Die fremde Küste - Virginia Baily - E-Book

Die fremde Küste E-Book

Virginia Baily

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Beschreibung

Sie sucht das Abenteuer und die Freiheit, doch sie bezahlt einen hohen Preis

Rom, 1929. Mit siebzehn lässt Liliana ihre italienische Heimat hinter sich und reist voller Abenteuerlust mit dem Schiff nach Tripolis. Als sie an der Reling steht und auf die verheißungsvolle weiße Stadt blickt, ahnt sie noch nicht, was sie im italienisch besetzten Libyen erwartet: Eine Freundschaft mit der wunderschönen, wilden Beduinin Farida und eine verhängnisvolle Affäre mit Ugo, einem Oberst der Luftwaffe und überzeugtem Faschisten. Unweigerlich verknüpfen sich drei Schicksale und münden in eine unaufhaltsame Katastrophe, die Lilianas Leben und das ihrer Familie für immer prägen wird.

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Seitenzahl: 508

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über dieses Buch

Rom, 1929. Mit siebzehn lässt Liliana ihre italienische Heimat hinter sich und reist voller Abenteuerlust mit dem Schiff nach Tripolis. Als sie an der Reling steht und auf die verheißungsvolle weiße Stadt blickt, ahnt sie noch nicht, was sie im italienisch besetzten Libyen erwartet: eine Freundschaft mit der wunderschönen, wilden Beduinin Farida und eine verhängnisvolle Affäre mit Ugo, einem Oberst der Luftwaffe und überzeugten Faschisten. Unweigerlich verknüpfen sich drei Schicksale und münden in eine unaufhaltsame Katastrophe, die Lilianas Leben und das ihrer Familie für immer prägen wird.

Über die Autorin

Virginia Baily studierte Italienisch, Französisch und Englisch und leitet eine Zeitschrift für Kurzgeschichten, die sie mitbegründete. Neben dem Schreiben gilt ihre Leidenschaft Reisen nach Afrika und Italien. Nach »Im ersten Licht des Morgens« ist »Die fremde Küste« ihr zweiter Roman im Diana Verlag, in dem sie ihre Liebe zu Afrika und Italien verbindet.

VIRGINIA BAILY

DIE

FREMDE

KÜSTE

ROMAN

Aus dem Englischen

von Christiane Burkhardt

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Deutsche Erstausgabe 06/2021

Copyright © 2019 by Virginia Baily

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel The Fourth Shore

bei Fleet. Little, Brown Book Group, London

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021

by Diana Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Claudia Krader

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design nach einer Originalvorlage

von Little, Brown Book Group

Umschlagmotiv: © Kalle Gustafsson/Trunk Archive

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-23392-1V001

www.diana-verlag.de

Für meine Mutter, Jill Baily

Caelum non animum mutant qui trans mare currunt.

Wer das Meer überquert, wechselt das Klima, nicht den Charakter.  Horaz

1

Wie Nudeln ohne Salz

Aus einem Notizbuch herausgerissene Seiten. Dazwischen drei verschiedene gepresste Blumen. Blaulila Salvia beziehungsweise Salbei, mehrere cremegelbe Knospen von Lawsonia inermis, gemeinhin als Henna bekannt, sowie der rotstachlige Kopf von Ricinus communis, aus dessen pulverisierten Samen Rizinusöl gewonnen wird. Zu jeder der Blumen wurde mit schwarzer Tinte etwas von Hand notiert, darunter Bleistiftanmerkungen. Das Blatt ist auf den Mai 1929 datiert, Oase Tripolis.

Da ist sie. Liliana Cattaneo, knapp achtzehn, an ihrem ersten Tag in Tripolitanien. Erfüllt von Vorfreude und heißer afrikanischer Sonne.

Es ist keine zwei Stunden her, dass sie im Hafen von Tripolis von Bord gegangen ist, in der Hauptstadt der italienischen Kolonie Tripolitanien, nach einer siebentägigen Fahrt von Neapel übers Mittelmeer. Jetzt befindet sie sich in der Oase am nordöstlichen Rand der Stadt, in die sie ihr großer Bruder Stefano schnell wie der Blitz gebracht hat. Er versucht den geliehenen Wagen, den er am Straßenrand stehen gelassen hat, im Auge zu behalten, während er neben ihr hergeht, sich dreht und wendet, dorthin schaut, wo sie hergekommen sind, ein paar Schritte rückwärts macht, um sich anschließend wieder um hundertachtzig Grad zu drehen. Bei jeder Drehung hakt er sich lachend bei ihr ein und wieder aus. Seit 1925 haben sie sich nicht gesehen, seit vier Jahren. Heute treffen sie sich endlich wieder, auf einem anderen Kontinent, und haben das Gefühl, eine schwere Last abgeschüttelt zu haben. Sie empfindet das zumindest so. Was in ihm vorgeht, weiß sie nicht, aber er freut sich sichtlich, sie wiederzusehen.

