Die Filiale - Veit Etzold - E-Book

Die Filiale E-Book

Veit Etzold

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Beschreibung

Knallhart & beängstigend realistisch: »Die Filiale« ist der erste Band von Veit Etzolds großer Thriller-Reihe um Laura Jacobs, die als richtige Frau im falschen Job in einen mörderischen Finanzskandal verwickelt wird.   Laura Jacobs kann es kaum glauben, als sie den Brief ihres Arbeitgebers öffnet: Eben noch hat sie bei einem Banküberfall auf ihre Filiale ein Blutbad verhindert – jetzt hält sie die Kündigung für den Mietvertrag ihres Zuhauses in der Hand! Die Bank, der neben Lauras Haus eine ganze Reihe von Immobilien in Berlin gehört, will die Grundstücke an einen Investor verkaufen. Lediglich Lauras früherer Chef hält zu ihr und stellt sich gegen das Geschäft. Doch als er sich plötzlich für den Mord an einer Prostituierten verantworten muss, wird Laura klar, dass sie es mit etwas weitaus Schlimmerem als einem gierigen Immobilienhai zu tun hat …   Bestseller-Autor Veit Etzold ist Experte für internationale Wirtschaft und Finanzwesen. Seine Polit-Thriller garantieren hoch spannende, brisante und top recherchierte Unterhaltung, die der Realität manchmal nur einen kleinen Schritt voraus ist.   Entdecken Sie auch die anderen harten Polit-Thriller von Veit Etzold: - Todesdeal (Rohstoff-Krieg im Kongo) - Dark Web (hoch brisantes Cyber-Terrorismus-Szenario) - Staatsfeind (erschreckend realistisches Verschwörungsszenario innerhalb der Bundesrepublik) - Final Control (Kampf der Supermächte China und Europa um digitale Kontrolle)

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EPUB

Seitenzahl: 396

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Veit Etzold

Die Filiale

Thriller

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Laura Jacobs kann es kaum glauben, als sie den Brief ihres Arbeitgebers öffnet: Eben noch hat sie bei einem Banküberfall auf ihre Filiale ein Blutbad verhindert – jetzt hält sie die Kündigung für den Mietvertrag ihres Zuhauses in der Hand!

Die Bank, der neben Lauras Haus eine ganze Reihe von Immobilien in Berlin gehört, will die Grundstücke an einen Investor verkaufen. Lediglich Lauras früherer Chef hält zu ihr und stellt sich gegen das Geschäft. Doch als er sich plötzlich für den Mord an einer Prostituierten verantworten muss, wird Laura klar, dass sie es mit etwas weitaus Schlimmerem als einem gierigen Immobilienhai zu tun hat …

Bestseller-Autor Veit Etzold ist Experte für internationale Wirtschaft und Finanzwesen. Seine Politthriller garantieren hoch spannende, brisante und toprecherchierte Unterhaltung, die der Realität manchmal nur einen kleinen Schritt voraus ist.

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

MONTAG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

DIENSTAG

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

MITTWOCH

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

FREITAG

Kapitel 23

Kapitel 24

SAMSTAG

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

MONTAG

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

DIENSTAG

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

MITTWOCH

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

DONNERSTAG

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

FREITAG

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Einige Tage später

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

An einem anderen Ort

Dankwort

Charaktere

Für die Köpfe bei AVA und Droemer Knaur, die an der Idee beteiligt waren.

Und natürlich für Saskia.

Du bist nicht im Geschäft, um geliebt zu werden. Ich bin es auch nicht.

Wir sind hier, um zu gewinnen.

Wenn du einen Freund brauchst, kauf dir einen Hund.

Ich gehe kein Risiko ein. Ich habe zwei Hunde.

 

Al »Chainsaw« Dunlap

MONTAG

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

BWG Bank, Filiale Koppenstraße, Berlin

Manche Dinge haben eine unheimliche Aura, auch wenn sie eigentlich gar nicht böse sind. Ein Lkw, der Tausende von Kühen in den Schlachthof gefahren hat, ein Raum, in dem ein Mensch ermordet wurde, ein Hammer, mit dem jemand einem anderen den Schädel eingeschlagen hat.

Dieser Brief, der vor Laura lag, hatte auch eine solche Aura.

»Von der Bank«, hatte Sandra gesagt und Laura den Brief hingelegt. »Scheint von der Wohnungsgesellschaft zu sein.«

Das Wort Wohnungsgesellschaft sorgte dafür, dass Laura einen Stich im Magen spürte. Denn sie befürchtete, dass sie dieses Mal eine hohe Nebenkostennachzahlung erwartete. Da es auf dem gemeinsamen Konto von Laura und ihrem Mann Timo nach der letzten Autowerkstattrechnung nicht ganz so üppig aussah, hoffte sie, dass sie den Betrag bezahlen konnten, ohne an irgendwelche Reserven gehen zu müssen.

Laura atmete tief durch und zwang sich, den Brief nicht sofort zu öffnen.

Sie wunderte sich ohnehin, warum der Brief der Wohnungsgesellschaft sie in der Bank erreichte und nicht an ihre Adresse zu Hause ging. Denn sonst waren doch alle Abrechnungen immer nach Hause geschickt worden. Vielleicht, dachte sie, wurde das jetzt so gemacht, weil die Wohnungsgesellschaft nun mal zur Bank gehörte.

Zu Hause, dachte sie. Dort hatte der Tag ganz gut angefangen. Timo war schon längst aufgebrochen, weil er als Handwerker immer früher anfing, lange bevor Laura ihren ersten Kaffee getrunken hatte. Ihren ersten aufgewärmten Kaffee. Timo hatte nett sein wollen und ihr eine große Tasse Kaffee auf die Anrichte gestellt, ohne irgendetwas zu sagen, sodass Laura den Kaffee erst entdeckt hatte, als er längst kalt geworden war. So war ihr Mann, dachte sie. Wenn es darum ging, irgendwelche Filmszenen zu zitieren, in denen Darth Vader oder wer auch immer irgendeinen Commander rundmachte, war er an Wortgewalt nicht zu überbieten. Nur bei wichtigen Themen blieb er schweigsam. Vielleicht, dachte sie, war der Kaffee auch einfach nur eine unbeholfene Entschuldigung für die gigantische Verpackung des 3-D-Druckers, den Timo letzte Woche gekauft hatte und dessen Verpackung noch immer den halben Flur blockierte. Tja, so ein 3-D-Drucker konnte zwar angeblich alles drucken, aber achtlos auf dem Boden liegen gelassene nasse Handtücher konnte er nicht aufräumen, und Timos Socken bugsierte er auch nicht vom Fußboden des Schlafzimmers in die Waschmaschine. Egal, der Kaffee schmeckte auch aufgewärmt.

Laura war an diesem Morgen rechtzeitig aufgestanden und hätte eigentlich alle Zeit der Welt haben sollen, aber sie hatte lange und grüblerisch mit der Kaffeetasse im Garten gestanden und sich darüber geärgert, dass Timo erneut vergessen hatte, den Grill abzudecken. Immerhin fiel ihr ein, dass für die nächsten Tage Sonne vorhergesagt war und sie den Grill schon heute Abend wieder brauchen würden.

