Die Forrests - Emily Perkins - E-Book

Die Forrests E-Book

Emily Perkins

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Beschreibung

Von New York City nach Auckland, Neuseeland – nach einem Umzug um den halben Globus tauchen die Forrests in eine neue Welt ein. Das Leben der Geschwister Dorothy, Michael, Evelyn und Ruth ändert sich von Grund auf. Über die Jahre hinweg entwickeln sich die vier auseinander – und jeder von ihnen hat mit den Widrigkeiten des Lebens zu kämpfen. Dabei gerät immer mehr in Vergessenheit, was für jeden einzelnen jetzt am wichtigsten wäre: die Familie. Als auch die Eltern sich immer weiter voneinander distanzieren, ist es Dorothy, genannt Dottie, die mit wachem Auge und wachem Sinn versucht, die Familie in der Fremde zusammenzuhalten. Sie ist das Zentrum eines Romans, der sich dem Leben selbst verschrieben hat, der von junger Liebe, von Ehe und Kindern, vom Altern, von Krankheit, von Tod erzählt, von tiefen, unerschütterlichen Verbindungen, die ein Leben durchziehen. 

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für Karl, Veronica, Cass und Mary

Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

ISBN 978-3-492-98297-9 August 2016 Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel The Forrests bei Bloomsbury Publishing Plc, London © 2012 Emily Perkins Für diese Ausgabe © Piper Fahrenheit, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2016 Covergestaltung: FAVORITBUERO, München Covermotiv: Anastasiya Shylina, freedom100m/shutterstock.com Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Und es herrscht eine körperliche Glückseligkeit, die sich mit nichts vergleichen lässt. Der Körper wird zu einer Gabe. Und man spürt,

dass es eine Gabe ist, weil man aus direkter Quelle

das plötzlich unzweifelhafte Geschenk erfährt,

auf wunderbare und materielle Weise zu existieren.

Clarice Lispector, Agua viva

Begin anywhere

John Cage

1. HEIMAT

Vater machte vor ihnen Verrenkungen mit der Kamera. Erhielt die Kodak, ihren kostbarsten Besitz, als ob sie ein sich lebendig windendes Tier wäre, ein Frettchen oder eine Schlange, von dem er geführt wurde. Die Kinder hatten sich im Garten unter einem Pappkarton zu verstecken, für einen Film, der später mal lustig sein würde, wie er ihnen versicherte. Als Dorothy dran war, kauerte sie sich wie eine Schildkröte auf den Rasen, Stirn auf die knochigen Knie gedrückt, Arme angezogen, heißer Atem auf ihrer Haut, während Michael den Karton nahm und über sie stülpte, ein warmes Dunkel, ein seltener Augenblick ganz allein. Sie atmete tief ein.

Kleeblüten streichelten ihr Gesicht, die Pappe roch sandig und weich, und die Geräusche außerhalb – Vogeltschilpen, Michael, ihre Schwestern, die Stimme ihres Vaters, Daniel – klangen gedämpft. Ein dicker lila Grind löste sich vom Knie, und als der Karton hochgehoben wurde und Evelyn sagte, sie sei dran, war auf einmal die frische Haut darunter, und Dorothy, Dot, ließ sich auf die Seite fallen und rollte auf den Rücken, der Himmel explodierte im Licht, Daniel beugte sich vor die Sonne, sein Gesicht ein dunkler Umriss. »Ich bin der Dribbelkönig!«

Sie packte ihn an den Fußgelenken, umklammerte Knochen und das straffe Band der Achillessehne, brachte ihn zu Fall, er landete mit den Knien im Gras. Beide rappelten sich auf, Daniel jagte hinter ihr her, Schienbeine und Hände voller Erd- und Grasflecken, und ihr Vater schrie: »Nicht da lang, ihr kommt ins Bild«, und die andern tobten alle mit und die Schwester im Karton rief dumpf: »Was macht ihr da draußen?«, und Vater sagte: »Noch nicht, Eve«, aber sie drückte den Pappkarton trotzdem hoch, ließ ihn wegkippen und trottete mit den Worten »Ich hab Durst« an der Wäscheleine vorbei ins Haus, nicht ohne im Vorbeigehen die trächtige Katze zu streicheln, die die Hintertreppe in Richtung Sonne hochlief. Ihr Vater trat gegen den Karton.

Am Zitronenbaum, an dem die Zitronen wie gelbe Minizeppeline hingen, täuschte Dorothy ein Ausweichmanöver vor, wirbelte herum, schlug einen Haken und verfolgte jetzt Daniel, der neben dem Haus entlangwetzte, mit seinen bloßen Füßen über den muschelbestreuten Vorgarten sprang, als seien es heiße Kohlen, den Bürgersteig hinabrannte, der sich über den Baumwurzeln wölbte, an den Nachbarhäusern und der Praxis der Fußpflegerin, bei der Dots Mutter sich die Beine enthaaren ließ, vorbei, um den ausgekippten Müllsack an der Ecke herum, am kleinen Mädchen auf dem Fahrrad mit den gerippten rosa Plastikgriffen und dem Zeitungsstand und dem Mann, der vor dem Übergangswohnheim an der Wand lehnte, vorbei und über die leere Straße an dem Chinaimbiss und dem Bäcker mit dem Weißbrot, das einem an den Zähnen festklebte, und der Metzgerei, in der mit schwelendem Qualm geräuchert wurde, vorbei. Und plötzlich war Daniel nirgendwo zu sehen. Pökelsalzschwaden waberten durch die Luft, vor Dot wölbte sich der leere Nachmittag, die Straße war wie verlassen.

Dorothy drehte dem weiten, offenen Raum den Rücken zu und rannte zurück.

Als Dot keuchend zur Haustür hereinstürmte und in die Küche düste, um einen Schluck Wasser zu trinken, war Daniel schon da. Er kippelte auf einem Stuhl, hielt sich mit den Fingerspitzen leicht an der Tischkante fest, ihm gegenüber saß Eve. Klappernd schüttete Eve die Scrabblebuchstaben aus dem Samtbeutelchen auf den Tisch und verteilte sie auf dem Ouijabrett. »Michael!«, rief sie, Kopf zur Treppe gedreht. »Komm schon!«

Dorothy trank das Wasser aus und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. »Wie bist du so schnell nach Hause gekommen?«

»Ich bin halt einfach der Überflieger.« Daniel zog das Geschirrtuch vom Griff an der Ofentür, nahm ihr das Glas aus der Hand, schüttelte die letzten Tropfen heraus und trocknete es ab. »Das brauchen wir«, sagte er und stellte es umgedreht in die Tischmitte.

Schräg einfallendes Sonnenlicht ließ den feinen Staubfilm auf dem Tisch und die fast unsichtbaren Härchen auf der Haut der Kinder leuchten. Als Dorothy sich hinsetzte, stupste etwas gegen ihr Knie. Unter dem Tisch hockte ihre kleine Schwester. »Ruthie.«

»Psst, ich will doch von unten klopfen«, sagte Ruth.

Eve zog sie unter dem Tisch hervor und nahm sie auf den Schoß. »Du hast doch keine Angst?«

»Nein.« Aber sie vergrub das Gesicht an Evelyns Hals.

»Geh und hol Michael.«

Ruth klammerte sich nur noch stärker an Eve. Eve hielt das Glas ins Licht und kniff ein Auge zu: Da war noch der Abdruck von Dots Lippen, den sie mit dem T-Shirt wegrieb. Als die Tür knarrte, blökte Ruth los, aber es war nur ihr Bruder. »Macht mal Platz«, sagte Michael und zog sich einen Stuhl heran. Sie bildeten einen Kreis um den Tisch und berührten alle das umgedrehte Glas mit den Fingerspitzen. Die beigen Scrabblesteine lagen wie die Bruchstücke eines antiken Sonnenmosaiks da. Nachmittagsatem. Anhalten. In der abwartenden Stille war von oben ein Miauen zu hören.

Die unterste Schublade der Kommode im Mädchenzimmer stand wie immer offen, sie klemmte zu sehr, als dass die Mädchen sie hätten zuschieben können. Oben auf den unbeholfen zusammengefalteten Pullovern lag die Katze und leckte Schleim von zwei neugeborenen Kätzchen, so winzig, die Schwänzchen wie aufgesteckt.

