TOD IM GRÜNEN KLEE - Marie Anders - E-Book

TOD IM GRÜNEN KLEE E-Book

Marie Anders

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Beschreibung

Ein Toter am Salzachsee und keine verwertbaren Spuren. Was ist hier passiert? Wer ist der unbekannte Fischer? Ist der Mann im Suff ertrunken oder wurde er ermordet? Auch das noch! Als Margarethe Aigner ihren Mann Lorenz als vermisst meldet, entpuppt sich der Unbekannte als angesehener Großgrundbesitzer und Freund des Bürgermeisters. Quentin Neuner und sein Team haben alle Hände voll zu tun. Wie es scheint, hatten jede Menge Leute gute Gründe Lorenz Aigner aus dem Weg zu räumen. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, als es einen zweiten Mord gibt. Als auch noch Tim, der Sohn des Toten spurlos verschwindet, stehen die Ermittler vor einem Rätsel. Wurde Tim Aigner entführt? Oder ist er abgetaucht? Hat er etwas mit dem Mord an seinem Vater zu tun? Oder hat es hier jemand auf Familie Aigner abgesehen? Und wenn ja, warum?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ma­rie An­ders wur­de in Kirch­dorf an der Krems, Ober­ös­ter­reich, ge­bo­ren. Sie ist in ei­nem in­ter­na­ti­o­na­len Um­feld mehr­spra­chig auf­ge­wach­sen und hat un­ter an­de­rem in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Ser­bi­en, Russ­land und Frank­reich ge­lebt, stu­diert und ge­ar­bei­tet. Seit Kur­z­em lebt und ar­bei­tet sie wie­der in ih­rer ös­ter­rei­chi­schen Hei­mat.

Wei­te­re lie­fer­ba­re Ti­tel

Pra­li­nen des To­des – In­spek­tor Neu­ners ers­ter Fall

Die fin­ni­sche So­cke – In­spek­tor Neu­ners zwei­ter Fall

Mord im Dos San­tos – In­spek­tor Neu­ners vier­ter Fall

Ma­rie An­ders

Tod im grü­nen Klee

Kri­mi­nal­ro­man

Der drit­te Fall für In­spek­tor Neu­ner

BRINKLEY

Tod im grü­nen KleeErst­aus­ga­be bei: Ver­lag Fe­der­frei 2019(un­ter ISBN 978-3-99074-072-9) Über­a­r­bei­te­te Ver­si­on er­schie­nen bei:BRINKLEY Ver­lag 2021

© Ma­rie An­ders

Ohne schrift­li­che Ge­neh­mi­gung des Her­aus­ge­bers darf kein Teil die­ser Pu­bli­ka­ti­on in ir­gend­ei­ner Form ver­viel­fäl­tigt, über­tra­gen oder ge­spei­chert wer­den.Alle Rech­te vor­be­hal­ten.

So­wohl die im Buch vor­kom­men­den Per­so­nen als auch die Hand­lun­gen sind von der Au­to­rin frei er­fun­den. Na­men und Ähn­lich­kei­ten mit Per­so­nen oder tat­säch­li­chen Hand­lun­gen sind zu­fäl­lig und nicht ge­wollt.

Satz: Con­stan­ze Kra­mer, co­ver­bou­tique.deLek­to­rat: S. Suss­man© Um­schlag­ge­stal­tung: BRINKLEY / Ma­ga­li Tor­resun­ter Ver­wen­dung von: pi­xa­bay.com und pexels.com

Ge­druckt und ge­bun­den von: SKA­LA PRINT

ISBN 978-3-903392-01-4

www.brinkley-ver­lag.at

Tod im grü­nen Klee

Der drit­te Fall für In­spek­tor Neu­ner

»Kein Tier ist wil­der als der Mensch,wenn sich Lei­den­schaft und Macht einen.«

Plut­a­rch von Chä­ro­nea

– 1 –

»Gret­ti, Gree­ett­tiiii, ver­dammt noch eins, Gree­ett­tiiiiiii!!!«

»Lo­renz, bist du des Wahn­sinns, war­um plärrst denn so durch die Ge­gend«, keif­te Mar­ga­re­the Aig­ner, die das Kü­chen­fens­ter sperr­an­gel­weit ge­öff­net hat­te. Sie fun­kel­te ih­ren Mann, der im Hof vor dem Fens­ter stand und wie am Spieß nach ihr schrie, böse an. »Denk doch ein­mal an un­se­re Pen­si­ons­gäs­te, was sol­len die denn von uns den­ken?«

»Was ge­hen mich dei­ne Gäs­te an? Scheiß­egal, was die den­ken oder auch nicht. Wo zum Teu­fel sind mei­ne Gum­mi­s­tie­fel und mein Ther­mo­an­zug? Ich will fi­schen ge­hen, und zwar jetzt!«, brüll­te Lo­renz Aig­ner wei­ter, ganz so, als hin­ge sein Le­ben da­von ab. Mit feu­er­ro­tem Ge­sicht, die Hän­de in die Hüf­ten ge­stemmt, stand er to­bend im Hof. »Wird’s bald, oder soll ich bis zum Sankt-Nim­mer­leins-Tag hier war­ten?«

»Du bist wohl nicht ganz bei Trost?!« Mar­ga­re­the war mit den Gum­mi­s­tie­feln ih­res Man­nes in der Hand her­aus­ge­kom­men und schleu­der­te sie ihm schwung­voll vor die Füße. »Da, du Schrei­hals! Da hast du dei­ne ver­damm­ten Stie­fel, die üb­ri­gens ICH ge­putzt habe! Den An­zug fin­dest in dei­ner Fi­scher­hüt­te, dort, wo du ihn vor­ges­tern auch aus­ge­zo­gen hast«, fauch­te sie ihn gif­tig an.

»Geht doch!« Knur­rig, ohne Mar­ga­re­the ei­nes Bli­ckes zu wür­di­gen, nahm Lo­renz Aig­ner die Gum­mi­s­tie­fel und schlug den Weg in Rich­tung Hüt­te ein.

»Wann kommst du denn wie­der, du Grant­scherbn?«, rief ihm Mar­ga­re­the noch nach. Doch ihr Mann mach­te nur eine ab­fäl­li­ge Hand­be­we­gung, ohne zu ant­wor­ten. Mar­ga­re­the schüt­tel­te den Kopf, ehe sie mur­melnd im Haus ver­schwand.

Mar­ga­re­the und Lo­renz Aig­ner kann­ten sich schon aus der Schul­zeit. Als Ju­gend­li­che wa­ren sie sich spin­ne­feind. Ihre El­tern hat­ten es sich aber da­mals in den Kopf ge­setzt, dass die bei­den un­be­dingt hei­ra­ten muss­ten. Im­mer­hin galt es, zwei gro­ße Nach­ba­r­hö­fe am Stadt­rand von Sa­lz­burg zu ver­ei­nen. Mar­ga­re­the und Lo­renz hat­ten sich, wenn auch wi­der­wil­lig, den Plä­nen ih­rer El­tern ge­beugt, um nicht gänz­lich ent­erbt zu wer­den. Mitt­ler­wei­le wa­ren sie be­reits eine hal­be Ewig­keit ver­hei­ra­tet. An­fangs hat­te die Ehe noch funk­tio­niert, sie hat­ten sich ar­ran­giert, und zeit­wei­se wa­ren sie so­gar rich­tig glü­ck­lich mit­ein­an­der. Nach au­ßen hin ist man bis heu­te be­müht, den Schein der per­fek­ten Fa­mi­lie zu wah­ren. Mar­ga­re­the küm­mer­te sich lie­be­voll um den Bau­ern­hof ih­rer El­tern, den sie zu ei­ner Früh­stück­s­pen­si­on um­ge­baut hat­te. Die Pen­si­on Zum grü­nen Klee war we­gen der Stadt­nä­he zu Sa­lz­burg bei Tou­ris­ten sehr be­liebt. Lo­renz pfleg­te das rest­li­che An­we­sen, das un­ter sei­ner Füh­rung eine be­acht­li­che Grö­ße er­reicht hat­te. Er lieb­te es, Groß­grund­be­sit­zer zu sein, und war voll in sei­nem Ele­ment. Über­all war er ein hoch­ge­schätz­ter und gern ge­se­he­ner Gast. Alle aus der Um­ge­bung kann­ten und re­spek­tier­ten ihn.

»Schei… Stie­fel«, schimpf­te Lo­renz Aig­ner, nach­dem er sich end­lich in sei­nen en­gen Fi­scher­an­zug ge­zwängt hat­te. »War­um die im­mer so eng sein müs­sen, die­se ver­damm­ten Din­ger, ist mir ein Rät­sel«, knurr­te er ver­är­gert. Nach­dem er es end­lich ge­schafft hat­te, sich auch sei­ne ge­füt­ter­ten Stie­fel über die Fi­scher­ho­se zu zie­hen, pack­te er sei­ne An­gel. Ge­ra­de als er den Kü­bel neh­men woll­te, um in Rich­tung Sa­lz­ach­see auf­zu­bre­chen, wur­de die Tür zur Fi­scher­hüt­te ab­rupt auf­ge­ris­sen, und Lo­renz er­schrak fürch­ter­lich.

»Willst mich wohl ins Grab brin­gen, du un­dank­ba­res Ge­schöpf«, fauch­te er sei­nen Sohn Tim, der zwi­schen Tür und An­gel stand und ihm den Weg ver­sperr­te, ge­häs­sig an. »Was willst du? Si­cher wie­der Geld, oder?«, brüll­te er laut­hals.

»Bist doch sonst nicht so schreck­haft, Va­ter.« Der groß ge­wach­se­ne Tim grins­te ihn frech an.

»Zum letz­ten Mal, was willst du? Du siehst doch, ich hab es ei­lig.«

»Die Fi­sche wer­den doch wohl noch ein paar Mi­nu­ten war­ten kön­nen. Au­ßer­dem fängst du um die­se Zeit so­wie­so kei­nen mehr. Bist un­ten am See bist, ist es fins­ter.«

»Aber du, du fangst gleich eine«, gröl­te Lo­renz und schwang sei­ne Rech­te in Rich­tung sei­nes Soh­nes.

