Die Fowl-Zwillinge und der geheimnisvolle Jäger - Eoin Colfer - E-Book

Die Fowl-Zwillinge und der geheimnisvolle Jäger E-Book

Eoin Colfer

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Beschreibung

Der aufregende Auftakt der neuen Serie um die Fowl-Zwillinge, die beiden jüngeren Brüder von Mastermind Artemis Fowl

Die Zwillinge Myles und Beckett Fowl führen ein sorgenfreies und etwas langweiliges Leben auf einer idyllischen irischen Insel. Der Rest der berühmt berüchtigten Familie Fowl ist abwesend, das elektronische Abwehrsystem Nanni beaufsichtigt die beiden. Die beiden Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Myles am liebsten geniale elektronische Geräte entwickelt, ist Beckett den ganzen Tag in der Natur und spricht mit Pflanzen und Tieren. Der alternde Bösewicht Lord Teddy Bleedham-Drye ist vom Jungsein besessen. Als er hört, dass es die Quelle der ewigen Jugend auf einer irischen Insel gibt, macht er sich auf den Weg dorthin. Doch er ahnt nicht, dass die Quelle von einem Troll bewacht wird und dass das Anwesen der Familie Fowl dort steht. Als Lord Teddy seinen Angriff startet, geraten Myles und Beckett in helle Aufregung. Endlich hat die Langeweile ein Ende, und sie können ihrem intelligenten, elektronischen Abwehrsystem zeigen, was in ihnen steckt.

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Die Fowl-Zwillinge

Der Autor

EOIN COLFER lebt mit seiner Familie in Dublin. Er war Lehrer und hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet, ehe er als Schriftsteller für junge Leser erfolgreich wurde. Neben seiner inzwischen 8-bändigen Artemis-Fowl-Serie, die in 34 Ländern erscheint, hat er zahlreiche weitere Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Außerdem ist er als Autor von Hardboiled-Krimis für Erwachsene erfolgreich.

Das Buch

Die Zwillinge Myles und Beckett Fowl führen ein sorgenfreies und etwas langweiliges Leben auf einer idyllischen irischen Insel. Der Rest der berühmt berüchtigten Familie Fowl ist abwesend, das elektronische Abwehrsystem Nanni beaufsichtigt die beiden. Während Myles am liebsten geniale elektronische Geräte entwickelt, ist Beckett den ganzen Tag in der Natur und spricht mit Pflanzen und Tieren. Der alternde Bösewicht Lord Teddy Bleedham-Drye ist vom Jungsein besessen. Als er hört, dass es die Quelle der ewigen Jugend auf einer irischen Insel gibt, macht er sich auf den Weg dorthin. Doch er ahnt nicht, dass er dafür an den Fowls vorbei muss. Als Lord Teddy seinen Angriff startet, geraten Myles und Beckett in helle Aufregung. Endlich hat die Langeweile ein Ende, und sie können ihrem intelligenten, elektronischen Abwehrsystem zeigen, was in ihnen steckt!

Eoin Colfer

Die Fowl-Zwillinge

und der geheimnisvolle Jäger

Roman

Ullstein

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Das englische Original erschien 2019 unter dem TitelThe Fowl Twins bei Harper Collins, Glasgow.

© by Eoin Colfer 2019First published by Harper Collins, Glasgow.© der deutschsprachigen AusgabeUllstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019E-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-8437-2195-0

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Inhalt

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog

Kapitel 1 Vorstellung der Widersacher

Kapitel 2 Tarnknaller

Kapitel 3 Jerónima, nicht Geronimo

Kapitel 4 Operation Fowlnapping

Kapitel 5 Gawetu

Kapitel 6 Clippers und Lance

Kapitel 7 Ein neuer Damm für Amsterdam

Kapitel 8 Mr Circuits und Whoop

Kapitel 9 Muy inconveniente

Kapitel 10 Ins Netz gegangen

Kapitel 11 Nachtwache

Kapitel 12 Seitenwechsel

Kapitel 13 nos ipsos adiuvamus

Kapitel 14 Schlammbad

Kapitel 15 Das Schwert und die Feder

Kapitel 16 Der mächtigste Möwerich in Cornwall

Kapitel 17 Lebt wohl, Freunde

Kapitel 18 Die nächste Krise

Epilog

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Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Widmung

Für meine Söhne Finn und Seán,die weder Zwillinge sind noch faul

Prolog

Es gibt so einiges über die Welt zu wissen.

Bestimmt ist dir klar, dass das, was du weißt, nicht alles ist. Obwohl die Menschheit sehr einfallsreich ist, gibt es Schatten, die so dunkel sind, dass deine Spezies sie nicht ganz durchdringen kann, wie zum Beispiel den Erdmantel oder den Meeresboden. Und in diesen Schatten leben wir. Die Verborgenen. Die magischen Wesen, die sich aus dem zerstörerischen Reich der Menschen zurückgezogen haben. Einst beherrschten wir Unterirdischen die Erdoberfläche, wie es jetzt die Menschen tun und wie es dereinst Bakterien tun werden, aber derzeit fühlen wir uns in unserer unterirdischen Zivilisation ganz wohl. Seit zehntausend Jahren haben wir unsere Magie und Technologie dazu genutzt, uns vor neugierigen Blicken zu schützen und Danu, die leidgeprüfte Erdmutter, zu heilen. Wir Unterirdischen haben ein Motto, das in großen goldenen Buchstaben in das Altarmosaik des Hey-Hey-Tempels eingelassen ist, und es lautet: Wir graben tief und wir überdauern.

Aber es gibt immer wieder mal einen Ausreißer, der sich einen Teufel um unterirdische Mosaiken schert und unbedingt an die Oberfläche will. Meistens ist dieser Ausreißer ein Troll. Und in diesem speziellen Fall ist es ein Troll, der bald aus einem absurden Grund den Namen Whistleblower bekommen wird.

Denn hier beginnt der zweite dokumentierte Zyklus der Fowl­schen Abenteuer.

