PRALINEN DES TODES - Marie Anders - E-Book

PRALINEN DES TODES E-Book

Marie Anders

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Beschreibung

In der schönen Mozartstadt Salzburg wird am Ufer der Salzach der stadtbekannte Frauenschwarm Marc Bergmann tot auf einer Parkbank aufgefunden. Der zwielichtige Anwalt war nicht nur verheiratet, sondern hatte auch noch eine Verlobte und eine Geliebte. Genügend Verdächtige für Inspektor Neuner und sein Team. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass vergiftete Cognac-Pralinen ihm zu Verhängnis wurden. Alle möglichen Täter haben wasserdichte Alibis, doch ist nichts so, wie es scheint. Als plötzlich eine alte Sandkastenliebe des Inspektors in den Fall verwickelt wird, bekommt dieser eine unerwartete Wendung.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ma­rie An­ders wur­de in Kirch­dorf an der Krems, Ober­ös­ter­reich, ge­bo­ren. Sie ist in ei­nem in­ter­na­ti­o­na­len Um­feld mehr­spra­chig auf­ge­wach­sen und hat un­ter an­de­rem in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Ser­bi­en, Russ­land und Frank­reich ge­lebt, stu­diert und ge­ar­bei­tet. Seit Kur­z­em lebt und ar­bei­tet sie wie­der in ih­rer ös­ter­rei­chi­schen Hei­mat.

Wei­te­re lie­fer­ba­re Ti­tel

Die fin­ni­sche So­cke – In­spek­tor Neu­ners zwei­ter Fall

Tod im grü­nen Klee – In­spek­tor Neu­ners drit­ter Fall

Mord im Dos San­tos – In­spek­tor Neu­ners vier­ter Fall

Ma­rie An­ders

Pra­li­nen des To­des

Kri­mi­nal­ro­man

Der ers­te Fall für In­spek­tor Neu­ner

BRINKLEY

Pra­li­nen des To­desErst­aus­ga­be bei: Ver­lag Fe­der­frei 2017(un­ter ISBN 978 – 3-903092 – 90 – 7)Über­a­r­bei­te­te Ver­si­on er­schie­nen bei:BRINKLEY Ver­lag 2021

© Ma­rie An­ders

Ohne schrift­li­che Ge­neh­mi­gung des Her­aus­ge­bers darf kein Teil die­ser Pu­bli­ka­ti­on in ir­gend­ei­ner Form ver­viel­fäl­tigt, über­tra­gen oder ge­spei­chert wer­den.Alle Rech­te vor­be­hal­ten.

So­wohl die im Buch vor­kom­men­den Per­so­nen als auch die Hand­lun­gen sind von der Au­to­rin frei er­fun­den. Na­men und Ähn­lich­kei­ten mit Per­so­nen oder tat­säch­li­chen Hand­lun­gen sind zu­fäl­lig und nicht ge­wollt.

Satz: Con­stan­ze Kra­mer, co­ver­bou­tique.deLek­to­rat: S. Suss­man© Um­schlag­ge­stal­tung: BRINKLEY / Amit Ku­marun­ter Ver­wen­dung von:pexels und shut­ter­stock free stock images

Ge­druckt und ge­bun­den von: SKA­LA PRINT

ISBN 978-3-9519891-6-7

www.brinkley-ver­lag.at

Pra­li­nen des To­des

Der ers­te Fall für In­spek­tor Neu­ner

Ein wun­der­schö­ner, war­mer Som­mer­tag. Ein leich­ter Wind­zug säu­sel­te lei­se durch die ­be­zau­bern­de Ba­rock­stadt. Der Hauch längst ver­gan­ge­ner Zei­ten war all­ge­gen­wär­tig. Eine Me­lo­die lag in der Luft. Hun­der­te Töne er­klan­gen und alle per­fekt ge­trof­fen. Eine Mo­zart-Sym­pho­nie, die wohl­tö­nend durch die Gas­sen der Alt­stadt wir­bel­te. Gei­gen schwan­gen sich im­mer wei­ter em­por, Cel­li setz­ten eine Ok­ta­ve un­ter den Gei­gen ein, und da war er der zum Hö­he­punkt füh­ren­de Pau­ken­schlag.

– 1 –

Mia und Ale­xia wa­ren so in ihr Ge­spräch ver­tieft, dass sie die Mu­sik nicht wahr­nah­men.

»Und dann, das musst du dir mal vor Au­gen füh­ren.« Ale­xia sto­cher­te ap­pe­tit­los in ih­rem grie­chi­schen Sa­lat her­um. Trä­nen der Ent­täu­schung und des Zorns lie­fen über ihr hüb­sches Ge­sicht. »Ich komm aus der Du­sche, der Kerl gibt mir einen Kuss wie schon lan­ge nicht mehr, drückt mir eine Tas­se Kaf­fee in die Hand und legt mir ein­fach Schei­dungs­pa­pie­re auf den Früh­stücks­tisch.«

Mia, Ale­xi­as bes­te Freun­din und Ge­schäfts­part­ne­rin, die ei­gent­lich Ma­ria Anna Stei­ger hieß, ver­schluck­te sich und ließ ver­se­hent­lich ihre Ga­bel klir­rend zu Bo­den fal­len. »Er hat was?!«, prus­te­te sie her­vor. »Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ist er denn von al­len gu­ten Geis­tern ver­las­sen?«, schrie sie em­pört durchs Re­stau­rant.

Ei­ni­ge Gäs­te dreh­ten sich pi­kiert zu Mia um, mus­ter­ten die auf­ge­brach­te, ele­gant ge­klei­de­te jun­ge Frau kurz, um sich dann wie­der ih­ren Mit­tag­es­sen zu wid­men. Der auf­merk­sa­me Kell­ner brach­te Mia so­fort ein fri­sches Ge­deck. Doch die wut­ent­brann­te Mia schob ihre Ge­mü­se­qui­che mit­samt dem Be­steck bei­sei­te und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»So et­was kann er doch nicht ma­chen, was denkt die­se wi­der­wär­ti­ge Per­son sich ei­gent­lich da­bei? Ich hab es ja schon im­mer ge­wusst, die­ser Drecks­kerl, mir feh­len die Wor­te. So ein­fach kannst du ihn nicht da­von­kom­men las­sen.« Mia at­me­te schwer, sie hat­te sich in Rage ge­re­det. »Pass auf, auf dem Weg zur Ga­le­rie set­ze ich dich bei Mer­tens und Part­ner ab. Dein Pa­ten­on­kel wird dir si­cher ju­ris­ti­schen Rat ge­ben kön­nen, du musst so­fort han­deln, Ale­xia.«

Mia deu­te­te dem Kell­ner, dass sie zah­len woll­te. Un­ge­dul­dig fin­ger­te sie in ih­rer Geld­ta­sche her­um. Nach kur­z­em Su­chen zog sie einen Fünf­zig-Euro-Schein her­aus und knall­te ihn auf den Tisch. Mia sprang auf und deu­te­te ih­rer Freun­din, das­sel­be zu tun. Sie kann­te Ale­xia gut ge­nug, um zu wis­sen, dass die­ser Tag für ihre Freun­din ge­lau­fen war und sie die ge­mein­sa­me Ga­le­rie al­lei­ne öff­nen muss­te.

– 2 –

Ale­xia sah sich in Jan Mer­tens’ Büro um. Ein klei­ner en­ger Raum mit ei­nem Guck­loch, nicht grö­ßer als das Bull­au­ge ei­nes Schif­fes. Trotz­dem schien die Son­ne durch die­se win­zig klei­ne Luke und warf ein scha­r­fes Licht auf einen Ak­ten­berg, der sich am Bo­den ne­ben je­der Men­ge Fach­zeit­schrif­ten, Zei­tun­gen, Le­xi­ka und Ge­set­zes­tex­ten sta­pel­te. Ale­xia hat­te das Ge­fühl, dass die Son­ne ge­nau die­sen Ak­ten­berg aus­ge­sucht hat­te, um ihm einen ganz be­son­de­ren Glanz zu ver­lei­hen. Un­will­kür­lich muss­te sie lä­cheln. Noch nie hat­te Ale­xia so ein Durch­ein­an­der und Cha­os ge­se­hen. Un­ter un­glaub­li­chen Pa­pier­ber­gen ließ sich der an­ti­ke Schreib­tisch, den sie im Som­mer ge­mein­sam mit Jan bei ei­nem Tröd­ler ge­fun­den hat­te, nur noch er­ah­nen. Mar­kus Mer­tens, Ale­xi­as Pa­ten­on­kel und Jans Va­ter, ei­ner der an­ge­se­hens­ten An­wäl­te der Stadt und bes­ter Freund ih­res Va­ters, pro­te­gier­te sei­nen Sohn nicht. Er war der Mei­nung, dass sein Sohn sich den Platz in der Kanz­lei erst durch har­te Ar­beit ver­die­nen müs­se.

»Ale­xia, will­kom­men in mei­ner Gruft.« La­chend kam Jan Mer­tens zu Tür her­ein, küss­te Ale­xia auf bei­de Wan­gen, ent­fern­te ei­ni­ge Ak­ten, die sei­nen Be­su­cher­ses­sel blo­ckier­ten und plat­zier­te sie ge­schickt auf den über­häuf­ten Schreib­tisch. Of­fen­sicht­lich hat­te er Übung im Sta­peln. Ele­gant und ge­konnt schwang er den Ses­sel in Ale­xi­as Rich­tung. »Setz dich doch. Schön, dass du mal bei mir rein­schaust. Hat­test du ge­schäft­lich bei mei­nem Va­ter zu tun?«

»Nein, Jan«, Ale­xia räus­per­te sich. »Ich bin in ei­ner eher pri­va­ten An­ge­le­gen­heit hier.« Ver­le­gen blick­te sie zu Bo­den, denn ei­gent­lich woll­te sie nicht, dass Jan sie so sah. »Jan, ich brau­che dei­nen Rat als Freund und An­walt.«

»Das klingt ja mys­te­ri­ös. Du er­le­digst doch sonst alle ju­ris­ti­schen Be­lan­ge mit mei­nem Va­ter.«

Ale­xia setz­te sich, stell­te ihre Hand­ta­sche auf dem Ak­ten­berg ne­ben dem Ses­sel ab und schlug ele­gant ihre Bei­ne über­ein­an­der. »Jan, ich hab da ein Pro­blem.« Sie blick­te ihm nun di­rekt in die Au­gen. Ir­gend­wo un­ter dem Sta­pel Ak­ten und Bü­chern summ­te ein Te­le­fon. Eine schö­ne Me­lo­die, die im­mer lau­ter wur­de, er­tön­te. »Soll­test du den An­ruf nicht ent­ge­gen­neh­men?«

»Ja, ei­gent­lich schon, aber es wird schon nicht so wich­tig sein. Jetzt möch­te ich ein­fach nur für dich da sein und dir zu­hö­ren.«

Ale­xia schüt­tel­te den Kopf. Sie konn­te nicht ver­ste­hen, wie Jan sich in die­sem Cha­os zu­recht­fin­den und ar­bei­ten konn­te. Sie selbst brauch­te ein sau­be­res und struk­tu­rier­tes Ar­beit­s­um­feld. »Es tut mir leid, Jan, ich sehe, du hast wirk­lich viel um die Oh­ren, und jetzt be­an­spru­che ich auch noch dei­ne Zeit. Viel­leicht soll­te ich mein An­lie­gen lie­ber doch mit dei­nem Va­ter be­spre­chen.« Sie woll­te sich er­he­ben, doch Jan war schnel­ler und hielt sie zu­rück.

