Die Feuer von Osia - Damian Klimowicz - E-Book

Die Feuer von Osia E-Book

Damian Klimowicz

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Beschreibung

Es ist eine Wildnis, beherrscht vom leibhaftigen Grauen. Weit entfernt hält sich die Menschheit von ihr auf Abstand. Nur zwei Männer wagen es, dort zu leben. Artan und sein Ziehvater Dawur, zwei Bestienjäger, die das Überleben im Blut haben. Doch ein Moment der Unachtsamkeit stellt diese Eigenschaft auf die Probe. Ein Wesen der Dunkelheit vergiftet Dawur. Ihm bleiben zwei Wochen Zeit, ehe er stirbt. Als er verrät, dass es nur ein Gegenmittel in der Zivilisation gibt, bricht Artan auf, um es zu holen. Für ihn beginnt eine Reise durch die Tiefen des Urwaldes, wo jeder falsche Schritt in bestialisches Fresswerk zu geraten droht. Mit stählerner Willenskraft kämpft sich Artan in den Territorien der Raubwesen durch. Dabei ahnt er nicht, dass eine finstere Macht aus der kriegsgebeutelten Menschenwelt deren Feuer verbreitet.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Der Lockvogel

Kapitel 2: Das Finale eines tödlichen Tages

Kapitel 3: Weg der Entscheidungen

Kapitel 4: Belegtes Brot

Kapitel 5: Aus der Hölle in den Himmel

Kapitel 6: Dämonisch

Kapitel 7: Ein Gefallenen

Kapitel 8: Tränen und Freude

Kapitel 9: Der Spion

Kapitel 10: Freigang in Kordubar

Kapitel 11: Spuren der Vergangenheit

Kapitel 12: Unheil

Kapitel 13: Die Begegnung

Kapitel 14: Die letzte Reise

Kapitel 15: Krieg oder Freiheit

Kapitel 1 – Der Lockvogel

Ein Morgen begann, der dem Abend eines nordischen Herbstes glich. Sein undurchschaubares Nachtblau ließ nur die Hand vor Augen erkennen. So war ein umherstreifender Wind das Einzige, was Artan wahrnehmen konnte. Frostig behauchte er seine Wangen und jedes Mal, wenn er zwischen seine Finger hindurchschlüpfte, glich das Gefühl einem Griff in eisigen Schnee. Der Mann genoss die Frische.

Sie wirkte belebend, nahezu ermunternd. Für Artan war es ein angenehmes Erlebnis im Gegensatz zu den vielen Erfahrungen, die ihn zu einem Kämpfer des Überlebens geschmiedet hatten.

Dazu harmonierte die Stille. Sie bewahrte eine entspannende Ruhe in seinem Geiste.

All die guten Gefühle kamen ihm gelegen, solange er noch die Zeit dafür hatte, sie zu genießen.

Und er war sich sicher, dass diese Phase nicht lange anhalten würde. Kaum dachte er an das Ende des Guten, stach schon ein enormer Knall die Luft, verursacht von krachendem Gestein.

Es klang nach etwas, das chaotisch auf einen brüchigen Fels kletterte. Der Lärm nagte noch zehn Herzschläge lang an Artans Gehör. Eisernen Mutes blieb er ruhig.

In der Finsternis konnte er zwar nicht sehen, wer oder was es gewesen war, jedoch konnte er sich nach genauerer Konzentration an das vertraute Geräusch erinnern, wenn Felsschichten ihre Festigkeit aufgaben, von einem Berg losließen, wie das Haar eines alternden Mannes zu fallen vermochte. Aus dem Grund hatte Artan ihm den Namen “Alternder Berg” gegeben. Er stand auf dessen höchsten Vorsprung. Etliche Male hatte er ihn betreten wie einen eigenen Balkon. Für ihn war der Platz ein Rückzugsort von dem tödlichen Alltag.

Und trotz des vertrauten Gefühls an diesem Ort gab es Dinge, die Artan bedrückten. Gedanklich suchte er nach Antworten für die Frage, was sich in seinem Leben verändern würde, wenn er das Ziel eines Vorhabens erreichte, welches ihm bevorstand.

Zwei Stunden lang fesselte ihn das Anliegen. Dann erwachte etwas, was seine Aufmerksamkeit bekam. Die Dunkelheit begann zu erblassen, durchhaucht von einer Helligkeit, die in Artans Augen schlich. Vor ihm erleuchtete eine Linie mit ungleichmäßigen Erhebungen. Aus ihr entstieg ein feuriger Schein, der innerhalb einer Stunde um eine Handbreite aufwuchs.

Ehe der Mann erahnen konnte, wie lange er schon hier gestanden hatte, brach das Tageslicht ein.

Es entzog ganze Berge der Finsternis. Deren Hänge und bewaldeten Steigungen krochen lahm aus den Schatten empor, bis ein Gebirge Artans Umwelt in dessen Kreis einfing. Hinter der Kette aus Gipfeln, die gegenüber von ihm den Himmel anschnitten, da stieg das einstige Licht als der Scheitel der Sonne auf.

Sie warf ihre ersten Strahlen, welche dem Mann das Gesicht wärmten. Er schloss die Augen.

Und obwohl ihn schließlich die Wärme umgarnte, blieb er innerlich kalt. Befürchtungen waren der Anlass.

Sie bezogen sich auf eine Prüfung, die ihm bevorstand.

Sie forderte nämlich kein Examen, das man mit einer Schreibfeder zu bewältigen wüsste, auch keinen mündlichen Vortrag, was für Artan ein Vergnügen wäre im Gegensatz zu dem Kampf, welchem er sich stellen musste.

Ihn erwartete die Prüfung zum Meister der Bestienjäger.

Sie umfasste nicht nur weitaus größere Gefahren als bei seinen bisherigen Jagden, sondern ebenfalls einen qualvollen Tod, wenn man auch nur einen winzigen Fehler machte. Und das war das Einzige, was sein Meister ihm darüber verraten hatte, eine Herausforderung, die ihm deutlich überlegen war und somit schon mehr Tod versprach als den Erfolg, so empfand er es.

Sein Meister, der lag neben ihm in einem Schlafsack aus Leinen und schlummerte. Artan beneidete ihn um den ruhigen Schlaf.

Darauf seufzte der Jäger und warf vor den Spitzen seiner Stiefel einen Blick in den Schwindel erregenden Abgrund, wo Gewässer einen Wald benetzten, ringsum von den Gebirgshängen bedrängt.

Dort unten in diesem Tal flüsterte es vor lauter Tiefe von Schreien und Gebrüll. Auch wenn es leise wirkte, das Grauen dort war zweifelsohne erwacht. Ein lautes Gähnen lenkte Artans Blick zur Seite, wo sein Meister plötzlich neben ihm stand und sich mit erhobenen Armen streckte. Dawur war sein Name.

Dieser Mann hatte die Aufgaben der Prüfung für ihn geplant.

Seine Begründung dafür, dass er dem Schüler nichts über sie verraten hatte, waren bei Nachfrage immer dieselben Worte gewesen: “Die Vorsicht ist wichtiger als die Voraussicht“. Der Jäger rätselte, warum ihm das Dawur antat. Je länger der Schüler ihn ansah, desto mehr Unruhe kam in ihm auf. Der Meister stand da mit geschlossenen Augen, obwohl er hier auf dem Vorsprung des Alternden Berges eine seltene Aussicht hatte. Das verwirrte den Prüfling.

„Hier oben ist es so abgelegen. Man kommt sich hier vor wie das einzige Lebewesen der Welt“, empfand Dawur mit entspannter Stimme.

Artan ging in die Hocke, wobei er diesmal streng auf das abgründige Tal hinabsah, als wollte er es verfluchen. „Wenn man erst dort unten ist, wünscht man sich, das einzige Lebewesen zu sein.“, merkte er an.

Er zückte ein Messer und schnitt stocksteife Pflanzen vom Rand des Bergvorsprungs. Dann ging er rückwärts zur Bergwand zurück, um sie zu begutachten.

Ihre Blütenkleider sahen wie lauter Fingernägel aus, die die Stiele bedeckten. Wegen der Pflanzen waren die Jäger hier hoch gekommen. Sie würden bei der Prüfung eine Rolle spielen, soweit Dawur es nebenbei erwähnt hatte. Der Reihe nach steckte Artan das Gewächs in einen Beutel, welcher an seinem Gürtel hing.

„In der Tat, mein Junge. Uns erwartet wieder ein harter Tag voller Gefahren. Wenigstens begrüßt er uns mit einem guten Wetter.“, meinte Dawur und knurrte, lahm in die Hocke gehend. Falten gruben sich in sein Gesicht. Seine Rückenschmerzen erkannte Artan an der sauren Miene. Ihm war die Sturheit des Mannes vertraut, keine Rücksicht auf dessen sechzigjährigen Körper zu haben. Und in dessen Augen konnte der Lehrling auch den Neid um seine eigenen jungen Knochen erkennen.

„An diesem Tag ist das Wetter nicht auf unserer Seite. Kein Gewitter, das die Bestie verscheuchen würde, kein Regen, der ihr Geruchssinn trüben möge... .“, urteilte er.

“Das Wetter ist auf unserer Seite, mein Lehrling. Die Stille ist unser Wächter, das Sonnenlicht unser Späher. Auf dem Weg, den wir gehen werden, müssen uns jedes Geräusch und jede Regung auffallen, denn er ist äußerst tückisch.”, widersprach der Lehrer.

„Nichtsdestotrotz ist es aber unser Verstand, der uns bestens wappnet, wenn man ihn richtig gebraucht, nicht wahr?“, fügte er im lauteren Ton hinzu.

