verbrauch von Ressourcen, obwohl diese Ressourcen endlich waren und ihre Welt ausmachten. Nerven behalten. Und er behielt die Nerven, was wiederum bedeutete, dass auch das Schiff zusammengehalten würde. Zusammenbrechen konnte er später, dann, wenn er selbst das Einzige war, was vom Zusammenbruch bedroht war.

Sie verloren weitere siebzehnhundert Stück Frachtgut an die letzte Brems- und die Anflugphase, einzelne Kapseln und Fragmente lösten sich ab wie die Schuppen eines Schmetterlingsflügels. Außerdem verloren sie drei Viertel der Flotte, die Halena mobilisiert hatte, opferten sie für das Schiff, das sie hergebracht hatte. Immer mehr ging verloren, und Holt und seine Innere Crew blieben siebenunddreißig Stunden lang wach und kämpften gegen die Mathematik und das Universum an. Rudern gegen den Wind, dachte er. Anrennen gegen die Flut. Er stellte sich die scharfen Krallen der feindseligen Physik als schwarze Felsen und die stotternden Instrumente als sporadische Blitze vor, die zugleich eine Gefahr darstellten und ihnen den Weg erleuchteten.

Unter der verlorenen Fracht befanden sich Spezialisten und Fachkräfte. Träumer, Dichter und Musiker. Geniale Neuerer, charismatische Motivatoren und fleißige Arbeiter, die etwas bewegt hätten, hätten sie nur die Möglichkeit dazu bekommen. Menschen, jeder einzelne unersetzlich. Es spielte keine Rolle, dass für mehr als dreißigtausend immer noch grüne Lichter auf dem Schaltpult leuchteten. Das bedeutete nicht, dass er nicht gescheitert wäre. Aber er erinnerte sich an seine Ausbildung. Seine Lehrer waren weitsichtig gewesen. Du wirst scheitern, und wenn es geschieht, musst du tun, was du kannst, um möglichst wenig zu scheitern. Lass nicht zu, dass dich das Scheitern auffrisst. Du wirst Entscheidungen treffen, die einen Preis haben. Das ist Teil des Kommandos. Lass dich von diesem Preis nicht demoralisieren. Wie alle, all die künftigen Archenkommandanten, hatte er alleine dagesessen und sich diese kalten Parteiparolen angehört. Man sagte ihm, Mitgefühl könne er in seiner Freizeit empfinden. Als Kommandant müsse er entscheiden. Entscheidungen treffen, durch die Fracht verloren ginge, Crewmitglieder und Freunde ums Leben kämen. Damit etwas überleben kann.

Er hatte die Entscheidungen getroffen, und etwas hatte überlebt. Die meisten von ihnen waren aufgewacht und hatten zusehen können, wie sich die Enkidu in eine feste Umlaufbahn zerrte. Auch die Fracht war zum größten Teil noch am Leben, ohne Bewusstsein, schlafend. Die Hälfte der erforderlichen Sonden und Roboter waren intakt und selektierten nach Olfs Reparaturprotokollen die menschliche Rasse, so gut sie konnten. Auch von der übrigen Crew waren die meisten noch am Leben und konnten geweckt werden, um die Lücken zu füllen.

Heorest Holt war größtenteils noch funktionsfähig, die Teile, die schreiend auf die Wände einschlagen wollten, hielt er vorerst unter Verschluss.

Gut gemacht, sagte er zu seinen Leuten, obwohl er wusste, dass sie ihm nicht glaubten, er glaubte sich ja auch selbst nicht. Obwohl das Ausmaß der Verluste so groß war – fast dreizehntausend hoffnungsvolle Kolonisten, die zweitausendsechshundert Jahre im Weltraum überlebt hatten, nur um durch ein einfaches Bremsmanöver ermordet zu werden. Aber er musste auf das schauen, was noch übrig war, und sich sagen: Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Hinter ihm auf ihrer kurvenreichen Flugbahn zwischen der Sonne und dem Planeten hätte durchaus die Möglichkeit bestanden, dass genau null Prozent der Fracht oder der Crew überlebten. Sie waren auf diese Felsen zugerast und ihnen so geschickt ausgewichen, wie sie konnten. Und sie hatten überlebt. Jedenfalls ein bestimmter Anteil von »ihnen«. Das musste genügen, denn es war alles, was sie hatten.

Für jede Abteilung wurde nun eine zweite Schicht geweckt. Auch er würde das Kommando in Kürze an seinen Stellvertreter übergeben. Nur Esi schuftete unermüdlich weiter, denn nachdem sie nicht mehr befürchten mussten, im harten Vakuum auseinanderzubrechen, würde ihre Stunde bald kommen. Zur Vorbereitung auf einen möglichen Kontakt mit den Ahnen überarbeitete sie ihren Wortschatz und verfasste für alle Fälle Begrüßungen in zwanzig verschiedenen toten Sprachen. Und das tat ihr vermutlich gut, denn es lenkte sie von all dem ab, was sie in der Krise nicht hatte tun können.

»Was für ein Mist«, sagte Halena Garm gleich nebenan so laut, dass alle aufhorchten. Holt dachte schon, dem Schiff drohe eine neue Katastrophe, doch wie sich herausstellte, konnten größere Dinge zerbrechen als die geschundene alte Enkidu.

Vor ihnen lag der Planet.

