MORD IM DOS SANTOS - Marie Anders - E-Book

MORD IM DOS SANTOS E-Book

Marie Anders

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Beschreibung

Der Psychologe Rupert Wagner findet seine Verlobte Mercedes Dos Santos, eine begnadete Köchin und Besitzerin der Tapas-Bar Dos Santos ermordet im Hinterhof ihres Restaurants. Nach ersten gründlichen Recherchen im Umfeld der Toten, gerät schnell der zwielichtige Bruder des Opfers ins Visier der Ermittlungen. Für Quentin Neuner und sein Team wird es richtig kompliziert, als auch noch Rupert Wagners Bruder Richard tot aufgefunden wird und ein Unfall ausgeschlossen werden kann. Haben die Morde etwas miteinander zu tun? Es scheint keine Parallelen zwischen den Opfern zu geben. Das einzige Bindeglied ist Rupert Wagner.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ma­rie An­ders wur­de in Kirch­dorf an der Krems, Ober­ös­ter­reich, ge­bo­ren. Sie ist in ei­nem in­ter­na­ti­o­na­len Um­feld mehr­spra­chig auf­ge­wach­sen und hat un­ter an­de­rem in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Ser­bi­en, Russ­land und Frank­reich ge­lebt, stu­diert und ge­ar­bei­tet. Seit Kur­z­em lebt und ar­bei­tet sie wie­der in ih­rer ös­ter­rei­chi­schen Hei­mat.

Wei­te­re lie­fer­ba­re Ti­tel

Pra­li­nen des To­des – In­spek­tor Neu­ners ers­ter Fall

Die fin­ni­sche So­cke – In­spek­tor Neu­ners zwei­ter Fall

Tod im grü­nen Klee – In­spek­tor Neu­ners drit­ter Fall

Ma­rie An­ders

Mord im Dos San­tos

Kri­mi­nal­ro­man

Der vier­ter Fall für In­spek­tor Neu­ner

BRINKLEY

Mord im Dos San­tosErst­aus­ga­be bei: Ver­lag Fe­der­frei 2020 (un­ter ISBN 978-3-99074-111-5)Über­a­r­bei­te­te Ver­si­on er­schie­nen bei: BRINKLEY Ver­lag 2021

© Ma­rie An­ders

Ohne schrift­li­che Ge­neh­mi­gung des Her­aus­ge­bers darf kein Teil die­ser Pu­bli­ka­ti­on in ir­gend­ei­ner Form ver­viel­fäl­tigt, über­tra­gen oder ge­spei­chert wer­den.Alle Rech­te vor­be­hal­ten.

So­wohl die im Buch vor­kom­men­den Per­so­nen als auch die Hand­lun­gen sind von der Au­to­rin frei er­fun­den. Na­men und Ähn­lich­kei­ten mit Per­so­nen oder tat­säch­li­chen Hand­lun­gen sind zu­fäl­lig und nicht ge­wollt.

Satz: Con­stan­ze Kra­mer, co­ver­bou­ti­que.deLek­to­rat: S. Suss­man© Um­schlag­ge­stal­tung: BRINKLEY / Ma­ga­li Tor­resun­ter Ver­wen­dung von: pi­xa­bay.com und pexels.com

Ge­druckt und ge­bun­den von: SKA­LA PRINT

ISBN 978-3-903392-03-8

www.brinkley-ver­lag.at

Mord im Dos San­tos

Der vier­te Fall für In­spek­tor Neu­ner

»Die­ses Mahl ge­fällt mir wohl,dar­auf sich frischt und speist nicht nur un­ser Augund Leib, son­dern auch der Geist.«

Fried­rich von Lo­gau (1605 ‒ 1655)

– 1 –

»Sind Sie des Wahn­sinns? Sie kön­nen doch Ih­ren Hund nicht ein­fach so frei her­um­lau­fen las­sen. Das ist doch ge­mein­ge­fähr­lich!« Die auf­ge­brach­te jun­ge Frau fauch­te Ru­pert Wag­ner, der sei­nen La­bra­dor am Wan­der­weg ohne Maul­korb und Lei­ne her­um­lau­fen ließ, böse an. Der Hund stand auf dem schma­len Holz­steg, den sie eben pas­sie­ren woll­te, und ver­stell­te ihr lei­se knur­rend den Weg.

»Tim­ba, aus!« Ru­pert Wag­ner konn­te sich ein Grin­sen nicht ver­knei­fen und lach­te der jun­gen Frau schließ­lich frech ins Ge­sicht. »Wer wird denn so schreck­haft sein. Tim­ba ist ein The­ra­pie­hund und aus­ge­spro­chen gut­mü­tig. Die tut nie­man­dem et­was. Auch Ih­nen nicht.« Vor­sichts­hal­ber nahm er je­doch den Hund, der jetzt eng ne­ben ihm saß, am Hals­band.

»Ja, das hört man von Hun­de­be­sit­zern ja im­mer wie­der. Bis es dann in den Zei­tun­gen heißt, Pas­sant von Hund an­ge­fal­len und zu Tode ge­bis­sen.«

Die Frau setz­te sich zö­gernd in Be­we­gung. Lang­sam und vor­sich­tig schlich sie an Hund und Herr­chen vor­bei. »Un­mög­lich, ich soll­te Sie an­zei­gen«, mur­mel­te sie, ehe sie sich schnellst­mög­lich, ohne den Mann ei­nes wei­te­ren Bli­ckes zu wür­di­gen, ent­fern­te.

Ru­pert Wag­ner sah der Frau, die im Lauf­schritt zu flüch­ten schien, nach. Was mach­te eine so adret­te jun­ge Frau um die­se Uhr­zeit in die­ser gott­ver­las­se­nen Ge­gend? Um sechs Uhr drei­ßig mor­gens war ihm hier noch nie je­mand be­geg­net. Er ließ Tim­ba wie­der los, die so­fort in Rich­tung Was­ser­fall da­von stürm­te. Er hat­te die­sen wild­ro­man­ti­schen Weg in fast un­be­rühr­ter Na­tur erst vor ei­ni­gen Wo­chen, als er von Wien nach See­ham ge­zo­gen war, ent­deckt. Seit­dem spa­zier­te er je­den Mor­gen mit sei­nem Hund zum Wild­kar Was­ser­fall und zu­rück, ehe er in sei­ne Pra­xis ging. Die Er­öff­nung stand kurz be­vor und er hat­te noch kei­ne ge­eig­ne­te Sprech­stun­den­hil­fe ge­fun­den. Schön lang­sam lief ihm die Zeit da­von. Den heu­ti­gen Vor­mit­tag hat­te Ru­pert sich für Vor­stel­lungs­ge­sprä­che re­ser­viert. Er saß auf der Bank und sin­nier­te. Viel­leicht wäre es doch klü­ger ge­we­sen, die Pra­xis in Sa­lz­burg auf­zu­ma­chen. Tim­ba stups­te ihn leicht am Knie und riss ihn aus sei­nen Ge­dan­ken.

»Tim­ba!« Ru­pert sah auf die Uhr. »Oh, dan­ke für den Hin­weis, mei­ne Süße«, sanft strei­chel­te er der Hün­din über den Kopf. »Wir müs­sen zu­rück.«

Nina war viel zu früh dran. Ihr Vor­stel­lungs­ge­spräch war erst um acht. Ner­vös zupf­te sie an ih­rem Ho­se­n­an­zug her­um und hüpf­te von ei­nem Bein aufs an­de­re. An der Wand prang­te ein Glas­schild, auf dem in de­zen­tem Schrift­zug Dr. Ru­pert Wag­ner, Psy­cho­lo­ge stand. Sie ver­such­te die Tür zur Pra­xis zu öff­nen, doch sie war noch ab­ge­sperrt. Nina sah auf die Uhr. Sie hat­te noch gut zwan­zig Mi­nu­ten Zeit. Ge­ra­de als sie be­schloss, sich noch ein we­nig die Bei­ne zu ver­tre­ten, sah sie den Mann von vor­hin mit sei­nem Hund di­rekt auf sie zu­kom­men und er­schrak. Der hat­te ihr ge­ra­de noch ge­fehlt. Sie ver­dreh­te die Au­gen und woll­te sich ge­ra­de ab­wen­den, als Ru­pert Wag­ner sie an­lä­chel­te und ihr zu­rief.

»Sie? Wer hät­te ge­dacht, dass wir uns so schnell wie­der­se­hen? Kann ich Ih­nen hel­fen?«

»Gu­ten Mor­gen. Sie sind aber nicht …« Nina blie­ben die Wor­te im Hal­se ste­cken, als sie merk­te, dass der Mann einen Schlüs­sel­bund aus sei­ner Jack­en­ta­sche zog. »Sie sind doch …«, mur­mel­te sie. »Dok­tor Wag­ner, oder?«

Der Psy­cho­lo­ge grins­te breit und nick­te.

»Dann hät­te ich ein Vor­stel­lungs­ge­spräch bei Ih­nen, aber das kann ich mir jetzt ja wohl ab­schmin­ken, nicht wahr?«, be­merk­te Nina So­ko­lo­wa kurz an­ge­bun­den und woll­te auf dem Ab­satz kehrt ma­chen.

»Aber war­um denn?« Ru­pert Wag­ner mus­ter­te sie schmun­zelnd. »Kom­men Sie doch erst mal her­ein.« Ru­pert sperr­te die Tür auf und trat in einen hel­len klei­nen Vor­raum. Tim­ba rann­te an ihm und Nina, die er­schro­cken zu Sei­te sprang, vor­bei und ver­schwand in den hin­te­ren Räum­lich­kei­ten.

Nina So­ko­lo­wa folg­te dem Psy­cho­lo­gen in die Pra­xis. Sie war hin und weg von dem Am­bi­en­te. Der Raum hin­ter dem Vor­raum ent­pupp­te sich als Emp­fangs­be­reich und War­te­zim­mer in ei­nem. Die Ein­rich­tung war hell und freund­lich. Die fünf bun­ten Be­su­cher­ses­sel, die in ei­nem Halb­kreis auf­ge­stellt wa­ren, wa­ren aus wei­chem Zie­gen­le­der und sa­hen eher aus wie klei­ne ge­müt­li­che Fau­teuils. Sie strich mit der Hand über eine Leh­ne. Vor ih­nen stand ein schö­ner klei­ner Glas­tisch mit je­der Men­ge Zeit­schrif­ten drauf. Et­was wei­ter hin­ten im Raum war eine Gl­asthe­ke mit ei­nem in­te­grier­ten Schreib­tisch und ei­nem ge­müt­lich aus­se­hen­den er­go­no­mi­schen Bü­ro­ses­sel. Die Mö­bel wa­ren alle auf­ein­an­der ab­ge­stimmt und sehr trans­pa­rent ge­hal­ten. Die el­fen­bein­fa­r­be­ne Wand, mit un­zäh­li­gen klei­nen bun­ten Fa­rb­k­lek­sen dar­auf, strahl­te eine freund­lich war­me, ja so­gar ein­la­den­de At­mo­sphä­re aus. Man fühl­te sich nicht wie in ei­ner Arzt­pra­xis, son­dern eher wie in der Lob­by ei­nes De­sign-Ho­tels.

