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In der schönen Mozartstadt Salzburg wird am Ufer der Salzach der stadtbekannte Frauenschwarm Marc Bergmann tot auf einer Parkbank aufgefunden. Der zwielichtige Anwalt war nicht nur verheiratet, sondern hatte auch noch eine Verlobte und eine Geliebte. Genügend Verdächtige für Inspektor Neuner und sein Team. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass vergiftete Cognac-Pralinen ihm zu Verhängnis wurden. Alle möglichen Täter haben wasserdichte Alibis, doch ist nichts so, wie es scheint. Als plötzlich eine alte Sandkastenliebe des Inspektors in den Fall verwickelt wird, bekommt dieser eine unerwartete Wendung.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Marie Anders wurde in Kirchdorf an der Krems, Oberösterreich, geboren. Sie ist in einem internationalen Umfeld mehrsprachig aufgewachsen und hat unter anderem in den Vereinigten Staaten, Serbien, Russland und Frankreich gelebt, studiert und gearbeitet. Seit Kurzem lebt und arbeitet sie wieder in ihrer österreichischen Heimat.
Weitere lieferbare Titel
Die finnische Socke – Inspektor Neuners zweiter Fall
Tod im grünen Klee – Inspektor Neuners dritter Fall
Mord im Dos Santos – Inspektor Neuners vierter Fall
Marie Anders
Pralinen des Todes
Kriminalroman
Der erste Fall für Inspektor Neuner
BRINKLEY
Pralinen des TodesErstausgabe bei: Verlag Federfrei 2017(unter ISBN 978 – 3-903092 – 90 – 7)Überarbeitete Version erschienen bei:BRINKLEY Verlag 2021
© Marie Anders
Ohne schriftliche Genehmigung des Herausgebers darf kein Teil dieser Publikation in irgendeiner Form vervielfältigt, übertragen oder gespeichert werden.Alle Rechte vorbehalten.
Sowohl die im Buch vorkommenden Personen als auch die Handlungen sind von der Autorin frei erfunden. Namen und Ähnlichkeiten mit Personen oder tatsächlichen Handlungen sind zufällig und nicht gewollt.
Satz: Constanze Kramer, coverboutique.deLektorat: S. Sussman© Umschlaggestaltung: BRINKLEY / Amit Kumarunter Verwendung von:pexels und shutterstock free stock images
Gedruckt und gebunden von: SKALA PRINT
ISBN 978-3-9519891-6-7
www.brinkley-verlag.at
Pralinen des Todes
Der erste Fall für Inspektor Neuner
Ein wunderschöner, warmer Sommertag. Ein leichter Windzug säuselte leise durch die bezaubernde Barockstadt. Der Hauch längst vergangener Zeiten war allgegenwärtig. Eine Melodie lag in der Luft. Hunderte Töne erklangen und alle perfekt getroffen. Eine Mozart-Symphonie, die wohltönend durch die Gassen der Altstadt wirbelte. Geigen schwangen sich immer weiter empor, Celli setzten eine Oktave unter den Geigen ein, und da war er der zum Höhepunkt führende Paukenschlag.
Mia und Alexia waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie die Musik nicht wahrnahmen.
»Und dann, das musst du dir mal vor Augen führen.« Alexia stocherte appetitlos in ihrem griechischen Salat herum. Tränen der Enttäuschung und des Zorns liefen über ihr hübsches Gesicht. »Ich komm aus der Dusche, der Kerl gibt mir einen Kuss wie schon lange nicht mehr, drückt mir eine Tasse Kaffee in die Hand und legt mir einfach Scheidungspapiere auf den Frühstückstisch.«
Mia, Alexias beste Freundin und Geschäftspartnerin, die eigentlich Maria Anna Steiger hieß, verschluckte sich und ließ versehentlich ihre Gabel klirrend zu Boden fallen. »Er hat was?!«, prustete sie hervor. »Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ist er denn von allen guten Geistern verlassen?«, schrie sie empört durchs Restaurant.
Einige Gäste drehten sich pikiert zu Mia um, musterten die aufgebrachte, elegant gekleidete junge Frau kurz, um sich dann wieder ihren Mittagessen zu widmen. Der aufmerksame Kellner brachte Mia sofort ein frisches Gedeck. Doch die wutentbrannte Mia schob ihre Gemüsequiche mitsamt dem Besteck beiseite und schlug mit der Faust auf den Tisch.
»So etwas kann er doch nicht machen, was denkt diese widerwärtige Person sich eigentlich dabei? Ich hab es ja schon immer gewusst, dieser Dreckskerl, mir fehlen die Worte. So einfach kannst du ihn nicht davonkommen lassen.« Mia atmete schwer, sie hatte sich in Rage geredet. »Pass auf, auf dem Weg zur Galerie setze ich dich bei Mertens und Partner ab. Dein Patenonkel wird dir sicher juristischen Rat geben können, du musst sofort handeln, Alexia.«
Mia deutete dem Kellner, dass sie zahlen wollte. Ungeduldig fingerte sie in ihrer Geldtasche herum. Nach kurzem Suchen zog sie einen Fünfzig-Euro-Schein heraus und knallte ihn auf den Tisch. Mia sprang auf und deutete ihrer Freundin, dasselbe zu tun. Sie kannte Alexia gut genug, um zu wissen, dass dieser Tag für ihre Freundin gelaufen war und sie die gemeinsame Galerie alleine öffnen musste.
Alexia sah sich in Jan Mertens’ Büro um. Ein kleiner enger Raum mit einem Guckloch, nicht größer als das Bullauge eines Schiffes. Trotzdem schien die Sonne durch diese winzig kleine Luke und warf ein scharfes Licht auf einen Aktenberg, der sich am Boden neben jeder Menge Fachzeitschriften, Zeitungen, Lexika und Gesetzestexten stapelte. Alexia hatte das Gefühl, dass die Sonne genau diesen Aktenberg ausgesucht hatte, um ihm einen ganz besonderen Glanz zu verleihen. Unwillkürlich musste sie lächeln. Noch nie hatte Alexia so ein Durcheinander und Chaos gesehen. Unter unglaublichen Papierbergen ließ sich der antike Schreibtisch, den sie im Sommer gemeinsam mit Jan bei einem Trödler gefunden hatte, nur noch erahnen. Markus Mertens, Alexias Patenonkel und Jans Vater, einer der angesehensten Anwälte der Stadt und bester Freund ihres Vaters, protegierte seinen Sohn nicht. Er war der Meinung, dass sein Sohn sich den Platz in der Kanzlei erst durch harte Arbeit verdienen müsse.
»Alexia, willkommen in meiner Gruft.« Lachend kam Jan Mertens zu Tür herein, küsste Alexia auf beide Wangen, entfernte einige Akten, die seinen Besuchersessel blockierten und platzierte sie geschickt auf den überhäuften Schreibtisch. Offensichtlich hatte er Übung im Stapeln. Elegant und gekonnt schwang er den Sessel in Alexias Richtung. »Setz dich doch. Schön, dass du mal bei mir reinschaust. Hattest du geschäftlich bei meinem Vater zu tun?«
»Nein, Jan«, Alexia räusperte sich. »Ich bin in einer eher privaten Angelegenheit hier.« Verlegen blickte sie zu Boden, denn eigentlich wollte sie nicht, dass Jan sie so sah. »Jan, ich brauche deinen Rat als Freund und Anwalt.«
»Das klingt ja mysteriös. Du erledigst doch sonst alle juristischen Belange mit meinem Vater.«
Alexia setzte sich, stellte ihre Handtasche auf dem Aktenberg neben dem Sessel ab und schlug elegant ihre Beine übereinander. »Jan, ich hab da ein Problem.« Sie blickte ihm nun direkt in die Augen. Irgendwo unter dem Stapel Akten und Büchern summte ein Telefon. Eine schöne Melodie, die immer lauter wurde, ertönte. »Solltest du den Anruf nicht entgegennehmen?«
»Ja, eigentlich schon, aber es wird schon nicht so wichtig sein. Jetzt möchte ich einfach nur für dich da sein und dir zuhören.«
Alexia schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht verstehen, wie Jan sich in diesem Chaos zurechtfinden und arbeiten konnte. Sie selbst brauchte ein sauberes und strukturiertes Arbeitsumfeld. »Es tut mir leid, Jan, ich sehe, du hast wirklich viel um die Ohren, und jetzt beanspruche ich auch noch deine Zeit. Vielleicht sollte ich mein Anliegen lieber doch mit deinem Vater besprechen.« Sie wollte sich erheben, doch Jan war schneller und hielt sie zurück.
