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Der Psychologe Rupert Wagner findet seine Verlobte Mercedes Dos Santos, eine begnadete Köchin und Besitzerin der Tapas-Bar Dos Santos ermordet im Hinterhof ihres Restaurants. Nach ersten gründlichen Recherchen im Umfeld der Toten, gerät schnell der zwielichtige Bruder des Opfers ins Visier der Ermittlungen. Für Quentin Neuner und sein Team wird es richtig kompliziert, als auch noch Rupert Wagners Bruder Richard tot aufgefunden wird und ein Unfall ausgeschlossen werden kann. Haben die Morde etwas miteinander zu tun? Es scheint keine Parallelen zwischen den Opfern zu geben. Das einzige Bindeglied ist Rupert Wagner.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Marie Anders wurde in Kirchdorf an der Krems, Oberösterreich, geboren. Sie ist in einem internationalen Umfeld mehrsprachig aufgewachsen und hat unter anderem in den Vereinigten Staaten, Serbien, Russland und Frankreich gelebt, studiert und gearbeitet. Seit Kurzem lebt und arbeitet sie wieder in ihrer österreichischen Heimat.
Weitere lieferbare Titel
Pralinen des Todes – Inspektor Neuners erster Fall
Die finnische Socke – Inspektor Neuners zweiter Fall
Tod im grünen Klee – Inspektor Neuners dritter Fall
Marie Anders
Mord im Dos Santos
Kriminalroman
Der vierter Fall für Inspektor Neuner
BRINKLEY
Mord im Dos SantosErstausgabe bei: Verlag Federfrei 2020 (unter ISBN 978-3-99074-111-5)Überarbeitete Version erschienen bei: BRINKLEY Verlag 2021
© Marie Anders
Ohne schriftliche Genehmigung des Herausgebers darf kein Teil dieser Publikation in irgendeiner Form vervielfältigt, übertragen oder gespeichert werden.Alle Rechte vorbehalten.
Sowohl die im Buch vorkommenden Personen als auch die Handlungen sind von der Autorin frei erfunden. Namen und Ähnlichkeiten mit Personen oder tatsächlichen Handlungen sind zufällig und nicht gewollt.
Satz: Constanze Kramer, coverboutique.deLektorat: S. Sussman© Umschlaggestaltung: BRINKLEY / Magali Torresunter Verwendung von: pixabay.com und pexels.com
Gedruckt und gebunden von: SKALA PRINT
ISBN 978-3-903392-03-8
www.brinkley-verlag.at
Mord im Dos Santos
Der vierte Fall für Inspektor Neuner
»Dieses Mahl gefällt mir wohl,darauf sich frischt und speist nicht nur unser Augund Leib, sondern auch der Geist.«
Friedrich von Logau (1605 ‒ 1655)
»Sind Sie des Wahnsinns? Sie können doch Ihren Hund nicht einfach so frei herumlaufen lassen. Das ist doch gemeingefährlich!« Die aufgebrachte junge Frau fauchte Rupert Wagner, der seinen Labrador am Wanderweg ohne Maulkorb und Leine herumlaufen ließ, böse an. Der Hund stand auf dem schmalen Holzsteg, den sie eben passieren wollte, und verstellte ihr leise knurrend den Weg.
»Timba, aus!« Rupert Wagner konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und lachte der jungen Frau schließlich frech ins Gesicht. »Wer wird denn so schreckhaft sein. Timba ist ein Therapiehund und ausgesprochen gutmütig. Die tut niemandem etwas. Auch Ihnen nicht.« Vorsichtshalber nahm er jedoch den Hund, der jetzt eng neben ihm saß, am Halsband.
»Ja, das hört man von Hundebesitzern ja immer wieder. Bis es dann in den Zeitungen heißt, Passant von Hund angefallen und zu Tode gebissen.«
Die Frau setzte sich zögernd in Bewegung. Langsam und vorsichtig schlich sie an Hund und Herrchen vorbei. »Unmöglich, ich sollte Sie anzeigen«, murmelte sie, ehe sie sich schnellstmöglich, ohne den Mann eines weiteren Blickes zu würdigen, entfernte.
Rupert Wagner sah der Frau, die im Laufschritt zu flüchten schien, nach. Was machte eine so adrette junge Frau um diese Uhrzeit in dieser gottverlassenen Gegend? Um sechs Uhr dreißig morgens war ihm hier noch nie jemand begegnet. Er ließ Timba wieder los, die sofort in Richtung Wasserfall davon stürmte. Er hatte diesen wildromantischen Weg in fast unberührter Natur erst vor einigen Wochen, als er von Wien nach Seeham gezogen war, entdeckt. Seitdem spazierte er jeden Morgen mit seinem Hund zum Wildkar Wasserfall und zurück, ehe er in seine Praxis ging. Die Eröffnung stand kurz bevor und er hatte noch keine geeignete Sprechstundenhilfe gefunden. Schön langsam lief ihm die Zeit davon. Den heutigen Vormittag hatte Rupert sich für Vorstellungsgespräche reserviert. Er saß auf der Bank und sinnierte. Vielleicht wäre es doch klüger gewesen, die Praxis in Salzburg aufzumachen. Timba stupste ihn leicht am Knie und riss ihn aus seinen Gedanken.
»Timba!« Rupert sah auf die Uhr. »Oh, danke für den Hinweis, meine Süße«, sanft streichelte er der Hündin über den Kopf. »Wir müssen zurück.«
Nina war viel zu früh dran. Ihr Vorstellungsgespräch war erst um acht. Nervös zupfte sie an ihrem Hosenanzug herum und hüpfte von einem Bein aufs andere. An der Wand prangte ein Glasschild, auf dem in dezentem Schriftzug Dr. Rupert Wagner, Psychologe stand. Sie versuchte die Tür zur Praxis zu öffnen, doch sie war noch abgesperrt. Nina sah auf die Uhr. Sie hatte noch gut zwanzig Minuten Zeit. Gerade als sie beschloss, sich noch ein wenig die Beine zu vertreten, sah sie den Mann von vorhin mit seinem Hund direkt auf sie zukommen und erschrak. Der hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie verdrehte die Augen und wollte sich gerade abwenden, als Rupert Wagner sie anlächelte und ihr zurief.
»Sie? Wer hätte gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen? Kann ich Ihnen helfen?«
»Guten Morgen. Sie sind aber nicht …« Nina blieben die Worte im Halse stecken, als sie merkte, dass der Mann einen Schlüsselbund aus seiner Jackentasche zog. »Sie sind doch …«, murmelte sie. »Doktor Wagner, oder?«
Der Psychologe grinste breit und nickte.
»Dann hätte ich ein Vorstellungsgespräch bei Ihnen, aber das kann ich mir jetzt ja wohl abschminken, nicht wahr?«, bemerkte Nina Sokolowa kurz angebunden und wollte auf dem Absatz kehrt machen.
»Aber warum denn?« Rupert Wagner musterte sie schmunzelnd. »Kommen Sie doch erst mal herein.« Rupert sperrte die Tür auf und trat in einen hellen kleinen Vorraum. Timba rannte an ihm und Nina, die erschrocken zu Seite sprang, vorbei und verschwand in den hinteren Räumlichkeiten.
Nina Sokolowa folgte dem Psychologen in die Praxis. Sie war hin und weg von dem Ambiente. Der Raum hinter dem Vorraum entpuppte sich als Empfangsbereich und Wartezimmer in einem. Die Einrichtung war hell und freundlich. Die fünf bunten Besuchersessel, die in einem Halbkreis aufgestellt waren, waren aus weichem Ziegenleder und sahen eher aus wie kleine gemütliche Fauteuils. Sie strich mit der Hand über eine Lehne. Vor ihnen stand ein schöner kleiner Glastisch mit jeder Menge Zeitschriften drauf. Etwas weiter hinten im Raum war eine Glastheke mit einem integrierten Schreibtisch und einem gemütlich aussehenden ergonomischen Bürosessel. Die Möbel waren alle aufeinander abgestimmt und sehr transparent gehalten. Die elfenbeinfarbene Wand, mit unzähligen kleinen bunten Farbkleksen darauf, strahlte eine freundlich warme, ja sogar einladende Atmosphäre aus. Man fühlte sich nicht wie in einer Arztpraxis, sondern eher wie in der Lobby eines Design-Hotels.