»Sollen wir Mom holen?«, fragte Ruth, aber die anderen sagten: »Nein, sie ist nicht da.« Die Kinder hatten das Hexenbrett vergessen und drängelten sich um die Schublade. Die Katzengeburt hatten sie sehnlich erwartet. Die Katze krümmte sich zusammen, und ein weiteres Kätzchen kam blind und mit einem winzigen Stimmchen heiser miauend heraus, der Körper zittrig, die Pfoten, das Gesicht so komplett, das kleine Maul klappte zum Gähnen auf. Die Katzenmutter streckte ihre raue Zunge danach aus und leckte sein Fell sauber.

Als Evelyn acht war, Dorothy sieben und ihre kleine Schwester Ruth noch nicht in der Schule, waren die Forrests von O-mein-Gott-der-Nabel-der-Welt-New-York-City nach Westmere, Auckland, Neuseeland, gezogen. Dot meinte, ihren Vater sagen zu hören: »Endlich leben wir in einer kassenlosen Gesellschaft.« Später vermutete sie, dass die Gründe wahrscheinlich eher mit mangelndem Erfolg in der Heimat, Finanzproblemen und einem absurden Anspruchsdenken zu tun hatten. Frank war der zweite Sohn der Forrests und behauptete, trotz Papas Treuhandkonto »ohne jedes Sicherheitsnetz in die Welt geschubst worden zu sein«. Auch nach der Auswanderung bekam er im Theater keinen Fuß in die Tür. Er übernahm die Leitung des Amateurtheaterclubs Westmere und vergraulte mit seiner Brecht- und Ionesco-Einheitskost nach und nach einen Großteil der Mitglieder. Jeden Monat ging ihre Mutter, von den Älteren Lee, von Ruth Mommy genannt, zur Bank und hob ihren Lebensunterhalt vom Treuhandkonto ab. Für einen Besuch in der Heimat reichte es allerdings nie, was vermutlich kein Zufall war, auch wenn »die einfach nicht kapieren wollen, was so eine Reise kostet!«, wie Lee sich immer wieder empörte.

Sie kamen in den Sommerferien an, schrecklich schläfrig von dem langen Flug über Honolulu, wo sie es sich zum letzten Mal so richtig gut gehen lassen hatten, am Hotelpool, obwohl es doch direkt am Strand war, in die ungewohnte Offenheit unter dem Himmel der südlichen Hemisphäre, dessen Farben bis hinunter auf die menschenleeren Straßen reichten und den Raum zwischen den Häusern füllten. In den ersten paar Wochen kannten sie niemanden, sprachen mit niemandem, nur miteinander, gingen ständig zu dem kleinen Tante-Emma-Laden, der hier Milchladen genannt wurde; vor dem fischäugigen Starren der unter der weichen Wärme der Markise herumlungernden Kinder wären die Forrest-Sprösslinge am liebsten weggerannt.

Als die Schule dann endlich losging, genas Evelyn von Keuchhusten und der Kinderarzt mit den langen Strähnen über der Glatze ordnete Bettruhe an. Dot wurde von ihrer Mutter in das Kleid gesteckt, das sie zur Hochzeit einer Cousine getragen hatte, weil sie nicht wusste, wo man die Schuluniform herbekam, und es wichtig war, dass man einen anständigen Eindruck machte. Das Kleid war persilweiß mit Lochstickerei am Saum und Satinschleife. Wie sich herausstellte, gab es keine Schuluniform. Die Schleife fischte Dot aus dem Spülkasten auf der Mädchentoilette, der Schlamm ließ sich aus den Löchern der Lochstickerei wieder herauswaschen, aber das Kaugummi, das mitten in den langen, blonden, amerikanischen Mädchenhaaren der Neuen klebte, wollte sich weder mit Essig noch mit Terpentin lösen; Lee musste die Haare mit der Nagelschere abschneiden; der Rest des Hausrats gondelte in einem Containerschiff irgendwo auf dem wogenden blauen Ozean.

Lee schluchzte, als die Haare fielen, aber Dot stand reglos da, atmete tief in den Bauch und tröstete ihre Mutter mit einem Ausdruck, den sie an diesem Nachmittag gelernt hatte. Michaels neuer Freund Daniel hatte ihr in die Schulter geboxt und gesagt: »Scheiß drauf.« Bei dem Satz hatte sie aufgehört zu weinen und sich zusammengerissen. Das Kaugummi war gar nichts. Sie hatte ihren ersten Schultag ohne Eve überstanden. Die anderen wussten nicht einmal, dass sie eine große Schwester hatte. Sie war allein gewesen und hatte überlebt.

Ein Rad über die hölzernen Schulbänke schlagen, angemalt mit hellgrüner Anstaltsfarbe, dick und wächsern, blasendurchsetzt. Schürfstellen vom Teerboden auf der Handwurzel. Ein Wirbel aus blauem Himmel und schwarzem Asphalt. Der Geruch nach heißem Metall von der Kletterstange auf dem Abenteuerspielplatz, der Metallgeschmack an den Fingern. Dot drückte mit der Handfläche gegen den glänzenden Hahn am Waschbecken, der abgelenkte Wasserstrahl zerteilte die Luft.

Auf dem Heimweg hatte Michael ihr erzählt, Daniels Vater würde in dem Obdachlosenwohnheim in ihrer Straße wohnen. Auf die Idee wäre Dorothy nie gekommen, dass die Männer, in deren Nähe sie immer die Luft anhielten, Familien haben könnten. Sie rieb sich die Schulter, wo sie noch immer Daniels Berührung spürte. Bei jedem Schritt schlug ihr ein Kaugummiklumpen im Pony gegen die Stirn.

Während des Haareschneidens beruhigte ihre Mutter sich allmählich wieder. Die immer noch rasselnd atmende Evelyn sah dem Geschehen in dem kleinen Badezimmer mit ernster Aufmerksamkeit zu. Als Lee fertig war, sah Dot wie ein struwweliger Lausbub aus; ohne sich das Ergebnis anzusehen, sammelte Lee die Strähnen auf einer Zeitung ein und ging in die Küche zum Kochen.

Eve nahm die Schere vom Fensterbrett und ließ die Klingen in der Nachmittagssonne aufblitzen. Sie schubste Dorothy vor dem Spiegel weg, hob eine ihrer Haarsträhnen hoch und fing, unterbrochen von gelegentlichem Husten, an zu schnippeln. Als sie vorn fertig war, drückte sie Dorothy die Schere in die Hand. »Machst du hinten?« Die Menge an Haaren in Dots Händen fühlte sich beängstigend an, aber sie tat es trotzdem. Eve hielt sich die Hand vor den grinsenden Mund und sah Dot mit vor Keuchhusten und Anarchie glänzenden Augen im Spiegel an. Das Bad drehte sich langsam um die Schere. Wenn Eve wieder gesund war, würden sie zusammen zur Schule gehen, und dann aufgepasst!

Dot und Eve waren sich einig, dass sie ihren Vater hassten. »In jedem Witz steckt ein Quäntchen Wahrheit«, sagte er. »Deswegen sind sie so witzig«, und Dot verbrachte ganze Tage damit, das Lachen zu unterdrücken, sogar wenn Michael am Tisch rülpste oder ihr Vater den Satz brachte: »Und zwar ohne Wenn und Araber.« Ihre Mutter sagte dann: »Ich habe leider keinen Sinn für Humor. In unserer Familie gab’s nie was zu lachen.« Oder: »Frank, du bist einfach genial. Später wird denen das noch leidtun.« Immer wollte irgendjemand ihren Vater nicht rein- oder nach oben kommen lassen, immer sollte seine kritischeMeinung unterdrückt werden. Lee war sein Einfraufanclub. Sie veranstaltete wilde Sprünge um ihn herum, schleuderte die Hacken über den abgeschabten Nadelfilz auf dem Flur, schrie und jubelte: Frank, Frank!

Warum hassten sie ihren Vater? Es waren nicht nur seine Ansichten über das Komische, nicht nur weil er den Rest der Welt als ihm feindlich gesinnte Torwächter betrachtete, die ihn vom Gold des Lebens fernhalten wollten. Weil ihre Mutter ihn mehr liebte als die Kinder? Blöde Frage. Nächste. Warum tauchte er noch Jahrzehnte später ständig in Dorothys Träumen auf? Und warum bloß sagte er nichts! Als er noch lebte, gab er andauernd irgendwelche Sentenzen zum Besten: »Erfolg hängt zu neunzig Prozent davon ab aufzukreuzen.« Genau das tat er nun, lange nach seinem Tod. Ein schlechter Witz.