Tim, der sei­nen Va­ter um einen Kopf über­rag­te und ihm auch kör­per­lich über­le­gen war, wich ge­konnt zu­rück und lach­te schal­lend auf. »Knapp da­ne­ben ist auch vor­bei.«

»Wenn du nur da bist, um mich zu pro­vo­zie­ren, dann pas­siert gleich was!«, schrie Lo­renz sei­nen Sohn noch lau­ter an.

Tims Mie­ne ver­stei­ner­te sich schlag­ar­tig. Er kann­te sei­nen cho­le­ri­schen Va­ter und wuss­te, dass die­ser es ernst mein­te.

»Nein, ich will dich nicht pro­vo­zie­ren, nur war­nen. Ich hab dich ge­se­hen.«

»Du hast mich ge­se­hen, du hast mich ge­se­hen …«, äff­te sein Va­ter ihn nach, »… na und? Wo hast du mich denn ge­se­hen?«

»In Anif, beim Frie­sa­cher, mit ei­ner Frau. Und zwar in ei­ner ein­deu­tig zwei­deu­ti­gen Si­tua­ti­on, die ich ger­ne der Mama er­zäh­len wer­de, wenn …«

»Wenn was?«, un­ter­brach sein Va­ter ihn nun dro­hend. »Willst mich leicht er­pres­sen? Ich glaub, ich spinn!«

»Tststs! Wer spricht denn von Er­pres­sung? So ein un­schö­nes Wort wür­de ich doch nie ver­wen­den. Ich möch­te dich nur bit­ten, mir eine Rei­se nach Aus­tra­li­en zu fi­nan­zie­ren. Du willst mir doch si­cher­lich et­was Gu­tes tun, so als net­ter, lie­be­vol­ler Va­ter, oder? Es sind bald Se­mes­ter­fe­ri­en, und ich habe als gu­ter Sohn auch brav stu­diert. Im Ge­gen­zug er­fährt die Mama nichts von dei­nem Tech­tel­mech­tel. Wie sagt man so schön? Eine Hand wäscht die an­de­re.«

»Ah geh­h­hh …!! Der Herr Sohn möch­te ver­rei­sen. Nach Aus­tra­li­en. Wei­ter weg geht’s wohl nim­mer, oder? Wer glaubst du denn ei­gent­lich, wer du bist? Denkst du, dass ich einen Gol­d­e­sel hab? Und au­ßer­dem, was geht dich das an, mit wem ich wann und wo un­ter­wegs bin, und was du im­mer siehst, glaubt dir so­wie­so kein Mensch.« Lo­renz schnaub­te wü­tend und woll­te an sei­nem Sohn vor­bei zur Tür hin­aus.

Tim hielt ihn zu­rück. »Gut, las­sen wir es drauf an­kom­men, dann schenk ich jetzt der Mama rei­nen Wein ein und er­zähl ihr, was du hin­ter ih­rem Rü­cken so treibst, und auch, was man sich in der Wirt­schaft so er­zählt.« Sei­ne Stim­me war dro­hen­der ge­wor­den, und sei­ne Au­gen fun­kel­ten bos­haft.

»Ja, du Dreck­sack, du ver­damm­ter! Ja, glaubst du al­len Erns­tes, dass ich mich von dir er­pres­sen lass?« Der Zorn über sei­nen miss­ra­te­nen Sohn stand Lo­renz tief ins Ge­sicht ge­schrie­ben. Sei­ne Au­gen quol­len über, und die Fa­r­be sei­nes Ge­sichts wech­sel­te zwi­schen Blass und Feu­er­rot. Er schwang die An­gel, die er in der lin­ken Hand hielt, doch Tim fing sie ge­schickt ab und lach­te ihn aus.

»Schla­gen, das kannst. Aber nicht mit mir. Pass auf, Va­ter, dass du dir nicht weh­tust. Weißt was, ich bin ja kein Un­mensch. Ich gebe dir bis mor­gen früh Zeit. Ent­we­der das Flug­ti­cket nach Aus­tra­li­en oder du fliegst auf.« Fröh­lich pfei­fend kehr­te Tim sei­nem Va­ter den Rü­cken zu und schlen­der­te lang­sam und ge­mäch­lich zum Hof zu­rück. Der Theo­lo­gie­stu­dent woll­te noch kurz in der Pen­si­on vor­bei­schau­en, um sich für den Abend Geld von sei­ner Mut­ter zu ho­len, die ihm nichts ab­schla­gen konn­te.

– 2 –

»Neu­ner«, brumm­te Quen­tin Neu­ner, der eben erst aus dem Prä­si­di­um nach Hau­se ge­kom­men war, ins Te­le­fon.

»Quen­tin, Schatz, was ist mir dir? Geht es dir nicht gut?«

»Doch, na­tür­lich geht es mir gut, Mama. Ich bin eben erst nach Hau­se ge­kom­men und woll­te mir ge­ra­de mein Abend­es­sen wär­men und vor dem Fern­se­her ge­ni­e­ßen. Heu­te ist Fuß­ball.«

»Ja, ja! Weiß ich doch, dein Va­ter ist bei On­kel Erich drü­ben, sie wer­den sich das Spiel ge­mein­sam an­se­hen. Ich hab nur kurz die Ge­le­gen­heit ge­nutzt, dich an­zu­ru­fen, ehe Tan­te Mar­tha rü­ber­kommt. Ich will dich gar nicht lan­ge stö­ren. Es geht um den Ge­burts­tag dei­nes Va­ters. Stell dir vor, er hat noch im­mer kei­ne Ah­nung, dass die Gäs­te am Sams­tag schon nach dem Mit­tag­es­sen kom­men wer­den. Dein Va­ter glaubt im­mer noch, dass wir erst am Abend alle beim Kir­chen­wirt zu­sam­men­tref­fen. Das ist ja so auf­re­gend!«

Quen­tins Mut­ter plap­per­te mun­ter drauf­los, und er konn­te ihre Ner­vo­si­tät, aber auch ihre Vor­freu­de auf das be­vor­ste­hen­de Fest förm­lich spü­ren. Seit Mo­na­ten war sie mit der Or­ga­ni­sa­ti­on des Ge­burts­ta­ges be­schäf­tigt und rief Quen­tin stän­dig an, um sei­nen Rat zu hö­ren oder ihm ir­gen­d­et­was Wich­ti­ges mit­zu­tei­len. Auch heu­te wie­der. Quen­tin ver­dreh­te die Au­gen. Nun war es gott­lob end­lich so weit. Am Sams­tag, in drei Ta­gen, wür­de das Fest der Fes­te end­lich stei­gen. Quen­tin woll­te ei­gent­lich nichts an­de­res als et­was es­sen und sei­ne Ruhe ha­ben, aber er konn­te sei­ne Mut­ter auch nicht ab­wür­gen, also frag­te er, ob­wohl er die Ant­wort schon kann­te, höf­lich: »Wie willst du ihn denn schon nach dem Mit­tag­es­sen aus dem Haus lo­cken?«

»Aber, Quen­tin, das ist doch über­haupt kein Pro­blem. Ich habe ihm ge­sagt, dass wir für den Abend noch ein­mal al­les mit dem Wirt ge­nau durch­spre­chen müs­sen. Ich hof­fe nur, dass alle pünkt­lich um halb zwei da sind. Ich freue mich schon so auf sein Ge­sicht, wenn wir dann nach der Kaf­fee­jau­se in den Kul­tur­saal ge­hen, wo die Ju­gend­grup­pe des The­a­ter­ver­eins ex­tra sei­ne Lieb­lings­sket­che von Lo­ri­ot auf­führt. Du kannst dir nicht vor­stel­len, Quen­tin, was das für eine Ar­beit war, die Ko­s­tü­me, die heim­li­chen Pro­ben und …«

Quen­tin un­ter­brach sei­ne Mut­ter zwar nur un­gern, doch er konn­te und woll­te sich nicht schon wie­der die gan­ze Ge­schich­te hö­ren.

»Mama, ent­schul­di­ge, mein Büro ver­sucht, mich am Han­dy zu er­rei­chen. Du brauchst doch nichts Be­stimm­tes, oder?«

»Nein, ei­gent­lich woll­te ich dich nur dar­an er­in­nern, am Sams­tag pünkt­lich zu sein.«

»Das wer­de ich, ver­spro­chen. Aber jetzt muss ich wirk­lich an mein Han­dy ge­hen, soll ich dich …«

»Ja, ja, ich bin ja eh schon weg. Du brauchst nicht zu­rück­zu­ru­fen. Wir hö­ren uns mor­gen, Schätz­chen, und lass dir dein Abend­es­sen schme­cken.«

»Mach ich, Mama.«

Schnell leg­te Quen­tin den Hö­rer auf die Ba­sis, ehe sei­ner Mut­ter noch et­was ein­fal­len wür­de.

Na­tür­lich hat­te sein Han­dy nicht ge­summt. Er be­nutz­te die­se klei­ne Not­lü­ge nur, weil er ei­ner­seits das Län­der­spiel ge­gen Uru­gu­ay nicht ver­pas­sen woll­te und an­de­rer­seits dem Es­sen, das Lina, sei­ne Haus­per­le, für ihn vor­be­rei­tet hat­te, ent­ge­gen­sah. Heu­te war es ein Sze­ge­di­ner Gu­lasch, das er sich nur noch auf­wär­men muss­te.

– 3 –

Nach­dem Tim Aig­ner sei­ner Mut­ter mit­ge­teilt hat­te, dass er das Abend­es­sen sau­sen las­sen und lie­ber mit Freun­den in die Stadt fei­ern wür­de, hat­te Mar­ga­re­the den Tisch nur für vier Per­so­nen ge­deckt. Für ih­ren Mann und ihre zwei Mit­a­r­bei­ter, Ma­r­lon Deus, den ost­deut­schen Haus­meis­ter, und Han­na Mal­berg, das Mäd­chen für al­les, das seit ei­ni­gen Wo­chen bei ih­nen ar­bei­te­te und wohn­te.