»Der In­nen­a­r­chi­tekt hat gan­ze Ar­beit ge­leis­tet«, stell­te Nina sicht­lich be­ein­druckt fest und ließ den Blick schwei­fen.

»Es gab kei­nen In­nen­a­r­chi­tek­ten. Ich habe al­les selbst ge­macht und auch die Mö­bel aus­ge­sucht. Kom­men Sie wei­ter in mein Büro, Frau …?«

»Ent­schul­di­gen Sie. Hier sind mei­ne Un­ter­la­gen, Nina Ser­ge­jew­na So­ko­lo­wa.«

»Ihr Name klingt Rus­sisch.«

»Ja, mei­ne El­tern sind aus der Um­ge­bung von Sankt Pe­ters­burg. Ich bin aber hier ge­bo­ren und in See­ham auf­ge­wach­sen.«

»Bit­te neh­men Sie Platz, Nina. Ich darf doch Nina sa­gen?«

»Na­tür­lich.«

Auch das Büro war sehr an­spre­chend. Die Raum­fa­r­be war in ei­nem de­zen­ten Grün­ton ge­hal­ten und wirk­te ent­span­nend. Die Mö­bel wa­ren ähn­lich wie im Ein­gangs­be­reich trans­pa­rent und doch ele­gant. Vor dem Schreib­tisch stan­den zwei Ses­sel, ein grü­ner und ein rot­fa­r­be­ner. Nina wähl­te den Grü­nen. Sie war über­rascht, wie be­quem der Ses­sel war. Die An­span­nung und die Be­den­ken, die sie beim Zu­sam­men­tref­fen mit Ru­pert Wag­ner hat­te, wa­ren wie weg­ge­bla­sen. Ihr Ge­gen­über war freund­lich und auf­ge­schlos­sen. Lang­sam blät­ter­te er in Ih­ren Un­ter­la­gen.

»Wie sind Sie auf mich auf­merk­sam ge­wor­den, Nina?«, frag­te Ru­pert Wag­ner freund­lich und blick­te kurz von den Pa­pie­ren auf.

»Durch Ihre An­non­ce im Ge­mein­de­blatt.«

»Sie woh­nen also hier in See­ham?«

»Im Mo­ment nicht. Ich habe ein Zim­mer in Sa­lz­burg, im Ho­tel Stein, in dem ich zur­zeit noch ar­bei­te. Ich möch­te aber hier­her über­sie­deln. Mei­ne El­tern ha­ben ein Haus mit Ein­lie­ger­woh­nung in der Nähe Ih­rer Pra­xis. In zwei Wo­chen kann ich die Woh­nung über­neh­men, da der der­zei­ti­ge Mie­ter nach Wien zieht.«

Ru­pert Wag­ner blät­ter­te noch ein­mal kurz im Le­bens­lauf, über­flog die Zeug­nis­se und nick­te, ehe er die Un­ter­la­gen zur Sei­te leg­te. Er sah Nina di­rekt in die blitz­blau­en Au­gen und lä­chel­te freund­lich.

»Nina, wie Sie aus der An­non­ce wis­sen, su­che ich je­man­den für den Emp­fang. Die Pra­xis wird in ei­ner Wo­che er­öff­net. An drei Ta­gen der Wo­che wer­de ich hier Pa­ti­en­ten be­han­deln und an den an­de­ren zwei Ta­gen ar­bei­te ich an der Chris­ti­an-Dopp­ler-Kli­nik in Sa­lz­burg. Ich brau­che je­man­den, der mei­ne Ter­mi­ne ko­or­di­niert, Sprech­stun­den or­ga­ni­siert, aber auch di­ver­se ad­mi­nis­tra­ti­ve und ver­wal­ten­de Auf­ga­ben über­nimmt. Wie ich Ih­ren Un­ter­la­gen ent­neh­men kann, sind Sie aus­ge­bil­de­te Bü­ro­kauf­frau und ha­ben als Re­zep­tio­nis­tin ers­te Er­fah­run­gen ge­sam­melt.«

»Das ist rich­tig«, stimm­te ihm Nina zu.

»War­um ha­ben Sie sich aus­ge­rech­net hier bei mir be­wor­ben?«

»Die Stel­le­n­aus­schrei­bung hat mich an­ge­spro­chen, nicht nur weil sie in See­ham ist, son­dern auch weil Sie je­man­den su­chen, der gute EDV-Kennt­nis­se und Freu­de am Um­gang mit Men­schen mit­bringt. Au­ßer­dem bin ich fle­xi­bel und ein Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent.« Nina sah ih­rem Ge­gen­über auf­rich­tig in die Au­gen. Erst jetzt be­merk­te sie, dass Ru­pert Wag­ner sie mus­ter­te und je­dem ih­rer Wor­te ge­nau lausch­te.

»Ich möch­te ehr­lich zu Ih­nen sein, Dok­tor Wag­ner.« Nina mach­te eine kur­ze Pau­se. »Mei­ne Pro­be­zeit im Ho­tel Stein läuft in den nächs­ten Ta­gen aus. Das Ar­beits­kli­ma dort ist wirk­lich wun­der­bar und wenn es die Nacht­schich­ten nicht gäbe, wür­de ich, ohne mit der Wim­per zu zu­cken, dort blei­ben wol­len. Ich kann mir aber ein­fach nicht vor­stel­len, die nächs­ten Jah­re im­mer wie­der in Nacht­schich­ten zu ar­bei­ten, das ist der wah­re Grund, wes­halb ich mich ver­än­dern möch­te.«

Ru­pert nick­te ver­ständ­nis­voll. »Ja, das kann ich ver­ste­hen. Wie schon ge­sagt wä­ren ihre Haupt­auf­ga­ben hier in ers­ter Li­nie das Te­le­fon­ma­na­ge­ment und die Or­ga­ni­sa­ti­on mei­ner Sprech­stun­den. Wür­de Sie das nicht un­ter­for­dern?«

»Nein, si­cher­lich nicht. Ich hat­te eher Angst, dass sie je­man­den su­chen, der viel­leicht me­di­zi­ni­sche Kennt­nis­se vor­weist, denn da­mit kann ich lei­der nicht die­nen.«

»Nein, für die­se Stel­le ist das nicht not­wen­dig. Was die Ver­gü­tung an­geht. Ha­ben Sie eine Ge­halts­vor­stel­lung?«

»Ich habe in der An­non­ce ge­le­sen, dass Sie den Job mit drei­und­zwan­zig­tau­send Euro Jah­res­ge­halt brut­to do­tiert ha­ben. Das wäre für mich in Ord­nung. Zu­mal sie auch ge­schrie­ben ha­ben, dass es sich um eine Zwei­und­drei­ßig Stun­den-Wo­che han­delt, was mir sehr ent­ge­gen­kommt.«

»Sehr gut. Ha­ben Sie noch Fra­gen an mich?«

»Ja. An den Ta­gen, an de­nen Sie in Sa­lz­burg prak­ti­zie­ren, ist die Pra­xis da ge­schlos­sen?«

»Nein. Die Pra­xis wird an die­sen Ta­gen vor­mit­tags ge­öff­net sein. Die Leu­te sol­len das Ge­fühl ha­ben, dass man prä­sent ist. So kön­nen sie vor­bei­kom­men und sich Ter­mi­ne aus­ma­chen.«

»Wis­sen Sie schon, an wel­chen Ta­gen Sie in Sa­lz­burg ar­bei­ten?«

»Ja, na­tür­lich. Es wer­den der Mon­tag und der Frei­tag sein.«

»Ver­ste­he. Also mon­tags und frei­tags wäre ich dann bis Mit­tag al­lein hier in der Pra­xis.«

»So ist es.«

»Wie vie­le Mit­a­r­bei­ter stel­len Sie ei­gent­lich ein?«

»Au­ßer Tim­ba, mei­ner We­nig­keit und der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le wird es für den Mo­ment kei­ne wei­te­ren Mit­a­r­bei­ter ge­ben.« Ru­pert strei­chel­te dem La­bra­dor, der, als er sei­nen Na­men hör­te, von sei­ner De­cke auf­ge­sprun­gen und ge­müt­lich zu sei­nem Herr­chen ge­trapst war, lie­be­voll über den Kopf.

»Ach, Tim­ba ist im­mer an­we­send?«

»Ja, Tim­ba ist ein The­ra­pie­hund. Sie wird ge­zielt bei tier­ge­stütz­ten Psy­cho­the­ra­pi­en, vor al­lem aber bei The­ra­pi­en mit Kin­dern ein­ge­setzt.«

»Was ma­chen Sie mit ihr, wenn Sie im Kran­ken­haus ar­bei­ten?« Miss­trau­isch be­äug­te Nina den Hund, der nun auf sie zu­kam, sich vor sie setz­te und sie an­starr­te.

Ru­pert Wag­ner wäre ein schlech­ter Psy­cho­lo­ge, wenn er nicht ge­merkt hät­te, dass sein Ge­gen­über ver­ängs­tigt auf den Hund re­a­gier­te.

»Ha­ben Sie ein Pro­blem mit Hun­den, Nina?«, frag­te er sie ru­hig und sah sie for­schend an.

»Nein! Ja, nein, naja, ei­gent­lich nicht«, stam­mel­te Nina un­si­cher. »Nur vor so gro­ßen Hun­den habe ich ge­hö­ri­gen Re­spekt. Die se­hen im­mer so …« Tim­ba stups­te sie leicht am Bein an. Nina So­ko­lo­wa zuck­te un­mit­tel­bar zu­sam­men und er­starr­te.

»Tim­ba, Platz!«, kam der so­for­ti­ge stren­ge Be­fehl. Tim­ba sah ihr Herr­chen treu­her­zig an und trot­te­te ge­müt­lich zu ih­rer De­cke ne­ben dem Schreib­tisch.

»Kön­nen Sie sich über­haupt vor­stel­len, trotz des Hun­des hier zu ar­bei­ten?«

»Ja«, kam so­fort die sehr be­stimm­te Ant­wort von Nina.

