Die Fremde in ihr - Gunda Botsch - E-Book

Die Fremde in ihr E-Book

Gunda Botsch

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Beschreibung

Stellen Sie sich vor, eines Morgens wachen Sie mit einer komplett anderen äußeren Erscheinung auf. Was würden Sie dann tun? So geschieht es der 50-jährigen Johanna X. Engeler, die bis dato ein durchschnittliches, unauffälliges Leben mit Mann und Sohn in Paderborn führt. Verzweifelt und überfordert von der ihr fremden Person versucht sie zunächst, ihren altbewährten Rahmen, ihr häusliches Dasein zu retten. Bis sie schließlich erkennt, dass nichts mehr so wird, wie es einmal war. Und damit wagt sie den Schritt in ein neues Leben.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Erwachen

Im Präsidium

Rückkehr

Der Freundeskreis

Rettungsversuch

Die Wende

Ungewohnte Freiheiten

Ein Sommer zum Feiern

Talkshow

Das Bild

Verdrängt und vergessen

Abschied

Zwischen den Jahren

Der Anruf

Die Bahnfahrt

Das Geständnis

Das schlafende Land

PROLOG

Die Stadt schläft, nur sie findet keine Ruhe. Schon seit Tagen nicht mehr, seit ihrer Entdeckung. Nebelschwaden steigen empor, als sie sich an der Wäschepader, wie dieses Quellbecken im Volksmund genannt wird, niederlässt. Sie beobachtet die Schleier, die sich am klaren Frosthimmel verflüchtigen. Könnten sie doch die Quälgeister mitnehmen und auflösen.

Sie sucht gern die Quellbecken in der Dunkelheit auf, dieses hier am liebsten. Hier, wo bis in die fünfziger Jahre hinein, Frauen Wäsche gewaschen haben. Sie lässt eine Hand ins Wasser gleiten, es fühlt sich wärmer an, als es tatsächlich ist. Die Quelle hält das ganze Jahr über die Temperatur konstant auf sechzehn Grad. Nun, da das Thermometer auf die Nullgrenze gefallen ist, dampft das Wasser.

Sie ist eine Suchende geworden, unstet, mit einem Sehnen im Herzen. Für ihr Handeln muss sie die Konsequenzen tragen. Sie weiß nicht, wie es weitergeht, doch zurück kann und will sie nicht. Sie hat alles verloren und das, was sie sucht, wird sie nicht finden. Ihre eigene Quelle bleibt im Verborgenen, genau wie die meisten der über zweihundert unter dieser Stadt, die sich zum kürzesten Fluss Deutschlands vereinen.

Sie legt sich trotz der Kälte rücklings auf die Steine und schaut in den Himmel. Als Kind hat sie oft stundenlang probiert, alle Sterne zu zählen. Sie versucht es wieder, allein um ihre Gedanken zu beruhigen. Er sagt, sie sei die aufgehende Sonne im Osten, eine taufrische Rose am Morgen. Sie will es glauben und hat doch Angst vor dem nächsten Schritt. Noch schweigt sie, schiebt es jeden Tag auf Morgen.

Der Wind wird eisiger. Sie schlingt die Arme fest um ihren Leib, so als müsse sie einen Schatz behüten.

»Sie werden sich den Tod holen.« Wie aus dem Nichts ist der Mann aufgetaucht, der sich zu ihr hinunter beugt. Er trägt einen langen, grauen Mantel, dessen Kragen er hoch geschlagen hat. Sein Kopf ist von einem breitkrempigen Hut bedeckt, unter seinem linken Arm klemmt eine Arzttasche. Er streckt ihr seine Hand entgegen. Sie ergreift diese und lässt sich hochziehen. Als er sie heimbringt, legt sie ihren Kopf an seine Schulter.

ERWACHEN

Als Johanna mitten in der Nacht aufwacht, ist sie sich sicher, sie wird gleich sterben. Sie liegt flach auf dem Rücken und wartet. Ihre Arme sind von den Ellenbogen an abwärts taub. Sie unternimmt nichts dagegen, es beunruhigt sie nicht einmal. Vielleicht wegen der Gewissheit, jetzt zu sterben. Sie verspürt einen Hauch von Angst, ein wenig Furcht vor dem Übergang ins Ungewisse. Doch andererseits ist sie zuversichtlich, alles wird gut sein. Diese Erkenntnis hat von ihr Besitz ergriffen. Sie wird dem Tod sehenden Auges entgegen treten. Sie denkt nicht an ihre Familie, weder an ihren Mann noch an den Sohn. Beide existieren in diesem Moment nicht. Hier im Jetzt gibt es nur sie und den Tod. Manchmal ist es, als wäre es so weit, als würde sie hinübergleiten, dann hält sie den Atem an. Doch es geschieht nichts. So wartet sie weiter. Auf einmal bemerkt sie einen Druck auf der Blase. Soll sie …? Nein, es ist ja gleich soweit. Oder doch noch nicht? Der Druck wird stärker.

Johanna entscheidet sich, doch zu gehen, man weiß ja nie, wie lange das mit dem Sterben dauert. Im Augenblick des Todes sollen ja sämtliche Muskeln nachlassen und irgendwie wäre ihr das nun peinlich. Sie will nicht, dass man ihren Körper in einer Urinlache findet. Sie erhebt sich und geht ins Bad. In den Armen setzt sofort ein leichtes Kribbeln ein. Während sie ihre Blase entleert, kehrt das Leben vollständig in ihre Arme und Hände zurück. Dennoch, eine Art Gewissheit des Todes bleibt. Erst als sie wieder im Bett liegt, weiß sie auf einmal, sie hat sich geirrt, sie wird nicht sterben. Darüber schläft sie wieder ein.