1970, als Dorothy zehn Jahre alt war, hatte ihre Mutter es endlich geschafft, genug Geld zusammenzusparen, und Frank flog in seinem übergroßen Marinewollmantel in die Vereinigten Staaten, bewaffnet mit einem Aktenkoffer voller Schwarzweißfotos von Der gute Mensch von Sezuan und Ubu Roi, die blonden Haare sorgfältig mit Wasser nach hinten gekämmt, was natürlich getrocknet sein würde, bevor er landete. Die Vorstellung, ihr Vater würde mit zauseligen Haaren durch Manhattan laufen und noch nicht mal merken, wie hinter ihm getuschelt und gekichert wurde, besorgte Dorothy sehr. Während seiner Abwesenheit vergaß sie ihn zu hassen und verstand vielleicht sogar tief im Innern, dass der ganze Zorn im Grunde Liebe war, die nicht wusste, wohin. Was war schon Manhattan? Dot konnte sich an kein anderes Leben als hier und jetzt erinnern, auch wenn Eve und sie sich abends im Bett Geschichten von ihrer anderen Familie erzählten, der, die nie weggegangen war, die im märchenhaften Funkeln der Lichter auf Tannenzweigen lebte, glitzernde Eiskristalle sprühten unter ihren Schlittschuhen, während sie auf der legendären Eisbahn im Kreis herumwirbelten und -wirbelten.

Am ersten Morgen nach Franks Abreise wachte ihre Mutter früh auf und hörte jemanden unten im Haus. Sie gürtete sich in ihren dünnen, geblümten Morgenrock und folgte den Geräuschen, vor Angst leicht wie ein Luftballon. Die Küchentür stand offen. Am Tisch saß Daniel mit dem Rücken zu ihr. Sie sah seine schmalen Schultern, die Zeitung vor ihm, den aus dem Teekessel aufsteigenden Dampf. Er schrieb irgendetwas auf die Zeitung, und als sie »Guten Morgen« sagte und um den Tisch herumging, lächelte er und sagte: »Hallo, Lee. Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich das Kreuzworträtsel mache.« Er ließ den Kuli so schnell zwischen Finger und Daumen hin- und herzappeln, dass er wie ein verwackelter Plastikklecks aussah.

»Hast du bei Michael im Zimmer geschlafen?«

»Ja.« Er lächelte so entspannt, als sei das völlig normal, als wohne er tatsächlich bei den Forrests.

»Gut.«

Daniel stellte seine Müslischale ins Spülbecken. Über die Hälfte des Kreuzworträtsels war schon ausgefüllt. Als er seine Schale auswusch, abtrocknete und wegräumte, wischte er auch noch die Anrichte mit ab. Sie bemerkte, wie gut er sich in der Küche auskannte. Daniel sagte: »Ich muss jetzt zur Arbeit.«

»Wo arbeitest du denn?«

»Beim Taxiunternehmen. Ich wasche Autos. Aber nur am Wochenende.«

»Aha.«

»Bis später dann. Übrigens, an dem Pflaumenbaum, hinten an der Straße. Da sind jede Menge Pflaumen dran, willst du welche?«

Lee warf einen Blick in die Obstschale, in der zwei Äpfel neben einer giraffenhäutigen Banane lagen. Sie war noch etwas benommen.

»Der Baum gehört niemandem oder so. Steht an der Böschung. Ich bring später welche mit.«

»Danke«, sagte sie, und er wischte zum Abschied mit der Hand durch die Luft. Sie hörte, wie die Haustür vorsichtig zugezogen wurde. Daniel war dreizehn.

Lee ging schnell zurück nach oben, um nach Michael zu sehen, und da lag er, regungslos, der ovale Mund offen, im schmalen Jugendbett, die Wolldecke war halb auf den Boden gerutscht, sein schlafschwerer Körper füllte mittlerweile fast die ganze Matratze aus. Vor der Schranktür lag ein ordentlich zusammengerollter Schlafsack auf einem Kissen.

Solange Frank weg war, zog sie mit den Kindern raus aufs Land, in eine Frauenkommune. Daniel, der seit jener Nacht ständig bei ihnen schlief, kam mit. Im VW-Bus saß er hinter Evelyn und Dot, drehte den Kopf von einer zur anderen und tat so, als müsste er zweimal hinsehen. »Kommt ihr eigentlich nie durcheinander oder was«, sagte er, »und wacht morgens auf und glaubt, ihr seid die andere?«

»Wir sind keine Zwillinge.«

»Ihr seht praktisch gleich aus.«

»Nicht mal zweieiige.«

»Nur Jungs haben zwei Eier«, erwiderte Daniel.

»Mann, bist du peinlich«, sagte Dorothy. »Wenn du nicht aufpasst, tret ich dir in die Eier.«

Der VW-Bus roch nach Sandelholz, und bei jedem Schlagloch stiegen Staubwolken aus den Samt-und-Cord-Patchwork-Kissen auf. Dorothy und Evelyn inhalierten synchron ihre Asthmasprays.

Michael fragte: »Gibt es in dem Bach Schlangen?«

»Aale«, antwortete die Frau, die den Bus fuhr, eine Frau, die sie eigentlich kaum kannten, Rena hieß sie und war eine neue Freundin von Lee. Sie trug ein Kopftuch über einem unglaublichen Schopf kupferroter Haare.

Rena wusch sich draußen unter der Freiluftdusche, wo das Wasser über dem Duschkopf in einem schwarzen Plastiksack gesammelt und von der Sonne ein wenig erwärmt wurde. Den kurzen Weg zu ihrer Hütte legte sie nackt zurück, das Handtuch um den Hals drapiert wie die Sportlerinnen in der Umkleide, die Dorothy in einer Werbung für Deospray gesehen hatte, nur dass die Sportlerinnen einen Aerobicanzug oder ein weißes Tennisdress trugen. Rena mit dem buschigen Haar und dem muskulösen Körper benutzte kein Deospray.

Es war komisch, an einem Ort ohne Fernsehen und WC zu sein. Dot lag in der Kinderhütte in einem der Stockbetten auf einem dünnen roten Schlafsack, der wie ein abgestreifter Kokon über der gelben, zerschlissenen Schaumstoffmatratze lag, die wiederum das Sperrholzbrett des Betts bedeckte, und sie weinte über Die endlose Steppe und dass sie bisher immer nur an sich gedacht hatte. Wenn ihr Vater wieder da war, würde sie ihn von ganzem Herzen lieben.

Daniel lag im Stockbett gegenüber auf dem Bauch und las einen zerfledderten Comic. Er roch würzig, nach Heu.

»Du, Daniel«, sagte sie und wischte sich die Tränen an dem Flanellinnenfutter des Schlafsacks ab, »warum wohnst du eigentlich nicht bei deiner Familie?«

Einen Augenblick lang war es unklar, ob er sie gehört hatte. Er hatte die Knie angewinkelt, die dreckigen Füße ragten in die Luft. Ohne vom Comicheft aufzublicken, erläuterte er, dass sein Dad gerade umzog und seine Mutter einen neuen Freund habe. »Hat Lee dir das nicht erzählt?« Er blätterte um.

»Nein. Vielleicht. Weiß nicht.« Wo war Eve? Irgendwie fehlte Eve schon länger. Dorothy streckte sich ihrer Schwester entgegen, als sie zur Tür hereinkam. »Ich hab dich gesucht«, sagten beide wie aus einem Mund, dann fragte Evelyn: »Wollen wir Fangen spielen?«

Dot hielt ihr Buch hoch. Eve kam, ihr Körper warm, und legte sich zu Dot ins Stockbett, schmiegte sich mit der Wange an ihren Hals, hielt Dots nackten Arm fest und ließ ihre Finger vom Handgelenk hoch bis in die Ellenbeuge wandern. Sie flüsterten miteinander. Daniel ließ einen fahren, und als der Kartoffelkellergestank bei den Mädchen ankam, kicherten sie und paddelten durch die Luft, als würden sie ertrinken. Daniel beachtete sie nicht.

