Die Frau Professorin. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte - Berthold Auerbach - E-Book

Die Frau Professorin. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte E-Book

Berthold Auerbach

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Beschreibung

Eine Geschichte über ein grundverschiedenes Paar: Reinhard ist Professor an der Kunstakademie und verliebt sich in die vom Dorf stammende Lorle. Das Ehepaar zieht in eine Residenzstadt, doch schon bald zeigt sich, dass Lorle sich in der Stadt nicht wohlfühlt und Reinhard zunehmend davon genervt ist, seine Frau in die städtischen Kreise einführen zu müssen. Als auch ein Versuch der Vereinbarkeit misslingt, zieht Lorle zurück in ihr Dorf...Die "Schwarzwälder Dorfgeschichten" bestehen aus 27 Erzählungen, die Berthold Auerbach zwischen 1843 und 1880 verfasste und mit denen er die literarische Gattung der Dorfgeschichte maßgeblich prägte. Sie spielen alle im ländlichen Raum des Schwarzwalds und charakterisieren das Dorfleben und seine Bewohner.

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Berthold Auerbach

Die Frau Professorin. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte

 

Saga

Die Frau Professorin. Eine Schwarzwälder DorfgeschichteCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1846, 2020 Berthold Auerbach und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614527

 

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

 

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Es kamen zwei fremde Gesellen.

Da sitzt der Wadeleswirth am Gartenfenster im Stüble, er hat den Ellbogen auf den Sims gestemmt und den Kopf in die Hand gestützt; nach seiner Gewohnheit hat er die Füsse hinter die vordern Stuhlbeine geschlagen, als wollte er da festwurzeln; denn wo er einmal sitzt, da braucht’s fast eine Wagenwinde, um ihn wieder in die Höhe zu schroten.

Freilich sitzt er nicht mehr da, es thut ihm schon lang kein Finger mehr weh, seiner Zeit aber haben seine Finger Manchem weh gethan; die Rede ging, wo der Wadeleswirth Einen an den Kopf trifft, da wächst kein Haar mehr nach, darum versetzte er auch aus Barmherzigkeit seine Schläge ins Genick, da gibt’s auch kein Blut und thut doch wacker weh. — War der Wadeleswirth so ein Raufbold? Ihr werdet ihn schon kennen lernen, dass er ein Mensch war, so lammfromm und gutmüthig wie nur Einer; das hindert aber nicht, dass man zu guter Stunde Einem, der’s begehrt, gesalzene Faustknöpfle austheilt: kurzum, der Wadeleswirth war, wie man’s nimmt, ein absonderlicher Mensch oder auch nicht. Eigentlich hiess er nicht Wadeleswirth, sondern Lindenwirth, wozu er durch die Linde vor dem Hause und auf dem Schilde das klarste Recht hatte. Jener Name aber — ja das ist eine schlimme Sache, man redet nicht gern davon, es schickt sich nicht, und doch ist das, worauf es sich stützt, nichts Geheimes, man macht dort wo der Mann her ist, gar kein Hehl daraus, also: vom innern Kniegelenke bis gegen die Knöchel — rund heraus, die Wade war beim Lindenwirth tapfer bestellt und darum wurde er so genannt.

Jetzt können wir uns schon ruhiger beim Wadeleswirth niederlassen, wir müssen aber damit eilen, denn es gibt bald grosses Halloh im Hause und im ganzen Dorfe und Alles durch einen einzigen Menschen oder zwei.

Der Wadeleswirth sitzt also still da und lässt seine Gedanken um sich her schwirren wie die Fliegen, die summend die Stube durchschwärmen. Freilich hat man nicht viel Gedanken, wenn man so müde ist und wie der Wadeleswirth eben vom Feld heimkommt, wo man einen Wagen Heu aufgeladen; da thut’s wohl, geruhig zu verschnaufen und die Gedanken, wenn man deren hat, machen zu lassen was sie wollen. Der Katze, die auf dem äussern Fenstersims hockte und gar viel mit sich zu thun hatte, nickte er einmal zu, dann kehrte er sich um und rief:

„Lorle!“ Aus der Kammer antwortete eine Stimme: „Was?“

„Ich mein’, du machst’s auch wie die Katz; die putzt sich, wie wenn wir Fremde bekämen.“

„Mir ist’s auch so,“ antwortete es von innen.