»Der Innenarchitekt hat ganze Arbeit geleistet«, stellte Nina sichtlich beeindruckt fest und ließ den Blick schweifen.
»Es gab keinen Innenarchitekten. Ich habe alles selbst gemacht und auch die Möbel ausgesucht. Kommen Sie weiter in mein Büro, Frau …?«
»Entschuldigen Sie. Hier sind meine Unterlagen, Nina Sergejewna Sokolowa.«
»Ihr Name klingt Russisch.«
»Ja, meine Eltern sind aus der Umgebung von Sankt Petersburg. Ich bin aber hier geboren und in Seeham aufgewachsen.«
»Bitte nehmen Sie Platz, Nina. Ich darf doch Nina sagen?«
»Natürlich.«
Auch das Büro war sehr ansprechend. Die Raumfarbe war in einem dezenten Grünton gehalten und wirkte entspannend. Die Möbel waren ähnlich wie im Eingangsbereich transparent und doch elegant. Vor dem Schreibtisch standen zwei Sessel, ein grüner und ein rotfarbener. Nina wählte den Grünen. Sie war überrascht, wie bequem der Sessel war. Die Anspannung und die Bedenken, die sie beim Zusammentreffen mit Rupert Wagner hatte, waren wie weggeblasen. Ihr Gegenüber war freundlich und aufgeschlossen. Langsam blätterte er in Ihren Unterlagen.
»Wie sind Sie auf mich aufmerksam geworden, Nina?«, fragte Rupert Wagner freundlich und blickte kurz von den Papieren auf.
»Durch Ihre Annonce im Gemeindeblatt.«
»Sie wohnen also hier in Seeham?«
»Im Moment nicht. Ich habe ein Zimmer in Salzburg, im Hotel Stein, in dem ich zurzeit noch arbeite. Ich möchte aber hierher übersiedeln. Meine Eltern haben ein Haus mit Einliegerwohnung in der Nähe Ihrer Praxis. In zwei Wochen kann ich die Wohnung übernehmen, da der derzeitige Mieter nach Wien zieht.«
Rupert Wagner blätterte noch einmal kurz im Lebenslauf, überflog die Zeugnisse und nickte, ehe er die Unterlagen zur Seite legte. Er sah Nina direkt in die blitzblauen Augen und lächelte freundlich.
»Nina, wie Sie aus der Annonce wissen, suche ich jemanden für den Empfang. Die Praxis wird in einer Woche eröffnet. An drei Tagen der Woche werde ich hier Patienten behandeln und an den anderen zwei Tagen arbeite ich an der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg. Ich brauche jemanden, der meine Termine koordiniert, Sprechstunden organisiert, aber auch diverse administrative und verwaltende Aufgaben übernimmt. Wie ich Ihren Unterlagen entnehmen kann, sind Sie ausgebildete Bürokauffrau und haben als Rezeptionistin erste Erfahrungen gesammelt.«
»Das ist richtig«, stimmte ihm Nina zu.
»Warum haben Sie sich ausgerechnet hier bei mir beworben?«
»Die Stellenausschreibung hat mich angesprochen, nicht nur weil sie in Seeham ist, sondern auch weil Sie jemanden suchen, der gute EDV-Kenntnisse und Freude am Umgang mit Menschen mitbringt. Außerdem bin ich flexibel und ein Organisationstalent.« Nina sah ihrem Gegenüber aufrichtig in die Augen. Erst jetzt bemerkte sie, dass Rupert Wagner sie musterte und jedem ihrer Worte genau lauschte.
»Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein, Doktor Wagner.« Nina machte eine kurze Pause. »Meine Probezeit im Hotel Stein läuft in den nächsten Tagen aus. Das Arbeitsklima dort ist wirklich wunderbar und wenn es die Nachtschichten nicht gäbe, würde ich, ohne mit der Wimper zu zucken, dort bleiben wollen. Ich kann mir aber einfach nicht vorstellen, die nächsten Jahre immer wieder in Nachtschichten zu arbeiten, das ist der wahre Grund, weshalb ich mich verändern möchte.«
Rupert nickte verständnisvoll. »Ja, das kann ich verstehen. Wie schon gesagt wären ihre Hauptaufgaben hier in erster Linie das Telefonmanagement und die Organisation meiner Sprechstunden. Würde Sie das nicht unterfordern?«
»Nein, sicherlich nicht. Ich hatte eher Angst, dass sie jemanden suchen, der vielleicht medizinische Kenntnisse vorweist, denn damit kann ich leider nicht dienen.«
»Nein, für diese Stelle ist das nicht notwendig. Was die Vergütung angeht. Haben Sie eine Gehaltsvorstellung?«
»Ich habe in der Annonce gelesen, dass Sie den Job mit dreiundzwanzigtausend Euro Jahresgehalt brutto dotiert haben. Das wäre für mich in Ordnung. Zumal sie auch geschrieben haben, dass es sich um eine Zweiunddreißig Stunden-Woche handelt, was mir sehr entgegenkommt.«
»Sehr gut. Haben Sie noch Fragen an mich?«
»Ja. An den Tagen, an denen Sie in Salzburg praktizieren, ist die Praxis da geschlossen?«
»Nein. Die Praxis wird an diesen Tagen vormittags geöffnet sein. Die Leute sollen das Gefühl haben, dass man präsent ist. So können sie vorbeikommen und sich Termine ausmachen.«
»Wissen Sie schon, an welchen Tagen Sie in Salzburg arbeiten?«
»Ja, natürlich. Es werden der Montag und der Freitag sein.«
»Verstehe. Also montags und freitags wäre ich dann bis Mittag allein hier in der Praxis.«
»So ist es.«
»Wie viele Mitarbeiter stellen Sie eigentlich ein?«
»Außer Timba, meiner Wenigkeit und der ausgeschriebenen Stelle wird es für den Moment keine weiteren Mitarbeiter geben.« Rupert streichelte dem Labrador, der, als er seinen Namen hörte, von seiner Decke aufgesprungen und gemütlich zu seinem Herrchen getrapst war, liebevoll über den Kopf.
»Ach, Timba ist immer anwesend?«
»Ja, Timba ist ein Therapiehund. Sie wird gezielt bei tiergestützten Psychotherapien, vor allem aber bei Therapien mit Kindern eingesetzt.«
»Was machen Sie mit ihr, wenn Sie im Krankenhaus arbeiten?« Misstrauisch beäugte Nina den Hund, der nun auf sie zukam, sich vor sie setzte und sie anstarrte.
Rupert Wagner wäre ein schlechter Psychologe, wenn er nicht gemerkt hätte, dass sein Gegenüber verängstigt auf den Hund reagierte.
»Haben Sie ein Problem mit Hunden, Nina?«, fragte er sie ruhig und sah sie forschend an.
»Nein! Ja, nein, naja, eigentlich nicht«, stammelte Nina unsicher. »Nur vor so großen Hunden habe ich gehörigen Respekt. Die sehen immer so …« Timba stupste sie leicht am Bein an. Nina Sokolowa zuckte unmittelbar zusammen und erstarrte.
»Timba, Platz!«, kam der sofortige strenge Befehl. Timba sah ihr Herrchen treuherzig an und trottete gemütlich zu ihrer Decke neben dem Schreibtisch.
»Können Sie sich überhaupt vorstellen, trotz des Hundes hier zu arbeiten?«
»Ja«, kam sofort die sehr bestimmte Antwort von Nina.
