Die Finsternis dieser Welt - Frank E. Peretti - E-Book
Beschreibung

In der kleinen College-Stadt Ashton geschieht Unheimliches. Ein findiger Journalist und ein Pastor suchen Antworten auf Phänomene, die sie sich nicht erklären können. Dabei dringen sie in eine Welt des Übernatürlichen ein - in den geistlichen Kampf zwischen Leben und Tod, zwischen Engeln und Dämonen, zwischen den Mächten der Finsternis und des Lichts. Eine Welt, die viel realer ist, als die meisten von uns ahnen ... Die Neuauflage des Bestsellers, der bereits unzählige Leser gefunden hat und bis heute fasziniert.

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Seitenzahl:788

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Über den Autor

Frank E. Peretti ist der deutschen Leserschaft seit vielen Jahren durch Erfolgsromane bestens bekannt. Er versteht es wie kein anderer, Hochspannung mit tief gehenden geistlichen Aussagen zu verknüpfen. Weltweit hat er über 15 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft.

„Die Finsternis dieser Welt“ ist sein erster Roman, mit dem er in den Bestsellerlisten landete. Frank E. Peretti lebt mit seiner Frau im Nordwesten der USA.

Für Barbara Jean,Frau und Freundin,die mich liebte –und wartete

„Denn wir haben nichtmit Fleisch und Blut zu kämpfen,sondern mit Mächtigen und Gewaltigen,mit den Herren der Welt,die über diese Finsternis herrschen,mit den bösen Geisternunter dem Himmel.“Epheser 6, 12

1

Es war Vollmond und spät am Sonntagabend, als die zwei Gestalten in Arbeitskleidung etwas außerhalb der kleinen College-Stadt Ashton auf dem Highway 27 erschienen. Sie waren etwa zwei Meter groß, kräftig gebaut und hatten wohlgeformte Körper. Einer war dunkelhaarig und hatte scharfe Gesichtszüge, der andere war blond und athletisch. Aus einer halben Meile Entfernung beobachteten sie die Stadt und lauschten den hässlichen Geräuschen einer falschen Fröhlichkeit, die von den Ladenfronten, den Straßen und Gassen herüberdrangen. Sie gingen los.

Es war die Zeit des Ashton-Sommerfestes. Hier übte sich die Stadt in Frivolität und Chaos, und dies war ihre Art, den ungefähr achthundert Studenten des Whitmore College zu danken und ihnen Glück zu wünschen. Die heiß ersehnte Sommerpause war da, und normalerweise würden die meisten jetzt ihre Sachen packen und heimfahren, aber alle blieben noch, um an den ausgelassenen Vergnügungen teilzunehmen: Straßendiscos, Karussells, Groschenkinos und was man sonst noch alles über und unter dem Tisch für einen kurzen Nervenkitzel bekommen konnte. Es war eine wilde Zeit, eine Gelegenheit, betrunken, schwanger, zusammengeschlagen, ausgeraubt und krank zu werden – alles in ein und derselben Nacht.

Ein großzügiger Landbesitzer hatte einer Gruppe von Schaustellern erlaubt, auf einem leer stehenden Grundstück in der Mitte der Stadt ihre Karussells, Buden und Fahrgeschäfte aufzustellen. Für jeden sichtbar standen sie in der Dunkelheit: rostige, grell beleuchtete Möglichkeiten, aus dem Alltag auszusteigen. Sie wurden angetrieben von schalldämpferlosen Traktormotoren, welche mit der lärmenden Rummelplatzmusik wetteiferten, die irgendwo in der Mitte des Ganzen plärrte. Aber die umherstreifende, Zuckerwatte schleckende Menge wollte in dieser warmen Sommernacht nur eins: sich vergnügen, vergnügen, vergnügen. Ein Riesenrad drehte sich langsam, hielt kurz zum Einsteigen an, drehte sich zum Aussteigen ein wenig weiter und machte dann ein paar volle Umdrehungen, um seinen Fahrgästen etwas für ihr Geld zu bieten. Ein Karussell drehte sich in einem hell erleuchteten, farbenprächtigen Kreis, und Tingeltangelpferde mit abgeblätterter Farbe paradierten zu der Melodie der konservierten Marschmusik. Entlang der eilig montierten, baufälligen Budenstraße warfen Rummelplatzbesucher Bälle in Körbe, Groschen in Aschenbecher, Pfeile auf Luftballons und Geld in den Wind, während die Halsabschneider ihr abgedroschenes „Versuchen Sie Ihr Glück“ jedem Passanten entgegenriefen.

Die beiden Besucher standen schweigend in der Mitte des Trubels und wunderten sich, wie eine Stadt mit zwölftausend Menschen – einschließlich der Studenten – solch eine riesige, wimmelnde Menge hervorzubringen vermochte. Die sonst ruhige Bevölkerung wurde zu einer einzigen großen Herde, die sich durch Vergnügungssüchtige von überallher ständig zu vermehren schien. Die Straßen, Kneipen, Läden und Parkplätze waren verstopft, alles war erlaubt. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, aber auf jeden Raufbold, Betrunkenen oder Zuhälter, den man in Handschellen abführte, kam mindestens ein Dutzend anderer, die noch frei herumliefen. Das Fest, das nun, in der letzten Nacht, seinen Höhepunkt erreichte, war wie ein furchtbarer Sturm, den niemand zu bändigen vermochte; man konnte nur warten, bis er sich wieder legte, und dann würde es eine Menge zum Aufräumen geben.

Die beiden Besucher bahnten sich langsam ihren Weg durch das Menschengewühl, hörten den Gesprächen zu und beobachteten das Treiben. Sie wollten etwas über diese Stadt herausfinden – und so ließen sie sich Zeit, schauten hier und dort, zur Rechten und zur Linken, nach vorne und nach hinten. Die Menschenmenge bewegte sich um sie herum wie wirbelnde Kleidungsstücke in einer Waschmaschine und wälzte sich von einer Straßenseite auf die andere. Die beiden großen Männer beobachteten ununterbrochen die Menge. Sie suchten jemanden.

„Da“, sagte der dunkelhaarige Mann.

Sie sahen sie beide. Sie war jung und sehr hübsch, aber auch sehr unruhig. Ständig schweifte ihr Blick von einer Seite zur anderen. Sie hielt eine Kamera in ihren Händen und hatte einen verbissenen Gesichtsausdruck.

Die beiden Männer bahnten sich eilig einen Weg durch die Menge und stellten sich neben sie. Die Frau bemerkte sie nicht.

„Weißt du“, sagte der Dunkelhaarige zu ihr, „vielleicht solltest du einmal hierhin schauen.“

Er führte sie mit einer Hand auf ihrer Schulter zu einer bestimmten Bude. Sie schritt durch das Gras und die Bonbonpapiere auf diese Bude zu, wo einige Teenager Pfeile auf Luftballons warfen und sich dabei gegenseitig anstachelten. Dies interessierte sie nicht, aber dann … einige Schatten bewegten sich hinter der Bude. Sie machte ihre Kamera schussbereit, tat ein paar weitere leise, vorsichtige Schritte – und riss dann die Kamera an ihr Auge hoch.

Das Blitzlicht tauchte die Bäume hinter der Bude in grelles Licht, als die beiden Männer sich eilig zu ihrem nächsten Termin entfernten.

Sie gingen sicheren Schrittes und durchquerten in schnellem Tempo die Stadtmitte. Ihr Ziel lag eine Meile außerhalb des Zentrums an der Poplar Street, ungefähr eine halbe Meile den Morgan Hill hinauf. Schon bald standen sie vor der kleinen weißen Kirche mit ihrem gepflegten Rasen und dem zierlichen Anschlagbrett für die Sonntagsschule und die Gottesdienste. Oben auf dem kleinen Anschlagbrett war der Name „Ashton-Community-Gemeinde“ zu lesen, und in schwarzen Buchstaben war über den Namen, der vorher dort stand, hastig geschrieben worden: „Henry L. Busche, Pastor.“

Sie schauten sich um. Von hier oben konnte man die ganze Stadt überblicken. Im Westen leuchtete der bonbonfarbige Vergnügungspark; im Osten war das würdige Whitmore College zu erkennen; entlang dem Highway 27, der Hauptstraße durch die Stadt, waren die Büros, ein paar Tankstellen, die Redaktion der örtlichen Zeitung und verschiedene kleine Familienunternehmen zu sehen. Von hier oben sah die Stadt so typisch amerikanisch aus: klein, unschuldig und harmlos wie der Hintergrund eines Norman-Rockwell-Gemäldes.

Aber die beiden Besucher nahmen nicht nur mit ihren Augen wahr. Auch von diesem Aussichtspunkt aus lastete das wahre Wesen von Ashton schwer auf ihrem Geist. Sie konnten es fühlen: ruhelos, stark, wachsend, sehr bestimmt und zielgerichtet … eine ganz spezielle Art von Übel.

Es war nicht ihre Art, viel zu fragen, lange zu studieren und zu untersuchen. Meistens ergab sich die Antwort im Laufe ihrer Arbeit. Jetzt jedoch zögerten sie und fragten sich: warum hier?