„Mach’ dich nur fertig, und wenn du verkühlt bist, hol’ mir einen Trunk (Most) aus dem Keller; ich verdurst’ schier.“

„Gleich, gleich,“ antwortete es wieder aus der Kammer. Man hörte eine Kiste zuschlagen, dann Jemand die Treppe hinablaufen und bald wieder heraufkommen, die Thüre öffnete sich, da . . . da fiel hart am Fenster ein Schuss, ein gellender Schrei entfuhr dem Mund des Mädchens, das Glas mit dem Most lag auf dem Boden und die Katze sprang in die Stube ganz nahe vorbei an dem Gesichte des Wadeleswirths. Dieser stand auf und fluchte und das Mädchen war in der halbgeöffneten Thür verschwunden.

Wir aber müssen dem seltsamen Ereigniss nachgehen . . .

Zwei junge Männer schreiten durch den Bergwald; der eine in grauer Tyrolerjuppe mit grünen Schnüren, gross und breitbrustig, mit braunrothem unverschorenem Bart, einen grauen Spitzhut, breitkrämpig und vielfach zerdrückt auf dem Kopfe; der andere mit bescheidener Mütze, unter der ein feingeschnittenes Gesicht mit wohlgezogenem Backenbart sichtbar wird, seine kleine Gestalt etwas nach vorn gebeugt mit einem zertragenen schwarzen Ueberrock bekleidet. Die Beiden wandern wortlos dahin. Ein alter Bauer trägt ihnen zwei Ränzchen, eine Zither, einen Malerstuhl und eine Flinte nach. Jetzt treten sie aus dem Walde und im Thale vor ihnen zieht sich ein langes Dorf hin, wie man sagt, nur auf einer Seite gebacken, denn die Häuser stehen längs des Baches, der murrend und wildrauschend über und zwischen Felsen wegrollt; ein Steg führt über den Bach, wo jenseits auf einsamem Hügel die Kirche steht.

,,Da hast du’s, das ist Weissenbach,“ sagte der Grosse mit klangvoller Bruststimme.

„Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet,“ sagte der Kleine, in dessen schwarzem Gewande wir mit Recht einen abgetragenen Schulrock vermuthet haben.

„Lass deinen Horaz,“ erwiderte der Grosse, dem wir ohne Scheu den Malerstuhl zuerkennen dürfen.

„Gern,“ versetzte der Kleine und sich umschauend fuhr er lächelnd fort: „Ite, missa est, ihr Bücher sollt mir nicht zwischen die Beine laufen in der freien Natur, still! Bruder, das solltest du malen, oder ich will ein Märchen schreiben, wie das Steckenpferd des Autors, das in jedem Buche aufgezäumt an die Krippe gebunden ist, lebendig wird und mit dem Buch davonjagt; es müsste herrlich sein, wenn so ein Rudel Bücher, eine ganze Bibliothek da den Berg hinunterritte, hussa! hussa! Ich will das Märchen schreiben.“ —

„Du thust’s doch nicht, du speist dir immer in die Hände und greifst nie zu.“

„Leider hast du Recht, aber hier will ich frisches Leben holen. Sieh, wie das Dorf hier so friedlich im Mittagsschlummer daliegt als wär’s ein grosses Wasserungeheuer, das sich am Ufer sonnt; die Strohdächer sind wie grosse Schuppen. Sieh dort die Kirche! Ich liebe die Kirchen auf den Bergen, sie gehören nicht mitten in den Häusertrödel. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche erbauen — das ist schön! Auch leiblich sollen die Menschen aufsteigen, sich erheben zur geistigen Erhebung. Wie diese Kirche hier jenseits des Steges auf dem Berge steht, ist sie die wahrhaft transcendente, supranaturalistische.“

Nach einer Pause, fuhr er fort: „Hörst du die Hunde bellen und die capitolinischen Wächter schnattern? Hörst du die Kinder dort jauchzen? Die guten Kinder! Sie ahnen nicht, dass du kommst, ihre Jugend im Bilde zụ verewigen. Schon Virgil sagt sehr schön: O fortunatos nimium, sua si bona norint, agricolas. Das Volk ist doch wie die stille Natur, es weiss nichts von der Schönheit seines Lebens, es ist vegetabilisches Dasein und wir kommen, die Geistesfürsten, und verwenden ihre gebundene Welt zu freien Gedanken und Bildern.“

