Die Fieberkurve - Friedrich C. Glauser - E-Book

Die Fieberkurve E-Book

Friedrich C. Glauser

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Beschreibung

Ein kiffender Schweizer Columbo, der an Kauzigkeit jeden Bullen aus Tölz vergessen lässt. Es geht um die Aufklärung zweier aktueller und eines lange vergangenen ungeklärten Todesfalles -- es geht auch um Studers Jugendträume. Ein Teil der Handlung spielt bei der Fremdenlegion. Wie immer geht es um die armen Teufel, die das Leben über Gebühr gebeutelt hat und die es darum immer als Erste erwischt. Es geht um Religion - ein bisschen, um Liebe - auch und natürlich ums Geld. Wachtmeister Studer streitet sich mit dem französischen Geheimdienst. Und im all dem Chaos ist er der Einzige, der sich aufrichtig für das Schicksal der Beteiligten interessiert. Glauser gilt zu Recht als einer der bedeutendsten Schweizer Autoren des 20. Jahrhunderts, und was seinen Wachtmeister Studer angeht -- der steht als Fels in der Weltliteratur, vergleichbar nur mit Dürrenmatts Bärlach oder Maigret. Glauser ist nach der Auffassung von Erhard Jöst "einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen Kriminalromans". Bei einer Umfrage im Jahr 1990 unter 37 Krimifachleuten nach dem "besten Kriminalroman aller Zeiten" landete Wachtmeister Studer als bester deutschsprachiger Krimi auf Platz 4. Null Papier Verlag

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Friedrich Glauser

Die Fieberkurve

Ein Wachtmeister Studer Kriminalroman

Friedrich Glauser

Die Fieberkurve

Ein Wachtmeister Studer Kriminalroman

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019 EV: Morgarten, Zürich, 1936 3. Auflage, ISBN 978-3-954181-89-6

www.null-papier.de/studer

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Die Ge­schich­te vom Hell­se­her­kor­po­ral

Gas

Die ers­te Frau

Pa­ter Matt­hi­as

Der klei­ne Mann im blau­en Re­gen­man­tel und der an­de­re

Die Ge­schich­te vom ers­ten Dau­men­ab­druck

Das Te­sta­ment

Kanal­räu­men

Gangs­ter in Bern und eine ver­nünf­ti­ge Frau

Kom­missa­er Ma­de­lin macht sich un­sicht­bar

Stu­der in der Frem­den­le­gi­on

Der Hell­se­her­kor­po­ral nimmt Ge­stalt an

Ca­pi­taine Lar­tigue

Ein Mor­gen im Pos­ten Gu­ra­ma

Die Ver­haf­tung

Die Ver­hand­lung

Dan­ke

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Die Ro­ma­ne mit Wacht­meis­ter Stu­der bei Null Pa­pier

Wacht­meis­ter Stu­der

Mat­to re­giert

Die Fie­ber­kur­ve

Der Chi­ne­se

Krock & Co

An­de­re Kri­mi­nal­ro­ma­ne von Fried­rich C. Glau­ser

Der Tee der drei al­ten Da­men – Eine Kri­mi­nal­ge­schich­te

Autor

Fried­rich Charles Glau­ser (ge­bo­ren Fe­bru­ar 1896 in Wien; ge­stor­ben 8. De­zem­ber 1938 in Ner­vi bei Ge­nua) war ein Schwei­zer Schrift­stel­ler. Er gilt als ei­ner der ers­ten deutsch­spra­chi­gen Kri­mi­au­to­ren.

Schrift­stel­ler zu sein, hieß für Fried­rich Glau­ser zu­nächst, Ge­dich­te zu schrei­ben. In der ly­ri­schen Form glaub­te er, sein in­ne­res Er­le­ben aus­drücken zu kön­nen. Vor­bil­der wa­ren für ihn Sté­pha­ne Mall­ar­mé und Ge­org Trakl; der Ton ent­spricht dem ex­pres­sio­nis­ti­schen Te­nor der Zeit am Ende des Ers­ten Welt­krie­ges. Doch kei­ner die­ser Tex­te wur­de ge­druckt. Für die Samm­lung sei­ner Ge­dich­te, die Glau­ser 1920 zu­sam­men­stell­te, fand sich kein Ver­le­ger. Sei­ne Ge­dich­te wur­den da­her erst post­hum ver­öf­fent­licht.

In den letz­ten drei Le­bens­jah­ren schrieb Glau­ser fünf Kri­mi­nal­ro­ma­ne, in de­ren Mit­tel­punkt Wacht­meis­ter Stu­der steht, ein ei­gen­sin­ni­ger Kri­mi­nal­po­li­zist mit Ver­ständ­nis für die Ge­fal­le­nen der Ge­sell­schaft.

Der Kri­mi­nal­ro­man »Mat­to re­giert« spielt in ei­ner psych­ia­tri­schen Kli­nik und man merkt ihm ge­nau­so wie den an­de­ren Ro­ma­nen an, dass der Au­tor ei­ge­ne Er­leb­nis­se ver­ar­bei­tet hat. Mit ein­dring­li­chen Mi­lieu­stu­di­en und pa­cken­den Schil­de­run­gen der so­zi­al­po­li­ti­schen Si­tua­ti­on ge­lingt es ihm, den Le­ser in sei­nen Bann zu schla­gen.

Glau­ser ist nach der Auf­fas­sung von Er­hard Jöst »ei­ner der wich­tigs­ten Weg­be­rei­ter des mo­der­nen Kri­mi­nal­ro­mans«. Sei­ne Ro­ma­ne und drei wei­te­re Bän­de mit Pro­sa­tex­ten wur­den zwi­schen 1936 und 1945 ver­öf­fent­licht.

Glau­sers Nach­lass be­fin­det sich im Schwei­ze­ri­schen Li­te­ra­tu­rar­chiv in Bern.

Bei ei­ner Umfrage im Jahr 1990 un­ter 37 Kri­mi­fach­leu­ten nach dem »bes­ten Kri­mi­nal­ro­man al­ler Zei­ten« lan­de­te Wacht­meis­ter Stu­der als bes­ter deutsch­spra­chi­ger Kri­mi auf Platz 4.

Die Geschichte vom Hellseherkorporal

Da lies!«, sag­te Stu­der und hielt sei­nem Freun­de Ma­de­lin ein Te­le­gramm un­ter die Nase. Vor dem Jus­tiz­pa­last war es fins­ter, die Sei­ne rieb sich gluck­send an den Quai­mau­ern, und die nächs­te La­ter­ne war ei­ni­ge Me­ter weit ent­fernt.

»das jun­ge ja­kob­li lässt den al­ten ja­kob grü­ßen hedy«, ent­zif­fer­te der Kom­mis­sär, als er un­ter dem fla­ckern­den Gas­licht stand. Ob­wohl Ma­de­lin vor Jah­ren an der Straß­bur­ger Sûreté ge­ar­bei­tet hat­te und ihm dar­um das Deut­sche nicht ganz fremd war, mach­te es ihm doch Mühe, den Sinn des Sat­zes zu ver­ste­hen. So frag­te er:

»Was soll das hei­ßen, Stüdè­re?«

»Ich bin Groß­va­ter«, ant­wor­te­te Stu­der mür­risch. »Mei­ne Toch­ter hat einen Sohn be­kom­men.«

»Das muss man fei­ern!«, be­schloss Ma­de­lin. »Und au­ßer­dem trifft es sich güns­tig. Denn heu­te hat mich ein Mann be­sucht, der mit dem Hal­belf-Uhr-Zug in die Schweiz reist und mich ge­be­ten hat, ihn an einen dor­ti­gen Kol­le­gen zu emp­feh­len. Ich hab’ ihn auf neun Uhr in eine klei­ne Wirt­schaft bei den ›Hal­len‹ be­stell­t… Jetzt ist es…«, mit sei­nen Hän­den, die in Woll­hand­schu­hen steck­ten, knöpf­te Ma­de­lin sei­nen Über­zie­her auf, des­sen Kra­gen sich von sei­nem Hal­se ab­wölb­te, zog eine alte Sil­ber­uhr aus sei­ner Wes­ten­ta­sche und stell­te fest, dass es acht Uhr sei. »Wir ha­ben Zeit«, mein­te er be­frie­digt. Und wäh­rend ihm die Bise sei­ne un­ge­schütz­ten Lip­pen zer­riss, tat er einen tief­sin­ni­gen Auss­pruch: »Wenn man alt wird, hat man im­mer Zeit. Son­der­bar! Geht’s dir auch so, Stüdè­re?«