»Mhmm, dass riecht ja wie­der ein­mal vor­züg­lich, Chefin«, schwärm­te Ma­r­lon Deus mit sei­nem un­wi­der­steh­li­chen Lä­cheln und dem un­ver­kenn­ba­ren säch­si­schen Ak­zent. Ma­r­lon war ein Char­meur, wie er im Bu­che stand, und ließ kei­ne Ge­le­gen­heit aus, Mar­ga­re­the Kom­pli­men­te und Avan­cen zu ma­chen.

»Dann ist es ja gut, wenn ihr Hun­ger mit­ge­bracht habt.« Mar­ga­re­the stell­te lä­chelnd eine Sup­pen­schüs­sel mit ei­ner damp­fen­den Kar­tof­fel­sup­pe auf den Tisch. Dazu gab es ein köst­lich duf­ten­des selbst ge­ba­cke­nes Bau­ern­brot, das be­reits auf dem Tisch stand.

»Sol­len wir schon ohne den Bau­ern an­fan­gen?«, frag­te Han­na Mal­berg schüch­tern. Sie trau­te sich kaum, Mar­ga­re­the in die Au­gen zu se­hen.

»Aber si­cher, Han­na. Nimm dir ru­hig eine or­dent­li­che Por­ti­on. Mein Mann ist beim Fi­schen. Wer weiß, wann der wie­der­kommt. Wir wer­den kei­nes­falls auf ihn war­ten. Er kann sich sein Abend­es­sen spä­ter sel­ber wär­men.«

Den Mit­a­r­bei­tern war nicht ent­gan­gen, dass Mar­ga­re­the mit ih­rem ein­ge­fro­re­nen Lä­cheln be­müht war, die Bit­ter­keit in ih­rer Stim­me zu über­spie­len. Ge­ra­de als sie sich setz­te, schell­te das Te­le­fon.

»Pen­si­on zum grü­nen Klee, Aig­ner, gu­ten Abend«, mel­de­te sich Mar­ga­re­the mit be­tont freund­li­cher Stim­me. Sie ver­nahm nur ein kur­z­es Knacken am an­de­ren Ende der Lei­tung, dann wur­de auf­ge­legt.

»Das ist ja ko­misch. Vor­her hat­te ich auch schon so einen An­ruf«, gab Ma­r­lon schlür­fend von sich.

Mar­ga­re­the und Han­na sa­hen sich ver­dutzt an, ehe sie zu la­chen be­gan­nen.

»Ma­r­lon, hat man dir als Kind nicht bei­ge­bracht, dass man sein Es­sen lang­sam isst, nicht schlürft und man vor al­lem nicht mit vol­lem Mund spricht?«

»Doch, si­cher«, grins­te Ma­r­lon bis über bei­de Oh­ren und ent­blößte sei­ne ma­kel­los wei­ßen Zäh­ne. »Ent­schul­digt, aber die Sup­pe ist ein­fach so heiß und so gut, dass man sie ein­fach schlür­fen muss.«

Kaum wa­ren die drei mit dem Es­sen fer­tig, stürm­te Ma­ri­a­n­ne Auer, auch An­nie ge­nannt, in die Kü­che und ging ohne Vor­war­nung auf ihre Schwes­ter los.

»Sag mal, was bil­dest du dir ei­gent­lich ein?«, herrsch­te sie Mar­ga­re­the an.

»An­nie, ich habe kei­ne Ah­nung, wor­um es geht. Setz dich erst mal, aber fass dich bit­te kurz, ich habe noch ei­ni­ges zu tun.«

Mar­ga­re­the deu­te­te ih­rer Schwes­ter be­herrscht freund­lich, Platz zu neh­men.

Man konn­te die fros­ti­ge Stim­mung zwi­schen den Schwes­tern fast grei­fen. Die bei­den An­ge­stell­ten wuss­ten, dass ein Zu­sam­men­tref­fen die­ser Art meist in ei­nem hand­fes­ten Streit mün­de­te, und zo­gen es vor, sich zu­rück­zu­zie­hen.

»An­nie, was in al­ler Welt willst du denn um die­se Uhr­zeit von mir?«

»Wo ist dein Mann?« An­nie blick­te sich wü­tend, nach Lo­renz Aus­schau hal­tend, um.

»Am See, fi­schen.«

»Tust du nur so, oder weißt du es wirk­lich nicht?«

»Was denn, An­nie, komm end­lich zum Punkt, was ge­nau meinst du?« Nun hob auch Mar­ga­re­the ihre Stim­me und wur­de zu­neh­mend un­ge­dul­dig.

An­nie, die sich auf einen der Ses­sel plump­sen ließ, pol­ter­te los: »Ich will so­fort mein Geld! Dein Göt­ter­gat­te und du, ihr habt mir mei­nen An­teil an den Ge­win­nen der letz­ten bei­den Mo­na­te nicht aus­ge­zahlt. Ich muss die Mie­te für mei­ne Bou­tique zah­len, und die­ser Schwei­ne­hund hat mir mein Geld nicht über­wie­sen.« Sie knall­te einen Kon­to­aus­zug vor Mar­ga­re­the auf den Tisch.

»Wie bit­te? Der Ge­winn wird doch vom Steu­er­be­ra­ter mo­nat­lich be­rech­net und dann vom Kon­to ab­ge­bucht.« Mar­ga­re­the hob das Blatt hoch und las sich die Zah­len durch. Sie war über­rascht. Der Be­trag war tat­säch­lich nicht auf dem Kon­to gut­ge­schrie­ben. »Das ver­steh ich nicht«, mur­mel­te sie und reich­te ih­rer Schwes­ter das Pa­pier.

»Ich habe heu­te mit der Bank te­le­fo­niert, und da wur­de mir mit­ge­teilt, dass die Zah­lun­gen sei­tens ei­nes Herrn Lo­renz Aig­ner ein­ge­stellt wur­den. Ich will so­fort wis­sen, was das soll!« An­nie schlug mit der Faust auf den Tisch, sie war wie­der auf­ge­sprun­gen und lief hek­tisch in der schö­nen gro­ßen Bau­ern­stu­be auf und ab. »Die­ser ver­damm­te Mist­kerl. Der weiß doch, dass mir ein Vier­tel der Pen­si­on ge­hört und mir das Geld zu­steht.«

»Ja si­cher, An­nie. Ich habe wirk­lich kei­ne Ah­nung, war­um er die Zah­lun­gen ein­ge­stellt hat. Ich klä­re das mit ihm, so­bald er nach Hau­se kommt.«

»In­ter­es­siert mich nicht. Ich will so­fort mein Geld, sonst bin ich in ei­ner Vier­tel­stun­de mit der Po­li­zei hier und zei­ge euch we­gen Be­trugs an.« An­nie Auer zit­ter­te vor Wut. Sie war in den letz­ten Mi­nu­ten vor Rage lei­chen­blass ge­wor­den.

»An­nie, ich bit­te dich. Be­ru­hi­ge dich doch. Es tut mir leid, wenn das Geld nicht auf dei­nem Kon­to ist, aber es kann sich doch nur um ein Miss­ver­ständ­nis han­deln. Lo­renz hat sich si­cher­lich ver­tan und den Dau­e­r­auf­trag ver­se­hent­lich stor­niert.« Mar­ga­re­the ver­such­te, ihre klei­ne Schwes­ter, die im­mer noch vor Zorn schäum­te, zu be­schwich­ti­gen.

»Ich glau­be dir kein Wort! Nicht ge­nug, dass ihr mich um mein Erbe ge­bracht habt! Nein, jetzt wollt ihr mir auch noch den Geld­hahn zu­dre­hen«, herrsch­te An­nie ihre Schwes­ter an.

Sie nahm einen Ses­sel und setz­te sich wie­der an den Tisch. An­nie senk­te den Kopf und schlug kurz die Hän­de vors Ge­sicht. Als sie auf­blick­te, sah sie di­rekt in die dun­kel­brau­nen Au­gen ih­rer Schwes­ter, und mit ei­nem sehr lei­sen, fast be­droh­li­chen Ton fuhr sie fort.

»Das Erbe ist für mich mitt­ler­wei­le ge­ges­sen, un­se­re El­tern woll­ten es so, und ich kann dar­an so­wie­so nichts mehr än­dern. Sie ha­ben nun mal dir al­les über­schrie­ben. Aber die mir zu­ste­hen­den mo­nat­li­chen Ge­win­ne, die gebe ich nicht auf. Hörst du? Nie­mals! Das kannst du ver­ges­sen. Ent­we­der du be­zahlst mir die letz­ten bei­den Mo­na­te so­fort in bar aus, oder ich zei­ge euch an.« An­nies Ge­sicht hat­te wie­der sei­ne nor­ma­le Haut­fa­r­be an­ge­nom­men, ihre grau­blau­en Au­gen wa­ren kalt wie Stein und die fros­ti­ge Stim­me war im­mer rau­er ge­wor­den.

»Gut, An­nie, ich schau in den Bü­chern nach und zah­le dir den Ge­winn der letz­ten bei­den Mo­na­te gleich in bar aus. Es ist oh­ne­hin nicht viel, wir hat­ten in den letz­ten Wo­chen kaum Gäs­te.« Mar­ga­re­the ver­schwand in ih­rem Büro und brach­te An­nie einen Um­schlag mit der ge­nau­en Auf­lis­tung der Ein­nah­men und dem ihr zu­ste­hen­den Geld.