»Na­tür­lich kann ich mir das vor­stel­len. Man muss sich sei­nen Ängs­ten ja auch ir­gend­wann stel­len, und so­lan­ge Tim­ba bei Ih­nen im Büro ist und sich von mir fern­hält wer­de ich kein Pro­blem mit ihr ha­ben.«

Ru­pert Wag­ner muss­te lä­cheln. »Gut, Nina, ich habe heu­te noch zwei wei­te­re Vor­stel­lungs­ge­sprä­che und wer­de mich da­nach ent­schei­den, wer am ehes­ten zu mir, Tim­ba und mei­ner Pra­xis passt. Ich wer­de Sie mor­gen an­ru­fen und Ih­nen Be­scheid sa­gen, wie ich mich ent­schie­den habe. Und, um Ihre Fra­ge von vor­hin noch zu be­ant­wor­ten, ehe Tim­ba uns un­ter­bro­chen hat. Sie ist im­mer an mei­ner Sei­te und wird Sie nicht be­läs­ti­gen. Ach ja, noch et­was. Die Ein­ar­bei­tung in mein Pa­ti­en­ten-Sys­tem fin­det durch mich statt. Soll­te ich mich für Sie ent­schei­den, er­klä­re ich Ih­nen ein, zwei Tage vor der Er­öff­nung al­les ganz ge­nau.« Ru­pert war auf­ge­stan­den und Nina tat es ihm gleich.

»Ich be­dan­ke mich für das net­te Ge­spräch, Herr Dok­tor Wag­ner, und wür­de mich freu­en, wenn Ihre Wahl auf mich fal­len wür­de.« Nina reich­te ihm die Hand, um sich zu ver­ab­schie­den.

»Ich brin­ge Sie noch zur Tür, und bit­te nen­nen Sie mich Ru­pert.« Ru­pert Wag­ner schloss die Tür hin­ter Nina. Die jun­ge Frau war ihm sym­pa­thisch. Die bei­den an­de­ren Kan­di­da­tin­nen, die sich noch auf die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le be­wor­ben hat­ten, wür­de er zwar kurz pro for­ma in­ter­view­en, aber im Grun­de hat­te er sich be­reits für die cha­ris­ma­ti­sche Nina So­ko­lo­wa ent­schie­den.

– 2 –

»Ru­pert! Ru­pert?! Bist du hier?« Ge­ra­de als Ru­pert Wag­ner ant­wor­ten woll­te, wur­de die Tür zu sei­nem Büro schon auf­ge­ris­sen und sei­ne Ver­lob­te Mer­ce­des dos San­tos stand auf­ge­wühlt mit hoch­ro­tem Ge­sicht mit­ten im Raum.

»Ent­schul­di­gen Sie, Frau Wer­ner, ich bin gleich wie­der bei Ih­nen.« Ru­pert hat­te sich er­ho­ben, und schob sei­ne Ver­lob­te zur Tür hin­aus. Vor­sorg­lich schloss er die­se hin­ter sich.

»Sag mal, geht’s noch, Mer­ce­des? Ich bin mit­ten in ei­nem Vor­stel­lungs­ge­spräch. Du kannst doch nicht ein­fach so und ohne Vor­war­nung in mein Büro stür­men. Kannst du nicht klop­fen? Was ist denn los? Was machst du über­haupt hier um die­se Zeit, soll­test du nicht im Re­stau­rant sein?«

»Que­ri­do! Ich wuss­te ja nicht, dass je­mand bei dir ist.« Die tem­pe­ra­ment­vol­le Por­tu­gie­sin war kaum zu brem­sen.

»Stell dir vor, am Abend kommt ei­ner der re­nom­mier­tes­ten Ga­s­tro­kri­ti­ker Ös­ter­reichs ex­tra aus Wien und will mei­ne Ta­pas­bar be­wer­ten. Mein Re­stau­rant! Kannst du dir das vor­stel­len?« Mer­ce­des war au­ßer sich vor Freu­de und um­arm­te ih­ren Ver­lob­ten stür­misch.

»Was? Wirk­lich?«

»Ja!« Mer­ce­des lös­te ihre Um­ar­mung und sprang im Zim­mer auf und ab. »Stell dir mal vor. Das ist mein Durch­bruch«, quietsch­te sie ver­gnügt.

»Gra­tu­lie­re, aber ich dach­te sol­che Be­wer­tun­gen sei­en an­onym?«

»Ja, nor­ma­le­r­wei­se schon.« Mer­ce­des lach­te herz­lich und ihre dun­kel­brau­nen Au­gen blitz­ten spitz­bü­bisch.

»Stell dir vor, ich habe den Tipp von Ama­lia be­kom­men. Die ar­bei­tet seit ei­ner Wo­che beim Tag­blatt und de­nen wur­de eine Lis­te zu­ge­spielt, auf der auch mein Re­stau­rant mit Da­tum der Tes­tung auf­scheint. Ru­pert! Mein Re­stau­rant, mei­ne klei­ne Ta­pas­bar. Das ist die Chan­ce mei­nes Le­bens, end­lich mei­nen ers­ten Stern zu kas­sie­ren und be­kannt zu wer­den! Ich bin ja so auf­ge­regt.«

»Gra­tu­lie­re, mein Schatz, aber kön­nen wir spä­ter dar­über spre­chen? Ich muss jetzt wie­der zu mei­nem Ge­spräch.«

»Spä­ter habe ich kei­ne Zeit, ich muss al­les vor­be­rei­ten und noch hun­dert An­wei­sun­gen ge­ben. Que­ri­do, wir müs­sen das aber un­be­dingt heu­te Abend, wenn al­les ge­lau­fen ist, fei­ern. Kommst du nach Sa­lz­burg?«

»Ei­gent­lich hat­te ich das nicht vor, ich habe ja hier vor der Er­öff­nung noch alle Hän­de voll zu tun …«

Mer­ce­des un­ter­brach ih­ren Ver­lob­ten.

»Que­ri­do!!« Mer­ce­des sprach die Lieb­ko­sung dies­mal nicht lie­be­voll, son­dern be­stim­mend aus. »Die­se Be­wer­tung kann mir Tü­ren in die Ster­ne­ga­s­tro­no­mie öff­nen. Ver­stehst du? Das muss ge­büh­rend ge­fei­ert wer­den. Kei­ne Wi­der­re­de. Du musst ein­fach kom­men. Ver­sprich es!«, bet­tel­te Mer­ce­des und blin­zel­te Ru­pert mit ih­ren strah­len­den Au­gen ko­kett an.

»Wer kann dir schon et­was ab­schla­gen?, grins­te Ru­pert. »Na­tür­lich wer­den wir das ge­mein­sam fei­ern. Soll ich dich in der Ta­pas­bar ab­ho­len, wenn du fer­tig bist, oder in der Woh­nung auf dich war­ten?«

»Du kannst zu Hau­se auf mich war­ten, au­ßer du möch­test in der Ta­pas­bar zu Abend es­sen?«

»Ei­gent­lich nicht. Sei mir nicht böse, Mer­ce­des, aber ich habe hier auch noch al­ler­hand zu er­le­di­gen. Ich wer­de erst ziem­lich spät kom­men kön­nen. Sor­ry, Schatz, aber ich muss jetzt wirk­lich zu­rück in mein Büro.«

»Dan­ke, Que­ri­do!« Mer­ce­des küss­te ih­ren Ver­lob­ten zum Ab­schied und wir­bel­te aus dem Zim­mer.

Ru­pert freu­te sich für sei­ne Ver­lob­te. Sie ar­bei­te­te hart an ih­ren Ta­pas-Kre­a­ti­o­nen und auch am Mar­ke­ting ih­res Re­stau­rants, das sie vor ei­nem Jahr in Sa­lz­burg er­öff­net hat­te. Die Ta­pas­bar sei­ner Ver­lob­ten war ein In­si­der-Ge­heim­tipp und das Es­sen dort mehr als köst­lich. Er wünsch­te ihr eine gute Kri­tik, konn­te ihre Eu­pho­rie aber nicht so wirk­lich ver­ste­hen, auch wenn Mer­ce­des ihm schon mehr­fach er­klärt hat­te, dass Spit­zen­kö­che ei­gent­lich Künst­ler wa­ren und nach An­er­ken­nung lechz­ten.

Als Ru­pert Wag­ner sein Büro be­trat, bot sich ihm ein et­was be­fremd­li­ches Bild. Sa­bi­ne Wer­ner war ge­ra­de da­bei sei­nen Schreib­tisch nach Un­ter­la­gen zu durch­fors­ten. Er­tappt ließ sie eine Map­pe auf den Tisch fal­len.

»Was bit­te ma­chen Sie da?«

»Ent­schul­di­gen Sie, Herr Dok­tor, ich woll­te nur, ich mei­ne, ich habe nur …«, stam­mel­te sie ver­le­gen und lief rot an.

»Was ge­nau ha­ben Sie denn ge­sucht? Viel­leicht kann ich Ih­nen bei Ih­rer Su­che ja be­hilf­lich sein?«

»Nein, ent­schul­di­gen Sie bit­te.« Sa­bi­ne Wer­ner nahm ihre Ta­sche und ver­ließ, ohne sich zu ver­ab­schie­den, flucht­ar­tig den Raum.

Ru­pert konn­te das nur recht sein. Er wür­de so oder so kei­ne Mit­a­r­bei­te­rin ein­stel­len, die be­reits beim Vor­stel­lungs­ge­spräch in sei­nen Ak­ten schnüf­fel­te. Un­ge­heu­er­lich, wie sich man­che Men­schen ver­hiel­ten. Ge­dan­ken­ver­lo­ren nahm er die Map­pe, die Sa­bi­ne Wer­ner auf sei­nen Tisch fal­len hat las­sen. Es war die Be­wer­bung der nächs­ten Kan­di­da­tin. Eli­sa­beth Sau­er. Ru­pert Wag­ner war­te­te eine gute Stun­de auf sei­nen nächs­ten Ter­min. Als Frau Sau­er nicht auf­tauch­te, rief er sie kur­zer­hand an, um zu er­fah­ren, ob sie sich viel­leicht in der Zeit ver­tan hät­te. Was die Frau ihm am Te­le­fon er­zähl­te, mach­te ihn un­glaub­lich wü­tend.

»Das ist nicht Ihr Ernst, Frau Sau­er?«

»Doch, vor et­was mehr als ei­ner Stun­de hat mich Ihre Se­kre­tä­rin, eine Frau Wer­ner, an­ge­ru­fen und mir mit­ge­teilt, dass der Job schon ver­ge­ben sei. Wis­sen Sie, Herr Dok­tor, wenn et­was schon so be­ginnt, dann stimmt doch et­was nicht.« Die Stim­me der Frau beb­te.

