Die Frankfurterinnen - Ayla Bonacker - E-Book

Die Frankfurterinnen E-Book

Ayla Bonacker

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Beschreibung

Ein großes Thema unserer Zeit: verlassen werden, allein zurückbleiben, ungeliebt weiterleben müssen. Es gibt einen besseren Weg als diese Ängste zu verschweigen und die Phobien immer mächtiger werden zu lassen: darüber zu reden - oder zu schreiben. "Mit tausend Pfeilen schießen die Sonnenstrahlen durch die Morgendämmerung und wollen die schlafende Frau in die Gegenwart holen." Mit tausend Wortpfeilen schießen die Autorinnen durch die Seiten dieses Buches, denn sie sind Frauen, die sich nicht lähmen ließen, sondern aufgestanden sind und sich ihre Identität erkämpft haben. Ängste und Mutlosigkeit haben sie überwunden. Sie haben den Literaturclub der Frauen aus aller Welt e.V. gegründet - Frauen, die aus aller Herren Länder den Weg an den Main gefunden haben, Frauen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die aber Deutsch als ihre Literatursprache gewählt haben - und nun mit Stolz zu Frankfurterinnen geworden sind. Weltoffen, international, tolerant. So wie die Stadt, in der sie leben. Die 15 ausgewählten Geschichten, Erzählungen und Lyrikbeiträge der Mitgliederinnen des Literaturclubs der Frauen aus aller Welt e.V. behandeln aktuelle Themen der Gesellschaft: Liebesbeziehungen, Verlustängste, Ideale und Idealisierungen. Eine literarische Anthologie von den Frankfurterinnen aus aller Welt. Zuhause in Frankfurt am Main.

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Seitenzahl: 179

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Literaturclub der Frauen aus aller Welt e.V. (Hrsg.)

Die Frankfurterinnen

Eine literarische Anthologie

 

 

 

 

IMPRESSUM

Die Frankfurterinnen

Herausgeber

Literaturclub der Frauen aus aller Welt e.V.

Seitengestaltung

Größenwahn Verlag Frankfurt am Main

Schriften

Constantia und Lucida Calligraphy

Covergestaltung

Marti O´Sigma

Lektorat

Regine Ries

Größenwahn Verlag Frankfurt am Main

August 2015

ISBN: 978-3-95771-053-6

eISBN: 978-3-95771-054-3

I N H A L T

Morgengrauen Tuula Greß

Kirschblüten Tamara Labas-Primorac

Adja Kristina Edel

Der Angstmann Susanne Konrad

Die hässliche Ente Gesine Carl

Ein strahlender Tag Lori Tengler

Frühstück um Elf Venera Tirreno

Meine Dolly Behjat Mehdizadeh

Die Deutschen essen kein Brot Agapi Mkrtchian

Ein Mann, eine Frau und ein Buch Gisela Wölbert

Das Ausländerfest Reha Horn

Rex, die Ratte Barbara Höhfeld

Sinan Ayla Bonacker

Eine Fahrt weg Mona Phoenics

Zeit der Wende Radvana Kraslová

Biographisches

 

 

Tuula Greß

MORGENGRAUEN

Mit tausend Pfeilen schießen die Sonnenstrahlen

durch die Morgendämmerung

und wollen die schlafende Frau

in die Gegenwart holen.

Erschrocken taucht sie in den langen Tunnel

ihrer tausendjährigen Erinnerungen zurück

und klammert sich

an die Wände des Tunnels.

Dann lässt sie sich auf den Boden sinken,

drückt den Kopf an die Knie und presst die Augen zu.

Verzweifelt greift sie

mit immer länger werdenden Armen

nach Erinnerungen.

Plötzlich heult eine Sirene;

die Frau fährt zusammen und lässt die Arme fallen.

Sie kehrt um und kriecht

langsam und tastend aus dem Tunnel heraus.

Vor dem Eingang bleibt sie sitzen,

holt mit großer Kraftanstrengung

einen Gedanken nach dem anderen

aus den Schwindel erregenden Höhen,

sortiert sie zuerst nach dem Alphabet,

dann nach der Länge,

will Ordnung bringen in den kommenden Tag.