»Nichts da, Alexia Bergmann«, sanft drückte Jan sie in den Besuchersessel zurück. »Du weißt, dass ich für dich immer, und ich meine immer, Zeit habe und haben werde. Also, wo liegt der Hund begraben? Probleme mit einem Klienten oder einem deiner Künstler?« Jan schob einige Akten zur Seite und lehnte sich, mit beiden Armen abstützend, an den Schreibtisch. »Kann ich dir Kaffee oder etwas anderes anbieten?« Alexia entspannte sich etwas. »Ja, ein Mineralwasser, bitte.«
Jan bestellte einen Cappuccino und ein Mineralwasser bei der Sekretärin seines Vaters und widmete sich wieder seinem Gast. Langsam ging er um den Schreibtisch herum, ohne Alexia aus den Augen zu lassen, irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Sie sah so traurig und zerbrechlich aus. Er nahm Platz und fixierte Alexia nun noch durchdringender als zuvor.
»Alexia! Ich kenne dich seit ewigen Zeiten, und ich merke doch, dass etwas nicht stimmt, also, nur keine Scheu, raus mit der Sprache.«
Die Sekretärin brachte die Getränke, hatte jedoch Mühe, diese abzustellen. Jan Mertens lächelte sie mit seinem schönsten Sonnyboy-Lächeln an und nahm ihr das Tablett ab. »Vielen Dank, Anna, und, bitte, sorgen Sie dafür, dass wir unter keinen, und ich meine unter keinen, Umständen gestört werden.«
Alexia musterte ihren besten Freund, und schon stiegen die seit ihrer Ankunft in der Kanzlei unterdrückten Tränen in ihren schönen olivfarbenen Augen auf. Jan erschrak, denn er kannte Alexia seit seiner Kindheit und wusste, dass sie nicht nah am Wasser gebaut war.
»Alexia, nicht doch, nicht weinen, es wird doch nicht so schlimm sein, oder?«
Er sprang auf, um sie zu umarmen. Unendliches Mitleid stieg in ihm auf. Selten hatte er Alexia so erlebt. Er hielt sie in seinen Armen, bis sie sich etwas beruhigt hatte, und strich ihr tröstend über ihr kurz geschnittenes kastanienbraunes Haar. Er ahnte, dass die Angelegenheit nichts mit der gut laufenden Galerie zu tun haben konnte, sondern dass wohl Marc hinter Alexias Misere stecken musste.
»Kleines, was ist denn passiert? Du kannst mir alles erzählen, und ich verspreche dir, dass ich mein Bestes tun werde, um dir zu helfen.«
»Marc, er ist … Marc ist … er will sich … er will sich scheiden lassen«, brach es aus Alexia heraus.
»Scheiden lassen? Marc will sich von dir scheiden lassen?«
Alexia nickte und weinte sich nun hemmungslos an Jans Schulter aus. Jan seufzte und dankte insgeheim Gott, dass es nichts Schlimmeres war. Er konnte Marc Bergmann noch nie leiden. Er wusste schon immer, dass er nicht gut für Alexia war. Marc hatte mit ihm studiert, schon während dieser Zeit war er als Weiberheld verschrien, der nichts anbrennen ließ, und daran hatte sich auch während seiner nun fünfjährigen Ehe mit Alexia nichts geändert.
»Sorry, ich wollte mich nicht so gehen lassen.« Alexia nahm das Stofftaschentuch, das Jan ihr reichte, putzte sich die Nase und trank einen Schluck Wasser.
»Alexia, ich bitte dich. Es muss ein Schock für dich gewesen sein, als Marc dich um die Scheidung bat.«
»Er bat mich nicht. Er hat mich vor vollendete Tatsachen gestellt«, sagte sie mit schluchzendem, aber dennoch bitterem Unterton. »Ich kann es mir einfach nicht erklären. Für mich war alles in Ordnung, wir haben uns gut verstanden, und ich hatte immer das Gefühl, eine glückliche Ehe zu führen. Vor einigen Tagen haben wir sogar noch unseren Winterurlaub geplant.«
Jan wusste, dass Alexia die Affären ihres Ehemannes ignorierte. Oft hatte er bei ihr gesessen und mit ihr darüber sprechen wollen, doch Alexia hatte immer abgeblockt und wollte nichts davon hören. Marc war ihre große Liebe, und sie wollte und konnte niemandem erlauben, ihn schlechtzumachen.
Auch Alexias Eltern, Bea und Gerd Brunner, waren schon immer gegen die Liaison mit Marc Bergmann gewesen. Sie hatten Angst, dass Marc sich nur die sehr gut gehende Baufirma von Gerd Brunner unter den Nagel reißen wollte. Nur aus Liebe zu seiner Tochter hatte Gerd Brunner nach deren Hochzeit vor fünf Jahren Marc Bergmann zum juristischen Berater seiner Auslandsabteilung gemacht.
»Wissen deine Eltern es schon?«
»Nnneeein«, schluchzte Alexia erneut, »nur Mia und jetzt du.«
»Hast du die Papiere bei dir? Ich würde sie mir gerne ansehen, und den Ehevertrag müsste ich auch überprüfen.« Erstaunt sah Alexia ihn unter Tränen an.
»Ihr habt doch einen Ehevertrag, oder etwa nicht?«
Alexia, die sich langsam beruhigte, hob ihre Tasche auf, zog die zerknitterten Scheidungspapiere heraus und überreichte sie Jan.
»Wir haben keinen Ehevertrag«, sagte sie kleinlaut und ernst. »Ich dachte, es sei nicht wichtig und auch nicht notwendig, ich habe Marc immer blind vertraut und vertraue ihm auch jetzt noch. Er würde doch nie etwas tun, was mir schaden könnte.«
Alexia hatte das Schriftstück noch nicht angesehen, und die Forderungen, die Marc an sie stellte, noch nicht gelesen. Jan überflog die Papiere kurz. Nach wenigen Zeilen merkte er, dass Marc alle Register ziehen würde, um an die Hälfte von Alexias Vermögen zu kommen. Doch dies verschwieg er erst mal und veranlasste die Sekretärin seines Vaters, Kopien anzufertigen und eine Aktenmappe anzulegen. Er wollte Alexia nicht unnötig beunruhigen und ihr noch etwas Schonzeit gewähren. Die Verhandlungen mit Marc würden, den Dokumenten nach zu urteilen, ohnehin zäh genug werden. Nachdem die Sekretärin ihm die Aktenmappe übergab, legte er den Ordner zur Seite und schlug Alexia vor, sie nach Hause zu begleiten.
»Ich muss in die Galerie«, flüsterte Alexia.
Behutsam legte Jan seinen Arm um ihre Schulter. »Okay, ich komme mit.«
Alexia kommt heute sicherlich nicht mehr in die Galerie, dachte Mia. Den Termin mit dem belgischen Kunstexperten Robert van der Leek hatte sie vorsorglich abgesagt. Zum ersten Mal seit Wochen konnte sie sich auf einen entspannten Nachmittag freuen und die Galerie etwas früher schließen.
Gerade als sie den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, hielt jemand ihr von hinten die Augen zu. Mia erkannte die großen, sanften Hände sofort.
»Ich werde dich erst entführen und dann verführen«, hauchte eine vertraute Stimme ihr ins Ohr. Mia drehte sich um und küsste ihren Liebsten überglücklich. Zeitgleich sprang Mias Mischlingshund Moritz an dem Paar hoch. Mias Freund streichelte ihn und nahm ihr die Leine aus der Hand.
»Ich bin mit deinem Cabrio da, ein Picknickkorb ist bereits verstaut. Eigentlich brauche ich nur noch dich und Moritz, und wir können zum Irrsee fahren.«
»Wunderbar, mein Schatz!« Erneut küsste Mia ihn. »Los geht’s, Moritz, hopp«, und schon war der Hund im Auto.
Alexia und Jan kamen gerade noch rechtzeitig um die Ecke, um das Heck von Mias Beetle zu sehen.
»Oh, das war Mia mit ihrem geheimnisvollen neuen Lover. Sie will mir einfach nicht verraten, wer der neue Mann an ihrer Seite ist.«
»Solltest du als beste Freundin so etwas nicht als Erste erfahren?«, wunderte Jan sich.
