DIE FINNISCHE SOCKE - Marie Anders - E-Book

DIE FINNISCHE SOCKE E-Book

Marie Anders

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Beschreibung

Im Rahmen eines internationalen Ärztekongresses in der Mozartstadt Salzburg kommt der bekannte Chirurg und Wissenschaftler Doktor Steinmetz auf mysteriöse Weise ums Leben. Als Quentin Neuner, der ermittelnde Inspektor, den Toten untersucht, fällt ihm neben dem filigranen Gegenstand, der aus seiner Brust ragt, etwas auf, was er noch nie gesehen hat. Der rechte Fuß des Opfers war mit einer bunten, handgestrickten Socke bekleidet, und der Schuh lag schön drapiert neben der Leiche. War dies ein Zeichen oder gar die Signatur des Mörders? Und wenn ja, was wollte der Mörder damit ausdrücken? Noch im Laufe der ersten Verhöre schlägt der Mörder erneut zu. Am helllichten Tag und direkt vor Quentin Neuners Nase wird Doktor Steffen Eisenreich, der Assistent von Doktor Steinmetz, auf der Herrentoilette ermordet. Auch bei diesem Toten ragt etwas Nadelartiges aus seiner Brust und auch Eisenreich trägt eine bunte handgestrickte Socke, allerdings auf dem linken Fuß. Schnell stellen die Ermittler Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Opfern fest. War es die gemeinsame Forschungsarbeit, die das Schicksal der Männer besiegelte?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ma­rie An­ders wur­de in Kirch­dorf an der Krems, Ober­ös­ter­reich, ge­bo­ren. Sie ist in ei­nem in­ter­na­ti­o­na­len Um­feld mehr­spra­chig auf­ge­wach­sen und hat un­ter an­de­rem in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Ser­bi­en, Russ­land und Frank­reich ge­lebt, stu­diert und ge­ar­bei­tet. Seit Kur­z­em lebt und ar­bei­tet sie wie­der in ih­rer ös­ter­rei­chi­schen Hei­mat.

Wei­te­re lie­fer­ba­re Ti­tel

Pra­li­nen des To­des – In­spek­tor Neu­ners ers­ter Fall

Tod im grü­nen Klee – In­spek­tor Neu­ners drit­ter Fall

Mord im Dos San­tos – In­spek­tor Neu­ners vier­ter Fall

Ma­rie An­ders

Die fin­ni­sche So­cke

Kri­mi­nal­ro­man

Der zwei­te Fall für In­spek­tor Neu­ner

BRINKLEY

Die fin­ni­sche So­ckeErst­aus­ga­be bei: Ver­lag Fe­der­frei 2018(un­ter ISBN 978-3-99074-032-3)Über­a­r­bei­te­te Ver­si­on er­schie­nen bei:BRINKLEY Ver­lag 2021

© Ma­rie An­ders

Ohne schrift­li­che Ge­neh­mi­gung des Her­aus­ge­bers darf kein Teil die­ser Pu­bli­ka­ti­on in ir­gend­ei­ner Form ver­viel­fäl­tigt, über­tra­gen oder ge­spei­chert wer­den.Alle Rech­te vor­be­hal­ten.

So­wohl die im Buch vor­kom­men­den Per­so­nen als auch die Hand­lun­gen sind von der Au­to­rin frei er­fun­den. Na­men und Ähn­lich­kei­ten mit Per­so­nen oder tat­säch­li­chen Hand­lun­gen sind zu­fäl­lig und nicht ge­wollt.

Satz: Con­stan­ze Kra­mer, co­ver­bou­tique.deLek­to­rat: S. Suss­man© Um­schlag­ge­stal­tung: BRINKLEY / Amit Ku­marun­ter Ver­wen­dung von: di­gi­tal paint

Ge­druckt und ge­bun­den von: SKA­LA PRINT

ISBN 978-3-9519891-8-1

www.brinkley-ver­lag.at

Die fin­ni­sche So­cke

Der zwei­te Fall für In­spek­tor Neu­ner

»Du weißt nicht, wer wahr­haf­tig dein Freund oder dein Feind ist, be­vor das Eis bricht.«

Weis­heit aus Lapp­land

– 1 –

»Mei­ne sehr ge­ehr­ten Da­men und Her­ren, lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, es ist mir eine Ehre, Sie heu­te hier im wun­der­schö­nen Kon­fe­renz­saal der Al­ten Re­si­denz zu Sa­lz­burg zum ›Drei­zehn­ten Kol­lo­qui­um zum The­ma Bur­nout und Bur­nout Prä­ven­ti­on‹ be­grü­ßen zu dür­fen. Wir alle wis­sen, dass Bur­nout mitt­ler­wei­le auf den ers­ten Platz in der Ska­la der ver­schie­de­nen De­pres­si­ons­ar­ten auf­ge­stie­gen und welt­weit auf dem Vor­marsch ist. Die Ur­sa­chen sind viel­sei­tig, doch fast alle füh­ren zu Hilf- und Hoff­nungs­lo­sig­keit. Nach vie­len Re­cher­chen und an­hand ver­schie­de­ner be­stä­tig­ter Stu­di­en, wis­sen wir mitt­ler­wei­le, dass Stress und Bur­nout nicht, wie lan­ge fälsch­li­cher­wei­se ver­mu­tet wur­de, gleich­zu­set­zen sind. Bur­nout führt nach­weis­lich zur psy­chi­schen und phy­si­schen Er­schöp­fung, und in schlim­men Fäl­len en­det er so­gar mit ei­nem Sui­zid. Wir wer­den heu­te ver­schie­de­ne Vor­trä­ge re­nom­mier­ter Kol­le­gen hö­ren, und ganz be­son­ders freue ich mich auf die Aus­füh­run­gen un­se­rer ge­schätz­ten Kol­le­gen aus Dä­ne­mark, Schwe­den, Nor­we­gen und Finn­land.« Wäh­rend sei­ner Rede zeig­te Pro­fes­sor Lind­ner zu den je­wei­li­gen Per­so­nen­grup­pen, die ihm leicht zu­nick­ten.

»In Skan­di­na­vi­en gibt es in­ter­es­san­ter­wei­se we­sent­lich we­ni­ger Men­schen mit Bur­nout-Syn­drom als in an­de­ren Län­dern. Wir wer­den von an­er­kann­ten Spe­zi­a­lis­ten hö­ren, war­um das so ist. Ich freue mich ganz be­son­ders, dass an der dies­jäh­ri­gen Ta­gung zum ers­ten Mal ne­ben der dä­ni­schen, schwe­di­schen und nor­we­gi­schen De­le­ga­ti­on auch eine aus Finn­land bei uns zu Gast ist. Mei­ne Da­men und Her­ren, bit­te be­grü­ßen Sie nun mit mir Herrn Pro­fes­sor Dok­tor Jus­si Mat­ti­la aus Tur­ku, Finn­land.«

Mit to­sen­dem Ap­plaus hie­ßen die etwa acht­zig An­we­sen­den Pro­fes­sor Dok­tor Jus­si Mat­ti­la will­kom­men. Der gro­ße, ele­gant ge­klei­de­te Mann mit blau­grau­en Au­gen und mar­kan­tem Wi­kin­ger-Ge­sicht kam lang­sam und ge­mäch­lich auf die Büh­ne. Er nick­te sei­nen Kol­le­gen freund­lich zu und wirk­te trotz sei­nes selbst­be­wuss­ten Auf­tre­tens et­was schüch­tern. Jus­si Mat­ti­la galt welt­weit als Ko­ry­phäe auf sei­nem Ge­biet, und sei­ne Kol­le­gen schätz­ten ihn, was sie mit ih­rem fre­ne­ti­schen Bei­fall auch zum Aus­druck brach­ten. Der in­ter­na­ti­o­nal an­ge­se­he­ne Kar­dio­lo­ge und Top­chir­urg hat­te sich in Tur­ku nie­der­ge­las­sen und ein Sa­na­to­ri­um für Bur­nout-Pa­ti­en­ten ge­grün­det.

»Vie­len lie­ben Dank, Pro­fes­sor Lind­ner.« Jus­si Mat­ti­la reich­te sei­nem Kol­le­gen die Hand und tät­schel­te ihm freund­schaft­lich die Schul­ter, dann räus­per­te er sich, ehe er das Pult auf sei­ne Grö­ße ein­stell­te und sich ganz sei­nem Pu­bli­kum wid­me­te.

»Mei­ne Da­men und Her­ren, lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, vie­len Dank für die herz­li­che Be­grü­ßung, ich bin sehr ge­rührt. Es ist schön, wie­der ein­mal in Ös­ter­reich zu sein. Ich habe als Kind mei­ne Fe­ri­en in Sa­lz­burg und Um­ge­bung ver­bracht, da mei­ne Mut­ter und Groß­mut­ter aus dem Sa­lz­kam­mer­gut stamm­ten.«

»Ach, da­her sein ak­zent­frei­es Deutsch«, flüs­ter­te Dok­tor Jut­ta Schwai­ger ih­rem Kol­le­gen Stef­fen Ei­sen­reich, ei­nem smar­ten jun­gen Me­di­zi­ner, zu.

»Ich bin schon ge­spannt, was der so von sich ge­ben wird«, er­wi­der­te die­ser im Flüs­ter­ton, »und hof­fe, es ist nicht nur so ein Wer­be­vor­trag für sein Sa­na­to­ri­um.« Je­mand aus der Rei­he hin­ter ihm klopf­te ihm auf die Schul­ter, und Stef­fen ver­stumm­te au­gen­blick­lich.