Die Wörter aber machen sich selbstständig

und reihen sich aneinander in einer wirren Folge,

bis sie wie Blitze aus ihrem Kopf herausschießen.

Die Blitze erreichen

eine niedrige Böschung am Tunneleingang

und bald steht das ganze Bauwerk in hellen Flammen.

Außer sich vor Angst steht die Frau auf,

um in die brennende Höhle zu stürzen.

Aber die Sonnenstrahlen umhüllen sie

und ziehen sie zurück.

Von der Wärme überwältigt,

kehrt die Frau der Höhle den Rücken.

Unentschlossen balanciert sie

zwischen gestern und morgen,

bis

ein ohrenbetäubendes Geräusch

von hinten auf sie stürzt.

Unter lodernden Flammen

kracht der Tunnel zusammen.

Die Frau drückt die Füße auf den Boden

und sieht nicht mehr zurück.

Mit fester werdenden Schritten

geht sie dem Morgen entgegen.

Tamara Labas-Primorac

KIRSCHBLÜTEN

1 Der Mann reichte mir die Bücher, die er vom Boden aufgesammelt hatte. Sie waren mir aus den Händen gefallen, als wir versehentlich auf der Straße zusammenstießen. Seinen rechten Mundwinkel zog er nun leicht nach oben, zu einem zaghaften Lächeln, dann hob er seine Augenbrauen – die kräftig und struppig waren und so gar nicht in das Gesicht mit den weichen Zügen passen wollten – um anschließend, wie in einem Stummfilm, eine theatralische Pose einzunehmen und übertrieben eine Miene aufzusetzen, so als hätte er die Rolle eines Sünders zu spielen, der sich eben seiner Schuld bewusst wurde.

»Das hätte nicht passieren dürfen«, sagte er jetzt grinsend, und als sich der Blick seiner ungewöhnlich hellen Augen mit dem meinigen traf, loderte in diesen Begehren auf. »Vielleicht darf ich mich mit einem Kaffee bei Ihnen entschuldigen?«

Die kleine Zeitspanne zwischen seiner Frage und meiner Antwort nutzte er, um auf einen der Buchdeckel zu schauen – vielleicht aus Ungeduld, vielleicht aber erhoffte er sich, anhand meines Leseinteresses etwas über mich erfahren zu können.

»Sie mögen Razni?«, fragte der Fremde. Ich nickte nur und griff endlich zu den Büchern. »Mir ist er zu langatmig. Er bewegt sich im Schneckentempo. Das macht ihn schwer zu lesen. Und seine Liebesgeschichten enden immer befremdend«, fuhr er fort.

»Oh, mir gefällt gerade die Langsamkeit seiner Geschichten außerordentlich gut! Ich bewundere seinen Wortschatz, sein Sprachvermögen, verblüffend! Und finden Sie nicht, dass es auch im wahren Leben bizarre Liebesgeschichten gibt?«, gab ich zurück und begegnete seinem Blick entgegenkommend.

Genaugenommen konnte ich ihm geradezu nicht widerstehen – so wie es manchmal geschieht, wenn zwei fremde Menschen wie im Rausch nur danach streben, das Fremdsein so schnell wie möglich abzulegen, um sich einander hinzugeben. Ich fühlte außerdem, dass diese Begegnung eine war, die etwas Schicksalhaftes hatte, dem man nicht entrinnen konnte – ohne dass ich genau sagen könnte, woran ich das festgemacht hätte.

»Also, wie wär's? Nehmen Sie meine Einladung an?«

Ich nickte. »Gerne. Darf es auch ein Latte Macchiato sein?«

Er lachte nun breit wie einer, der seine Trophäe endlich in den Händen hielt.

2 Ich tröpfelte etwas Kaffee vom Stiellöffel über den Milchschaum, während er kräftig in seinem Espresso rührte. Wir saßen draußen im lauschigen Garten eines Cafés, unweit von meinem Auto, aus dem ich ausgestiegen war, um die Bücher in der Stadtbücherei abzugeben, als mich der Mann anrempelte, dem ich nun gegenüber saß.