»Ach, weißt du, Jan, Mia meinte, es sei noch zu frisch für die Öffentlichkeit. Du kennst sie ja, sie ist immer sehr geheimnisvoll, wenn es um ihre Männer geht. Kannst du mal halten?« Alexia drückte Jan einen der beiden Henkel ihrer übergroßen Handtasche in die Hand und kramte in dem Beutel herum. Das ist meine Lieblingstasche, aber sie hat nun mal den Nachteil, dass die Schlüssel sich darin immer verlieren«, murmelte sie. »Eh voilà, da ist er ja.«
»Glaubst du, wir kennen ihn?«
»Wen?«
»Na, Mias Neuen.«
»Nein, auf keinen Fall, sonst müsste sie ja kein so großes Geheimnis um ihn machen.«
Oder gerade deshalb, dachte Jan, ohne es laut auszusprechen.
Jan mochte die strohblonde Mia nicht. Nur Alexia zuliebe bemühten sich beide um ein freundschaftliches Verhältnis. Mia war für Jan schon immer ein rotes Tuch gewesen. Ein Typ Mensch, der immer das haben musste, was andere gerade hatten, und sie hatte keine Skrupel, sich dies auch zu nehmen. Mia hatte einen enormen Männerverschleiß und machte sich grundsätzlich an die, wie sie selbst es nannte, ›schwierigen Typen‹ heran. Ihre bevorzugte Beute waren verheiratete Männer, möglichst unabhängig und wohlhabend. Für Mia war das fast schon ein Sport. Jan hatte es nie verstanden, warum Alexia sich ausgerechnet mit Mia so gut verstand, wo sie doch so grundverschieden waren. Alexia, treu, fürsorglich und hilfsbereit, die immer ein offenes Ohr für die Probleme anderer hatte und dann die rücksichtslose Mia, die in den Tag hineinlebte, machte was sie wollte, und dabei auch noch wenig Verantwortungsbewusstsein an den Tag legte. Vielleicht zogen Gegensätze sich ja wirklich an, und als Galeriepartnerin machte Mia sich eigentlich auch ganz gut.
Jan war schon länger nicht mehr in der Galerie gewesen. Er schlenderte durch die geschmackvoll dekorierten Räume. Alexia und Mia hatten ein Händchen für Kunst. Geschickt hatten sie die Gemälde an den Wänden beleuchtet, größere und kleinere Skulpturen auf antiken Beistelltischchen platziert und kunstvoll Vasen mit bunten Blumen arrangiert. Ein Hauch von Sommerduft lag in den Räumen. Alexia hatte einige neue Künstler unter Vertrag, von denen er noch nie etwas gehört, geschweige denn gesehen hatte. Er war kein Kunstkenner, musste Jan sich eingestehen, dennoch stach ihm ein Gemälde ganz besonders ins Auge. Er mochte es auf Anhieb.
Alexia beobachtete Jan von ihrem Schreibtisch aus. Erst jetzt fiel ihr auf, wie sehr er sich in den letzten Jahren verändert hatte. Mit Mitte zwanzig war der ein Meter neunzig große Jan noch eher ein übergroßer Junge gewesen, ein lebenslustiger Student, ein Sonnyboy, immer einen Scherz auf den Lippen. Jetzt mit Ende dreißig, war er ein gut aussehender Mann in maßgeschneidertem Anzug. Die perfekt zu seinen blaugrauen Augen passende Krawatte und das tadellos gebügelte weiße Hemd ließen ihn sehr männlich wirken. Seine dunkelblond gelockten kurzen Haare rundeten sein attraktives Erscheinungsbild ab. Ein erwachsener Sonnyboy, dachte Alexia und fand es schade, dass er noch immer keine geeignete Partnerin gefunden hatte. Vermutlich hatte er einfach zu viel zu tun. Langsam näherte sie sich ihm.
»Das ist auch mein Lieblingsbild. Der Maler nennt sich Pierre, er ist ausgesprochen talentiert und studiert noch an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Er ist erst dreiundzwanzig. Ich hab ihn bei einem Workshop in Innsbruck kennengelernt und war sofort von seiner Kunst begeistert.«
Jan trat einige Schritte zurück, um das Bild noch einmal auf sich wirken zu lassen. »Ja, wirklich, das Bild hat was. Hat es einen Namen?«
»Ja, Pierre hat es ›Irrwege der Gefühle‹ genannt.«
Jan wollte etwas erwidern, drehte sich zu Alexia, aber hielt inne, als er ihr bleiches Gesicht wahrnahm. »Du siehst erschöpft und müde aus, Alexia, komm, ich bringe dich nach Hause.«
»Nein, Jan, wirklich nicht, danke für dein nettes Angebot, aber es geht schon. Ich hab hier noch einiges für eine Vernissage vorzubereiten.«
»Kann ich dich denn wirklich alleine lassen?«
»Aber ja, mach dir um mich mal keine Sorgen. Arbeit ist die beste Ablenkung.«
»Sicher?«
»Ja, wirklich, Jan, die Vernissage ist wichtig für die Galerie. Sie könnte unser Durchbruch sein.«
»Gut, dann fahr ich noch mal ins Büro und werde die Scheidungsunterlagen genauer durchsehen. Ich melde mich später noch bei dir.«
Jan nahm Alexia in den Arm und drückte sie fest an sich. »Ich bin immer für dich da, Kleines«, flüsterte er kaum hörbar in Alexias Haar. »Ich werde immer für dich da sein«, hauchte er noch leiser.
Alexia schloss die Tür der Galerie hinter Jan ab und drehte das Hinweisschild OPEN/CLOSED auf CLOSED. Sie lehnte sich kurz an die Tür, endlich war sie allein. Langsam ging sie durch die Galerie zu ihrem Schreibtisch zurück. Die Büros waren mit Glaswänden von den Ausstellungsräumen getrennt. Ihres sah aufgeräumt aus, fast so als ob hier niemand arbeiten würde. In Mias Büro hingegen herrschte ein heilloses Durcheinander. Offensichtlich hatte sie bereits einige Bilder für die Vernissage ausgesucht, die nun an der Wand lehnten. Alexia hatte nach ihrem Kunststudium die Galerie eröffnet und viel Herzblut in den Aufbau gesteckt. Mia entschloss sich erst ein Jahr später, bei Alexia einzusteigen. Die Galerie hatten Mia und sie sich in mühsamster Kleinarbeit aufgebaut. Es war nicht einfach, sich in Salzburg einen Namen zu machen. Aber sie waren auf dem besten Weg. Die Vernissage, die sie vorbereiteten, könnte der Durchbruch sein, vielleicht bald auch international. Die Galerie war für Alexia nicht nur eine Lebensaufgabe, sondern auch ein Ort der Begegnung, um einerseits junge Künstler zu fördern und zum anderen das Bewusstsein für Kunst zu wecken. Nachdenklich setzte sie sich hinter ihren Schreibtisch, nahm den Fristenordner mit der To-do-Liste und machte sich sogleich an die Arbeit. Es musste einiges schnellstmöglich geklärt und erledigt werden. Der Titel der Vernissage war ›Junge Künstler und ihre Sehnsüchte‹, eine Open-Air-Ausstellung im Mirabellgarten. Es mussten noch weitere Künstler kontaktiert, Genehmigungen eingeholt, zusätzliche Einladungen gedruckt und das Catering organisiert werden. Schließlich hatten sich bereits renommierte Kunstkritiker, Journalisten und rund zweihundertfünfzig geladene Gäste angekündigt. Alexia hatte sich zwar eine angemessene Zeitspanne gesetzt, um das Event auf die Beine zu stellen, aber der Termin rückte näher, und sie wollte alles perfekt organisieren. Das war ein Markenzeichen ihrer Galerie. Events, Vernissagen und Verkäufe wurden von Mia und ihr immer bis ins letzte Detail geplant. Die Freundinnen waren sich einig, dass die Galerie nur dann auch international Erfolg haben würde, wenn sie alles möglichst ohne Pannen über die Bühne brachten. Alexia genoss es, allein im Büro zu sein, endlich hatte sie die nötige Ruhe, um sich ganz auf ihrer Arbeit konzentrieren zu können. Anfangs wanderten ihre Gedanken zwar immer wieder zu Marc, aber nach und nach vertiefte sie sich so in die Planung der Ausstellung, dass sie alles um sich herum vergaß. Erst das schrille Klingeln ihres Handys riss sie aus ihrer Konzentration. Es war Jan, der sich sorgte und wissen wollte, ob er noch vorbeikommen sollte. Alexia lehnte dankend ab, sie wollte nur noch eine E-Mail an Pierre schreiben und dann nach Hause gehen.