Die Sonnenblumenstiele waren dick und kratzig und die mit spitzen bernsteingelben Blättern eingefassten Blütenköpfe zu groß, um schön zu sein. Dorothy half beim Ausschütteln der Sonnenblumenkerne aus den samtig schwarzen Blüten auf ein weißes Baumwolltuch, das im Lichtschein vor der Kochhütte ausgebreitet lag. Evelyn und sie arbeiteten mit einem älteren Mädchen zusammen, das eine Namensänderung beantragt hatte und jetzt offiziell »Name« hieß. Name hatte sich das Gesicht tätowieren lassen. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht und die Tätowierung bestand aus einem Herz, das ihr ganzes Gesicht einrahmte, an ihrem Kinn zusammenkam und deutlich machte, dass der Ausdruck »herzförmiges Gesicht« anatomisch nicht wirklich zutreffend war.

Name schuftete stundenlang im Gemüsegarten, hackte und rechte und buddelte, die muskulösen Schultern ständig in Bewegung. Begleitet wurde sie von einer rotblonden Katze, die um sie herumschlich, als würde sie die Arbeit inspizieren. Die Schwestern rupften in den Pflanzreihen Unkraut, unter Evelyns Fingernägeln sammelte sich die Erde, Dreck grub sich in Dorothys Knie, alle summten Cheryl Moana Marie. Sie kauten auf den pfefferscharfen Blütenblättern der Kapuzinerkresse herum, Name rieb mit ihrem dicken Daumen den Lehm von zwei Radieschen und gab sie den Mädchen zu essen. Sie erzählte ihnen die Geschichte von Rapunzel, als sei sie wirklich passiert. Name rauchte eine Menge Gras, und die Art, wie sie das Märchen erzählte, klang, als hielte sie es für wahr. Als die Forrest-Mädchen wieder allein in ihrer Hütte waren, waren sie sich einig, dass sie sich Sorgen um Name machten.

Die Tage vergingen ohne Schulstunden oder Pflichten. Die Sonne maß die Zeit, die Forrests hätten seit Wochen oder Monaten in Hungry Creek sein können. Die Kinder spielten Baseball, bis es fast dunkel war, und lungerten um den schartigen dicken Holztisch im Kochhaus herum, spielten Gin Rummy und versuchten, unbemerkt zu bleiben, während die Frauen einen Joint kreisen ließen und über das Patriarchat herzogen. Wenn man sich nachmittags vor der Arbeit drücken wollte, verzog man sich am besten in das Wäldchen, das den Bachlauf säumte. Die Kinder wateten durch hüfthohe Gräser, um dorthin zu gelangen, die Kletten verfingen sich in ihren Shorts und die kleinen Rauten der Grasblüten in ihren Haaren.

In den dunklen Büschen am Rand der Kommune waren Glühwürmchen, so viele, dass sie wie ein Spiegelbild des Himmels aussahen und Michael sich fragte, ob er wohl mit dem Kopf nach unten stand. Er kicherte los, was vom Hu-hu eines Nachtvogels beantwortet wurde. An der Stelle, an der Rena ihn geküsst hatte, fühlte sich sein Hals immer noch heiß und rot an, und er rieb die Stelle, als ob er dadurch auch den Vorfall ungeschehen machen könnte. Es verwirrte ihn, dass er sich von ihr abgestoßen fühlte, von ihrem alten Mund, ihrer Zunge, die sich in seinen Mund schob, dem Opossumgeruch ihrer Haare, und zugleich war er stolz, dass sie ihn mochte. Obwohl der Rauch einen schrecklichen Hustenanfall bei ihm ausgelöst hatte, eine laufende Nase, tränende Augen und eine brennende Lunge, bevor das Marihuana in seinem Kopf wie eine Wasserbombe in Zeitlupe zerplatzt war. Die Kerze hatte Renas Hütte nicht richtig ausgeleuchtet, in der sie nebeneinander auf der Bettkante saßen. Ein paar Züge noch, die Feuchtigkeit des Zigarettenpapierchens, wo ihre Lippen gewesen waren, dann ließ er den Joint fallen; die Angst, die Hütte könne in Flammen aufgehen, packte ihn, aber Rena kickte die Kippe achtlos beiseite und küsste ihn.

Klebrige Scham erfüllte ihn, weil eine unklare, aber auf jeden Fall vorhandene Zeitspanne vergangen war, bevor er sich von ihr losgemacht hatte – weil seine Hand ihren Busen angefasst hatte; er wollte unbedingt wissen, wie sich so ein Busen anfühlte, das war logischerweise eins seiner größten Ziele im Leben, bisher. Das heisere Stöhnen, das dabei aus ihrer Kehle kam, war schrecklich gewesen. Er hatte seine Hand weggerissen, aber sie legte sie wieder da hin und schob ihre Finger zwischen seine Beine, fasste ihn da an, und er wollte ja, heilige Scheiße, eine Frau fasste ihn am Schwanz an, aber dann drückte sie sein Gesicht nach unten zu ihrem Schoß, lockerte ihren Griff auf seinem Nacken aber, um sich die Shorts runterzuziehen, und er sprang auf, stieß den Emaillekerzenhalter um, wie in einem Märchenbuch sah er aus, und es war stockduster. Die Tür war nicht da, wo er sie vermutet hatte, und mehrere Sekunden lang tastete er an der rauen Lattenwand herum, suchte nach dem Weg ins Freie, während Rena auf dem Bett hustend lachte. Und jetzt stand er im Dunkeln, an seinen Knöcheln und Knien hungrige Mücken.

Er wusste nicht, wie lang er da stand und Glühwürmchen beziehungsweise Sterne betrachtete. Um ihn herum das Atmen der Zeit, seine nackten Füße im saftigen Gras, bis ihn herzhafte Küchengerüche daran erinnerten, dass es kalt und er hungrig war. Ein schwaches Licht wies ihm den Weg zur Kochhütte, die er schneller als erwartet erreichte, überrascht, dass Heimat und Wildnis so nah beieinanderlagen. Durch die Tür war seine Mutter zu sehen, die am Kohlenofen stand und in einer Pfanne rührte; die angebratenen Zwiebeln waren vermutlich das Leckerste, was er je in seinem Leben gerochen hatte. Wie gern hätte er den weichen Körper seiner Mutter in die Arme geschlossen.

»Mom«, sagte er mit brechender Stimme, doch dann tauchte Rena neben Lee auf, eine Hand auf ihrer Schulter. »Komm rein, Mike«, sagte sie. »Du musst ja halb verhungert sein. Komm, hilf mir beim Tischdecken.«

Er blinzelte ins Licht der batteriebetriebenen Deckenlampe. Rena schenkte ihm ein Glas kaltes Leitungswasser ein. Er trank es und dann noch eins, das Gesicht der Spüle zugewandt, damit er sie bloß nicht ansehen musste. Seine Blase war kurz vor dem Platzen, aber er wusste nicht, wie er entkommen sollte. Hundert Meilen entfernt stand ein Teller mit Zwiebeln und Käse auf dem Tisch. Rena starrte ihn so durchdringend an, dass sie ihm genauso gut »Aaaahhh« ins Gesicht hätte schreien können. Langsam hob er den Kopf, um nach seiner Mutter zu sehen. Wo war sie bloß? Dann kam Daniel hereingestürzt, schüttelte die Nachtluft ab wie ein Hund, hieb Michael auf die Schulter und kittete den Raum wieder zu einem Stück zusammen. »Hey, Alter, da bist du ja. Lee, können wir das Essen mit auf die Hütte nehmen? Wir sind gerade beim Kartenspielen.«

»Okay«, willigte sie ein und schöpfte etwas vom Pfannengemüse in zwei handgetöpferte, windschiefe Schalen. »Denkt dran, die könnt ihr nicht hinstellen, sonst fallen sie um. Ihr müsst sie auf dem Schoß halten.«

Michael beobachtete sie wie Wesen von einem anderen Stern. Unter seinen Lidern brannte es.

»Super«, sagte Daniel, »ich schick die Mädchen, dann können sie sich auch was holen.«

»Und bringt die Schalen wieder zurück und wascht sie ab.«

Lee kam abends nicht mehr, um nachzusehen, ob die Kinder auch unter der Decke lagen und die Kerzen gelöscht waren. Sie kratzte die Kartoffelschalen in den Komposteimer und sagte: »Schlaft gut, Jungs.«

»Gute Nacht«, sagte Rena in der Tür. Sie fuhr mit der Hand über Mikes Bein, als er sich an ihr vorbeidrückte. Er rannte Daniel hinterher, um ihm tragen zu helfen.

