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Die letzten Jahre der DDR: Der Roman »Die Freiheit so nah« erzählt eine wahre Geschichte um lebenslange Freundschaft und bittersten Verrat. Eine Beerdigung führt 2016 den Rostocker Kay und seine Clique aus Schulzeiten wieder zusammen. Erinnerungen werden wach: an die unbeschwerte Jugend Anfang der 80er Jahre, aber auch an geplatzte Träume und die Enge des DDR-Systems. Die acht Freunde galten als unzertrennlich, vertrauen einander zutiefst – bis der erste aus der Clique wegen versuchter Republikflucht verhaftet wird. Weitere Festnahmen folgen und bald taucht der Verdacht auf, dass der Verräter in den eigenen Reihen zu suchen ist. Kay, dem das Seefahrtsbuch und damit die Berufsperspektive genommen wurde, beschließt, mit den zwei verbliebenen Freunden über die Ostsee zu entkommen. Doch dann geschieht das Unfassbare … Bewegend und hochspannend fängt A. A. Kästners zeitgeschichtlicher Roman die besondere Atmosphäre in den letzten Jahren der DDR ein und stellt die Frage, unter welchen Umständen eine schwere Schuld vergeben werden kann – oder ob manche Taten unverzeihlich bleiben. Die wahre Geschichte beruht auf der Biografie des Ehemanns der Autorin.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2023
A. A. Kästner
Roman nach einer wahren Geschichte
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Eine Beerdigung führt den Rostocker Kay und seine Clique aus Schulzeiten im Jahr 2016 wieder zusammen. Erinnerungen werden wach: an die unbeschwerte Jugend Anfang der 80er-Jahre, aber auch an geplatzte Träume und die Enge des DDR-Systems.
Die acht Freunde gelten als unzertrennlich, vertrauen einander zutiefst – bis der Erste aus der Clique wegen versuchter Republikflucht verhaftet wird. Weitere Festnahmen folgen, und bald taucht der Verdacht auf, dass der Verräter in den eigenen Reihen zu suchen ist. Kay, für den die DDR keine Perspektive mehr bietet, beschließt, mit den zwei verbliebenen Freunden über die Ostsee zu entkommen. Doch dann geschieht das Unfassbare …
Widmung
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
Nachwort
Für Elke.
Sie erlebte das Erscheinen des Buches leider nicht mehr.
Rostock-Biestow, Juli 1982
Ricksen! Ricksen!«
Juris Stimme hallte schrill durch die Kleingartenanlage Goldwiese im ländlichen Rostocker Stadtteil Biestow. Die Sonne stand hoch am Himmel, und die Luft flimmerte vor Hitze.
»Ricksen, wir haben Post!« Juri wedelte mit der Ansichtskarte in der einen Hand und stützte sich mit der anderen schwer auf das verrostete Gartentörchen am Eingang der Parzelle. Er war den ganzen Weg von der Südstadt nach Biestow gerannt, um sich abzureagieren. Schweiß lief ihm am Körper herab, und sein Herz raste. Ricksen und sein Zwillingsbruder Alexander hingegen aalten sich an diesem Samstagnachmittag träge auf zwei Liegen vor der Laube ihrer Eltern. Zwischen ihnen campierten etliche leere Flaschen Bier.
»Post?« Ricksen gähnte.
Juri öffnete die Gartenpforte und ließ sich neben den beiden auf den Rasen sinken. »Kay hat endlich geschrieben, schaut euch das an!« Er hielt Ricksen die Postkarte ihres Freundes hin. Die beiden steckten die Köpfe zusammen und lasen die wenigen Worte, die Kay auf die Karte gekritzelt hatte.
»Es geht ihm gut«, stellte Ricksen enttäuscht fest. »Ist das alles?«
Juri stöhnte. »Mensch, schaut euch die Vorderseite an. Das sind Ansichten von Veracruz in Mexiko. Sieht das nicht fantastisch aus? Mexiko. Allein schon dieser exotische Klang! Und dazu diese Farben, Palmen und Paläste!« Juri schüttelte den Kopf. Er begriff nicht, dass sein bester Freund diesen wunderbaren Ort besuchen, zwischen den farbenprächtigen Häusern flanieren, den Strand genießen und den Duft der weiten Welt einsaugen konnte, während er selbst hier in der DDR versauerte. »Das müssen wir den Jungs zeigen, diese andere Welt!« Sein Puls beschleunigte sich wieder.
Ricksen und Alexander kamen langsam in Schwung.
»Du hast recht, sieht ziemlich gut aus.«
Ein bisschen mehr Begeisterung hätte nicht geschadet, fand Juri, aber die beiden hatten offenbar noch etwas Anlaufschwierigkeiten. Sie waren seit Monaten in der Lehre, und am Wochenende hingen sie erschöpft in den Seilen. Kay war als angehender Seemann auf seiner ersten Reise nach Lateinamerika, und endlich hatten sie ein Lebenszeichen bekommen. Und was für eins!
»Lasst uns was Spontanes machen. Wir feiern Kays Reise in die Welt! Schnappt euch das Moped, fahrt rum und trommelt alle zusammen!« Juri nahm Ricksen die Postkarte ab.
Die Zwillinge setzten sich auf. »Eine Party? Aber …«, druckste Ricksen.
»… wir haben nicht mehr genug Bier für alle«, ergänzte Alexander. Er wies auf einen einsamen Bierkasten im Schatten unter den Bäumen.
Juri dachte kurz nach. »Wenn ihr den anderen Bescheid gesagt habt, fahrt ihr weiter zur Bauernschänke. Da kriegt ihr Nachschub.«
Carlo Richard, genannt Ricksen, strahlte und hielt Juri seine offene Hand hin. Sie legten die Münzen zusammen, die sie in den Hosentaschen hatten. Viel war es nicht, aber für ein bisschen Bier würde es reichen.
»Wir brauchen ein Gefäß«, sagte Alexander. »Die schenken nur vom Fass aus.«
Daran hatte Juri nicht gedacht. Er drehte sich um. Neben der unansehnlichen Laube standen nicht nur Gartenwerkzeuge und eine Schubkarre, sondern auch zwei Eimer, die Juri ins Visier nahm. Er zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger darauf. Alexander sprang auf, schnappte sich die beiden Eimer, drehte und wendete sie. Kein Loch, kein Riss, sauber – ein perfektes Transportmittel für ihr Bier.
»Los, beeilt euch, schickt alle her, ich warte hier.« Juri hievte sich auf eine der frei gewordenen Liegen und betrachtete die Postkarte, als sähe er sie zum ersten Mal. Sie versprach alles, was er sich in seiner Fantasie ausgemalt hatte – und mehr. Das Knattern des sich entfernenden Mopeds hörte er kaum noch.
Es dauerte nicht lange, bis die Mitglieder der Clique nach und nach eintrafen und sich neugierig auf die Postkarte stürzten, um von Kays Erlebnissen zu erfahren. Die acht Jungs, die sich seit der ersten Klasse kannten, waren unzertrennlich und vermissten den Freund sehr. Sie schwankten zwischen grenzenloser Bewunderung für den Seemann, Eifersucht auf seine Sonderstellung und Frustration über ihren eigenen grauen Lebensalltag. Doch heute würden sie die Welt der Farben, sich selbst und ihre eigenen großen Lebenspläne feiern.
Sie hockten sich auf den Rasen, jeder griff nach einer Flasche Bier, und sofort redeten sie wild durcheinander, welche Pläne sie hätten, wenn sie jemals in den Westen kämen. Die Hitze und der Alkohol stiegen ihnen zu Kopf. Juri zog sein T-Shirt aus und wickelte es sich als Sonnenschutz um den Kopf. Die anderen taten es ihm nach. Wie immer.
Als sich das Knattern des Mopeds näherte, liefen sie den Zwillingen entgegen, um ihnen die beiden Eimer mit dem Bier abzunehmen. Die Gläser dafür hatten sie schon aus der Laube geholt.
Das Moped kam ruckelnd vor dem Gartentor zum Stehen.
Hatten sie eben noch gelacht und gejohlt, breitete sich nun Stille aus.
Ricksen warf vom Rücksitz der Simson S 50 einen leeren Eimer ins Gras und stellte den zweiten, halb vollen Eimer neben sich ab.
»Der Blödmann ist viel zu dicht am Laternenpfahl vorbeigefahren.«
Er bekam kaum Luft vor Empörung und wedelte wild mit den Armen. Dabei kippte er fast vom Sitz und fing sich, indem er mit einem Ausfallschritt in dem Biereimer landete. Obwohl Ricksen seinen Fuß rasch wieder herauszog, stöhnten die Jungs auf. Die Zwillinge sorgten mal wieder für Sternstunden. Ich wäre besser selbst gefahren, dachte Juri.