Wie ei­ni­ge von Ih­nen si­cher­lich wis­sen, habe ich vor ei­nem Jahr nach aus­gie­bi­ger For­schungs­a­r­beit in Tur­ku das Pa­ran­to­la Mat­ti­la, ein Sa­na­to­ri­um für Bur­nout und selbst­mord­ge­fähr­de­te Men­schen, er­öff­net. Das ›Pa­ran­to­la‹ be­müht sich, vor al­lem an Bur­nout er­krank­te Men­schen auf­zu­fan­gen und ih­nen mit­hil­fe al­ter, längst ver­ges­se­ner Me­tho­den und Na­tur­heil­mit­tel wie­der ein po­si­ti­ves Le­bens­ge­fühl zu ver­mit­teln. Dazu muss man ver­ste­hen, dass Bur­nout nicht nur eine Mo­de­er­schei­nung ist, wie vie­le Men­schen ver­mu­ten, son­dern dass es sich um eine hand­fes­te De­pres­si­on han­delt. Die­se Art der De­pres­si­on kann je­den tref­fen, auch je­den Ein­zel­nen von uns. Man fühlt sich aus­ge­brannt, leer, mo­ti­va­ti­ons­los, und der be­trof­fe­ne Mensch zieht sich im­mer mehr von sei­nem Um­feld zu­rück. War­um, aber vor al­lem wie kommt es dazu? Oft hängt dies mit den pri­va­ten und be­ruf­li­chen Le­ben­s­um­stän­den zu­sam­men aber auch mit Über­for­de­rung. Sie wer­den mir zu­stim­men, lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, wenn ich sage, dass Stress im­mer gut er­kenn­bar ist. Wenn wir un­ter Druck ste­hen, ver­fal­len wir in ge­wis­se Hand­lungs­wei­sen, wie zum Bei­spiel in ein über­trie­be­nes En­ga­ge­ment für et­was. Un­se­re Wahr­neh­mung wird von Emo­ti­o­nen und Ge­füh­len nur so über­zo­gen. Auf ein­mal scheint al­les drin­gend und wich­tig, was meist eine Art Hy­pe­r­ak­ti­vi­tät aus­löst. Der da­mit ein­her­ge­hen­de Ener­gie­ver­lust kann bei stress­ge­plag­ten Men­schen Angst­zu­stän­de her­vor­ru­fen, und durch die stän­di­ge An­span­nung und Hy­pe­r­ak­ti­vi­tät kom­men sie auch im­mer schwe­rer wie­der aus die­ser ver­fah­re­nen Si­tua­ti­on her­aus. Wenn wir uns das bild­lich vor­stel­len, ist das bes­te Bei­spiel der Hams­ter im Rad. Er dreht un­er­müd­lich sei­ne Run­den, so lan­ge, bis er schlus­s­end­lich an Herz­ver­sa­gen verstirbt. Im Ge­gen­satz dazu ha­ben wir die Schild­krö­te, die ihr Le­ben ge­mäch­lich an­geht. Sie lebt sehr viel län­ger als der Hams­ter. Sie wer­den mir recht ge­ben, mei­ne Da­men und Her­ren, wenn ich be­haup­te, dass Stress in ers­ter Li­nie phy­si­sche Aus­wir­kun­gen hat. Grund­sätz­lich mer­ken die meis­ten Men­schen, wenn sie un­ter Stress ste­hen, sie be­mer­ken aber so gut wie nie, dass sie lang­sam in ein Bur­nout rut­schen. War­um das so ist, kön­nen Sie in mei­nen hier auf­lie­gen­den Stu­di­en nach­le­sen.« Jus­si Mat­ti­la deu­te­te auf einen Sta­pel Do­ku­men­te, die auf ei­nem klei­nen Tisch la­gen.

»Jetzt kann man sich fra­gen, ab wann man über­haupt von ei­nem Bur­nout spricht. Nun, lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, da­für gibt es eine ganz ein­fa­che Ant­wort. So­bald man Sym­pto­me wie ab­ge­stumpf­te Ge­füh­le, An­triebs­lo­sig­keit, Ver­lust von jeg­li­cher Mo­ti­va­ti­on, Hilf­lo­sig­keit oder auch Hoff­nungs­lo­sig­keit, Ver­lust jeg­li­cher Le­bens­lust und vor al­lem Rü­ck­zugs­ge­füh­le auch nur an­satz­wei­se bei ei­nem Pa­ti­en­ten er­ken­nen kann, dann kann man be­reits da­von aus­ge­hen, dass er sich auf dem Weg in ein Bur­nout be­fin­det. Bur­nout ist eine Art von De­pres­si­on, und wie wir wis­sen, führt die­se wie­der­um zur Iso­la­ti­on. Un­gleich zu Stress ist Bur­nout nicht nur phy­sisch, son­dern vor al­lem psy­chisch. Na­tür­lich gibt es auch phy­si­sche Merk­ma­le, auf die möch­te ich aber im Mo­ment nicht nä­her ein­ge­hen. Die Hilf­lo­sig­keit, das Den­ken, dass das Le­ben nicht mehr le­bens­wert ist, kann auch in schlim­men Fäl­len zum Sui­zid füh­ren. Es ist also im­mens wich­tig, alle Sym­pto­me rich­tig zu deu­ten, um dem Pa­ti­en­ten schnellst­mög­lich hel­fen zu kön­nen.«

Jus­si Mat­ti­la sah sei­ne Zu­hö­rer an, trank lang­sam einen Schluck Was­ser aus dem Glas, das auf sei­nem Pult stand, ehe er mit ei­nem klei­nen Lä­cheln fort­fuhr.

»In mei­nem Sa­na­to­ri­um be­mü­he ich mich, Pa­ti­en­ten auf­zu­fan­gen und sie lang­sam aus dem Bur­nout her­aus­zu­füh­ren. Es ist wich­tig, dass der Pa­ti­ent wie­der an Le­bens­freu­de ge­winnt, und ich muss sa­gen, dass mir und na­tür­lich mei­nem Team das auch sehr gut ge­lingt. Jetzt fra­gen sich be­stimmt ei­ni­ge von Ih­nen, mit wel­chen Me­tho­den uns das ge­lingt. Nun, ei­gent­lich mit sehr ein­fa­chen. Sie wis­sen ja, dass skan­di­na­vi­sche Men­schen in der Re­gel sehr na­tur­ver­bun­den sind und viel Zeit drau­ßen im Grü­nen und da­nach in der Sau­na ver­brin­gen. Wir ha­ben es ge­schafft, die Na­tur ins Sa­na­to­ri­um zu ho­len, und zwar nicht nur in Form von Heil­mit­teln, Moor­bä­dern und Sau­na­l­and­schaf­ten, son­dern auch in Form von Bäu­men, Pflan­zen und ei­nem Bi­o­top, wie Sie hier auf die­sen Bil­dern sehr schön er­ken­nen kön­nen.«

Jus­si Mat­ti­la deu­te­te ei­nem Mit­a­r­bei­ter, die be­sag­ten Bil­der auf die Wand zu pro­ji­zie­ren. Ein Rau­nen und Tu­scheln ging durch den Saal. Jus­si Mat­ti­la hat­te die­se Re­ak­ti­on schon öf­ter er­lebt und muss­te un­will­kür­lich lä­cheln. Es war im­mer wie­der er­staun­lich, wie Men­schen auf die Ge­stal­tung sei­nes Sa­na­to­ri­ums re­a­gier­ten. Es wun­der­te ihn im­mer noch, dass es nicht öf­ter Ar­chi­tek­ten gab, die Bäu­me und Sträu­cher in ihre Ent­wür­fe ein­flie­ßen lie­ßen.

»Lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, hier se­hen Sie, dass es durch­aus mög­lich ist, Mut­ter Na­tur mit mo­der­ner Ar­chi­tek­tur zu ver­bin­den, ohne dass das eine oder an­de­re dar­un­ter lei­det. Un­ser Foy­er be­her­bergt eine etwa drei­hun­dert Jah­re alte Ei­che, und die Sträu­cher ne­ben den Be­hand­lungs­zim­mern exis­tier­ten schon lan­ge, be­vor das Ge­bäu­de er­rich­tet wur­de. Wir ha­ben die vor­han­de­ne Na­tur um­baut, wenn Sie so wol­len, und sie in un­ser Sa­na­to­ri­um in­te­griert. Was ist für un­se­re Pa­ti­en­ten am wich­tigs­ten? Die Lei­den­den müs­sen aus ih­rem Trott her­aus­ge­ris­sen wer­den, um in ei­ner an­de­ren, ih­nen frem­den Um­ge­bung wie­der zu sich fin­den zu kön­nen. Na­tür­lich ist es es­sen­zi­ell, dass sie sich bei uns wohl­füh­len, denn nur so kann un­se­re The­ra­pie auch das be­wir­ken, was sie soll, und zwar die Pa­ti­en­ten aus ih­rer Mi­se­re ho­len. In Ein­klang mit der Na­tur sor­gen wir im Pa­ran­to­la Mat­ti­la mit ei­nem Acht-Punk­te-The­ra­pie­plan da­für, dass die Er­krank­ten schnellst­mög­lich aus ih­rem Bur­nout her­aus­kom­men und sich in wei­te­rer Fol­ge sel­ber the­ra­pie­ren kön­nen. Die­sen Punk­te­plan möch­te ich Ih­nen nun et­was nä­her er­läu­tern.«

Dok­tor Stef­fen Ei­sen­reich, der ewig un­ru­hi­ge Geist, konn­te sich einen Kom­men­tar nicht ver­knei­fen: »Na ja, Ge­schmacks­sa­che. Bis dato hab ich ja wirk­lich nichts Neu­es für mich ent­deckt. Ob das noch bes­ser wird mit dem ›ach so tol­len Punk­te­plan‹? Was meinst du, Jut­ta?«

»Psst, müs­sen Sie denn stän­dig quat­schen? Hat man Ih­nen nicht bei­ge­bracht, dass man bei Vor­trä­gen ru­hig sein soll? Sie ha­ben null Re­spekt! Schä­men Sie sich. Stän­dig wet­zen Sie her­um, so was Un­ru­hi­ges, rich­tig rü­pel­haft«, zisch­te eine äl­te­re Dame hin­ter Stef­fen Ei­sen­reich.

Ei­sen­reich dreh­te sich lang­sam um, sah sie kurz an und ent­schied, ihr, auf­grund ih­res Al­ters, nicht zu ant­wor­ten, son­dern grins­te sie ein­fach nur frech an, ehe er sich wie­der dem Vor­trag wid­me­te.