Ich betrachtete seine Hände, wie ich es bei Männern gerne tat. Lange, feingliedrige Hände, so wie sie zumeist bei Pianisten vermutet werden, waren mir bei einem Mann wichtig. Schon allein die Vorstellung von plumpen Händen berührt zu werden, löste bei mir ein körperliches Unbehagen aus, ähnlich einem Schaudern. Mir war bewusst, dass das eine dumme Marotte war; es gelang mir aber nicht, mich von dieser zu befreien. Die Hände meines Gegenübers waren grazil und die Finger lang, gleich schön und elegant wie der Silberlöffel, der in einer der beiden noch immer lag.

Gut gelaunt ließ ich nun das Amarettino, das zum Kaffee gereicht wurde, in den Glasbecher fallen. Das kleine Gebäck wurde vom Milchschaum aufgefangen. Mit dem Stiellöffel tauchte ich es kurz in das heiße Getränk ein, als der Mann mich fragte: »Wollen Sie auch mein Amarettino?«

»Gerne!«, antwortete ich ohne zu zögern und schaute ihm in die Augen, um ihm anzudeuten, dass ich sein Spiel verstand und bereit war mitzumachen.

»Ok, Sie bekommen es. Aber nur, wenn ich dann Du zu Ihnen sagen darf!«, entschied er.

»Na gut! Wenn ich dein Amarettino bekomme, verrate ich dir sogar meinen Namen!«

»Oh, schön! Nimmst du es oder darf ich es von meinem Löffel in deinen Kaffee kippen?«, wollte er weiter wissen.

»Hey Süßer, am besten nehme ich doch gleich dich samt Amarettino!«, hätte ich am liebsten erwidert, doch wollte ich keineswegs so forsch sein und ihn möglicherweise verschrecken. Männer sind Jäger, zumindest sollten wir ihnen das Gefühl geben, diese zu sein. Deshalb ließ ich ihn seiner Jagdlust noch etwas frönen und sagte mit scherzhaften Ton: »Danke für die Wahl. Ich nehme ihn selbst!«

Als ich das Amarettino in meinen Kaffeebecher fallen ließ, sagte ich: »Veronika« und schaute auf.

»Fein, Veronika. Ich bin Jan.«

Es war der erste wärmere Tag des Jahres und der Himmel war blau, von keinem Wölkchen getrübt. Die Luft war erfüllt vom leichten, honigsüßen Duft der Kirschblüten und die Vögel warben lautstark umeinander. Alles war wie in einem zu kitschig geratenen Groschenroman.

3 Er küsste meinen Hals, während wir auf der Bettkante saßen. Ich nur noch in einem Unterkleid aus Seide und Spitze, das ich unter dem Wollkleid trug, welches mir Jan vor wenigen Augenblicken abgestreift hatte. Sein Hemd, schon aufgeknöpft, ließ ich nun von seinen Schultern gleiten. Endlich berührte ich mit meinen Lippen seine entblößte Haut, die nach Lavendel, Zedernholz und einem Hauch Tabak roch – obwohl er ganz sicher nicht rauchte, das hätte ich an seinem Mund geschmeckt, der mich geküsst hatte. Er wird wohl gesellig sein und den Rauchern vor der Tür charmante Gesellschaft leisten, überlegte ich kurz.

Wir legten uns alsdann nieder und ich roch die frische Bettwäsche eines Ortes, der ihm vertraut, für mich noch beziehungslos war. Dann öffnete ich meine Schenkel für Jan. Irgendwann erschöpften wir uns und ließen gesättigt voneinander ab. So lagen wir eine Zeitlang, um langsam aus unserer Trunkenheit in den jetzigen Augenblick zurückzufinden.

»Magst du nun ein Stück Schokoladenkuchen? Er müsste jetzt gut abgekühlt sein.« Mit diesen Worten lenkte Jan meine ganze Aufmerksamkeit in die Gegenwart, und ich nahm erneut den Wohlgeruch von Butter, Vanille und geschmolzener dunkler Schokolade wahr, der seine Wohnung erfüllte und der mich schon vorhin empfangen hatte. Es war der ursprüngliche Anlass, warum ich hier war.

»Möchtest du ein Stück Kuchen?«, hatte mich Jan nämlich im Café gefragt gehabt.