Ihre Unsicherheit hielt aber nur einen Augenblick lang an. Es mag ein spontanes Gefühl, ein schwacher, aber für sie wahrnehmbarer Eindruck gewesen sein – jedenfalls war es genug, dass sie sofort hinter der Kirche verschwanden und sich an die Rückwand drückten, fast unsichtbar dort in der Dunkelheit. Sie sprachen nicht, aber sie beobachteten mit ihrem scharfen Blick, wie sich etwas näherte. Die nächtliche Szene auf der ruhigen Straße stellte eine Mischung aus reinem blauen Mondlicht und unergründlichen Schatten dar. Aber ein Schatten bewegte sich nicht mit dem Wind wie die Baumschatten, noch stand er still wie die Gebäudeschatten. Er kroch, zitterte und bewegte sich entlang der Straße auf die Kirche zu, wobei jedes Licht, an dem er vorbeiging, in seine Schwärze zu sinken schien, als ob ein Abgrund im Raum aufgebrochen wäre. Dieser Schatten hatte eine Gestalt, eine beseelte, kreaturhafte Gestalt, und als er sich der Kirche näherte, konnte man Geräusche hören: das Schrammen von Klauen auf dem Boden, das leichte Rauschen von häutigen Flügeln im Wind, die über den Schultern des Geschöpfes wehten. Es hatte Arme und es hatte Beine, aber es schien sich ohne diese zu bewegen, während es die Straße überquerte und die Eingangsstufen der Kirche emporstieg. Seine boshaften, knolligen Augen reflektierten das klare blaue Licht des Vollmondes mit ihrem eigenen scheelen Glanz. Der knorrige Kopf saß auf hochgezogenen Schultern, und widerliche rote Atemwolken zischten mit angestrengtem Keuchen durch seine haifischartigen Fangzähne.

Es lachte entweder oder es hustete – das Geräusch, welches tief aus seiner Kehle kam, konnte beides sein. Es richtete sich aus seiner Kriechhaltung auf und beobachtete die ruhige Nachbarschaft, wobei es seine schwarzen, ledernen Hängebacken zu einem scheußlichen Totenmaskengrinsen zurückzog. Es bewegte sich auf die Eingangstür zu. Die schwarze Hand durchdrang die Tür wie ein Speer, der durch Flüssigkeit stößt; der Körper hoppelte durch die Tür hindurch, aber nur halb.

Plötzlich, als ob es mit einer Wand zusammengeprallt wäre, wurde das Wesen zurückgeschlagen, fiel in einem Purzelbaum die Treppen hinunter, wobei der glühende rote Atem eine spiralförmige Spur in der Luft hinterließ. Mit einem schaurigen Schrei voller Wut und Empörung rappelte es sich auf dem Gehsteig wieder auf und starrte auf die eigenartige Tür, die es nicht durchlassen wollte. Dann begannen die Membranen auf seinem Rücken sich zu blähen, große Flügel entfalteten sich, und es flog brüllend mit dem Kopf voraus auf die Tür zu, durch die Tür hindurch, in den Vorraum – und in eine Wolke von weißem, heißem Licht.

Das Wesen kreischte laut und bedeckte seine Augen, dann fühlte es sich von einer riesigen, mächtigen Hand wie von einem Schraubstock gepackt. Im nächsten Moment wirbelte es durch den Raum wie eine Stoffpuppe – und fand sich erneut draußen wieder. Die Flügel sirrten leicht, als es im Flug eine scharfe Kurve machte, sich umdrehte und sich wieder der Tür zuwandte. Aus seinen Nasenlöchern kamen stoßweise rote Dämpfe hervor, und seine Krallen waren ausgefahren: bereit zum Angriff. Ein gespenstischer, sirenenähnlicher Schrei erhob sich in seiner Kehle. Wie ein Pfeil durch eine Zielscheibe, wie eine Pistolenkugel durch ein Brett durchstieß es die Tür …

Und im nächsten Moment war es schon in Stücke gerissen.

Es gab eine Explosion von stickigem Dampf, einen letzten Schrei und ein wildes Gefuchtel von Armen und Beinen. Dann war da nichts mehr außer dem verebbenden Gestank von Schwefel und den beiden Fremden, die plötzlich innerhalb der Kirche waren.

Der große blonde Mann steckte sein leuchtendes Schwert zurück in die Scheide, während das weiße Licht, das ihn umgab, langsam verblasste.

„Ein Sorgengeist?“, fragte er.

„Oder Zweifel … oder Furcht. Wer weiß?“

„Und das war einer der kleineren?“

„Ich habe noch keinen gesehen, der kleiner war.“

„Nein, in der Tat. Und wie viele, würdest du sagen, sind in der Gegend?“

„Mehr, viel mehr als wir, und sie sind überall. Es sind keine Faulenzer.“

„Das habe ich gesehen“, seufzte der große Mann.

„Aber was tun sie hier? Wir haben noch nie zuvor solch eine Konzentration gesehen, nicht hier.“

„Oh, der Grund hierfür wird nicht lange verborgen bleiben.“ Er schaute durch die Eingangstür zum Versammlungsraum. „Lass uns nach diesem Mann Gottes sehen.“

Sie gingen weg von der Tür und durch den kleinen Vorraum hindurch. Die Anschlagtafel an der Wand enthielt eine Bitte um Lebensmittel für eine bedürftige Familie, jemand suchte einen Babysitter, und ein kranker Missionar brauchte Gebet. Ein großer Zettel kündigte eine Vollversammlung der Gemeinde für nächsten Freitag an. Auf der anderen Wand zeigte der Bericht der wöchentlichen Sammlungen, dass die Spenden letzte Woche sehr niedrig waren; auch die Besucherzahl war von 61 auf 42 gesunken.

Sie gingen den kurzen und schmalen Seitengang hinunter, vorbei an den ordentlichen Reihen der dunkel gebeizten und abgewetzten Kirchenbänke, hin zur Vorderseite des Versammlungsraumes, wo über dem Taufbecken ein rustikales, großes Kreuz hing, das von einem kleinen Scheinwerfer angestrahlt wurde. In der Mitte des Altarraums, der mit einem abgenutzten Teppich ausgelegt war, stand die kleine Kanzel, auf der eine aufgeschlagene Bibel lag. Dies waren ärmliche Einrichtungsgegenstände, nützlich, aber schmucklos, die entweder Bescheidenheit oder Nachlässigkeit der Leute vermuten ließen.

Dann wurde dem Bild das erste Geräusch hinzugetan: ein sanftes, gedämpftes Schluchzen vom Ende der rechten Bankreihe. Dort, kniend und in ernstem Gebet, seinen Kopf auf die harte, hölzerne Bank gesenkt und die Hände inbrünstig zusammengepresst, war ein junger Mann, sehr jung, wie der blonde Mann als Erstes dachte: jung und verwundbar. Seine ganze Haltung zeigte ein Bild von Schmerz, Kummer und Liebe. Seine Lippen bewegten sich geräuschlos, und Namen, Bitten und Lobpreis kamen unter Mitgefühl und Tränen aus seinem Mund.

Die beiden konnten nicht umhin, einen Moment stillzustehen, zu beobachten und nachzusinnen.

„Der kleine Krieger“, sagte der Dunkelhaarige. Der große blonde Mann formte die Worte schweigend und schaute auf den zerknirschten, im Gebet versunkenen Mann hinunter.

„Ja“, bemerkte er, „das ist er. Sogar jetzt tritt er ein im Gebet, steht vor dem Herrn für das Wohl der Leute, für die Stadt …“

„Fast jede Nacht ist er hier.“

Auf diese Bemerkung hin lächelte der große Mann. „Er ist nicht so unbedeutend.“

„Aber er ist der Einzige. Er ist allein.“

„Nein.“ Der große Mann schüttelte den Kopf. „Es gibt andere. Es gibt immer andere. Man muss sie nur finden. Im Augenblick ist sein einsames, wachsames Gebet der Anfang.“

„Er wird verletzt werden, das weißt du.“

„Genau wie der Zeitungsmann. Genau wie wir.“

„Aber werden wir gewinnen?“

Die Augen des großen Mannes schienen mit einem neu entfachten Feuer zu brennen.

„Wir werden kämpfen.“

„Wir werden kämpfen“, stimmte ihm sein Freund zu.

Sie standen vor dem knienden Krieger. Und in diesem Moment, ganz langsam, wie das Öffnen einer Blüte, begann weißes Licht den Raum zu füllen. Es erleuchtete das Kreuz an der Rückwand der Kirche, brachte behutsam die Farben und die Maserung jeder Bank hervor und nahm an Stärke zu, bis der zuvor karge und einfache Versammlungsraum in überirdischer Schönheit lebendig wurde. Die Wände schimmerten, die abgetretenen Teppiche strahlten, und die kleine Kanzel stand groß und glänzend da wie ein Wächter in der Sonne.

Und jetzt waren die beiden Männer leuchtend weiß, ihre einstige Kleidung war umgestaltet in ein Gewand, das von innen zu brennen schien. Ihre Gesichter waren bronzefarben und strahlten, ihre Augen leuchteten wie Feuer, und jeder der Männer trug einen glänzenden goldenen Gürtel, an dem ein glitzerndes Schwert hing. Sie legten ihre Hände auf die Schultern des jungen Mannes, und dann begannen sich seidene, schimmernde, nahezu durchsichtige Flügel wie ein anmutiger Baldachin von ihren Rücken und Schultern auszubreiten und sich zu erheben; diese trafen sich über ihren Köpfen und überkreuzten sich, wobei sie sich sanft in einem geistigen Wind bewegten. Gemeinsam legten sie Frieden auf ihren jungen Schützling, und seine vielen Tränen begannen zu versiegen.

Der Ashton Clarion war eine kleinstädtische, bodenständige Zeitung; sie war klein und altmodisch, vielleicht manchmal etwas unorganisiert und anspruchslos. Sie war, mit anderen Worten, das gedruckte Spiegelbild von Ashton. Ihr Büro beanspruchte mit seinem großen Schaufenster und seiner schweren, abgenutzten Tür einen kleinen Teil der Ladenfront auf der Main Street in der Mitte der Stadt. Die Zeitung erschien zweimal in der Woche, dienstags und freitags, und sie brachte nicht viel Geld ein. Am Büro und an der Einrichtung konnte man ablesen, dass die Umsätze nicht sehr hoch waren.

