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Ein Toter am Salzachsee und keine verwertbaren Spuren. Was ist hier passiert? Wer ist der unbekannte Fischer? Ist der Mann im Suff ertrunken oder wurde er ermordet? Auch das noch! Als Margarethe Aigner ihren Mann Lorenz als vermisst meldet, entpuppt sich der Unbekannte als angesehener Großgrundbesitzer und Freund des Bürgermeisters. Quentin Neuner und sein Team haben alle Hände voll zu tun. Wie es scheint, hatten jede Menge Leute gute Gründe Lorenz Aigner aus dem Weg zu räumen. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, als es einen zweiten Mord gibt. Als auch noch Tim, der Sohn des Toten spurlos verschwindet, stehen die Ermittler vor einem Rätsel. Wurde Tim Aigner entführt? Oder ist er abgetaucht? Hat er etwas mit dem Mord an seinem Vater zu tun? Oder hat es hier jemand auf Familie Aigner abgesehen? Und wenn ja, warum?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Marie Anders wurde in Kirchdorf an der Krems, Oberösterreich, geboren. Sie ist in einem internationalen Umfeld mehrsprachig aufgewachsen und hat unter anderem in den Vereinigten Staaten, Serbien, Russland und Frankreich gelebt, studiert und gearbeitet. Seit Kurzem lebt und arbeitet sie wieder in ihrer österreichischen Heimat.
Weitere lieferbare Titel
Pralinen des Todes – Inspektor Neuners erster Fall
Die finnische Socke – Inspektor Neuners zweiter Fall
Mord im Dos Santos – Inspektor Neuners vierter Fall
Marie Anders
Tod im grünen Klee
Kriminalroman
Der dritte Fall für Inspektor Neuner
BRINKLEY
Tod im grünen KleeErstausgabe bei: Verlag Federfrei 2019(unter ISBN 978-3-99074-072-9) Überarbeitete Version erschienen bei:BRINKLEY Verlag 2021
© Marie Anders
Ohne schriftliche Genehmigung des Herausgebers darf kein Teil dieser Publikation in irgendeiner Form vervielfältigt, übertragen oder gespeichert werden.Alle Rechte vorbehalten.
Sowohl die im Buch vorkommenden Personen als auch die Handlungen sind von der Autorin frei erfunden. Namen und Ähnlichkeiten mit Personen oder tatsächlichen Handlungen sind zufällig und nicht gewollt.
Satz: Constanze Kramer, coverboutique.deLektorat: S. Sussman© Umschlaggestaltung: BRINKLEY / Magali Torresunter Verwendung von: pixabay.com und pexels.com
Gedruckt und gebunden von: SKALA PRINT
ISBN 978-3-903392-01-4
www.brinkley-verlag.at
Tod im grünen Klee
Der dritte Fall für Inspektor Neuner
»Kein Tier ist wilder als der Mensch,wenn sich Leidenschaft und Macht einen.«
Plutarch von Chäronea
»Gretti, Greeetttiiii, verdammt noch eins, Greeetttiiiiiii!!!«
»Lorenz, bist du des Wahnsinns, warum plärrst denn so durch die Gegend«, keifte Margarethe Aigner, die das Küchenfenster sperrangelweit geöffnet hatte. Sie funkelte ihren Mann, der im Hof vor dem Fenster stand und wie am Spieß nach ihr schrie, böse an. »Denk doch einmal an unsere Pensionsgäste, was sollen die denn von uns denken?«
»Was gehen mich deine Gäste an? Scheißegal, was die denken oder auch nicht. Wo zum Teufel sind meine Gummistiefel und mein Thermoanzug? Ich will fischen gehen, und zwar jetzt!«, brüllte Lorenz Aigner weiter, ganz so, als hinge sein Leben davon ab. Mit feuerrotem Gesicht, die Hände in die Hüften gestemmt, stand er tobend im Hof. »Wird’s bald, oder soll ich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hier warten?«
»Du bist wohl nicht ganz bei Trost?!« Margarethe war mit den Gummistiefeln ihres Mannes in der Hand herausgekommen und schleuderte sie ihm schwungvoll vor die Füße. »Da, du Schreihals! Da hast du deine verdammten Stiefel, die übrigens ICH geputzt habe! Den Anzug findest in deiner Fischerhütte, dort, wo du ihn vorgestern auch ausgezogen hast«, fauchte sie ihn giftig an.
»Geht doch!« Knurrig, ohne Margarethe eines Blickes zu würdigen, nahm Lorenz Aigner die Gummistiefel und schlug den Weg in Richtung Hütte ein.
»Wann kommst du denn wieder, du Grantscherbn?«, rief ihm Margarethe noch nach. Doch ihr Mann machte nur eine abfällige Handbewegung, ohne zu antworten. Margarethe schüttelte den Kopf, ehe sie murmelnd im Haus verschwand.
Margarethe und Lorenz Aigner kannten sich schon aus der Schulzeit. Als Jugendliche waren sie sich spinnefeind. Ihre Eltern hatten es sich aber damals in den Kopf gesetzt, dass die beiden unbedingt heiraten mussten. Immerhin galt es, zwei große Nachbarhöfe am Stadtrand von Salzburg zu vereinen. Margarethe und Lorenz hatten sich, wenn auch widerwillig, den Plänen ihrer Eltern gebeugt, um nicht gänzlich enterbt zu werden. Mittlerweile waren sie bereits eine halbe Ewigkeit verheiratet. Anfangs hatte die Ehe noch funktioniert, sie hatten sich arrangiert, und zeitweise waren sie sogar richtig glücklich miteinander. Nach außen hin ist man bis heute bemüht, den Schein der perfekten Familie zu wahren. Margarethe kümmerte sich liebevoll um den Bauernhof ihrer Eltern, den sie zu einer Frühstückspension umgebaut hatte. Die Pension Zum grünen Klee war wegen der Stadtnähe zu Salzburg bei Touristen sehr beliebt. Lorenz pflegte das restliche Anwesen, das unter seiner Führung eine beachtliche Größe erreicht hatte. Er liebte es, Großgrundbesitzer zu sein, und war voll in seinem Element. Überall war er ein hochgeschätzter und gern gesehener Gast. Alle aus der Umgebung kannten und respektierten ihn.
»Schei… Stiefel«, schimpfte Lorenz Aigner, nachdem er sich endlich in seinen engen Fischeranzug gezwängt hatte. »Warum die immer so eng sein müssen, diese verdammten Dinger, ist mir ein Rätsel«, knurrte er verärgert. Nachdem er es endlich geschafft hatte, sich auch seine gefütterten Stiefel über die Fischerhose zu ziehen, packte er seine Angel. Gerade als er den Kübel nehmen wollte, um in Richtung Salzachsee aufzubrechen, wurde die Tür zur Fischerhütte abrupt aufgerissen, und Lorenz erschrak fürchterlich.
»Willst mich wohl ins Grab bringen, du undankbares Geschöpf«, fauchte er seinen Sohn Tim, der zwischen Tür und Angel stand und ihm den Weg versperrte, gehässig an. »Was willst du? Sicher wieder Geld, oder?«, brüllte er lauthals.
»Bist doch sonst nicht so schreckhaft, Vater.« Der groß gewachsene Tim grinste ihn frech an.
»Zum letzten Mal, was willst du? Du siehst doch, ich hab es eilig.«
»Die Fische werden doch wohl noch ein paar Minuten warten können. Außerdem fängst du um diese Zeit sowieso keinen mehr. Bist unten am See bist, ist es finster.«
»Aber du, du fangst gleich eine«, grölte Lorenz und schwang seine Rechte in Richtung seines Sohnes.