»Nichts da, Ale­xia Berg­mann«, sanft drück­te Jan sie in den Be­su­cher­ses­sel zu­rück. »Du weißt, dass ich für dich im­mer, und ich mei­ne im­mer, Zeit habe und ha­ben wer­de. Also, wo liegt der Hund be­gra­ben? Pro­ble­me mit ei­nem Kli­en­ten oder ei­nem dei­ner Künst­ler?« Jan schob ei­ni­ge Ak­ten zur Sei­te und lehn­te sich, mit bei­den Ar­men ab­stüt­zend, an den Schreib­tisch. »Kann ich dir Kaf­fee oder et­was an­de­res an­bie­ten?« Ale­xia ent­spann­te sich et­was. »Ja, ein Mi­ne­ral­was­ser, bit­te.«

Jan be­stell­te einen Cappuc­ci­no und ein Mi­ne­ral­was­ser bei der Se­kre­tä­rin sei­nes Va­ters und wid­me­te sich wie­der sei­nem Gast. Lang­sam ging er um den Schreib­tisch her­um, ohne Ale­xia aus den Au­gen zu las­sen, ir­gen­d­et­was stimm­te mit ihr nicht. Sie sah so trau­rig und zer­brech­lich aus. Er nahm Platz und fi­xier­te Ale­xia nun noch durch­drin­gen­der als zu­vor.

»Ale­xia! Ich ken­ne dich seit ewi­gen Zei­ten, und ich mer­ke doch, dass et­was nicht stimmt, also, nur kei­ne Scheu, raus mit der Spra­che.«

Die Se­kre­tä­rin brach­te die Ge­trän­ke, hat­te je­doch Mühe, die­se ab­zu­stel­len. Jan Mer­tens lä­chel­te sie mit sei­nem schöns­ten Son­ny­boy-Lä­cheln an und nahm ihr das Ta­blett ab. »Vie­len Dank, Anna, und, bit­te, sor­gen Sie da­für, dass wir un­ter kei­nen, und ich mei­ne un­ter kei­nen, Um­stän­den ge­stört wer­den.«

Ale­xia mus­ter­te ih­ren bes­ten Freund, und schon stie­gen die seit ih­rer An­kunft in der Kanz­lei un­ter­drück­ten Trä­nen in ih­ren schö­nen oliv­fa­r­be­nen Au­gen auf. Jan er­schrak, denn er kann­te Ale­xia seit sei­ner Kind­heit und wuss­te, dass sie nicht nah am Was­ser ge­baut war.

»Ale­xia, nicht doch, nicht wei­nen, es wird doch nicht so schlimm sein, oder?«

Er sprang auf, um sie zu um­ar­men. Un­end­li­ches Mit­leid stieg in ihm auf. Sel­ten hat­te er Ale­xia so er­lebt. Er hielt sie in sei­nen Ar­men, bis sie sich et­was be­ru­higt hat­te, und strich ihr trös­tend über ihr kurz ge­schnit­te­nes kas­ta­ni­en­brau­nes Haar. Er ahn­te, dass die An­ge­le­gen­heit nichts mit der gut lau­fen­den Ga­le­rie zu tun ha­ben konn­te, son­dern dass wohl Marc hin­ter Ale­xi­as Mi­se­re ste­cken muss­te.

»Klei­nes, was ist denn pas­siert? Du kannst mir al­les er­zäh­len, und ich ver­spre­che dir, dass ich mein Bes­tes tun wer­de, um dir zu hel­fen.«

»Marc, er ist … Marc ist … er will sich … er will sich schei­den las­sen«, brach es aus Ale­xia her­aus.

»Schei­den las­sen? Marc will sich von dir schei­den las­sen?«

Ale­xia nick­te und wein­te sich nun hem­mungs­los an Jans Schul­ter aus. Jan seufz­te und dank­te ins­ge­heim Gott, dass es nichts Schlim­me­res war. Er konn­te Marc Berg­mann noch nie lei­den. Er wuss­te schon im­mer, dass er nicht gut für Ale­xia war. Marc hat­te mit ihm stu­diert, schon wäh­rend die­ser Zeit war er als Wei­ber­held ver­schri­en, der nichts an­bren­nen ließ, und dar­an hat­te sich auch wäh­rend sei­ner nun fünf­jäh­ri­gen Ehe mit Ale­xia nichts ge­än­dert.

»Sor­ry, ich woll­te mich nicht so ge­hen las­sen.« Ale­xia nahm das Stoffta­schen­tuch, das Jan ihr reich­te, putz­te sich die Nase und trank einen Schluck Was­ser.

»Ale­xia, ich bit­te dich. Es muss ein Schock für dich ge­we­sen sein, als Marc dich um die Schei­dung bat.«

»Er bat mich nicht. Er hat mich vor voll­en­de­te Tat­sa­chen ge­stellt«, sag­te sie mit schluch­zen­dem, aber den­noch bit­te­rem Un­ter­ton. »Ich kann es mir ein­fach nicht er­klä­ren. Für mich war al­les in Ord­nung, wir ha­ben uns gut ver­stan­den, und ich hat­te im­mer das Ge­fühl, eine glü­ck­li­che Ehe zu füh­ren. Vor ei­ni­gen Ta­gen ha­ben wir so­gar noch un­se­ren Win­ter­ur­laub ge­plant.«

Jan wuss­te, dass Ale­xia die Af­fä­ren ih­res Ehe­man­nes igno­rier­te. Oft hat­te er bei ihr ge­ses­sen und mit ihr dar­über spre­chen wol­len, doch Ale­xia hat­te im­mer ab­ge­blockt und woll­te nichts da­von hö­ren. Marc war ihre gro­ße Lie­be, und sie woll­te und konn­te nie­man­dem er­lau­ben, ihn schlechtzu­ma­chen.

Auch Ale­xi­as El­tern, Bea und Gerd Brun­ner, wa­ren schon im­mer ge­gen die Liai­son mit Marc Berg­mann ge­we­sen. Sie hat­ten Angst, dass Marc sich nur die sehr gut ge­hen­de Bau­fir­ma von Gerd Brun­ner un­ter den Na­gel rei­ßen woll­te. Nur aus Lie­be zu sei­ner Toch­ter hat­te Gerd Brun­ner nach de­ren Hoch­zeit vor fünf Jah­ren Marc Berg­mann zum ju­ris­ti­schen Be­ra­ter sei­ner Aus­lands­ab­tei­lung ge­macht.

»Wis­sen dei­ne El­tern es schon?«

»Nn­nee­ein«, schluchz­te Ale­xia er­neut, »nur Mia und jetzt du.«

»Hast du die Pa­pie­re bei dir? Ich wür­de sie mir ger­ne an­se­hen, und den Ehe­ver­trag müss­te ich auch über­prü­fen.« Er­staunt sah Ale­xia ihn un­ter Trä­nen an.

»Ihr habt doch einen Ehe­ver­trag, oder etwa nicht?«

Ale­xia, die sich lang­sam be­ru­hig­te, hob ihre Ta­sche auf, zog die zer­knit­ter­ten Schei­dungs­pa­pie­re her­aus und über­reich­te sie Jan.

»Wir ha­ben kei­nen Ehe­ver­trag«, sag­te sie klein­laut und ernst. »Ich dach­te, es sei nicht wich­tig und auch nicht not­wen­dig, ich habe Marc im­mer blind ver­traut und ver­traue ihm auch jetzt noch. Er wür­de doch nie et­was tun, was mir scha­den könn­te.«

Ale­xia hat­te das Schrift­stück noch nicht an­ge­se­hen, und die For­de­run­gen, die Marc an sie stell­te, noch nicht ge­le­sen. Jan über­flog die Pa­pie­re kurz. Nach we­ni­gen Zei­len merk­te er, dass Marc alle Re­gis­ter zie­hen wür­de, um an die Hälf­te von Ale­xi­as Ver­mö­gen zu kom­men. Doch dies ver­schwieg er erst mal und ver­an­lass­te die Se­kre­tä­rin sei­nes Va­ters, Ko­pi­en an­zu­fer­ti­gen und eine Ak­ten­map­pe an­zu­le­gen. Er woll­te Ale­xia nicht un­nö­tig be­un­ru­hi­gen und ihr noch et­was Schon­zeit ge­wäh­ren. Die Ver­hand­lun­gen mit Marc wür­den, den Do­ku­men­ten nach zu ur­tei­len, oh­ne­hin zäh ge­nug wer­den. Nach­dem die Se­kre­tä­rin ihm die Ak­ten­map­pe überg­ab, leg­te er den Ord­ner zur Sei­te und schlug Ale­xia vor, sie nach Hau­se zu be­glei­ten.

»Ich muss in die Ga­le­rie«, flüs­ter­te Ale­xia.

Be­hut­sam leg­te Jan sei­nen Arm um ihre Schul­ter. »Okay, ich kom­me mit.«

– 3 –

Ale­xia kommt heu­te si­cher­lich nicht mehr in die Ga­le­rie, dach­te Mia. Den Ter­min mit dem bel­gi­schen Kunst­ex­per­ten Ro­bert van der Leek hat­te sie vor­sorg­lich ab­ge­sagt. Zum ers­ten Mal seit Wo­chen konn­te sie sich auf einen ent­spann­ten Nach­mit­tag freu­en und die Ga­le­rie et­was frü­her schlie­ßen.

Ge­ra­de als sie den Schlüs­sel ins Schloss ste­cken woll­te, hielt je­mand ihr von hin­ten die Au­gen zu. Mia er­kann­te die gro­ßen, sanf­ten Hän­de so­fort.

»Ich wer­de dich erst ent­füh­ren und dann ver­füh­ren«, hauch­te eine ver­trau­te Stim­me ihr ins Ohr. Mia dreh­te sich um und küss­te ih­ren Liebs­ten über­g­lü­ck­lich. Zeit­gleich sprang Mias Misch­lings­hund Mo­ritz an dem Paar hoch. Mias Freund strei­chel­te ihn und nahm ihr die Lei­ne aus der Hand.

»Ich bin mit dei­nem Ca­brio da, ein Pick­nick­korb ist be­reits ver­staut. Ei­gent­lich brau­che ich nur noch dich und Mo­ritz, und wir kön­nen zum Irr­see fah­ren.«

»Wun­der­bar, mein Schatz!« Er­neut küss­te Mia ihn. »Los geht’s, Mo­ritz, hopp«, und schon war der Hund im Auto.

Ale­xia und Jan ka­men ge­ra­de noch recht­zei­tig um die Ecke, um das Heck von Mias Beet­le zu se­hen.

»Oh, das war Mia mit ih­rem ge­heim­nis­vol­len neu­en Lover. Sie will mir ein­fach nicht ver­ra­ten, wer der neue Mann an ih­rer Sei­te ist.«

»Soll­test du als bes­te Freun­din so et­was nicht als Ers­te er­fah­ren?«, wun­der­te Jan sich.

