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Im Rahmen eines internationalen Ärztekongresses in der Mozartstadt Salzburg kommt der bekannte Chirurg und Wissenschaftler Doktor Steinmetz auf mysteriöse Weise ums Leben. Als Quentin Neuner, der ermittelnde Inspektor, den Toten untersucht, fällt ihm neben dem filigranen Gegenstand, der aus seiner Brust ragt, etwas auf, was er noch nie gesehen hat. Der rechte Fuß des Opfers war mit einer bunten, handgestrickten Socke bekleidet, und der Schuh lag schön drapiert neben der Leiche. War dies ein Zeichen oder gar die Signatur des Mörders? Und wenn ja, was wollte der Mörder damit ausdrücken? Noch im Laufe der ersten Verhöre schlägt der Mörder erneut zu. Am helllichten Tag und direkt vor Quentin Neuners Nase wird Doktor Steffen Eisenreich, der Assistent von Doktor Steinmetz, auf der Herrentoilette ermordet. Auch bei diesem Toten ragt etwas Nadelartiges aus seiner Brust und auch Eisenreich trägt eine bunte handgestrickte Socke, allerdings auf dem linken Fuß. Schnell stellen die Ermittler Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Opfern fest. War es die gemeinsame Forschungsarbeit, die das Schicksal der Männer besiegelte?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Marie Anders wurde in Kirchdorf an der Krems, Oberösterreich, geboren. Sie ist in einem internationalen Umfeld mehrsprachig aufgewachsen und hat unter anderem in den Vereinigten Staaten, Serbien, Russland und Frankreich gelebt, studiert und gearbeitet. Seit Kurzem lebt und arbeitet sie wieder in ihrer österreichischen Heimat.
Weitere lieferbare Titel
Pralinen des Todes – Inspektor Neuners erster Fall
Tod im grünen Klee – Inspektor Neuners dritter Fall
Mord im Dos Santos – Inspektor Neuners vierter Fall
Marie Anders
Die finnische Socke
Kriminalroman
Der zweite Fall für Inspektor Neuner
BRINKLEY
Die finnische SockeErstausgabe bei: Verlag Federfrei 2018(unter ISBN 978-3-99074-032-3)Überarbeitete Version erschienen bei:BRINKLEY Verlag 2021
© Marie Anders
Ohne schriftliche Genehmigung des Herausgebers darf kein Teil dieser Publikation in irgendeiner Form vervielfältigt, übertragen oder gespeichert werden.Alle Rechte vorbehalten.
Sowohl die im Buch vorkommenden Personen als auch die Handlungen sind von der Autorin frei erfunden. Namen und Ähnlichkeiten mit Personen oder tatsächlichen Handlungen sind zufällig und nicht gewollt.
Satz: Constanze Kramer, coverboutique.deLektorat: S. Sussman© Umschlaggestaltung: BRINKLEY / Amit Kumarunter Verwendung von: digital paint
Gedruckt und gebunden von: SKALA PRINT
ISBN 978-3-9519891-8-1
www.brinkley-verlag.at
Die finnische Socke
Der zweite Fall für Inspektor Neuner
»Du weißt nicht, wer wahrhaftig dein Freund oder dein Feind ist, bevor das Eis bricht.«
Weisheit aus Lappland
»Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist mir eine Ehre, Sie heute hier im wunderschönen Konferenzsaal der Alten Residenz zu Salzburg zum ›Dreizehnten Kolloquium zum Thema Burnout und Burnout Prävention‹ begrüßen zu dürfen. Wir alle wissen, dass Burnout mittlerweile auf den ersten Platz in der Skala der verschiedenen Depressionsarten aufgestiegen und weltweit auf dem Vormarsch ist. Die Ursachen sind vielseitig, doch fast alle führen zu Hilf- und Hoffnungslosigkeit. Nach vielen Recherchen und anhand verschiedener bestätigter Studien, wissen wir mittlerweile, dass Stress und Burnout nicht, wie lange fälschlicherweise vermutet wurde, gleichzusetzen sind. Burnout führt nachweislich zur psychischen und physischen Erschöpfung, und in schlimmen Fällen endet er sogar mit einem Suizid. Wir werden heute verschiedene Vorträge renommierter Kollegen hören, und ganz besonders freue ich mich auf die Ausführungen unserer geschätzten Kollegen aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland.« Während seiner Rede zeigte Professor Lindner zu den jeweiligen Personengruppen, die ihm leicht zunickten.
»In Skandinavien gibt es interessanterweise wesentlich weniger Menschen mit Burnout-Syndrom als in anderen Ländern. Wir werden von anerkannten Spezialisten hören, warum das so ist. Ich freue mich ganz besonders, dass an der diesjährigen Tagung zum ersten Mal neben der dänischen, schwedischen und norwegischen Delegation auch eine aus Finnland bei uns zu Gast ist. Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie nun mit mir Herrn Professor Doktor Jussi Mattila aus Turku, Finnland.«
Mit tosendem Applaus hießen die etwa achtzig Anwesenden Professor Doktor Jussi Mattila willkommen. Der große, elegant gekleidete Mann mit blaugrauen Augen und markantem Wikinger-Gesicht kam langsam und gemächlich auf die Bühne. Er nickte seinen Kollegen freundlich zu und wirkte trotz seines selbstbewussten Auftretens etwas schüchtern. Jussi Mattila galt weltweit als Koryphäe auf seinem Gebiet, und seine Kollegen schätzten ihn, was sie mit ihrem frenetischen Beifall auch zum Ausdruck brachten. Der international angesehene Kardiologe und Topchirurg hatte sich in Turku niedergelassen und ein Sanatorium für Burnout-Patienten gegründet.
»Vielen lieben Dank, Professor Lindner.« Jussi Mattila reichte seinem Kollegen die Hand und tätschelte ihm freundschaftlich die Schulter, dann räusperte er sich, ehe er das Pult auf seine Größe einstellte und sich ganz seinem Publikum widmete.
»Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, vielen Dank für die herzliche Begrüßung, ich bin sehr gerührt. Es ist schön, wieder einmal in Österreich zu sein. Ich habe als Kind meine Ferien in Salzburg und Umgebung verbracht, da meine Mutter und Großmutter aus dem Salzkammergut stammten.«
»Ach, daher sein akzentfreies Deutsch«, flüsterte Doktor Jutta Schwaiger ihrem Kollegen Steffen Eisenreich, einem smarten jungen Mediziner, zu.
»Ich bin schon gespannt, was der so von sich geben wird«, erwiderte dieser im Flüsterton, »und hoffe, es ist nicht nur so ein Werbevortrag für sein Sanatorium.« Jemand aus der Reihe hinter ihm klopfte ihm auf die Schulter, und Steffen verstummte augenblicklich.