Tim, der seinen Vater um einen Kopf überragte und ihm auch körperlich überlegen war, wich gekonnt zurück und lachte schallend auf. »Knapp daneben ist auch vorbei.«
»Wenn du nur da bist, um mich zu provozieren, dann passiert gleich was!«, schrie Lorenz seinen Sohn noch lauter an.
Tims Miene versteinerte sich schlagartig. Er kannte seinen cholerischen Vater und wusste, dass dieser es ernst meinte.
»Nein, ich will dich nicht provozieren, nur warnen. Ich hab dich gesehen.«
»Du hast mich gesehen, du hast mich gesehen …«, äffte sein Vater ihn nach, »… na und? Wo hast du mich denn gesehen?«
»In Anif, beim Friesacher, mit einer Frau. Und zwar in einer eindeutig zweideutigen Situation, die ich gerne der Mama erzählen werde, wenn …«
»Wenn was?«, unterbrach sein Vater ihn nun drohend. »Willst mich leicht erpressen? Ich glaub, ich spinn!«
»Tststs! Wer spricht denn von Erpressung? So ein unschönes Wort würde ich doch nie verwenden. Ich möchte dich nur bitten, mir eine Reise nach Australien zu finanzieren. Du willst mir doch sicherlich etwas Gutes tun, so als netter, liebevoller Vater, oder? Es sind bald Semesterferien, und ich habe als guter Sohn auch brav studiert. Im Gegenzug erfährt die Mama nichts von deinem Techtelmechtel. Wie sagt man so schön? Eine Hand wäscht die andere.«
»Ah gehhhh …!! Der Herr Sohn möchte verreisen. Nach Australien. Weiter weg geht’s wohl nimmer, oder? Wer glaubst du denn eigentlich, wer du bist? Denkst du, dass ich einen Goldesel hab? Und außerdem, was geht dich das an, mit wem ich wann und wo unterwegs bin, und was du immer siehst, glaubt dir sowieso kein Mensch.« Lorenz schnaubte wütend und wollte an seinem Sohn vorbei zur Tür hinaus.
Tim hielt ihn zurück. »Gut, lassen wir es drauf ankommen, dann schenk ich jetzt der Mama reinen Wein ein und erzähl ihr, was du hinter ihrem Rücken so treibst, und auch, was man sich in der Wirtschaft so erzählt.« Seine Stimme war drohender geworden, und seine Augen funkelten boshaft.
»Ja, du Drecksack, du verdammter! Ja, glaubst du allen Ernstes, dass ich mich von dir erpressen lass?« Der Zorn über seinen missratenen Sohn stand Lorenz tief ins Gesicht geschrieben. Seine Augen quollen über, und die Farbe seines Gesichts wechselte zwischen Blass und Feuerrot. Er schwang die Angel, die er in der linken Hand hielt, doch Tim fing sie geschickt ab und lachte ihn aus.
»Schlagen, das kannst. Aber nicht mit mir. Pass auf, Vater, dass du dir nicht wehtust. Weißt was, ich bin ja kein Unmensch. Ich gebe dir bis morgen früh Zeit. Entweder das Flugticket nach Australien oder du fliegst auf.« Fröhlich pfeifend kehrte Tim seinem Vater den Rücken zu und schlenderte langsam und gemächlich zum Hof zurück. Der Theologiestudent wollte noch kurz in der Pension vorbeischauen, um sich für den Abend Geld von seiner Mutter zu holen, die ihm nichts abschlagen konnte.
»Neuner«, brummte Quentin Neuner, der eben erst aus dem Präsidium nach Hause gekommen war, ins Telefon.
»Quentin, Schatz, was ist mir dir? Geht es dir nicht gut?«
»Doch, natürlich geht es mir gut, Mama. Ich bin eben erst nach Hause gekommen und wollte mir gerade mein Abendessen wärmen und vor dem Fernseher genießen. Heute ist Fußball.«
»Ja, ja! Weiß ich doch, dein Vater ist bei Onkel Erich drüben, sie werden sich das Spiel gemeinsam ansehen. Ich hab nur kurz die Gelegenheit genutzt, dich anzurufen, ehe Tante Martha rüberkommt. Ich will dich gar nicht lange stören. Es geht um den Geburtstag deines Vaters. Stell dir vor, er hat noch immer keine Ahnung, dass die Gäste am Samstag schon nach dem Mittagessen kommen werden. Dein Vater glaubt immer noch, dass wir erst am Abend alle beim Kirchenwirt zusammentreffen. Das ist ja so aufregend!«
Quentins Mutter plapperte munter drauflos, und er konnte ihre Nervosität, aber auch ihre Vorfreude auf das bevorstehende Fest förmlich spüren. Seit Monaten war sie mit der Organisation des Geburtstages beschäftigt und rief Quentin ständig an, um seinen Rat zu hören oder ihm irgendetwas Wichtiges mitzuteilen. Auch heute wieder. Quentin verdrehte die Augen. Nun war es gottlob endlich so weit. Am Samstag, in drei Tagen, würde das Fest der Feste endlich steigen. Quentin wollte eigentlich nichts anderes als etwas essen und seine Ruhe haben, aber er konnte seine Mutter auch nicht abwürgen, also fragte er, obwohl er die Antwort schon kannte, höflich: »Wie willst du ihn denn schon nach dem Mittagessen aus dem Haus locken?«
»Aber, Quentin, das ist doch überhaupt kein Problem. Ich habe ihm gesagt, dass wir für den Abend noch einmal alles mit dem Wirt genau durchsprechen müssen. Ich hoffe nur, dass alle pünktlich um halb zwei da sind. Ich freue mich schon so auf sein Gesicht, wenn wir dann nach der Kaffeejause in den Kultursaal gehen, wo die Jugendgruppe des Theatervereins extra seine Lieblingssketche von Loriot aufführt. Du kannst dir nicht vorstellen, Quentin, was das für eine Arbeit war, die Kostüme, die heimlichen Proben und …«
Quentin unterbrach seine Mutter zwar nur ungern, doch er konnte und wollte sich nicht schon wieder die ganze Geschichte hören.
»Mama, entschuldige, mein Büro versucht, mich am Handy zu erreichen. Du brauchst doch nichts Bestimmtes, oder?«
»Nein, eigentlich wollte ich dich nur daran erinnern, am Samstag pünktlich zu sein.«
»Das werde ich, versprochen. Aber jetzt muss ich wirklich an mein Handy gehen, soll ich dich …«
»Ja, ja, ich bin ja eh schon weg. Du brauchst nicht zurückzurufen. Wir hören uns morgen, Schätzchen, und lass dir dein Abendessen schmecken.«
»Mach ich, Mama.«
Schnell legte Quentin den Hörer auf die Basis, ehe seiner Mutter noch etwas einfallen würde.
Natürlich hatte sein Handy nicht gesummt. Er benutzte diese kleine Notlüge nur, weil er einerseits das Länderspiel gegen Uruguay nicht verpassen wollte und andererseits dem Essen, das Lina, seine Hausperle, für ihn vorbereitet hatte, entgegensah. Heute war es ein Szegediner Gulasch, das er sich nur noch aufwärmen musste.
Nachdem Tim Aigner seiner Mutter mitgeteilt hatte, dass er das Abendessen sausen lassen und lieber mit Freunden in die Stadt feiern würde, hatte Margarethe den Tisch nur für vier Personen gedeckt. Für ihren Mann und ihre zwei Mitarbeiter, Marlon Deus, den ostdeutschen Hausmeister, und Hanna Malberg, das Mädchen für alles, das seit einigen Wochen bei ihnen arbeitete und wohnte.