 

Die Filiale war eine völlig andere Welt. Einerseits ganz anders als ihr gemütliches Haus, andererseits so vertraut, dass sie schon fast miefig wirkte. Laura ertappte sich immer dabei, dass sie in der Bank anders redete und sogar anders dachte als zu Hause. Hatte sie mit dem Kostüm schon einen Teil der professionellen »Business Laura« angelegt, tat die Filiale ihr Übriges dazu. Doch es gab keinen Grund, sich heute sonderlich überlegen zu fühlen und die Aura des Mehrwissens zu verbreiten, die dazu führte, dass sich unwissende Leute voller Vertrauen – oder vielleicht Dummheit – von den Bankern windige Geldanlagen aufschwatzen ließen. Denn Laura stand heute an der Kasse, da mal wieder die Hälfte der Filiale krank war. Am Schalter hätte man früher gesagt, wo einst die Bankbeamten ihre Arbeit taten, auch wenn sie gar keine Beamten waren.

Dass auch Kundenberater an der Kasse aushelfen mussten, war bei allen Banken so, nicht nur hier. Die Mitarbeiter waren entweder krank, im Urlaub, auf Schulungen, schwanger oder im Vorruhestand. Wenn die Bank noch einige Tote auf der Gehaltsliste hätte, hätte sie das auch nicht gewundert. Eigentlich war sie Wertpapierberaterin und sollte Kunden Aktien und Fonds verkaufen. Aber da die Bank einen Großteil ihres Umsatzes mit hohen Gebühren von Leuten machte, die noch nie etwas von Onlinebanking und Geldautomaten gehört hatten und daher ständig an die Kasse rannten, musste die Kasse permanent besetzt sein. Auch wenn dort nur zwei Personen die Stellung hielten. Laura kam der Gedanke, dass die Schlangen der Kunden im Jahr 1989 auch so lang wie heute gewesen sein mussten, als alle Besucher aus dem Osten in westdeutschen Banken ein Begrüßungsgeld bekommen hatten.

Lachen und Erträge machen, stand als Motivationsspruch für den heutigen Tag im Intranet der Bank. Der Spruch war immerhin kurz und ein bisschen witzig. Besser als das übliche Mit Fleiß, mit Mut, mit festem Willen, lässt jeder Wunsch sich endlich stillen oder die zum tausendsten Mal aufgebrühte Augustinus-Soße mit dem Selbst brennen und andere entflammen und andere verstaubte Relikte aus der Leadership-Mottenkiste. In der Spiegelung des Monitors sah Laura ihr Gesicht, die braunen Haare, die dunklen Augen. Manche sagten, sie sähe ein wenig aus wie Sandra Bullock. Na, Laura fand, dass das durchaus nach einem echten Kompliment klang.

Heute Morgen hatte sie in den Badezimmerspiegel geblickt und auf den ersten Blick nicht mehr gesehen als in der Spiegelung des Monitors. Timo hatte wieder ewig lange geduscht, vergessen, das Fenster zu öffnen und damit den Raum in eine Dampfsauna verwandelt, auf die jeder Sultan in Tausendundeine Nacht neidisch gewesen wäre. Laura hatte den Spiegel abgewischt, sich geschminkt und dann überlegt, was sie anziehen sollte. Das eher strenge Kostüm? Oder war das zu »bossy«? Oder den ausgestellten Rock mit Bluse? Oder war das zu feminin? Das marineblaue Kostüm war am besten. Es war feminin, machte eine gute Figur, ohne dass sie Gefahr lief, wie eine Presswurst auszusehen, und wenn es ein bisschen bossy war, dann war es halt so. Sowieso komisch, dass man nur Frauen bossy nannte. Männer nannte man hingegen durchsetzungsstark. Laura hatte das Kostüm im letzten Schlussverkauf gekauft, nachdem sie den Laden bestimmt zehnmal aufgesucht hatte und um den Kleiderständer herumgeschlichen war. Sie hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, da das Kostüm zwar heruntergesetzt, aber immer noch ziemlich teuer gewesen war. Anstrengende Tage stand man mit der richtigen Kleidung allerdings einfach besser durch.

 

Sie schaute nach oben, wo es über vier Treppenstufen zu den Beraterplätzen ging. Tom Harding, der Filialleiter, saß an seinem Pult ganz vorne. Der Platz sorgte dafür, dass er alles im Blick hatte und möglichst viele nervige und begriffsstutzige Kunden, die ohnehin kein Geld brachten, an die Kollegen, die er immer sein Team nannte, die er aber eher als Untertanen sah, weiterreichen konnte. Auf seiner Visitenkarte und auf dem Messingschild auf seinem Pult stand Tom Harding, Filialleiter, und darunter noch Finanzwirt SOB. Die SOB oder auch School of Business war im Jahrtausendtaumel eine bankeigene Akademie gewesen, die zur Finanzkrise wieder zugemacht worden war. Dennoch hatte Tom diesen seltsamen Titel nach wie vor auf seiner Visitenkarte, ein Titel, der nur auf den ersten Blick so aussah, als wäre es ein MBA einer großen Wirtschaftsschule. SOB klang aber ein bisschen wie Snob und passte deshalb zu Tom.

Lachen und Erträge machen, las Laura den Spruch noch einmal. Denn genau darum ging es. Fonds, Wertpapiere und teure Versicherungen verkaufen, an denen die Bank ordentlich Provision verdiente, sogar noch mehr als mit horrenden Kassengebühren. »Ertragsschwach«, wurde die Bank in den Medien und von den Börsenanalysten genannt, Analysten, die meist für andere Banken arbeiteten. Dass eine Bank die andere Bank öffentlich schlechtmachte, das gab es auch nur bei den Banken.

»Ich kann Ihnen leider nicht helfen«, sagte Tom Harding zu dem Mann, der vor ihm saß. Der Mann, etwa dreißig Jahre alt, hatte einen kleinen Sohn dabei.

»Nicht helfen?«, fragte der Mann. »Ich konnte eben nichts abheben!« Er tippte mit der EC-Karte auf Hardings Pult. »Da stand, dass mein Konto überzogen ist.«

»Ist es leider auch.«

»Ich muss aber noch Windeln kaufen. Und Milchpulver. Die Milch meiner Frau reicht nicht aus, um den Kleinen satt zu bekommen. Sie ist zu Hause mit unserem zweiten Kind. Vier Wochen alt. Ich kann sie nicht lange allein lassen.«

Laura sah Toms Gesichtsausdruck, so als wollte er sagen: Wenn du kein Geld hast, dann krieg halt kein zweites Kind. Er sprach es natürlich nicht laut aus, aber so war Tom. Die Gerüchteküche der Bank wusste ganz genau, dass Tom eigentlich Investmentbanker werden wollte, mit den ganz großen Zahlen jonglieren, dass aber dafür seine Noten, sein Studienabschluss – nur von der Fachhochschule, nicht von der Uni – und seine Netzwerke nicht gut genug gewesen waren. Dass einige andere Filialleiter gar kein Studium hatten, aber noch skrupelloser als er verkauften und dafür noch höhere Boni einstrichen, ärgerte ihn obendrein. Wie ein Investmentbanker sah er trotzdem aus mit seinem Nadelstreifenanzug, Manschetten, greller Krawatte und Hosenträgern. Tom Ford nannte man ihn in der Filiale auch, nach dem früheren Modeguru von Gucci, wobei das dann doch nicht ganz zutraf, denn selbst teure Klamotten sahen an Tom Harding irgendwie billig aus. Die Geschichten vom Schuster mit den abgelaufenen Sohlen und dem Finanzberater, der ständig pleite ist, waren scheinbar für Tom geschrieben worden. Denn wer hohe Kosten hatte und eben kein Investmentbanker mit einer halben Million Euro Jahresverdienst war, lebte unter ständigem Druck. Wenn man außerdem eine Scheidung mit Unterhalts-Streitereien hinter sich hatte, dann erst recht. Lachen und Erträge machen, der Spruch kam von Tom. Und auch wenn er selten lachte oder sich nicht dabei erwischen ließ: Ertrag ging ihm über alles, und bevor er es sich mit seinem Vorgesetzen verscherzte, ließ er es eher geschehen, dass der Mann ohne Windeln und das dringend benötigte Milchpulver nach Hause kam. Oder sich doch noch irgendwelche teuren Produkte aufs Auge drücken ließ, die Tom dann gnädig stimmten, sodass der Mann sein Guthabenkonto noch weiter überziehen durfte. Solche Fälle kamen leider häufiger vor, als es die Hochglanzbroschüren der Banken mit glücklichen Familien vor strahlenden Häusern und grünen Gärten den Kunden weismachen wollten.