Im vorderen Teil des Gebäudes waren das Büro und der Nachrichtenraum. Das Büro bestand aus drei Schreibtischen, zwei Schreibmaschinen, zwei Papierkörben, zwei Telefonen, einer Kaffeemaschine ohne Anschlusskabel, verstreuten Notizblättern, Zeitungen, Schreibzeug und Bürokram, und es sah so aus, wie es eben in jedem Büro aussieht. Eine alte, abgewetzte Schaltertheke aus einem stillgelegten Bahnhof trennte das eigentliche Büro vom Empfangsraum, und natürlich gab es eine kleine Klingel über der Tür, die jedes Mal bimmelte, wenn jemand hereinkam. Als Kontrast zu diesem kleinstädtischen Durcheinander fiel ein Luxus auf, der ein wenig zu großstädtisch für diesen Ort erschien: das vollverglaste Extrabüro des Redaktionsleiters. Es war in der Tat eine Neuanschaffung. Der neue Redaktionsleiter war vorher als Großstadtreporter tätig gewesen, und einer seiner Lebensträume war es, einmal ein vollverglastes Extrabüro zu haben.

Dieser neue Mann war Marshall Hogan, ein starker, groß gebauter, immer geschäftiger Mensch, den seine Mannschaft – der Setzer, die Sekretärin/Reporterin/Anzeigendame, der Montierer und die Reporterin/Kolumnistin – liebevoll „Attila der Hogan“ nannte. Er hatte die Zeitung ein paar Monate zuvor gekauft, und der Unterschied zwischen seiner Großstadtarbeitsweise und dem gemütlichen Kleinstadttempo beschwor von Zeit zu Zeit einige Auseinandersetzungen herauf. Marshall wollte eine Qualitätszeitung, die professionell und zuverlässig arbeitete und absolut pünktlich erschien. Aber der Wechsel von der New York Times zum Ashton Clarion war wie ein Sprung von einem Schnellzug in ein Fass halbfester Sülze. Die Dinge liefen einfach nicht so schnell in diesem kleinen Büro, und die hochgradige Effizienz, an die Marshall gewöhnt war, musste für seltsame Angewohnheiten vergeudet werden, die zum Ashton Clarion dazuzugehören schienen: zum Beispiel, den Kaffeesatz für den Komposthaufen der Sekretärin zu sammeln.

Am Montagmorgen war hektischer Betrieb und keine Zeit für irgendeinen Wochenendkater. Die Dienstagsausgabe wurde mit Hochdruck vorangetrieben, und die gesamte Mannschaft spürte die Schmerzen der Arbeit. Man hetzte hin und her zwischen den Schreibtischen im Vorderraum und dem Montageraum dahinter, drückte sich aneinander vorbei in dem engen Durchgang, es wurden Konzepte für Artikel und Kleinanzeigen zum Drucken getragen, die Druckfahnen wurden Korrektur gelesen, und man sortierte Fotos nach Inhalt und Größe, um damit die Nachrichtenseiten aufzumachen.

Im hinteren Raum beugten sich – inmitten heller Lichter, überhäufter Schreibtische und hastig umherrennender Menschen – Marshall und Tom über eine riesige, werkbankähnliche Staffelei und stellten den Dienstags-Clarion aus vielen Teilen und Bruchstücken, die überall verstreut schienen, zusammen. Das passt hierher, das nicht, wir müssen es woanders einschieben, dies ist zu groß, was werden wir nehmen, um das zu füllen. Marshall wurde sauer. Jeden Montag und Dienstag wurde er sauer.

„Edie!“, brüllte er, und seine Sekretärin antwortete: „Ich komme.“ Jetzt sagte er ihr zum x-ten Mal: „Die Druckfahnen gehören in den Auslagekasten über dem Tisch, nicht auf den Tisch, nicht auf den Fußboden, nicht auf den …“

„Ich habe keine Druckfahnen auf den Boden gelegt“, protestierte Edie, als sie – mit weiteren Druckfahnen in der Hand – in den Montageraum eilte. Sie war eine resolute kleine Frau um die vierzig, genau die richtige Persönlichkeit, um gegen Marshalls Schroffheit anzukommen. Niemand kannte sich im Büro besser aus als sie, schon gar nicht ihr neuer Chef.

„Ich habe sie in deinen kleinen, süßen Kasten auf dem Schreibtisch getan, genau da, wo du sie hinhaben willst.“

„So, wie kommen sie dann hier auf den Fußboden?“

„Der Wind, Marshall, und erzähle mir nicht, dass du ihn gemacht hast.“

„Gut, Marshall“, sagte Tom, „das passt für Seite drei, vier, sechs, sieben … was ist mit eins und zwei? Was fangen wir mit all dem freien Platz an?“

„Wir werden Bernies Bericht von dem Sommerfest bringen, spannend geschrieben und mit Fotos, die die Leute interessieren, sobald sie hier hereingeschossen kommt und uns alles gibt. Edie!“

„Jawohl!“

„Es ist zum Heulen, Bernie ist schon eine Stunde überfällig! Ruf sie noch mal an, ja?“

„Hab ich gerade getan. Keine Antwort.“

„Mist.“

George, der kleine, pensionierte Setzer, der nur noch aus Spaß an der Freude beim Clarion arbeitete, drehte sich auf seinem Stuhl vor der Setzmaschine um und meinte: „Was ist mit dem Grillfest des Frauenvereins? Ich bin gerade fertig damit, und das Foto von Mrs Marmaselle ist so pikant, dass du eine Klage vom Rechtsanwalt riskierst.“

„Jaaa“, stöhnte Marshall, „gleich auf Seite eins damit. Das ist alles, was ich brauche, einen guten Aufreißer.“

„So, was nun?“, fragte Edie.

„War jemand auf dem Sommerfest?“

„Ich war beim Fischen“, sagte George. „Dieses Fest ist zu wild für mich.“

„Meine Frau würde mich nicht hinlassen“, sagte Tom.

„Ich habe ein bisschen was davon abgekriegt“, sagte Edie.

„Also fang an, etwas darüber zu schreiben“, sagte Marshall. „Das größte Stadtereignis des Jahres – wir müssen einfach etwas darüber bringen.“

Das Telefon klingelte.

„Ob das Telefon mich rettet?“, zwitscherte Edie und nahm den Hörer ab. „Guten Morgen, der Clarion.“ Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf. „Hey, Bernice! Wo bist du?“

„Wo ist sie?“, fragte Marshall gleichzeitig.

Edie hörte zu, und ihr Gesicht füllte sich mit Schrecken.

„Ja … gut, beruhige dich jetzt … sicher … gut, mach dir keine Sorgen, wir werden dich herausholen.“

Marshall drängte: „Wo zum Teufel steckt sie?“

Edie blickte ihn vorwurfsvoll an und antwortete: „Im Gefängnis!“

2

Marshall stürmte in die Zentrale der Polizeistation und wünschte sich augenblicklich, er könnte seine Nase und seine Ohren abnehmen. Hinter dem schwer verriegelten Gitter des Zellenblocks unterschieden sich Geruch und Lärm der völlig überfüllten Zellen kaum vom Volksfest der letzten Nacht. Auf seinem Weg hierher hatte er bemerkt, wie ruhig die Straßen an diesem Morgen waren. Kein Wunder – der ganze Lärm hatte sich in diese sechs Zellen verlagert, und der kalte Beton verstärkte noch den Schall. Hier waren all die Rauschgiftsüchtigen, Raufbolde, Betrunkenen und Störenfriede, die die Polizei in der Stadt auflesen konnte – sie waren alle hier versammelt wie in einem überfüllten Zoo. Einige machten eine Party daraus, pokerten mit schmierigen Karten um Zigaretten und versuchten, sich gegenseitig mit Erzählungen über ihre kriminellen Großtaten zu übertrumpfen. Am Ende der Zellenreihe machte eine Gruppe von Halbstarken obszöne Bemerkungen in Richtung eines Käfigs voller Prostituierter, für die man keinen besseren Platz gefunden hatte. Andere kauerten in Ecken, betrunken, deprimiert – oder beides zugleich. Die Leute starrten Marshall wütend durch die Gitterstäbe an, machten abfällige Bemerkungen, bettelten um Erdnüsse. Er war froh, dass er Kate draußen gelassen hatte.

Jimmy Dunlop, der neue Stellvertreter des Polizeichefs, saß treu an seinem Wachtisch, füllte Formulare aus und trank starken Kaffee.

„Hallo, Mr Hogan“, sagte er. „Sie sind gleich hierhergekommen.“

„Ich konnte nicht warten … und ich wollte nicht warten!“, schnauzte Marshall. Er fühlte sich nicht gut. Dies war sein erstes Sommerfest – und das war schlimm genug –, aber er hätte nicht im Traum daran gedacht, dass das Ende des Ganzen so aussehen würde. Er beugte sich über den Schreibtisch, seine große Gestalt verlagerte sich nach vorne und betonte seine Ungeduld. „Nun?“, forderte er.

„Hmmm?“

„Ich bin hier, um meine Reporterin aus dem Knast zu holen.“

„Sicher, ich weiß das. Haben Sie einen Freilassungsbescheid?“

„Hören Sie. Ich habe bei den Kameraden oben bezahlt. Die sollten Sie hier anrufen.“

„Nun … ich habe nichts davon gehört, und ich muss eine offizielle Anweisung haben.“

„Jimmy …“

„Ja?“

„Ihr Telefon ist ausgehängt.“

„Oh …“

Marshall stellte das Telefon mit einer solchen Wucht genau vor ihn hin, dass es vor Schmerzen zu klingeln begann.

„Rufen Sie sie an.“

Marshall richtete sich auf und beobachtete, wie Jimmy sich verwählte, noch mal wählte und versuchte durchzukommen. Er passt gut zum Rest der Stadt, dachte Marshall, während er sich nervös mit seinen Fingern durch seine langsam ergrauenden roten Haare fuhr. Es war eine nette Stadt, sicher. Niedlich, vielleicht ein bisschen stoffelig, wie ein ungeschicktes Kind, das immer wieder ins Fettnäpfchen tritt. In der Großstadt sind die Dinge in Wirklichkeit auch nicht besser, versuchte er sich klarzumachen.