»Viel zu dicht am Laternenpfahl … es ist alles verschüttet. Wir sind voll dagegengeschrammt!«, beschwerte sich Ricksen atemlos und gab seinem Bruder einen Klaps auf den Kopf. Alexander grinste breit und murmelte etwas von besonderer Eile.
Die Ersten fingen an zu lachen, und am Ende war es wie immer – niemand konnte den beiden Chaoten böse sein, und natürlich tranken sie das sandalengewürzte Bier aus dem Eimer. Auch mangels Alternative, denn die Kiste mit dem Flaschenbier leerte sich zügig.
»Hast du eigentlich deinen Schuh wiedergefunden?«, wandte sich Juri an Oliver, der sich auf dem Rasen rekelte. Die Party am letzten Wochenende war gegen Morgen ausgeufert und hatte auf dem Heimweg einige Verluste mit sich gebracht.
»Keine Ahnung, wer sich an meinem Turnschuh vergriffen hat«, maulte Oliver. »Das ist doch nicht normal, einem Mann den Schuh vom Fuß zu klauen.«
Alle lachten und erzählten sich feixend, wie Oliver mit nur einem Schuh nach Hause gelaufen war.
»Meine Mutter fand das gar nicht komisch. Sie hat voll das Theater gemacht, weil sie so bald keine anständigen Turnschuhe mehr reinbekommt.«
Olivers Eltern betrieben einen kleinen Kiosk, und Olivers Mutter erhielt immer mal wieder heiß begehrte Bückware, die sie unter dem Ladentisch verkaufte. Es gab einige Männer, die ungeniert mit der deutlich älteren Frau flirteten, um an diese begehrten Artikel zu kommen. Olivers Mutter merkte nicht, dass sie veralbert wurde, sondern kicherte wie ein junges Mädchen, richtete ihr frisch toupiertes Haar und hielt sich für unwiderstehlich. Alle kannten den Grund für die Schmeicheleien, nur Oliver und seine Eltern schienen das zu ignorieren.
»Hat ihr wieder jemand schöne Augen gemacht?« Juri baute sich vor Oliver auf und deutete mit süffisantem Lächeln eine Verneigung an.
Prustendes Gelächter.
»Lasst ihn in Ruhe«, versuchte Ricksen, einen strengen Ton anzuschlagen, lachte aber genauso wie alle anderen.
»Gib mir noch ein Bier«, sagte Oliver und grinste versöhnt, als Juri ihm die letzte Flasche aus der Kiste reichte.
»Kommt!«, rief Juri, hielt die Postkarte hoch über seinen Kopf und nahm seine Bierflasche. »Mir nach!«
Ricksen legte ihm eine Hand auf die Schulter, Alexander wiederum seinem Bruder und die anderen jeweils auf die Schultern des Vordermannes. Im Gleichschritt zogen die Freunde wie bei einer Polonaise durch die Kleingartenanlage, johlten und ließen die verdutzten Nachbarn wissen, dass dieser Sommer einfach großartig war.
So wie ihre Freundschaft. Für immer verbunden – ein Leben lang.
Rostock-Parkentin, Oktober 2016
Das Leben hatte es nicht immer gut mit ihnen gemeint.
So wie das Leben selten das tat, was man von ihm erwartete.
Für Kay war das ein vertrauter Gedanke. Dennoch erschrak er, in welchem Zustand einige von ihnen hier, am ländlichen Zufluchtsort eines der Freunde, aufgekreuzt waren. Ausgebeulte Jeans, verschlissene Pullover und ausgelatschte Schuhe. Was hatte er erwartet?
Er kam zu spät und sah die Gruppe unter den Birken am hinteren Rande des Hofes mit hochgezogenen Schultern wie erstarrt im Halbkreis stehen. Der Wind pfiff ihm um den Kopf und wirbelte erste goldene Blätter umher. Dramatische Wolkenbänke schoben sich über den Himmel und bildeten die Kulisse für diese ungewöhnliche Feier.
Er ging langsamer. Weil die Freunde ihm den Rücken zuwandten, sahen sie ihn nicht kommen. Wenn er sich jetzt umdrehen und zu seinem Auto zurückkehren würde, hätte ihn niemand bemerkt.
Aber er lief nicht weg. Das war nicht seine Art, doch seine Schritte wurden mit jedem Meter kürzer. Ein Mann, den Kay nicht kannte, hielt eine Rede, aber der Wind verwehte die Worte, und so ließ Kay seinen Blick über die Mitglieder der Clique wandern. Sie waren alle gekommen. Natürlich. Wenn man sie brauchte, waren sie da.
Hannes Krissler stand etwas abseits. Sinnbildlich. Er war der Einzige von ihnen, der Rostock nie dauerhaft verlassen hatte. Der Intellektuelle der Truppe, der nicht von seinen Gaben profitiert hatte. Früher hatte er unheimlich gewirkt, heute konnte sich Kay nicht mehr erklären, wo dieser Eindruck herrührte. Für einen Mann aus der Babyboomer-Generation war er extrem schlank und asketisch. Nicht der Hauch eines Bierbauchs unter dem schwarzen Rollkragenpullover. Im Moment stand er verlegen da, die Hände in den Hosentaschen vergraben, als wisse er nicht, wohin mit ihnen. Vielleicht, weil er keine Zigarette in der Hand hielt.
Hannes weinte still.
Kays Blick wanderte weiter.
Einen Pastor gab es nicht.
Einige hatten ihre Frauen mitgebracht. Kay war allein gekommen und trug als Einziger einen schwarzen Anzug.
Ricksen bemerkte ihn als Erster. Tränenüberströmt deutete er mit der Bierflasche in der zitternden Hand einen Gruß an. Kay und er kannten sich seit fünfundvierzig Jahren, hatten jedoch den Draht zueinander verloren. Ricksens jahrzehntelange Alkoholexzesse und unzählige Zigaretten hatten geistig und körperlich Spuren hinterlassen. Kay wunderte sich, dass er aufrecht stand, so entkräftet wirkte er, so gebrechlich und zerknittert. Die zweistündige Fahrt von Hamburg zum Hof in Rostock-Parkentin dürfte ihm alles abverlangt haben, denn normalerweise beschränkte sich Ricksens Aktionsradius auf den Weg zwischen Wohnung und Kiosk. Wahrscheinlich hatte sein Zwillingsbruder Alexander ihn mitgenommen. Die beiden hatten schon immer aneinandergeklebt.
Kay lächelte, denn man konnte Ricksen nur lieben, und die Schnapsdrossel wäre auch gekommen, wenn er den Weg zu Fuß hätte zurücklegen müssen. Er stellte sich stumm neben ihn in den Halbkreis. Was hätte er auch sagen sollen?
Von der anderen Seite stieß ihn Oliver mit dem Ellenbogen an. »Ich dachte, du traust dich nicht«, flüsterte er.
Damit hatte Oliver nicht ganz unrecht. Kay hatte schmerzhaft lernen müssen, dass es verdammt viel Mut kostete, jemanden zu verabschieden, den man nicht ziehen lassen wollte. Damals auf dem Bahnsteig. Als er seine Eltern und seine Schwester in den Armen hielt und davon ausging, dass sie sich niemals wiedersähen. Heute wurde er verlassen. Ein geliebter Mensch ließ ihn allein zurück. Es fühlte sich irreal an. Ungläubig hatte er die Nachricht von ihrem Tod aufgenommen, und seither schwoll der Kloß in seinem Hals an.
»So ist es immer«, murmelte Oliver wissend. Er hatte seine Eltern vor vielen Jahren beerdigt. »Wusstest du, dass er verbotenerweise die Urne auf den Hof gebracht hat?« Er verzog das Gesicht. »Typisch.«
Oliver, dem Ängstlichen unter ihnen, war es offensichtlich nicht geheuer, dass sie, statt auf einem Friedhof, auf diesem entlegenen Hof in Mecklenburg-Vorpommern standen und auf ihre eigene Art trauerten. Dieses Refugium, das sie sich Ende der 90er-Jahre günstig gekauft und sehr geliebt hatte.
Die Rede endete, und drei Frauen traten vor, um weiße Callas in das Gras neben die Urne zu legen. Kay rauschte das Blut in den Ohren. Mist, an ihre Lieblingsblumen hatte er nicht gedacht. Für sie wäre das nicht weiter schlimm gewesen, sie hätte gelacht, aber er hätte ihr gerne eine letzte Calla geschenkt. Er konnte nicht mehr klar denken, seit die Nachricht ihres Todes ihrer aller Leben verändert hatte.
»Ich fasse es einfach nicht, dass wir nie wieder zusammen feiern«, sprach Oliver weiter, als hätte er nichts bemerkt. »Ohne sie.«
Kay nickte. Der Kloß im Hals verhinderte das Sprechen.