Es ist ein Kuss aus Licht, der sie in den Wachzustand zurückbefördert. Sie räkelt sich unter der Bettdecke und genießt diese Zärtlichkeit, die selten genug vorkommt, obwohl das Schlafzimmer gen Osten liegt. Doch Norbert scheut die Morgensonne wie ein Allergiker die Pollen und schließt abends die Rollläden meist vollständig.

Obwohl sie sich jetzt sehr lebendig fühlt, spürt sie eine Unruhe in sich, irgendetwas ist anders. Ihre Augen wandern unruhig im Zimmer hin und her. Alles steht an seinem gewohnten Platz. Links neben ihr das unbenutzte Bett. Der in die Schräge eingebaute Kleiderschrank besteht immer noch aus Buchenholz, genau wie die Kommode, auf der ihre Schminksachen und die Schmuckschatulle stehen. Und auch das Andenken an Norberts Mutter steht im Raum. Normalerweise schiebt sie den alten Schaukelstuhl, diesen stumme Zuschauer, in Norberts Abwesenheit ins Nebenzimmer, das hat sie in ihrem beschwipsten Zustand gestern Abend vergessen. Ich bin immer noch da, scheint ihr der Schaukelstuhl stellvertretend für die Schwiegermutter auch heute zuzurufen. Über einem anderen Stuhl liegt ihre Kleidung von gestern. Nichts weist auf eine Veränderung hin. Außer, dass sie heute alles besonders klar und deutlich sieht. Dabei wollte sie sich schon eine Brille bestellen, da ihre Sehkraft speziell in die Ferne in den letzten Monaten an Kraft verloren hat. Doch nun ist die Kurzsichtigkeit wie weggewischt.

Auf einmal drängt sich die Erinnerung ans Sterben in ihr Gedächtnis. Bin ich tot?, fragt sie sich und kneift sich heftig in einen Oberschenkel. Es ist anders, durchzuckt es sie für eine Millisekunde, doch der kurze körperliche Schmerz verdrängt diesen Blitz. Schmerzen im Jenseits? Unvorstellbar! Das kann nicht sein! Auch wenn etwas nicht stimmt, etwas, das sie nervös macht. Wie eine Vorahnung, wie das zweite Gesicht. Ihr Herz flattert, jede Sehne, jeder Muskel, jede Zelle des Körpers schreit ihr etwas entgegen. Eine Ungeheuerlichkeit, so als würde die Zeit plötzlich rückwärts laufen.

Was wäre, wenn sie tatsächlich gestorben wäre? Sie malt sich aus, wie Norbert wohl reagierte, wenn er sie hier tot vorfände. Gleichzeitig weiß sie, dass ihr diese Überlegungen lediglich als Ablenkungsmanöver dienen. Denn ihre Gedanken jonglieren auf einer anderen Ebene mit den schlimmsten Prophezeiungen. Brennt es hier irgendwo? Schnuppernd streckt sie die Nase in die Höhe, doch Brandpartikel schwirren nicht durch die Luft. Steht ein Krieg bevor? In den Nachrichten wird dies beinahe herbeigeredet, und Norbert teilt die Befürchtung, nachdem nun der ukrainische Präsident zurückgetreten ist. Cora hat zwar gemeint, sie solle nicht in Panik verfallen, doch momentan hat Johanna auch ein komisches Gefühl. Was wird Moskau tun? Oder hat es einen Terroranschlag in Rom gegeben? Im Vatikan? Und Marco mittendrin? Vielleicht lebt er schon nicht mehr? Weg, weg, weg! Sie schüttelt sich. Bloß nicht solche Gedanken. Auf den Gedanken, ihrem Mann könnte etwas passiert sein, kommt sie nicht.

Um den seltsamen Gefühlen Herr zu werden, erinnert sie sich an den gestrigen Abend. Sie war noch länger in der Apotheke geblieben und ganz vertieft in ihre Abrechnungen, als Cora und Sibille hineinschneiten. Für beide war es bereits beschlossene Sache, dass sie mit zur Vernissage kam.

Johanna sieht Cora vor sich, die Hände in die Taille gestemmt mit einem Oberteil im Leopardenmuster, so als wäre sie selbst eine Raubkatze auf dem Sprung zu ihrer Beute. Sie misst eins sechsundsechzig, ist damit minimal kleiner als Johanna, und bringt nur fünfzig Kilo auf die Waage. Die bis zum Po reichenden Haare, einst schwarz, jetzt mit mehreren Silberstreifen durchzogen, waren locker im Nacken zusammengebunden, um die Augen schimmerte ein dunkelvioletter Lidstrich und der Mund war mit einem Bordeauxrot besonders betont. Wie üblich trug sie eine dreiviertel lange Hose und Ballerina-Schuhe. Norbert hätte sich bei ihrem Anblick wahrscheinlich aufgeregt. In seinen Augen sollte sie sich schämen, mit Ende sechzig noch wie ein Teenager herumzulaufen. Dabei sieht man ihr das Alter überhaupt nicht an. Sie wirkt jedenfalls jugendlicher als ihre zehn Jahre jüngere Schwägerin Sibille, die häufig verhärmt wirkt durch ihren verkniffenen Gesichtsausdruck. Johanna bewundert Cora. »Keine Widerrede«, ordnete diese an und sie wagte keinen Einwand.