Wie einige von Ihnen sicherlich wissen, habe ich vor einem Jahr nach ausgiebiger Forschungsarbeit in Turku das Parantola Mattila, ein Sanatorium für Burnout und selbstmordgefährdete Menschen, eröffnet. Das ›Parantola‹ bemüht sich, vor allem an Burnout erkrankte Menschen aufzufangen und ihnen mithilfe alter, längst vergessener Methoden und Naturheilmittel wieder ein positives Lebensgefühl zu vermitteln. Dazu muss man verstehen, dass Burnout nicht nur eine Modeerscheinung ist, wie viele Menschen vermuten, sondern dass es sich um eine handfeste Depression handelt. Diese Art der Depression kann jeden treffen, auch jeden Einzelnen von uns. Man fühlt sich ausgebrannt, leer, motivationslos, und der betroffene Mensch zieht sich immer mehr von seinem Umfeld zurück. Warum, aber vor allem wie kommt es dazu? Oft hängt dies mit den privaten und beruflichen Lebensumständen zusammen aber auch mit Überforderung. Sie werden mir zustimmen, liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn ich sage, dass Stress immer gut erkennbar ist. Wenn wir unter Druck stehen, verfallen wir in gewisse Handlungsweisen, wie zum Beispiel in ein übertriebenes Engagement für etwas. Unsere Wahrnehmung wird von Emotionen und Gefühlen nur so überzogen. Auf einmal scheint alles dringend und wichtig, was meist eine Art Hyperaktivität auslöst. Der damit einhergehende Energieverlust kann bei stressgeplagten Menschen Angstzustände hervorrufen, und durch die ständige Anspannung und Hyperaktivität kommen sie auch immer schwerer wieder aus dieser verfahrenen Situation heraus. Wenn wir uns das bildlich vorstellen, ist das beste Beispiel der Hamster im Rad. Er dreht unermüdlich seine Runden, so lange, bis er schlussendlich an Herzversagen verstirbt. Im Gegensatz dazu haben wir die Schildkröte, die ihr Leben gemächlich angeht. Sie lebt sehr viel länger als der Hamster. Sie werden mir recht geben, meine Damen und Herren, wenn ich behaupte, dass Stress in erster Linie physische Auswirkungen hat. Grundsätzlich merken die meisten Menschen, wenn sie unter Stress stehen, sie bemerken aber so gut wie nie, dass sie langsam in ein Burnout rutschen. Warum das so ist, können Sie in meinen hier aufliegenden Studien nachlesen.« Jussi Mattila deutete auf einen Stapel Dokumente, die auf einem kleinen Tisch lagen.
»Jetzt kann man sich fragen, ab wann man überhaupt von einem Burnout spricht. Nun, liebe Kolleginnen und Kollegen, dafür gibt es eine ganz einfache Antwort. Sobald man Symptome wie abgestumpfte Gefühle, Antriebslosigkeit, Verlust von jeglicher Motivation, Hilflosigkeit oder auch Hoffnungslosigkeit, Verlust jeglicher Lebenslust und vor allem Rückzugsgefühle auch nur ansatzweise bei einem Patienten erkennen kann, dann kann man bereits davon ausgehen, dass er sich auf dem Weg in ein Burnout befindet. Burnout ist eine Art von Depression, und wie wir wissen, führt diese wiederum zur Isolation. Ungleich zu Stress ist Burnout nicht nur physisch, sondern vor allem psychisch. Natürlich gibt es auch physische Merkmale, auf die möchte ich aber im Moment nicht näher eingehen. Die Hilflosigkeit, das Denken, dass das Leben nicht mehr lebenswert ist, kann auch in schlimmen Fällen zum Suizid führen. Es ist also immens wichtig, alle Symptome richtig zu deuten, um dem Patienten schnellstmöglich helfen zu können.«
Jussi Mattila sah seine Zuhörer an, trank langsam einen Schluck Wasser aus dem Glas, das auf seinem Pult stand, ehe er mit einem kleinen Lächeln fortfuhr.
»In meinem Sanatorium bemühe ich mich, Patienten aufzufangen und sie langsam aus dem Burnout herauszuführen. Es ist wichtig, dass der Patient wieder an Lebensfreude gewinnt, und ich muss sagen, dass mir und natürlich meinem Team das auch sehr gut gelingt. Jetzt fragen sich bestimmt einige von Ihnen, mit welchen Methoden uns das gelingt. Nun, eigentlich mit sehr einfachen. Sie wissen ja, dass skandinavische Menschen in der Regel sehr naturverbunden sind und viel Zeit draußen im Grünen und danach in der Sauna verbringen. Wir haben es geschafft, die Natur ins Sanatorium zu holen, und zwar nicht nur in Form von Heilmitteln, Moorbädern und Saunalandschaften, sondern auch in Form von Bäumen, Pflanzen und einem Biotop, wie Sie hier auf diesen Bildern sehr schön erkennen können.«
Jussi Mattila deutete einem Mitarbeiter, die besagten Bilder auf die Wand zu projizieren. Ein Raunen und Tuscheln ging durch den Saal. Jussi Mattila hatte diese Reaktion schon öfter erlebt und musste unwillkürlich lächeln. Es war immer wieder erstaunlich, wie Menschen auf die Gestaltung seines Sanatoriums reagierten. Es wunderte ihn immer noch, dass es nicht öfter Architekten gab, die Bäume und Sträucher in ihre Entwürfe einfließen ließen.
»Liebe Kolleginnen und Kollegen, hier sehen Sie, dass es durchaus möglich ist, Mutter Natur mit moderner Architektur zu verbinden, ohne dass das eine oder andere darunter leidet. Unser Foyer beherbergt eine etwa dreihundert Jahre alte Eiche, und die Sträucher neben den Behandlungszimmern existierten schon lange, bevor das Gebäude errichtet wurde. Wir haben die vorhandene Natur umbaut, wenn Sie so wollen, und sie in unser Sanatorium integriert. Was ist für unsere Patienten am wichtigsten? Die Leidenden müssen aus ihrem Trott herausgerissen werden, um in einer anderen, ihnen fremden Umgebung wieder zu sich finden zu können. Natürlich ist es essenziell, dass sie sich bei uns wohlfühlen, denn nur so kann unsere Therapie auch das bewirken, was sie soll, und zwar die Patienten aus ihrer Misere holen. In Einklang mit der Natur sorgen wir im Parantola Mattila mit einem Acht-Punkte-Therapieplan dafür, dass die Erkrankten schnellstmöglich aus ihrem Burnout herauskommen und sich in weiterer Folge selber therapieren können. Diesen Punkteplan möchte ich Ihnen nun etwas näher erläutern.«
Doktor Steffen Eisenreich, der ewig unruhige Geist, konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen: »Na ja, Geschmackssache. Bis dato hab ich ja wirklich nichts Neues für mich entdeckt. Ob das noch besser wird mit dem ›ach so tollen Punkteplan‹? Was meinst du, Jutta?«
»Psst, müssen Sie denn ständig quatschen? Hat man Ihnen nicht beigebracht, dass man bei Vorträgen ruhig sein soll? Sie haben null Respekt! Schämen Sie sich. Ständig wetzen Sie herum, so was Unruhiges, richtig rüpelhaft«, zischte eine ältere Dame hinter Steffen Eisenreich.
Eisenreich drehte sich langsam um, sah sie kurz an und entschied, ihr, aufgrund ihres Alters, nicht zu antworten, sondern grinste sie einfach nur frech an, ehe er sich wieder dem Vortrag widmete.
»In der heutigen Schlafmangelgeneration ist es nicht mehr selbstverständlich, dass man auch genügend gesunden Schlaf bekommt. Nur, wer sich richtig ausruhen kann, baut auf Dauer Müdigkeit, Angespanntheit, Gereiztheit und innere Unruhe ab. Es ist also an uns, dafür Sorge zu tragen, dass die Patienten genügend Schlaf bekommen. Somit ist unser Punkt eins der gesunde Schlaf. Der zweite Punkt ist körperliche Betätigung. Hier meine ich nicht unbedingt Leistungssport, sondern hier liegt der Fokus vielmehr auf täglicher Bewegung, sei es Spazierengehen, Radfahren, Schwimmen oder zum Beispiel alltägliche Arbeiten im Haushalt oder im Garten. Einfach etwas, das dem Patienten nicht unbedingt wie ein Muss erscheint, sondern etwas, das ihm Spaß macht, aber gleichzeitig sinnvoll ist. Das Hauptaugenmerk hier liegt nicht darauf, eine Sportart für den Patienten zu bestimmen, sondern dem Patienten gemäßigte Bewegung näherzubringen. Der nächste immens wichtige Punkt ist die gesunde Ernährung. Das muss ich Ihnen als Spezialisten ja nicht näher erläutern. Punkt vier gilt der Entspannung. Diesbezüglich sind neue Techniken ein wesentlicher Bestandteil unseres Therapieplanes. Patienten lernen durch Autogenes Training und ganz ohne Medikamente, sich zu entspannen. Alternativ dazu werden noch andere Meditationsformen und Yoga angeboten. In speziellen Workshops, unserem Punkt fünf des Therapieplanes, leiten wir unsere Patienten dazu an, sowohl im Beruf als auch im Privatbereich immer wieder Ruhephasen für sich einzuplanen. Viele verstehen erst nach einem oder zwei Workshops, dass man solche Phasen tatsächlich einplanen kann und auch, wie unumgänglich diese sind. Es ist wesentlich, dass die Ruhephasen nicht gestört werden und man sich selber quasi von jeglichen äußeren Einflüssen abschottet. Während dieser Pausen ist man nur noch für sich selber zuständig und nicht mehr für Familie, Freunde oder Mitarbeiter. Damit Sie, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, mehr über diese Methode erfahren können, findet, wie Sie ja schon dem Programm entnehmen konnten, morgen Nachmittag ein Workshop statt, in dem ich Ihnen diesen Punkt beziehungsweise diese Methode näher erklären werde.«
Doktor Jutta Schwaiger fingerte in ihrer Handtasche herum und beförderte ein zerknittertes Programmheft mit einem Anmeldeformular ans Tageslicht. »Das muss ich unbedingt machen«, murmelte sie.