„Und wer weiss,“ erwiderte der Grosse endlich, „wie der Weltgeist uns verwendet, zu welchen Gedanken und Bildern wir ihm dienen.“

„Du bist frommer, als du glaubst, das ist ein grosser Gedanke,“ entgegnete der Gelehrte und der Maler fuhr auf:

„Numero A 1. Gib doch nicht gleich Allem was man sagt, ein Schulzeugniss.“

Die Beiden schwiegen. Der Maler, der seinen Kameraden doch zu hart angelassen zu haben glaubte, fasste seine Hand und sagte: ,,Hier bleiben wir nun, schüttle allen Schulstaub von dir, wie du dir’s vorgenommen, denk’ nichts und will nichts und du wirst Alles haben.“

Der Kleine erwiderte den Händedruck mit einem unendlich sanften Blicke und der Maler fuhr fort: „Ich muss dir den Mann schildern, bei dem wir bleiben.“

„Nein, thu’s nicht, lass mich ihn selber finden,“ unterbrach ihn der Kleine.

„Auch gut.“

Als sie sich jetzt dem Dorfe näherten, schlug der Maler den Fussweg ein, der hinter den Häusern herläuft; der Kleine bemerkte: „Es liegt ein tiefes Gesetz darin, dass die Naturstrassen nirgends geradlinig sind; der Bach hat einen undulirenden, einen wellenförmigen Weg, und die Strassen von Dorf zu Dorf ziehen sich selbst durch die Ebene in Schwingungen dahin. Die Philosophie der Geschichte kann davon lernen, dass Natur und Menschheit sich nicht nach der logischen Linie bewegen.“

„Bei den Strassen hat das einen einfachen Grund,“ bemerkte der Maler, ,,ein Gefährt geht viel leichter, wenn es durch eine Biegung wieder einen Schwung bekommt; bei einem schnurgeraden Wege liegt auch das Pferd zu gleichmässig und ermüdend im Geschirr. Das ist Fuhrmannsphilosophie.“

Mit diesen Worten waren die Beiden in einen Baumgarten getreten; der Maler nahm dem Bauer die Flinte ab und schoss damit in die Luft, dass es weithin widerhallte, dann schrie er Juhu! sprang die Treppe hinauf und hinein in die Stube . . .

Da sind wir also wieder beim Wadeleswirth, in dem Augenblick, da die Katze ihm am Gesicht vorbeigesprungen und das Glas Most auf den Boden gefallen war. Der Wirth steht da, hat beide Fäuste geballt und flucht:

„Kreuzmillionenheideguguk, was ist denn das? Was gibt’s ins —“

„Ich bin’s,“ rief der Maler, die Hand zum Willkomm ausstreckend.

Die Faust des Wirthes entballte sich und er rief: „Wa . . . Was? Ja, bigott, er ist’s. Ei Herr Reinhard, sind Ihr auch wieder ause gelaufen? 1 Das ist ein fremder Besuch, da sollt’ man ja den Ofen einschlagen.“ 2

„Weil’s Sommer ist, alter Kastenverwalter,“ erwiderte der Begrüsste, indem er derb die Hand des Wadeleswirths schüttelte, der jetzt fragte:

,,Seid Ihr’s gewesen, der im Garten geschossen hat?“

,,Nein, nicht ich, da mein Weib,“ sagte der Maler, die Flinte aufhebend, „kann das Maul nicht halten.“

,,Ihr seid noch allfort der Alte, aber der Mann muss für’s Weib bezahlen; es kostet Straf’, wenn man schiesst.“

„Weiss wohl, ich bezahl’s gern.“

Reinhard stellte nun seinen Freund, den Bibliothekscollaborator Reihenmaier vor.

„Reihenmaier,“ sagte der Wadeleswirth, „so haben wir hier auch ein Geschlecht.“

Der Collaborator erwiderte lächelnd:

„Es können weitläufige Verwandte von mir sein, ich stamme auch von Bauern ab.“

„Wir stammen alle von Bauern ab,“ sagte der Wadeleswirth, ,,der Erzvater Adam ist seines Zeichens ein Bauer gewesen.“

„Wo ist denn Eure Eva, alter Adam?“ frug Reinhard.

„Sie kommt gleich mit dem Heuwagen, ich bin dieweil voraus. Lorle! Lorle! Wo bist?“

„Da,“ antwortete eine Stimme von unten.