»Mhmm, dass riecht ja wieder einmal vorzüglich, Chefin«, schwärmte Marlon Deus mit seinem unwiderstehlichen Lächeln und dem unverkennbaren sächsischen Akzent. Marlon war ein Charmeur, wie er im Buche stand, und ließ keine Gelegenheit aus, Margarethe Komplimente und Avancen zu machen.
»Dann ist es ja gut, wenn ihr Hunger mitgebracht habt.« Margarethe stellte lächelnd eine Suppenschüssel mit einer dampfenden Kartoffelsuppe auf den Tisch. Dazu gab es ein köstlich duftendes selbst gebackenes Bauernbrot, das bereits auf dem Tisch stand.
»Sollen wir schon ohne den Bauern anfangen?«, fragte Hanna Malberg schüchtern. Sie traute sich kaum, Margarethe in die Augen zu sehen.
»Aber sicher, Hanna. Nimm dir ruhig eine ordentliche Portion. Mein Mann ist beim Fischen. Wer weiß, wann der wiederkommt. Wir werden keinesfalls auf ihn warten. Er kann sich sein Abendessen später selber wärmen.«
Den Mitarbeitern war nicht entgangen, dass Margarethe mit ihrem eingefrorenen Lächeln bemüht war, die Bitterkeit in ihrer Stimme zu überspielen. Gerade als sie sich setzte, schellte das Telefon.
»Pension zum grünen Klee, Aigner, guten Abend«, meldete sich Margarethe mit betont freundlicher Stimme. Sie vernahm nur ein kurzes Knacken am anderen Ende der Leitung, dann wurde aufgelegt.
»Das ist ja komisch. Vorher hatte ich auch schon so einen Anruf«, gab Marlon schlürfend von sich.
Margarethe und Hanna sahen sich verdutzt an, ehe sie zu lachen begannen.
»Marlon, hat man dir als Kind nicht beigebracht, dass man sein Essen langsam isst, nicht schlürft und man vor allem nicht mit vollem Mund spricht?«
»Doch, sicher«, grinste Marlon bis über beide Ohren und entblößte seine makellos weißen Zähne. »Entschuldigt, aber die Suppe ist einfach so heiß und so gut, dass man sie einfach schlürfen muss.«
Kaum waren die drei mit dem Essen fertig, stürmte Marianne Auer, auch Annie genannt, in die Küche und ging ohne Vorwarnung auf ihre Schwester los.
»Sag mal, was bildest du dir eigentlich ein?«, herrschte sie Margarethe an.
»Annie, ich habe keine Ahnung, worum es geht. Setz dich erst mal, aber fass dich bitte kurz, ich habe noch einiges zu tun.«
Margarethe deutete ihrer Schwester beherrscht freundlich, Platz zu nehmen.
Man konnte die frostige Stimmung zwischen den Schwestern fast greifen. Die beiden Angestellten wussten, dass ein Zusammentreffen dieser Art meist in einem handfesten Streit mündete, und zogen es vor, sich zurückzuziehen.
»Annie, was in aller Welt willst du denn um diese Uhrzeit von mir?«
»Wo ist dein Mann?« Annie blickte sich wütend, nach Lorenz Ausschau haltend, um.
»Am See, fischen.«
»Tust du nur so, oder weißt du es wirklich nicht?«
»Was denn, Annie, komm endlich zum Punkt, was genau meinst du?« Nun hob auch Margarethe ihre Stimme und wurde zunehmend ungeduldig.
Annie, die sich auf einen der Sessel plumpsen ließ, polterte los: »Ich will sofort mein Geld! Dein Göttergatte und du, ihr habt mir meinen Anteil an den Gewinnen der letzten beiden Monate nicht ausgezahlt. Ich muss die Miete für meine Boutique zahlen, und dieser Schweinehund hat mir mein Geld nicht überwiesen.« Sie knallte einen Kontoauszug vor Margarethe auf den Tisch.
»Wie bitte? Der Gewinn wird doch vom Steuerberater monatlich berechnet und dann vom Konto abgebucht.« Margarethe hob das Blatt hoch und las sich die Zahlen durch. Sie war überrascht. Der Betrag war tatsächlich nicht auf dem Konto gutgeschrieben. »Das versteh ich nicht«, murmelte sie und reichte ihrer Schwester das Papier.
»Ich habe heute mit der Bank telefoniert, und da wurde mir mitgeteilt, dass die Zahlungen seitens eines Herrn Lorenz Aigner eingestellt wurden. Ich will sofort wissen, was das soll!« Annie schlug mit der Faust auf den Tisch, sie war wieder aufgesprungen und lief hektisch in der schönen großen Bauernstube auf und ab. »Dieser verdammte Mistkerl. Der weiß doch, dass mir ein Viertel der Pension gehört und mir das Geld zusteht.«
»Ja sicher, Annie. Ich habe wirklich keine Ahnung, warum er die Zahlungen eingestellt hat. Ich kläre das mit ihm, sobald er nach Hause kommt.«
»Interessiert mich nicht. Ich will sofort mein Geld, sonst bin ich in einer Viertelstunde mit der Polizei hier und zeige euch wegen Betrugs an.« Annie Auer zitterte vor Wut. Sie war in den letzten Minuten vor Rage leichenblass geworden.
»Annie, ich bitte dich. Beruhige dich doch. Es tut mir leid, wenn das Geld nicht auf deinem Konto ist, aber es kann sich doch nur um ein Missverständnis handeln. Lorenz hat sich sicherlich vertan und den Dauerauftrag versehentlich storniert.« Margarethe versuchte, ihre kleine Schwester, die immer noch vor Zorn schäumte, zu beschwichtigen.
»Ich glaube dir kein Wort! Nicht genug, dass ihr mich um mein Erbe gebracht habt! Nein, jetzt wollt ihr mir auch noch den Geldhahn zudrehen«, herrschte Annie ihre Schwester an.
Sie nahm einen Sessel und setzte sich wieder an den Tisch. Annie senkte den Kopf und schlug kurz die Hände vors Gesicht. Als sie aufblickte, sah sie direkt in die dunkelbraunen Augen ihrer Schwester, und mit einem sehr leisen, fast bedrohlichen Ton fuhr sie fort.
»Das Erbe ist für mich mittlerweile gegessen, unsere Eltern wollten es so, und ich kann daran sowieso nichts mehr ändern. Sie haben nun mal dir alles überschrieben. Aber die mir zustehenden monatlichen Gewinne, die gebe ich nicht auf. Hörst du? Niemals! Das kannst du vergessen. Entweder du bezahlst mir die letzten beiden Monate sofort in bar aus, oder ich zeige euch an.« Annies Gesicht hatte wieder seine normale Hautfarbe angenommen, ihre graublauen Augen waren kalt wie Stein und die frostige Stimme war immer rauer geworden.
»Gut, Annie, ich schau in den Büchern nach und zahle dir den Gewinn der letzten beiden Monate gleich in bar aus. Es ist ohnehin nicht viel, wir hatten in den letzten Wochen kaum Gäste.« Margarethe verschwand in ihrem Büro und brachte Annie einen Umschlag mit der genauen Auflistung der Einnahmen und dem ihr zustehenden Geld.