»Ja, sehr gerne.«

»Magst du Schokoladenkuchen? Ich kann ihn dir sehr empfehlen.«

»Ja, warum nicht? Ist er hier besonders gut?«

»Ich meine meinen Schokoladenkuchen. Ich habe ihn heute Morgen frisch gebacken. Das tue ich gelegentlich«, hatte Jan erklärt gehabt, bübisch lächelnd.

»Hast du nun Lust auf Schokokuchen nach Art des Hauses oder nicht?«, fragte Jan jetzt wieder, da ich noch immer nicht geantwortet hatte.

»Wenn er so gut ist wie du, dann gerne«, sagte ich. Darauf zog er mich zu sich und berührte meinen Mund mit dem seinigen, wandte sich wieder ab und lief nackt in die Küche.

Etwas später, nachdem ich den Schokoladenkuchen gegessen hatte, (der tatsächlich außerordentlich köstlich war, wie er nur von einem Liebhaber eines Schokoladenkuchens gebacken werden konnte), und etwas kühles Wasser dazu getrunken hatte, stieg ich aus dem Bett und fing an, meine Kleider aufzusammeln, die zerstreut auf dem Holzboden lagen. Angezogen, griff ich nach der Ledertasche und den Büchern. »Du willst doch nicht etwa schon gehen?«, wollte Jan wissen.

»Doch, leider. Ich muss noch dringend die Bücher in der Stadtbücherei abgeben. Die Frist ist schon vor einer Woche abgelaufen.«

Er hatte mich am Gehen nicht gehindert, ich hätte es auch nicht zugelassen, doch hätte ich mir ein spielerisches Aufbegehren seinerseits gewünscht, das mir das Gefühl gegeben hätte, mich nur unfreiwillig loslassen zu wollen. Er blieb stattdessen im Bett liegen, noch immer nackt. »Sehen wir uns wieder?«

»Ja«, antwortete ich. Dann zog ich die Wohnungstür hinter mir zu.

4 »Der Kirschbaum blüht wieder«, sagte ich zu Jan, der nicht wirklich wach war.

»Hm«, murmelte er nur.

»Und der Himmel ist schon fast blau.«

»Was?«, fragte er verschlafen.

»Man sagt doch: ›Wie bitte‹. Wurde dir das als Kind nicht beigebracht?«, fragte ich neckend und hellwach.

»Veronika!«, murmelte Jan leicht genervt.

»Hörst du den Gesang der Vögel? Er hat mich geweckt und er erinnert mich daran, dass wir etwas zu feiern haben ...«, fuhr ich unbeirrt fort.

»Was denn?«, wollte er wissen, nun doch neugierig geworden.

»Jan, wir lieben uns heute seit genau einem Jahr!«, antwortete ich leicht pikiert.

»Es ist viel zu früh, Veronika!«, protestiere Jan.

»Es ist nie früh genug, von den Vögeln geweckt und von dir geliebt zu werden!«

»Oh, Veronika! Es ist gerade mal halb fünf!«, stellte er nüchtern fest, nachdem er kurz auf den Wecker geschaut hatte.

»Na, seit wann spielt Zeit für dich eine Rolle?«, fragte ich und zeichnete ihm dabei mit den Finger-spitzen meinen Namen auf seine Schulter.

»Veronika, du weißt doch, dass ich heute eine wichtige Besprechung haben werde. Ich möchte ausgeschlafen sein!«

»Was ist los mit dir? Verschmähst du etwa meine frühmorgendliche Offenbarung?«, hauchte ich in sein Ohr – ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, vielmehr beabsichtigte ich, ihm in Aussicht zu stellen, wofür es sich lohnen könnte, unausgeschlafen zu sein. Unbeirrt küsste ich nun seinen Bauchnabel und küssend wanderte mein Kopf zwischen seine Beine.

Jan fasste mich sanft an den Schultern und zog mich zärtlich wieder zu sich hoch. »Bäckst du uns heute einen Schokoladenkuchen?«, fragte ich. »Ja, Veronika, wenn du willst. Heute Mittag nach der Besprechung, o.k.?« Der kleine Kater Leo, den mir Jan vor wenigen Wochen geschenkt hatte, hüpfte aus dem Bett. Er fühlte sich von unseren Bewegungen gestört. Einige Zeit später schliefen Jan und ich ineinander verschlungen noch einmal ein.