»Ach, weißt du, Jan, Mia mein­te, es sei noch zu frisch für die Öf­fent­lich­keit. Du kennst sie ja, sie ist im­mer sehr ge­heim­nis­voll, wenn es um ihre Män­ner geht. Kannst du mal hal­ten?« Ale­xia drück­te Jan einen der bei­den Hen­kel ih­rer über­gro­ßen Hand­ta­sche in die Hand und kram­te in dem Beu­tel her­um. Das ist mei­ne Lieb­ling­s­ta­sche, aber sie hat nun mal den Nach­teil, dass die Schlüs­sel sich dar­in im­mer ver­lie­ren«, mur­mel­te sie. »Eh voilà, da ist er ja.«

»Glaubst du, wir ken­nen ihn?«

»Wen?«

»Na, Mias Neu­en.«

»Nein, auf kei­nen Fall, sonst müss­te sie ja kein so gro­ßes Ge­heim­nis um ihn ma­chen.«

Oder ge­ra­de des­halb, dach­te Jan, ohne es laut aus­zu­spre­chen.

Jan moch­te die stroh­blon­de Mia nicht. Nur Ale­xia zu­lie­be be­müh­ten sich bei­de um ein freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis. Mia war für Jan schon im­mer ein ro­tes Tuch ge­we­sen. Ein Typ Mensch, der im­mer das ha­ben muss­te, was an­de­re ge­ra­de hat­ten, und sie hat­te kei­ne Skru­pel, sich dies auch zu neh­men. Mia hat­te einen enor­men Män­ner­ver­schleiß und mach­te sich grund­sätz­lich an die, wie sie selbst es nann­te, ›schwie­ri­gen Ty­pen‹ her­an. Ihre be­vor­zug­te Beu­te wa­ren ver­hei­ra­te­te Män­ner, mög­lichst un­ab­hän­gig und wohl­ha­bend. Für Mia war das fast schon ein Sport. Jan hat­te es nie ver­stan­den, war­um Ale­xia sich aus­ge­rech­net mit Mia so gut ver­stand, wo sie doch so grund­ver­schie­den wa­ren. Ale­xia, treu, für­sorg­lich und hilfs­be­reit, die im­mer ein of­fe­nes Ohr für die Pro­ble­me an­de­rer hat­te und dann die rück­sichts­lo­se Mia, die in den Tag hin­ein­leb­te, mach­te was sie woll­te, und da­bei auch noch we­nig Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein an den Tag leg­te. Viel­leicht zo­gen Ge­gen­sät­ze sich ja wirk­lich an, und als Ga­le­rie­part­ne­rin mach­te Mia sich ei­gent­lich auch ganz gut.

Jan war schon län­ger nicht mehr in der Ga­le­rie ge­we­sen. Er schlen­der­te durch die ge­schmack­voll de­ko­rier­ten Räu­me. Ale­xia und Mia hat­ten ein Händ­chen für Kunst. Ge­schickt hat­ten sie die Ge­mäl­de an den Wän­den be­leuch­tet, grö­ße­re und klei­ne­re Skulp­tu­ren auf an­ti­ken Bei­stell­tisch­chen plat­ziert und kunst­voll Va­sen mit bun­ten Blu­men ar­ran­giert. Ein Hauch von Som­mer­duft lag in den Räu­men. Ale­xia hat­te ei­ni­ge neue Künst­ler un­ter Ver­trag, von de­nen er noch nie et­was ge­hört, ge­schwei­ge denn ge­se­hen hat­te. Er war kein Kunst­ken­ner, muss­te Jan sich ein­ge­ste­hen, den­noch stach ihm ein Ge­mäl­de ganz be­son­ders ins Auge. Er moch­te es auf An­hieb.

Ale­xia be­ob­ach­te­te Jan von ih­rem Schreib­tisch aus. Erst jetzt fiel ihr auf, wie sehr er sich in den letz­ten Jah­ren ver­än­dert hat­te. Mit Mit­te zwan­zig war der ein Me­ter neun­zig gro­ße Jan noch eher ein über­gro­ßer Jun­ge ge­we­sen, ein le­bens­lus­ti­ger Stu­dent, ein Son­ny­boy, im­mer einen Scherz auf den Lip­pen. Jetzt mit Ende drei­ßig, war er ein gut aus­se­hen­der Mann in maß­ge­schnei­der­tem An­zug. Die per­fekt zu sei­nen blau­grau­en Au­gen pas­sen­de Kra­wat­te und das ta­del­los ge­bü­gel­te wei­ße Hemd lie­ßen ihn sehr männ­lich wir­ken. Sei­ne dun­kel­blond ge­lock­ten kur­z­en Haa­re run­de­ten sein at­trak­ti­ves Er­schei­nungs­bild ab. Ein er­wach­se­ner Son­ny­boy, dach­te Ale­xia und fand es scha­de, dass er noch im­mer kei­ne ge­eig­ne­te Part­ne­rin ge­fun­den hat­te. Ver­mut­lich hat­te er ein­fach zu viel zu tun. Lang­sam nä­her­te sie sich ihm.

»Das ist auch mein Lieb­lings­bild. Der Ma­ler nennt sich Pi­erre, er ist aus­ge­spro­chen ta­len­tiert und stu­diert noch an der Uni­ver­si­tät für an­ge­wand­te Kunst in Wien. Er ist erst drei­und­zwan­zig. Ich hab ihn bei ei­nem Work­shop in Inns­bruck ken­nen­ge­lernt und war so­fort von sei­ner Kunst be­geis­tert.«

Jan trat ei­ni­ge Schrit­te zu­rück, um das Bild noch ein­mal auf sich wir­ken zu las­sen. »Ja, wirk­lich, das Bild hat was. Hat es einen Na­men?«

»Ja, Pi­erre hat es ›Irr­we­ge der Ge­füh­le‹ ge­nannt.«

Jan woll­te et­was er­wi­dern, dreh­te sich zu Ale­xia, aber hielt inne, als er ihr blei­ches Ge­sicht wahr­nahm. »Du siehst er­schöpft und müde aus, Ale­xia, komm, ich brin­ge dich nach Hau­se.«

»Nein, Jan, wirk­lich nicht, dan­ke für dein net­tes An­ge­bot, aber es geht schon. Ich hab hier noch ei­ni­ges für eine Ver­nis­sa­ge vor­zu­be­rei­ten.«

»Kann ich dich denn wirk­lich al­lei­ne las­sen?«

»Aber ja, mach dir um mich mal kei­ne Sor­gen. Ar­beit ist die bes­te Ab­len­kung.«

»Si­cher?«

»Ja, wirk­lich, Jan, die Ver­nis­sa­ge ist wich­tig für die Ga­le­rie. Sie könn­te un­ser Durch­bruch sein.«

»Gut, dann fahr ich noch mal ins Büro und wer­de die Schei­dungs­un­ter­la­gen ge­nau­er durch­se­hen. Ich mel­de mich spä­ter noch bei dir.«

Jan nahm Ale­xia in den Arm und drück­te sie fest an sich. »Ich bin im­mer für dich da, Klei­nes«, flüs­ter­te er kaum hör­bar in Ale­xi­as Haar. »Ich wer­de im­mer für dich da sein«, hauch­te er noch lei­ser.

Ale­xia schloss die Tür der Ga­le­rie hin­ter Jan ab und dreh­te das Hin­weis­schild OPEN/CLO­SED auf CLO­SED. Sie lehn­te sich kurz an die Tür, end­lich war sie al­lein. Lang­sam ging sie durch die Ga­le­rie zu ih­rem Schreib­tisch zu­rück. Die Bü­ros wa­ren mit Glas­wän­den von den Ausstel­lungs­räu­men ge­trennt. Ih­res sah auf­ge­räumt aus, fast so als ob hier nie­mand ar­bei­ten wür­de. In Mias Büro hin­ge­gen herrsch­te ein heil­lo­ses Durch­ein­an­der. Of­fen­sicht­lich hat­te sie be­reits ei­ni­ge Bil­der für die Ver­nis­sa­ge aus­ge­sucht, die nun an der Wand lehn­ten. Ale­xia hat­te nach ih­rem Kunst­stu­di­um die Ga­le­rie er­öff­net und viel Herz­blut in den Auf­bau ge­steckt. Mia ent­schloss sich erst ein Jahr spä­ter, bei Ale­xia ein­zu­stei­gen. Die Ga­le­rie hat­ten Mia und sie sich in müh­sams­ter Klein­ar­beit auf­ge­baut. Es war nicht ein­fach, sich in Sa­lz­burg einen Na­men zu ma­chen. Aber sie wa­ren auf dem bes­ten Weg. Die Ver­nis­sa­ge, die sie vor­be­rei­te­ten, könn­te der Durch­bruch sein, viel­leicht bald auch in­ter­na­ti­o­nal. Die Ga­le­rie war für Ale­xia nicht nur eine Le­bens­auf­ga­be, son­dern auch ein Ort der Be­geg­nung, um ei­ner­seits jun­ge Künst­ler zu för­dern und zum an­de­ren das Be­wusst­sein für Kunst zu we­cken. Nach­denk­lich setz­te sie sich hin­ter ih­ren Schreib­tisch, nahm den Fris­ten­ord­ner mit der To-do-Lis­te und mach­te sich so­gleich an die Ar­beit. Es muss­te ei­ni­ges schnellst­mög­lich ge­klärt und er­le­digt wer­den. Der Ti­tel der Ver­nis­sa­ge war ›Jun­ge Künst­ler und ihre Sehn­süch­te‹, eine Open-Air-Ausstel­lung im Mi­ra­bell­gar­ten. Es muss­ten noch wei­te­re Künst­ler kon­tak­tiert, Ge­neh­mi­gun­gen ein­ge­holt, zu­sätz­li­che Ein­la­dun­gen ge­druckt und das Ca­te­ring or­ga­ni­siert wer­den. Schließ­lich hat­ten sich be­reits re­nom­mier­te Kunst­kri­ti­ker, Jour­na­lis­ten und rund zwei­hun­dert­fünf­zig ge­la­de­ne Gäs­te an­ge­kün­digt. Ale­xia hat­te sich zwar eine an­ge­mes­se­ne Zeit­span­ne ge­setzt, um das Event auf die Bei­ne zu stel­len, aber der Ter­min rück­te nä­her, und sie woll­te al­les per­fekt or­ga­ni­sie­ren. Das war ein Mar­ken­zei­chen ih­rer Ga­le­rie. Events, Ver­nis­sa­gen und Ver­käu­fe wur­den von Mia und ihr im­mer bis ins letz­te De­tail ge­plant. Die Freun­din­nen wa­ren sich ei­nig, dass die Ga­le­rie nur dann auch in­ter­na­ti­o­nal Er­folg ha­ben wür­de, wenn sie al­les mög­lichst ohne Pan­nen über die Büh­ne brach­ten. Ale­xia ge­noss es, al­lein im Büro zu sein, end­lich hat­te sie die nö­ti­ge Ruhe, um sich ganz auf ih­rer Ar­beit kon­zen­trie­ren zu kön­nen. An­fangs wan­der­ten ihre Ge­dan­ken zwar im­mer wie­der zu Marc, aber nach und nach ver­tief­te sie sich so in die Pla­nung der Ausstel­lung, dass sie al­les um sich her­um ver­gaß. Erst das schril­le Klin­geln ih­res Han­dys riss sie aus ih­rer Kon­zen­tra­ti­on. Es war Jan, der sich sorg­te und wis­sen woll­te, ob er noch vor­bei­kom­men soll­te. Ale­xia lehn­te dan­kend ab, sie woll­te nur noch eine E-Mail an Pi­erre schrei­ben und dann nach Hau­se ge­hen.