Die Ausstellung war gut besucht, das Publikum bunt gemischt und Cora fiel keineswegs aus dem Rahmen, eher Johanna, sie trug ausgerechnet gestern eine weiße Bluse zum steingrauen Hosenanzug. Gern hätte sie sich vorher noch umgezogen, doch dazu fehlte die Zeit. Sie fühlte sich blass unter all den schimmernden Gestalten. Frauen mit blauen, grünen oder lila Haarsträhnen, in lässig zerrissenen Jeans oder mit engem kurzen Rock auf High Heels, auf Oberarmen oder im Nacken kunstvolle Tattoos. Zudem waren unter den Gästen einige Homosexuelle. Zu diesem Genre hatte Johanna bisher keinerlei Kontakt und sie wusste nicht recht, wie sie sich verhalten sollte. Sie stand ein wenig verloren in der Menge und schaute sich um. Ein geschminkter Mann mit königsblauem, langen Mantel und Rüschenhemd fiel ihr besonders auf und sie meinte zunächst, dies sei der Künstler. Erst als die Galeristin ihre Empfangsrede hielt, bekam sie mit, dass sie sich irrte. Die Galerie feierte zehnjähriges Bestehen. Es war ursprünglich eine viel größere Ausstellung geplant, die zudem im Nachbarhaus stattfinden sollte. Dort wollte die Galeristin gestern ihr neues privates Museum eröffnen und einweihen. Es musste jedoch wegen eines Rohrbruchs auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Der Künstler, ein Mann mit fast schulterlangen Haaren, die honigblond gefärbt waren, gut zu erkennen, an dem dunklen Ansatz, schien ein Freund der Galeristin zu sein. Sie erklärte in ihrer Ansprache, dass der Maler seine Bilder später nochmal ausstellen würde, wenn sie endlich das Museum einweihen könnte. Johanna schätzte den Künstler auf Anfang bis Mitte vierzig. Als er sich neben diesen Exoten im königsblauen Mantel stellte und eins seiner Bilder erklärte, gesellten sich prompt Cora und Sibille dazu. Johanna ging schnell weiter, bemüht, ihre innere Balance zu halten. Sobald sie sicheres Terrain verlässt, ist sie die Unsicherheit in Persona. Norbert hat keinen Bezug zur Kunst, deshalb käme er nie auf die Idee, mit ihr eine Ausstellung wie diese zu besuchen. In seinen Augen sind Künstler so wie so nur Spinner, zu faul zum Arbeiten. Ein bisschen Farbe aufs Papier klecksen kann doch jeder, ist meist sein Kommentar.

Ein Bild gefiel Johanna besonders gut. Sie betrachtete es lange und war fasziniert von den leuchtenden Farben, von dem Grün, dem Rosa und dem Blau. See des Lebens lautete der Titel. Sie verlor sich fast darin und ein Sog schien sie hineinzuziehen, so als würde jemand rufen: Komm schon, komm hierher, ich zeige dir eine andere Welt. Als der Künstler hinter sie trat, begann sie zu zittern. Wie war eigentlich sein Name? Ein Name, der mit S begann. Johanna überlegt krampfhaft, vor allem, da dieses komische Gefühl, dass etwas passiert ist, ihren Körper wieder in Alarmbereitschaft versetzt.

Sie liegt bewegungslos da, öffnet nur kurz die Augen, um sich zu versichern, dass alles noch unverändert ist. Warum war Claudia gestern nicht dabei? Es fällt ihr jetzt erst auf. Sibille und Claudia machen doch sonst alles gemeinsam. Warum hat sie Sibille nicht danach gefragt? Und wie war denn jetzt der Name des Künstlers? Johannas Gedanken flattern hin und her wie ein Vogel, den man gerade in einen Käfig gesperrt hat. Er begann mit S. Welche Männernamen gibt es mit S? Stefan? Nein. Samuel? Nein. Etwas mit Si. Siegfried? Nein, ganz anders. Dann fällt es ihr endlich ein: Simon! Richtig, Simon hieß der Künstler. Johanna ist fast erleichtert, als sie sich wieder erinnert. Sie hatte dieses eine Bild bewundert, als er sich zu ihr stellte.

»Gefällt es Ihnen?«, raunte er ihr ins Ohr. »Ja, ganz schön«, sagte sie und ahnte die Röte in ihrem Gesicht, die sich vom Hals aufwärts schlich. Oh, mein Gott! Ganz schön. Mehr fiel ihr nicht ein. Johanna sieht sein Gesicht wieder vor sich, wie er sie taxierte, die sprühenden Funken in seinen blauen Augen, den spöttischen Zug um seine Lippen. Sie zitterte innerlich noch stärker. Hastig trank sie zwei Gläser Prosecco. Auf der Toilette kühlte sie ihr glühendes Gesicht mit Wasser.

Seven deadly angels are send by the hand of God, hatte dort jemand mit Lippenstift auf den Spiegel geschrieben. Kommt daher dieses mulmige Gefühl, dass etwas passiert? Es ist immer noch da, auch wenn die Erinnerung an den gestrigen Abend dieses Gefühl an den Rand des Verstandes gedrängt hat. Es ist alles wie immer, das Leben setzt seinen gewohnten Gang fort, wie eine Beschwörungsformel murmelt sie die Worte und beschließt aufzustehen.

Ihr Blick fällt zufällig in eine der Spiegeltüren. Was sie dort in ungewohnter Schärfe sieht, versetzt ihr einen Stromschlag von mindestens tausend Volt. Entsetzt greift sie in die Haare und zieht die Hand sofort wieder weg, so als hätte sie etwas Verbotenes getan. Sie dreht sich hektisch im Raum um.

»Wer ist da?« Ihr Schrei hallt durch das Haus mit erhöhter Phonzahl, so dass beinahe ihre Ohren schmerzen. An den Schläfen hämmert ihr Puls im temporeichen Rhythmus. Das Herz arbeitet auf Hochtouren und pocht mit aller Macht gegen die Rippen, als wolle es sich befreien. Nirgends ist jemand zu sehen, sie ist allein, nur sie und diese Fremde im Spiegel. Mit einem Satz ist sie wieder im Bett.

