Die Flucht der Bärin - Joanna Bator - E-Book

Die Flucht der Bärin E-Book

Joanna Bator

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Beschreibung

In einem letzten Versuch, ihre erkaltende Liebe zu retten, fliegt ein Paar nach Kreta. Als sie anderntags in der Morgensonne erwacht, ist er bereits schwimmen gegangen. Als sie ihn gegen Mittag anruft, klingelt sein Handy in der Ferienunterkunft. Und als sie am Strand steht, weiß sie sofort: Hier ist er nicht. Aus Stunden des Suchens werden Tage, Wochen, Monate – nichts in diesen Geschichten ist, was es ist. Ob etwa die todkranke Frau, der im Wald immer wieder zwei geisterhafte Kinder begegnen, noch in der Realität oder schon in einer Zwischenwelt lebt, bleibt in der Schwebe. Und das seit Jahrzehnten leerstehende Hotel Sudeten, in dem eine seltsame Gesellschaft haust – ist es ein Nachtasyl oder vielleicht doch eine psychiatrische Klinik?

Alles, was Joanna Bator in klarem, hartem Duktus erzählt, ist in ein Zwielicht getaucht. Sechzehn romanhaft verschränkte unheimliche Erzählungen, die uns dieselben Protagonisten in ständig neuer Perspektive zeigen. Während wir sie lesend immer besser kennenlernen, verirren wir uns immer tiefer in einem Spiegellabyrinth.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

Titel

Joanna Bator

Die Flucht der Bärin

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes

Suhrkamp Verlag

Impressum

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Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel Ucieczka niedźwiedzicy bei Znak in Krakau.Abweichungen der vorliegenden Übersetzung von der Originalausgabe sind mit der Autorin abgestimmt.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2026.

Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen AusgabeSuhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026© by Joanna Bator, © for Suhrkamp Verlag, 2024Published by arrangement with Beata Stasinska Literary Agency.

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg, unter Verwendung von Midjourney KI

eISBN 978-3-518-78545-4

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Die Flucht der Bärin

Dreieinhalb Stunden

Tatuś

Die alten Schuhe

Grüne Knollenblätterpilze

Hotel Sudety

Sadness is a blessing, sadness is a pearl

Ungeheuer

Szkaradowo

Batwoman

Sein wie Tom Bombadil

Die Frau von Karpathos

Zwei auf einen Streich

Der Algorithmus ihrer Phantasien

Dich sehe ich

Tikkun Olam

Informationen zum Buch

Die Flucht der Bärin

Die Flucht der Bärin

Ich heiße Marianna Polna. Ich bin siebzig Jahre alt. Ich wohne in der Nähe von Warschau. Ich bin Dichterin und Übersetzerin. Mein Vater, Jan Nepomucen Polny, Arzt und Professor an der Medizinischen Akademie, hatte Alzheimer und ist vor einem Monat im Alter von siebenundneunzig Jahren gestorben. Wir sind im Jahr 2021. Am siebzehnten Tag des Monats April. Ich bin in Bern. Bern ist die Hauptstadt der Schweiz. Seit ich hier bin, hält eine Sensationsmeldung die Stadt in Atem: Aus dem Zoo am Fluss ist eine Bärin ausgebrochen. Die Bärin trägt den Namen Cora. Ich bin im Hotel Bellevue abgestiegen. Mein Zimmer hat die Nummer 12. Ich bin hergekommen, um meinem Leben ein Ende zu setzen.

Ich weiß, dass ich mein Gedächtnis verliere wie mein Vater. Die Krankheit habe ich von ihm geerbt. Ich fühle mich wie ein altes Haus, das sich nicht mehr renovieren lässt. Deswegen sage ich mir jeden Tag, gleich nach dem Aufwachen, laut vor, wie ich heiße, wie alt ich bin, wo ich wohne, was ich am Tag zu tun habe. Heute zum Beispiel habe ich vor, meinem Leben ein Ende zu setzen, was mich erfolgreich davon befreien wird, Weiteres zu planen und allmorgendlich laut aufsagen zu müssen, wer ich bin. Die Formulierung klingt um einiges besser als Selbstmord oder – noch schlimmer – Sterbehilfe, als wäre ich eine ausgediente Schindmähre, die nichts zu sagen hat. Mein Vater als Wissenschaftler war ein Befürworter der Sterbehilfe. Er sah sie als ein Menschenrecht und hatte vor, von diesem Recht Gebrauch zu machen, aber als es so weit war, hatte er es längst vergessen, und sein Leben ging zu Ende, lange bevor sein Körper starb. Seinem Leben ein Ende zu setzen, impliziert noch ein Minimum an Eigeninitiative. Ich entscheide, wann und wo es geschieht, und ich weiß, dass es jetzt an der Zeit ist. Außer den Gedächtnisproblemen habe ich auch Herzbeschwerden, es sollte also halbwegs leicht über die Bühne gehen.

Ich habe mich für die Aare entschieden – dieser Fluss ist die reine Schönheit, und mein ganzes Leben war der Schönheit gewidmet, oder jedenfalls möchte ich es so sehen. Ich habe ausschließlich Gedichte übersetzt und geschrieben, die den Kriterien der aristotelischen Poetik entsprechen, indem sie Mitleid und Furcht wecken und so zur Katharsis führen. Das ist für mich die wahre Schönheit. Ein weiterer Grund ist, dass sich dort, am Ufer der Aare, vor zwanzig Jahren der wichtigste Moment meines Lebens abgespielt hat. Ich traf dort eine Entscheidung, die alles in ein »Davor« und ein »Danach« zerteilte. Der Mann, den ich liebte, ging davon, auf die Nydeggbrücke zu, und ich schaute auf das fließende aquamarinblaue Wasser und rief ihn nicht zurück.

Die nächsten Jahrzehnte war ich mit der Pflege meines Vaters beschäftigt, mit meiner Arbeit und meiner Trauer, die langsam abklang und zu einer Art Schicksalsergebenheit wurde, die mir weder Erleichterung noch ein Gefühl der Reinigung verschaffte. Könnte man sie sehen, dann wäre sie grau und porös wie ein alter Bimsstein, den jemand auf dem Badewannenrand vergessen hat. Heute nach dem Aufwachen habe ich versucht, mich an das Wort »Katharsis« zu erinnern. Es meldete sich weit hinten in meinem Gedächtnis wie ein kleiner eingebrannter Punkt. Ich wusste, was das Wort bedeutet, ja sogar, dass ein Gedichtband von mir so heißt, doch an das Wort selbst konnte ich mich nicht erinnern, und das war wirklich schmerzhaft. Es half auch nicht, dass ich mir das Alphabet vorstellte und Buchstabe für Buchstabe durchging, ob dieser eine vielleicht der Anfang des verlorenen Wortes war. Aaaa, jaulte ich und blökte, Beee. Was mir schließlich auf die Sprünge half, war das Internet. Sie, die Katharsis, Gedichtband von Marianna Polna. Wenn man den Computer nach etwas so Existenziellem wie »Katharsis« fragen muss, ist es an der Zeit zu gehen.

