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Ein in die Jahre gekommener, vom Leben gezeichneter, deutscher Arzt und Schriftsteller, „die Frauen und der Beruf haben ihn ausgehöhlt“ findet am Golf von Neapel als auch im Hinterland, der „Mystischen Regio Campania“, unerwartet ein Stück Heimat. „Alles ist Wasser, das Leben kommt aus dem Wasser, wo es kein Wasser gibt, gibt es auch kein Leben“. Er verliebt sich ungewollt in Gina, eine äußerst attraktive, warmherzige, scheinbar bodenständige, einfache, aber sehr kluge Süditalienerin, die gleichfalls vom Leben gezeichnet und missbraucht wurde. Ihre einzigartige Liebe entwickelt sich in Kürze zu einer ausserordentlichen, leidenschaftlichen Begierde, die sie nicht mehr kontrollieren können als auch wollen. Eine hocherotische, obsessive, psycho-philosophische Liebesgeschichte zweier sozio-kulturell grundverschiedener Menschen mit ähnlicher Angstsymptomatik und Bewältigungsstrategien.
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Table of Contents
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Lothar Lehmann
Die finstere Sonne über Neapel
Eine erotische, psycho-philosophische Liebesgeschichte
AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG
FRANKFURT A.M. • LONDON • NEW YORK
Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit. Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.
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Titelbild: Vera Christine Hohmann, Zürich/Schweiz
ISBN 978-3-8372-1916-6
Für Vera Christine
in Dankbarkeit und tiefer Verbundenheit!
Gewidmet all den vielen psychisch Kranken und den vielen trostlosen Menschen, die vergeblich auf eine Besserung ihrer verzweifelten Lage hoffen!
Viel zu berichten wissen, doch kaum einer hört Ihnen aufmerksam zu.
Kaum einer gewährt Ihnen den notwendigen Zu-.
spruch.
Am Ende bleibt ihnen als Erlösung, nur, der ohnehin sichere Tod.
Erstes Kapitel
(Ankunft und Annäherung)
Er lief die scheinbar nicht enden wollende enge Landstraße entlang. Die Mittagssonne stand sehr hoch. Es war drückend heiß, dumpf, dennoch ließ er in seiner Beharrlichkeit nicht nach. Der alte, längst verschlissene, dünne Sommerhut bot nur noch wenig Schutz vor der intensiven Sonne. Er gönnte sich keine Rast, trank nur hin und wieder ein paar wenige, kleine Schlucke lauwarmen, leicht gesüßten Schwarztee aus einer alten, ovalen, verbeulten Metallflasche mit Bügelverschluss, die um seinen Hals hing. Zum Glück standen einige wenige, Schatten spendende Bäume am Wegesrand. Er wollte unbedingt vor Sonnenuntergang sein bescheidenes Hotel erreichen. Dort wäre es angenehm kühl, sodass er nach einem genügsamen Mahl, wahrscheinlich schlafen könnte. Dieses war aber noch schätzungsweise 20 Kilometer entfernt, befand sich in der Peripherie einer kleinen Provinzstadt, ohne große Bedeutung.
Hier im Süden geht im Sommer die Sonne fast schlagartig unter. Bald darauf wird es dann auch schon finster und die Nacht bricht herein. Die alte, schmale Landstraße mit ihren Unebenheiten und Schlaglöcher fiel zu beiden Seiten schroff hin zu den steinigen Feldern ab. Ist es erst einmal Nacht, kommt man ohne Licht, nur noch sehr mühsam voran. Zu dieser Zeit, in dieser dünnbesiedelten Region, gibt es dann auch kaum noch Verkehr und schon gar keinen Autobus. Der Boden war steinig und völlig ausgetrocknet. Es roch würzig nach wilden Kräutern. Vereinzelt wuchsen ein paar Sommerblumen. Der Himmel war etwas schlierig, aber ansonsten weitgehend azurblau. Die Luft stickig und voller Geräusche der unzähligen Insekten. Das Licht flutete gleisend in die Ferne. Das Meer lag weit hinter ihm, hier war er sozusagen in ein eigenartiges, urtümliches Hinterland geraten.