Stu­der brumm­te. Doch wand­te er sich brüsk um, denn eine hohe, kräch­zen­de Stim­me sag­te:

»Und ich darf doch auch Glück wün­schen? Oder? Un­se­rem ver­ehr­ten In­spek­tor? Herz­lich Glück wün­schen?«

Ma­de­lin, groß, ha­ger, und Stu­der, eben­so groß, nur mas­si­ger, mit brei­te­ren Schul­tern, wand­ten sich um. Hin­ter den bei­den hüpf­te ein win­zi­ges We­sen – zu­erst wuss­te man nicht, war es eine Frau oder ein Mann: der lan­ge Man­tel fiel bis zu den Knö­cheln, das Béret war bis zu den Au­gen­brau­en ge­zo­gen, der Woll­schal ver­hüll­te die Nase – so­dass nur die Au­gen frei­b­lie­ben, und auch die­se ver­steck­ten sich hin­ter den Glä­sern ei­ner rie­si­gen Horn­bril­le.

»Pass auf, Go­do­frey!«, sag­te der Kom­mis­sär Ma­de­lin. »Dass du dich nicht er­käl­test! Ich brauch’ dich mor­gen. Die Sa­che mit Kol­ler ist nicht klar. Aber ich hab’ die Pa­pie­re erst heu­te Abend be­kom­men. Mor­gen musst du sie un­ter­su­chen! Es stimmt et­was nicht mit den Pa­pie­ren des Kol­ler…«

»Dan­ke, Go­do­frey«, sag­te Stu­der. »Aber ich lade euch bei­de ein. Schließ­lich, wenn man Groß­va­ter ist, darf man sich nicht lum­pen las­sen…« Und er seufz­te.

Das jun­ge Ja­kob­li lässt den al­ten Ja­kob grü­ßen, dach­te er. Nun ist man Groß­va­ter und hat die Toch­ter also end­gül­tig ver­lo­ren. Wenn man Groß­va­ter ist, dann ist man alt – al­tes Ei­sen. Aber es ist doch eine Glan­zi­dee ge­we­sen, dass man die Flucht er­grif­fen hat vor der lee­ren Woh­nung auf dem Kir­chen­feld und dem un­auf­ge­wa­sche­nen Ge­schirr im Schütt­stein. Be­son­ders aber vor dem grü­nen Ka­chel­ofen im Wohn­zim­mer, den nur die Frau rich­tig an­hei­zen kann: ver­sucht man es selbst, so raucht und qualmt der Don­ner wie eine schlecht­ge­wi­ckel­te Bris­sa­go – und geht aus. Hier in Pa­ris ist man vor sol­chen Ka­ta­stro­phen si­cher. Man wohnt beim Kom­mis­sär Ma­de­lin, wird mit Ach­tung be­han­delt und ist nicht ein »Wacht­meis­ter«, son­dern ein »In­spek­tor«. Ta­ge­lang kann man bei Go­do­frey hocken, ganz oben, im La­bo­ra­to­ri­um un­term Dach des Jus­tiz­pa­las­tes und darf dem Klei­nen zu­se­hen, wie er Staub ana­ly­siert, Do­ku­men­te durch­leuch­tet. Der Bun­sen­bren­ner pfeift lei­se, der Dampf in den Heiz­kör­pern lau­ter, es riecht an­ge­nehm nach Che­mi­ka­li­en und nicht nach Bo­den­öl, wie im Amts­haus z’Bärn…

Die Mar­mor­ti­sche in der Bei­ze wa­ren recht­e­ckig und mit ge­rill­ten Pa­pier­ser­vi­et­ten ge­deckt. Ein schwar­zer Ofen stand in der Mit­te des Rau­mes, sei­ne Plat­te glüh­te. Die große Kaf­fee­ma­schi­ne summ­te auf dem Schank­tisch und der Bei­zer – Arme hat­te er, dick wie die Ober­schen­kel ei­nes nor­ma­len Men­schen – ser­vier­te ei­gen­hän­dig.

Man be­gann mit Aus­tern, und Kom­mis­sär Ma­de­lin er­gab sich sei­ner Lieb­lings­be­schäf­ti­gung. Er hat­te, ohne Stu­der zu fra­gen, einen 26er Vouvray be­stellt, drei Fla­schen auf ein­mal, und er trank ein Glas nach dem an­de­ren. Da­zwi­schen schlürf­te er schnell drei Aus­tern und kau­te sie, be­vor er sie schluck­te. Go­do­frey nipp­te an sei­nem Gla­se wie ein schüch­ter­nes Mäd­chen; sei­ne Hän­de wa­ren klein, weiß, un­be­haart.

Stu­der dach­te an sei­ne Frau, die nach Frau­en­feld ge­fah­ren war, um der Toch­ter bei­zu­ste­hen. Er war schweig­sam und ließ Go­do­frey plap­pern. Und auch Ma­de­lin schwieg. Zwei rie­si­ge Hun­de – eine ma­ge­re Dog­ge und ein zot­ti­ger Neu­fund­län­der – las­sen ru­hig und un­be­rührt das Ge­kläff ei­nes win­zi­gen Fox­ter­ri­ers über sich er­ge­hen…

Der Bei­zer stell­te eine brau­ne Ter­ri­ne mit Kut­teln auf den Tisch. Dann gab es bit­te­ren Salat, drei vol­le Fla­schen stan­den wie­der vor den Drei­en und wa­ren plötz­lich leer, zu glei­cher Zeit wie die Plat­te mit dem zer­flie­ßen­den Ca­mem­bert – er hat­te ge­stun­ken, aber er war gut ge­we­sen. – Dann öff­ne­te Kom­mis­sär Ma­de­lin sei­nen Mund zu ei­ner Rede, we­nigs­tens schi­en es so. Aber aus der Rede wur­de nichts, denn die Tür ging auf und den Raum be­trat ein Mann, der so son­der­bar ge­klei­det war, dass Stu­der sich frag­te, ob man in Pa­ris Fast­nacht vor Neu­jahr feie­re…

Der Mann trug eine schnee­wei­ße Mönchs­kut­te und auf dem Kop­fe eine Müt­ze, die aus­sah wie ein rie­si­ger, ro­ter Blu­men­topf, den ein un­ge­schick­ter Töp­fer ver­pfuscht hat. An den Fü­ßen – sie wa­ren nackt, wahr und wahr­haf­tig blutt – trug er of­fe­ne San­da­len; die Ze­hen konn­te man se­hen, den Rist; die Fer­se war be­deckt.

Und Stu­der trau­te sei­nen Au­gen nicht. Kom­mis­sär Ma­de­lin, der Pfaf­fen­fres­ser, stand auf, ging dem Man­ne ent­ge­gen, kam mit ihm zum Tisch zu­rück, stell­te ihn vor: »Pa­ter Matt­hi­as vom Or­den der Wei­ßen Vä­ter…« – nann­te Stu­ders Na­men: dies also sei der In­spek­tor der Schwei­ze­ri­schen Si­cher­heits­po­li­zei.