Allein, dass er sie am Hafen hochgehoben und so herumgewirbelt hat, dass ihr der Hut vom Kopf flog. Dass er sich diesen extravaganten Sportwagen ausgeliehen hat, um sie abzuholen. Und dann die atemlos-übermütige Fahrt, ein einziges Versprechen auf die Zukunft. Allein, dass er sich den ganzen Vormittag freigenommen hat, um Zeit mit ihr zu verbringen. Man merkt es auch an seinem albernen Grinsen und daran, wie er ihr alles erklären will. Als müsste sie sofort umfassend Bescheid wissen, noch auf der Stelle.

Schon auf dem kurzen Stück Küstenstraße hat sie, wenn auch nur aus dem Augenwinkel und im Vorbeisausen, die Festung und das Theater gesehen, Triumphbögen, Türme und Minarette, von hohen Kuppeln überwölbte Gräber heiliger Männer. Sie hat gehört, wie der Muezzin zum Gebet ruft, und die weiß gewandeten Männer auf ihren Rädern ebenso registriert wie diejenigen, die am Straßenrand hocken und Tee kochen.

Als sie mit ihrem Bruder in dem Sportwagen über diese Küstenstraße brauste, hatte sie das Gefühl, am Rand der Welt entlangzusausen, den Hut an den Kopf gepresst und den Geruch nach Meer in der Nase. Trockene Salzluft kitzelt die Schleimhäute und weht ihr das Haar aus dem Gesicht.

Endlich ist sie hier. Endlich ist sie angekommen.

Sie laufen durch das Eukalyptuswäldchen und nehmen einen sandigen Weg, der zwischen Gärten und Obstplantagen mit Mandel- und Aprikosenbäumen hindurchführt. Zu beiden Seiten erstrecken sich Felder, auf denen Getreide und Grünpflanzen, Erdnüsse und Bohnen gedeihen. Alles ist wunderschön und so üppig in den zahlreichen Abstufungen von Grün. Angefangen vom blassen Silbergrün der Olivenbäume bis hin zu den glänzend dunkelgrünen Blättern der Zitronenbäume.

»Zu Hause in Italien gibt es Leute, die dieses Land als ›großen Sandkasten‹ bezeichnen«, staunt sie.

»Na ja, sie haben recht«, gesteht er. »Das ist die Ausnahme. Wir sind in einer Oase, die extra angelegt worden ist. Der Großteil des Landes ist tatsächlich ein Sandkasten.«

Sie laufen weiter. Blasse Beeren hängen von vorspringenden Ästen. Maulbeeren, wie er ihr erklärt.

»Kann man die essen?«

»Ja, sie sind süß und köstlich, aber noch nicht reif. Sie müssen erst knallrot werden.«

»Haben wir Maulbeeren?«

»Haben wir Maulbeeren?«, äfft er sie nach und tänzelt erneut rückwärts, breitet die Arme aus, um auf die Fülle der Maulbeeren hinzuweisen. »Schau nur, wie viele es gibt.«

»Zu Hause in Italien, meine ich.«

Er zuckt mit den Schultern. Er weiß es nicht, und es interessiert ihn auch nicht. »Das ist jetzt unser Zuhause, Lili.« Kurz glaubt sie, einen Schatten über sein Gesicht huschen zu sehen. Doch dann redet er fröhlich weiter. Sie muss sich getäuscht haben. »Die Maulbeerbäume gehören zur Seidenproduktion.«

»Aha.«

»Kleine Raupen werden diese Blätter fressen.« Er wackelt mit den Fingern, um ihre Bewegungen nachzuahmen. »Man hofft, Seide produzieren zu können – eines der zukünftigen Exportgüter unserer Kolonie.«

Liliana beugt sich vor und zupft eine Blüte von einem der kleinen Salbeibüsche am Weg. Sie nimmt den Stängel zwischen Daumen und Zeigefinger und schützt die Blüte mit der Hand. Die Sonne im Rücken, den Hut tief in der Stirn, nach wie vor bei ihrem Bruder fest eingehakt. Leises Blätterrascheln, Blumenduft, Insektengesumm, heißer sandiger Boden.