Kapitel 1 Vorstellung der Widersacher

Der Böse: Lord Teddy Bleedham-Drye, Herzog von Scilly

Plant jemand, ein Familienoberhaupt zu ermorden, ist es sehr wichtig, auch den Rest der Familie kaltzumachen, denn sonst könnten die entsetzten Überlebenden auf die Idee kommen, sich blutig zu rächen oder zumindest in der nächsten Polizeiwache aufzutauchen und alles auszuplaudern. Diesem Thema widmet Professor Wulf Bane in seinem Handbuch für Meisterverbrecher, einem berühmt-berüchtigten Werk für angehende Misse­täter, das kein seriöser Verlag herausbringen wollte und das der Verfasser nun selbst vertreibt, ein ganzes Kapitel. Es trägt die Überschrift: »Mach alle platt – auch die Haustiere.« Ein gruseliger Titel, der die meisten normalen Menschen davon abhalten dürfte, es zu lesen, aber Lord Teddy Bleedham-Drye, Herzog von Scilly, war kein normaler Mensch. Die schaurigsten Sätze in seiner Ausgabe des Handbuchs für Meisterverbrecher waren mit pinkfarbenem Marker angestrichen, und das Buch trug die Widmung:

Für Teddy Von Meisterverbrecher zu Meisterverbrecher Lass dich mal wieder blicken! Wulfy

Lord Bleedham-Drye hatte den überwiegenden Teil seiner gut einhundertfünfzig Jahre auf dieser grünen Erde darauf verwendet, so lange wie nur möglich auf ihr zu bleiben, anstatt in ihr begraben zu werden. In Fernsehinterviews behauptete er gern, er verdanke sein jugendliches Aussehen Yoga und Lebertran, aber in Wirklichkeit hatte Lord Teddy einen Großteil seines ererbten Vermögens für Reisen kreuz und quer über den Globus ausgegeben, um nach sämtlichen legalen und illegalen Pülverchen und Mittelchen zu suchen, die seine Lebensspanne verlängern konnten. Als Reisender Botschafter der Krone war es für Lord Teddy nicht weiter schwierig, einen Vorwand zu finden, um im Namen der Kultur die abgelegensten Ecken der Welt zu besuchen, während er in Wirklichkeit nach allem Ausschau hielt, was wuchs, schwamm, watschelte oder krabbelte und ihm helfen konnte, die ihm zugedachte Lebenszeit auch nur um eine Minute auszudehnen.

Bisher hatte Lord Teddy sämtliche Verjüngungstherapien ausprobiert, derer er habhaft werden konnte. So hatte er unter anderem tonnenweise Weidenrindenextrakt geschluckt, Millionen von Antioxidantien-Kapseln eingeworfen, Gallonen von therapeutischem Arsen getrunken, sich die Zerebrospinalflüssigkeit der vom Aussterben bedrohten Madagaskar-Lemuren gespritzt, zahllose Portionen südostasiatischer Leberegelspaghetti hinuntergewürgt und fast einen Monat lang über einem aktiven isländischen Vulkangraben in der Luft gehangen, um sich die stärkenden Gase in die Leinenshorts blasen zu lassen. Diese und weitere extreme Praktiken – die nicht zur Nachahmung empfohlen werden – hatten Bleedham-Drye in der Tat am Leben und munter gehalten, allerdings nicht ohne Nebenwirkungen. Die Lemurenflüssigkeit hatte seine Arme verlängert, sodass seine Hände jetzt unterhalb der Knie hingen. Durch das Arsen war sein linker Mundwinkel gelähmt und das Gesicht zu einer Grimasse hämischen Spotts erstarrt, und die heißen vulkanischen Gase hatten ihm den Hintern verbrannt, sodass er krumm­beinig laufen musste wie ein Matrose bei schwerer See. Doch er nahm diese Nebenwirkungen gerne im Kauf, denn dafür hatte er keine einzige Falte im Gesicht, eine üppige Haarpracht, einen dichten schwarzen Kinnbart und natürlich die Kraft, die nötig war, um die beschwerlichen Wanderungen und Safaris auf der Suche nach weiteren lebensverlängernden Maßnahmen und Mitteln durchzuhalten.

Aber Lord Teddy wusste nur zu gut, dass er bisher noch nicht den Jackpot geknackt hatte, was die Ausdehnung seiner Lebens­zeit anging. Gut, er hatte ein paar zusätzliche Jahrzehnte herausgeschlagen, aber welche Bedeutung hatte das angesichts der Ewigkeit? Es gab sogar Quallen, die länger gelebt hatten als er. Quallen! Dabei hatten die nicht mal ein Gehirn!

Teddy war frustriert, was er gar nicht leiden konnte, denn davon bekam man Falten.

Es war Zeit für einen Richtungswechsel.

Schluss mit dem albernen Kleinkram, der höchstens ein paar Monate oder ein Jahr brachte.

Ich muss den Quell der ewigen Jugend finden, beschloss er eines Abends, als er in seiner Messingwanne mit den Zitter­aalen lag, die angeblich ausgezeichnet für die Durchblutung waren.

Wie sich zeigen sollte, fand Lord Bleedham-Drye in der Tat den Quell der ewigen Jugend, allerdings war es kein Quell im herkömmlichen Sinn, da die Leben spendende Flüssigkeit im Gift eines mythischen Wesens enthalten war. Und die Familie, die er voraussichtlich aus dem Weg räumen musste, um daran zu kommen, war keine andere als die der Fowls aus Dublin, Irland, die generell nicht sonderlich erpicht darauf waren, ermordet zu werden.

Und so begann die ganze bedauerliche Geschichte:

Lord Teddy Bleedham-Drye war zu der Überzeugung gelangt, dass es, wenn man etwas tun wollte, aber nicht wusste, wie es ging, das Schlaueste war, Leute um Rat zu fragen, die es geschafft hatten. Und so machte er sich daran, die ältesten Menschen auf der Welt zu befragen. Das war nicht so einfach, wie es klingt, selbst in Zeiten von Internet und wundersamen handlichen Kommunikationsgeräten, denn viele alte Leute verkünden der Welt nicht, dass sie die Hundert überschritten haben, schließlich wollen sie nicht von Gesundheitsjournalisten und königlichen Glückwunschtelegrammen belästigt werden. Dennoch gelang es Lord Teddy im Lauf von fünf Jahren, ein paar dieser schwer zu findenden Oldies aufzuspüren, allerdings erwiesen sie sich als entweder schrecklich tugendhaft, was ihm wenig nützte, oder vom Glück begünstigt, was sich weder nachahmen noch stehlen ließ. Bis er eines Tages auf einen irischen Mönch stieß, der ausgerechnet in einer kalifornischen Elefantenrettungsstation arbeitete, weil er es längst aufgegeben hatte, den Menschen helfen zu wollen. Bruder Colman sah keinen Tag älter aus als fünfzig und war bemerkenswert fit für jemanden, der behauptete, fast fünfhundert Jahre alt zu sein.