„Oh, Mr Hogan“, fragte Jimmy, während er seine Hand über der Sprechmuschel hielt, „mit wem haben Sie gesprochen?“

„Kinney.“

„Sergeant Kinney, bitte.“

Marshall war ungeduldig. „Geben Sie mir den Schlüssel für die Tür. Ich will ihr sagen, dass ich hier bin.“

Jimmy gab ihm den Schlüssel. Er hatte bereits erlebt, wie eine Auseinandersetzung mit Marshall Hogan ausgehen würde.

Höhnische Willkommensgrüße schallten Marshall entgegen – zusammen mit herausgeschnippten Zigarettenkippen und gepfiffenen Marschtönen –, als er an den Zellen vorbeiging.

Er verlor keine Zeit, um die Zelle zu finden, die er suchte.

„In Ordnung, Krueger, ich weiß, du bist da drinnen.“

„Komm und hol mich raus, Hogan“, kam die Antwort einer verzweifelten und irgendwie empört klingenden Frauenstimme vom Ende der Zelle.

„Gut, hebe deinen Arm, winke oder mach dich irgendwie anders bemerkbar!“

Eine Hand zwängte sich durch die Körper und Gitterstäbe hindurch und winkte verzweifelt. Er ging hin, gab der Handfläche einen Klaps und stand Bernice Krueger gegenüber, seiner preisgekrönten Kolumnistin und Reporterin. Sie war eine junge, attraktive Frau in ihren Mittzwanzigern, hatte zerzauste braune Haare und trug eine große Brille mit Drahtgestell, die jetzt schmutzig war. Sie hatte offensichtlich eine harte Nacht hinter sich und befand sich jetzt in Gesellschaft von mindestens einem Dutzend Frauen – einige davon älter, einige erschreckend jünger, die meisten Prostituierte. Marshall wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.

„Offen gesagt – du siehst furchtbar aus“, sagte er.

„Nur wegen meiner neuen Beschäftigung. Ich bin jetzt eine Nutte.“

„Ja, genau, eine von uns“, kreischte ein untersetztes Mädchen. Marshall verzog sein Gesicht und schüttelte den Kopf. „Was für Fragen hast du bloß dort draußen gestellt?“

„Im Moment finde ich nichts witzig. Nichts von den Ereignissen der letzten Nacht ist lustig. Ich lache nicht, ich koche vor Wut. Der Auftrag war eine Beleidigung erster Klasse.“

„Schau, irgendwer musste doch über das Volksfest berichten.“

„Aber wir hatten ganz recht mit unserer Vermutung; es gab nichts Neues unter der Sonne noch unter dem Mond, der da schien.“

„Du wurdest immerhin verhaftet“, bot Marshall an.

„Damit die Leser mit einer skandalösen Titelgeschichte gepackt werden. Was gäbe es sonst noch darüber zu schreiben?“

„Lies es mir vor.“

Ein spanisches Mädchen aus dem Hintergrund der Zelle schlug vor: „Sie versuchte, ein Geschäft zu machen – und erwischte den Falschen“, worauf der ganze Zellenblock schallend zu lachen und zu grölen begann. „Ich verlange, freigelassen zu werden“, fauchte Bernice. „Und bist du zur Salzsäule erstarrt? Tu gefälligst was!“

„Jimmy telefoniert gerade mit Kinney. Ich habe deine Kaution bezahlt. Wir werden dich hier herausholen.“

Bernice brauchte einen Moment, um sich zu beruhigen, und berichtete dann: „Um deine Frage zu beantworten, ich habe kurze Interviews gemacht, ich habe versucht, einige gute Bilder zu bekommen, gute Zitate, irgendwas Gutes. Ich vermute, dass Nancy und Rosie hier“, sie schaute hinüber zu zwei jungen Damen, die Zwillinge sein könnten, und die beiden lächelten Marshall an, „sich wunderten, was ich da machte, indem ich ständig das Volksfest umkreiste und verwirrt aussah. Sie führten ein Gespräch mit mir, das uns wirklich nichts Neues brachte, aber wir kamen in Schwierigkeiten, als Nancy einen Polizisten in Zivil anmachte und wir alle eingesperrt wurden.“

„Ich dachte, sie würde es bringen“, spöttelte Nancy, und Rosie gab ihr einen freundschaftlichen Stoß.

Marshall fragte: „Und du hast ihm nicht deinen Presseausweis gezeigt?“

„Er gab mir keine Gelegenheit! Ich sagte ihm, wer ich war.“

„Gut, hörte er dich an?“ Marshall fragte die Mädchen: „Hörte er sie an?“

Sie zuckten nur mit den Achseln, aber Bernice erhob ihre Stimme und schrie: „Ist diese Stimme laut genug für dich? Ich setzte sie letzte Nacht ein, während er mir Handschellen anlegte!“

„Willkommen in Ashton.“

„Ich werde mir seine Dienstnummer besorgen!“

„Das wird nicht viel bringen.“ Hogan hielt seine Hand hoch, um einen weiteren Ausbruch zu stoppen. „Hör zu, es ist den Ärger nicht wert …“

„Da bin ich ganz anderer Meinung!“

„Bernie …“

„Ich würde da liebend gerne etwas drucken, vier Spalten lang, alles über diesen Superpolizisten und Nichtsnutz von einem Polizeichef! Wo ist er überhaupt?“

„Wer, meinst du Brummel?“

„Er hat sich unsichtbar gemacht, weißt du. Er weiß, wer ich bin. Wo ist er?“

„Ich weiß nicht. Ich konnte ihn heute morgen nicht erreichen.“

„Und er ist letzte Nacht abgehauen!“

„Worüber redest du?“

Plötzlich verstummte sie, aber Marshall las klar in ihrem Gesicht: Denk daran, dass du mich später fragst.

Gerade da öffnete sich die große Tür, und Jimmy Dunlop kam herein.

„Wir besprechen das später“, sagte Marshall. „Alles klar, Jimmy?“

Die Schreie, Forderungen, Pfiffe und Sticheleien, die aus den Zellen kamen, beschäftigten Jimmy so sehr, dass er keine Antwort geben konnte. Aber er hatte den Zellenschlüssel in der Hand, und das sagte genug.

„Treten Sie bitte von der Tür zurück“, befahl er.

„Hey, wann kommst du endlich aus dem Stimmbruch raus?“, schrie ihm jemand entgegen. Die Zelleninsassen entfernten sich von der Tür. Jimmy schloss auf, Bernice trat schnell hinaus, und er schlug die Tür gleich wieder hinter ihr zu.

„Okay“, sagte er, „Sie sind frei gegen Kaution. Sie werden wegen Ihres Vernehmungstermines benachrichtigt.“

„Geben Sie mir sofort meine Handtasche, meinen Presseausweis, mein Notizbuch und meine Kamera!“, zischte Bernice und steuerte auf den Ausgang zu.

Kate Hogan, eine schlanke, elegante, rothaarige Frau, hatte versucht, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, während sie oben in der Eingangshalle des Gerichtsgebäudes wartete. Hier gab es, nachdem das Fest zu Ende war, viel zu beobachten, auch wenn es nicht gerade angenehm war: einige jämmerliche Seelen wurden hereingeschleppt, wobei sie den ganzen Weg gegen ihre Handschellen kämpften und schmutzige Bemerkungen ausstießen; andere wurden jetzt entlassen, nachdem sie eine Nacht hinter Gittern verbracht hatten. Es sah fast wie der Schichtwechsel in einer absonderlichen Fabrik aus. Die erste Schicht ging, irgendwie belämmert, ihre dürftigen Habseligkeiten in kleinen Papierbeuteln verpackt, und die zweite Schicht kam herein, alle gefesselt und empört. Die meisten Polizeibeamten waren Fremde, die von woanders hergekommen waren, sie mussten Überstunden machen, um die kleine Ashtoner Mannschaft zu verstärken, und sie wurden nicht dafür bezahlt, um lieb oder höflich zu sein.

Die Dame mit den ausgeprägten Hängebacken am Hauptschreibtisch hatte zwei brennende Zigaretten in ihrem Aschenbecher, aber sie hatte – angesichts des Papierbergs auf ihrem Schreibtisch, der mit jeder Person, die kam oder ging, weiterwuchs – kaum Zeit, überhaupt einen Zug zu nehmen. In Kates Augen sah das Ganze sehr hektisch und schlampig aus. Es gab da ein paar billige Rechtsanwälte, die ihre Ausweise vorzeigten, aber eine Nacht im Gefängnis schien die ganze Strafe für all diese Leute gewesen zu sein, und nun wollten sie nur in Ruhe aus der Stadt verschwinden.

Kate schüttelte unbewusst den Kopf. Sie dachte an die arme Bernice, die mit solch einem Pöbel zusammengepfercht war. Sie musste wütend sein.

Sie fühlte einen starken, aber sanften Arm um sich, und sie ließ sich in seine Umarmung sinken.

„Mmmmmm“, sagte sie, „das ist jetzt eine gelungene Abwechslung.“

„Ich brauche irgendeine Aufmunterung nach dem, was ich da unten gesehen habe“, sagte Marshall zu ihr.

Sie legte ihren Arm um ihn. „Ist das jedes Jahr so?“, fragte sie.