»Es tut mir leid, Frau Sau­er. Ich habe kei­ne Se­kre­tä­rin«, ent­schul­dig­te sich der Psy­cho­lo­ge. »Frau Wer­ner war eine An­wär­te­rin auf den aus­ge­schrie­be­nen Pos­ten. Als ich kurz drau­ßen war, muss sie Ihre Un­ter­la­gen auf mei­nem Schreib­tisch ge­fun­den ha­ben.«

»Das ist mir jetzt ge­ra­de egal. Wis­sen Sie, ich habe kein In­ter­es­se mehr mich bei Ih­nen zu be­wer­ben. Ich wün­sche Ih­nen al­les Gute, Herr Dok­tor. Auf Wie­der­hö­ren.« Noch ehe Ru­pert Wag­ner et­was er­wi­dern konn­te, hat­te Eli­sa­beth Sau­er auf­ge­legt.

»Hm, die ist wohl rich­tig sau­er. No­men est omen, wie der La­tei­ner sa­gen wür­de«, mur­mel­te Ru­pert. So muss­te er we­nigs­tens kei­ne Ent­schei­dung tref­fen. Sei­ne ers­te Wahl war so oder so die adret­te Nina So­ko­lo­wa, er wür­de sie mor­gen be­nach­rich­ti­gen.

– 3 –

»Nina! End­lich er­rei­che ich dich. Konn­test du das Päck­chen an der ver­ein­bar­ten Stel­le de­po­nie­ren?«

»Ja, si­cher, wie aus­ge­macht«, japs­te Nina ins Te­le­fon. »Ich muss schon sa­gen, du hast sehr ei­gen­ar­ti­ge Kun­den mit bi­zar­ren Wün­schen.«

»Der Kun­de ist nun mal Kö­nig. Dan­ke, ­Ni­notsch­ka, du hast mir echt aus der Pat­sche ge­hol­fen.«

»Schon gut«, keuch­te Nina am an­de­ren Ende.

»Du bist ja to­tal au­ßer Atem. Stö­re ich dich etwa?«

Nina war der spöt­ti­sche Un­ter­ton in der Stim­me ih­rer Schwes­ter nicht ent­gan­gen. »Wenn du es ge­nau wis­sen willst, Rais­sa, ich jog­ge am Sa­lz­ach­kai und muss mich be­ei­len. Mei­ne Schicht be­ginnt in ei­ner Stun­de und ich soll­te mich vor­her noch du­schen. Willst du sonst noch et­was von mir?«

»Wie ist dein Vor­stel­lungs­ge­spräch ge­lau­fen?«

»Geht so, war­um?«

»Ach, nur so. Wir spre­chen spä­ter. Ich habe einen Kun­den hier. Bis dann.« Rais­sa hat­te auf­ge­legt, und ließ Nina wie so oft sprach­los zu­rück.

Rais­sa Ser­ge­jew­na So­ko­lo­wa hat­te das klei­ne Ge­schäft ih­rer El­tern in der In­nen­stadt über­nom­men. Nina hat­te nie In­ter­es­se an dem muf­fi­gen Sou­ve­nir­la­den mit Werk­statt ge­zeigt. Rais­sa hin­ge­gen lieb­te ihn. Der klei­ne un­schein­ba­re La­den war mitt­ler­wei­le ein stadt­be­kann­tes Schmuck­ate­li­er, in dem sich Künst­ler, De­si­g­ner und gut be­tuch­te Tou­ris­ten die Klin­ke in die Hand ga­ben. Nina muss­te zu­ge­ben, dass Rais­sa ein Na­tur­ta­lent war, auch wenn sie sich oft frag­te, wie sie es in so kur­z­er Zeit ge­schafft hat­te, den La­den zu re­no­vie­ren, eine Stamm­kund­schaft auf­zu­bau­en und so er­folg­reich zu wer­den. Das ­Ni­notsch­ka und auch das ach, nur so klang noch im­mer in ih­rem Ohr. Wenn ihre Schwes­ter sie so nann­te, dann woll­te sie im­mer et­was von ihr. Das hat­te sich seit ih­rer Kind­heit nicht ge­än­dert. Im­mer wie­der spann­te Ni­nas äl­te­re Schwes­ter sie für ir­gend­wel­che Diens­te ein, die sie ei­gent­lich nicht ma­chen woll­te. Nina war ge­spannt, was es dies­mal wie­der sein wür­de. In Ge­dan­ken ver­sun­ken lief sie wei­ter den Kai ent­lang und stol­per­te fast über einen Ruck­sack, der mit­ten am Weg lag.

»Müs­sen Sie Ih­ren Ruck­sack auf dem Weg hier aus­brei­ten?«, fauch­te sie einen jun­gen gut­aus­se­hen­den Mann an, der fre­ne­tisch et­was such­te.

Er sah Nina über­rascht an. »Was re­gen Sie sich auf? Sie sind doch nicht blind. Sie ha­ben doch ge­se­hen, dass ich et­was su­che.«

Nina schüt­tel­te den Kopf. »Da drü­ben ist eine Bank, da kön­nen Sie Ih­ren Ruck­sack durch­wüh­len wie sie lus­tig sind, ohne an­de­re Men­schen auf ih­rem Weg zu be­hin­dern«, rief sie ihm noch über die Schul­ter zu und lief flugs wei­ter.

Der jun­ge Mann, der sei­ne Re­gen­ja­cke aus­pack­te, sah ihr un­gläu­big nach. Er hat­te zwar schon ge­hört, dass die Sa­lz­bur­ger ein eher übel­lau­ni­ges Völk­chen wa­ren, konn­te es aber trotz­dem nicht fas­sen, dass so eine hüb­sche Frau so sau­er­töp­fisch sein konn­te. Er war erst seit ei­ner gu­ten hal­b­en Stun­de in der Stadt und mach­te schon die ers­te Be­geg­nung mit der be­rühm­ten Sa­lz­bur­ger Men­ta­li­tät. Er schmun­zel­te. Es schien doch et­was dran zu sein an der Aus­sa­ge, dass die Sa­lz­bur­ger ihre Lau­ne dem Wet­ter an­pass­ten. Es be­gann ge­ra­de lei­se zu tröp­feln.

– 4 –

»Mau­ro! Mau­roooo! Wo zum Teu­fel steckst du, wenn man dich braucht?«

Mer­ce­des dos San­tos’ Stim­me schall­te durch das gan­ze Lo­kal. Gut, dass noch ge­schlos­sen war und so nie­mand mit­be­kam, wie sie mit ih­ren An­ge­stell­ten um­sprang.

»Me dei­xa em paz! Lass mich in Ruhe!«, knurr­te Mau­ro Lima, der ge­ra­de mit ei­nem vol­len Ta­blett Glä­ser aus der Kü­che kam und den rup­pi­gen Ton sei­ner Ex-Freun­din schon ge­wohnt war. »Was willst du? Du siehst doch, dass ich alle Hän­de voll zu tun habe, um die Ti­sche für den Abend vor­zu­be­rei­ten.«

»Hier bist du also! War­um sind die Ti­sche noch nicht fer­tig ein­ge­deckt? Du weißt doch ge­nau, was heu­te Abend hier los sein wird und was für uns auf dem Spiel steht!« Mer­ce­des hob ein Mes­ser mit Was­ser­fle­cken hoch und warf es wü­tend zu Bo­den. »Wie oft muss ich dir sa­gen, dass das Be­steck nach­po­liert wer­den muss?!«, brüll­te sie laut­hals. »Be­son­ders heu­te muss al­les per­fekt sein. Heu­te kommt ein Re­stau­rant­kri­ti­ker. War­um ver­steht kei­ner, wor­um es hier geht? Wo ist Pa­blo? War­um hilft er dir nicht?«

»Der hat frist­los ge­kün­digt. Nach dem, was du ihm ges­tern an den Kopf ge­knallt hast, ist das auch kein Wun­der. Wahr­schein­lich hat er den Druck hier nicht mehr aus­ge­hal­ten«, brüll­te Mau­ro Lima sei­ne Chefin an.

»Der kann sich doch nicht ein­fach so aus dem Staub ma­chen und kün­di­gen! Hol ihn so­fort hier­her. Ich will, dass er so­fort hier an­tanzt, sonst lernt er mich mal rich­tig ken­nen. Wenn ich mit ihm fer­tig bin, wird er in die­ser Stadt kei­nen Job mehr fin­den, die­ser klei­ne Faul­pelz. Sieh zu, dass er hier an­tanzt! Ha­ben wir uns ver­stan­den?!«

Mau­ro schüt­tel­te den Kopf. Was war nur aus der höf­li­chen, net­ten und ent­spann­ten Mer­ce­des ge­wor­den, mit der das Ar­bei­ten die reins­te Freu­de war? »Hörst du dir ei­gent­lich zu, Mer­ce­des? Denkst du denn wirk­lich, dass du so mit dei­nen Be­diens­te­ten um­sprin­gen kannst? Wenn du so wei­ter­machst, wirst du bald al­lein in dei­ner Ta­pas­bar ste­hen. Pa­blo hat frist­los ge­kün­digt. Was hast du dar­an nicht ver­stan­den!? Er wird nicht mehr hier her­kom­men und wenn du mich fragst, zu Recht!«

»Und!? Was willst du mir da­mit sa­gen? Dass ich un­aussteh­lich bin? Dass man mit mir nicht ar­bei­ten kann, oder was? Was? Sag es doch ein­fach!«, kreisch­te Mer­ce­des. Her­aus­for­dernd sah sie zu Mau­ro hoch.

»Ja, Mer­ce­des! Seit du die­ses Lo­kal hier über­nom­men hast bist du zu ei­nem Mons­ter mu­tiert. Üb­ri­gens, den heu­ti­gen Abend mach ich noch, um der gu­ten al­ten Zei­ten wil­len, aber ab mor­gen kannst du die Drecks­a­r­beit hier al­lein ma­chen. Mich wirst du nicht mehr her­um­scheu­chen wie einen La­kai­en, das sag ich dir. Mei­ne fünf­und­zwan­zig Pro­zent kannst du mir in den nächs­ten Wo­chen aus­zah­len.« Mau­ro war ei­ni­ge Schrit­te auf sei­ne Chefin zu­ge­gan­gen, pack­te sie an den Schul­tern und schüt­tel­te sie. »Ver­dammt, Mer­ce­des, komm end­lich zur Be­sin­nung! Bald wirst du al­lein da­ste­hen.«

Mer­ce­des dos San­tos schob wü­tend die Arme ih­res Mit­a­r­bei­ters bei­sei­te und wür­dig­te ihn kei­nes Bli­ckes, als sie zor­nig an ihm vor­bei in die Kü­che flüch­te­te. »Dann ver­schwin­de doch! Ihr könnt von mir aus alle ver­schwin­den«, hör­te man sie durch die ge­schlos­se­ne Tür brül­len. Nie­mand konn­te ver­ste­hen wie wich­tig ihr die­se Ta­pas­bar war, nie­mand! Sie hat­te es satt mit Di­let­tan­ten zu ar­bei­ten. »Fahrt doch alle zur Höl­le!« Den heu­ti­gen Abend wür­de sie per­fekt meis­tern, da war sie sich si­cher, und wenn sie al­les al­lein ma­chen muss­te.