Nachdem Lord Teddy ihm eine großzügige Dosis Natriumpentothal in den Tee geschummelt hatte, erzählte Bruder Colman eine höchst interessante Geschichte darüber, wie die heilige Quelle von Dalkey Island im fünfzehnten Jahrhundert, als er dort als Mönch gelebt hatte, zu ihren Heilkräften gekommen war.

Teddy glaubte ihm kein Wort, aber der Name Dalkey löste irgendwo in seinem Kopf eine Alarmglocke aus, die er jedoch fürs Erste ausblendete.

Der Trottel faselt Unsinn, dachte er. Ich habe ihm zu viel von dem Wahrheitsserum gegeben.

Da der angebliche Mönch zu benommen war, um irgendetwas mitzubekommen, nutzte Bleedham-Drye die Gelegenheit, ein paar einfache Überprüfungen vorzunehmen, von denen er sich allerdings nichts erwartete.

Als Erstes knöpfte er das Hemd des Mannes auf und stellte überrascht fest, dass Bruder Colmans Brust von hässlichen Narben überzogen war, die zwar zu der Geschichte passten, aber noch keinen Beweis darstellten.

Gut möglich, dass der Idiot sich von einem seiner eigenen Elefanten hat aufspießen lassen, dachte Lord Teddy. Andererseits hatte er im Lauf seiner hundertfünfzig Jahre schon viele Wunden gesehen, aber noch nie etwas so Schauriges an einem lebenden Menschen.

Dann also mein zweiter Test, dachte Teddy. Er zückte seine Gartenschere und schnitt Bruder Colman kurzerhand den linken kleinen Finger ab. Schließlich log die Radiokarbonmethode nie.

Es würde einige Wochen dauern, bis die Ergebnisse aus dem Labor mit dem Beschleuniger-Massenspektrometer vorlagen, und bis dahin war Teddy längst wieder in England, genauer gesagt auf dem Familiensitz Childerblaine House, gelegen auf der Insel St. George, die zu den Scilly-Inseln gehörte. Von dieser Insel wird behauptet, dass einer der verschiedenen Versionen der Legende um den Heiligen Georg zufolge der enthauptete Leib des Drachen an der Küste von Cornwall ins Meer geworfen wurde und zu den Scilly-Inseln trieb, wo er an einem Unterwasserfelsen hängen blieb und versteinerte – was eine hübsche Erklärung für den geschwungenen Bergkamm der Insel war.

Lord Teddy saß gerade einmal wieder in seinem Verjüngungs­bad, als er den Umschlag des Labors in seiner Post entdeckte. Lustlos schlitzte er ihn auf, da er fest damit rechnete, dass der Ausflug zu Bruder Colman nichts weiter gewesen war als eine kolossale Verschwendung seiner kostbaren Zeit und seines schwindenden Vermögens.

Doch beim Anblick des Ergebnisses setzte er sich so abrupt auf, dass mehrere Aale aus der Wanne schwappten. »Allmächtiger!«, rief er aus, und seine dunkle Mähne waberte und knisterte von der elektrischen Ladung. »Auf nach Dalkey Island!«

Der Bericht des Labors war kurz und sachlich, wie es bei Wissenschaftlern üblich ist.

Das untersuchte Objekt, stand dort, ist zwischen vier- und fünfhundert Jahre alt.

Lord Teddy schlüpfte in seine Standardausrüstung, die aus hohen Stiefeln, Reithosen, einem Jagdsakko aus Tweed und seiner alten Militärmütze bestand. Dann belud er sein hölzernes Schnellboot mit allem, was für eine Observierung – wie die Polizei das heutzutage nannte – nötig war. Erst als er mit der Juventas schon mitten auf der Irischen See war, fiel Lord Teddy ein, warum ihm der Name Dalkey so bekannt vorkam. Dort lebte doch dieser Fowl.

Artemis Fowl.

Der war nicht zu unterschätzen. Teddy hatte ein paar Geschichten über Artemis Fowl gehört, und sogar noch einige mehr über seinen Sohn, Artemis den Zweiten.

Gerüchte, sagte er sich. Gerüchte, Hörensagen und albernes Gewäsch.

Und selbst wenn die Geschichten wahr waren, ließ er, der Herzog von Scilly, sich doch von so was nicht von seinem Plan abbringen.

Ich werde das Gift dieses Trolls kriegen, schwor er sich und gab Vollgas. Und ich werde ewig leben.

Die Guten (relativ gesehen)Dalkey Island, Dublin, IrlandDrei Wochen später

Werfen wir einen Blick auf Myles und Beckett Fowl, die einen Sommerabend am Privatstrand der Familie genießen. Wenn man die oberflächlichen Unterschiede einfach mal ignoriert – Kleidung, Brille, Frisur und dergleichen –, fällt auf, dass die Gesichtszüge der beiden Jungen sehr ähnlich sind, aber nicht absolut identisch. Das kommt daher, dass sie zweieiige Zwillinge sind und darüber hinaus die ersten bekannten zweieiigen Zwillinge, die bei der Geburt zusammengewachsen waren, wenn auch nur vom Handgelenk bis zum kleinen Finger. Die Chirur­gin trennte sie mit einem kurzen Schnitt ihres Skalpells, und das Ganze hinterließ bei keinem der beiden irgendwelche Spuren, abgesehen von zwei gleich geformten rosigen Narben an der Außenseite der Hand. Myles und Beckett legten oft die Narben aneinander als Zeichen der Zusammengehörigkeit. Das war ihre Version des Abklatschens, und sie nannten es Handkantenstups. Diese Angewohnheit war rührend, aber auch ein bisschen peinlich.

Abgesehen von ihren Gesichtern waren die Zwillinge grundverschieden. Myles verfügte über einen IQ von 170 und war zwanghaft ordentlich, Becketts IQ hingegen ließ sich nicht ermitteln, weil er den Test zu nassen Kugeln zerkaut hatte, aus denen er die Skulptur eines missgelaunten Nagetiers formte, die er Stinkiger Hamster nannte.

Außerdem war Beckett alles andere als ordentlich. Seine Eltern mussten sogar einen Achtsamkeitskurs belegen, um nicht jedes Mal zu explodieren, wenn sie versuchten, seine völlig chao­tische Zimmerhälfte aufzuräumen.