„Nein, ich höre, es wird jedes Mal schlimmer.“ Kate schüttelte wieder den Kopf, und Marshall fügte hinzu: „Aber der Clarion wird etwas darüber zu sagen haben. Ashton könnte eine Richtungsänderung vertragen; die Leute sollten in der Lage sein, dies jetzt zu sehen.“

„Wie geht es Bernice?“

„Sie wird für eine Weile ganz schön Dampf machen in der Redaktion. Sie ist in Ordnung. Sie wird es überleben.“

„Wirst du mit jemandem darüber sprechen?“

„Alf Brummel ist nicht in der Gegend. Er ist schlau. Aber ich werde ihn mir heute noch vorknöpfen und sehen, was ich tun kann. Und ich hätte gerne meine 25 Dollar zurück.“

„Nun, er wird sehr beschäftigt sein. Ich würde es hassen, an einem solchen Tag der Polizeichef sein zu müssen.“

„Oh, er wird es noch mehr hassen, wenn ich ihm dabei helfen werde.“

Bernice’ Rückkehr von einer Nacht der Einkerkerung wurde durch ihre ärgerliche Miene und durch staksige, abgehackte Schritte auf dem Linoleumboden zum Ausdruck gebracht. Sie trug ebenfalls eine Papiertasche, in der sie wütend herumwühlte, um zu prüfen, ob alles da sei.

Kate streckte ihre Anne aus, um Bernice tröstend zu umarmen.

„Bernice, wie geht es dir?“

„Brummels Name wird bald Dreck sein, der Name des Bürgermeisters wird Kuhmist sein, und ich kann gar nicht drucken, was der Name des Polizisten sein wird. Ich bin empört, ich habe wahrscheinlich eine Verstopfung, und ich brauche dringend ein Bad.“

„Gut“, sagte Marshall, „nimm deine Schreibmaschine mit in die Badewanne und schreibe den Bericht. Ich brauche diese Sommerfestgeschichte für die Dienstagsausgabe.“

Plötzlich kramte Bernice in ihren Taschen, holte ein Knäuel Toilettenpapier heraus und drückte es Marshall in die Hand.

„Ihre Lokalreporterin, immer im Dienst“, sagte sie. „Was sonst hätte ich zu tun gehabt, außer die Wände anzustarren und in der Toilettenschlange zu warten? Ich denke, du wirst das Aufgeschriebene sehr anschaulich finden, und ich habe ein spontanes Interview mit einigen eingesperrten Nutten als besondere Würze beigefügt. Wer weiß? Vielleicht wird es diese Stadt aufrütteln.“

„Irgendwelche Fotos?“, fragte Marshall.

Bernice händigte ihm einen Film aus. „Wahrscheinlich findest du darauf etwas, das du gebrauchen kannst. Ich habe noch einen Film in der Kamera, aber der ist mehr für mich persönlich interessant.“ Marshall lächelte. Er war beeindruckt. „Nimm den Tag auf meine Kosten frei. Morgen wird alles besser aussehen.“

„Vielleicht habe ich dann meine berufliche Sachlichkeit wieder.“

„Du wirst auf jeden Fall besser riechen.“

„Marshall!“, sagte Kate.

„Ist schon in Ordnung“, sagte Bernice. „So etwas bekomme ich ständig von ihm verabreicht.“ Jetzt hatte sie ihre Handtasche, ihren Presseausweis und die Kamera wiedergefunden, und sie warf die zusammengeknüllte Papiertasche verächtlich in einen Abfalleimer.

„So, wie sieht’s mit einem Auto aus?“

„Kate hat dein Auto mitgebracht“, erklärte Marshall. „Wenn du sie heimbringen könntest, wäre das für mich am günstigsten. Ich muss in der Redaktion einige Dinge erledigen und dann versuchen, Brummel ausfindig zu machen.“

Bernice’ Gedanken kamen in Fahrt. „Brummel, richtig! Ich muss mit dir reden.“

Sie zog Marshall auf die Seite, ehe er Ja oder Nein sagen konnte, und er warf Kate nur einen entschuldigenden Blick zu, bevor er und Bernice hinter einer Ecke verschwanden. Bernice sprach mit gesenkter Stimme. „Wenn du heute an den Polizeichef Brummel herantrittst, möchte ich, dass du weißt, was ich weiß.“

„Außer dem, was offensichtlich ist?“

„Dass er ein Blödmann, ein Feigling und eine linke Bazille ist? Ja, außer dem. Es sind Bruchstücke, zusammenhanglose Beobachtungen, aber vielleicht ergeben sie eines Tages einen Sinn. Du hast immer gesagt, man muss ein Auge für die kleinen Einzelheiten haben. Ich denke, dass ich deinen Pastor und ihn zusammen sah, gestern Nacht auf dem Volksfest.“

„Pastor Young?“

„Ashton United Christian Church, richtig? Vorsitzender der örtlichen Geistlichkeit, er unterstützt religiöse Toleranz und verurteilt Grausamkeit gegen Tiere.“

„Ja, okay.“

„Aber Brummel geht nicht einmal in eure Kirche, oder?“

„Nein, er geht in diese winzig kleine Gemeinde.“

„Sie waren hinter dieser Wurfpfeilbude, im Halbdunkel mit drei anderen Leuten: irgendeine blonde Frau, irgendein kleiner, dicklicher Typ und eine gespenstische schwarzhaarige Xanthippe mit einer Sonnenbrille. Eine Sonnenbrille in der Nacht!“

Marshall war nicht beeindruckt.

Sie fuhr fort, so als ob sie ihm etwas verkaufen wollte. „Ich denke, dass ich eine Todsünde gegen sie begangen habe: Ich habe ein Bild von ihnen geschossen, und dies wollten sie auf gar keinen Fall. Brummel war sehr aufgebracht und stotterte. Young gebot mir mit erhobener Stimme zu verschwinden: ‚Dies ist ein privates Treffen.‘ Der dickliche Typ drehte sich weg, und die gespenstische Frau starrte mich nur mit offenem Mund an.“

„Hast du dir überlegt, wie dir dies alles vorkommen mag nach einem guten Bad und einer durchschlafenen Nacht?“

„Lass mich kurz zu Ende erzählen, und dann werden wir weitersehen, in Ordnung? Nun, genau nach diesem kleinen Zwischenfall haben sich Nancy und Rosie an mich gehängt. Ich will damit sagen, ich habe sie nicht angesprochen, sondern sie mich, und bald darauf war ich bereits eingesperrt, und meine Kamera war beschlagnahmt.“

Sie merkte, dass sie bei ihm nicht durchkam. Er schaute ungeduldig umher und war dabei, wieder zur Eingangshalle zurückzugehen.

„In Ordnung, in Ordnung, nur noch eine Sache“, sagte sie, während sie versuchte, ihn festzuhalten. „Brummel war da, Marshall. Er sah das Ganze.“

„Welches Ganze?“

„Meine Verhaftung! Ich versuchte, dem Polizisten zu erklären, wer ich war, ich versuchte, ihm meinen Presseausweis zu zeigen, er dagegen nahm nur meine Handtasche und Kamera weg und legte mir Handschellen an, und ich schaute wieder zu der Wurfpfeilbude hinüber und sah, wie Brummel alles beobachtete. Er trat schnell außer Sicht, aber ich schwöre, dass ich gesehen habe, wie er das Ganze beobachtete! Marshall, ich habe die ganze Nacht darüber nachgegrübelt, ich habe es wieder und wieder durchgespielt, und ich denke … nun, ich weiß nicht, was ich denken soll, aber es hat etwas zu bedeuten.“

„Um die Szene zu vervollständigen“, bemerkte Marshall, „der Film aus deiner Kamera ist verschwunden.“

Bernice sah nach. „Oh, er ist noch in der Kamera, aber dies bedeutet gar nichts.“

Hogan seufzte und dachte nach. „Okay, verknipse den Rest des Films und versuche, etwas aufzunehmen, das wir verwenden können, in Ordnung? Dann entwickle den Film – und wir werden sehen. Können wir jetzt gehen?“

„Habe ich jemals zuvor irgend etwas Unüberlegtes, Dummes oder Übertriebenes getan?“

„Aber sicher hast du das.“

„Ah, komm jetzt! Dieses eine Mal schenke mir noch ein wenig Gnade.“

„Ich versuche, ein Auge zuzudrücken.”

„Deine Frau wartet.“

„Ich weiß, ich weiß.“

Marshall wusste nicht genau, was er Kate sagen sollte, als sie wieder bei ihr waren.

„Entschuldige …“, murmelte er nur.

„Nun dann“, sagte Kate, indem sie versuchte, da fortzufahren, wo ihr Gespräch aufgehört hatte, „wir sprachen über Fahrzeuge. Bernice, ich habe dein Auto hierhergefahren, sodass du damit heimfahren kannst. Wenn du mich zu Hause absetzen würdest …“

„Ja, richtig, richtig“, sagte Bernice.

„Und, Marshall, ich muss heute Nachmittag viel erledigen. Kannst du Sandy von ihrer Psychologievorlesung abholen?“

Marshall sagte kein Wort, aber sein Gesicht zeigte ein schallendes Nein. Kate nahm einen Schlüsselbund aus ihrer Handtasche und gab ihn Bernice. „Dein Auto steht gerade um die Ecke, nahe bei unserem an dem Presseparkplatz. Warum bringst du es nicht her?“

Bernice verstand und ging hinaus. Kate legte ihren Arm liebevoll um Marshall und suchte für einen Augenblick sein Gesicht.

„Hey, komm. Versuche es. Nur einmal.“

„Aber Hahnenkämpfe sind verboten in diesem Staat. Ich weiß nicht, wo ich anfangen sollte“, sagte er.

„Nur die Tatsache, dass du dort bist, um sie abzuholen, wird etwas bedeuten. Setze darauf.“

Als sie zur Tür gingen, schaute Marshall umher und ließ sein inneres Gespür die Dinge ausloten.