„Mach hurtig die Scheuer auf, dass sie mit dem Wagen gleich ’rein können, es wird einen Regen geben, und komm hernach ’rauf.“

,,Die Grundel? Ich bin begierig die Grundel 3 wieder zu sehen,“ sagte Reinhard; der Wadeleswirth erwiderte schelmisch lächelnd und mit dem Finger drohend:

„Oha, Mannle! Das ist kein Grundel mehr, das kann sich sehen lassen, es ist ein lebfrisches Mädle; bigott aber Ihr könnet Euch nicht sehen lassen, man meint Ihr wäret ein alter Hauensteiner Salpeterer, Ihr habt ja einen ganzen Wald im Gesicht, Rothtannen und Blutbuchen, was kostet das Klafter? Saget einmal, lassen denn die Kesselflicker und Scheerenschleifer in den Kanzleien so einen Bart ungerupft und ungeschoren? Machen sie’s ihm nicht auch wie den Büchern und den Zeitungen —“

„Mann! Um Gottes willen, Mann!“ unterbrach ihn Reinhard, ,,kommt Ihr jetzt auch mit diesen Geschichten an? Hat man denn nirgends mehr Ruhe vor der verdammten Politik?“

„Ja gucket, das geht einmal nimmer anders; wir dummen Bauern sind jetzt halt auch einmal so dumm und fragen darnach, wo unsere Steuern hinkommen, für was unsere Buben so lang Soldaten sein müssen und —“

„Weiss schon, weiss schon Alles,“ betheuerte Reinhard.

Der Collaborator aber fasste die Hand des Wirths, klopfte ihm auf die Schulter und sagte:

„Ihr seid ein ganzer Mann, ein Bürger der Zukunft.“

Der Wadeleswirth schüttelte sich, hob beide Achseln, schaute den Collaborator mit gerunzelter Stirne an und sagte dann, indem er lächelnd nickte:

„Einen schönen Gruss und ich liess’ mich schön bedanken.“

Der Collaborator wusste nicht, was das bedeuten soll. Es gab aber nicht lange Bedenkzeit, man vernahm Peitschenknallen auf der Strasse, der Madeleswirth ging nach der „Laube,“ dem bedeckten Söller, der das Haus, mit Ausnahme der Gartenseite, umschloss; die beiden Fremden folgten.

„Fahr’ besser hist,“ rief der Wirth dem jungen Manne zu, der auf dem Sattelgaule vor dem Heuwagen sass; „noch schärfer hist, sonst kommst du nicht herein, du lernst’s dein Lebtag nicht; so, so, jetzt frischweg, fahr’ zu!“

Der Wagen war glücklich herein; freier athmend ging man wieder nach der Stube.

Der Collaborator fragte bescheiden:

„Warum lasset Ihr denn das Scheunenthor nicht weiter machen, da es doch so mühsam ist hereinzufahren?“

Der Wadeleswirth, der zum Fenster hinausgesehen hatte, kehrte sich um, dann schaute er wieder ins Freie und sprach hinaus:

„Das junge Volk braucht’s nicht besser zu haben als wir, es soll eben auch lernen, die Augen bei sich haben und geschickt sein und wissen was hinter ihm drein kommt. Ich bin mehr als dreissig Jahre da hereingefahren und bin nie stecken blieben.“ Jetzt wendete er sich nach der Stube und fuhr fort: ,,Was ist denn eigentlich Euer Geschäft, Herr Kohlebrater?“

„Ich bin Bücherverwalter.“

Nun kam die Frau, der Sohn, der Knecht und die Magd in die Stube. Alle bewillkommten Reinhard und die Frau bemerkte, auf den Bart deutend:

„Ihr seid recht verwildert in den zwei Jahren, wo wir Euch nicht gesehen haben.“

„Unser Tambourmajor,“ sagte Stephan der Sohn, „hat auch so einen gottsjämmerlichen Bart gehabt, er hat ihn aber alle Morgen schwarz gewichst.“

„Wenn ich jung wäre, mich dürftet Ihr mit dem Bart nicht küssen,“ sagte Bärbel, eine bejahrte, starkknochige Person, die als Magd im Hause diente; Martin, der Knecht, der hinter ihr stand, war ihr Sohn. Dieser hatte seine besondere Meinung, die er nun auch preisgab:

„Und ich sag’, der Bart passt ihm staatsmässig, er sieht aus wie der heilig’ Joseph in der Kirch’!“

„Und du wie der Mohrenprinz,“ endete der Wadeleswirth; „aber wo steckt denn das Lorle? Alte, hol’ mir einen Trunk aus dem Keller und gib mir ein Mümpfele 4 Käs und dann richtest du dem Herrn Reinhard sein altes Zimmer her und der andere fremde Herr kann auf dem Tanzboden schlafen.“

Der Wadeleswirth bekam nun doch endlich seinen Trunk; er ging lieber eine Stunde in brennendem Durst umher, ehe er die zwei Treppen hinab- und wieder hinaufstieg. Der Collaborator setzte sich zu ihm.

Reinhard machte einen Gang durch das Dorf; alle Kinder liefen ihm nach und einige muthvolle riefen sogar aus sicherm Versteck:

Rother Fuchs, dein Bart brennt an,

Schütt’ ein bisle Wasser dran.

Reinhard ging in das Haus wo der Bader wohnte, die Kinder warteten vor der Thür bis er wieder geschält herauskäme; als er aber mit vollem Bartschmucke wieder erschien, lachten und jubelten sie aufs Neue.

Im Hause des Baders wohnte noch Jemand, dem Reinhard einen Auftrag gegeben hatte, es war der Dorfschütz, der jetzt mit der Schelle herauskam. Er klingelte an allen Ecken und sprach dann laut und deutlich: ,,Der Maler Reinhard ist wieder angekommen mit einem grossmächtigen rothen Bart. Wer ihn sehen will, soll in die Linde kommen, allda ist der Schauplatz. Eintrittspreis ist, dass Jeder ein gross Maul machen und seine Zähne weisen muss, wenn er hat. Um halb neun Uhr geht die Fütterung an. Kinder sind frei.“

Ein unaufhörliches Gelächter zog durch das ganze Dorf, die Kinder folgten jubelnd und johlend dem Schütz auf dem Fusse, sie waren kaum so lang zum Schweigen zu bringen, dass man die Verkündigung hören konnte.

Als es bereits Nacht geworden und der Himmel mit schweren Regenwolken überzogen war, sass Reinhard auf der Steinbank unter der Linde vor dem Wirthshause; er lachte vor sich hin, der urplötzlichen Heiterkeit gedenkend, mit der er unversehens die Seelen aller Einwohner erfüllt hatte. Da hörte er ein verhaltenes Schluchzen in der Nähe, er stand auf und sah ein Mädchen, das nach der Scheune ging.

„Lorle?“ sagte er in Fragendem Tone.

„Grüss Gott,“ antwortete das Mädchen, die dargebotene Hand fassend, ohne aufzuschauen und ohne die Schürze vom Gesicht zu nehmen.

„Du hast . . . Ihr habt ja geweint; warum denn?“

„Ich, ich . . . hab’ nicht geweint,“ erwiderte das Mädchen und konnte vor schnellem Schluchzen kaum reden.

„Warum gunnet Ihr mir denn keinen Blick und sehet mich nicht an? hab’ ich Euch was Leids than?“

„Mir? mir, nein.“

,,Wem denn?“

,,Euch.“

,,Ja wie so?“

„Es gefällt mir nicht, dass Ihr Euch so zum G’spött vom ganzen Dorf machet, das ist nichts und uns habt Ihr doch auch zum Narren; das hätten wir nicht von Euch denkt.“

„Ihr seid recht gross und stark geworden, Lorle; kommet ’rein in die Stub’, dass ich Euch auch sehen kann.“

„Brauchet nicht jetzt noch mit mir Euern besondern Possen haben,“ endete das Mädchen, raffte sich schnell zusammen und sprang davon durch das Hofthor nach der Strasse.

Reinhard sass mit zusammengekniffenen Lippen vor sich niederschauend wieder auf der Bank. Was ihm vor einem Augenblicke noch wie ein übermüthiger aber harmloser Scherz vorgekommen war, das hatte jetzt eine ganz andere Gestalt. Von sich sah er bald ab und dachte: das Kind hat Recht, es ist ein Stück Aristokratie in diesem Scherze; wir wissen nicht wie viel von schmählichem Hochmuth in Jedem von uns steckt. Ich habe das ganze Dorf zu meinem Spass verwendet.