Wie bei den dreizehntausend zerschlagenen Hoffnungen und enttäuschten Träumen hätte es schlimmer kommen können. Aber diese Welten sollten von den Ahnen besucht und neu gestaltet worden sein, mit einer unvorstellbar fortschrittlichen Technologie, neben der Holts eigene Technik nur ein Schatten war. Ein Echo. Ein Witz. Diese Verheißung sprach aus den Sternenkarten, die jene unerschrockenen Grabräuber geborgen hatten – in vielen Fällen um den Preis ihres Lebens. Diese Welten waren die neue Heimat, die ihre gemeinsamen Vorfahren in grauer Vorzeit für sie bereitet hatten, um all jene aufzunehmen, die die Reise tatsächlich überlebt hatten.

Tatsächlich schien Imir nur eine graubraune Staubkugel zu sein. Die Pole waren eisbedeckt. Der Äquator war eine Wüste. Es gab Meere, und die Meere enthielten Wasser. Die gemäßigten Zonen, da, wo das Klima nicht unerträglich heiß oder kalt war, bestanden aus Felsen und einer körnigen Substanz, die kein Erdreich war, weil die organischen Bestandteile fehlten.

»Was lebt denn da unten?«, fragte Holt, und für einen Moment fürchtete er die Antwort: nichts.

Etwas gab es aber doch. Die alten Terraformer waren auf halber Strecke stehen geblieben. In den Meeren gab es so etwas wie Phytoplankton, und eine Flechtenart bildete fleckige Beläge auf den Felsen. Beim vierten Versuch gelang es Halena, eine Sonde hinunterzuschicken, ohne dass sie beim Eintritt in die Atmosphäre in ihre Einzelteile zerfiel, und sie lieferte etwas mehr Informationen. Esi sagte, es handle sich um künstlich entwickelte Organismen. Kein richtiges Ökosystem, aber eindeutig die Fingerabdrücke eines Prozesses, der zu einem solchen geführt hätte, hätte er eine Reihe von weiteren Stadien durchlaufen. Weil die aktiven künstlichen Organismen verantwortungsvoll geplant worden waren, hatten sie sich auf dem Stand ihrer Entwicklung gehalten. In all den seither vergangenen Jahrtausenden hatten diese mikroskopisch kleinen Arbeitssklaven niemals ihre Fesseln abgeworfen.

»Was haben wir denn nun da unten?«, fragte Holt, denn so gehörte es sich. So verhielt sich ein Kommandant. Man trauerte nicht. Man machte weiter.

»Atembare Atmosphäre«, antwortete Halena. »Siebzehn bis neunzehn Prozent Sauerstoff nach den bisherigen Proben. Und das ist alles. Da unten gibt es nichts, was wir essen können. Was immer wir haben wollen, müssen wir selbst erzeugen.«

1.2

Captain Heorest Holt stand in der Kommandozentrale der Enkidu und sah sich die ersten Daten von der Untersuchung des Planeten Imir unter ihnen an. Er hatte seine Crew beauftragt, eine Lösung zu finden. Eine Brainstorming-Sitzung. Keine Idee war im Moment zu verrückt. Zumindest befand sich die Enkidu in einer vollkommen stabilen Umlaufbahn, und ihre Fertigungsanlagen waren trotz der Schäden am Schiff und der laufenden Reparaturarbeiten einsatzfähig. Jedenfalls für kleine bis mittlere Projekte. Der Verlust der großen Fabrikhallen bedeutete, dass niemand ein neues Shuttle oder sonst etwas in dieser Größenordnung herstellen konnte. Während die Technik die Löcher flickte, versuchte die Wissenschaft, aus den Scherben, die ihnen das Schicksal gelassen hatte, eine Zukunft zu bauen. Dann informierte die Wissenschaft die Sicherheit, die sich ihrerseits dazu äußerte, wie viele Leute tatsächlich in dieser Zukunft leben könnten oder nicht, und alle machten auf halbem Wege kehrt und gingen zurück ans Reißbrett. Heorest Holt musste zugeben, dass damals auf der Erde niemand die Sache richtig zu Ende gedacht hatte, denn das war auch nicht wirklich möglich gewesen. Nicht wenn man so ahnungslos war wie sie und nicht wusste, was einen draußen zwischen den Sternen erwartete. Und eine ganze Reihe von Leuten hatten sich verzweifelt an die Hoffnung auf vorgefertigte Gärten Eden geklammert, denn was hätte einen sonst dazu bringen können, ein Schiff zu besteigen und eine vieltausendjährige Reise ins Vergessen anzutreten?

Er wünschte den anderen Archen, sie hätten etwas Besseres gefunden, mehr an Gedanken konnte er für den Rest der menschlichen Rasse nicht erübrigen.

Die Sonden, die man auf die Oberfläche geschickt hatte, brachten Proben der künstlichen Terraforming-Organismen mit, aber mehr auch nicht. Gembel verfiel in gestammelte Lobeshymnen über die Eleganz der Technik, dabei bedeutete genau diese Raffinesse, dass sie nur taten, was sie sollten. Plankton, Mikroben und Flechten arbeiteten in streng kontrollierten genetischen Grenzen, die auch die lange Zeit nicht hatte aufbrechen können. Zumindest stellten sie keine Gefahr für menschliches Leben dar. Sie würden die Besucher nicht vergiften oder infizieren. Im Grunde waren es kleine Maschinen, bei denen das Design sogar die Fortpflanzung kontrollierte, damit sie nicht außer Rand und Band geraten und die Welt mit einer schwärenden Mikrobenkruste überziehen konnten. Davon abgesehen, war die Welt noch toter, als es selbst die sterbende Erde zum Zeitpunkt ihrer Flucht gewesen war. Meere ohne Fische, Land ohne Gras, ein Himmel ohne Vögel. Nicht einmal die wenigen Spezies, die Opportunisten und Aasfresser, die der Erde noch geblieben waren, als die Menschheit endlich ihre alte Heimatwelt aufgegeben hatte.