Lauras Blick zuckte wieder auf den Brief. Er lag noch immer auf dem Tisch an der Kasse neben dem Kassentresor.

BWG Wohnungsbaugesellschaft, stand auf dem Briefumschlag. Und dann noch in Englisch, um möglichst international zu wirken, BWG Real Estate & Property. Darunter ihr Name.

Laura Jacobs.

Im Hause.

Im Hause, wiederholte Laura die Worte in Gedanken. Damit war also gemeint, dass der Brief von der Bank an die Bank ging, mit der Hauspost geliefert wurde. Ihre Hände zitterten, als sie den Brief hin und her drehte wie einen tückischen Talisman. Was für eine Summe mochte wohl da drinstehen? Oder war es am Ende gar nicht die Nebenkostenabrechnung, war es womöglich sogar eine Mieterhöhung? Oder …? Ihr Herz klopfte.

»Sie müssen ein bisschen sparen«, hörte sie Toms Stimme. »Herr, äh …«, Papierrascheln und Klicken am Computer, »… Wolters.«

»Wie soll ich denn sparen, wenn mein Konto leer ist?«, fragte der Mann und hielt die Hand seines Sohnes.

»Eins nach dem anderen, Herr Wolters«, meinte Tom. Dann klatschte er leise in die Hände, um Aufbruchstimmung zu signalisieren. »Ich sage Ihnen, was wir machen: Sie schließen einen schönen Sparplan ab, und dann müssen Sie demnächst nie wieder zu mir kommen, weil Ihr Konto immer gedeckt sein wird. Denn der Sparplan bringt Ihnen Geld!«

»Das kostet aber doch erst mal noch viel mehr Geld«, wandte der Mann namens Wolters ein und legte seinem Sohn, der endlich weiterwollte, die Hand auf den Kopf. Die lieblose Spielecke der Filiale mit vollgekritzelten, speckigen Malbüchern und verblichenen bunten Plastikbällen, die für Kinder gedacht war, aber nie genutzt wurde, nahm das Kind gar nicht zur Kenntnis.

»Wollen Sie nun Windeln und Milchpulver oder nicht?« Tom stellte die Frage, als würde er diese Produkte hier auch verkaufen, blickte kurz auf und senkte dann den Blick. Dann schwieg er. Das hatte er offenbar im Verhandlungstraining gelernt.

»Geben Sie her«, sagte Wolters matt, »was muss ich machen?«

Tom würde ihm das Ganze als Sparplan verkaufen, aber wahrscheinlich war es eine Versicherung, die noch viel teurer war als ein Sparplan. So war Tom, dachte Laura. Er machte Geld mit Leuten, die keins hatten.

Eine alte Dame kam an die Kasse. Laura hoffte, dass bei ihr das Konto ausgeglichen war. Dass es ihr nicht so erging wie Wolters, der am Automaten draußen kein Geld bekommen hatte, daraufhin an die Kasse gegangen war und dann von Sandra zu Tom geschickt wurde. Am Ende war Laura froh, dass der Mann nicht zu ihr gekommen war. Sie war Wertpapierberaterin, zwei Rangstufen über Sandra, und hatte damit die Befugnis, selbst darüber zu entscheiden, was mit dem armen Mann geschehen sollte, ohne ihn zum Filialleiter zu schicken. Hätte sie auch so gehandelt, wie Tom es getan hatte? Die Stimme der alten Dame riss sie aus ihren Gedanken und Laura war dankbar dafür.

»Fünfzig Euro bitte«, sagte die Dame und zeigte ihre Bankkarte. Laura reichte ihr einen Auszahlschein.

»Wie hätten Sie es gern?«

»Zwei Zwanziger, einen Zehner.«

»Sofort.«

Der Automatische Kassentresor, AKT, spuckte drei Scheine aus. »Zwanzig eins, zwanzig zwei, vierzig und zehn sind fünfzig«, sagte Laura routiniert. Sie hatte ihre Ausbildung damals an der Kasse begonnen. Seitdem hatte sich jedenfalls dort kaum etwas geändert. »Einen schönen Tag noch.«

Sie stempelte den Auszahlschein und legte ihn auf den Stapel der anderen Scheine, die am Abend durchgezählt wurden und mit dem Kassenstand verglichen wurden. Papier, Stempel, Zettel. Der Kassenbereich der Filiale war eine kostenlose Zeitreise ins 19. Jahrhundert, hatte ein Vorstand der Bank einmal gesagt. Wie so viele Sonntagsreden des Vorstands hatte auch diese nichts bewirkt. Wenn abends nach langem Durchzählen die Zahlen nicht stimmten und eine sogenannte »Kassendifferenz« auftrat, mussten die Mitarbeiter an der Kasse oft noch lange rechnen und suchen, bis der Fehlbetrag behoben war. Manchmal wurde er nicht behoben und man musste ein Minus melden. Das kam bei den Chefs, die sich sonst über die veraltete Kasse mokierten, keineswegs gut an. Manchmal kam es auch vor, dass einer der Mitarbeiter einen Zehneuroschein privat in den AKT steckte, damit endlich alles stimmte und es keine Kassendifferenz mehr gab.

 

Nun schau endlich nach, sagte sie sich.

Sie riss den Brief auf. Kurz und schmerzlos, redete sie sich ein, doch das war es nicht. Sie nahm mit zitternden Fingern den Brief aus dem Umschlag. Dann faltete sie ihn auf. Drehte ihn um. Nach einer gefühlten Ewigkeit überflog sie den Text. Suchte nach der Zahl und der Summe, die zeigte, wie viel sie denn nun nachzuzahlen hatten oder, noch schlimmer, um wie viel die Miete künftig erhöht wurde. Doch da standen nur Sätze, die Laura nicht verstand.

… Bank beabsichtigt, sich von Immobilien zu trennen

… strategischer Verkauf

… zum 30. November.

… bedauern sehr, dass wir Ihr Mietverhältnis kündigen müssen.

»Laura.«

Sie zuckte zusammen.