Dem Kü­chen­jun­gen, der den Müll in den Hin­ter­hof ge­bracht hat­te, war der Streit nicht ent­gan­gen. Schüch­tern steck­te er den Kopf in die Kü­che. Mer­ce­des, die ihn aus den Au­gen­win­keln er­späh­te, fauch­te ihn so­fort an.

»Auf was war­test du, Pe­ter? Der Sa­lat wäscht sich nicht von al­lein!«

Der Jun­ge mach­te sich so­fort, ohne ein Wort zu ver­lie­ren, an die Ar­beit. Das Ers­te, was er hier in die­sem Lo­kal ge­lernt hat­te, war, den Mund zu hal­ten und zu tun was ihm ge­sagt wur­de.

Der Abend ver­lief zur volls­ten Zu­frie­den­heit al­ler Gäs­te. Auch Mer­ce­des war glü­ck­lich mit ih­ren neu­en Kre­a­ti­o­nen, die be­son­ders gut an­ka­men. Nach­dem Sie sich von den Gäs­ten fei­ern ließ, ging sie zu­rück in ihre Kü­che, wo sie Pe­ter fand, der da­bei war, die Kü­che zu put­zen.

»Dan­ke, Pe­ter, du kannst nach Hau­se ge­hen. Ich brau­che dich heu­te nicht mehr.«

»Aber …«

»Ver­schwin­de, wenn ich es dir sage. Sei froh, dass ich dich frü­her ge­hen las­se. Hau schon ab!« Mer­ce­des woll­te ihre Kü­che für sich ha­ben. Der Abend war gut ge­lau­fen. Sehr gut so­gar. Von al­len Sei­ten hat­te es Lob ge­ha­gelt, auch vom Kri­ti­ker, der sie per­sön­lich be­glü­ck­wünsch­te. Mer­ce­des war im sieb­ten Him­mel. Die Tür zur Kü­che öff­ne­te sich und Mau­ro ba­lan­cier­te jede Men­ge Tel­ler und Scha­len, die er in die Nähe der Spü­le stell­te.

»Wo ist Pe­ter?« Mer­ce­des, die so in Ge­dan­ken war, dass sie Mau­ro nicht ge­se­hen hat­te, er­schrak.

»Pe­ter?«

»Ja, Pe­ter, un­ser Kü­chen­jun­ge, der das rest­li­che Ge­schirr hier noch spü­len soll.«

»Den habe ich nach Hau­se ge­schickt.«

»Aber, wir kön­nen doch kein sol­ches To­hu­wa­bo­hu in der Kü­che hin­ter­las­sen«, Mau­ro war ent­setzt. »Wer soll das denn jetzt auf­räu­men? Ich muss die Ab­rech­nung ma­chen.«

»Ich mach das schon. So­bald die letz­ten Gäs­te weg sind, kannst du ge­hen. Ich will dich heu­te nicht mehr se­hen«, sag­te sie mit be­stimm­ter Stim­me und ei­nem Blick, der kei­nen Wi­der­spruch dul­de­te. »Ei­gent­lich will ich dich über­haupt nicht mehr in mei­nem Lo­kal se­hen. Du bist ent­las­sen. Die Pa­pie­re schick ich dir per Post. Ich hof­fe, du lässt dich hier nie wie­der bli­cken.«

»Aber. Was soll das?«

Mer­ce­des hat­te sich be­reits um­ge­dreht und füll­te den Ge­schirr­spü­ler.

»Kei­ne Ant­wort ist auch eine Ant­wort. Üb­ri­gens, es sind kei­ne Gäs­te mehr da.«

Mer­ce­des nick­te ab­we­send und mach­te sich dar­an, die Kü­che blitz­blank zu wi­schen. Mau­ro be­ob­ach­te­te das Trei­ben sei­ner Chefin kurz, und ent­le­dig­te sich dann sei­ner Schür­ze, die er in einen Wä­sche­korb ne­ben der Spei­se­kam­mer warf. Zor­nig ver­ließ er die Ta­pas­bar, ohne ein wei­te­res Wort und ohne sich von Mer­ce­des zu ver­ab­schie­den.

– 5 –

»Neu­ner«, brumm­te Quen­tin grum­me­lig ins Te­le­fon.

»Quen­tin, ich hof­fe du bist noch nicht im Py­ja­ma«, tön­te Cha­r­lie Ren­ners fröh­li­che Stim­me aus dem Hö­rer.

»Cha­r­lie, du weißt, dass es fast Mit­ter­nacht ist, oder? Na­tür­lich bin ich schon im Py­ja­ma. Ich war ge­ra­de auf dem Weg ins Bett.«

»Tut mir leid, dass ich stö­ren muss. Dein Bett wird heu­te noch ein Weil­chen auf dich war­ten müs­sen. Wir ha­ben einen Lei­chen­fund.«

»Nicht dein Ernst!« Quen­tin war von sei­nem ge­müt­li­chen Sofa auf­ge­sprun­gen.

»Doch, lei­der. Es ist eine jun­ge Frau.«

»Wo muss ich hin?«

»Kennst du das Dos San­tos?«

»Ja, si­cher! Die klei­ne Ta­pas­bar am Kai. Da habe ich für Sams­tag einen Tisch be­stellt.«

»Nun, da wird wohl nichts draus. Die Tote ist Mer­ce­des dos San­tos, die Be­sit­ze­rin.«

»Ok, ich bin in ei­ner vier­tel Stun­de bei dir. Hast du schon alle ver­stän­digt?«

»Ich bin da­bei. Du warst wie im­mer mei­ne ers­te Wahl«, scherz­te Cha­r­lie Ren­ner.

»Dan­ke. Bis gleich, Cha­r­lie.« Quen­tin hat­te auf­ge­legt. Die Mü­dig­keit, die er noch vor we­ni­gen Mi­nu­ten in al­len Kno­chen ge­spürt hat­te, war wie weg­ge­bla­sen. Er ließ sich einen dop­pel­ten Es­pres­so aus der Kaf­fee­ma­schi­ne, trank ihn wäh­rend er sich um­zog und stürm­te aus sei­ner Woh­nung di­rekt in die Tief­ga­ra­ge. Die Stra­ßen wa­ren um die­se Uhr­zeit wie leer­ge­fegt. Er brauch­te nicht lan­ge, um an den Tat­ort zu ge­lan­gen. Vor der Ta­pas­bar wa­ren ei­ni­ge Ein­satz­fahr­zeu­ge. Als Quen­tin sein Auto hin­ter ei­nem Strei­fen­wa­gen park­te, sah er aus dem Au­gen­win­kel, wie eine Po­li­zis­tin ei­ni­ge Nacht­schwär­mer, die sich an­ge­sam­melt hat­ten, hin­ter die Ab­sper­rung ver­bann­te. Sie sa­lu­tier­te dienst­be­flis­sen, als sie ihn sah. Quen­tin nick­te ihr freund­lich zu und be­trat das Re­stau­rant.

»Im­mer das Glei­che. Es gibt wohl kei­nen Tat­ort der Welt, wo sich kei­ne Gaf­fer ver­sam­meln«, mur­mel­te er. Im Gas­traum wur­den be­reits ers­te Spu­ren ge­si­chert.

»Hal­lo Quen­tin!« Fre­de­rick Mann, der Lei­ter der Spu­ren­si­che­rung, kam auf ihn zu.

»Die Tote liegt im Hin­ter­hof bei den Müll­ton­nen. Sieht nicht gut aus. Aber mach dir selbst ein Bild.«

»Wie komm ich in den Hin­ter­hof?«

»Durch die Kü­che.« Fre­de­rick Mann deu­te­te auf eine Glas­tür hin­ter dem Tre­sen.

»Dan­ke, Fre­de­rick.«

Quen­tin Neu­ner be­gab sich in Rich­tung Kü­che. Der Gas­traum und der Tre­sen schie­nen auf­ge­räumt. Die Tür, auf der in bun­ten Let­tern co­zin­ha stand, öff­ne­te sich au­to­ma­tisch als er sich ihr nä­her­te. Auch die Kü­che war zu Quen­tins Über­ra­schung blitz­sau­ber. Aus der Fer­ne konn­te er Stim­men wahr­neh­men, die von drau­ßen zu ihm dran­gen. Er folg­te ih­rem Klang und stand kurz dar­auf im Hin­ter­hof der Ta­pas­bar.

»Quen­tin, gut, dass du schon da bist.« Cha­r­lie Ren­ner, sei­ne As­sis­ten­tin, war er­freut und er­leich­tert ihn zu se­hen.

»Was wis­sen wir?«

»Bei der To­ten han­delt es sich um Mer­ce­des dos San­tos, die Ei­gen­tü­me­rin der Ta­pas­bar. Wie es aus­sieht wur­de sie mit die­ser guss­ei­ser­nen Brat­pfan­ne von hin­ten er­schla­gen. Sie lag di­rekt ne­ben ihr.« Cha­r­lie zeig­te auf eine Pfan­ne, die eben von ei­nem Kol­le­gen der Spu­ren­si­che­rung un­ter­sucht wur­de. »Ich habe An­wei­sung ge­ge­ben, die Tote nicht zu be­we­gen, bis ein Ge­richts­me­di­zi­ner vor Ort ist.«

»Gut ge­macht, Cha­r­lie«, lob­te Quen­tin sei­ne As­sis­ten­tin, die wie im­mer al­les im Griff hat­te. Er ging um die klei­ne zier­li­che Frau, die seit­lich auf dem Bauch mit dem Ge­sicht nach un­ten auf dem Stein­bo­den lag, her­um. Sie trug einen cre­me­fa­r­be­nen Ho­se­n­an­zug und bunt glit­zern­de Turn­schu­he. Ihre dunk­len Haa­re wa­ren zu ei­nem stren­gen Pfer­de­schwanz hoch­ge­bun­den. Seit­lich am Hin­ter­kopf klaff­te eine Wun­de. Der sicht­ba­re Teil des Ge­sichts war ei­gen­ar­tig ver­färbt. Quen­tin bück­te sich, um die Ver­fär­bung ge­nau­er zu be­trach­ten. Was er sah glich ei­ner Brand­wun­de und aus dem Ohr trat eine durch­sich­ti­ge Flüs­sig­keit.