Die Enkidu verfügte über eine begrenzte Bibliothek an genetischen Informationen und über die Fähigkeit, einige Spezies künstlich zu entwickeln. Man war zwar davon ausgegangen, dass die Gastwelten Lebensformen liefern würden, aber jemand hatte zumindest einen kleinen Wissensvorrat für den allerschlimmsten Fall angelegt. Sie konnten einige Pflanzen aussäen und einige Tiere entwickeln. Nutzvieh. Ein vollständiges Ökosystem wäre es nicht, aber es könnte ein Hort werden, ein Lebensraum für die Menschen. Für eine begrenzte Zeit. Bis sich etwas Besseres fand. Bis sie das Geheimnis knackten, mit dem sich Imir in ein Paradies verwandeln ließ. Gembel hatte einen Raum auf der Enkidu zu einem Imir-Terrarium – einem Imirarium? – umfunktioniert und versuchte, darin etwas zu halten, was überleben konnte. Das chemische Gleichgewicht des staubförmigen Erdreichs war für irdische Lebensformen schädlich. Nicht so schädlich, dass es sie sofort töten würde; aber doch so, dass alle möglichen Langzeitfolgen zu erwarten waren. Konnte er Pflanzen züchten, die imstande wären, das Schädliche herauszufiltern und als Nahrung zu dienen? Vielleicht. Entsprechende Forschungen waren im Gange. Gembel hatte natürlich nicht damit gerechnet, an der Spitze des Wissenschaftlerteams zu stehen, leider war der arme Mazarin nicht mehr aufgewacht. Und nun wollte Holt, dass der Mann die Forschungen eines ganzen Lebens am besten gestern abgeschlossen hätte. Was besonders gnadenlos war, da Imirs Tage nur irgendwo zwischen fünfzehn und sechzehn Stunden lang waren, ein Zeitschema, an das sie sich alle – meist vergeblich – anzupassen suchten. Die Jahre umfassten etwas mehr als dreihundert dieser kurzen Tage, und die Achsneigung war stärker als auf der Erde, sodass der Planet wackelte wie ein Kreisel und sich auf den Hemisphären raue Winter und Dürresommer abwechselten, unterbrochen von der »Gewittersaison«, wie Halena sich ausdrückte. Obendrein gab es einen zu großen Mond, der seinerseits einen Mond hatte, wodurch die Gezeiten außer Rand und Band gerieten. Infolgedessen wäre es ein tödlicher Fehler, sich irgendwo in Meeresnähe niederzulassen; so viel zum Thema maritime Aquakulturen.

Gembel wie auch Halena delegierten unentwegt neue Aufgaben an Esi Arbandir, mit der Begründung, dass sie – in Abwesenheit irgendwelcher Ahnen, die man fragen konnte – praktisch jedermanns Ansprechpartner geworden war. Gembel konnte sie zumindest erzählen, wie die Ahnen Landwirtschaft betrieben hätten – soweit das irgendjemand wusste. Und wie sie ihre Gesellschaft an verschiedenen Punkten geordnet hatten – soweit das aus den erhaltenen Bruchstücken ihrer Schriften hervorging. Als sie Holt zu sich rufen ließ, nahm er an, sie wollte sich beschweren, dass sie für die Innere Crew die Drecksarbeit erledigen musste.

Sie saß in einem Abteil, das so klein war, dass sie alle Wände von ihrem Platz aus berühren konnte, und beugte sich über eine der Multifunktionskonsolen des Schiffs. Er sah, dass sie nach Signalen gesucht hatte.

»Die anderen Archen?«, fragte er. Wäre gut zu wissen, dass es noch jemand geschafft hat. Aber sie schüttelte den Kopf.

»Hör dir das an«, sagte sie.

Sie hatte nicht die Sterne belauscht, sondern Imir. Auf der Suche nach einem geheimen Labor oder Lager der Ahnen, einem Geschenk der fernen Vorfahren, das die Welt von einer Ödnis in eine Heimat verwandeln würde. Vergeblich, aber sie hatte …

Etwas gefunden.

Signale. Zumindest ein Muster im statischen Rauschen. Nur war es sehr komplex, und das Problem mit Mustern war, dass zwar die einfachen leicht zu erkennen waren, aber höchstwahrscheinlich von nichts Empfindungsfähigerem erzeugt wurde als den kosmischen Basisfunktionen. Je komplexer und damit offensichtlich künstlicher das Muster wurde, desto schwerer ließ es sich dagegen vom Rauschen unterscheiden, bis man schließlich eine elektronische Pareidolie vor sich hatte, die wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrte und nicht mehr war als das natürliche Hintergrundgeräusch.

Esi hatte, sooft sie Zeit dazu fand, versucht, diese Signale zu isolieren. Sie hatte niemandem davon erzählt. Über die Rolle der Altertumsforscherin wurde schon genug gelästert, sie wollte nicht noch mehr Spott auf sich ziehen. Aber jetzt informierte sie Holt. Denn Holt und Esi verstanden sich gut – hin und wieder schliefen sie miteinander, hörten sich gegenseitig ihre Kümmernisse an, waren einfach füreinander da –, und so wusste sie, dass er sie nicht gleich auslachen würde.

Sie spielte ihm vor, was sie aufgezeichnet hatte, und bezeichnete es rundheraus als Unsinn. Sie hätte so lange auf die Wand gestarrt, bis sie angefangen hätte, in den Verfärbungen und Ritzen Karten, Diagramme und Bilder zu sehen. Aber damit nahm sie nur die Reaktionen der anderen vorweg. Für Holt war da ganz eindeutig ein Signal. Ein Muster, etwas, das beabsichtigt war. Während sie ihre Entdeckung noch herunterspielte und geradezu verwarf, rief er bereits die Metadaten ab und suchte zu verstehen, was sie da hörten. Dann holte er die Innere Crew zusammen oder setzte zumindest eine virtuelle Konferenz für einen Zeitpunkt an, zu dem alle gleichzeitig wach waren, und alle hörten sich an, was Esi gefunden hatte.