Sandra stand auf einmal neben ihr und schaute sie entgeistert an. »Ich bin’s doch nur. Was ist denn los? Ich war doch die ganze Zeit hier.« Laura nickte und musterte Sandra. Sandra hatte sich die Haare etwas albern zu zwei Zöpfen gebunden, sodass sie aussah wie die Berliner Ausgabe von Pippi Langstrumpf. Angeblich hatte sie vor ein paar Wochen ein positives Schwangerschaftsergebnis erhalten. Jedenfalls tuschelte man das auf den Fluren der Bank. Was die älteren Kolleginnen auch tuschelten, war, dass Sandra und ihr Freund Ralf noch gar nicht verheiratet waren. Lauras Gedanken sprangen wieder zurück zu Sandras Frisur. Hatte sie das schon den ganzen Tag so gehabt, oder hatte sie ihre Frisur zwischendurch geändert? »Ich muss mal kurz weg.«

»Okay.« Laura nickte nur. Sie brauchte etwas Bewegung, trat einen Schritt zurück, blickte sich in der Filiale um. Tom starrte auf seinen Bildschirm, der Mann mit dem Kind war gegangen und hatte jetzt hoffentlich seine Windeln und das Milchpulver, aber auch eine Versicherung, die er nicht brauchte. Laura verspürte eine enorme Unruhe, die Aufregung ließ ihr Herz klopfen und ihren Magen stechen und sie musste die Energie irgendwie loswerden. Ihr Mann Timo hatte eine Smartwatch, die ihn immer daran erinnerte, wann es Zeit war, aufzustehen, zu laufen oder tief zu atmen, aber Timo hatte sowieso viel zu viel technischen Schnickschnack. Sie wäre gerne ein paar Schritte vor die Tür gegangen, aber sie konnte die Filiale nicht verlassen, wenn nur eine Person an der Kasse war. Sie würde gleich, wenn Sandra wieder da war, einmal um den Block gehen. Würde sie Timo anrufen? Sie wusste es nicht.

Sie schaute noch einmal auf den Brief. Las die verbotenen Wörter. Trennen, 30. November, kündigen …

Im Hause, dachte sie plötzlich. Auf dem Briefumschlag stand im Hause. Sie schreiben im Hause, dachte sie, und nehmen einem das Zuhause weg. Nicht mehr im Hause wäre richtiger gewesen …

Und das immer wieder zynische wir bedauern …

Immer bedauern alle irgendetwas, was sie in Wirklichkeit überhaupt nicht bedauern. Wir bedauern, dass der Zug Verspätung hat, wir bedauern, dass sie den Flug nicht mehr erreichen, wir bedauern, dass Sie aus Ihrer Wohnung fliegen, und zwar bald …

Sie schloss kurz die Augen, bevor die nächste Kundin sich schon der Kasse näherte.

Noch schlimmer könnte der Tag nicht werden, dessen war sie sicher.

Sie würde bald feststellen, wie falsch sie damit gelegen hatte.

Kapitel 2

Landsberger Allee, Berlin

Damdamdamdam Daadaa Daadaa

Dammdamdamdam Daadaa Daadaa …

Das Schlagzeug und die E-Gitarren frästen sich aus der überforderten Musikanlage durch den Innenraum des stinkigen VW-Busses.

»Mach mal leiser, Neil«, schrie der Mann am Steuer, ein hagerer Kerl mit fettigen Haaren. »Ich muss mich konzentrieren.«

James Hetfield von Metallica übertönte ihn fast.

We’re scanning the scene in the city tonight,

We’re looking for you to start up a fight …

»Auf was musst du dich konzentrieren?«, fragte der, der Neil genannt wurde und auf dem Beifahrersitz saß. Er hatte eben versucht, möglichst cool wie im Gangsterfilm seine Füße auf die Ablage zu legen, aber dafür waren seine Gelenke zu steif. Also ließ er die Füße wieder nach unten fallen. »Das ist Seek and Destroy! Wenn das nicht zu unserer Mission passt, was dann?«

»Probek ist halt unser Fahrer«, sagte der dritte der drei Männer, der hinten saß, mit Haaren, die länger waren, aber mindestens genauso fettig wie die von dem, der Probek genannt wurde. Er fuhr sich immer wieder über seine Arme, die dürr und bleich aus seinem schmutzigen T-Shirt stakten, so als würde er irgendetwas suchen. Um sein Handgelenk hatte er sich einige Gummibänder gewickelt. Sein Gesicht glänzte von Schweiß und war käsig. Seine Arme voller Einstiche in einer Linie. Spritzenstraßen nannte man die im Drogendezernat.

»Ich komm hier echt durcheinander«, sagte der Mann am Steuer. »Also ich bin Probek?«

»Ja, genau, wie der Typ, den Götz George in Die Katze spielt. Und ich bin Neil.« Der Mann auf dem Beifahrersitz hatte offenbar die Decknamen ausgesucht.

»Neil?«

»Ja, Neil McCauley aus Heat. Spielt Robert De Niro. Auch ein super Bankräuber.«

»Gehen die nicht am Ende alle drauf? Die werden doch alle erschossen?«

»Nun sei mal nicht so negativ. Wie sollen wir uns sonst nennen? Bugs Bunny und Oskar aus der Mülltonne?«

»Würde zu dem Drecklappen dahinten passen. Wie heißt der eigentlich?«

Neil zuckte die Schultern. »Mir fällt kein anderer Bankräuber mehr ein. Er bleibt bei seinem Namen.«

»Ulf?«

»Klar. So heißt doch neuerdings eh jeder.«

Ulf antwortete nicht, kaute auf seinen Nägeln und starrte vor sich hin.

Searchiiiiing … seek and destroy ….

 

Damdamdamdam Daadaa Daadaa

Dammdamdamdam Daadaa Daadaa …

Gitarre, Bass und Schlagzeug frästen sich wieder durch den Innenraum des klapprigen Wagens.

»Du sollst das leiser machen!«, knurrte Probek.

»Ach, halt doch die Fresse«, krächzte Ulf plötzlich, obwohl er gar nicht am Regler saß. Neil stellte die Musik leiser, allerdings nur ein wenig.

Sie fuhren die Landsberger Allee hinunter. »Navi hat die Scheißkiste auch nicht«, knurrte Probek.

»Dafür TomTom. Besser als nichts.«

»Und dieser Scheißbus? Auch besser als nichts?« Er zündete sich eine Zigarette während der Fahrt an, wobei ihm fast das Feuerzeug in den Fußraum fiel.

»Ich hab mal gehört, dass in den USA die meisten Serienkiller einen alten VW-Bus benutzen«, plärrte Ulf von hinten.

»Ich werd gleich zum Serienkiller, wenn du nicht aufhörst, mich zu nerven.«

»Ich bin noch lange nicht fertig mit Nerven. Wann haben wir das Geld?«, fragte Ulf.

»Wenn wir mit dem Raub durch sind, und das geht nur, wenn du aufhörst, mir dermaßen auf den Keks zu gehen.« Neil zog das Magazin aus der Sig Sauer, zählte die Patronen nach und schob es wieder in die Waffe. Er musterte die Waffe von allen Seiten. »Hat uns unser Russe doch was Gutes gegeben.«

»Obwohl die Sig gar nicht aus Russland kommt«, sagte Probek.

»Dann eine Kalashnikov, Modell 1947. Avtomat Kalaschnikowa, AK47.« Er versuchte, die Wörter möglichst englisch und russisch auszusprechen, was beides misslang.

»Das ist keine AK47! Die AK47 ist ein Sturmgewehr, du Affe«, sagte Probek. »Und fuchtel mit dem Ding nicht so an der Scheibe rum. Bei unserem Glück sieht das irgendein Bulle und dann war’s das mit dem Raub.«

»Klugscheißer.«

»Wann sind wir mit dem Raub durch?«, plärrte Ulf wieder wie ein Kind, das auf die Bescherung wartet, und strich sich über die Arme mit den komplett vernarbten Venen. »Ich hab Druck!« Schweißperlen waren auf seiner Stirn und er blies sich in seine Hände. Cold Turkey, nannte man es, wenn Leute auf Heroin waren und dringend ihren nächsten Schuss brauchten. Kalter Entzug. Mit einem Truthahn hatte es nur insofern etwas zu tun, als die Leute froren und Gänsehaut bekamen – und dann aussahen wie ein gerupfter Truthahn.