Nachdem Margarethe Aigner ihre Schwester abgefertigt und hinauskomplimentiert hatte, sah sie auf ihre silberne Armbanduhr. Es war schon nach einundzwanzig Uhr. Wo Lorenz nur blieb? Ausgerechnet heute, wo sie ihn brauchte, war er fischen und danach vermutlich auf Sauftour. Das war so typisch für ihren Mann. Sie hatte genug von seinen Launen und Spielchen. Auch hatte sie genug von diesem Tag und wollte ihn nur noch hinter sich bringen und alles abschließen. Während sie die Küche aufräumte, kam Marlon Deus leise herein und umarmte sie, ohne etwas zu sagen, von hinten. Margarethe, die ihren Gedanken nachhing und nicht bemerkt hatte, dass ihr Hausmeister in die Küche gekommen war, schrie auf, drehte sich mit einem Ruck um und klatschte ihm eine mitten ins Gesicht.
»Aua, was soll das denn?« Marlon rieb sich die Wange, die langsam rot anlief und auf der Margarethes Handabdruck allmählich sichtbar wurde.
»Wenn du mich fast zu Tode erschreckst, hast du dir die Ohrfeige wohl redlich verdient«, keifte sie ihren Mitarbeiter an.
»Ich habe gesehen, dass der Bauer vom Angeln noch nicht wieder zurück ist, und da dachte ich, wir könnten die Zeit nutzen und …«
»Marlon, also wirklich. Was denkst du von mir? Soll ich zwischen Tür und Angel alles fallen lassen und eine schnelle Nummer mit dir schieben, oder was?« Margarethe funkelte ihn wütend an und widmete sich wieder ihrer Arbeit.
»Na ja, wäre ja nicht das erste Mal, mein Täubchen, oder?« Erneut versucht Marlon, seine Chefin zu umarmen. Allerdings erfolglos.
»Sorry, Marlon, aber heute nicht. Der Tag war anstrengend genug. Ich nehme jetzt nur noch ein Bad, eine halbe Schlaftablette und geh ins Bett, und zwar alleine.« Margarethe schob Marlon bestimmt zur Seite und ließ ihn einfach in der Küche stehen.
»Hat jemand den Bauern gesehen? Schnell, ich brauch den Bauern«, schrie Marlon Deus verzweifelt in die Küche hinein, in der Margarethe gerade das Frühstück für ihre Pensionsgäste vorbereitete.
»Schrei doch nicht so herum, willst du die Gäste vergraulen, oder was?«, herrschte sie ihn an.
»’Tschuldigung, ich wollte niemanden erschrecken, aber es ist wirklich dringend. Ich brauche sofort den Bauern, die Resi kalbt und hat irgendwie Schwierigkeiten. Ich schaffe es nicht alleine und hab Angst, dass sie uns stirbt, wenn …« Margarethe Aigner unterbrach Marlon. Sie wusste, wie ernst es werden konnte, wenn eine Kuh beim Kalben Schwierigkeiten hatte.
»Schon gut, Marlon, geh wieder in den Stall, ich ruf sofort den Tierarzt an. Hanna, ich kann hier grad nicht weg. Geh und such den Bauern, ich bin mir sicher, der schläft wieder einmal irgendwo am Hof seinen Rausch aus.«
Es ging drunter und drüber. Margarethe erreichte den Tierarzt, der ganz in der Nähe war und versprach, sofort vorbeizukommen. Gedankenverloren machte sie das Frühstück für ihre Gäste fertig, das sie nun auch noch servieren musste, da Hanna von ihrer Suche immer noch nicht wieder aufgetaucht war. Lorenz würde sie mit seiner Fischerei und seinen anschließenden Sauftouren noch einmal in den Wahnsinn treiben.
Außer Atem kam Hanna in die Küche zurück. »Es tut mir leid, aber ich habe den Bauern nirgendwo gefunden«, japste sie.
»Warst du auch in seiner Fischerhütte?«
»Ja, dort hab ich mit der Suche angefangen. Seine Angelausrüstung ist nicht da. Ich war in jedem Stall und auch in jedem unserer Nebengebäude. Aber keine Spur von ihm.«
Margarethe schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich war er wie so oft irgendwo versumpft und würde erst gegen Mittag quietschfidel wieder auftauchen.
»Gut, danke, Hanna. Kannst du bitte bei den Kühen nachsehen, ob der Tierarzt schon da ist und wie es der Resi geht. Ich kann hier nicht weg. Du siehst ja, was draußen gerade los ist, und ausgerechnet heute wollen unsere Gäste alle unser Bauernfrühstück Spezial.«
»Mache ich, und dann komm ich gleich wieder zum Servieren.«
»Ja, danke, Hanna.«
Margarethe war geladen. Der Zorn wuchs mit jedem Gedanken an ihren Mann, der sich von Tag zu Tag immer seltsamer benahm. Sie ließ ihre Wut an den Eiern aus, die sie für eine Eierspeise aufschlug. Seit einigen Monaten verschwand er abends immer öfter zum Fischen und kam entweder spät in der Nacht sturzbesoffen zurück oder aber tauchte erst irgendwann am nächsten Tag gut gelaunt wieder auf.
Der Gong der Eingangstüre ging und riss Margarethe aus ihren Gedanken. Vielleicht waren das die neuen Gäste, die sich noch in der Nacht angekündigt hatten. Schnell wusch sie sich die Hände und wischte sie, auf dem Weg zur Türe, in ihrer Schürze ab. Freundlich lächelnd öffnete sie.
»Guten Morgen. Ach, du bist es nur«, begrüßte sie den Briefträger harsch.
»Guten Morgen, Gretti. Ich hab hier ein Einschreiben für den Lorenz, ist er da?« Neugierig versuchte der Briefträger, an ihr vorbeizusehen.
»Nein, ist er nicht. Gib her, ich nehme es für ihn an.«
»Gut, dann unterschreib mir bitte da und richte ihm einen schönen Gruß und gute Besserung aus.«
Margarethe sah den Briefträger entgeistert und verwirrt an, sie kannte ihn schon lange und wusste, dass auch er seine Abende lieber im Wirtshaus als zu Hause bei Frau und Kindern verbrachte.
»Wieso gute Besserung?«, fragte sie ihn wie beiläufig.
»Na ja, wir haben ihn jetzt schon seit ein paar Wochen nimmer gesehen, und der Ebner Franzl hat gemeint, dass er wahrscheinlich krank ist.«
»Kannst dem Ebner-Bauern ausrichten, dass der Lorenz sich bester Gesundheit erfreut und ganz und gar nicht krank ist. Aber ich werde ihm die Genesungswünsche und eure Grüße gerne überbringen.« Ehe der Briefträger noch weitere Fragen stellen konnte, knallte Margarethe kopfschüttelnd und wütend die Eingangstüre zu. Sie steckte den Brief, ohne ihn weiter zu beachten, in ihre Schürze und machte sich schnell wieder auf den Weg in die Küche, wo Hanna schon fleißig die Frühstücksteller anrichtete.
»Der Tierarzt ist schon da. Wir haben ein neues süßes Kälbchen, und der Resi geht es auch wieder gut«, berichtete sie ganz aus dem Häuschen.
»Ist der Bauer aufgetaucht?«, fragte Margarethe knurrig.