Am frühen Morgen war er aufgebrochen, ohne zu wissen, auf was er sich da einließ. Es drängte ihn einfach hinaus, weit weg von jeglicher Zivilisation. Abgesehen von einem Schwarztee, der seinen Körper mehr austrocknete als er durststillend war, trug er noch gesalzene Erdnüsse und ein paar Geldscheine auf sich. Der Morgen verlief noch ganz vergnüglich, er beobachtete mit dem Sonnenaufgang, wie die Natur erwachte und einen neuen Tag hervorbrachte. Jetzt wurde es aber zunehmend beschwerlich. Ein leichter Schwindel überfiel ihn. Er hätte doch lieber einen Kräutertee mitnehmen sollen. Seine Aufmerksamkeit ließ nach und sein Gang wurde behäbiger, weniger zielgerichtet. An seinem linken Handgelenk trug er eine Bahnhofsuhr mit einem roten Sekundenzeiger. Es war exakt 13.00 Uhr.
Um 5.00 Uhr in der Frühe verließ er das Hotel. Kein Mensch war auf den Beinen. Sein Frühstück ließ er sich schon am Vorabend zubereiten. Nach der Uhrzeit zu Folge war er jetzt 8 Stunden unterwegs, einige kurze Pausen mit einbezogen. Doch nun schien ihm, sollte er sich einen schattigen Platz suchen und eine halbe Stunde ausruhen. Dann wäre er wieder für den Rest des Weges gestärkt. Unter einer Zeder, die wenig Schatten spendete, schlief er urplötzlich ein.
Als er aufwachte und um sich sah, bemerkte er, dass der Himmel über ihm sich veränderte, dunkler wurde und nur noch spärlich die Sonne durchließ. Abgesehen davon, war es bereits 15.30 Uhr. Er schlief also mehr als 2 Stunden. Als er sich aufrichtete, erblickte er in der Ferne ein Gehöft und meinte auch, das Bellen eines Hundes zu hören. All das half ihm aber nicht weiter, er sollte tunlichst auf der Landstraße bleiben, zumal er keine Wanderkarte bei sich führte, und diese versandete, kleine Chaussee seine einzige, sichere Orientierung darstellte. Etwas Wind kam auf, wahrscheinlich von Nord-Osten. Bis anhin zählte er 7 klapprige Autos und 3 Traktoren mit Gehänge, die an ihm vorbeifuhren. Keiner der Vorbeifahrenden nahm irgendeine Notiz von ihm. Das liegt aber schon länger zurück. Jetzt sollte er entschlossen den Heimweg antreten. Es blieb ihm nicht mehr viel Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit.
Er begab sich zugleich mit festem Schritt auf die Landstraße zurück. Das Wetter schlug um. Sein Telefonino, so nennen die Menschen hier richtigerweise das „Handy“, ließ er bewusst im Hotel zurück. Er wollte nicht in Versuchung geraten und auch nicht gestört werden. Der ewigen, jederzeit möglichen Erreichbarkeit entzog er sich. Feine Regentropfen fielen ganz leise, aber bestimmend vom Himmel. Die Abkühlung empfand er als angenehm. Er lief immer nur links der Straße entlang, aus Sicherheitsgründen, so konnte er sehen wer entgegenkam, falls überhaupt jetzt noch irgendeiner hier ihm begegnen sollte. Noch vor Tagen streifte er planlos durch das bizarre, facettenreiche Neapel, fuhr mit dem Fährschiff zu der südlich gelegenen Insel Capri, sah in der westlichen Ferne das berühmte Ischia, und unweit dem Tyrrhenischen Meer, südöstlich von Neapel, landeinwärts den Vesuvio emporsteigen, umgeben von einer gewaltigen Biosphärenzone an deren Südspitze Pompeji liegt. Er begab sich weiter, südlich der Küste von Sorrento und Amalfi entlang, bevor er sich über Salerno, nordöstlich in das Landesinnere, in Richtung Avellino wagte, dieser mythischen Regio Campania.