»Wenn wir durch sind«, bellte Probek und bremste abrupt an einer Ampel. Ulf wurde nach vorne geschleudert.

»Pass doch auf, du Arsch!«

»Dann schnall dich an!«

»Anschnallen? Bin ich ein Spießer oder was?« Ulf grabbelte mit zitternden Fingern nach ein paar Pillen, die er einwarf und trocken runterschluckte. Benzodiazepine, die die Entzugserscheinungen ein wenig linderten, aber natürlich genauso abhängig machten wie das Heroin.

»Du bist ein verdammter Junkie, und wenn du dich nicht wieder einkriegst, wird es nichts mit dem Raub.«

»Ach, und du nicht? Ich dachte, dein Kontakt hat dir gesagt, da kann nichts schiefgehen. Der …«

»Halt die Fresse«, zischte Probak. »Keine Namen!«

Running on our way, hiding, you will pay, dying a thousand deaths …

Searchiiing, seek and destroy …

Ulf sammelte sein Benzinfeuerzeug, Löffel und Spritzbesteck und die kleine Ledertasche mit einem Logo von St. Pauli von dem filzigen Boden zusammen. »Sobald wir die Kohle haben, kaufe ich hundert Gramm bei Snake und setze mir einen geilen Schuss.« Snake, ein Dealer, genannt der Eismann, wegen des weißen Pulvers, das er verkaufte, belieferte alle drei mit Stoff.

»Hundert Gramm pro Schuss?«, fragte Neil.

Ulf zuckte die Schultern.

»Dann bist du tot.« Neil schaute nach hinten und hob die Augenbrauen. Heroin war der Tod auf Raten. Manche Leute konnten sich beherrschen und nahmen den Stoff nur einmal im Monat, aber Leute wie Ulf spritzten sich sechsmal am Tag. Er hatte Ulf dabei beobachtet. Er kaufte sich jeden Tag drei Gramm und kochte sich davon immer ein halbes Gramm auf. Das reichte dann für sechs Schuss. Der Grund dafür war auch, dass das Heroin aus Südamerika zwar zu 90 Prozent rein war, aber zwischendurch immer gestreckt wurde, bis es mit einem Wirkstoffgehalt von 20 Prozent auf dem deutschen Markt landete. Neil war froh, dass er selbst eher auf Pillen und Meth war und sich nicht spritzen musste, auch wenn das Meth sein Aussehen nicht gerade verbesserte. Die Zähne waren gelblich, die Haut rissig und das Haar stumpf. »Bist du Komparse bei Walking Dead?«, hatte ihn letztens jemand gefragt.

»Wo spritzt du dir das eigentlich noch hin?«, fragte er an Ulf gerichtet. »Deine Venen sind ja noch vernarbter als die Maske von Leatherface, so viel wie du dir reinschießt.«

»In den Schwanz!«

»Was?« Neils Kopf zuckte zur Seite wie ein Geschoss. »Du spritzt dir den Stoff in den Schwanz?«

»Da geht es noch, die Vene ist noch okay. Manchmal spiele ich vorher noch an mir rum. Wenn der Schwanz steif ist, ist das noch geiler. Erst reinspritzen, dann abspritzen.« Ulf lachte meckernd über seinen eigenen Witz und schaute zur Decke. »Wie im Puff, nur geiler.«

»Als ob du noch Geld für einen Puff hättest. Wenn du so weitermachst, musst du bald selber auf den Strich.«

Neil prustete. »Als ob den einer haben wollte. Den würde auch das übelste Scheusal aus dem Todeszellenblock nicht mit der Kneifzange anfassen.«

»Fresse«, knurrte Ulf und sortierte zum dritten Mal sein Spritzbesteck. »Wie lange noch?«

»Wie lange noch? Wie lange noch?«, äffte Neil ihn nach. »Wann sind wir da? Ich muss Pipi! Kriege ich ein Eis? Ist ja schlimmer mit dir als mit kleinen Kindern.«

»Gleich sind wir da«, sagte Probek. »Frankfurter Allee, Pariser Kommune und dann Koppenstraße.«

»Und dann?«, fragte Ulf.

»Dann«, sagte Neil und lud demonstrativ seine Sig Sauer durch, »dann knallt’s.«

Kapitel 3

BWG Bank, Filiale Koppenstraße, Berlin

Sandra war von der Toilette zurückgekehrt.

Laura stand auf. Den Rücken zur Eingangstür. »Du, ich muss mal kurz an die frische Luft«, sagte sie. »Ist das okay?«

Sandra antwortete nicht. Sie war noch nicht wieder an ihrem Platz angekommen und schaute Laura an, als hätte sie ein Gespenst gesehen. »Sandra, alles okay …?«, wollte Laura wissen, doch dann wurde ihr klar, dass Sandra nicht sie anstarrte, sondern das, was an der Eingangstür war. Laura drehte sich langsam um. Sie sah aus den Augenwinkeln zwei Kunden, die sich bei dem Geldautomaten auf den Boden kauerten. Dann hörte sie schon die Worte, die die Luft durchschnitten. »Alle cool bleiben, das ist ein Überfall!«

Drei Männer. Alle mit Strumpfmasken über dem Kopf. Auch wenn man die Gesichter nicht erkennen konnte, machten die drei einen heruntergekommenen Eindruck.

Ein furchtbarer Knall ertönte. Einer der drei hatte eine Waffe nach oben gestreckt und in die Luft geschossen. Putz und Brocken von Plastik rieselten von der Decke. Echte Waffen ohne Schalldämpfer und ohne Gehörschutz, wie man ihn auf dem Schießstand trägt, waren viel lauter als in den Filmen. Das hatte Jörg ihr einmal erzählt, der Mann einer Freundin, der nebenbei Jäger war. Ihre Ohren piepten. Wie durch einen dicken Wattebausch hörte sie Panikschreie aus der Filiale.

»Sind jetzt alle wach?«, fragte der Mann. »Also noch mal für Schwerhörige! Das ist ein Überfall!« Einer der Männer ging in Richtung Kasse, einer blieb an der Tür, und der dritte ging die Treppe hoch. Der an der Tür warf ein großes Roll-up zu einer Bausparaktion um, um freie Sicht auf den hinteren Bereich zu haben. »Und ihr dahinten, hört ihr schlecht? Runter und unten bleiben, unten, auf dem Boden!«, schrie der, der eben in die Decke geschossen hatte. Die Berater im oberen Teil duckten sich auf den Boden, Tom genauso. Ein Teil von seinen gegelten Haaren war zu sehen, so als wollte er sich einerseits verstecken, aber auch möglichst viel mitkriegen. Führungsqualitäten zeigte er jedenfalls keine. Ebenso wenig wie die anderen. Sie alle hatten sicherlich vor langer Zeit einmal eine Schulung gehabt, was bei einem Banküberfall zu tun war, dass sie die Regeln befolgen sollten, nicht den Helden spielen und schon gar nicht irgendwelche Befreiungsaktionen durchführen sollten. Das Geld, das die Räuber vielleicht stahlen, gehörte nicht einmal der Bank, es gehörte den Kunden, aber es war versichert. Also war es Geld, das ohnehin niemand vermissen würde.