Nach­dem Mar­ga­re­the Aig­ner ihre Schwes­ter ab­ge­fer­tigt und hin­aus­kom­pli­men­tiert hat­te, sah sie auf ihre sil­ber­ne Arm­band­uhr. Es war schon nach ein­und­zwan­zig Uhr. Wo Lo­renz nur blieb? Aus­ge­rech­net heu­te, wo sie ihn brauch­te, war er fi­schen und da­nach ver­mut­lich auf Sauf­tour. Das war so ty­pisch für ih­ren Mann. Sie hat­te ge­nug von sei­nen Lau­nen und Spiel­chen. Auch hat­te sie ge­nug von die­sem Tag und woll­te ihn nur noch hin­ter sich brin­gen und al­les ab­schlie­ßen. Wäh­rend sie die Kü­che auf­räum­te, kam Ma­r­lon Deus lei­se her­ein und um­arm­te sie, ohne et­was zu sa­gen, von hin­ten. Mar­ga­re­the, die ih­ren Ge­dan­ken nach­hing und nicht be­merkt hat­te, dass ihr Haus­meis­ter in die Kü­che ge­kom­men war, schrie auf, dreh­te sich mit ei­nem Ruck um und klatsch­te ihm eine mit­ten ins Ge­sicht.

»Aua, was soll das denn?« Ma­r­lon rieb sich die Wan­ge, die lang­sam rot an­lief und auf der Mar­ga­re­thes Han­d­ab­druck all­mäh­lich sicht­bar wur­de.

»Wenn du mich fast zu Tode er­schreckst, hast du dir die Ohr­fei­ge wohl red­lich ver­dient«, keif­te sie ih­ren Mit­a­r­bei­ter an.

»Ich habe ge­se­hen, dass der Bau­er vom An­geln noch nicht wie­der zu­rück ist, und da dach­te ich, wir könn­ten die Zeit nut­zen und …«

»Ma­r­lon, also wirk­lich. Was denkst du von mir? Soll ich zwi­schen Tür und An­gel al­les fal­len las­sen und eine schnel­le Num­mer mit dir schie­ben, oder was?« Mar­ga­re­the fun­kel­te ihn wü­tend an und wid­me­te sich wie­der ih­rer Ar­beit.

»Na ja, wäre ja nicht das ers­te Mal, mein Täub­chen, oder?« Er­neut ver­sucht Ma­r­lon, sei­ne Chefin zu um­ar­men. Al­ler­dings er­folg­los.

»Sor­ry, Ma­r­lon, aber heu­te nicht. Der Tag war an­stren­gend ge­nug. Ich neh­me jetzt nur noch ein Bad, eine hal­be Schlaf­ta­blet­te und geh ins Bett, und zwar al­lei­ne.« Mar­ga­re­the schob Ma­r­lon be­stimmt zur Sei­te und ließ ihn ein­fach in der Kü­che ste­hen.

– 4 –

»Hat je­mand den Bau­ern ge­se­hen? Schnell, ich brauch den Bau­ern«, schrie Ma­r­lon Deus ver­zwei­felt in die Kü­che hin­ein, in der Mar­ga­re­the ge­ra­de das Früh­stück für ihre Pen­si­ons­gäs­te vor­be­rei­te­te.

»Schrei doch nicht so her­um, willst du die Gäs­te ver­grau­len, oder was?«, herrsch­te sie ihn an.

»’Tschul­di­gung, ich woll­te nie­man­den er­schre­cken, aber es ist wirk­lich drin­gend. Ich brau­che so­fort den Bau­ern, die Resi kalbt und hat ir­gend­wie Schwie­rig­kei­ten. Ich schaf­fe es nicht al­lei­ne und hab Angst, dass sie uns stirbt, wenn …« Mar­ga­re­the Aig­ner un­ter­brach Ma­r­lon. Sie wuss­te, wie ernst es wer­den konn­te, wenn eine Kuh beim Kal­ben Schwie­rig­kei­ten hat­te.

»Schon gut, Ma­r­lon, geh wie­der in den Stall, ich ruf so­fort den Tier­a­rzt an. Han­na, ich kann hier grad nicht weg. Geh und such den Bau­ern, ich bin mir si­cher, der schläft wie­der ein­mal ir­gend­wo am Hof sei­nen Rausch aus.«

Es ging drun­ter und drü­ber. Mar­ga­re­the er­reich­te den Tier­a­rzt, der ganz in der Nähe war und ver­sprach, so­fort vor­bei­zu­kom­men. Ge­dan­ken­ver­lo­ren mach­te sie das Früh­stück für ihre Gäs­te fer­tig, das sie nun auch noch ser­vie­ren muss­te, da Han­na von ih­rer Su­che im­mer noch nicht wie­der auf­ge­taucht war. Lo­renz wür­de sie mit sei­ner Fi­sche­rei und sei­nen an­schlie­ßen­den Sauf­tou­ren noch ein­mal in den Wahn­sinn trei­ben.

Au­ßer Atem kam Han­na in die Kü­che zu­rück. »Es tut mir leid, aber ich habe den Bau­ern nir­gend­wo ge­fun­den«, japs­te sie.

»Warst du auch in sei­ner Fi­scher­hüt­te?«

»Ja, dort hab ich mit der Su­che an­ge­fan­gen. Sei­ne An­ge­laus­rüs­tung ist nicht da. Ich war in je­dem Stall und auch in je­dem un­se­rer Ne­ben­ge­bäu­de. Aber kei­ne Spur von ihm.«

Mar­ga­re­the schüt­tel­te den Kopf. Wahr­schein­lich war er wie so oft ir­gend­wo ver­sumpft und wür­de erst ge­gen Mit­tag quietsch­fi­del wie­der auf­tau­chen.

»Gut, dan­ke, Han­na. Kannst du bit­te bei den Kü­hen nach­se­hen, ob der Tier­a­rzt schon da ist und wie es der Resi geht. Ich kann hier nicht weg. Du siehst ja, was drau­ßen ge­ra­de los ist, und aus­ge­rech­net heu­te wol­len un­se­re Gäs­te alle un­ser Bau­ern­früh­stück Spe­zi­al.«

»Ma­che ich, und dann komm ich gleich wie­der zum Ser­vie­ren.«

»Ja, dan­ke, Han­na.«

Mar­ga­re­the war ge­la­den. Der Zorn wuchs mit je­dem Ge­dan­ken an ih­ren Mann, der sich von Tag zu Tag im­mer selt­sa­mer be­nahm. Sie ließ ihre Wut an den Ei­ern aus, die sie für eine Ei­er­spei­se auf­schlug. Seit ei­ni­gen Mo­na­ten ver­schwand er abends im­mer öf­ter zum Fi­schen und kam ent­we­der spät in der Nacht sturz­be­sof­fen zu­rück oder aber tauch­te erst ir­gend­wann am nächs­ten Tag gut ge­launt wie­der auf.

Der Gong der Ein­gang­s­tü­re ging und riss Mar­ga­re­the aus ih­ren Ge­dan­ken. Viel­leicht wa­ren das die neu­en Gäs­te, die sich noch in der Nacht an­ge­kün­digt hat­ten. Schnell wusch sie sich die Hän­de und wisch­te sie, auf dem Weg zur Türe, in ih­rer Schür­ze ab. Freund­lich lä­chelnd öff­ne­te sie.

»Gu­ten Mor­gen. Ach, du bist es nur«, be­grüß­te sie den Brief­trä­ger harsch.

»Gu­ten Mor­gen, Gret­ti. Ich hab hier ein Ein­schrei­ben für den Lo­renz, ist er da?« Neu­gie­rig ver­such­te der Brief­trä­ger, an ihr vor­bei­zu­se­hen.

»Nein, ist er nicht. Gib her, ich neh­me es für ihn an.«

»Gut, dann un­ter­schreib mir bit­te da und rich­te ihm einen schö­nen Gruß und gute Bes­se­rung aus.«

Mar­ga­re­the sah den Brief­trä­ger ent­geis­tert und ver­wirrt an, sie kann­te ihn schon lan­ge und wuss­te, dass auch er sei­ne Aben­de lie­ber im Wirts­haus als zu Hau­se bei Frau und Kin­dern ver­brach­te.

»Wie­so gute Bes­se­rung?«, frag­te sie ihn wie bei­läu­fig.

»Na ja, wir ha­ben ihn jetzt schon seit ein paar Wo­chen nim­mer ge­se­hen, und der Eb­ner Franzl hat ge­meint, dass er wahr­schein­lich krank ist.«

»Kannst dem Eb­ner-Bau­ern aus­rich­ten, dass der Lo­renz sich bes­ter Ge­sund­heit er­freut und ganz und gar nicht krank ist. Aber ich wer­de ihm die Ge­ne­sungs­wün­sche und eure Grü­ße ger­ne über­brin­gen.« Ehe der Brief­trä­ger noch wei­te­re Fra­gen stel­len konn­te, knall­te Mar­ga­re­the kopf­schüt­telnd und wü­tend die Ein­gang­s­tü­re zu. Sie steck­te den Brief, ohne ihn wei­ter zu be­ach­ten, in ihre Schür­ze und mach­te sich schnell wie­der auf den Weg in die Kü­che, wo Han­na schon flei­ßig die Früh­stück­stel­ler an­rich­te­te.

»Der Tier­a­rzt ist schon da. Wir ha­ben ein neu­es sü­ßes Kälb­chen, und der Resi geht es auch wie­der gut«, be­rich­te­te sie ganz aus dem Häus­chen.

»Ist der Bau­er auf­ge­taucht?«, frag­te Mar­ga­re­the knur­rig.

»Nein, der nicht, aber Tim. Der ist in den Stall ge­kom­men, um nach­zu­se­hen, war­um es da so laut war. Ma­r­lon und er ha­ben dann dem Tier­a­rzt ge­hol­fen, das Kalb auf die Welt zu brin­gen.«

»Hab ich mir schon ge­dacht, dass der Bau­er noch nicht da ist. So, jetzt aber raus mit den Tel­lern, sonst ver­hun­gern uns die Gäs­te noch, und es wird al­les kalt.«

Nach­dem das Früh­stück ser­viert war, at­me­te Mar­ga­re­the tief durch. Sie nahm den Brief, den sie vor­her so acht­los in ihre Schürz­te ge­steckt hat­te, um ihn nä­her zu be­trach­ten. Es war ein Schrei­ben von ei­nem La­bor aus Wien. Ver­mut­lich ging es wie­der ein­mal um eine Bo­den­pro­be. Seit Lo­renz auf Bio um­ge­stellt hat­te, schick­te er ver­mehrt al­ler­lei Pro­ben ein. Acht­los leg­te sie den Brief auf die Kre­denz zur Ta­ges­zei­tung, da­mit Lo­renz ihn dort fin­den wür­de, und mach­te sich dar­an, die Kü­che sau­ber zu ma­chen.