Er wollte unbedingt weg von den pittoresken, touristischen Zentren, alleine sein. Italien interessierte ihn schon immer, vor allem die reichhaltige Kunst und Kultur des Landes, die klangvolle Sprache mit ihren vielen Vokalen, aber auch sehr schwierigen Grammatik, weit weniger die korrupte Politik und Wirtschaft. Die Italiener scheinen unverständlicher Weise ihren Duce, der Mussolini ihrer Zeit, genannt Berlusconi, nahezu kritiklos zu „vergöttern“. Insgesamt 19-Jahre richtete er das „ Bella Italia“, in der heutigen Form noch eine sehr junge Republik, zu Grunde, ein Ende ist noch nicht abzusehen. Die Erfahrung zeigt, dass die Menschen nur sehr wenig, aus ihren epochalen Fehlern der Vergangenheit lernen wollen und / oder können. Diese nüchterne Erkenntnis, trifft nicht nur auf Italien, sondern überall auf der Welt zu. Besondres in Krisenzeiten besinnen sich die Menschen auf Diktatur und Separation.
Gegen 17.00 Uhr kam es zu einem ersten, kräftigen Gewitter, Blitze durchzogen den örtlichen Himmel, gefolgt von heftigen Donnerschlägen, der Wind bäumte sich auf und der unbedingt, notwendige Regen für die vertrocknete Natur, wurde intensiv durchdringend. Darauf war er nicht eingestellt, zumal er noch ungefähr vier Stunden des Weges vor sich sah. Bald schon war er völlig durchnässt, seine Sportschuhe quietschten bei jedem Schritt. Plötzlich tauchte vor einer leichten Linksbiegung ein Kleinlastwagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern vor ihm auf, sodass er unwillkürlich zur Seite sprang und zu fluchen begann. Das Gewitter verlor sich mehr und mehr nach Westen, der Regen jedoch blieb, ließ aber deutlich nach.
Um 19.00 Uhr fing er an zu frösteln. Er kaute die letzten Erdnüsse, der Tee war aufgebraucht. Weit am östlichen Horizont sah er schummrige Lichter, das musste Campobello sein. Das war sein Ziel. Von hinten kommend fuhr ein kleiner Fiat cinquecento an ihm vorbei, stoppte aber zugleich abrupt und ein älterer Mann mit Mütze und zerzaustem grauen Bart fragte ihn, ob er Hilfe bräuchte. Er bedankte sich für die spontane Hilfsbereitschaft des Einheimischen und bat denselben, ihn bis nach Campobello mit zunehmen. Nach einem in Ordnung (va bene), stieg er deutlich erleichtert, aber auch sichtlich erschöpft in den Kleinwagen ein. Beide schwiegen über eine längere Zeit hinweg. Plötzlich brach der freundliche Mann das Schweigen und fragte ihn, wo er in Campobello denn hinwolle. Er antwortete nur: endlich in sein Hotel. Der Mann musterte ihn wortlos. In Campobello angekommen, fragte er nach dem Namen der Albergo, der Fremde sagte: lediglich Evidenzia. Daraufhin wurde er genau dort, vor dem Eingang abgesetzt. Er versuchte dem Hilfsbereiten einen 5 Euro-Schein zuzustecken, dieser schüttelte nur den Kopf mit der Bemerkung: niente e buona sera. Er bedankte sich für seine Hilfe und verabschiedete sich mit einem höflichen: arrivederla.