»Natürlich kann ich mir das vorstellen. Man muss sich seinen Ängsten ja auch irgendwann stellen, und solange Timba bei Ihnen im Büro ist und sich von mir fernhält werde ich kein Problem mit ihr haben.«
Rupert Wagner musste lächeln. »Gut, Nina, ich habe heute noch zwei weitere Vorstellungsgespräche und werde mich danach entscheiden, wer am ehesten zu mir, Timba und meiner Praxis passt. Ich werde Sie morgen anrufen und Ihnen Bescheid sagen, wie ich mich entschieden habe. Und, um Ihre Frage von vorhin noch zu beantworten, ehe Timba uns unterbrochen hat. Sie ist immer an meiner Seite und wird Sie nicht belästigen. Ach ja, noch etwas. Die Einarbeitung in mein Patienten-System findet durch mich statt. Sollte ich mich für Sie entscheiden, erkläre ich Ihnen ein, zwei Tage vor der Eröffnung alles ganz genau.« Rupert war aufgestanden und Nina tat es ihm gleich.
»Ich bedanke mich für das nette Gespräch, Herr Doktor Wagner, und würde mich freuen, wenn Ihre Wahl auf mich fallen würde.« Nina reichte ihm die Hand, um sich zu verabschieden.
»Ich bringe Sie noch zur Tür, und bitte nennen Sie mich Rupert.« Rupert Wagner schloss die Tür hinter Nina. Die junge Frau war ihm sympathisch. Die beiden anderen Kandidatinnen, die sich noch auf die ausgeschriebene Stelle beworben hatten, würde er zwar kurz pro forma interviewen, aber im Grunde hatte er sich bereits für die charismatische Nina Sokolowa entschieden.
»Rupert! Rupert?! Bist du hier?« Gerade als Rupert Wagner antworten wollte, wurde die Tür zu seinem Büro schon aufgerissen und seine Verlobte Mercedes dos Santos stand aufgewühlt mit hochrotem Gesicht mitten im Raum.
»Entschuldigen Sie, Frau Werner, ich bin gleich wieder bei Ihnen.« Rupert hatte sich erhoben, und schob seine Verlobte zur Tür hinaus. Vorsorglich schloss er diese hinter sich.
»Sag mal, geht’s noch, Mercedes? Ich bin mitten in einem Vorstellungsgespräch. Du kannst doch nicht einfach so und ohne Vorwarnung in mein Büro stürmen. Kannst du nicht klopfen? Was ist denn los? Was machst du überhaupt hier um diese Zeit, solltest du nicht im Restaurant sein?«
»Querido! Ich wusste ja nicht, dass jemand bei dir ist.« Die temperamentvolle Portugiesin war kaum zu bremsen.
»Stell dir vor, am Abend kommt einer der renommiertesten Gastrokritiker Österreichs extra aus Wien und will meine Tapasbar bewerten. Mein Restaurant! Kannst du dir das vorstellen?« Mercedes war außer sich vor Freude und umarmte ihren Verlobten stürmisch.
»Was? Wirklich?«
»Ja!« Mercedes löste ihre Umarmung und sprang im Zimmer auf und ab. »Stell dir mal vor. Das ist mein Durchbruch«, quietschte sie vergnügt.
»Gratuliere, aber ich dachte solche Bewertungen seien anonym?«
»Ja, normalerweise schon.« Mercedes lachte herzlich und ihre dunkelbraunen Augen blitzten spitzbübisch.
»Stell dir vor, ich habe den Tipp von Amalia bekommen. Die arbeitet seit einer Woche beim Tagblatt und denen wurde eine Liste zugespielt, auf der auch mein Restaurant mit Datum der Testung aufscheint. Rupert! Mein Restaurant, meine kleine Tapasbar. Das ist die Chance meines Lebens, endlich meinen ersten Stern zu kassieren und bekannt zu werden! Ich bin ja so aufgeregt.«
»Gratuliere, mein Schatz, aber können wir später darüber sprechen? Ich muss jetzt wieder zu meinem Gespräch.«
»Später habe ich keine Zeit, ich muss alles vorbereiten und noch hundert Anweisungen geben. Querido, wir müssen das aber unbedingt heute Abend, wenn alles gelaufen ist, feiern. Kommst du nach Salzburg?«
»Eigentlich hatte ich das nicht vor, ich habe ja hier vor der Eröffnung noch alle Hände voll zu tun …«
Mercedes unterbrach ihren Verlobten.
»Querido!!« Mercedes sprach die Liebkosung diesmal nicht liebevoll, sondern bestimmend aus. »Diese Bewertung kann mir Türen in die Sternegastronomie öffnen. Verstehst du? Das muss gebührend gefeiert werden. Keine Widerrede. Du musst einfach kommen. Versprich es!«, bettelte Mercedes und blinzelte Rupert mit ihren strahlenden Augen kokett an.
»Wer kann dir schon etwas abschlagen?, grinste Rupert. »Natürlich werden wir das gemeinsam feiern. Soll ich dich in der Tapasbar abholen, wenn du fertig bist, oder in der Wohnung auf dich warten?«
»Du kannst zu Hause auf mich warten, außer du möchtest in der Tapasbar zu Abend essen?«
»Eigentlich nicht. Sei mir nicht böse, Mercedes, aber ich habe hier auch noch allerhand zu erledigen. Ich werde erst ziemlich spät kommen können. Sorry, Schatz, aber ich muss jetzt wirklich zurück in mein Büro.«
»Danke, Querido!« Mercedes küsste ihren Verlobten zum Abschied und wirbelte aus dem Zimmer.
Rupert freute sich für seine Verlobte. Sie arbeitete hart an ihren Tapas-Kreationen und auch am Marketing ihres Restaurants, das sie vor einem Jahr in Salzburg eröffnet hatte. Die Tapasbar seiner Verlobten war ein Insider-Geheimtipp und das Essen dort mehr als köstlich. Er wünschte ihr eine gute Kritik, konnte ihre Euphorie aber nicht so wirklich verstehen, auch wenn Mercedes ihm schon mehrfach erklärt hatte, dass Spitzenköche eigentlich Künstler waren und nach Anerkennung lechzten.
Als Rupert Wagner sein Büro betrat, bot sich ihm ein etwas befremdliches Bild. Sabine Werner war gerade dabei seinen Schreibtisch nach Unterlagen zu durchforsten. Ertappt ließ sie eine Mappe auf den Tisch fallen.
»Was bitte machen Sie da?«
»Entschuldigen Sie, Herr Doktor, ich wollte nur, ich meine, ich habe nur …«, stammelte sie verlegen und lief rot an.
»Was genau haben Sie denn gesucht? Vielleicht kann ich Ihnen bei Ihrer Suche ja behilflich sein?«
»Nein, entschuldigen Sie bitte.« Sabine Werner nahm ihre Tasche und verließ, ohne sich zu verabschieden, fluchtartig den Raum.
Rupert konnte das nur recht sein. Er würde so oder so keine Mitarbeiterin einstellen, die bereits beim Vorstellungsgespräch in seinen Akten schnüffelte. Ungeheuerlich, wie sich manche Menschen verhielten. Gedankenverloren nahm er die Mappe, die Sabine Werner auf seinen Tisch fallen hat lassen. Es war die Bewerbung der nächsten Kandidatin. Elisabeth Sauer. Rupert Wagner wartete eine gute Stunde auf seinen nächsten Termin. Als Frau Sauer nicht auftauchte, rief er sie kurzerhand an, um zu erfahren, ob sie sich vielleicht in der Zeit vertan hätte. Was die Frau ihm am Telefon erzählte, machte ihn unglaublich wütend.
»Das ist nicht Ihr Ernst, Frau Sauer?«
»Doch, vor etwas mehr als einer Stunde hat mich Ihre Sekretärin, eine Frau Werner, angerufen und mir mitgeteilt, dass der Job schon vergeben sei. Wissen Sie, Herr Doktor, wenn etwas schon so beginnt, dann stimmt doch etwas nicht.« Die Stimme der Frau bebte.