“Ja, wenn der weise Herr mich über die Prüfung aufgeklärt hätte, dann wäre auch mein Verstand gestärkt.“

„Werde mir nicht vorlaut, Freundchen! Du wirst schon früh genug von ihr erfahren. Wichtiger ist erst mal der Weg dorthin, auf den wir uns konzentrieren müssen. Alles muss Schritt für Schritt angegangen werden so wie das Leben selbst.“

Artan empfand kein Verständnis dafür, was Dawur gesagt hatte.

„Mich quält die Geheimnistuerei mit der Prüfung. Wie soll ich mich dann auf den Weg konzentrieren?“

Dawur starrte ihn an. „Genau das musst du noch lernen, mein Schüler!“, rechtfertigte er schnaufend und musterte dann seinen Lehrling mit schiefer Miene. “Das Lampenfieber quält dich, nicht wahr?”.

“Ja. Es ist unerträglich. Ich finde einfach keine Ruhe in mir.”

Der Meister nickte, band ein Holzfläschchen von seinem Gürtel ab, zog dessen Korken und trank. Danach seufzte er und reichte dem Jungen die Flasche rüber.

„Dann gibt es wohl nichts über ein Schluck Feuerwein am jungen Morgen. Trink. Es wird wahrlich ein Feuer in deinem Herz entzünden und dich ermutigen.“

Artan nahm die Flasche freudig von Dawur entgegen. Er hatte seit Jahren solch ein Trunk probieren wollen. Sein Meister hatte es ihm strikt verboten, damit die Leistungen des Schülers keinesfalls durch Alkohol hatten nachlassen können.

Darauf bezogen wunderte er sich, dass er es nun durfte, wo doch der wichtigste Tag seiner Lehre gegenwärtig war.

„Heute ist dein einundzwanzigster Geburtstag.

Mit deiner Volljährigkeit ist eine Zeit angebrochen, in der man neue Dinge kennen lernen muss. Deine körperliche Verfassung ist nun so vollkommen, dass ein Schluck guten Weins dir nichts anhaben kann.“, gewährte der Jägermeister.

Der Lehrling wurde von Dawur dabei beobachtet, wie er die Nase am Flaschenkopf rümpfte und angeekelt ins Leere sah.

“Das Zeug riecht ja streng.“

„Du sollst es auch trinken und nicht daran schnüffeln!“

Schüchtern nahm Artan einen Schluck und blähte die Wangen auf, weil das „Zeug“ ihm zu bitter war. Dawur deutete auf das Getränk und verzog sein Mundwerk.

„Das mit dem Geruch kann auch daran liegen, dass ich die Flasche damals als Nachttopf genutzt habe.“

Artan spie den Schnaps in den Abgrund.

Der Meister lachte laut.

„War nur ein Scherz.“, schmunzelte er, während er die Weinflasche wieder an sich nahm und sie mitsamt seinem Sammelbeutel unter dem Ledermantel verbarg. Danach rollte er seinen Schlafsack ein und schob ihn unter einen großen Stein, der an die Bergwand gelehnt war.

Artan tat das Gleiche, während er den Streich noch mit einem Brummen verdaute.

„Wir haben genug von den Prinzesschen gesammelt. Komm, Kleiner.

Wir wollen noch etwas erledigen.“ Dawur nahm dann seine Armbrust vom Boden, heftete sie sich hinter die Schulter und verschwand folglich in einer Höhle, deren Eingang wie ein gähnender Mund in der Bergwand klaffte.

„Du steckst voller Überraschungen.“, knurrte Artan, wischte seine Lippen mit dem Handrücken ab und rüstete sich mit Bogen und Köcher aus. Schließlich nahm er die Verfolgung seines Meisters auf.

Er betrat die Höhle, tauchte in ihre graue Dunkelheit und folgte einem Tunnel, in den links und rechts pechschwarze Wege mündeten.

Diese mied er guten Gewissens, denn es klangen grausige Geräusche aus ihnen hervor. Da ärgerte er sich über das hallende Klacken seiner Stiefel, dass es zu viel Aufmerksamkeit erregen konnte.

Der Tunnel wechselte zu einem gewundenen Weg, den er Minuten lang um einen Abgrund herum ging, dessen Boden sich ausbreitete, bis er ganz unten ankam.

“Na warte. Das zahle ich dir noch heim.”, knurrte er.

Es folgte ein Gewölbe. Weiße Wurzeln ragten aus der Decke herein. Die Luft wurde kälter, jedoch gab die Dunkelheit nach, denn er kam Lichtquellen näher, die wie ein Haufen glühender Steine aussahen.

Er war nach einem langen Gang nahe genug, um zu erkennen, dass es leuchtende Kristalle an den steinernen Wänden waren, zwischen denen er nun wanderte. Der Schein dieser Kristalle strahlte in der Farbe des Feuers. Der sandige Weg glitzerte dabei wie durch Magie.

Diesen Teil des Höhlensystems mochte er am meisten.

Es erinnerte ihn an die angenehme Atmosphäre vor dem Kaminfeuer in seinem zu Hause.

Hunderte Schritte später vernahm er das Geräusch von Wasser.

Es wurde lauter, je weiter er ging. Dann sah er das Tageslicht am Ende des Weges.

Es füllte grell den kreisförmigen Ausgang und reizte seine Augäpfel wie Zwiebeldampf. Halb geblendet und mit einer Hand vor den Augen trat er ins Freie hinaus. Dann brauchte er viele Herzschläge, um seine Sicht wieder zu finden und sich neben Dawur vor einem gluckernden Bach zu sehen. Der Meister füllte darin seine Wasserflasche auf und blickte bis über das andere Ufer hinaus.

„Wir werden einen langen Weg vor uns haben. Richte dich schon mal darauf ein. Und denke daran, behalte dein Umfeld im Auge.“

„Ich weiß, Dawur. Lass uns gehen.“

„Deine Prüfung hat nicht mal begonnen und ich empfinde schon Sorge um dich. Ich bin wohl selbst ein wenig aufgeregt.“, gestand der Meister.

„Ach, was du nicht sagst. Ich will es möglichst schnell hinter mich bringen, Dawur!“

„Lass dich niemals von Ungeduld oder Zweifel blenden! Konzentriere dich stets auf das Hier und Jetzt! Nur so kannst du dein Umfeld bearbeiten, es beherrschen, was dann auch deine Zukunft bestimmt!“, riet der Lehrer streng.

Vor Artan zitterten die Spiegelbilder von Bäumen im Bach.

Die Jäger durchquerten das Gewässer mit brausenden Schritten und gerieten darauffolgend in den Schatten eines Waldes.

Im Gang um diverse Stämme herum schmatzten Pflanzen unter ihren Stiefeln. Tiergeräusche spukten umher. Kräuterdüfte drangen in ihre Nasen. Doch nichts lenkte sie davon ab, alles im Auge zu behalten.

Von Stamm zu Stamm wandernd, blieben sie auf der Hut wie scheue Wölfe.

Die Wildnis war unter dem Namen “Ufark” bekannt, das Reich der Bestien. Artan hatte Jahre zuvor mal von Völkern gelesen, welche diese Welt in Baumhäusern bewohnten, aus Vorsicht vor dem, was am Boden lauerte. Von diesen Völkern hatte er aber noch nie jemanden in der Wildnis gesehen. Seine Erklärung dafür war, dass das Überleben in Ufark als Meisterarbeit galt.

„Wir gehen in Richtung Westen.“, wies Dawur an. „Wenigstens etwas, was ich wissen darf!“, murrte der Schüler. Er war darauf gespannt, was er auf dem Weg noch alles über die Prüfung erfahren würde.

Gedanklich wollte er gerade spekulieren, da presste sich Dawurs Hand auf seine Brust, worauf er stehen blieb. Der Meister stand ihm voraus und neigte seitlich den Kopf, als hätte ihn jemand gerufen.

Dem Lehrling gefiel diese Geste nicht.

Er ging rückwärts und fasste den oberen Arm von seinem Bogen. Gestrüpp knackste in der Umgebung.

„Ich kenne diese Geräusche.“, brummte der Lehrer. Die Jäger blieben still, suchten ihr Umfeld mit scharfen Blicken ab.

Keine Bedrohung sichtbar, nur Dickicht und Stämme.

Artan holte seinen Bogen vom Rücken und legte einen Pfeil an. Wieder knackste Gehölz, diesmal so laut, als wäre es in ihrer unmittelbaren Nähe geschehen.

Vor den Jägern begannen Büsche zu rascheln.

„Ziehe nicht deine Waffe! Gehe in Deckung!“, alarmierte Dawur.

Sie eilten jeder hinter einen Stamm, spähten um ihre Deckung herum und entdeckten Wildschweine, wie sie nacheinander aus dem Gestrüpp herauspreschten.

Ein Krächzen hallte.

Panisch liefen die Schweine kreuz und quer. Sie stolperten nahezu übereinander.

Abrupt wurden die Tiere von einem Schatten bedeckt.

Und etwas rauschte so stark in der Gegend, dass gar Windzüge nach den Jägern griffen. Kurz darauf sah Artan, wie ein gezahnter Schnabel in sein Blickfeld schoss und einen Keiler in die Zange nahm, der quiekte und zappelte. Das Schwein wurde hoch gerissen, über einen kolossalen, gefiederten Körper. Das jagende Wesen begann prompt mit dessen Flügeln die Luft zu peitschen, so wuchtig, dass daraus Windstöße entstanden, die durch das Umfeld fegten, wie es ein Sturm vermochte. Artan schaute dem Raubvogel auf den gehörnten, adlerartigen Kopf hinauf.

Es war ein riesiges Tier, das mit einem Sprung durch die hohen Baumdecken schoss und mit dessen Beute im jenseitigen Himmel verschwand. Äste knallten hier und dort auf den Boden, gefolgt von einem kurz andauernden Blattregen, dann wurde es wieder still.