5 Jan war schon unter der Dusche, als ich wach wurde. Leo lag eingerollt neben meinem Kopf und schien zu schlafen. Ich beobachtete eine Weile den flauschigen Körper, der sich kaum merklich hob und senkte. Nun kraulte ich das Tierchen hinter seinen Ohren, die im Verhältnis zu seinem Körper recht groß waren, worauf er mit Schnurren antwortete. Dann streckte er seine Hinterbeine aus und genoss es, am Bauch gestreichelt zu werden. Ich schmiegte mich dicht an Leo. Sein Körper wärmte mein Gesicht. Er roch so vertraut nach frischer Milch und sonnenwarmen Heu. Plötzlich hörte er auf zu schnurren, weil er wohl tief eingeschlafen war, seine Beinchen noch immer ausgestreckt.

Ich wäre gerne länger bei Leo geblieben, aber ich stand auf, da ich in die Praxis gehen wollte, um einige Bürodinge zu erledigen, die meine Mitarbeiterin nicht alleine klären konnte. Wäre ich zu mir ehrlich gewesen, hätte ich mir eingestanden, dass ich an diesem Samstag nur in die Praxis ging, weil Jan ins Büro musste. In den letzten Wochen ging Jan öfters an Wochenenden arbeiten.

Ich lief zu Jan ins Bad, der sich gerade rasierte. »Guten Morgen, Veronika.«

»Morgen Murmel«, grüßte ich zurück. »Weißt du, Leo ist so niedlich! Er hat …«

»Veronika, entschuldige bitte, ich kann dir jetzt nicht zuhören. Ich muss gleich los«, unterbrach er mich. Jetzt tupfte er sich das Gesicht trocken, um anschließend sein Aftershave-Balsam aufzutragen. Ich stand noch immer da und beobachtete ihn, wie er die dickflüssige Creme auf sein Gesicht tupfte. Mir gefiel sein festes Muskelfleisch an den Armen und Beinen und den Pobacken; strotzend vor Kraft bewegte er sich dennoch anmutig.

Nie zuvor war ich so lange mit einem Mann zusammen gewesen. Bei Jan bin ich fast eingezogen. Ich hatte zwar noch meine Wohnung, übernachtete dort jedoch immer seltener und ging nur hin, um regelmäßig zu lüften und Blumen zu gießen und meine Kleidung zu wechseln. Deshalb war Leo auch bei Jan. Und seit der Kater bei Jan war, schlief ich nur noch bei Jan. Von mir aus hätte ich meine Wohnung schon längst aufgegeben, doch hatte mich Jan bis jetzt nie direkt gefragt, ob ich bei ihm einziehen wollte – das erwartete ich aber. So zog ich es vor, auch weiterhin alle zwei Tage kurz meine Wohnung zu besuchen, um stets die Reisetasche mit frischen Anziehsachen wie für eine Dienstreise zu packen.

»Du stehst ja noch immer herum!«, sagte Jan, der sich zu mir drehte, »Ich dachte du wolltest in die Praxis.«

»Ach, ich habe Zeit! Bin ja mit niemandem dort verabredet.«

Jan kam auf mich zu, umarmte mich und gab mir einen schnellen Kuss auf die Stirn, »Tschüss, Maus.« Dann ließ er mich los und ging aus dem Bad.

Ich stellte mich vor den großen Badspiegel und betrachtete mit einer gewissen Wehmut meinen Körper, der schon Zeichen der Reife zeigte. Nun wölbte ich meinen Bauch und strich mir vorsichtig über diesen. Jan ist der erste Mann, bei dem ich die Pille abgesetzt hatte.

Meine Hände zitterten, als ich etwas später auf den Teststreifen schaute und eine Verfärbung wahrnahm, die den Test positiv bestätigte. Ich konnte nicht fassen, dass es in meinem Alter nach nur zwei Monaten ohne Pille schon geklappt hatte. Ich hatte mir ja sehnlichst ein Kind gewünscht, – doch jetzt wirbelten Fragen durch meinen Kopf. Und Jan, wie wird er reagieren?