– 4 –

Mia kam er­schöpft, aber glü­ck­lich von ih­rer Spritz­tour zum Irr­see in ihre schö­ne, durch­ge­styl­te Stadt­woh­nung zu­rück. Mo­ritz lief so­fort zum Sofa und mach­te sich auf sei­ner blau­en Ku­schel­de­cke breit. Die Putz­frau hat­te sau­ber ge­putzt, und es roch leicht nach Zi­tru­s­öl. Als Mia das Wohn­zim­mer be­trat, ihre Sa­chen in eine Ecke warf und sich auf die ku­sche­li­ge Couch plump­sen ließ, at­me­te sie den Duft tief ein. Ih­ren Lover hat­te sie an der Tür ver­ab­schie­det. Er hat­te et­was zu er­le­di­gen und wür­de sich spä­ter bei ihr mel­den. Für Mia war das nichts Neu­es, denn schließ­lich war er ja ver­hei­ra­tet und hat­te Ver­pflich­tun­gen. Dies war auch der Grund, war­um Mia ihre neue Be­zie­hung noch nicht an die gro­ße Glo­cke hän­gen woll­te.

Auf dem An­ruf­be­ant­wor­ter schie­nen drei Nach­rich­ten auf. Eine von ih­rer Putz­frau, um ihr mit­zu­tei­len, dass sie in der nächs­ten Wo­che in Ur­laub wäre, eine von ih­rem Bru­der, der nur wis­sen woll­te, wie es ihr ging, und eine von Ale­xia, die einen Brief an van der Leek such­te.

Be­tre­ten schau­te Mia auf den An­ruf­be­ant­wor­ter. Was für eine Freun­din war sie nur? Den gan­zen Nach­mit­tag hat­te sie we­der einen Ge­dan­ken an die Ga­le­rie noch an Ale­xia ver­schwen­det. Ein selt­sa­mes Ge­fühl, das man wohl als schlech­tes Ge­wis­sen be­zeich­nen konn­te, mach­te sich in ihr breit. Sie hat­te einen so wun­der­ba­ren Tag am See ver­bracht und ab­so­lut kei­nen Ge­dan­ken an ir­gen­d­et­was oder ir­gend­je­man­den ver­schwen­det. Wäre ihr Ähn­li­ches ge­sche­hen, wäre Ale­xia die Ers­te, die für sie da ge­we­sen wäre. Mia war er­schöpft von der fri­schen Luft. Ihr Freund hat­te ein wun­der­schö­nes Pick­nick mit Cham­pa­gner, Ka­vi­a­r­bröt­chen und Obst vor­be­rei­tet. So­gar für Mo­ritz gab es einen gro­ßen Kno­chen. Nach dem Pick­nick tob­ten sie mit dem Hund her­um, schwam­men im See und lieb­ten sich in ei­ner ver­las­se­nen Bucht. Sie wür­de sich erst noch frisch ma­chen und sich dann bei Ale­xia mel­den. Der An­ruf war längst über­fäl­lig. Dann wür­de sie ein wun­der­vol­les Abend­es­sen für ih­ren Freund ko­chen, der ver­spro­chen hat­te, noch ein­mal vor­bei­zu­kom­men.

»Ale­xia, wo bist du? Sag nicht, dass du ar­bei­test«, rief Mia ins Te­le­fon.

»Hal­lo, Mia. Auf fri­scher Tat er­tappt. Ich sit­ze noch im Büro und ar­bei­te an der Mi­ra­bell-Ver­nis­sa­ge. Ich hab ge­se­hen, wie du mit ei­nem Un­be­kann­ten ab­ge­zischt bist, willst du mir nicht end­lich ver­ra­ten, wer dein neu­er Ver­eh­rer ist?«

»Ale­xia, du musst doch die Ver­nis­sa­ge nicht al­lei­ne vor­be­rei­ten. Ich bin doch auch noch da. Was mei­nen Neu­en be­trifft, wirst du noch früh ge­nug er­fah­ren, wer er ist. Wir wa­ren am See und hat­ten wirk­lich eine Mords­gau­di. So­gar Mo­ritz ist so er­schöpft, dass er sich nicht mehr von sei­ner De­cke be­wegt, und das heißt was. Aber was ist mit dir? Hast du dich nach dem ers­ten Schock von heu­te Mor­gen et­was ge­fan­gen?«

»Um ehr­lich zu sein, nein, aber ich hat­te zu viel um die Oh­ren, um auch nur an­satz­wei­se an Marc und die Schei­dung zu den­ken. Mia, ich möch­te heu­te nicht un­be­dingt nach Hau­se, könn­te ich aus­nahms­wei­se bei dir über­nach­ten?«

»Ale­xia, es macht doch kei­nen Sinn, vor den Tat­sa­chen zu flüch­ten. Du soll­test auf je­den Fall nach Hau­se und mit Marc über al­les spre­chen. Au­ßer­dem be­kom­me ich spä­ter noch Be­such, und du möch­test doch si­cher nicht mit uns Tur­tel­tau­ben un­ter ei­nem Dach sein.«

»Wer weiß, ob Marc heu­te über­haupt noch nach Hau­se kommt.«

»Du musst trotz­dem mit ihm spre­chen, du musst ihn an­ru­fen, hörst du?!«

»Ja, ja, ja! Ist ja gut! Du hast na­tür­lich recht. Ich wer­de dann wohl in der nächs­ten hal­b­en Stun­de auch nach Hau­se ge­hen.«

»Gut, ich sehe dich dann mor­gen in der Ga­le­rie. Pass auf dich auf und ruf an, falls du was brau­chen soll­test.«

Ale­xia leg­te auf. Mia hat­te na­tür­lich recht, sie konn­te nicht vor ih­ren Pro­ble­men da­von­lau­fen. Sie wür­de nach Hau­se ge­hen und mit Marc spre­chen. Sie muss­te die Si­tua­ti­on un­be­dingt schnells­tens klä­ren. Wie­der ging das Te­le­fon. Ale­xia über­leg­te kurz, ob sie den An­ruf noch ent­ge­gen­neh­men soll­te. Nach ei­nem Blick auf das Dis­play ent­schied sie sich da­ge­gen. Es war Ma­r­cs Bü­ro­num­mer. Sie hat­te noch kei­ne Lust, mit ihm zu dis­ku­tie­ren. Erst woll­te sie sich men­tal auf die Aus­spra­che vor­be­rei­ten. Sie brauch­te je­man­den zum Re­den. Mia hat­te kei­ne Zeit für sie. Eine neue Lie­be ist im­mer so auf­re­gend, und al­les an­de­re scheint un­wich­tig. Ale­xia ver­stand das nur zu gut. Sie wähl­te Jans Han­dy­num­mer

»Ale­xia, Klei­nes, wie ich sehe, bist du noch in der Ga­le­rie. Soll ich dich ab­ho­len und nach Hau­se brin­gen?«

»Ach, Jan, ir­gend­wie hab ich über­haupt kei­ne Lust, nach Hau­se zu ge­hen. Marc hat ge­ra­de ver­sucht, mich an­zu­ru­fen, aber ich bin noch nicht be­reit, mit ihm zu spre­chen.«

»Ale­xia, ich kann dir als Freund nur ra­ten, mit ihm zu re­den. Es macht doch kei­nen Sinn, das Ge­spräch un­nö­tig zu ver­schie­ben.«

»Bleib mal kurz dran, Jan, mein Han­dy klin­gelt«

»Ja, ich bleib dran.«

»Ale­xia, end­lich er­rei­che ich dich. Ich dach­te, du wärst noch in der Ga­le­rie.«

»Marc, was willst du?« Ale­xi­as Stim­me klang küh­ler als ge­plant.

»Ich woll­te dir nur sa­gen, dass ich für zwei Tage dienst­lich nach Ham­burg flie­gen muss und erst dann mei­ne Sa­chen aus un­se­rer Woh­nung ho­len wer­de. Also, war­te nicht auf mich.«

»Marc, was soll das?«, schrie Ale­xia, aber Marc hat­te be­reits auf­ge­legt, ohne sich zu ver­ab­schie­den.

»Jan, bist du noch dran?«

»Ja si­cher. Soll ich vor­bei­kom­men?«

»Nein, nein, schon gut. Es war Marc. Er fliegt für zwei Tage dienst­lich nach Ham­burg.«

»Das sagt er dir so kurz­fris­tig?«

»Na ja, heu­te Mor­gen hat­te er mir ja die Schei­dungs­pa­pie­re hin­ge­knallt und ist aus dem Haus ge­stürmt, und tags­über hab ich nicht mit ihm ge­spro­chen.«

»Viel­leicht ist es auch bes­ser, wenn er nicht nach Hau­se kommt, so hast du zu­min­dest zwei Tage, um dich see­lisch auf das Ge­spräch mit ihm vor­zu­be­rei­ten.«

»Stimmt. Ich gehe jetzt ein­fach nach Hau­se und leg mich mit ei­nem gu­ten Buch ins Bett. Das wird mich be­stimmt et­was ab­len­ken.«

»Ale­xia, wenn du was brauchst, egal, was, kannst du mich je­der­zeit er­rei­chen. Du weißt, ich bin im­mer für dich da und komm auch mit­ten in der Nacht, wenn du willst.«

»Dan­ke, Jan. Aber lie­ber wär es mir, wenn wir uns mor­gen zum Früh­stück tref­fen könn­ten. Viel­leicht kannst du mir bis da­hin Nä­he­res zu den Schei­dungs­for­ma­li­tä­ten sa­gen. Ich muss nicht vor zehn in der Ga­le­rie sein.«

»Ja, sehr gute Idee. Die Pa­pie­re hab ich so weit durch. Ich schreib dir noch ein­zel­ne Kom­men­ta­re zu den ver­schie­de­nen Punk­ten dazu.«

»Ja, gut, dann ha­ben wir ein Date für mor­gen, sa­gen wir, ge­gen acht?«

»Gut, acht Uhr ist per­fekt. Ich brin­ge fri­sche Sem­meln mit. Ale­xia, du soll­test jetzt aber wirk­lich nach Hau­se ge­hen und dich er­ho­len, du brauchst noch viel Kraft in der nächs­ten Zeit.«

»Dan­ke, Jan, das mach ich. Schlaf gut und bis mor­gen.«

Ale­xia pack­te ihre Sa­chen, ein paar Ver­trä­ge und ging noch ein­mal wie je­den Abend durch alle Räu­me. Sie knips­te die Lam­pen, die ei­ni­ge Kunst­wer­ke nachts­über be­leuch­te­ten, an. Lang­sam dreh­te sie sich noch ein­mal um, ehe sie die Ga­le­rie ab­schloss.

– 5 –

Son­ja Westreit hat­te im Gast­hof Ma­ria Plain einen Tisch für zwei re­ser­viert und war­te­te seit ei­ner gu­ten hal­b­en Stun­de un­ge­dul­dig auf Marc Berg­mann. Die­ser ver­spä­te­te sich mal wie­der.