In der Pension ging er direkt in sein Zimmer, dort befand sich eine Kabinendusche, die er ausgiebig nutzte. Er legte trockene Kleider an und suchte den Speisesaal auf. Die Signora nickte freundlich, als sie ihn erblickte, erklärte, sie habe sich schon Sorgen gemacht und brachte ihm eine kräftige Minestrone. Danach aß er noch einen Teller Spaghetti pomodori mit einheimischem Käse bestreut und trank dazu 2 Gläser herben, fruchtigen Primitivo. Er sagte zu der Signora: tante grazie e buona notte. Er stand auf, suchte sein Zimmer im dritten Stock auf und legte sich unmittelbar auf das frisch gemachte Bett. Das roch ein wenig nach Kernseife. Er war körperlich todmüde, im Kopf jedoch hellwach. Er starrte unentwegt an die vergilbte, bröckelige Zimmerdecke. Das Gewitter kam zurück. Dem Donnerschlag zu Folge, war es aber noch ein gutes Stück entfernt. Der Regen setzte wieder stärker ein. Die Blitze erleuchteten kurzzeitig den dunklen Raum. Die Glocke des Kirchturms schlug 10 Mal, es war also 22.00 Uhr.
Noch immer konnte er nicht seine Augen schließen. Durch den eher unfreiwilligen Mittagsschlaf, so wusste er aus Erfahrung, wird er in dieser Nacht kaum Schlaf finden können, obgleich er schon um 3.00 Uhr in der Frühe sein Bett verließ. Ruhe- und rastlos und ohne jeglichen Plan, völlig konzeptlos, machte er sich in der Morgendämmerung auf und davon. Lediglich der Weg war sein Ziel. Nun lag er wieder hier und dachte unwillkürlich über sein Leben nach. Ein Leben mit vielen Mühen, Erfolgen und Niederlagen. Der Beruf und die Frauen haben ihn ausgehöhlt. Seinen Charme und seiner Kreativität beraubt. Ihm lediglich eine endlose Einsamkeit gebracht, die er nicht mehr verlassen konnte, oder auch möglicherweise nicht mehr verlassen wollte. Er war von vielen gefürchtet wegen seinem klaren Sachverstand und seiner direkten Art, seiner ständigen Suche nach menschlicher, subjektiver Wahrheit und Wirklichkeit. Eine andere Wahrheit und Wirklichkeit, gab es für ihn nicht. Zu oft wurde er in seinem Leben belogen und instrumentalisiert. Es gab auch zahlreiche erbauliche Erinnerungen, für die er aber jeweils einen sehr hohen Preis zahlte.
Die Glocke schlug jetzt zum 12. Male. Es war Mitternacht und er konnte noch immer nicht einschlafen. Aus dem Hotel waren keine Geräusche mehr zu vernehmen. Hin und wieder bellte ein Hofhund aus der Umgebung. Die Turmuhr wird jetzt wieder von neuem stündlich schlagen. Darauf war Verlass. Der Campanile war nicht weit entfernt. Er logierte jetzt schon hier in der dritten Nacht am Rande einer kleinen, abgeschiedenen Provinzstadt, von etwa fünf- bis sechstausend Einwohnern, die in einer kargen, sandigen Hügel- und Berglandschaft eingebettet war. Dazwischen verliefen Täler und tiefe Schluchten mit ausgetrockneten Bächen. Was führte ihn ausgerechnet an diesen Ort? Es gab um diese Jahreszeit weder natürliches Gewässer, noch irgendeine interessante Historie. Gegen 3.00 Uhr am Morgen schlief er ein.
Mit dem 6. Glockenschlag war er wieder wach und stand auf. Die Glieder waren schwer und sein Rücken schmerzte. Der Kopf jedoch hellwach. Er duschte, das wenige Wasser war nur lauwarm. Nach einer nassen Rasur, zog er eine Jeans und ein graues T- Shirt an. Seine Haare bedeckten bereits gänzlich seine Ohren und sollten wieder einmal zurück gestuft werden. Es war 6.45 Uhr, ab 7.00 Uhr konnte er frühstücken. Die Schuhe vom Vortag waren immer noch nass, sodass er Sandalen anlegte. Zuvor absolvierte er aber noch sein morgendliches, tägliches Dehnungs-und Entspannungsprogramm. Dieses beinhaltet auch einige Koordinationsübungen.
