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Einfach losziehen ohne groß über mögliche Konsequenzen nachzudenken, da träumen viele von, doch damit der dafür nötige Mut ins Leben treten kann, bedarf es meist erst mal einer langwierigen Krise, die dafür sorgt, dass ein Aufschub zu unerträglicher Stimmungslage führt. Und so zieht man los und entdeckt schließlich, dass auch das gewöhnliche Leben mit den einfachen Dingen voller Glanz und Ideenreichtum steckt, wenn man es nur ein we-nig mit anderen Augen betrachtet. Der Jakobsweg, auch Camino genannt, lehrt einen, wieder zu staunen, verrückt und neugierig zu sein, und zwar da, wo man gerade ist. Dieser Weg endet nicht mit der Rückkehr in heimische Gefilde, er hört nie auf. Und er lädt stetig ein, auf ihm zu wandeln, immer wieder. Wer hätte das gedacht, dass die Reise auf dem Jakobsweg zu so einer Einsicht führen würde?
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Dich
Einfach losziehen ohne groß über mögliche Konsequenzen nachzudenken, da träumen viele von, doch damit der dafür nötige Mut ins Leben treten kann, bedarf es meist erst mal einer langwierigen Krise, die dafür sorgt, dass ein Aufschub zu unerträglicher Stimmungslage führt.
Und so zieht man los und entdeckt schließlich, dass auch das gewöhnliche Leben mit den einfachen Dingen voller Glanz und Ideenreichtum steckt, wenn man es nur ein wenig mit anderen Augen betrachtet.
Der Jakobsweg, auch Camino genannt, lehrt einen, wieder zu staunen, verrückt und neugierig und dankbar zu sein, und zwar da, wo man gerade ist. Dieser Weg endet nicht mit der Rückkehr in heimische Gefilde, er hört nie auf. Und er lädt stetig ein, auf ihm zu wandeln, immer wieder.
Wer hätte das gedacht, dass die Reise auf dem Jakobsweg zu so einer Einsicht führen würde?
Es gibt ja sehr viele Bücher, und laufend neue, nun auch noch dieses? Die Antwort ist ganz einfach: Es hat sich auf so seltsame Weise aufgedrängt, und es ist über viele Jahre hinweg mit einer solchen Leidenschaft geschrieben worden, sodass jeder Widerstand von vornherein zwecklos war. Es wollte hinaus in die Welt und dort erscheinen.
Weitere Info zu Autor und Buch im
Lektorat und Umschlaggestaltung: PSP, Köln
Rückblick
Bloß weg hier!
Am Anfang
Die kleinen Wunder beginnen
Menschen finden mich
Gemeinsam auf dem Weg nach Pamplona
Die erste Einsamkeit
Impressionen
Geburtstag der besonderen Art
Gott?
Logrono
Warum die ganze Aktion?
Das Leben neu verstehen
Einigkeit
Granon
Zweifel ausräumen
Gegensätze bestimmen das Leben
Ernüchternde Stunden in Burgos
Tag der Genesung
Begegnung der besonderen Art
Die Herrlichkeit sehen
Vergleichen führt zu nichts
Stimmungswechsel
Dazugehören
Nur ein Traum
Schönheit des Erlebens
Der Tag nach Leon
Gruppenzwang
Mangelerscheinung
Idylle
Der eigene Weg
Prüfung in Ponferrada
Begegnung am Fluss
Ein Abend mit Gesang
Gefangen im Glück
Dem Leben vertrauen
Vom Nichtstun
Anders als erhofft
Lachen
Nur noch 100 Kilometer
Emotion und Urteil
Ansichtssache
Überforderung
Santiago
Die Ruhe fällt schwer
Was versprochen, wird nicht gebrochen
Am Ende der Welt
Freundschaft
Rückzug
Die treibende Kraft
Epilog
Abspann
Ich schreite dahin
auf der Suche nach Sinn,
doch die Freiheit mag es sinnlos.
Ich streb nach Gewinn,
lehn ab, wer ich bin
und fall bei jedem Windstoß
hinein in die Zeit
und möchte gern weit
hinaus, um glücklich zu sein.
Doch all mein Leid,
nun bin ich gescheit,
vergeht von ganz allein,
wenn ich im Reich Gottes lebe,
das heißt den Überfluss sehe,
es ist schon da, wonach ich strebe,
wo immer ich auch gehe.
Während seiner Pilgerreise auf dem navarrischen Jakobsweg geschah es einem Wanderer, dass er Bekanntschaft mit einer inneren Erlebniswelt machte, die da in diesen Tagen überraschend aus ihm hervorzutreten begann. Und sie leitete ihn zu der Einsicht, dass er nicht in dieser Welt lebt, um sich mit aller Gewalt als vollkommenes Wesen zu präsentieren, ganz abgesehen von den unterschiedlichen Meinungen darüber, was denn darunter zu verstehen sei. Ganz im Gegenteil leuchtete ihm auf seiner Pilgerreise mehr und mehr ein, dass dieses vollkommene Wesen schon in ihm wohnte, immer schon dort war, ja, dass er vielmehr tief in seinem Inneren beschlossen hatte, die Erfahrung zu machen, es nicht zu sein, um sich irgendwann wieder seines wahren Wesens - mitsamt der Erinnerung an diese, seine Abenteuerreise, die man Leben nennt - gewahr zu werden. Und das Leben kam ihm vor wie ein Spiegel, durch den es seiner wahren Natur - die ihm und allen Menschen innewohnt – möglich ist, ihre Wesenheit überhaupt zu erkennen.
So entstand diese Schrift, um ein Zeugnis abzulegen von den Eindrücken und subtilen Begebenheiten, die sich auf seiner Wanderung zugetragen haben.
Und wie es nun einmal so ist, wenn der Mensch sein Herz ausschüttet, erzählt das Geschriebene von der Sehnsucht nach solchen Dingen wie Glück, Frieden und Freiheit, kurzum nach einem leichteren Leben; aber wo eine solche Sehnsucht zu spüren ist, da muss sie auch ihre Gründe haben, da können Ängste, Verzweiflung und Unsicherheit nicht fern sein, da muss es Wut, Traurigkeit und Resignation geben, Ausweg- und Hilflosigkeit, und natürlich die Hoffnung auf Besserung, die immer wieder enttäuscht wird und von neuem auflebt.
„Ich muss hier raus!"
Wer kennt nicht dieses Gefühl, dass einem alles zuviel wird, dass sich die Gedanken verselbständigt haben und wild im Kopf herumschwirren, dass die Gefühle nur noch von Begierden geleitet werden, die einem ihren eigenen Willen aufzwingen. Und man möchte wieder Herr der Lage werden, doch sieht sich mit einer Ratlosigkeit konfrontiert, die einen in tiefste Verzweiflung stürzt.
So weit muss es nicht kommen, um von so einer eigentlich außergewöhnlichen Idee ergriffen zu werden, in heutiger Zeit zu Fuß eine 800 km lange Pilgerreise auf dem spanischen Jakobsweg zu bewältigen. Aber so außergewöhnlich ist sie nicht mehr, seitdem der Jakobsweg salonfähig geworden ist, weil es einem erfolgreichen und ganz und gar nicht auf den Mund gefallenen Entertainer auf witzige Weise gelungen ist, darüber einen Bestseller zu veröffentlichen. Zu meiner Zeit im Jahre 2003 konnte ich davon noch nichts ahnen und musste mich so einige Male mit der Frage auseinandersetzen, ob ich verrückt geworden sei.
Ja, was mich seinerzeit auf den Weg gebracht hat, war schon ein Stück Verzweiflung, und die Pilgerung war sozusagen eine Art Befreiungsschlag. Damals habe ich mich noch über jeden gefreut, der ebenso von der Idee angetan war. Heute ist mir allerdings nicht mehr danach, Werbung für den Jakobsweg zu betreiben, denn sein Ruf boomt so sehr, dass man mit Blindheit geschlagen sein muss, um nicht zu erkennen, dass er mittlerweile schlichtweg überbevölkert ist. Alternativen gibt es derzeit allerdings keine vergleichbaren, denn nirgendwo auf der Welt ist eine derartige Infrastruktur mit günstigen Übernachtungsmöglichkeiten zu finden, kein anderer Weg ist so hervorragend ausgeschildert, nirgendwo gibt es eine solche Akzeptanz. Und wo der Jakobsweg übervölkert ist, da sind andere Wege für solche, die den Kontakt und Austausch mit anderen genießen möchten, eher unterbevölkert.