Zwischen zwei Kiefern hindurch beobachtete Eve den nicht weit entfernt stehenden Daniel, der etwas in seinen Händen anschaute. Der Boden zwischen den Kiefern war weiß und sandig, die Kiefernnadeln dufteten süß, und die Rinde unter Evelyns Handteller fühlte sich dick und schwammig an. Sie popelte ein Stück Borke ab. Daniel streckte ihr die Hände entgegen, und Evelyn sah das Kaninchen, das nicht sehr viel größer als ein Tennisball war und die Ohren flach an den Körper angelegt hatte. Das braungraue Fell wirkte weich wie eine Nebelschwade. Das Kaninchen verhielt sich ganz reglos, die Knopfaugen schwarz und nass, Flusskiesel, und der Raum zwischen den Bäumen war von seinem schnell schlagenden Herzen angefüllt. Daniel hielt das kleine Wesen nur ganz leicht fest, eine Hand über die Hinterläufe gewölbt. Evelyn streckte einen Finger aus und streichelte den Rücken des Kaninchens.

»Willst du auch mal?«, fragte er.

»Na gut.« Evelyn dachte, das Tier würde sich winden und kratzen, aber es ließ sich ohne jeden Widerstand in ihre Hände fallen, und Daniel zog seine weg. Es war fast zu viel Verantwortung, der kleine warme Tierkörper an ihrem, die Füße in die Erde vergraben. Das Kaninchen war sehr leicht und gehörte nur sich selbst.

»Erzähl deiner Mom lieber nichts davon«, sagte Daniel. »Die haben ein Gewehr. Rena redet ständig von Kanincheneintopf.«

»Willst du es wiederhaben?« Sobald er es genommen hatte, konnte Evelyn sich wieder frei bewegen. Sie folgte ihm aus dem Kiefernwäldchen ins hohe Gras mit den fiedrigen, kniehohen Blütenwedeln, wo er in die Hocke ging, die Hände ein wenig aufklappte, das Kaninchen verschwand. Doch das Besondere, das es Daniel zu verliehen haben schien, blieb. Er kam hoch, blickte sinnend über die Wiese hinweg, lächelte in die Ferne, und sie gingen zusammen den Hang hinunter und über den Hügel in Richtung des Watts, wo die anderen spielten.

Rena hockte in Unterhemd, Shorts und Arbeitsstiefeln in Fängerposition hinter Michael, der am Schlagmal stand. Wenn man an ihr vorbeiging, konnte man ihr ins Hemd gucken und ihre Melonenbrüste sehen. Michael holte aus, verfehlte den Ball aber, und Rena warf den Ball über seinen Kopf hinweg der Pitcherin Evelyn zu. »Aus«, rief sie.

»Aber er hat versucht ihn zu schlagen!«

»Tja, das hätte er nicht tun sollen.«

Michael schrie: »Wirf einfach noch mal.«

»Von mir aus. Aber der erste Schlag zählt, okay?«, und Evelyn warf, und Michael schlug mit aller Macht nach dem Ball, schmiss den Schläger zur Seite, raste los und schaffte es bis zu Dorothy am zweiten Mal. Er grinste schief, als würde sein Gesicht gegen seinen Willen in die Breite gezogen.

Als Rena an der Reihe war, schlug sie den Ball meilenweit in die Pampa, wo er in die gelbbraunen Ausläufer der Langgraswiese rollte, rannte wie von der Tarantel gestochen mit wild hüpfendem Busen los und schaffte es einmal ganz herum bis zur Homebase, während Daniel immer noch im Kaninchenschwanzgras nach dem Ball fahndete. Michael, der Fänger, schmiss sich auf Rena und warf sie zu Boden, wo sie in dem blonden Staub herumrollten, mit den Beinen strampelnd, Rena laut lachend, Michaels Gesicht glänzend und entschlossen, seine Oberlippe flaumig. Er hätte anfangen können sich zu rasieren, aber es war kein Mann da, der es ihm beigebracht hätte. Dorothy sah seinen Körper auf dem von Rena, wie breit seine Schultern geworden waren, sein starkes Bein, das zwischen den Schenkeln der Frau klemmte, ihr keuchender Atem, ein Geräusch, bei dem Dot das knubbelige Ende des Baseballschlägers in den Staub bohrte, als könnte sie damit ein Loch durch die Erde schlagen.

Der schwüle Tag endete endlich mit Regen, und das Spiel wurde unterbrochen. »Wir gehen in meiner Hütte Karten spielen«, sagte Rena, einen Arm um Michaels Schulter geschlungen. »Macht ihr mit?«

»Nein.« Daniel hob Renas rostiges Fahrrad aus dem Gras und fuhr damit, die Reifen regenglänzend, in Richtung der Kinderhütte, als sei er Butch und Sundance zugleich. Dot und Evelyn sahen ihren Bruder an, der sich die nassen Haare mit einer Kopfbewegung aus den Augen warf, eine schnelle, stolze Geste.

»Nein«, sagten die Mädchen im Chor. Auf dem Rückweg zu ihrer Hütte kamen sie am Gemüsegarten vorbei, wo Name zwischen den Sämlingsreihen einen Regentanz vollführte, die Arme über dem Kopf, unter dem wachsamen Blick der Katze, die, Tropfen wie ein Netz kleiner Kristalle auf den Spitzen ihres aufgeplusterten Fells, zitternd unter der Traufe des Geräteschuppens saß. Im Staub die Spur des hinter ihnen herschleifenden Baseballschlägers, die anzeigte, wo die beiden Schwestern herkamen.

Daniel stand bis zu den Schienbeinen im rasch fließenden Bach am Wehr und stocherte mit einem langen Stock im Wasser herum. Dorothy trat zwischen den Bäumen hervor, sah ihn und blieb in einer Lücke unter den Ästen stehen, wo weißes Sonnenlicht eine Pfütze auf ihrer Schulter bildete und ihr dann den Arm hinunterlief.

»Hast du was gefangen?«

»Einen Aal. Ich hatte einen Aal.«

»Den könnten wir Mike ins Kopfkissen stopfen.«

»Mike meint, wir sind zu alt, um hier zu sein.«

»Stimmt.« Aber ihr gefiel es in Hungry Creek. Ihre bloßen Füße und seltsamen Klamotten fielen hier nicht auf, und das Essen schmeckte gut. In der Schule wurden sie immer blöd angestarrt, weil sie amerikanische T-Shirts mit Slogans von irgendeiner Tankstelle oder Bank oder sonst welche Werbegeschenke trugen; Lees abgelegte Kleider hingen schlabberig an den Mädchen, Michael in einer alten kurzen Hose, die von Franks Gürtel, in den ein paar Extralöcher gebohrt waren, vom Rutschen abgehalten wurde. Ruth fand es am schlimmsten und hatte sich mit einem älteren Mädchen angefreundet, von der sie Kleider erben konnte, die wenigstens für Siebenjährige gemacht waren. Sie sah halbwegs normal aus.

Das Wasser lief golden grün über die Felsen, glitzerte, wo das Licht zwischen den Bäumen hindurchfiel, an manchen Stellen bildete die Strömung ein Muster wie auf Lees samtigem Paisleykleid. Dot ließ sich, weiche Schmierstreifen hinterlassend, auf den Hacken am schlammigen Flussufer hinunterrutschen und stolperte ins Wasser, eisig kalt unter ihrem Spann und zwischen den Zehen, wo schlickiger Schlamm hochquoll. Moos und Wasserpflanzen flossen in der Strömung um die Felsen. »Wo ist der Aal?«

»Er heißt Gordon.«

»Wo ist Gordon?«

»Da drin verschwunden.« Ein seidiger Schatten wischte durchs Wasser, und Daniel pikte mit dem gegabelten Ende seines Stocks danach. Dot planschte durch das Bachbett ins tiefere Wasser, das sie schnell bis auf die Haut durchnässte, und lehnte sich zurück, so dass das Wasser über ihre Haare rann und in ihren Ohren atmete, und alle Geräusche der Welt gingen mit ihr auf Tauchstation. Sie hörte auf, sich gegen die Kälte zu wehren, was diese erträglicher machte. Die Bäume waren dunkel an der Peripherie und der Himmel sehr blass und weit weg, und da war das Platschen des stromaufwärts watenden Daniels, hinter der Kurve, wo der Bach schmal wurde, bei den Felsen, wo sie die Schokoladentaler versteckt hatten.