Danach begab er sich in den Speisesaal. Er war scheinbar der erste. Wie jeden Morgen trank er 3 Tassen gesüßten, schwarzen Kaffee, aß zwei Scheiben Brot und etwas Hartkäse dazu, manchmal auch ein Ei. Frische Milchprodukte vertrug er nicht. Marmelade konsumierte er nur sehr selten, dann nämlich, wenn es kein Käse oder Salami gab. Die Signora wünschte ihm einen buona giornata, einen schönen Tag. Sie besaß tiefbraune, funkelnde Augen, trug blau schwarzes, halblanges Haar, war eher schlank und zierlich mit einem schönen, liebevollen Gesichtsausdruck. Der Patrone des Hauses, ließ sich nur selten blicken. Der Signore war wortkarg, während die Signora sehr gesprächig und warmherzig sein konnte. Er schätzte sie auf ungefähr 45 Jahren. Es logierten nur wenige Gäste hier, sodass man sich kaum begegnete. Es waren meist ältere Menschen, die kopfnickend grüßten, Kinder sah er keine.
Er ging ums Haus in den kleinen Hotelgarten und setzte sich unter die Pergola. Dort ließ er den gestrigen Tag noch einmal Revue passieren. Es war eine unüberlegte, sinnlose Aktion gewesen, ohne Freude und Interesse an der eigentümlichen Umgebung. Ein paar Schafe, Ziegen, da und dort ein kleiner Olivenhain, spärlicher Graswuchs, einige Eselskarren, blieben ihm noch blass in Erinnerung. Der Wanderer in der Fremde mit sich allein. Aber dennoch fühlte er sich hier im Moment noch am wohlsten. Möglicherweise bestand zwischen seiner mentalen und körperlichen Verfassung und der skurrilen Umgebung eine gewisse Konkordanz.
Die Menschen waren einfach, aber herzlich und dankbar, mit einem gewissen Aberglauben behaftet, sonst römisch-katholisch ausgerichtet. Den wenigen Touristen gegenüber verhielten sie sich abwartend, eher zurückhaltend, während sie untereinander deutlich lebhafter waren, vielmehr lamentierten nach süditalienischer Mentalität. Er mochte diese Art von Menschen, ihre familiären Bindungen und Hierarchien. Leider verstand er ihren Dialekt sehr schlecht.
Gegen 10.00 Uhr spazierte er durch das Städtchen, suchte die Piazza auf und kehrte in eine Bar ein. Dort bestellte er sich einen Espresso doppio sowie einen Martini bianco. Die Getränke wurden ihm vor der Bar an einem kleinen Tisch serviert, von wo aus er das Treiben auf der Piazza gut beobachten konnte.
Es war Markttag, die Frauen kamen herbeigelaufen um ihre notwendigen Einkäufe zu tätigen, dabei prüften sie die angebotene Ware sehr sorgfältig, bevor sie sich entschieden. Man kannte sich untereinander, häufig waren sie miteinander verwandt, hielten noch das eine oder andere Schwätzchen im Vorbeigehen, verabschiedeten sich mit Küsschen und einem ciao bella. Die älteren Männer saßen unter sich, spielten Karten, rauchten ihren einheimischen Tabak, mancher von Ihnen trank auch ein Glas Wein und las eine lokale Zeitung. Die Kinder spielten mit lautem Getöse, abseits des großen Geschehens, an einem terrassierten Hügel. Streunende Hunde liefen überall dazwischen, auf der Suche nach einem Leckerbissen, während die Katzen meist geschützt, auf einem warmen Fenstersims gelegen, sich von der Nacht erholten. Der Bürgermeister (sindaco) überquerte mit seinem Sekretär (segretario) gestikulierend die Piazza, in Richtung des Gemeindehauses (casa comunale). Der Fremde bestellte die Rechnung (il conto), als völlig unerwartet, der hilfsbereite, ältere Mann von gestern Abend sich zu ihm an seinen Tisch setzte.