Schon von ihren ersten Tagen im Doppelbettchen an war klar, dass die Zwillinge vollkommen unterschiedliche Per­sönlichkeiten hatten. Als sie zahnten, zerkaute Beckett einen Schnuller nach dem anderen, während Myles gedankenverloren am Radiergummiende eines Bleistifts nagte. Schon als er kaum laufen gelernt hatte, ahmte Myles seinen großen Bruder Artemis nach und bestand darauf, winzige schwarze Anzüge zu tragen, die extra für ihn angefertigt wurden. Beckett wiederum lief am liebsten so umher, wie die Natur ihn geschaffen hatte, und als er sich schließlich dazu überreden ließ, etwas anzuziehen, wählte er Jogginghosen aus Polyester, in denen er alles Mögliche verstaute, unter anderem seinen zahmen Goldfisch Gloop (benannt nach dem Geräusch, das er machte – oder von dem Beckett zumindest behauptete, dass es von ihm kam).

Je älter die Brüder wurden, desto stärker prägten sich die Unterschiede aus. Während Myles immer pingeliger wurde, sich jeden Tag vom 3‑D-Drucker einen neuen Anzug auswerfen ließ und sein widerspenstiges tintenschwarzes Haar mit einem Gel auf Algenbasis zähmte, das sowohl die Kopfhaut pflegte als auch das Gehirn nährte, ließ Beckett die blonden Locken, die er von seiner Mutter geerbt hatte, ungehindert wuchern und schmollte nach wie vor, wenn er gezwungen war, sich etwas anzuziehen. Das Einzige, was er niemals ablegte, war eine goldene Krawatte, die einst Gloop gewesen war. Myles hatte den Goldfisch getrocknet, nachdem dieser das letzte Mal nach Luft geschnappt hatte, und für seinen Bruder laminiert, und Beckett trug die Krawatte immer als Erinnerung. Diese Angewohnheit war rührend, aber auch ganz schön eklig.

Vielleicht hast du schon von der Familie Fowl aus Irland gehört? In gewissen dunklen Kreisen ist sie regelrecht berüchtigt. Der Vater der Zwillinge war einst das herausragendste Verbrechergenie der Welt, aber dann änderte sich seine Einstellung, und er begann eine neue Karriere als Umweltgenie. Der große Bruder von Myles und Beckett, Artemis der Zweite, war ebenfalls ein brillanter Jungverbrecher, der bei seinen Abenteuern unter anderem tonnenweise Elfengold erbeutete, die Polizei der Unterirdischen austrickste und durch die Zeit reiste. Zum Glück für alle – außer vielleicht Aliens – interessiert er sich seit Neue­s­tem für das All, und so befindet Artemis sich schon seit sechs Monaten auf einer Reise zum Mars, in einem revolutionären selbstbeschleunigenden Raumschiff, das er in der Scheune des Familienanwesens zusammengeschraubt hat. Zu dem Zeitpunkt, als man weltweit in den zuständigen Institutionen wie NASA, APSCO, ALR, CNSA und UKSA Wind davon bekam und Einspruch erhob, war Artemis bereits am Mond vorbeigezogen.

Genau genommen warteten auf die Zwillinge noch so einige Abenteuer, einige davon mit tödlichem Ausgang (wenn auch nicht dauerhaft), aber die Geschichte, um die es hier geht, begann eine Woche nach ihrem elften Geburtstag. Myles und Beckett streiften über den Kiesstrand einer kleinen Insel vor der pittoresken Küste südlich von Dublin, wo die Familie Fowl sich vor Kurzem niedergelassen hatte, und zwar in der Villa Éco, einem nagelneuen, topmodernen und umweltfreundlichen Haus. Der Vater der Zwillinge hatte Fowl Manor, ihr großes altes Familienanwesen, einer Kooperative von Ökobauern geschenkt und verkündet: »Von nun an werden wir Fowls uns um unseren Planeten kümmern.«

Die Villa Éco war eine Meisterleistung, nicht zuletzt wegen all der Auflagen, die die Behörden Artemis senior gemacht hatten, bevor sie ihm auch nur die Baugenehmigung erteilten. Mehr als einmal war der Patriarch versucht gewesen, ein paar von seinen alten Verbrechermethoden anzuwenden, um den Vorgang zu beschleunigen, doch schließlich war es ihm gelungen, den Anforderungen des Bauausschusses zu genügen und mit der Errichtung des Hauses zu beginnen.

Und was für ein Haus es geworden war! Vollkommen autark dank hocheffizienter Solarkollektoren und einem Dutzend Erdwärmesonden, die nicht nur Energie aus der Erde holten, sondern zugleich als Fundament für das Gebäude dienten. Der Rahmen bestand aus dem aufbereiteten Stahl von sechs verschrotteten Autos und hatte bereits in der Bauphase einem Orkan standgehalten. Die Ortbetonwände waren mit pflanzenbasiertem Polyurethanschaum gedämmt. Die Fenster waren natürlich kugelsicher und mit Metalloxid beschichtet, um die Wärme rund ums Jahr dort zu halten, wo sie hingehörte. Das Design war modern, aber zweckmäßig, während die Außengebäude mit ihren runden, in Strohballenbauweise errichteten Wänden auf die klösterliche Vergangenheit der Insel verwiesen.

Doch die wahren Wunder der Villa Éco waren diskret verborgen, solange sie nicht gebraucht wurden. Artemis senior, Artemis junior und Myles Fowl hatten gemeinsam ein Sicherheitssystem entwickelt, das selbst den technisch versiertesten Einbrecher zur Verzweiflung treiben sollte, sowie eine Reihe von Abwehrmechanismen, die ausreichte, eine kleine Armee zurückzudrängen.

Wie sich bald zeigen sollte, hatte das System jedoch eine Schwachstelle: die Anständigkeit der Zwillinge und ihr Widerstreben, das Verteidigungssystem der Villa auf jemanden loszulassen.

An dem betreffenden Sommerabend hielt die Mutter der Zwillinge an der New York University einen Vortrag, und ihr Mann begleitete sie. Einige Jahre zuvor hatte Angeline unter dem »Kummer, der nicht spricht« gelitten, wie Shakespeare es genannt hatte, und um ihre Depression besser zu verstehen, hatte sie am Trinity College ihren Doktor in Psychiatrie gemacht. Nun tourte sie in der ganzen Welt, um auf Fachtagungen zu sprechen. Die Zwillinge wurden derweil vom Haus beaufsichtigt, das mit einer von Artemis entworfenen Nano-Artifiziellen Neuro-Netzwerk-Intelligenz – kurz: NANNI – ausgerüstet war, die ein elektronisches Auge auf sie hatte.