Mia kam erschöpft, aber glücklich von ihrer Spritztour zum Irrsee in ihre schöne, durchgestylte Stadtwohnung zurück. Moritz lief sofort zum Sofa und machte sich auf seiner blauen Kuscheldecke breit. Die Putzfrau hatte sauber geputzt, und es roch leicht nach Zitrusöl. Als Mia das Wohnzimmer betrat, ihre Sachen in eine Ecke warf und sich auf die kuschelige Couch plumpsen ließ, atmete sie den Duft tief ein. Ihren Lover hatte sie an der Tür verabschiedet. Er hatte etwas zu erledigen und würde sich später bei ihr melden. Für Mia war das nichts Neues, denn schließlich war er ja verheiratet und hatte Verpflichtungen. Dies war auch der Grund, warum Mia ihre neue Beziehung noch nicht an die große Glocke hängen wollte.
Auf dem Anrufbeantworter schienen drei Nachrichten auf. Eine von ihrer Putzfrau, um ihr mitzuteilen, dass sie in der nächsten Woche in Urlaub wäre, eine von ihrem Bruder, der nur wissen wollte, wie es ihr ging, und eine von Alexia, die einen Brief an van der Leek suchte.
Betreten schaute Mia auf den Anrufbeantworter. Was für eine Freundin war sie nur? Den ganzen Nachmittag hatte sie weder einen Gedanken an die Galerie noch an Alexia verschwendet. Ein seltsames Gefühl, das man wohl als schlechtes Gewissen bezeichnen konnte, machte sich in ihr breit. Sie hatte einen so wunderbaren Tag am See verbracht und absolut keinen Gedanken an irgendetwas oder irgendjemanden verschwendet. Wäre ihr Ähnliches geschehen, wäre Alexia die Erste, die für sie da gewesen wäre. Mia war erschöpft von der frischen Luft. Ihr Freund hatte ein wunderschönes Picknick mit Champagner, Kaviarbrötchen und Obst vorbereitet. Sogar für Moritz gab es einen großen Knochen. Nach dem Picknick tobten sie mit dem Hund herum, schwammen im See und liebten sich in einer verlassenen Bucht. Sie würde sich erst noch frisch machen und sich dann bei Alexia melden. Der Anruf war längst überfällig. Dann würde sie ein wundervolles Abendessen für ihren Freund kochen, der versprochen hatte, noch einmal vorbeizukommen.
»Alexia, wo bist du? Sag nicht, dass du arbeitest«, rief Mia ins Telefon.
»Hallo, Mia. Auf frischer Tat ertappt. Ich sitze noch im Büro und arbeite an der Mirabell-Vernissage. Ich hab gesehen, wie du mit einem Unbekannten abgezischt bist, willst du mir nicht endlich verraten, wer dein neuer Verehrer ist?«
»Alexia, du musst doch die Vernissage nicht alleine vorbereiten. Ich bin doch auch noch da. Was meinen Neuen betrifft, wirst du noch früh genug erfahren, wer er ist. Wir waren am See und hatten wirklich eine Mordsgaudi. Sogar Moritz ist so erschöpft, dass er sich nicht mehr von seiner Decke bewegt, und das heißt was. Aber was ist mit dir? Hast du dich nach dem ersten Schock von heute Morgen etwas gefangen?«
»Um ehrlich zu sein, nein, aber ich hatte zu viel um die Ohren, um auch nur ansatzweise an Marc und die Scheidung zu denken. Mia, ich möchte heute nicht unbedingt nach Hause, könnte ich ausnahmsweise bei dir übernachten?«
»Alexia, es macht doch keinen Sinn, vor den Tatsachen zu flüchten. Du solltest auf jeden Fall nach Hause und mit Marc über alles sprechen. Außerdem bekomme ich später noch Besuch, und du möchtest doch sicher nicht mit uns Turteltauben unter einem Dach sein.«
»Wer weiß, ob Marc heute überhaupt noch nach Hause kommt.«
»Du musst trotzdem mit ihm sprechen, du musst ihn anrufen, hörst du?!«
»Ja, ja, ja! Ist ja gut! Du hast natürlich recht. Ich werde dann wohl in der nächsten halben Stunde auch nach Hause gehen.«
»Gut, ich sehe dich dann morgen in der Galerie. Pass auf dich auf und ruf an, falls du was brauchen solltest.«
Alexia legte auf. Mia hatte natürlich recht, sie konnte nicht vor ihren Problemen davonlaufen. Sie würde nach Hause gehen und mit Marc sprechen. Sie musste die Situation unbedingt schnellstens klären. Wieder ging das Telefon. Alexia überlegte kurz, ob sie den Anruf noch entgegennehmen sollte. Nach einem Blick auf das Display entschied sie sich dagegen. Es war Marcs Büronummer. Sie hatte noch keine Lust, mit ihm zu diskutieren. Erst wollte sie sich mental auf die Aussprache vorbereiten. Sie brauchte jemanden zum Reden. Mia hatte keine Zeit für sie. Eine neue Liebe ist immer so aufregend, und alles andere scheint unwichtig. Alexia verstand das nur zu gut. Sie wählte Jans Handynummer
»Alexia, Kleines, wie ich sehe, bist du noch in der Galerie. Soll ich dich abholen und nach Hause bringen?«
»Ach, Jan, irgendwie hab ich überhaupt keine Lust, nach Hause zu gehen. Marc hat gerade versucht, mich anzurufen, aber ich bin noch nicht bereit, mit ihm zu sprechen.«
»Alexia, ich kann dir als Freund nur raten, mit ihm zu reden. Es macht doch keinen Sinn, das Gespräch unnötig zu verschieben.«
»Bleib mal kurz dran, Jan, mein Handy klingelt«
»Ja, ich bleib dran.«
»Alexia, endlich erreiche ich dich. Ich dachte, du wärst noch in der Galerie.«
»Marc, was willst du?« Alexias Stimme klang kühler als geplant.
»Ich wollte dir nur sagen, dass ich für zwei Tage dienstlich nach Hamburg fliegen muss und erst dann meine Sachen aus unserer Wohnung holen werde. Also, warte nicht auf mich.«
»Marc, was soll das?«, schrie Alexia, aber Marc hatte bereits aufgelegt, ohne sich zu verabschieden.
»Jan, bist du noch dran?«
»Ja sicher. Soll ich vorbeikommen?«
»Nein, nein, schon gut. Es war Marc. Er fliegt für zwei Tage dienstlich nach Hamburg.«
»Das sagt er dir so kurzfristig?«
»Na ja, heute Morgen hatte er mir ja die Scheidungspapiere hingeknallt und ist aus dem Haus gestürmt, und tagsüber hab ich nicht mit ihm gesprochen.«
»Vielleicht ist es auch besser, wenn er nicht nach Hause kommt, so hast du zumindest zwei Tage, um dich seelisch auf das Gespräch mit ihm vorzubereiten.«
»Stimmt. Ich gehe jetzt einfach nach Hause und leg mich mit einem guten Buch ins Bett. Das wird mich bestimmt etwas ablenken.«
»Alexia, wenn du was brauchst, egal, was, kannst du mich jederzeit erreichen. Du weißt, ich bin immer für dich da und komm auch mitten in der Nacht, wenn du willst.«
»Danke, Jan. Aber lieber wär es mir, wenn wir uns morgen zum Frühstück treffen könnten. Vielleicht kannst du mir bis dahin Näheres zu den Scheidungsformalitäten sagen. Ich muss nicht vor zehn in der Galerie sein.«
»Ja, sehr gute Idee. Die Papiere hab ich so weit durch. Ich schreib dir noch einzelne Kommentare zu den verschiedenen Punkten dazu.«
»Ja, gut, dann haben wir ein Date für morgen, sagen wir, gegen acht?«
»Gut, acht Uhr ist perfekt. Ich bringe frische Semmeln mit. Alexia, du solltest jetzt aber wirklich nach Hause gehen und dich erholen, du brauchst noch viel Kraft in der nächsten Zeit.«
»Danke, Jan, das mach ich. Schlaf gut und bis morgen.«
Alexia packte ihre Sachen, ein paar Verträge und ging noch einmal wie jeden Abend durch alle Räume. Sie knipste die Lampen, die einige Kunstwerke nachtsüber beleuchteten, an. Langsam drehte sie sich noch einmal um, ehe sie die Galerie abschloss.
Sonja Westreit hatte im Gasthof Maria Plain einen Tisch für zwei reserviert und wartete seit einer guten halben Stunde ungeduldig auf Marc Bergmann. Dieser verspätete sich mal wieder.