Ohne … Ihm fiel auf, wie unansehnlich dieses Wort war. Ohne. Für immer ohne.
Aus heiterem Himmel stolperte Ricksen nach vorn, sank vor dem Holzkreuz auf die Knie und klagte lautstark, ohne dass Kay mehr als einzelne Worte verstand. Ricksen schwankte bedenklich, und Kay hoffte, dass er die Urne nicht umstieß. Das weinrote Gefäß aus Stahl stand schutzlos im hohen Gras vor dem kleinen Holzkreuz unmittelbar neben einer Birke. Sie hatten es mit ein paar krummen Winkelzügen geschafft, sie dem Bestattungsinstitut abzunehmen, um sie auf dem Hof für immer in die Erde zu lassen. Was selbstredend verboten war, aber noch lange kein Hinderungsgrund für die Truppe.
»Oh Gott, was tut er da?« Oliver stöhnte auf. »Er macht alles kaputt. Ich kann gar nicht hinsehen.« Er wandte sich demonstrativ ab. »Ich brauch ein Bier. Du auch?«
Kay nickte und sah sich um. Wo war Alexander? Die Zwillinge passten doch sonst gegenseitig aufeinander auf, aber Alexander stand weiter links unter den Bäumen und hielt eine weinende Frau im Arm. Er hatte keine Augen für seinen Bruder. Sollte Kay eingreifen? Ricksen würde nicht auf ihn hören und war vermutlich zu betrunken, um zu kapieren, dass seine Trauer zu ausdrucksstark war und aus dem Ruder zu laufen drohte. Andererseits stand nirgendwo geschrieben, wie man richtig trauerte, und wer war er, dass er seinem Kumpel vorschrieb, wie er seine Gefühle auszudrücken hatte?
In diesem Moment erklang laute Musik, und die Entscheidung erübrigte sich, denn Ricksen rappelte sich auf. Jemand hatte eine Musikanlage mit Boxen mitten ins Gras gestellt und den Ton aufgedreht. Es kam Bewegung in den Kreis, sie schüttelten ihre Erstarrung ab und ließen sich mit der Melodie treiben. Musik hatte in ihren Leben schon immer eine unentbehrliche Rolle gespielt und überwand alle Lücken, die zwischen ihnen klafften.
Die heutige Leere jedoch würde kein noch so sensibles Musikstück füllen. Der Verlust war real und unermesslich. Der Tod. Ein Leben lang hatten sie mit ihm gelebt, mit ihm gerechnet. Doch trotz Kays Aufmerksamkeit war es dem Tod gelungen, an einer unerwarteten Stelle zuzuschlagen.
Wenn er geahnt hätte, dass er so früh Abschied nehmen müsste … gewusst hätte, dass es das letzte Mal gewesen war … hätte er … ja, was eigentlich? Sich mehr gekümmert? Sich öfter blicken lassen? Mehr geredet? Hätte er ihr Auf Wiedersehen gesagt? Hätte er ihr sein Herz mitgegeben? Damit sie nicht allein war? Da, wo sie jetzt war.
Nicht geweinte Tränen brannten in seinen Augen.
Kay sah auf, um ein Augenpaar zu suchen, das ihn hätte trösten können. Er fand es nicht.
Nur die Birken schwankten im Wind.
Sie waren auseinandergedriftet. Enttäuschungen hatten zu Zwistigkeiten geführt. Und doch waren alle gekommen. Sie waren Freunde. Für immer verbunden – ein Leben lang. Sie hielten zusammen, wenn sie einander brauchten, selbst wenn sie sich lange nicht gesehen hatten. Auch wenn jeder für diese Freundschaft seinen Preis gezahlt hatte. Wir hätten es wissen können, wenn wir genauer hingehört hätten, dachte Kay. Wenn sie damals gewusst hätten, dass der Verrat in ihren Reihen saß, mit ihnen feierte, tanzte und trank, dann wäre es vielleicht anders gekommen.
Jemand schlug gegen seinen Arm. Hannes drückte ihm eine neue Bierflasche in die Hand und klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.
Noch ein Mitglied der alten Clique. Acht Rostocker Jungs, die sich in der ersten Klasse kennengelernt und ihre Jugend zusammen verbracht hatten. Eine Gruppe wilder Jungen, aus denen Männer geworden und die Freunde geblieben waren.
Hannes deutete mit dem Kinn zum Himmel, und Kay bemerkte eine dünne Rauchfahne. Plötzlich rückte sich in seinem Kopf zurecht, was er registriert, aber angesichts der vielen Eindrücke nicht eingeordnet hatte. Der Waldboden duftete nicht nur nach Lehm, totem Laub und Pilzen, sondern aus dem schmiedeeisernen Backofen, der in einer durch Eichen geschützten Ecke stand, stieg Rauch auf. In dem Ungetüm schmorte einer ihrer legendären Braten.
Leichenschmaus.
Der monströse Ofen war für Kay der Inbegriff von Wärme und Geborgenheit und Mittelpunkt ihrer Art von Lagerfeuer.
Wildschwein, Lachs, Gummistiefel, Pfefferminztee … Erinnerungsfetzen überfluteten Kay. Vor vielen Jahren hatte ein Kumpel aus Bad Doberan die Tür zum Hofgebäude mit einem solchen Schwung aufgerissen, dass sie gegen die Wand knallte. Es dröhnte ihm noch heute in den Ohren.
»Erinnerst du dich?«, fragte Hannes.
Er nickte. Hannes war genauso dabei gewesen wie die anderen.
Sie hatten gefeiert. Bis zum Morgengrauen hatten sie am Lagerfeuer getrunken und die politische Lage des Landes diskutiert. Auch damals hatte eine dünne Rauchfahne über dem Hof gelegen, aber es waren die Reste des Feuers gewesen, auf das strömender Regen prasselte. Das Haus lag still da, alle schliefen ihren Rausch aus. Kay war aufgestanden, weil er sich so elend fühlte, dass er sich einen Pfefferminztee gekocht hatte. Die Tür flog krachend auf und eine massige Gestalt füllte den Türrahmen. Kays Blick war getrübt, daher dauerte es, bis er ihn erkannte. Ein Freund aus Bad Doberan in gelben Gummistiefeln und gelber Regenjacke. Sein ungehaltener Ton schraubte sich unbarmherzig in Kays schmerzenden Kopf.
»Was ist hier los? Wo sind die anderen? Abladen ist angesagt!«, schrie er.
Kay hatte keine Ahnung, wovon er sprach, und hatte sich vorgenommen, in den nächsten Stunden keine unnötigen Reserven mit Sprechen zu vergeuden. Das Gebrüll hämmerte in seinem geschundenen Schädel. Bitte, flehte er innerlich, sei still. Er kniff die Augen zusammen.
»Ich brauche alle Hände. Das Ding wiegt über hundert Kilo. Los, los, weck die anderen.« Er klatschte seine in Arbeitshandschuhen verpackten Pranken zusammen. »Der Backofen muss vom Hänger.«
Das Grauen ließ Kay frösteln. Noch vor zehn Minuten hatte er sich die Seele aus dem Leib gekotzt, anschließend seinen Kreislauf so weit stabilisiert, dass er sich mit wackeligen Beinen in die Küche geschleppt hatte, und jetzt dieser Schreihals. Nein, das klappte nicht, niemals.
»Ich hab Migräne, schrei nicht so«, flehte er. »Ich fühle mich beschissen.«
Das Ende vom Lied war immer das gleiche: Sie standen parat und überschritten Grenzen. Der Doberaner tobte durch die Zimmer und niemand widersetzte sich seiner Naturgewalt. Sie schlichen nach draußen zum Hänger. In Unterhosen, schwankend, unfähig zu sprechen, grün im Gesicht, aber mit Arbeitshandschuhen und in Gummistiefeln. Sie wuchteten das Monstrum vom Hänger, schleppten es hinter den Schuppen in den Schatten zweier uralter Eichen. Inbegriff der gelebten Solidarität. Illegal in der Lehrlingswerkstatt gefertigt, im strömenden Regen geliefert, selbstlos geschenkt, mit den letzten Kräften getragen, um dort auf die Freunde zu warten. Wenn der weiße Rauch aufstieg, waren alle da.
Genauso war es heute. Die Truppe kam zusammen, um gemeinsam Abschied zu nehmen und zu essen. Kay war sicher, keiner der Nachbarn ahnte, dass sie einer Urne voll Asche den letzten Respekt erwiesen, um sie in der Nacht im Erdreich zu vergraben. Sie hielten sich mal wieder nicht an die Regeln. Kein Grab, kein Pastor, kein Händeschütteln, keine Beileidsbekundungen. Nichts, was das Herz noch schwerer werden ließ, als es ohnehin schon war. Sie hätte das nicht gewollt. Sie hätte sich gewünscht, dass jemand die Musik aufdrehte und sie lachten und tanzten, egal, wie ihnen zumute war.