»Es tut mir leid, Frau Sauer. Ich habe keine Sekretärin«, entschuldigte sich der Psychologe. »Frau Werner war eine Anwärterin auf den ausgeschriebenen Posten. Als ich kurz draußen war, muss sie Ihre Unterlagen auf meinem Schreibtisch gefunden haben.«
»Das ist mir jetzt gerade egal. Wissen Sie, ich habe kein Interesse mehr mich bei Ihnen zu bewerben. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Herr Doktor. Auf Wiederhören.« Noch ehe Rupert Wagner etwas erwidern konnte, hatte Elisabeth Sauer aufgelegt.
»Hm, die ist wohl richtig sauer. Nomen est omen, wie der Lateiner sagen würde«, murmelte Rupert. So musste er wenigstens keine Entscheidung treffen. Seine erste Wahl war so oder so die adrette Nina Sokolowa, er würde sie morgen benachrichtigen.
»Nina! Endlich erreiche ich dich. Konntest du das Päckchen an der vereinbarten Stelle deponieren?«
»Ja, sicher, wie ausgemacht«, japste Nina ins Telefon. »Ich muss schon sagen, du hast sehr eigenartige Kunden mit bizarren Wünschen.«
»Der Kunde ist nun mal König. Danke, Ninotschka, du hast mir echt aus der Patsche geholfen.«
»Schon gut«, keuchte Nina am anderen Ende.
»Du bist ja total außer Atem. Störe ich dich etwa?«
Nina war der spöttische Unterton in der Stimme ihrer Schwester nicht entgangen. »Wenn du es genau wissen willst, Raissa, ich jogge am Salzachkai und muss mich beeilen. Meine Schicht beginnt in einer Stunde und ich sollte mich vorher noch duschen. Willst du sonst noch etwas von mir?«
»Wie ist dein Vorstellungsgespräch gelaufen?«
»Geht so, warum?«
»Ach, nur so. Wir sprechen später. Ich habe einen Kunden hier. Bis dann.« Raissa hatte aufgelegt, und ließ Nina wie so oft sprachlos zurück.
Raissa Sergejewna Sokolowa hatte das kleine Geschäft ihrer Eltern in der Innenstadt übernommen. Nina hatte nie Interesse an dem muffigen Souvenirladen mit Werkstatt gezeigt. Raissa hingegen liebte ihn. Der kleine unscheinbare Laden war mittlerweile ein stadtbekanntes Schmuckatelier, in dem sich Künstler, Designer und gut betuchte Touristen die Klinke in die Hand gaben. Nina musste zugeben, dass Raissa ein Naturtalent war, auch wenn sie sich oft fragte, wie sie es in so kurzer Zeit geschafft hatte, den Laden zu renovieren, eine Stammkundschaft aufzubauen und so erfolgreich zu werden. Das Ninotschka und auch das ach, nur so klang noch immer in ihrem Ohr. Wenn ihre Schwester sie so nannte, dann wollte sie immer etwas von ihr. Das hatte sich seit ihrer Kindheit nicht geändert. Immer wieder spannte Ninas ältere Schwester sie für irgendwelche Dienste ein, die sie eigentlich nicht machen wollte. Nina war gespannt, was es diesmal wieder sein würde. In Gedanken versunken lief sie weiter den Kai entlang und stolperte fast über einen Rucksack, der mitten am Weg lag.
»Müssen Sie Ihren Rucksack auf dem Weg hier ausbreiten?«, fauchte sie einen jungen gutaussehenden Mann an, der frenetisch etwas suchte.
Er sah Nina überrascht an. »Was regen Sie sich auf? Sie sind doch nicht blind. Sie haben doch gesehen, dass ich etwas suche.«
Nina schüttelte den Kopf. »Da drüben ist eine Bank, da können Sie Ihren Rucksack durchwühlen wie sie lustig sind, ohne andere Menschen auf ihrem Weg zu behindern«, rief sie ihm noch über die Schulter zu und lief flugs weiter.
Der junge Mann, der seine Regenjacke auspackte, sah ihr ungläubig nach. Er hatte zwar schon gehört, dass die Salzburger ein eher übellauniges Völkchen waren, konnte es aber trotzdem nicht fassen, dass so eine hübsche Frau so sauertöpfisch sein konnte. Er war erst seit einer guten halben Stunde in der Stadt und machte schon die erste Begegnung mit der berühmten Salzburger Mentalität. Er schmunzelte. Es schien doch etwas dran zu sein an der Aussage, dass die Salzburger ihre Laune dem Wetter anpassten. Es begann gerade leise zu tröpfeln.
»Mauro! Mauroooo! Wo zum Teufel steckst du, wenn man dich braucht?«
Mercedes dos Santos’ Stimme schallte durch das ganze Lokal. Gut, dass noch geschlossen war und so niemand mitbekam, wie sie mit ihren Angestellten umsprang.
»Me deixa em paz! Lass mich in Ruhe!«, knurrte Mauro Lima, der gerade mit einem vollen Tablett Gläser aus der Küche kam und den ruppigen Ton seiner Ex-Freundin schon gewohnt war. »Was willst du? Du siehst doch, dass ich alle Hände voll zu tun habe, um die Tische für den Abend vorzubereiten.«
»Hier bist du also! Warum sind die Tische noch nicht fertig eingedeckt? Du weißt doch genau, was heute Abend hier los sein wird und was für uns auf dem Spiel steht!« Mercedes hob ein Messer mit Wasserflecken hoch und warf es wütend zu Boden. »Wie oft muss ich dir sagen, dass das Besteck nachpoliert werden muss?!«, brüllte sie lauthals. »Besonders heute muss alles perfekt sein. Heute kommt ein Restaurantkritiker. Warum versteht keiner, worum es hier geht? Wo ist Pablo? Warum hilft er dir nicht?«
»Der hat fristlos gekündigt. Nach dem, was du ihm gestern an den Kopf geknallt hast, ist das auch kein Wunder. Wahrscheinlich hat er den Druck hier nicht mehr ausgehalten«, brüllte Mauro Lima seine Chefin an.
»Der kann sich doch nicht einfach so aus dem Staub machen und kündigen! Hol ihn sofort hierher. Ich will, dass er sofort hier antanzt, sonst lernt er mich mal richtig kennen. Wenn ich mit ihm fertig bin, wird er in dieser Stadt keinen Job mehr finden, dieser kleine Faulpelz. Sieh zu, dass er hier antanzt! Haben wir uns verstanden?!«
Mauro schüttelte den Kopf. Was war nur aus der höflichen, netten und entspannten Mercedes geworden, mit der das Arbeiten die reinste Freude war? »Hörst du dir eigentlich zu, Mercedes? Denkst du denn wirklich, dass du so mit deinen Bediensteten umspringen kannst? Wenn du so weitermachst, wirst du bald allein in deiner Tapasbar stehen. Pablo hat fristlos gekündigt. Was hast du daran nicht verstanden!? Er wird nicht mehr hier herkommen und wenn du mich fragst, zu Recht!«
»Und!? Was willst du mir damit sagen? Dass ich unausstehlich bin? Dass man mit mir nicht arbeiten kann, oder was? Was? Sag es doch einfach!«, kreischte Mercedes. Herausfordernd sah sie zu Mauro hoch.
»Ja, Mercedes! Seit du dieses Lokal hier übernommen hast bist du zu einem Monster mutiert. Übrigens, den heutigen Abend mach ich noch, um der guten alten Zeiten willen, aber ab morgen kannst du die Drecksarbeit hier allein machen. Mich wirst du nicht mehr herumscheuchen wie einen Lakaien, das sag ich dir. Meine fünfundzwanzig Prozent kannst du mir in den nächsten Wochen auszahlen.« Mauro war einige Schritte auf seine Chefin zugegangen, packte sie an den Schultern und schüttelte sie. »Verdammt, Mercedes, komm endlich zur Besinnung! Bald wirst du allein dastehen.«
Mercedes dos Santos schob wütend die Arme ihres Mitarbeiters beiseite und würdigte ihn keines Blickes, als sie zornig an ihm vorbei in die Küche flüchtete. »Dann verschwinde doch! Ihr könnt von mir aus alle verschwinden«, hörte man sie durch die geschlossene Tür brüllen. Niemand konnte verstehen wie wichtig ihr diese Tapasbar war, niemand! Sie hatte es satt mit Dilettanten zu arbeiten. »Fahrt doch alle zur Hölle!« Den heutigen Abend würde sie perfekt meistern, da war sie sich sicher, und wenn sie alles allein machen musste.