Die Strömung zog an ihren Haaren; unter Wasser drang ein Schrei an ihre kalten Ohren und Dot setzte sich auf und verdrehte den Kopf. Den Bach kam ein großes, dickes Blatt heruntergeschwommen, dunkelgrün, jetzt, wo es auf und ab schaukelnd näher kam, waren braune Flecken und ein größerer Fleck zu erkennen: eine Münze in Goldpapier, die in der Vertiefung entlang der Mittelader ruhte. Mit einem Ausruf des Entzückens fasste sie danach.

Michael und Daniel saßen nebeneinander auf der Bettkante und hatten die Köpfe über ein zerfleddertes Comicheft gebeugt. Daniel kratzte sich.

»Hast du Läuse?«, fragte Michael, rückte aber nicht weg.

In dem Heftchen war eine Anzeige, in der nach aufgeweckten Jungen und Mädchen gesucht wurde, die sich ihr Taschengeld selbst verdienen, aufregende Preise gewinnen und praktische Verkaufserfahrung sammeln wollten, alles durch den Verkauf der Zeitschrift »Sonnenschein« an Freunde, Verwandte, Nachbarn und Bekannte.

»Ich wünschte, ich könnte Sonnenschein verkaufen«, seufzte Daniel.

»Sonnenschein ist doch was für kleine Kinder«, sagte Michael. »Für Babys.«

»Was weißt du denn schon, du bist erst vierzehn.«

Michael sagte nichts.

»Was?«, fragte Daniel. Er blätterte um. Michael sagte: »Hey, ich bin noch nicht fertig«, und blätterte zurück. Die Luft in der Hütte roch nach heißem Staub, aber hier im Schatten des Stockbetts war es kühl. Eine Schmeißfliege stotterte an dem rostigen Fliegengitter. Michael fragte: »Welcher Superheld wärst du gern?«

»Hey.« Daniel schlug das Heft zu. »Wir gehen auf Froschjagd. Nach dem Regen gibt’s immer viele.«

»Keine Lust.«

»Ich wünschte, wir könnten auch Sonnenschein verkaufen.«

»Okay.« Michael lehnte sich vor, um nach der Gottesanbeterin zu gucken, die auf der Obstkiste neben dem Bett in einem Glas stand. Ihr mattes Apfelgrün hob sich von den Grashalmen ab, die sie ihr zum Klettern hineingetan hatten. Die Gottesanbeterin tippte mit den Vorderbeinen gegen die Plastikfolie, mit der das Marmeladenglas bedeckt war, als wollte sie weitere Löcher hineinbohren.

»Im Laden auf dem Zeltplatz gibt es Papier. Komm schon. Wir besorgen uns welches.« Daniel stand auf, reckte sich, so dass ihm das gestreifte T-Shirt hochrutschte und die Bauchmuskeln sichtbar wurden, die in einem breiten V in Richtung Hosenbund zeigten.

»Aber wir haben doch kein Geld«, sagte Michael.

»Na und?«

Michael dachte einen Augenblick nach. »Rena hat jede Menge«, sagte er. »Bei ihr im Zimmer.«

»Warst du bei ihr im Zimmer?«

Michael zuckte die Achseln und zog den Kragen seines Polohemds –Firestone Reifen – am Hals zusammen. »Nein.«

Daniel streckte den Arm aus und zog den Kragen zur Seite. Michael schlug nach ihm. »Hey, Alter, lass das«, sagte er. »Gehen wir jetzt zum Laden oder nicht?«

»Wart mal«, sagte Daniel. Er rückte das Glas mit der Gottesanbeterin, das sich warm anfühlte, aus der Sonne und in ein schattiges Plätzchen auf der Obstkiste.

Lee war irgendwo im Busch und half beim Ausheben der neuen Latrine, als ein unbekannter Kombi vorfuhr. Er hielt am Viehgatter, vor dem Tor im Maschendrahtzaun rund um die Frauenkommune. Die hinteren Türen des Wagens gingen auf, und Daniel und Michael stiegen aus. Ohne einen Blick zurück trottete Daniel über das Viehgatter, sprang über die Kette und verschwand hinter dem Kochhaus. Michael lungerte neben dem Auto herum und starrte ein Loch in den Boden, dann tauchte Frank auf der Fahrerseite auf. Eine Baseballkappe schützte seine Augen vor der Nachmittagssonne. Er rief nach seiner Frau.

»Ich hab die Jungs drei Kilometer die Straße runter aufgegabelt«, brüllte er. »Der Ladenbesitzer hat sie beim Klauenerwischt. Was ist das hier überhaupt für ein Saftladen?« Er beugte sich ins Auto und hupte. Die lila Spirale über dem Eingang zur Kommune verbreitete ein Kraftfeld, das ihn davon abhielt, das Gatter zu überqueren.

Dorothy und Evelyn kamen angerannt, blieben aber hinter der Kette stehen und winkten. »Hallo, Daddy«, riefen sie. Er sah wieder wie ein Amerikaner aus, größer und anders und so viel mehr wie ein Mann als alles, was sie seit Langem zu Gesicht bekommen hatten. Die Jungen waren ja noch Kinder, wurde Dorothy klar: Die Jungen hatten keine Ahnung.

Frank nahm die Kappe ab und winkte damit. Die Haare klebten ihm am Kopf. »Hallo, holt eure Mutter, Kinder!«

Sie traten näher zusammen, Dot fasste nach Eves Hand. »Und was ist mit New York?«, fragte sie.

Vor der Kochhütte wurde ein Spontan-Plenum einberufen, um darüber abzustimmen, ob ein Mann das Gelände betreten durfte oder nicht. Die Frauen standen mit ihren rissigen, nackten Schlammfüßen auf dem Sonnenblumenkernlaken. Als alles still wurde, sah Dot, dass Rena aus dem Geräteschuppen kam, in der hochgereckten Hand das Gemeinschaftsgewehr. Von der weit entfernten Bucht drang das Heulen eines Motorboots zu ihnen herüber. Das Gewehr war dünn und dunkel und blitzte im Sonnenlicht auf, als Rena eine schwirrende Fliege verscheuchte.

»Was willst du?«, rief sie.

Ihr Vater hatte die Hände hochgehoben, ließ sie jetzt aber wieder sinken, als merke er gerade, was er getan hatte. »Rena, leg das weg. Ich will nur meine Familie, sonst nichts.«

»Und du bist dir ganz sicher? Du bist als Familienvater hier?«

Der puterrote Frank stieß jedes Wort einzeln aus. »Ich habe diese Jungen hier im Laden auf dem Zeltplatz erwischt. Beim Klauen. Der Besitzer hat sie gesehen.«

Das Gewehr schwenkte in Michaels Richtung, als Rena sich zu ihm umdrehte. »Stimmt das?«

»Fick dich«, sagte er, nicht sehr laut, aber deutlich hörbar. Dorothy wurde es eng in der Brust.

»Die Damen dürfen sich auf einen Besuch der Polizei freuen.« Frank atmete schwer und reckte das Kinn hoch. »Also bewach deinen Busch, Rena …«

»Frank!« Lee kam mit wildem, verschmiertem Gesicht aus dem zugewucherten Unterholz gestürzt. Hinter ihr war Daniel, der Ruth huckepack trug. Er musste losgerannt sein und sie geholt haben, wie Dorothy voll abgrundtiefer Dankbarkeit klar wurde. Daniel wusste einfach, was zu tun war, als Einziger.

Das schweißglänzende Gesicht ihres Vaters mit dem grimmigen Mund war schrecklich anzusehen, aber man konnte den Blick nicht abwenden, als er auf die Gruppe von Frauen zuging. Dorothy spürte Eves Gesicht, das sie an ihrem Nacken vergraben hatte, ihre Finger, mit denen sie sie schmerzhaft umklammerte. Rena mit dem Gewehr trat einen Schritt vor.

»Verdammt noch mal, Rena«, sagte Lee, »das ist mein Mann.«

Direkt vor der Kette am Zaun war Frank abrupt stehen geblieben: Er konnte nicht weiter. Er war mit dem Fuß im Viehgatter hängen geblieben. Er gab sich geschlagen und zuckte die Achseln, eine Ein-Mann-Slapstick-Show. »Es ist alles weg«, sagte er.