Dawur verließ seine Deckung und sah zu dem aufgebrochenen Loch in der Walddecke hoch, wo noch Federn ihren Fall tanzten.

Eine griff er zum Fühlen.

Er nickte. “Ha, Wusste ich es doch. Ein Raktyl. Prachtvoll, dieser Vogel. In solch einem geräumigen Riesenwald hier ist er wendig genug für eine Jagd. Wenn wir warme Schlafdecken für den Winter brauchen, kommen wir auf ihn zurück.“, versprach er.

Artan fühlte sich vor lauter Überwältigung stocksteif.

Dementsprechend gehemmt schwenkte er seinen Blick auf Dawur.

“Dieser Raktyl, wie du ihn nennst, war ja verdammt schnell.

Stell dir vor, er hätte uns erwischt.“, staunte er.

„Genau deswegen sind wir Jäger.“, hallte die Stimme des Meisters, der bereits dem Schüler voraus durch das Buschfeld watete.

„Wir erwischen lieber das Biest, bevor es uns erwischen kann.

Wir lernen, jegliche Gefahren zu umgehen.

Wir stellen uns den Kreaturen und werden zu ihren Raubtieren, vor denen sie sich dann fürchten müssen. Wir walten mit der Übermacht, denn wir gebrauchen nicht nur Kraft und Geschick,...“

„Sondern auch Verstand.", fuhr Artan fort, weil er diese Rede des Meisters schon auswendig kannte, denn sie war der Kodex eines Jägers in „Ufark“, das Erste, was er noch vor seiner Ausbildung zum „Ufarkjäger“ gelernt hatte. Dawur wandte sich zu seinem Schüler um und zuckte mit den Schultern.

"Wir sind die einzigen Menschen, die hier überleben können."

Artan grübelte, dabei holte er seinen Meister im Laufschritt auf, bis er neben ihm spazierte. „Stimmt schon. Dennoch gibt es immer Wesen, die uns überlegen sind. Deswegen lebt in uns die Angst wie eine Krankheit.“, murmelte er. Dem Lehrling war aufgefallen, dass das Buschfeld, das die Jäger durchquerten, eine Straße zwischen dichten Baum-Reihen bildete. Am Ende dieser Meile wuchs mit jedem Schritt der Männer eine Ansammlung steinerner Gestalten.

Nach hundert Schritten waren sie nahe genug, um zu erkennen, dass sie sich einer dichten Stätte aus Felsen näherten. Sie sahen wie versteinerte Finger aus, die zu der Decke des Waldes zeigten.

Ihre Größen maßen zehn Schritt Höhe wie Breite.

Als Artan seinem Lehrer in diesen Stein-Garten hinein folgte, fühlte er sich wie in einem Labyrinth.

Hier und dort führten schattige Wege dahin, bedrängt von felsigen Ausdehnungen. Manche Pfade verloren sich sogar im Gewächs oder in gelblichen Nebelschwaden. Da war Artan froh, dass Dawur den richtigen Pfad hinaus kannte.

„Außerdem ist dir so ein tollpatschiger Raubvogel doch kein würdiger Feind... bricht einfach durch das Gehölz und lärmt.

Man braucht nur auf einen Berg zu klettern, das Vieh mit frischem Fleisch oder Ähnlichem anzulocken, und so gut, wie ich dir das Schießen beigebracht habe, würde es drei Pfeile im Hals haben, ehe es einmal quiekte. Außerdem solltest du endlich aufhören zu jammern. Du bist ein erfahrener Bestienjäger, also stell dich mal nicht so an. Dein Lampenfieber hat dir wohl den Mumm genommen.

Denke einfach daran, wie viel du schon getötet hast!“

„Außerdem dies, außerdem das... . Wenn der alte Narr nur wüsste, wie ich mich gerade fühle, nicht ahnend, welcher Tod mich am Ende der Prüfung erwarten möge.“, spukten Artans Gedanken.

Das Labyrinth der Felsen fand ihr Ende. Dawur blieb stehen und hielt Artan mit seiner Hand auf. Dann schaute der Meister seinen Schüler finster an.

“Der folgende Ort ist für uns zwar eine wichtige Abkürzung, aber es gibt dort nur einen Weg und der steckt voller Gefahren. Wenn man dort nicht vorsichtig genug ist, kann man sich gleich ein Messer ins Herz rammen. Also halte schön die Augen offen. Ich bin außerdem nicht mehr der Jüngste mit meinen Sinnen.“

„Ich hasse es, wenn du das sagst.“, fluchte Artan, weil solch Anmerkungen ihn fühlen ließen, dass er für beide Acht geben musste und er es damit äußerst schwer hatte. Dawur holte seine Armbrust vom Rücken, der Schüler zückte seinen Bogen und nahm einen Pfeil in die Hand. Man konnte nie schnell genug sein.

Artans schwarzer Zopf zum Beispiel war bedacht geflochten.

Er durfte keinerlei störendes Haar in seiner Sicht haben.

Bei den gefährlichsten Bestien konnte jedes winzige Missgeschick seinen Tod bedeuten. Dawur hegte diese Vorsicht mit einem ledernen Stirnband, durch das sein weißes, belichtetes Haar hinter seinen Ohren lag. Ihre Ledermäntel wurden unterhalb ihrer Gürtellinien von dornigen Sträuchern gekratzt. Nach einer Weile erst überwanden die Jäger jene Störungen, als sie in eine Schlucht gerieten.

Sie ragte hundert Schritte hinauf, wo ein Spalt klaren Himmels klemmte. Die Hänge waren weit und breit von tiefen Gesteinsrunzeln verziert. Artan konnte sich sogar lauter grimmige Gesichter darauf einbilden, die ihn verachtend ansahen.

Die Schritte der Jäger sackten in Sand. Daraus bestand der fortführende Pfad. Nach einer halben Meile breitete er sich aus und war von mehreren Schatten befleckt. Sie gehörten Felsvorsprüngen an, welche wie versteinerte Zungen in die Höhen der Schlucht reckten und über sich in gähnende Höhleneingänge einluden.

Die Trachten zogen schaurig über die Fortbewegung der Jäger dahin.

„Diese Schlucht gefällt mir nicht!“, empfand der Schüler.

„Eins sage ich dir. Bei Nacht kriegen mich keine zehn Pferde hier her.“, versicherte Dawur mit einer Lautstärke, als wollte er jemanden nicht wecken. „In den Höhlen hausen schlimme Geschöpfe. Tagsüber schlafen sie. Aber sobald es draußen dunkel ist, kommen sie heraus und begeben sich auf die Jagd. Würden wir diese Abkürzung hier nicht nehmen, wären wir später noch in der Nacht auf dem Heimweg und diese Kreaturen hätten uns dann im Auge.“

„Jetzt hasse ich diese Schlucht!“, raunte Artan.

Prompt hagelnden Steinchen auf seine Schulter. Dann rieselte Sand auf seinen Kopf. Er strich ihn vom Haar und blickte hoch.

Seine Augen erfassten eine Staubwolke vor einer Höhle, aus deren Dunkelheit graue Umrisse ragten, kurz darauf wieder verschwanden.

„Nicht bewegen, Artan! Wir müssen ganz leise sein.“, flüsterte Dawur.

Die beiden regten sich nicht, beobachteten stattdessen diese Höhle, die nur ein Dutzend Schritte über ihnen klaffte.

Dort erklang ein kehliges Atmen.

Der Schüler schärfte seine Sinne und wahrte Vorsicht.

Das schaurige Atmen hörte auf. Artan und Dawur warteten noch eine Minute in der Bewegungslosigkeit ab, dann flüsterte der Meister in sein Ohr: „Wir gehen lautlos weiter. Lautlos! Verstanden?!“

Mit einem Schauer im Nacken schlich Artan seinem Meister hinterher.

Erst nach einigen Meilen war das Ende der Schlucht in Sicht.

Und der Sand wurde immer härter. Erleichterung füllte ihre Herzen, dass sie endlich diesen hinterhältigen Ort verlassen konnten.

Der Weg hinaus neigte ab und führte dabei in ein Heer aus Felsen und kahlen Bäumen, das sich bis zum Horizont erstreckte.

Aber trotz des freien Ausgangs vor seiner Nase blieb Artan stehen, in einer Haltung, als wäre er blitzartig erfroren. In seinem äußeren Sichtwinkel, und deswegen verschwommen, regte sich ein Körper, nur ein Sprung neben ihm entfernt. Langsam schwenkte er seinen Blick in die Richtung.

Er erfasste einen Felsen, schwor sich jedoch, dass dieser Brocken eine Bewegung gemacht hatte.

Artan war verwirrt.

Er hoffte stark, dass es kein Anzeichen dafür war, dass ihm schwindelig oder dergleichen im Kopf werden würde, was ihn schwächen und ihn noch mehr dem Tod durch die Prüfung auszuliefern vermochte.

„Gib Acht!“, zischte Dawur.

Ein Kreischen stach Artans Trommelfell.

Dann hörte er etwas rauschen, spannte seinen Bogen, drehte sich um und wurde prompt von einer knochigen Masse gerammt.

Die Wucht riss ihn von seinem Gleichgewicht, er fiel auf den Rücken. Magere Hände krallten seine Oberarme, der Druck biss in die Muskeln. Vor seinen Augen wurde es dunkler, denn es tauchte eine Gestalt auf, deren Anblick ihm das Blut gefrieren ließ.

Eine Fleischmasse, aussehend wie ein Hirn, wucherte über einem lippenlosen Mund voller Messerzähne.

„Oh, verdammt bist du hässlich!“, erschrak er, worauf das Biest ihn anschrie, dabei einen verfaulten, verschleimten Rachen entblößte.