Dem Küchenjungen, der den Müll in den Hinterhof gebracht hatte, war der Streit nicht entgangen. Schüchtern steckte er den Kopf in die Küche. Mercedes, die ihn aus den Augenwinkeln erspähte, fauchte ihn sofort an.
»Auf was wartest du, Peter? Der Salat wäscht sich nicht von allein!«
Der Junge machte sich sofort, ohne ein Wort zu verlieren, an die Arbeit. Das Erste, was er hier in diesem Lokal gelernt hatte, war, den Mund zu halten und zu tun was ihm gesagt wurde.
Der Abend verlief zur vollsten Zufriedenheit aller Gäste. Auch Mercedes war glücklich mit ihren neuen Kreationen, die besonders gut ankamen. Nachdem Sie sich von den Gästen feiern ließ, ging sie zurück in ihre Küche, wo sie Peter fand, der dabei war, die Küche zu putzen.
»Danke, Peter, du kannst nach Hause gehen. Ich brauche dich heute nicht mehr.«
»Aber …«
»Verschwinde, wenn ich es dir sage. Sei froh, dass ich dich früher gehen lasse. Hau schon ab!« Mercedes wollte ihre Küche für sich haben. Der Abend war gut gelaufen. Sehr gut sogar. Von allen Seiten hatte es Lob gehagelt, auch vom Kritiker, der sie persönlich beglückwünschte. Mercedes war im siebten Himmel. Die Tür zur Küche öffnete sich und Mauro balancierte jede Menge Teller und Schalen, die er in die Nähe der Spüle stellte.
»Wo ist Peter?« Mercedes, die so in Gedanken war, dass sie Mauro nicht gesehen hatte, erschrak.
»Peter?«
»Ja, Peter, unser Küchenjunge, der das restliche Geschirr hier noch spülen soll.«
»Den habe ich nach Hause geschickt.«
»Aber, wir können doch kein solches Tohuwabohu in der Küche hinterlassen«, Mauro war entsetzt. »Wer soll das denn jetzt aufräumen? Ich muss die Abrechnung machen.«
»Ich mach das schon. Sobald die letzten Gäste weg sind, kannst du gehen. Ich will dich heute nicht mehr sehen«, sagte sie mit bestimmter Stimme und einem Blick, der keinen Widerspruch duldete. »Eigentlich will ich dich überhaupt nicht mehr in meinem Lokal sehen. Du bist entlassen. Die Papiere schick ich dir per Post. Ich hoffe, du lässt dich hier nie wieder blicken.«
»Aber. Was soll das?«
Mercedes hatte sich bereits umgedreht und füllte den Geschirrspüler.
»Keine Antwort ist auch eine Antwort. Übrigens, es sind keine Gäste mehr da.«
Mercedes nickte abwesend und machte sich daran, die Küche blitzblank zu wischen. Mauro beobachtete das Treiben seiner Chefin kurz, und entledigte sich dann seiner Schürze, die er in einen Wäschekorb neben der Speisekammer warf. Zornig verließ er die Tapasbar, ohne ein weiteres Wort und ohne sich von Mercedes zu verabschieden.
»Neuner«, brummte Quentin grummelig ins Telefon.
»Quentin, ich hoffe du bist noch nicht im Pyjama«, tönte Charlie Renners fröhliche Stimme aus dem Hörer.
»Charlie, du weißt, dass es fast Mitternacht ist, oder? Natürlich bin ich schon im Pyjama. Ich war gerade auf dem Weg ins Bett.«
»Tut mir leid, dass ich stören muss. Dein Bett wird heute noch ein Weilchen auf dich warten müssen. Wir haben einen Leichenfund.«
»Nicht dein Ernst!« Quentin war von seinem gemütlichen Sofa aufgesprungen.
»Doch, leider. Es ist eine junge Frau.«
»Wo muss ich hin?«
»Kennst du das Dos Santos?«
»Ja, sicher! Die kleine Tapasbar am Kai. Da habe ich für Samstag einen Tisch bestellt.«
»Nun, da wird wohl nichts draus. Die Tote ist Mercedes dos Santos, die Besitzerin.«
»Ok, ich bin in einer viertel Stunde bei dir. Hast du schon alle verständigt?«
»Ich bin dabei. Du warst wie immer meine erste Wahl«, scherzte Charlie Renner.
»Danke. Bis gleich, Charlie.« Quentin hatte aufgelegt. Die Müdigkeit, die er noch vor wenigen Minuten in allen Knochen gespürt hatte, war wie weggeblasen. Er ließ sich einen doppelten Espresso aus der Kaffeemaschine, trank ihn während er sich umzog und stürmte aus seiner Wohnung direkt in die Tiefgarage. Die Straßen waren um diese Uhrzeit wie leergefegt. Er brauchte nicht lange, um an den Tatort zu gelangen. Vor der Tapasbar waren einige Einsatzfahrzeuge. Als Quentin sein Auto hinter einem Streifenwagen parkte, sah er aus dem Augenwinkel, wie eine Polizistin einige Nachtschwärmer, die sich angesammelt hatten, hinter die Absperrung verbannte. Sie salutierte dienstbeflissen, als sie ihn sah. Quentin nickte ihr freundlich zu und betrat das Restaurant.
»Immer das Gleiche. Es gibt wohl keinen Tatort der Welt, wo sich keine Gaffer versammeln«, murmelte er. Im Gastraum wurden bereits erste Spuren gesichert.
»Hallo Quentin!« Frederick Mann, der Leiter der Spurensicherung, kam auf ihn zu.
»Die Tote liegt im Hinterhof bei den Mülltonnen. Sieht nicht gut aus. Aber mach dir selbst ein Bild.«
»Wie komm ich in den Hinterhof?«
»Durch die Küche.« Frederick Mann deutete auf eine Glastür hinter dem Tresen.
»Danke, Frederick.«
Quentin Neuner begab sich in Richtung Küche. Der Gastraum und der Tresen schienen aufgeräumt. Die Tür, auf der in bunten Lettern cozinha stand, öffnete sich automatisch als er sich ihr näherte. Auch die Küche war zu Quentins Überraschung blitzsauber. Aus der Ferne konnte er Stimmen wahrnehmen, die von draußen zu ihm drangen. Er folgte ihrem Klang und stand kurz darauf im Hinterhof der Tapasbar.
»Quentin, gut, dass du schon da bist.« Charlie Renner, seine Assistentin, war erfreut und erleichtert ihn zu sehen.
»Was wissen wir?«
»Bei der Toten handelt es sich um Mercedes dos Santos, die Eigentümerin der Tapasbar. Wie es aussieht wurde sie mit dieser gusseisernen Bratpfanne von hinten erschlagen. Sie lag direkt neben ihr.« Charlie zeigte auf eine Pfanne, die eben von einem Kollegen der Spurensicherung untersucht wurde. »Ich habe Anweisung gegeben, die Tote nicht zu bewegen, bis ein Gerichtsmediziner vor Ort ist.«
»Gut gemacht, Charlie«, lobte Quentin seine Assistentin, die wie immer alles im Griff hatte. Er ging um die kleine zierliche Frau, die seitlich auf dem Bauch mit dem Gesicht nach unten auf dem Steinboden lag, herum. Sie trug einen cremefarbenen Hosenanzug und bunt glitzernde Turnschuhe. Ihre dunklen Haare waren zu einem strengen Pferdeschwanz hochgebunden. Seitlich am Hinterkopf klaffte eine Wunde. Der sichtbare Teil des Gesichts war eigenartig verfärbt. Quentin bückte sich, um die Verfärbung genauer zu betrachten. Was er sah glich einer Brandwunde und aus dem Ohr trat eine durchsichtige Flüssigkeit.