»Wahrscheinlich hat er Streit mit seiner Frau Alexia«, dachte Sonja und blickte gedankenverloren auf die Straße. »Alexia kann ihn doch einfach rauswerfen, dann würde dieses ewige Hin und Her endlich ein Ende nehmen, und Marc könnte zu mir stehen, er war ja sowieso nie an Alexia, sondern nur an ihrem Geld und der Baufirma ihres Vaters interessiert«, raunte sie vor sich hin. In Sonja begann es zu brodeln. »Wir haben schon so viele Pläne für eine gemeinsame Zukunft geschmiedet, verdammt, nach zwei Jahren ist es doch wirklich an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen. Ich hab es satt, immer nur die zweite Geige zu spielen und mich immer und überall verstecken zu müssen. Der kann was erleben, wenn er kommt.« Die Türklingel riss Sonja aus ihren Gedanken. Als Marc mit einem riesigen Strauß vor ihr stand, war ihre aufsteigende Wut fast wieder verflogen.
In ihrem roten Designer-Hosenanzug sah Sonja mit ihren mahagonifarben schimmernden Haaren, den tiefgrünen Augen, die strahlten wie große Smaragde, und ihrem makellosen Teint einfach exotisch und umwerfend wie immer aus. Mit einem smarten Lächeln reichte Marc Bergmann ihr einen riesigen Strauß roter Rosen. Sonja war definitiv eine der attraktivsten Frauen, die er je kennengelernt hatte, und er kannte viele. Sie war nicht übermäßig groß, aber die High Heels und der Hosenanzug verliehen ihr schier endlos scheinende Beine. Das lange Haar hatte sie hochgesteckt, so kamen ihr schlanker Nacken und ihr hübsches Gesicht noch besser zur Geltung.
»Darling, heute gibt es etwas zu feiern. Ich hoffe, du hast den Tisch in Maria Plain wie vereinbart reserviert?«
»Ja sicher und wenn du auf die Uhr schaust, siehst du auch, dass wir spät dran sind. Ich warte seit über einer halben Stunde auf dich. Was war denn diesmal wieder, und was gibt es überhaupt zu feiern?«, erwiderte Sonja immer noch leicht sauertöpfisch.
»Ich habe Alexia endlich die Scheidungspapiere gegeben.« Schlagartig besserte Sonjas Stimmung sich, sie schlang ihre Arme um Marc und küsste ihn immer und immer wieder. Sie spürte seinen durchtrainierten Körper, den sie so sehr liebte. Sie wollte Marc wie keinen Mann zuvor. Marc war ihre große Liebe. Sie hatte ihn während ihrer Studienzeit kennengelernt. Doch richtig gefunkt hatte es erst vor zwei Jahren bei einer von Alexias Vernissagen. Marc war ihr sofort aufgefallen. Er stand in einer Ecke und unterhielt sich mit Jan Mertens. Immer wieder trafen sich ihre Blicke, und eine unwiderstehliche Anziehungskraft ging von Marc aus. Als er merkte, dass sie sich langweilte und sie obendrein nichts mehr zu trinken hatte, brachte er ihr ein Glas Wein. Sie sprachen nicht miteinander, sondern sahen sich nur an. Schon damals verlor sie sich in seinen tiefblauen Augen. Er hatte sie bei der Hand genommen und sie auf die Terrasse hinausgeführt.
»Darling, träumst du? Wir müssen los.« Marc wehrte Sonja liebevoll ab, nahm sie bei der Hand, zog sie zur Tür und schob sie in Richtung Ausgang.
Im Restaurant führte der Maître d’Hôtel sie zu einem wunderschön gedeckten Tisch am Fenster mit einem atemberaubenden Ausblick auf die Festspielstadt Salzburg und die sie umgebende Gebirgskulisse. Ein frisches Bouquet mit kleinen Wildrosen verbreitete einen angenehmen Sommerduft, der Aperitif, ein 1990er Dom Pérignon, stand bereits, wie von Sonja gewünscht, bereit. Marc bestellte für beide, ohne auch nur einen Blick in die Speisekarte zu werfen, als Vorspeise Mousse von der Räucherlachsforelle im Lachsmantel, als Hauptgericht gegrilltes Rückensteak vom Milchkalb auf Gemüsebett, dazu einen 1988er Château Lafite Rothschild und als Dessert eine Zwetschkenterrine mit Zimtparfait und einer Champagner-Orangen-Sabayon.
Sonja beobachtete ihn bewundernd und lächelte. Sie war mit Marcs Wahl äußerst zufrieden. Er wusste immer ganz genau, was er wollte, und nahm es sich auch. Sie genoss es, die Frau an seiner Seite zu sein, und sie war sich sicher, dass die Zukunft noch viel Schönes für sie beide bereithalten würde.
Bea und Gerd Brunner freuten sich schon lange auf einen gemeinsamen Abend. Es war ihr Hochzeitstag, und den nahmen sie wie jedes Jahr zum Anlass, schick auszugehen. Erst ein erstklassiges Abendessen und dann ein Besuch im Casino.
Man sah Bea ihre sechzig Jahre nicht an. Sie kleidete sich sportlich-elegant und hatte ihre zarte Figur über die Jahre behalten. Dafür sorgte auch ein Personal Trainer, mit dem sie Tennis spielte, joggte und Yogaübungen machte. Für diesen speziellen Abend hatte sie sich extra ein Kleid von ihrer Lieblingsschneiderin nähen lassen. Ein sehr schlichtes samtblaues Cocktailkleid mit ausgeschnittenem Rücken, was ihre schlanke Erscheinung noch mehr zur Geltung brachte. Gerd, der aus der Dusche ins Schlafzimmer kam, um sich anzuziehen, war wie immer, wenn seine Frau sich zurechtmachte, überwältigt.
»Du siehst fabelhaft aus, Liebling. Fast noch hübscher als bei unserer Hochzeit. Ich würde dich jederzeit wieder heiraten.«
»Danke, Schatz, ich dich auch, obwohl …«, sie lächelte schelmisch, »… anziehen müsstest du dich dann doch. Eine Hochzeit im Morgenmantel wär doch etwas, na ja, eigen.« Gerd lachte, umarmte und küsste seine Frau auf die Wange, ehe er im Ankleidezimmer verschwand.
Gerd Brunner, eine stattliche, charismatische Erscheinung, war die Gutmütigkeit in Person. Schon als Bea ihn während ihrer Sommerferien auf einem Reiterhof kennengelernt hatte, war es seine außergewöhnliche Warmherzigkeit, die ihr als Erstes an ihm aufgefallen war und zu der sie sich besonders hingezogen fühlte. Sie hatten sich sofort ineinander verliebt. Gerd, der damals schon als Architekt bei einer Baufirma arbeitete, wartete auch nicht lange, um Bea einen Heiratsantrag zu machen. Auch nach achtunddreißig Ehejahren mit Höhen und Tiefen hatten sie an ihrer Liebe nie gezweifelt.
»Ich bin gleich so weit«, dröhnte Gerds tiefe Stimme aus dem Ankleidezimmer. »Könntest du mir bitte die Saphir-Manschettenknöpfe aus dem Safe holen?«
»Sie liegen schon auf der Kommode im Ankleidezimmer bereit.«
»Ah ja, danke, Liebling.«
»Ich warte unten auf dich, Gerd.«
Das Telefon im Arbeitszimmer klingelte. Bea nahm den Hörer ab und freute sich, die Stimme ihrer Tochter Alexia zu hören.
»Mama, ich wollte euch zum Hochzeitstag gratulieren. Ich hatte leider keine Zeit, mich früher zu melden.«
Trotz der gespielt gut gelaunten Stimme ihrer Tochter bemerkte Bea sofort, dass irgendetwas nicht stimmte.
»Danke, Liebes, dein Vater und ich sind auf dem Weg nach Maria Plain und dann ins Casino. Geht es dir gut? Du klingst etwas angespannt.«
»Nein, nein, bei mir ist alles in bester Ordnung, ich bin nur gerade aus der Galerie gekommen und etwas müde. Ich werde mir ein schönes Bad einlassen und mich dann mit einem guten Buch ins Bett legen.«
»Ist Marc schon zu Hause?«
»Nein, natürlich nicht, der ist doch auf Dienstreise, Richtung Hamburg unterwegs.«
»Hamburg? Ach ja, das muss ich wohl vergessen haben, dein Vater hat mir das sicherlich gesagt.«
»Hättest du Lust, morgen in der Galerie vorbeizukommen? Ich hab einen neuen Künstler, der euch sicherlich interessieren würde.«
»Ich muss erst in meiner Agenda nachsehen, ob ich morgen Zeit habe. Liebes, ich melde mich morgen, wir müssen jetzt wirklich los, dein Vater wartet schon.« »In Ordnung. Einen dicken Kuss an euch beide und lasst es euch so richtig gut gehen.«
Der Gedanke an die Ehe ihrer Tochter mit diesem Schürzenjäger stimmte Bea traurig. Gerd hatte ihr erzählt, dass das Hamburg-Geschäft erst nächsten Monat stattfinden würde. Also war Marc wohl nicht in Hamburg. Bea war immer noch in Gedanken versunken, als sie ihrem Mann die Wünsche und Grüße ihrer Tochter ausrichtete, erzählte ihm aber vorsichtshalber nichts von Marcs Dienstreise. Sie kannte ihn zu gut. Er würde ausrasten, und der Abend wäre gelaufen. Doch Gerd bemerkte die Veränderung an seiner Frau.