Was war das? Wer ist das? In ihrem Kopf wirbelt alles durcheinander, sie kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Und wenn es am Spiegel liegt? Schnell springt Johanna erneut aus dem Bett und rennt ins Bad, um dort in den Spiegel zu schauen. Der zweite Zusammenprall mit der Fremden dauert auch nur Bruchteile von Sekunden, da ist sie schon wieder zurück und kriecht unter die Decke. Dort rollt sie sich wie ein Farnwedel bei Dunkelheit ein und horcht.

Listen to the words I say … Das Handy auf dem Nachtisch meldet sich. Sie ignoriert den Anruf und lässt das Gerät weiter singen, bis es verstummt. Mit der Stille tanzen die Gedanken erneut auf ihren Nerven herum, wie kleine Derwische, die sich immer schneller und schneller drehen und irrsinnigen Staub aufwirbeln.

Listen to the words I say … Ihr ist klar, das Phone wird keine Ruhe geben. Sie muss mit Norbert sprechen. »Entschuldige, ich bin auf der Toilette gewesen. Alles klar bei dir? Wie läuft die Tagung? Wann bist du denn heute Abend zu Haus? Soll ich …«, ihre Worte sprudeln wie Kohlensäurebläschen im Wasserglas durch die Leitung.

»Johanna, bist du das?«, fragt ihr Ehemann.

»Äh. Wer sollte es denn sonst sein?« Seine Frage verwirrt sie für einen kurzen Moment.

Da sagt Norbert auch schon: »Deine Stimme klingt so bizarr.«

»Wie, bizarr?« Ihre Nerven liegen schon wieder blank. Ihre Hand zittert, sie ist kaum in der Lage, das Gerät am Ohr zu halten.

»Irgendwie anders, mit einem sonderbaren Unterton. Jedenfalls befremdlich.«

Fremd, ja fremd fühlt sie sich auch gerade, doch das sagt sie besser nicht. Der Spuk ist bestimmt gleich vorbei. Ich hätte nicht so viel trinken dürfen, schießt es ihr durch den Kopf. Oh mein Gott, da sind bestimmt Drogen im Glas gewesen.

»Etwas stimmt nicht. Was hast du gemacht?« Johanna hört die Verstimmung in Norberts Worten.

»Was soll ich schon gemacht haben?« Jetzt wäre es an ihr, mit Ärger zu reagieren, doch der Schock hat ihr die Kraft zum Widerstand gegen das Verhör entzogen. »Nichts. Äh - ich bin mit – äh … mit Sibille und Cora …«

»Also ich erkenne deine Stimme gerade nicht. Du sprichst doch sonst nicht mit diesem seltsamen Ton, fast schon wie … wie.« Er scheint nach einem Begriff zu suchen.

»Norbert wirklich, ich spreche wie immer. Wahrscheinlich ist die Verbindung schlecht.« Der Satz ist wie der rettende Strohhalm, an den sie sich klammert. »Wann kommst du? Was soll ich kochen?« Normalität ist jetzt wichtig, Routine hilft im Gefühlschaos.

»Deshalb melde ich mich, ich komme heute noch nicht, habe mich vertan. Die Tagung dauert noch bis morgen. Ich muss jetzt los. Ich rufe später noch mal an. Ich hoffe, dann klingst du wieder wie sonst.« Damit beendet er das Gespräch.

Das hofft sie auch! Erschöpft lässt sie das Handy fallen. Ruhig bleiben, ganz ruhig bleiben, beschwört sie sich, es klärt sich bestimmt gleich auf. Sie hat noch eine Schonfrist bis morgen, bis dahin hat sich alles wieder stabilisiert, versucht sie sich zu besänftigen und greift erneut ins Haar. Diesmal zieht sie mit einem heftigen Ruck, in der Hoffnung, es sei eine Perücke. Egal, aus welchem Grund man ihr diese aufgesetzt hätte. Doch die Haarpracht klammert sich mit aller Macht an die Kopfhaut und lässt sich nicht entfernen.

Das gibt es nicht, das kann nicht sein! Ihre Gedanken überschlagen sich erneut. Haare können unmöglich über Nacht zehn bis zwanzig Zentimeter wachsen und plötzlich dicker werden, selbst wenn man ihr die Haare gefärbt hätte. Eins ist sicher, diese schulterlangen, braunen Locken gehören nicht ihr. Doch es sind ja nicht nur die Haare, die sie haben erstarren lassen, die flüchtigen Blicke haben ihr auch ein unbekanntes Gesicht gezeigt.

Ich bin verhext, ich hätte nicht mitgehen sollen, denkt sie. Sie überhäuft sich mit Selbstvorwürfen. Wie gelähmt liegt sie im Bett, während es in ihrem Brustkorb hämmert. Sie zieht die Decke wieder hoch. Es muss jemand hier sein, eine fremde Frau, rattert es in ihrem Kopf. Doch was ist mit den Haaren?, fragt ihr Verstand. Sie harrt weiterhin bewegungslos aus. Nichts passiert. Sie hat keine Ahnung, wie lange sie dort schon liegt. Eine Stunde, zwei, drei?

Da waren Drogen im Getränk, auf einmal ist sie sich ganz sicher, bestimmt Halluzinogene, ganz bestimmt. Künstler nehmen doch so etwas. Sie muss Cora anrufen, sie braucht Gewissheit, sie muss fragen, ob es ihr auch so geht. Doch sie kann Cora nicht erreichen, deshalb wählt sie Sibilles Nummer. »Hey Sibille!« Sie gibt sich bewusst locker. »Schöner Abend gestern.«

»Wer ist denn da?«, fragt die benachbarte Freundin.

»Na ich, Johanna«, sagt diese kleinlaut und horcht dabei, ob sie selbst hören kann, was mit ihrer Stimme nicht stimmt.

»Johanna? Du?« Es entsteht eine Pause, so als würde die Erde einen Stopp auf der Umlaufbahn einlegen. »Du klingst so fremd, so anders. Was ist los?«

»Wieso anders?« Johanna würgt aufsteigende Tränen nach unten.