Der Collaborator kam jetzt auch herab und sagte:

,,Ein sonderbarer Mann unser Wirth! Ich bin doch schon durch alle Examina gesiebt worden, aber der hört gar nicht auf mit Fragen und dabei hat er so ’was Misstrauisches.“

,,Das ist’s nicht,“ sagte Reinhard, ,,die Bauern haben eine alte Regel: wenn man mit einem fremden Löffel essen will, soll man vorher dreimal hineinhauchen, verstehst du?“

„Ja wohl, das ist ein tiefsinniger Gedanke.“

,,Einen schönen Gruss und ich liess’ mich schön bedanken, Herr Kohlebrater,“ entgegnete Reinhard lachend.

Viele Männer und Burschen aus dem Dorfe sammelten sich, von Allen ward Reinhard herzlich bewillkommt; die heitere Weise, die sie herbeigelockt, erhielt eine entsprechende Fortsetzung. Man ging nach der Stube und Reinhard wusste den ganzen Abend allerhand schnurrige Geschichten von seinen Fahrten in Oberitalien und Tyrol zu erzählen, das Gelächter wollte kein Ende nehmen. Reinhard gab sich selbst mehr zum Besten als es eigentlich seine Art war; er wollte indess ein Uebriges thun, weil er sie Alle zum Besten gehabt hatte, wie er in gesteigerter Selbstanklage sich vorwarf. Nach und nach gerieth er aber aus innerer Lustigkeit auf allerlei tolle Seltsamkeiten, denn er konnte sich, namentlich in zahlreicher Gesellschaft, wahrhaft in eine Aufregung hineinarbeiten.

Reinhard war so voll Luftigkeit unter den Menschen gewesen und allein auf seinem Zimmer ward er verstimmt und düster; die Welt erschien ihm doch gar zu nüchtern, wenn er nicht selber sie etwas aufrüttelte.

Lorle war den ganzen Abend nicht in die Stube gekommen.

Tief in der Nacht „schlurkte“ noch Jemand in Klapp-Pantoffeln durch das ganze Haus und drückte an allen Thüren; es war der Wadeleswirth, der nie zu Bett ging, bevor er nicht Alles von oben bis, unten durchgemustert hatte.

Das war ein Sonntagsleben.

Am andern Morgen stand der Collaborator ganz früh vor dem Bette Reinhards und sang mit wohlgebildeter, kräftiger Stimme, die man ihm nicht zugemuthet hätte, das Lied aus Preciosa: ,,Die Sonn’ erwacht“ mit Webers thaufrischer Melodie. Reinhard schlug murrend um sich.

„Ein Mann wie du,“ sang der Collaborator recitando, ,,der das herrliche Bild Sonntagsfrühe abconterfeit, darf einen Morgen nicht verschlafen, wie der heut, bum, bum.“

Reinhard war still und der Collaborator fuhr sprechend fort: „Was fangen wir heut’ an? Es ist Sonntagmorgen, es hat heut’ Nacht geregnet, als ob wir’s bestellt hätten; Alles glitzert und flimmert draussen. Was treiben wir nun? Giebt’s keine Kirchweihe in der Nähe? Kein Volksfest?“

„Vrat’ dir ein Volksfest,“ entgegnete Reinhard, ,,trommle dir die Massen zusammen, die du brauchst, und sattle dein Gesicht mit einem Operngucker; wirf Geld unter die Kinder, dass sie sich raufen und übereinander purzeln, dann hast du ein Volksfest mit ipse fecit.“

„Du warst gestern Abend so lustig und bist heute so mürrisch.“

„Ich war nicht lustig und bin nicht mürrisch; ich bin nur ein Kerl, der eigentlich allein sein sollte und verdammterweise doch keinen Tag allein sein kann. Pass auf, wie ich’s meine. Es ist mir lieb, wenn du bei mir bist; ein Freund wie du, der’s so treu meint, ist wie wenn man Geld im Schrank hat; braucht man’s auch nicht, es unterstützt doch, weil man weiss, man kann’s holen, wenn Noth an Mann geht. Also bleib’ die noch übrigen Tage deiner Ferien da, aber lass mich auch ein bischen mir.“