Der freundliche Mann mit Mütze und dem zerzausten, grauen Bart, stellte sich, als den älteren Bruder, der Signora von der „Albergo Evidenzia“ vor, und fragte ihn, wie es ihm nach dem gestrigen Tag den so ergehe. Er habe einen sehr traurigen, erschöpften Eindruck gemacht. Der Fremde war etwas betroffen, fragte aber gleich, ob er ihn zu einem Bier einladen könne, der Alte nickte. Sie unterhielten sich eine Weile über das aktuelle Geschehen in Campobello, die Jungen seien meist alle an die Küste des Golfes von Neapel gezogen, wenige auch nach Potenza. Hier wollte keiner von Ihnen bleiben. Ein Leben in der kargen und beschwerlichen Landwirtschaft Vorort, kam für sie nicht mehr in Frage. Der ältere Mann bedankte sich für die Einladung, stand auf und sagte: arrivederci.
Es war gegen Mittag, die übliche Hitze kehrte nach dem nächtlichen Gewitter zurück. Der Himmel war strahlend blau, das gleise Sonnenlicht flimmerte über die Piazza hinweg. Er verspürte nun einen kräftigen Hunger und ging geradewegs in eine gegenüberliegende Trattoria. Er bestellte ein weiteres Bier und eine piatto del giorno, das Tagesmenü. Danach begab er sich wieder in sein Hotelzimmer. Die Signora war gerade dabei, sein Bett zu ordnen, als er hereinkam. Sie grüßte freundlich mit funkelnden Augen und fragte ihn, ob er Schriftsteller sei. Er sagte: auch und sah eine Weile intensiv in ihre tiefbraunen Augen, die Signora errötete leicht und verließ nach getaner Arbeit den Raum, mit einem buon pomeriggio (schöner Nachmittag). Sie gefiel ihm.
Er legte sich auf das frisch gemachte Bett, ohne die Schuhe abzustreifen. Dann nahm er eine Biographie: „Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie“ zur Hand und begann darin zu lesen. Er las in dem Kapitel: Die Welt als Wille und Vorstellung. „Das Wesen des Lebens ist der Wille zum Leben“. Bald wurde er müde und legte das Werk zur Seite. Er konnte sich nicht hinreichend konzentrieren und überließ sich seinen eigenen Gedanken. Wie lange wolle er hier noch bleiben? Was waren seine Beweggründe? Wohin soll die Reise eigentlich gehen? Gab es überhaupt ein Ziel? Die Vergangenheit war aufgearbeitet, aber gab es für ihn, neben der Gegenwart, noch irgendeine Art von Zukunft? Abgesehen von dem sicheren Tod, auf den er sich jeder Zeit verlassen konnte.
Die Glocke des Campanile schlug 4 Mal, es war 16.00 Uhr. Er stand auf, wusch sein Gesicht und putzte sich die Zähne. Draußen begann langsam in der kleinen Stadt wieder Leben einzukehren. Die Geschäfte öffneten und die Menschen gingen ihren Besorgungen nach. Er fühlte sich durstig, sodass er sich in einen Negozi Alimentari begab und verschiedene Getränke einkaufte. Sowie darüber hinaus eine gängige deutsche Wochenzeitung. Im Vorbeigehen nahm er noch ein Bier zu sich. In der Pension angekommen, setzte er sich gleich unter die schattige Pergola, diese war am Nachmittag immer schattig und nahm die Zeitung zur Hand.