Mein Vater trug Gift bei sich, in einer leeren Patronenhülse. Die daraus stammende Patrone hatte einmal ihm gegolten, ihn aber nicht getötet. Mein Vater holte die Hülse gern hervor und erzählte davon – immer lenkte er die Aufmerksamkeit auf sich, er brauchte das. Seinem Leben wollte er im geeigneten Moment ein Ende setzen. Mit Haltung und Stil. Doch er verpasste die Chance und vergaß, woran er denken wollte.

Am Anfang gingen ihm einzelne Wörter verloren, so wie mir seit ein paar Jahren. Oder er verließ das Haus, wandte sich nach rechts statt nach links und blieb nach ein paar Schritten stehen, orientierungslos und voller Scham. Und das wurde dann nie wieder besser. Eines Morgens fand ich ihn in der Küche über einen zerlegten Wecker gebeugt, und da begann die Ära des Aufschraubens mechanischer Geräte, deren Funktionsweise er erkunden wollte. Am meisten interessierten ihn Messgeräte: Uhren, Waagen, Thermometer. Es gelang ihm nicht, die ausgeweideten Gegenstände in einen funktionstüchtigen Zustand zurückzuversetzen, weshalb er sie in Wutanfällen gegen die Wände schleuderte. In den Büchern, die er sein ganzes Leben lang mit Ehrfurcht behandelt hatte, notierte er sich sinnlose Phrasen an den Rand, später dann nur noch einzelne Buchstaben, die sich in Reihen die Seiten entlangzogen wie Christbaumketten. Auf einem feierlichen Empfang zu seinen Ehren zuckerte er sich den Kaffee mit dem Messer, während die um den Tisch versammelte Gesellschaft von Ärzten so tat, als sähe sie nicht, wie er den Zucker auf der Messerspitze balancierte und weiße Kristalle auf der Tischdecke verstreute. Die Wörter entwischten ihm und kamen mit veränderter Bedeutung zurück, umschmeichelten ihn wie hungrige Katzen. An meinem siebzehnten Lebenstag, begann er und meinte »Geburtstag«, auch wenn ich das nicht mit Sicherheit sagen kann. Doch das war alles später, später, später. In Imbirowice!, er hob die Stimme, dabei hieß das Dorf Imbramowice.

Ich sah ihn an, meinen Fels in der Brandung, den Anführer unserer Zweierbande, und mir war, als hätte ihn jemand mit einem anderen Inhalt gefüllt. Ein verängstigtes, aggressives Kind. Er zeichnete einen Plan und trug, solange er noch dazu imstande war, die Uhrzeiten ein, zu denen ich ging und zurückkam. Wenn ich mich verspätete, machte er mir jedes Mal Vorwürfe. Redete ich zu lange am Telefon, kniff er mich. Musik, die er vorher geliebt hatte, mochte er nicht mehr, und wenn ich ihm eine seiner Lieblingsplatten auflegte, Alcina von Händel oder Charpentiers Leçons de Ténèbres, schrie er wie von einem Schrapnell getroffen, und unser Cambridge-Plattenspieler, auf den er früher so stolz gewesen war, verstummte für immer.

Manchmal wusste er noch meinen Namen und wiederholte unter Tränen, Mari, Mari, Mari. Meine Tochter! Am nächsten Tag geriet er in Wut, wozu ich ihm das denn immer wieder vorspreche, Marianna, Mari – welche Mari, was solle er sich die Namen irgendwelcher fremden Leute merken. Ich weiß nicht, was ich nicht mehr weiß, sagte er, hilflos weinend. Gib schon, gib es mir!, rief er in tiefster Verzweiflung, aber das fehlende Wort fand sich nie wieder. Gib es mir!, schrie er, und es brach mir das Herz. Was sollte ich ihm geben? Wasser? Brot? Liebe? Den Tod? Später starb seine Sprache, es blieben ihm nur noch ein Reptiliengehirn und die elementaren Körperfunktionen. Atmen, Essen, Ausscheiden, Angst. Mein kluger, eleganter Vater war zum Reptil geworden. Wenn er sich bedroht fühlte, erstarrte er, und Speichel lief ihm aus dem Mund, und hartnäckig verrichtete er sein großes Geschäft unter der Dusche. Zum Schluss lag er drei lange Jahre im Bett und wurde durch eine Sonde ernährt. Seine Augen, die einmal vor Geist gesprüht hatten, waren matt und tot, wie in Asche gewälzt.

Früher hatte ich ein phänomenales Gedächtnis. Ein allzu gutes, scherzte ich gern mit bitterem Unterton. Zum Beispiel erinnerte ich mich an jeden einzelnen Tag der sechs Monate, die ich auf Einladung der Universität in Bern verbracht hatte, und an jede einzelne Stunde mit Raphael. Ich hatte einen wichtigen Literaturpreis für meinen Gedichtband bekommen und erhielt viel Anerkennung für meine Übersetzungen. Ich fühlte mich jung und nach wie vor attraktiv, obwohl ich über fünfzig war. An der Universität leitete ich ein Übersetzungsseminar, wechselte mit Leichtigkeit zwischen den drei Landessprachen hin und her. Ich habe mich in der Schweiz immer wohlgefühlt, weil sich hier die Schönheit der Natur mit herausragenden Werken der Kultur und zivilisatorischem Fortschritt verbindet. So hat Dr. Polny gern über die Schweiz gesprochen, und ich stimme ihm zu. ​Ich fühle mich nur an Orten wohl, an denen die äußere Struktur der Welt es erlaubt, sich auf das innere Erleben zu konzentrieren, weil man nicht um Gepäck, Leib oder Leben bangen muss. Diese Überzeugung teilte ich mit Vater, und neben vielen anderen Dingen unterschied sie mich von meiner Halbschwester Ewa, die mit dem Rucksack durch Asien und Afrika reiste. Für sie war ich in dieser Hinsicht eine Langweilerin. Raphael aber fand mich wunderbar. Er war fast zwanzig Jahre jünger als ich und wünschte sich einfach, dass ich blieb. Das sagte er mir einmal, als wir in der Aare schwimmen waren. Er wollte, dass ich bei ihm blieb, hier, in dieser Stadt, die von der Kristallklinge des Flusses durchschnitten wird und – abgesehen von den paar hässlichen Wohnblocks an den Flussufern – köstlich anzusehen ist wie eine Schachtel feine Schokolade. Und im Sommer fahren wir in ein Bergdorf, nach Sion, sagte Raphael, der Zukunftspläne für uns schmiedete. Ich müsse zurück nach Hause, sagte ich. Und Raphael ging davon, auf die Nydeggbrücke zu, in ein Leben ohne mich, dessen Bruchstücke im Laufe der folgenden Jahre bei mir aufklatschten wie Steine, die jemand herüberwarf. Eine andere Frau, die Ewa ähnlicher war als mir, ein Leonberger-Hund, Reisen nach Griechenland.