»Bist du verkatert? Hast ja mehr getrunken als üblich.« Johanna hört wieder bei Sibille diesen Unterton heraus, den sie schon letzten Abend auf dem Nachhauseweg vernommen hatte.

»Ja, kann sein.« Resigniert beendet Johanna das kurze Gespräch. Sie hat nicht gewagt zu fragen, ob Sibille sich auch verändert erlebt. Sie hat jedenfalls nicht merkwürdig geklungen.

Sie muss doch tot sein! Das ist die Erklärung, sie hat es sich nicht eingebildet, sie ist wirklich gestorben. So ist das also, tot zu sein. Jetzt bin ich in einer anderen Wirklichkeit, redet sie mit sich selbst und wird tatsächlich etwas ruhiger. Doch da sind ja die Telefonate. Die Verwirrung nimmt wird wieder zu.

Ich bin verrückt, wahrscheinlich schizophren durch unbewussten Drogenkonsum, sagt sie sich, und fragt sich, wie lange der Körper zum Abbau von Drogen braucht. Ihr Magen knurrt und sie beschließt, etwas zu essen. Langsam kriecht sie unter der Decke hervor. Sie schaut sich erneut im Raum um. Die vertraute Umgebung gibt ihr für einen Moment Sicherheit, bis sie die langen Haare im Gesicht und auf den Schultern fühlt und zusammenzuckt.

»Essen, ich muss essen, ich mache mir Frühstück«, murmelt sie. Das erscheint jetzt die Rettung. Sie erhebt sich im Zeitraffer, zieht ihren Morgenmantel über und geht dann zielstrebig nach unten in die Küche, dabei jeden Blick auf spiegelnde Flächen vermeidend. Sie stellt den Kaffeeautomaten an, stellt die Pfanne auf den Herd und brät sich gleich drei Spiegeleier. Sie schneidet mehrere Scheiben Brot ab, holt Butter, Marmelade, Honig, Wurst und Käse aus dem Kühlschrank. Teller, Tassen und Besteck stellt sie auf den Küchentisch. Jede ihrer Bewegungen ist mechanisch. Sie greift zur Küchenschere, um die Locken, die sie im Nackenbereich fühlt, abzuschneiden. Doch dann entscheidet sie sich für ein einfaches Gummiband und bindet die Haare im Nacken zusammen. Gleichzeitig klemmt sie die Strähne auf der linken Seite, die ihr Gesicht streift, mit einem einfachen Clip fest.

Nicht denken, bloß nicht denken. Einfach nur essen. Der erste Schluck Kaffee brennt in ihrer Kehle und macht sie darauf aufmerksam, dass sie lebt. Auf einmal isst sie mit Appetit. Sie isst und isst, so als hätte sie tagelang nichts bekommen. Ihr ist etwas besser zu Mute, doch aufhören will sie noch nicht. Sie schüttet sich Müsli mit Milch in eine Schüssel, schneidet eine Banane und einen Apfel hinein. Hastig stürzt sie auch das hinunter. Mitten im Kauen hält sie inne. Etwas drängt sich in ihr Bewusstsein, etwas, dass sie übersehen hat. Fieberhaft kramt sie in ihrem Gedächtnis, versucht sich an jeden Schritt zu erinnern, den sie nach dem Aufstehen getan hat. Plötzlich weiß sie, etwas hat gefehlt, etwas, dass Zeit Ihres Lebens zu ihr gehörte, wie selbstverständlich und nicht störend. Sie kann sich nicht daran erinnern, vorhin so schräg wie üblich gelaufen zu sein, obwohl sie immer noch barfuß ist. Ihre rechte Hand lässt den Löffel fallen und die Augen folgen der Bewegung der Hand. Einer Hand, die wie zum Klavierspielen geschaffen zu sein scheint und offenbar noch niemals in harter Erde gewühlt hat. Sie dreht die Handflächen beider Hände nach oben und wieder zurück und wieder nach oben. Sie streicht vorsichtig mit einem Finger über die Innenfläche. Da ist nichts Sprödes, nichts Raues mehr.

Der Schock ist wieder da. Er ist gar nicht wirklich weg gewesen, sie hat ihn nur in den Hintergrund gegessen. »Nein!«, schreit sie innerlich auf. »Das gibt es nicht, das kann nicht sein.« Tonlos verlassen immer wieder dieselben Worte ihren Mund. Die Hände tasten nun unter dem Morgenmantel ihren Bauch ab, gleiten über den dünnen Stoff des Nachthemdes und suchen nach Vertrautem an Taille und Busen. Wo sind die Fettröllchen, die kleinen Rettungsringe, die sich seit zwei Jahren hartnäckig an ihre Körpermitte klammern? Wo ist diese Schlaffheit der Haut, die sie mit Gymnastik und Diäten täglich erfolglos bekämpft? Wo ist ihr brüchiges Gewebe geblieben? Wo sind all diese penetranten Begleiter der Wechseljahre? Weg, einfach weg. Die Hände ertasten stattdessen glattes, festes Fleisch. Sie erhebt sich, um sofort festzustellen, sie steht auf neuen Füßen mit zwei gleich langen Beinen. Vorsichtig zieht sie das Nachthemd hoch und blickt auf einen makellosen Körper. Ein Verlangen überfällt sie, eine Sehnsucht, die sie sich nie hätte vorstellen können, eine Sehnsucht nach wabbeligem Fleisch. Dieser perfekte Körper jagt Angst ein. Er gehört ihr doch gar nicht. Das ist sie nicht. Und wie soll sie es den anderen erklären? Norbert. Marco. Sibille. Cora und, und, und …

Siedend heiß fällt ihr ein, sie muss ihre Angestellte informieren, dass sie heute nicht kommt. Es ginge ihr nicht gut, sagt sie. Frau Heller meint, das höre man, sie klinge seltsam.