»In der heu­ti­gen Schlaf­man­gel­ge­ne­ra­ti­on ist es nicht mehr selbst­ver­ständ­lich, dass man auch ge­nü­gend ge­sun­den Schlaf be­kommt. Nur, wer sich rich­tig aus­ru­hen kann, baut auf Dau­er Mü­dig­keit, An­ge­spannt­heit, Ge­reizt­heit und in­ne­re Un­ru­he ab. Es ist also an uns, da­für Sor­ge zu tra­gen, dass die Pa­ti­en­ten ge­nü­gend Schlaf be­kom­men. So­mit ist un­ser Punkt eins der ge­sun­de Schlaf. Der zwei­te Punkt ist kör­per­li­che Be­tä­ti­gung. Hier mei­ne ich nicht un­be­dingt Leis­tungs­sport, son­dern hier liegt der Fo­kus viel­mehr auf täg­li­cher Be­we­gung, sei es Spa­zie­ren­ge­hen, Rad­fah­ren, Schwim­men oder zum Bei­spiel all­täg­li­che Ar­bei­ten im Haus­halt oder im Gar­ten. Ein­fach et­was, das dem Pa­ti­en­ten nicht un­be­dingt wie ein Muss er­scheint, son­dern et­was, das ihm Spaß macht, aber gleich­zei­tig sinn­voll ist. Das Haupt­au­gen­merk hier liegt nicht dar­auf, eine Sport­art für den Pa­ti­en­ten zu be­stim­men, son­dern dem Pa­ti­en­ten ge­mä­ßig­te Be­we­gung nä­her­zu­brin­gen. Der nächs­te im­mens wich­ti­ge Punkt ist die ge­sun­de Er­näh­rung. Das muss ich Ih­nen als Spe­zi­a­lis­ten ja nicht nä­her er­läu­tern. Punkt vier gilt der Ent­span­nung. Dies­be­züg­lich sind neue Tech­ni­ken ein we­sent­li­cher Be­stand­teil un­se­res The­ra­pie­pla­nes. Pa­ti­en­ten ler­nen durch Au­to­ge­nes Trai­ning und ganz ohne Me­di­ka­men­te, sich zu ent­span­nen. Al­ter­na­tiv dazu wer­den noch an­de­re Me­di­ta­ti­ons­for­men und Yoga an­ge­bo­ten. In spe­zi­el­len Work­shops, un­se­rem Punkt fünf des The­ra­pie­pla­nes, lei­ten wir un­se­re Pa­ti­en­ten dazu an, so­wohl im Be­ruf als auch im Pri­vat­be­reich im­mer wie­der Ru­he­pha­sen für sich ein­zu­pla­nen. Vie­le ver­ste­hen erst nach ei­nem oder zwei Work­shops, dass man sol­che Pha­sen tat­säch­lich ein­pla­nen kann und auch, wie un­um­gäng­lich die­se sind. Es ist we­sent­lich, dass die Ru­he­pha­sen nicht ge­stört wer­den und man sich sel­ber qua­si von jeg­li­chen äu­ße­ren Ein­flüs­sen ab­schot­tet. Wäh­rend die­ser Pau­sen ist man nur noch für sich sel­ber zu­stän­dig und nicht mehr für Fa­mi­lie, Freun­de oder Mit­a­r­bei­ter. Da­mit Sie, mei­ne lie­ben Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, mehr über die­se Me­tho­de er­fah­ren kön­nen, fin­det, wie Sie ja schon dem Pro­gramm ent­neh­men konn­ten, mor­gen Nach­mit­tag ein Work­shop statt, in dem ich Ih­nen die­sen Punkt be­zie­hungs­wei­se die­se Me­tho­de nä­her er­klä­ren wer­de.«

Dok­tor Jut­ta Schwai­ger fin­ger­te in ih­rer Hand­ta­sche her­um und be­för­der­te ein zer­knit­ter­tes Pro­gramm­heft mit ei­nem An­mel­de­for­mu­lar ans Ta­ges­licht. »Das muss ich un­be­dingt ma­chen«, mur­mel­te sie.

»Echt, willst du wirk­lich dar­an teil­neh­men?« Et­was er­staunt und un­gläu­big blick­te Stef­fen Ei­sen­reich sei­ne Kol­le­gin an.

»Ja, si­cher!«, flüs­ter­te Jut­ta ihm zu. »So eine Ge­le­gen­heit be­kom­men wir nie mehr. Au­ßer­dem weißt du doch, dass ich mich mit ei­ner Na­tur­heil­pra­xis selbst­stän­dig ma­chen möch­te.«

»Psst, Ruhe!«

Pro­fes­sor Mat­ti­la, der noch ein­mal einen gro­ßen Schluck Was­ser zu sich ge­nom­men hat­te, fuhr fort. »Für die psy­cho­so­zi­a­le Ge­sund­heit und qua­si als Ge­gen­pol zum Bur­nout sind Ge­sel­lig­keit aber auch Ler­nen sehr wich­tig. Wir ler­nen im­mer und über­all. In un­se­rem Punkt sechs des The­ra­pie­pla­nes wer­den Pa­ti­en­ten lang­sam an ihre ei­ge­ne Kre­a­ti­vi­tät her­an­ge­führt. Sie ler­nen, wie­der ihre lang ver­dräng­ten oder ver­ges­se­nen Hob­bies auf­zu­neh­men. Da­für ha­ben wir in un­se­rem Sa­na­to­ri­um ver­schie­de­ne Werk­stät­ten und Work­shops ein­ge­rich­tet. Ich kann Ih­nen sa­gen, dass bis zum heu­ti­gen Tage noch je­der Pa­ti­ent et­was für sich ent­deckt hat. Na­tür­lich müs­sen sie auch da­hin­ge­hend an­ge­lei­tet wer­den, ihr Hob­by nicht in Frei­zeitstress aus­ar­ten zu las­sen. In ers­ter Li­nie gilt es das rich­ti­ge Maß zu fin­den. Was ein­fa­cher scheint, als es ist.

Nun zu Punkt sie­ben, ei­ner un­se­rer wich­tigs­ten Punk­te. Die An­lei­tung zur Selbst­hil­fe. Hier wer­den Pa­ti­en­ten dazu ge­bracht zu er­ken­nen, dass das Ver­leug­nen von Pro­ble­men ein gro­ßes Tabu ist. Mit der Kre­a­ti­vi­täts­me­tho­de zei­gen wir hier dem Er­krank­ten Lö­sun­gen auf. Die­se Pha­se ist sehr ar­beits­in­ten­siv und hängt maß­geb­lich von der Selbs­t­er­kennt­nis des Pa­ti­en­ten ab. Er muss die Si­gna­le sei­nes Kör­pers deu­ten ler­nen. Wir zei­gen ihm ver­schie­de­nen Tech­ni­ken, mit de­nen er ei­ni­ge sei­ner Le­ben­s­um­stän­de ver­än­dern kann, um in wei­te­rer Fol­ge mehr Zu­frie­den­heit zu er­lan­gen. Hier lernt der Pa­ti­ent, sich nicht nur auf­zu­op­fern oder gar auf­zu­ge­ben, son­dern auch auf sich selbst zu ach­ten. Auch hier­zu gibt es über­mor­gen einen Work­shop, um die Tech­ni­ken ge­nau­er mit Ih­nen durch­zu­ge­hen. Sie kön­nen sich ger­ne bei Pro­fes­sor Lind­ner an­mel­den.«

Jus­si Mat­ti­la mach­te noch ein­mal eine klei­ne Pau­se, ehe er zum letz­ten Punkt kam. Er wuss­te ge­nau, dass die­ser für vie­le sei­ner Kol­le­gen sehr be­fremd­lich sein wür­de. Vor ei­ni­gen Jah­ren, als er die­se Me­tho­de in sei­nen The­ra­pie­plan auf­nahm, wur­de er mitt­lei­dig be­lä­chelt. Für man­che Kol­le­gen, die noch zu sehr auf klas­si­sche Me­di­zin­tech­ni­ken fi­xiert wa­ren, war es im­mer noch et­was schwer zu glau­ben, dass die­se Me­tho­de tat­säch­lich Ein­fluss auf die Ge­ne­sung von Kör­per und Geist ha­ben könn­te. Der Pro­fes­sor trank noch­mals einen klei­nen Schluck Was­ser, blick­te in die Run­de und be­gann, mit et­was lau­te­rer Stim­me als zu­vor wei­ter­zu­spre­chen.

»So und jetzt kommt der letz­te und, wie ich mei­ne, be­deu­tends­te Punkt. Punkt acht wird so ei­ni­ge von Ih­nen über­ra­schen, viel­leicht auch ir­ri­tie­ren. Es han­delt sich näm­lich um Spi­ri­tu­a­li­tät.«

So­fort ging ein lau­tes Rau­nen durch den Raum. Jus­si Mat­ti­la lä­chel­te sein Pu­bli­kum an.

»Ja, mei­ne lie­ben Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, Sie ha­ben rich­tig ge­hört. Spi­ri­tu­a­li­tät. Ziel ist es, das so­ge­nann­te in­ne­re Kind wie­der auf­er­ste­hen zu las­sen. Sich ein­fach zu ver­gnü­gen, zu la­chen und sich an den klei­nen Net­tig­kei­ten des Le­bens zu er­freu­en und gleich­zei­tig Dank­bar­keit für die­se ein­zig­ar­ti­gen Mo­men­te zu ent­wi­ckeln. Dank­bar­keit führt zu Zu­frie­den­heit und Wohl­be­ha­gen. Dies wie­der­um trägt zu mehr Ruhe und Ge­las­sen­heit bei, und das Glücks­hor­mon Se­ro­to­nin wird im Ge­hirn frei­ge­setzt. Ein wei­te­rer wich­ti­ger Aspekt der Spi­ri­tu­a­li­tät ist das Ge­ben und Neh­men. Bei vie­len Pa­ti­en­ten sind die­se bei­den Ele­men­te stark be­ein­träch­tigt und müs­sen wie­der in Ein­klang ge­bracht wer­den. Na­tür­lich ge­hö­ren noch an­de­re Ele­men­te zu die­sem Punkt, wie Me­di­ta­ti­on, Ur­sa­che und Wir­kung, das rich­ti­ge At­men und vie­les mehr. Erst wenn ei­nem dies al­les so nach und nach be­wusst ge­macht wird, kann man neue Le­bens­ener­gie auf­bau­en und nach und nach Le­bens­stra­te­gi­en und auch sich sel­ber wei­ter­ent­wi­ckeln. Ich sehe es an Ih­ren Ge­sich­tern, dass sie jetzt et­was ver­wun­dert sind.« Pro­fes­sor Mat­ti­la sah freund­lich lä­chelnd in die Run­de und be­hielt recht. Die meis­ten sei­ner Kol­le­gen im Raum sa­hen ihn und auch sich ge­gen­sei­tig un­gläu­big an. Jus­si Mat­ti­la ließ das so­eben Ge­sag­te et­was sa­cken, ehe er sich räus­per­te und wei­ter­sprach.

»Mei­ne lie­ben Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, ich habe na­tür­lich, wie schon sehr oft bei mei­nen Vor­trä­gen, bei die­sem Punkt er­staun­te Ge­sich­ter wahr­ge­nom­men. Wenn Sie möch­ten, kön­nen wir ger­ne die Wich­tig­keit der Spi­ri­tu­a­li­tät für die Bur­nout-Prä­ven­ti­on wei­ter ver­tie­fen. Ich bin ger­ne be­reit, Ih­nen mei­ne Me­tho­de nä­her­zu­brin­gen. Falls Sie In­ter­es­se dar­an ha­ben, tei­len Sie dies bit­te dem Ver­an­stal­ter mit, und wir ar­ran­gie­ren ganz spon­tan und kurz­fris­tig einen Mini-Work­shop. Vie­len Dank. Ich gebe das Wort nun wie­der an mei­nen sehr ge­schätz­ten Kol­le­gen Pro­fes­sor Dok­tor Lind­ner.«

Be­glei­tet von Ap­plaus und Stan­ding Ova­ti­on, be­gab Jus­si Mat­ti­la sich wie­der auf sei­nen Platz. Er war zu­frie­den mit sei­nem Ein­füh­rungs­vor­trag. Die Kol­le­gen wa­ren sicht­lich an­ge­tan von sei­nem Sa­na­to­ri­um und sei­nen na­tur­heil­kund­li­chen Me­tho­den. Was sie nicht wuss­ten, war, dass er ein ähn­li­ches Pro­jekt auch im Sa­lz­kam­mer­gut plan­te. Er muss­te nur noch das rich­ti­ge Grund­s­tück an ei­nem See fin­den. So in Ge­dan­ken ver­sun­ken, be­kam Jus­si Mat­ti­la die nächs­ten bei­den Red­ner, die über bahn­bre­chen­de Ent­de­ckun­gen in der Schul­me­di­zin spra­chen, nur am Ran­de mit.