Ein Schmatzen erklang. Der Kopf des Monsters stieß abrupt auf seine Stirn und rollte von ihm ab. Aus einem offenen Halsansatz, voll von glänzendem Fleisch und Sehnen, bespritzte Blut sein Gesicht.

Dawurs Stiefel schoss in seine Sicht und trat den Körper weg.

Eilig zog der Meister dann den Lehrling hinauf. Auf die Beine gekommen, schaute Artan auf ein blutiges Schwert in der Rechten des Lehrers, dann auf das enthauptete Wesen am Boden.

Eiterbeulen bebten auf dessen knochigem Rücken und erstarrten kurz danach, als hätten sie mit dem Atmen aufgehört.

„Nimm deinen Bogen und lauf! Schnell!“

Seine Schusswaffe wieder an sich genommen, lief er los.

Er folgte Dawur, blieb in seinem Schatten. Geröll schüttete hinter ihnen. Ein grausiges Geschnatter hallte danach. Es vermehrte sich entlang der Hänge. Die Jäger verließen die Schlucht über einen Abstieg, bahnten sich folglich ihren Weg unter Felsbrocken und kargen Bäumen hindurch und gaben nicht nach, bis ihnen eine Klippe auffiel, die unter einem Vorsprung Schatten bot.

Kaum nahmen sie in jener Dunkelheit Rast, da wischte sich Artan frisches Bestienblut mit einem Stofflappen aus dem Gesicht.

Dann suchte er mit seinen Blicken mehrere von Felsen definierte Wege ab, die in sein Vorfeld mündeten, um sich zu vergewissern, dass sie nicht verfolgt wurden.

„Das Ding, das dich so gern hatte, war ein Grint, eines dieser Biester aus den Höhlen. Grint fressen ihrer Beute bei lebendigem Leibe die Organe raus. Wäre ich nicht bei dir gewesen, hättest du jetzt einen grausamen Tod erlitten. Ich habe dich doch strengstens gelehrt, stets die Sinne zu schärfen.“

„Ohne dich wäre ich gar nicht erst in diese Schlucht geraten. Warum mussten wir sie durchqueren, Dawur? Warum konnten wir keinen anderen Weg einschlagen? Abkürzung hin oder her, wir wären des Todes, hätte sich noch mehr von diesem Abschaum dort auf uns gestürzt.“ Artan war etlichen Gefahren begegnet.

Doch bisher galt die Schlucht für ihn als die schlimmste Gegend, die er je durchquert hatte, weil sie ein Ort ohne Deckung war.

Dawur wischte seine Klinge mit einem Stofflappen sauber, während sein Blick ihm in die Augen drang.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass welche von denen um diese Zeit wach sind. Ich war mir dessen sogar sicher.

Beim letzten Mal, als ich zu meines Vaters Zeiten meiner eigenen Prüfung nachgegangen war, geschah so etwas nicht. Denkst du, ich hätte dich da hindurch geführt, wenn es anders gewesen wäre?“

„Wir hätten dennoch nicht durch das Revier von Raubtieren schreiten sollen.“, merkte Artan an.

„Ganz Ufark ist das Revier von Raubtieren, mein Schüler. Ob wir die Schlucht durchqueren oder einen Wald, einen Fluss oder ein Moor, überall verbirgt sich die Gefahr. Das solltest du schon seit über zehn Jahren wissen. Seit über zehn Jahren solltest du daran gewöhnt sein. Was ist nur mit dir? Du führst dich heute so auf, als wärst du das erste Mal in der Wildnis. Die Prüfung raubt dir anscheinend den Verstand!“, schimpfte Dawur mit schüttelndem Kopf.

„Dann war es wohl kein guter Einfall, eine Prüfung anzugehen, bei der ich keinen blassen Schimmer habe, was mich erwartet. Warum stellst du mich nicht gleich vor eine Bestie in purer Dunkelheit, wo ich nicht mal meine Hand vor Augen sehe!“, erwiderte Artan wütend.

Dawurs Stimme wurde lauter. “Vor zwanzig Jahren, als ich dich als Säugling in einem verwüsteten Dorf fand, beschloss ich, dich aufzunehmen und großzuziehen. Und glaube mir, du wärst tot, hätte ich dich damals nicht aufgenommen. Ich kann dir nichts Besseres bieten als das hier.

Aber du bist am Leben! Ich musste dich zum Jäger ausbilden, weil es für uns beide nötig ist, dass zwei Jäger miteinander leben, als nur einer und ein wehrloser Mann. Dabei dachte ich nur an dich.

Ich teile mein Leben mit dir, Artan. Ich habe die letzten zwanzig Jahre all meine Zeit für dich geopfert!“ Zusätzlich deutete er mit dem Zeigefinger auf seinen Schüler.

„Du bist wütend, weil ich dir nichts von der Prüfung verraten habe.

Du denkst, dass deswegen deine Sinne versagen.

Glaube mir, diese Art der Prüfung gibt deiner Ausbildung erst einen Sinn! Es geht darum, dass du deine Ängste auf dieser Welt beherrschen musst. Nur so nutzt du deine volle Stärke, dein ganzes Geschick und nicht so gehemmt, wie ich es bei deinen Jagden bisher erlebt habe. Zwar hast du sie alle bestanden, aber du hast dich nie vollkommen gefühlt, sondern immer eingeschüchtert, was dich irgendwann noch versteifen lässt.

Das musst du bekämpfen! Es geht um deine Mentalität! Nutze die Angst als eine Energie, die dich antreibt! Immer wenn du einer Bestie begegnest, konzentriere dich darauf, sie zu töten und nicht, wie grausam sie auszusehen mag.

Ich weiß, es fordert Übung, aber wenn du nicht lernst, das zu tun, wird die Angst irgendwann von deinem Verstand Besitz ergreifen.

Dann wird deine Konzentration auf den Einsatz deiner Fähigkeiten versagen. Und wenn dich dann nicht irgendwann die Krankheit des Geistes trifft, dann wird die Bestie dich töten. Mache es umgekehrt!

In der Wildnis gibt es nur die eine Regel: Töte oder werde getötet!

Lerne, dich mächtig zu fühlen, vom ersten Augenblick der Begegnung an zu wissen, dass du für die Bestie gefährlich bist, dass du sie jagst!

Irgendwann, wenn ich nicht mehr da bin, dann bist du auf dich alleine gestellt. Und dann wirst du mir für diese Prüfung dankbar sein!“, schimpfte Dawur. Artan leuchtete ein, dass er Recht hatte.

Gefahren waren im Leben eines Jägers unvermeidbar, erst recht in „Ufark“, dem Reich der Bestien. Stählerne Nerven dabei zu bewahren, um bei vollem Verstand zu bleiben, war eine der größten Herausforderungen, mit denen Artan regelmäßig hatte umgehen müssen. Dann ist es nur sinnvoll, die Angst als eine Energie zu beherrschen, die Gefühle auszuschalten, die Sinne und den Verstand zu schärfen und bestens zu kämpfen.

„Was habe ich dir beigebracht, noch vor Beginn deiner Ausbildung?“, wollte der Lehrer nachhaken.

„Etwas zu Ende zu bringen, was man begonnen hat.“, gab der Schüler zu.

„Nach dem langen Weg hierher können wir nicht einfach aufgeben.

Ich bin immer für dich da, das weißt du, aber du musst dich jetzt zusammenreißen und die Sache vollbringen!

Es bedeutet nämlich den sicheren Tod, hier in der Wildnis aufzugeben!“

Artan nickte und starrte seinem Lehrer dann in die kastanienbraunen Augen, welche nun von buschigen Brauen bedrückt wurden.

Ihre Blicke fesselten sich.

„Du bist ein gefährlicher Jäger! Denke daran. Du hast schon viele Raubwesen erlegt, die fähig waren, ganze Dörfer auseinanderzunehmen. Du hast dich prächtig entwickelt, Artan. Deine Fähigkeiten sind bereits vollkommen! Erwecke sie in dir! Nutze sie!

Du wirst die Prüfung bestehen. Du musst nur endlich an dich glauben, zuversichtlich sein und vor allem die richtigen Entscheidungen treffen. Wenn du das tust, dann kommen deine gesamten Kräfte in dir auf. Und nur so kannst du die Angst im Zaum halten! Also, ich will endlich den furchtlosen Kämpfer in dir sehen, was sagst du?! “ „Gib mir einen Schluck Feuerwein!“, knurrte Artan überzeugt.

Dawurs ernste Miene erschlaffte. Folglich bebte sein Mund und er begann zu lachen. Es stecke Artan an. Das Gelächter schallte, während sie einen Schluck Schnaps tranken und über einen Haufen von Felsen zu einer roten Wolkenherde hinüber blickten.

„So gefällst du mir, mein Junge!“, lobte der Meister. Nach der Rast von einer halben Stunde legte er im Schneidersitz seine Armbrust über die Knie.

„Also dann. Bist du bereit für die Prüfung?“

„Ich bin bereit.“

Artan sah ihm zu, wie er eine Kuppel, die einer Schneekugel ähnlich war, von der flachen Holzoberfläche seiner Waffe abbrach.

Danach kramte er aus seiner Manteltasche eine Metallkugel heraus. Dazu nahm er eine der „Prinzesschen-Pflanzen“ aus dem Beutel, welche die Jäger auf dem Vorsprung des Alternden Berges gesammelt hatten. Er presste sie, sodass aus dem Ende ihres Stängels eine durchsichtige Flüssigkeit in den Hohlraum der Metallkugel floss.

Als der Behälter voll war, kippte er ihn wie einen Würfelbecher mit dessen Öffnung auf den Rücken der Armbrust um. Er hielt daran fest.