Johanna verbarrikadiert sich im Haus. Sie zieht den Stecker des Telefonanschlusses, ihr Handy ist stumm und sie geht auch nicht an die Tür, als Sibille am Nachmittag klingelt. Sie hat sich eine Hose und einen Pullover übergezogen. Die Hose sitzt nun locker im Bund und an den Hüften. Sie hat sie mit einem Gürtel festgezurrt. Die Hosenlänge zeigt Hochwasser an, sie ist einige Zentimeter gewachsen. Passende Schuhe gibt es nicht mehr, die Spezialschuhe kann sie entsorgen, wenn nicht noch ein weiteres Wunder geschieht und sich alles wieder in den Normalzustand zurückbildet. Johanna geht im Wohnzimmer immer wieder auf und ab. Je länger sie geht, desto vertrauter wird ihr der Gang, er fühlt sich gut an, so ausgeglichen. Die Hände tasten immer wieder ihren Leib ab. Er ist fremd, doch sie ahnt, sie könnte sich an ihn gewöhnen, ja sich sogar darin wohlfühlen. Mittlerweile glaubt sie nicht mehr an Drogen. Immer wieder horcht sie in sich hinein. Es sind ihre Gefühle, ihre Gedanken, sie ist immer noch dieselbe Person, wenn sie das Äußere ignoriert. Längst hat sie sich eingestanden, der Körper ist nicht das ganz große Problem, den könnte sie irgendwie kaschieren. Wenn auch die bange Frage bleibt, was wird Norbert sagen. Wird er Gefallen daran finden?

Norbert! Bei all ihren Überlegungen hat sie ihn fast vergessen. Sie schließt das Telefon wieder an und macht ihr Handy an. Fünf Anrufe in Abwesenheit, zwei Nachrichten: Johanna, wo bist du? Warum kann ich dich nicht erreichen? Eine Stunde später. Verdammt, was ist los? Kein Anschluss unter dieser Nummer? Im Geschäft bist du nicht. Sibille hat dich auch nicht angetroffen. Melde dich gefälligst!

Das ist ein Befehl! Sie ballt die Fäuste, doch dann schluckt sie die Emotion hinunter, sie muss sich bei ihm melden, sie muss ihn vorbereiten.

»Wo zum Teufel steckst du? Wieso nimmst du nicht ab?«, schreit er ihr sofort entgegen. Johanna bekommt feuchte Augen.

»Norbert bitte. Mir geht es nicht gut«, flüstert sie. »Es ist etwas passiert. Ich … ich …«

»Ich will jetzt sofort wissen, was los ist? Deine Stimme hört sich immer noch komisch an. Hat Cora was damit zu tun?«

»Nein, nein«, wehrt sie schnell ab. Immer wieder gibt es Streit darüber, dass sie Zeit mit Cora verbringt. »Norbert, ich … ich … habe mich verändert, rein äußerlich«, fügt sie rasch hinzu.

»Wie verändert? Warst du beim Friseur?« In Norberts Stimme schwingt eine ordentliche Portion Ärger mit.

»Nein, ja, nein nicht wirklich, obwohl …« Wie soll sie es ihm nur beibringen?

»Was denn jetzt? Ja oder nein?« Johanna spürt neben der Verärgerung auch Ungeduld bei Norbert.

»Ich weiß ja selbst nicht, was geschehen ist. Ich empfinde mich auch total fremd. Bitte bekomme morgen keinen Schreck. Bitte lass uns in Ruhe darüber sprechen. Bitte, bitte«, bettelt sie wie ein kleines Kind. Norbert kann mit ihren Aussagen nichts anfangen, gibt jedoch schließlich Ruhe.

Gleich danach ertönt das Telefon. Es ist Marco.

»Mama?« Irritation auch bei ihrem Sohn.

»Ja, mein Schatz ich bin es.« Nicht auch noch Marco, fleht Johanna insgeheim.

»Du klingst anders«, sagt Marco.

»Sag mir bitte wie?« Die letzten Worte sind ein inständiges Flehen auf Erlösung.

Marco scheint kurz nachzudenken. »Frech, forsch, jung!« Die Worte wirbeln voller Übermut durch Zeit und Raum. »Dein Sound ist irgendwie cool, halt jugendlich. Hast du eine Verjüngungskur gemacht?« Sie hört ihr Kind lachen.

»Ach, Marco«, seufzt Johanna. »Ich kann es dir nicht am Telefon erklären. Mach dir keine Gedanken, genieße die Zeit in Rom.«

Das Gespräch hat sie beruhigt. Endlich etwas Vertrautes. Marco wird Verständnis haben, da ist sie sich auf einmal sicher. Sie wird nicht allein dastehen.

Während Johanna sich mit der neuen Form ihres Körpers mehr und mehr bekannt macht, vermeidet sie jeden weiteren Blick in den Spiegel. Dieser Schock sitzt noch zu tief. Der Mut zu einer erneuten Konfrontation fehlt ihr. Sie macht kein Licht, als es immer dunkler wird. Sie will ungebetene Gäste von vorneherein abschrecken, sollen doch alle denken, sie wäre nicht zu Haus. Hunger hat sie keinen mehr. Sie liegt im Wohnzimmer auf der Couch und starrt an die Decke. So wie die Dinge stehen, ist die Normalität ihres Daseins auf den Mars ausgewandert.