»Machst du dir Sorgen um Alexia? Es geht ihr doch gut, oder?«
»Ja, ja, es ist alles in Ordnung. Sie klang nur etwas erschöpft.«
»Sie wird wohl wieder zu viel gearbeitet haben, wie immer. Hoffentlich mutet sie sich mit dieser Vernissage nicht zu viel zu«, murmelte Gerd. »Komm, Bea, wir sollten jetzt los.«
Gerd Brunner und Markus Mertens parkten fast zeitgleich ihre Autos vor dem Gasthof Maria Plain und waren sichtlich erfreut, einander zu sehen.
»Das ist ja ein Timing!« Markus schlug Gerd auf die Schulter.
»In der Tat! Hätten wir es so geplant, wär uns das nicht gelungen«, grinste Gerd. Markus und Gerd, Cousins ersten Grades, die quasi gemeinsam aufgewachsen waren, verliebten sich fast zeitgleich in die Schwestern Bea und Lisa, und als Gerd Bea einen Heiratsantrag machte, entschlossen sich auch Markus und Lisa zu heiraten. Einer Doppelhochzeit stand nichts mehr im Wege. Der Hochzeitstag wurde seither jedes Jahr gemeinsam gefeiert.
Markus, ganz Gentleman, ging voraus, um die Tür des Restaurants aufzuhalten. Gerd verbeugte sich elegant und ließ den Damen den Vortritt. Der Maître d’Hôtel begrüßte die Gäste und führte sie an ihren Tisch, der wunderschön eingedeckt und mit einem Bouquet Wildrosen geschmückt war. Markus Mertens zog für Lisa den Sessel heran, »Setz dich, Scha…«, doch als er aufsah, verschlug es ihm die Sprache. Auch Lisa erstarrte und wurde kreidebleich.
»Markus, Lisa, was ist denn mit euch los, ihr seht ja aus, als hättet ihr ein Gespenst gesehen!« Gerd drehte sich um, um herauszufinden, was die beiden so schockiert haben mochte. Er starrte direkt in die Augen seines Schwiegersohns, der süffisant grinsend Sonjas Hand küsste und es nicht einmal der Mühe wert fand aufzustehen, um seine Schwiegereltern zu begrüßen.
»Marc, was machst du hier?!«, donnerte Gerd. Nun drehte sich auch Bea entsetzt um. »Das darf doch wohl nicht wahr sein«, herrschte sie Marc leise an. »Du betrügst unsere Tochter in aller Öffentlichkeit. Du solltest dich was schämen.«
Marc, der immer noch süffisant lächelte und nicht daran dachte, Sonjas Hand loszulassen, war sichtlich amüsiert. Sonja, der die Situation extrem peinlich war, senkte den Kopf und lief rot an. Langsam ließ Marc Sonjas Hand los, stand auf, begrüßte die Gruppe übertrieben höflich mit einer Verbeugung, um sich dann sofort wieder zu setzen und sich seiner schönen Begleitung zu widmen.
Gerds Gesicht lief hochrot an. Er konnte sich nicht mehr beherrschen. »Eine Provokation ohnegleichen«, polterte er, ging zu Marcs Tisch, fasste ihn am Kragen und zog ihn von seinem Sessel hoch. Er wollte ihm gerade eine verpassen, als Markus ihn noch rechtzeitig zurückhielt.
»Gerd, lass gut sein, das ist er nicht wert«, versuchte er, so gut es ging, Gerd zu beruhigen.
Doch Gerd tobte und brüllte. Marc, das wirst du noch bitter bereuen, ich werde es dir heimzahlen, da kannst du Gift drauf nehmen, und so wahr ich hier stehe, das überlebst du nicht, du mieses, kleines Ar…« Markus zog Gerd langsam weg und sprach beruhigend auf ihn ein.
Sowohl die Gäste des Restaurants als auch der Maître d’Hôtel waren schockiert. So etwas hatte es hier noch nie gegeben. Prügelnde Gäste konnte und wollte man hier nicht dulden. Der Maître bat die Gesellschaft höflich, aber bestimmt, das Restaurant sofort zu verlassen.
Bea und Lisa standen auf, entschuldigten sich kleinlaut bei den Gästen und hasteten zur Tür. Markus hatte immer noch alle Hände voll zu tun, um Gerd in Richtung Ausgang zu schieben, was ihm aber schließlich gelang. Draußen holte Gerd tief Luft. Er konnte es einfach nicht fassen, dass sein missratener Schwiegersohn so dreist sein konnte. Der Abend war gelaufen, er wollte nur noch weg, ehe noch etwas Schlimmes passierte.
»Neuner«, brummte der Inspektor ins Telefon.
»Morgen, Quentin!«
»Charlie, hast du mal auf die Uhr geschaut?«
»Ja sicher, Quentin, es ist halb fünf, und du verpasst einen wunderschönen Sonnenaufgang.«
»Verarschen kann ich mich alleine, ich hoffe für euch, dass es einen guten Grund gibt, mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen.«
»Quentin, es tut mir wirklich leid, dich zu wecken, aber ein Passant hat vor einer Viertelstunde eine Leiche gefunden.«
»Wo?«
»Hinter dem Künstlerhaus am Franz-Hinterholzer-Kai auf einer Parkbank.«
»Okay, okay, ich bin gleich da. Gib mir so zwanzig Minuten.«
Quentin Neuner taumelte aus seinem kuschelig warmen Bett und stieß sich seinen großen Zeh an seinem Aktenkoffer, den er, als er abends nach Hause gekommen war, direkt neben seinem Bett abgestellt hatte. »Ahhhh, verdammte Scheiße …«, fluchte er leise. Gestern war er einfach nur todmüde ins Bett gefallen. Er hatte sich gerade noch die Pyjamahose angezogen und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Den Aktenkoffer hatte er total vergessen. Kein Wunder, dass Ella, seine Frau, ihn vor zwei Jahren verlassen hatte. Es war wirklich eine Zumutung. Die ganze Woche schon hatte man ihn immer wieder für Kleinigkeiten aus dem Schlaf gerissen. Heute aber war es immerhin ein Leichenfund. Vielleicht sogar ein Mord. Er musste sich beeilen, um an den Tatort zu kommen.
Er rieb seinen Zeh, der langsam blau anlief, und sprang widerwillig unter die lauwarme Dusche, um seine Geister zu beleben. Nach nur wenigen Minuten stand er in ausgewaschenen Jeans, hellblauem Polohemd und mit nassen Haaren in seiner Küche, ließ sich einen Espresso doppio aus seinem Kaffeeautomaten, trank ihn auf einen Zug aus und machte sich auf den Weg.
In der Tiefgarage seines Wohnblocks funktionierte wieder einmal das Licht nicht. »Na, der Tag kann ja heiter werden. Erst der Zeh, jetzt das Licht, fehlt nur noch, dass der Wagen nicht anspringt«, knurrte er leise vor sich hin. Doch der Wagen machte keine Probleme, und Quentin raste aus der Garage.
Am Tatort angekommen, waren die Kollegen schon fleißig am Werke. Die Spurensicherung, der Polizeifotograf und die Gerichtsmedizinerin. Seine Kollegin Carlotta Renner alias Charlie hatte wirklich in kürzester Zeit alle mobilisiert.
»Na, Charlie, alles klar?«
»Quentin, auch schon munter, hast aber lange gebraucht, deine Schuhe noch poliert?« Die beiden begrüßten sich wie immer freundschaftlich.