„Ich begreife dich wohl. Hier empfängst du den Kuss der Muse und da darf kein fremdes, betrachtendes Auge dabei sein. Ich will dich gewiss ganz dir überlassen, stets zurücktreten, wo sich dir irgend ein Motiv zu einem Bilde bieten könnte; da darf man nicht mit Fingern hindeuten, nicht einmal profanen Auges hinschauen. Die Wurzel, die schaffende Triebkraft alles Lebens, ruht im Dunkel, wo kein Sonnenblick, wo kein Auge hindringt.“

,,Das, auch,“ sagte Reinhard, „und für dich selber merke dir: will nicht von jedem Augenblicke etwas, ein Resultat, einen Gedanken und dergleichen; lebe und du hast Alles. Wir stecken in der Gedankenhetzjagd, die uns gar nicht mehr in Ruhe das Leben geniessen lässt, du vor Allen, aber ich kann auch sagen wie jener Pfarrer in seiner Strafpredigt: Meine lieben Zuhörer, ich predige nicht nur für euch, ich predige auch für mich. — Lass und leben! leben! Der Hollunder blüht, er blüht und nicht blos damit ihr Euch einen Thee daraus abbrüht, wenn ihr euch erkältet habt.“

,,Entschuldige, wenn ich dir sage,“ bemerkte der Collaborator in zaghaft rücksichtsvollem Tone, ,,es steckt mehr Romantik in dir als du glaubst, das war ja auch die blaue Blume der Romantiker: ohne alle Reflexion zu sein, im Volgenuss des Nichtwissens.“

„Bin nicht ganz einverstanden, aber meinetwegen heiss’ es Romantik, wenn das Kind einen Namen haben muss.“

Reinhard stand halb angekleidet am Fenster und sog die Morgenluft in vollen Zügen ein; plötzlich prallte er zurück, der Collaborator sprang schnell an das leere Fenster und sah hinaus. Das Wirthstöchterlein ging über den Hof, luftig gekleidet, ohne Jacke und barfuss. Eine Schaar junger Enten umdrängte sie schnatternd.

„Ihr Fresserle,“ schalt sie und verzog Damit trotzig den Mund, ,,könnet’s nicht verwarten, bis eure Kröpfle vollgestopft sind? Euch solltʼ man alle Viertelstund’ anrichten, nicht wahr? Nur stet, ich hol’s ja, nur Geduld, ihr müsset halt auch Geduld lernen; aus dem Weg! ich tret’ euch ja.“

Die jungen Entchen hielten an, als ob sie die Worte verständen, das Mädchen ging nach der Scheune und kam mit Gerste in der Schürze wieder. „Da,“ sagte sie, eine Handvoll ausstreuend, „g’segn’ euch’s Gott! Gunnet’s euch doch, ihr Neidteufel und purzelt nicht über einander weg, scht!“ scheuchte sie und warf eine Handvoll Gerste weiter abseits, „ihr Hühner, bleibt da drüben.“ Der Hahn stand auf der Leiter an der Scheune und krähte in die Welt hinein. „Kannst’s, noch, accurat wie gestern,“ sagte das Mädchen sich verbeugend, „komm’ jetzt nur ’runter; bist halt grad wie die Mannsleut’, die lassen immer auf sich warten, wenn das Essen auf dem Tisch steht.“

Der Hahn kam auch herabgeflogen und liess sich’s wohl schmecken, plauderte aber viel dabei; wahrscheinlich hatte er eben etwas Geistreiches oder Possiges gesagt, denn eine gelbe Henne, die gerade ein Korn aufgepickt hatte, schüttelte den Kopf und verlor das Korn. Der Galante sprang behende herzu, holte das Verlorene und brachte es mit einem Kratzfusse, einige verbindliche Worte murmelnd.

„Guten Morgen, Jungferle,“ rief jetzt der Collaborator in den Hof hinab; das Mädchen antwortete nicht, sondern sprang wie ein Wiesel davon und ins Haus; die jungen Enten und die Hühner schauten bedeutsam nach dem Fenster hinauf, sie mochten wol ahnen, dass von dorther die Störung gekommen war, die ihnen die fernere Nahrung entzog.