»Ist noch niemand von der Gerichtsmedizin hier?«, rief er Charlie Renner zu. In dem Moment, als er die Frage stellte, und noch ehe Charlie etwas erwidern konnte, tauchte Doktor Richter direkt hinter ihm auf.
»Doch, natürlich. Hier bin ich.«
Quentin zuckte unmerklich zusammen und erhob sich. Er begrüßte den Gerichtsmediziner und machte ihn darauf aufmerksam, dass die Tatwaffe vermutlich eine Pfanne war.
»Ich sehe mir das sofort an.« Doktor Richter kniete sich neben die Leiche und begann mit seiner Arbeit.
Quentin sah dem Mann, der den Hinterkopf des Opfers untersuchte, über die Schultern. Die Wunde war nicht groß. Als der Mediziner die Haare genauer untersuchte, konnte man Knochensplitter und eine Flüssigkeit, die definitiv kein Blut war, erkennen.
»Was ist das?«, fragte Quentin neugierig.
»Das ist vermutlich Liquor cerebrospinalis. Aber um Ihnen das ganz genau sagen zu können, muss ich bei der Obduktion das BTRP bestimmen.«
»Geht das auch auf Deutsch?«, fragte Quentin etwas gereizt.
»Liquor cerebrospinalis ist Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit, oder für Sie Gehirnwasser«, der Gerichtsmediziner grinste Quentin frech an, ehe er weiter ausholte. »Aber für die genaue Bestimmung muss ich Proteintests machen. Eines kann ich aber auf jeden Fall jetzt schon mit Sicherheit sagen, die Pfanne kann nicht die Tatwaffe gewesen sein. Ich tippe eher auf einen Hammer oder ähnliches.«
»Ein Hammer? Wie kommen Sie darauf?«
»Nun, wenn Sie genau hinsehen, sehen Sie, dass es sich bei der Wunde um eine Impressionsfraktur handelt, die nur ungefähr vier mal vier Zentimeter groß ist. Eine Bratpfanne kann keine Wunde dieser Art verursachen. Aber mehr dann nach der Obduktion. Ich möchte nicht spekulieren. Zumal ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob der Schlag überhaupt todesursächlich war.« Der Gerichtsmediziner drehte die Frau vorsichtig auf den Rücken.
»Sehen Sie, Inspektor. Die Frau hat massive Verbrennungen. Sowohl im Brustbereich als auch im Gesicht. Es kann gut sein, dass der Schlag auf den Hinterkopf eine Ablenkung ist. Aber wie gesagt, Genaueres, nachdem ich sie auf dem Tisch hatte. Ich werde das Opfer, wenn Sie nichts dagegen haben, jetzt in die Gerichtsmedizin schaffen lassen.«
»Sie meinen, die Frau könnte bereits tot gewesen sein, ehe sie den Schlag auf den Hinterkopf bekommen hat?«
»Möglich wäre es. Vielleicht war sie aber auch nur bewusstlos. Ich muss sie wirklich erst genauer untersuchen. Meinen Bericht bekommen Sie spätestens morgen Nachmittag. Sie erlauben?« Bernhard Richter hatte die Handschuhe ausgezogen und seine Tasche genommen, um sich auf den Weg zu machen.
»Moment.« Quentin hielt ihn am Arm zurück. »Wie sieht es mit dem Todeszeitpunkt aus?«
»Der Körpertemperatur nach ist die Frau noch nicht lange tot. Maximal zwei Stunden. Aber wie schon gesagt, ich spekuliere nicht gerne. Alles Weitere entnehmen Sie dann meinem Bericht.«
Quentin fand diesen jungen Mediziner hochgradig unsympathisch. Er konnte es kaum erwarten, Katarina von Weid morgen am Abend vom Bahnhof abzuholen. Vielleicht konnte sie die Obduktion übernehmen, oder zumindest die Tote noch einmal untersuchen. Quentin nickte Bernhard Richter kurz zu und wandte sich, eine Grimasse schneidend, zu seiner Assistentin.
»Charlie, sag bitte Fredericks Leuten, dass sie auch nach einem Hammer oder einem ähnlichen Gegenstand suchen sollen. Die Bratpfanne ist nicht unsere Tatwaffe.«
»Nicht?«
»Nein, dieser Lackl von Gerichtsmediziner hat mir das eben unter die Nase gerieben.«
Charlie, die bemerkt hatte, dass sich Quentin Neuners Laune nach dem Gespräch mit dem Gerichtsmediziner merklich verschlechtert hatte, musste grinsen. »Gut, dann sag ich dem Team Bescheid.«
»Warte! Wer hat die Frau eigentlich gefunden?«
»Ihr Verlobter. Ein Doktor Rupert Wagner.«
»Wo ist der jetzt?«
»Er sitzt draußen in der Rettung. Der Notarzt hat ihm eine Beruhigungsspritze verpasst. Er war noch nicht vernehmungsfähig als ich ankam.«
»Kann ich mir vorstellen. Lass uns mal zu ihm gehen, vielleicht ist er ja mittlerweile in der Lage uns nähere Informationen über das Opfer zu geben.«
»Ich geb nur kurz die Information an Frederick Mann weiter und komme sofort nach.«
Wie betäubt stieg Rupert Wagner aus dem Rettungsauto, als Quentin Neuner auf ihn zukam.
»Herr Doktor Wagner?«
»Ja?« Fragend und gleichzeitig wie in Trance sah er den Ermittler an.
»Inspektor Neuner, Mordkommission. Sie haben die Tote gefunden, ist das richtig?«
Rupert nickte nur und starrte Quentin Neuner mit ausdruckslosen Augen an, ohne ihn tatsächlich wahrzunehmen.
»Sind Sie im Stande einige Fragen zu beantworten?«
Rupert, der immer noch eine Decke umgehängt hatte und von einem Sanitäter gestützt werden musste, nickte. »Ich denke schon.« Rupert richtete sich etwas auf und sah den Sanitäter dankend an.
»Kommen Sie, gehen wir ins Restaurant, dort können Sie sich hinsetzen. Drinnen haben wir mehr Ruhe, um uns zu unterhalten.«
Charlie Renner die schnellen Schrittes auf die Männer zugekommen war, und merkte, dass Rupert Wagner immer noch wackelig auf den Beinen war, nahm ihn am Arm und stützte ihn. Rupert blickte sie dankbar an.
»Wer macht denn so etwas?«, murmelte er.
»Das wissen wir noch nicht, Herr Doktor Wagner, aber seien Sie versichert, wir werden alles tun, um den Täter zu finden.« Charlie sprach beruhigend auf den Mann ein.
»Setzen Sie sich, ich hole Ihnen ein Glas Wasser.«
Quentin, der sich ebenfalls gesetzt hatte, begann Rupert Wagner behutsam zu befragen.
»Herr Doktor Wagner, wann haben Sie Ihre Verlobte gefunden?«
Rupert sah den Inspektor an. Sein Blick schien ins Leere zu gehen. Leise, kaum hörbar, begann er zu erzählen.
»Mercedes und ich wollten in drei Monaten heiraten, verstehen Sie? Sie war meine große Liebe. Wir sind seit zwei Jahren offiziell verlobt. Ich musste damals in Portugal im Haus des Pfarrers mit dem Pfarrer, einem Notar und den Eltern von Mercedes über die Aussteuer verhandeln. Das war gar nicht so einfach. Als sie mich endlich als zukünftigen Schiegersohn akzeptierten, wurden gezuckerte Früchte aller Art, verschiedenes Backwerk und frisches Quellwasser kredenzt und verzehrt, um die Verlobung offiziell zu besiegeln. Das ist eine portugiesische Tradition.« Rupert, der kurz in einer anderen Welt war, blickte von einem Ermittler zum anderen. »Warum wurde sie ermordet? Wer macht so etwas? Sie war doch noch so jung und stand kurz vor ihrem Durchbruch. Alle mochten sie. Ich verstehe das nicht«, murmelte Rupert wie in Trance.