»Nein, der nicht, aber Tim. Der ist in den Stall gekommen, um nachzusehen, warum es da so laut war. Marlon und er haben dann dem Tierarzt geholfen, das Kalb auf die Welt zu bringen.«
»Hab ich mir schon gedacht, dass der Bauer noch nicht da ist. So, jetzt aber raus mit den Tellern, sonst verhungern uns die Gäste noch, und es wird alles kalt.«
Nachdem das Frühstück serviert war, atmete Margarethe tief durch. Sie nahm den Brief, den sie vorher so achtlos in ihre Schürzte gesteckt hatte, um ihn näher zu betrachten. Es war ein Schreiben von einem Labor aus Wien. Vermutlich ging es wieder einmal um eine Bodenprobe. Seit Lorenz auf Bio umgestellt hatte, schickte er vermehrt allerlei Proben ein. Achtlos legte sie den Brief auf die Kredenz zur Tageszeitung, damit Lorenz ihn dort finden würde, und machte sich daran, die Küche sauber zu machen.
Als der Anruf zu Inspektor Quentin Neuner durchgestellt wurde, waren er und seine Assistentin Charlie Renner gerade dabei, die liegen gebliebenen Schreibarbeiten zu ihren letzten Fällen zu erledigen.
»Neuner«, brummte Quentin wie immer, wenn er bei der Arbeit gestört wurde, grummelig ins Telefon.
Er hörte etwas und dann nur noch ein Knacksen in der Leitung und sie brach ab. Es klang, als ob der Anrufer von einer Baustelle aus telefonierte. Erneut klingelte es, und dieses Mal vernahm Quentin eine kaum hörbare Männerstimme.
»Wer ist dran? Können Sie Ihren Namen wiederholen, ich höre Sie kaum«, brüllte Quentin ungeduldig in den Hörer.
»Hier liegt ein Toter, ein Toter, hören Sie mich?«, schrie der Anrufer hysterisch ins Telefon, ohne seinen Namen zu nennen.
»Alles der Reihe nach. Wer sind Sie?«
»Ich heiße Wer … Wer … Werner Simmer«, stotterte der Mann ins Telefon.
»Gut, Herr Simmer, jetzt ganz ruhig und der Reihe nach. Wo sind Sie?«
»Bei den Salzachseen, wir haben hier eine Baustelle, an der wir seit heute früh arbeiten. Hier liegt, hier liegt … ein Toter, hören Sie! Ein Toter! Eine Leiche!« Seine Stimme überschlug sich fast, als er diesen letzten Satz ins Telefon brüllte.
»Bleiben Sie ruhig, Herr Simmer. Wo genau sind Sie?«
Quentin hatte das Gespräch auf Lautsprecher gestellt, damit Charlie alles notieren konnte. Mit sanfter Stimme versuchte er, den Anrufer zu beruhigen.
»Beim größeren der Salzachseen im hinteren Bereich. Wir müssen hier den See entschlammen, und da haben wir einen Toten am Ufer entdeckt. Einen Toten! Bitte, kommen Sie! Schnell!«, schrie der Mann immer noch.
»Haben Sie oder jemand anderer ihn angefasst?«
»Nein, haben wir nicht. Wir sind nur zu zweit. Mein Kollege ist davongelaufen und hat sich übergeben, und ich habe Sie angerufen.« Die Stimme des Mannes wurde etwas ruhiger.
»Sehr gut, Herr Simmer. Bleiben Sie in der Nähe und fassen Sie den Toten bitte unter keinen Umständen an. Der Auengürtel ist weitläufig. Wo genau finden wir Sie?«
»Am nördlichen Zipfel, im Wald, dort auf der Salzachseite. Wir sind mit dem Bagger erst über den Treppelweg und dann auf dem Wanderweg hierher gefahren. Den Treppelweg einfach immer geradeaus bis zum geschotterten Weg. Da fahren Sie dann am Lieferinger Fischteich entlang, bis der große See kommt. Folgen Sie einfach dem Weg, immer am Ufer entlang weiter, und am Ende bei der Biegung werden Sie unseren Sumpfbagger stehen sehen.«
»Gut, wir sind gleich bei Ihnen, Herr Simmer, danke für den Anruf.«
Charlie, die alles notiert hatte, war aufgesprungen. Quentin griff nach seinem Aktenkoffer, der immer am Boden neben seinem Schreibtisch bereitstand, und schnappte sich seine Windjacke. »Auf zum Salzachsee, Charlie.«
Während die beiden zum Auto in die Tiefgarage liefen, rief Charlie Renner Frederick Mann von der Spurensicherung und Quentin die Gerichtsmedizinerin Katarina von Weid an. Vom Auto aus telefonierte der Inspektor dann auch noch mit dem Staatsanwalt Doktor Lukas Steiner, seinem besten Freund. Ohne ihn zu begrüßen, schoss er gleich los: »Lukas, wir haben einen Leichenfund.«
»Dir auch einen schönen guten Morgen, Quentin. Und das auf nüchternen Magen. Wo genau?«
»Am Salzachsee. Nordöstliches Ufer. Kannst du kommen?«
»Ja, ich bin gleich da. Habt ihr die anderen schon informiert?«
»Sicher, es sind schon alle auf dem Weg.«
»Gut, ich fahr auch gleich los.«
»Danke, Lukas, bis dann.« Ohne abzuwarten, ob sein Freund ihn noch etwas fragen wollte, hatte Quentin aufgelegt.
Der Frühverkehr war um diese Uhrzeit dicht, aber mit Blaulicht kamen die Ermittler trotz des starken Verkehrsaufkommens gut voran.
»Ich hoffe, es ist keine Wasserleiche, die angespült worden ist«, murmelte Charlie und konzentrierte sich darauf, den richtigen Weg einzuschlagen.
»Ich weiß, was du meinst. Die sind meist kein schöner Anblick und je nachdem, wie lange sie schon im Wasser waren, auch schwer zu identifizieren.«
Charlie bog in den Auengürtel ein und hielt sich an die Anweisungen des Anrufers. Neuner sah den blauen Sumpfbagger als Erster.
»Da, Charlie! Der Mann hat doch gesagt, dass sie den Teich entschlammen wollten. Dort drüben, bei dem Bagger, da muss es sein.«
Charlie parkte direkt hinter dem Baufahrzeug. Der Inspektor sprang sofort aus dem Wagen und rief nach dem Baggerfahrer, als er aus dem Augenwinkel bemerkte, dass sich jemand an der Leiche zu schaffen machte.
»Hey, Sie da! Lassen Sie sofort Ihre Finger von dem Toten!«, brüllte er lauthals in Richtung des Seeufers und lief, so schnell er konnte, zum Fundort.
»Quentin, schrei doch nicht so. Ich bin es doch nur.«
Erst jetzt erkannte Quentin Neuner die Gerichtsmedizinerin Katarina von Weid.
»Katarina, du? Ich hab kein Auto gesehen. Wie bist du hierhergekommen, und wo ist der Mann, der uns angerufen hat?« Quentin sah sich um, konnte aber weder ein Auto noch die beiden Arbeiter entdecken.
»Mein Auto steht in der Hechtstraße. Als ich deinen Anruf bekam, war ich gerade bei einer Freundin, die dort wohnt. Wir waren heute Morgen joggen und haben gerade gemütlich gefrühstückt, als du mich angerufen hast. Da ich sowieso immer alles im Auto habe, habe ich meine Sachen gepackt und bin sofort auf direktem Weg hierher marschiert. Hier ist man zu Fuß schneller als mit dem Auto.«
Erst jetzt bemerkte Quentin Neuner, dass Katarina unter ihrem transparenten Schutzanzug tatsächlich Joggingkleidung trug. Er wusste, dass sie joggte, aber nicht, dass sie es hier tat.