»Ist noch nie­mand von der Ge­richts­me­di­zin hier?«, rief er Cha­r­lie Ren­ner zu. In dem Mo­ment, als er die Fra­ge stell­te, und noch ehe Cha­r­lie et­was er­wi­dern konn­te, tauch­te Dok­tor Rich­ter di­rekt hin­ter ihm auf.

»Doch, na­tür­lich. Hier bin ich.«

Quen­tin zuck­te un­merk­lich zu­sam­men und er­hob sich. Er be­grüß­te den Ge­richts­me­di­zi­ner und mach­te ihn dar­auf auf­merk­sam, dass die Tat­waf­fe ver­mut­lich eine Pfan­ne war.

»Ich sehe mir das so­fort an.« Dok­tor Rich­ter knie­te sich ne­ben die Lei­che und be­gann mit sei­ner Ar­beit.

Quen­tin sah dem Mann, der den Hin­ter­kopf des Op­fers un­ter­such­te, über die Schul­tern. Die Wun­de war nicht groß. Als der Me­di­zi­ner die Haa­re ge­nau­er un­ter­such­te, konn­te man Kno­chen­split­ter und eine Flüs­sig­keit, die de­fi­ni­tiv kein Blut war, er­ken­nen.

»Was ist das?«, frag­te Quen­tin neu­gie­rig.

»Das ist ver­mut­lich Li­quor ce­re­bro­spi­na­lis. Aber um Ih­nen das ganz ge­nau sa­gen zu kön­nen, muss ich bei der Ob­duk­ti­on das BTRP be­stim­men.«

»Geht das auch auf Deutsch?«, frag­te Quen­tin et­was ge­reizt.

»Li­quor ce­re­bro­spi­na­lis ist Ge­hirn-Rü­cken­marks­flüs­sig­keit, oder für Sie Ge­hirn­was­ser«, der Ge­richts­me­di­zi­ner grins­te Quen­tin frech an, ehe er wei­ter aus­hol­te. »Aber für die ge­naue Be­stim­mung muss ich Pro­te­in­tests ma­chen. Ei­nes kann ich aber auf je­den Fall jetzt schon mit Si­cher­heit sa­gen, die Pfan­ne kann nicht die Tat­waf­fe ge­we­sen sein. Ich tip­pe eher auf einen Ham­mer oder ähn­li­ches.«

»Ein Ham­mer? Wie kom­men Sie dar­auf?«

»Nun, wenn Sie ge­nau hin­se­hen, se­hen Sie, dass es sich bei der Wun­de um eine Im­pres­si­ons­frak­tur han­delt, die nur un­ge­fähr vier mal vier Zen­ti­me­ter groß ist. Eine Brat­pfan­ne kann kei­ne Wun­de die­ser Art ver­ur­sa­chen. Aber mehr dann nach der Ob­duk­ti­on. Ich möch­te nicht spe­ku­lie­ren. Zu­mal ich nicht mit Si­cher­heit sa­gen kann, ob der Schlag über­haupt to­des­ur­säch­lich war.« Der Ge­richts­me­di­zi­ner dreh­te die Frau vor­sich­tig auf den Rü­cken.

»Se­hen Sie, In­spek­tor. Die Frau hat mas­si­ve Ver­bren­nun­gen. So­wohl im Brust­be­reich als auch im Ge­sicht. Es kann gut sein, dass der Schlag auf den Hin­ter­kopf eine Ab­len­kung ist. Aber wie ge­sagt, Ge­nau­e­res, nach­dem ich sie auf dem Tisch hat­te. Ich wer­de das Op­fer, wenn Sie nichts da­ge­gen ha­ben, jetzt in die Ge­richts­me­di­zin schaf­fen las­sen.«

»Sie mei­nen, die Frau könn­te be­reits tot ge­we­sen sein, ehe sie den Schlag auf den Hin­ter­kopf be­kom­men hat?«

»Mög­lich wäre es. Viel­leicht war sie aber auch nur be­wusst­los. Ich muss sie wirk­lich erst ge­nau­er un­ter­su­chen. Mei­nen Be­richt be­kom­men Sie spä­tes­tens mor­gen Nach­mit­tag. Sie er­lau­ben?« Bern­hard Rich­ter hat­te die Hand­schu­he aus­ge­zo­gen und sei­ne Ta­sche ge­nom­men, um sich auf den Weg zu ma­chen.

»Mo­ment.« Quen­tin hielt ihn am Arm zu­rück. »Wie sieht es mit dem To­des­zeit­punkt aus?«

»Der Kör­per­tem­pe­ra­tur nach ist die Frau noch nicht lan­ge tot. Ma­xi­mal zwei Stun­den. Aber wie schon ge­sagt, ich spe­ku­lie­re nicht ger­ne. Al­les Wei­te­re ent­neh­men Sie dann mei­nem Be­richt.«

Quen­tin fand die­sen jun­gen Me­di­zi­ner hoch­gra­dig un­sym­pa­thisch. Er konn­te es kaum er­war­ten, Ka­ta­ri­na von Weid mor­gen am Abend vom Bahn­hof ab­zu­ho­len. Viel­leicht konn­te sie die Ob­duk­ti­on über­neh­men, oder zu­min­dest die Tote noch ein­mal un­ter­su­chen. Quen­tin nick­te Bern­hard Rich­ter kurz zu und wand­te sich, eine Gri­mas­se schnei­dend, zu sei­ner As­sis­ten­tin.

»Cha­r­lie, sag bit­te Fre­de­ricks Leu­ten, dass sie auch nach ei­nem Ham­mer oder ei­nem ähn­li­chen Ge­gen­stand su­chen sol­len. Die Brat­pfan­ne ist nicht un­se­re Tat­waf­fe.«

»Nicht?«

»Nein, die­ser Lackl von Ge­richts­me­di­zi­ner hat mir das eben un­ter die Nase ge­rie­ben.«

Cha­r­lie, die be­merkt hat­te, dass sich Quen­tin Neu­ners Lau­ne nach dem Ge­spräch mit dem Ge­richts­me­di­zi­ner merk­lich ver­schlech­tert hat­te, muss­te grin­sen. »Gut, dann sag ich dem Team Be­scheid.«

»War­te! Wer hat die Frau ei­gent­lich ge­fun­den?«

»Ihr Ver­lob­ter. Ein Dok­tor Ru­pert Wag­ner.«

»Wo ist der jetzt?«

»Er sitzt drau­ßen in der Ret­tung. Der Not­a­rzt hat ihm eine Be­ru­hi­gungs­sprit­ze ver­passt. Er war noch nicht ver­neh­mungs­fä­hig als ich an­kam.«

»Kann ich mir vor­stel­len. Lass uns mal zu ihm ge­hen, viel­leicht ist er ja mitt­ler­wei­le in der Lage uns nä­he­re In­for­ma­ti­o­nen über das Op­fer zu ge­ben.«

»Ich geb nur kurz die In­for­ma­ti­on an Fre­de­rick Mann wei­ter und kom­me so­fort nach.«

Wie be­täubt stieg Ru­pert Wag­ner aus dem Ret­tungs­au­to, als Quen­tin Neu­ner auf ihn zu­kam.

»Herr Dok­tor Wag­ner?«

»Ja?« Fra­gend und gleich­zei­tig wie in Tran­ce sah er den Er­mitt­ler an.

»In­spek­tor Neu­ner, Mord­kom­mis­si­on. Sie ha­ben die Tote ge­fun­den, ist das rich­tig?«

Ru­pert nick­te nur und starr­te Quen­tin Neu­ner mit aus­drucks­lo­sen Au­gen an, ohne ihn tat­säch­lich wahr­zu­neh­men.

»Sind Sie im Stan­de ei­ni­ge Fra­gen zu be­ant­wor­ten?«

Ru­pert, der im­mer noch eine De­cke um­ge­hängt hat­te und von ei­nem Sa­ni­tä­ter ge­stützt wer­den muss­te, nick­te. »Ich den­ke schon.« Ru­pert rich­te­te sich et­was auf und sah den Sa­ni­tä­ter dan­kend an.

»Kom­men Sie, ge­hen wir ins Re­stau­rant, dort kön­nen Sie sich hin­set­zen. Drin­nen ha­ben wir mehr Ruhe, um uns zu un­ter­hal­ten.«

Cha­r­lie Ren­ner die schnel­len Schrit­tes auf die Män­ner zu­ge­kom­men war, und merk­te, dass Ru­pert Wag­ner im­mer noch wa­cke­lig auf den Bei­nen war, nahm ihn am Arm und stütz­te ihn. Ru­pert blick­te sie dank­bar an.

»Wer macht denn so et­was?«, mur­mel­te er.

»Das wis­sen wir noch nicht, Herr Dok­tor Wag­ner, aber sei­en Sie ver­si­chert, wir wer­den al­les tun, um den Tä­ter zu fin­den.« Cha­r­lie sprach be­ru­hi­gend auf den Mann ein.

»Set­zen Sie sich, ich hole Ih­nen ein Glas Was­ser.«

Quen­tin, der sich eben­falls ge­setzt hat­te, be­gann Ru­pert Wag­ner be­hut­sam zu be­fra­gen.

»Herr Dok­tor Wag­ner, wann ha­ben Sie Ihre Ver­lob­te ge­fun­den?«

Ru­pert sah den In­spek­tor an. Sein Blick schien ins Lee­re zu ge­hen. Lei­se, kaum hör­bar, be­gann er zu er­zäh­len.

»Mer­ce­des und ich woll­ten in drei Mo­na­ten hei­ra­ten, ver­ste­hen Sie? Sie war mei­ne gro­ße Lie­be. Wir sind seit zwei Jah­ren of­fi­zi­ell ver­lobt. Ich muss­te da­mals in Por­tu­gal im Haus des Pfar­rers mit dem Pfar­rer, ei­nem No­tar und den El­tern von Mer­ce­des über die Aussteu­er ver­han­deln. Das war gar nicht so ein­fach. Als sie mich end­lich als zu­künf­ti­gen Schie­ger­sohn ak­zep­tier­ten, wur­den ge­zu­cker­te Früch­te al­ler Art, ver­schie­de­nes Back­werk und fri­sches Quell­was­ser kre­denzt und ver­zehrt, um die Ver­lo­bung of­fi­zi­ell zu be­sie­geln. Das ist eine por­tu­gie­si­sche Tra­di­ti­on.« Ru­pert, der kurz in ei­ner an­de­ren Welt war, blick­te von ei­nem Er­mitt­ler zum an­de­ren. »War­um wur­de sie er­mor­det? Wer macht so et­was? Sie war doch noch so jung und stand kurz vor ih­rem Durch­bruch. Alle moch­ten sie. Ich ver­ste­he das nicht«, mur­mel­te Ru­pert wie in Tran­ce.