Hannes schob Kay vorwärts an eine der langen Biertischgarnituren. Die standen im Windschatten des früheren Stalls. Die Gebäudeteile des Hofes verfielen langsam, doch das hatte ihr nichts ausgemacht. Für sie war es nur wichtig gewesen, sich hier von der Arbeit in Hamburg zu erholen. Sie setzten sich und drehten wortlos die Bierflaschen in den Händen.
Die Traurigkeit strömte durch Kays Körper und hinterließ ein schweres, dumpfes und kraftvolles Echo. Da war mehr als der Sound der Musik, die Resonanz in seinem Herzen, etwas nahm ihm die Luft. Kay sah zu Hannes. Spürte er es auch? Hannes erwiderte seinen Blick nicht. Er starrte auf die Tischplatte.
Kays Arme überzog eine Gänsehaut. Er schwitzte – in der Kälte der Dämmerung. Er sah sich um, vom Ofen zum Tisch mit dem Geschirr und den Salaten, den Männern, die Holz sammelten für das Lagerfeuer. Er spürte etwas … aber da war nichts. Nur die Gruppe mit den Frauen, die am Rand standen.
Da sah er ihn. Sein Atem stockte. Das war unmöglich!
Der Mann bewegte sich langsam auf die Frauen zu. Er schlich sich förmlich an. So unerwünscht wie ein blinder Passagier.
Kay blinzelte. Starrte den Mann an. Noch hatte ihn niemand bemerkt.
Niemals käme er zu ihrer Beerdigung. Er würde es nicht wagen.
Kay hatte ihn seit damals nicht wiedergesehen.
Der Verräter! Er war zu ihrer Beerdigung gekommen.
Hannes sah ihn fragend unter zusammengezogenen Augenbrauen an. Er hatte Kays Veränderung bemerkt. Oder seinen stoßweisen Atem gehört?
Er war hier! Und das war unvorstellbar!
Wut kroch in Kay hoch. Hass. Entsetzen.
Er ballte die Fäuste. Hatte der Kerl denn nichts begriffen?
Er sprang auf, wollte Hannes zeigen, was er entdeckt hatte, als ein neues Lied aus den Lautsprechern dröhnte.
Genesis. The Carpet Crawlers.
Das war doch kein Lied für eine Beerdigung. Ausgerechnet in diesem Moment, in dem alles wieder von vorn begann.
There’s no hiding in my memory. There’s no room to avoid.
In meiner Erinnerung gibt es kein Entkommen. Keinen Ort, um auszuweichen.
Vielleicht kein Lied für eine Trauerfeier, aber das ultimative Lied für sie alle.
Acht Freunde, die Jahrzehnte durch dick und dünn gegangen waren. Bis das Leben sie überholt hatte. Schneller sein Programm abspulte, als sie laufen konnten. Erbarmungslos zuschlug und sich einen nach dem anderen holte.
Kay ließ sich auf die Bank zurückfallen. Seine Beine trugen ihn nicht länger. Er war fassungslos. Mit seinem Auftauchen kamen alle Gefühle wieder hoch. Es gab keine Möglichkeit, ihnen auszuweichen. There’s no hiding in my memory.
Und er sah den Moment vor sich, als das wahre Leben in Gang kam. Als er damals im Sommer 1980 mit seinen beiden besten Kumpels, Juri und dem Prof, ein letztes Mal die Schultreppe hinunterlief und hoffte, sie wären frei. Sie waren so gutgläubig gewesen, dass sie nicht bemerkt hatten, dass ihnen das Leben bereits entglitt.
Jemand sang den Text lautstark mit. Hannes stimmte mit ein.
Alle sangen mit. Sie kannten den Text auswendig.
The Carpet Crawlers – das perfekte Lied für ihre Trauer.
Kein Glockengeläut.
Bloß Rockmusik.
Rostock, Juli 1980
Der Direktor leierte seine endlose Ansprache herunter, als hätte ihm niemand gesagt, dass an diesem Tag die Sommerferien begannen.
Kay saß in der letzten Reihe der Klasse und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Hörte das denn überhaupt nicht mehr auf?
»Heute entlassen wir euch als starke sozialistische Persönlichkeiten in eine Zeit nach der Schule, in der ihr einen Beruf erlernen werdet, um unseren Arbeiter- und Bauernstaat zu stärken …«
Bla, bla, bla. Kay verdrehte die Augen, als sein bester Kumpel Thoralf, genannt der Prof, sich verstohlen zu ihm umdrehte und grinste. Wann war der Direktor endlich fertig? Kay starrte auf das gerahmte Farbfoto von Erich Honecker, das über der Tafel vergilbte. Selbst Honecker wirkte genervt, und die Tafel verhöhnte ihn frisch gewischt und nass glänzend.
Von seinem Platz erhaschte Kay durch das Fenster einen Blick auf das linke hintere Ende des Sportplatzes. Leer. Alle Schüler waren in die Sommerferien entlassen, doch ausgerechnet in seiner Abschlussklasse tobte sich der Direktor aus. Kay ließ seine Augen weiterwandern. Bei Ricksen stoppte er, denn der gab heimliche Zeichen unter dem Tisch. Ah, er wollte was trinken. Klar, heute würden sie bis zum Umfallen feiern.
»Durch eure Tatkraft und eure Arbeitskraft stärkt ihr den Frieden und den Sozialismus.« Der Direktor klatschte begeistert in die Hände.
Kay starrte auf die Wandzeitung der Schüler. Der Agitator hatte sich noch einmal richtig ins Zeug gelegt, um die politische Bildung der Klasse auf Linie zu trimmen. Allerdings hatte er sich an seiner Clique die Zähne ausgebissen. Sie hatten wirklich Besseres zu tun, als an Politiker zu glauben. Sie nahmen ihr Leben selbst in die Hand.
Endlich hörte der Direktor auf zu schwafeln. Jetzt noch die Ehrung der beiden Volltrottel, und sie hatten es geschafft. Der Direktor setzte ein strahlendes Lächeln auf, und Berni und Rudolf traten vor.
»Wir begrüßen die Entscheidung der beiden Genossen, die sich für den Friedensdienst in der Nationalen Volksarmee verpflichtet haben. Wir sind stolz auf Sie!«
Berni und Rudolf waren die beiden Hirnis, die den Abschluss nur mit Mühe geschafft hatten und bei der Berufswahl nicht zimperlich sein durften.
»Durch Ihre Entscheidung legen Sie ein Bekenntnis zu unserem Friedensstaat ab. Sie verlängern den Dienst in der Nationalen Volksarmee und werden Berufssoldaten. Bravo!«
Der Prof drehte sich erneut um, zog eine Grimasse und steckte sich einen Finger in den Mund, als müsse er sich übergeben. Recht hatte er, die salbungsvollen Worte waren unerträglich. Ob der Direktor selbst daran glaubte?
»Wir beenden den Unterricht mit dem Gruß der Freien Deutschen Jugend: Freundschaft«, rief der Schulleiter.
»Freundschaft«, antwortete die Klasse im Chor. Endlich ließ der Direktor von ihnen ab und öffnete die Tür.
Frei!
Geschafft!
Das Wort lief in Endlosschleife durch Kays Kopf. Tatsächlich geschafft. Er rannte erleichtert durch den Flur und eilte die Steintreppe der Schule hinunter – in den Sommer hinein. In der einen Hand das Abschlusszeugnis und in der anderen die Schultasche. Alle schubsten und stießen sich. Sie schrien und lachten. Dem Prof saß die Nickelbrille schon ganz schief auf der Nase.
»Um vier im Lindeneck«, brüllte Ricksen und rannte bereits durch das Schultor. Niemand spurtete schneller. Selbst sein Zwillingsbruder Alexander blieb hinter ihm zurück. Er war allerdings auch zehn Minuten älter.
Der Sonnenschein hinterließ wohltuende Wärme auf ihren ausgekühlten Körpern, die während der Rede hinter den dicken Mauern der Schule ausgeharrt hatten. Sommerferien und Ende der Schulzeit, das bedeutete den Aufbruch in ein neues Leben. Kay blieb stehen, breitete die Arme aus und schrie es in die Welt: »Geschafft! Raus hier!«
Er hatte sich im letzten Schuljahr angestrengt, um sich die Chance auf eine Ausbildung zum Vollmatrosen auf hoher See nicht zu verscherzen. Es hatte nicht immer rosig für ihn ausgesehen, denn Schule war nicht so sein Ding.