Er ver­spür­te einen klei­nen An­flug von Hun­ger und freu­te sich auf das Mit­tag­es­sen mit den Kol­le­gen und dann auf sei­nen frei­en Nach­mit­tag. Er woll­te die Stadt, in der er als Kind so vie­le glü­ck­li­che Stun­den bei den Gro­ß­el­tern ver­bracht hat­te, nun als Er­wach­se­ner neu ent­de­cken. Vor dem Abend­es­sen wür­de er viel­leicht in die Sau­na ge­hen und da­nach mit sei­ner Frau Rit­va noch einen schö­nen Abend ver­brin­gen.

»Jus­si! Jus­si, sag mal, hörst du mich nicht?«, zisch­te Mik­ka Sa­vo­lai­nen.

»Doch, na­tür­lich höre ich dich, Mik­ka.« Et­was er­tappt wand­te er sich sei­nem Kol­le­gen zu.

»Jaa­na und ich wol­len heu­te nach dem Mit­tag­es­sen in die Stadt. Sie lässt fra­gen, ob Rit­va und du mit uns kom­men wollt.«

»Nein, Mik­ka. Rit­va ist heu­te früh nach Bad Ischl ge­fah­ren, sie kommt erst am Abend wie­der zu­rück. Ich wer­de mich nach dem Mit­tag­es­sen biss­chen aufs Ohr hau­en, dann in die Sau­na ge­hen und even­tu­ell einen zu­sätz­li­chen Work­shop vor­be­rei­ten, falls et­was zu­stan­de kom­men soll­te.«

Jus­si Mat­ti­la konn­te und woll­te den Nach­mit­tag nicht mit sei­nem Freund und des­sen Frau ver­brin­gen. Er hat­te eine Ver­ab­re­dung in Sa­lz­burg und konn­te da­für kei­nen An­hang ge­brau­chen, aber das ver­schwieg er ganz be­wusst.

– 2 –

Nach ei­nem üp­pi­gen drei­gän­gi­gen Mit­tag­es­sen im Ho­tel war Jus­si Mat­ti­la froh über den Spa­zier­gang durch die Alt­stadt von Sa­lz­burg. Die Ge­trei­de­gas­se mit ih­ren vie­len klei­nen Ge­schäf­ten sah fast wie frü­her aus.

Als er ein klei­ner Jun­ge war, gab es ne­ben dem Mo­zart­ge­burts­haus eine Wie­ner Bä­cke­rei, de­ren Duft schon von Wei­tem ein­lud, den klei­nen La­den zu be­su­chen. Sei­ne Groß­mut­ter kauf­te meist Brot und an­de­res Ge­bäck, und er be­kam im­mer so­fort ein Kip­ferl. Doch bei nä­he­rem Hin­se­hen hat­te die Ge­trei­de­gas­se et­was an Tra­di­ti­on und Charm ein­ge­büßt. Die Bä­cke­rei gab es nicht mehr, da­für hat­ten Nord­see und so­gar Mc­Do­nalds in der be­rühm­tes­ten Gas­se Sa­lz­burgs Ein­zug ge­hal­ten. Jus­si Mat­ti­la wuss­te nicht so recht, was er da­von hal­ten soll­te. Ir­gend­wie stimm­te es ihn trau­rig zu se­hen, wie die Ge­trei­de­gas­se sich ver­än­dert hat­te. Er schlen­der­te wei­ter in Rich­tung Al­ter Markt und Re­si­denz­platz. Hier sah es fast noch so aus wie frü­her. Schon als Kind war er vom Re­si­denz­platz fas­zi­niert ge­we­sen, we­ni­ger we­gen des Plat­zes, viel­mehr an­ge­sichts der Fi­a­ker, die hier stan­den. Er durf­te je­des Mal, wenn er wäh­rend der Fe­ri­en in Sa­lz­burg war, mit sei­nen Gro­ß­el­tern eine Run­de fah­ren. Im­mer saß er ne­ben dem Kut­scher, und manch­mal durf­te er die Pfer­de so­gar sel­ber len­ken. Schön wa­ren sie, sei­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen.

Jus­si Mat­ti­la blick­te auf sei­ne Arm­band­uhr. Er hat­te noch un­ge­fähr drei Stun­den Zeit, ehe er zu sei­ner Ver­ab­re­dung ins Café Nie­metz muss­te.

Das schö­ne Herbst­wet­ter lud ge­ra­de­zu zu ei­ner nost­al­gi­schen Fi­a­ker Rund­fahrt ein. Kurz ent­schlos­sen ging Jus­si auf den nächs­ten Kut­scher zu.

»Fah­ren Sie al­lei­ne, gnä­di­ger Herr, oder kommt noch je­mand?«, frag­te der Fi­a­ker ihn.

»Nein, nein, heu­te fah­re ich ganz al­lei­ne.«

»Soll ich Ih­nen viel­leicht ein paar Ge­schich­ten über un­se­re schö­ne Stadt er­zäh­len?«

»Nein dan­ke. Ich ken­ne Sa­lz­burg. Mei­ne Gro­ß­el­tern ha­ben hier in der Nähe ge­lebt, und ich bin oft mit ih­nen durch die Stadt ge­fah­ren.«

»Ah ja, wenn das so ist, dann sind sie ja fast ein Ein­hei­mi­scher.« Der Kut­scher, der in sei­ner schmu­cken Tracht und mit sei­nem ge­zwir­bel­ten Kai­ser-Franz-Jo­sef-Schnurr­bart sehr vor­nehm, ja, fast schon er­ha­ben, aus­sah, öff­ne­te die Tür zum Fi­a­ker und bat sei­nen Fahr­gast mit ei­ner ga­lan­ten Hand­be­we­gung ein­zu­stei­gen.

Jus­si Mat­ti­la zö­ger­te, er hielt kurz inne, und mit ei­nem schüch­ter­nen Lä­cheln wand­te er sich an den Kut­scher: »Eine Bit­te hät­te ich dann doch.«

»Ja bit­te, der Herr, wie kann ich Ih­nen die­nen?« Der Kut­scher ver­beug­te sich leicht vor sei­nem Fahr­gast.

»Dürf­te ich vor­ne auf dem Kutsch­bock ne­ben Ih­nen sit­zen? Ist das er­laubt?«

»Ja, na­tür­lich ist das er­laubt, wenn Sie das möch­ten, dann bit­te ger­ne. Der Kun­de ist im­mer Kö­nig.« Der Kut­scher war er­freut und lä­chel­te. Es kam sel­ten vor, dass ein er­wach­se­ner Mann ne­ben ihm sit­zen woll­te.

Der Fi­a­ker setz­te sich lang­sam in Gang, und das Klap­pern der Hufe wirk­te be­ru­hi­gend und ent­span­nend auf Jus­si. Er ge­noss die Fahrt. Der Kut­scher er­zähl­te ihm dies und das, und nach ei­ner Wei­le ver­fie­len sie in eine ge­müt­li­che Plau­de­rei. Viel zu früh war die Rund­fahrt zu Ende. Jus­si fühl­te sich wie­der wie ein klei­ner Jun­ge, als er sich vom Fi­a­ker ver­ab­schie­de­te.

– 3 –

Jus­si Mat­ti­la war eine gute hal­be Stun­de zu früh dran, als er im Café Nie­metz ein­traf. Das seit­lich hin­ter der Pfer­de­schwem­me ver­steck­te Café war zwar gut be­sucht, aber es gab im­mer noch aus­rei­chend freie Plät­ze. Jus­si wähl­te einen et­was iso­lier­ten Tisch im hin­te­ren Be­reich des Ca­fés aus. Er hat­te mit Eli­i­na, sei­ner As­sis­ten­tin, aus­ge­macht, sich ge­gen sieb­zehn Uhr hier im Café zu tref­fen. Er be­stell­te eine klei­ne Scha­le Gold, also einen Mok­ka mit Milch und Milch­schaum­häub­chen. Heu­te wür­de man dazu wohl klei­ner Cappuc­ci­no sa­gen. Er hat­te das Ge­fühl, dass die ehe­mals so be­rühm­ten ös­ter­rei­chi­schen Kaf­fee­haus­klas­si­ker im­mer öf­ter durch ita­lie­ni­sche Mo­de­n­a­men er­setzt wur­den. Doch im tra­di­ti­o­nel­len Café Nie­metz konn­te man noch eine Scha­le Gold be­stel­len. Er nahm sich eine Zei­tung und las die Über­schrif­ten, ehe er sich in einen po­li­ti­schen Ar­ti­kel ver­tief­te, wäh­rend er auf Eli­i­na Mik­ko­nen war­te­te.

»Na, in­ter­es­san­te Nach­rich­ten?« Eli­inas tie­fe fröh­li­che Stim­me riss ihn aus sei­ner Lek­tü­re.

»Eli­i­na, schön, dass du mich ge­fun­den hast, ich freue mich, dich zu se­hen.« Jus­si sprang auf, küss­te Eli­i­na auf die rech­te und lin­ke Wan­ge und deu­te­te ihr, sich zu set­zen.

»Was möch­test du trin­ken?«

»Einen Pfef­fer­minz­tee, bit­te.« Jus­si be­stell­te den Tee und noch eine Scha­le Gold, ehe er wie­der Platz nahm.

Eli­i­na Mik­ko­nen, Jus­sis engs­te Mit­a­r­bei­te­rin und Ver­trau­te, war eine et­was schril­le Er­schei­nung. Egal, wo sie hin­kam, er­reg­te sie Auf­merk­sam­keit. Man konn­te sie mit ih­ren feu­er­ro­ten Haa­ren und der sehr aus­ge­fal­le­nen Klei­dung kaum über­se­hen. Auch heu­te trug sie wie­der ein knall­gel­bes Ko­s­tüm mit dun­kel­vi­o­let­ten Ap­pli­ka­ti­o­nen, dazu hat­te sie vi­o­let­te Schu­he an, die auf­fäl­li­ger nicht sein konn­ten. Die feu­er­ro­ten Haa­re hat­te sie lo­cker hoch­ge­steckt. Jus­si, der eine Dame am Ne­ben­tisch be­ob­ach­te­te, wie sie Eli­i­na mus­ter­te und die Nase rümpf­te, muss­te un­will­kür­lich lä­cheln.