Wei­ßer Va­ter? Père blanc? – Dem Wacht­meis­ter war es, als träu­me er einen je­ner merk­wür­di­gen Träu­me, die uns nach ei­ner schwe­ren Krank­heit be­su­chen kom­men. Luf­tig und lus­tig zu­gleich sind sie und füh­ren uns in die Kin­der­zeit zu­rück, da man Mär­chen er­leb­t…

Denn Pa­ter Matt­hi­as sah ge­nau so aus wie das Schnei­der­lein, das »Sie­ben auf einen Streich« er­legt hat. Ein spär­li­ches grau­es Bärt­chen wuchs ihm am Kinn und am Schnurr­bart konn­te man alle Haa­re zäh­len. Ma­ger war das Ge­sicht! Nur die Far­be der Au­gen, der großen, grau­en Au­gen er­in­ner­te an das Meer, über das Wol­ken hin­zie­hen – und manch­mal blitzt kurz ein Son­nen­strahl über die Was­ser­flä­che, die so harm­los den großen Ab­grund ver­birg­t…

Wie­der drei Fla­schen…

Der Pa­ter war hung­rig. Schweig­sam ver­zehr­te er einen Tel­ler voll Kut­teln, dann noch einen… Er trank aus­gie­big, stieß mit den an­de­ren an. Er sprach das Fran­zö­si­sche mit ei­nem leich­ten Ak­zent, der Stu­der an die Hei­mat er­in­ner­te. Und rich­tig, kaum hat­te sich der Weiß­be­kut­te­te am Es­sen er­labt, sag­te er und klopf­te dem Ber­ner Wacht­meis­ter auf den Un­ter­arm:

»Ich bin ein Lands­mann von Ih­nen, ein Ber­ner…«

»A bah!«, mein­te Stu­der, dem der Wein ein we­nig in den Kopf ge­stie­gen war.

»Aber ich bin schon lan­ge im Aus­land«, fuhr der Schnei­der fort – eh, was Schnei­der! Das war ja ein Mönch! Nein, kein Mön­ch… Ein… ein Pa­ter! Ganz rich­tig! Ein wei­ßer Va­ter! Ein Va­ter, der kei­ne Kin­der hat­te – oder bes­ser, alle Men­schen wa­ren sei­ne Kin­der. Aber man selbst war Groß­va­ter… Soll­te man dies dem Lands­mann, dem Aus­land­schwei­zer er­zäh­len? Un­nö­tig! Kom­mis­sär Ma­de­lin tat es:

»Wir fei­ern un­se­ren In­spek­tor. Er hat von sei­ner Frau ein Te­le­gramm er­hal­ten, dass er Groß­va­ter ge­wor­den ist.«

Der Mönch schi­en sich zu freu­en. Er hob sein Glas, trank dem Wacht­meis­ter zu, Stu­der stieß an… Kam nicht bald der Kaf­fee? Doch, er kam, und mit ihm eine Fla­sche Rum. Und Stu­der, dem es merk­wür­dig zu­mu­te war – die­ser Vouvray! Ein hin­ter­lis­ti­ger Wein! – hör­te den Kom­mis­sär Ma­de­lin zum Bei­zer sa­gen, er sol­le die Fla­sche nur auf dem Tisch ste­hen las­sen…

Ne­ben dem Wacht­meis­ter saß Go­do­frey, der, wie vie­le klei­ne Men­schen, über­trie­ben ele­gant ge­klei­det war. Aber das stör­te Stu­der nicht wei­ter. Im Ge­gen­teil, die Nähe des Zwer­g­leins, das eine wan­deln­de En­zy­klo­pä­die der kri­mi­na­lis­ti­schen Wis­sen­schaft war, wirk­te trös­tend und be­ru­hi­gend. Der wei­ße Va­ter hat­te sei­nen Platz an der an­de­ren Sei­te des Ti­sches, ne­ben Ma­de­lin…

Und dann war Pa­ter Matt­hi­as mit Es­sen fer­tig. Er fal­te­te die Hän­de vor sei­nem Tel­ler, be­weg­te laut­los die Lip­pen – sei­ne Au­gen wa­ren ge­schlos­sen; er öff­ne­te sie wie­der, schob sei­nen Stuhl ein we­nig vom Tisch ab, schlug das lin­ke Bein über das rech­te – zwei seh­ni­ge, be­haar­te Wa­den ka­men un­ter der Kut­te zum Vor­schein. Er sag­te: »Ich muss not­wen­dig in die Schweiz, Herr In­spek­tor. Ich habe zwei Schwä­ge­rin­nen dort, die eine in Ba­sel, die an­de­re in Bern. Und es ist gut mög­lich, dass ich in Schwie­rig­kei­ten ge­ra­te und die Hil­fe der Po­li­zei brau­che. Wür­den Sie dann so freund­lich sein und mir bei­ste­hen?«

Stu­der schlürf­te sei­nen Kaf­fee und fluch­te in­ner­lich über Ma­de­lin, der das hei­ße Ge­tränk all­zu aus­gie­big mit Rum ge­würzt hat­te; dann blick­te er auf und er­wi­der­te (auch er be­dien­te sich der fran­zö­si­schen Spra­che):

»Die Schwei­zer Po­li­zei be­schäf­tigt sich sonst nicht mit Fa­mi­li­en­an­ge­le­gen­hei­ten. Um Ih­nen hel­fen zu kön­nen, müss­te ich wis­sen, worum es sich han­delt.«

»Das ist eine lan­ge Ge­schich­te«, sag­te Pa­ter Matt­hi­as, »und ich wage kaum, sie zu er­zäh­len, denn Sie alle«, sei­ne Hand mach­te eine kreis­för­mi­ge Be­we­gung, »wer­den mich aus­la­chen.«

Go­do­frey pro­tes­tier­te höf­lich mit sei­ner Pa­pa­gei­en­stim­me. Er nann­te den Mönch »Mein Va­ter« – »mon père«, was Stu­der aus un­er­find­li­chen Grün­den äu­ßerst ko­misch fand. Er lach­te in sei­nen Schnurr­bart hin­ein, prus­te­te wei­ter, wäh­rend er die wie­der ge­füll­te Tas­se zum Mun­de führ­te, und ließ das Prus­ten, um nicht An­stoß zu er­re­gen, in ein Bla­sen über­ge­hen – so als ob er den hei­ßen Kaf­fee ab­küh­len woll­te…

»Ha­ben Sie sich je«, frag­te Pa­ter Matt­hi­as, »mit Hell­se­hen be­schäf­tigt?«

»Kar­ten­le­gen? Kris­tall­se­hen? Te­le­pa­thie? Kryp­tom­ne­sie?« Go­do­frey lei­er­te die Fra­gen ab wie eine Li­ta­nei.

»Ich sehe, Sie sind auf dem lau­fen­den. Ha­ben Sie sich viel mit die­sen Din­gen be­schäf­tigt?«

Go­do­frey nick­te. Ma­de­lin schüt­tel­te sein Haupt und Stu­der sag­te kurz: »Schwin­del.«

Pa­ter Matt­hi­as über­hör­te das Wort. Sei­ne Au­gen wa­ren in die Fer­ne ge­rich­tet – aber die Fer­ne, hier in der klei­nen Bei­ze, war der Schank­tisch mit sei­nem glän­zen­den Per­ko­la­tor. Der Pa­tron saß da­hin­ter, die Hän­de über dem Bauch ge­fal­tet und schnarch­te. Die vier am Tisch wa­ren sei­ne ein­zi­gen Gäs­te. Das Le­ben in sei­ner Bei­ze be­gann erst ge­gen zwei Uhr, wenn die ers­ten Kar­ren mit Treib­ge­mü­se ein­tra­fen…

»Ich möch­te«, sag­te der Wei­ße Va­ter, »Ih­nen die Ge­schich­te ei­nes klei­nen Pro­phe­ten er­zäh­len, ei­nes Hell­se­hers, wenn Sie ihn so nen­nen wol­len, denn die­ser Hell­se­her ist dar­an schuld, dass ich mich hier be­fin­de, an­statt die klei­nen Pos­ten im Sü­den von Marok­ko ab­zu­klop­fen, um dort für die ver­lo­re­nen Schäf­lein der Frem­den­le­gi­on Mes­sen zu le­sen…