Sie hat das Gefühl, aus vielen Schichten zu bestehen, so luftig zu sein wie ein Millefeuille, mit Früchten gefüllt: Himbeeren und Sahne, Biskuit und Zuckerwatte, dazu noch etwas anderes, Dunkleres, eine geheimnisvolle Zutat. Denn sie hat in zwei Tagen eine heimliche Verabredung. Mit einem Mann, den sie unterwegs kennengelernt hat, mit Ugo Montello. Ein äußerst schneidiger, charismatischer Mann, ein Oberst der Luftwaffe.

»Ich kann gar nicht glauben, dass ich hier bin.« Erneut drückt sie den Arm ihres Bruders. Sie freut sich, bei Stefano zu sein, der sie so gut kennt wie kein anderer. Ohne allerdings von Ugo Montello zu wissen.

Sie kommen an einem Feld mit Hennasträuchern vorbei. Die Blätter werden zum Färben von Haaren und Stoffen benutzt. Zu besonderen Anlässen malen sich die einheimischen Frauen damit Muster auf Hände und Füße. Sie pflückt ein paar Blumen und hält sie zusammen mit dem Salbei vorsichtig in der Hand.

»Woher weißt du das alles?«, fragt sie.

Er erzählt, dass er eine Führung durch die Oase gemacht hat. Mit seinem Freund Alfonso, einem Landwirt, der sich mit so was auskennt.

»Ah, der berühmte Alfonso«, sagt sie neckend. In seinen Briefen nach Hause hat Stefano ihn oft erwähnt.

»Wir gehen jetzt zurück durch den Palmenhain und nehmen den anderen Weg«, erwidert er.

»Was kannst du mir zu den Palmen erzählen?«

»Ach, es wird dir noch leid tun, dass du danach gefragt hast. Ich bin ein Experte für Palmen.«

Sie lacht.

Im Herbst sind die Bäume voll goldener Datteln. Sie sind das Hauptnahrungsmittel der hiesigen Bevölkerung. Die Früchte werden entkernt, gepresst und in Säcken aus Schaffell aufbewahrt. Davon kann sich eine Familie ein ganzes Jahr ernähren, ja, bis zum nächsten Herbst damit auskommen. Stefano hat gehört, dass die Ärmsten in manchen Landesteilen nichts anderes essen.

»Kann das sein?«, fragt sie. »Verhungern die nicht irgendwann? Diese Datteln müssen außergewöhnlich nahrhaft sein.«

»Das klingt weit hergeholt«, pflichtet er ihr bei. »Aber es dürfte stimmen. Hier herrscht eine furchtbare Armut. Es gibt braune, grüne, schwarze und rote Datteln. Die roten nennt man auch Futterdatteln, weil sie an Pferde verfüttert werden, die Kerne bekommen die Kamele. Die Fasern vom Stamm der Dattelpalmen werden für Seile und Matten verwendet. Aus den Wedeln macht man Dächer für einfache Hütten. Man kann sie auch zu Körben flechten. Wenn der Baum stirbt, wird das Holz seines Stamms zu Dachsparren verarbeitet.«

»Äußerst nützliche Bäume.«

»Schau mal, dort.« Er zeigt auf einen tiefen Einschnitt oben am Stamm. »Das macht man, um ihnen Saft abzuzapfen. Anschließend wird der Baum markiert, da er die nächsten drei Jahre keine Früchte tragen wird. Ein Baum kann fast acht Liter Sirup bringen, und manche Bäume lassen sich fünf- bis sechsmal anzapfen. Der Sirup ist weißlich, dick und zuckrig, er heißt lagbi. Im Sommer ist er durstlöschend. Wenn man ihn vergärt, wird ein alkoholhaltiges, perlendes Getränk daraus. Schmeckt ziemlich gut«, sagt Stefano. »Steigt einem aber heftig zu Kopf.«

»Ich könnte jetzt ein Glas lagbi gebrauchen«, sagt Liliana. »Zur Feier des Tages.«

»Ich glaube, du bist alt genug für einen Drink«, neckt er sie.