»Na, wie ge­fällt dir Sa­lz­burg?«

»Du bist gut, Jus­si.« Eli­i­na ver­zog ih­ren Mund und ver­dreh­te the­a­tra­lisch ihre reh­brau­nen Au­gen. »Von Sa­lz­burg hab ich fast nichts ge­se­hen, aber die Um­ge­bung ist ein­fach traum­haft, und die bei­den Im­mo­bi­li­en­mak­ler, die ich ge­trof­fen habe, wa­ren mehr als char­mant. Der drit­te al­ler­dings, eine Mak­le­rin, hat­te eine un­freund­li­che und der­be Art.«

»Dann hast du wohl gute Neu­ig­kei­ten für un­ser Pro­jekt?«

»Wie man es nimmt. Ich habe mir drei Grund­s­tü­cke an­ge­se­hen, ei­nes in Sankt Wolf­gang und zwei am Mond­see.«

»Wel­ches kommt am ehes­ten in­fra­ge, wel­ches soll ich mir an­se­hen?«

»Ach, Jus­si, kei­nes der drei hat mich so rich­tig vom Hocker ge­ris­sen. Es wa­ren durch­aus schö­ne Im­mo­bi­li­en, aber sie hat­ten alle drei nicht die­sen Wow-Ef­fekt. Du weißt, was ich mei­ne?«

»Ja, ja, si­cher.« Jus­sis Eu­pho­rie war wie weg­ge­bla­sen. Er hat­te sei­ne As­sis­ten­tin Eli­i­na dar­auf an­ge­setzt, eine Vor­aus­wahl von po­ten­zi­el­len Grund­s­tü­cken für sein Sa­na­to­ri­um in Ös­ter­reich zu tref­fen. Er ver­trau­te ihr und ih­rem Ur­teil blind.

»Gut, aber wie geht es jetzt wei­ter, wir ha­ben doch nur die drei See­grund­s­tü­cke im In­ter­net ge­fun­den?«

»Ich tref­fe mich mor­gen früh noch ein­mal mit ei­nem …« Eli­i­na blät­ter­te in ei­nem No­tiz­block, den sie aus ih­rer Laptop­ta­sche ge­zo­gen hat­te. »… ei­nem Herrn Chris­ti­an Mein­rad aus Sa­lz­burg. Der Kon­takt wur­de vom Mak­ler aus Sankt Wolf­gang her­ge­stellt. Ich habe be­reits mit ihm te­le­fo­niert, und er hat mir ver­si­chert, dass er ei­ni­ge Im­mo­bi­li­en im Sor­ti­ment hät­te, die even­tu­ell in­ter­es­sant sein könn­ten. Ei­nes da­von so­gar mit ei­nem klei­nen schloss­ar­ti­gen An­we­sen. Er hat ver­spro­chen, mir die Ex­posés noch heu­te Abend zu mai­len.«

»Das klingt viel­ver­spre­chend. Du weißt ja, was ich für mein Sa­na­to­ri­um in Ös­ter­reich su­che. Am wich­tigs­ten ist es, dass es an ei­nem See liegt und von viel Wald um­ge­ben ist.«

»Wie ge­sagt, heu­te Abend wer­de ich ei­ni­ge Ex­posés sich­ten. Hast du spä­ter noch ein­mal Zeit für mich?«

»Sor­ry, nein. Mei­ne Frau kommt am Abend wie­der aus Bad Ischl, und viel­leicht muss ich auch noch einen zu­sätz­li­chen Work­shop vor­be­rei­ten. Such ein­fach die Im­mo­bi­li­en aus, die am ehes­ten zu un­se­rem Plan pas­sen, und be­sich­ti­ge sie in al­ler Ruhe. Ich habe vol­les Ver­trau­en, dass du das Rich­ti­ge fin­den wirst.«

»Mach ich ger­ne, aber es wär halt doch bes­ser, du wür­dest mit­kom­men.«

»Stimmt, nur lei­der kann ich hier nicht so ein­fach weg. Au­ßer­dem möch­te ich nicht, dass die an­de­ren mit­be­kom­men, wel­che Plä­ne ich ge­ra­de so aus­he­cke. Ich muss si­cher­ge­hen, dass al­les ge­heim bleibt. Auch dei­ne An­we­sen­heit hier soll­te, so gut es geht, ge­heim blei­ben. Sa­lz­burg ist klein, wie du ja schon mit­be­kom­men hast, und ich wür­de dich da­her bit­ten, dich et­was …« Eli­i­na ver­zog den Mund und roll­te die Au­gen. »Ich ver­steh schon …«, un­ter­brach sie ih­ren Chef, »ich soll ein biss­chen un­ter­tau­chen und U-Boot spie­len. So ge­se­hen, ist es ja gut, dass ich bei ei­ner Freun­din et­was au­ßer­halb woh­ne. Ich wer­de na­tür­lich tun­lichst ver­mei­den, wäh­rend eu­ren Pau­sen oder gar abends in der Stadt zu sein.« Schel­misch grins­te sie Jus­si Mat­ti­la an. Eine leich­te Röte zeich­ne­te sich im Ge­sicht des Pro­fes­sors ab.

»Es tut mir leid, das war doch nicht so ge­meint. Wir, be­zie­hungs­wei­se ich, müss­te nur so vie­les er­klä­ren, wenn man dich hier se­hen wür­de.«

»Schon gut, Jus­si, ich ver­ste­he dich doch. Mach dir kei­ne Ge­dan­ken. Also, ich bre­che jetzt auf, und das soll­test du auch tun. Es ist schon halb sie­ben, und um sie­ben Uhr habt ihr einen klei­nen Emp­fang in der Ho­tel­lob­by.«

»Stimmt. Wie gut, dass du mei­nen Ter­min­ka­len­der im­mer im Kopf hast. Ich hat­te den Emp­fang schon fast ver­ges­sen.« Mit ei­nem herz­li­chen La­chen wink­te Jus­si der Kell­ne­rin und ver­ab­schie­de­te sich von sei­ner As­sis­ten­tin.

Eli­i­na ging noch in das Un­ter­ge­schoss, um sich die Nase zu pu­dern. So konn­te nie­mand sie beim Ver­las­sen des Ca­fés zu­sam­men se­hen und auf falsche Ge­dan­ken kom­men. Sie lä­chel­te ihr Spie­gel­bild an, sie fand es span­nend, in Sa­lz­burg zu sein und mit ih­rem Chef Ge­heim­nis­se zu tei­len, von de­nen nie­mand et­was wis­sen durf­te, nicht ein­mal sei­ne Frau.

– 4 –

Als Jus­si Mat­ti­la in der Ho­tel­lob­by an­kam, wa­ren die meis­ten sei­ner Kol­le­gen be­reits ver­sam­melt. Sie stan­den mit ih­ren Drinks um die Steh­ti­sche her­um, ge­nos­sen die ele­gan­ten klei­nen Häpp­chen und un­ter­hiel­ten sich an­ge­regt. Jus­si über­leg­te kurz, ob er nach oben in sein Zim­mer ge­hen soll­te, um sich um­zu­zie­hen, als er sei­ne Frau am Ein­gang er­blick­te. Er­freut wink­te er ihr und ging auf sie zu.

»Rit­va, schön, dass du wie­der da bist, wie war es?«

»Oh, Jus­si, Bad Ischl ist so schön. Mar­ti­na und Hans geht es gut, sie rich­ten dir ganz herz­li­che Grü­ße aus. Sie ha­ben uns für das Wo­chen­en­de ein­ge­la­den. Da ver­an­stal­tet Mar­ti­na einen klei­nen Kunst­markt, auf dem ei­ni­ge re­gi­o­na­le Künst­ler ihre Sa­chen ver­kau­fen. Ich hab dich si­cher­heits­hal­ber schon mal ent­schul­digt, weil ich dei­nen Ter­min­plan ja nicht ge­nau ken­ne. Falls du dann doch mit­kom­men kannst, wird es für die bei­den eine Rie­sen­über­ra­schung. Mar­ti­nas Kunst­wer­ke sind ein­fach fan­tas­tisch. Ich habe eine Skulp­tur für den Ein­gangs­be­reich des Sa­na­to­ri­ums ge­kauft. Du wirst sie lie­ben. Und eine zwei­te für mein Büro. Ein­fach wun­der­schön. Mar­ti­na und ihre Holz­kunst sind ein­fach un­be­schreib­lich.« Rit­va Mat­ti­la plap­per­te ohne Punkt und Kom­ma. Sie war sicht­lich auf­ge­kratzt, und ihr Ge­sicht hat­te eine ge­sun­de Röte be­kom­men. Jus­si kam nicht zu Wort, er nick­te nur und lä­chel­te sei­ne Frau an. »Ach, Jus­si, ich komm gleich wie­der, ich zieh mich nur schnell um. Ich kann ja nicht so ver­staubt zum Abend­es­sen, wenn alle an­de­ren schon in Abend­gar­de­ro­be sind. Kommst du mit, oder bleibst du?«

»Schatz, ich blei­be, ich muss noch her­aus­fin­den, ob ich einen zu­sätz­li­chen Work­shop ver­an­stal­ten soll und wann. Lass dir ru­hig Zeit, ich wer­de hier sein und auf dich war­ten.«

Rit­va küss­te ih­ren Mann, ehe sie sich um­dreh­te und mit dem Lift nach oben fuhr. Jus­si lä­chel­te ihr ver­liebt nach. Sei­ne Frau war sein Ein und Al­les. Rit­va, die im glei­chen Al­ter war wie er, hat­te sich ihre Ener­gie und Ju­gend­lich­keit be­wahrt und war im­mer für ein gu­tes in­tel­li­gen­tes Ge­spräch zu ha­ben. Sie hat­te ei­gent­lich Künst­le­rin wer­den wol­len, doch ihre El­tern hat­ten dar­auf be­stan­den, dass sie einen or­dent­li­chen Be­ruf er­lern­te. Dar­auf­hin ging sie zur Po­li­zei und mach­te als Ju­ris­tin Kar­rie­re. Als Ge­fäng­nis­di­rek­to­rin konn­te sie sich zwar nicht wirk­lich künst­le­risch ver­wirk­li­chen, aber sie hat­te alle mög­li­chen Se­mi­na­re und Kunst­kur­se für die In­sas­sen ein­ge­führt, was das Ge­fäng­nis in Tur­ku zu et­was Be­son­de­rem mach­te.

Jus­si Mat­ti­la un­ter­hielt sich an­ge­regt mit Pro­fes­sor Dok­tor Lind­ner, dem Or­ga­ni­sa­tor des Kol­lo­qui­ums. Der an­ge­kün­dig­te Work­shop über Spi­ri­tu­a­li­tät weck­te of­fen­sicht­lich re­ges In­ter­es­se bei den Teil­neh­mern, da­her ent­schie­den die bei­den, dass Jus­si am Ende des drit­ten Ta­gungs­ta­ges einen Son­der-Work­shop ab­hal­ten soll­te. Jus­si hat­te also noch aus­rei­chend Zeit, sich dar­auf vor­zu­be­rei­ten, und au­ßer­dem konn­te er nun den Abend mit sei­ner Frau, die so­eben in ei­nem atem­be­rau­ben­den dun­kel­blau­en Spit­zen­kleid aus dem Lift stieg und auf ihn zu­kam, so rich­tig ge­ni­e­ßen.