Artan sah nun, wie er ins Leere starrte und lautlos die Lippen bewegte.

Er zählte die Sekunden. Nach einer halben Minute klappte er die Metallkugel als zwei Hälften auf und entblößte damit eine neue Kugel aus Glas. „Wunderschön, wie ein Prinzesschen.“, schwärmte er.

Die ausgepresste Pflanze lag im Kies.

Artan legte Dawurs Armbrust aus Neugier an und zielte auf den Fels einer Anhöhe; geschätzte zweihundert Schritte entfernt. Durch die neue Glaskugel jedoch sah er ihn scharf und zum Greifen nahe vor sich.

„Du wirst eine der gefährlichsten Bestien von Ufark jagen, den Wangoren. Sein Panzer und seine Stacheln machen ihn unverwundbar. Die einzig verletzbare Stelle ist die untere Seite seines Halses. Selbst diese ist unerreichbar, solange er seine Klauen und Zähne nutzen kann. Und das kann er schneller, als du blinzeln kannst.

Deswegen werden wir etwas bei ihm anwenden müssen, worin ich dich strengstens gelehrt habe.“

„Wir werden Fallen stellen.“, erriet Artan.

„Genau das werden wir. Und du wirst der Auslöser sein!“

„Der Auslöser? Ich habe es ganz anders gelernt!“, wunderte sich der junge Jäger.

„Und der Köder. Aber keine Sorge.", versicherte der Prüfer mit schwenkender Hand, ehe aus seinem Schüler die Aufregung ausbrechen konnte.

„Du hast diese Jagdmethode oft genug geübt. Abgesehen von einer winzigen Änderung bist du mit ihr bestens vertraut. Du wirst es schon schaffen. Ich werde dir eine Art Rückendeckung geben. Wenn was schief geht, mache ich ihn auf mich aufmerksam und du kannst fliehen.“

„Was ist dann mit dir?“

„Hoffen wir einfach, dass es nicht schief geht!“

Artan schluckte einen Knoten. Er wurde nicht nervös, dank der Wirkung des Feuerweins. Jedoch fühlte er ein Kribbeln im Bauch, wobei er dachte: „Jetzt wird es verdammt ernst.“

Und das sprach er unbewusst aus.

„Das stimmt. Als Trost kann ich dir sagen, dass wir deinen Triumph und deinen Geburtstag heute gehörig feiern werden.“

„Ein schöner Trost.“, sagte Artan pessimistisch.

„Es wird schneller vorbei sein, als du denkst!“, versprach Dawur mit einem strahlenden Lächeln.

Diese Geste wandelte zu einem ernsthaften Blick, als würde er sein Leben an sich vorbei ziehen sehen.

“Jedes Mal, wenn ich dich ansehe, mein Junge, dann sehe ich meinen Sohn an, den ich damals vor dem Tod gerettet habe, dem ich mein Leben schenkte und ihm nun die Gelegenheit gebe, sich dem Tod zu stellen, um ihm ein für allemal zu sagen, dass du dafür lebst, um ihn zu besiegen.”

In Artan kamen nach dieser Ansage seines Meisters an diesem Tage zum ersten Mal Gefühle auf, die jemand bekommt, wenn ein geliebter Mensch einem in die Augen sagt, dass er ihn dafür liebt, wie er ist. Es war für ihn ein Spruch, der all die Erinnerungen an seine damaligen Jagden in seinem Kopf zu einem Ablauf zusammenfasste, der sich in ihm abspielte.

Er sah das Leben vor sich, welches sein Meister ihm gegeben hatte und aus ihm den Mann gemacht hatte, der er nun war.

Vom sterbenden Säugling zu einem Bestienjäger aus Ufark, einem Krieger, der Jäger zu Gejagten machte.

Dessen wurde er sich nun bewusster denn je. Sein Mut erwachte.

Er sah nach all seinen Lebensjahren letztendlich, wie sehr ihm sein Leben und sein Meister bedeuteten. Schließlich sah er nicht mehr eine Prüfung vor sich, sondern einen Kampf, den er meistern zu müssen glaubte, um seinem Leben eine Vollkommenheit zu verabreichen, um für sich selbst einen Beweis dessen zu erlangen, was seine Bestimmung war. Er sah sich schließlich als der Bestienjäger, der seinem Ruf gerecht werden musste.

Dawur lud seine Armbrust mit zwei Bolzen auf, einem oben und einem unten.

Zwei übereinander liegende Laufschienen aus kaltem Eisen.

Zwei Schuss; eine doppelte Chance, wenn es darauf ankam.

„Wangoren halten sich in trockenen Gebieten auf.“

Er sah Artan schief an.

„Übrigens, trink noch etwas Wasser.“

Der Schüler trank einen Schluck und empfand dabei Verwirrung.

„Trink ruhig noch einen Schluck.“

Während er vertrauensvoll trank, erwischte er den Jägermeister dabei, wie er ihn beobachtete, ein Knie angewinkelt, das andere Bein gelegt und die Armbrust nebenan an die Felswand gestellt.

Die Stirn des Meisters runzelte. Artan merkte sofort, dass er etwas verschwieg.

„Wir werden erst einmal das Revier eines Wangoren aufsuchen.

Die Steppe hier ist dafür bestens geeignet. Und dann kommt der schwierigste Teil bei der Sache. Lass dich da einfach mal überraschen.“

An seinem Geburtstag dachte Artan mehr an ein Geschenkpäckchen, als an einen möglicherweise grausamen Tod, was die Überraschung anging. Zum Ausgleich konzentrierte er sich auf seine Pflicht als „Ufarkjäger“, ballte dabei zur Stärkung der Mentalität eine Faust, schloss kurz die Augen und atmete einmal tief durch.

Armbrust und Bogen zum Anlegen bereitgehalten und umher spähend, zogen die Jäger los. Nach der Steppe durchquerten sie eine Graslandschaft. Sie konnten weit über das Grün hinaus sehen und entfernte Wälder sichten, die an Ausläufern von Bergen wucherten, bis sie zwischen Erdhügeln wanderten, dabei einem geschlängelten Pfad folgten. Meilen später mündeten sie wieder in eine Steppe.

Weit und breit ragten felsige Gestalten zur Höhe und befleckten den Kies mit Schatten. Artan rechnete mit jedem Schritt damit, den Hort eines Wangoren zu erreichen, zumal die beiden eine deutliche Fährte lasen, welcher sie folgten, soweit Dawur es ihm wiederholt versprach.

Der Rausch des Feuerweins gab nach. Lampenfieber befiel den Schüler auf einmal wieder und eine Nervosität reizte ihn. Daran festzuhalten, was Dawur ihm gepredigt hatte, brachte ihn voran.

Er bewahrte die davon erweckte Kraft in sich wie einen Schatz.

Doch auch das fiel ihm schwer. Das Gefühl, bald dem Tod in die Augen zu sehen, war einfach stärker. Dieses Gefühl machte ihn zu schaffen, wie jedes Mal, bevor er im Laufe seiner Schulung einem Raubtier gegenüber getreten war.

Man mochte noch so viele Feinde getötet haben, jeder weitere konnte sein Leben beenden. Doch dann verbleibt einem, seinem Ruf gerecht zu werden und als derjenige im Kampf zu sterben, der er wirklich war. Diese Ehre gebührt einem wahren Krieger, hielt Artan in seinem Gewissen fest.

Faustförmige Felsen besetzten die Umgebung weit und breit.

Die Wanderung der Jäger verlief durch deren runde Schatten.

Eine Meile später war die karge Steinlandschaft in unzähligen Kratern versunken, die mit Baulöchern den Himmel anstarrten.

Der Weg schlängelte zwischen den Senkungen dahin zu einem fernen Wald, der aussah, als hätte man ihm das Blattwerk abgebrannt.

Kaum gelangten Artan und Dawur dorthin, fühlten sie sich von lauter Löchern in den Stämmen beobachtet.

Und am Boden gähnten Baumhöhlen, von Nebelschwaden bedrängt, die die Schritte der Gefährten schluckten. Ein Wind wehte und pfiff gespenstisch, strich erfrischend die Gesichter der Jäger.

Das Ende des toten Waldes erreichten sie nach einer Meile, wo Pforten aus gekrümmten Bäumen hinaus führten.

Ein Geruch von Verwesung kroch Artan in die Nase.

Prompt ging Dawur in die Hocke und entnahm den Brocken eines getrockneten Kothaufens. Der Schüler verzog das Gesicht, als er sah, wie sein Meister daran schnüffelte.

„Weiße Splitter lassen sich darin finden. Ein Wangor hat sehr starke Kiefer, sodass er seine Beute manchmal mitsamt Knochen frisst.

Der Geruch von Eisen und Salz. Getrocknetes Blut, ein Bestandteil von Wangoren- Mist. Das muss es sein!“, schwor der Lehrer.

Artan folgte ihm unter den gekrümmten Pforten-Bäumen auf einen Ort hinaus, der ihn an ein Friedhof erinnerte.

Sein Umfeld bestand aus einer Armee von Tierskeletten, die überall den felsigen Boden zierten.

„Dort!“, gab Dawur von sich und deutete auf einen Baum, der sich einsam von der Skelett-Armee erhob, dessen Stamm gewirbelt, dessen Krone kahl. Der Meister schritt los, Artan folgte ihm.

Knochengerüste diverser Größen umgingen sie, bis sie vor dem Baum stehen blieben und, die Köpfe fast in ihre Nacken gelegt, oben ein Loch unter der Krone entdeckten. Es wirkte aufgerissen.

„Der Wangor trennt seinen Opfern die Köpfe ab und lagert sie in einer Baumhöhle, die er sich selbst errichtet hat. Er saugt ab und zu die Gehirne raus. Das ist für ihn so etwas wie Süßigkeiten für Kinder.“

Artan wurde bei der Vorstellung ein wenig übel.