»Allerdings.« Sie denkt an den vielen Sekt, den sie am Tag vor ihrem Aufbruch in Rom hinuntergekippt hat. An den Abend, an dem sie dementsprechend aufgelöst war und Ugo Montello kennengelernt hat.

Auf dem Rückweg zum Wagen kommen sie an einem Feld mit roten Blumen vorbei. Die Pflanzen haben große, glänzende sternförmige Blätter mit roten Blattadern und roten Stängeln. »Was ist denn das?«, fragt sie und pflückt eine der Blüten für ihre kleine Sammlung.

Er antwortet nicht gleich. »Das ist Rizinus«, sagt er schließlich. »Auch Goldnektar genannt.« Seine Stimme klingt irgendwie anders.

»Warum Goldnektar, wenn die Blüten doch scharlachrot sind?«, fragt sie.

»Weil das Rizinusöl golden ist«, erwidert er.

»Wofür wird es verwendet?«

»Außer zu Folterzwecken?«, fragt er.

»Wie bitte?«

Er schüttelt den Kopf, als wären ihm die Hände gefesselt, als müsste er einen Wassertropfen abschütteln, der ihm auf die Nase gefallen ist. Er blinzelt.

»Man kann es für alles Mögliche verwenden. Zur Herstellung von Seifen, Schmiermitteln, Hydraulik- und Bremsflüssigkeiten. Für Farben, Färbe- und Arzneimittel sowie für Parfüms.« Er dreht sich zu ihr um, als wollte er sagen: Und, bist du jetzt zufrieden? War es das, was du wissen wolltest, oder soll ich dir die ganze Liste aufzählen?

Sie will lieber nicht nachhaken, tut es aber trotzdem. »Was meinst du damit, zu Folterzwecken?«

»Du musst doch vom Goldnektar gehört haben. Davon, was die Schwarzhemden machen, wenn sie Leuten gewaltsam Rizinusöl einflößen.«

»Das ist bloß ein Gerücht«, sagt sie.

»Warum, glaubst du, war ich so krank, bevor ich aus Italien weg bin?« Er lacht erneut.

»Darüber macht man keine Witze.«

»Du hast recht, Lili, das tut man wirklich nicht.«

Als sie später in seiner Wohnung allein in ihrem Zimmer ist und ihre Kleider ausgepackt hat, presst sie die Blumen zwischen den Seiten ihres Notizbuchs, beschreibt sie sorgfältig mit Tinte und datiert sie. Sie holt einen Bleistift heraus und schreibt Giftig? unter die Rizinusblüte. Dann setzt sie sich aufs Bett und denkt an den Winterabend zurück, damals vor vier Jahren in Italien, 1925, als die Mutter zu ihr ins Zimmer kam und sie wachrüttelte.

*

»Steh auf«, sagte ihre Mutter. »Du musst weg.«

Sie schlug die Decke zurück, sodass Liliana ein kalter Luftzug streifte. Rasch zog Liliana das Nachthemd herunter, das bis zu den Oberschenkeln hochgerutscht war, und sprang aus dem Bett. Der gelbe Schein der Petroleumlampe in der Hand der Mutter erhellte zusammengepresste Lippen in einem verkniffenen Gesicht. »Leg dich auf die Chaiselongue«, befahl sie.

»Ist was mit Papa?« Liliana schlotterte vor Kälte. Ihr Vater hatte einen Unfall gehabt, an seinem Arbeitsplatz, dem Rangierbahnhof. Seitdem hatte er nachts manchmal Probleme.

»Nein, es geht um deinen Bruder. Ihm ist schlecht, und er braucht dein Bett. Los, komm schon.«

»Wie, ihm ist schlecht?«, hakte Liliana nach.

»Er hat Bauchweh. Hast du nicht gehört, wie er sich hin und her gewälzt hat, als du nach Hause kamst?« Liliana wurde aus ihrem Zimmer und durch den Flur gescheucht.

»Nein.«

»Dein Vater und du, ihr würdet sogar einen Wirbelsturm verschlafen.« Die Mutter ließ einen ihrer gedehnten Seufzer ertönen. Was sie alles mitmachen musste! Sie nahm die Lampe in die Linke und bekreuzigte sich.