Jedenfalls werde ich mit der Nachricht noch etwas abwarten, bis sich seine Frucht in meinem Körper gefestigt hat, beschloss ich.

6 Jan hätte schon längst zu Hause sein sollen. Ich sorgte mich. Nach einer Zeit vernahm ich das Geräusch des Wohnungsschlüssels im Schloss, ich war erleichtert. Sogleich lief ich in die Diele. »Guten Abend, Veronika! Wow, du siehst bezaubernd aus!«, sagte Jan sichtlich überrascht, dann drückte er mich an sich und küsste mich, wie es schon zur Gewohnheit geworden war.

»Du duftest so außerordentlich verführerisch!«, flüsterte er in mein Ohr und begann es mit seiner Zungenspitze begierig zu liebkosen. Sein Atem, der nach Alkohol roch, kitzelte meine Wange. Er hob mich hoch und trug mich zur Couch. Leo machte für uns Platz, wie so oft.

»Wollen wir noch etwas essen gehen?«, fragte ich viel später, als wir schon gemeinsam unter der Dusche standen.

»Jetzt, um diese Zeit?!«

»Ich habe so einen Hunger. Ich könnte einen Bären fressen.«

Jan lächelte: »Was ist heute bloß mit dir los?«

7 Als ich wach wurde, war Jan schon fort – das war bis jetzt noch nie der Fall gewesen. Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass ich verschlafen hatte. Zwar wollte ich heute ohnehin etwas später in die Praxis gehen, aber keinesfalls so spät. Deshalb rief ich die Mitarbeiterin an und sagte, ich sei krank, was ich nun schon zum dritten Mal tat. Ich bat sie, den Patienten, die sie erreichen konnte, die Termine für heute abzusagen.

Dann legte ich mich erneut ins Bett, etwas beunruhigt über mein leichtfertiges Verhalten, denn es war mir fremd. Aber ich rief Leo zu mir, der gleich kam. Ich kraulte sein Köpfchen, er schnurrte, gab sich nur dem Moment hin, wie er es ohnehin immer tat. Im Grunde beneidete ich jetzt das Tier, denn es lebte gänzlich in der Gegenwart, – ohne ein Wissen darüber, dass er es so tat.

Ein Luftzug hatte wohl die seidene Gardine an der offenen Balkontüre hereingeweht, was Leo neugierig machte und ihn mit einem Satz auf diese springen ließ und mich aus einem Schlummer riss. Seine Spielfreude hinterließ bestimmt Spuren auf dem kostbaren Stoff. Jan war aber duldsam gegenüber den Tollheiten des jungen Katers. Ich mochte diese Nachsicht an ihm. Und ich glaubte deshalb auch, Jan würde ein guter Vater sein.

Ich verspürte einen mächtigen Hunger und stieg endlich aus dem Bett, um zu Frühstücken.

Nachdem ich gegessen und mich im Bad fertig gemacht hatte, wollte ich die Wohnung etwas aufräumen, um das Gefühl zu bekommen, doch etwas Sinnvolles an diesem Tag getan zu haben.

Jans Jackett im Flur sollte in die Wäscherei gebracht werden. Ich überlegte, es für Jan zu erledigen. So griff ich nach dem Kleidungsstück, um es in den grünen Beutel zu packen. Doch zuvor fühlte ich in alle Taschen, ob sie leer waren. Unerwartet entdeckte ich ein langes blondes Frauenhaar auf dem Rückenteil des Jacketts, das eindeutig nicht mir gehören konnte, da mein Haar rot und nur mittellang ist. Ich konnte mich nun dem Gedanken nicht erwehren, dass Jan eine andere Frau kennengelernt hatte.

»Komm Veronika«, sprach ich zu mir selber, »es ist doch nur ein Haar. Das hat nichts zu bedeuten.« Dennoch konnte ich mich nicht beruhigen. Wie von Sinnen lief ich zum Kleiderraum. Ich wühlte durch alle Taschen der Jacketts. Doch fand ich nichts weiter Auffälliges. Es gab kein weiteres Haar und keine Hinweise, die meinen Verdacht hätten erhärten können. Erschöpft setzte ich mich aufs Bett und weinte.