Andererseits muss es auch kein Pilgerweg sein, es gibt viele Möglichkeiten, einfach mal 13 gerade sein zu lassen und eine Zeit lang voll und ganz seinem Herzen zu folgen und nicht den Angst einflößenden Ansichten der Massen von Menschen, die sich davor fürchten, die Sicherheit könne auf dem Spiel stehen, wenn man mal ausbricht.
Dabei trägt jeder Mensch eine Sehnsucht in sich, sich aus den Klauen lebenseinschläfernder Sicherheitsbarrieren zu befreien. Meistens werden aber andere Mittel bevorzugt, um die Sehnsucht ruhig zu stellen. Angebote gibt es zuhauf, die innere Unzufriedenheit mit ausgleichenden Genussmitteln zu kompensieren. Nur: Was geschieht, wenn sich diese Genussmittel immer wieder nur als kurzweilige Befriedigungsmethoden entpuppen, und jedes erreichte Ziel als Seifenblase enttarnt wird, die mit der Zielerreichung zerplatzt?
Dann wird eine rebellische Stimme lauter und lauter, die dazu aufruft, alles umzuwerfen und ihr zu folgen. Nicht selten wird ihr Erscheinen als ein Aufruf zum Kampf interpretiert, dabei verkündet sie im Grunde eine einfache altbekannte Erkenntnis, die ein jeder kennt: Der Weg ist das Ziel!
Kaum jemand, der sich auf eine Pilgerwanderung gen Santiago de Compostela - der Endstation auf dem Jakobsweg - einlässt, wird im Nachhinein betrachtet wohl etwas anderes behaupten, ganz einfach, weil das Ziel gegen all die anderen Eindrücke auf dem Weg verblasst.
Der Jakobsweg, auch gerne einfach Camino, also der Weg, genannt, führt durch den Norden Spaniens – vorbei an geschichtsträchtigen Schauplätzen durch ein Gebiet ehrwürdiger Erinnerungen. Er befand sich als Pilgerweg in der Zeit vom 10.–15. Jahrhundert in seiner Blütezeit und erfreut sich seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wieder zunehmender Beliebtheit, so sehr, dass heute - um es einmal scherzhaft zu betrachten - damit gerechnet werden muss, dass bald ein Wegegeld erhoben wird, wenn man ihn denn wandern will.
Beginnend an der spanisch-französischen Grenze in dem Ort St.Jean-Pied-de-Port (oder alternativ am Somportpass in den Pyrenäen) verläuft er bis zur feudalen Kathedrale im bereits genannten Ort Santiago de Compostela, der Hauptstadt Galiciens (das ist die westlichste Region Spaniens, wobei Santiago etwa 100 km vom Kap Finisterre, dem westlichsten Gebiet auf dem Festland Europas, entfernt gelegen ist). Aber was ich hier erzähle, um den Leser zu informieren, ist wohl heute fast so bekannt wie die Tatsache, dass Rom in Italien liegt.
Dennoch: Wen es interessiert, der oder die höre meine Geschichte von dem, was mir in den Tagen widerfahren ist, als ich dort wanderte.
Ich weiß nicht, warum das Geschriebene durch mich verfasst werden musste, und es ist wohl auch belanglos, darüber zu spekulieren. Es hat sich halt so ergeben und nun ist es da. Was auch immer da gewirkt hat, dem sei Dank.
Es bleibt noch anzumerken, dass ein „er" im Fall, dass nicht von einer bestimmten Person die Rede ist, „der Mensch" oder „der Pilger" bedeutet. Lieber hätte ich ein „sie" verwendet, aber das klingt zu ungewöhnlich. Und des weiteren:
In dieser Schrift geht es nicht darum, irgendjemanden überzeugen zu wollen, eher darum, anzuregen. Und all die Gedankengänge erheben keinen Anspruch auf Wahrheit. Wer weiß schon, ob am Ende nur der Schein wahr ist? Und wenn schon, was ändert das? Wahr ist zumindest, dass solcherlei Gedanken und Gefühle erlebt wurden. Wahr ist, dass im Leben viel an Unsinn gedacht und geredet wird und wahr ist, dass so etwas menschlich ist. Wahr ist auch, dass vieles, was der Mensch so denkt, ihm nicht gut tut. Doch gar nicht wohl tut es ihm, wenn er sich dafür Vorwürfe macht, was da so in ihm gedacht wurde. Und so geht es hier in dieser Schrift zuallererst darum, etwas zu erzählen, wobei Geschichten eben nicht wahr sein müssen. Auch nicht die vorgetragenen Ansichten in diesen Geschichten.
Und dennoch mündet vieles in dieser Schrift immer wieder in eine kleine Erkenntnis, die sich tief im Herzen als richtig erwiesen hat. Ob sie das tatsächlich ist, lässt sich nicht beweisen, aber richtig ist sicherlich, dass etwas, das für den einen richtig ist, nicht auch für den anderen gelten muss.
Sei's drum, viel Vergnügen beim Lesen!
Da schien einmal jemand zu sein, nennen wir ihn "ich",
dem folgendes widerfahren ist.....
es mag nach etwas Besonderem klingen,
aber im Grunde passiert es jedem unaufhörlich.
Das Besondere ist, dass es so selten wahrgenommen wird....
... dieses ist genauso deine Geschichte wie meine ...
Der Abschied von meiner Frau schmeckt bitter, 40 Tage werde ich sie nicht sehen. Ich sehe die Traurigkeit in ihren Augen, sie rührt mich an. Doch gibt es eine Umkehr, nun, wo die Entscheidung gefallen ist? Wer würde das wirklich wollen? Niemand, auch meine Frau nicht!
Ich richte die Gedanken nach vorn und mache mir die Beweggründe meiner Entscheidung klar. Ich muss diesen Weg gehen, also will ich ihn auch mit Freude gehen. Ich habe meinen Job gekündigt, alle Besorgungen erledigt, Freunde unterrichtet – es gibt kein zurück!
Schon jetzt, bevor ich einen Fuß auf den Jakobsweg gesetzt habe, ahne ich, worum es bei der ganzen Aktion eigentlich gehen wird. Ja, das zentrale Thema kann nur die Liebe sein. Was auch sonst! Die Liebe steckt doch immer hinter allem. Nur sie vermag es, selbst die stärksten Stürme des Lebens zu ertragen.
Da ist eine Sehnsucht in mir, die wahren Hintergründe zu erfahren, was hier eigentlich los ist und warum ich immer diese Unsicherheit spüre. Ja, warum ist da diese oft schmerzliche Diskrepanz zwischen meinem Verlangen nach Leichtigkeit und der Realität, die ich erfahre? Wird meine Pilgerung mir Antworten geben?
Wenn ich diese Hürde der Ungewissheit doch nur ein wenig zu überwinden wüsste, wenn ich mein Glück doch nicht immer wieder aus den Augen verlieren würde!
Wenn! Wenn! Warum! Warum! Ist es nicht dieses Wenn und dieses Warum, was mich davon abhält?
Frei sein, einmal frei sein von all solchen Gedanken, wie's weiter geht und ob genug Geld reinkommt und ob genug erlebt wird! Danach ist mir! Deshalb gehe ich wohl den Weg! Oh, mein Verstand ist zu klein, um zu durchschauen, wohin es mich zieht. Ja, es zieht mich! Nein, es treibt mich! Mein Herz treibt mich, die Liebe, die sich aus ihren Fesseln befreien will!
Eines spüre ich genau: Jedes Erlebnis in unserer fortschrittlichen Welt versinkt im Unscheinbaren gegen das Ereignis mit Namen Liebe. Und es ist unmöglich, dass sie nicht da ist. Aber es ist sehr wohl möglich, dass es sich so anfühlt, als wäre sie nicht da. Wie sollte auch die Liebe jemals ins Bewusstsein treten können, wenn die Welt niemals in Scherben liegen darf?
Der erste Tag meiner Wanderung auf dem Jakobsweg liegt hinter mir. Er verlief ermutigend, auch wenn ich gleich zu Beginn der Reise meinen Körper aufgrund der langen, bergigen Etappe über die Pyrenäen bis an seine Grenzen belasten musste. Umso mehr bin ich erfüllt von tiefer Dankbarkeit über das Erlebnis dieses Tages.