Myles sammelte Algen für sein selbst gebautes Silo, in dem er sie zu Haargel fermentierte, und Beckett versuchte, von einem Delfin, der nicht weit vom Ufer entfernt schwamm, die Seehundsprache zu lernen.

»Wir müssen zurück, Bruder«, sagte Myles. »Schlafenszeit. Unsere jungen Körper brauchen zehn Stunden Schlaf, damit sich das Gehirn ordnungsgemäß entwickeln kann.«

Beckett lag, nur mit knielangen Cargoshorts und seiner Goldkrawatte bekleidet, bäuchlings auf einem Felsen. »Arf«, sagte er. »Arf.«

Myles zupfte sein Jackett zurecht und runzelte die Stirn hinter dem breiten Brillengestell. »Beck, versuchst du etwa, Seehündisch zu sprechen?«

»Arf«, sagte Beckett.

»Das ist doch nicht mal ein Seehund. Das ist ein Delfin.«

»Delfine sind schlau«, erwiderte Beckett. »Die wissen alles Mögliche.«

»Das ist richtig, aber die Stimmbänder von Delfinen sind nicht darauf ausgerichtet, Seehündisch zu sprechen. Warum lernst du nicht einfach die Sprache des Delfins?«

Beckett strahlte. »Ja! Du bist ein Genie, Bruder. Schritt eins: Tausche Bellen gegen Pfeifen.«

Myles seufzte. Jetzt pfiff sein Bruder dem Delfin etwas zu, und sie würden wieder nicht pünktlich ins Bett kommen.

Er warf eine Handvoll Algen in seinen Eimer. »Bitte, Beck. Mein Gehirn wird nie seine optimale Leistungsfähigkeit erreichen, wenn wir jetzt nicht gehen.« Er tippte an den rechten Bügel seines schwarzen Brillengestells, um das eingebaute Mikrofon zu aktivieren. »NANNI, hilf mir. Bitte schick einen Droboter, um meinen Bruder nach Hause zu tragen.«

»Negativ«, sagte das Überwachungssystem mit der Frauenstimme, die Artemis der Künstlichen Intelligenz gegeben hatte. Obwohl sie mit einem eigenartigen Akzent sprach, vertrauten die Zwillinge ihr aus irgendeinem Grund instinktiv.

Myles konnte NANNI über Knochenleiterlautsprecher in den Bügeln seiner Brille hören.

»Rückflug für Beckett kommt nicht infrage, außer im Notfall«, sagte NANNI. »Anweisung von eurer Mutter, Widerspruch ist also zwecklos.«

Myles war überrascht über NANNIs ausführliche Antwort. Es schien fast so, als würde die KI eine Persönlichkeit entwickeln, was vermutlich beabsichtigt war. Als Artemis NANNI zum ersten Mal ins System eingespeist hatte, waren ihre Antworten noch meist auf einzelne Wörter beschränkt gewesen. Jetzt ermahnte sie ihn, nicht zu widersprechen. Er war gespannt darauf, wie das Ganze weiterging.

Hauptsache, NANNI wird nicht zu menschlich, dachte Myles, denn die meisten Menschen sind anstrengend. Aber ernsthaft: Es war albern, dass seine Mutter sich weigerte, Kurzstreckenflüge für Beckett zu erlauben. In den Tests hatten die Drohnen-­Roboter den Beckett-Dummy nur zwei Mal fallen gelassen, und trotzdem bestand seine Mutter darauf, dass die Droboter nur im Notfall zum Einsatz kamen.

»Beckett!«, rief er. »Wenn du mit ins Haus kommst, erzähle ich dir vor dem Einschlafen noch eine Geschichte.«

Beckett rollte sich auf den Rücken. »Welche denn?«

»Wie wär’s mit der aufregenden Entdeckung des Schwarzschild-Radius’, die direkt zur Identifizierung der Schwarzen Löcher geführt hat?«, schlug Myles vor.

Beckett rollte mit den Augen. »Wie wär’s mit den Abenteuern von Gloop und Stinkigem Hamster in der Dimension des Feuers?«

Nun rollte Myles mit den Augen. »Beck, das ist absurd. Fische und Hamster leben nicht mal in derselben Umgebung. Und keiner von beiden könnte in einer Dimension des Feuers überleben.«

»Du bist absurd«, erwiderte Beckett und begann wieder zu pfeifen.

Beck wird sich von der abendlichen UV‑Strahlung noch einen Sonnenbrand zuziehen, dachte Myles. »Also gut«, sagte er. »Dann eben Gloop und Stinkiger Hamster.«

»Und Delfin«, sagte Beckett. »Er will auch in der Geschichte vorkommen.«

Myles seufzte. »Und Delfin.«

»Hurra!«, rief Beckett und sprang vom Felsen. »Geschichtenzeit! Handkantenstups?«

Myles hob die Hand für den Stups und dachte bei sich: Wenn ich der Kluge bin, warum machen wir dann immer, was Beck will?

Das fragte er sich ziemlich oft.

»Gut, Beck, und jetzt sag deinem Freund bitte auf Wiedersehen und lass uns gehen.«

Beckett drehte sich um und tat, was Myles ihm gesagt hatte, aber nur, weil er gerade Lust dazu hatte.

Hätte Beckett sich nicht umgedreht, um sich von dem Delfin zu verabschieden, dann wäre die darauf folgende Reihe von immer bizarreren Ereignissen vielleicht nie passiert. Kein ruchloser Bösewicht, kein Troll mit dämlichem Namen, keine dunklen Organisationen, keine Vernehmungen durch eine Nonne (was man in Geheimdienstkreisen auch als Vernonnungen bezeichnet) und vor allem keine Kopfläuse.

Aber Beckett drehte sich um, und zwar genau zwei Sekunden, nachdem ein Troll am Flutsaum aus dem Kies gekrochen und auf dem Strand zusammengebrochen war.