Der Prof grinste und schubste Kay voran. Sie waren Freunde, seit sie sich in der ersten Klasse begegnet waren. Sie wussten nicht, wie es dazu gekommen war, denn Thoralf war der brave Sohn eines Biologielehrers, trug eine Nickelbrille und war sanftmütig. Kay hingegen war ein langer Schlaks, der keinen Unfug scheute. Aber sie verstanden sich blind, und Kay und die anderen nannten ihn den Prof, denn wer wollte schon Thoralf heißen? Diesen Namen benutzten nur die Lehrer. Oder sein Vater. Der war so prinzipientreu, dass ihm der Spitzname seines Sohnes nicht über die Lippen kam. Die Mutter flüchtete sich in Knuddel. Beides war dem Prof furchtbar peinlich, aber mit dem Spitznamen, den die Clique ihm verpasst hatte, heilten seine Wunden.
Neben dem Prof war Juri Kays bester Kumpel. Juri war wie ein Bruder für ihn und er kannte ihn sogar noch länger als den Prof. Juri war darüber hinaus ihr unangefochtener Rädelsführer. Sie drei bestanden ihre Abenteuer zusammen, und es passte kein Blatt zwischen sie.
So wie bei einem Schulausflug in der fünften Klasse. Sie pilgerten mit ihrer Klassenlehrerin Frau Gräfling durch eine Grünanlage in Stralsund. Schulausflüge waren der Gipfel der Langeweile, und so hatten sie vorgesorgt. Im Park war ihr Moment gekommen, Frau Gräfling spazierte mit den Mädchen voran, und die drei ließen sich zurückfallen, bis sie am Ende der Kinderschar ankamen. Juri nickte. Jetzt. Der Prof holte zwei Schläuche WITTOL-Bohnerwachs aus seinem Rucksack und Kay die Streichhölzer. Juri riss die Ecke eines Schlauchs mit den Zähnen auf. Am nächsten Papierkorb drückte er eine ordentliche Portion in den Mülleimer, und Kay warf das Zündholz hinterher. Das Ganze brannte wie Zunder. Pfeifend und ohne sich umzudrehen, schlenderten sie weiter und beglückten jeden einzelnen Papierkorb mit ihrer Prozedur. Ein Riesenspaß. Jedenfalls bis die Mädchen sich umdrehten und Frau Gräfling alarmierten. Die sah fünf Papierbehälter in loderndem Feuerschein und kreischte, wobei hektische rote Flecke ihr Gesicht überzogen, was mindestens so vergnüglich war, wie das Feuer zu legen.
Sie ahnte, dass es die Handschrift vom Kleeblatt war, aber sie schüttelten treuherzig die Köpfe und gaben sich ahnungslos. Frau Gräfling brach den Spaziergang ab, und sie traten die Heimreise an. Schade, es warteten noch so viele Papierkörbe auf ihre Sonderbehandlung.
Das lag nun alles hinter ihnen. Keine Schulausflüge und kein langweiliger Unterricht mehr. Kay freute sich auf die Ferien und auf seine Ausbildung. Sein Herz klopfte wild, wenn er nur daran dachte. Sein Ziel lag direkt vor ihm: Er wollte Seemann werden. Es hab keine Alternative zu diesem Traum, und sollte ihn jemand hindern, die Weltmeere zu bereisen, Südamerika und andere exotische Kontinente kennenzulernen, dann wäre sein Leben sinnlos und verloren. Seefahrt! Kay fand, das hörte sich nach verdammt viel Abenteuer an. Und er hatte noch größere Pläne: Er peilte ein Nautik-Studium an! Die Erfüllung seiner Träume.
Er wusste, dass die anderen aus der Clique ihrer Ausbildung nicht so optimistisch entgegenblickten, und versuchte, seine Euphorie nicht zu deutlich zu zeigen. Freiheit! Er war der Einzige von ihnen, der zu diesem Zeitpunkt eine vage Idee davon hatte, was das bedeutete. In wenigen Wochen begann seine Ausbildung an der Betriebsschule und auf dem Ausbildungsschiff. Das Schiff, die Georg Büchner, lag gegenüber dem Rostocker Überseehafen. Dort würde er das Rüstzeug erlernen, um die Welt zu bereisen. Das erste Jahr war zwar wieder Unterricht, aber mit Schule nicht zu vergleichen. Diesmal lernte er die wichtigen Dinge des Lebens: Wetterkunde, Schiffsmaschinen- und Ladungskunde und Verkehrsgeografie. Noch wusste er nicht genau, was sich dahinter verbarg, aber die Wörter klangen so schön wie ein Schiffshorn im Nebel.
Juris Stoß in die Seite brachte ihn schmerzhaft in die Gegenwart zurück.
»Komm aus der Hüfte, sonst sind wir die Letzten«, motzte er.
Kay beschleunigte seine Schritte, doch schon an der nächsten Ecke spekulierte er weiter. Er würde sich verdammt anstrengen müssen, damit er die Ausbildung erfolgreich absolvierte und anschließend zur See fahren durfte. Für die Aussicht, als Matrose zu reisen und die DDR zeitweise hinter sich zu lassen, beneideten ihn seine Freunde und Feinde glühend. Er war für die Clique der Vorposten in die Welt, er war der Exot, der an der Freiheit schnupperte, und er gab zu, ihm gefiel diese Sonderrolle.
Er erinnerte sich an den Moment, als die VEB Deutfracht/Seereederei seine Bewerbung für die Ausbildung zum Vollmatrosen annahm. Er hatte sein Glück kaum fassen können. Sein Ziel war zum Greifen nah, und bis zum Schluss hatte er gefürchtet, dass die Stasi ihm einen Strich durch die Rechnung machen würde. Sein Plan war, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Der fuhr seit den 60er-Jahren zur See und hatte ihm jahrelang wilde Geschichten über ferne Länder erzählt, die Kay anzweifelte. Sein Vater hatte ihm deshalb das Versprechen abgenommen, selbst Seemann zu werden und seine Schilderungen zu überprüfen. Darauf hatte Kay nur zu gerne eingeschlagen.
Fast wäre er gescheitert. Zwar klappte es einigermaßen mit den Unterrichtsfächern der Schule, die Noten in Betragen und Ordnung ließen leider umso mehr Interpretationsspielraum. Er war so beschäftigt damit, sich auszuprobieren, dass er die Zukunft als verplant betrachtete. Er würde zur See fahren. Fakt. Seine Bewerbung hatte er in der achten Klasse abgegeben. Das war zwei Jahre her, und in der Zwischenzeit hatte er geklaut, gezündelt, gestritten, gerauft. Erst als ihn seine Deutschlehrerin zu sich rief und ihm sagte, die Stasi habe sich ausführlich nach ihm erkundigt, dämmerte ihm die Tragweite seiner Naivität. »Streng dich an!«, mahnte sie. »Nicht alle Lehrer mögen dich! Du bist zu undiszipliniert.«
War es das, was sein Vater ihm als umfangreiche Sicherheitsüberprüfungen angekündigt hatte? »Junge, der Staat wird deine Loyalität unter die Lupe nehmen, nicht jeder darf zur See fahren!«
Warum eigentlich nicht?
Er hakte bei den Nachbarn nach, und siehe da, die Stasi hatte tatsächlich geklingelt und gefragt, wie Kay sich in der Hausgemeinschaft führe. War er für Dummheiten verantwortlich? Über welche Themen sprach er? Hatte er eine politische Meinung, und wenn ja, welche?
Ungeheuerlich! Die Stasi verstand nicht, dass sein Wunsch, zur See zu fahren, hervorragend geeignet war, seine Neugier auf das Leben zu befriedigen. Seine politische Meinung tat doch dabei nichts zur Sache.
Juri sprach ihm Mut zu. »Die finden nichts, bleib ruhig. Du bist ein Guter!«
Er riss sich zusammen, schleimte sich bei den Lehrern ein und schaffte in der zehnten Klasse eine glatte Zwei in Betragen. Rekordverdächtig. Der erste Schritt in die große, weite Welt war geschafft.
Der Prof und Juri waren in ihre Straße abgebogen. Eine Querstraße vor dem großen Findling. Kay wohnte eine Straße dahinter. Graue Plattenbauten aus den 60er-Jahren in Rostocks Südstadt prägten das Viertel. Zu seinem Block gehörten vier Aufgänge, in jedem Hauseingang zwölf Wohnungen mit mindestens fünfzehn Kindern pro Aufgang. Das Viertel brummte, und auf den Wiesen spielten sie Fußball. Leider waren die Blumenbeete wüst heruntergetreten, denn irgendjemand suchte immer seinen Ball. Aber Fußball spielende Kinder waren glückliche Kinder, und deshalb gab es wenig Schelte von den Erwachsenen.