Als ich begann, mein Gedächtnis zu verlieren, wusste ich, was auf mich zukam. Ich würde immerfort von dieser einen Begebenheit am Ufer der Aare erzählen, aber niemand würde es hören wollen, so wie ich genug hatte von Vaters wieder und wieder erzählter Schreckensgeschichte, die ich seit meiner Kindheit kannte. Das einzige Datum, an das er sich nach mehrjährigem Kampf mit der Alzheimerkrankheit noch erinnerte, das einzige noch lebendige Bild in seinem Kopf war der 31. Januar 1946, als Bury in der Nähe von Puchały Stare in Podlachien dreißig belarussische Bauern erschießen ließ. Mein Vater war einer der jungen Burschen gewesen, fast Kinder noch, die der verbrecherische Anführer der Heimatarmee mit Gewalt eingespannt hatte, und er war nur durch ein Wunder dem Tod entronnen. Er sprach nie von meiner früh verstorbenen Mutter, seinen zahllosen Geliebten, von unserer getreuen Haushälterin Pani Kasia, nie, niemals sprach er von Weronika, die ein Kind von ihm bekam, als ich schon studierte, ja, nicht mal von seiner spät geborenen, schönen und außergewöhnlichen Tochter Ewa sprach er. Er schwieg über die komplizierten Operationen am offenen Gehirn bei Patienten, die ihn für einen Gott ansahen – dabei hatte er früher alle um sich herum mit den detailliertesten Schilderungen seiner bahnbrechenden Leistungen gequält, sogar zufällige Zuhörer, die Hirn nicht von Heringssalat hätten unterscheiden können. Nur jener eine Januartag zählte, die dreißig ermordeten Bauern, der vor Hass rasende Kriegsverbrecher, die Flucht, die erfrorenen Zehen, der Wald. Egal, wer sich in Reichweite der Geschichte befand, Vater zielte. Auf den Postboten, seinen Arzt, die Putzfrau, die wechselnden Pflegerinnen aus dem Osten. Am häufigsten aber auf mich. Er sprach immer verwaschener, immer verzweifelter, die Wörter bäumten sich auf, die Sätze explodierten wie nagelgespickte Sprenggürtel von Suizidattentätern. Chachlackische Wörter schlichen sich ein, der lang nicht benutzte podlachische Dialekt entwich der fest verschlossenen Schublade im Kopf meines Vaters wie ein spukendes Gespenst. Wie der Bury na Łozice kemmen is, zum Tanz, da is scho fast Tag gwesn. Ich hab gsehn, wie se im Dorfe zammekemmen sind. Wie oft hätte ich ihn am liebsten angeschrien, Halt endlich die Klappe, aber ich tat es nie, weil ich wusste, dass auch ich den Keim einer schwärenden Geschichte in mir trug, nur dass sie banaler war und nicht das Gewicht von Vaters Geschichte besaß. Ich würde erzählen, wie Raphael gesagt hatte, Bleib hier, im Sommer fahren wir in dieses Dorf bei Sion, dessen Name mir schon wieder entfallen ist. Lächerlich.

Beim Frühstück im Bellevue unterhielten sich die Gäste am Nebentisch über die entlaufene Bärin. Cora, sie heißt Cora, sagte eine Frau in meinem Alter auf Französisch, ihr Begleiter fügte hinzu, dass so ein Ausbruch doch wirklich unfassbar sei, und wischte sich den Mund mit einer Serviette. Sie rissen ihre frischen Croissants auseinander und tauchten sie in den Milchkaffee. Ich spürte, es war an der Zeit. Meine Sinne waren geschärft, zugleich fühlte ich mich durchlässig, wie zerlöchert. Ein verfallendes Haus mit morschem Gebälk, durch das der Wind pfeift.

Ich ging durch Bern, das genauso roch wie vor zwanzig Jahren – nach Käse, Schokolade, Sehnsucht. Ich wollte so lange gehen, wie meine Kräfte reichten, auf die Berge zu, in denen die Aare entspringt, meinen Blick auf die schneebedeckten Gipfel gerichtet. Und erst dort ins Wasser gehen, wo kein Mensch hinkam und niemand eine alte Frau beobachten würde, die sich von ihrem Leben verabschiedete. Der Tag war hell und licht, keine Wolke am hohen Himmel. Meine Dokumente und mein Telefon hatte ich im Hotel gelassen. Nur Tabletten, die die Herztätigkeit verlangsamten, hatte ich dabei, sie würden dafür sorgen, dass ich nicht lange schwimmen konnte. Mein altes Herz würde im eisigen klaren Wasser nicht lange durchhalten, auch wenn der Körper instinktiv die einstudierten Bewegungen vollführte. Ich war eine gute Schwimmerin. Niemand wartete auf mich, niemand wusste, was ich vorhatte. Weder den Polizei- und Feuerwehrwagen bei der Nydeggbrücke schenkte ich Beachtung noch der Gruppe von Männern in Uniform, die sich auf die Suche nach der entflohenen Bärin machten. Kurz hatte ich geglaubt, etwas vergessen zu haben, doch ich konnte mich nicht erinnern, was es war, und ob es sich lohnte, das ganze Alphabet durchzugehen und nach dem Anfangsbuchstaben zu suchen. Nun war ich weit genug gekommen, doch ich fühlte mich nicht erschöpft. Außer mir war niemand hier. Ich zwängte mich durchs Gebüsch und setzte mich ans Ufer.

Das Wasser war aquamarinblau. Die Luft roch nach Schnee. Alles war so, wie ich es geplant hatte, still und menschenleer und unfassbar schön. Bleib doch einfach bei mir, hatte Raphael vor zwanzig Jahren gesagt. Ich muss zurück, war meine Antwort gewesen, aber das hatte nun auch keine Bedeutung mehr. Und da sah ich sie. Sie saß auf den Ufersteinen, so wie ich, und schaute der Aare beim Fließen zu. Ich roch den Geruch ihres Fells. Es roch nach Freiheit.

Dreieinhalb Stunden

Für eine vielbeschäftigte Frau wie mich ist es nicht leicht, einen geeigneten Ort zum Leben zu finden. Nur mittwochs habe ich Zeit für meine Suche, die ich inzwischen schon seit zwei Jahren betreibe. Von neun bis zwölf Uhr dreißig. Dreieinhalb Stunden sind eine Menge, wenn man sie straff organisiert, und darin bin ich gut. Seit mein Sohn auf der Welt ist, stehe ich jeden Tag um fünf auf, und es passiert mir nie, dass ich verschlafe.