»Echt, willst du wirklich daran teilnehmen?« Etwas erstaunt und ungläubig blickte Steffen Eisenreich seine Kollegin an.
»Ja, sicher!«, flüsterte Jutta ihm zu. »So eine Gelegenheit bekommen wir nie mehr. Außerdem weißt du doch, dass ich mich mit einer Naturheilpraxis selbstständig machen möchte.«
»Psst, Ruhe!«
Professor Mattila, der noch einmal einen großen Schluck Wasser zu sich genommen hatte, fuhr fort. »Für die psychosoziale Gesundheit und quasi als Gegenpol zum Burnout sind Geselligkeit aber auch Lernen sehr wichtig. Wir lernen immer und überall. In unserem Punkt sechs des Therapieplanes werden Patienten langsam an ihre eigene Kreativität herangeführt. Sie lernen, wieder ihre lang verdrängten oder vergessenen Hobbies aufzunehmen. Dafür haben wir in unserem Sanatorium verschiedene Werkstätten und Workshops eingerichtet. Ich kann Ihnen sagen, dass bis zum heutigen Tage noch jeder Patient etwas für sich entdeckt hat. Natürlich müssen sie auch dahingehend angeleitet werden, ihr Hobby nicht in Freizeitstress ausarten zu lassen. In erster Linie gilt es das richtige Maß zu finden. Was einfacher scheint, als es ist.
Nun zu Punkt sieben, einer unserer wichtigsten Punkte. Die Anleitung zur Selbsthilfe. Hier werden Patienten dazu gebracht zu erkennen, dass das Verleugnen von Problemen ein großes Tabu ist. Mit der Kreativitätsmethode zeigen wir hier dem Erkrankten Lösungen auf. Diese Phase ist sehr arbeitsintensiv und hängt maßgeblich von der Selbsterkenntnis des Patienten ab. Er muss die Signale seines Körpers deuten lernen. Wir zeigen ihm verschiedenen Techniken, mit denen er einige seiner Lebensumstände verändern kann, um in weiterer Folge mehr Zufriedenheit zu erlangen. Hier lernt der Patient, sich nicht nur aufzuopfern oder gar aufzugeben, sondern auch auf sich selbst zu achten. Auch hierzu gibt es übermorgen einen Workshop, um die Techniken genauer mit Ihnen durchzugehen. Sie können sich gerne bei Professor Lindner anmelden.«
Jussi Mattila machte noch einmal eine kleine Pause, ehe er zum letzten Punkt kam. Er wusste genau, dass dieser für viele seiner Kollegen sehr befremdlich sein würde. Vor einigen Jahren, als er diese Methode in seinen Therapieplan aufnahm, wurde er mittleidig belächelt. Für manche Kollegen, die noch zu sehr auf klassische Medizintechniken fixiert waren, war es immer noch etwas schwer zu glauben, dass diese Methode tatsächlich Einfluss auf die Genesung von Körper und Geist haben könnte. Der Professor trank nochmals einen kleinen Schluck Wasser, blickte in die Runde und begann, mit etwas lauterer Stimme als zuvor weiterzusprechen.
»So und jetzt kommt der letzte und, wie ich meine, bedeutendste Punkt. Punkt acht wird so einige von Ihnen überraschen, vielleicht auch irritieren. Es handelt sich nämlich um Spiritualität.«
Sofort ging ein lautes Raunen durch den Raum. Jussi Mattila lächelte sein Publikum an.
»Ja, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, Sie haben richtig gehört. Spiritualität. Ziel ist es, das sogenannte innere Kind wieder auferstehen zu lassen. Sich einfach zu vergnügen, zu lachen und sich an den kleinen Nettigkeiten des Lebens zu erfreuen und gleichzeitig Dankbarkeit für diese einzigartigen Momente zu entwickeln. Dankbarkeit führt zu Zufriedenheit und Wohlbehagen. Dies wiederum trägt zu mehr Ruhe und Gelassenheit bei, und das Glückshormon Serotonin wird im Gehirn freigesetzt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Spiritualität ist das Geben und Nehmen. Bei vielen Patienten sind diese beiden Elemente stark beeinträchtigt und müssen wieder in Einklang gebracht werden. Natürlich gehören noch andere Elemente zu diesem Punkt, wie Meditation, Ursache und Wirkung, das richtige Atmen und vieles mehr. Erst wenn einem dies alles so nach und nach bewusst gemacht wird, kann man neue Lebensenergie aufbauen und nach und nach Lebensstrategien und auch sich selber weiterentwickeln. Ich sehe es an Ihren Gesichtern, dass sie jetzt etwas verwundert sind.« Professor Mattila sah freundlich lächelnd in die Runde und behielt recht. Die meisten seiner Kollegen im Raum sahen ihn und auch sich gegenseitig ungläubig an. Jussi Mattila ließ das soeben Gesagte etwas sacken, ehe er sich räusperte und weitersprach.
»Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, ich habe natürlich, wie schon sehr oft bei meinen Vorträgen, bei diesem Punkt erstaunte Gesichter wahrgenommen. Wenn Sie möchten, können wir gerne die Wichtigkeit der Spiritualität für die Burnout-Prävention weiter vertiefen. Ich bin gerne bereit, Ihnen meine Methode näherzubringen. Falls Sie Interesse daran haben, teilen Sie dies bitte dem Veranstalter mit, und wir arrangieren ganz spontan und kurzfristig einen Mini-Workshop. Vielen Dank. Ich gebe das Wort nun wieder an meinen sehr geschätzten Kollegen Professor Doktor Lindner.«
Begleitet von Applaus und Standing Ovation, begab Jussi Mattila sich wieder auf seinen Platz. Er war zufrieden mit seinem Einführungsvortrag. Die Kollegen waren sichtlich angetan von seinem Sanatorium und seinen naturheilkundlichen Methoden. Was sie nicht wussten, war, dass er ein ähnliches Projekt auch im Salzkammergut plante. Er musste nur noch das richtige Grundstück an einem See finden. So in Gedanken versunken, bekam Jussi Mattila die nächsten beiden Redner, die über bahnbrechende Entdeckungen in der Schulmedizin sprachen, nur am Rande mit.
Er verspürte einen kleinen Anflug von Hunger und freute sich auf das Mittagessen mit den Kollegen und dann auf seinen freien Nachmittag. Er wollte die Stadt, in der er als Kind so viele glückliche Stunden bei den Großeltern verbracht hatte, nun als Erwachsener neu entdecken. Vor dem Abendessen würde er vielleicht in die Sauna gehen und danach mit seiner Frau Ritva noch einen schönen Abend verbringen.
»Jussi! Jussi, sag mal, hörst du mich nicht?«, zischte Mikka Savolainen.
»Doch, natürlich höre ich dich, Mikka.« Etwas ertappt wandte er sich seinem Kollegen zu.