8 »Hallo Veronika«, begrüßte mich Jan an der Tür. »Du bist ja schon da. Hattest du heute Morgen nicht gesagt, es würde bei dir später werden?«

»Mir ging es nicht gut. Ich bin zu Hause geblieben.«

»Dir geht es in letzter Zeit häufiger nicht gut«, erwiderte Jan. Die Art, wie er es sagte, hörte sich wie ein Vorwurf an.

»Wie meinst du das?« Ich klang gereizt und fuhr bissig fort, »Und dir scheint es in letzter Zeit besonders gut zu gehen, da du immer länger weg bleibst!«

»Was ist los mit dir, Veronika?«

»Sie ist blond!«, sagte ich kühl.

»Wovon redest du?«, wollte Jan wissen und in seine Stimme mischte sich ein harscher Klang, wie öfters in letzter Zeit, wenn wir uns stritten. Ich spürte, etwas Hemmungsloses in Jan schlummern, was gefährlich werden konnte. Es verunsicherte mich, doch ließ ich es mir nicht anmerken.

»Du bist ja völlig übergeschnappt!«

»Ich habe ein Haar auf deinem Jackett gefunden. Sie ist blond.«

Jan lachte ein gekünsteltes Lachen, das verriet, dass er erleichtert war. »Ha. Ha. Veronika, ein Haar! Weiß der Kuckuck, wie das Haar auf mein Jackett kam, und du machst gleich so ein Theater.« Er nahm sein gestelztes Lachen wieder auf.

»Entschuldige Jan! Ich glaube, es sind meine Hormone …«, hörte ich mich sagen, denn auf einmal fand ich mich so kindisch.

»Du bist doch nicht etwa in den Wechseljahren?!«

»Nein, so alt bin ich noch nicht!«, erwiderte ich scharf und ich beschloss, nichts weiter über den möglichen Hintergrund meiner Empfindlichkeit zu sagen und Jan noch nicht zu eröffnen, dass er Vater werden würde. Es war jetzt nicht der passende Moment dafür.

Leo kam zu uns und miaute fordernd. »Ja, mein Süßer, du hast Hunger. Komm mit«, sagte ich zu ihm, erleichtert darüber, einen Vorwand zu haben, das Gespräch verlassen zu können. Ich lief in die Küche und Leo folgte mir.

Kurze Zeit später kam auch Jan nach. »Veronika, du hast dich in letzter Zeit irgendwie verändert. Was ist denn los mit dir?«, fragte er, während er mein Gesicht zärtlich mit seinen Händen umschloss.

»Ja? Findest du?« Ich war verwirrt über seine Annäherung und ich biss mir leicht auf die Lippe, wie immer, wenn ich nervös oder unsicher bin. »Es werden wohl die Hormone sein!«, wiederholte ich.

»Entschuldige, das war vorhin doof von mir mit den Wechseljahren!«, sagte er und nahm seine Hände von meinem Gesicht.

»Doch, doch! Es sind gewiss die Hormone«, beharrte ich. Dann strich ich mit dem Zeigefinger von seiner Wange zum Mund und umkreiste diesen. Er bewegte seinen Arm, um mich im nächsten Augenblick zu umfassen; fast gleichzeitig drehte ich mich von ihm weg.

»Ich wollte gerade ins Bad«, sagte ich entschuldigend, und ich verließ die Küche.

9 »Du hast dich in letzter Zeit irgendwie verändert. Was ist los mit dir?« Jans Worte kamen mir wieder in den Sinn, als ich am folgenden Morgen die Straße entlangging, um zu meinem Auto zu laufen. Was ist das für eine Äußerung, fragte ich mich. Verändern wir uns nicht mit jedem Tag, mit jedem Moment? Das konnte nur bedeuten, dass Jan an mir etwas nicht mehr mochte. Doch ich wollte nicht erneut über Vermutungen grübeln. Mein Kopf wurde tatsächlich frei.

Ich war heute Morgen früher aus dem Haus gegangen, um in Ruhe Verschiedenes vor den ersten Patienten zu erledigen. Also hatte ich genügend Zeit eingeplant, die ich jetzt anders nutzen wollte.