In jede Himmelsrichtung lagen eine Kaufhalle mit Nahrungsmitteln, ein Blumenladen, der Schuster und die Post – fertig war das Wohngebiet. Klar, es gab Spielplätze und sogar einen Rodelberg, aber keine Geschäfte, keine Klubs, keine Kneipen, kein Kino. Das war ihre Welt, und die engte sie ein. Die einzige Kneipe, der sogenannte Fritz, hielt tagsüber als Schulspeisungskantine her. Abends übernahmen die Biertrinker den Laden, und manchmal fanden sich Reste von Tomatensoße oder eine einsame Nudel auf den Tischen. Nein, hier ließ sich die Welt nicht erobern. Die Freunde schwärmten aus, und das Lindeneck im gepflegten Viertel Bei der Tweel mauserte sich fortan zu ihrem ständigen Treffpunkt, Zufluchtsort und Wohnzimmer. Einer war immer da, oder man setzte sich hin und wartete. Meist blieb man nicht lange allein.
Sascha, der Sohn des Wirts, entwickelte sich zum treuen Freund. Obwohl – oder gerade weil er zwei Jahre älter war als der Rest der Clique.
Kay kramte den Wohnungsschlüssel aus der Tasche und schloss die Wohnungstür auf. Schnell ein spätes Mittagessen, um die Grundlage für die Feier zu schaffen. Er wollte feiern, keine Fragen seiner Mutter beantworten und erst recht nicht seine acht Jahre jüngere Schwester Cora zu ihren Freundinnen bringen. Die Schultasche knallte er in die Ecke, das Zeugnis auf den Tisch in der Küche.
»Ich bin gleich wieder weg«, rief er seiner Mutter zu, die den Küchentisch für ihn deckte.
Er stoppte ab, denn mitten auf dem Tisch lag eine Postkarte, die ihm sofort ins Auge stach. So einen azurblauen See, mit farbenfrohen Häusern drum herum und hohen Bergen im Hintergrund, hatte er noch nie gesehen. Er griff nach der Karte und drehte sie um. Sie war an seine Mutter gerichtet. Wolf, ein weitläufiger West-Verwandter, war im Urlaub und sandte ihr Grüße.
»Italien«, schwärmte sie. »Der Gardasee. Da wäre ich gerne.«
Kay trug die Karte in sein Zimmer, schnupperte an ihr und meinte, Freiheit und Sonnencreme daran zu riechen. Er stieg auf das Hochbett, das sein Vater ihnen gebaut hatte. Er oben, Cora unten. Die Eltern schliefen im Wohnzimmer. Die Wohnung war verdammt eng. Aber hier oben kam niemand hoch, und er hatte sich seine eigene kleine Welt erschaffen. Die große Welt, denn an der Wand und an einem Teil der Decke klebten Postkarten dicht an dicht. Er sammelte die Grußkarten seit Jahren, und jeder, der ihn kannte, wies die West-Verwandtschaft an, ihm unbekannterweise zu schreiben. Er erhielt Postkarten aus der ganzen Welt und hatte im Geiste ebendiese vielfach bereist. Nur Asien und Australien waren graue Flecken auf seiner imaginären Weltkarte, aber das würde schon noch kommen. Er freute sich darauf, jeden dieser traumhaften Orte eines Tages mit eigenen Sinnen zu erleben. Als Seefahrer müsste das doch möglich sein, oder?
Er riss sich das durchgeschwitzte T-Shirt vom Leib und griff eines, das auf dem Bett lag. Nicht das frischeste, aber es würde genügen. Für ihre obligatorische Uniform aus Jeans, T-Shirt, Jeansjacke und weißen Turnschuhen war es heute viel zu heiß.
In der Küche füllte seine Mutter die Schnippelbohnen auf den Teller und lehnte sich dann an den Herd, um sein Abschlusszeugnis zu studieren. Sie begriff erst jetzt, wo sie es schwarz auf weiß las, dass ihr Sohn die zehnte Klasse geschafft hatte. Er gab zu, nachdem sie die Handgranate am Lehrerzimmer angebracht hatten, sah es eine Weile so aus, als würde aus dem Abschluss nichts. Auch wenn die Handgranate nur eine rostige Fundmunition war und nicht mehr scharf und gefährlich, hatte sie doch einen Riesenwirbel verursacht. An eine andere Schule versetzten sie am Ende nur den ein Jahr älteren Ulli, einen Mitläufer. Er sonnte sich in dem Ruhm, die Clique nicht verraten zu haben. Das rechneten sie ihm zwar hoch an, aber zu ihnen gehörte er trotzdem nicht. Sie waren eben kein pflegeleichter Haufen.
Kay drängte seine Mutter zur Eile und stürzte sich hungrig auf eine Frikadelle direkt aus der Pfanne. Etwas Kaltes wäre ihm lieber gewesen, aber egal. Er wollte ins Lindeneck und die Jungs treffen: Juri, den Prof, Oliver, die Zwillinge, Hannes, Sascha und er – eine eingeschworene Gemeinschaft.
Er hatte großen Hunger. Leider hatte er immer Hunger. Er spießte die Bohnen eilig mit der Gabel auf, schlang die zerpflückte Frikadelle hinunter und sprang auf, sowie er fertig war. Die Proteste seiner Mutter ignorierte er, als er von seinem Zimmer aus hinüber auf den anderen Wohnblock starrte. Von dort aus dem Fenster sah er nicht nur die Wäschestangen auf dem Rasenstück zwischen den Wohnblöcken, sondern direkt gegenüber in Hannes’ Zimmer, was praktisch war, denn sie trafen ihre Verabredungen per Handzeichen. Ein Telefon hatte natürlich niemand von ihnen, das war den Privilegierten, Parteifunktionären und der Stasi vorbehalten. In ihrem Neubaugebiet gab es nicht einmal eine Telefonzelle, aber die Not machte erfinderisch. Geheime Zeichen in den Fenstern transportierten die wichtigsten Informationen, oder sie klingelten auf Verdacht an der Tür.
Mitunter war es auch nervig, vis-à-vis von Hannes zu wohnen. Denn wenn Hannes früh aufstehen musste und sah, dass bei Kay noch die Vorhänge geschlossen waren, drückte er schon mal lang anhaltend die Türklingel, damit Kay ja nicht weiterschlief. Hannes war ein fauler Mistkerl. Ständig hatte er irgendwelche Einwände, um sich nicht bewegen zu müssen. Es war ihm zu heiß oder zu kalt, er hatte Hunger oder Durst, und wenn seine Faulheit eine sportliche Disziplin wäre, käme Hannes nicht über den vierten Platz hinaus – nur damit er nicht aufs Treppchen steigen müsste. Aber er war klug und groß und verschaffte sich auch ohne Worte Respekt. Ließ er sich dazu herab, zu argumentieren, stieg sein Ansehen noch weiter.
Heute jedoch war Hannes’ Zimmer leer. War er schon im Lindeneck?
»Wird spät«, rief er vom Flur aus in die Küche.
»Willst du schon wieder los?« Seine Mutter seufzte ergeben. »Trink nicht so viel.«
In weniger als dreißig Sekunden war er aus der Tür, sprintete die Treppe hinunter. Die Hitze war unerträglich, und die Frikadelle lag ihm nun schwer im Magen. Wobei ihm alles schwer im Magen lag, weswegen er auch so spindeldürr war. Er hatte schon seit frühester Kindheit Probleme mit dem Essen – er vertrug es nicht. Er verdaute das Essen offenbar nur rudimentär, und heftiges Sodbrennen quälte ihn Tag und Nacht. Daher ließ er immer häufiger Mahlzeiten aus, um sich besser zu fühlen, jedenfalls, wenn man von dem ständigen Hunger absah.
Er bog in Juris Straße ein. Der Prof stand lässig an die Hauswand gelehnt und strahlte ihn an. In diesem Moment kam auch Juri aus dem Haus gerannt. Sie waren auf dem Weg in ihre Zukunft, es war Sommer, die Sonne brannte, und niemand hielt sie auf. Und genau dieses Lachen lag auf Juris Gesicht, der mit seinen langen blonden Haaren definitiv ein Frauenschwarm war.
Egal, jetzt zählte nur, wer zuerst am Lindeneck war.
Rostock, Juli 1980
Hannes sah zum hundertsten Mal auf die Wanduhr über dem Gläserregal. Sie warteten schon eine Ewigkeit, als Kay, Juri und der Prof endlich die dunkle Kneipe betraten. Hannes verstand nicht, was bei den dreien so lange gedauert hatte. Wahrscheinlich hatten die Hirnis noch bei Mama gegessen, statt zu verstehen, dass sie Wichtiges vorhatten. Heute plante die Clique die Feier zum Schulabschluss, die Vorbereitung auf ihre Sommerferien, die sie auf dem Campingplatz am Krakower See verbringen wollten – und nichts Geringeres als ihre gemeinsame Zukunft.