Wis­sen Sie, wo Géryville liegt? Vier Stun­den hin­term Mond, ge­nau­er ge­sagt in Al­ge­ri­en, auf ei­nem Hoch­pla­teau, sieb­zehn­hun­dert Me­ter über dem Mee­res­s­pie­gel, wie es die In­schrift auf ei­nem Stein ver­kün­det, der in­mit­ten des Ka­ser­nen­ho­fes steht. Hun­dert­vier­zig Ki­lo­me­ter von der nächs­ten Bahn­sta­ti­on ent­fernt. Die Luft ist ge­sund, dar­um hat mich der Pri­or dort hin­auf ge­schickt im Sep­tem­ber vo­ri­gen Jah­res, denn ich habe schwa­che Lun­gen. Es ist eine klei­ne Stadt, die­ses Géryville, we­nig Fran­zo­sen be­woh­nen sie, die Be­völ­ke­rung be­steht zum größ­ten Teil aus Ara­bern und Spa­nio­len. Mit den Ara­bern ist nicht viel an­zu­fan­gen, sie las­sen sich nicht ger­ne be­keh­ren. Sie schi­cken ihre Kin­der zu mir – das heißt, sie er­lau­ben, dass die Klei­nen zu mir kom­men… Auch ein Ba­tail­lon der Frem­den­le­gi­on lag dort oben. Die Le­gio­näre be­such­ten mich manch­mal; mein Vor­gän­ger hat­te eine Biblio­thek an­ge­legt – und da ka­men sie denn: Kor­po­rä­le, Ser­gean­ten, hin und wie­der auch ein Ge­mei­ner, schlepp­ten Bü­cher fort oder rauch­ten mei­nen Ta­bak. Manch­mal emp­fand ei­ner mei­ner Be­su­cher das Be­dürf­nis zu beich­ten… Es ge­hen selt­sa­me Din­ge vor in den See­len die­ser Men­schen, er­grei­fen­de Be­keh­run­gen, von de­nen jene kei­ne Ah­nung ha­ben, wel­che die Le­gi­on für den Ab­schaum der Mensch­heit hal­ten.

Gut… Kommt da ei­nes Abends ein Kor­po­ral zu mir, der klei­ner ist als ich; sein Ge­sicht gleicht dem ei­nes ver­krüp­pel­ten Kin­des, trau­rig und alt ist es… Er hei­ße Col­la­ni, stockt und be­ginnt dann fie­ber­haft zu spre­chen. Es ist kei­ne re­gel­rech­te kirch­li­che Beich­te, die der Mann ab­legt. Ei­nen Mo­no­log hält er eher, ein Selbst­ge­spräch. Al­ler­lei muss er sich von der See­le re­den, was nicht zu mei­ner Ge­schich­te ge­hört. Er spricht ziem­lich lang, eine hal­be Stun­de etwa. Es ist Abend und eine grün­li­che Däm­me­rung füllt das Zim­mer; sie kommt vom dor­ti­gen Herbst­him­mel, der hat manch­mal so merk­wür­di­ge Far­ben…«

Stu­der hat­te die Wan­ge auf die Hand ge­stützt und so ge­spannt lausch­te er der Er­zäh­lung, dass er gar nicht merk­te, wie er sein lin­kes Auge arg ver­zog: schief sah es aus und ge­schlitzt, wie das ei­nes Chi­ne­sen…

Das Hoch­pla­teau!… Die wei­ten Ebe­nen!… Das grü­ne Abend­licht!… Der Sol­dat, der beich­tet!…

Es war doch et­was ganz an­de­res als das, was man tag­täg­lich sah! Frem­den­le­gi­on! Der Wacht­meis­ter er­in­ner­te sich, dass auch er ein­mal hat­te en­ga­gie­ren wol­len, zwan­zig Jah­re war er da­mals alt ge­we­sen, we­gen ei­nes Strei­tes mit sei­nem Va­ter… Aber dann war er – um die Mut­ter nicht zu be­trü­ben – in der Schweiz ge­blie­ben, hat­te Kar­rie­re ge­macht und es bis zum Kom­mis­sär an der Ber­ner Stadt­po­li­zei ge­bracht. Spä­ter war jene Bank­ge­schich­te pas­siert, die ihm das Ge­nick ge­bro­chen hat­te. Und auch da­mals war wie­der der Wunsch in ihm auf­ge­stie­gen, al­les ste­hen und lie­gen zu las­sen… Doch da war sei­ne Frau, sei­ne Toch­ter – und so gab er den Plan auf, fing wie­der von vor­ne an, ge­dul­dig und be­schei­den… Nur die Sehn­sucht schlum­mer­te wei­ter in ihm: nach den Ebe­nen, nach der Wüs­te, nach den Kämp­fen. Da kam ein Pa­ter und weck­te al­les wie­der.

»Er spricht also ziem­lich lan­ge, der Kor­po­ral Col­la­ni. In sei­ner re­se­dagrü­nen Ca­pot­te sieht er aus wie ein er­ho­lungs­be­dürf­ti­ges Cha­mä­le­on. Er schweigt eine Wei­le, ich will schon auf­ste­hen und ihn mit ein paar trös­ten­den Wor­ten ent­las­sen, da be­ginnt er plötz­lich mit ganz ver­än­der­ter Stim­me, rau und tief klingt sie, so, als ob ein an­de­rer aus ihm rede, und die Stim­me kommt mir son­der­bar be­kannt vor:

›Wa­rum nimmt Ma­ma­dou das Lein­tuch vom Bett und ver­steckt es un­ter sei­ner Ca­pot­te? Ah, er will es in der Stadt ver­kau­fen, der ge­mei­ne Hund! Und ich bin für die Wä­sche ver­ant­wort­lich. Jetzt geht er die Trep­pen hin­un­ter, quer über den Hof zum Git­ter. Na­tür­lich, er wagt sich nicht an der Wa­che vor­bei! Und am Git­ter war­tet Bi­el­le auf ihn, nimmt ihm das Lein­tuch ab. Wo­hin will Bi­el­le? Aha! Er läuft zum Ju­den in der klei­nen Stra­ße… Er ver­kauft das Lein­tuch für einen Du­ro…‹«

»Ein Duro«, er­klär­te Ma­de­lin, »ist ein Fünf­fran­ken­stück aus Sil­ber…«

»Dan­ke«, sag­te Pa­ter Matt­hi­as und schwieg. Er griff un­ter den Tisch, be­schäf­tig­te sich mit sei­ner Kut­te, die ir­gend­wo eine tie­fe Ta­sche ha­ben muss­te, und för­der­te aus ihr zu­ta­ge: ein Nas­tuch, ein Ver­grö­ße­rungs­glas, einen Ro­sen­kranz, eine aus ro­ten Le­der­strei­fen ge­floch­te­ne Brief­ta­sche und end­lich eine Schnupf­ta­baks­do­se. Aus die­ser nahm er eine ge­hö­ri­ge Pri­se. Dann schneuz­te er sich laut und trom­pe­tend, der Bei­zer hin­ter dem Schank­tisch schreck­te auf, der Wei­ße Va­ter aber fuhr fort:

»Ich sage zu dem Mann: ›Col­la­ni! Wa­chen Sie auf, Kor­po­ral! Sie träu­men ja!‹ – Aber er plap­pert wei­ter: ›Ich will euch leh­ren, mi­li­tä­ri­sches Ei­gen­tum zu ver­quan­ten! Mor­gen sollt ihr Col­la­ni ken­nen­ler­nen!‹ – Da pa­cke ich den Kor­po­ral an der Schul­ter und schütt­le ihn ge­hö­rig, denn es wird mir doch un­heim­lich zu­mu­te. Er wacht wirk­lich auf und sieht sich er­staunt um. ›Wis­sen Sie, was Sie mir er­zählt ha­ben?‹, fra­ge ich. – ›Doch‹, er­wi­dert Col­la­ni. Und wie­der­holt mir, was er in der Tran­ce – so nennt man doch die­sen Zu­stand?…«

»Si­cher­lich!«, schob Go­do­frey eif­rig ein.