Sandra und Laura standen an der Kasse, Sandra, weil sie gerade zurückgekommen war, Laura, weil sie gerade nach draußen wollte. Sie standen dort, als würden sie die neuen »Kunden« schon erwarten. Und genau das war ihr Problem. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

»Ihr zwei Ziegen«, schrie der Mann an der Kasse, »was steht ihr da rum?« Er wandte sich an Sandra, weil sie näher bei ihm stand, da ihr Platz näher an der Tür war. »Reserve-Pippi-Langstrumpf, das ist hier nicht die Villa Kunterbunt. Komm in die Gänge!«

Ganz kurz registrierte Laura, dass dem Bankräuber die dämliche Frisur von Sandra auch aufgefallen war. Dann war der Gedanke schon wieder weg und ihr Blick huschte zwischen Sandra und dem Mann hin und her.

Sandra öffnete den Mund und schloss ihn wieder, sagte aber nichts.

»Ich red mit dir, verdammt«, brüllte der Mann. »Wo ist der Schlüssel?«

Sandra erstarrte. »Welcher Schlüssel?«

»Der Schlüssel zum Safe! Ich wusste nicht, dass Pippi Langstrumpf schon ein Hörgerät braucht.«

Der Mann griff in den hinteren Hosenbund und zog ebenfalls eine Waffe hervor. Er richtete den Lauf auf Sandra, die blass und zitternd in die Mündung blickte.

»Ulf, krieg dich wieder ein«, sagte einer der Männer. Ein Teil in Lauras Kopf speicherte sich den Namen. »Wir brauchen die Ziegen, damit die Kasse aufgeht.«

Sandra zitterte weiter und sagte nichts. Laura wollte sagen, dass es keinen riesigen Safe wie in den Krimis gab, sondern nur einzelne Schließfächer, und dass der automatische Kassentresor direkt an der Kasse von den Geldtransportern gefüllt wurde und nur ein sehr kleiner Teil abends eingeschlossen wurde. Aber noch war nicht Abend und der AKT war voll.

»Es ist alles hier«, sagte Laura plötzlich und versuchte, die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu ziehen.

»Wer hat denn mit dir geredet?«, brüllte der Mann, der Ulf hieß und aus dessen schmutzigem T-Shirt hagere, bleiche, von Einstichen übersäte Arme herausragten. Für einen kurzen Moment sah Laura seine Augen. Winzige Pupillen. In einem Krimi hatte sie mal gelesen, dass Drogensüchtige solche Augen hatten und man diese Art von Pupillen Stecknadelkopfpupillen nannte.

»Ulf, sieh zu, dass du fertig wirst!«, rief einer der beiden. Die drei, dachte Laura, waren nicht gerade organisiert. Erst sollte Ulf sich beruhigen, dann sollte er sich beeilen. Immerhin hielt einer den Eingang in Schach und einer den hinteren Bereich. Scheinbar war aber der, der am wenigsten kontrolliert war, an die Kasse geschickt worden.

Der Mann mit den winzigen Pupillen näherte seinen Kopf Sandra. Es kam Laura so vor, als ob er sie irgendwie anziehend fand. »Schlüssel, du Schlampe, sonst knallt’s!« Er näherte den Lauf der Waffe ihrem Kopf, den Finger am Abzug, und fuchtelte gefährlich mit der Waffe herum. Lauras Kumpel Jörg, der Jäger war, hatte ihr mal die drei Regeln des Schießens erklärt: Die Waffe ist immer wie geladen zu behandeln, der Finger ist erst am Abzug, wenn man schießen will, und die Mündung wird auf nichts gerichtet, auf das man nicht schießen will. Wenn dieser Typ eine falsche Bewegung mit dem Finger machte, war Sandras Kopf nur noch eine blutige Ruine. Sandra schien das zu ahnen. Schweiß stand auf ihrer Stirn, alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und sie atmete schwer. Sie schien wie eingefroren zu sein. Dann sackte sie, ohne Vorwarnung, auf einen Hocker hinter dem Tresen herunter.

»Blöde Schlampe, du sollst den Safe aufmachen!«, schrie der Mann. Dann sauste die Waffe nieder. Allerdings nur der Knauf, der Sandra an der Stirn traf. Ihr Kopf kippte zur Seite und sie fiel bewusstlos zu Boden.

Von hinten waren Schreie zu hören.

Laura wusste: Alles, was sie jetzt tun würde, würde falsch sein.

Kapitel 4

BWG Bank, Filiale Koppenstraße, Berlin

Irgendetwas übernahm in Laura die Kontrolle. Es war ihr öfter passiert, dass sie in ausweglosen Situationen das Gefühl hatte, das etwas anderes die Kontrolle übernahm, so wie damals auf dem Campingplatz in Kroatien, dann in Heathrow am Flughafen und vor zwei Jahren, als sie gerade noch den Frontalzusammenstoß mit dem Lkw hatte verhindern können. Es war etwas Altes und Starkes, etwas, das ständig präsent war, das keine Emotionen kannte, etwas, das nach klaren Kriterien, fast könnte man sagen Algorithmen funktionierte und ihren Geist und Körper in genau die Richtung lenkte, die die richtige war.

Sie hatte keinen Blick für Sandra, die bewusstlos auf dem Boden lag. Keinen Blick für Tom, der sich hinter seinem Pult verschanzte, keinen Blick für die Waffe, die der Mann noch immer in der Hand hielt.

Stattdessen blickte sie den Mann an. Direkt in die Augen.

»Ich übernehme«, sagte sie. Sie sagte nicht: »Machen Sie sich keine Sorgen«, da das Gehirn mit Verneinungen nichts anfangen konnte und sich dann erst recht Sorgen machte. Sie behandelte den Mann wie einen Kunden, der Geld abheben wollte, schnell und serviceorientiert. Nur wollte dieser Kunde halt keine fünfzig Euro, wie die alte Dame zuvor oder der Mann mit den Windeln, sondern den Inhalt des gesamten Tresors. »Sie möchten alles?«

Der Mann schaute kurz zu seinem Kumpanen hinüber und dann wieder Laura an. Offenbar hatte er mit einer solchen Antwort nicht gerechnet. »Ja, äh, klar. Alles.« Und dann schob er noch hinterher: »Aber ein bisschen plötzlich, nicht so lahmarschig wie Pippi Langstrumpf.« Klar, dachte der analytische Teil ihres Gehirns, der die Kontrolle übernommen hatte, er war kurz von deiner Freundlichkeit überrumpelt. Er muss jetzt zeigen, dass er der Boss ist, und das macht er, indem er unhöflich bleibt. Er hat es eilig, denn er ist, wenn man sich die Arme und die Pupillen anschaut, ein Junkie und braucht dringend seinen nächsten Schuss. Dafür braucht er Geld und das kriegt er nur von … dir!

»Ich öffne sofort den Tresor«, sagte Laura und drückte auf den Knopf, auf dem »Ausgabe« stand. Der Tresor piepte und ratterte. Was der Räuber nicht wusste, war, dass damit automatisch die Polizei gerufen wurde. Es wurde allen Lehrlingen vom ersten Tag an eingeschärft, niemals auf diesen Knopf zu drücken. Außer, und das war die große Ausnahme, die Bank wurde gerade überfallen. Wollte man Geld abheben, geschah dies über die Terminals. Der Knopf sah nur so aus, als würde er den gesamten Tresor öffnen, doch in Wirklichkeit rief er die Polizei. Und spuckte natürlich nur einen Teil des Geldes aus.

Der Tresor ratterte.

Da es keine Fünfhunderteuroscheine mehr gab, kam ein Haufen Zweihunderter heraus.