»Pro­fes­sor Lind­ner, schön, Sie wie­der­zu­se­hen.« Lä­chelnd be­grüß­te Rit­va Mat­ti­la den Ver­an­stal­tungs­lei­ter, der sich ga­lant ver­beug­te und ihr die Hand küss­te.

In die­sem Mo­ment öff­ne­te sich eine Dop­pel­flü­gel­tü­re, die in einen der Ne­ben­räu­me führ­te, und eine jun­ge Dame bat Pro­fes­sor Lind­ner und die Teil­neh­mer des Kol­lo­qui­ums zum Abend­es­sen.

– 5 –

Nach dem Es­sen hak­te Rit­va Mat­ti­la sich bei ih­rem Mann un­ter.

»Ein Spa­zier­gang wäre jetzt wirk­lich gut nach die­sem üp­pi­gen Din­ner, oder was meinst du, Rit­va?«

»Ja, auf je­den Fall, Dar­ling, ich muss mich aber vor­her drin­gend um­zie­hen, abends ist es doch schon et­was kühl. Kommst du mit?«

»Nein, ich war­te hier auf dich, ich woll­te mich noch kurz bei Pro­fes­sor Lind­ner be­dan­ken, dass er mir einen zu­sätz­li­chen Work­shop er­mög­licht.« Jus­si gab sei­ner Frau einen Kuss auf die Wan­ge. »Ich war­te dann an der Bar auf dich, Kul­ta, ich kann es kaum er­war­ten, dir Sa­lz­burg bei Nacht zu zei­gen, und sei so lieb und bring mir mei­ne Ja­cke mit.« Er nann­te Rit­va oft Kul­ta, was so viel wie Gold­schatz hieß, denn für ihn war sie wirk­lich ei­ner. Sie war im­mer für ihn da und hielt ihm den Rü­cken frei, ob­wohl auch ihr Job an­spruchs­voll und nicht im­mer ein­fach war. Jus­si Mat­ti­la ent­deck­te Pro­fes­sor Lind­ner an der Ho­tel­bar, mit zwei an­de­ren Teil­neh­mern in ein Ge­spräch ver­tieft. Als er auf die Grup­pe zu­ge­hen woll­te, schall­te es auf ein­mal quer durch die Lob­by.

»Ah!! Huhu! Pro­fes­sor Mat­ti­la!!« Eine kor­pu­len­te gro­ße Frau, die Mat­ti­la nicht kann­te, kam schnel­len Schrit­tes auf ihn zu.

»Pro­fes­sor, ich bin so be­geis­tert von Ih­rem Vor­trag, ich möch­te Sie un­be­dingt nä­her ken­nen­ler­nen. Viel­leicht darf ich Sie auf einen Drink ein­la­den, da­mit Sie mir noch mehr von Ih­rem Punk­te­plan er­zäh­len kön­nen?« Die Frau wirk­te hek­tisch, fast schon hys­te­risch, und ihre quiet­schen­de Stim­me pass­te so gar nicht zum Rest ih­rer Er­schei­nung.

»Ent­schul­di­gen Sie, darf ich fra­gen, wer …«

»Ja, na­tür­lich Pro­fes­sor, ich bin ja so un­höf­lich, ich habe mich noch gar nicht vor­ge­stellt. Dok­tor Frei­ja Olafs­dot­tir-Han­sen, nen­nen Sie mich Frei­ja, ich bin Psy­cho­lo­gin und spe­zi­a­li­sie­re mich ge­ra­de auf Pa­ti­en­ten mit Bur­nout-Syn­drom.« Sie streck­te ihm ihre Hand ent­ge­gen. »Ges­tern bin ich ex­tra für Ih­ren Vor­trag aus Dä­ne­mark an­ge­reist. Ich bin so er­freut, Sie hier wie­der­zu­se­hen. Sie wis­sen ja gar nicht, wie sehr ich Sie be­wun­de­re, Pro­fes­sor. Ich habe alle Ihre Bü­cher und me­di­zi­ni­schen Es­says ge­le­sen.« Die Frau war nicht mehr zu brem­sen. Ob­wohl sie ihm be­kannt vor­kam, konn­te Jus­si nicht zu­ord­nen, wo er die­ser Per­son schon ein­mal be­geg­net war. In ihm brei­te­te sich lang­sam Un­be­ha­gen aus, zu­mal die­se Frau auch sei­ne Hand nicht mehr losließ.

»Lie­be Frau Dok­tor …« Er wur­de so­fort un­ter­bro­chen.

»Nicht Frau Dok­tor!« Frei­ja Olafs­dot­tir-Han­sen schüt­tel­te be­stim­mend den Kopf. »Bit­te, Pro­fes­sor, nen­nen Sie mich doch ein­fach Frei­ja.« Ihre Stimm­la­ge hat­te sich ver­än­dert, und sie warf ihm einen ko­ket­ten Blick zu.

»Lie­be Frei­ja …« Doch er konn­te sei­nen Satz nicht zu Ende füh­ren, denn wie­der un­ter­brach die­se un­ver­schäm­te Per­son ihn.

»Ach, Pro­fes­sor, Sie brau­chen gar nichts zu sa­gen, ich weiß schon, Sie möch­ten et­was trin­ken. Einen ös­ter­rei­chi­schen Weiß­wein viel­leicht? Hier gibt es einen der bes­ten, die ich ken­ne, einen Grü­nen Velt­li­ner, Sma­ragd Kel­ler­berg, ein ex­qui­si­tes Tröpf­chen, sag ich Ih­nen. Ich las­se mir den im­mer nach Ko­pen­ha­gen schi­cken. Ich bin mir si­cher, Sie wer­den be­geis­tert sein, Pro­fes­sor«, und schon schrie sie in Rich­tung Bar: »Eine Fla­sche Grü­nen Velt­li­ner Sma­ragd Kel­ler­berg und zwei Glä­ser, aber Pron­to!«

So eine pein­li­che Per­son hat­te Jus­si Mat­ti­la noch nie er­lebt. Er setz­te noch ein­mal an: »Frei­ja, ich bit­te Sie. Ich möch­te kei­nen …«, schon wur­de er wie­der von der Psy­cho­lo­gin un­ter­bro­chen.

»Ach, Pap­per­la­papp, Sie trin­ken jetzt in al­ler Ruhe ein Glas Wein mit mir, und wir ma­chen es uns ge­müt­lich und kön­nen dann end­lich über Sie und Ihr Sa­na­to­ri­um spre­chen. Ich dul­de kei­ne Wi­der­re­de!« Ihr schril­les La­chen ließ Jus­si er­schro­cken zu­sam­men­fah­ren.

Rit­va Mat­ti­la, die ih­rem Mann schon aus der Fer­ne an­sah, dass er von ei­ner Dame be­drängt wur­de, schlich sich lang­sam von hin­ten an die bei­den her­an und un­ter­brach den Re­de­schwall der ihr un­be­kann­ten Frau.

»Es tut mir wirk­lich sehr leid, dass ich Sie un­ter­bre­chen muss, aber mein Mann und ich ha­ben es ei­lig. Wir sind noch ver­ab­re­det. Hier, Dar­ling, dei­ne Ja­cke.«

Fah­rig dreh­te sich Frei­ja zu Rit­va um. »Wie bit­te?«, und zu Pro­fes­sor Mat­ti­la, »Sie sind mit Ih­rer Frau an­ge­reist, ich dach­te …«

Rit­va un­ter­brach sie schroff: »Was denn, was denn, dach­ten Sie etwa, dass mein Mann al­lei­ne hier sei und Sie ihn hier ab­fül­len und dann ab­schlep­pen kön­nen? Nun, das tut mir aber leid für Sie, wohl dumm ge­lau­fen.« Rit­va hak­te sich bei ih­rem Mann un­ter, gab ihm einen Kuss und grins­te spitz­bü­bisch. Jus­si war er­leich­tert, um­arm­te sei­ne Frau und lä­chel­te Frei­ja noch an, ehe er sich höf­lich ver­ab­schie­de­te.

»Wer oder was war das denn?«, flüs­ter­te Rit­va ih­rem Mann zu, als sie sich lang­sam und ge­mäch­lich zum Aus­gang be­weg­ten.

»Eine Frau Dok­tor Olafs­dot­tir-Han­sen aus Dä­ne­mark, ir­gend­ei­ne Psy­cho­lo­gin, die of­fen­sicht­lich ein Fan von mir ist. Schreck­li­che Frau, pe­ne­trant, hys­te­risch, laut und ein­fach nur pein­lich«, raun­te Jus­si.

Rit­va ki­cher­te. »Psy­cho­lo­gen ha­ben doch alle einen an der Klat­sche. Sieht aus wie eine Wal­kü­re und be­nimmt sich wie ein Grou­pie. Bei der scheint wohl et­was schief­ge­gan­gen zu sein, da muss ich wohl wirk­lich gut auf dich auf­pas­sen, mein Lie­ber.« Schel­misch piks­te sie ih­ren Mann in die Sei­te.

La­chend und gut ge­launt mach­ten sich die bei­den auf den Weg, um das nächt­li­che Sa­lz­burg zu er­kun­den.

Die er­bos­te Frei­ja blick­te ih­nen nei­disch hin­ter­her. »So eine un­ver­schäm­te Kuh«, mur­mel­te sie und setz­te sich auf ei­nes der So­fas in der Nähe der Bar, um den Grü­nen Velt­li­ner, den sie be­stellt hat­te, nun al­lei­ne zu lee­ren. Wenn Bli­cke tö­ten könn­ten, wäre Rit­va Mat­ti­la tot um­ge­fal­len, noch ehe sie die Ho­tel­lob­by ver­las­sen hät­te.

– 6 –

Quen­tin Neu­ner war bes­tens ge­launt, als er sein Büro be­trat. Seit Lan­gem wie­der war es ihm ge­gönnt ge­we­sen, eine Nacht durch­zu­schla­fen. Aus­ge­ruht, vol­ler Ener­gie und Ta­ten­drang freu­te er sich auf den Tag. Er riss die Fens­ter sperr­an­gel­weit auf und at­me­te die fri­sche Mor­gen­luft tief ein. Tags­über war es noch son­nig und lau, aber die Näch­te wa­ren be­reits herbst­lich ne­be­lig und kühl. Der Som­mer ver­ab­schie­de­te sich lang­sam, aber si­cher. Im Mord­de­zer­nat war es ru­hig. Die­se Wo­che gab es nur einen To­ten, der sich nach kur­z­en Er­mitt­lun­gen als Sui­zid ent­pupp­te. Die Ak­ten­ber­ge auf Quen­tins Schreib­tisch wur­den nied­ri­ger, und auch das hob sei­ne Lau­ne sicht­lich.