»… was er mir in der Tran­ce er­zählt hat. Da­rauf ver­ab­schie­det er sich. Am nächs­ten Mor­gen um acht Uhr – sehr klar war der Sep­tem­ber­mor­gen, man sah die Schotts, die großen Salz­seen, in der Fer­ne fun­keln – tret’ ich aus dem Haus und sto­ße mit Col­la­ni zu­sam­men, der vom Fou­ri­er und vom Haupt­mann be­glei­tet ist. Haupt­mann Pou­et­te er­zählt mir, Col­la­ni habe ihm ge­mel­det, dass seit ei­ni­ger Zeit Lein­tü­cher ver­schwän­den. Und Col­la­ni ken­ne so­wohl die Die­be als auch den Heh­ler. Die Die­be sei­en schon ein­ge­sperrt, nun kom­me der Heh­ler an die Rei­he. – Col­la­ni sah aus wie ein Quel­len­su­cher ohne Wün­schel­ru­te. Sei­ne Au­gen blick­ten starr, doch war er bei vol­lem Be­wusst­sein. Nur dräng­te er vor­wärts…

Ich will Sie nicht wei­ter lang­wei­len. Bei ei­nem Ju­den, der Zwie­beln, Fei­gen und Dat­teln in ei­nem win­zi­gen Läd­lein feil­hielt, fan­den wir vier Lein­tü­cher auf dem Grun­de ei­ner Oran­gen­kis­te… Ma­ma­dou war ein Ne­ger aus der vier­ten Kom­pa­gnie des Ba­tail­lons, er ge­stand den Dieb­stahl ein. Bi­el­le, ein rot­haa­ri­ger Bel­gier, ver­leg­te sich zu­erst aufs Leug­nen, dann ge­stand auch er…

Von die­ser Stun­de an nann­te man Col­la­ni nur noch den Hell­se­her­kor­po­ral, und der Ba­tail­lons­arzt, Ana­to­le Can­ta­cuzè­ne, ver­an­stal­te­te Séan­cen mit ihm: Tisch­rücken, au­to­ma­ti­sches Schrei­ben – kurz all der gott­sträf­li­che Un­sinn wur­de mit ihm ver­sucht, den hier­zu­lan­de die Spi­ri­tis­ten be­trei­ben, ohne eine Ah­nung von der Ge­fahr zu ha­ben, in die sie sich be­ge­ben.

Sie wer­den sich fra­gen, mei­ne Her­ren, warum ich Ih­nen die­se lan­ge Ge­schich­te er­zählt ha­be… Nur um Ih­nen zu be­wei­sen, dass ich nicht gleich­gül­tig blei­ben konn­te, als Col­la­ni mir eine Wo­che spä­ter Din­ge er­zähl­te, die mich, mich per­sön­lich an­gin­gen…

Es war der 28. Sep­tem­ber. Ein Diens­tag.«

Pa­ter Matt­hi­as schwieg, be­deck­te sei­ne Au­gen mit der Hand und fuhr fort:

»Col­la­ni kommt. Ich spre­che zu ihm, wie es mei­ne Pf­licht ist als Pries­ter, be­schwö­re ihn, die teuf­li­schen Ex­pe­ri­men­te zu las­sen. Er bleibt trot­zig. Und plötz­lich wird sein Blick wie­der leer, die Ober­li­der ver­de­cken halb die Au­gen, ein un­an­ge­nehm höh­ni­sches Lä­cheln zerrt sei­ne Lip­pen aus­ein­an­der, so­dass ich sei­ne brei­ten, gel­ben Zäh­ne sehe, und dann sagt er mit je­ner Stim­me, die mir so be­kannt vor­kommt: ›Hal­lo, Matt­hi­as, wie geht’s dir?‹ – Es war die Stim­me mei­nes Bru­ders, mei­nes Bru­ders, der vor fünf­zehn Jah­ren den Tod ge­fun­den hat­te!«

Die drei Män­ner um den Tisch in der klei­nen Bei­ze bei den Pa­ri­ser Markt­hal­len nah­men die­se Mit­tei­lung schweig­sam ent­ge­gen. Kom­mis­sär Ma­de­lin lä­chel­te schwach, wie man nach ei­nem schlech­ten Witz lä­chelt. Stu­ders Schnurr­bart zit­ter­te, und die Ur­sa­che die­ses Zit­terns war nicht recht fest­zu­stel­len… Nur Go­do­frey be­müh­te sich, die pein­li­che Un­wahr­schein­lich­keit der Er­zäh­lung et­was zu mil­dern. Er sag­te:

»Im­mer wie­der zwingt uns das Le­ben, mit Ge­s­pens­tern Um­gang zu pfle­gen…«

Das konn­te tief­sin­nig sein. Pa­ter Matt­hi­as sag­te sehr lei­se:

»Die frem­de und doch so ver­trau­te Stim­me re­de­te aus dem Mun­de des Hell­se­her­kor­po­rals zu mir…«

Stu­ders Schnurr­bart hör­te auf zu zit­tern, er beug­te sich über den Tisch… Die Be­to­nung des letz­ten Sat­zes! Sie klang un­echt, über­trie­ben, ge­spielt! Der Ber­ner Wacht­meis­ter blick­te zu Ma­de­lin hin­über. Das kno­chi­ge Ge­sicht des Fran­zo­sen war ein we­nig ver­zerrt. Also hat­te auch der Kom­mis­sär den Miss­ton emp­fun­den! Er hob die Hand, leg­te sie sanft auf den Tisch: »Re­den las­sen! Nicht un­ter­bre­chen!« Und Stu­der nick­te. Er hat­te ver­stan­den…

»›Hal­lo, Matt­hi­as! Kennst du mich noch? Hast du ge­meint, ich sei tot? Spring­le­ben­dig bin ich…‹ Und da be­merk­te ich zum ers­ten Male, dass Col­la­ni Deutsch re­de­te! – ›Matt­hi­as, be­eil dich, wenn du die al­ten Frau­en ret­ten willst. Sonst kom­m’ ich sie ho­len. Sie wer­den in…‹ Da ging die Stim­me, die doch nicht Col­la­nis Stim­me war, in ein Flüs­tern über, so­dass ich die nächs­ten Wor­te nicht ver­stand. Und dann wie­der, laut und deut­lich ver­nehm­bar: ›Hörst du es pfei­fen? Es pfeift und dies Pfei­fen be­deu­tet den Tod.

Fünf­zehn Jah­re hab’ ich ge­war­tet! Zu­erst die in Ba­sel, dann die in Bern! Die eine war klug, sie hat mich durch­schaut, die spar’ ich mir auf. Die an­de­re hat mei­ne Toch­ter schlecht er­zo­gen. Da­für muss sie ge­straft wer­den.‹ Ein La­chen und dann schwieg die Stim­me. Dies­mal war Col­la­nis Schlaf so tief, dass ich Mühe hat­te, den Mann zu we­cken…

End­lich klap­pen sei­ne Li­der ganz auf, er sieht mich an, er­staunt. Da fra­ge ich den Hell­se­her­kor­po­ral: ›Weißt du, was du mir er­zählt hast, mein Sohn?‹ – Zu­erst schüt­telt Col­la­ni den Kopf, dann er­wi­dert er: ›Ich sah einen Mann, den ich in Fez ge­pflegt hat­te vor fünf­zehn Jah­ren. Er ist ge­stor­ben, da­mals, an ei­nem bö­sen Fie­ber… Im Jah­re sie­ben­zehn, wäh­rend des Welt­krie­ge­s… Dann sah ich zwei Frau­en. Die eine hat­te eine War­ze ne­ben dem lin­ken Na­sen­flü­gel… Der Mann da­mals in Fez – wie hieß er? Wie hieß er nur?‹ – Col­la­ni reibt sich die Stir­ne, er fin­det den Na­men nicht, ich hel­fe ihm auch nicht – ›der Mann in Fez hat mir einen Brief ge­ge­ben. Den soll ich ab­schi­cken, nach fünf­zehn Jah­ren. Ich hab’ ihn ab­ge­schickt. An sei­nem To­des­tag. Am 20. Juli. Der Brief ist fort, ja er ist fort!‹, schreit er plötz­lich. ›Ich will mit der Sa­che nichts mehr zu tun ha­ben! Es ist un­er­träg­lich. Ja­wohl!‹, schreit er noch lau­ter, als ant­wor­te er dem Vor­wurf ei­nes Un­sicht­ba­ren. ›Ich habe eine Ko­pie be­hal­ten. Was soll ich mit der Ko­pie tun?‹ – Der Hell­se­her­kor­po­ral ringt die Hän­de. Ich be­ru­hi­ge ihn: ›Bring mir die Ab­schrift des Brie­fes, mein Sohn. Dann wird dein Ge­wis­sen ent­las­tet sein. Geh! Jetzt gleich!‹ – ›Ja, mein Va­ter‹, sagt Col­la­ni, steht auf und geht zur Türe. Ich höre noch die Nä­gel sei­ner Soh­len auf dem Stein vor mei­ner Hau­stü­re krei­schen…