Auch heute nicht: Ich fütterte Karol, wechselte seine Windel und wusch ihn, putzte die Wohnung, kochte und pürierte einen Brei fürs Mittagessen, buk Pfannkuchen. Schon um zehn vor neun war ich bereit und lauschte auf die Türklingel, die etwas zu spät läutete, obwohl ich auf ein paar Extraminuten gehofft hatte. Das tat ich immer, obwohl Sylwia bisher noch nie zu früh da gewesen war. Wir gaben uns die Klinke in die Hand, und ich schaffte es nur noch, ihr über die Schulter zuzurufen, dass ich Pfannkuchen gebacken hatte, die sie zum zweiten Frühstück essen könne. Sie stank nach Zigaretten, bestimmt hatte sie wieder vor der Haustür geraucht, bevor sie klingelte. Im Haus zu rauchen habe ich ihr nicht erlaubt, weil das nicht gut für Karolek ist, aber ich weiß, dass sie es trotzdem tut. Ich lief zur Bushaltestelle, wo sich wartende Fahrgäste drängten. Ausgerechnet heute war mein Auto in der Werkstatt.

Am Hauptbahnhof musste ich die S-Bahn nach Podkowa Leśna erwischen, ein kleiner Ort, grün und ruhig, gerade richtig für uns. Ich wollte mir dort ein Haus ansehen, das zum Verkauf stand. Aber vorher wollte ich noch rasch einkaufen gehen in den Złote Tarasy. Durch die Läden zu bummeln ist Zeitverschwendung, deswegen hatte ich mir die Kleider schon zu Hause im Internet ausgesucht, sodass der Einkauf jetzt nur zwanzig Minuten dauerte. Wenn es um Klamotten geht, weiß ich immer, was ich will. Beiger Wollmantel, schlichte schwarze Hose, Kaschmirpullover in Bordeaux, dazu ein Seidenschal – das perfekte Herbstoutfit für eine Frau mit anspruchsvollem Job: elegant, aber ohne Schnickschnack. In einer Toilette in der Unterführung zog ich mich um – es war eine der letzten dieser altmodischen Bahnhofstoiletten mit Klofrau, bei der man zwei Złoty zahlt und nicht drei wie bei diesen neuen mit Automatiktür –, und als eine völlig andere Person kam ich wieder heraus.

In der Bahn, die gemächlich durch die melancholischen Landschaften der Warschauer Vororte schnurrte, sah ich auf meinem Handy noch einmal das Exposé des Immobilienmaklers durch. Auf den Fotos erschien mir das Haus ideal, aber ich versuchte, nicht allzu enthusiastisch zu sein. Schließlich konnte die Darstellung stark von der Realität abweichen – und das wäre wohlgemerkt nicht das erste Mal. Als anspruchsvolle Klientin habe ich mir in den Kopf gesetzt, den idealen Ort zu finden. Ich bin nicht mehr die Jüngste, für weitere Umzüge will ich keine Zeit verschwenden, ich möchte mich endlich mit meiner Familie niederlassen. Die Wohnung, die ich jetzt gemietet habe, ist nur eine Übergangslösung, ich habe ganz bestimmt nicht vor, für immer dortzubleiben.

Das Haus, zu dessen Besichtigung ich mich mit dem Makler verabredet hatte, lag an einer kleinen Straße mit dem schönen Namen ulica Modrzewiowa, Lärchenstraße. Es war vor dem Krieg erbaut und vor zwei Jahren renoviert worden. Das Erdgeschoss bestand aus Küche, Esszimmer, Wohnzimmer, Gästezimmer und einem großen Arbeitszimmer. Einfach perfekt – ein Arbeitszimmer mit Gartenfenster! Im ersten Stock lagen vier Schlafzimmer. Ganz oben war ein Dachboden. Außerdem gab es einen Swimmingpool und einen Weinkeller. Der Garten war gepflegt, ein mächtiger alter Baum stand darin und einige hübsche Rhododendren, die auf den Fotos auf der Website in voller Blüte gezeigt wurden, obwohl jetzt schon Herbst war. Eine ideale Mischung aus Tradition und Moderne für die anspruchsvolle Klientel, pries das Immobilienbüro, und als ich vor der schmiedeeisernen Pforte stand, schien noch alles in bester Ordnung.

Der Makler kam sieben Minuten zu spät, ein Mangel an Professionalität, der mich ärgerte. Meine Zeit ist kostbar! – Entschuldigen Sie, aber der Kunde davor hat mich aufgehalten, rechtfertigte er sich dümmlich. – Sie müssen sich Ihre Zeit besser einteilen, maßregelte ich ihn. Ich habe eine ganze Kanzlei zu leiten. Der Makler sah mich gleichgültig an. Ich kenne diesen Blick. Ein dreißigjähriges aufgeblasenes Bürschchen mit Falsettstimme, das die ganze Welt für seinen Spielplatz hält und sich einbildet, Residenzen in Hollywood zu verkaufen, nicht Einfamilienhäuser in einem verschlafenen Warschauer Vorort. Die Straße vom Bahnhof hierher war nicht befestigt, ich hatte mich zwischen schlierigen Pfützen hindurchlavieren müssen. Die hohen Bäume erdrückten alles mit ihrem feuchten Schatten. Meine Schuhe waren schlammbeschmiert, als wäre ich in einem ländlichen Kaff gelandet. Sind Sie nicht mit dem Auto gekommen?, wunderte sich der Makler. Das ist gerade in der Werkstatt. Genauso eines wie das da drüben, ich wies mit dem Kopf auf einen feuerwehrroten Wagen auf der anderen Straßenseite. Ein Mini! Hübscher Flitzer, schleimte der Mann, Ein Luxusschlitten! – Ja, ganz nett, stimmte ich gleichgültig zu. Wenn Sie ihn geleast haben, dann hätten die Ihnen aber einen Ersatzwagen stellen müssen, fuhr er fort, während er die Pforte aufschloss. Könnten wir zur Sache kommen?, drängte ich ihn.

Die Haustür knarrte, als wäre sie lange nicht geöffnet worden, und von drinnen schlug uns die abgestandene kühle Luft lang nicht genutzter Räume entgegen. Man roch darin die Reste eines früheren Lebens, Küchendünste, Naphtalin, Holzpolitur, angebrannte Milch. Auf einmal empfand ich die Situation als unangenehm und abstoßend. Das Erdgeschoss!, verkündete der Makler. Das Wohnzimmer! Mit Biokamin. Der Fußboden machte mich misstrauisch. Ist das wirklich Lärche?, fragte ich. Es wirkte billiger als auf den Fotos. Das sieht mir eher nach Fichte aus! Ich bückte mich und strich mit dem Finger über ein Bodenbrett. Lärche, beruhigte mich der Makler, hundertprozentig. Das Gästebad! Er stieß die Tür auf, und ich sah, dass der Zustand der Armaturen und Fliesen alles andere als makellos war. Über die Toilettenschüssel zog sich vom Boden her ein bräunlicher Sprung, der stümperhaft mit Fugenfüller gekittet war, der Whirlpool wirkte gelblich und abgenutzt, die Armatur hatte Rostflecken. Ziemlich renovierungsbedürftig, seufzte ich enttäuscht. Ich hatte von einem Haus geträumt, in das man einfach einziehen konnte, nachdem man es einmal von oben bis unten hatte putzen lassen – und nicht von einem vernachlässigten alten Kasten, der Arbeitsaufwand bedeutete und Zeit verschlang. Als ich den ersten Stock besichtigte, fielen mir weitere Mängel auf. Zum Beispiel die Lage der Räume. Das größte Schlafzimmer nach Osten? Schlechte Idee. Westen oder Süden, ich hatte gleich zu Anfang unmissverständlich danach gefragt. Bevor ich mich verabschiedete, warf ich noch einen Blick in die Küche und das angrenzende Wohnzimmer.