»Wahr­schein­lich hat er Streit mit sei­ner Frau Ale­xia«, dach­te Son­ja und blick­te ge­dan­ken­ver­lo­ren auf die Stra­ße. »Ale­xia kann ihn doch ein­fach raus­wer­fen, dann wür­de die­ses ewi­ge Hin und Her end­lich ein Ende neh­men, und Marc könn­te zu mir ste­hen, er war ja so­wie­so nie an Ale­xia, son­dern nur an ih­rem Geld und der Bau­fir­ma ih­res Va­ters in­ter­es­siert«, raun­te sie vor sich hin. In Son­ja be­gann es zu bro­deln. »Wir ha­ben schon so vie­le Plä­ne für eine ge­mein­sa­me Zu­kunft ge­schmie­det, ver­dammt, nach zwei Jah­ren ist es doch wirk­lich an der Zeit, Nä­gel mit Köp­fen zu ma­chen. Ich hab es satt, im­mer nur die zwei­te Gei­ge zu spie­len und mich im­mer und über­all ver­ste­cken zu müs­sen. Der kann was er­le­ben, wenn er kommt.« Die Tür­klin­gel riss Son­ja aus ih­ren Ge­dan­ken. Als Marc mit ei­nem rie­si­gen Strauß vor ihr stand, war ihre auf­stei­gen­de Wut fast wie­der ver­flo­gen.

In ih­rem ro­ten De­si­g­ner-Ho­se­n­an­zug sah Son­ja mit ih­ren ma­ha­go­ni­fa­r­ben schim­mern­den Haa­ren, den tief­grü­nen Au­gen, die strahl­ten wie gro­ße Sma­rag­de, und ih­rem ma­kel­lo­sen Teint ein­fach exo­tisch und um­wer­fend wie im­mer aus. Mit ei­nem smar­ten Lä­cheln reich­te Marc Berg­mann ihr einen rie­si­gen Strauß ro­ter Ro­sen. Son­ja war de­fi­ni­tiv eine der at­trak­tivs­ten Frau­en, die er je ken­nen­ge­lernt hat­te, und er kann­te vie­le. Sie war nicht über­mä­ßig groß, aber die High Heels und der Ho­se­n­an­zug ver­lie­hen ihr schier end­los schei­nen­de Bei­ne. Das lan­ge Haar hat­te sie hoch­ge­steckt, so ka­men ihr schlan­ker Nacken und ihr hüb­sches Ge­sicht noch bes­ser zur Gel­tung.

»Dar­ling, heu­te gibt es et­was zu fei­ern. Ich hof­fe, du hast den Tisch in Ma­ria Plain wie ver­ein­bart re­ser­viert?«

»Ja si­cher und wenn du auf die Uhr schaust, siehst du auch, dass wir spät dran sind. Ich war­te seit über ei­ner hal­b­en Stun­de auf dich. Was war denn dies­mal wie­der, und was gibt es über­haupt zu fei­ern?«, er­wi­der­te Son­ja im­mer noch leicht sau­er­töp­fisch.

»Ich habe Ale­xia end­lich die Schei­dungs­pa­pie­re ge­ge­ben.« Schlag­ar­tig bes­ser­te Son­jas Stim­mung sich, sie schlang ihre Arme um Marc und küss­te ihn im­mer und im­mer wie­der. Sie spür­te sei­nen durch­trai­nier­ten Kör­per, den sie so sehr lieb­te. Sie woll­te Marc wie kei­nen Mann zu­vor. Marc war ihre gro­ße Lie­be. Sie hat­te ihn wäh­rend ih­rer Stu­di­en­zeit ken­nen­ge­lernt. Doch rich­tig ge­funkt hat­te es erst vor zwei Jah­ren bei ei­ner von Ale­xi­as Ver­nis­sa­gen. Marc war ihr so­fort auf­ge­fal­len. Er stand in ei­ner Ecke und un­ter­hielt sich mit Jan Mer­tens. Im­mer wie­der tra­fen sich ihre Bli­cke, und eine un­wi­der­steh­li­che An­zie­hungs­kraft ging von Marc aus. Als er merk­te, dass sie sich lang­weil­te und sie oben­drein nichts mehr zu trin­ken hat­te, brach­te er ihr ein Glas Wein. Sie spra­chen nicht mit­ein­an­der, son­dern sa­hen sich nur an. Schon da­mals ver­lor sie sich in sei­nen tief­blau­en Au­gen. Er hat­te sie bei der Hand ge­nom­men und sie auf die Ter­ras­se hin­aus­ge­führt.

»Dar­ling, träumst du? Wir müs­sen los.« Marc wehr­te Son­ja lie­be­voll ab, nahm sie bei der Hand, zog sie zur Tür und schob sie in Rich­tung Aus­gang.

Im Re­stau­rant führ­te der Maître d’Hôtel sie zu ei­nem wun­der­schön ge­deck­ten Tisch am Fens­ter mit ei­nem atem­be­rau­ben­den Aus­blick auf die Fest­spiel­stadt Sa­lz­burg und die sie um­ge­ben­de Ge­birgs­ku­lis­se. Ein fri­sches Bou­quet mit klei­nen Wild­ro­sen ver­brei­te­te einen an­ge­neh­men Som­mer­duft, der Ape­ri­tif, ein 1990er Dom Pé­ri­gnon, stand be­reits, wie von Son­ja ge­wünscht, be­reit. Marc be­stell­te für bei­de, ohne auch nur einen Blick in die Spei­se­kar­te zu wer­fen, als Vor­spei­se Mous­se von der Räu­cher­lachs­fo­rel­le im Lachs­man­tel, als Haupt­ge­richt ge­grill­tes Rü­ckens­teak vom Milch­kalb auf Ge­mü­se­bett, dazu einen 1988er Château La­fi­te Roth­schild und als Des­sert eine Zwetsch­ken­ter­ri­ne mit Zimt­pa­r­fait und ei­ner Cham­pa­gner-Oran­gen-Sa­bay­on.

Son­ja be­ob­ach­te­te ihn be­wun­dernd und lä­chel­te. Sie war mit Ma­r­cs Wahl äu­ßerst zu­frie­den. Er wuss­te im­mer ganz ge­nau, was er woll­te, und nahm es sich auch. Sie ge­noss es, die Frau an sei­ner Sei­te zu sein, und sie war sich si­cher, dass die Zu­kunft noch viel Schö­nes für sie bei­de be­reit­hal­ten wür­de.

– 6 –

Bea und Gerd Brun­ner freu­ten sich schon lan­ge auf einen ge­mein­sa­men Abend. Es war ihr Hoch­zeits­tag, und den nah­men sie wie je­des Jahr zum An­lass, schick aus­zu­ge­hen. Erst ein erst­klas­si­ges Abend­es­sen und dann ein Be­such im Ca­si­no.

Man sah Bea ihre sech­zig Jah­re nicht an. Sie klei­de­te sich sport­lich-ele­gant und hat­te ihre zar­te Fi­gur über die Jah­re be­hal­ten. Da­für sorg­te auch ein Per­so­nal Trai­ner, mit dem sie Ten­nis spiel­te, jogg­te und Yo­ga­übun­gen mach­te. Für die­sen spe­zi­el­len Abend hat­te sie sich ex­tra ein Kleid von ih­rer Lieb­lings­schnei­de­rin nä­hen las­sen. Ein sehr schlich­tes samt­blau­es Cock­tail­kleid mit aus­ge­schnit­te­nem Rü­cken, was ihre schlan­ke Er­schei­nung noch mehr zur Gel­tung brach­te. Gerd, der aus der Du­sche ins Schlaf­zim­mer kam, um sich an­zu­zie­hen, war wie im­mer, wenn sei­ne Frau sich zu­recht­mach­te, über­wäl­tigt.

»Du siehst fa­bel­haft aus, Lieb­ling. Fast noch hüb­scher als bei un­se­rer Hoch­zeit. Ich wür­de dich je­der­zeit wie­der hei­ra­ten.«

»Dan­ke, Schatz, ich dich auch, ob­wohl …«, sie lä­chel­te schel­misch, »… an­zie­hen müss­test du dich dann doch. Eine Hoch­zeit im Mor­gen­man­tel wär doch et­was, na ja, ei­gen.« Gerd lach­te, um­arm­te und küss­te sei­ne Frau auf die Wan­ge, ehe er im An­klei­de­zim­mer ver­schwand.

Gerd Brun­ner, eine statt­li­che, cha­ris­ma­ti­sche Er­schei­nung, war die Gut­mü­tig­keit in Per­son. Schon als Bea ihn wäh­rend ih­rer Som­mer­fe­ri­en auf ei­nem Rei­ter­hof ken­nen­ge­lernt hat­te, war es sei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Warm­her­zig­keit, die ihr als Ers­tes an ihm auf­ge­fal­len war und zu der sie sich be­son­ders hin­ge­zo­gen fühl­te. Sie hat­ten sich so­fort in­ein­an­der ver­liebt. Gerd, der da­mals schon als Ar­chi­tekt bei ei­ner Bau­fir­ma ar­bei­te­te, war­te­te auch nicht lan­ge, um Bea einen Hei­rats­an­trag zu ma­chen. Auch nach acht­und­drei­ßig Ehe­jah­ren mit Hö­hen und Tie­fen hat­ten sie an ih­rer Lie­be nie ge­zwei­felt.

»Ich bin gleich so weit«, dröhn­te Gerds tie­fe Stim­me aus dem An­klei­de­zim­mer. »Könn­test du mir bit­te die Sa­phir-Man­schet­ten­knöp­fe aus dem Safe ho­len?«

»Sie lie­gen schon auf der Kom­mo­de im An­klei­de­zim­mer be­reit.«

»Ah ja, dan­ke, Lieb­ling.«

»Ich war­te un­ten auf dich, Gerd.«

Das Te­le­fon im Ar­beits­zim­mer klin­gel­te. Bea nahm den Hö­rer ab und freu­te sich, die Stim­me ih­rer Toch­ter Ale­xia zu hö­ren.

»Mama, ich woll­te euch zum Hoch­zeits­tag gra­tu­lie­ren. Ich hat­te lei­der kei­ne Zeit, mich frü­her zu mel­den.«

Trotz der ge­spielt gut ge­laun­ten Stim­me ih­rer Toch­ter be­merk­te Bea so­fort, dass ir­gen­d­et­was nicht stimm­te.

»Dan­ke, Lie­bes, dein Va­ter und ich sind auf dem Weg nach Ma­ria Plain und dann ins Ca­si­no. Geht es dir gut? Du klingst et­was an­ge­spannt.«

»Nein, nein, bei mir ist al­les in bes­ter Ord­nung, ich bin nur ge­ra­de aus der Ga­le­rie ge­kom­men und et­was müde. Ich wer­de mir ein schö­nes Bad ein­las­sen und mich dann mit ei­nem gu­ten Buch ins Bett le­gen.«

»Ist Marc schon zu Hau­se?«

»Nein, na­tür­lich nicht, der ist doch auf Dien­st­rei­se, Rich­tung Ham­burg un­ter­wegs.«

»Ham­burg? Ach ja, das muss ich wohl ver­ges­sen ha­ben, dein Va­ter hat mir das si­cher­lich ge­sagt.«

»Hät­test du Lust, mor­gen in der Ga­le­rie vor­bei­zu­kom­men? Ich hab einen neu­en Künst­ler, der euch si­cher­lich in­ter­es­sie­ren wür­de.«

»Ich muss erst in mei­ner Agen­da nach­se­hen, ob ich mor­gen Zeit habe. Lie­bes, ich mel­de mich mor­gen, wir müs­sen jetzt wirk­lich los, dein Va­ter war­tet schon.« »In Ord­nung. Einen di­cken Kuss an euch bei­de und lasst es euch so rich­tig gut ge­hen.«

Der Ge­dan­ke an die Ehe ih­rer Toch­ter mit die­sem Schür­zen­jä­ger stimm­te Bea trau­rig. Gerd hat­te ihr er­zählt, dass das Ham­burg-Ge­schäft erst nächs­ten Mo­nat statt­fin­den wür­de. Also war Marc wohl nicht in Ham­burg. Bea war im­mer noch in Ge­dan­ken ver­sun­ken, als sie ih­rem Mann die Wün­sche und Grü­ße ih­rer Toch­ter aus­rich­te­te, er­zähl­te ihm aber vor­sichts­hal­ber nichts von Ma­r­cs Dien­st­rei­se. Sie kann­te ihn zu gut. Er wür­de aus­ras­ten, und der Abend wäre ge­lau­fen. Doch Gerd be­merk­te die Ver­än­de­rung an sei­ner Frau.