»Doktor Wagner, was ist passiert? Wann haben Sie Ihre Verlobte gefunden?«
»Als Mercedes nicht nach Hause kam, und auch telefonisch weder hier, in der Tapasbar, noch am Handy erreichbar war, habe ich mich auf den Weg hierher gemacht. Als ich schon aufgeben wollte, habe ich sie im Hinterhof gefunden.« Tränen liefen über sein Gesicht. »Wer macht denn so etwas?« Wieder sah Rupert die beiden Ermittler fragend an, nahm einen großen Schluck Wasser aus dem Glas, das Charlie vor ihm auf den Tisch gestellt hatte, und schüttelte den Kopf. »Unfassbar. Mercedes war so lebensfroh und hatte doch ihr gesamtes Leben noch vor sich.«
»Doktor Wagner…«
Rupert unterbrach den Inspektor. »Bitte tun Sie mir einen Gefallen Inspektor, nennen Sie mich Rupert.«
»Gut, wenn Sie das möchten. Also, Rupert, können Sie mir sagen, wann Sie hier angekommen sind?«
Traurig, mit Tränen in den Augen, schüttelte Rupert den Kopf. »Nicht genau, ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Nachdem ich Mercedes telefonisch nicht erreichen konnte, habe ich mir irgendwie Sorgen gemacht. Kurz nach dreiundzwanzig Uhr habe ich unsere Wohnung verlassen, um sie zu suchen. Man braucht zu Fuß ungefähr zehn Minuten. So zwischen viertel nach elf und halb zwölf müsste ich hier gewesen sein.«
»War das Restaurant noch geöffnet?«
»Nein. Hier im Gastbereich war bereits alles finster.«
»Wie sind Sie hier hereingekommen?«, fragte Quentin misstrauisch.
»Mit dem Ersatzschlüssel. Mercedes hat immer ihre Schlüssel irgendwo verlegt, manchmal sogar verloren, darum habe ich alle Schlüssel vom Restaurant und auch von ihrem Auto. Für den Fall der Fälle, verstehen Sie?«
Quentin verstand nur zu gut. Auch er verlegte immer wieder seine Schlüssel und hatte einen Ersatzschlüssel bei seinem besten Freund deponiert.
»Sie haben also mit Ihrem eigenen Schlüssel aufgesperrt. Was ist dann passiert?«
»Ich habe das Licht angeknipst und nach Mercedes gerufen. Sie müssen wissen, Mercedes war eher eine Künstlerin als eine Köchin. Manchmal hat sie in der Küche neue Tapas kreiert und alles um sich herum vergessen. Sogar mich.«
»Verstehe. Sie dachten also, dass das auch heute so wäre.«
»Genau. Ich dachte sie hätte vergessen, dass wir für heute verabredet waren und bin gleich in die Küche.«
»Was meinen Sie mit verabredet? Leben Sie nicht in einem Haushalt? Sie sagten doch sie seien seit zwei Jahren verlobt, oder?« Quentin war überrascht.
»Ja und nein. Wir haben eine gemeinsame Wohnung hier in der Stadt. Ich habe meinen Hauptwohnsitz jedoch seit einem halben Jahr in Seeham. Dort habe ich ein Haus und eröffne in Kürze meine eigene Praxis. In Salzburg arbeite ich nur an zwei Tagen der Woche im Klinikum.«
»Gut. Also, Sie waren mit Ihrer Verlobten heute verabredet und sind extra aus Seeham nach Salzburg gekommen. Richtig?«, hakte Charlie Renner nach.
»Genau. Sie wollte mit mir feiern. Ein renommierter Restaurantkritiker war für heute Abend hier in der Tapasbar angekündigt. Mercedes war der Meinung, dass das ihr Durchbruch sein könne und eine gute Kritik ihr den Weg in die Sterneküche öffnen würde. Das wollte sie unbedingt heute nach der Arbeit noch mit mir feiern. Sie war so aufgeregt und heute Morgen noch extra in Seeham, um mir davon persönlich zu erzählen.«
»Wie konnte sie das wissen? Kritiker kommen doch immer unangekündigt, oder etwa nicht?« Quentin war hellhörig geworden.
»Eigentlich schon. Aber Mercedes hatte über eine befreundete Journalistin davon Wind bekommen. Darum wusste sie es.«
»Verstehe«, murmelte der Inspektor. »Wann waren Sie verabredet?«
»Nach der Arbeit. Unter der Woche sperrt die Tapasbar um einundzwanzig Uhr dreißig zu. Nur freitags und samstags hat sie bis Mitternacht geöffnet. Normalerweise machen Mauro und Mercedes die Abrechnung und Pablo und Peter putzen die Küche. Spätestens gegen zehn, halb elf war das Team dann mit allem fertig. Mercedes verließ dann meist das Lokal, um nach Hause zu gehen, außer …« Ruperts Stimme versagte, er nahm einen großen Schluck Wasser und sah den Inspektor leidvoll an.
»… außer sie kreierte noch irgendwelche Tapas. Richtig?«, ergänzte dieser den Satz.
»Ja, so ist es«, murmelte Rupert Wagner mit Tränen in den Augen.
»Sie sind also in die Küche und auch dort haben Sie Mercedes dos Santos nicht vorgefunden. Richtig?«
Rupert nickte schwach. »Es war bis auf ein kleines Notlicht kein Licht in der Küche. Mercedes war wie vom Erdboden verschluckt. Alles war blitzsauber geputzt. Ich wollte schon wieder gehen, als sich durch einen Windstoß die Tür zum Hinterhof ganz leicht öffnete. Wahrscheinlich war sie nur angelehnt gewesen. Ich wollte sie schließen, als plötzlich der Bewegungsmelder anging …«, Rupert Wagner kam ins Stocken und atmete schwer. »Und da, und da …«, stotterte er. »Da habe ich sie dann entdeckt. Leblos am Boden, in der Nähe der Mülltonnen.« Die letzten Worte waren kaum hörbar, Rupert war immer leiser geworden und stille Tränen liefen ihm übers Gesicht.
Charlie Renner legte tröstend ihre Hand auf seinen Arm. Quentin nickte und fragte behutsam. »Was haben Sie dann gemacht? Haben Sie Ihre Verlobte angefasst?«
»Ja, ja, natürlich. Selbstverständlich.« Mit einer hastigen Handbewegung wischte Rupert sich die Tränen aus dem Gesicht, und versuchte verzweifelt bei der Sache zu bleiben.
»Als Psychologe bin ich medizinisch ausgebildet. Ich habe umgehend versucht ihren Puls zu fühlen. Instinktiv wusste ich, dass sie tot war, und es keinen Sinn machen würde sie wiederzubeleben. Also habe ich Mercedes genauso liegen lassen, wie ich sie gefunden habe und sofort die Polizei verständigt. Dann bin ich neben ihr zusammengebrochen. Eine Polizistin hat den Notarzt und die Rettung bestellt und den Rest der Geschichte kennen Sie ja.«
»Vielen Dank, Rupert. Sie haben uns sehr geholfen. Ein Streifenwagen wird Sie jetzt nach Hause bringen. Ich würde Sie bitten, morgen im Präsidium vorbeizukommen, um die Aussage noch einmal zu Protokoll zu geben.«
Rupert nickte abwesend, erhob sich schwerfällig und krallte sich an der Decke, die immer noch seine Schultern umspielte, fest. Eine Polizistin führte ihn auf Quentin Neuners Zeichen hinaus. Die Ermittler sahen ihm nach.