»Dok­tor Wag­ner, was ist pas­siert? Wann ha­ben Sie Ihre Ver­lob­te ge­fun­den?«

»Als Mer­ce­des nicht nach Hau­se kam, und auch te­le­fo­nisch we­der hier, in der Ta­pas­bar, noch am Han­dy er­reich­bar war, habe ich mich auf den Weg hier­her ge­macht. Als ich schon auf­ge­ben woll­te, habe ich sie im Hin­ter­hof ge­fun­den.« Trä­nen lie­fen über sein Ge­sicht. »Wer macht denn so et­was?« Wie­der sah Ru­pert die bei­den Er­mitt­ler fra­gend an, nahm einen gro­ßen Schluck Was­ser aus dem Glas, das Cha­r­lie vor ihm auf den Tisch ge­stellt hat­te, und schüt­tel­te den Kopf. »Un­fass­bar. Mer­ce­des war so le­bens­froh und hat­te doch ihr ge­sam­tes Le­ben noch vor sich.«

»Dok­tor Wag­ner…«

Ru­pert un­ter­brach den In­spek­tor. »Bit­te tun Sie mir einen Ge­fal­len In­spek­tor, nen­nen Sie mich Ru­pert.«

»Gut, wenn Sie das möch­ten. Also, Ru­pert, kön­nen Sie mir sa­gen, wann Sie hier an­ge­kom­men sind?«

Trau­rig, mit Trä­nen in den Au­gen, schüt­tel­te Ru­pert den Kopf. »Nicht ge­nau, ich habe nicht auf die Uhr ge­se­hen. Nach­dem ich Mer­ce­des te­le­fo­nisch nicht er­rei­chen konn­te, habe ich mir ir­gend­wie Sor­gen ge­macht. Kurz nach drei­und­zwan­zig Uhr habe ich un­se­re Woh­nung ver­las­sen, um sie zu su­chen. Man braucht zu Fuß un­ge­fähr zehn Mi­nu­ten. So zwi­schen vier­tel nach elf und halb zwölf müss­te ich hier ge­we­sen sein.«

»War das Re­stau­rant noch ge­öff­net?«

»Nein. Hier im Gast­be­reich war be­reits al­les fins­ter.«

»Wie sind Sie hier her­ein­ge­kom­men?«, frag­te Quen­tin miss­trau­isch.

»Mit dem Er­satz­sch­lüs­sel. Mer­ce­des hat im­mer ihre Schlüs­sel ir­gend­wo ver­legt, manch­mal so­gar ver­lo­ren, dar­um habe ich alle Schlüs­sel vom Re­stau­rant und auch von ih­rem Auto. Für den Fall der Fäl­le, ver­ste­hen Sie?«

Quen­tin ver­stand nur zu gut. Auch er ver­leg­te im­mer wie­der sei­ne Schlüs­sel und hat­te einen Er­satz­sch­lüs­sel bei sei­nem bes­ten Freund de­po­niert.

»Sie ha­ben also mit Ih­rem ei­ge­nen Schlüs­sel auf­ge­sperrt. Was ist dann pas­siert?«

»Ich habe das Licht an­ge­knipst und nach Mer­ce­des ge­ru­fen. Sie müs­sen wis­sen, Mer­ce­des war eher eine Künst­le­rin als eine Kö­chin. Manch­mal hat sie in der Kü­che neue Ta­pas kre­i­ert und al­les um sich her­um ver­ges­sen. So­gar mich.«

»Ver­ste­he. Sie dach­ten also, dass das auch heu­te so wäre.«

»Ge­nau. Ich dach­te sie hät­te ver­ges­sen, dass wir für heu­te ver­ab­re­det wa­ren und bin gleich in die Kü­che.«

»Was mei­nen Sie mit ver­ab­re­det? Le­ben Sie nicht in ei­nem Haus­halt? Sie sag­ten doch sie sei­en seit zwei Jah­ren ver­lobt, oder?« Quen­tin war über­rascht.

»Ja und nein. Wir ha­ben eine ge­mein­sa­me Woh­nung hier in der Stadt. Ich habe mei­nen Haupt­wohn­sitz je­doch seit ei­nem hal­b­en Jahr in See­ham. Dort habe ich ein Haus und er­öff­ne in Kür­ze mei­ne ei­ge­ne Pra­xis. In Sa­lz­burg ar­bei­te ich nur an zwei Ta­gen der Wo­che im Kli­ni­kum.«

»Gut. Also, Sie wa­ren mit Ih­rer Ver­lob­ten heu­te ver­ab­re­det und sind ex­tra aus See­ham nach Sa­lz­burg ge­kom­men. Rich­tig?«, hak­te Cha­r­lie Ren­ner nach.

»Ge­nau. Sie woll­te mit mir fei­ern. Ein re­nom­mier­ter Re­stau­rant­kri­ti­ker war für heu­te Abend hier in der Ta­pas­bar an­ge­kün­digt. Mer­ce­des war der Mei­nung, dass das ihr Durch­bruch sein kön­ne und eine gute Kri­tik ihr den Weg in die Ster­ne­kü­che öff­nen wür­de. Das woll­te sie un­be­dingt heu­te nach der Ar­beit noch mit mir fei­ern. Sie war so auf­ge­regt und heu­te Mor­gen noch ex­tra in See­ham, um mir da­von per­sön­lich zu er­zäh­len.«

»Wie konn­te sie das wis­sen? Kri­ti­ker kom­men doch im­mer un­an­ge­kün­digt, oder etwa nicht?« Quen­tin war hell­hö­rig ge­wor­den.

»Ei­gent­lich schon. Aber Mer­ce­des hat­te über eine be­freun­de­te Jour­na­lis­tin da­von Wind be­kom­men. Dar­um wuss­te sie es.«

»Ver­ste­he«, mur­mel­te der In­spek­tor. »Wann wa­ren Sie ver­ab­re­det?«

»Nach der Ar­beit. Un­ter der Wo­che sperrt die Ta­pas­bar um ein­und­zwan­zig Uhr drei­ßig zu. Nur frei­tags und sams­tags hat sie bis Mit­ter­nacht ge­öff­net. Nor­ma­le­r­wei­se ma­chen Mau­ro und Mer­ce­des die Ab­rech­nung und Pa­blo und Pe­ter put­zen die Kü­che. Spä­tes­tens ge­gen zehn, halb elf war das Team dann mit al­lem fer­tig. Mer­ce­des ver­ließ dann meist das Lo­kal, um nach Hau­se zu ge­hen, au­ßer …« Ru­perts Stim­me ver­sag­te, er nahm einen gro­ßen Schluck Was­ser und sah den In­spek­tor leid­voll an.

»… au­ßer sie kre­i­er­te noch ir­gend­wel­che Ta­pas. Rich­tig?«, er­gänz­te die­ser den Satz.

»Ja, so ist es«, mur­mel­te Ru­pert Wag­ner mit Trä­nen in den Au­gen.

»Sie sind also in die Kü­che und auch dort ha­ben Sie Mer­ce­des dos San­tos nicht vor­ge­fun­den. Rich­tig?«

Ru­pert nick­te schwach. »Es war bis auf ein klei­nes Not­licht kein Licht in der Kü­che. Mer­ce­des war wie vom Erd­bo­den ver­schluckt. Al­les war blitz­sau­ber ge­putzt. Ich woll­te schon wie­der ge­hen, als sich durch einen Wind­s­toß die Tür zum Hin­ter­hof ganz leicht öff­ne­te. Wahr­schein­lich war sie nur an­ge­lehnt ge­we­sen. Ich woll­te sie schlie­ßen, als plötz­lich der Be­we­gungs­mel­der an­ging …«, Ru­pert Wag­ner kam ins Sto­cken und at­me­te schwer. »Und da, und da …«, stot­ter­te er. »Da habe ich sie dann ent­deckt. Leb­los am Bo­den, in der Nähe der Müll­ton­nen.« Die letz­ten Wor­te wa­ren kaum hör­bar, Ru­pert war im­mer lei­ser ge­wor­den und stil­le Trä­nen lie­fen ihm übers Ge­sicht.

Cha­r­lie Ren­ner leg­te trös­tend ihre Hand auf sei­nen Arm. Quen­tin nick­te und frag­te be­hut­sam. »Was ha­ben Sie dann ge­macht? Ha­ben Sie Ihre Ver­lob­te an­ge­fasst?«

»Ja, ja, na­tür­lich. Selbst­ver­ständ­lich.« Mit ei­ner has­ti­gen Hand­be­we­gung wisch­te Ru­pert sich die Trä­nen aus dem Ge­sicht, und ver­such­te ver­zwei­felt bei der Sa­che zu blei­ben.

»Als Psy­cho­lo­ge bin ich me­di­zi­nisch aus­ge­bil­det. Ich habe um­ge­hend ver­sucht ih­ren Puls zu füh­len. In­stink­tiv wuss­te ich, dass sie tot war, und es kei­nen Sinn ma­chen wür­de sie wie­der­zu­be­le­ben. Also habe ich Mer­ce­des ge­nau­so lie­gen las­sen, wie ich sie ge­fun­den habe und so­fort die Po­li­zei ver­stän­digt. Dann bin ich ne­ben ihr zu­sam­men­ge­bro­chen. Eine Po­li­zis­tin hat den Not­a­rzt und die Ret­tung be­stellt und den Rest der Ge­schich­te ken­nen Sie ja.«

»Vie­len Dank, Ru­pert. Sie ha­ben uns sehr ge­hol­fen. Ein Strei­fen­wa­gen wird Sie jetzt nach Hau­se brin­gen. Ich wür­de Sie bit­ten, mor­gen im Prä­si­di­um vor­bei­zu­kom­men, um die Aus­sa­ge noch ein­mal zu Pro­to­koll zu ge­ben.«

Ru­pert nick­te ab­we­send, er­hob sich schwer­fäl­lig und krall­te sich an der De­cke, die im­mer noch sei­ne Schul­tern um­spiel­te, fest. Eine Po­li­zis­tin führ­te ihn auf Quen­tin Neu­ners Zei­chen hin­aus. Die Er­mitt­ler sa­hen ihm nach.