»Jaana und ich wollen heute nach dem Mittagessen in die Stadt. Sie lässt fragen, ob Ritva und du mit uns kommen wollt.«
»Nein, Mikka. Ritva ist heute früh nach Bad Ischl gefahren, sie kommt erst am Abend wieder zurück. Ich werde mich nach dem Mittagessen bisschen aufs Ohr hauen, dann in die Sauna gehen und eventuell einen zusätzlichen Workshop vorbereiten, falls etwas zustande kommen sollte.«
Jussi Mattila konnte und wollte den Nachmittag nicht mit seinem Freund und dessen Frau verbringen. Er hatte eine Verabredung in Salzburg und konnte dafür keinen Anhang gebrauchen, aber das verschwieg er ganz bewusst.
Nach einem üppigen dreigängigen Mittagessen im Hotel war Jussi Mattila froh über den Spaziergang durch die Altstadt von Salzburg. Die Getreidegasse mit ihren vielen kleinen Geschäften sah fast wie früher aus.
Als er ein kleiner Junge war, gab es neben dem Mozartgeburtshaus eine Wiener Bäckerei, deren Duft schon von Weitem einlud, den kleinen Laden zu besuchen. Seine Großmutter kaufte meist Brot und anderes Gebäck, und er bekam immer sofort ein Kipferl. Doch bei näherem Hinsehen hatte die Getreidegasse etwas an Tradition und Charm eingebüßt. Die Bäckerei gab es nicht mehr, dafür hatten Nordsee und sogar McDonalds in der berühmtesten Gasse Salzburgs Einzug gehalten. Jussi Mattila wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Irgendwie stimmte es ihn traurig zu sehen, wie die Getreidegasse sich verändert hatte. Er schlenderte weiter in Richtung Alter Markt und Residenzplatz. Hier sah es fast noch so aus wie früher. Schon als Kind war er vom Residenzplatz fasziniert gewesen, weniger wegen des Platzes, vielmehr angesichts der Fiaker, die hier standen. Er durfte jedes Mal, wenn er während der Ferien in Salzburg war, mit seinen Großeltern eine Runde fahren. Immer saß er neben dem Kutscher, und manchmal durfte er die Pferde sogar selber lenken. Schön waren sie, seine Kindheitserinnerungen.
Jussi Mattila blickte auf seine Armbanduhr. Er hatte noch ungefähr drei Stunden Zeit, ehe er zu seiner Verabredung ins Café Niemetz musste.
Das schöne Herbstwetter lud geradezu zu einer nostalgischen Fiaker Rundfahrt ein. Kurz entschlossen ging Jussi auf den nächsten Kutscher zu.
»Fahren Sie alleine, gnädiger Herr, oder kommt noch jemand?«, fragte der Fiaker ihn.
»Nein, nein, heute fahre ich ganz alleine.«
»Soll ich Ihnen vielleicht ein paar Geschichten über unsere schöne Stadt erzählen?«
»Nein danke. Ich kenne Salzburg. Meine Großeltern haben hier in der Nähe gelebt, und ich bin oft mit ihnen durch die Stadt gefahren.«
»Ah ja, wenn das so ist, dann sind sie ja fast ein Einheimischer.« Der Kutscher, der in seiner schmucken Tracht und mit seinem gezwirbelten Kaiser-Franz-Josef-Schnurrbart sehr vornehm, ja, fast schon erhaben, aussah, öffnete die Tür zum Fiaker und bat seinen Fahrgast mit einer galanten Handbewegung einzusteigen.
Jussi Mattila zögerte, er hielt kurz inne, und mit einem schüchternen Lächeln wandte er sich an den Kutscher: »Eine Bitte hätte ich dann doch.«
»Ja bitte, der Herr, wie kann ich Ihnen dienen?« Der Kutscher verbeugte sich leicht vor seinem Fahrgast.
»Dürfte ich vorne auf dem Kutschbock neben Ihnen sitzen? Ist das erlaubt?«
»Ja, natürlich ist das erlaubt, wenn Sie das möchten, dann bitte gerne. Der Kunde ist immer König.« Der Kutscher war erfreut und lächelte. Es kam selten vor, dass ein erwachsener Mann neben ihm sitzen wollte.
Der Fiaker setzte sich langsam in Gang, und das Klappern der Hufe wirkte beruhigend und entspannend auf Jussi. Er genoss die Fahrt. Der Kutscher erzählte ihm dies und das, und nach einer Weile verfielen sie in eine gemütliche Plauderei. Viel zu früh war die Rundfahrt zu Ende. Jussi fühlte sich wieder wie ein kleiner Junge, als er sich vom Fiaker verabschiedete.
Jussi Mattila war eine gute halbe Stunde zu früh dran, als er im Café Niemetz eintraf. Das seitlich hinter der Pferdeschwemme versteckte Café war zwar gut besucht, aber es gab immer noch ausreichend freie Plätze. Jussi wählte einen etwas isolierten Tisch im hinteren Bereich des Cafés aus. Er hatte mit Eliina, seiner Assistentin, ausgemacht, sich gegen siebzehn Uhr hier im Café zu treffen. Er bestellte eine kleine Schale Gold, also einen Mokka mit Milch und Milchschaumhäubchen. Heute würde man dazu wohl kleiner Cappuccino sagen. Er hatte das Gefühl, dass die ehemals so berühmten österreichischen Kaffeehausklassiker immer öfter durch italienische Modenamen ersetzt wurden. Doch im traditionellen Café Niemetz konnte man noch eine Schale Gold bestellen. Er nahm sich eine Zeitung und las die Überschriften, ehe er sich in einen politischen Artikel vertiefte, während er auf Eliina Mikkonen wartete.
»Na, interessante Nachrichten?« Eliinas tiefe fröhliche Stimme riss ihn aus seiner Lektüre.
»Eliina, schön, dass du mich gefunden hast, ich freue mich, dich zu sehen.« Jussi sprang auf, küsste Eliina auf die rechte und linke Wange und deutete ihr, sich zu setzen.
»Was möchtest du trinken?«
»Einen Pfefferminztee, bitte.« Jussi bestellte den Tee und noch eine Schale Gold, ehe er wieder Platz nahm.
Eliina Mikkonen, Jussis engste Mitarbeiterin und Vertraute, war eine etwas schrille Erscheinung. Egal, wo sie hinkam, erregte sie Aufmerksamkeit. Man konnte sie mit ihren feuerroten Haaren und der sehr ausgefallenen Kleidung kaum übersehen. Auch heute trug sie wieder ein knallgelbes Kostüm mit dunkelvioletten Applikationen, dazu hatte sie violette Schuhe an, die auffälliger nicht sein konnten. Die feuerroten Haare hatte sie locker hochgesteckt. Jussi, der eine Dame am Nebentisch beobachtete, wie sie Eliina musterte und die Nase rümpfte, musste unwillkürlich lächeln.
»Na, wie gefällt dir Salzburg?«
»Du bist gut, Jussi.« Eliina verzog ihren Mund und verdrehte theatralisch ihre rehbraunen Augen. »Von Salzburg hab ich fast nichts gesehen, aber die Umgebung ist einfach traumhaft, und die beiden Immobilienmakler, die ich getroffen habe, waren mehr als charmant. Der dritte allerdings, eine Maklerin, hatte eine unfreundliche und derbe Art.«
»Dann hast du wohl gute Neuigkeiten für unser Projekt?«
»Wie man es nimmt. Ich habe mir drei Grundstücke angesehen, eines in Sankt Wolfgang und zwei am Mondsee.«
»Welches kommt am ehesten infrage, welches soll ich mir ansehen?«
»Ach, Jussi, keines der drei hat mich so richtig vom Hocker gerissen. Es waren durchaus schöne Immobilien, aber sie hatten alle drei nicht diesen Wow-Effekt. Du weißt, was ich meine?«
»Ja, ja, sicher.« Jussis Euphorie war wie weggeblasen. Er hatte seine Assistentin Eliina darauf angesetzt, eine Vorauswahl von potenziellen Grundstücken für sein Sanatorium in Österreich zu treffen. Er vertraute ihr und ihrem Urteil blind.