Die Unterirdischen werden in der Regel beschrieben als »klein, menschenähnlich, übernatürlich und im Besitz magischer Kräfte« – eine Definition, die durchaus passt, wenn es um Elfen, Gnome, Feen und Wichtel geht. Doch es ist eine menschliche Definition und somit ist sie ebenso unvollständig wie das menschliche Wissen über dieses Thema. Die Selbstbeschreibung der Unterirdischen ist treffender, und man findet sie im Buch des Erdvolks. Das ist sozusagen ihre Verfassung, und das Original liegt unter einer Kristallkuppel im Hey-Hey-Tempel in Haven City verwahrt, der Hauptstadt von Erdland. Die Definition lautet:

Unterirdische: Wesen der Erde. Oft magisch. Niemals bewusst zerstörerisch.

Da steht nichts von klein oder menschenähnlich. Vermutlich wären die Menschen überrascht, wenn sie wüssten, dass sie selbst einst zum Erdvolk gehört und sogar über Magie verfügt hatten. Aber viele von ihnen kamen vom Weg ab und benahmen sich äußerst zerstörerisch, sodass die Magie über die Jahrhunderte hinweg aus ihnen verschwand, bis nichts mehr davon übrig war, außer vielleicht bei ein paar Empathen und Telekineten.

Auch Trolle gehören zu den Unterirdischen, obwohl die Menschen sie nicht dazuzählen würden, weil sie nicht-magisch sind – sofern man ihre Langlebigkeit nicht als übernatürlich ansieht. Sie sind allerdings ziemlich wild und haben kaum mehr Einfühlungsvermögen als ein durchschnittlicher Hund. Eine andere bemerkenswerte Eigenschaft, die unterirdische Medizingelehrte entdeckt haben, ist ihre ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber chemischer Verschmutzung, die bei ihnen zu Psychosen führt – was sie jedoch nicht davon abhält, sich besonders gern in chemisch verschmutzter Umgebung niederzulassen, so wie die Menschen Zucker lieben, obwohl er Gift für sie ist. Diese Psychosen äußern sich meist in ungewöhnlich aggressivem Verhalten und unkontrollierbarer Wut – wiederum ganz ähnlich extrem wie das der Menschen, wenn sie nichts Süßes bekommen.

Doch dieser Troll war nicht krank, träge oder aggressiv, im Gegenteil, er wirkte bemerkenswert gesund, mit kräftigen Gliedern und messerscharfen Stoßzähnen, und er folgte seinem zweitmächtigsten Drang: Ab an die Oberfläche.

(Der mächtigste Drang bei Trollen ist: Friss, was du kriegen kannst.)

Der Blutkreislauf dieses Trolls war unbelastet, weil er nie durch einen chromverseuchten See geschwommen war oder seinen Bau in quecksilberhaltigem Boden gegraben hatte. Doch trotz seiner Gesundheit hätte dieses Exemplar es nie an die Oberfläche geschafft, wäre die Erdkruste unterhalb von Dalkey Island nicht so außergewöhnlich dünn, nämlich nur knapp 3,4 Kilometer. Dieser Troll war in der Lage, sich in winzigste Risse zu quetschen, bei denen jeder Klaustrophobiker ohnmächtig geworden wäre, und so gelang es ihm schließlich, sich nach oben durchzuwinden. Vier quälende Sonnenzyklen hatte es gedauert, bis er den Meeresboden durchbrach, und man könnte ja meinen, der Kosmos würde dem Kerl nach dieser herkulischen Leistung ein bisschen Glück gönnen, aber nein, der Troll musste ausgerechnet zwischen den Fowl-Zwillingen und Lord Teddy Bleedham-Drye hochkommen. Denn Teddy hockte am Festland auf einem Balkon und beobachtete Dalkey Island durch ein Fernrohr. Somit bildete er den dritten Eckpunkt in diesem Schicksalsdreieck, das bald einen unentrinnbaren Sog entwickeln sollte.

Der Troll buddelte sich also heraus, kämpfte sich mit Krallen und Zähnen Zentimeter für Zentimeter an die frische Luft. Trotz seiner nahezu völligen Erschöpfung richtete er sich auf und stieß ein Triumphgeheul aus, und genau in dem Moment drückte Lord Teddy aus teuflischen Gründen, die noch erläutert werden, auf den Abzug und schoss die Kugel auf ihn ab.

Nachdem der Schuss gefallen war, kam die ganze Trollgeschichte erst richtig ins Rollen, denn in der Mikrosekunde, in der NANNIs Sensoren die Schallwellen des Schusses registrierten, änderte sie – diesmal ohne jeden knackigen Spruch – den Alarm­status der Villa von Beige auf Rot, löste die Sirene aus und schaltete das Sicherheitssystem auf Belagerungszustand. Zwei gepanzerte Droboter starteten von ihren Ladestationen, um die Zwillinge nach Hause zu holen, und aus den winzigen Geschützluken im Dach wurden vierzig Täuschkörper in die Luft geschossen, um eventuelle infrarotprogrammierte Geschütze abzulenken.

Damit blieben den Zwillingen noch etwa zwanzig Sekunden Freiheit, bevor sie geschnappt, in den Abendhimmel gehoben und in den ultrageheimen Sicherheitsraum des Ökohauses verfrachtet würden, der auf keinem Bauplan verzeichnet war.

In zwanzig Sekunden kann eine Menge passieren. Und das tat es auch.

Wenden wir uns zunächst dem Schützen zu. Ich habe gesagt, Lord Teddy hätte auf den Troll geschossen, was ein wenig irreführend klingt, obwohl es zutrifft. Er schoss in der Tat auf den Troll, aber nicht mit der üblichen Munition, die das Fell des Wesens durchdrungen und es vermutlich schon allein durch das Aufpralltrauma getötet hätte. Das war das Letzte, was Lord Teddy wollte, denn damit wäre sein ganzer Plan null und nichtig gewesen. Die Munition, die er verwendete, war eine Zellophanviruskugel, hergestellt von der japanischen Firma Myishi und noch gar nicht offiziell auf dem Markt. Genau genommen kamen die Produkte von Myishi nur selten offiziell auf den Markt, da Ishi Myishi, der Gründer und Geschäftsführer der Firma, eine Menge steuerfreie Dollars damit verdiente, die Meisterverbrecher der Welt mit High-End-Technologie auszustatten. Der Herzog von Scilly war ein persönlicher Freund und vermutlich Myishis bester Kunde, und er bekam einen Großteil seiner Ausrüstung sogar umsonst, weil er im Gegenzug fleißig im Darknet dafür Werbung machte. Die ZV‑Kugeln wurden vom Entwicklerteam »Einschweißer« genannt, weil sie beim Kontakt ein Virus freisetzten, das das Zielobjekt mit einer Zello­phanschicht umschloss. Diese Schicht war durchlässig genug, um flaches Atmen zu ermöglichen, aber sie konnte schon mal die eine oder andere Rippe brechen.