Sie schaltet den Fernseher ein und zappt sich durch die Sendungen, bei einer Talkrunde dringt der Satz eines Politikers an ihr Ohr: »Wer möchte, dass alles so bleibt wie es ist, wer sagt, nur weiter so, dem stehen mehrere Wahlmöglichkeiten offen.«

Sie hat doch auch gewollt, dass alles so bleibt wie es ist. Oder etwa nicht? Wenn sie jetzt ehrlich zu sich selbst ist, weiß sie, dass das nicht stimmt. Etwas nagt schon seit längerem in ihr. Nur ein kleines Aufflackern, das winzige Flimmern eines Glühwürmchens in dunkler Nacht. Ein Mikrokörnchen in einem Makrouniversum. Hat sie sich in den Tiefen ihres Unterbewusstseins diese Veränderung selbst herbeigesehnt? So drastisch? Das kann sie nicht glauben.

Sie schaltet den Fernseher wieder aus, da auf den meisten Kanälen nur über die Ereignisse auf der Krim gesprochen wird und sie mehr Drama nicht gebrauchen kann. Doch die totale Stille erscheint ihr unerträglich, die Gedanken treiben sie fast in den Wahnsinn, so dass sie das Radio anstellt.

Hey Brother, there‘s an endless road, läuft gerade auf dem Sender, den sie einschaltet. Sie mag den Song. Sie hört selten genau hin, doch nun lauscht sie dem Text.

Ooooh if the sky comes falling down, for you there’s nothing in this world I wouldn’t do …

Ist der Himmel nicht auch gerade auf sie gefallen? Wird Norbert nun auch alles für sie tun? Wird er sie beschützen? Wird er an ihrer Seite stehen, auch wenn sie äußerlich nichts mehr mit der ihm bekannten Johanna zu tun hat? Bange Fragen sickern ins Herz. Sie hofft inständig auf ein klares Ja, doch ihr Herz verweigert die Antwort. Nach Mitternacht entscheidet sie sich, doch einen Blick in ihr neues Gesicht zu wagen. In den anderen Häusern ihrer Straße brennt kein Licht mehr. In dieser Wohngegend geht man zeitig ins Bett. Sie zündet eine Kerze an und begibt sich in den Flur. Lautlos wie ein Jaguar schleicht sie sich an den Garderobenspiegel heran. Ein kurzer Blick und sie zuckt wieder zurück. Zu exotisch ist das, was sie sieht. Beim nächsten Mal hält sie stand, auch wenn ihr Herz bis zum Hals schlägt. Sie muss sich dem stellen, sie kann schließlich nicht für alle Zeit spiegelnden Flächen ausweichen.

Die Frau im Spiegel hat nichts mehr mit ihrem früheren Ich gemeinsam. Fast glaubt Johanna, sie betrachte ein Gemälde. Sie entfernt das Gummiband und den Clip und die kastanienbraunen Locken umrahmen sofort das Oval ihres neuen Gesichtes. Die vorwitzige Strähne fällt über das linke Auge.

Griechische Tragödie, die schöne Helena, kommt ihr in den Sinn. Für einen Moment vergisst sie die skurrile Situation, in der sie sich befindet. Voll Bewunderung betrachtet sie die ebenmäßigen Züge, die glatte, helle Haut ohne diese kleinen, rötlich-blauen Äderchen, den vollen Mund und die gerade Nase, nicht zu groß, nicht zu klein, perfekt in die Symmetrie des Gesichts eingebaut. Nicht so mickrig und spitz wie die alte. Ihre Mutter sagte oft zu ihr, sie hätte wohl alle negativen Gene magisch angezogen. Ob sie nun als klassische Schönheit bei ihr hätte standhalten können? Die Frage ist irrelevant, denn um die Mutter geht es nicht. Viel wichtiger ist, was die Gegenwart sagt oder sagen wird, vor allem Norbert und Marco. Werden sie begeistert sein? Oder sich wenigstens daran gewöhnen. Und was ist mit ihr? Wie soll sie sich je wieder mit sich selbst identifizieren? Sie tritt näher an den Spiegel heran. Der Kerzenschein malt die Konturen des Gesichts noch weicher in das Glas. Sie starrt auf die Augen, die umrahmt werden von langen, dunklen und dichten Wimpern, darüber die geschwungenen Brauen. Die Augenfarbe, wenn auch intensiver, ist immer noch blau und im linken Auge leuchtet nach wie vor der goldene Fleck.

Es sind ihre Augen! Sie ist über die Augen noch erkennbar.

Diese Erkenntnis beruhigt sie ein wenig. Ein zartes Hoffnungspflänzchen keimt auf. Sie legt sich zurück aufs Sofa. Doch dann fragt sie sich, wie es wäre, wenn man ein Jugendstilhaus in ein Haus im Stil des Bauhauses verwandelte, jedoch zwei alte Fenster drinnen ließe, würde man es dann noch als das gleiche Haus wiedererkennen?

Ihre Gedanken kreisen nur um das eine Thema, bis ihr Verstand zu erschöpft ist von der Suche nach Verknüpfungen, nach Punkten, an denen er andocken kann. Denn jeder verlockende Griff zu etwas Bekanntem zerbröselt wie Zwieback. Da gibt es nichts, keine nachvollziehbare Interpretation des Geschehenen. Gegen Morgen erlahmen die Gedanken und Johanna gleitet hinein in einen oberflächlichen Schlaf und einen unruhigen Traum.

Sie befindet sich irgendwo im Keller. Es ist dunkel, feucht und es riecht nach toten Mäusen. Sie fragt sich, was sie hier macht, tastet sich an den Wänden entlang, bis sie auf einmal Licht entdeckt. Erleichtert stellt sie fest, dass eine Wendeltreppe nach oben führt. Als sie fast oben ist, sieht sie den Spiegel an der Wand. Im Widerschein erkennt sie einen menschlichen Kopf, dessen Gesicht aus einer glatten, weißen Masse besteht.