»Machst du dir Sor­gen um Ale­xia? Es geht ihr doch gut, oder?«

»Ja, ja, es ist al­les in Ord­nung. Sie klang nur et­was er­schöpft.«

»Sie wird wohl wie­der zu viel ge­ar­bei­tet ha­ben, wie im­mer. Hof­fent­lich mu­tet sie sich mit die­ser Ver­nis­sa­ge nicht zu viel zu«, mur­mel­te Gerd. »Komm, Bea, wir soll­ten jetzt los.«

– 7 –

Gerd Brun­ner und Mar­kus Mer­tens park­ten fast zeit­gleich ihre Au­tos vor dem Gast­hof Ma­ria Plain und wa­ren sicht­lich er­freut, ein­an­der zu se­hen.

»Das ist ja ein Ti­ming!« Mar­kus schlug Gerd auf die Schul­ter.

»In der Tat! Hät­ten wir es so ge­plant, wär uns das nicht ge­lun­gen«, grins­te Gerd. Mar­kus und Gerd, Cous­ins ers­ten Gra­des, die qua­si ge­mein­sam auf­ge­wach­sen wa­ren, ver­lieb­ten sich fast zeit­gleich in die Schwes­tern Bea und Lisa, und als Gerd Bea einen Hei­rats­an­trag mach­te, ent­schlos­sen sich auch Mar­kus und Lisa zu hei­ra­ten. Ei­ner Dop­pel­hoch­zeit stand nichts mehr im Wege. Der Hoch­zeits­tag wur­de seit­her je­des Jahr ge­mein­sam ge­fei­ert.

Mar­kus, ganz Gent­le­man, ging vor­aus, um die Tür des Re­stau­rants auf­zu­hal­ten. Gerd ver­beug­te sich ele­gant und ließ den Da­men den Vor­tritt. Der Maître d’Hôtel be­grüß­te die Gäs­te und führ­te sie an ih­ren Tisch, der wun­der­schön ein­ge­deckt und mit ei­nem Bou­quet Wild­ro­sen ge­schmückt war. Mar­kus Mer­tens zog für Lisa den Ses­sel her­an, »Setz dich, Scha…«, doch als er auf­sah, ver­schlug es ihm die Spra­che. Auch Lisa er­starr­te und wur­de krei­de­bleich.

»Mar­kus, Lisa, was ist denn mit euch los, ihr seht ja aus, als hät­tet ihr ein Ge­spenst ge­se­hen!« Gerd dreh­te sich um, um her­aus­zu­fin­den, was die bei­den so scho­ckiert ha­ben moch­te. Er starr­te di­rekt in die Au­gen sei­nes Schwie­ger­sohns, der süf­fi­sant grin­send Son­jas Hand küss­te und es nicht ein­mal der Mühe wert fand auf­zu­ste­hen, um sei­ne Schwie­ger­el­tern zu be­grü­ßen.

»Marc, was machst du hier?!«, don­ner­te Gerd. Nun dreh­te sich auch Bea ent­setzt um. »Das darf doch wohl nicht wahr sein«, herrsch­te sie Marc lei­se an. »Du be­trügst un­se­re Toch­ter in al­ler Öf­fent­lich­keit. Du soll­test dich was schä­men.«

Marc, der im­mer noch süf­fi­sant lä­chel­te und nicht dar­an dach­te, Son­jas Hand los­zu­las­sen, war sicht­lich amü­siert. Son­ja, der die Si­tua­ti­on ex­trem pein­lich war, senk­te den Kopf und lief rot an. Lang­sam ließ Marc Son­jas Hand los, stand auf, be­grüß­te die Grup­pe über­trie­ben höf­lich mit ei­ner Ver­beu­gung, um sich dann so­fort wie­der zu set­zen und sich sei­ner schö­nen Be­glei­tung zu wid­men.

Gerds Ge­sicht lief hoch­rot an. Er konn­te sich nicht mehr be­herr­schen. »Eine Pro­vo­ka­ti­on oh­ne­glei­chen«, pol­ter­te er, ging zu Ma­r­cs Tisch, fass­te ihn am Kra­gen und zog ihn von sei­nem Ses­sel hoch. Er woll­te ihm ge­ra­de eine ver­pas­sen, als Mar­kus ihn noch recht­zei­tig zu­rück­hielt.

»Gerd, lass gut sein, das ist er nicht wert«, ver­such­te er, so gut es ging, Gerd zu be­ru­hi­gen.

Doch Gerd tob­te und brüll­te. Marc, das wirst du noch bit­ter be­reu­en, ich wer­de es dir heim­zah­len, da kannst du Gift drauf neh­men, und so wahr ich hier ste­he, das über­lebst du nicht, du mie­ses, klei­nes Ar…« Mar­kus zog Gerd lang­sam weg und sprach be­ru­hi­gend auf ihn ein.

So­wohl die Gäs­te des Re­stau­rants als auch der Maître d’Hôtel wa­ren scho­ckiert. So et­was hat­te es hier noch nie ge­ge­ben. Prü­geln­de Gäs­te konn­te und woll­te man hier nicht dul­den. Der Maître bat die Ge­sell­schaft höf­lich, aber be­stimmt, das Re­stau­rant so­fort zu ver­las­sen.

Bea und Lisa stan­den auf, ent­schul­dig­ten sich klein­laut bei den Gäs­ten und has­te­ten zur Tür. Mar­kus hat­te im­mer noch alle Hän­de voll zu tun, um Gerd in Rich­tung Aus­gang zu schie­ben, was ihm aber schließ­lich ge­lang. Drau­ßen hol­te Gerd tief Luft. Er konn­te es ein­fach nicht fas­sen, dass sein miss­ra­te­ner Schwie­ger­sohn so dreist sein konn­te. Der Abend war ge­lau­fen, er woll­te nur noch weg, ehe noch et­was Schlim­mes pas­sier­te.

– 8 –

»Neu­ner«, brumm­te der In­spek­tor ins Te­le­fon.

»Mor­gen, Quen­tin!«

»Cha­r­lie, hast du mal auf die Uhr ge­schaut?«

»Ja si­cher, Quen­tin, es ist halb fünf, und du ver­passt einen wun­der­schö­nen Son­nen­auf­gang.«

»Ver­ar­schen kann ich mich al­lei­ne, ich hof­fe für euch, dass es einen gu­ten Grund gibt, mich mit­ten in der Nacht aus dem Schlaf zu rei­ßen.«

»Quen­tin, es tut mir wirk­lich leid, dich zu we­cken, aber ein Pas­sant hat vor ei­ner Vier­tel­stun­de eine Lei­che ge­fun­den.«

»Wo?«

»Hin­ter dem Künst­ler­haus am Franz-Hin­ter­hol­zer-Kai auf ei­ner Park­bank.«

»Okay, okay, ich bin gleich da. Gib mir so zwan­zig Mi­nu­ten.«

Quen­tin Neu­ner tau­mel­te aus sei­nem ku­sche­lig war­men Bett und stieß sich sei­nen gro­ßen Zeh an sei­nem Ak­ten­kof­fer, den er, als er abends nach Hau­se ge­kom­men war, di­rekt ne­ben sei­nem Bett ab­ge­stellt hat­te. »Ah­h­hh, ver­damm­te Schei­ße …«, fluch­te er lei­se. Ges­tern war er ein­fach nur tod­mü­de ins Bett ge­fal­len. Er hat­te sich ge­ra­de noch die Py­ja­ma­ho­se an­ge­zo­gen und war in­ner­halb von Se­kun­den ein­ge­schla­fen. Den Ak­ten­kof­fer hat­te er to­tal ver­ges­sen. Kein Wun­der, dass Ella, sei­ne Frau, ihn vor zwei Jah­ren ver­las­sen hat­te. Es war wirk­lich eine Zu­mu­tung. Die gan­ze Wo­che schon hat­te man ihn im­mer wie­der für Klei­nig­kei­ten aus dem Schlaf ge­ris­sen. Heu­te aber war es im­mer­hin ein Lei­chen­fund. Viel­leicht so­gar ein Mord. Er muss­te sich be­ei­len, um an den Tat­ort zu kom­men.

Er rieb sei­nen Zeh, der lang­sam blau an­lief, und sprang wi­der­wil­lig un­ter die lau­war­me Du­sche, um sei­ne Geis­ter zu be­le­ben. Nach nur we­ni­gen Mi­nu­ten stand er in aus­ge­wa­sche­nen Jeans, hell­blau­em Po­lo­hemd und mit nas­sen Haa­ren in sei­ner Kü­che, ließ sich einen Es­pres­so dop­pio aus sei­nem Kaf­fee­au­to­ma­ten, trank ihn auf einen Zug aus und mach­te sich auf den Weg.

In der Tief­ga­ra­ge sei­nes Wohn­blocks funk­tio­nier­te wie­der ein­mal das Licht nicht. »Na, der Tag kann ja hei­ter wer­den. Erst der Zeh, jetzt das Licht, fehlt nur noch, dass der Wa­gen nicht an­springt«, knurr­te er lei­se vor sich hin. Doch der Wa­gen mach­te kei­ne Pro­ble­me, und Quen­tin ras­te aus der Ga­ra­ge.

Am Tat­ort an­ge­kom­men, wa­ren die Kol­le­gen schon flei­ßig am Wer­ke. Die Spu­ren­si­che­rung, der Po­li­zei­fo­to­graf und die Ge­richts­me­di­zi­ne­rin. Sei­ne Kol­le­gin Ca­r­lot­ta Ren­ner ali­as Cha­r­lie hat­te wirk­lich in kür­zes­ter Zeit alle mo­bi­li­siert.

»Na, Cha­r­lie, al­les klar?«

»Quen­tin, auch schon mun­ter, hast aber lan­ge ge­braucht, dei­ne Schu­he noch po­liert?« Die bei­den be­grüß­ten sich wie im­mer freund­schaft­lich.

