Die Ferne ist nah genug - Siegfried Lenz - E-Book

Die Ferne ist nah genug E-Book

Siegfried Lenz

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Beschreibung

"Ich gestehe, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen." Die Vielfalt der Themen und die Entwicklung eines unvergleichlichen Stils treten in den Erzählungen von Siegfried Lenz deutlich hervor. Brillant verdichtet er auf engstem Raum und mit außerordentlicher Intensität Situationen und die Gefühlswelten seiner Figuren. In der Tradition der deutschen Novelle, der russischen Erzählung und der angelsächsischen Kurzgeschichte stehend, hat Siegfried Lenz die kurze Form zu einer in der Gegenwartsliteratur beispielhaften Meisterschaft geführt. "Lenz schreibt unglaubliche und letztlich, da mit künstlerischen Mitteln beglaubigt, doch glaubhafte Erzählungen; sie mögen einem bisweilen unwahrscheinlich vorkommen, aber sie sind immer wahr." Marcel Reich-Ranicki Diese eBook-Ausgabe wird durch zusätzliches Material zu Leben und Werk Siegfried Lenz ergänzt.

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Seitenzahl: 45

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Siegfried Lenz

Die Ferne ist nah genug

Erzählung

Hoffmann und Campe Verlag

Die Ferne ist nah genug

Sie eroberten die Stadt und gaben ihr einen neuen Namen, sie nannten sie Kaliningrad, und von diesem Tage an wurden die Brötchen schwarz und klitschig, und das Brot wurde naß und kostete achtzig bis hundert Rubel je Laib. Das waren die ersten Veränderungen, die sich mit dem neuen Namen der Stadt ergaben, nasses Brot und schwarze Brötchen; die Bevölkerung dachte jeden Tag an den neuen Namen der Stadt, sie mußte an ihn denken, denn wenn ein Laib Brot unters Messer kam, wenn eine Hand von oben auf das Brot drückte, lief an der offenen Seite Wasser heraus – und sie mußten Brot schneiden, jeden Tag. Aber es war nicht leicht, das nasse Brot zu besorgen, mit dem neuen Namen der Stadt war auch das Brot seltener geworden; es war rar und kostbar geworden, es forderte von dem, der es besitzen wollte, jeden Tag neue Überlegungen, neue Listen und neue Wachsamkeit, das Brot forderte plötzlich seine Abenteuer. Es war nicht mehr wie früher, als die Stadt Königsberg hieß und das Brot billig und weiß und gefahrlos zu bekommen war, der neue Name der Stadt hatte das alles geändert. Er hatte auch die Augen der Menschen geändert, die Augen waren groß und gleichgültig geworden, ferne abwesende Blicke, hinter deren Scheu sich aber ein unentwegtes Lauern verbarg.

Auch in den Augen der Kinder lag ein Ausdruck dieses scheuen Lauerns, auch in den Augen der beiden Brüder Kurt und Heinz, die schon morgens zu einer Ausfallstraße hinausgegangen waren, barfuß, nur mit kurzer Manchesterhose und Hemd bekleidet, der eine vierzehn, der andere neun Jahre alt. Sie durften nicht betteln, das war nur den Blinden erlaubt, und Geld besaßen sie auch nicht. Geld besaßen kaum die russischen Zivilisten, und so gingen sie zu einer Ausfallstraße hinaus, wo es die schwarzen Märkte gab. Sie setzten sich in einen Graben und warteten. Sie beobachteten schweigend das nervöse Gedränge und dachten an ihre Mutter, die sie hinausgeschickt hatte, und an ihren Plan, der ihnen zu warten befahl. Sie warteten auf einen sowjetischen Milizsoldaten, bei dessen Erscheinen stets eine panische Flucht einsetzte, die Leute liefen mit ihren Körben und Kästen und Bündeln nach allen Seiten davon, stolpernd und fallend, und manchmal verlor dann ein Flüchtender schwarze, klitschige Roggenbrötchen aus einem Korb oder einige Kartoffeln oder womöglich gar ein Stück Räucherspeck. Ihr Plan befahl ihnen, auf das Erscheinen des Milizsoldaten zu warten, aber ein dünner Schnürregen ging nieder, und diesmal schien der Milizsoldat etwas anderes vorzuhaben. Er kam nicht. Und Kurt stand von dem alten Eimer auf, auf dem er gesessen hatte, und sagte: »Wir können lange warten, Heinzi. Ich glaube, es hat keinen Zweck. Heute kommt er nicht.«

»Wir können es ja bei den Tonnen versuchen«, meinte der Kleine. »Wir können es dort gut noch mal versuchen. Manchmal läßt man etwas liegen, und wenn wir es jetzt finden, ist es gut. Was meinst du, sollen wir zu den Tonnen gehen?«

»Nein«, sagte Kurt, »es hat keinen Zweck. Beide brauchen wir nicht dahin. Du kannst allein zu den Tonnen gehen, Heinzi, und wenn du etwas findest, bringst du es gleich nach Hause.«

»Warum können wir nicht zusammen gehen«, fragte der Kleine, »wo willst du denn hin?«

»Ich geh zum Bahnhof«, sagte Kurt, »bei den Tonnen sind mir zu viele. Komm, wir wollen jetzt gehen.«

Und sie gingen schweigend die Straße zurück, und der Kleine trug eine verrostete Luftpumpe in der Hand und stieß sie bei jedem Schritt gegen das nasse Pflaster; ein helles, metallisches Klicken begleitete sie unter dem tief hängenden Himmel, und sie gingen durch tote Straßen und kletterten über Bettgestelle und verkohltes Balkenwerk, und an einer Kreuzung verabschiedeten sie sich. Heinzi ging zu den Tonnen hinab, und sein Bruder schlug den Weg zum Bahnhof ein; es regnete, aber der Regen war warm.

Er zog sich am Gras die Böschung des Bahndammes hinauf, er ging langsam und geduckt zwischen den Schienen weiter; er wußte, daß er nur so den Bahnsteig erreichen konnte, denn zur Straße hin war alles von der Miliz abgesperrt. Er sah die Milizsoldaten am Rinnstein der Straße sitzen, große breitschultrige Männer in gefetteten Stiefeln und mit lose baumelnden Maschinenpistolen vor der Brust, und der Junge legte sich zwischen die Schienen, wenn sie herübersahen, und preßte sein Gesicht gegen die nassen Schottersteine. Er gelangte ungesehen bis zum Stellwerk, er hatte die gefährlichste Strecke hinter sich und beobachtete den Bahnsteig. Da spürte er, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte und wie jemand hinter ihm lachte. Er kannte das Lachen, er wußte sofort, daß er sich nicht in Gefahr befand, und als er sich langsam umwandte, erkannte er Fips. Fips war etwas älter als er, er trug Schuhe und eine grüne Joppe, und sein Haar war blond und verfilzt und naß vom Regen, und er sagte lachend: »Tag, Kurtchen, so sieht man sich wieder. Was machst du hier?«

»Das siehst du doch«, sagte Kurt. »Ich dachte, hier wäre etwas zu haben.«