Die klösterliche Herberge in Roncesvalles mit ihrem großen Schlafsaal erscheint mir trotz ihrer Einfachheit wie ein feudales Nachtquartier. Menschen werden dort schnarchen, es wird keine morgendliche Ruhe geben, es wird Andrang in den Waschräumen herrschen, aber ich bin nur glücklich, mich niederlegen zu können und zu rasten mit einem von Freude erfüllten Herz.
Zuerst war es das Wetter, welches der Landschaft einen bezaubernden Ausdruck verlieh mit seinem Sonnenschein und der klaren von einem nächtlichen Gewitter bereinigten Luft. St.Jean-Pied-de-Port mit seinen altertümlichen Gebäuden wirkte auf mich wie eine Märchenstadt. Ich traf dort zwei österreichische Pilger, die ihre Reise auf dem Jakobsweg gerade beendet hatten, und sie sprachen mir Mut zu, doch es bedurfte keiner großen Worte, denn ihre strahlenden Gesichter verliehen dem, was sie erzählten, weit größeren Ausdruck. Ihre Begeisterung erschien mir grenzenlos, zweifellos spürten sie eine Bereicherung vom langen Weg in sich. Sie sprachen von einer randvoll gefüllten Kornkammer. Auch erzählten sie mir von einer Pilgerin, die sie soeben getroffen hätten und die sehr empfänglich für aufmunternde Worte gewesen wäre, um ihre plötzlich auftretenden Ängste vor Beginn der Wanderung zu überwinden. Sie fragten mich nach meinem Wohnort, und als ich diesen nannte, war die Überraschung perfekt, denn ich erfuhr, dass die besagte Pilgerin ebenso dort heimisch ist.
„Oh, das fängt ja gut an!" konnte ich da nur antworten.
Wie ich so dahinwanderte, die Pyrenäen empor, da vergaß ich bei dem steilen Anstieg jede Mühe und verliebte mich sogleich in den Zauber der Natur. Die grünen Wiesen, die herrlichen Ausblicke, die Raubvögel am Himmel, die mächtigen Berge – meine Seele, sie frohlockte. Und so erreichte ich schnell den Ort, wo ich mir vorgenommen hatte, die Nacht zu verbringen, um mich nicht schon am ersten Tag zu übernehmen. Doch es war erst Mittagszeit. Was sollte ich tun?
Ich setzte mich schon reichlich nass geschwitzt von dem extremen Anstieg auf einen Stein und wartete, während ich eine kleine Mahlzeit zu mir nahm. Da kam eine größere Wandergruppe mit fröhlichen, lebenslustigen Menschen den Berg hinauf.
„Hallo! Ich höre, Sie sprechen Deutsch! Wo kommen Sie her?" fragte ich.
„Aus Österreich, genauer gesagt, aus Kärnten", war die Antwort einer freundlichen Frau.
„Da haben wir ja heute Glück mit dem Wetter!" rief ich freudestrahlend.
„Ja, allerdings. Wo wandern Sie denn hin mit ihrem großen Rucksack, wollen sie nach Santiago pilgern?" fragte die Frau.
Nun erst fiel mir auf, dass alle Leute dieser Gruppe nur kleinere Rucksäcke trugen.
„Ja, das habe ich vor", entgegnete ich. „Und wohin gedenken Sie zu wandern?"
„Wir gehen nach Roncesvalles, wo ein Bus auf uns wartet, mit dem wir dann weiterfahren. Wir haben eine Reise von Kärnten nach Santiago gebucht und diese schließt auch einige Wanderungen mit ein, so wie diese am heutigen Tag."
„Bis nach Roncesvalles ist es ja noch ein ganzes Stück!" ließ ich meiner Skepsis freien Lauf, ob denn die Wegstrecke noch an diesem Tag zu bewältigen sei.
„Ach, das schaffen wir schon!" meinte die nette Frau und zog mit ihrer Gruppe weiter.
Ihre Zuversicht gab mir Auftrieb. Also beschloss ich, mich ebenfalls wieder auf den Weg zu machen. Und so begab es sich, dass wir gemeinsam weiter wanderten. Da blieb die Frau an einem Brombeerstrauch stehen, der übervoll mit Früchten behangen war.
„Die sind sehr gesund und schmecken vorzüglich", meinte sie und ich tat es ihr gleich und pflückte mir eine Handvoll für den weiteren Weg. Ich musste an meine Frau denken, die Brombeeren so gerne mag und sogar bereit ist, dafür einen stolzen Preis in einem Feinkostladen zu zahlen.
„Aus welcher Stadt stammen sie denn?" wurde ich gefragt.
„Aus Köln!" antwortete ich. Das hörte jemand, der zu lächeln begann und meinte, er hätte soeben eine junge 19-jährige Frau getroffen, die ebenfalls aus Köln käme und sich nur kurz hinter uns befände. Es war also wahr, was mir die österreichischen Pilger erzählt hatten! Sollte es nun vorbei sein mit der ersehnten Stille, die ich mir auf dem Jakobsweg ausgemalt hatte? Ach, will ich diese Stille überhaupt wirklich? Auf jeden Fall musste ich staunen über diese seltsame Begebenheit. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert? Kann so etwas Zufall sein, wer oder was zieht hier die Fäden? Ich musste schmunzeln!
Je höher wir die Asphaltpiste hinauf wanderten, desto mehr kam ein Nebel auf. Vielleicht lag es an diesem, vielleicht auch an der netten Gesellschaft, jedenfalls war mein Verlangen, allein zu wandern, bald völlig dahingeschmolzen. An einem Brunnen legten wir eine Rast ein und genossen durch den noch lichten Nebel die Aussicht in die weiten Täler der Gebirgslandschaft. Die anderen Teilnehmer der österreichischen Wandergruppe konnten auf diese Weise zu uns aufschließen und mit ihnen auch eine junge, hübsche Frau. Mit einem leidvoll lächelnden Gesichtsausdruck stand sie plötzlich vor mir.
„Ach, hallo, du bist bestimmt diejenige, von der man mir berichtet hat, dass sie auch aus Köln kommt?" fragte ich sie etwas umständlich.
„Ja, das bin ich!" antwortete sie zurückhaltend.
„Schön, dich zu treffen!" Ich nannte ihr meinen Namen und hörte von ihr, dass sie Jasmin heiße. Sie wirkte ein wenig verzweifelt, lustlos und resigniert aufgrund der großen Anstrengung gleich auf der ersten Etappe. Wir waren nicht gerade redselig und verloren uns nach der Pause bald wieder aus den Augen, da ich schnelleren Schrittes unterwegs war. Ich verspürte eine enorme Energie in mir und fand Gefallen daran, trotz des schweren Rucksacks mit den ersten Wanderern mitzuhalten. Die nebelige Landschaft verwandelte sich zunehmend in einen mystischen Raum, in dem wir auf verwitterte Bäume mit skurrilen Formen trafen, Schafherden unseren Weg kreuzten und schroffe Felsen die Schönheit der uns umgebenden Natur erahnen ließen. Immer weiter ging es bergan bis uns schließlich ein Schild signalisierte, dass wir spanischen Boden betreten würden. Ich fragte mich, wie es wohl Jasmin ginge und ob ihre Kraft reichen würde, die Strapaze des scheinbar endlosen Aufstiegs zu durchstehen. Seltsam, dass ich geneigt war, mir Sorgen um eine Frau zu machen, die ich soeben erst kennen gelernt hatte.
Wir befanden uns auf dem Gipfel des Passes unmittelbar vor dem Abstieg. Meine Schultern schmerzten nun mehr und mehr. Gerade der Weg hinab erwies sich jedoch als besonders kraftraubend, da ich bedingt durch den Rucksack ein hohes Gewicht abbremsen musste. Schließlich führte uns der Weg durch einen traumhaften Wald, in dem ich mich, ohne dass ich es mir recht erklären konnte, irgendwie geborgen fühlte. Die Luft war neblig feucht, die Atmosphäre wirkte unheimlich und doch einladend. Und so erreichten wir die ersten Gebäude der klösterlichen Einrichtungen von Roncesvalles.
Anstatt mich jedoch gleich in die Herberge zu begeben, setzte ich mich andächtig auf eine Mauer. Ich wollte diesen besonderen Moment der Ankunft auskosten. Eine wohltuende Leere spürte ich in mir, als ich mich dort mit Plätzchen und Brot stärkte, ermattet, aber nicht kraftlos. Die schönen Bilder des Tages tauchten noch einmal vor mir auf und ich wurde von einer unbeschreiblichen Dankbarkeit erfasst, hier jetzt an diesem Ort zu verweilen.