»Charlie, wo bleibt eigentlich Lukas? Wolltest du ihn nicht anrufen?«
»Habe ich. Nur leider war er nicht erreichbar. Er ist heute Abend beim Bürgermeister eingeladen.«
»Ja, stimmt. Das habe ich ganz vergessen.«
Charlie grinste. »Man munkelt, dass der Bürgermeister bei diesem inoffiziellen Abendessen den neuen Oberstaatsanwalt vorstellen will. Lukas hat wohl das Handy auf lautlos gestellt. Ich habe ihm selbstverständlich eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen.«
»Weiß man denn schon, wer neuer Oberststaatsanwalt wird?«
»Offiziell noch nicht. Laut Flurtratsch soll er aber aus Wien kommen und schon nächste Woche seinen Dienst hier bei uns antreten.«
»Oh je, ein Mundl! Das kann ja heiter werden.« Quentin verdrehte die Augen. »Eigentlich hätte Lukas nach seinem Einsatz beim letzten Fall den Job verdient.«
»Ja, er hat vollen Einsatz gezeigt und mir sogar das Leben gerettet.« Charlie wurde nachdenklich. »Verdient hätte er den Posten allemal, da gebe ich dir Recht.«
»Vermutlich ist er noch etwas zu jung. Außerdem hat es ja auch etwas Gutes. Ich bin froh, dass er uns erhalten bleibt«, lachte Quentin. »Wir sind doch ein unschlagbares Team, wir drei, oder Charlie?«
Auch Charlie musste grinste. »Ein besseres Team gibt es nicht. Ich bin schon gespannt, was er über das Dinner so erzählen wird.«
»Lukas wird uns morgen alles brühwarm erzählen. Da bin ich mir ganz sicher.« Quentin sah sich noch einmal kurz um. Die Spurensicherung schien mit ihrer Arbeit fast fertig zu sein.
»Es ist spät. Wir sollten es für heute auch gut sein lassen, Charlie. Hier gibt es für uns sowieso nichts mehr zu tun.«
Quentin Neuners Haushaltshilfe Lina riss ihn aus dem Schlaf.
»Herr Neuner, was machen Sie denn noch zu Hause?«, hörte er die vorwurfsvolle Stimme seiner Haushälterin aus der Ferne. Lina öffnete die Jalousien und die Fenster, um frische Luft ins Schlafzimmer zu lassen.
»Lina, was machen Sie denn schon hier, zu dieser unchristlichen Zeit? Und dann auch noch in meinem Schlafzimmer?« Quentin blinzelte schlaftrunken unter der Decke hervor.
»Unchristliche Zeit, also wirklich, Inspektor. Es ist gleich neun. Sie müssen ins Büro, oder sind Sie etwa krank?« Lina sah ihn besorgt an.
»Nein, Lina, bin ich nicht. Wir hatten gestern nur wieder einmal eine lange Nacht und … naja, egal. Sind Sie so nett und lassen mir einen Espresso herunter?«
»Natürlich, gerne. Soll ich Ihnen auch ein Frühstück machen?«
»Nein, danke. Ich brauche nur dringend einen starken Kaffee«, murmelte Quentin verschlafen und blinzelte ins Licht. Nachdem Lina sein Schlafzimmer verlassen hatte, trollte er sich immer noch schlaftrunken ins Bad und verschwand unter der Dusche. Als er frisch und munter in die Küche kam, erwartete ihn neben dem Kaffee ein kleines Frühstück mit weichgekochtem Ei und einer Schinkensemmel.
»Das ist lieb von Ihnen, Lina, aber ich habe leider keine Zeit zu frühstücken.« Freundlich lächelte er sie an, schnappte sich die Semmel und leerte den Kaffee in einem Zug. Ehe Lina noch etwas erwidern konnte, war der Inspektor bereits zur Tür hinausgestürmt.
Ein Handy schellte und Lina wollte es gerade suchen, als Quentin Neuner die Eingangstür wieder aufriss. »Nicht erschrecken, Lina! Ich hab nur mein Sakko und mein Handy liegen lassen, bin schon wieder weg«, schallte Quentins sonore Stimme in ihre Richtung.
Lina lugte in den Vorraum und sah Quentin noch durch die Eingangstür hinaushuschen. Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
»Kein Wunder, dass der keine Frau hat, so wie der immer herumhetzt. Das hält ja niemand auf Dauer aus«, murmelte sie noch, ehe sie sich wieder an ihre Arbeit machte.
Das Handy tönte immer noch und das Klingeln wurde immer penetranter. Quentin fingerte in seiner Sakko-Tasche herum,
»Neuner«, brummte er außer Atem in den Hörer.
»Quentin, guten Morgen. Sag mal, stör ich dich? Joggst du?«
»Nein«, japste Quentin, der eilig die Stiege hinuntergelaufen war.
»Hast du etwa verschlafen? Ich steh vor deinem Büro und von dir fehlt jede Spur?« Doktor Lukas Steiner, der Staatsanwalt, wusste natürlich von der Nachtschicht.
»Wer die halbe Nacht in einer Tapasbar abhängen kann, der kann auch pünktlich zum Dienst erscheinen«, scherzte er.
»Sehr witzig, Lukas. Warum bist du eigentlich so gut gelaunt? Ist doch sonst nicht so, nachdem du beim Bürgermeister warst«, konterte Quentin.
»Nun, ich habe meinen neuen Chef kennengelernt und ich kann dir sagen, der ist nicht ohne.« Lukas stieß gut gelaunt einen Pfiff durchs Telefon und lachte.
»Wie meinst du das?«
»Erzähl ich dir in aller Ruhe, wenn du hier bist. Wir sollten sowieso den neuen Fall besprechen.«
»Bin ja schon unterwegs«, knurrte Quentin, der die gute Laune seines besten Freundes nicht verstand. »Ich sollte in der nächsten viertel Stunde da sein.«
»Gut, dann warte ich auf dich und hol uns inzwischen einen ordentlichen Kaffee beim Bäcker gegenüber. Was hältst du davon?«
»Fantastische Idee, Lukas. Informiere bitte auch Charlie. Ich möchte gleich ein Brainstorming zum Tapas-Mordfall mit euch machen.«
»Charlie steht direkt neben mir. Sie hat mich über den Fall schon informiert und so wie ich das verstanden habe, hat sie auch schon einige Hintergrundinformationen über unser Opfer Mercedes dos Santos.« Liebevoll sah er Charlie Renner an und strich ihre eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Sehr gut, Lukas. Ich beeile mich. Bis gleich.«
Quentin wollte so schnell als möglich ins Büro, doch er kam nur langsam voran. Die Autos vor ihm gerieten immer wieder ins Stocken. Es begann leicht zu regnen. Wie er diesen Stop-and-go-Verkehr hasste. In der Nähe der Bushaltestelle Akademiestraße hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet. Die vorbeifahrenden Autolenker mussten natürlich gaffen statt zügig vorbeizufahren. Aus dem Augenwinkel konnte Quentin erkennen, dass es sich um Schüler handelte, junge Umweltaktivisten, die auf dem Weg ins Zentrum waren. Stolz hielten sie ihre Transparente hoch. Er hatte ganz vergessen, dass schon wieder Freitag war.
»Wo bleibst du denn, Quentin? Der Kaffee wird kalt.« Staatsanwalt Lukas Steiner wartete bereits ungeduldig vor Quentins verschlossenem Büro.
»Sorry, Lukas, aber du weißt ja. Freitag. Unsere Schüler sind wieder einmal dabei den Verkehr lahmzulegen.«
Quentin sperrte sein Büro auf, legte seinen Aktenkoffer auf den Schreibtisch und öffnete alle Fenster, um frische Luft in den Raum zu lassen.
»Wo ist Charlie? Sollte sie nicht auch schon hier sein?«
»Ja, eigentlich schon. Aber sie musste kurz zum Polizeichef.«
»Was will denn der Capo von ihr?«
»Er wollte sie noch einmal wegen der Messerstecherei in Lehen letzte Woche sprechen. Offensichtlich fehlen einige Bilder in der Akte.«
»Der Fall ist doch gelöst. Schwere Körperverletzung. Da der Täter aber noch nicht strafmündig ist … naja, ist ja auch egal.