Lee schrie den Kindern zu, sie sollten ihre Sachen aus den Hütten holen, aber dalli, sie führen jetzt heim.

Rena lehnte das Gewehr an die fasrigen, wettergegerbten Planken des Kochhauses. »Frau kann nie vorsichtig genug sein.«

»Warum hast du mich nicht angerufen? Warum hast du nicht geschrieben?«, fragte Lee. Er sollte doch Goldstaub mitbringen, irgendein Zauberelixier, das sie durch den Rest des Lebens bringen würde.

»Himmel Herrgott noch mal.«

Dorothy hatte Angst, dass er in Tränen ausbrechen würde. Lee stieg über die Absperrung und umarmte ihn. Er ließ sich gegen sie sinken.

»Es ist alles weg«, wiederholte er. »Alles.«

»Mein armer Schatz«, sagte sie. »Weißt du was, im Grunde ist das eine Erleichterung.« Sie hielt sein Gesicht. »Fahr nicht mehr weg«, sagte sie. »Ich brauche dich hier.«

Erst wehrte er sich gegen ihre Hilfe, doch dann schafften sie es gemeinsam, den Fuß im richtigen Winkel aus dem Gatter zu ziehen. Es war wie damals, als sie die verwilderten Pferde mit Kohlrabi fütterten, dachte Dorothy, die den Fuß mit der heruntergerutschten Socke, der aus dem Graben unter den Eisenstangen wiederauftauchte, wo der Turnschuh immer noch feststeckte, spürte, als ob es ihr eigener wäre. Frank bückte sich und zerrte ihn heraus und stand da, einen Schuh am Fuß, den anderen in der Hand, die Wangen knallrot, Schweiß wie Blasen auf der Stirn. Ruth rannte los, sprang mit einem Scherensprung über die Kette und hängte sich an seine Taille. Aus dem Kochhaus drang der Geruch von angebranntem Reis. Eine der Frauen sagte: »O nein«, und verschwand nach drinnen.

In der Hütte sammelten Dorothy und Evelyn schweigend ihre Sachen zusammen. Viel zu tragen gab es nicht.

Ihre Mutter sagte: »Hey, tut mir leid, Rena« und »Danke«, gab ihr einen Kuss auf die Schläfe, nahm ihren Töchtern die Schlafsäcke ab und warf sie auf die Kühlerhaube des Autos, von der sie hinunter in den Staub rutschten.

Rena sagte: »Tja, da kann frau wohl nichts tun«, in einem Ton, der klarmachte, dass sie keine Antwort erwartete. Sie drückte Evelyn in einer stark riechenden Umarmung an sich und streckte dann den Arm nach Michael aus, der sich wegduckte, abwehrend den Unterarm hob und sagte: »Verpiss dich.«

»Michael«, sagte Lee.

Er wandte sich ab und Dorothy sah sein vor Zorn dunkles Gesicht, als er zum Wagen ging.

»Was ist denn?«, fragte sie.

»Nichts. Ich will nach Hause.«

Dot quetschte sich auf dem Rücksitz an Evelyn neben Daniel, der auf die Uhr sah, eine große Erwachsenenuhr, eine neue, digitale.

»Wo hast du die her?«, fragte Dorothy.

Er grinste nur, drückte auf einen Knopf und ließ die Ziffernblattbeleuchtung flackern. Michael saß neben ihnen, Ruth schwer auf dem Schoß ihrer Mutter, und ihr Vater knallte die Heckklappe zu und Name kam die Schotterstraße entlanggerannt, winkte und schwenkte Dots Märchenbuch über dem Kopf.

Ein Neuanfang.

Nach der New-York-Reise waren Führungsqualitäten Franks großes Thema. Er war überzeugt, dass die seiner Familie fehlten und dazu geführt hatten, dass sich das Vermögen der Forrest-Senioren in Luft beziehungsweise Fehlinvestitionen aufgelöst hatte, puff, weg: keine Strukturen, keine Visionen. Jedes Buch, das er las, handelte von dem Thema, genau wie die Statusspiele, die er beim Abendessen einführte: Es gab immer einen Stuhl weniger als Familienmitglieder, und wer als Letzter an den Tisch kam, musste stehen und den anderen auftun. »Autorität«, donnerte er die Kinder über den Esstisch hinweg an, aber sie widersetzten sich ihm alle. Sie ließen sich stattdessen immer neue Methoden einfallen, um in der Hierarchie ganz unten zu landen und die anderen damit zum Lachen zu bringen, was ihn wütend machte, was sie nur noch mehr lachen ließ. Evelyn reichte die Tomatensauce kniend herum, Ruth verbeugte sich nach dem Aushändigen jedes Tellers so tief, dass sie mit dem Pony über den Boden wischte.

Neue Regeln: Wer als Erster am Tisch war, nahm die Führerrolle ein und bekam das saftigste Schnitzel, die größte Portion. Sie brachten ihre Freunde nicht mehr mit nach Hause; sogar Daniel schlief lieber bei seiner Mutter. Niemand wollte als Erster am Tisch sein. Die Kinder drückten sich hinter ihren Stühlen herum, während Lee jammerte, das Essen würde kalt, und ihr Vater blickte grimmig drein, bis einer ein Indianergeheul zur Ablenkung ausstieß, einen Bruder oder eine Schwester auf einen Stuhl schubste, oder bis alle den Daumen auf die Stirn drückten und der Letzte sich widerwillig hinsetzen und die anderen herumkommandieren musste. Sie entwickelten eine Technik, nichts mehr zu tun, wenn sie nicht den genauen Befehl dazu bekommen hatten. »Halt mal eine Minute den Mund« hieß, dass derjenige sich sechzig Sekunden lang den Mund zuhielt und dann weiterredete. Frank empfand das als Fortschritt.

Am Mercury Theatre, »wo sie Peer Gynt bringen, kannst du dir so was vorstellen?«, wurde eine Dramaturgenstelle frei, die ihm aber von einem anderen New Yorker weggeschnappt wurde, der mit einem langen Lebenslauf und Gott weiß was für Empfehlungsschreiben bewaffnet ankam, über die Frank sich beim Mülleimerausleeren endlos beklagen konnte.

»Und was heißt Vetternwirtschaft?«, fragte Dorothy, und ihr Vater grollte »Aargh«, weil der Müllsack aus braunem Papier an der Stelle, an der sich die Ecke eines leeren Cornflakes-Kartons durchgebohrt hatte, eingerissen war und eine feuchte Stelle hinterlassen hatte.

»Was ist das?«, fragte Lee Daniel, der gerade einen Briefumschlag unter den Notizblock auf den Küchenschrank legte.

»Meine Miete«, sagte er. »Außerdem suchen sie jemanden, der das Telefon beantwortet. Bei meiner Arbeit.«

»Ich kann das machen«, sagte Dorothy.

»Jetzt erzähl keinen Mist, du bist zehn. Und was soll das, Danny, du brauchst doch keine Miete zu bezahlen. Ich werd mal mit deiner Mutter reden.«

»Schon okay«, antwortete er.

»Ich bin elf«, sagte Dorothy.

Lee nahm den Umschlag vom Küchenschrank und drückte ihn Daniel an die Brust. Sie küsste ihn seitlich auf den Kopf. Dot sah zum ersten Mal, wie ihre Mutter Daniel küsste, und ihr fiel auf, dass es anders aussah, als wenn sie Michael oder Evelyn oder Ruth küsste. Es war ein mütterlicher Kuss, aber ernst gemeint, mit so viel Nachdruck, dass sein Kopf leicht zur Seite gedrückt wurde.

»Das brauchst du doch nicht«, sagte Lee mit heiserer Stimme. »Frank, ich flehe dich an.«

»Was?« Der Müllsack in seinen Armen, die Gartentür offen. Er stieß ein ungläubiges Lachen aus. »Ich soll bei einem Taxiunternehmen malochen?«

»Geht nach draußen, Kinder.«

»Aber es ist schon dunkel.«

»Gut. Dann geht ihr jetzt ins Bett.«

Als er aus der Küche ging, ließ Daniel den Umschlag auf dem Schrank liegen, und keiner sagte mehr etwas dazu.