»Bitte sehr«, sagte Laura. Der Mann ergriff sie. Zählte sie hektisch durch.

»Und?«, fragte der nahe der Treppe, der vorhin in die Luft geschossen hatte.

»Vielleicht hundert Scheine … Zweihunderter …«

»Hundert Scheine? Zweihunderter?« Er blickte zur Kasse. »Wollt ihr uns verarschen? Das sind dann ja nur …«, man sah wie er im Kopf rechnete, »… zwanzigtausend.«

Laura nickte. »Das ist alles über ein Zeitschloss gesichert. Ich schaue, was ich tun kann.« Sie drückte noch einmal auf den Knopf. Ein Sammelsurium an Scheinen kam heraus. Fünfziger, Zwanziger, Zehner und ein paar grüne Hunderter. Sie drückte noch ein paarmal auf den Knopf, aber es kam nichts mehr. Der Mann griff die Scheine.

»Und?«, fragte der an der Tür.

»Kei… keine Ahnung. Noch mal fünftausend vielleicht?«

»Nur fünfundzwanzig Riesen insgesamt?«

Der Junkie wandte sich an Laura. »Wir wollen mehr! Was ist mit den Geldautomaten?«

»Das machen die Geldtransporter. Für die haben wir nicht mal die Schlüssel.«

»Das glaube ich nicht. Ihr …« Auf einmal stockte der Mann. Draußen waren Sirenen zu hören. Der Junkie schaute den Mann an der Treppe an, der scheinbar der Boss war. »Sind das schon die Bullen?«

Das hoffe ich, dachte Laura, aber vielleicht ist es auch nur ein Krankenwagen, der mit dem Ganzen hier nichts zu tun hat …

»Was jetzt Boss?«, fragte der an der Kasse.

»Wir verschwinden! Ulf, Probek, wir hauen ab!«

»Aber das Geld! Das ist viel zu wenig!« Der Mann an der Kasse schaute auf den AKT und auf seinen Boss. »Wir …«

»Halt die Fresse! Wir gehen. Was wir haben, haben wir. Oder willst du dir hier mit den Bullen eine Schießerei liefern? Wenn die mit Scharfschützen kommen, schießen die dir auf tausend Meter die Eier ab!«

Das Martinshorn wurde leiser.

»Die sind doch schon wieder weg. Und wir lassen hier das ganze Geld liegen.«

Laura sagte nichts.

»Wir verschwinden, sagte ich! Los.« Der Boss ging mit erhobener Waffe Richtung Ausgang, wobei die Kunden am Geldautomaten sich noch mehr zusammenkauerten, so als würde ein Hubschrauber über sie hinwegfliegen. Der an der Tür blickte noch einmal auf die Beraterinseln und ging dann mit vorsichtigen Schritten durch den Vorraum nach draußen.

Der Mann namens Ulf fixierte Laura. Es waren Sekunden, die nichts und alles bedeuteten. Mehr Geld gab es nicht. Sandra war bewusstlos. Der Mann hatte eine Waffe.

Mit einer insektenhaften, aber auch unkontrollierten Schnelligkeit griff er nach vorn. Auf dem Platz beim Hauptschalter lag Sandras Handtasche. Ulf griff die Tasche – und rannte nach draußen.

Zehn Sekunden später war alles still.

Kapitel 5

BWG Bank, Filiale Koppenstraße, Berlin

Laura hatte zehn Minuten auf der Toilette geweint. Als sie wieder heraufkam, war der Notarzt da und versorgte die Platzwunde an Sandras Stirn, während Tom etwas unschlüssig daneben stand. Zudem waren zwei Polizisten gekommen, die sich mit Tom unterhielten und sich als Stapel und Freydank vorstellten.

Tom nickte Laura zu. »Wir gehen in den Pausenraum.«

Laura warf einen Blick auf Sandra und schaute zu, wie der Notarzt ihr nun einen Zugang legte und eine Kochsalzlösung anhängte. Diese Junkies spritzen sich mehrmals am Tag, dachte sie, ich finde schon eine Spritze widerlich. Sandra hatte die Augen geschlossen.

»Alles in Ordnung mit ihr?«, fragte Laura den Notarzt.

Der nickte. »Das ist nur der Schock«, sagte er.

Laura folgte Tom und den Polizisten in den Pausenraum.

 

Die zwei Polizisten tranken von ihrem Kaffee, den Tom ihnen eingeschenkt hatte, und standen ansonsten etwas unsicher in dem Besprechungs- und Pausenraum herum, als würden sie sich freuen, wenn endlich ein Kommissar übernehmen würde. Aber es war kein Kommissar zu sehen. Sie sahen sich einerseits neugierig, andererseits etwas enttäuscht um. Wahrscheinlich hatten sie sich den Besprechungsraum einer mittelgroßen Bankfiliale glamouröser vorgestellt und nicht ähnlich hässlich wie die Linoleum- und Resopal-Verschläge, die sie aus ihren Behörden kannten.

»Wir haben sie schon«, sagte Freydank nach einer Weile.

»So schnell?«, fragte Laura.

»Die Außenkamera der Filiale hat den Parkplatz gefilmt. Da stand ihr VW-Bus«, erläuterte der, der Stapel hieß, ein etwas untersetzter Mann mit dunklem Schnurrbart. »Wir mussten nur im Umfeld der Koppenstraße nach diesem Bus Ausschau halten. Nicht mal das Nummernschild hatten sie abgeklebt. Auf der Landsberger Allee haben wir sie dann erwischt.«

»Und hieß einer der drei mit wirklichem Namen Ulf?«, fragte Laura. Sie hatte sich den Namen sofort gemerkt.

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass die nicht gut vorbereitet waren.«

»Keine Profis?«, fragte Tom.

»Ganz bestimmt nicht. Es war auch nur eine Waffe echt, die anderen waren Modellpistolen.«

Laura atmete aus. Die Waffe, die dieser Ulf oder wie immer er wirklich hieß, ihr und Sandra an den Kopf gehalten hatte, war nicht echt gewesen. Ihr Herz hämmerte, aber sie war erleichtert. Auch wenn jetzt ohnehin erst einmal alles überstanden war. Aber: Wenn nur eine Waffe echt war, musste es die gewesen sein, mit der der Kerl namens Neil in die Decke geschossen hatte.

»Und nun?«, fragte Laura und blinzelte die Tränen weg.

»Nun sind die erst mal in der GESA, der Gefangenensammelstelle in der Keithstraße. Die Kollegen sind schon in der Wohnung von denen, irgendwo abseits der Sonnenallee, ist wohl ein richtiges Dreckloch, wie oft bei diesen Junkiewohnungen.«

»Messies?«, fragte Tom.

Stapel nickte. »Aber wie! Ich sag mal: Dusche verkalkt, Toilette vollgeschissen und ein Gestank, dass die Nachbarn über ihnen nicht mehr die Balkontür öffnen können.«

»Ich frage mich«, sagte Laura, »warum die das überhaupt gemacht haben.«

»Druck«, antwortete Freydank, ein hagerer Kerl mit roten Haaren, »die brauchten Geld für den nächsten Schuss. Und wo gibt es Geld? In der Bank. So wie sich Lieschen Müller die Geldbeschaffung im Verbrechen vorstellt. Was sie jetzt natürlich auch nicht mehr haben, denn die Tasche mit dem Geld war auch noch im Bus. Jetzt, in der GESA, haben sie weder das eine noch das andere. Kein Geld und keinen Stoff. Wird denen nicht gefallen. Methadon gibt es da nämlich nicht.«

»So einfach ist der Fall gelöst?«, fragte Laura etwas ungläubig.