„Das ist ja entzückend.“, merkte er sarkastisch an.

„Dort wirst du ihn hinlocken. Dort wird der Wangor seinen letzten Atemzug erleben.“, prophezeite der Meister. Nun erklärte er Artan, was als Nächstes zu tun war. Unter seinem Mantel holte Dawur einen Beutel voller eiserner Pfähle hervor und gab ihn dem Schüler.

„Dann gehe ich mal an die Arbeit.“, beschloss der angehende Bestienjäger.

Den Bogen lehnte er an den Baum, damit jene Waffe nicht bei seinem Vorhaben stören konnte. Er zückte dann ein Messer und schlug mit dessen Heft einen Eisenpfahl nach dem anderen der Höhe nach in den Stamm, stieg mit jedem Pfahl hinauf, bis er eine Kletterwand zu der Baumhöhle gebildet hatte. Diese Höhle gähnte nun direkt vor seiner Nase, die einen üblen Gestank empfing. Er gab sich alle Mühe, ein Erbrechen zu meiden. Sein Speichel wurde jedoch salzig und dünnflüssig. Er kam nicht dagegen an. Den Kopf von dem Schlupfloch abgewandt, übergab er sich.

Das Erbrochene klatschte unten auf den steinernen Boden.

Er riss sich einige Herzschläge später zusammen und warf wieder einen Blick in die Höhle. Da drin waren verfaulte Tierköpfe gehäuft, welche Zungen rausstreckten, als würden sie Grimassen machen.

Die Gesichtsausdrücke der letzten Qualen vor dem Tod.

Knäuel aus wimmelnden Maden füllten die vielen Augen, die in alle Richtungen starrten. Blut und Sehnen zierten die Innenwand.

Für Artan wirkte die Höhle eher wie ein Magen, in welchen er einen Blick gewährt bekam.

Er schwenkte seinen Kopf wieder weg in die frische Luft und warf dann einen Blick zu einem Ast hoch, der knapp über dem Loch schräg zum Himmel zeigte. Aus der Innentasche seines Ledermantels nahm er eine Rolle, eine Schlinge, in dessen stumpfes Ende ein Haken eingebohrt war. Er packte den eingerollten Strang und hakte ihn auf den Ast. Die Rolle pendelte nun wie eine Glocke.

Dann kletterte er an den Pfählen wieder hinab und schritt zu Dawur, wobei ihn ein Harndrang kniff. „Der Feuerwein will raus.“ brummte er, ging vom Baumstamm ab und urinierte in die Richtung, in welche die Baumhöhle hinstarrte. Er blickte dabei über Hunderte Tierskelette hinaus und entdeckte in der Ferne eine Felskette, die einen vernebelten Horizont fundamentierte.

Das Plätschern seines Urins verstärkte sich.

Er seufzte vor Erleichterung und vertiefte seinen Blick in diese ferne Kette aus Felsen. Dawur kam zu seiner Linken her, die Armbrust geschultert, und deutete mit dem Zeigefinger auf den Horizont.

„Der Wangor kommt in Raserei, wenn man auf seinem Revier Wasser lässt. Er wittert es aus großer Entfernung. Damit lockst du ihn an.

Und er wird dann keine Ruhe geben, bis er dich getötet hat, denn du bist fortan sein Rivale.“

Artan bekam eine Gänsehaut. „Schön, dass ich das jetzt erfahre.“

„Das ist das Lockmittel! Während du mit deiner Falle beschäftigt warst, habe ich die Spuren eines Wangoren gelesen.

Sie führen zu der Felskette dort jenseits des Horts.

Erzeuge Wind in die Richtung. Ich entferne mich derweilen und behalte es im Auge.“

Dawur lief von Artan seitwärts davon, schrumpfte in der Ferne und kletterte auf einen Baum am Saum des toten Waldes hinter dem „Tierfriedhof“. Dort blieb er versteckt.

Artan zog seinen Mantel aus und fächerte damit über der Pfütze Urin. Seinen Blick hielt er weiterhin auf die besagte Felskette.

Er rollte die Augen dann zum Himmel hoch, welcher wolkenlos und grau war. Hier herrschte wahrhaftig die Atmosphäre eines Friedhofs.

Für diese Gegend empfand er es als angemessen.

„Das müsste reichen.“, murmelte er, warf den Mantel beiseite und umschloss dann mit seiner rechten Hand den Griff seines Messers, das hinter seinem Gürtel steckte.

Minuten vergingen. Ein Wind begann überall zu wehen, flüsterte im toten Wald hinter Artan, pfiff vor ihm zwischen den unzähligen Gerippen und Schädeln der Skelette und spielte wie die Finger eines neugierigen Säuglings an seinem Zopf.

Er konzentrierte sich auf seinen Blick zum Jenseits des „Friedhofs“.

Seine Lider zuckten, als er das entfernte Schütten von Geröll vernahm. Seine Augen suchten die Felskette am Horizont ab.

Da bewegte sich eine Masse. Er sah schärfer hin. Ein Brocken wuchs auf dem Gestein, sprang dort hinab. Die Gestalt kam dem Hort näher.

Artan konnte erkennen, wie sie auf vier schwülstigen Beinen tappte.

Sie gelang nun unter die Menge der Skelette, ereilte in Schlängelbewegungen um die knochigen Hindernisse, wendig und schnell. Der Jäger hielt stand, atmete tief durch die Nase.

Er ist die Beute!

Er hob sein Kinn. Er versuchte, dem Ding kalt entgegen zu schauen. Es erreichte ihn schließlich, blieb zwei Mannslängen vor ihm stehen. Der Jäger musterte dessen Tracht. Auf beiden Seiten des gehörnten, platten Schädels blinzelten jeweils vier silberne, pupillenlose, perlenförmige Augen in einer Reihe.

Sie verliefen entlang einer langen Schnauze.

Schlitzförmige Nüstern wechselten die Formation der Sehorgane ab.

Jene Atemlöcher zischten über einem offenen Gebiss, ohne Lippen, dafür voller fletschender Reißzähne. Lederlianen hingen an den Schläfen des Wesens und zappelten hinter Ohren, die wie Fächer aussahen.

Ich bin der Jäger! Ich darf keine Angst zeigen.

Der Wangor neigte den grauenerregenden Kopf, um mit Artan auf gleicher Stirnhöhe zu sein.

Die Fächer- Ohren klappten aus wie Schwingen.

Ein Wald aus Stacheln erhob sich plötzlich hinter dem Wangoren-Kopf. Sie begannen aneinanderzuklappern. Ich bin wer ich bin!

Artan setzte langsam einen Schritt zurück.

Der Wangor preschte mit trommelnden Tatzen heran, bremste ab, klappte das von Speichel benetzte Gebiss auf und brüllte.

Es klang nach dem Todesschrei eines Bären vermischt mit Löwengebrüll. Artans Gehör verlor sich in dem Lärm.

Ein heißer Luftstrom biss des Jägers Gesicht.

Der Gestank von Kadavern kroch in sein Riechorgan. Speicheltropfen klatschten auf sein Antlitz, glibberig und heiß.

„Ein atmender Haufen aus Panzer und Stacheln, nichts weiter.“, versuchte er Mut zu fassen, sein Atem von Angst eingeschnürt.

Das Monster kam noch näher, knurrend wie zehn Wölfe im Chor.

„Nutze deine Angst.“, zischte Artan, machte kehrt und rannte auf den einsamen Baum zu.

Die Tatzen der Bestie begannen zu trommelten.

Ein kehliges Schluchzen schlüpfte in des Prüflings Ohren.

Der Baum nahte nur langsam. Das machte ihn sehr nervös.

Er setzte noch einen Zahn zu.

Die Gebeine des Wangoren trommelten nun noch lauter.

Im Einfluss dessen bebte der Boden in schwacher Stärke unter Artans Laufschritten. Unmittelbar hörte es wieder auf.

Dem Jäger schoss ein Schock durch das Mark, als er etwas wie Holz klappern hörte. Er warf sich mit einem Ruck zu Boden.

Ein enormer Windzug streifte seinen Rücken. Einschläge prasselten. Rascher Atemzüge stand er auf. Umgehend rannte er weiter, während er nun an dem bevorstehenden Baum zitternde Stacheln stecken sah.

Mit einem kurzen Blick über die Schulter fixierte er den Plattenpanzer der Bestie, der nackt war.

„Du wirfst diesen Stachel- Mist auf mich, du Schwein?! Ich bin der Köder. Das war ja eine exzellente Idee, Dawur! Ich bin begeistert!!!“,

schimpfte er die Aufregung aus, krabbelte rasch an seinem selbst errichteten Kletterwerk aus Eisen-Pfählen den Baum hoch.

Er schlug die Wangoren- Stacheln weg, die ihn störten.

In halber Höhe des Stammes hielt er sich fest.

Ein Schlag knallte, rüttelte den Baum, auf dass er sich mit festen Griffen anstrengte, nicht zu fallen.

Er hatte es vorausgeahnt. Unter seinen Füßen sah er den Wangoren, der den gehörnten Kopf schüttelte und folglich mit seinen acht Perlenaugen gierig zu ihm empor schaute.

„Fang mich doch!“, provozierte Artan.

Er kletterte weiter hinauf, so schnell es nur ging, bevor die drückende Angst ihm noch die Kraft rauben würde. Der Wangor eilte ihm wie eine Raubkatze auf der Baumrinde nach. Prompt zerrte ein Ruck an dem Jäger. Es hielt ihn auf.

Ein Schmerz drang in seinen Fuß, auf den er einen Blick hinab warf und ihn rasch aus dem Stiefel zog, der von den Zähnen des Wangoren zerhackt wurde.