Dann ist der Körperbau des Trolls zu beachten. Es gibt viele verschiedene Arten von Trollen, vom drei Meter großen, mächtigen Antarktischen Blautroll bis zum Amazonischen Fersenklauentroll, dem lautlosen Dschungelkiller. Der Troll von Dalkey Island war ein ausgesprochen seltener Ausreißer – im doppelten Wortsinn. Ausgehend von seiner Gestalt und seinen Proportionen war er ein perfekter Ridgeback, mit dem typischen dichten Stachelhaarstrich, der von der Braue bis zum Schwanzansatz reichte, und dem leicht blaustichigen grauen Fell auf Brust und Armen. Doch dieses Exemplar war kein riesiges Raubtier, sondern im Gegenteil geradezu winzig. Mit seinen gerade mal zwanzig Zentimetern gehörte er zu einer relativ neuen Varietät, die erst während der letzten Jahrtausende hier und da aufgetaucht war, seit das Erdvolk sich gezwungenermaßen unter die Erde zurückgezogen hatte. So, wie es bei den Hunden Schnauzer und Zwergschnauzer gibt, existieren auch Miniaturausgaben verschiedener Trollarten, und dieser war einer von vielleicht ei­nem halben Dutzend lebender Zwerg-Ridgebacktrolle und der erste, der es jemals an die Oberfläche geschafft hatte.

Somit war er ganz und gar nicht das, was Lord Teddy erwartet hatte. Angesichts der Narben auf Bruder Colmans Brust hatte er sich seine Beute um einiges größer vorgestellt.

Als die Wärmesignatur des kleinen Trolls wie ein XL‑Gummibärchen in seinem Fernrohr aufgetaucht war, hatte der Herzog spontan gerufen: »Gütiger Himmel! Ist das da etwa mein Troll?«

Das Wesen entsprach eindeutig Bruder Colmans Beschreibung, bis auf die Größe. Der Herzog verspürte eine gewisse Enttäuschung. Der Winzling sah nicht so aus, als könnte er auch nur genug Gift produzieren, um die Lebensspanne einer Wüstenspringmaus zu verlängern.

»Sei’s drum«, brummte der Herzog. »Wo ich nun schon mal hier bin …«

Und er drückte auf den Abzug seines Scharfschützengewehrs.

Die Zellophanviruskugel flog mit Überschallgeschwindigkeit und einem jodelähnlichen Sirren durch die Luft, traf den Zwergtroll punktgenau in den Solarplexus und explodierte in einer funkelnden Wolke, die sich sofort über das kleine Wesen ausbreitete und es in eine feste Zellophanschicht hüllte, bevor es auch nur ein empörtes Quieken von sich geben konnte.

Beckett Fowl bemerkte den über den Strand rollenden Zwerg­troll, sah nur Fell und Zähne und dachte sofort: Stinkiger Hamster!

Doch dann fiel ihm ein, dass Stinkiger Hamster ja eine Skulp­tur war, die er selbst aus zerkautem Papier gebastelt hatte, und kein lebendes Wesen. Also würde er wohl noch einmal raten müssen, was das für eine rollende Gestalt war.

Doch mittlerweile war der Troll vor seinen Füßen liegen geblieben, sodass er ihn aufheben und genauer mustern konnte.

Nicht lebendig, stellte er fest. Vielleicht eine Puppe.

Beckett hatte gedacht, die kleine Gestalt hätte sich aus eigenem Antrieb bewegt und sogar eine Art schiefes Pfeifen von sich gegeben, aber nun sah er, dass es nur eine in Plastik verpackte Fantasy-Action-Figur war.

»Ich nenne dich Whistleblower«, flüsterte er dem Troll ins spitze Ohr. Er hatte den Namen spontan ausgewählt, weil er auf Myles’ Lieblingsnachrichtensender gehört hatte, dass man Leute, die sich verpfeifen, so nannte. Außerdem war Beckett nicht der Typ, der bei Entscheidungen lange überlegte.

Beckett wandte sich um, weil er Myles seinen Fund zeigen wollte, obwohl sein Bruder immer ein bisschen hochnäsig war, wenn es um Spielzeug ging. Er meinte, das sei nur was für Kinder, dabei war er ganz offensichtlich selbst eins, und würde es auch noch ein paar Jahre lang sein.

»Sieh mal, Bruder«, rief er und wedelte mit der Actionfigur. »Ich habe einen neuen Freund gefunden.«

Myles verzog, wie erwartet, das Gesicht und öffnete den Mund, um etwas Herablassendes zu sagen wie: Also wirklich, Beck. Wir sind jetzt elf. Zeit, diesen Kinderkram sein zu lassen.

Aber bevor er auch nur einen Ton herausbringen konnte, ertönte ohrenbetäubendes Sirenengeheul.

Das Alarmsignal.

Es gibt wohl kaum ein beunruhigenderes Geräusch als eine Alarmsirene, weil sie immer eine Katastrophe ankündigt. Die meisten Menschen reagieren nicht positiv auf diesen Ton. Manche schreien, manche fallen in Ohnmacht. Andere laufen im Kreis und ringen die Hände, was genauso wenig sinnvoll ist. Und dann gibt es natürlich welche, die sich unfreiwillig erleichtern, aber darauf wollen wir hier lieber nicht weiter eingehen.

Die Reaktion der Fowl-Zwillinge wäre einem zufälligen Beobachter vermutlich seltsam vorgekommen, denn Myles stellte seinen Algeneimer hin und sagte nur ein Wort: »Endlich.«

Beckett wiederum sprach mit seinem neuen Spielzeug. »Hörst du das, Whistleblower? Gleich fliegen wir!«

Zur Erläuterung: Die Entwicklung des Sicherheitssystems war ein gemeinsames Projekt von Myles, Artemis und ihrem Vater gewesen, das ihnen viel Spaß gemacht hatte, und Myles war – aus rein wissenschaftlichem Interesse – darauf erpicht, die Rettungsdroboter mal im Einsatz zu erleben, da sie bisher nur mit Dummys getestet worden waren. Beckett hingegen konnte es kaum erwarten, mit hoher Geschwindigkeit rücklings in die Luft gehoben und auf eine Rettungsrutsche geworfen zu werden, und er hoffte inständig, dass der Flug länger dauern würde als die vorgesehene halbe Minute.