Später - ich hatte gerade ausgiebig geduscht und es war mir wie ein außergewöhnliches Erlebnis vorgekommen - traf ich Jasmin wieder. Ich war heilfroh, sie müde lächelnd auf einem Bett sitzen zu sehen. Sie berichtete, dass es ihr nur deshalb möglich gewesen sei, das letzte Stück der Etappe zu bewältigen, weil einige der österreichischen Wanderer, mit denen wir heute gemeinsam unterwegs waren, zum Schluss ihren Rucksack getragen hätten. Und schon erwachte diese Dankbarkeit erneut in mir! Ja, meine heutigen Wegbegleiter erschienen noch einmal vor meinem geistigen Auge, es war kaum zu fassen, wie alles zusammen passte. Mit Obst, Traubenzucker und Schokolade wurde ich von ihnen beschenkt, vielmehr noch von ihrem Lächeln; unterhaltsame Gespräche hat es gegeben und gemeinsam haben wir gestaunt über all die herrlichen Landschaftsbilder, die uns begegnet sind. Und hinter allem habe ich immer wieder eines vernommen: Das, was allem zu Grunde liegt. Liebe, ja, was denn sonst? Sie ist unbeirrbar, nicht klein zu kriegen! Wie auch, wo sie doch in allem steckt? Keine Emotion ohne Liebe! Auch Angst hat man nur aus Liebe, und hassen kann man nur, weil man etwas liebt, und wütend oder traurig wird man, weil sie zu fehlen scheint. Doch das traf in meinem Fall heute ganz und gar nicht zu. Und so begab ich mich müde und mit schmerzendem Körper, aber glücklich, auf mein Nachtlager.
Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass mir die 23 Kilometer lange Etappe zur nächsten Pilgerherberge so leicht fiele. Ganz beschwingt konnte ich jeden Schmerz wegstecken, ihn einfach vergessen.
Sehr angenehme Temperaturen haben uns heute begleitet. Uns, weil ich zusammen mit Jasmin gewandert bin, die noch viel mehr überrascht ist, dass es ihr möglich war, diese lange Etappe so gemächlich hinter sich zu bringen. Sie hatte schon geplant, mit dem Bus zu fahren, doch unsere unvorhergesehene Zusammenkunft mit der einhergehenden Neugierde hat es wohl vollbracht, die Blessuren, die Wegeslänge und die Zeit völlig zu ignorieren.
Viele kleine Pausen haben wir uns gegönnt, in denen uns solche Kleinigkeiten wie ein Keks, ein wenig Honig, Marmelade oder Käse zu wahren Köstlichkeiten heranwuchsen. Nicht vieles braucht der Mensch, wenn er sich einfach ins Leben fallen lassen kann. Allein die großartige Natur, die uns Anlass zum Staunen gab, war mehr als der Mensch zu seinem Glück benötigt.
Als wir am Morgen eine Ortschaft erreichten und um eine Ecke bogen, da standen wir unvermittelt vor einer Bar (so werden in Spanien die Kaffee- und Wirtshäuser genannt). Sie wirkte so einladend mit den vielen Pilgergästen, die sich dort befanden, dass sie unsere Vorstellung von einem gemütlichen Ort zum Frühstücken bei weitem übertraf.
„Der Milchkaffee sieht aber gut aus!" rief Jasmin, als wir an der Theke standen, um zu bestellen.
„Eigentlich wollte ich ja keinen Kaffee mehr trinken", entgegnete ich, „aber heute mache ich mal eine Ausnahme!"
„Oh, ich wollte dich jetzt nicht überreden", sagte sie daraufhin und es klang, als würde es ihr ein schlechtes Gewissen bereiten, dass ich beim Anblick des Kaffees schwach geworden war.
„Da mach' dir mal keine Gedanken, es ist ja meine Entscheidung, auch, mich überreden zu lassen!" beruhigte ich sie. „War auch wohl eine saublöde Idee, mir etwas so Wohlriechendes zu versagen!"
Beim Frühstück erzählte sie mir, dass sie an einem wichtigen Punkt in ihrem Leben angekommen sei. „Ich muss mich gerade umstellen, nun, da ich das Abitur geschafft habe. Im Anschluss an das, was wir hier gerade machen, habe ich vor, Kunst zu studieren."
„Klingt interessant! Kunst ist irgendwie cool!"
„Na ja", fuhr sie fort, „ich muss wohl erst noch so 'ne Aufnahmeprüfung bestehen, bevor es sicher ist, dass ich es machen kann. Aber am Herzen liegt es mir schon!"
„Wer weiß, ob dir die Eindrücke auf dem Camino nicht dabei helfen werden!?"
„Schön wäre es!" Sie erzählte weiter, wie kürzlich die Beziehung zu ihrem Freund in die Brüche gegangen sei, was ihr Leben ziemlich auf den Kopf gestellt hätte.
„Hört sich an wie die perfekte Situation, um den Jakobsweg unter die Füße zu bekommen", versuchte ich, ihr Mut zu spenden. „Irgendwie erhoffe ich mir ja auch, auf diese Weise 'ne geistige Ordnung in all das Wirrwarr in meinem Kopf zu bringen."
Ich berichtete ihr von meiner Unzufriedenheit, weil mir das Berufsleben zunehmend hektisch und nervend vorkam, und dass ich von daher für mich den richtigen Zeitpunkt gekommen sah, mir eine Auszeit zu genehmigen, um den Camino zu wandern. Ich wollte eigentlich nicht fliehen, sondern einfach mal meinem Herzen folgen. Doch vielleicht wollte mein Herz ja auch fliehen. Ich war mir nicht sicher.
Glücklicherweise wurde meine eventuell überstürzte Flucht heute durch die Begegnung mit Jasmin gestoppt. Denn abgesehen davon, dass ich mich in ihrer Gesellschaft wohl fühlte - vielleicht, weil wir uns anschweigen konnten, ohne dass das Unsicherheit hervorrief -, war sie es, die uns in erster Linie die vielen Pausen gegönnt hat. Sonst wäre ich wohl übereilig davon gerannt anstatt den Tag in vollen Zügen zu genießen. Auch so sitze ich schon um vier Uhr am Nachmittag in der Sonne vor der Herberge in Zubiri, und es kommt mir vor, als hätte ich alle Zeit der Welt.
Bewahre mich vor Übermut,
der mich wird verleiten,
unbedacht etwas zu tun
in diesen schönen Zeiten,
was ich doch sehr bereuen werd'
wenn 's rinnt mir durch die Hände:
das Glück, nicht länger unbeschwert,
es folgt das bittere Ende.
Das Geschenk, ich trat 's mit Füßen
(und) was ward mir zum Genuss –
der Teufel, er läßt grüßen –
nun ist's mir zum Verdruss.
Ach, wie schnell kann es passieren,
die Stimmung sinkt ganz tief,
nur kurz das rechte Maß verlieren,
schon hängt der Segen schief.
Beim Abendbrot in der lauen Sommerluft vor dem Herbergsgebäude lerne ich Inga und Anna kennen, zwei Studentinnen, die eher sportlich als pilgermäßig motiviert zu sein scheinen – wäre da nicht die Bibel, die sie mit sich tragen, und aus der sie sich gegenseitig vorlesen. Die Stimmung ist eher wie in einer Jugendherberge, wo nach Unterhaltung Ausschau gehalten wird, denn auf einer Pilgerwanderung, die von Stille und In-sich-gekehrt-sein geprägt ist. Nein, ich empfinde es keineswegs als tragisch, dass es uns so leicht fällt, zu lachen und uns beim Kartenspielen zu vergnügen. Warum denn nicht? Überhaupt hat so eine Pilgerschaft irgendwie einen bitteren Beigeschmack, als müsste dabei die Freude entbehrt werden. Ob man nun sein Glück beim Pilgern oder in einer Kneipe beim Bier findet, das bleibt doch jedem selbst überlassen. Ich glaube nicht an den einen richtigen Weg, den man zu gehen hat, um einen Gott zu befriedigen, der sich so was wünscht. Um solche Weltanschauungen mache ich doch lieber einen großen Bogen.