Ausnahmsweise war Michael mal zu Hause und hing nicht mit den größeren Jungs am Zoo oder an der Straßenbahnhaltestelle beim Transportmuseum ab, wo er sich seit ihrer Rückkehr von der Kommune meist herumtrieb. Wenn Eve und Dot mit untergehakten Armen auf dem Heimweg von der Schule vorbeigingen, sahen sie die brennende Zigarette hinter seiner lässig hängenden Hand und die roten Bierdosen, aus denen er trank. Jetzt versammelten sich die Kinder im Mädchenzimmer und saßen nebeneinander auf den beiden schmalen Betten, versuchten zu lesen und lauschten in der Stille des Hauses auf laute Stimmen oder zuknallende Türen. Die Stille breitete sich aus. Ruth igelte sich unter der Häkeldecke am Fußende von Dorothys Bett ein, wo sie einschlief oder zumindest so tat als ob, damit niemand sie wegbrachte. Draußen kratzten die Platanenzweige am Fenster, ein Auto fuhr vorbei. Nach einer Weile wurde die Haustür tatsächlich zugeknallt und das abgehackte Stottern eines Motors war zu hören, der in der Nachtkälte nicht anspringen wollte. Michael sah von seinem Mad-Heft auf. Eve sah ihm in die rot geränderten Augen. Sie wollte den Arm nach ihrem Bruder ausstrecken – sie spürte es in den Muskeln, die Berührung, das Gefühl seiner Haut –, doch er wischte sich brüsk mit dem Unterarm durchs Gesicht und wandte den Kopf ab. Das Bett knarrte, als Daniel aufstand. Ohne ein Wort ging er nach unten, um nach Lee zu sehen. Wenige Minuten später war er wieder da und sagte: »Alles in Ordnung«, und die Kinder schliefen eins nach dem anderen auf den Betten ein, noch in ihren Kleidern, kreuz und quer, aneinandergeschmiegt.

2. BLÜTE

Das Klopfen und Klingeln wollte einfach nicht aufhören. Als Ruth endlich öffnete, stand ein Paar vor ihr, das einen langen Schatten in den Flur warf.

»Wir würden gern Mr Forrest sprechen.«

Frank war ohne Frühstück aufgebrochen, mit dem Bus in die Stadt, Lee war bei der Frühschicht im Feinkostladen. Ruth stand, vom Posauneüben schwer atmend, vor ihnen und schrie in Richtung Treppe: »Dorothy! Evelyn!«

Michael blieb, schlammige Fußballschuhe an den Schnürsenkeln baumelnd, im Flur stehen. »Was wollen die?«

»Du bist unmöglich, Mann! Dad oder Mom.«

»Sind nicht da.« Er knallte die Küchentür hinter sich zu.

Ruth lächelte den Herrn und die Dame mit ihrem hübschesten Lächeln an und brüllte wieder. »Dorothy! Eve!«

Die Dame sprach. »Ist sonst jemand über achtzehn zu Hause?«

»Michael«, brüllte Ruth, »komm zurück!«

Tiefste Verachtung war hinter der Küchentür zu spüren. Nach wiederholten Anläufen auszuziehen war Michael letzte Woche wieder zu Hause aufgekreuzt. Seine Mitbewohner beklauten ihn ständig, man konnte einfach niemandem trauen, jetzt war er wieder da, aber wie ein Austauschschüler aus einem fremden Land, der zum Essen zwar auftauchte, aber nichts sagte und nur verständnislos starrte, wenn man ihn ansprach.

»Tut mir leid«, sagte Ruth. Über den Dächern auf der anderen Straßenseite war der Himmel voller Licht, eine durchscheinende Haut kurz vor dem Aufplatzen.

Evelyn spähte oben in ihrem Zimmer aus dem Fenster, durch die Zweige der Platane hindurch, konnte aber nur den unbekannten weißen Datsun sehen, auf dessen Kühlerhaube ein Spatz hüpfte. Sie drehte sich zurück zum Spiegel, sprühte eine letzte Schicht Haarspray auf und klappte die toupierte Löwenmähne nach hinten über die Schultern. Daniel kam zerknittert im Morgenmantel angetrottet, einen dünnen Joint zwischen den Fingern. »Du wirst gewünscht«, sagte er schleppend.

»Zieh dich doch an.«

»Ich fühl mich nicht gut.«

»Dann geh wieder ins Bett.«

»Mir ist langweilig.«

Ruth, verzweifelt: »Dorothy!«, dann, unsicherer: »Oder Eve!« Das Geschrei hallte durchs Haus.

Evelyn zog das Augenlid nach unten und malte den Innenrand mit schwarzem Kajal an. »Es ist viel zu früh, um hier so einen Krawall zu veranstalten.«

»Die sind zu zweit. Es muss was Ernstes sein.«

Daniel blieb vor der Badezimmertür stehen und klopfte. »Da unten ist jemand für dich«, sagte er mit dem Mund fast an der Tür. Die Worte reisten durch die Holzfasern in die Badezimmerluft, wo sie sich im Dampf auflösten; Dot, die sich gerade mit einem leicht feuchten, muffigen Handtuch abtrocknete, hörte nur Gemurmel. Sie zog den Bademantel über und machte die Tür auf. Dampf entwich. Daniel machte eine Kopfbewegung Richtung Treppe. »Da ist jemand für dich.«

»Für mich?«

»Glaub schon.« Er drückte den Joint zwischen den Fingern aus und ließ ihn auf dem Waschbeckenrand liegen. »Das ist aber warm hier.« Mit dem Blick durchkämmte er den Raum, betrachtete die Hinterlassenschaften des weiblichen Körpers, Wattebäusche, in denen der Nagellackentferner antrocknete, die Bürstenborsten mit dem Tuff feiner blonder Haare, eine Tamponhülle aus Pappe, die sich in der Toilettenschüssel drehte.

»Kannst mein Badewasser benutzen. Musst du nicht zur Vorlesung?«

»Vorlesungen sind totale Zeitverschwendung.«

»Schon klar, aber hin musst du trotzdem.«

»Ich muss gar nichts, ich rebelliere.« Er löste das Band seines Morgenmantels. »Geh raus.«

Ruth erschien mit knallrotem Kopf oben an der Treppe. »Mensch, was macht ihr hier? Einer von euch kommt jetzt sofort mit runter.«

Als Dorothy am Schlafzimmer vorbeiging, erschien Evelyn im Türrahmen, ihre mandelförmigen Augen mit der verschmierten Schminke strahlten die beabsichtigte Erotik aus. »Danke«, flüsterte sie.

Die Posaune ertönte wieder. »Mein Gott«, schrie Eve. Dorothy ging mit nassen Haaren die Treppe hinunter, die Luft von der offenen Haustür blies ihr kalt unter den Bademantel, und das Handtuch roch nicht sehr gut. Der Mann und die Frau standen mittlerweile im Flur, der Mann schloss die Haustür leise hinter sich, und die Frau wandte den Blick von dem Familienporträt ab, das neben dem Spiegel im Flur hing. In dem Porträt, für das die Forrests vor ein paar Jahren Modell gestanden hatten, hatte der Maler – ein spitzbärtiger Bekannter von Frank mit weißen Haaren auf den Händen – die Kinder mit rosigen Wangen und leuchtenden Augen gemalt, als ob sie gerade vom Spielen draußen im Garten gekommen wären. Frank mit dem geöffneten Kragen sah gediegen aus, und ihre sanft lächelnde Mutter trug einen hellblauen Pullover mit einer falschen Perlenkette. Ich bin wieder Ehefrau. Die mit kurzen Tupfern und längeren Pinselstrichen gemalten Kinder drängten sich um ihre Eltern, die Wimpern waren dick und spitz, Michaels Nase gerade und markant mit einem weiß glänzenden Akzent in der Mitte. Daniel fehlte auf dem Bild. Nachts dachte Dorothy manchmal, sie könne seinen unter einer Schicht Farbe verborgenen Umriss hinter ihrer Schulter erkennen. Die Frau seufzte, als ihr Blick vom Ölgemälde zu Dot wanderte. »Miss Forrest?«

Eine Hand auf dem Treppenpfosten. »Ja.«

»Können wir vielleicht mit Ihren Eltern sprechen?«

»Die sind nicht da.«

Irgendwo waren Teenager, hinter Türen atmend. Von oben das Gluckern ablaufenden Badewassers.

»Könnten wir mit Ihnen sprechen?«

»Ja. Natürlich.«