Es war zum Verrücktwerden, denn das Signal war nur manchmal da, und die Sonden hatten nichts entdeckt, was immer es war, musste also unter einer wer weiß wie dicken Dreck- oder Gesteinsschicht vergraben sein. Es hatte keinerlei Ähnlichkeit mit einer bekannten Übertragung der Ahnen, nichts davon war zu entziffern. Es wiederholte sich auch nicht wie eine Warnung oder ein Funkfeuer. Jede Instanz, die Esi gefunden hatte, war anders. Und doch passten sie offensichtlich alle zueinander und unterschieden sich zugleich von allem, ob alt oder modern, was sich in der Bibliothek der Enkidu befand. Die Systemanalyse des Schiffs hatte eine Niete gezogen, als man sie nach Vergleichen fragte. Es war einfach zu verschieden. Mit der Zeit hatte Esi ein ganzes Sortiment von Sendungen von der ansonsten schweigenden Welt unter ihnen gesammelt, so viele, dass sie einigermaßen sicher sein konnte, Fragmente von etwas aufzufangen, das randvoll war mit Information: eine Sprache, ein Code, Bedeutung. Zu ihrem Leidwesen ohne jede Bedeutung, denn es verweigerte sich jeder Analyse. Daher zum Verrücktwerden.

Inzwischen hatten einige Kurven begonnen, sich anzunähern. Das Schiff in seiner Gesamtheit war so weit repariert, wie es möglich war, der Preis war der Verlust von nur fünfhundertachtundvierzig weiteren Stück Frachtgut. Umgekehrt verschlechterte sich der Zustand des kleinen Teils der Enkidu, in dem zurzeit die Innere Crew und ihre Teams lebten, so weit, dass Olf sich darauf beschränken musste, alles irgendwie am Laufen zu halten. Selbst eine neue intakte Arche war nicht dafür ausgelegt, über Monate aktiv bewohnt zu werden. Dafür gab es Planeten. Und als die Enkidu Imir erreichte, war sie nicht in einem Zustand gewesen, den man als »neu« oder »intakt« bezeichnet hätte. Gembel hatte jedoch einen Plan.

Holt musste anerkennen, dass der Assistent der Abteilung Wissenschaft die Herausforderung bemerkenswert gut gemeistert hatte. In Bezug auf die Kommunikation war er katastrophal – nicht allein, weil er stotterte und stammelte, sondern weil er generell unfähig war, sich auf die Perspektive oder das Vorwissen anderer einzustellen, wenn er etwas vermitteln wollte. Aber Präsentationen konnte er delegieren. Als wahre Goldgrube hatten sich seine Fähigkeiten dagegen auf dem Gebiet von Krisenökosystemen erwiesen. Zustände, wie sie als Nachwehen der Vernichtungskriege der Ahnen und der Umweltvergiftung auf der Alten Erde geherrscht hatten, waren nun die Krönung dessen, was sie auf Imir erreichen konnten. Wenigstens zu Anfang. Wir wollen hoffen, dass wir eine Besserung erzielen können. Gembel hatte in seinem Imirarium ein Dutzend Pflanzen und zwei Dutzend Tiere, die er zuverlässig neu erschaffen, anbauen und züchten konnte und die sogar gedeihen würden. Zusammen würden diese Spezies, wenn sie die Chance hatten, auf dem Planeten Fuß zu fassen, die Lebensgrundlage für eine Kolonie bilden. Eine kleine Kolonie. Wenigstens zu Anfang.

Seit man die Drohnen an die Abteilung Sicherheit übergeben hatte, war Halena Garm für die Untersuchung des Planeten zuständig. Nach Esis Entdeckung war sie zur Untergebenen der Altertumsforscherin geworden und versuchte nun, mit den noch vorhandenen Sonden und ihren unzulänglichen Instrumenten die Quelle der Signale ausfindig zu machen. Letztlich konnte sie nicht mehr tun, als eine virtuelle Konferenz einzuberufen und den Bildern der verschiedenen Crewmitglieder, die über das ganze Schiff verteilt ihren jeweiligen Aufgaben nachgingen, das Beste zu zeigen, was sie erreicht hatte. Mit Mühe hatte sie eine einzige Region des Planeten als Quelle eingegrenzt – eine Ebene zwischen den instabilen Ufern eines Flusses und einem hügeligen Hochland, das für die über den Himmel schießenden Sonden wie die Fingerknöchel eines toten Riesen aussah.