Da sitzt jemand am Tisch, der uns nett zu unterhalten weiß mit seiner offenen Art, er übt gleich eine Anziehung auf mich aus. Sein Name ist Uli. Irgendwie scheinen wir auf der gleichen Wellenlänge zu funken, denn ich kann mich mit ihm unterhalten wie mit jemandem, mit dem ich seit langer Zeit befreundet bin.
„Was hat dich denn bewegt, loszupilgern? Und wie hast du dir die notwendige Zeit freigeschaufelt?" frage ich ihn zu späterer Stunde, als sich bereits alle zum Schlafen niedergelegt haben und nur noch wir zwei am Tisch sitzen.
„Ich musste einfach mal raus, mal was anderes sehen", antwortet er. „Mir fiel sozusagen die Decke auf den Kopf. Mit der Zeit, das war bei mir kein Problem, denn ich bin arbeitssuchend, um es mal wohlwollend auszudrücken, und da hat man bekanntlich Zeit satt. Ich hatte einen befristeten Arbeitsvertrag, und der ist Ende letzten Jahres ausgelaufen. Nun erweist es sich bislang als schwierig, einen neuen Job zu bekommen."
„In welchem Bereich bist du denn am suchen?" frage ich weiter.
„Ich hab' Sozialwissenschaften studiert und zuletzt ein Jahr lang für 'ne größere amerikanische Firma im Bereich Statistik gearbeitet. Leider haben die meinen Zeitvertrag nicht verlängert, denn der Job war eigentlich ganz okay."
„Hört sich ein wenig desillusioniert an!"
„Stimmt genau! Da mich meine Freundin auch noch kurz vorher verließ, geriet ich doch etwas in die Orientierungslosigkeit. Immerhin gibt's nun 'ne Aussicht auf 'ne neue Anstellung, weshalb ich auch Ende September zurück sein will. Dann kommt es wahrscheinlich zu 'nem Vorstellungsgespräch, hoffe ich mal, ich muss das noch telefonisch abklären."
„Lass mich mal neugierig sein: Hast du dich vom Arbeitsamt für die Zeit hier auf dem Jakobsweg freistellen lassen?" frage ich interessiert.
„Ach, ich hab's einfach gemacht ohne mir 'ne Lizenz zu besorgen! Ich glaube, die sehen das nicht so gerne. Außerdem hab ich ja per Internet und Telefon weiter Kontakt, aber aufgrund meiner laufenden Bewerbung wird sich sowieso wohl nichts tun. Meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass leider niemand auf die Idee kommt, bei mir anzuklingen. Da muss ich schon selbst aktiv werden."
„Eigentlich blöd, dass so 'ne Aktion wie den Jakobsweg zu pilgern nicht mehr Akzeptanz findet. Immer gleich die Drohung von wegen Sperrung der Bezüge, wenn man so 'ne etwas ausgeflippte Idee verwirklicht." Ich werfe meinen angestauten Frust in die laue Abendluft. „Ist das nicht auch Arbeit, was wir hier machen?"
„Zählt wohl nicht als Arbeit, weil es ja nicht der Allgemeinheit zugute kommt, zumindest nicht in der Hinsicht, dass es dem Bruttosozialprodukt dient", entgegnet Uli mit leicht sarkastischem Unterton.
„Unmittelbar wohl nicht, doch was hat das langfristig für Auswirkungen? Schließlich kommt da ja 'ne Menge Motivation bei rum, Eigenständigkeit und so. Vielerlei Arbeit kommt mir dagegen irgendwie destruktiv vor, was man von so 'ner Pilgerung wohl nicht behaupten kann. Was ist mit den Ideen, die sich dabei zeigen?"
„Interessanter Gedanke, doch die Damen und Herren, die das zu entscheiden haben, wirst du wohl kaum überzeugen können."
„Na ja, vielleicht werden das ja die Tatsachen von selbst erledigen."
„Da können wir wohl lange warten!" Uli lacht über seine eigene Resignation.
„Ach, mir fällt gerade auf, dass ich schon wieder anfange, mich zu rechtfertigen für das, was ich entgegen den allgemeinen Gepflogenheiten zu tun gedenke. Das wollte ich mir eigentlich abgewöhnen."
„Ja, ist nicht leicht, sein antrainiertes Verhalten zu ändern und plötzlich gegen den Fluss zu schwimmen. Mir bleibt im Moment leider nichts anderes übrig!"
„Na ja, eigentlich bist du doch in guter Gesellschaft. Beschäftigt das Arbeitsamt nicht derzeit die meisten Gehaltsempfänger, wenn man dabei von Gehalt sprechen kann?" Ich muss lachen.
„Du meinst, ich schwimme eher mit dem Strom als gegen ihn?"
„Ich hab' eher den Eindruck, wir schwimmen alle wild durcheinander. Ich würde mich ja am liebsten einfach treiben lassen."
„Da bist du doch hier genau richtig!" Uli grinst etwas lausbübisch.
„Ja, du sagst es!" entgegne ich. „Kaum zu glauben, dass wir uns heute erst über den Weg gelaufen sind. Mir kommt es irgendwie vor, als würden wir uns schon lange kennen. Scheinst eher ein unkomplizierter Typ zu sein."
„Oh, danke für die Blumen. Wäre schön, wenn das einige Arbeitgeber auch mal erfahren würden."
„Hey, du hast wohl noch nicht die richtigen getroffen. Manches braucht halt etwas länger. Alles zu seiner Zeit!"
„Deine Worte in Gottes Ohren. Das ist vielleicht der richtige Zeitpunkt, um mir nun etwas Schlaf zu genehmigen."
„Ja, ich werde mich auch mal hinlegen. Also, ich wünsche dir eine gute Nacht!"
„Wünsche ich dir auch!"
Im Bett liegend huschen noch einmal die Bilder des Tages an mir vorüber. Da sehe ich plötzlich in dem Erinnerungsfilm, der vor mir abläuft, eine Frau. Sie saß mit uns am Tisch. Eine fröhliche Engländerin namens Catrina, die aufgrund der anderen Sprache bei unserer Unterhaltung zwangsläufig nicht mitreden konnte. Doch irgendetwas an ihrem Gesichtsausdruck hat einen bleibenden Eindruck in mir hinterlassen. Ich wundere mich noch über meine Erinnerung, da sinke ich auch schon mit dem Gefühl, wohlbehütet zu sein, in den Schlaf. Aber wäre das auch der Fall, wenn es nicht so gut gelaufen wäre?
Auf dem Weg nach Pamplona entlang des schönen Flusses Rio Arga, besäumt mit majestätischen Pappelbäumen, frische Brombeeren am Wegesrand, ein Tag so himmlisch, dass der Geist nur staunen kann, während das Herz Purzelbäume schlägt. Ein Lachen folgt dem anderen, alles geschieht wie von selbst, kein Widerstand ist im Inneren zu vernehmen, nur Lobeshymnen erklingen dort, um auszudrücken, wie sehr alles Wertschätzung findet, was gerade präsentiert wird. Alles ruft nur Dankbarkeit hervor, ein herrlicher Traum.
Ich ergeh' mich in mein Schicksal,
nichts Besseres kann ich tun.
Und schmeckt, was kommt, auch manchmal schal,
ich werd' auf grünen Auen ruh'n,
befreit von Schuld und all der Pein,
denn wie ich bin, so muss ich sein.
Was auch passiert in all den Kriegen,
am Ende muss die Liebe siegen.
Zu ihr, da will das Los mich führen,
dies ist's, was sich vollzieht.
Solang' man voll ist von Allüren,
kommt nicht die Zeit, da dies geschieht.
Ich bin zunächst mit Jasmin allein auf dem Weg. Bis wir Henri treffen, eine Spanierin mit verlockendem Gesichtsausdruck, ganz ihrer Lockenpracht entsprechend. Sie scheint es eilig zu haben, so dass ich vermute, sie niemals wiederzusehen, als sie uns schon bald nach einer gemeinsamen Kaffeepause vorauseilt. Doch das wird sich noch als Irrtum herausstellen.
Kurz darauf begegnen wir Uli in Begleitung von Reiner, einem gelassen daherkommenden Zeitgenossen. Ehe wir uns versehen, verfallen wir in angenehme Konversation und beschließen, den Weg heute gemeinsam zu gehen. Zunächst aber rasten wir an einem Fluss, kühlen unsere Füße und genießen die schöne Zeit miteinander bei Plätzchen und Obst.