Hannes holte tief Luft. Wie würde es weitergehen in ihrem Leben? Was erwartete sie außerhalb ihres Lindeneck-Wohnzimmers und dem Schutz der Schule?
Das Lindeneck war die einzige anständige Kneipe weit und breit. Der Weg zur Eingangstür war von Hecken umsäumt, und an der nächsten Ecke standen tatsächlich ein paar Linden, was nicht selbstverständlich war. Schräg gegenüber verhöhnten einen die protzigen Villen der Parteifunktionäre und ließen das Lokal noch ärmlicher erscheinen. Auf dieser Seite der Straße dominierten triste, halb verfallene Häuser in verschiedenen Grau- und Brauntönen. Das Lindeneck reihte sich hier mühelos ein, und auch innen machte es nicht viel her. Das alte, dunkle Mobiliar war geschmückt mit geblümten Sitzkissen, die schon bessere Zeiten gesehen hatten. Es roch verraucht und nach abgestandenem Bier. Aber die Stimmungwar stets ausgelassen und fröhlich, die Preise waren niedrig, Rauchen war erlaubt, es gab keine Schlägereien und keinen Ärger, nur ehrliche Menschen, die ihr Bier genossen.
Frau Niekrenz, die etwas übergewichtige Tresenkraft in bunter Kittelschürze, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Jungs in Schach zu halten. »Kippeln Sie nicht mit dem Stuhl, Herr Krissler« und »Machen Sie keine Glutflecken auf die Tischdecke« sagte sie oft, wenn sie die Teller an den Tisch balancierte und stets mit ihrem Daumen im Kartoffelsalat steckte. Hannes fand sie voll in Ordnung, denn sie hatte ihm Würstchen mit Kartoffelsalat hingestellt, bevor er auch nur etwas gesagt hatte. Sie kannte ihre Pappenheimer, und er liebte es, überflüssige Worte zu sparen.
Die drei Hirnis stoppten an der lang gezogenen Theke, um Sascha zu begrüßen. Er stand hinter dem Tresen und half seinem Vater, Bier zu zapfen. Obwohl ihnen die Zwillinge hektisch zuwinkten, ließen sich die Ankömmlinge nicht hetzen. Gott sei Dank wies Sascha bedauernd auf den vollen Schankraum, er hatte keine Zeit zu plaudern. Die drei wandten sich ab und klopften endlich zur Begrüßung auf den Tisch, zwängten sich zu Hannes und den anderen auf die Bank und sahen erwartungsvoll in die Runde. Händeschütteln gab es bei ihnen nicht, für plumpe Vertraulichkeiten waren sie nicht zu haben.
»Habt ihr für uns mitbestellt?«, fragte der Prof.
Hannes nickte, und wie auf Kommando erschien Frau Niekrenz mit drei Humpen Rostocker Pils. Hellbier oder Pils aus der gleichen Brauerei, mehr hatte das Lindeneck nicht zu bieten, aber dafür war es billig. Sie stießen auf das Schulende und auf ihre Freiheit an, wobei noch etwas nebulös blieb, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollten. Hannes seufzte. Deshalb war das Treffen heute so wichtig, aber außer ihm schien das niemand zu verstehen. Kay war der Einzige von ihnen, der mit seinem künftigen Beruf zufrieden war. Er wollte Seemann werden. Für ihn wäre das nix, aber Gott, wenn Kay denn das Leben seines Vaters nachäffen wollte, bitte sehr. Hannes eiferte seinem Alten auf keinen Fall nach, der arbeitete als Ingenieur in einer Konservenfabrik. Zwar beneidete er Kay um die Aussicht, die Welt zu bereisen, aber es nervte ihn unendlich, dass der Freund sich dafür so anpasste und verbog. Er war richtig artig geworden. Dabei stand die Freiheit ihnen allen zu, oder? Die Freiheit, mit seinem Leben tun und lassen zu dürfen, wozu man Lust hatte.
»Geschafft«, entfuhr es Kay, als könne er Hannes’ Gedanken lesen.
»Und wozu?«, fragte Alexander. »Du willst die Welt erobern, aber sie lassen dich nicht, wirst schon sehen. Die halten dich bestimmt an der kurzen Leine, und du darfst das Schiff in den Häfen nicht verlassen.«
»Uns lassen sie schon gleich gar nicht«, fuhr Ricksen fort.
»Wir sollen Bauteile zusammenschrauben«, maulte Alexander.
Vor ein paar Monaten hatten die Eltern der Zwillinge sie für eine Lehre zum Maschinen- und Anlagenmonteur angemeldet. Jeglicher Protest der Jungen war im Schulterzucken der Eltern geendet. Es gab keine Alternativen. Meist gingen die Kinder in den Betrieben in die Lehre, in denen ihre Väter bereits angestellt waren und ein gutes Wort für sie einlegten.
»Ich mach das nicht«, schimpfte auch Ricksen.
»Wir arbeiten nicht in der Fabrik«, erklärte Alexander und riss den Arm hoch. »Frau Niekrenz, noch eine Runde halbe Liter.«
Das sind ja ganz neue Töne, dachte Hannes. Wachten die Zwillinge endlich auf? Er bezweifelte das, zog eine Augenbraue hoch und sah Ricksen so fragend an, dass dieser weiterredete.
»Glaubst du, ich versauere in einem doofen Kombinat? Ich möchte fotografieren oder was mit Kunst …«
Hannes prustete los. Ricksen ein Fotograf? Er hatte in seinem ganzen Leben keinen Fotoapparat in der Hand gehalten, geschweige denn Interesse an Kunst gezeigt.
»Hey, Kumpel, sei nicht böse, aber ihr beiden und Kunst, da fällt es mir schwer, die Linse scharf zu stellen.« Er warf Ricksen einen versöhnlichen Blick zu. Gab es überhaupt Kunst in ihrem Arbeiter- und Bauernstaat? In ihrer Gegend jedenfalls nicht. Er kannte keine Galerie, es gab kein Theater, keine Bühne, nichts. Er fand es aber irgendwie auch charmant, dass Ricksen wenigstens so tat, als wolle er seinem Leben Sinn geben. Ihm hingegen war noch nichts eingefallen, wie er dem tristen Grau entgehen könnte. Er war nur heilfroh, die Schule hinter sich zu haben.
»Dann eben nicht Fotograf. Irgendwas, ist sowieso nicht von Dauer. Wir wollen nach Hamburg, das wäre was. Bloß raus hier. Is’ doch nicht so schwer zu kapieren«, verkündete Alexander.
Es geschah oft, dass ein Zwilling den Gedanken des anderen zu Ende führte.
Sie lachten immer noch. Ricksen knallte seine Marlboro-Packung auf den Tisch. Der Angeber hatte sie zwar mit DDR-Kippen gefüllt, aber die West-Packung sah lässiger aus.
»’ne Runde Stoni!« Er bestellte Kräuterlikör, dabei waren die halben Liter Bier noch nicht am Tisch. Ricksen pulte eine Zigarette aus der Packung und versuchte, sie mit seinem Feuerzeug anzuzünden. Es war leer. Genervt blinzelte er in die Runde.
»Gräm dich nicht«, sagte Hannes und schnippte ihm eine Schachtel Streichhölzer zu. »Wir sitzen alle im gleichen Boot. Kay wird wahrscheinlich in Polen und im Osten rumschippern. Nix is mit der weiten Welt. Niemand kommt so einfach aus dem Land.«
»Kennt ihr den?«, unterbrach Oliver. »Nenne eine Insel im Roten Meer!«
Seine Kunstpause füllte Juri mit einem tiefen Seufzen.
»Berlin!«
Keiner lachte.
»Wenn wir zusammenhalten, wird sich was ergeben. Wir helfen uns gegenseitig«, sagte Kay.
Natürlich, er versuchte mal wieder, die Truppe positiv zu stimmen. Hannes wusste, wie wichtig Kay die Freundschaft der Jungs war. Für ihn waren sie wie Brüder, aber Kay verschloss die Augen vor der Realität.
»Es ist doch vorhersehbar, was auf uns zukommt.« Der Prof senkte seine Stimme. »Lehre, dann Wehrdienst, irgendwann Heirat, nur damit man Chancen auf eine Wohnung hat, und den Rest der Zeit den Familienkredit abarbeiten, anschließend Bierbauch, Frust und Sterben.«
Gott sei Dank erschien Frau Niekrenz mit der Runde Bier und Stonsdorfer, bevor sie sich im Nebel der Hoffnungslosigkeit verloren. Es mochte ja Menschen geben, die diese vorgefertigten Lebensläufe als wohltuende Sicherheit empfanden, doch Hannes wusste, dass sie nicht dazugehörten.