»Haha, sehr witzig Charlie. Was wissen wir?«
»Der Tote wurde auf der Parkbank gefunden. Der Hund eines Passanten hat ihn angebellt und angeknurrt, und als der sich wunderte, dass der Mann bei dem Radau nichts von sich gab, hat er ihn angesprochen. Als er noch immer keine Antwort bekam, hat der Passant ihn dann angestupst und dabei bemerkt, dass er nicht mehr lebte. Der Passant, ein Herr Regierungsrat Jäger, hat dann sofort die Polizei angerufen. Ich habe seine Personalien aufgenommen und ihn nach Hause geschickt. Er war ziemlich mitgenommen. Er wird später noch ins Präsidium kommen, um seine Aussage zu Protokoll zu geben.«
»Wissen wir, wer der Tote ist?«
»Ja, laut Führerschein ein Doktor Marc Bergmann. Er hatte seine Brieftasche noch bei sich. Weder Geld noch Dokumente scheinen zu fehlen. Katarina von Weid ist noch dabei, den Toten zu untersuchen.«
»Also kein Raubmord?«
»Nein, ausgeschlossen, Quentin.«
Quentin Neuner begrüßte die Gerichtsmedizinerin Katarina von Weid. Eine adrette Erscheinung. Mit ihren kurzen, dunkelbraun gelockten Haaren und den wunderschönen rehbraunen Augen, in denen der Schalk saß, konnte man sie kaum übersehen. Sie war nicht die klassische Schönheit, hatte aber eine einzigartige Ausstrahlung, die jeden Mann betörte. Auch Quentin war wieder einmal von der attraktiven Gerichtsmedizinerin hingerissen. Katarina von Weid stand auf und kam auf Quentin Neuner zu. Sie fand ihn schon vor drei Jahren, als sie sich bei ihrem ersten Fall kennenlernten, sehr sympathisch. Seine stahlblauen Augen, die einen schönen Kontrast zu seinen pechschwarzen Haaren bildeten, fielen ihr schon beim ersten Treffen auf. Je öfter sie miteinander zu tun hatten, desto hingezogener fühlte sie sich zu Quentin Neuner. Mittlerweile brauchte sie nur seine Stimme zu hören, und schon verspürte sie ein unbeschreibliches Kribbeln in der Magengegend. Sie mochte sein Auftreten, seine offene und ehrliche Art mit Kollegen umzugehen, und seine legere Kleidung, die, mit den immer auf Hochglanz polierten Lederschuhen, auch einen Hauch Eleganz ausstrahlte. Seine direkte Art machte es ihr angenehm und leicht, mit ihm zu arbeiten.
Katarina lächelte ihn an und küsste ihn auf die Wange. Sie freute sich, ihn als ermittelnden Inspektor zu haben.
»Quentin, schön, dich mal wiederzusehen.«
»Hallo, Katarina, und wie sieht es aus?«
»Also, der Todeszeitpunkt muss so zwischen halb zwei und vier Uhr liegen. Im Moment kann ich dir allerdings noch nicht sagen, woran der Mann gestorben ist. Es scheint keine äußeren Anzeichen von Gewalt zu geben. Also zumindest keine offensichtlichen Wunden, Hämatome oder Kratzer. Ich habe auch keine Kampfspuren gefunden. Das einzig Verdächtige ist seine etwas pelzige und leicht angeschwollene Zunge. Das kann natürlich die verschiedensten Ursachen haben. Nach der Obduktion heute Nachmittag kann ich dir sicherlich mehr sagen.«
»Danke, Katarina, ich komme bei dir vorbei. Vielleicht kannst du mich ja kurz anrufen, sobald der Bericht bereit ist.« Er berührte sie kurz an der Schulter und sah sie mit seinem unwiderstehlichen Lächeln an.
»Gerne. Für mich gibt es hier nichts mehr zu tun. Also, wir sehen uns dann später.«
»Mach’s gut, Katarina.« Sehnsüchtig schaute er der Gerichtsmedizinerin nach. Wie schön wäre es jetzt, mit Katarina frühstücken zu gehen, aber er musste ja leider arbeiten.
»Charlie, hast du schon die Staatsanwaltschaft informiert? Ich hab Doktor Steiner noch nicht gesehen.«
»Ja, ich habe ihm eine Nachricht hinterlassen. Ich hoffe, er hat sie auch abgehört.«
»Hatte Marc Bergmann Familie?«
»Ähm ja, wir haben herausgefunden, dass er verheiratet war. War ja nicht schwer, der Ring ist ja noch an seinem Finger. Seine Ehefrau, Moment …, hier hab ich es aufgeschrieben, heißt Alexia Bergmann. Sie ist Galeristin. Sie wohnen in einer Penthouse-Wohnung in der Griesgasse. Marc Bergmann hatte eine Visitenkarte mit der Adresse dabei. Er arbeitete bei Brunner Bau.«
»Brunner Bau, Brunner Bau, irgendwie sagt mir das was. Da hatten wir doch schon mal vor einigen Jahren einen Vorfall, der sich dann als Suizid entpuppte, oder?«
»Keine Ahnung, war wohl vor meiner Zeit.«
»Wurde Alexia Bergmann schon verständigt?«
»Nein, bisher noch nicht. Ich dachte, wir fahren gleich gemeinsam zu ihr. Die Spurensicherung ist ja sowieso noch länger beschäftigt, und für uns gibt es hier im Moment nichts mehr zu tun.«
»Eigentlich wollte ich noch auf den Staatsanwalt warten, aber das ist auch nicht so wichtig. Gut, fahren wir.«
Es war bereits kurz nach sechs, als Quentin Neuner sich mit seiner jungen Kollegin auf den Weg machte, um Alexia Bergmann vom Tod ihres Mannes in Kenntnis zu setzen.
In der Griesgasse angekommen, bemerkte der Inspektor erleichtert, dass im obersten Stock bereits Licht brannte.
»Umso besser«, meinte er, nach oben zeigend. »So wecken wir Frau Bergmann wenigstens nicht.« Quentin Neuner klingelte am Eingangstor. Eine klare, helle Stimme tönte aus der Gegensprechanlage.
»Wer ist da?«
»Inspektor Neuner von der Kriminalpolizei. Sind Sie Frau Bergmann?«
»Ja.«
»Darf ich kurz zu Ihnen nach oben kommen?«
»Wieso, um was handelt es sich? Ist etwas passiert? Mit meinen Eltern?«
»Wir müssten Sie mal kurz sprechen, Frau Bergmann. Machen Sie bitte auf?«
Mit einem Klick öffnete sich die schwere Eingangstüre. Quentin Neuner und Carlotta Renner fanden sich in einem etwas dunklen Eingangsbereich mit einer großen Diele wieder. Zu ihrer Linken erhob sich eine alte Holzstiege. Rechts von dieser befand sich ein alter Paternoster, der wie das gesamte Haus anscheinend gerade erst restauriert worden war. Die Ermittler nahmen den Aufzug, und kurze Zeit später wurden sie von einer ungeduldig aussehenden Alexia erwartet. Sie war mit einem weißen Bademantel bekleidet. Auf ihrem Kopf thronte ein giftgrünes Handtuch. Offensichtlich hatte sie gerade geduscht. Quentin Neuner und seine Kollegin wiesen sich aus und folgten Alexia in ein hell durchflutetes Wohnzimmer. Die bereits aufgegangene Sonne hüllte den großen, liebevoll eingerichteten Raum in morgendlichen Glanz. Aus der offenen Küche drang der Duft von frisch gebrühtem Kaffee in Quentins Nase. Für einen Kaffee würde er jetzt alles geben.
»Bitte nehmen Sie Platz, kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
Quentin lehnte dankend ab, obwohl er liebend gerne eine Tasse getrunken hätte. Er wollte Alexia Bergmann so schnell und auch so schonend wie möglich mitteilen, dass sie ihren Mann tot aufgefunden hatten.
»Frau Bergmann, wir müssen Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen«, setzte Charlie an.
»Was ist passiert, ist etwas mit meinen Eltern?«, rief Alexia entsetzt und erstarrte.
»Nein, mit Ihren Eltern ist alles in bester Ordnung, es geht um Marc Bergmann, Ihren Mann«, erwiderte Quentin Neuner.
»Marc? Was ist mit ihm? Der ist in Hamburg auf Geschäftsreise, er hat mir gestern spät am Abend noch eine Nachricht geschickt, dass er vermutlich eine ganze Woche dort bleiben muss. Was ist mit ihm?« Alexias Magen krampfte sich zusammen, und sie wurde zunehmend blasser.