– 5 –

Als der An­ruf zu In­spek­tor Quen­tin Neu­ner durch­ge­stellt wur­de, wa­ren er und sei­ne As­sis­ten­tin Cha­r­lie Ren­ner ge­ra­de da­bei, die lie­gen ge­blie­be­nen Schreib­a­r­bei­ten zu ih­ren letz­ten Fäl­len zu er­le­di­gen.

»Neu­ner«, brumm­te Quen­tin wie im­mer, wenn er bei der Ar­beit ge­stört wur­de, grum­me­lig ins Te­le­fon.

Er hör­te et­was und dann nur noch ein Knack­sen in der Lei­tung und sie brach ab. Es klang, als ob der An­ru­fer von ei­ner Bau­stel­le aus te­le­fo­nier­te. Er­neut klin­gel­te es, und die­ses Mal ver­nahm Quen­tin eine kaum hör­ba­re Män­ner­stim­me.

»Wer ist dran? Kön­nen Sie Ih­ren Na­men wie­der­ho­len, ich höre Sie kaum«, brüll­te Quen­tin un­ge­dul­dig in den Hö­rer.

»Hier liegt ein To­ter, ein To­ter, hö­ren Sie mich?«, schrie der An­ru­fer hys­te­risch ins Te­le­fon, ohne sei­nen Na­men zu nen­nen.

»Al­les der Rei­he nach. Wer sind Sie?«

»Ich hei­ße Wer … Wer … Wer­ner Sim­mer«, stot­ter­te der Mann ins Te­le­fon.

»Gut, Herr Sim­mer, jetzt ganz ru­hig und der Rei­he nach. Wo sind Sie?«

»Bei den Sa­lz­ach­se­en, wir ha­ben hier eine Bau­stel­le, an der wir seit heu­te früh ar­bei­ten. Hier liegt, hier liegt … ein To­ter, hö­ren Sie! Ein To­ter! Eine Lei­che!« Sei­ne Stim­me über­schlug sich fast, als er die­sen letz­ten Satz ins Te­le­fon brüll­te.

»Blei­ben Sie ru­hig, Herr Sim­mer. Wo ge­nau sind Sie?«

Quen­tin hat­te das Ge­spräch auf Laut­spre­cher ge­stellt, da­mit Cha­r­lie al­les no­tie­ren konn­te. Mit sanf­ter Stim­me ver­such­te er, den An­ru­fer zu be­ru­hi­gen.

»Beim grö­ße­ren der Sa­lz­ach­se­en im hin­te­ren Be­reich. Wir müs­sen hier den See ent­schlam­men, und da ha­ben wir einen To­ten am Ufer ent­deckt. Einen To­ten! Bit­te, kom­men Sie! Schnell!«, schrie der Mann im­mer noch.

»Ha­ben Sie oder je­mand an­de­rer ihn an­ge­fasst?«

»Nein, ha­ben wir nicht. Wir sind nur zu zweit. Mein Kol­le­ge ist da­von­ge­lau­fen und hat sich über­ge­ben, und ich habe Sie an­ge­ru­fen.« Die Stim­me des Man­nes wur­de et­was ru­hi­ger.

»Sehr gut, Herr Sim­mer. Blei­ben Sie in der Nähe und fas­sen Sie den To­ten bit­te un­ter kei­nen Um­stän­den an. Der Au­en­gür­tel ist weit­läu­fig. Wo ge­nau fin­den wir Sie?«

»Am nörd­li­chen Zip­fel, im Wald, dort auf der Sa­lz­ach­sei­te. Wir sind mit dem Bag­ger erst über den Trep­pel­weg und dann auf dem Wan­der­weg hier­her ge­fah­ren. Den Trep­pel­weg ein­fach im­mer ge­ra­deaus bis zum ge­schot­ter­ten Weg. Da fah­ren Sie dann am Lie­fe­rin­ger Fisch­teich ent­lang, bis der gro­ße See kommt. Fol­gen Sie ein­fach dem Weg, im­mer am Ufer ent­lang wei­ter, und am Ende bei der Bie­gung wer­den Sie un­se­ren Sumpf­bag­ger ste­hen se­hen.«

»Gut, wir sind gleich bei Ih­nen, Herr Sim­mer, dan­ke für den An­ruf.«

Cha­r­lie, die al­les no­tiert hat­te, war auf­ge­sprun­gen. Quen­tin griff nach sei­nem Ak­ten­kof­fer, der im­mer am Bo­den ne­ben sei­nem Schreib­tisch be­reit­stand, und schnapp­te sich sei­ne Wind­ja­cke. »Auf zum Sa­lz­ach­see, Cha­r­lie.«

Wäh­rend die bei­den zum Auto in die Tief­ga­ra­ge lie­fen, rief Cha­r­lie Ren­ner Fre­de­rick Mann von der Spu­ren­si­che­rung und Quen­tin die Ge­richts­me­di­zi­ne­rin Ka­ta­ri­na von Weid an. Vom Auto aus te­le­fo­nier­te der In­spek­tor dann auch noch mit dem Staats­an­walt Dok­tor Lu­kas Stei­ner, sei­nem bes­ten Freund. Ohne ihn zu be­grü­ßen, schoss er gleich los: »Lu­kas, wir ha­ben einen Lei­chen­fund.«

»Dir auch einen schö­nen gu­ten Mor­gen, Quen­tin. Und das auf nüch­ter­nen Ma­gen. Wo ge­nau?«

»Am Sa­lz­ach­see. Nord­öst­li­ches Ufer. Kannst du kom­men?«

»Ja, ich bin gleich da. Habt ihr die an­de­ren schon in­for­miert?«

»Si­cher, es sind schon alle auf dem Weg.«

»Gut, ich fahr auch gleich los.«

»Dan­ke, Lu­kas, bis dann.« Ohne ab­zu­war­ten, ob sein Freund ihn noch et­was fra­gen woll­te, hat­te Quen­tin auf­ge­legt.

Der Früh­ver­kehr war um die­se Uhr­zeit dicht, aber mit Blau­licht ka­men die Er­mitt­ler trotz des star­ken Ver­kehrs­auf­kom­mens gut vor­an.

»Ich hof­fe, es ist kei­ne Was­ser­lei­che, die an­ge­spült wor­den ist«, mur­mel­te Cha­r­lie und kon­zen­trier­te sich dar­auf, den rich­ti­gen Weg ein­zu­schla­gen.

»Ich weiß, was du meinst. Die sind meist kein schö­ner An­blick und je nach­dem, wie lan­ge sie schon im Was­ser wa­ren, auch schwer zu iden­ti­fi­zie­ren.«

Cha­r­lie bog in den Au­en­gür­tel ein und hielt sich an die An­wei­sun­gen des An­ru­fers. Neu­ner sah den blau­en Sumpf­bag­ger als Ers­ter.

»Da, Cha­r­lie! Der Mann hat doch ge­sagt, dass sie den Teich ent­schlam­men woll­ten. Dort drü­ben, bei dem Bag­ger, da muss es sein.«

Cha­r­lie park­te di­rekt hin­ter dem Bau­fahr­zeug. Der In­spek­tor sprang so­fort aus dem Wa­gen und rief nach dem Bag­ger­fah­rer, als er aus dem Au­gen­win­kel be­merk­te, dass sich je­mand an der Lei­che zu schaf­fen mach­te.

»Hey, Sie da! Las­sen Sie so­fort Ihre Fin­ger von dem To­ten!«, brüll­te er laut­hals in Rich­tung des See­u­fers und lief, so schnell er konn­te, zum Fund­ort.

»Quen­tin, schrei doch nicht so. Ich bin es doch nur.«

Erst jetzt er­kann­te Quen­tin Neu­ner die Ge­richts­me­di­zi­ne­rin Ka­ta­ri­na von Weid.

»Ka­ta­ri­na, du? Ich hab kein Auto ge­se­hen. Wie bist du hier­her­ge­kom­men, und wo ist der Mann, der uns an­ge­ru­fen hat?« Quen­tin sah sich um, konn­te aber we­der ein Auto noch die bei­den Ar­bei­ter ent­de­cken.

»Mein Auto steht in der Hecht­stra­ße. Als ich dei­nen An­ruf be­kam, war ich ge­ra­de bei ei­ner Freun­din, die dort wohnt. Wir wa­ren heu­te Mor­gen jog­gen und ha­ben ge­ra­de ge­müt­lich ge­früh­stückt, als du mich an­ge­ru­fen hast. Da ich so­wie­so im­mer al­les im Auto habe, habe ich mei­ne Sa­chen ge­packt und bin so­fort auf di­rek­tem Weg hier­her mar­schiert. Hier ist man zu Fuß schnel­ler als mit dem Auto.«

Erst jetzt be­merk­te Quen­tin Neu­ner, dass Ka­ta­ri­na un­ter ih­rem trans­pa­ren­ten Schutz­an­zug tat­säch­lich Jog­ging­klei­dung trug. Er wuss­te, dass sie jogg­te, aber nicht, dass sie es hier tat.

»Ver­ste­he, aber wo ist Herr Sim­mer? Ich hat­te ihn doch ge­be­ten, hier­zu­blei­ben und auf mich zu war­ten.«

»Der sitzt dort hin­ten ir­gend­wo …«, Ka­ta­ri­na von Weid zeig­te hin­ter sich, »… auf ei­ner Bank und ver­sucht, sei­nen Kol­le­gen, der den Lei­chen­fund ge­macht hat, zu be­ru­hi­gen.«

Mitt­ler­wei­le war auch das Team der Spu­ren­si­che­rung mit vier Per­so­nen, die so­fort ihre Ar­beit auf­nah­men, an­ge­kom­men.