Meinen Sie wirklich, dass dieser Raum direkt neben der Küche ideal für ein Arbeitszimmer wäre? Soll ich etwa Klienten empfangen, wenn die Kinderfrau gerade einen Smoothie für meinen Sohn mixt? Oder Koteletts klopft? Mit dem Argument der dicken Wände und fast schalldichten Türen konnte mich der Makler nicht überzeugen. Zu allem Übel erwies sich der Swimmingpool im Keller als viel kleiner als erwartet, geradezu klaustrophobisch eng. Entlang der leeren gekachelten Wassergruft standen hässliche Liegestühle aus künstlichem Rattan, auf denen lang vergessene schimmelgrüne Kissen verstaubten. Als dann auch noch das Automatiktor der Garage klemmte, deren Inhalt mir das inkompetente Bürschchen mit dem kneifenden Hosenbund präsentieren wollte, verzog ich nur noch abfällig das Gesicht. Wenn das hier eine Luxusvilla sein sollte, in der Klassik und Tradition sich mit Moderne paarten, dann herzlichen Dank. Bitte rufen Sie mich nur noch dann an, wenn Sie etwas wirklich Lohnendes haben, sagte ich kühl zum Abschied. Die Leute haben einfach nicht auf dem Schirm, dass andere Menschen auch beschäftigt sind. Keinerlei Wertschätzung für meine Zeit!

Im letzten Moment sprang ich in die S-Bahn und rutschte aus, ich konnte kaum das Gleichgewicht halten. In meinem Kopf drehte sich alles, und ein stechender Schmerz fuhr mir in den Rücken wie ein böswilliger Tritt. Eine Frau streckte mir die Hand hin. Sie musste ungefähr in meinem Alter sein, sah stark aus, sehnig und äußerst gepflegt. Sie lehnte sich zu mir herüber, und kurz kam mir der absurde Gedanke, sie wolle mich küssen, doch sie raunte mir nur zu, Bei Ihnen schaut das Schild raus. Hinten, im Nacken, und eine Welle der Scham überflutete mich. Wie hatte ich das nicht bemerken können? Alles in Ordnung?, vergewisserte sie sich, als sie mein schmerzverzerrtes Gesicht sah. Ich wollte ihr sagen, das käme von einer Zerrung, die ich mir beim Skifahren in der Schweiz zugezogen hätte, aber da klingelte ihr Handy, und sie gab dem Anrufer zischelnd ein paar knappe Anweisungen. Ich verstand nur, die Fenster im Erdgeschoss sollten geputzt und der Birnbaum ein wenig zurückgeschnitten werden, und am Nachmittag wolle ein Kunde aus Amerika anrufen wegen des Bildes.

Im Garten des Hauses, das ich gerade besichtigt hatte, stand nicht ein einziger Obstbaum. Absurd, was war denn das für ein Garten? Im Nacken kratzte mich das Preisschild des Mantels, und mein Spiegelbild im Fenster des Waggons bestärkte mich in der Überzeugung, dass der Mantel ein Fehlkauf gewesen war und ich ihn umtauschen sollte. Seit langem schon hatte ich keine Zeit mehr, in Ruhe durch Läden zu bummeln, alles nur wegen der Hektik und der vielen Arbeit. Meine Kreuzschmerzen wurden stärker, ich nahm eine Tablette. Karolek war nicht mehr so leicht, trotzdem musste ich ihn ständig tragen. Mama, Arm! Mama, Arm! Er brauchte es nicht zu sagen, ich las es in seinen Augen. Ich bin eine alleinertragende Mutter, aber manchmal wird es mir zu viel und schlägt sich in Rückenschmerzen nieder. Inoperable Degeneration, Sie sollten nicht zu schwer heben. Gehen Sie schwimmen, riet mir eine Ärztin, eine Allgemeinmedizinerin, sie überwies mich aber nicht zum Spezialisten. Gut! Das hieß, Zähne zusammenbeißen und weitermachen, ich hatte sowieso keine Zeit bei der Physiotherapie zu verplempern oder in einer Reha totzuschlagen. Schwimmen! In dem Pool, den ich gesehen hatte, hätte ich mich kaum um die eigene Achse drehen können. Der Zug stand nun schon seit Minuten im Bahnhof Aleje Jerozolimskie, und ich schaute zum wiederholten Mal auf die Uhr. Fast eine Viertelstunde Verspätung. Im Waggon hob ein Tuscheln an, es hätte einen Unfall gegeben, jemand hätte sich auf die Gleise geworfen. War denn die kostbare Zeit hart arbeitender Frauen tatsächlich allen egal? Nun würde ich es nicht mehr schaffen, die Klamotten, die mir nicht gefielen, umzutauschen – und selbst wenn, so könnte ich keine angemessene Szene mehr machen, um zu zeigen, was ich von Läden halte, die solchen Ramsch verscherbeln.

Als der Zug in die Endstation Stadtmitte einrollte, Warszawa Śródmieście, stand ich schon an der Tür, um als Erste hinauszuschlüpfen und zum Einkaufszentrum zu hasten. Ich mag keine unerledigten Dinge, und jetzt gefiel mir nicht nur der Mantel nicht mehr, sondern auch der Pullover; Qualität und Tragekomfort ließen doch einiges zu wünschen übrig. Der Pullover spannte unangenehm an den Schultern, und der Mantel stand hinten ab, was ich erst im Badezimmerspiegel des verwohnten alten Kastens gesehen hatte. Ich zog in derselben Toilette wie vorher meinen Rollkragenpullover und meine Jacke an, dann tauschte ich den Fehlkauf um. Qualität und Tragekomfort lassen viel zu wünschen übrig, sagte ich zur Verkäuferin, doch die schenkte mir kaum Beachtung. Nach der Arbeit hatte sie wohl zu Hause nicht besonders viel zu tun, ihre langen pastellrosa Fingernägel hätten keine der Aufgaben überstanden, die mich heute noch bei meinem Kind erwarteten. Die Nägel klackerten enervierend auf dem Ladentisch, als wollte die Frau Morsezeichen versenden.

Ich verpasste den Bus und wusste, wenn der nächste auch nur ein wenig später käme, wäre ich nicht rechtzeitig zu Hause und Sylwia würde Extrageld verlangen, abgezählt auf die Minute. Sie würde seufzend die Hände ringen, Joj!, mit ihren dunklen listigen Mäuseaugen blinzeln und sich den Pony aus der Stirn blasen, weil sie ja ach so erschöpft sei. Ich weiß nicht, wo sie sich sonst noch etwas dazuverdient, aber sie kann sich gute Klamotten leisten, nur schminken tut sie sich etwas zu grell – und warum für diese Arbeit? Karolek guckt sich gerne hübsche Mädchen an, lautet ihre unverschämte Antwort, und sie streckt ihre Titten raus. Typisch Mann eben! Sylwias Pluspunkt ist, dass Karolek sie mag, er freut sich, wenn er sie sieht, und deswegen weiß sie um ihren Wert und ihre Verhandlungsstärke. Würde sie die Betreuung meines Sohnes vernachlässigen, dann würde ich es ihm sofort anmerken. Eine gute Kinderbetreuung ist so schwer zu finden wie ein passendes Zuhause.