Neu­ners quir­li­ge As­sis­ten­tin, Ca­r­lot­ta Ren­ner, kurz Cha­r­lie ge­nannt, steck­te den Kopf zur Tür her­ein. »Wow, Chef, heu­te so ele­gant im dunk­len An­zug, fehlt nur noch die Kra­wat­te. Wie kommt’s? Hast du ein Date? Habe ich et­was ver­passt?«

»Die Kra­wat­te hab ich hier.« Neu­ner zog eine ele­gan­te kö­nigs­blaue Kra­wat­te aus sei­nem Ak­ten­kof­fer, der of­fen auf sei­nem Schreib­tisch stand.

Cha­r­lie stieß einen Pfiff aus, »die passt ja wun­der­bar zu dei­nen Au­gen.«

»Wir ha­ben doch heu­te den Na­ti­o­na­l­fei­er­tags­emp­fang beim Po­li­zei­prä­si­den­ten, hast du das etwa ver­ges­sen, Cha­r­lie?«

»Wirk­lich? Der Na­ti­o­na­l­fei­er­tag ist doch erst Ende Ok­to­ber.« Cha­r­lie riss die Au­gen auf. Of­fen­sicht­lich hat­te sie den Ter­min nicht rich­tig no­tiert.

»Ja schon, aber der Capo ist ab über­mor­gen für drei Wo­chen auf Kur in Bad Hof­ga­stein und hat den Emp­fang auf heu­te vor­ver­legt.«

Cha­r­lie griff sich an den Kopf. »Ja, rich­tig, das hab ich ja to­tal ver­schwitzt. In ab­ge­wetz­ten Jeans kann ich dort wohl nicht er­schei­nen, oder was meinst du, Quen­tin?«

Quen­tin schüt­tel­te den Kopf und lach­te. »Mir per­sön­lich wär das egal, aber du weißt ja, es tum­meln sich Dut­zen­de Leu­te aus der so­ge­nann­ten ›Sa­lz­bur­ger High So­ci­e­ty‹ her­um, und alle mög­li­chen Re­por­ter ma­chen Fo­tos, da möch­test du doch nicht un­be­dingt ne­ga­tiv auf­fal­len, oder?«

»Tja, dann muss ich wohl mei­ne Mit­tags­pau­se op­fern und nach Hau­se fah­ren, um mich um­zu­zie­hen«, seufz­te Cha­r­lie und ver­dreh­te die Au­gen. »Im­mer die­ser Stress für nichts und wie­der nichts.«

»Du weißt aber schon, dass der Emp­fang ein Mit­tags­emp­fang ist, oder, Cha­r­lie?«

»Echt jetzt?«

»Jaaaaa!« Quen­tin Neu­ner schmun­zel­te. »Du bist im Mo­ment ja voll da­ne­ben, Cha­r­lie. Steckt da viel­leicht ein Mann da­hin­ter?«, neck­te er sei­ne As­sis­ten­tin.

Cha­r­lie igno­rier­te den letz­ten Satz ih­res Chefs. »Mist, auch das noch. Na gut, dann muss ich wohl oder übel eine Stun­de Zeit­aus­gleich op­fern. Brauchst du mich in der nächs­ten Stun­de?«

»Nein, hier ist eh al­les so weit ru­hig, fahr du nur nach Hau­se und zieh dich um, mach dich hübsch, man weiß ja nie, wer auf so ei­nem Emp­fang auf­taucht«, scherz­te Neu­ner.

Das Te­le­fon klin­gel­te, Quen­tin nick­te Cha­r­lie zu, die die Türe schloss und sich auf den Weg mach­te.

»Neu­ner!«

»Gu­ten Mor­gen, Quen­tin.« Dok­tor Lu­kas Stei­ner, der smar­te Staats­an­walt und Quen­tin Neu­ners bes­ter Freund, be­grüß­te Quen­tin freund­lich.

»Lu­kas, was ver­schafft mir die Ehre? Bist du heu­te viel­leicht aus dem Bett ge­fal­len? Du bist doch sonst nicht vor zehn im Büro.«

»Sehr wit­zig, Quen­tin. Ich sitz seit sie­ben hier und woll­te die Sui­zid Akte Ber­ner schlie­ßen, da ist mir auf­ge­fal­len, dass ich kei­ne Ko­pie des Ab­schieds­brie­fes habe.«

»Mo­ment, ich glau­be, ich hab das Ori­gi­nal hier in der Akte.« Quen­tin wühl­te in ei­nem Sta­pel Pa­pie­ren und zog den be­sag­ten Brief her­vor. »Da ist er ja. Soll ich ihn dir scan­nen?«

»Ja bit­te, dann kann ich al­les ad acta le­gen und ar­chi­vie­ren las­sen. Se­hen wir uns spä­ter beim Emp­fang?«

»Si­cher, ich kann mir doch den Na­ti­o­na­l­fei­er­tags­emp­fang beim Ober­boss nicht ent­ge­hen las­sen. Da gibt’s doch im­mer so vie­le le­cke­re Häpp­chen.«

»Witz­bold, als ob man von den zwei, drei ver­trock­ne­ten Bröt­chen pro Per­son satt wird«, Lu­kas Stei­ner muss­te laut­hals la­chen, »der Witz war echt gut, Quen­tin.«

»Was meinst Lu­kas, sol­len wir nach dem Emp­fang und der klei­nen Ma­gen­pflan­ze­rei viel­leicht Mit­tag­es­sen ge­hen?«

»Ge­ni­a­le Idee und Zeit hab ich auch. Du, Quen­tin, ich be­komm grad einen An­ruf her­ein, wir se­hen uns spä­ter.«

»Ciao, Lu­kas, bis dann.«

– 7 –

Jus­si Mat­ti­la war et­was er­schöpft und konn­te sich so früh am Mor­gen kaum auf den Vor­tra­gen­den Dok­tor Ro­man Brey­er, einen jun­gen Arzt aus Nie­der­ös­ter­reich, kon­zen­trie­ren. Der Abend be­zie­hungs­wei­se die Nacht hat­te doch um ei­ni­ges län­ger ge­dau­ert als ge­plant.

Die hal­be fin­ni­sche und die gan­ze schwe­di­sche De­le­ga­ti­on sa­ßen noch an der Bar, als Rit­va und er von ih­rem abend­li­chen Spa­zier­gang durch Sa­lz­burg ins Ho­tel zu­rück­ka­men. Es wäre zu un­höf­lich ge­we­sen, ein­fach aufs Zim­mer zu ver­schwin­den, also ge­sell­ten sie sich zu der Trup­pe, und es wur­de noch aus­ge­las­sen ge­fei­ert. Erst um drei Uhr mor­gens wa­ren sie müde, aber glü­ck­lich ins Bett ge­fal­len.

Die Vor­trä­ge des Mor­gens zo­gen sich un­glaub­lich in die Län­ge. Jus­si hör­te nur noch halb zu, die Au­gen­li­der wur­den im­mer schwe­rer, und sein Ma­gen knurr­te. Um nicht ein­zu­schla­fen, stups­te er sei­nen Sitz­nach­barn und bes­ten Freund Mik­ka Sa­vo­lai­nen an. Der smar­te Me­di­zi­ner er­schrak, denn auch er war kurz da­vor ein­zu­ni­cken.

»Hej, Mik­ka, glaubst du, das dau­ert noch lan­ge? Ich schlaf gleich ein, ges­tern war es doch et­was zu lang an der Bar, au­ßer­dem hab ich einen Mords­hun­ger. Ich hat­te kei­ne Zeit zu früh­stü­cken.«

Mik­ka grins­te sei­nen Freund an. »Wer fei­ern kann, kann auch zu­hö­ren. Aber du hast recht, ich sit­ze auch schon wie auf Na­deln, der letz­te Vor­trag ist wahn­sin­nig zäh. Au­ßer­dem ist ir­gend­wie auch nicht wirk­lich was Neu­es da­bei, oder wie siehst du das?«

»Ge­nau wie du. Hof­fent­lich ist das bald rum, ich brau­che drin­gend fri­sche Luft und et­was zu knab­bern.«

Ein lau­tes »schh­h­htt« kam aus der Rei­he hin­ter ih­nen. Jus­si Mat­ti­la dreh­te sich um und sah di­rekt in die dun­kel­brau­nen, gif­tig blit­zen­den Au­gen von Frei­ja Olafs­dot­tir-Han­sen. Of­fen­sicht­lich war sie im­mer noch be­lei­digt. Mik­ka hat­te den Aus­druck im Ge­sicht der Frau be­merkt und grins­te sei­nen Freund an, der sei­nen Blick au­gen­blick­lich zur Büh­ne wand­te. Die Si­tua­ti­on war so ko­misch, dass er sich ge­ra­de noch zu­rück­hal­ten konn­te, um nicht los­zu­prus­ten.

Als der Vor­trag nach ei­ner Vier­tel­stun­de end­lich be­en­det war, klatsch­ten die Teil­neh­mer eu­pho­risch Bei­fall. Jus­si Mat­ti­la stieß sei­nen Freund an, und bei­de er­ho­ben sich und ver­lie­ßen flucht­ar­tig den Saal. Nach und nach bil­de­ten sich klei­ne Men­schen­trau­ben im Foy­er der Re­si­denz, vor al­lem dort, wo Kaf­fee und Ge­bäck an­ge­bo­ten wur­de.

Jus­si und Mik­ka wa­ren er­leich­tert und froh, drau­ßen zu sein.

»End­lich! Das war viel­leicht an­stren­gend, ich wäre fast vom Ses­sel ge­kippt.« Jus­si streck­te sich et­was und schnapp­te sich eine Top­fen­go­lat­sche aus ei­nem der Kör­be, die auf den Steh­ti­schen her­um­stan­den.

Da es im Foy­er der Re­si­denz schnell ziem­lich voll wur­de, be­schlos­sen die Freun­de, nach drau­ßen zu ge­hen. Sie schlen­der­ten am Re­si­denz­platz auf und ab, um sich die Bei­ne zu ver­tre­ten und fri­sche Luft zu schnap­pen.

»Ja, kann ich ver­ste­hen, mir ging es nicht viel an­ders. Heu­te Abend brauch ich de­fi­ni­tiv eine Sau­na«, er­wi­der­te Mik­ka.

»Schau mal, Jus­si, da drü­ben, ist das nicht Dok­tor Tho­mas Stein­metz? Den soll­ten wir un­be­dingt be­grü­ßen. Er hält den nächs­ten Vor­trag.«

»Ja, komm, wir ge­hen rü­ber.« Jus­si und Mik­ka woll­ten ge­ra­de Dok­tor Stein­metz, einen Chir­ur­gen aus Wien, be­grü­ßen, als Mik­ka Jus­sis Frau Rit­va, be­la­den mit al­len mög­li­chen Trag­ta­schen, in Rich­tung Re­si­denz­platz spa­zie­ren sah.

»Jus­si, sieh mal, un­se­re Frau­en ha­ben wohl alle Lä­den leer ge­kauft.«

»Tat­säch­lich«, grins­te Jus­si, der Rit­va, dicht ge­folgt von Mik­kas Frau Jaa­na, nun auch ent­deckt hat­te.