»Verstehe, aber wo ist Herr Simmer? Ich hatte ihn doch gebeten, hierzubleiben und auf mich zu warten.«
»Der sitzt dort hinten irgendwo …«, Katarina von Weid zeigte hinter sich, »… auf einer Bank und versucht, seinen Kollegen, der den Leichenfund gemacht hat, zu beruhigen.«
Mittlerweile war auch das Team der Spurensicherung mit vier Personen, die sofort ihre Arbeit aufnahmen, angekommen.
»Ich lass dich dann in Ruhe weiterarbeiten, Katarina.«
»Gut, Quentin.« Katarina war kurz angebunden, aber das war sie meistens, wenn sie bereits zu arbeiten begonnen hatte.
Quentin war erleichtert, dass Katarina von Weid den Toten untersuchte. Von den drei Gerichtsmedizinern, die sie am Institut hatten, arbeitete er am liebsten mit ihr. Und das nicht nur, weil er sich in die adrette Ärztin verguckt hatte. Er konnte sich hundertprozentig auf sie verlassen. Er sah ihr noch kurz über die Schultern, als sie den Mann in Fischerkleidung umdrehte. Der Mann sah nicht aus, als ob er lange im Wasser gelegen hätte.
»Gott sei Dank keine Wasserleiche«, murmelte Quentin, ehe er sich abwandte und auf den Weg zu den beiden Baggerfahrern machte, die bereits von Charlie befragt wurden.
»Guten Morgen, die Herren.«
»Na, was daran gut sein soll, weiß ich nicht«, brummte einer von ihnen. Quentin erkannte an der Stimme, dass das der Mann war, der ihn angerufen hatte.
»Herr Simmer?«
»Ja.« Der ältere der beiden Männer war aufgestanden, um den Inspektor zu begrüßen.
»Wann haben Sie den Fischer gefunden?«
»Wir sind so gegen sieben Uhr dreißig hier angekommen und haben unsere Sachen ausgepackt. Sie müssen wissen, wir haben den Auftrag, hier Vorbereitungen für eine Entschlammung zu treffen. Gerade als wir die Absperrungen aufstellen wollten, hat Bernd auf einmal wie am Spieß geschrien, weil er fast über die Leiche gestolpert wäre.«
»Bernd? Ist das Ihr Kollege?«
»Ja, Bernd Reiter. Er ist, wie gesagt, fast über den dort liegenden Mann gestolpert. Wir haben nur gesehen, dass er mit dem Kopf im Wasser lag. Er hat sich nicht mehr bewegt und auch nicht geatmet, da wussten wir, dass er mausetot war. Bernd ist wie von der Tarantel gestochen davongestürzt und hat sich übergeben. Er ist halt noch sehr jung und hat noch nie einen Toten gesehen.«
»Ja, das sehe ich. Was haben Sie gemacht?«
»Ich bin zum Bagger zurückgelaufen und habe sofort die Polizei, also Sie, angerufen.«
»Gut, Herr Simmer, ich würde Sie bitten, jetzt den Ort hier zu verlassen. Da Sie aber mit der Leiche in Kontakt gekommen sind, brauchen wir von Ihnen und auch von Ihrem Kollegen noch Fingerabdrücke und auch die Schuhabdrücke.«
»Schuhabdrücke? Wozu brauchen Sie die denn?«
»Sie sehen ja, dass es hier im Erdreich sehr viele davon gibt. Wir brauchen Ihre, damit wir Sie identifizieren und ausschließen können. Bitte kommen Sie heute Nachmittag oder spätestens morgen früh ins Polizeipräsidium. Dort werden die Abdrücke genommen und Ihre Aussagen noch einmal protokolliert.«
»Das geht nicht! Unser Chef rastet total aus, wenn wir unsere Arbeit hier nicht machen. Wir haben Termine einzuhalten. Verstehen Sie, Inspektor?«
»Machen Sie sich keine Sorgen. Meine Kollegin wird Ihren Chef anrufen und ihm alles erklären. Fahren Sie einfach in Ihre Firma zurück. Vielleicht gibt es ja noch eine andere Baustelle für Sie. Hier ist auf jeden Fall für heute Schluss. Es läuft eine polizeiliche Ermittlung, und es wird so oder so alles von uns abgesperrt. Sie werden mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch in den nächsten Tagen hier nicht arbeiten können.«
»Quentin!« Frederick Mann von der Spurensicherung winkte ihm zu sich.
»Frederick, wie geht es dir? Hast du was für mich?«
»Danke, gut. Wir haben noch nichts wirklich Verwertbares gefunden. Es gibt viele, sogar sehr viele Fußabdrücke, fast schon zu viele. Wir werden dem Anschein nach nicht wirklich viel mit den Abdrücken anfangen können. Das einzige vielleicht Verwertbare sind mehrere kleine Schleifspuren, die wir unweit vom Fundort gefunden haben. Meine Kollegen überprüfen gerade, ob sie zu unserer Leiche passen. Katarina hat mich gebeten, dich zu rufen, sie wollte dich noch einmal sprechen, bevor sie geht.«
»Gut, ich geh gleich mal rüber zu ihr. Danke, Frederick.« Quentin sah, dass die adrette Gerichtsmedizinerin ihren Schutzanzug bereits ausgezogen hatte. Offensichtlich war sie mit ihrer Erstuntersuchung fertig. Als sie Quentin auf sich zukommen sah, lächelte sie ihn an und kam ihm entgegen.
»Katarina, du bist schon fertig?«
»Ja, für den Moment. Ich habe aber leider nicht viel für dich. Der Tote hatte keine Dokumente bei sich, also wissen wir nicht einmal, wie der Mann heißt. Vom Alter her schätze ich ihn auf Mitte, vielleicht Ende fünfzig. Die gute Nachricht ist, dass es sich nicht um eine Wasserleiche handelt. Der Mann dürfte gestern so zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr getötet worden sein.«
»Konntest du die Todesursache schon ausmachen?«
»Ja und nein. Er starb durch Suffokation.«
»Er ist erstickt?«
»Ja, er wurde erwürgt oder erdrosselt. Da er ein Shirt mit hohem Kragen unter seinem hochgeschlossenen Fischeranzug anhat, konnte ich noch keine eindeutigen Drosselmarken ausmachen. Genaueres kann ich dir daher erst nach der Obduktion sagen.«
»Bist du dir sicher, dass er nicht ertrunken ist?«
»Ja, davon gehe ich aus.«
»Was meinst du, Katarina, könnte ein Kampf zwischen Opfer und Täter stattgefunden haben, bei dem sich der Mann, während der Täter ihn würgte, so heftig gewehrt hat, dass er deshalb mit dem Kopf unter Wasser gedrückt wurde, bis er letztendlich ertrank?«
»Wäre eine Variante, obwohl ich die so gut wie ausschließen kann.«
»Wieso?«
»Wir müssen erst alle Spuren sichern, vor allem die am Fischeranzug, um überhaupt festzustellen, ob es einen Kampf gegeben hat. Der Anzug, den das Opfer anhat, ist aus Polyurethan, also extrem robust. Er ist reißfest, und man kann mit bloßem Auge auch keine Kratzer oder andere Spuren darauf erkennen.«
»Du gehst also davon aus, dass er sich nicht gewehrt hat?«
»Er hat sich mit Sicherheit gewehrt. Es könnte im Vorfeld auch durchaus einen Kampf gegeben haben. Aber, wie gesagt, Genaueres erst, nachdem ich ihn auf dem Tisch hatte. Ich kann dir aber eines versichern, sein Gesicht ist nicht unter Wasser gedrückt worden.«
»Warum bist du dir da so sicher.«
»Ich habe auf seinen Zähnen Blut gefunden.«
»Auf seinen Zähnen?«
»Ja. Das kann jetzt Blut von einem Biss sein oder aber sein eigenes. Das wird sich erst bei der Obduktion klären. Nur eines ist definitiv sicher, diese Blutspuren wären nicht mehr vorhanden, wenn sein Gesicht unter Wasser gedrückt worden wäre.«
»Macht Sinn. Es könnte also eventuell sein, dass er den Täter gebissen hat?«
»Möglich wär es. Aber, wie gesagt, ich muss das Blut erst genauer untersuchen.«
»Sonst noch etwas, das mich weiterbringen könnte?«
Katarina schüttelte den Kopf. »Im Moment noch nicht, Quentin. Wie gesagt, ich muss unser Opfer erst genau untersuchen. Ob uns sein Fischeranzug verwertbare Spuren liefern wird, sei dahingestellt. Wenn du nichts dagegen hast, lasse ich das Opfer jetzt in die Gerichtsmedizin bringen, damit wir so schnell wie möglich mehr über diesen armen Teufel herausfinden können.«
»Nein, natürlich nicht. Rufst du mich an, sobald du nähere Infos hast?«
»Sicher, wie immer, Quentin.« Katarina lächelte ihm zu, packte ihren Arztkoffer und machte sich auf den Weg.