„Ersticke dran!“, fluchte der Schüler. Ein Gestank kroch in seine Nase.

Die Baumhöhle war direkt über ihm. Mit aller Kraft zog er sich hinauf, schlüpfte in den Schlupf hinein, indes die verwesenden Köpfe an seinen Knien und Händen schmatzten und knirschten, während er die Innenwand anstarrte. Zügig schlug er die Kadaver- Köpfe zur Seite.

Anschließend wandte er sich im Sitz dem Eingang des Loches zu.

Die Flüssigkeiten der Schädelinnereien sickerten durch seine Hosen.

Klebrig wie kalt besudelten sie seine Beinhaut. Drei Klauen, so groß wie Küchenmesser, hakten vor ihm in den Höhlenboden, schrammten zurück. Splitter sprangen kreuz und quer.

Knapp unter dem Höhleneingang zitterte die Rolle, die er angebracht hatte. Die Klauen zu seinem Schoß schabten knirschend in das Bodenholz hinein. Es wurde dunkler im Raum. Der Kopf des Wangoren tauchte auf. Das Monstrum starrte ihn mit seinen Perlenaugen an, die plötzlich aufleuchteten wie Sterne am Nachthimmel.

Es stupste mit seinem gehörnten Kopf die Rolle. Artan schlug sie zuckend schnell mit der Faust.

Sie reagierte, indem sie sich zu einem zappelnden Strang ausrollte, der die Schnauze des Biestes einwickelte, kurz darauf zudrückte.

Es kämpfte dagegen an, den Schädel wild schüttelnd.

Der Strang gab nicht nach, drückte nur noch fester zu, sodass die Zähne der Kreatur in das Kieferfleisch schnitten, wo blutige Wunden aufzugehen begannen. Das Biest stöhne, grunzte, stieß Dampfwolken aus zwei Schlitzen, die im Unterhals bebten, welcher dem Jäger nun breit vor der Nase Muskeln mitsamt Sehnen wölbte.

Er zögerte nicht mehr, zückte sein Messer, schon stach er auf die gurgelnde Schwachstelle ein, wieder und wieder. Eine Blutfontäne schoss in Artans Gesicht.

Der Wangor zappelte mit dem Kopf, kreischte gedämpft, was des Prüflings Trommelfell nahezu zerriss.

Die Bestie atmete immer langsamer. Er erschrak, als die Klauen am Höhlenboden aufsprangen, nach ihm fauchten, kurz vor seinem Schritt wieder ins Holz stießen und Holz schnitzend zum Ausgang zurückfuhren.

„Du Schweinehund! Jetzt gehst du zu weit!“, fluchte er.

Er stach noch drei mal zu, brüllte seine Angst aus, dann schlug er mit dem Messer von der Seite mehrmals in den Hals ein.

Bei jedem Streich zuckte des Monsters Schädel, dann wurde der Wangor regungslos. Dessen Perlenaugen erblassten binnen Sekunden. Das Biest war tot.

In kurzen Zügen atmete Artan vor lauter Aufregung, vor lauter Gestank, den er aus der Nase pressen wollte.

Ihm wurde schwindelig, auf dass der Ausgang des Schlupfs vor ihm wankte. Er musterte die Schlinge, die den Wangoren- Kopf mittlerweile zerdrückte, wie eine Schlange es mit ihrer Beute täte.

Er streichelte diese tödliche Waffe, damit sie los ließ.

Der Körper der Bestie verschwand unter dem Ausblick des Höhleneinganges. Das Zerbersten von Holz hallte herauf, begleitet von einem Krachen, das ihn mitsamt Baumhöhle rüttelte.

Sobald es aufhörte, krabbelte er voran, streckte den Kopf ins Freie, starrte den Himmel an und sammelte keuchend frischen Atem, als wäre er zuvor kurz vor dem Ertrinken gewesen.

Ein Blick hinab erfasste den Kadaver des Wangoren, wie er sich nahezu mit dem Bauch an den Stammfuß schmiegte, von Stachelstücken bestreut.

„Ich lebe noch.“, hauchte er vor lauter Erschöpfung.

Er entfernte seine Schlinge von dem Ast über der Baumhöhle und streichelte sie. Dadurch rollte sie sich selbstständig ein, um in eine Tasche an Artans Hüftgurt gesteckt werden zu können.

Seine Arme brannten und zitterten vor lauter Schwäche, als er an den Pfählen hinab kletterte, mit den Sohlen auf die Panzerplatten der toten Bestie stieß, anschließend von ihr sprang.

Seine Augen starrten ins Leere wie an dem vergangenen düsteren Morgen auf dem Bergvorsprung. Er brauchte einige Atemzüge, um zu begreifen, dass er gerade die Prüfung zum Meister der Bestienjäger erfolgreich absolviert hatte.

Entspannt schritt er dann um den Kadaver herum, zum Baumstamm, wo sein Bogen angelehnt war, nun auf dem Boden lag.

Ihn aufgenommen, schaute er hoch und sah durch die Äste der Baumkrone zu grauen Wolkenbrüchen hindurch.

„Der Himmel war also doch voller Wolken gewesen.

Hat das Gebrüll der Bestie sie gebrochen? Habe ich gerade ein solch mächtiges Wesen besiegt?“, staunte er.

„Ich habe es also geschafft.“

Er wollte es nicht glauben.

„Ich lebe noch, also habe ich es geschafft!“

Abrupt spürte er eine fremde Hand auf seiner Schulter.

Er griff das Heft seines eingesteckten Messers.

Die fremde Hand vergriff sich nun an seinem Nacken. Darauf drehte er sich um und sah seinen Meister an, der ein Lächeln des Stolzes ausstrahlte. Er riss Artan an seine Brust, umarmte ihn fest und jubelte.

„Ha ha! Du hast es geschafft, mein Junge! Ich wusste es! Ich wusste es und nun spüre ich es wie die verwöhnende Wärme der Sonne!“

Kurz darauf setzte Dawur einen Schritt von ihm, die Hände an seinen Schultern haftend, noch stolz in seine Augen drein blickend, als würde ein Künstler dessen gelungenes Werk bewundern.

„Wie fühlst du dich? Sag schon!“

„Wie soll ich mich schon fühlen, Dawur? Ich brauche eine Beruhigung nach diesem Kampf um Leben und Tod.“, erwiderte Artan, da bekam er von seinem Meister die Feuerweinflasche gereicht.

Nach einem Schluck wurde ihm etwas besser.

Dawur schritt zu dem toten Wangoren.

Gegen seine Rückenschmerzen knurrend, ging er in die Hocke.

Er streichelte eine der Panzerplatten, zwischen denen unzählige Stoppeln saßen; Rückbestände der abgeworfenen Stacheln.

„Hilf mir, einige Panzerplatten rauszuschneiden. Daraus lassen sich schöne Rüstungen fertigen.“

Artan eilte weg vom Baum und zog seinen Mantel wieder an, den er vor dem Kampf neben die Urin- Pfütze hingeworfen hatte.

Dann heftete er seinen Bogen über die Schulter, schritt zu Dawur und folgte der Bitte des Lehrers.

Dank der fleischigen Rinnen, welche die Platten der Bestie voneinander trennten, konnten die Jäger diese ausschneiden.

Sie sägten mit ihren Klingen von den Rändern bis zu den Unterseiten.

Wegen ihrer Hartnäckigkeit jedoch dauerte es Minuten an, bis vier Platten entfernt und blutige Fleischfelder im Panzer der Bestie hinterlassen wurden. Dawur sammelte noch zwei der vielen Stacheln ein, die im Umkreis des einsamen Baumes lagen oder dessen Borke spickten. Sorgfältig banden sie dann die Trophäen mit Leinenbändern an die Schärpen, die unter den Mänteln ihre Lederhemden kreuzten.

„So, das hätten wir.“

Ein verzerrter Schrei schoss in die Lüfte.

„Es kam vom Weiten.“, flüsterte Artan.

Alarmiert warfen die Jäger ihre Blicke auf die Felskette jenseits des Horts, wo das Geräusch erklungen war.

„Lass uns hier verschwinden, mein Junge.“

„Bin ganz deiner Meinung!“

Rasch verließen sie den „Friedhof“ mit dem einsamen Baum und den vielen Skeletten. Die Männer gerieten wieder in den toten Wald, wo sie hinter einem umgefallenen Stamm Deckung nahmen.

Über dessen Rinde zu dem Hort zurückspähend, wunderten sie sich. Ein Wangor tappte dort zu seinem toten Artgenossen, dessen Hals er zu zerfleischen begann. Fetzen flogen um die Schnauze der Bestie.

Ihr Kauen klang laut sowie gierig. Umso bestialischer schlang sie.

Der Kadaver zuckte bei jedem Biss.

„Dieser verräterische Schweinehund. Ich habe nie gewusst, dass Wangoren Kannibalen sind.“,

spottete Dawur.

„Offensichtlich sind sie Aasfresser. Menschen vergraben ihre Toten, Wangoren fressen sie.“, stellte Artan die Theorie auf, entfernte ein ledernes Verbandstäschchen von seinem Gürtel, entwendete davon einige Riemen aus Leinen und band sie sorgfältig um seinen freien Fuß, um den langen Heimweg etwas zu erleichtern. Er war in diesem Moment wütend, einen Stiefel an den Wangoren verloren zu haben.

Als er fertig war, begutachtete er sein Werk. Durch den Verband wirkte sein Fuß geschwollen.

Sein Messer am Gürtel fiel ihm auf. Es war noch mit Blut besudelt.

Eine Vorahnung entzündete in seinen Gedanken.