Dann am Nachmittag, kurz vor Pamplona, überfällt uns die Hitze. Wir sind erschöpft, als wir die Stadt erreichen, die sich im Sonnenschein von ihrer schönen Seite präsentiert. Gepflegte Fassaden an sehenswerten Gebäuden, zum Verweilen einladende Parklandschaften, plätschernde Brunnen, die schon beim Anblick für Erfrischung sorgen, südländischer Flair, wohin das Auge blickt und zudem eine der Nachwelt erhaltene Stadtmauer mit Zitadelle stehen einer weniger ansehnlichen Vorstadt mit Wohnsilos entgegen. Jede Stadt hat zwei Seiten, hier stellt sich an diesem warmen spätsommerlichen Tag die schöne stolz in den Vordergrund.
In einer zur Pilgerherberge umfunktionierten Sporthalle finden wir eine bescheidene Unterkunft für die Nacht. Die vielen Hochbetten erinnern an ein Krankenlazarett, doch nach einer anstrengenden Wanderung empfinde ich selbst die Einkehr in eine solche Stätte irgendwie belebend. Uli sieht das ein wenig anders und gönnt sich eine Nacht in einem Hostal, um dem Schnarchen zu entfliehen, das ihm die letzten Nächte die nötige Schlafruhe geraubt hat. Wir verabreden uns für den späteren Abend am Rathausplatz, wo auch immer der liegen mag.
So verbleibt mir nach dem Duschen noch eine Stunde, dem immer lauter werdenden Ruf meiner Begeisterung für Musik zu folgen. In dieser Hinsicht war ich schon immer etwas verrückt, und ich bin froh, meinen kleinen Walkman mitgenommen zu haben. Im Nu versetzt mich das, womit meine Ohren beschallt werden, in eine Art Freudentaumel. Ich erinnere mich an Menschen, die mir im Leben begegnet sind, an Begebenheiten, die mir widerfahren sind, und mir ist fast, als würde ich zerbersten vor Dankbarkeit. Ich möchte sie hinaus rufen in die Welt, das Leben preisen. Ohne Zweifel: Musik wirkt auf mich wie eine Droge, und ich bin gerade ganz gehörig auf einem Trip!
Jasmin und Reiner holen mich wieder auf den Boden zurück. Sie stehen plötzlich vor mir und deuten auf die Uhr.
„Oh, ist es schon so spät?" entfährt es mir etwas verlegen.
„Wir dachten, wir sollten lieber etwas früher losgehen, falls wir das Rathaus nicht gleich finden und womöglich Uli verpassen", meint Jasmin.
„Okay, ich bin so weit! Lasst uns gehen!" antworte ich und stecke - noch etwas perplex - meine Utensilien in eine kleine Tasche, die ich bei mir trage.
Es heißt, Abschied zu nehmen von Uli, den wir schnell in unser Herz geschlossen haben, und der noch einen weiteren Tag in Pamplona verweilen will. Werden wir uns wiedersehen?
Zahlreiche Bars stehen uns in den verwinkelten Gassen der Stadt zur Auswahl, um unsere Begegnung an diesem lauen Sommerabend noch einmal zu feiern. Keiner kann so recht glauben, dass wir uns nicht wiedersehen werden.
„Den mag ich aber irgendwie echt gerne!" gesteht mir Jasmin auf dem Weg zurück zur Pilgerherberge und spricht aus, was auch ich empfinde.
In der Nacht prasselt Regen hernieder auf das Dach der Sporthalle, unter dem wir schlafen. Doch die Befürchtung, der morgige Tag könnte ein verregneter werden, weicht sogleich dem Impuls, mich genüsslich in meinen Schlafsack einzukuscheln. Und tatsächlich: Beim morgendlichen Heraustreten aus der Herberge wird die sorgenvolle Befürchtung von der aufgehenden Sonne liebevoll belächelt.
Auch von Reiner müssen wir uns nun verabschieden. Seine lädierten Füße verlangen ihm einen Tag Pause ab. Also heißt es, Lebewohl zu sagen, wozu uns eine nahe gelegene Bar, in die wir zum Frühstück einkehren, genau das passende Ambiente verschafft.
Daraufhin verlasse ich mit Jasmin unter einem atemberaubenden Himmelszelt die noch ruhige Stadt. Immer weiter geht es hinauf zum Perdon-Pass, auf dem sich ein beeindruckender Windpark befindet. Ausblicke von gütiger Schönheit lassen mich jede Strapaze vergessen, der Schmerz der Muskeln oder der angegriffenen Füße tritt ganz in den Hintergrund. Wieder erleben wir diese köstlichen Momente, wo uns scheinbar das Glück in die Hände gelegt wird; es ist, als wären wir von Herrlichkeit umgeben. Voller Staunen gerate ich in eine berauschende Stimmung, Wunschlosigkeit könnte man es nennen. Nichts fehlt, nichts stört, vollkommene Akzeptanz.
Ich trenne mich zeitweilig von Jasmin, da ich noch die kleine und berühmte Kirche Eunate besichtigen möchte, was jedoch bedeutet, einen Umweg zu gehen.
Während ich einen Ort durchquere, verspüre ich Durst, und so lasse ich mich vor einer Bar nieder, wo ich Schatten unter einem Sonnenschirm finde. Eine ruhige, erholsame Szenerie umgibt mich, wie ich da so vor einem Glas Wasser sitze und Gedanken an mir vorbeiziehen lasse - nichts ahnend, dass mich der weitere Weg am heutigen Tag noch in eine recht bewegende, mal traurige, mal frohlockende Laune versetzen wird.
Nur wenn ich längere Zeit mit Menschen verbracht habe, kann ich die Einsamkeit so freudig genießen. Umgekehrt verhält es sich wohl genauso. Ich wünsche mir, noch viele gemeinsame Etappen mit Jasmin und anderen Weggefährten gehen zu können, nun aber auf meinem Weg nach Eunate erwacht ein Verlangen in mir, mal wieder allein zu sein. Und einmal mehr verspüre ich das Bedürfnis, mich auf eine Prise Musik einzulassen. Manchmal kommt's mir vor als brächte mich Musik an ein Tor zu einer anderen Welt, und manchmal sogar liefert sie mir auch noch den Schlüssel, um in sie hinein zu gelangen. Aber eigentlich schaltet sie nur etwas ab, das stört. So auch jetzt, als ich meinen Walkman aufsetze. Die Musik lenkt meinen Blick nach innen, alles andere verliert an Bedeutung, alle Gedanken fern der Gegenwart lösen sich in Luft auf.
Als das Intermezzo endet und nur noch Ruhe um mich herum herrscht, wandere ich mit kaum zu überbietender Langsamkeit durch die brütende Nachmittagshitze. Seltsamerweise schwitze ich nur wenig und die hohen Temperaturen stören mich nicht. Ich fühle mich eins mit der verdörrten Vegetation, den Libellen, den Heuschrecken, den Salamandern. Ich bin genau dort, wo ich sein will, nichts regt mich an, mich zu beeilen. Ich krieche dahin, begegne keinem Pilger, scheine verlassen zu sein und empfinde doch Verbundenheit.
In dieser Stille bin ich irgendwie ganz im Reinen mit mir selbst. Und einmal mehr kommen mir Erinnerungen in den Sinn und wie seltsamerweise alles zusammen passt. Mit Tränen in den Augen strecke ich meine Arme empor, spüre Traurigkeit und gleichzeitig Dankbarkeit, spüre Freude und gleichzeitig den Schmerz des Vermissens, so als würden mich die Erinnerungen umklammern. Mein ganzer Körper bebt, wird von Gefühlen durchdrungen, von feinen, sanften Schwingungen geschüttelt. Da überkommt mich plötzlich ein endloses Vertrauen, dass es nichts Sicheres geben kann als mein Leben ganz in die Hände einer alles durchdringenden Macht zu legen und die Dinge geschehen zu lassen, die geschehen müssen. Befreit fühle ich mich von dem Drang, mein Leben im voraus planen zu wollen und mich zu wehren gegen die Ereignisse, die über mir hereinbrechen. Was auch kommen mag, so soll es sein, es kann nicht anders sein. Selbst wenn ich die zermürbendste Arbeit zu verrichten habe, bin ich frei, meine Ängste und meine Unzufriedenheit anzunehmen, sie ganz dem, was allem das Leben einhaucht, zu übergeben. Denn wenn ich sie zulasse und mich nicht dagegen wehre, so wird mir klar, führen sie mich zum Kern meines Wesens.