Quentin Neuner sah ihr noch kurz nach, ehe er zu Charlie zurückkehrte.
»Wie sieht es hier aus? Konntest du noch etwas in Erfahrung bringen?«, fragte er seine Assistentin neugierig.
»Nein, nicht wirklich. Es gibt zwar einige kleinere Schleifspuren, aber die müssen erst noch ausgewertet werden. Scheint, als hätte der Täter das Opfer hier ermordet, dann gedreht und Richtung See gezogen. Wir haben auch die Spuren rundherum gesichert und alles abgesucht, aber auch im Gebüsch keine Dokumente, keine Angel oder Sonstiges gefunden.«
»Wir müssen unbedingt herausfinden, wer der Tote ist, Charlie. Komm, wir fahren zurück ins Präsidium, vielleicht gibt es ja eine Vermisstenmeldung, die auf unseren Toten passt.«
Gerade als die Ermittler in ihr Auto steigen wollten, tauchte der Staatsanwalt, außer Atem auf.
»Quentin! Charlie! Gut, dass ich euch noch antreffe. Sorry für die Verspätung, ich wurde noch aufgehalten.«
»Kein Problem, Lukas. Die Leiche wird gerade in die Gerichtsmedizin gebracht. Außer, dass es sich um einen Mann handelt, der in den Fünfzigern sein dürfte, wissen wir nichts. Die Spurensicherung arbeitet noch. Es gibt einige diffuse Schleifspuren, aber sonst haben wir noch nichts, was uns weiterhelfen könnte.«
»War es eine Wasserleiche?«
»Nein, Gott sei Dank nicht. Es war ein Fischer, zumindest war er so gekleidet.«
»Die Todesursache habt ihr vermutlich auch noch nicht, oder?«
»Katarina von Weid nimmt an, dass er erwürgt worden ist«, warf Charlie ein, »aber sie ist sich noch nicht sicher. Das Opfer muss in der Nacht zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr ermordet worden sein.«
»Danke für die Informationen. Ich geh mal rüber zur Spurensicherung. Wir sehen uns dann später.«
Margarethe Aigner wurde zunehmend ungeduldiger. Schließlich war es schon später Nachmittag, und Lorenz war noch immer nicht aufgetaucht. So lange war er noch nie weggeblieben. Langsam begann sie sich richtig Sorgen zu machen.
»Marlon! Marlon, wo zum Teufel steckst du?« Margarethe, die auf den Hof hinausgestürmt war, rief nach ihrem Mitarbeiter. Marlon kam gut gelaunt mit ölverschmierten Händen und Ölflecken im Gesicht aus der Garage gerannt.
»Wo brennt’s denn? Ich habe gerade das Öl am Traktor gewechselt. Das hat mir der Bauer gestern schon aufgetragen. Ich bin nur noch nicht …« Margarethe unterbrach ihn mit schroffer Stimme.
»Ja, ja schon gut. Hat sich der Bauer bei dir gemeldet?«
»Nein, wieso?«
»Weil er noch nicht wieder vom Fischen zurück ist. Marlon, du musst sofort etwas für mich erledigen.«
»Jetzt gleich?«
»Ja, jetzt gleich.« Margarethe wurde allmählich wütend.
»Gut, ich muss mich nur kurz waschen und umziehen. Ich kann mich ja nicht so auf den Weg machen, oder?« Marlon sah seiner Chefin tief in die Augen. Er hatte Margarethe noch nie so harsch und gleichzeitig so sorgenvoll erlebt.
»Wie du ja schon selber bemerkt hast, ist der Bauer von seiner Tour noch nicht wieder aufgetaucht. Ich möchte, dass du erst zu seinen Lieblingsplätzen am See gehst, und falls er nicht dort sein sollte, dann geh in sein Stammlokal und höre dich diskret um, ob er gestern beim Stammtisch war oder ob jemand weiß, wo er sein könnte.«
»Mach ich gleich, ich zieh mich nur kurz um.« Marlon grinste seine Chefin schelmisch an. »Was hab ich eigentlich davon?«, fragte er sie neckisch.
Margarethe, die sich bereits abgewandt hatte, ignorierte seine letzte Frage und stapfte ins Haus zurück. Im Gang lief ihr Tim über den Weg.
»Was ist los, Mama, du siehst so blass und besorgt aus?«
»Dein Vater ist von seiner gestrigen Sauftour noch nicht zurück, und ich mache mir langsam Sorgen. Er müsste schon längst wieder hier sein.«
»Ach, an deiner Stelle würde ich mir keine allzu großen Gedanken machen, der ist entweder noch mit seinen Kumpels am See oder sonst wo versumpft.«
»Das glaub ich nicht, Tim. Normalerweise kommt er spätestens am Vormittag von seinen Saufgelagen retour, und außerdem würde er von seinem Hof nie so lange wegbleiben, ohne zumindest einem von uns Bescheid zu sagen.«
»Hast du ihn schon angerufen?«
»Nein, vor lauter Hektik habe ich gar nicht einmal daran gedacht. Ich versuch das gleich mal.«
Margarethe nahm ihr Handy und wählte die Nummer ihres Mannes. Ein leises Klingeln ertönte im Haus. Sie ging dem Ton nach und fand das Handy in einer Trachtenjacke, die im Flur an der Garderobe hing.
»Dein Vater hat offensichtlich sein Handy nicht mitgenommen.« Wütend begab sie sich, dicht gefolgt von ihrem Sohn, in die Küche.
»Ich versteh das nicht, er kann doch hier nicht alles liegen und stehen lassen nur wegen dieser verdammten Angelei!«
»Du kennst ihn doch. Er ist halt, wie er ist. Beim Fischen vergisst er alles um sich herum.« Tim setzte sich an den gemütlichen Küchentisch, der bereits für das Abendessen gedeckt war. Seine Mutter nahm neben ihm Platz und berührte seinen Arm. Tim zuckte mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück.
»Was hast du?«, fragte Margarethe erschrocken.
»Nichts, was soll ich haben?«
Sie nahm den Arm ihres Sohnes und schob seinen Pullover zurück. »Du bist ja verletzt?«
»Halb so wild.« Tim war es sichtlich peinlich, dass seine Mutter die Wunde entdeckt hatte. Er spielte den Schmerz herunter und schob den Ärmel des Pullovers schnell wieder nach unten.