„Dawur, ich habe noch Blut an meinem Messer. Der Wangor könnte es wittern“, warnte Artan leise. Dawur fasste als Zeichen der Zustimmung seine Schulter und setzte den ersten Schritt in die Tiefe des Waldes.

„Du hast Recht. Verschwinden wir lieber.“

Mit aller Konzentration schlichen sie davon, mit der Bemühung, auf keinen Stock zu treten, der knacksen und ihre Position verraten würde. Doch als unerwartet ein Regen zu rauschen begann, prasselte er laut genug auf das Waldholz, um die Ganglaute der Jäger zu übertönen.

„Diesmal meiden wir die Schlucht der Grint. Sie auf dem Hinweg durchquert zu haben, hat uns genug zeitlichen Vorsprung gebracht.

Wir umgehen sie westwärts durch die Klein-Wüste. Dort können wir Gefahren besser vorausahnen. Außerdem gibt es dort eine kleine Oase. Da können wir rasten.“ Artan wurde bei der Neuigkeit wohler.

Seine Kräfte reichten noch für das Tragen der Wangoren- Platten aus, die so schwer wie Steine waren, und das mit nur einem Stiefel.

Da brauchte er am wenigsten den Kampf mit weiteren Raubtieren, geschweige denn von einer rastlosen Wanderung.

Während sie wieder Steppen überquerten, schwebte Artan in seinen Gedanken. Er empfand keinen Fortschritt durch die Prüfung.

Sie war eine Jagd wie jede andere gewesen. Er hatte viel mehr befürchtet. Er hatte erwartet, dass keine seiner Jagden mit der Prüfung verglichen werden konnte. Dem war nicht so, das hatte er nun erkannt.

Sein ganzes Leben war eine Prüfung. Hatte ihm Dawur das beibringen wollen? Eine Jagd hatte stets denselben Anfang und das selbe Ende.

„Einer darf weiterleben, indem der andere stirbt, denn der Gejagte kann auch Jäger sein.“, philosophierte Artan.

Kapitel 2- Das Finale eines tödlichen Tages

„Wenn man erst dort unten ist, wünscht man sich, das einzige Lebewesen zu sein.“

Diese Worte spukten wie Albträume in Artans Kopf.

Er hatte die Prüfung zum Meister der Bestienjäger absolviert und damit seine Lehre abgeschlossen. Eigentlich hätte er sich nun wie ein vollkommener Ufarkjäger fühlen müssen, der fortan jegliche Gefahren angstfrei und mit vollem Einsatz an Kraft, Geschick und Verstand zu meistern vermochte.

Er hatte es erwartet, Erlösung daran zu gewinnen, einen langen Aufstieg zum Gipfel der tödlichen Erfahrungen hinter sich gelassen zu haben, fortan auf alles hinabzublicken, alles leicht besiegbar zu sehen. Doch Artan verspürte das Gegenteil. Der Weg zum Wangoren war seelisch anstrengend gewesen.

Der Kampf mit dem Biest hatte all seine Kräfte gefordert.

Und der Rückweg wirkte auf ihn als die dritte Stufe.

Das Finale eines tödlichen Tages. Völlig erschöpft durch die Lasten der Wangorentrophäen an seinem Leibe, welche schwer wie Steine waren, und er war nur mit einem Stiefel unterwegs, fühlte er sich wie ein Kaninchen in dem Schatten eines Adlers.

Es konnte ihn nun jedes Geschöpf erlegen, das Jagd auf ihn machen wollte, wenn es ihm begegnete. Zwar war Dawur seine Begleitung, aber wenn Artan daran dachte, dass dem Mann der Rücken Schmerzen darin bereitete, in die Hocke zu gehen, wie wollte der Meister dann kämpfen, wenn es darauf ankam? Außerdem musste Dawur ebenfalls erschöpft sein, spätestens nach den zwanzig Meilen, die die Jäger auf dem Weg durch die Klein-Wüste meisterten; Sanddünen, welche die Schritte schluckten, ein Wind, der an Hüften und Schultern zog, eine staubige Luft, die schwer in den Lungen lag. Diese Wüste fand ihr Ende.

Und sie traten vor einen Wald, der Gefahren am besten verbergen konnte mit seinem vielen Gestrüpp und den unzähligen Stämmen, mit seinen Schatten und Mulden allseits.

„Dieser Anblick sagt mir: Wir betreten gerade den Vorgarten unseres Hauses.“, predigte Dawur mit einem Grinsen der Freude, als würde er einen Topf voller Gold in greifbarer Nähe sichten.

„Meine Prüfung dauert wohl noch an, denn sie ist erst zu Ende, wenn ich lebend Heim kehre.“, murrte Artan, träge Kopf schüttelnd.

Dawur sah ihn kalt an. „Ich weiß, was du damit meinst, mein Junge. Auch wenn wir die Sache hinter uns haben, wir sind in der Wildnis, wo immer wir unterwegs sind. Und die Wildnis beherbergt nun mal jegliche Gefahren. Dieser Wald hier ist ein weiteres Hindernis.

Er ist sehr tückisch. Deswegen ist es besser, wenn einer von uns beiden für Deckung sorgt.“

Schon bevor Dawur das letzte Wort sagte, entband er seinen Trophäen-Anteil vom Leib und schmückte damit Artan an Schultern und Hüften an den über kreuz liegenden Schärpen unter dem Mantel.

„Ist das jetzt dein Ernst, Dawur?“

„Ja. Sonst würde ich es nicht tun, nicht wahr?“, argumentierte der Meister. Er seufzte zu seiner Erlösung von der Last, als wollte er es seinem Lehrling unter die Nase reiben. Er zog seine Armbrust vom Rücken und hielt sie beidhändig vor die Brust, zum Schuss bereit.

„Gehen wir.“, wies er an. Er ging dem Schüler voraus in den Wald.

Eine Flamme des Grolls entbrannte in Artans Mark. Er stach mit einem scharfen Blick in Dawurs Rücken.

“Ich wünschte, mein Blick wäre jetzt ein Knüppel, du alter Bock!“, grummelte er. Schon bei dem ersten Schritt, den der Lehrling in den Wald setzte, spürte er nahezu eine Versteinerung seiner Muskeln.

Es war ein Gefühl, als wollte ihn ein großer Mann zu Boden drücken. Aus Sehnsucht nach Erleichterung sah er dann instinktiv nach oben.

Er erblickte einen grünen Himmel, in welchen sich winzige Baumkronen vergriffen. Es war eine Walddecke, von gigantischen Bäumen geflochten, deren Stämme wie Palasttürme über ihm dahinrafften. Hier unten fühlte sich Artan wie ein kleines Insekt, das nun versuchte, einen von lauter riesigen Baumwurzeln durchwucherten Weg zu durchschreiten. Dawur ging so rasch voraus, dass Artan während des Marsches mit Mühe seinen Schatten im Auge behalten konnte, ehe dieser hinter Abbiegungen verschwand.

Unter „Deckung geben“ verstand der Bestienjäger etwas anderes.

„Jetzt warte doch mal, verdammt!“, rief Artan schließlich.

Dawur schritt hinter einer Gigantenbaum-Wurzel hervor und schulterte seine Armbrust.

„Ich habe nur die Umgebung für uns erkundet. Wir wollen ja nicht, dass uns etwas aus dem Hinterhalt angreift.“

„Wenn du nicht in meiner Nähe bist, dann bin ich wie eine Fliege im Spinnennetz, Dawur!“

„Beruhige dich. Ich gebe schon auf dich Acht.“

Der junge Jäger riss sich zusammen, anstatt dem Meister an die Gurgel zu gehen.

„Was hältst du denn davon, wenn wir uns die Last der Trophäen wieder aufteilen? Ich werde immer langsamer, wenn ich alles tragen muss. Das hält uns auf.“

„Du musst noch an deiner Ausdauer arbeiten, mein Junge.“

Mit diesen Worten nahm Dawur dem Schüler die Hälfte an Trophäen ab. Seufzend band er sie an die gekreuzten Riemen unter seinem Mantel.

„Gehen wir.“

Sie schritten dann zusammen weiter, spähten ruhelos umher und achteten darauf, dass sie stets eine Deckung in der Nähe hatten, sollte etwas Gefahrvolles auftauchen.

Weiß leuchtende Pilze, die unter geräumigen Krümmungen der Baumwurzeln ganze Haufen bildeten, wurden scharf gemustert, weil sie irritierend zu verschiedenen Gestalten geformt waren.

Zu pechschwarzen Schlupfwinkeln, tiefen Schneisen in den Borken hier und dort, wurde eine Distanz gehalten, denn es existierten äußerst tückische Geschöpfe in Ufark, die nur darauf warteten, dass ahnungslose Beute vor ihre Greifarme lief.

Durch die Last an Trophäen dauerte es nur einige Meilen, bis Dawur und Artan vor lauter Erschöpfung für keinen Kampf mehr Kraft hatten. Der Schüler hatte auf dem bisherigen Weg sein Messer von Blut gereinigt, fürchtete jedoch die Möglichkeit, dass Raubwesen die Fleischbestände an den Wangorenpanzer- Platten wittern konnten, welche sie trugen.

Die Anzahl an Stämmen nahm ab, während die Jäger einer schlammigen Landschaft voller Krater näher kamen. Das Ende von diesem Moor, ein weiterer Waldrand, erschien weit entfernt, nahezu vernebelt, so groß die dortigen Bäume auch sein mochten. Die zwei Jäger schufen sich ihren Weg dort hin, indem sie Kurve um Kurve die Krater umgingen, in deren Abgründen winzige Bauöffnungen zu sichten waren. Ein Fall in die Tiefen würde ebenso den Tod bedeuten wie eine Begegnung mit jenseitigen Untergrundbewohnern.

Die Luft war nirgendwo so feucht gewesen wie an diesem Ort.