Er las seitenweise von der Europäischen Wirtschaftskrise, der hohen Jugendarbeitslosigkeit, insbesondere in den südlichen Ländern, dem Fiskalpakt und den geplanten Eurobonds. Griechenland und das Verlassen der Eurozone, außerdem von den schlechten Ergebnissen der Landtagswahlen der deutschen Regierungsparteien in Nordrhein-Westfalen und nicht zuletzt von dem längst fälligen Regierungswechsel in Frankreich. Gaddafi, Berlusconi und Sarkozy waren Geschichte, jetzt sollten noch Merkel und Cameron das Feld räumen. Die Briten waren ohnehin noch nie herzhafte Europäer. Sie sind vielmehr Anglo-Amerikanisch ausgerichtet. Auch Barak Obama konnte nicht halten was er versprach, Guantanamo gibt es noch heute. Die Gefangenen werden weiter ohne völkerrechtlich anerkannte Gerichtsverfahren festgehalten. Auch die Krankenversicherung für Jedermann ist noch nicht umgesetzt. Keine einzige, der in Alarmbereitschaft befindlichen Atombomben wurde bislang entschärft oder vernichtet. Darüber hinaus gibt es durch den neuen Raketenabwehrschirm, neue, ernsthafte Spannungen zwischen den USA und Russland. Afghanistan wird mit einem doppelzüngigen Kahsai nicht zu lösen sein, die Franzosen ziehen bereits in diesem Jahr ihre Truppen ab. Die amerikanischen Drohnen, unter dem Friedensnobelpreisträger Obama intensiviert, von dem sicheren Kalifornien aus gelenkt, verfehlen meist das gewünschte Ziel und treffen oftmals nur die wehrlose Zivilbevölkerung.
Vielerorts werden die Menschenrechte und Demokratisierungswünsche, nicht nur in Syrien, der Ukraine oder Aserbeidschan, mit äußerster Brutalität und Staatsgewalt missachtet und nieder geknüppelt. Was ist das nur für eine Welt, dachte er, in der es so viele Preise für Frieden und Freiheit gibt. Und die Deutschen liefern weiter, völlig unkritisch, atombestückbare Unterseebote nach Israel. Er schämte sich für Deutschland und er schämte sich für das zionistische Israel. Es ist das pro Kopf, und Quadratkilometer, militärisch, am besten ausgerüstete Land der Erde. Die ehemalige, progressive Aussenministerin, Tzipi Livni, sie gewann, gegen einen äußerst rechts gerichteten, konservativen Block, die Wahlen. Sie wäre in der Lage gewesen, eine zwei Staatenlösung zu realisieren. Die Konservativen und Ultrarechten bildeten jedoch auf Wunsch des Staatspräsidenten die neue Regierung. Zur Zeit der letzten Amtshandlungen von W. Bush wurden 1500 Palästinenser im Gaza-Streifen militärisch vernichtet. Aber das wollte wohl keiner, vielleicht nicht einmal das israelische Volk.
Er stand auf, ging in sein Zimmer und duschte sich. Gegen 20.00 Uhr aß er zu Abend. Die Signora begrüßte ihn verlegen, sie war eine eindrucksvolle Frau und brachte ihm als Vorspeise Artischockenherzen mit getrockneten Peperoncini in Olivenöl getränkt, dazu trank er einen Vino bianco della Casa. Zum Hauptgang erhielt er Calamari und Risotto serviert. Auf den Nachtisch verzichtete er und trank zum Abschluss einen Espresso coretto. Die übrigen Gäste speisten alle paarweise zusammen. Die Signora erkundigte sich, ob das Essen gut war, Er antwortete laienhaft: la mangia era molto bene, mille grazie, Signora! Sie lächelte und öffnete dabei ein wenig ihren erotischen Mund. Er wünschte ihr eine erholsame Nacht, stand auf und ging anschließend außer Haus für einen Abendspaziergang.