»Ich habe Schluss, meine Herren, die Aushilfe übernimmt.« Die Kellnerin stellte das Tablett mit den Gläsern ab und fuhr fort: »Zwischenrechnung: Achtzehn Mark. Teilt euch das!« Ihre in die Hüften gestemmten Hände signalisierten, dass sie keine Lust hatte, jeden einzeln abzukassieren. Die Jungen klaubten ihr Geld aus den Taschen, und bald lagen genug Münzen auf dem Tisch, um die Rechnung zu begleichen. Frau Niekrenz verteilte Bier und Liköre und wünschte ihnen einen schönen Abend.
»Wir besaufen uns jetzt und planen unseren Sommerurlaub in Krakow«, erklärte Juri. »Freut euch, statt in Frust zu versinken. Wir haben die Schule geschafft, und nun will ich was erleben und ein paar Mädchen kennenlernen. Habt ihr schon Proviant?«
Damit meinte Juri die Alkoholvorräte. Es war ihnen nicht erlaubt, größere Mengen Bier oder harte Sachen einzukaufen, deshalb mussten sie akribisch planen, wie sie an genügend Alkohol herankämen. Noch so eine staatliche Ungerechtigkeit, die sie mit kreativen Mitteln umgingen.
»Ich hab ’ne Flasche Pfeffi in den Kartoffeln versteckt, da findet mein Vater sie nie.« Dem Prof saß die Brille schon wieder schief auf der Nase.
»Astrein, aber mit Pfefferminzlikör kommen wir nicht weit«, wandte Juri ein. »Was haltet ihr davon, wenn wir Ulli mitnehmen? Er ist volljährig und kann für uns den Nachschub organisieren.«
Kurze Stille.
Sie dachten an die Nummer mit der unscharfen und rostigen Handgranate an der Lehrerzimmertür. An sich hatte Ulli die Aufnahmeprüfung für die Clique definitiv bestanden. Trotzdem wollte ihn keiner dabeihaben. Ulli hingegen würde sich die Chance nicht entgehen lassen und sie begleiten.
»Das erweitert unseren Spielraum ungemein.« Juri hob den Daumen.
Alle nickten. Juri ist doch ein Teufelskerl, dachte Hannes. Für jedes Problem eine Lösung. Ob er auch eine Idee hatte, wie man diesem frustrierenden Staat entkommen könnte? Wie sich aus der Zukunft Lebenswertes herausschälen ließe?
»Wir trinken auf die Freundschaft«, rief Juri. »Wir lassen uns von der Scheiße hier nicht auseinanderbringen, klaro?«
Sie hoben die Biergläser und schlugen ein.
»Ewige Freundschaft, egal, was passiert!«, rief Kay begeistert.
Juri grinste. »Bis dass der Tod uns scheidet.«
Einige Stunden später begann sich das Lindeneck zu leeren, obwohl es erst Viertel nach acht war. Nur einige wenige Stammgäste harrten aus. Hannes beobachtete schon seit einiger Zeit einen Unbekannten, der am Tresen stand. Er trug ein kurzes Hemd, fleckige Jeans, hatte Tränensäcke unter den Augen und einen ungepflegten Vollbart. Er trank Korn – und davon viel. Dass der Wirt ihm das durchgehen ließ, wunderte ihn. Der Kerl hing mit dem Kopf so tief über der Theke, als wolle er der Schwerkraft gleich nachgeben und sich zum Schlafen auf seine gekreuzten Arme legen. Im Stehen. Was zwar beeindruckend war, aber Hannes traute dem Typ nicht. Vielleicht war er betrunken, vielleicht auch nicht. Man musste vorsichtig sein, so viel hatte ihm seine Glucke von Mutter mitgegeben. Immer misstrauisch bleiben, um zu überleben. Man wusste nie, wer der Stasi half und wer nicht. Immer nett und höflich sein, die Gedanken für sich behalten und keine Angriffsfläche bieten.
Sie becherten und schwadronierten jetzt deutlich leiser über ihre Zukunft, die Zukunft der DDR und was sie an Heldentaten vollbringen wollten, als Sascha zu ihnen an den Tisch geschlendert kam. Er hatte den ganzen Nachmittag kaum mit ihnen gesprochen, weil der Laden so gebrummt hatte. Nun leerte es sich, und sie hofften, dass er sich zu ihnen setzte. Die Zwillinge rückten zur Seite, um ihm Platz zu schaffen.
»Nee, lasst mal. Ich hatte ’nen harten Tag, ich mach ’n Abflug«, sagte er.
Sie hatten keine Zeit zu fragen, ob er etwas Wichtiges vorhabe, so schnell war er aus der Tür. Ihre Reaktionszeiten waren allerdings auch nicht mehr die besten. Sie hatten alle zu viel intus.
»Hört zu«, lallte Ricksen über den Tisch, »ich will was Prickelndes erleben.« Er deutete auf den Schnaps. »Lasst mir Vorsprung. Ich gehe raus und versteck mich in der Hecke, und ihr folgt mir. Aber nach und nach, damit es nicht auffällt!«
Hannes blinzelte ihn fragend an. Was schwafelte Ricksen da?
»Na, wir prellen die Zeche!«
Alexander zischte: »Bist du bescheuert, wir sind hier Stammgäste! Wir sind morgen wieder hier. Spätestens nach den Ferien.«
»Du spinnst!«, sagte Kay und lachte. Bis er merkte, dass Ricksen es ernst meinte.
»Kommt, seid nicht so feige«, nuschelte Ricksen.
Allgemeines Kopfschütteln. Hannes schwankte zwischen Ärger über den bekloppten Vorschlag und der Bewunderung dafür, dass Ricksen versuchte, sich aufzulehnen. Egal, wie. Andererseits dachte Ricksen zu kurz. Seinen Kumpel Sascha in Schwierigkeiten zu bringen, wenn sie bei seinem Vater die Zeche prellten, war nicht übermäßig genial.
Einige Biere später war auf wundersame Weise der Beschluss gefasst, die Reihenfolge des Abgangs festgelegt und Hannes mit seinen Argumenten überstimmt.
»Wenn ich draußen bin, kommt ihr nach, und wenn euch jemand folgt, dann hau ich den weg!«, lallte Ricksen.
Nervöses Schweigen. Das Lindeneck war inzwischen zwar leerer, aber das Aushilfspersonal trotzdem abgelenkt. Hannes fragte sich, ob dieser betrunkene Haufen nicht an seiner eigenen Tollpatschigkeit scheitern würde. Ricksen mit seinen blöden Ideen. Warum prellten sie in ihrer Stammkneipe die Zeche? Das machte doch keinen Sinn. Vielleicht merkten die Aushilfen auch nichts. Sein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken daran, dass sie auffliegen würden, aber er musste sich entscheiden, ob er zu seinen Kumpels halten würde oder nicht. Seufzend stand Hannes auf und schlich sich nach draußen.
Zehn Minuten später trafen sie sich in sicherer Entfernung in der Straße Unter den Linden. Die Luft war lau, und Hannes war schwindlig. Er hätte Abkühlung gut gebrauchen können.
»So was mach ich nicht noch mal!«, stieß Hannes erleichtert aus, als Juri als Letzter der Runde zu ihnen stieß.
»Wo ist Ricksen?«, flüsterte Kay.
Sie sahen erst sich fragend an, gingen dann ein paar Schritte zurück in Richtung Lindeneck. Die Tür war geschlossen, und durch die dichten Hecken längs des Weges konnten sie nichts erkennen.
»Hat ihn einer gesehen?«, fragte Hannes. Ihm schwante nichts Gutes. »Der Hirni hat sich verdrückt! Von wegen: Ich hau sie alle weg!«
Alexander ergriff sofort Partei für seinen Bruder: »Ich geh unauffällig zurück und schaue nach.«
Langsam schlenderte er in Richtung der Kneipe und brach einen kurzen Augenblick später in empörtes Gestikulieren aus. Sie schlichen sich zu der Stelle, auf die Alexander deutete. Hinter der Hecke lag der schlafende Ricksen, zwischen seinen Lippen steckte noch eine brennende Zigarette.
»Schöne Absicherung ist das, der ist total besoffen, und wir riskieren hier alles«, schnaubte der Prof.
»Flitzpiepe«, raunte Hannes. »Lassen wir ihn liegen. Das hat er verdient.«
Rostock-Parkentin, Oktober 2016
The Carpet Crawlers war verklungen, die Musik leiser gedreht. Kay saß bewegungslos mit der Bierflasche in der Hand an dem langen Tisch, und seine Augen suchten den Kerl, den er glaubte, gesehen zu haben, aber da stand niemand bei den Frauen. Er schüttelte den Kopf. Hatte er sich das alles nur eingebildet? War er einfach zu berührt von der Trauerfeier, der Musik, den alten Gefühlen?