Und dann hab’ ich ihn nie mehr ge­se­hen! Er ver­schwand aus Géryville. Man nahm an, Col­la­ni sei de­ser­tiert. Der Fall wur­de auf Be­fehl des Ba­tail­lons­kom­man­dan­ten un­ter­sucht. Man fand her­aus, dass am glei­chen Abend ein Frem­der in ei­nem Auto nach Géryville ge­kom­men und in der glei­chen Nacht wie­der ab­ge­fah­ren war. Vi­el­leicht hat er den Hell­se­her­kor­po­ral mit­ge­nom­men…«

Pa­ter Matt­hi­as schwieg. Im klei­nen Raum war ein­zig das Schnar­chen des di­cken Wir­tes zu hö­ren und da­zwi­schen, ganz lei­se, das Ti­cken ei­ner Wand­uhr…

Der Wei­ße Va­ter nahm die Hand vom Ge­sicht. Sei­ne Au­gen wa­ren leicht ge­rötet, und noch im­mer ge­mahn­te ihre Far­be an das Meer – aber nun la­gen Ne­bel­schwa­den über den Was­sern und ver­bar­gen die Son­ne. Der alte Mann, der aus­sah wie der Schnei­der Meck­meck, mus­ter­te sei­ne Zu­hö­rer.

Es war ein schwie­ri­ges Un­ter­fan­gen, drei mit al­len Was­sern ge­wa­sche­nen Kri­mi­na­lis­ten eine Ge­s­pens­ter­ge­schich­te zu er­zäh­len. Sie lie­ßen ein lan­ges Schwei­gen wal­ten, dann klopf­te der eine, Ma­de­lin, mit der fla­chen Hand auf den Tisch. Der Wirt fuhr auf.

»Vier Glä­ser!«, be­fahl der Kom­mis­sär. Er füll­te sie mit Rum, sag­te tro­cken: »Eine klei­ne Stär­kung wird Ih­nen gut­tun, mein Va­ter.« Und Pa­ter Matt­hi­as leer­te ge­hor­sam sein Glas. Stu­der zog ein läng­li­ches Le­de­re­tui aus der Bu­sen­ta­sche, stell­te be­trübt fest, dass ihm nur noch eine Bris­sa­go ver­blieb, zün­de­te sie um­ständ­lich an und gab auch Ma­de­lin Feu­er, der eine Pfei­fe ge­stopft hat­te. Mit die­ser gab der Kom­mis­sär sei­nem Schwei­zer Kol­le­gen einen Wink, eine klei­ne Auf­for­de­rung, mit dem fäl­li­gen Ver­hör zu be­gin­nen.

Stu­der rück­te nun eben­falls vom Tisch ab, leg­te die Ell­bo­gen auf die Schen­kel, fal­te­te die Hän­de und be­gann zu fra­gen, lang­sam und be­däch­tig, wäh­rend sei­ne Au­gen ge­senkt blie­ben.

»Zwei Frau­en? Ihr Bru­der hat sich wohl nicht der Bi­ga­mie schul­dig ge­macht?«

»Nein«, sag­te Pa­ter Matt­hi­as. »Er ließ sich schei­den von der ers­ten Frau und hei­ra­te­te dann ihre Schwes­ter Jo­se­pha.«

»So so. Schei­den?«, wie­der­hol­te Stu­der. »Ich dach­te, das gäbe es nicht in der ka­tho­li­schen Re­li­gi­on.« Er hob die Au­gen und sah, dass Pa­ter Matt­hi­as rot ge­wor­den war. Von der sehr ho­hen Stir­ne roll­te eine Blut­wel­le über das braun­ge­brann­te Ge­sicht – nach­her blieb die Haut merk­wür­dig grau ge­fleckt.

»Ich bin mit acht­zehn Jah­ren zur ka­tho­li­schen Re­li­gi­on über­ge­tre­ten«, sag­te Pa­ter Matt­hi­as lei­se. »Da­rauf­hin wur­de ich von mei­ner Fa­mi­lie ver­sto­ßen.«

»Was war Ihr Bru­der?«, frag­te Stu­der wei­ter.

»Geo­lo­ge. Er schürf­te im Sü­den von Marok­ko nach Er­zen: Blei, Sil­ber, Kup­fer. Für die fran­zö­si­sche Re­gie­rung. Und dann ist er in Fez ge­stor­ben.«

»Sie ha­ben den To­ten­schein ge­se­hen?«

»Er ist der zwei­ten Frau nach Ba­sel ge­schickt wor­den. Mei­ne Nich­te hat ihn ge­se­hen.«

»Sie ken­nen Ihre Nich­te?«

»Ja; sie wohnt in Pa­ris. Sie war hier bei dem Se­kre­tär mei­nes ver­stor­be­nen Bru­ders an­ge­stellt.«

»Nun«, mein­te Stu­der und zog sein No­tiz­büch­lein aus der Ta­sche – es war ein neu­es Ring­buch, das stark nach Juch­ten roch, ein Weih­nachts­ge­schenk sei­ner Frau, die sich im­mer über sei­ne bil­li­gen Wachs­tuch­büch­li ge­är­gert hat­te. Stu­der schlug es auf.

»Ge­ben Sie mir die Adres­sen Ih­rer bei­den Schwä­ge­rin­nen«, bat er höf­lich.

»Jo­se­pha Cle­man-Hor­nuss, Spa­len­berg 12, Ba­sel. – So­phie Hor­nuss, Ge­rech­tig­keits­gas­se 44, Bern.« Der Pa­ter sprach ein we­nig atem­los.

»Und Sie mei­nen wirk­lich, mein Va­ter, dass den al­ten Frau­en Ge­fahr droht?«

»Ja… wirk­lich… ich glau­be es… bei mei­ner See­le Se­lig­keit!« Wie­der hät­te Stu­der dem Männ­lein mit dem Schnei­der­bart am liebs­ten ge­sagt: »Re­den Sie we­ni­ger ge­schwol­len!« Aber das ging nicht an. Er sag­te nur:

»Ich wer­de hier in Pa­ris noch Sil­ves­ter fei­ern, dann den Nacht­zug neh­men und am Neu­jahrs­mor­gen in Ba­sel an­kom­men. Wann fah­ren Sie in die Schweiz?«

»Heut’… Heut’ nacht!«

»Dann«, sag­te Go­do­freys Pa­pa­gei­en­stim­me, »dann ha­ben Sie ge­ra­de noch Zeit, ein Taxi zu neh­men.«

»Mein Gott, ja, Sie ha­ben recht… Aber wo…?«

Kom­mis­sär Ma­de­lin tauch­te ein Stück Zu­cker in sei­nen Rum und wäh­rend er an die­sem »Canard« lutsch­te, rief er dem schnar­chen­den Bei­zer ein Wort zu.

Die­ser sprang auf, stürz­te zur Tür, steck­te zwei Fin­ger zwi­schen die Zäh­ne. So gel­lend war der Pfiff, dass sich Pa­ter Matt­hi­as die Ohren zu­hielt.

Und dann war der Ge­schich­ten­er­zäh­ler ver­schwun­den.

Kom­mis­sär Ma­de­lin brumm­te: »Ich möcht’ nur ei­nes wis­sen. Hält uns der Mann für klei­ne Kin­der? – Stüdè­re, es tut mir leid. Ich dach­te, er hät­te Wich­ti­ge­res zu er­zäh­len. Und dann war er mir emp­foh­len wor­den. Er hat Pro­tek­tio­nen, hohe Pro­tek­tio­nen!… Aber nicht ein­mal eine Run­de hat er be­zahlt! Wirk­lich, er ist ein Kind!«

»Ver­zei­hung, Chef«, ent­geg­ne­te Go­do­frey. »Das stimmt nicht. Kin­der ste­hen mit den En­geln auf du und du. Aber un­ser Pa­ter duzt die En­gel nicht…«

»Hä?« Ma­de­lin riss die Au­gen auf und auch Stu­der be­trach­te­te er­staunt das über­e­le­gan­te Zwer­g­lein.

Go­do­frey ließ sich nicht aus der Ruhe brin­gen.