Die Lufttemperatur betrug noch 23 Grad, es war Hochsommer, viel zu warm für seine Bedürfnisse. Abgesehen von der Piazza, war der Ort in der Nacht schlecht beleuchtet. Hin und wieder gab es in den verwinkelten Gässchen eine schummrige Laterne. Immer wieder endeten seine Ausflüge auf der Piazza, wo es auch Leben gab. Er setzte sich an den Rand eines Brunnen, das Wasser plätscherte beruhigend und kühlend vor sich hin. Eine eigenartige Stimmung überfiel ihn. In diesem Moment kam schwanzwedelnd ein mittelgroßer, hellbrauner Hund mit breitem Kopf, eine Art von Labrador-Mischling auf ihn zu. Der Hund war durstig und schlürfte begierig Wasser aus dem Brunnen. Danach blieb er noch eine Weile stehen und ließ sich bereitwillig streicheln. Der Fremde besaß Erfahrung im Umgang mit Hunden. Nach einem lauten Pfiff verschwand er wieder in der Dunkelheit der Nacht. Seine Stimmung war irgendwie indifferent, nahezu gleichgültig, etwas gefühllos. Er bummelte wieder in seine Pension zurück, suchte sein Zimmer auf, trank ein fades Bier, setzte sich seine Kopfhörer auf und hörte aus seinem Telefonino-Radio, klassische, italienische Nachtmusik. Es war ihm traurig zu Mute.
Inzwischen war es 23.00 Uhr. Er zog sich ganz aus, meist lag er nackt im Bett, so konnte seine Haut besser atmen. Mit seinen 58 Jahren, bekam er in der Nacht, noch vielfache spontane, langanhaltende Erektionen, die ihn aber eher störten und beim Schlafen hinderlich waren. Sexuell war er leicht erregbar, konnte sich aber gut kontrollieren. Er verkehrte in seinem bisherigen Leben mit vielen Frauen unterschiedlicher Nationen, auch aus Russland und Korea, große Unterschiede gab es keine. Die Französinnen und Slawinnen waren vielleicht etwas raffinierter, die Südländerinnen hingegen temperamentvoller. Er selbst führte drei längere Beziehungen, über jeweils zehn Jahre hinweg, mit drei ganz unterschiedlichen Frauen, aus drei verschiedenen Nationen.
Frauen sind sozial kompetenter und kommunikationsfähiger, aber auch eigennütziger als Männer, nicht zu vergessen die weibliche Neugier, ansonsten funktionieren sie sehr einfach, stellen sich aber gerne komplizierter da. Meist handeln sie aus Status- und/oder ökonomischen Beweggründen, insbesondere dann, wenn ein Kinderwunsch besteht. Er verfügte über eine reichhaltige Erfahrung mit Frauen, sowohl privat als auch beruflich. Am besten lässt man sie einfach in Ruhe, dann kommen sie schon, ganz von alleine, unter irgendeinem Vorwand, meist einer listigen Täuschung.
Die Turmglocke schlug einmal, Mitternacht war längst vorbei. Er überlegte was der Begriff „Heimat“ eigentlich bedeutet. Wo befindet sich denn die Heimat eines Menschen? Dort wo man versteht und verstanden wird, wo es Freunde und Vertraute gibt? Dort, wo man angenommen und sich geborgen fühlt? Befindet sich die Heimat innerhalb oder außerhalb eines Menschen, oder nur in einer gemeinsamen Schnittmenge? Er wusste es nicht, fand keine befriedigende Erklärung. Er verspürte kein Heimatgefühl. Irgendwann schlief er darüber ein, entfernte aber zuvor noch den Kopfhörer.
Um 5.00 Uhr war er wieder hellwach. Sein Lendenbereich schmerzte fürchterlich, sodass er zugleich mit seinen Dehnungs- und Lockerungsübungen anfing. Die Dusche war wiederum nur lauwarm. Er legte sich wieder auf sein Bett und winkelte die Beine an. Das führte zu einer gewissen Erleichterung. Um 7.00 frühstückte er wieder ganz alleine. Auf seinem Teller lag ein kleines Stückchen Schokolade, zum ersten Mal. Daneben lag eine Notiz mit der Frage: wie lange er noch bleiben wolle. Er zählte heute den 5. Tag und schrieb zurück, wahrscheinlich noch weitere 5 Tage. Er war schmerzbedingt nicht fähig aufzubleiben.