»Gut, aber wie geht es jetzt weiter, wir haben doch nur die drei Seegrundstücke im Internet gefunden?«
»Ich treffe mich morgen früh noch einmal mit einem …« Eliina blätterte in einem Notizblock, den sie aus ihrer Laptoptasche gezogen hatte. »… einem Herrn Christian Meinrad aus Salzburg. Der Kontakt wurde vom Makler aus Sankt Wolfgang hergestellt. Ich habe bereits mit ihm telefoniert, und er hat mir versichert, dass er einige Immobilien im Sortiment hätte, die eventuell interessant sein könnten. Eines davon sogar mit einem kleinen schlossartigen Anwesen. Er hat versprochen, mir die Exposés noch heute Abend zu mailen.«
»Das klingt vielversprechend. Du weißt ja, was ich für mein Sanatorium in Österreich suche. Am wichtigsten ist es, dass es an einem See liegt und von viel Wald umgeben ist.«
»Wie gesagt, heute Abend werde ich einige Exposés sichten. Hast du später noch einmal Zeit für mich?«
»Sorry, nein. Meine Frau kommt am Abend wieder aus Bad Ischl, und vielleicht muss ich auch noch einen zusätzlichen Workshop vorbereiten. Such einfach die Immobilien aus, die am ehesten zu unserem Plan passen, und besichtige sie in aller Ruhe. Ich habe volles Vertrauen, dass du das Richtige finden wirst.«
»Mach ich gerne, aber es wär halt doch besser, du würdest mitkommen.«
»Stimmt, nur leider kann ich hier nicht so einfach weg. Außerdem möchte ich nicht, dass die anderen mitbekommen, welche Pläne ich gerade so aushecke. Ich muss sichergehen, dass alles geheim bleibt. Auch deine Anwesenheit hier sollte, so gut es geht, geheim bleiben. Salzburg ist klein, wie du ja schon mitbekommen hast, und ich würde dich daher bitten, dich etwas …« Eliina verzog den Mund und rollte die Augen. »Ich versteh schon …«, unterbrach sie ihren Chef, »ich soll ein bisschen untertauchen und U-Boot spielen. So gesehen, ist es ja gut, dass ich bei einer Freundin etwas außerhalb wohne. Ich werde natürlich tunlichst vermeiden, während euren Pausen oder gar abends in der Stadt zu sein.« Schelmisch grinste sie Jussi Mattila an. Eine leichte Röte zeichnete sich im Gesicht des Professors ab.
»Es tut mir leid, das war doch nicht so gemeint. Wir, beziehungsweise ich, müsste nur so vieles erklären, wenn man dich hier sehen würde.«
»Schon gut, Jussi, ich verstehe dich doch. Mach dir keine Gedanken. Also, ich breche jetzt auf, und das solltest du auch tun. Es ist schon halb sieben, und um sieben Uhr habt ihr einen kleinen Empfang in der Hotellobby.«
»Stimmt. Wie gut, dass du meinen Terminkalender immer im Kopf hast. Ich hatte den Empfang schon fast vergessen.« Mit einem herzlichen Lachen winkte Jussi der Kellnerin und verabschiedete sich von seiner Assistentin.
Eliina ging noch in das Untergeschoss, um sich die Nase zu pudern. So konnte niemand sie beim Verlassen des Cafés zusammen sehen und auf falsche Gedanken kommen. Sie lächelte ihr Spiegelbild an, sie fand es spannend, in Salzburg zu sein und mit ihrem Chef Geheimnisse zu teilen, von denen niemand etwas wissen durfte, nicht einmal seine Frau.
Als Jussi Mattila in der Hotellobby ankam, waren die meisten seiner Kollegen bereits versammelt. Sie standen mit ihren Drinks um die Stehtische herum, genossen die eleganten kleinen Häppchen und unterhielten sich angeregt. Jussi überlegte kurz, ob er nach oben in sein Zimmer gehen sollte, um sich umzuziehen, als er seine Frau am Eingang erblickte. Erfreut winkte er ihr und ging auf sie zu.
»Ritva, schön, dass du wieder da bist, wie war es?«
»Oh, Jussi, Bad Ischl ist so schön. Martina und Hans geht es gut, sie richten dir ganz herzliche Grüße aus. Sie haben uns für das Wochenende eingeladen. Da veranstaltet Martina einen kleinen Kunstmarkt, auf dem einige regionale Künstler ihre Sachen verkaufen. Ich hab dich sicherheitshalber schon mal entschuldigt, weil ich deinen Terminplan ja nicht genau kenne. Falls du dann doch mitkommen kannst, wird es für die beiden eine Riesenüberraschung. Martinas Kunstwerke sind einfach fantastisch. Ich habe eine Skulptur für den Eingangsbereich des Sanatoriums gekauft. Du wirst sie lieben. Und eine zweite für mein Büro. Einfach wunderschön. Martina und ihre Holzkunst sind einfach unbeschreiblich.« Ritva Mattila plapperte ohne Punkt und Komma. Sie war sichtlich aufgekratzt, und ihr Gesicht hatte eine gesunde Röte bekommen. Jussi kam nicht zu Wort, er nickte nur und lächelte seine Frau an. »Ach, Jussi, ich komm gleich wieder, ich zieh mich nur schnell um. Ich kann ja nicht so verstaubt zum Abendessen, wenn alle anderen schon in Abendgarderobe sind. Kommst du mit, oder bleibst du?«
»Schatz, ich bleibe, ich muss noch herausfinden, ob ich einen zusätzlichen Workshop veranstalten soll und wann. Lass dir ruhig Zeit, ich werde hier sein und auf dich warten.«
Ritva küsste ihren Mann, ehe sie sich umdrehte und mit dem Lift nach oben fuhr. Jussi lächelte ihr verliebt nach. Seine Frau war sein Ein und Alles. Ritva, die im gleichen Alter war wie er, hatte sich ihre Energie und Jugendlichkeit bewahrt und war immer für ein gutes intelligentes Gespräch zu haben. Sie hatte eigentlich Künstlerin werden wollen, doch ihre Eltern hatten darauf bestanden, dass sie einen ordentlichen Beruf erlernte. Daraufhin ging sie zur Polizei und machte als Juristin Karriere. Als Gefängnisdirektorin konnte sie sich zwar nicht wirklich künstlerisch verwirklichen, aber sie hatte alle möglichen Seminare und Kunstkurse für die Insassen eingeführt, was das Gefängnis in Turku zu etwas Besonderem machte.
Jussi Mattila unterhielt sich angeregt mit Professor Doktor Lindner, dem Organisator des Kolloquiums. Der angekündigte Workshop über Spiritualität weckte offensichtlich reges Interesse bei den Teilnehmern, daher entschieden die beiden, dass Jussi am Ende des dritten Tagungstages einen Sonder-Workshop abhalten sollte. Jussi hatte also noch ausreichend Zeit, sich darauf vorzubereiten, und außerdem konnte er nun den Abend mit seiner Frau, die soeben in einem atemberaubenden dunkelblauen Spitzenkleid aus dem Lift stieg und auf ihn zukam, so richtig genießen.
»Professor Lindner, schön, Sie wiederzusehen.« Lächelnd begrüßte Ritva Mattila den Veranstaltungsleiter, der sich galant verbeugte und ihr die Hand küsste.
In diesem Moment öffnete sich eine Doppelflügeltüre, die in einen der Nebenräume führte, und eine junge Dame bat Professor Lindner und die Teilnehmer des Kolloquiums zum Abendessen.
Nach dem Essen hakte Ritva Mattila sich bei ihrem Mann unter.