»Die geophysikalischen Scans lassen vermuten, dass unter jenen Hügeln etwas vergraben sein könnte«, lautete ihre Einschätzung. »Nur haben wir weder die Energie noch die Präzisionsinstrumente, um das mit Sicherheit feststellen zu können. Wir haben auf verschiedene Weise versucht, das Signal zu erwidern, wir haben nachgeahmt, was Esi empfangen hat, und auch unsere übliche Grußbotschaft gesendet, aber es gab keine Reaktion. Das hat jedoch keine Priorität. Priorität hat für uns zu überleben. Ich finde, damit können sich unsere Kinder befassen, wenn wir uns erst eine Zukunft aufgebaut haben, in der wir Kinder haben können.«

Holt wartete, bis sich die Vorstellung gesetzt hatte. Wenn sie sich wirklich anstrengten, könnten sie auf dieser Welt Fuß fassen und sie zu einem Ort zu machen, wo sich Kinder großziehen ließen, die dann vielleicht eine weitere Generation durchhalten würden. Und noch eine. Und noch eine. Besser und besser. Mehr und mehr. Doch der Gedanke ließ ihn nicht los, dort unten könnte etwas vergraben sein, das … was enthielt? Ein verschlossenes Behältnis mit allen Schrecken aus der Zeit der Ahnen, ein unbeholfener Versuch, ihnen zu sagen, sie sollten sich fernhalten? Oder ein Füllhorn voller Wunder, die das Leben jener hypothetischen Kinder revolutionieren würden, wenn sie es nur öffnen könnten? Eine Lampe voll dienstbereiter Geister. Das verheißene Paradies, das die Ahnen auf Imir nicht ganz hatten verwirklichen können.

Und wir haben überall sonst nach ihnen gesucht. Die Ahnen, das alte Imperium waren definitiv auf diesem Planeten oder im Orbit darüber gewesen. Sie hatten den Prozess eingeleitet, mit dem man totes Gestein in eine lebendige Welt verwandeln konnte. Nur waren sie dann abgezogen und hatten auf der Oberfläche lediglich rudimentäre Fingerabdrücke an Terraforming zurückgelassen und oberhalb davon gar nichts, nicht einmal einen Trümmerhaufen, der Imir umkreiste. Sie waren verschwunden, ohne ihr hehres Werk zu vollenden. Und nun war die Enkidu mit ihren ausgefallenen Systemen und ihrer dezimierten Fracht gekommen, verzweifelt auf der Suche nach einem Ort zum Leben, der nicht ständig, jeden Augenblick in jeder Stunde des Tages gepflegt und gewartet werden musste. Wie viele Stunden dieser Tag auch haben mochte.

Bleib weit, weit weg von der Quelle des Signals, riet er sich selbst, aber letzten Endes konnte er diese Wahl nicht treffen. Die sichere Option. Die richtige Entscheidung für einen verantwortungsbewussten Kommandanten. Denn Esi hatte ihn, ohne es zu wollen, von der Verheißung dieses wenig greifbaren Signals überzeugt. Weil er an Wünsche und an Magie, an alte Götter und die Rettung durch einen Deus ex Machina glaubte. Und wenn nun da unten die Machina vergraben wäre, aus der der Deus emporsteigen könnte?

»Ich bin die Frachtliste durchgegangen«, sagte er. Damals auf der Erde hatte man ihnen beigebracht, mit diesem Begriff all die hilflos eingefrorenen Menschen zu bezeichnen, die sie auf eine so weite Reise mitnehmen würden. »Ich habe eine Liste von Leuten zusammengestellt, die aufzutauen und vorzubereiten sind. Personen mit bestimmten Qualifikationen. Eine erste Welle von Kolonisten. Eine begrenzte Anzahl. Wir müssen sie mindestens ein Jahr lang von dem ernähren, was die Enkidu herstellen kann. Das schränkt die Größe der Kolonie ein. Danach könnten wir, wenn Gembel seine Aufgabe erfüllt hat, mit einer ersten Ernte rechnen.« Ein ungewohntes Wort, das sich exotisch anfühlte. »Aber dazu brauchen wir jedes Paar Hände, jeder muss alles geben, und mehr hungrige Mäuler können wir uns nicht leisten. Die Toleranzen sind sehr eng gesteckt.« Eine knappe Zusammenfassung der Arbeit vieler Tage und Nächte – kurzer Tage und kurzer Nächte, die sich aber dennoch summierten –, die er damit verbracht hatte, diese Liste mit dem Personal zusammenzustellen, das der Kolonie die optimale Überlebenschance bieten würde. Die beste Chance für die Menschheit. Von der Inneren Crew zu deren Teams und von den Teams zu der noch größeren Gruppe von Frachtstücken, die das Glück hatten, aufwachen und leben, arbeiten und sterben zu dürfen.

Die Übrigen würden weiterschlafen, bis Holt und seine wenigen Auserwählten Imirs unwirtlichem Boden jene Zukunft abgerungen hätten, die es erlaubte, sie zu wecken und auf einen Planeten herabzuholen, der eine größere Zahl an Menschen zu tragen vermochte.

»Ich bin sehr stolz«, erklärte er der Inneren Crew, ihren Assistenten und seinen eigenen Untergebenen im Kommando. »Wir sind so weit gekommen. Und ihr habt alle so schwer dafür gearbeitet, um das überhaupt möglich zu machen. Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Weckt die Schläfer. Beladet den schweren Transporter.« Die Urshanabi, das einzige Transportshuttle, das Olf hatte zusammenflicken können, nachdem allein die Reise hierher unter der kleinen Flotte von Raumfähren ein wahres Gemetzel angerichtet hatte.

»Hast du schon einen Landeplatz ausgesucht?«, fragte Halena, denn Holt hatte die Crew auf die Folter gespannt. Er wollte die Meuterei vermeiden, die seine Entscheidung zwangsläufig auslösen würde. Eine Meuterei, die er als vollkommen berechtigt anerkannte, doch danach müsste er zurückrudern und eine vernünftigere Entscheidung treffen. Mit der er seine Kinder und ihrer aller Kinder zu einer Zukunft in Fronarbeit ohne jede Aussicht auf bessere Zeiten verurteilen würde. Ohne auch nur eine leise Hoffnung auf magische Hilfe, nichts als leere Lampen, leere Flaschen, kein Geist weit und breit.