Ich erinnere mich an einen Freund, an seine Offenheit, sein einfaches Wesen, an sein Lächeln. Niemand kann das erreichen durch Arbeit oder Produktivität, was so ein Lächeln im rechten Moment bewirkt. Und dennoch: Es muss auch sein, dass einem manchmal zum Heulen zumute ist, dass einem die Hutschnur platzt, dass man aus der Haut fährt.
Als ich an einem Holunderbusch vorbeikomme, frage ich mich, ob die Früchte wohl genießbar sind. Da kommt mir ein Gedanke in den Sinn: Was wäre, wenn hier eine Telefonzelle stünde und ich riefe einfach so meine Mutter 2000 Kilometer entfernt an, um sie um Auskunft zu bitten? Ohne dass ich sonst viel erzählen müsste oder Sorgen in ihr erwecken würde! Ohne Zwang, ohne übliche Verhaltensweisen zu praktizieren! Einfach so! Weil es keine Angst, keine Sorge, keine Verzweiflung gibt, die unser Leben bestimmt. Ein Anruf, nicht weil ich mich schlecht fühle oder Trost brauche und auch nicht, weil ich besorgt bin oder nach dem Rechten sehen will. Nur, weil ich an einer Information interessiert bin! Nicht, weil wir an der Liebe zweifeln! Die Liebe zu meiner Mutter ist etwas stetig in mir wohnendes, sie braucht diesen Anruf nicht. Sie ist unbeirrbar, sorglos und frei! Die Liebe ist kein schlafender Hund, der besser nicht erweckt wird, weil mit seinem Erwachen auch die Furcht ins Leben tritt.
Meine Mutter würde einfach sagen: „Ach, du bist in Spanien? Das ist schön, viel Spaß noch!"
Kein besorgtes „Was machst du denn dort?" oder „Muss das denn sein?" oder „Hoffentlich passiert dir nichts!" Nur Vertrauen, Akzeptanz auch über Grenzen hinweg - und das Wissen, dass das Leben immer das Richtige für uns bereithält, auch wenn es nicht so zu sein scheint.
Ganz plötzlich diese Melodie
wie aus heiterem Himmel.
Großen Trost spendet sie,
das Land, es wirkt verstümmelt.
Die wahre Schönheit sieht nur der,
der genau hinschaut.
Wer Sie entdeckt, der schätzt es sehr,
was anderen ist verbaut.
Und so erfüllt vom Zauberklang
offenbart sich mir
wie mit göttlichem Gesang –
grandios – die Himmelstür.
Vorsichtig wage ich
sie zu öffnen – leise
Feierlich erkenne ich
den Zauber dieser Reise.
Ich sehe vor mir ein ewig Lachen
voll von Heiterkeit,
es ruft mich auf, zu erwachen,
die Freude kommt, mach' dich bereit,
doch Trauer folgt ihr auf dem Fuß,
auch sie ist immer da,
so wie der Regen ist doch nur ein Gruß
von der Sonne: Alles klar!
Ich erreiche die Kirche Eunate erst am späten Nachmittag. Andere Pilger machen sich bereits auf, weiter zu ziehen und lassen mich alleine zurück. Ganz unverhofft werden plötzlich die Pforten der kleinen Kapelle geöffnet, und ich höre, wie im Inneren meditative Musik erschallt. Ein wenig ehrfürchtig trete ich über die Schwelle in den Raum und lausche fasziniert, wie die Klänge auf mich wirken. Zauberhaft ist wohl das richtige Wort, um es zu beschreiben. Ist das wirklich echt oder bin ich nur in eine Märchenwelt versunken?
Wie verzaubert erlebe ich auch den weiteren Weg am heutigen Tag. Ich finde einen schmalen, abenteuerlich-schönen Pfad, der mich durch Dornengestrüpp hindurch zu der Pilgerherberge in Obanos führt. Dort werde ich gastfreundlich empfangen. Und zu allem Überfluss treffe ich im gemütlichen Innenhof der sauber hergerichteten Bleibe auch noch auf Jasmin, Inga und Anna. Mein Herz will schier überlaufen vor Entzückung. Nur schwerlich kann ich mich dazu aufrufen, ihre Gesellschaft wieder zu verlassen, um mich ein wenig frisch zu machen. Inga erleichtert mir die Sache, indem sie vorschlägt, anschließend in den Ort zu gehen und nach einem Restaurant Ausschau zu halten, um unsere knurrenden Mägen zu besänftigen.
Es dauert nicht lange, und ich stehe startklar bereit, doch zu unserer Enttäuschung müssen wir feststellen, dass das einzige Gasthaus im Ort seine Küche erst um 21 Uhr öffnet (was in Spanien nicht ungewöhnlich ist). Was nun? Abwarten und Tee trinken? Nein, lieber ein Bier! Dabei lässt es sich einfacher in Geduld üben! Abgesehen davon lockert es die Zunge, so dass wir schon bald unser Lachen mit Anekdoten und Witzen befreien können. Dann die Erlösung: Unsere notgedrungene Beharrlichkeit wird zu später Stunde belohnt, als uns ein Salat serviert wird, der ohne Übertreibung als Delikatesse bezeichnet werden kann. Wir können uns kaum zurückhalten, über ihn herzufallen.
An unserem Tisch sitzen auch einige fröhliche ältere spanische Herren. Sie nicken uns schelmisch zu und scheinen sich über unsere großen Augen zu amüsieren. Ihr Lächeln setzt dem Ganzen noch die Krone auf! Wenn das so weitergeht, gibt's wohl bald einen ernüchternden Absturz, um wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen bevor der Höhenrausch mir ganz den Kopf verdreht.
Es ist schon spät, als wir am Morgen aufbrechen. Jasmin hat sich erkältet, und sie beschließt, es Inga und Anna gleich zu tun, die ihren körperlichen Beschwerden einen Tag Ruhe gönnen wollen. Daher heißt es schon im drei Kilometer entfernt gelegenen Puente la Reina, einmal mehr Abschied zu nehmen. Meine langsam aufkeimende Sehnsucht nach Einsamkeit für ein paar Tage wurde also erhört.
Ich habe es dennoch nicht eilig bei einem letzten gemeinsamen Frühstück, denn die Atmosphäre ist ausgesprochen gesellig. Wir tauschen unsere E-mail-Adressen aus und vergnügen uns beim Planen der weiteren Wegstrecken und Aufenthaltsorte. So sehr haben wir schon Gefallen aneinander gefunden, dass uns daran gelegen ist, ein Wiedertreffen zu begünstigen. Erst zur Mittagszeit spüre ich den Punkt gekommen, an dem ich mich losreißen muss; eine letzte Umarmung und ich wage mich in die brütende Hitze hinaus, um voranzuschreiten in ein neues Erlebnis.
Schon bald rinnt mir der Schweiß den Körper herunter, als ich tief Luft holend einen Berg erklimmen muss. Ich bleibe stehen, schaue mich um und spüre, wie mir ein erfrischender Wind entgegen bläst. Ein Impuls erwacht in mir, meine Arme auszustrecken, um mich so wirksamer von der Brise abkühlen zu lassen. Ein himmlischer Genuss! Selbst die Schnellstraße, die unterhalb des Weges vorbeiführt, vermag da nicht, meine Stimmung zu trüben.
Frohen Mutes gelange ich kurz darauf in den bezaubernden, hoch auf einem Hügel gelegenen Ort Cirauqui, wo ich mir eine Pause für eine kleine Brotzeit gönne. Schon vor Erreichen des Ortes haben mich Weintrauben und Brombeeren immer wieder zum Verweilen eingeladen, um sie am Wegesrand zu pflücken. Diese Jahreszeit hat ihre Besonderheit zum Wandern für den, der Brombeeren zu schätzen weiß. Es reizt mich gar, die verrückte Idee in die Tat umzusetzen, mir ein wenig Sahne für unterwegs zu besorgen, um den Genuss dieser Delikatessen vollends zu zelebrieren.
Vom Anblick eines Telefons lasse ich mich gerne verführen, meine Frau anzurufen. Sie ist nicht zu Hause, also hinterlasse ich ihr eine Nachricht von meinem glücklichen Befinden auf dem Anrufbeantworter. Verwundert nehme ich den singenden Tonfall meiner eigenen Stimme wahr. Kaum wieder zu erkennen! Als wäre ich beschwipst von einer neu entdeckten Begeisterung, die endlich aus ihrem Schlummerzustand erwachen durfte.