Johanna schreckt hoch und schnappt nach Luft, als sei sie am Ertrinken, während das Herz im Wildwasser heftig rudert. Sie greift sich ins Gesicht, die Konturen abtastend. Alles noch da, Augen, Nase, Mund. Wie entsetzlich, kein Gesicht mehr zu haben. Da kommt wie durch eine dichte Nebelwand der gestrige Tag in ihr Gedächtnis zurück. Auch alles nur ein Traum? Als sie den Kopf zur Seite dreht, weiß sie, der Spuk ist nicht vorbei. Sie bleibt unbeweglich liegen und erforscht ihr Inneres.

Ja, sie ist es immer noch! Und irgendwie auch nicht. Sie ist in sämtliche Einzelteile zerfallen und hat sich neu zusammengesetzt. Auch wenn der zweite Aufbau besser gelungen ist als der erste, spürt sie das ganze Elend. Elend zeichnet sich landläufig durch Dreck und Schmutz aus, kleidet sich in schwarz und grau, Johannas Elend hat sich dagegen mit dem Antlitz der Aphrodite getarnt.

Sie wünscht sich, sie könnte einfach den vorherigen Zustand wiederherstellen. Einmal Augenklimpern wie Jeannie und die alte Johanna ist wieder da. Sie sendet Bittgesuche gen Himmel. Sie bleiben unbeantwortet. Die Gnade wird ihr nicht zu Teil. Sie muss mit jemandem sprechen, sonst dreht sie durch. Wer könnte da besser geeignet sein als Cora. Johanna kennt Cora noch nicht sehr lange. Sie ist wie ein bunter Schmetterling in ihr Leben geflattert. Cora reiste jahrelang als Flugbegleiterin durch die Welt und war zuletzt bei verschiedenen ausländischen Fluggesellschaften in Südamerika und Indonesien im Innendienst tätig. Jetzt im Ruhestand ist sie in die Heimat zurückgekehrt. Coras Welt ist bunt, manchmal mit Farben, die es noch gar nicht gibt. Wenn ihr jemand glauben wird, dann ist es Cora. Sie sucht erneut Coras Nummer aus ihrer Kontaktliste und diesmal erreicht sie sie auch.

»Ach ja, Johanna, entschuldige, dass ich nicht zurückgerufen habe«, beginnt Cora sofort das Gespräch.

»Ist nicht schlimm«, wiegelt Johanna ab. »Ich muss nur unbedingt mit dir reden.«

»Was ist passiert? Du klingst anders«, meint auch Cora.

Ohne darauf einzugehen, fragt Johanna direkt: »Cora, hast du schon mal gehört, dass sich ein Mensch über Nacht total verändert.«

»Wie meinst du das? Man hat plötzlich eine Erleuchtung und ändert sein Leben von einer Minute zur anderen. Erzähl, wie sehen deine Pläne aus.«

»Nein, ich meine rein äußerlich. Wie …«, Johanna sucht nach Worten »… Simsalabim und man ist eine andere Person. Kannst du dir vorstellen, dass so etwas passiert?«

Cora schweigt. Nach Johannas Geschmack zu lange. »Hallo, bist du noch da?«

»Ja, sicher. Willst du damit andeuten, es ist dir passiert?« Cora hat langsam und betont gesprochen.

»Ja.« Wieder entsteht eine längere Pause.

»Nun erzähl schon. Wie darf ich mir das vorstellen?«, fragt Cora mit einer Stimme voller Neugier.

Johanna überlegt. Was soll sie Cora sagen? Dass sie jetzt lange dunkle Locken hat anstelle ihrer aschblonden, dünnen, kurzen Haare, die Couperose einem Porzellangesicht hat weichen müssen, Nase und Mund ausgetauscht sind, die Konfektionsgröße von zweiundvierzig auf vielleicht achtunddreißig reduziert ist und, und, und … Johanna blickt auf ein Paket Kekse, das auf dem Couchtisch liegt und sagt:

»So, als hätte ich mich vom Butterkeks in eine Trüffel-Praline verwandelt.«

»Wow! Na, das hätte aber schlimmer kommen können. Stell dir vor, du wärst jetzt ein Knäckebrot.«

Johanna liebt Coras Schlagfertigkeit, doch momentan ist ihr nicht zum Lachen zu Mute.

»Wenn ich es richtig verstehe, bist du jedenfalls kein Käfer und kein Quasimodo«, stellt Cora fest.

Daran hat Johanna noch gar nicht gedacht. Dennoch ist es nicht so einfach, plötzlich ein anderes Gesicht zu haben.

»Kannst du nicht vorbei kommen? Bitte!«, fleht sie Cora an.

»Würde ich gern. Doch ich bin flügellahm. Bin gestern im Haus die Treppe heruntergefallen und habe mir einen Bänderanriss zugezogen.«

»Das tut mir leid«, sagt Johanna mechanisch, zu sehr ist sie mit sich selbst beschäftigt und Cora wiegelt auch gleich ab. »Quatsch, das heilt schon wieder. Ist ja meine eigene Schusseligkeit gewesen. Komm doch zu mir«, schlägt sie vor.

»Ich habe keine passenden Schuhe mehr.«

»Wie, die Füße auch?«, schießt es aus Cora raus.

»Alles«. Dabei betrachtet Johanna ihre rechte Hand. Sie könnte nun Werbung für jedes Nagelstudio machen. Etwas Gutes hat es doch. Den Längsrillen in ihren bisherigen Fingernägeln wird sie nicht hinterher trauern. »Bis auf die Augen. Die Augen sind noch die gleichen«, ergänzt sie.

»Na, wer sagt es denn«, meint Cora. »Augen sind das Wichtigste. Wie ich höre, hast du dir auch eine neue Stimme zugelegt. Du machst mich echt neugierig.«

Johanna seufzt. »Ich wünschte, Norbert wäre auch so gelassen. Er hat schon auf meine Andeutungen ärgerlich reagiert.«

»Ach herrje, kann ich mir gut vorstellen. Komm, setz dich ins Auto, dann überlegen wir, was wir machen.«