Nun zeigte er es ihnen. Sie sollten gleich neben der Quelle der Signale landen, dicht an den Vorbergen. Gutes, freies Gelände, wo Gembel seine handverlesenen Pflanzen ansiedeln konnte. Nahe genug am Fluss für einen Versuch mit aquatischen Lebensformen, aber nicht so nahe, dass sie immer wieder von den Gezeitenwellen weggefegt würden. Der perfekte Ort, es sei denn, das Ding – wenn es ein Ding gab, wenn es irgendwie von Bedeutung war – wäre ein Problem.

Er sah einen nach dem anderen an, sie sahen ihn an, und er erkannte, dass sie alle die gleiche schlechte Idee gewälzt hatten. Der Planet da unten verhieß zu 99,9 Prozent niemals endende Schwerstarbeit, keine echte Chance auf Besserung, nur einen Bruchteil eines Prozentpunkts Hoffnung. Auf diesen Bruchteil hatten sie alle setzen wollen, hatten aber nichts gesagt, da sie wussten, wie schlecht die Idee war. Und jetzt gewährte er ihnen diese Hoffnung.

Esi meldete sich sogar auf seiner Privatfrequenz und sagte: »Du hättest die Welt besser Pandora genannt.« Als sie später zusammen waren, bat er sie, den Bezug herzustellen. Irgendeine Sage aus der Zeit der Ahnen, von der er nie gehört hatte. Das änderte nichts, und überhaupt waren diese alten Sagen auch nichts anderes als erfundene Geschichten.

Teil 2

Zur Dunkelheit und zu mir

ImirGegenwart

2.1

Liff

Eines Nachts in den letzten Tagen des Nachsturms – in den Hügeln krachen noch die Donnerschläge, aber der Regen hat fast überall aufgehört – schaut Liff aus ihrem Giebelfenster und sieht ihren Großvater.

Heorest Holt, der alte Seemann, trägt den Mantel in dem Kupferblau, das sonst niemand mehr verwendet. Im Dunkeln sieht er schwarz aus, aber sie erinnert sich an die Farbe. Er ist auf dem Weg zu den Bäumen und zu den Hügeln, wo der Donner grollt. Es ist Vollmond, ein silberner Schein liegt über der Landschaft. Sie sieht ihren Großvater ganz deutlich, und was die Entfernung an Einzelheiten verschluckt, ergänzt sie im Kopf. Das lange Gesicht, die spitze Nase; der graue, eckig geschnittene Bart, den niemand mehr so trägt. Wie aus der Zeit gefallen steht er da vor den Bäumen, die an den Hügeln hängen wie eine schwarze Flut, die jederzeit herabstürzen und Landfall auslöschen kann.

Sie könnte nach ihm rufen, aber damit würde sie das ganze Haus aufwecken, und sie sollte eigentlich schlafen. Hätte schon seit einer Ewigkeit schlafen sollen, nur kann sie das nicht, nicht so leicht. Sechsundzwanzig Jahre ist sie alt – also an der Schwelle zur Pubertät –, und in den meisten Nächten liegt sie wach, von namenlosen Ängsten geschüttelt, die weit ältere Leute wohl verloren haben, obwohl die unendlich viel besser damit zurechtgekommen wären. Ängste, von denen sie weder ihren Eltern noch sonst jemandem erzählen kann, weil man so etwas nicht von ihr hören will. Mit ihrem Großvater hätte sie vielleicht reden können. Er hätte ihr zugehört.

Sie schiebt die Läden ganz auf, auch wenn dann die feuchte Kälte eindringen kann. Er schaut zum Haus zurück wie jemand, der im Begriff ist, etwas Unwiderrufliches zu tun. Dann wendet er ihr sein Gesicht zu, im Mondlicht ist es totenbleich; der Kontakt trifft sie wie ein Schlag.

Sie winkt. Die hochgewachsene, schlanke Gestalt am Rand der Schwärze hebt eine silbrig fahle Hand hoch über den Kopf. Ein Gruß; ein Lebewohl.

Bevor sie sich überlegen kann, ob das klug ist, springt sie aus dem Bett und schnappt sich ihr Kleid und ihren Schal. Schleicht barfuß die Treppe hinunter, um ihre Eltern und ihren Onkel nicht zu wecken. Schlüpft in ihre Schuhe, spürt das Holz und das Schweinsleder kalt und klamm auf der nackten Haut. Entriegelt die Tür, schiebt sie vorsichtig auf, damit die Angeln nicht quietschen, die ihr Vater immer ölen will und es doch nie tut. Tritt aus dem Haus auf die regennasse Erde der Welt, zu der Heorest Holt sie alle geführt hat. Über ihr steht der Mond mit seinem eigenen Satelliten, dahinter die leeren Sterne. Die Welt, von der Heorest Holt sie weggeführt hat.

Ihre ganze Kindheit lang hat sie Geschichten über den alten Mann gehört. Daran erinnert sie sich mehr als an den Mann selbst. Jeder in Landfall kennt eine solche Geschichte. Sie beschränken sich nicht auf seine eigene Familie. Manche sind gut, andere nicht so gut. Manche werden offen erzählt, andere konnte sie nur hören, wenn sie sich irgendwo versteckte, etwa spätabends unter dem Tisch im Reishaus, und die Gäste belauschte. Ein Name, der Wunder wirkt. Ein Name, den man verflucht. Holt, der einen schrecklichen Preis bezahlt und schreckliche Geschäfte gemacht hat. Holt, der schuld ist am Krieg mit den Sekkern. Der Mann, auf dem der Blick der in alle Ewigkeit rachedurstigen Wächter ruhte. Der letzte noch lebende Mensch, der die Welt, auf der sie leben, von oben gesehen hatte; alles lag unter ihm ausgebreitet wie ein Tischtuch, so hieß es, und sie kann es sich nicht vorstellen. Niemand kann das, und niemand wird es jemals können, denn das ist für immer vorbei. Er sah sie ausgebreitet und hörte vielleicht eine Stimme sagen: Das alles will ich dir geben …