Mit ruhiger und gefasster Stimme fuhr Quentin fort: »Leider muss ich Ihnen sagen, dass wir heute gegen halb fünf Uhr morgens Ihren Mann tot aufgefunden haben.«
»Was soll das heißen, tot aufgefunden? Das ist nicht Ihr Ernst, oder? Marc soll tot aufgefunden worden sein?!« Alexia lachte hysterisch und irritiert. »Das kann nicht sein, er ist doch in Hamburg, ich bin mir ganz sicher, er ist in Hamburg. Hören Sie, es muss sich um einen Irrtum handeln. Eine Verwechslung. Ich rufe ihn an, und Sie werden sehen, dass er in Hamburg ist.« Hektisch griff Alexia nach dem Telefon und wählte das Handy von Marc an. Doch sofort meldete sich die Mailbox. Alexia legte auf, um gleich darauf erneut die Nummer zu wählen.
Charlie Renner trat auf sie zu und nahm ihr sanft das Telefon aus der Hand. »Frau Bergmann, setzen Sie sich. So leid es mir tut, Ihr Mann wurde heute früh tot aufgefunden, er hatte all seine Dokumente bei sich, jeder Zweifel ist ausgeschlossen.« Alexia sackte zusammen, Charlie Renner und Quentin Neuner fingen sie auf und halfen ihr zum weißen Ledersofa. Quentin deutete seiner Kollegin, ein Glas Wasser zu bringen. Alexias Schock saß tief. Ihr Gesicht war wie versteinert, die Augen wurden immer größer, sie blickte um sich, ohne etwas zu sehen, und murmelte nur: »Marc ist nicht tot, er ist doch in Hamburg, in Hamburg, Marc ist nicht tot …«
Nachdem Quentin nicht mehr zu Alexia durchdrang und die nur immer wieder »Marc ist nicht tot« murmelte und hin und her wippte, rief er den Notarzt an. Er hatte schon oft erlebt, dass diese Art Nachrichten einen Schock auslösten, aber selten einen so starken wie bei Alexia Bergmann. Sie musste ihren Mann wirklich sehr geliebt haben. Er hatte Mitleid mit der jungen Frau, die nun völlig geistesabwesend schien und nicht mehr wusste, wie ihr geschah.
Der Notarzt verabreichte Alexia Bergmann eine Beruhigungsspritze, und Charlie informierte die Eltern. Nach etwa fünfzehn Minuten trafen Bea und Gerd Brunner ein, um ihrer Tochter beizustehen. Beide waren betroffen und eilten sofort ins Wohnzimmer, wo Alexia auf dem Sofa kauernd immer noch »Marc ist in Hamburg« murmelte. Der Notarzt gab Gerd Brunner noch zwei Beruhigungstabletten, die er seiner Tochter in den nächsten Stunden geben sollte. Während der Arzt Gerd Brunner noch weitere Instruktionen gab, unterhielt Quentin Neuner sich mit der Mutter. Als der Notarzt sich verabschiedete, hatte Quentin auch noch einige Fragen an den Vater.
»Herr Brunner, Ihre Frau hat mir schon erzählt, dass Ihr Schwiegersohn bei Ihnen in der Firma gearbeitet hat. Können Sie sich vorstellen, dass er sich dort Feinde gemacht haben könnte? Haben Sie vielleicht irgendeine Idee, wer ihn umgebracht haben könnte?«
»Feinde? In der Firma? Nein, sicherlich nicht. Feinde kann er sich nur im Privatleben gemacht haben. Ich weiß nicht, ob meine Frau Ihnen schon gesagt hat, dass Marc ein Weiberheld war und unsere Tochter nach Strich und Faden belogen und betrogen hat. Vielleicht ist er ja einem eifersüchtigen Freund oder Ehemann zum Opfer gefallen. Wundern würde mich das überhaupt nicht bei dem Hallodri.«
»Ach ja? Das hat sie mir nicht erzählt. Sie scheinen Ihren Schwiegersohn ja nicht sonderlich ins Herz geschlossen zu haben.«
»Nein, ich werde auch nicht lügen, nur weil er jetzt tot ist. Ich konnte ihn noch nie leiden und hätte ihn am liebsten selbst umgebracht. Meine Tochter war leider total vernarrt in Marc und hat ihn kurz nach ihrem Kennenlernen sofort geheiratet. Er wollte sie immer nur benutzen, um an meine Firma ranzukommen. Er wollte unbedingt Geschäftsführer werden und mich in Rente schicken. Aber ich hab ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht und ihn mit einem Posten in der Auslandsabteilung abgespeist. Mir schien dies durchaus ausreichend. Hören Sie, meine Tochter braucht mich jetzt, ich möchte ihr beistehen, so gut es geht.«
»Ja sicher, versteh ich auch, danke, Sie haben uns sehr weitergeholfen. Bitte stellen Sie sich noch für weitere Befragungen zur Verfügung. Ah ja, bevor ich es vergesse, jemand müsste Herrn Bergmann noch identifizieren. Ihre Tochter scheint zurzeit ja nicht in der Lage zu sein, das selbst zu tun, könnten Sie das vielleicht übernehmen?«
»Ja sicher! Rufen Sie mich an, wann und wo ich hinkommen soll. Ich möchte meiner Tochter den Anblick ihres toten Mannes auch ersparen.«
»Gut, ich melde mich. Ein Frage hätte ich dann doch noch, wo waren Sie und Ihre Frau zur Tatzeit, heute Nacht zwischen zwei und halb vier?«
»Verdächtigen Sie vielleicht uns, irgendetwas mit Marcs Tod zu tun zu haben, oder was soll die komische Fragerei?«
»Ist eine reine Routinefrage.«
»Wenn Sie es genau wissen wollen, meine Frau und ich waren bis nach Mitternacht mit Markus und Lisa Mertens zusammen. Meine Frau ist gegen zwei oder so ins Bett gegangen. Markus und ich haben noch einen letzten Drink genommen, ehe er dann mit einem Taxi nach Hause gefahren ist. Reicht das, oder brauchen Sie sonst noch etwas, Herr Kommissar?«
»Nicht Kommissar, bei uns heißt das Inspektor. Nein ich möchte nur Sie, Ihre Frau und Ihre Tochter bei nächster Gelegenheit noch einmal sprechen. Im Übrigen ist die Todesursache gerichtsmedizinisch noch nicht geklärt. Marc Bergmann könnte auch eines natürlichen Herztodes gestorben sein, auch einen Selbstmord können wir bisher noch nicht ausschließen.«
»Gut. Sobald meine Tochter sich in der Lage fühlt, mit Ihnen zu sprechen, begleiten wir sie aufs Präsidium. Wenn Sie neue Erkenntnisse haben, lassen Sie es uns bitte wissen. Sie entschuldigen mich.« Gerd Brunner wandte sich ab, um die noch immer auf dem Sofa kauernde Alexia zu trösten.
Gerd hob das schrill klingende Telefon ab. »Bei Bergmann«, brummte er heiser in den Hörer.
»Mia hier«, sie zögerte kurz, ehe sie weitersprach. »Gerd, was machst du denn so früh in Alexias Wohnung? Es ist doch erst kurz nach sieben! Hat sie euch endlich gesagt, dass Marc sich scheiden lassen will?«
»Guten Morgen, Mia. Waaaas? Nein hat sie nicht …«
»Oh! Sorry, ich wollte nicht vorgreifen. Alexia muss dringend in die Galerie kommen, ich hab gestern vergessen, ihr zu sagen, dass wir um acht Uhr einen wichtigen Kundentermin mit van der Leek haben. Ich muss vorher noch allerhand mit ihr durchsprechen. Van der Leek ist immer sehr ungeduldig und ungehalten, überhaupt, wenn man unvorbereitet ist, er ist so …«
»Mia …«
»… ein schwieriger …«
»Miiaa!«
»… Kunde und überhaupt …«
»Miiiaaa!! Kannst du mal ruhig sein!!«, brüllte Gerd in den Hörer. »Alexia wird heute nicht in die Galerie kommen und vermutlich auch die nächsten Tage nicht.«
»Wieso? Ist sie krank, ist was passiert?«
»Mia, es ist besser, du kommst vorbei, dann können wir dir alles in Ruhe erklären. Äh, und dein Leek wird sich gedulden müssen, egal, wie schwierig er ist.«
Mia war erstaunt, dass Gerd einfach so aufgelegt hatte. Sie konnte es nicht leiden, wenn Menschen sich am Telefon nicht verabschiedeten. Sie musste sofort van der Leek absagen. Zum zweiten Mal in dieser Woche. Na, das konnte ja heiter werden. Gestern Nacht hatte Mia noch ewig auf ihren Freund gewartet. Schließlich war sie auf dem Sofa eingeschlafen. Heute tat ihr der Nacken weh, und sie fühlte sich schlapp und wie gerädert. Auf dem Weg zu Alexia verlor sie sich wie so oft in Tagträumereien.