„Das ist ein Mädchen! ach, das ist ein Mädchen!“ rief der Colaborator in die Stube gewendet und ballte beide Fäuste zum Himmel; er durchmass hierauf zweimal ohne zu reden die Stube, stellte sich dann vor Reinhard und begann wieder:

,,Da hast du’s, ich kann weiter nichts sagen als: das ist ein Mädchen. Kein Epitheton genügt mir, keines. Hier haben wir ein Gesetz der Volkspoesie, sie gibt den vollsten Ausdruck, macht die tiefste Wirkung oft blos durch das einfache Substantiv, ohne Epitheton; meiner Sprache steht jetzt in solcher Entzückung nicht mehr zu Gebote, als der eines Bauernburschen.“

„Was hältst du davon, wenn wir uns mit dem Epitheton „göttlich“ begnügten?“

„Spotte jetzt nicht, das Mädchen musst du malen, wie es dastand, eins mit der Natur, zu ihr redend und von ihr begriffen, die vollendete Harmonie.“

„Es wäre allerdings etwas nie Dagwesenes: ein Mädchen im Hühnerhofe.“

„Nun, wenn auch nicht so, das Mädchen musst du malen, hier ist dir ein süsses Naturgeheimniss nahegestellt, du“ —

„Ins Teufels Namen, so schweig doch still, wenn es ein Geheimniss ist. Du schwatzest schon am frühen Morgen, dass man nicht mehr weiss, wo Einem der Kopf steht.“

Die beiden Freunde sassen eine Weile lautlos bei einander; endlich sagte der Collaborator aufstehend:

,,Du hast Recht, der Morgen ist wie die stille Jugendzeit, da muss man den Menschen allein lassen, für sich, bis er nach und nach aus sich erwacht; man soll ihn nicht aufrütteln. Ich gehe in den Wald, du gehst doch nicht mit?“

„Nein.“

Der Collaborator ging und Reinhard sass lange still, das viele Reden und Rütteln des Collaborators hinterliess ihm die Empfindung, als ob er von einer geräuschvollen Reise käme; die ruhige Spiegelglätte des Morgenlebens war ihm zu hastigen Wellen aufgehetzt. Reinhard war verstimmt und nervengereizt, er legte sich nochmals auf das Bett und verfiel in leisen Schlummer. Die Glocken des Kirchthurms weckten ihn, es läutete zum Erstenmal zur Kirche. Reinhard ging hinab in die Küche; die Bärbel, seine alte Gönnerin, die sonst so freundlich mit ihm geplaudert hatte, war unwirsch, sie sagte, er solle nur in die Stube gehen, sie hielte ihm schon seit drei Stunden den Kaffee bereit und man könne ja das Feuer nicht ausgehen lassen von seinetwegen. Reinhard war eben im Begriffe ihr eine barsche Antwort zu gehen, er hatte es genug, sich über den gestrigen Scherz hart behandeln zu lassen, da hörte er die Stimme Lorle’s von der Laube:

„Bärbel, komm ause, guck ob’s so recht ist.“

„Komm’ du ’rein, ist grad so weit; mach nur fort, es wird schon recht sein.“

Ohne eine Antwort gegeben zu haben, verliess Reinhard die Küche, er ging aber nicht in die Stube, sondern fast unhörbar nach der Laube. Ungesehen von dem Mädchen konnte er dasselbe eine Weile beobachten; er stand betroffen beim ersten Anblick. Das war ein Antlitz voll seligen, ungetrübten Friedens, eine süsse Ruhe war auf den runden Wangen ausgebreitet; diese Züge hatte noch nie eine Leidenschaft durchtobt oder ein wilder Schmerz, ein Reuegefühl verzerrt, dieser feine Mund konnte nichts Heftiges, nichts Niedriges aussprechen, eine fast gleichmässige zarte Röthe durchhauchte Wange, Stirn und Kinn, und wie das Mädchen jetzt mit niedergeschlagenen Augen das Bügeleisen still auf der Halskrause hielt, war’s wie der Anblick eines schlafenden Kindes; als es jetzt die Krause emporhob, die grossen blauen Augen aufschlug und den Mund spitzte, trat Reinhard unwillkürlich mit Geräusch einen Schritt vor.

„Guten Morgen, oder bald Mittag,“ nickte ihm Lorle zu.

„Schön Dank, seid Ihr wieder gut?“

„Ich bin nicht bös gewesen, ich wüsst’ nicht warum. Habt Ihr gut geschlafen?“

„Nicht so völlig.“

„Warum? Habt Ihr was träumt? Ihr wisset ja, was man in der ersten Nacht in einem fremden Bett träumt, das trifft ein.“

,,Aber mein Traum nicht.“

„Nun, was ist’s denn gewesen? Dürfet Ihr’s nicht sagen?“