Draußen vor der Haustür sieht man natürlich Landfall unter sich liegen, die dunklen Blöcke der Stadt ragen über den Horizont und verdecken das fahle Band des Flusses. Der alte Bewegungssensor hängt immer noch über der Tür, aber sie ist in diesem Haus aufgewachsen und weiß genau, welche Bereiche und Ecken er erfasst und wo er blind ist. Die flackernde Lampe wird dunkel bleiben, wenn sie hinausschlüpft. Dann muss sie seitlich um das Haus und die Scheune herumschleichen, um die Hügel und den Wald sehen zu können. Jedes Farmhaus, das jemals gebaut wurde, ist zur Stadt hin ausgerichtet und kehrt der Wildnis den Rücken zu. Als wollte man vermeiden, dass man zufällig aus der Tür tritt und etwas Unangenehmes sieht, bevor man dafür bereit ist.

Sie schlurft an der Vorderseite der Scheune entlang durch den Schlamm. Garm, das alte Razorback-Schwein, hat hier seinen Ruheplatz: Sie hört, wie sich sein Atem verändert, als sie an ihm vorbeitappt. Er schläft nicht mehr, aber da er sie kennt, wird er nicht aufspringen, zu quieken anfangen und auf sie losgehen wie auf einen Eindringling. Sie krault ihm die raue, borstige Haut hinter den Ohren, und er grunzt leise und legt sich wieder hin.

Alle sagten, der alte Holt sei sonderbar geworden, nachdem er die Führung von Landfall abgegeben und die Ratsversammlung verlassen hatte. Er habe behauptet, über Funk seltsame Stimmen zu hören. Sei auf Reisen gegangen, ohne zu erklären, wohin. Und er könne als Einziger hinauf zu der Höhle in den Hügeln gehen und mit der Hexe sprechen, die dort leben soll. Bei Tag glaubt niemand wirklich an diese Hexe, aber nach Einbruch der Dunkelheit weiß Liff, dass sie da ist.

Sie tritt hinter der Scheune hervor und kann die Bäume sehen. Bestimmt ist er nicht mehr da, und sie wird nicht mehr sicher sein, ob sie ihn wirklich gesehen hat oder ob das nur ein Teil aus einem ihrer Träume war. Aber da ist er, ein dunkler Strich, eine menschliche Gestalt vor der weit tieferen Dunkelheit des Waldes. Er wartet auf sie. Wartet, um ihr ein letztes Mal zuzuwinken, bevor er sich umdreht, weitergeht und von den Bäumen verschluckt wird.

Sie läuft ihm entgegen. Dann hält sie an. Zwischen dem Haus und den Bäumen liegt ein breiter Streifen mit struppigem Gras, das ist das Reich des Mondes, in seinem Licht kann sie jedes Grasbüschel, jeden spitzen Halm, jeden Strauch farblos, aber gestochen scharf erkennen. Die Bäume sind dagegen so völlig dunkel, als hätten sie sich nach oben zum Nachthimmel zwischen den Sternen gereckt und diese eisige Leere heruntergelockt zwischen ihre Äste, wo der Mond nicht hinkommt. Liff wagt sich in diese Finsternis nicht hinein.

Großvater schon. Er hat der noch tieferen Finsternis getrotzt, der echten Finsternis zwischen den Sternen. Das wusste jeder. Deshalb hatte er ja die Ratsversammlung verlassen. In allen Geschichten über den verrückten alten Heorest Holt heißt es, die Finsternis sei ihm am Ende zu Kopf gestiegen. Oder sie sei dank seiner vielen Reisen schon immer dort gewesen, und er hätte sie im Inneren seines Schädels zu ihnen heruntergebracht. Vielleicht war sie dann entkommen, hatte Imirs Schwerkrafttrichter nicht mehr überwinden können und sich zwischen den Bäumen versteckt. Vielleicht kam daher auch die Hexe, an die niemand glaubt und von der doch jeder weiß, dass sie da ist.

Am nächsten Morgen erzählt sie ihrem Vater, der Mutter und dem Onkel beim Frühstück ganz unbefangen, dass sie ihren Großvater gesehen hat. Das Alltagsgerede über Schweine, Reparaturen und Ratsangelegenheiten verstummt, und alle starren sie an, das einzige Kind am Tisch.

Liffs Mutter runzelt die Stirn und wechselt jenen wohlbekannten Blick mit ihrem Vater. Liff hat wieder mal etwas Falsches gesagt. »Das kann nicht sein, Liebes«, mahnt sie in jenem sanften, spröden Ton, den ihre Eltern immer anschlagen, wenn sie sich Sorgen um sie machen, und der so leicht in Geschrei umschlagen kann.

»Du musst geträumt haben«, kommt es von ihrem Vater, während er gleichzeitig zu ihren Schuhen hinüberschaut, die noch mit Schlamm verkrustet schief neben der Tür stehen.

Liff schüttelt so entschieden den Kopf, dass Onkel Molder in seinen grau melierten Bart schnaubt und diese kleine kreisende Bewegung mit dem Finger macht, mit der man andeutet, dass jemand nicht ganz richtig im Kopf ist. Liffs Vater sieht ihn empört an – er ist sein Bruder, und niemand kann ihn besonders leiden, aber Familie ist und bleibt Familie. Für einen Moment glaubt sie, einer der vertrauten innerfamiliären Gräben würde sich auftun, und darüber würde man die ganze Sache vergessen. Das wäre ihr lieber, auch wenn man sich dann anschreien würde. Sie hätte besser den Mund gehalten. Aber ihre Mutter meint es gut und lässt es nicht auf sich beruhen.