Im Hausflur beim Aufzug hockte eine Pennerin mit nur einem Auge, sie war hässlich wie die Nacht und stank nach Katzenpisse. Ich sah sie zum ersten Mal hier, die verrückte Vogelscheuche. Sie brummelte etwas vor sich hin und fasste nach meinem Bein, doch ich stieß sie kurzerhand beiseite. Ich war schon zu spät. Siebzehn Minuten, verkündete Sylwia, als ich hereinkam. Sie sagte es lächelnd, als sei es nicht schlimm, seufzte aber auf eine irgendwie feuchte, schnaufende Weise, die mich immer ganz besonders nervte. Sie stand schon ausgehfertig da, die Wattejacke mit Fellkragen bis oben zugeknöpft. Ihre tätowierten Balkenbrauen hoben sich bedrohlich. Es ist auch schon wieder was an die Tür gekritzelt worden, fuhr sie fort, Ich hab’s weggewischt. Du Heldin, du, dachte ich. Was für eine heroische Tat. Wer war das, die aus dem Zehnten?

Über uns wohnte eine Familie mit zwei widerwärtigen Rotzbälgern, die ich immer wieder zur Ordnung rufen musste. Kamelia und Adrian polterten zum Spaß gegen unsere Wohnungstür, manchmal schmierten sie auch etwas daran. Irgendwelche Schweinereien. Eilig zog ich meine alte Jacke und meine Schuhe aus. Karolek hatte mich kommen hören und rief nach mir, gab seine quietschenden Laute von sich. Ich verspürte wie immer ein Ziehen in der Bauchnabelgegend. Wer denn sonst?, schnaubte Sylwia. Ausgelacht haben sie uns, als ich mit Karolek rausgekommen bin. Sie lehnte sich an den Türrahmen, als hätte sie es auf einmal nicht mehr eilig. Wahrscheinlich wollte sie jetzt auch noch Extrageld, weil sie die beleidigenden Schmierereien weggewischt hatte, aber darauf konnte sie lange warten. Und überhaupt, begann sie mit verschlagenem Blick. Ich wusste, was die Stunde geschlagen hat, bevor sie es herausbrachte. Und überhaupt lohnt sich das hier für mich nicht mehr. Anderswo krieg ich in der gleichen Zeit einfach mehr, nur fürs Putzen. Sie zog die Silben in die Länge wie Kaugummi, als wollte sie eine Blase machen. Oder mir den Bubblegum ins Gesicht spucken. Auf den Lippen trug sie matten dunkelroten Lippenstift. Sylwia arbeitete schon fast zwei Jahre bei uns, länger als alle anderen Betreuerinnen. Ich durfte sie nicht verlieren. Sie versprach mir, nächste Woche trotzdem noch zu kommen.

In der Küche hatte sie nicht aufgeräumt. Im Spülbecken stand schmutziges Geschirr, auf dem Tisch vertrocknete ein einsamer letzter Pfannkuchen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sylwia ganze neun Stück essen würde. Der Schokoladensirup war in den Teig gesickert und bildete unappetitliche braune Flecken. Ich schlang die spärliche Mahlzeit in zwei Happen herunter und ging zu Karolek. Er lag da und schaute an die Decke, und als er mich kommen hörte, drehte er den Kopf zu mir und sagte, Ma-ma – außer mir konnte niemand diese beiden Silben aus seinem Gebrabbel heraushören. Ich setzte mich neben ihn aufs Bett, roch den vertrauten Geruch meines Kindes. Nächstes Mal musste ich besser planen, meine Verspätung hatte Sylwia ermutigt, mir eine weitere Lohnerhöhung aus den Rippen zu leiern. Was sollte ich tun, wenn auch sie uns noch im Stich ließ?

Karolek schloss die Augen, und ich dachte, er würde einschlafen, die Betreuerin hatte ihn füttern sollen, bevor sie ging. Doch er war unruhig, bewegte die Lippen, ich berührte seine Hand. Hast du Hunger? Er antwortete nicht, aber ich konnte in seinem Gesicht lesen. Seine Haut war zart, nur ich wusste, wie viel Mühe es kostete, sie so gepflegt zu halten. Jetzt bewegte er sich und quengelte. Ich überprüfte seine Windel, dabei fiel mir ein, dass ich fast keine mehr im Haus hatte. Es war alles trocken, und ich dachte mit einem wärmeren Gefühl an Sylwia, die ihn offenbar vor meiner Rückkehr gewickelt hatte. Ich roch seinen Körper und die Matratze, die vollgesogen war mit seinen Ausscheidungen und der Calendulacreme, die ich seit kurzem für seinen Po und Schritt benutzte. Karolek konnte es nicht leiden, gewickelt zu werden, als schämte er sich, und mir fiel es immer schwerer, ihn zu heben.

Mein Kleiner, flüsterte ich ihm beruhigend zu, doch sein Körper blieb angespannt, bebte von innerlichen Zuckungen. Karolek mochte es, wenn ich ihm etwas vorsang, das brachte ihn immer zur Ruhe. Er wollte nur ein einziges Schlaflied hören, immer dasselbe, die Worte hatten sich mir schon ins Gedächtnis eingebrannt: Es war einmal ein König mit seinem Töchterlein, die hatten einen Pagen und lebten in grünem Hain. Der König und der Page, die liebten das Töchterlein, das Töchterlein liebt’ beide, so liebten sich alle drei, und sein Körper entspannte sich, seine Gesichtszüge wurden weich. Ich strich ihm über den Kopf, er hatte das Haar seines Vaters geerbt, dunkel und kräftig wie Fell. Ich eine Blondine mit dünnen Federn – er schwarzhaarig, lockig, dunkler Teint. Ein Südländer, hatte meine Mutter immer gesagt, einen richtigen Südländer hast du dir da angelacht, an der Uni! Zu hübsch für einen Ehemann. Nicht nur für einen Ehemann war er zu hübsch, sondern auch für einen Vater. Besonders für einen Vater. Obwohl er seine Gene nur zu gern überall verteilt hatte. Karoleks Gene hatte er allerdings ausschließlich mir zugeschrieben. Dabei hat Karolek auch den Bartwuchs von ihm geerbt. Mein Mann rasierte sich morgens, und schon nachmittags zeigte sich ein bläulicher Bartschatten. Meine Pummelbäckchen, ich zwickte meinen Sohn scherzhaft in die Wangen, und er gab einen maunzenden Laut von sich wie ein Kätzchen.