»Haha, sehr wit­zig Cha­r­lie. Was wis­sen wir?«

»Der Tote wur­de auf der Park­bank ge­fun­den. Der Hund ei­nes Pas­san­ten hat ihn an­ge­bellt und an­ge­knurrt, und als der sich wun­der­te, dass der Mann bei dem Ra­dau nichts von sich gab, hat er ihn an­ge­spro­chen. Als er noch im­mer kei­ne Ant­wort be­kam, hat der Pas­sant ihn dann an­ge­stupst und da­bei be­merkt, dass er nicht mehr leb­te. Der Pas­sant, ein Herr Re­gie­rungs­rat Jä­ger, hat dann so­fort die Po­li­zei an­ge­ru­fen. Ich habe sei­ne Per­so­na­li­en auf­ge­nom­men und ihn nach Hau­se ge­schickt. Er war ziem­lich mit­ge­nom­men. Er wird spä­ter noch ins Prä­si­di­um kom­men, um sei­ne Aus­sa­ge zu Pro­to­koll zu ge­ben.«

»Wis­sen wir, wer der Tote ist?«

»Ja, laut Füh­rer­schein ein Dok­tor Marc Berg­mann. Er hat­te sei­ne Brief­ta­sche noch bei sich. We­der Geld noch Do­ku­men­te schei­nen zu feh­len. Ka­ta­ri­na von Weid ist noch da­bei, den To­ten zu un­ter­su­chen.«

»Also kein Raub­mord?«

»Nein, aus­ge­schlos­sen, Quen­tin.«

Quen­tin Neu­ner be­grüß­te die Ge­richts­me­di­zi­ne­rin Ka­ta­ri­na von Weid. Eine adret­te Er­schei­nung. Mit ih­ren kur­z­en, dun­kel­braun ge­lock­ten Haa­ren und den wun­der­schö­nen reh­brau­nen Au­gen, in de­nen der Schalk saß, konn­te man sie kaum über­se­hen. Sie war nicht die klas­si­sche Schön­heit, hat­te aber eine ein­zig­ar­ti­ge Ausstrah­lung, die je­den Mann be­tör­te. Auch Quen­tin war wie­der ein­mal von der at­trak­ti­ven Ge­richts­me­di­zi­ne­rin hin­ge­ris­sen. Ka­ta­ri­na von Weid stand auf und kam auf Quen­tin Neu­ner zu. Sie fand ihn schon vor drei Jah­ren, als sie sich bei ih­rem ers­ten Fall ken­nen­lern­ten, sehr sym­pa­thisch. Sei­ne stahl­blau­en Au­gen, die einen schö­nen Kon­trast zu sei­nen pech­schwa­r­zen Haa­ren bil­de­ten, fie­len ihr schon beim ers­ten Tref­fen auf. Je öf­ter sie mit­ein­an­der zu tun hat­ten, des­to hin­ge­zo­ge­ner fühl­te sie sich zu Quen­tin Neu­ner. Mitt­ler­wei­le brauch­te sie nur sei­ne Stim­me zu hö­ren, und schon ver­spür­te sie ein un­be­schreib­li­ches Krib­beln in der Ma­gen­ge­gend. Sie moch­te sein Auf­tre­ten, sei­ne of­fe­ne und ehr­li­che Art mit Kol­le­gen um­zu­ge­hen, und sei­ne le­ge­re Klei­dung, die, mit den im­mer auf Hoch­glanz po­lier­ten Le­der­schu­hen, auch einen Hauch Ele­ganz ausstrahl­te. Sei­ne di­rek­te Art mach­te es ihr an­ge­nehm und leicht, mit ihm zu ar­bei­ten.

Ka­ta­ri­na lä­chel­te ihn an und küss­te ihn auf die Wan­ge. Sie freu­te sich, ihn als er­mit­teln­den In­spek­tor zu ha­ben.

»Quen­tin, schön, dich mal wie­der­zu­se­hen.«

»Hal­lo, Ka­ta­ri­na, und wie sieht es aus?«

»Also, der To­des­zeit­punkt muss so zwi­schen halb zwei und vier Uhr lie­gen. Im Mo­ment kann ich dir al­ler­dings noch nicht sa­gen, wor­an der Mann ge­stor­ben ist. Es scheint kei­ne äu­ße­ren An­zei­chen von Ge­walt zu ge­ben. Also zu­min­dest kei­ne of­fen­sicht­li­chen Wun­den, Hä­ma­to­me oder Krat­zer. Ich habe auch kei­ne Kampf­spu­ren ge­fun­den. Das ein­zig Ver­däch­ti­ge ist sei­ne et­was pel­zi­ge und leicht an­ge­schwol­le­ne Zun­ge. Das kann na­tür­lich die ver­schie­dens­ten Ur­sa­chen ha­ben. Nach der Ob­duk­ti­on heu­te Nach­mit­tag kann ich dir si­cher­lich mehr sa­gen.«

»Dan­ke, Ka­ta­ri­na, ich kom­me bei dir vor­bei. Viel­leicht kannst du mich ja kurz an­ru­fen, so­bald der Be­richt be­reit ist.« Er be­rühr­te sie kurz an der Schul­ter und sah sie mit sei­nem un­wi­der­steh­li­chen Lä­cheln an.

»Ger­ne. Für mich gibt es hier nichts mehr zu tun. Also, wir se­hen uns dann spä­ter.«

»Mach’s gut, Ka­ta­ri­na.« Sehn­süch­tig schau­te er der Ge­richts­me­di­zi­ne­rin nach. Wie schön wäre es jetzt, mit Ka­ta­ri­na früh­stü­cken zu ge­hen, aber er muss­te ja lei­der ar­bei­ten.

»Cha­r­lie, hast du schon die Staats­an­walt­schaft in­for­miert? Ich hab Dok­tor Stei­ner noch nicht ge­se­hen.«

»Ja, ich habe ihm eine Nach­richt hin­ter­las­sen. Ich hof­fe, er hat sie auch ab­ge­hört.«

»Hat­te Marc Berg­mann Fa­mi­lie?«

»Ähm ja, wir ha­ben her­aus­ge­fun­den, dass er ver­hei­ra­tet war. War ja nicht schwer, der Ring ist ja noch an sei­nem Fin­ger. Sei­ne Ehe­frau, Mo­ment …, hier hab ich es auf­ge­schrie­ben, heißt Ale­xia Berg­mann. Sie ist Ga­le­ris­tin. Sie woh­nen in ei­ner Pent­hou­se-Woh­nung in der Gries­gas­se. Marc Berg­mann hat­te eine Vi­si­ten­kar­te mit der Adres­se da­bei. Er ar­bei­te­te bei Brun­ner Bau.«

»Brun­ner Bau, Brun­ner Bau, ir­gend­wie sagt mir das was. Da hat­ten wir doch schon mal vor ei­ni­gen Jah­ren einen Vor­fall, der sich dann als Sui­zid ent­pupp­te, oder?«

»Kei­ne Ah­nung, war wohl vor mei­ner Zeit.«

»Wur­de Ale­xia Berg­mann schon ver­stän­digt?«

»Nein, bis­her noch nicht. Ich dach­te, wir fah­ren gleich ge­mein­sam zu ihr. Die Spu­ren­si­che­rung ist ja so­wie­so noch län­ger be­schäf­tigt, und für uns gibt es hier im Mo­ment nichts mehr zu tun.«

»Ei­gent­lich woll­te ich noch auf den Staats­an­walt war­ten, aber das ist auch nicht so wich­tig. Gut, fah­ren wir.«

– 9 –

Es war be­reits kurz nach sechs, als Quen­tin Neu­ner sich mit sei­ner jun­gen Kol­le­gin auf den Weg mach­te, um Ale­xia Berg­mann vom Tod ih­res Man­nes in Kennt­nis zu set­zen.

In der Gries­gas­se an­ge­kom­men, be­merk­te der In­spek­tor er­leich­tert, dass im obers­ten Stock be­reits Licht brann­te.

»Umso bes­ser«, mein­te er, nach oben zei­gend. »So we­cken wir Frau Berg­mann we­nigs­tens nicht.« Quen­tin Neu­ner klin­gel­te am Ein­gang­s­tor. Eine kla­re, hel­le Stim­me tön­te aus der Ge­gen­sprech­an­la­ge.

»Wer ist da?«

»In­spek­tor Neu­ner von der Kri­mi­nal­po­li­zei. Sind Sie Frau Berg­mann?«

»Ja.«

»Darf ich kurz zu Ih­nen nach oben kom­men?«

»Wie­so, um was han­delt es sich? Ist et­was pas­siert? Mit mei­nen El­tern?«

»Wir müss­ten Sie mal kurz spre­chen, Frau Berg­mann. Ma­chen Sie bit­te auf?«

Mit ei­nem Klick öff­ne­te sich die schwe­re Ein­gang­s­tü­re. Quen­tin Neu­ner und Ca­r­lot­ta Ren­ner fan­den sich in ei­nem et­was dunk­len Ein­gangs­be­reich mit ei­ner gro­ßen Die­le wie­der. Zu ih­rer Lin­ken er­hob sich eine alte Holz­stie­ge. Rechts von die­ser be­fand sich ein al­ter Pa­ter­no­s­ter, der wie das ge­sam­te Haus an­schei­nend ge­ra­de erst re­stau­riert wor­den war. Die Er­mitt­ler nah­men den Auf­zug, und kur­ze Zeit spä­ter wur­den sie von ei­ner un­ge­dul­dig aus­se­hen­den Ale­xia er­war­tet. Sie war mit ei­nem wei­ßen Ba­de­man­tel be­klei­det. Auf ih­rem Kopf thron­te ein gift­grü­nes Hand­tuch. Of­fen­sicht­lich hat­te sie ge­ra­de ge­duscht. Quen­tin Neu­ner und sei­ne Kol­le­gin wie­sen sich aus und folg­ten Ale­xia in ein hell durch­flu­te­tes Wohn­zim­mer. Die be­reits auf­ge­gan­ge­ne Son­ne hüll­te den gro­ßen, lie­be­voll ein­ge­rich­te­ten Raum in mor­gend­li­chen Glanz. Aus der of­fe­nen Kü­che drang der Duft von frisch ge­brüh­tem Kaf­fee in Quen­tins Nase. Für einen Kaf­fee wür­de er jetzt al­les ge­ben.

»Bit­te neh­men Sie Platz, kann ich Ih­nen einen Kaf­fee an­bie­ten?«

Quen­tin lehn­te dan­kend ab, ob­wohl er lie­bend ger­ne eine Tas­se ge­trun­ken hät­te. Er woll­te Ale­xia Berg­mann so schnell und auch so scho­nend wie mög­lich mit­tei­len, dass sie ih­ren Mann tot auf­ge­fun­den hat­ten.

»Frau Berg­mann, wir müs­sen Ih­nen lei­der eine trau­ri­ge Mit­tei­lung ma­chen«, setz­te Cha­r­lie an.

»Was ist pas­siert, ist et­was mit mei­nen El­tern?«, rief Ale­xia ent­setzt und er­starr­te.

»Nein, mit Ih­ren El­tern ist al­les in bes­ter Ord­nung, es geht um Marc Berg­mann, Ih­ren Mann«, er­wi­der­te Quen­tin Neu­ner.

»Marc? Was ist mit ihm? Der ist in Ham­burg auf Ge­schäfts­rei­se, er hat mir ges­tern spät am Abend noch eine Nach­richt ge­schickt, dass er ver­mut­lich eine gan­ze Wo­che dort blei­ben muss. Was ist mit ihm?« Ale­xi­as Ma­gen krampf­te sich zu­sam­men, und sie wur­de zu­neh­mend blas­ser.