„Wirst du aus dieser Stadt schlau, Kate?“, sagte er schließlich. „Es ist wie eine Krankheit. jeder hier leidet an derselben unheimlichen Krankheit.“

Ein sonniger Morgen lässt die Probleme der vorherigen Nacht immer weniger ernst erscheinen. Dies dachte Hank Busche, als er seine vordere Terrassentür aufstieß und auf die kleine betonierte Veranda hinaustrat. Er wohnte zur Miete in einem kleinen, günstigen Haus nicht weit von der Kirche, eine weiße Schachtel, die man in einer Ecke aufgestellt hatte, mit abgeschrägten Seitenwänden, einem winzigen abgegrenzten Hof und bemoosten Dach. Es war nicht viel, und oft schien es weit weniger, aber es war alles, was er sich von seinem Pastorengehalt leisten konnte. Nun, er beklagte sich nicht. Er und Mary fühlten sich wohl, sie hatten ein Dach über dem Kopf, und der Morgen war wunderschön.

Dies war der Tag, an dem sie ausschlafen konnten, und zwei Milchtüten warteten am Fuße der Treppe. Er griff danach und freute sich auf eine Schüssel milchdurchtränkter Cornflakes, ein bisschen Ablenkung von seinen Anfechtungen und Bedrängnissen.

Er hatte auch vorher schon viele Schwierigkeiten kennengelernt. Sein Vater war wie er Pastor gewesen, und während Hank aufwuchs, waren die beiden durch eine Vielzahl von Siegen und Mühen gegangen, wie es eben zu einem solchen Beruf dazugehört. Hank wusste seit seiner Jugend, dass er diese Art zu leben auch für sich selbst wollte, dass er auf diese Weise dem Herrn dienen wollte. Für ihn war die Gemeinde immer ein sehr aufregender Arbeitsplatz gewesen, es war begeisternd, seinem Vater in den früheren Jahren zu helfen, es gefiel ihm, durch die Bibelschule und Seminare zu gehen und dann zwei Jahre praktischer pastoraler Ausbildung zu absolvieren. Es war jetzt auch aufregend, aber es ähnelte der Heiterkeit, welche die Texaner in der Schlacht von Alamo gefühlt haben mussten. Hank war gerade 26 und gewöhnlich voller Feuer; aber diese Pastorenstelle, seine allererste, schien ein schwieriger Platz dafür zu sein, das Feuer weiter auszubreiten. Es war so, als hätte jemand alle Zündhölzer durchnässt, und er wusste noch nicht, was er in einer solchen Situation machen sollte. Aus irgendeinem Grund wurde er als Pastor in diese Gemeinde gerufen, was bedeutete, dass irgendjemand seine Art des Dienstes wollte, aber dann gab es da all die anderen, die es … aufregend machten. Sie machten es aufregend, wann immer er von Buße predigte; sie machten es aufregend, wann immer er Sünde in der Gemeinschaft anprangerte; sie machten es aufregend, wann immer er das Kreuz und die Botschaft der Errettung predigte. An diesem Punkt war es mehr Hanks Glaube und seine Gewissheit, dass er genau an dem Ort war, wo ihn Gott haben wollte, als irgendeine andere Tatsache, die ihn standhaft bei seinen Gewehren ausharren ließ, während auf ihn geschossen wurde. Ah, gut, dachte Hank, freue dich wenigstens an dem Morgen. Der Herr hat ihn genau für dich gemacht.

Wäre er ins Haus zurückgegangen, ohne sich zuvor umzudrehen, so hätte er sich vor einem Gräuel verschont und sich seinen erfrischten Geist bewahrt. Aber er drehte sich um und bemerkte sofort die riesigen, schwarzen, triefenden Buchstaben, die auf die Hauswand gesprüht waren: „DU BIST TOTES FLEISCH …“ Das letzte Wort war eine Obszönität. Seine Augen sahen es, schwenkten dann langsam von einer Seite des Hauses zur anderen und nahmen alles auf. Alles, was er tun konnte, war dies: einen Moment lang einfach dazustehen, sich zu fragen, wer dies getan haben könnte; dann sich zu fragen, warum; dann sich zu fragen, ob es jemals herauskommen würde. Er schaute genauer hin und berührte die Buchstaben mit seinen Fingern. Es musste während der Nacht gemacht worden sein, die Farbe war ziemlich trocken.

„Liebling“, kam Marys Stimme von drinnen, „du hast die Tür offen gelassen.“

„Mmmmmm …“, war alles, was er sagen konnte, da er im Moment keine besseren Worte fand. Er wollte nicht, dass sie es erfuhr. Er ging wieder hinein, schloss die Tür fest zu und setzte sich zu seiner jungen, schönen, langgelockten Mary, die schon eine Schüssel mit Cornflakes und einige heiße, mit Butter bestrichene Toastbrote auf den liebevoll gedeckten Tisch gestellt hatte.

Hier war der sonnige Fleck in einem wolkigen Himmel für Hank, diese ausgelassene kleine Frau mit dem melodischen Kichern. Sie war eine Puppe, aber sie hatte auch echten Mumm. Hank bedauerte oft, dass sie durch all die Kämpfe, in denen sie jetzt standen, gehen musste – sie hätte ja auch irgendeinen abgesicherten, langweiligen Buchhalter oder Versicherungskaufmann heiraten können –, aber sie war eine großartige Unterstützung für ihn, sie glaubte immer, dass Gott das Beste aus einer Sache machen würde, und sie glaubte auch immer an Hank.

„Was ist passiert?“, fragte sie sofort.

Oh, Mann! Da tut man, was man kann, um es zu verstecken, man versucht, sich möglichst normal zu verhalten, aber sie findet es immer noch raus, dachte Hank.

„Mmmmm …“, begann er.

„Immer noch beunruhigt wegen der Kirchenvorstandssitzung?“

Da ist dein Ausweg, Busche. „Sicher, ein bisschen.“

„Ich habe dich nicht einmal nach Hause kommen hören. Dauerte die Versammlung so lange?“

„Nein. Alf Brummel musste zu einer wichtigen Verabredung, über die er nicht reden wollte, und die anderen sagten nur – na, du weißt schon, was sie mir sagen wollten – und gingen nach Hause. Sie ließen mich allein zurück, damit ich meine Wunden lecken konnte. Ich betete eine Zeit lang. Ich denke, dass es half. Ich fühlte mich danach in Ordnung.“ Er strahlte jetzt sogar ein wenig. „Tatsächlich habe ich wirklich gefühlt, dass mich der Herr letzte Nacht getröstet hat.“

„Ich meine immer noch, dass sie sich eine komische Zeit ausgesucht haben, um eine Vorstandssitzung einzuberufen, genau während des Festes“, sagte sie.

„Und auch noch am Sonntagabend!“, sagte er, während er einen Löffel Cornflakes in seinen Mund schob. „Und jetzt haben sie auch noch eine Gemeindeversammlung einberufen.“

„Über dieselbe Sache?“

„Ah, ich denke, dass sie Lou nur als Ausrede benutzen, um Ärger zu machen.“

„Gut, was hast du ihnen gesagt?“

„Immer wieder dasselbe. Wir taten nur, was die Bibel sagt: Ich ging zu Lou, dann gingen John und ich zu Lou, dann brachten wir es vor den Rest der Gemeinde, und dann haben wir, nun, wir haben ihn aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.“

„Gut, es scheint das zu sein, was die Gemeinde beschlossen hat. Aber warum kann der Vorstand nicht damit übereinstimmen?“

„Sie können nicht lesen. Steht nicht in den Zehn Geboten etwas über Ehebruch?“

„Ich weiß, ich weiß.“

Hank legte seinen Löffel ab, sodass er besser gestikulieren konnte. „Und sie waren auf mich sauer letzte Nacht! Sie fingen an, mir etwas davon zu erzählen, dass ich nicht richten sollte, damit ich nicht selbst gerichtet werde …“

„Wer tat das?“

„Oh, dasselbe alte Alf-Brummel-Lager: Alf, Sam Turner, Gordon Mayer … du weißt, die alte Garde.“

„Nun, lass nicht zu, dass sie dich umwerfen!“

„Sie werden auf keinen Fall meine Meinung ändern. Ich weiß jedoch nicht, inwiefern dies meinen Arbeitsplatz sicher macht.“

Jetzt wurde Mary aufgebracht. „Nun, was stimmt eigentlich bei Alf Brummel nicht? Hat er was gegen die Bibel, die Wahrheit – oder was?“

„Jesus liebt ihn, Mary“, sagte Hank behutsam. „Es ist einfach, dass er sich überführt fühlt. Er ist schuldig, er ist ein Sünder, er weiß es, und solche Burschen wie ich werden solche Burschen wie ihn immer beunruhigen. Der letzte Pastor predigte das Wort Gottes, und Alf gefiel es nicht. Nun predige ich das Wort Gottes, und es gefällt ihm immer noch nicht. Er hat einen großen Einfluss in dieser Gemeinde, deshalb vermute ich, dass er denkt, er kann bestimmen, was von dieser Kanzel kommt.“

„Nun, das kann er nicht.“

„Auf jeden Fall nicht, solange ich Pastor bin.“

„Warum geht er nicht einfach woanders hin?“

Hank erhob dramatisch seinen Finger. „Das, teure Frau, ist eine gute Frage! Es scheint eine Methode in seiner Verrücktheit zu sein, so als ob es seine Lebensberufung sei, Pastoren zu vernichten.“

„Es ist nur ein Bild, das sie von dir malen. Du bist eben nicht so!“

„Hmmmm … ja, ein Bild. Bist du bereit?“

„Wofür bereit?“

Hank atmete tief ein, seufzte und schaute seine Frau an. „Wir hatten einige Besucher letzte Nacht. Sie – sie malten einen Spruch auf unsere Hauswand.“

„Was? Unser Haus?“

„Nun … das Haus unseres Vermieters.“

Sie stand auf. „Wo?“ Sie ging zur Tür hinaus, ihre Hausschuhe schlurften über den Boden.

„Oh, nein!“

Hank ging zu ihr hin, und sie sogen den Anblick gemeinsam ein. Es war noch da, so real wie vorher.