»Die En­gel duzt man nur«, sag­te er, »wenn man ein lau­te­res Ge­müt hat. Un­ser Pa­ter ist vol­ler Rän­ke. Sie wer­den noch von ihm hö­ren! Aber jetzt«, er wink­te dem Wirt, »jetzt trin­ken wir Cham­pa­gner auf das Wohl des En­kel­kin­des un­se­res In­spek­tors.« Und er wie­der­hol­te die deut­schen Wor­te des Te­le­gramms: »Das jun­ge Scha­kob­li lässt den al­ten Scha­kob gris­sen…« Stu­der lach­te, dass ihm die Trä­nen in die Au­gen tra­ten und dann tat er sei­nen Beglei­tern Be­scheid.

Üb­ri­gens war es gut, dass Kom­mis­sär Ma­de­lin sei­nen Po­li­zei­aus­wels bei sich trug. Denn sonst wä­ren die drei Män­ner um zwei Uhr mor­gens si­cher we­gen Nacht­lärm ar­re­tiert wor­den. Stu­der hat­te es sich in den Kopf ge­setzt, sei­nen bei­den Beglei­tern das Lied vom »Bri­en­zer Bu­ur­li« bei­zu­brin­gen, und ein uni­for­mier­ter Po­li­zist fand einen Pa­ri­ser Bou­le­vard un­ge­eig­net für eine Ge­sangs­stun­de. Er be­ru­hig­te sich je­doch, als er den Be­ruf der drei Män­ner fest­ge­stellt hat­te. Und so konn­te Wacht­meis­ter Stu­der fort­fah­ren, sei­nen Kol­le­gen von der Pa­ri­ser Si­cher­heits­po­li­zei ber­ni­sches Kul­tur­gut zu ver­mit­teln. Er lehr­te sie: »Nie­ne geit’s so schön und lusch­tig…«, wor­auf ihm das Wort »Em­men­tal« Ge­le­gen­heit gab, den Un­ter­schied zwi­schen Greyer­zer- und Em­men­ta­ler­kä­se zu er­läu­tern. Denn in Frank­reich herrscht die ket­ze­ri­sche An­sicht, je­der Schwei­zer­kä­se stam­me aus dem Greyer­zer­lan­de…

Gas

Nach­dem Wacht­meis­ter Stu­der sei­nen ram­po­nier­ten Schweins­le­der­kof­fer in ei­nem Ab­teil des Nacht­schnell­zu­ges Pa­ris-Ba­sel ver­staut hat­te, ließ er im Gang das Fens­ter her­ab und nahm Ab­schied von sei­nen Freun­den. Kom­mis­sär Ma­de­lin zog mit Äch­zen und Stöh­nen eine in Zei­tungs­pa­pier ver­pack­te Fla­sche aus der Man­tel­ta­sche, Go­do­frey reich­te ein Päck­lein zum Wag­gon­fens­ter hin­auf, das ohne Zwei­fel eine Ter­ri­ne Gans­le­ber­pas­te­te ent­hielt, und lis­pel­te: »Pour ma­da­me!« Dann fuhr der Zug aus der Hal­le des Ost­bahn­ho­fes und Stu­der kehr­te in sein Dritt­klass-Ab­teil zu­rück.

Sei­nem Eck­platz ge­gen­über hat­te ein Fräu­lein Platz ge­nom­men. Pelz­jackett, graue Wild­le­der­schu­he, graus­ei­de­ne St­rümp­fe. Das Fräu­lein zün­de­te eine Zi­ga­ret­te an – aus­ge­spro­chen männ­li­che Rau­cher­wa­re, fran­zö­si­sche Ré­gie-Zi­ga­ret­ten: Gau­loi­ses. Sie streck­te Stu­der das blaue Päck­lein hin und der Wacht­meis­ter be­dien­te sich. Das Fräu­lein er­zähl­te, es sei Bas­le­rin und wol­le sei­ne Mut­ter be­su­chen. Über Neu­jahr. – Wo woh­ne die Mut­ter? – Auf dem Spa­len­berg. – So so? Auf dem Spa­len­berg? – Ja…

Stu­der be­gnüg­te sich mit die­ser Aus­kunft. Das jun­ge Meit­schi war zwei-, höchs­tens drei­und­zwan­zig­jäh­rig und es ge­fiel dem Wacht­meis­ter aus­neh­mend. Es ge­fiel ihm – in al­len Ehren. Schließ­lich hat­te man nicht das Recht als Groß­va­ter, als so­li­der Mann… Äbe!… Und es war an­ge­nehm, mit dem Meit­schi z’­brich­te…

Dann wur­de Stu­der müde, ent­schul­dig­te sein Gäh­nen, er sei sehr be­schäf­tigt ge­we­sen in Pa­ris – das Meit­schi lä­chel­te, un­ver­schämt ein we­nig, – was tat das? Der Wacht­meis­ter lehn­te den schwe­ren Kopf in die Ecke auf sei­nen grau­en Re­gen­man­tel und schlum­mer­te ein. Als er er­wach­te, saß ihm ge­gen­über im­mer noch das Meit­schi, es schi­en sich kaum be­wegt zu ha­ben. Nur das blaue Päck­li mit den Zi­ga­ret­ten, das in Pa­ris noch voll ge­we­sen war, lag als lee­res Pa­pier, zu­sam­men­ge­knäu­elt, in ei­ner Ecke. Und Stu­der hat­te Kopf­weh, weil das Kupée blau von Rauch war…

Er trug sei­nen Kof­fer und den sei­ner Mit­rei­sen­den bis an den Zoll, ver­ab­schie­de­te sich dann und stieß mit ei­nem Man­ne zu­sam­men, der auf dem Kop­fe eine Kap­pe trug, die aus­sah wie ein von ei­nem Töp­fer ver­pfusch­ter Blu­men­topf; eine wei­ße Mönchs­kut­te hüll­te sei­nen ma­ge­ren Kör­per ein und die Füße, die blut­ten, steck­ten in of­fe­nen San­da­len…

Wacht­meis­ter Stu­der er­war­te­te eine herz­li­che Be­grü­ßung. Sie er­folg­te nicht. Das Ge­sicht, mit dem Schnei­der­bärt­lein am Kinn, sah ängst­lich aus und trau­rig, der Mund –wie bleich wa­ren die Lip­pen! – mur­mel­te: »Ah, In­spek­tor! Wie geht’s?« Und ohne eine Ant­wort ab­zu­war­ten, wand­te sich Pa­ter Matt­hi­as dem jun­gen Mäd­chen zu, das mit Stu­der ge­reist war, und nahm ihm den Kof­fer ab. Vor dem Bahn­hof stie­gen die bei­den in ein Taxi und fuh­ren da­von.

Der Wacht­meis­ter hob die mäch­ti­gen Ach­seln. Die Pro­phe­zei­un­gen des Hell­se­her­kor­po­rals, die ein Wei­ßer Va­ter drei Kri­mi­na­lis­ten in ei­ner Bei­ze bei den Pa­ri­ser Markt­hal­len auf­ge­tischt hat­te, schie­nen je­der Be­stä­ti­gung zu ent­beh­ren. Denn hät­te der Pa­ter ih­nen Glau­ben ge­schenkt, so wäre es sei­ne Pf­licht ge­we­sen, Wa­che zu hal­ten bei der… der… wie hieß sie nur? Ei­ner­lei!… bei der Frau auf dem Spa­len­berg, um sie zu schüt­zen ge­gen einen Tod, der ir­gend et­was mit Pfei­fen zu tun hat­te… Pfei­fen… Was pfiff? Ein Pfeil… Der Bol­zen ei­nes Blas­roh­res… Was noch? Eine Schlan­ge?… Das wa­ren al­les Erin­ne­run­gen aus den De­tek­tiv­ge­schich­ten des Herrn Co­nan Doy­le, der un­ter die Spi­ri­tis­ten ge­gan­gen war. – Es gab da eine Ge­schich­te… Wie hieß sie? Das ge­tupf­te… ge­tupf­te… Ja, das ge­tupf­te Band! Da wi­ckel­te sich eine Schlan­ge um eine Klin­gel­schnur. Nun, Herr Co­nan Doy­le be­saß Fan­ta­sie, aber Stu­der hat­te kei­ne Bris­sa­gos mehr. So lie­bens­wür­dig und gast­freund­lich die Fran­zo­sen auch wa­ren, Bris­sa­gos kann­ten sie nicht… Und dar­um ließ sich der Wacht­meis­ter sein läng­li­ches Le­de­re­tui am Bahn­hof­ki­osk frisch fül­len. Aber er ver­sag­te sich den Ge­nuss, so­gleich einen die­ser Sten­gel an­zu­zün­den, son­dern be­gab sich zu­erst ins Buf­fet, all­wo er z’Mor­gen aß, aus­gie­big und fried­lich. Und dann be­schloss er, einen Freund auf­zu­su­chen, der in der Mis­si­ons­s­tra­ße wohn­te.