Mit ru­hi­ger und ge­fass­ter Stim­me fuhr Quen­tin fort: »Lei­der muss ich Ih­nen sa­gen, dass wir heu­te ge­gen halb fünf Uhr mor­gens Ih­ren Mann tot auf­ge­fun­den ha­ben.«

»Was soll das hei­ßen, tot auf­ge­fun­den? Das ist nicht Ihr Ernst, oder? Marc soll tot auf­ge­fun­den wor­den sein?!« Ale­xia lach­te hys­te­risch und ir­ri­tiert. »Das kann nicht sein, er ist doch in Ham­burg, ich bin mir ganz si­cher, er ist in Ham­burg. Hö­ren Sie, es muss sich um einen Irr­tum han­deln. Eine Ver­wechs­lung. Ich rufe ihn an, und Sie wer­den se­hen, dass er in Ham­burg ist.« Hek­tisch griff Ale­xia nach dem Te­le­fon und wähl­te das Han­dy von Marc an. Doch so­fort mel­de­te sich die Mail­box. Ale­xia leg­te auf, um gleich dar­auf er­neut die Num­mer zu wäh­len.

Cha­r­lie Ren­ner trat auf sie zu und nahm ihr sanft das Te­le­fon aus der Hand. »Frau Berg­mann, set­zen Sie sich. So leid es mir tut, Ihr Mann wur­de heu­te früh tot auf­ge­fun­den, er hat­te all sei­ne Do­ku­men­te bei sich, je­der Zwei­fel ist aus­ge­schlos­sen.« Ale­xia sack­te zu­sam­men, Cha­r­lie Ren­ner und Quen­tin Neu­ner fin­gen sie auf und ha­l­fen ihr zum wei­ßen Le­der­so­fa. Quen­tin deu­te­te sei­ner Kol­le­gin, ein Glas Was­ser zu brin­gen. Ale­xi­as Schock saß tief. Ihr Ge­sicht war wie ver­stei­nert, die Au­gen wur­den im­mer grö­ßer, sie blick­te um sich, ohne et­was zu se­hen, und mur­mel­te nur: »Marc ist nicht tot, er ist doch in Ham­burg, in Ham­burg, Marc ist nicht tot …«

Nach­dem Quen­tin nicht mehr zu Ale­xia durch­drang und die nur im­mer wie­der »Marc ist nicht tot« mur­mel­te und hin und her wipp­te, rief er den Not­a­rzt an. Er hat­te schon oft er­lebt, dass die­se Art Nach­rich­ten einen Schock aus­lös­ten, aber sel­ten einen so star­ken wie bei Ale­xia Berg­mann. Sie muss­te ih­ren Mann wirk­lich sehr ge­liebt ha­ben. Er hat­te Mit­leid mit der jun­gen Frau, die nun völ­lig geis­tes­ab­we­send schien und nicht mehr wuss­te, wie ihr ge­sch­ah.

Der Not­a­rzt ver­ab­reich­te Ale­xia Berg­mann eine Be­ru­hi­gungs­sprit­ze, und Cha­r­lie in­for­mier­te die El­tern. Nach etwa fünf­zehn Mi­nu­ten tra­fen Bea und Gerd Brun­ner ein, um ih­rer Toch­ter bei­zu­ste­hen. Bei­de wa­ren be­trof­fen und eil­ten so­fort ins Wohn­zim­mer, wo Ale­xia auf dem Sofa kau­ernd im­mer noch »Marc ist in Ham­burg« mur­mel­te. Der Not­a­rzt gab Gerd Brun­ner noch zwei Be­ru­hi­gungs­ta­blet­ten, die er sei­ner Toch­ter in den nächs­ten Stun­den ge­ben soll­te. Wäh­rend der Arzt Gerd Brun­ner noch wei­te­re In­struk­ti­o­nen gab, un­ter­hielt Quen­tin Neu­ner sich mit der Mut­ter. Als der Not­a­rzt sich ver­ab­schie­de­te, hat­te Quen­tin auch noch ei­ni­ge Fra­gen an den Va­ter.

»Herr Brun­ner, Ihre Frau hat mir schon er­zählt, dass Ihr Schwie­ger­sohn bei Ih­nen in der Fir­ma ge­ar­bei­tet hat. Kön­nen Sie sich vor­stel­len, dass er sich dort Fein­de ge­macht ha­ben könn­te? Ha­ben Sie viel­leicht ir­gend­ei­ne Idee, wer ihn um­ge­bracht ha­ben könn­te?«

»Fein­de? In der Fir­ma? Nein, si­cher­lich nicht. Fein­de kann er sich nur im Pri­vat­le­ben ge­macht ha­ben. Ich weiß nicht, ob mei­ne Frau Ih­nen schon ge­sagt hat, dass Marc ein Wei­ber­held war und un­se­re Toch­ter nach Strich und Fa­den be­lo­gen und be­tro­gen hat. Viel­leicht ist er ja ei­nem ei­fer­süch­ti­gen Freund oder Ehe­mann zum Op­fer ge­fal­len. Wun­dern wür­de mich das über­haupt nicht bei dem Hal­lo­dri.«

»Ach ja? Das hat sie mir nicht er­zählt. Sie schei­nen Ih­ren Schwie­ger­sohn ja nicht son­der­lich ins Herz ge­schlos­sen zu ha­ben.«

»Nein, ich wer­de auch nicht lü­gen, nur weil er jetzt tot ist. Ich konn­te ihn noch nie lei­den und hät­te ihn am liebs­ten selbst um­ge­bracht. Mei­ne Toch­ter war lei­der to­tal ver­narrt in Marc und hat ihn kurz nach ih­rem Ken­nen­ler­nen so­fort ge­hei­ra­tet. Er woll­te sie im­mer nur be­nut­zen, um an mei­ne Fir­ma ran­zu­kom­men. Er woll­te un­be­dingt Ge­schäfts­füh­rer wer­den und mich in Ren­te schi­cken. Aber ich hab ihm einen Strich durch die Rech­nung ge­macht und ihn mit ei­nem Pos­ten in der Aus­lands­ab­tei­lung ab­ge­speist. Mir schien dies durch­aus aus­rei­chend. Hö­ren Sie, mei­ne Toch­ter braucht mich jetzt, ich möch­te ihr bei­ste­hen, so gut es geht.«

»Ja si­cher, ver­steh ich auch, dan­ke, Sie ha­ben uns sehr wei­ter­ge­hol­fen. Bit­te stel­len Sie sich noch für wei­te­re Be­fra­gun­gen zur Ver­fü­gung. Ah ja, be­vor ich es ver­ges­se, je­mand müss­te Herrn Berg­mann noch iden­ti­fi­zie­ren. Ihre Toch­ter scheint zur­zeit ja nicht in der Lage zu sein, das selbst zu tun, könn­ten Sie das viel­leicht über­neh­men?«

»Ja si­cher! Ru­fen Sie mich an, wann und wo ich hin­kom­men soll. Ich möch­te mei­ner Toch­ter den An­blick ih­res to­ten Man­nes auch er­spa­ren.«

»Gut, ich mel­de mich. Ein Fra­ge hät­te ich dann doch noch, wo wa­ren Sie und Ihre Frau zur Tat­zeit, heu­te Nacht zwi­schen zwei und halb vier?«

»Ver­däch­ti­gen Sie viel­leicht uns, ir­gen­d­et­was mit Ma­r­cs Tod zu tun zu ha­ben, oder was soll die ko­mi­sche Fra­ge­rei?«

»Ist eine rei­ne Rou­ti­ne­fra­ge.«

»Wenn Sie es ge­nau wis­sen wol­len, mei­ne Frau und ich wa­ren bis nach Mit­ter­nacht mit Mar­kus und Lisa Mer­tens zu­sam­men. Mei­ne Frau ist ge­gen zwei oder so ins Bett ge­gan­gen. Mar­kus und ich ha­ben noch einen letz­ten Drink ge­nom­men, ehe er dann mit ei­nem Taxi nach Hau­se ge­fah­ren ist. Reicht das, oder brau­chen Sie sonst noch et­was, Herr Kom­mis­sar?«

»Nicht Kom­mis­sar, bei uns heißt das In­spek­tor. Nein ich möch­te nur Sie, Ihre Frau und Ihre Toch­ter bei nächs­ter Ge­le­gen­heit noch ein­mal spre­chen. Im Üb­ri­gen ist die To­des­ur­sa­che ge­richts­me­di­zi­nisch noch nicht ge­klärt. Marc Berg­mann könn­te auch ei­nes na­tür­li­chen Herz­to­des ge­stor­ben sein, auch einen Selbst­mord kön­nen wir bis­her noch nicht aus­schlie­ßen.«

»Gut. So­bald mei­ne Toch­ter sich in der Lage fühlt, mit Ih­nen zu spre­chen, be­glei­ten wir sie aufs Prä­si­di­um. Wenn Sie neue Er­kennt­nis­se ha­ben, las­sen Sie es uns bit­te wis­sen. Sie ent­schul­di­gen mich.« Gerd Brun­ner wand­te sich ab, um die noch im­mer auf dem Sofa kau­ern­de Ale­xia zu trös­ten.

– 10 –

Gerd hob das schrill klin­gen­de Te­le­fon ab. »Bei Berg­mann«, brumm­te er hei­ser in den Hö­rer.

»Mia hier«, sie zö­ger­te kurz, ehe sie wei­ter­sprach. »Gerd, was machst du denn so früh in Ale­xi­as Woh­nung? Es ist doch erst kurz nach sie­ben! Hat sie euch end­lich ge­sagt, dass Marc sich schei­den las­sen will?«

»Gu­ten Mor­gen, Mia. Waaaas? Nein hat sie nicht …«

»Oh! Sor­ry, ich woll­te nicht vor­grei­fen. Ale­xia muss drin­gend in die Ga­le­rie kom­men, ich hab ges­tern ver­ges­sen, ihr zu sa­gen, dass wir um acht Uhr einen wich­ti­gen Kun­den­ter­min mit van der Leek ha­ben. Ich muss vor­her noch al­ler­hand mit ihr durch­spre­chen. Van der Leek ist im­mer sehr un­ge­dul­dig und un­ge­hal­ten, über­haupt, wenn man un­vor­be­rei­tet ist, er ist so …«

»Mia …«

»… ein schwie­ri­ger …«

»Mi­iaa!«

»… Kun­de und über­haupt …«

»Mii­iaaa!! Kannst du mal ru­hig sein!!«, brüll­te Gerd in den Hö­rer. »Ale­xia wird heu­te nicht in die Ga­le­rie kom­men und ver­mut­lich auch die nächs­ten Tage nicht.«

»Wie­so? Ist sie krank, ist was pas­siert?«

»Mia, es ist bes­ser, du kommst vor­bei, dann kön­nen wir dir al­les in Ruhe er­klä­ren. Äh, und dein Leek wird sich ge­dul­den müs­sen, egal, wie schwie­rig er ist.«

Mia war er­staunt, dass Gerd ein­fach so auf­ge­legt hat­te. Sie konn­te es nicht lei­den, wenn Men­schen sich am Te­le­fon nicht ver­ab­schie­de­ten. Sie muss­te so­fort van der Leek ab­sa­gen. Zum zwei­ten Mal in die­ser Wo­che. Na, das konn­te ja hei­ter wer­den. Ges­tern Nacht hat­te Mia noch ewig auf ih­ren Freund ge­war­tet. Schließ­lich war sie auf dem Sofa ein­ge­schla­fen. Heu­te tat ihr der Nacken weh, und sie fühl­te sich schlapp und wie ge­rä­dert. Auf dem Weg zu Ale­xia ver­lor sie sich wie so oft in Tag­träu­me­rei­en.

---ENDE DER LESEPROBE---