„Nun, das macht mich wahnsinnig!“, erklärte sie, aber jetzt weinte sie. „Was haben wir jemals irgendjemandem getan?“

„Ich glaube, wir haben gerade darüber geredet“, sagte Hank.

Mary verstand nicht, was er sagte, aber sie hatte ihre eigene Theorie, die augenfälligste. „Vielleicht das Sommerfest … es bringt immer in jedem das Schlechteste zum Vorschein.“

Hank hatte seine eigene Theorie, aber er sagte nichts. Es musste jemand aus der Gemeinde sein, dachte er. Man hatte ihn vieles geheißen: einen Fanatiker, einen Nestbeschmutzer, einen gesetzlichen Unruhestifter. Er wurde sogar beschuldigt, ein Homosexueller zu sein, und dass er seine Frau schlage. Irgendein verärgertes Gemeindemitglied konnte das getan haben, vielleicht ein Freund von Lou Stanley, dem Ehebrecher, vielleicht Lou selbst. Wahrscheinlich würde er es nie erfahren, aber das war in Ordnung. Gott wusste Bescheid.

3

Nur ein paar Meilen östlich der Stadt raste auf dem Highway 27 eine große schwarze Limousine durch die Gegend. Auf dem Plüschrücksitz besprach ein dicklicher Mann mittleren Alters Geschäftliches mit seiner Sekretärin, einer großen und schlanken Frau mit langen kohlschwarzen Haaren und blasser Gesichtsfarbe. Er sprach lebhaft und akzentuiert, während sie fließend mitstenografierte. Es ging um irgendein großes Geschäft. Dann fiel dem Mann etwas ein.

„Das erinnert mich an etwas“, sagte er, und die Sekretärin schaute von ihrem Notizblock auf. „Die Professorin behauptet, sie habe mir vor einiger Zeit ein Päckchen geschickt, aber ich kann mich nicht daran erinnern, es jemals empfangen zu haben.“

„Was für ein Päckchen?“

„Ein kleines Buch. Ein persönliches Stück. Warum machst du dir nicht eine Notiz, um es nachzuprüfen, wenn wir zurück auf der Ranch sind?“

Die Sekretärin öffnete ihre Aktentasche und schien eine Notiz zu machen. Tatsächlich schrieb sie jedoch nichts auf.

Es war Marshalls zweiter Besuch im Gerichtsgebäude am gleichen Tag. Das erste Mal, um Bernice gegen Kaution herauszuholen, und nun, um dem Mann, den Bernice aufhängen wollte, einen Besuch abzustatten: Alf Brummel, dem Chef der Polizei. Nachdem der Clarion endlich druckreif war, wollte Marshall Brummel anrufen, aber Sara, Brummels Sekretärin, kam Marshall mit einem Anruf zuvor und vereinbarte einen Termin für 14 Uhr. Dies war ein guter Schachzug, dachte Marshall. Brummel bot einen Waffenstillstand an, bevor die Panzer zu rollen begannen.

Er stellte seinen Wagen auf den reservierten Parkplatz vor dem neuen Gerichtsgebäude und blieb neben seinem Auto stehen, schaute die Straße rauf und runter und musterte die Überbleibsel des Festival-Schlachtfeldes von Sonntagnacht. Die Main Street versuchte, wieder dieselbe alte Main Street zu werden, aber in Marshalls Augen, die zu unterscheiden gelernt hatten, schien die ganze Stadt zu hinken, irgendwie war sie müde, wund und schwerfällig. Das gewöhnliche Geschnatter der halbgeschäftigen Fußgänger wurde oft unterbrochen, man schaute, schüttelte den Kopf und bedauerte. Seit Generationen war Ashton stolz auf seine traditionelle Wärme und Würde, und es hatte sich bemüht, ein Ort zu sein, in dem die Kinder der Stadt behütet aufwachsen konnten. Aber nun gab es innere Tumulte, Unruhen, Ängste, als ob irgendeine Art von Krebs die Stadt auffressen wollte und sie unsichtbar zerstörte. Äußerlich gab es Schaufenster, die durch Sperrholz ersetzt waren, jede Menge aufgebrochener Parkuhren, Abfälle und zerbrochenes Glas überall auf der Straße. Aber während die Ladenbesitzer den Schutt wegräumten, schien sich eine unausgesprochene Gewissheit breitzumachen, dass die inneren Probleme bleiben würden: der Ärger würde weitergehen. Verbrechen nahmen immer mehr zu, besonders unter der Jugend; einfaches, gewöhnliches Vertrauen in die Nachbarn verschwand langsam; noch nie zuvor war die Stadt so voller Gerüchte, Skandale und schlechtem Gerede gewesen. Im Schatten von Angst und Misstrauen verlor das Leben hier Schritt für Schritt seine Freude und Einfachheit, und niemand schien zu wissen, warum und wieso.

Marshall betrat den Courthouse Square. An diesem Platz standen zwei Gebäude, geschmackvoll von Weiden und Büschen umgeben, und vor den Gebäuden war ein öffentlicher Parkplatz. Auf der einen Seite war das zweistöckige Gerichtshaus aus Backstein, das auch die Stadtpolizei und den heruntergekommenen Zellenblock beherbergte; eines der drei Polizeiautos, die die Stadt besaß, war außen geparkt. Auf der anderen Seite war die zweistöckige Stadthalle mit ihrer Glasfront, welche das Bürgermeisterbüro, den Stadtrat und andere Entscheidungsträger beherbergte. Marshall wandte sich dem Gerichtsgebäude zu.

Er ging durch den schlichten Eingang, an dem „Polizei“ zu lesen war, und fand die kleine Empfangshalle leer. Er konnte Stimmen aus dem Hintergrund der Halle und hinter einer der verschlossenen Türen hören, aber Sara, die Sekretärin, schien gerade außerhalb des Raumes zu sein.

Nein – hinter der aufpolierten Empfangstheke bewegte sich ein riesiger Karteikasten langsam vor und zurück, und Stöhnen und Seufzer kamen von unten hoch. Marshall lehnte sich über die Theke und wurde Zeuge einer komischen Szene. Sara war, ohne Rücksicht auf ihr Kleid, auf die Knie gegangen und mitten in einem Kampf mit einer eingeklemmten Karteikastenschublade, die sich an ihrem Schreibtisch verheddert hatte. Offensichtlich war der augenblickliche Punktestand 3:0 für die Karteikastenschublade gegen Saras Schienbeine, und Sara war eine arme Verliererin. Ebenso ihre Strumpfhose.

Sie stieß einen üblen Fluch aus, dann fiel ihr Blick auf Marshall – aber da war es schon zu spät, um ihr gewöhnlich gelassenes Image zu retten.

„Oh, hallo, Marshall …“

„Zieh das nächste Mal deine Kampfstiefel an. Sie sind besser, um damit auf etwas einzutreten.“

Wenigstens kannten sie sich beide, und Sara war froh darüber. Marshall war oft genug hier gewesen, um mit den meisten Leuten vertraut zu werden.

„Dies“, sagte sie mit dem Tonfall eines Fremdenführers, „sind die berüchtigten Karteikästen von Mr Alf Brummel, Chef der Polizei. Er hat gerade einige fantastische neue Karteischränke bekommen, und so habe ich diese geerbt! Warum sie ausgerechnet in meinem Büro sein müssen, geht über mein Auffassungsvermögen, aber gemäß seinem ausdrücklichen Befehl müssen sie hierbleiben!“

„Sie sind zu hässlich, um in sein Büro zu kommen.“

„Aber was soll’s … du kennst ihn ja. Oh, gut, vielleicht wird diese kleine Ortsveränderung sie aufheitern. Wenn sie schon hierher müssen, dann könnten sie wenigstens lächeln.“

In diesem Moment summte die Sprechanlage. Sie drückte den Knopf und antwortete.

„Ja, Sir?“

Brummels Stimme quäkte aus dem kleinen Lautsprecher: „Hey, mein Sicherheitsalarm leuchtet auf …“

„Entschuldigung, das war ich. Ich habe versucht, eine Ihrer Karteikastenschubläden zu schließen.“

„Ja, richtig. Gut, bringen Sie die Sache wieder in Ordnung, ja?“

„Marshall Hogan ist hier, um Sie zu sprechen.“

„Oh, richtig. Schicken Sie ihn herein.“

Sie schaute zu Marshall hoch und schüttelte übertrieben ihren Kopf.

„Hast du eine freie Stelle für eine Sekretärin?“, murmelte sie. Marshall lächelte. Sie erklärte: „Er hat diese Karteikästen gerade neben dem leisen Alarmknopf aufgestellt. Jedes Mal, wenn ich eine Schublade aufziehe, wird das Gebäude umstellt.“

Mit einem Abschiedswinken ging Marshall zur nächsten Bürotür und trat in Brummels Büro ein. Alf Brummel stand auf und streckte seine Hand aus, während sein Gesicht sich zu einem breiten, strahlenden Lächeln verzog.

„Hallo, da ist der Mann!“

„Hallo, Alf.“

Sie gaben sich die Hand, wobei Brummel Marshall hereingeleitete und die Tür schloss. Brummel war ein Mann irgendwo in seinen Dreißigern, alleinstehend, ein ehemals toller Stadtpolizist mit einem großspurigen Lebensstil, der seinem Polizistengehalt eigentlich nicht entsprach. Er gab sich immer als guter Kumpel, aber Marshall vertraute ihm nie wirklich. Er konnte ihn nicht leiden, wenn er ehrlich war. Es war zu viel des Zähnezeigens ohne jeden Grund.

„Nun.“ Brummel grinste. „Nimm Platz, nimm Platz.“ Bevor die beiden richtig saßen, sprach er schon wieder. „Es sieht so aus, als hätten wir an diesem Wochenende einen lächerlichen Fehler gemacht.“

Marshall rief sich den Anblick seiner Reporterin, die eine Zelle mit Prostituierten teilen musste, wieder ins Gedächtnis zurück.