Die Angebote der Immobilienbüros schaue ich meistens nachts durch. Ich mag die Stille, die dann einkehrt; Karolek schläft zwischen Mitternacht und halb vier morgens am besten. Ich höre ihn nicht wimmern, keinen Streit bei den Nachbarn, kein Klavier. Diese Plunschkuh von Nachbarin da oben bildet sich ein, ihr Sohn wäre ein musikalisches Genie und ihre über unseren Köpfen herumtrampelnde Tochter die neue Pina Bausch. Wenn Kamelia und Adrian ihren Höllenlärm wenigstens synchron veranstalten würden, aber nein, die Göre fängt an, zu Latingeschmetter herumzuhüpfen, sobald ihr Bruder nach seinen Chopin-Etüden den Klavierdeckel zuknallt, und das alles zieht sich über Stunden. Karolek macht das nervös und unruhig, und er kann nicht schlafen, es schlägt ihm auf den Magen. Sie verstehen das nicht, hat mir die Alte gesagt, als ich sie ermahnt habe, ihre Bälger im Zaum zu halten. Ihr tanzendes Dickerchen schnaubte verächtlich und starrte mich frech an. Sie sollte eher Kamel heißen als Kamelia. Das Trampeltier. Sie verstehen das nicht, weil Sie nie in meiner Lage gewesen sind. Lebendige Kinder machen nun mal Lärm! Als wäre mein Kind nicht lebendig! Auch ich habe früher gern getanzt, aber in dem Haus, das ich in dem Schickimickivorort besichtigt hatte, wäre nicht einmal dafür Platz gewesen. Außer vielleicht im Wohnzimmer mit dem Fichtenholzboden, der sich als Lärche ausgab.

Das Angebot in einer Warschauer Wohnanlage namens Sakura gefiel mir auf Anhieb. Ich mag die Lichter der Großstadt, in dem finsteren Vorort wären letztlich weder ich noch Karolek glücklich geworden. Weit weg von Theatern, Kinos und Konzertsälen. Auch meinem Mann hätte es dort nicht gefallen. Schriftsteller brauchen viel Licht und einen weiten Horizont, um ihren Visionen zu folgen. Wo hatte ich bloß meinen Kopf, als ich im tiefsten Wald nach einem Haus suchte? Die niedrigen Apartmenthäuser in Sakura hatten holzgetäfelte Terrassen und große Fenster. Die Anfahrt dauerte nur zwanzig Minuten, und falls der Makler sich verspäten sollte, hätte ich noch Zeit für andere Dinge. Zum Beispiel könnte ich zu einem Möbelhaus fahren oder zu einem großen Lampengeschäft, das vor kurzem eröffnet hatte. Oder sollte ich schon die Küchenmöbel aussuchen? Im Stadtzentrum gab es ein neues elegantes Studio einer italienischen Firma. Küchenblöcke mit Arbeitsflächen aus Stein, Holz oder Metall. Welches Material sich am besten in dem Apartment machen würde, das als »Penthouse für Künstlerseelen« überschrieben war, würde ich mir später überlegen. Viel Licht, das wäre ideal zum Arbeiten, und einer der Räume hatte ein verglastes Dach, dort könnte man ein Studio oder ein extravagantes Schlafzimmer einrichten. Prestigeträchtige Lage. Tiefgarage, Fitnessclub und Swimmingpool auf dem Gelände. Einfach perfekt. Genau so etwas hatte ich gesucht. Ich schrieb mir die Nummer der Maklerin auf ein Stück Papier, dann fuhr ich zufrieden und aufgeregt den Computer herunter.

Jetzt wurde die Dunkelheit nur noch von dem tanzenden Bären aus Karoleks Schlafzimmer erhellt, dem Nachtlicht, das ihn seit seiner Geburt begleitet und ohne das er nicht schlafen kann. Die Lichtflecken kreiselten über die Wand, und als ich darauf starrte, ergriff mich wieder ein heftiger Schwindel. Die Rückenschmerzen oder der tanzende Bär unter der Schädeldecke, ich weiß nicht, was zuerst da war, aber mir wurde übel, und ich roch einen Gestank, der mich seit ein paar Monaten verfolgte. Nach Aas und Domestos. Tod und chemische Zitrone. Vielleicht esse ich zu wenig, aber in meinem Alter ist es nicht leicht, schlank zu bleiben; eine Figur wie die Schickimickitante aus der S-Bahn bekommt man nicht allein davon, dass man ein schweres Kind herumschleppt. Ich sah das glatte, gut gemachte Gesicht der Frau wieder vor mir, deren Geburtsdatum sich nicht in ihre Falten hatte einschreiben dürfen, und die Scham überrollte mich in Wellen. Bei Ihnen guckt das Schild raus! Hätte sie nicht einfach die Klappe halten können, die Tofu- und Hummustante? Karolek wurde wach, und ich wusste, ohne sein Wiegenlied würde er nicht wieder einschlafen. Sein Kopf war heiß, seine Hände zappelten wie zwei Fische auf dem Trockenen. Mein Kleiner, mein Baby, hör mir zu, Der König und der Page, die liebten das Töchterlein, das Töchterlein liebt’ beide, so liebten sich alle drei. Diese Strophe musste ich dreimal wiederholen, bis Karolek die Augen schloss und sich nicht mehr herumwarf.

Als ich meine Stilnox geschluckt hatte und für meine allnächtlichen vier Stunden einschlummerte, ging mir immer noch die unbekannte Frau aus der Bahn im Kopf herum, die ihr Leben in einem der großen Häuser in Podkowa Leśna führte. Ich spürte ihre gepflegte Hand auf meinem schmerzenden Rücken, dann klingelte der Wecker, und ich stand auf, um Karolek seine Spritze zu geben. Der Tag versprach kühl zu werden, aber es regnete nicht, durch die schweren Herbstwolken drang gleißendes Sonnenlicht.

Die ganze Woche dachte ich an die Wohnung, die ich besichtigen wollte, und rief immer wieder beim Immobilienbüro an, um mein Interesse und den Termin zu bestätigen, der wegen meiner vielen Arbeit noch in weiterer Ferne lag. Ich hatte Sorge, dass mir jemand die Wohnung vor der Nase wegschnappen würde. Am Mittwoch kam Sylwia, wie immer, ich hatte schon Angst gehabt, sie würde mich versetzen. Sie faselte etwas von ihrem Bruder, zu dem sie seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr gehabt habe, und mit ihrer verschmierten Wimperntusche von gestern sah sie aus wie ein Panda, doch für mich zählte nur, dass sie da war. Jeder hat seine Probleme. Vor Freude bezahlte ich sie im Voraus und legte gleich noch zehn Złoty drauf, obwohl ich gar nicht wusste, ob ich mich heute wieder verspäten würde.