»Ich lass dich dann in Ruhe wei­ter­a­r­bei­ten, Ka­ta­ri­na.«

»Gut, Quen­tin.« Ka­ta­ri­na war kurz an­ge­bun­den, aber das war sie meis­tens, wenn sie be­reits zu ar­bei­ten be­gon­nen hat­te.

Quen­tin war er­leich­tert, dass Ka­ta­ri­na von Weid den To­ten un­ter­such­te. Von den drei Ge­richts­me­di­zi­nern, die sie am In­sti­tut hat­ten, ar­bei­te­te er am liebs­ten mit ihr. Und das nicht nur, weil er sich in die adret­te Ärz­tin ver­guckt hat­te. Er konn­te sich hun­dert­pro­zen­tig auf sie ver­las­sen. Er sah ihr noch kurz über die Schul­tern, als sie den Mann in Fi­scher­klei­dung um­dreh­te. Der Mann sah nicht aus, als ob er lan­ge im Was­ser ge­le­gen hät­te.

»Gott sei Dank kei­ne Was­ser­lei­che«, mur­mel­te Quen­tin, ehe er sich ab­wand­te und auf den Weg zu den bei­den Bag­ger­fah­rern mach­te, die be­reits von Cha­r­lie be­fragt wur­den.

»Gu­ten Mor­gen, die Her­ren.«

»Na, was dar­an gut sein soll, weiß ich nicht«, brumm­te ei­ner von ih­nen. Quen­tin er­kann­te an der Stim­me, dass das der Mann war, der ihn an­ge­ru­fen hat­te.

»Herr Sim­mer?«

»Ja.« Der äl­te­re der bei­den Män­ner war auf­ge­stan­den, um den In­spek­tor zu be­grü­ßen.

»Wann ha­ben Sie den Fi­scher ge­fun­den?«

»Wir sind so ge­gen sie­ben Uhr drei­ßig hier an­ge­kom­men und ha­ben un­se­re Sa­chen aus­ge­packt. Sie müs­sen wis­sen, wir ha­ben den Auf­trag, hier Vor­be­rei­tun­gen für eine Ent­schlam­mung zu tref­fen. Ge­ra­de als wir die Ab­sper­run­gen auf­stel­len woll­ten, hat Bernd auf ein­mal wie am Spieß ge­schri­en, weil er fast über die Lei­che ge­stol­pert wäre.«

»Bernd? Ist das Ihr Kol­le­ge?«

»Ja, Bernd Rei­ter. Er ist, wie ge­sagt, fast über den dort lie­gen­den Mann ge­stol­pert. Wir ha­ben nur ge­se­hen, dass er mit dem Kopf im Was­ser lag. Er hat sich nicht mehr be­wegt und auch nicht ge­at­met, da wuss­ten wir, dass er mau­se­tot war. Bernd ist wie von der Ta­ran­tel ge­sto­chen da­von­ge­stürzt und hat sich über­ge­ben. Er ist halt noch sehr jung und hat noch nie einen To­ten ge­se­hen.«

»Ja, das sehe ich. Was ha­ben Sie ge­macht?«

»Ich bin zum Bag­ger zu­rück­ge­lau­fen und habe so­fort die Po­li­zei, also Sie, an­ge­ru­fen.«

»Gut, Herr Sim­mer, ich wür­de Sie bit­ten, jetzt den Ort hier zu ver­las­sen. Da Sie aber mit der Lei­che in Kon­takt ge­kom­men sind, brau­chen wir von Ih­nen und auch von Ih­rem Kol­le­gen noch Fin­ger­ab­drü­cke und auch die Schu­h­ab­drü­cke.«

»Schu­h­ab­drü­cke? Wozu brau­chen Sie die denn?«

»Sie se­hen ja, dass es hier im Erd­reich sehr vie­le da­von gibt. Wir brau­chen Ihre, da­mit wir Sie iden­ti­fi­zie­ren und aus­schlie­ßen kön­nen. Bit­te kom­men Sie heu­te Nach­mit­tag oder spä­tes­tens mor­gen früh ins Po­li­zei­prä­si­di­um. Dort wer­den die Ab­drü­cke ge­nom­men und Ihre Aus­sa­gen noch ein­mal pro­to­kol­liert.«

»Das geht nicht! Un­ser Chef ras­tet to­tal aus, wenn wir un­se­re Ar­beit hier nicht ma­chen. Wir ha­ben Ter­mi­ne ein­zu­hal­ten. Ver­ste­hen Sie, In­spek­tor?«

»Ma­chen Sie sich kei­ne Sor­gen. Mei­ne Kol­le­gin wird Ih­ren Chef an­ru­fen und ihm al­les er­klä­ren. Fah­ren Sie ein­fach in Ihre Fir­ma zu­rück. Viel­leicht gibt es ja noch eine an­de­re Bau­stel­le für Sie. Hier ist auf je­den Fall für heu­te Schluss. Es läuft eine po­li­zei­li­che Er­mitt­lung, und es wird so oder so al­les von uns ab­ge­sperrt. Sie wer­den mit sehr gro­ßer Wahr­schein­lich­keit auch in den nächs­ten Ta­gen hier nicht ar­bei­ten kön­nen.«

»Quen­tin!« Fre­de­rick Mann von der Spu­ren­si­che­rung wink­te ihm zu sich.

»Fre­de­rick, wie geht es dir? Hast du was für mich?«

»Dan­ke, gut. Wir ha­ben noch nichts wirk­lich Ver­wert­ba­res ge­fun­den. Es gibt vie­le, so­gar sehr vie­le Fuß­ab­drü­cke, fast schon zu vie­le. Wir wer­den dem An­schein nach nicht wirk­lich viel mit den Ab­drü­cken an­fan­gen kön­nen. Das ein­zi­ge viel­leicht Ver­wert­ba­re sind meh­re­re klei­ne Schleif­spu­ren, die wir un­weit vom Fund­ort ge­fun­den ha­ben. Mei­ne Kol­le­gen über­prü­fen ge­ra­de, ob sie zu un­se­rer Lei­che pas­sen. Ka­ta­ri­na hat mich ge­be­ten, dich zu ru­fen, sie woll­te dich noch ein­mal spre­chen, be­vor sie geht.«

»Gut, ich geh gleich mal rü­ber zu ihr. Dan­ke, Fre­de­rick.« Quen­tin sah, dass die adret­te Ge­richts­me­di­zi­ne­rin ih­ren Schutz­an­zug be­reits aus­ge­zo­gen hat­te. Of­fen­sicht­lich war sie mit ih­rer Er­st­un­ter­su­chung fer­tig. Als sie Quen­tin auf sich zu­kom­men sah, lä­chel­te sie ihn an und kam ihm ent­ge­gen.

»Ka­ta­ri­na, du bist schon fer­tig?«

»Ja, für den Mo­ment. Ich habe aber lei­der nicht viel für dich. Der Tote hat­te kei­ne Do­ku­men­te bei sich, also wis­sen wir nicht ein­mal, wie der Mann heißt. Vom Al­ter her schät­ze ich ihn auf Mit­te, viel­leicht Ende fünf­zig. Die gute Nach­richt ist, dass es sich nicht um eine Was­ser­lei­che han­delt. Der Mann dürf­te ges­tern so zwi­schen zwan­zig und zwei­und­zwan­zig Uhr ge­tö­tet wor­den sein.«

»Konn­test du die To­des­ur­sa­che schon aus­ma­chen?«

»Ja und nein. Er sta­rb durch Suf­fo­ka­ti­on.«

»Er ist er­stickt?«

»Ja, er wur­de er­würgt oder er­dros­selt. Da er ein Shirt mit ho­hem Kra­gen un­ter sei­nem hoch­ge­schlos­se­nen Fi­scher­an­zug an­hat, konn­te ich noch kei­ne ein­deu­ti­gen Dros­sel­mar­ken aus­ma­chen. Ge­nau­e­res kann ich dir da­her erst nach der Ob­duk­ti­on sa­gen.«

»Bist du dir si­cher, dass er nicht er­trun­ken ist?«

»Ja, da­von gehe ich aus.«

»Was meinst du, Ka­ta­ri­na, könn­te ein Kampf zwi­schen Op­fer und Tä­ter statt­ge­fun­den ha­ben, bei dem sich der Mann, wäh­rend der Tä­ter ihn würg­te, so hef­tig ge­wehrt hat, dass er des­halb mit dem Kopf un­ter Was­ser ge­drückt wur­de, bis er letzt­end­lich er­trank?«

»Wäre eine Va­ri­a­n­te, ob­wohl ich die so gut wie aus­schlie­ßen kann.«

»Wie­so?«

»Wir müs­sen erst alle Spu­ren si­chern, vor al­lem die am Fi­scher­an­zug, um über­haupt fest­zu­stel­len, ob es einen Kampf ge­ge­ben hat. Der An­zug, den das Op­fer an­hat, ist aus Po­ly­u­re­than, also ex­trem ro­bust. Er ist reiß­fest, und man kann mit blo­ßem Auge auch kei­ne Krat­zer oder an­de­re Spu­ren dar­auf er­ken­nen.«

»Du gehst also da­von aus, dass er sich nicht ge­wehrt hat?«

»Er hat sich mit Si­cher­heit ge­wehrt. Es könn­te im Vor­feld auch durch­aus einen Kampf ge­ge­ben ha­ben. Aber, wie ge­sagt, Ge­nau­e­res erst, nach­dem ich ihn auf dem Tisch hat­te. Ich kann dir aber ei­nes ver­si­chern, sein Ge­sicht ist nicht un­ter Was­ser ge­drückt wor­den.«

»War­um bist du dir da so si­cher.«

»Ich habe auf sei­nen Zäh­nen Blut ge­fun­den.«

»Auf sei­nen Zäh­nen?«

»Ja. Das kann jetzt Blut von ei­nem Biss sein oder aber sein ei­ge­nes. Das wird sich erst bei der Ob­duk­ti­on klä­ren. Nur ei­nes ist de­fi­ni­tiv si­cher, die­se Blut­spu­ren wä­ren nicht mehr vor­han­den, wenn sein Ge­sicht un­ter Was­ser ge­drückt wor­den wäre.«

»Macht Sinn. Es könn­te also even­tu­ell sein, dass er den Tä­ter ge­bis­sen hat?«

»Mög­lich wär es. Aber, wie ge­sagt, ich muss das Blut erst ge­nau­er un­ter­su­chen.«

»Sonst noch et­was, das mich wei­ter­brin­gen könn­te?«

Ka­ta­ri­na schüt­tel­te den Kopf. »Im Mo­ment noch nicht, Quen­tin. Wie ge­sagt, ich muss un­ser Op­fer erst ge­nau un­ter­su­chen. Ob uns sein Fi­scher­an­zug ver­wert­ba­re Spu­ren lie­fern wird, sei da­hin­ge­stellt. Wenn du nichts da­ge­gen hast, las­se ich das Op­fer jetzt in die Ge­richts­me­di­zin brin­gen, da­mit wir so schnell wie mög­lich mehr über die­sen ar­men Teu­fel her­aus­fin­den kön­nen.«

»Nein, na­tür­lich nicht. Rufst du mich an, so­bald du nä­he­re In­fos hast?«

»Si­cher, wie im­mer, Quen­tin.« Ka­ta­ri­na lä­chel­te ihm zu, pack­te ih­ren Arzt­kof­fer und mach­te sich auf den Weg.