Myles vergaß völlig, dass er pünktlich im Bett sein wollte. Er war jetzt im Actionmodus, während hinter ihm die Täuschkörper gen Himmel schossen wie Silvesterböller und die Unterseite der vorbeiziehenden Wolken verfärbten. NANNI sandte eine Nachricht an seine Brille, und Myles wiederholte sie für Beckett in melodramatischem Tonfall, weil er wusste, dass sein Bruder gehorchen würde, wenn er sich wie in einem Abenteuer vorkam. Und weil Myles eine Schwäche für Melodramatik hatte, eine Tatsache, derer er sich bewusst war, weshalb er sich normalerweise bemühte, sie im Zaum zu halten, denn Drama ist der Feind der Wissenschaft.

»Alarmstufe Rot!«, rief er. »Rettungshaltung.«

Die Zwillinge waren so oft auf diese spezielle Haltung gedrillt worden, dass Beckett auf den Befehl automatisch mit promptem Gehorsam reagierte – ein Ausdruck, der sich nie in seinem Zeugnis finden würde.

Die Rettungshaltung sah folgendermaßen aus: Kinn an die Brust, Arme über den Kopf strecken und Kiefer lockern, um abgebrochene Zähne zu vermeiden.

»Noch zehn Sekunden«, sagte Myles, nahm die Brille ab und schob sie in seine Jacketttasche. »Neun, acht …«

Auch Beckett schob etwas in seine Hosentasche, bevor er die Haltung einnahm: Whistleblower.

»Drei«, zählte Myles. »Zwei …«

Dann ließ er den Kiefer locker und sagte nichts mehr.

Die beiden Droboter schossen unter dem Dachvorsprung der Villa hervor und steuerten schnurstracks auf die Zwillinge zu. Sie flogen konstant auf einer Höhe von einem Meter achtzig über dem Boden, indem sie ihre Rotoren entsprechend anpassten und immer wieder den Kurs justierten, wobei sie ständig über kodierte Klick- und Pieptöne miteinander kommunizierten. Solange sie ihre Spezialausstattung verbargen, sahen die Droboter aus wie die Propellerhüte, die Kinder in früheren, schlichteren Zeiten beim Fahrradfahren getragen hatten.

Die Droboter verlangsamten kaum ihren Flug, als sie sich den Zwillingen näherten, sondern ließen nur Arme aus Mi­kroservokabel herab, die sich um den Bauch der Jungen schlangen, und bliesen dann Schutzpolster auf, damit ihre Fracht nicht beschädigt wurde. Theoretisch sollte der Flug so sanft sein, dass Myles’ Anzug nicht einmal eine Falte bekam.

»Kabelschlaufe fixiert«, sagte Myles und ließ die Arme sinken. »Polster hundert Prozent. Alles startklar.«

»Schluss mit dem Technikkram!«, rief Beckett ungeduldig. »Los geht’s!«

Und es ging los.

Die Servokabel wurden eingezogen, um die Zwillinge in die Luft zu heben. Myles bemerkte, dass er noch nicht einmal einen Ruck in der Wirbelsäule verspürt hatte, und obwohl die Beschleunigung beachtlich war – laut seiner Smartwatch innerhalb von vier Sekunden von null auf achtzig Stundenkilometer –, empfand er den Flug nicht als unangenehm.

»Bisher läuft alles nach Plan«, sagte er in den Wind. Er warf einen Blick zur Seite und sah, dass Beckett die Fluginstruktionen ignorierte und mit den Armen herumwedelte, als säße er in einer Achterbahn.

»Arme anlegen, Beck!«, rief er seinem Bruder streng zu. »Und Beine an den Knöcheln kreuzen. Du erhöhst deinen Luftwiderstand.«

Es kann natürlich sein, dass Beckett die Anweisungen nicht hörte, aber wahrscheinlich hat er sie einfach ignoriert und weiter so getan, als wäre er auf einer Kirmes und nicht bei einer Notrettung.

Sie hatten kaum abgehoben, da war der Flug schon vorbei, und die Zwillinge wurden in zwei schornsteinähnlichen gepolsterten Röhren an der Rückseite des Hauses abgesetzt. Die Droboter ließen sie in den Sicherheitsraum hinunter und verschlossen die Röhren dann mit ihrem Gehäuse.

NANNIs Gesicht erschien in einer schwebenden Sprechkugel, die von einer elektrischen Ladung in Form gehalten wurde. »Vielleicht wäre jetzt ein guter Moment, um den EMP-Generator zu aktivieren? Ich weiß, dass du ganz versessen darauf bist, ihn auszuprobieren.«

Myles erwog den Vorschlag, während er das Servokabel löste. Die Villa Éco war mit einem elektromagnetischen Impulsgenerator ausgestattet, der jedwedes elektronische System im Luft­raum über der Insel ausschaltete. Die Elektronik der Fowls war davon nicht betroffen, da die ganze Villa über einen faradayschen Käfig im Innern der Mauern geschützt war, außerdem gab es ein Ersatzsystem, das über Glasfaserkabel lief. Ein wenig altmodisch, aber falls der Käfig ausfiel, würde das Kabel die Elektronik am Laufen halten, bis die Gefahr vorüber war.

»Hmm«, sagte Myles. »Das erscheint mir ein wenig drastisch. Welcher Art ist denn der Notfall?«

»Überschallknall«, erwiderte NANNI. »Ich vermute, von ei­nem Scharfschützengewehr.«

Jetzt vermutet NANNI sogar, dachte Myles. Sie entwickelt sich wirklich.

»Vermutungen helfen mir nicht weiter«, sagte er. »Wissenschaftler vermuten nicht.«

»Ach ja, natürlich. Wissenschaftler stellen Hypothesen auf«, entgegnete NANNI. »In dem Fall stelle ich die Hypothese auf, dass der Knall von einem Gewehrschuss stammt.«

»Schon besser«, sagte Myles. »Wie sicher bist du dir?«

»Ziemlich sicher. Wenn ich einen Prozentsatz nennen sollte, würde ich sagen, zu siebzig Prozent.«