»Cha­r­lie, wo bleibt ei­gent­lich Lu­kas? Woll­test du ihn nicht an­ru­fen?«

»Habe ich. Nur lei­der war er nicht er­reich­bar. Er ist heu­te Abend beim Bür­ger­meis­ter ein­ge­la­den.«

»Ja, stimmt. Das habe ich ganz ver­ges­sen.«

Cha­r­lie grins­te. »Man mun­kelt, dass der Bür­ger­meis­ter bei die­sem in­of­fi­zi­el­len Abend­es­sen den neu­en Ober­staats­an­walt vor­stel­len will. Lu­kas hat wohl das Han­dy auf laut­los ge­stellt. Ich habe ihm selbst­ver­ständ­lich eine Nach­richt auf der Mail­box hin­ter­las­sen.«

»Weiß man denn schon, wer neu­er Oberst­staats­an­walt wird?«

»Of­fi­zi­ell noch nicht. Laut Fl­ur­tratsch soll er aber aus Wien kom­men und schon nächs­te Wo­che sei­nen Dienst hier bei uns an­tre­ten.«

»Oh je, ein Mundl! Das kann ja hei­ter wer­den.« Quen­tin ver­dreh­te die Au­gen. »Ei­gent­lich hät­te Lu­kas nach sei­nem Ein­satz beim letz­ten Fall den Job ver­dient.«

»Ja, er hat vol­len Ein­satz ge­zeigt und mir so­gar das Le­ben ge­ret­tet.« Cha­r­lie wur­de nach­denk­lich. »Ver­dient hät­te er den Pos­ten al­le­mal, da gebe ich dir Recht.«

»Ver­mut­lich ist er noch et­was zu jung. Au­ßer­dem hat es ja auch et­was Gu­tes. Ich bin froh, dass er uns er­hal­ten bleibt«, lach­te Quen­tin. »Wir sind doch ein un­schlag­ba­res Team, wir drei, oder Cha­r­lie?«

Auch Cha­r­lie muss­te grins­te. »Ein bes­se­res Team gibt es nicht. Ich bin schon ge­spannt, was er über das Din­ner so er­zäh­len wird.«

»Lu­kas wird uns mor­gen al­les brüh­warm er­zäh­len. Da bin ich mir ganz si­cher.« Quen­tin sah sich noch ein­mal kurz um. Die Spu­ren­si­che­rung schien mit ih­rer Ar­beit fast fer­tig zu sein.

»Es ist spät. Wir soll­ten es für heu­te auch gut sein las­sen, Cha­r­lie. Hier gibt es für uns so­wie­so nichts mehr zu tun.«

– 6 –

Quen­tin Neu­ners Haus­halts­hil­fe Lina riss ihn aus dem Schlaf.

»Herr Neu­ner, was ma­chen Sie denn noch zu Hau­se?«, hör­te er die vor­wurfs­vol­le Stim­me sei­ner Haus­häl­te­rin aus der Fer­ne. Lina öff­ne­te die Ja­lou­si­en und die Fens­ter, um fri­sche Luft ins Schlaf­zim­mer zu las­sen.

»Lina, was ma­chen Sie denn schon hier, zu die­ser un­christ­li­chen Zeit? Und dann auch noch in mei­nem Schlaf­zim­mer?« Quen­tin blin­zel­te schlaf­trun­ken un­ter der De­cke her­vor.

»Un­christ­li­che Zeit, also wirk­lich, In­spek­tor. Es ist gleich neun. Sie müs­sen ins Büro, oder sind Sie etwa krank?« Lina sah ihn be­sorgt an.

»Nein, Lina, bin ich nicht. Wir hat­ten ges­tern nur wie­der ein­mal eine lan­ge Nacht und … naja, egal. Sind Sie so nett und las­sen mir einen Es­pres­so her­un­ter?«

»Na­tür­lich, ger­ne. Soll ich Ih­nen auch ein Früh­stück ma­chen?«

»Nein, dan­ke. Ich brau­che nur drin­gend einen star­ken Kaf­fee«, mur­mel­te Quen­tin ver­schla­fen und blin­zel­te ins Licht. Nach­dem Lina sein Schlaf­zim­mer ver­las­sen hat­te, troll­te er sich im­mer noch schlaf­trun­ken ins Bad und ver­schwand un­ter der Du­sche. Als er frisch und mun­ter in die Kü­che kam, er­war­te­te ihn ne­ben dem Kaf­fee ein klei­nes Früh­stück mit weich­ge­koch­tem Ei und ei­ner Schin­ken­sem­mel.

»Das ist lieb von Ih­nen, Lina, aber ich habe lei­der kei­ne Zeit zu früh­stü­cken.« Freund­lich lä­chel­te er sie an, schnapp­te sich die Sem­mel und leer­te den Kaf­fee in ei­nem Zug. Ehe Lina noch et­was er­wi­dern konn­te, war der In­spek­tor be­reits zur Tür hin­aus­ge­stürmt.

Ein Han­dy schell­te und Lina woll­te es ge­ra­de su­chen, als Quen­tin Neu­ner die Ein­gangs­tür wie­der auf­riss. »Nicht er­schre­cken, Lina! Ich hab nur mein Sak­ko und mein Han­dy lie­gen las­sen, bin schon wie­der weg«, schall­te Quen­tins so­no­re Stim­me in ihre Rich­tung.

Lina lug­te in den Vor­raum und sah Quen­tin noch durch die Ein­gangs­tür hin­aus­hu­schen. Un­gläu­big schüt­tel­te sie den Kopf.

»Kein Wun­der, dass der kei­ne Frau hat, so wie der im­mer her­um­hetzt. Das hält ja nie­mand auf Dau­er aus«, mur­mel­te sie noch, ehe sie sich wie­der an ihre Ar­beit mach­te.

Das Han­dy tön­te im­mer noch und das Klin­geln wur­de im­mer pe­ne­tran­ter. Quen­tin fin­ger­te in sei­ner Sak­ko-Ta­sche her­um,

»Neu­ner«, brumm­te er au­ßer Atem in den Hö­rer.

»Quen­tin, gu­ten Mor­gen. Sag mal, stör ich dich? Joggst du?«

»Nein«, japs­te Quen­tin, der ei­lig die Stie­ge hin­un­ter­ge­lau­fen war.

»Hast du etwa ver­schla­fen? Ich steh vor dei­nem Büro und von dir fehlt jede Spur?« Dok­tor Lu­kas Stei­ner, der Staats­an­walt, wuss­te na­tür­lich von der Nacht­schicht.

»Wer die hal­be Nacht in ei­ner Ta­pas­bar ab­hän­gen kann, der kann auch pünkt­lich zum Dienst er­schei­nen«, scherz­te er.

»Sehr wit­zig, Lu­kas. War­um bist du ei­gent­lich so gut ge­launt? Ist doch sonst nicht so, nach­dem du beim Bür­ger­meis­ter warst«, kon­ter­te Quen­tin.

»Nun, ich habe mei­nen neu­en Chef ken­nen­ge­lernt und ich kann dir sa­gen, der ist nicht ohne.« Lu­kas stieß gut ge­launt einen Pfiff durchs Te­le­fon und lach­te.

»Wie meinst du das?«

»Er­zähl ich dir in al­ler Ruhe, wenn du hier bist. Wir soll­ten so­wie­so den neu­en Fall be­spre­chen.«

»Bin ja schon un­ter­wegs«, knurr­te Quen­tin, der die gute Lau­ne sei­nes bes­ten Freun­des nicht ver­stand. »Ich soll­te in der nächs­ten vier­tel Stun­de da sein.«

»Gut, dann war­te ich auf dich und hol uns in­zwi­schen einen or­dent­li­chen Kaf­fee beim Bä­cker ge­gen­über. Was hältst du da­von?«

»Fan­tas­ti­sche Idee, Lu­kas. In­for­mie­re bit­te auch Cha­r­lie. Ich möch­te gleich ein Brain­stor­ming zum Ta­pas-Mord­fall mit euch ma­chen.«

»Cha­r­lie steht di­rekt ne­ben mir. Sie hat mich über den Fall schon in­for­miert und so wie ich das ver­stan­den habe, hat sie auch schon ei­ni­ge Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­o­nen über un­ser Op­fer Mer­ce­des dos San­tos.« Lie­be­voll sah er Cha­r­lie Ren­ner an und strich ihre eine Haar­sträh­ne aus dem Ge­sicht.

»Sehr gut, Lu­kas. Ich be­ei­le mich. Bis gleich.«

Quen­tin woll­te so schnell als mög­lich ins Büro, doch er kam nur lang­sam vor­an. Die Au­tos vor ihm ge­ri­e­ten im­mer wie­der ins Sto­cken. Es be­gann leicht zu reg­nen. Wie er die­sen Stop-and-go-Ver­kehr hass­te. In der Nähe der Bus­hal­te­stel­le Aka­de­mie­stra­ße hat­te sich eine klei­ne Men­schen­trau­be ge­bil­det. Die vor­bei­fah­ren­den Au­to­len­ker muss­ten na­tür­lich gaf­fen statt zü­gig vor­bei­zu­fah­ren. Aus dem Au­gen­win­kel konn­te Quen­tin er­ken­nen, dass es sich um Schü­ler han­del­te, jun­ge Um­welt­ak­ti­vis­ten, die auf dem Weg ins Zen­trum wa­ren. Stolz hiel­ten sie ihre Trans­pa­ren­te hoch. Er hat­te ganz ver­ges­sen, dass schon wie­der Frei­tag war.

»Wo bleibst du denn, Quen­tin? Der Kaf­fee wird kalt.« Staats­an­walt Lu­kas Stei­ner war­te­te be­reits un­ge­dul­dig vor Quen­tins ver­schlos­se­nem Büro.

»Sor­ry, Lu­kas, aber du weißt ja. Frei­tag. Un­se­re Schü­ler sind wie­der ein­mal da­bei den Ver­kehr lahm­zu­le­gen.«

Quen­tin sperr­te sein Büro auf, leg­te sei­nen Ak­ten­kof­fer auf den Schreib­tisch und öff­ne­te alle Fens­ter, um fri­sche Luft in den Raum zu las­sen.

»Wo ist Cha­r­lie? Soll­te sie nicht auch schon hier sein?«

»Ja, ei­gent­lich schon. Aber sie muss­te kurz zum Po­li­zei­chef.«

»Was will denn der Capo von ihr?«

»Er woll­te sie noch ein­mal we­gen der Mes­ser­ste­che­rei in Le­hen letz­te Wo­che spre­chen. Of­fen­sicht­lich feh­len ei­ni­ge Bil­der in der Akte.«

»Der Fall ist doch ge­löst. Schwe­re Kör­per­ver­let­zung. Da der Tä­ter aber noch nicht straf­mün­dig ist … naja, ist ja auch egal.

---ENDE DER LESEPROBE---