Quen­tin Neu­ner sah ihr noch kurz nach, ehe er zu Cha­r­lie zu­rück­kehr­te.

»Wie sieht es hier aus? Konn­test du noch et­was in Er­fah­rung brin­gen?«, frag­te er sei­ne As­sis­ten­tin neu­gie­rig.

»Nein, nicht wirk­lich. Es gibt zwar ei­ni­ge klei­ne­re Schleif­spu­ren, aber die müs­sen erst noch aus­ge­wer­tet wer­den. Scheint, als hät­te der Tä­ter das Op­fer hier er­mor­det, dann ge­dreht und Rich­tung See ge­zo­gen. Wir ha­ben auch die Spu­ren rund­her­um ge­si­chert und al­les ab­ge­sucht, aber auch im Ge­büsch kei­ne Do­ku­men­te, kei­ne An­gel oder Sons­ti­ges ge­fun­den.«

»Wir müs­sen un­be­dingt her­aus­fin­den, wer der Tote ist, Cha­r­lie. Komm, wir fah­ren zu­rück ins Prä­si­di­um, viel­leicht gibt es ja eine Ver­miss­ten­mel­dung, die auf un­se­ren To­ten passt.«

Ge­ra­de als die Er­mitt­ler in ihr Auto stei­gen woll­ten, tauch­te der Staats­an­walt, au­ßer Atem auf.

»Quen­tin! Cha­r­lie! Gut, dass ich euch noch an­tref­fe. Sor­ry für die Ver­spä­tung, ich wur­de noch auf­ge­hal­ten.«

»Kein Pro­blem, Lu­kas. Die Lei­che wird ge­ra­de in die Ge­richts­me­di­zin ge­bracht. Au­ßer, dass es sich um einen Mann han­delt, der in den Fünf­zi­gern sein dürf­te, wis­sen wir nichts. Die Spu­ren­si­che­rung ar­bei­tet noch. Es gibt ei­ni­ge dif­fu­se Schleif­spu­ren, aber sonst ha­ben wir noch nichts, was uns wei­ter­hel­fen könn­te.«

»War es eine Was­ser­lei­che?«

»Nein, Gott sei Dank nicht. Es war ein Fi­scher, zu­min­dest war er so ge­klei­det.«

»Die To­des­ur­sa­che habt ihr ver­mut­lich auch noch nicht, oder?«

»Ka­ta­ri­na von Weid nimmt an, dass er er­würgt wor­den ist«, warf Cha­r­lie ein, »aber sie ist sich noch nicht si­cher. Das Op­fer muss in der Nacht zwi­schen zwan­zig und zwei­und­zwan­zig Uhr er­mor­det wor­den sein.«

»Dan­ke für die In­for­ma­ti­o­nen. Ich geh mal rü­ber zur Spu­ren­si­che­rung. Wir se­hen uns dann spä­ter.«

– 6 –

Mar­ga­re­the Aig­ner wur­de zu­neh­mend un­ge­dul­di­ger. Schließ­lich war es schon spä­ter Nach­mit­tag, und Lo­renz war noch im­mer nicht auf­ge­taucht. So lan­ge war er noch nie weg­ge­blie­ben. Lang­sam be­gann sie sich rich­tig Sor­gen zu ma­chen.

»Ma­r­lon! Ma­r­lon, wo zum Teu­fel steckst du?« Mar­ga­re­the, die auf den Hof hin­aus­ge­stürmt war, rief nach ih­rem Mit­a­r­bei­ter. Ma­r­lon kam gut ge­launt mit öl­ver­schmier­ten Hän­den und Öl­fle­cken im Ge­sicht aus der Ga­ra­ge ge­rannt.

»Wo brennt’s denn? Ich habe ge­ra­de das Öl am Trak­tor ge­wech­selt. Das hat mir der Bau­er ges­tern schon auf­ge­tra­gen. Ich bin nur noch nicht …« Mar­ga­re­the un­ter­brach ihn mit schrof­fer Stim­me.

»Ja, ja schon gut. Hat sich der Bau­er bei dir ge­mel­det?«

»Nein, wie­so?«

»Weil er noch nicht wie­der vom Fi­schen zu­rück ist. Ma­r­lon, du musst so­fort et­was für mich er­le­di­gen.«

»Jetzt gleich?«

»Ja, jetzt gleich.« Mar­ga­re­the wur­de all­mäh­lich wü­tend.

»Gut, ich muss mich nur kurz wa­schen und um­zie­hen. Ich kann mich ja nicht so auf den Weg ma­chen, oder?« Ma­r­lon sah sei­ner Chefin tief in die Au­gen. Er hat­te Mar­ga­re­the noch nie so harsch und gleich­zei­tig so sor­gen­voll er­lebt.

»Wie du ja schon sel­ber be­merkt hast, ist der Bau­er von sei­ner Tour noch nicht wie­der auf­ge­taucht. Ich möch­te, dass du erst zu sei­nen Lieb­lings­plät­zen am See gehst, und falls er nicht dort sein soll­te, dann geh in sein Stamm­lo­kal und höre dich dis­kret um, ob er ges­tern beim Stamm­tisch war oder ob je­mand weiß, wo er sein könn­te.«

»Mach ich gleich, ich zieh mich nur kurz um.« Ma­r­lon grins­te sei­ne Chefin schel­misch an. »Was hab ich ei­gent­lich da­von?«, frag­te er sie ne­ckisch.

Mar­ga­re­the, die sich be­reits ab­ge­wandt hat­te, igno­rier­te sei­ne letz­te Fra­ge und stapf­te ins Haus zu­rück. Im Gang lief ihr Tim über den Weg.

»Was ist los, Mama, du siehst so blass und be­sorgt aus?«

»Dein Va­ter ist von sei­ner gest­ri­gen Sauf­tour noch nicht zu­rück, und ich ma­che mir lang­sam Sor­gen. Er müss­te schon längst wie­der hier sein.«

»Ach, an dei­ner Stel­le wür­de ich mir kei­ne all­zu gro­ßen Ge­dan­ken ma­chen, der ist ent­we­der noch mit sei­nen Kum­pels am See oder sonst wo ver­sumpft.«

»Das glaub ich nicht, Tim. Nor­ma­le­r­wei­se kommt er spä­tes­tens am Vor­mit­tag von sei­nen Sauf­ge­la­gen re­tour, und au­ßer­dem wür­de er von sei­nem Hof nie so lan­ge weg­blei­ben, ohne zu­min­dest ei­nem von uns Be­scheid zu sa­gen.«

»Hast du ihn schon an­ge­ru­fen?«

»Nein, vor lau­ter Hek­tik habe ich gar nicht ein­mal dar­an ge­dacht. Ich ver­such das gleich mal.«

Mar­ga­re­the nahm ihr Han­dy und wähl­te die Num­mer ih­res Man­nes. Ein lei­ses Klin­geln er­tön­te im Haus. Sie ging dem Ton nach und fand das Han­dy in ei­ner Trach­ten­ja­cke, die im Flur an der Gar­de­ro­be hing.

»Dein Va­ter hat of­fen­sicht­lich sein Han­dy nicht mit­ge­nom­men.« Wü­tend be­gab sie sich, dicht ge­folgt von ih­rem Sohn, in die Kü­che.

»Ich ver­steh das nicht, er kann doch hier nicht al­les lie­gen und ste­hen las­sen nur we­gen die­ser ver­damm­ten An­ge­lei!«

»Du kennst ihn doch. Er ist halt, wie er ist. Beim Fi­schen ver­gisst er al­les um sich her­um.« Tim setz­te sich an den ge­müt­li­chen Kü­chen­tisch, der be­reits für das Abend­es­sen ge­deckt war. Sei­ne Mut­ter nahm ne­ben ihm Platz und be­rühr­te sei­nen Arm. Tim zuck­te mit schmerz­ver­zerr­tem Ge­sicht zu­rück.

»Was hast du?«, frag­te Mar­ga­re­the er­schro­cken.

»Nichts, was soll ich ha­ben?«

Sie nahm den Arm ih­res Soh­nes und schob sei­nen Pull­over zu­rück. »Du bist ja ver­letzt?«

»Halb so wild.« Tim war es sicht­lich pein­lich, dass sei­ne Mut­ter die Wun­de ent­deckt hat­te. Er spiel­te den Schmerz her­un­ter und schob den Är­mel des Pull­overs schnell wie­der nach un­ten.