Freydank nickte. Auch Tom nickte. Ein wenig zu erleichtert, wie Laura fand.

Da fiel es ihr ein. »Die haben meiner Kollegin die Handtasche geklaut.«

Stapel nickte. »Checken wir. Der Bus steht auf dem Hof des Abschnitts in der Keithstraße.«

»Brauchen Sie sonst noch etwas von mir?«, fragte Laura.

»Im Moment nicht«, sagte Stapel. Dann kramte er in seiner Tasche. »Erholen Sie sich erst einmal.«

»Nehmen Sie den Rest des Tages frei«, sagte Tom. Nachdem er noch ein paar Sekunden unschlüssig in der Tür des Pausenraums gestanden hatte, ging er nach draußen in den Filialraum.

Stapel zog eine Infokarte und eine Visitenkarte hervor. »Das«, er reichte Laura die Infokarte, »ist die Karte der Opferhilfe, an die Sie sich wegen Ihres möglichen Schocks wenden können, und auch sonst, wenn Sie psychologische Hilfe brauchen. Die haben wir Ihrer Kollegin auch gegeben.« Er machte eine kurze Pause und reichte ihr die Visitenkarte. »Und Kommissar Deckhard würde Sie gern sprechen, irgendwann diese Woche, wenn es geht. Hier sind seine Kontaktdaten.«

»Geht klar«, sagte Laura, »danke.«

Die beiden Polizisten wollten gerade gehen, als Tom noch einmal den Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Dann gibt es noch eine Sache«, sagte er. Und setzte sogleich ein freundliches Gesicht auf, als er Lauras alarmierten Gesichtsausdruck sah. Für sie waren heute alle Neuigkeiten schlechte Neuigkeiten. »Herr Fischer ist am Telefon und würde, wenn es bei Ihnen passt, gern kurz mit Ihnen sprechen. Er will sich persönlich bei Ihnen bedanken.«

»Fischer, Fischer …«, sagte Laura. Sie wusste im Moment tatsächlich nicht, wer gemeint sein konnte, auch wenn sie den Namen schon häufiger gehört hatte.

»Thomas Fischer, ab nächste Woche Regionalleiter und Bereichsvorstand der Region Ost.«

Kapitel 6

BWG Bank, Filiale Koppenstraße, Berlin

Laura hatte von Thomas Fischer bisher nur wenig gehört. Er kam »aus dem Westen«, wie hier immer noch alle sagten, obwohl Laura selbst auch aus dem Westen kam, genau genommen aus Langenhagen bei Hannover. Fischer wollte die Bank wieder an die Spitze bringen. Erst die Region Ost, die die neuen Bundesländer umfasste, und dann die gesamte Bank, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa, Amerika und Asien aktiv war. Auch wenn sich die Auslandsgeschäfte meistens als kostspielige Abenteuer herausgestellt hatten, die das langweilige, aber zuverlässige Filialgeschäft in Deutschland dann gegenfinanzieren musste. Fischer hatte einige Stationen im Ausland hinter sich gebracht, war im Handel der Bank gewesen und dann noch eine kurze Zeit in der Zentrale in Frankfurt im Corporate Development, was neudeutsch so viel wie Unternehmensentwicklung hieß. Ganz zu Beginn war er kurz bei einer Unternehmensberatung gewesen, hatte einen MBA gemacht und dann im Banking angefangen. Offenbar einer, der das Adrenalin liebte. Mehr wusste Laura nicht über ihn.

Tom führte sie zu seinem Pult, hinter dem er sich vorhin noch versteckt hatte und wo vor einer gefühlten Ewigkeit der Vater mit dem Kind gesessen hatte, der jetzt etwas hatte, was er vorher nicht hatte, nämlich einen teuren Dispo, eine teure Versicherung und tatsächlich die Windeln und das Milchpulver, die der Grund für die anderen zwei Dinge waren. Der Hörer lag neben dem Telefon.

»Jacobs«, sagte Laura.

»Thomas Fischer«, sagte der. Seine Stimme klang dynamisch, aber auch sympathisch. »Ich wollte mich persönlich bei Ihnen bedanken für Ihren tollen Einsatz. Herr Harding hat mir schon erzählt, wie unglaublich professionell und, mir fällt leider kein anderes Wort ein, cool Sie die ganze Sache gelöst haben.« Er sprach schnell, aber deutlich. Wie jemand, der sich immer neue Ziele setzt und nie mit dem zufrieden ist, was er erreicht hat. Wahrscheinlich musste das bei Chefs so sein.

»Das freut mich«, sagte Laura. »Wir sind sehr froh, dass alles vorüber ist und dass die Täter sogar schon gefasst sind.« Was sollte sie auch sonst sagen? Einer musste ja die Kontrolle behalten, nachdem die blöde Kuh Sandra plötzlich eingefroren ist? »Und ich freue mich, dass Sie sich direkt bei mir melden. Vielen Dank!«

Laura freute sich wirklich. Der noch amtierende Regionalleiter und Bereichsvorstand, Gerhard Althaus, hatte sich für die Niederungen der Filialwelt und der »normalen« Mitarbeiter nie sonderlich interessiert. Althaus hatte vorher im Westen das Kreditgeschäft geleitet und war gleich nach der Wende in den Osten gekommen. Die BWG Bank hatte der ehemaligen Staatsbank der DDR einen Haufen Filialen abgekauft und sofort angefangen, Versicherungen und Sparbriefe zu verkaufen. Die Wirtschaft boomte durch den Aufbau Ost und jeder brauchte, aber keiner hatte Bankprodukte. Man musste sich schon wirklich dumm anstellen, um als Bank in diesem Umfeld kein Geld zu machen, und Althaus hatte mehr als genug gemacht, für die Bank und für sich selbst, weswegen er auch dann noch Regionalleiter war und blieb, als es mit der Bank kontinuierlich abwärtsging. Jetzt schien dem Vorstand in Frankfurt aber tatsächlich der Kragen geplatzt zu sein, was sicher nicht nur daran lag, dass die Aktionäre, sondern vor allem einige sehr ungemütliche Großinvestoren Druck machten.

»Wir lernen Sie morgen Nachmittag auf der Betriebsversammlung kennen, richtig?«, fragte Laura. Es konnten nicht alle in der Filiale an einer solchen Versammlung teilnehmen, da die Kasse immer besetzt sein musste, aber als Wertpapierberaterin war Laura meistens dabei. Sie googelte in ihrem Smartphone ein Foto von Fischer. Dunkelblonde Haare, Dreitagebart, schlank und sportlich. Auf dem Bild mit einem Anzug, aber er könnte ansonsten auch gerade vom Surfbrett gestiegen sein, dachte Laura.

Fischer lachte. Es klang warm und natürlich. »Da sind Sie gut informiert. Richtig! Mir ist es wichtig, so schnell wie möglich mit Ihnen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ins Gespräch zu kommen und Ihre Fragen zu beantworten.«

»Ich bin sehr gespannt«, sagte Laura.

»Das können Sie. Es kommen spannende Zeiten.«

Spannend, dachte Laura, das war nicht immer nur ein positives Wort. »Spannendes« Projekt konnte auch heißen: Mach das in deiner Freizeit, verbrauch kein Budget und nerv mich damit nicht. »Spannender Lebenslauf« hieß meist so viel wie »totaler Wirrkopf, der nicht weiß, was er will und wo er hingehört«.