Die bei­den gin­gen ih­ren Frau­en ent­ge­gen. »Rit­va, habt ihr denn alle Lä­den Sa­lz­burgs leer ge­kauft?«

Rit­va lä­chel­te ihn glück­s­e­lig an. »Ach, Jus­si, hier gibt es so schö­ne Trach­ten, und Jaa­na und ich ha­ben uns mit Trach­ten­klei­dern und Schu­hen ein­ge­deckt. Sie wer­den euch ge­fal­len. Üb­ri­gens, Jaa­na und Mik­ka kom­men am Wo­chen­en­de mit zu Mar­ti­na und Hans. Da wer­den wir euch die Ge­wän­der vor­füh­ren. Schließ­lich ist so ein Kunst­markt doch et­was Tra­di­ti­o­nel­les, über­haupt in so ei­ner klei­nen Stadt wie Bad Ischl.«

Rit­va gab Jus­si einen en­thu­si­as­ti­schen Kuss auf die Wan­ge und drück­te ihm ihre Ein­käu­fe in die Hand. Jus­si sah sei­nen Freund schul­ter­zu­ckend an.

»Ach, ist das so?« Mik­ka Sa­vo­lai­nen dreh­te sich zu sei­ner Frau und sah sie fra­gend an. »Ja, Schatz.« Jaa­na gab ih­rem Mann eben­falls einen Kuss auf die Wan­ge. »Wir wa­ren doch noch nie in Bad Ischl, und Rit­va schwärmt im­mer so von der Stadt und der Kunst­werk­statt ih­rer Freun­din.«

Jaa­na Sa­vo­lai­nen blick­te auf die Uhr. »Müsst ihr nicht wie­der nach oben zu eu­ren Vor­trä­gen?«

»Wir ha­ben noch fünf Mi­nu­ten, ehe es wei­ter­geht.«

»Und wir soll­ten wie­der zum Ho­tel zu­rück, um die Ein­käu­fe aus­zu­pa­cken und uns fürs Mit­tag­es­sen frisch zu ma­chen.«

»Ja, auf je­den Fall«, stimm­te Rit­va ih­rer Freun­din zu.

»Wir woll­ten noch vor dem nächs­ten Vor­trag Dok­tor Stein­metz einen Kol­le­gen aus Wien be­grü­ßen. Wir tref­fen uns dann zum Mit­tag­es­sen im Ho­tel.«

»Tho­mas, Dok­tor Tho­mas Stein­metz?« Über­rascht schau­te Rit­va ih­ren Mann an.

»Ja, wie­so fragst du? Kennst du ihn?«

Rit­va war kaum merk­lich rot ge­wor­den. »Nein. Nein, nicht so di­rekt. Ich habe nur vor Kur­z­em di­ver­se Ar­ti­kel von ihm ge­le­sen. Er hat ei­ni­ges über Krank­hei­ten in Ge­fäng­nis­sen ge­schrie­ben.« Rit­va dreh­te sich um, um nach Tho­mas Stein­metz Aus­schau zu hal­ten.

»Ach, das wuss­te ich ja gar nicht«, er­wi­der­te Mik­ka Sa­vo­lai­nen in­ter­es­siert.

»Gut, dann macht das. Wir tref­fen uns zum Mit­tag­es­sen in der Ho­tel­lob­by.« Jaa­na, die ihre Tra­ge­ta­schen wie­der an sich ge­nom­men hat­te, wur­de un­ge­dul­dig.

»Kommst du end­lich, Rit­va?«

»Ja, war­te.« Rit­va wand­te sich wie­der ih­rem Mann zu, um auch ihre Ein­käu­fe wie­der an sich zu neh­men, und folg­te ih­rer Freun­din.

– 8 –

Cha­r­lie Ren­ner kam et­was ab­ge­hetzt, aber ele­gant im klei­nen Schwa­r­zen zum Na­ti­o­na­l­fei­er­tags­emp­fang des Po­li­zei­prä­si­den­ten. Sie ent­deck­te ih­ren Chef im Ge­spräch mit Staats­an­walt Dok­tor Lu­kas Stei­ner, der Ge­richts­me­di­zi­ne­rin Ka­ta­ri­na von Weid und ei­ner Frau, die sie nicht kann­te. Lang­sam bahn­te sie sich einen Weg zu der klei­nen Grup­pe.

»Cha­r­lie, hast du es doch noch ge­schafft! Darf ich dir die Frau un­se­res Po­li­zei­prä­si­den­ten vor­stel­len?«

»Sehr an­ge­nehm.« Cha­r­lie be­grüß­te erst die Dame, dann die Ge­richts­me­di­zi­ne­rin und zu­letzt den Staats­an­walt. Die Frau des Po­li­zei­prä­si­den­ten ver­ab­schie­de­te sich im glei­chen Mo­ment, hak­te sich bei Ka­ta­ri­na von Weid un­ter und zog sie mit sich fort, ehe die­se re­a­gie­ren konn­te.

»Kom­men Sie, Frau Dok­tor von Weid, ich muss Sie un­be­dingt mit dem neu­en Chef­a­rzt der Pri­vat­kli­nik für Plas­ti­sche Chir­ur­gie, Dok­tor Wie­ser, be­kannt ma­chen.«

Quen­tin Neu­ner sah den bei­den nach, wie sie in der Men­ge ver­schwan­den. Er war nicht er­freut dar­über, dass Ka­ta­ri­na von Weid da­von­ge­schleppt wur­de, und noch we­ni­ger, dass sie ei­nem Chir­ur­gen vor­ge­stellt wer­den soll­te. Der Staats­an­walt konn­te sei­nen Blick kaum mehr von Cha­r­lie, die er sonst im­mer nur in Ho­sen, Schlab­bero­ber­tei­len und Le­der­ja­cke sah, ab­wen­den.

»Frau Ren­ner, Sie se­hen be­zau­bernd aus, so hab ich Sie ja noch nie ge­se­hen.« Cha­r­lie wur­de knall­rot. Sie hät­te je­der To­ma­te Kon­kur­renz ma­chen kön­nen.

»Cha­r­lie, das Rot dei­ner Ba­cken passt ja gar nicht zu dei­nem Lip­pen­stift«, neck­te Quen­tin Neu­ner sie. Cha­r­lie ver­pass­te ihm einen freund­schaft­li­chen Stoß in die Rip­pen, ehe sie sich dem Kell­ner zu­wand­te, der ge­ra­de Ge­trän­ke ser­vier­te.

Quen­tin zuck­te kaum merk­lich zu­sam­men und grins­te schel­misch.

»Schau mal, wer da kommt, Quen­tin.« Lu­kas deu­te­te sei­nem Freund, nach rechts zu se­hen. »Dein Ex-Schwa­ger auf neun Uhr und er steu­ert di­rekt auf uns zu.«

»Na, der hat mir ge­ra­de noch ge­fehlt«, stöhn­te Quen­tin. »Es war aber auch klar, dass der sich so eine Ver­an­stal­tung nicht ent­ge­hen lässt. Gibt ja im­mer­hin Frei­bier und Häpp­chen.«

Han­nes Streit war Quen­tin Neu­ners schlimms­ter Alb­traum, und er kam di­rekt auf ihn zu. Wie im­mer sah er ab­ge­san­delt, un­ra­siert und un­fri­siert aus. Von den un­ge­putz­ten Schu­hen ganz zu schwei­gen. Quen­tin hat­te nie ver­stan­den, war­um sein Ex-Schwa­ger eine so un­ge­pfleg­te Er­schei­nung sein muss­te, zu­mal er aus ei­ner sehr ord­nungs­lie­ben­den Fa­mi­lie stamm­te.

»Quen­tin, al­tes Haus, hast wohl nichts zu tun, oder war­um stehst du in der Dienst­zeit hier her­um wie be­stellt und nicht ab­ge­holt?« Han­nes Streit schlug ihm über­schwäng­lich auf die Schul­ter.

Quen­tin ver­zog kei­ne Mie­ne, er konn­te den Ty­pen ein­fach nicht lei­den. »Ach, der ewig er­folg­lo­se, schmud­de­li­ge Herr Pa­pa­raz­zo. Suchst wohl mal wie­der et­was für dein Bou­le­vard­blätt­chen?«

»Er­folg­los, pffft, was weißt du schon. Die Er­folg­lo­sen seid ja wohl ihr. Ist doch all­ge­mein be­kannt, dass die Po­li­zei nichts auf die Rei­he be­kommt und die Staats­an­walt­schaft um nichts bes­ser ist.« Han­nes Streit sah den Staats­an­walt pro­vo­zie­rend an, doch Lu­kas Stei­ner igno­rier­te den Sei­ten­hieb. Ehe Quen­tin noch et­was er­wi­dern konn­te, misch­te Cha­r­lie Ren­ner sich ein, denn sie wuss­te ganz ge­nau, dass die­ses Ge­plän­kel in den nächs­ten Mi­nu­ten kip­pen und zu ei­nem aus­ge­wach­se­nen Streit füh­ren wür­de, wenn sie nichts un­ter­nahm.

»Quen­tin, kommst du? Wir müs­sen. Der Po­li­zei­prä­si­dent er­war­tet uns. Herr Dok­tor Stei­ner, Sie üb­ri­gens auch.«

Ohne wei­te­ren Kom­men­tar lie­ßen die drei Han­nes Streit ste­hen, der sich so­fort nach sei­nem nächs­ten Op­fer um­sah.

»Dan­ke, Cha­r­lie, ir­gend­wann scheu­er ich dem Ty­pen mal eine«, knurr­te Quen­tin, der sich nur noch mit Müh und Not be­herr­schen konn­te.

– 9 –

»Spre­che ich mit Frau Mik­ko­nen?«, er­klang eine an­ge­nehm so­no­re Män­ner­stim­me aus dem Te­le­fon.

»Ja, Eli­i­na Mik­ko­nen am Ap­pa­rat, wer spricht?«

»Dok­tor Tho­mas Stein­metz hier.«

»Bit­te, was kann ich für Sie tun?« Eli­i­na war über­rascht, zu­mal der Name des Man­nes ihr ir­gend­wie be­kannt vor­kam.

»Nicht Sie kön­nen et­was für mich tun, Frau Mik­ko­nen, son­dern ich kann viel­leicht et­was für Sie tun. Es geht um ein See­grund­s­tück. Ein be­freun­de­ter Mak­ler aus Sa­lz­burg hat mich ge­ra­de an­ge­ru­fen und mir mit­ge­teilt, dass Sie ei­nes su­chen.«

»Ja, das ist rich­tig.« Eli­i­na Mik­ko­nen rich­te­te sich auf. »Ich su­che tat­säch­lich ein See­grund­s­tück, wenn mög­lich mit ei­ner Vil­la.

---ENDE DER LESEPROBE---