»Es ist nichts. Ver­giss es ein­fach.«

Aber Mar­ga­re­the ließ sich nicht be­ir­ren, nahm er­neut den Arm ih­res Soh­nes und sah sich die Wun­de nä­her an. »Das ist doch eine Biss­wun­de! Wo hast du dir denn die zu­ge­zo­gen?«

»Ich war ges­tern Abend doch aus, und am Nach­hau­se­weg hat mich ein klei­ner streu­nen­der Hund an­ge­fal­len.«

»Ein Hund? Hast du das ge­mel­det? Es kann doch nicht sein, dass streu­nen­de Hun­de mit­ten in der Stadt Pas­san­ten an­fal­len.«

»Ach, Mama, ver­giss es ein­fach. Ich zei­ge die­se Lap­pa­lie si­cher nicht an, ich mach mich doch nicht lä­cher­lich.«

»Musst du wis­sen. Lass mich aber we­nigs­tens die Wun­de or­dent­lich ver­sor­gen. Du willst dir doch kei­ne In­fek­ti­on ho­len. Das kann ge­fähr­lich wer­den.« Mar­ga­re­the, die kei­ne Wi­der­re­de dul­de­te, hol­te den Ver­bands­kas­ten, der in der Spei­se­kam­mer ne­ben der Kü­che hing, und ver­sorg­te die Ver­let­zung. Nach­dem Mar­ga­re­the die Wun­de or­dent­lich ge­rei­nigt und des­in­fi­ziert hat­te, leg­te sie einen Ver­band an. Ge­ra­de als sie fer­tig war, platz­te Ma­r­lon in die Bau­ern­kü­che.

»Ich hab ihn nicht ge­fun­den. Er war nicht am See, und im Wirts­haus hat ihn auch nie­mand ge­se­hen. Ges­tern nicht und heu­te auch nicht und über­haupt schon län­ger nicht«, prus­te­te er au­ßer Atem. »Ir­gend­was stimmt da nicht. Der Bau­er wür­de nie so lang vom Hof weg­blei­ben, ohne uns was zu sa­gen.«

»Dan­ke, Ma­r­lon, kannst wie­der an dei­ne Ar­beit ge­hen. Abend­es­sen gibt es erst in ei­ner Stun­de.« Mar­ga­re­the ver­stau­te das Ver­bands­zeug. Sie konn­te es ein­fach nicht fas­sen. Wo war ihr Mann nur? Die schlim­me Ah­nung, dass ihm et­was pas­siert sein muss­te, brei­te­te sich im­mer wei­ter in ihr aus.

»Was meinst du, Tim, sol­len wir die Po­li­zei an­ru­fen und ihn su­chen las­sen?«

»Nein, das macht we­nig Sinn. Die wür­den ihn so­wie­so noch nicht su­chen. Dazu ist er noch nicht lan­ge ge­nug weg. Au­ßer­dem, du kennst ihn doch, der ist si­cher ir­gend­wo ver­sackt und taucht in den nächs­ten Stun­den wie­der auf«, ver­such­te Tim, sei­ne Mut­ter zu be­ru­hi­gen. Ins­ge­heim je­doch ver­fluch­te er sei­nen Va­ter, der ohne jeg­li­che Rück­sicht im­mer nur das mach­te, was ihm ge­fiel.

»Es sind doch jetzt schon fast vier­und­zwan­zig Stun­den. So lan­ge war er noch nie weg. Ich rufe jetzt alle sei­ne Freun­de an. Viel­leicht hat ihn ja doch je­mand ge­se­hen oder weiß, wo er sein könn­te. Hilfst du mir?«

»Ja, si­cher. Du über­nimmst die Freun­de, ich die Kran­ken­häu­ser in der Um­ge­bung. Wenn wir ihn dann wirk­lich nir­gend­wo fin­den und er in den nächs­ten Stun­den nicht wie­der auf­taucht, kannst du mor­gen gleich in der Früh eine Ver­miss­te­n­an­zei­ge bei der Po­li­zei auf­ge­ben.«

»Dan­ke, Tim.«

– 7 –

Quen­tin sah auf sei­ne Arm­band­uhr. Der Tag war wirk­lich schnell ver­gan­gen. Nach dem Lei­chen­fund hat­ten Cha­r­lie und er noch ei­ni­ge Fi­scher, die am See­u­fer ihre Zel­te auf­ge­schla­gen hat­ten, be­fragt. Kei­ner konn­te das Op­fer iden­ti­fi­zie­ren. Ent­we­der war der Mann nicht aus der Ge­gend, oder aber er war nicht be­liebt und pfleg­te am See kei­ne so­zi­a­len Kon­tak­te. Es klopf­te am Tür­stock der of­fe­nen Bü­ro­tür. Quen­tin blick­te auf.

»Lu­kas, komm her­ein, setz dich.«

»Ich habe ge­ra­de eine Akte ge­holt, die ich für einen Pro­zess brau­che, und dach­te mir, ich sehe mal nach euch. Wo ist denn Cha­r­lie?«

»Cha­r­lie ist bei der Spu­ren­si­che­rung, um her­aus­zu­fin­den, ob sie nicht doch noch et­was Ver­wert­ba­res ge­fun­den ha­ben. Sie soll­te je­den Mo­ment zu­rück sein. War­um fragst du?«

»Nur so. Sie ist doch sonst im­mer in dei­ner Nähe.«

»Nur so, dass ich nicht la­che. Gib es doch ein­fach zu, Lu­kas, du hast dich in mei­ne quir­li­ge As­sis­ten­tin ver­knallt. Ich kenn dich doch.« Quen­tin war auf­ge­stan­den, um das Fens­ter zu schlie­ßen. Es war mitt­ler­wei­le ziem­lich kühl ge­wor­den. Die Herbst­tem­pe­ra­tu­ren mach­ten sich auch in sei­nem Büro breit.

»Hal­lo, die Her­ren«, tön­te Cha­r­lies fröh­li­che Stim­me hin­ter Lu­kas, der höchst er­freut war, sie zu se­hen.

»Cha­r­lie, komm nur her­ein. Hast du was für uns?«

»Lei­der nein. Es gibt eine Ton­ne Spu­ren. Fuß­ab­drü­cke, Rei­fen­spu­ren von Fahr­rä­dern und so­gar ver­ein­zel­te Au­to­spu­ren. Es wur­de we­der eine Schnur noch eine An­gel ge­fun­den.«

»Gut, Cha­r­lie, schreib ein­fach al­les in ei­nem kur­z­en Be­richt zu­sam­men, und dann kannst du Fei­er­abend ma­chen. Heu­te kom­men wir so oder so in die­sem Fall nicht wei­ter.«

»Mach ich, Quen­tin. Bis mor­gen.«

»Mo­ment.« Lu­kas hielt sie sanft am Arm zu­rück. »Im Whis­key Mu­se­um gibt es heu­te Live-Mu­sik, ein jun­ger iri­scher Mu­si­ker wird ein klei­nes Kon­zert ge­ben. Habt ihr nicht Lust mit­zu­kom­men?«

Cha­r­lie war so­fort Feu­er und Flam­me. »Ich habe schon so viel von die­ser neu­en Bar ge­hört. Vor al­lem die Ein­rich­tung und das Am­bi­en­te sol­len ein­zig­ar­tig sein. Wenn ich rich­tig in­for­miert bin, ist der Be­sit­zer Ire, oder?«

»Ge­nau. Die Mö­bel der Bar er­zäh­len an­geb­lich eine ei­ge­ne Ge­schich­te. Der Be­sit­zer soll auch alte aus­ge­mus­ter­te Kla­vie­re in­te­griert ha­ben, die er ir­gend­wie um­funk­tio­niert hat. Ei­nes ha­ben sie, das noch be­spiel­bar sein soll. Mehr weiß ich auch nicht, Cha­r­lie. Ich war sel­ber auch noch nicht dort.«

»Ich bin auf je­den Fall da­bei, ich muss nur schnell den Be­richt schrei­ben.«

»Quen­tin, was ist mit dir? Kommst du auch mit?«

»Heu­te nicht, seid mir nicht böse, aber ich bin nicht in Whis­key-Lau­ne.« Quen­tin hat­te ab­sicht­lich ab­ge­sagt. Er woll­te sei­nem Freund die Ge­le­gen­heit zu ei­nem un­ver­hoff­ten Date er­mög­li­chen.

»Okay, auch gut. Dann hole ich dich so in ei­ner hal­b­en Stun­de in dei­nem Büro ab, Cha­r­lie. Ist das in Ord­nung für dich?« Lu­kas, der sei­nen Freund durch­schaut hat­te, grins­te breit.

Cha­r­lie wur­de rot. Sie hat­te nicht da­mit ge­rech­net, dass ihr Chef sich so eine Ge­le­gen­heit ent­ge­hen las­sen wür­de. Quen­tin war doch sonst auch kei­ne Spaß­brem­se.

»Ja, ja, si­cher …«, stot­ter­te sie, »… ich be­ei­le mich.«

»Du schul­dest mir bei Ge­le­gen­heit ein Bier, Lu­kas«, be­merk­te Quen­tin tro­cken, als Cha­r­lie den Raum ver­las­sen hat­te.

»Ich weiß dein Op­fer zu schät­zen und wer­de mich be­mü­hen, ein wah­rer Gent­le­man zu sein«, lach­te Lu­kas. »Soll ich dir viel­leicht einen Whis­key mit­brin­gen?«

»Dan­ke, aber nein. Ein Bier ist mir, ehr­lich ge­sagt, lie­ber.«

– 8 –

»Quen­tin, darf ich?«

»Gu­ten Mor­gen, Cha­r­lie, komm nur her­ein. Wie war es ges­tern?«

»Ein­fach nur ge­ni­al. Der Mu­si­ker hat­te es wirk­lich drauf, und die Bar ist ein Traum, Quen­tin. Du hast wirk­lich et­was ver­passt«, er­zähl­te Cha­r­lie ganz eu­pho­risch.

»Freut mich, das nächs­te Mal kom­me ich mit, na­tür­lich nur, wenn Lu­kas und du mich da­bei­ha­ben wollt.

---ENDE DER LESEPROBE---