»Ein Spaziergang wäre jetzt wirklich gut nach diesem üppigen Dinner, oder was meinst du, Ritva?«
»Ja, auf jeden Fall, Darling, ich muss mich aber vorher dringend umziehen, abends ist es doch schon etwas kühl. Kommst du mit?«
»Nein, ich warte hier auf dich, ich wollte mich noch kurz bei Professor Lindner bedanken, dass er mir einen zusätzlichen Workshop ermöglicht.« Jussi gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange. »Ich warte dann an der Bar auf dich, Kulta, ich kann es kaum erwarten, dir Salzburg bei Nacht zu zeigen, und sei so lieb und bring mir meine Jacke mit.« Er nannte Ritva oft Kulta, was so viel wie Goldschatz hieß, denn für ihn war sie wirklich einer. Sie war immer für ihn da und hielt ihm den Rücken frei, obwohl auch ihr Job anspruchsvoll und nicht immer einfach war. Jussi Mattila entdeckte Professor Lindner an der Hotelbar, mit zwei anderen Teilnehmern in ein Gespräch vertieft. Als er auf die Gruppe zugehen wollte, schallte es auf einmal quer durch die Lobby.
»Ah!! Huhu! Professor Mattila!!« Eine korpulente große Frau, die Mattila nicht kannte, kam schnellen Schrittes auf ihn zu.
»Professor, ich bin so begeistert von Ihrem Vortrag, ich möchte Sie unbedingt näher kennenlernen. Vielleicht darf ich Sie auf einen Drink einladen, damit Sie mir noch mehr von Ihrem Punkteplan erzählen können?« Die Frau wirkte hektisch, fast schon hysterisch, und ihre quietschende Stimme passte so gar nicht zum Rest ihrer Erscheinung.
»Entschuldigen Sie, darf ich fragen, wer …«
»Ja, natürlich Professor, ich bin ja so unhöflich, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Doktor Freija Olafsdottir-Hansen, nennen Sie mich Freija, ich bin Psychologin und spezialisiere mich gerade auf Patienten mit Burnout-Syndrom.« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. »Gestern bin ich extra für Ihren Vortrag aus Dänemark angereist. Ich bin so erfreut, Sie hier wiederzusehen. Sie wissen ja gar nicht, wie sehr ich Sie bewundere, Professor. Ich habe alle Ihre Bücher und medizinischen Essays gelesen.« Die Frau war nicht mehr zu bremsen. Obwohl sie ihm bekannt vorkam, konnte Jussi nicht zuordnen, wo er dieser Person schon einmal begegnet war. In ihm breitete sich langsam Unbehagen aus, zumal diese Frau auch seine Hand nicht mehr losließ.
»Liebe Frau Doktor …« Er wurde sofort unterbrochen.
»Nicht Frau Doktor!« Freija Olafsdottir-Hansen schüttelte bestimmend den Kopf. »Bitte, Professor, nennen Sie mich doch einfach Freija.« Ihre Stimmlage hatte sich verändert, und sie warf ihm einen koketten Blick zu.
»Liebe Freija …« Doch er konnte seinen Satz nicht zu Ende führen, denn wieder unterbrach diese unverschämte Person ihn.
»Ach, Professor, Sie brauchen gar nichts zu sagen, ich weiß schon, Sie möchten etwas trinken. Einen österreichischen Weißwein vielleicht? Hier gibt es einen der besten, die ich kenne, einen Grünen Veltliner, Smaragd Kellerberg, ein exquisites Tröpfchen, sag ich Ihnen. Ich lasse mir den immer nach Kopenhagen schicken. Ich bin mir sicher, Sie werden begeistert sein, Professor«, und schon schrie sie in Richtung Bar: »Eine Flasche Grünen Veltliner Smaragd Kellerberg und zwei Gläser, aber Pronto!«
So eine peinliche Person hatte Jussi Mattila noch nie erlebt. Er setzte noch einmal an: »Freija, ich bitte Sie. Ich möchte keinen …«, schon wurde er wieder von der Psychologin unterbrochen.
»Ach, Papperlapapp, Sie trinken jetzt in aller Ruhe ein Glas Wein mit mir, und wir machen es uns gemütlich und können dann endlich über Sie und Ihr Sanatorium sprechen. Ich dulde keine Widerrede!« Ihr schrilles Lachen ließ Jussi erschrocken zusammenfahren.
Ritva Mattila, die ihrem Mann schon aus der Ferne ansah, dass er von einer Dame bedrängt wurde, schlich sich langsam von hinten an die beiden heran und unterbrach den Redeschwall der ihr unbekannten Frau.
»Es tut mir wirklich sehr leid, dass ich Sie unterbrechen muss, aber mein Mann und ich haben es eilig. Wir sind noch verabredet. Hier, Darling, deine Jacke.«
Fahrig drehte sich Freija zu Ritva um. »Wie bitte?«, und zu Professor Mattila, »Sie sind mit Ihrer Frau angereist, ich dachte …«
Ritva unterbrach sie schroff: »Was denn, was denn, dachten Sie etwa, dass mein Mann alleine hier sei und Sie ihn hier abfüllen und dann abschleppen können? Nun, das tut mir aber leid für Sie, wohl dumm gelaufen.« Ritva hakte sich bei ihrem Mann unter, gab ihm einen Kuss und grinste spitzbübisch. Jussi war erleichtert, umarmte seine Frau und lächelte Freija noch an, ehe er sich höflich verabschiedete.
»Wer oder was war das denn?«, flüsterte Ritva ihrem Mann zu, als sie sich langsam und gemächlich zum Ausgang bewegten.
»Eine Frau Doktor Olafsdottir-Hansen aus Dänemark, irgendeine Psychologin, die offensichtlich ein Fan von mir ist. Schreckliche Frau, penetrant, hysterisch, laut und einfach nur peinlich«, raunte Jussi.
Ritva kicherte. »Psychologen haben doch alle einen an der Klatsche. Sieht aus wie eine Walküre und benimmt sich wie ein Groupie. Bei der scheint wohl etwas schiefgegangen zu sein, da muss ich wohl wirklich gut auf dich aufpassen, mein Lieber.« Schelmisch pikste sie ihren Mann in die Seite.
Lachend und gut gelaunt machten sich die beiden auf den Weg, um das nächtliche Salzburg zu erkunden.
Die erboste Freija blickte ihnen neidisch hinterher. »So eine unverschämte Kuh«, murmelte sie und setzte sich auf eines der Sofas in der Nähe der Bar, um den Grünen Veltliner, den sie bestellt hatte, nun alleine zu leeren. Wenn Blicke töten könnten, wäre Ritva Mattila tot umgefallen, noch ehe sie die Hotellobby verlassen hätte.
Quentin Neuner war bestens gelaunt, als er sein Büro betrat. Seit Langem wieder war es ihm gegönnt gewesen, eine Nacht durchzuschlafen. Ausgeruht, voller Energie und Tatendrang freute er sich auf den Tag. Er riss die Fenster sperrangelweit auf und atmete die frische Morgenluft tief ein. Tagsüber war es noch sonnig und lau, aber die Nächte waren bereits herbstlich nebelig und kühl. Der Sommer verabschiedete sich langsam, aber sicher. Im Morddezernat war es ruhig. Diese Woche gab es nur einen Toten, der sich nach kurzen Ermittlungen als Suizid entpuppte. Die Aktenberge auf Quentins Schreibtisch wurden niedriger, und auch das hob seine Laune sichtlich.
Neuners quirlige Assistentin, Carlotta Renner, kurz Charlie genannt, steckte den Kopf zur Tür herein. »Wow, Chef, heute so elegant im dunklen Anzug, fehlt nur noch die Krawatte. Wie kommt’s? Hast du ein Date? Habe ich etwas verpasst?«
»Die Krawatte hab ich hier.« Neuner zog eine elegante königsblaue Krawatte aus seinem Aktenkoffer, der offen auf seinem Schreibtisch stand.