Wie beflügelt lief ich zur Haltestelle, froh, dass mein neues Schmerzmittel tatsächlich wirkte, und welch ein Glück, ich kriegte den früheren Bus. Gleich am Anfang meines Ausflugs hatte ich sieben Minuten eingespart, ich war voller Hoffnung und wurde immer aufgeregter. Nun fuhr ich mir eine Wohnung für meine Familie in der schönen Sakura-Anlage anschauen! Ein sonniges Zimmer für Karolek, in das wir bunte Kindermöbel stellen würden, er dürfte die Wände bekritzeln und würde auf einem Teppich mit Straßen und Kreuzungen Spielzeugautos fahren lassen. Später wollte er nämlich einmal Rennfahrer werden! Mein Mann bekäme das Zimmer mit dem Glasdach, oder sollten wir dort lieber das Schlafzimmer einrichten? Dann könnten wir beim Einschlafen in die Sterne schauen, die man in der ulica Krochmalna nicht sah. Beim Aussteigen aus dem Bus verspürte ich ein leichtes Schwindelgefühl, kurz wogte und krümmte sich die ganze Welt, aber ich kümmerte mich nicht darum. Die Müdigkeit! Das würde alles vergehen, wenn wir endlich umgezogen wären. Kein Trampeltier und kein Adrian mehr, keine ekelhaften Schmierereien an der Tür. Ein Neuanfang.

Am bequemsten ist es für mich, im Shoppingcenter an der Marszałkowska einzukaufen, und heute lief alles glatt. Ich kaufte ein Boho-Kleid und eine milchkaffeefarbene Lederjacke im Rockerstil. In der Drogerie sprühte ich mich mit Patchouli- und Vanilleparfüm ein. Für die leichte Jacke war es eigentlich zu kühl, aber die Kombination sah so toll aus, dass es mir keine Angst machte, ein bisschen zu frieren. Ich zog mich auf der Toilette eines Cafés in der Chmielna um, die alten Klamotten stopfte ich in einen Lederrucksack, den ich noch aus Studentinnenzeiten hatte. Mit dem Resultat war ich sehr zufrieden, ich fand, dass ich ungezwungen und stylish aussah, wie eine Frau, die keinen Trends nachjagt, sondern sich jederzeit alles erlauben kann, sogar Ausgefallenes und Verrücktes.

Fünfundzwanzig Minuten später war ich schon bei der Wohnanlage. Die Bäume und die kleinen hübsch bepflanzten Plätze aus der simulierten Ansicht im Exposé gab es noch nicht. Auch die bunten Familien, die ähnlich waren wie meine, fehlten, aber nun kam gerade wieder die Sonne hervor, und obwohl überall noch das Chaos der Baustelle herrschte und große schwarze Vögel in den regenweichen Erdschollen pickten, war ich weiterhin voller Hoffnung. Ich war halb erfroren, bis ich den Eingang 123F gefunden hatte, vor dem eine junge unscheinbare Frau mit einem Stapel Papiere wartete. Sie flatterten im Wind, als wollten sie zusammen mit den Krähen davonfliegen. Der nächste eisige Windstoß traf mich gegen die Brust, und obwohl ich die Aufschläge der neuen Lederjacke mit der Hand vorn zusammenhielt, fuhr mir die Kälte bis ins Mark. Kurz neigte sich die Welt wieder und schwankte. Die Maklerin trug enge Jeans und eine Wattejacke, auf dem Kopf hatte sie eine Bommelmütze. Im Aufzug schniefte sie, während sie weiterhin die Unterlagen durchschaute, und als wir die Wohnung betreten hatten, bei deren Nummer sie sich zweimal irrte, putzte sie sich geräuschvoll die Nase. Widerlich.

So hatte ich mir die ersten Momente in meiner Traumwohnung nicht vorgestellt, außerdem hatte ich nicht gedacht, dass sie noch so unfertig war. Dass die Montage der Weißware noch ausstand – den Fachausdruck hatte ich bei meiner Suche gelernt –, war mir bewusst gewesen. Aber die hellen Eichenpaneele sahen auf den Fotos so echt aus, dass ich an ihre Existenz geglaubt hatte. Stattdessen starrte mir vom Boden ein grauer poröser Estrich entgegen, Staubwolken stiegen auf. Die großen Fenster waren schmutzig, voller Schlieren, getrockneter Rinnsale und fettiger Fingerabdrücke. Das Zimmer mit der verglasten Decke war kleiner als erwartet, auf der Scheibe vergammelte altes Laub und Vogelkacke. Mein Mann braucht einen schönen Ausblick bei der Arbeit, sagte ich und sah enttäuscht zu dem Büroturm auf der anderen Straßenseite hinüber, hinter dessen Fenstern kleine menschliche Figuren wimmelten. Was macht Ihr Mann denn?, fragte die Maklerin interessiert. Na endlich. Er ist Schriftsteller! Sie musterte mich aufmerksam, in ihrem Gesicht entdeckte ich die Spuren von Piercings. Mikroskopisch kleine Löcher in der Oberlippe und der Augenbraue. Und ein großes im Nasenflügel, wie ein tiefer Krater. Arme Kleine, hatte von einem wilden Leben geträumt, doch das Schicksal hatte ihr einen Arschtritt verpasst, und jetzt musste sie Stadtrandwohnungen anpreisen wie Sauerbier.

Die Angestellten der Immobilienbüros waren selten professionell ausgebildet, und ich war auch noch nie zweimal derselben Person begegnet, weil die meisten ihre Arbeit so betrachteten wie Studenten und Studentinnen das Kellnern. Bei diesem Mädel hier war es vermutlich genauso. Die Denkprozesse malten sich auf ihrer ballonartig vorgewölbten Stirn, und ich ahnte, dass sie sich an einen Schriftsteller mit dem Namen zu erinnern versuchte, den ich bei der Terminvereinbarung angegeben hatte. Ich hatte nicht vor preiszugeben, dass ich meinen Mädchennamen benutzte, doch sie gab sich nicht geschlagen. Ein Schriftsteller!, nun kam Leben in sie. Der Schreibtisch könnte auch hier stehen, sie lotste mich in einen anderen Raum mit ebenso schmutzigen Fenstern und einem Betonboden. Tadaa – Bäume!, zeigte sie mir die Aussicht, die tatsächlich eine hochgewachsene Pappel umfasste. Und wie heißt das neueste Buch von Ihrem Mann? – Das hier würde ich eher als Kinderzimmer sehen, unterbrach ich sie. – Junge oder Mädchen? – Junge!, sagte ich, froh, dass die Zwergin mit den Piercingkratern das Thema wechselte. Er ist zwölf und will einmal Sternenkundler werden, fügte ich hinzu, um sie von der Schriftstellerei meines Mannes abzulenken. Brachte denn niemand diesen Leuten Taktgefühl bei? Warum starrte sie mich so an? Sie ging mir zunehmend auf den Geist. In der Wohnung herrschte steinerne Kälte, ich fror in meinem dünnen Kleid und musste immer dringender auf die Toilette, doch das Bad war noch eine Betonhöhle mit aus den Wänden ragenden Rohren und losen Kabeln wie gerissene Sehnen. In diesem Kabuff würde ich kaum einen Whirlpool unterbringen.