Als ich den Ort verlasse, horche ich auf. Es grummelt! Ein Gewitter zieht vor mir auf. Unweigerlich beschleunige ich meine Schritte, um noch trockenen Fußes die nächste Ortschaft zu erreichen. Glücklicherweise ziehen die Wolken vor mir her, was ich als Wink deute, langsamer zu wandern. Und für den Wink kann ich mich nur mit einem herzhaften Lachen bedanken, denn ich erreiche genau in dem Moment den Schutz einer kleinen Ansiedlung, in dem ein heftiger Regenschauer einsetzt. Unter einem Vordach warte ich, bis der Regen wieder nachlässt. Er tut mir den Gefallen und zieht unversehens von dannen.
In der Ortschaft Villatuerta wiederholt sich das Spiel. Gerade als es zu nieseln beginnt, entdecke ich einen idealen, überdachten Platz vor einem Kircheingang, wo der Anblick einer Bank mich ermuntert, darauf Platz zu nehmen und ein paar Zeilen zu schreiben.
„Was war das für ein Tag?" frage ich mich berauscht von all den Eindrücken. Wie ungewohnt, einfach nur zu singen, zu dichten, herumzualbern, ohne dass einen das Gefühl belästigt, etwas zu verpassen. Manchmal wanderte ich wie in Trance, der Tag war gediegen, fast menschenleer, wahrscheinlich, weil ich so spät dran war. Aber gerade in dieser Einsamkeit empfand ich den Himmel über mir wie ein schützendes Dach und den Boden unter mir wie ein sicheres Fundament.
Wie sonderbar, ein Leben voller Vertrauen zu führen und nicht gegen die hervorkommenden Ängste anzukämpfen! Wie entspannend es ist, einfach dreizehn gerade sein zu lassen! Wie sehr muss so mancher Camino-Pilger sich erwehren der Kommentare und Bewertungen, sein Vorhaben sei doch ein Unsinniges. Jetzt weiß ich, dass gerade solche Verrücktheiten das Salz in der Suppe sind, und dass sie jederzeit möglich sind, auch im Alltag.
„Mein Vater glaubt nicht, dass ich diese Pilgerreise durchstehe – er zweifelt daran!" sagte Anna am heutigen Morgen zu mir.
„Und? Hat dich das gekränkt?" fragte ich daraufhin.
„Und wie! Wenn es sein muss, dann krieche ich nach Santiago, nur damit er nicht sagen kann, dass er Recht gehabt hat."
„Klingt verbittert!" gab ich zum Besten. „Hättest dir sicherlich ein bisschen mehr Vertrauen gewünscht, oder?"
„Vielleicht lernt man ja am ehesten zu vertrauen, wenn es einem schwer gemacht wird!" meinte Inga daraufhin.
„Oh!" entfuhr es mir verblüfft. „Da liegst du wahrscheinlich gar nicht mal so verkehrt!"
„Schön und gut, aber es nervt schon, wenn meine Eltern immer erst mal herumnörgeln, wenn ich mal wieder andere Vorstellungen verwirklichen will als ihnen genehm ist", warf Jasmin ein. „Außerdem tun sich Eltern doch selbst keinen Gefallen damit, wenn sie es vermeiden wollen, dass ihre Kinder Fehler machen. Ist doch total anstrengend, und am Ende kommt nichts dabei rum!"
„Aber andererseits", entgegnete Inga, „sind sie nun einmal so, andere können wir uns ja nicht aussuchen. Lasst uns lieber aufpassen, dass wir nicht auch mal so werden."
„Ja, vergessen und vergeben ist viel einfacher als sich auf Diskussionen einzulassen, wo's nur darum geht, den anderen zu ändern", sprudelte es aus mir heraus. „Jeder wie er will!"
„Das mit dem Vergeben fällt mir aber doch sehr schwer!" rief Anna daraufhin und zeigte uns ihren Schmollmund.
„Dein Vater scheint ja 'n harter Brocken zu sein!" entgegnete ich amüsiert.
„Also, ich nehme meinem Vater ja nichts übel. Aber ich falle ihm auch nicht um den Hals!"
„Sooo schlimm?" Inga schaute sie belustigt an, worauf Anna ihr ihre langen Fingernägel zeigte.
Und nun sitze ich hier auf dieser Bank vor der Kirche, einem scheinbar friedlichen Ort, aber in meinem Kopf geben die Gedanken überhaupt keine Ruhe, denn das Thema will mich noch nicht so recht loslassen.
Ich hab' ja nicht viel Ahnung von Kindererziehung, aber so wie es aussieht, wünschen sich manche Eltern offenbar insgeheim, dass ihre Kinder parieren wie dressierte Zirkustiere. Doch wie sich zeigt sind ihre Bemühungen nicht gerade von Erfolg gekrönt. Da scheint also etwas nicht zu funktionieren. Na klar, sie meinen es nur gut! Aber wem nützt es, wenn es gar nicht funktioniert?
Ist das nicht Energieverschwendung? Können wir tatsächlich die Verantwortung übernehmen, wie wir's gerne möchten? Wenn im Kopf immer solche Vorstellungen die Oberhand gewinnen, dass das Schlimmste eintreten könnte, ist das Verlangen natürlich groß, die Dinge kontrollieren zu wollen, um sich dagegen abzusichern. Aber ist das wirklich möglich? Eines wird dadurch sicherlich unmöglich, nämlich, das Glücklichsein den Kindern selbst zu überlassen! Wird da nicht von Verlustängsten das Glück beschnitten, um es für die Sicherheit zu opfern, ohne dass tatsächlich eine Absicherung stattfindet? Ist das wirklich ein schönes Leben, wenn alles nur nach Vorschrift abläuft? Oh, wie kenne ich das aus eigener Erfahrung! Aber das Lied, das ich davon singen kann, hat ganz und gar keinen Wohlklang. Apropos Glück: Welch' ein Glück ist es, gar nicht glücklich sein zu müssen!
Geht's mir hier um richtige oder falsche Erziehung? Nein, da würde ich mich echt auf ein gefährliches Terrain begeben, vielmehr geht es darum, dass wir uns gar nicht große Sorgen machen müssen. Wir sind doch gar nicht die Drahtzieher, die wir gerne sein möchten, und dennoch läuft es. Wir belasten uns nur unnötig mit all diesem Kontrollwahn. Durch den ständigen Blick in die Zukunft und was alles Tragisches passieren kann, wird das Leben doch nur kompliziert. Und je komplizierter es wird, desto mehr verliert es an Zwanglosigkeit und ein Drang ergreift die Herrschaft, nach Schuldigen für die zunehmende Unzufriedenheit zu suchen. Und schon leben alle in einem Feld voller Vorwürfe, wo es kaum noch möglich ist, sich wohl zu fühlen. Das nennt man wohl einen Teufelskreis, der da entsteht. Da ist die Verbitterung nicht mehr fern.
Welche Mutter oder welcher Vater fürchtet nicht, ihr Kind könne auf die schiefe Bahn geraten? Das ist sicherlich menschlich. Aber nüchtern betrachtet verläuft der Weg eines Menschen doch eher außerhalb der Kontrollmöglichkeiten. Und zudem kann niemand verhindern, selbst Fehler zu machen. Wer macht schon Fehler absichtlich? Jeder gibt immer sein Bestes entsprechend den Möglichkeiten, die gegeben sind! Sind wir nicht alle beeinflusst von unserer Vorgeschichte? Wenn schon, dann müsste diese auf der Anklagebank landen, aber wer ist dafür verantwortlich, wenn nicht wiederum die Vorgeschichte? Wobei ich hier bestimmt nicht sagen will, bei der Erziehung sollten besser keine Grenzen gezogen werden. Denn nichts hat mir mehr geholfen im Leben als wenn mir klare Grenzen gesetzt worden sind, sei es in der Familie, bei Freunden, Bekanntschaften oder Kollegen.
Das hat meine Vorgeschichte enorm beeinflusst und eben zu der Frage geführt: Wenn ich die Grenzen anderer (und auch meine eigenen) akzeptiere, warum dann noch in deren Leben einmischen? Meinungen verändern wollen, Verhal