Un­ter­wegs, zu­erst in der Frei­en Stra­ße, denn es war noch früh am Mor­gen und Stu­der mach­te einen Um­weg, um sei­nen Freund nicht zu früh auf­zu­stö­ren, schüt­tel­te er den Kopf. Das scha­de­te we­nig, denn es gab kei­ne Passan­ten, die sich über dies Kopf­schüt­teln und das nach­he­ri­ge Selbst­ge­spräch hät­ten auf­hal­ten kön­nen. Wacht­meis­ter Stu­der schüt­tel­te also sei­nen Kopf und mur­mel­te: »Er duzt die En­gel nicht.« Und Pa­ter Matt­hi­as schi­en ein Mann zu sein, der vol­ler Rän­ke war.

Auf dem Markt­platz schüt­tel­te er noch ein­mal den Kopf und mur­mel­te dann: »Das jun­ge Ja­kob­li lässt den al­ten Ja­kob grü­ßen.« Das Hedy war doch ein merk­wür­di­ges Frau­en­zim­mer!… Nun war es nah an den Fünf­zig, Groß­mut­ter dazu, aber es lieb­te eine ori­gi­nel­le Aus­drucks­wei­se. Frü­her hät­te sich Stu­der dar­über ge­är­gert. Aber nach sie­ben­und­zwan­zig­jäh­ri­ger Ehe wird man nicht mehr taub… s’He­dy!… Die Frau hat­te es nicht im­mer leicht ge­habt. Aber ein tap­fe­rer Kerl war sie… Und nun: eine tap­fe­re Groß­mut­ter…

Groß­mut­ter… Stu­der blick­te auf, blieb ste­hen, denn es ging berg­auf. Rich­tig: der Spa­len­berg! Und eine Num­mer leuch­te­te ihm ent­ge­gen…

Da flog das Hau­stor auf, ein Mäd­chen stürz­te her­aus, und da der Wacht­meis­ter der ein­zi­ge Mensch auf der Stra­ße war, pack­te es na­tür­lich ihn am Är­mel und keuch­te:

»Kom­men Sie mit!… Die Mut­ter!… Es riecht nach Gas!…«

Und Wacht­meis­ter Stu­der von der Ber­ner Fahn­dungs­po­li­zei folg­te sei­nem Schick­sal: dies­mal hat­te es die Ge­stalt ei­nes jun­gen Meit­schis an­ge­nom­men das ger­ne star­ke fran­zö­si­sche Zi­ga­ret­ten rauch­te und ein Pelz­jackett, graue Wild­le­der­schu­he und graue Sei­den­st­rümp­fe trug.

»Blyb uf dr Lou­be!«, sag­te Stu­der, nach­dem er keu­chend drei Stock­wer­ke er­stie­gen hat­te. Ohne Zwei­fel, der Gas­ge­ruch war deut­lich! Kei­ne Klin­ke, kein Schlüs­sel an der Tü­re… Tan­nen­holz – und ein schwa­ches Schloss…

Stu­der nahm sechs Schrit­te An­lauf, kei­nen ein­zi­gen mehr. Aber eine sim­ple Tan­nen­holz­tü­re ver­mag dem An­prall ei­nes Dop­pel­zent­ners nicht stand­zu­hal­ten. So gab die Türe ge­hor­sam nach – nicht das Holz, son­dern das Schloss – und eine Wol­ke von Gas ström­te Stu­der ent­ge­gen. Zum Glück war sein Nas­tuch groß. Er kno­te­te es im Na­cken fest, so­dass es Mund und Nase be­deck­te.

»Blyb dus­se, Meit­schi!«, rief Stu­der noch. Zwei Schrit­te – und die win­zi­ge Kü­che war durch­quert; eine Türe wur­de auf­ge­sto­ßen. Das Wohn­zim­mer war qua­dra­tisch, weiß­ge­kalkt. Der Wacht­meis­ter riss das Fens­ter auf und lehn­te sich hin­aus… Und das Nas­tuch ließ sich wie eine Fast­nachts­mas­ke ab­strei­fen…

Ein Ge­wirr von Dä­chern… Ka­mi­ne stie­ßen fried­lich ih­ren Rauch in die kal­te Win­ter­luft. Reif glänz­te auf den dunklen Zie­geln. Und über den höchs­ten First kroch lang­sam eine blei­che Win­ter­son­ne. Der ein­drin­gen­de Luft­zug nahm das gif­ti­ge Gas mit sich.

Stu­der wand­te sich um und sah einen fla­chen Schreib­tisch, eine Couch, drei Stüh­le; an der Wand das Te­le­fon. Er durch­quer­te den Raum, ge­lang­te in die kor­ri­dor­ar­ti­ge Kü­che. Die bei­den Häh­ne des Réchauds wa­ren ge­öff­net, das Gas pfiff aus den Bren­nern. Ge­dan­ken­los schloss Stu­der die­se Häh­ne. Es war nicht sehr ein­fach, denn ein Lehn­stuhl stand im Wege, mit grü­nem Samt über­zo­gen. In ihm saß eine alte Frau, son­der­bar fried­lich, ge­löst und schi­en zu schla­fen. Die eine Hand ruh­te auf der Arm­leh­ne, der Wacht­meis­ter er­griff sie, tas­te­te nach dem Puls, schüt­tel­te den Kopf und leg­te die kal­te Hand vor­sich­tig auf das ge­schnitz­te Holz zu­rück.

Win­zig war die Kü­che wirk­lich. An­dert­halb Me­ter auf zwei, ein Kor­ri­dor eher. Über dem Gas­réchaud hing an der Wand ein Holz­ge­stell. Blech­do­sen – ehe­mals weiß email­liert, jetzt ge­bräunt, die Gla­sur ab­ge­sto­ßen: »Kaf­fee«, »Mehl«, »Salz«… Al­les war ärm­lich. Und durch den leich­ten Gas­ge­ruch, der noch zu­rück­b­lieb, stach deut­lich ein an­de­rer: Kamp­fer…

Es roch nach al­ter Frau, nach ein­sa­mer, al­ter Frau.

Es war ein ganz be­stimm­ter Ge­ruch, den Stu­der kann­te; er kann­te ihn aus den win­zi­gen Woh­nun­gen in der Metz­ger­gas­se, wo es hin und wie­der ei­ner al­ten Frau zu lang­wei­lig wur­de oder zu ein­sam und sie dann den Gas­hahn auf­dreh­te. Manch­mal aber war es we­der Ein­sam­keit noch Lan­ge­wei­le; son­dern Not…

Stu­der trat vor die Woh­nungs­tür. Links am Tür­pfos­ten, un­ter dem wei­ßen Klin­gel­knopf, ein Schild:

Jo­se­pha Cle­man-Hor­nuss Wit­we

Wit­we!… Als ob Wit­we ein Be­ruf wäre!…

Er rief dem Meit­schi, das am Ge­län­der der Lau­be lehn­te – g’spä­ßig war das Haus ge­baut: die Lau­be ging auf ein Gärt­lein, ob­wohl die Woh­nung im drit­ten Stock­werk lag, und das Gärt­lein war von ei­ner Mau­er um­ge­ben, in die eine Türe ein­ge­las­sen war; wo­hin führ­te die Tür?… wohl auf eine Ne­ben­gas­se – er rief dem Meit­schi und es kam nä­her.

Es war na­tür­lich und selbst­ver­ständ­lich, dass der Wacht­meis­ter das Meit­schi sanft zu dem Lehn­stuhl führ­te, in dem eine alte Frau fried­lich schlum­mer­te.