Charlie stieß einen Pfiff aus, »die passt ja wunderbar zu deinen Augen.«
»Wir haben doch heute den Nationalfeiertagsempfang beim Polizeipräsidenten, hast du das etwa vergessen, Charlie?«
»Wirklich? Der Nationalfeiertag ist doch erst Ende Oktober.« Charlie riss die Augen auf. Offensichtlich hatte sie den Termin nicht richtig notiert.
»Ja schon, aber der Capo ist ab übermorgen für drei Wochen auf Kur in Bad Hofgastein und hat den Empfang auf heute vorverlegt.«
Charlie griff sich an den Kopf. »Ja, richtig, das hab ich ja total verschwitzt. In abgewetzten Jeans kann ich dort wohl nicht erscheinen, oder was meinst du, Quentin?«
Quentin schüttelte den Kopf und lachte. »Mir persönlich wär das egal, aber du weißt ja, es tummeln sich Dutzende Leute aus der sogenannten ›Salzburger High Society‹ herum, und alle möglichen Reporter machen Fotos, da möchtest du doch nicht unbedingt negativ auffallen, oder?«
»Tja, dann muss ich wohl meine Mittagspause opfern und nach Hause fahren, um mich umzuziehen«, seufzte Charlie und verdrehte die Augen. »Immer dieser Stress für nichts und wieder nichts.«
»Du weißt aber schon, dass der Empfang ein Mittagsempfang ist, oder, Charlie?«
»Echt jetzt?«
»Jaaaaa!« Quentin Neuner schmunzelte. »Du bist im Moment ja voll daneben, Charlie. Steckt da vielleicht ein Mann dahinter?«, neckte er seine Assistentin.
Charlie ignorierte den letzten Satz ihres Chefs. »Mist, auch das noch. Na gut, dann muss ich wohl oder übel eine Stunde Zeitausgleich opfern. Brauchst du mich in der nächsten Stunde?«
»Nein, hier ist eh alles so weit ruhig, fahr du nur nach Hause und zieh dich um, mach dich hübsch, man weiß ja nie, wer auf so einem Empfang auftaucht«, scherzte Neuner.
Das Telefon klingelte, Quentin nickte Charlie zu, die die Türe schloss und sich auf den Weg machte.
»Neuner!«
»Guten Morgen, Quentin.« Doktor Lukas Steiner, der smarte Staatsanwalt und Quentin Neuners bester Freund, begrüßte Quentin freundlich.
»Lukas, was verschafft mir die Ehre? Bist du heute vielleicht aus dem Bett gefallen? Du bist doch sonst nicht vor zehn im Büro.«
»Sehr witzig, Quentin. Ich sitz seit sieben hier und wollte die Suizid Akte Berner schließen, da ist mir aufgefallen, dass ich keine Kopie des Abschiedsbriefes habe.«
»Moment, ich glaube, ich hab das Original hier in der Akte.« Quentin wühlte in einem Stapel Papieren und zog den besagten Brief hervor. »Da ist er ja. Soll ich ihn dir scannen?«
»Ja bitte, dann kann ich alles ad acta legen und archivieren lassen. Sehen wir uns später beim Empfang?«
»Sicher, ich kann mir doch den Nationalfeiertagsempfang beim Oberboss nicht entgehen lassen. Da gibt’s doch immer so viele leckere Häppchen.«
»Witzbold, als ob man von den zwei, drei vertrockneten Brötchen pro Person satt wird«, Lukas Steiner musste lauthals lachen, »der Witz war echt gut, Quentin.«
»Was meinst Lukas, sollen wir nach dem Empfang und der kleinen Magenpflanzerei vielleicht Mittagessen gehen?«
»Geniale Idee und Zeit hab ich auch. Du, Quentin, ich bekomm grad einen Anruf herein, wir sehen uns später.«
»Ciao, Lukas, bis dann.«
Jussi Mattila war etwas erschöpft und konnte sich so früh am Morgen kaum auf den Vortragenden Doktor Roman Breyer, einen jungen Arzt aus Niederösterreich, konzentrieren. Der Abend beziehungsweise die Nacht hatte doch um einiges länger gedauert als geplant.
Die halbe finnische und die ganze schwedische Delegation saßen noch an der Bar, als Ritva und er von ihrem abendlichen Spaziergang durch Salzburg ins Hotel zurückkamen. Es wäre zu unhöflich gewesen, einfach aufs Zimmer zu verschwinden, also gesellten sie sich zu der Truppe, und es wurde noch ausgelassen gefeiert. Erst um drei Uhr morgens waren sie müde, aber glücklich ins Bett gefallen.
Die Vorträge des Morgens zogen sich unglaublich in die Länge. Jussi hörte nur noch halb zu, die Augenlider wurden immer schwerer, und sein Magen knurrte. Um nicht einzuschlafen, stupste er seinen Sitznachbarn und besten Freund Mikka Savolainen an. Der smarte Mediziner erschrak, denn auch er war kurz davor einzunicken.
»Hej, Mikka, glaubst du, das dauert noch lange? Ich schlaf gleich ein, gestern war es doch etwas zu lang an der Bar, außerdem hab ich einen Mordshunger. Ich hatte keine Zeit zu frühstücken.«
Mikka grinste seinen Freund an. »Wer feiern kann, kann auch zuhören. Aber du hast recht, ich sitze auch schon wie auf Nadeln, der letzte Vortrag ist wahnsinnig zäh. Außerdem ist irgendwie auch nicht wirklich was Neues dabei, oder wie siehst du das?«
»Genau wie du. Hoffentlich ist das bald rum, ich brauche dringend frische Luft und etwas zu knabbern.«
Ein lautes »schhhhtt« kam aus der Reihe hinter ihnen. Jussi Mattila drehte sich um und sah direkt in die dunkelbraunen, giftig blitzenden Augen von Freija Olafsdottir-Hansen. Offensichtlich war sie immer noch beleidigt. Mikka hatte den Ausdruck im Gesicht der Frau bemerkt und grinste seinen Freund an, der seinen Blick augenblicklich zur Bühne wandte. Die Situation war so komisch, dass er sich gerade noch zurückhalten konnte, um nicht loszuprusten.
Als der Vortrag nach einer Viertelstunde endlich beendet war, klatschten die Teilnehmer euphorisch Beifall. Jussi Mattila stieß seinen Freund an, und beide erhoben sich und verließen fluchtartig den Saal. Nach und nach bildeten sich kleine Menschentrauben im Foyer der Residenz, vor allem dort, wo Kaffee und Gebäck angeboten wurde.
Jussi und Mikka waren erleichtert und froh, draußen zu sein.
»Endlich! Das war vielleicht anstrengend, ich wäre fast vom Sessel gekippt.« Jussi streckte sich etwas und schnappte sich eine Topfengolatsche aus einem der Körbe, die auf den Stehtischen herumstanden.
Da es im Foyer der Residenz schnell ziemlich voll wurde, beschlossen die Freunde, nach draußen zu gehen. Sie schlenderten am Residenzplatz auf und ab, um sich die Beine zu vertreten und frische Luft zu schnappen.
»Ja, kann ich verstehen, mir ging es nicht viel anders. Heute Abend brauch ich definitiv eine Sauna«, erwiderte Mikka.
»Schau mal, Jussi, da drüben, ist das nicht Doktor Thomas Steinmetz? Den sollten wir unbedingt begrüßen. Er hält den nächsten Vortrag.«
»Ja, komm, wir gehen rüber.« Jussi und Mikka wollten gerade Doktor Steinmetz, einen Chirurgen aus Wien, begrüßen, als Mikka Jussis Frau Ritva, beladen mit allen möglichen Tragtaschen, in Richtung Residenzplatz spazieren sah.
»Jussi, sieh mal, unsere Frauen haben wohl alle Läden leer gekauft.«
»Tatsächlich«, grinste Jussi, der Ritva, dicht gefolgt von Mikkas Frau Jaana, nun auch entdeckt hatte.