„Bernice hat die ganze Nacht nicht gelacht, und ich bin 25 Dollar los.“

„Nun“, sagte Brummel, wobei er in seine Schreibtischschublade griff, „deswegen haben wir dieses Treffen, um das Ganze zu bereinigen. Hier.“ Er zog einen Scheck hervor und gab ihn Marshall. „Dies ist deine Rückerstattung für die Kaution, und ich will, dass du weißt, dass Bernice eine offizielle Entschuldigung von mir und unserem Büro erhält. Aber, Marshall, bitte erzähle mir, was passiert ist. Wenn ich dort gewesen wäre, hätte ich es verhindern können.“

„Bernie sagt, du warst dort.“

„Ich war? Wo? Ich weiß, ich war die ganze Nacht in und außerhalb der Station, aber …“

„Nein, sie hat dich dort auf dem Volksfest gesehen.“

Brummel brachte ein noch breiteres Grinsen als üblich zustande. „Nun, ich weiß nicht, wen sie tatsächlich gesehen hat, aber ich war letzte Nacht nicht auf dem Volksfest. Ich war hier beschäftigt.“

Marshall war zu sehr in Fahrt, um jetzt nachzugeben. „Sie sah dich genau in dem Moment, als sie verhaftet wurde.“

Brummel schien diese Feststellung nicht zu hören. „Aber mach weiter, erzähle mir, was passiert ist. Ich muss der Sache auf den Grund gehen.“

Marshall bremste plötzlich seinen Angriff ab. Er wusste nicht, warum. Vielleicht war es aus Höflichkeit. Vielleicht war es aus Furcht. Was immer der Grund war, er begann die Geschichte in einer ordentlichen, fast nachrichtenähnlichen Form herunterzurattern, meistens so, wie er sie von Bernice gehört hatte, aber vorsichtigerweise ließ er die verfänglichen Einzelheiten aus, die sie ihm mitgeteilt hatte. Während er sprach, studierten seine Augen Brummel, Brummels Büro und alle Details in Anordnung, Dekoration und Ausstattung. Es war fast schon ein Reflex für ihn. Mit den Jahren hatte er den Dreh raus zu beobachten und Informationen zu sammeln, ohne dass man ihm das ansah. Vielleicht lag es auch daran, dass er diesem Mann nicht traute, aber selbst wenn er es getan hätte – einmal Reporter, immer Reporter. Er konnte sehen, dass Brummels Büro einem anspruchsvollen Mann gehörte: vom hochglanzpolierten, ordentlichen Schreibtisch bis zu den Bleistiften im Behälter war alles in perfekter Ordnung.

Entlang der Wand, wo die hässlichen Karteikästen gestanden hatten, befanden sich einige ausgesprochen schöne Regale und Aktenschränke aus ölpolierter Eiche, mit eingesetzten Glastüren und Messingbeschlägen.

„Sag, Alf, bist du befördert worden?“, witzelte Marshall und schaute zu den Aktenschränken.

„Gefallen sie dir?“

„Ich liebe sie. Wo sind sie her?“

„Ein sehr hübscher Ersatz für diese alten Karteikästen. Es zeigt nur, was alles möglich ist, wenn man seine Pennys spart. Ich habe diese Karteikästen hier drinnen gehasst. Ich meine, ein Büro sollte etwas Eleganz ausstrahlen, oder?“

„Äh, ja, sicher. Junge, du hast deinen eigenen Kopierer …“

„Ja, und zusätzliche Bücherregale.“

„Und noch ein Telefon?“

„Ein Telefon?“

„Was bedeutet dieser Draht, der da aus der Wand kommt?“

„Oh, das ist für die Kaffeemaschine. Aber wo waren wir stehen geblieben?“

„Ja, ja, was mit Bernice passiert ist …“ Und Marshall erzählte seine Geschichte weiter. Er konnte gut verkehrt herum lesen, und während er weitererzählte, überflog er Brummels Terminkalender. Die Dienstagnachmittage stachen etwas hervor, da sie alle leer waren, obwohl sie nicht Brummels freie Tage waren. An einem Dienstag war ein Termin vermerkt: Pastor Oliver Young um 14 Uhr. „Oh“, sagte er im Plauderton, „willst du meinem Pastor morgen einen Besuch abstatten?“

Er konnte genau erkennen, dass er etwas zu weit gegangen war; Brummel sah gleichzeitig erstaunt und verwirrt aus.

Brummel zwang sich zu einem zähnebleckenden Grinsen und sagte: „O ja, Oliver Young ist dein Pastor, nicht wahr?“

„Ihr zwei kennt euch?“

„Nun, nicht richtig. Ich vermute, wir haben uns zufällig auf beruflicher Ebene getroffen …“

„Aber gehst du nicht in diese andere Gemeinde, diese kleine?“

„Ja, Ashton Community. Aber mach weiter, ich will den Rest der Geschichte hören.“

Marshall war beeindruckt, wie leicht dieser Bursche durcheinanderzubringen war, aber er versuchte nicht, ihn noch weiter herauszufordern. Auf jeden Fall jetzt noch nicht. Stattdessen erzählte er seine Geschichte weiter und brachte sie zu einem ordentlichen Ende, einschließlich Bernices Empörung. Er bemerkte, dass Brummel einige wichtige Papierstücke gefunden hatte, um sie durchzusehen, Papiere, die den Terminkalender bedeckten.

Marshall fragte: „Sag, wer war nur dieser eingebildete Polizist, der Bernice keine Chance gab, sich auszuweisen?“

„Einer von auswärts, nicht einmal von unserer Einheit hier. Wenn uns Bernice seinen Namen oder seine Dienstnummer geben kann, werde ich dafür sorgen, dass er wegen seines Benehmens zur Rechenschaft gezogen wird. Weißt du, wir mussten einige Hilfskräfte aus Windsor holen, um uns für das Volksfest zu verstärken. Was unsere Männer betrifft, nun, sie wissen ganz genau, wer Bernice Krueger ist.“ Brummel sagte den letzten Satz mit einem leichten wölfischen Unterton.

„So, warum sitzt sie nicht hier und hört anstelle von mir all diese Entschuldigungen?“

Brummel beugte sich nach vorne und schaute ziemlich ernst. „Ich dachte, es ist das Beste, zuerst mit dir zu reden, Marshall, besser, als sie durch dieses Büro marschieren zu lassen, da sie ja schon irgendwie gebrandmarkt ist. Ich vermute, du weißt, was dieses Mädchen durchgemacht hat.“

Okay, dachte Marshall, ich werde fragen. „Ich bin neu in dieser Stadt, Alf.“

„Sie hat es dir nicht erzählt?“

„Und würdest du es bitte tun?“

Brummel lehnte sich ein wenig in seinem Stuhl zurück und studierte Marshalls Gesicht. Marshall dachte in diesem Moment, dass er nicht bereute, was er sagte. „Es würde mich aus der Fassung bringen, wenn du es noch nicht erfahren hättest.“

Brummel begann, einen neuen Absatz zu machen. „Marshall … ich wollte dich heute persönlich sehen, da ich … diese Sache klären wollte.“

„So lass hören, was du über Bernice zu sagen hast.“ Brummel, ich rate dir, deine Worte sorgfältig auszuwählen, dachte Marshall.

„Nun“ – Brummel stotterte und legte dann plötzlich los. „Ich dachte, du möchtest gerne darüber Bescheid wissen, und vielleicht hilft dir diese Information, mit ihr umzugehen. Weißt du, einige Monate, bevor du die Zeitung übernommen hast, kam sie selbst nach Ashton. Nur einige Wochen zuvor hatte ihre Schwester, die das College besuchte, Selbstmord begangen. Bernice kam mit einer wilden Rachsucht nach Ashton und versuchte, das Rätsel, das den Tod ihrer Schwester umgab zu lösen, aber … wir alle wissen, es war eben eines dieser Dinge, für die es nie eine Antwort geben wird.“

Marshall schwieg eine Zeit lang. „Ich wusste das nicht.“

Brummels Stimme war ruhig und klang traurig, als er sagte: „Sie war überzeugt, dass es irgendeine faule Sache sein musste. Sie stellte sehr aggressive Nachforschungen an.“

„Nun, sie hat die Nase einer Reporterin.“

„Oh, das hat sie. Aber siehst du, Marshall … ihre Verhaftung war ein Fehler, ein sehr demütigender, offen gesagt. Ich dachte wirklich nicht, dass sie eines Tages dieses Gebäude von innen erleben würde. Verstehst du jetzt?“

Aber Marshall war nicht sicher, ob er es tat. Er war sich nicht einmal dessen sicher, ob er alles gehört hatte. Er fühlte sich plötzlich sehr schwach, und er konnte nicht herausbekommen, wohin sein Ärger so schnell verschwunden war. Und was war mit seinen Mutmaßungen? Er wusste, dass er diesem Burschen nicht alles abkaufte, was er sagte – oder doch? Er wusste, dass Brummel gelogen hatte, als er behauptete, er sei nicht auf dem Volksfest gewesen – oder doch nicht?

Oder habe ich ihn nur falsch verstanden? Komm, Hogan, hast du letzte Nacht nicht genug Schlaf bekommen?

„Marshall?“

Marshall schaute in Brummels stechende graue Augen, und er fühlte sich leicht betäubt, so als ob er träumte.

„Marshall“, sagte Brummel, „ich hoffe, du verstehst. Verstehst du jetzt?“

Marshall musste sich zum Denken zwingen, und er fand, dass es ihm nicht half, Brummel dabei in die Augen zu sehen.

„Uh …“ Es war ein törichter Anfang, aber es war das Beste, was er zustande brachte. „Ja, Alf, ich denke, dass ich verstehe, was du sagen willst. Du hast vermutlich das Richtige getan.“

„Aber ich will, dass diese Sache zwischen dir und mir bereinigt wird.“