»Liebes, ich glaube nicht, dass du dich wirklich an ihn erinnern kannst. Du hast die Aufzeichnung von ihm gesehen, das ist alles. Du warst noch sehr klein, als er gestorben ist.«

Liff lässt ihre Züge erstarren, sodass nichts, was dahinter ist, nach außen dringen kann, und nickt wie eine Maschine. Natürlich Mutter, natürlich, natürlich. Aber sie weiß genau, dass sie nicht geschlafen hatte, dass er da gewesen und dass er in den Wald gegangen war. Dass er ihr zugewinkt hatte. Und dass er gewollt hatte, dass sie ihn sah. Heorest Holt, der alte Seemann, der vor langer Zeit zwischen den Sternen gesegelt war, der letzte lebende Mensch, der jemals eine andere Welt als Imir gekannt hatte.

Bald nach dem Nachsturm kommt der Winter, und das heißt, sie muss den weiten Weg nach Landfall zum Schulhaus gehen und schreiben und rechnen lernen wie alle Kinder zu dieser Zeit. Damit sie aus dem Weg sind, während die Erwachsenen wieder heil machen, was im Nachsturm zerstört wurde, und alles bereit ist für die neuen Schäden, die der Sturm zwangsläufig anrichten wird. Die neue Lehrerin spricht mit den Kindern von ihrer Geschichte; in Zusammenhang mit der ersten Landung wird Liffs Familie namentlich erwähnt. Und weil sie das, was in ihr hochkocht, nicht immer zurückhalten kann, erzählt sie einigen anderen Kindern, dass sie ihren Großvater gesehen hat. Die nennen sie die verrückte Holt, so wie man ihn den verrückten Holt genannt hat. Den alten Mann, der in den Wald gegangen war, um mit der Hexe zu reden, und darüber verrückt geworden ist. Vielleicht war er auch immer schon verrückt gewesen und war bloß in den Wald gegangen, um dort zu sterben.

Yotta, eines von den anderen Kindern, sagt, sie hätte die Hexe gesehen. Nicht weil sie Liff ärgern will. Sondern damit die anderen aufhören, darüber zu reden. Damit erreicht sie lediglich, dass die Kinder nun sie ärgern anstelle von Liff, und vielleicht ist das besser. Bevor Liff nach der Schule nach Hause geht, spricht sie mit Yotta und lässt sich die Geschichte zu Ende erzählen. Wie ihr Vater, der Holzfäller, draußen war, um Bäume für eine neue Scheune zu schlagen, und Yotta ihm das Essen bringen sollte. Da sei die Hexe bei ihm gewesen und hätte mit ihm geredet. Sie konnte sehen, dass ihr Vater große Angst gehabt hatte. Vielleicht hatte er die Bäume zu dicht an der Höhle geschlagen, die da oben war, wie jedermann wusste, und hatte damit die Hexe wütend gemacht? Es gab einen Pfad, sagt Yotta, der bis zur Höhle hinaufführte. Sie hätte ihn gesehen, an diesem Tag. Ihr Vater hatte mit seiner Axt und seiner Motorsäge darauf gestanden. Der Pfad wand sich deutlich erkennbar die Hügel hinauf und zwischen die Bäume hinein, als würden ihn die Leute immer benutzen, wenn sie die Hexe besuchten. Nur besucht niemand die Hexe. Aber, da sind sich Yotta und Liff zögernd einig, vielleicht tun es viele doch immer wieder. Weil sie eine Hexe ist, und wenn es ein Problem gibt, das niemand lösen kann, dann muss man vielleicht sehen, ob die Hexe wirklich da ist und ob sie womöglich sogar eine Lösung dafür hat. Das tut sie nicht umsonst. Und jedermann weiß, dass der alte verrückte Heorest Holt viele Probleme hatte, und vielleicht ist er deshalb so oft in den Wald gegangen, um die Hexe zu besuchen. Und vielleicht ist er auch letzte Nacht dorthin gegangen.

Am Nachmittag trifft Liff Vorbereitungen für eine Expedition. Die Erwachsenen arbeiten an der Scheune, sie stützen sie von innen ab, man hört laute Stimmen und das Rattern maroder Maschinen. Wahrscheinlich erwarten sie, dass sie in Rufweite bleibt, falls etwas gebracht oder gehalten werden muss oder sie mit ihren kleinen Händen anderweitig Hilfsdienste leisten kann. Aber wenn sie nach ihr rufen und sie nicht da ist, werden sie sich wahrscheinlich nicht allzu viele Gedanken machen. Sie sagt nicht ausdrücklich, dass sie vorhat, Yotta oder ein anderes Mädchen zu besuchen, aber sie redet darüber, als sie beim Mittagessen sitzen, also ist es keine richtige Lüge, erreicht aber doch, was man mit einer Lüge erreichen will. Nach dem Essen holt sie sich einen Stoffbeutel und packt alles hinein, wovon sie glaubt, dass sie es für die Suche nach ihrem Großvater brauchen könnte. Weil er da draußen zwischen den Bäumen auf sie wartet, das weiß sie. Er ist bei der Hexe, und sie muss ihn retten. Vielleicht will er ihr auch etwas zeigen. Oder er hat ein Geschenk für sie. Sie überlegt sich immer wieder eine andere Erklärung dafür, was er gemeint haben könnte, als er ihr letzte Nacht zuwinkte. Vielleicht wollte er sich auch bloß verabschieden.