Die beiden gingen ihren Frauen entgegen. »Ritva, habt ihr denn alle Läden Salzburgs leer gekauft?«
Ritva lächelte ihn glückselig an. »Ach, Jussi, hier gibt es so schöne Trachten, und Jaana und ich haben uns mit Trachtenkleidern und Schuhen eingedeckt. Sie werden euch gefallen. Übrigens, Jaana und Mikka kommen am Wochenende mit zu Martina und Hans. Da werden wir euch die Gewänder vorführen. Schließlich ist so ein Kunstmarkt doch etwas Traditionelles, überhaupt in so einer kleinen Stadt wie Bad Ischl.«
Ritva gab Jussi einen enthusiastischen Kuss auf die Wange und drückte ihm ihre Einkäufe in die Hand. Jussi sah seinen Freund schulterzuckend an.
»Ach, ist das so?« Mikka Savolainen drehte sich zu seiner Frau und sah sie fragend an. »Ja, Schatz.« Jaana gab ihrem Mann ebenfalls einen Kuss auf die Wange. »Wir waren doch noch nie in Bad Ischl, und Ritva schwärmt immer so von der Stadt und der Kunstwerkstatt ihrer Freundin.«
Jaana Savolainen blickte auf die Uhr. »Müsst ihr nicht wieder nach oben zu euren Vorträgen?«
»Wir haben noch fünf Minuten, ehe es weitergeht.«
»Und wir sollten wieder zum Hotel zurück, um die Einkäufe auszupacken und uns fürs Mittagessen frisch zu machen.«
»Ja, auf jeden Fall«, stimmte Ritva ihrer Freundin zu.
»Wir wollten noch vor dem nächsten Vortrag Doktor Steinmetz einen Kollegen aus Wien begrüßen. Wir treffen uns dann zum Mittagessen im Hotel.«
»Thomas, Doktor Thomas Steinmetz?« Überrascht schaute Ritva ihren Mann an.
»Ja, wieso fragst du? Kennst du ihn?«
Ritva war kaum merklich rot geworden. »Nein. Nein, nicht so direkt. Ich habe nur vor Kurzem diverse Artikel von ihm gelesen. Er hat einiges über Krankheiten in Gefängnissen geschrieben.« Ritva drehte sich um, um nach Thomas Steinmetz Ausschau zu halten.
»Ach, das wusste ich ja gar nicht«, erwiderte Mikka Savolainen interessiert.
»Gut, dann macht das. Wir treffen uns zum Mittagessen in der Hotellobby.« Jaana, die ihre Tragetaschen wieder an sich genommen hatte, wurde ungeduldig.
»Kommst du endlich, Ritva?«
»Ja, warte.« Ritva wandte sich wieder ihrem Mann zu, um auch ihre Einkäufe wieder an sich zu nehmen, und folgte ihrer Freundin.
Charlie Renner kam etwas abgehetzt, aber elegant im kleinen Schwarzen zum Nationalfeiertagsempfang des Polizeipräsidenten. Sie entdeckte ihren Chef im Gespräch mit Staatsanwalt Doktor Lukas Steiner, der Gerichtsmedizinerin Katarina von Weid und einer Frau, die sie nicht kannte. Langsam bahnte sie sich einen Weg zu der kleinen Gruppe.
»Charlie, hast du es doch noch geschafft! Darf ich dir die Frau unseres Polizeipräsidenten vorstellen?«
»Sehr angenehm.« Charlie begrüßte erst die Dame, dann die Gerichtsmedizinerin und zuletzt den Staatsanwalt. Die Frau des Polizeipräsidenten verabschiedete sich im gleichen Moment, hakte sich bei Katarina von Weid unter und zog sie mit sich fort, ehe diese reagieren konnte.
»Kommen Sie, Frau Doktor von Weid, ich muss Sie unbedingt mit dem neuen Chefarzt der Privatklinik für Plastische Chirurgie, Doktor Wieser, bekannt machen.«
Quentin Neuner sah den beiden nach, wie sie in der Menge verschwanden. Er war nicht erfreut darüber, dass Katarina von Weid davongeschleppt wurde, und noch weniger, dass sie einem Chirurgen vorgestellt werden sollte. Der Staatsanwalt konnte seinen Blick kaum mehr von Charlie, die er sonst immer nur in Hosen, Schlabberoberteilen und Lederjacke sah, abwenden.
»Frau Renner, Sie sehen bezaubernd aus, so hab ich Sie ja noch nie gesehen.« Charlie wurde knallrot. Sie hätte jeder Tomate Konkurrenz machen können.
»Charlie, das Rot deiner Backen passt ja gar nicht zu deinem Lippenstift«, neckte Quentin Neuner sie. Charlie verpasste ihm einen freundschaftlichen Stoß in die Rippen, ehe sie sich dem Kellner zuwandte, der gerade Getränke servierte.
Quentin zuckte kaum merklich zusammen und grinste schelmisch.
»Schau mal, wer da kommt, Quentin.« Lukas deutete seinem Freund, nach rechts zu sehen. »Dein Ex-Schwager auf neun Uhr und er steuert direkt auf uns zu.«
»Na, der hat mir gerade noch gefehlt«, stöhnte Quentin. »Es war aber auch klar, dass der sich so eine Veranstaltung nicht entgehen lässt. Gibt ja immerhin Freibier und Häppchen.«
Hannes Streit war Quentin Neuners schlimmster Albtraum, und er kam direkt auf ihn zu. Wie immer sah er abgesandelt, unrasiert und unfrisiert aus. Von den ungeputzten Schuhen ganz zu schweigen. Quentin hatte nie verstanden, warum sein Ex-Schwager eine so ungepflegte Erscheinung sein musste, zumal er aus einer sehr ordnungsliebenden Familie stammte.
»Quentin, altes Haus, hast wohl nichts zu tun, oder warum stehst du in der Dienstzeit hier herum wie bestellt und nicht abgeholt?« Hannes Streit schlug ihm überschwänglich auf die Schulter.
Quentin verzog keine Miene, er konnte den Typen einfach nicht leiden. »Ach, der ewig erfolglose, schmuddelige Herr Paparazzo. Suchst wohl mal wieder etwas für dein Boulevardblättchen?«
»Erfolglos, pffft, was weißt du schon. Die Erfolglosen seid ja wohl ihr. Ist doch allgemein bekannt, dass die Polizei nichts auf die Reihe bekommt und die Staatsanwaltschaft um nichts besser ist.« Hannes Streit sah den Staatsanwalt provozierend an, doch Lukas Steiner ignorierte den Seitenhieb. Ehe Quentin noch etwas erwidern konnte, mischte Charlie Renner sich ein, denn sie wusste ganz genau, dass dieses Geplänkel in den nächsten Minuten kippen und zu einem ausgewachsenen Streit führen würde, wenn sie nichts unternahm.
»Quentin, kommst du? Wir müssen. Der Polizeipräsident erwartet uns. Herr Doktor Steiner, Sie übrigens auch.«
Ohne weiteren Kommentar ließen die drei Hannes Streit stehen, der sich sofort nach seinem nächsten Opfer umsah.
»Danke, Charlie, irgendwann scheuer ich dem Typen mal eine«, knurrte Quentin, der sich nur noch mit Müh und Not beherrschen konnte.
»Spreche ich mit Frau Mikkonen?«, erklang eine angenehm sonore Männerstimme aus dem Telefon.
»Ja, Eliina Mikkonen am Apparat, wer spricht?«
»Doktor Thomas Steinmetz hier.«
»Bitte, was kann ich für Sie tun?« Eliina war überrascht, zumal der Name des Mannes ihr irgendwie bekannt vorkam.
»Nicht Sie können etwas für mich tun, Frau Mikkonen, sondern ich kann vielleicht etwas für Sie tun. Es geht um ein Seegrundstück. Ein befreundeter Makler aus Salzburg hat mich gerade angerufen und mir mitgeteilt, dass Sie eines suchen.«
»Ja, das ist richtig.« Eliina Mikkonen richtete sich auf. »Ich suche tatsächlich ein Seegrundstück, wenn möglich mit einer Villa.