»Es ist nichts. Vergiss es einfach.«
Aber Margarethe ließ sich nicht beirren, nahm erneut den Arm ihres Sohnes und sah sich die Wunde näher an. »Das ist doch eine Bisswunde! Wo hast du dir denn die zugezogen?«
»Ich war gestern Abend doch aus, und am Nachhauseweg hat mich ein kleiner streunender Hund angefallen.«
»Ein Hund? Hast du das gemeldet? Es kann doch nicht sein, dass streunende Hunde mitten in der Stadt Passanten anfallen.«
»Ach, Mama, vergiss es einfach. Ich zeige diese Lappalie sicher nicht an, ich mach mich doch nicht lächerlich.«
»Musst du wissen. Lass mich aber wenigstens die Wunde ordentlich versorgen. Du willst dir doch keine Infektion holen. Das kann gefährlich werden.« Margarethe, die keine Widerrede duldete, holte den Verbandskasten, der in der Speisekammer neben der Küche hing, und versorgte die Verletzung. Nachdem Margarethe die Wunde ordentlich gereinigt und desinfiziert hatte, legte sie einen Verband an. Gerade als sie fertig war, platzte Marlon in die Bauernküche.
»Ich hab ihn nicht gefunden. Er war nicht am See, und im Wirtshaus hat ihn auch niemand gesehen. Gestern nicht und heute auch nicht und überhaupt schon länger nicht«, prustete er außer Atem. »Irgendwas stimmt da nicht. Der Bauer würde nie so lang vom Hof wegbleiben, ohne uns was zu sagen.«
»Danke, Marlon, kannst wieder an deine Arbeit gehen. Abendessen gibt es erst in einer Stunde.« Margarethe verstaute das Verbandszeug. Sie konnte es einfach nicht fassen. Wo war ihr Mann nur? Die schlimme Ahnung, dass ihm etwas passiert sein musste, breitete sich immer weiter in ihr aus.
»Was meinst du, Tim, sollen wir die Polizei anrufen und ihn suchen lassen?«
»Nein, das macht wenig Sinn. Die würden ihn sowieso noch nicht suchen. Dazu ist er noch nicht lange genug weg. Außerdem, du kennst ihn doch, der ist sicher irgendwo versackt und taucht in den nächsten Stunden wieder auf«, versuchte Tim, seine Mutter zu beruhigen. Insgeheim jedoch verfluchte er seinen Vater, der ohne jegliche Rücksicht immer nur das machte, was ihm gefiel.
»Es sind doch jetzt schon fast vierundzwanzig Stunden. So lange war er noch nie weg. Ich rufe jetzt alle seine Freunde an. Vielleicht hat ihn ja doch jemand gesehen oder weiß, wo er sein könnte. Hilfst du mir?«
»Ja, sicher. Du übernimmst die Freunde, ich die Krankenhäuser in der Umgebung. Wenn wir ihn dann wirklich nirgendwo finden und er in den nächsten Stunden nicht wieder auftaucht, kannst du morgen gleich in der Früh eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgeben.«
»Danke, Tim.«
Quentin sah auf seine Armbanduhr. Der Tag war wirklich schnell vergangen. Nach dem Leichenfund hatten Charlie und er noch einige Fischer, die am Seeufer ihre Zelte aufgeschlagen hatten, befragt. Keiner konnte das Opfer identifizieren. Entweder war der Mann nicht aus der Gegend, oder aber er war nicht beliebt und pflegte am See keine sozialen Kontakte. Es klopfte am Türstock der offenen Bürotür. Quentin blickte auf.
»Lukas, komm herein, setz dich.«
»Ich habe gerade eine Akte geholt, die ich für einen Prozess brauche, und dachte mir, ich sehe mal nach euch. Wo ist denn Charlie?«
»Charlie ist bei der Spurensicherung, um herauszufinden, ob sie nicht doch noch etwas Verwertbares gefunden haben. Sie sollte jeden Moment zurück sein. Warum fragst du?«
»Nur so. Sie ist doch sonst immer in deiner Nähe.«
»Nur so, dass ich nicht lache. Gib es doch einfach zu, Lukas, du hast dich in meine quirlige Assistentin verknallt. Ich kenn dich doch.« Quentin war aufgestanden, um das Fenster zu schließen. Es war mittlerweile ziemlich kühl geworden. Die Herbsttemperaturen machten sich auch in seinem Büro breit.
»Hallo, die Herren«, tönte Charlies fröhliche Stimme hinter Lukas, der höchst erfreut war, sie zu sehen.
»Charlie, komm nur herein. Hast du was für uns?«
»Leider nein. Es gibt eine Tonne Spuren. Fußabdrücke, Reifenspuren von Fahrrädern und sogar vereinzelte Autospuren. Es wurde weder eine Schnur noch eine Angel gefunden.«
»Gut, Charlie, schreib einfach alles in einem kurzen Bericht zusammen, und dann kannst du Feierabend machen. Heute kommen wir so oder so in diesem Fall nicht weiter.«
»Mach ich, Quentin. Bis morgen.«
»Moment.« Lukas hielt sie sanft am Arm zurück. »Im Whiskey Museum gibt es heute Live-Musik, ein junger irischer Musiker wird ein kleines Konzert geben. Habt ihr nicht Lust mitzukommen?«
Charlie war sofort Feuer und Flamme. »Ich habe schon so viel von dieser neuen Bar gehört. Vor allem die Einrichtung und das Ambiente sollen einzigartig sein. Wenn ich richtig informiert bin, ist der Besitzer Ire, oder?«
»Genau. Die Möbel der Bar erzählen angeblich eine eigene Geschichte. Der Besitzer soll auch alte ausgemusterte Klaviere integriert haben, die er irgendwie umfunktioniert hat. Eines haben sie, das noch bespielbar sein soll. Mehr weiß ich auch nicht, Charlie. Ich war selber auch noch nicht dort.«
»Ich bin auf jeden Fall dabei, ich muss nur schnell den Bericht schreiben.«
»Quentin, was ist mit dir? Kommst du auch mit?«
»Heute nicht, seid mir nicht böse, aber ich bin nicht in Whiskey-Laune.« Quentin hatte absichtlich abgesagt. Er wollte seinem Freund die Gelegenheit zu einem unverhofften Date ermöglichen.
»Okay, auch gut. Dann hole ich dich so in einer halben Stunde in deinem Büro ab, Charlie. Ist das in Ordnung für dich?« Lukas, der seinen Freund durchschaut hatte, grinste breit.
Charlie wurde rot. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Chef sich so eine Gelegenheit entgehen lassen würde. Quentin war doch sonst auch keine Spaßbremse.
»Ja, ja, sicher …«, stotterte sie, »… ich beeile mich.«
»Du schuldest mir bei Gelegenheit ein Bier, Lukas«, bemerkte Quentin trocken, als Charlie den Raum verlassen hatte.
»Ich weiß dein Opfer zu schätzen und werde mich bemühen, ein wahrer Gentleman zu sein«, lachte Lukas. »Soll ich dir vielleicht einen Whiskey mitbringen?«
»Danke, aber nein. Ein Bier ist mir, ehrlich gesagt, lieber.«
»Quentin, darf ich?«
»Guten Morgen, Charlie, komm nur herein. Wie war es gestern?«
»Einfach nur genial. Der Musiker hatte es wirklich drauf, und die Bar ist ein Traum, Quentin. Du hast wirklich etwas verpasst«, erzählte Charlie ganz euphorisch.
»Freut mich, das nächste Mal komme ich mit, natürlich nur, wenn Lukas und du mich dabeihaben wollt.