»Ist es sehr schlimm? Wo ist er?« Liliana öffnete die Wohnzimmertür. »Igitt, Mama, hier stinkt’s.«

»Stell dich nicht so an, das kann ich jetzt nicht brauchen. Ich hab sauber gemacht und das Fenster geöffnet, um frische Luft reinzulassen.« Sie stieß Liliana in das dunkle, stinkende Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

Liliana tastete sich bis zur Chaiselongue vor und schlüpfte unter die Decke, die schwach nach Maschinenöl roch. Stefanos Duft.

Früher hatte er nicht im Wohnzimmer auf dieser Liege geschlafen, die ihre Mutter Chaiselongue nannte, als wäre es ein elegantes Möbelstück für Edelfräulein. Bevor er nach Mailand gegangen war, um bei Fiat zu arbeiten, hatten ihr Bruder und sie sich ein Zimmer geteilt. Wenn er damals an seinem freien Tag zu Besuch kam und über Nacht blieb, trug er seine Matratze hierher. Das geschah jedoch selten, weil es mit dem Zug nicht weit bis Mailand war, wo er ein Zimmer hatte. Wurde es spät, wollte er Liliana nicht wecken – und wollte Rücksicht darauf nehmen, dass sie jetzt »eine junge Dame« war. Diese neuen Manieren stammten aus Mailand.

Als er 1923 wieder bei ihnen einzog, weil er eine Stelle bei der neu eröffneten Rennstrecke hatte, war Liliana schon fast zwölf. Deshalb stellte er kurzerhand sein Bett ins Wohnzimmer und schob es an die Wand. Die Mutter nähte eine geblümte Tagesdecke aus einem einstigen Sofabezug und wies alle an, nur von der Chaiselongue zu reden, wenn Besuch kam.

Stefano hatte Mailand gemocht, doch zu Hause gefiel es ihm besser. Auch Alfa Romeo hatte ihn für die Designabteilung gewollt, und der Vater hatte ihm zugeraten: »Geh dahin, wo man dir am meisten zahlt, mein Sohn.«

Stefanos Motto dagegen lautete: Folge deinem Herzen. Er kam lieber nach Monza zurück. »Geh nie dorthin, wo man dir am meisten zahlt«, riet er ihr. »Sondern hör auf dein Gefühl.«

Er hatte eine Freundin. Teresa Puricelli trug ihr brünettes Haar in einem glänzenden Pagenkopf. Ihr Vater war Architekt, und die Familie besaß eine große Wohnung unweit des Parks. Jedes Winterwochenende fuhr man in die Berge nach Foppolo, und Stefano kam mit. Teresa durfte Ski fahren und war sehr geübt darin, wie ihr Bruder erzählte. Genau wie er liebte sie Geschwindigkeit.

Liliana zog die Decke bis unters Kinn, presste eines der geblümten Kissen an den Bauch und fröstelte. Nachdem sich der Gestank verflüchtigt hatte, stand sie auf, um Fenster und Läden zu schließen. Dabei lauschte sie auf Geräusche von nebenan. Wasserrauschen. Die Wohnungstür, die auf und wieder zu ging – bestimmt ihr Bruder, der von der Außentoilette kam. Das Gemurmel der Mutter, die vermutlich das neue Schlafarrangement erklärte. Ein lautes Schlurfen, das sich weder nach dem Getrippel ihrer Mutter noch nach dem federnden Gang ihres Bruders anhörte.

Schritte, die dafür sorgten, dass Liliana eine weitere Person im Haus verortete, jemand mit Laufschwierigkeiten. Schritte, die sie an die Kriegsheimkehrer erinnerten, an die Krüppel in den Straßen von Monza mit ihren durchweichten Verbänden, ihren Krücken oder fehlenden Gliedmaßen. Wenn ihr Vater und die Leute im Radio vom »verstümmelten Sieg« sprachen, dachte sie immer, damit wären die verstümmelten Kriegsheimkehrer gemeint. Inzwischen wusste sie es besser, weil sie es in der Schule durchgenommen hatten.

In Wahrheit sprachen sie vom Londoner Vertrag, den Italien mit den alliierten Mächten vor dem Kriegseintritt geschlossen hatte. Im Gegenzug waren Italien im Falle eines Sieges bestimmte Gebiete versprochen worden, die es jedoch nicht alle erhalten hatte. Es war der Dichter Gabriele D’Annunzio, der den Begriff »verstümmelter Sieg« prägte. Italien hatte zu den Siegermächten gehört, Hunderttausende Männer verloren, seine Finanzen erschöpft und so manches mehr, ohne zu bekommen, was ihm rechtmäßig zustand.

Lilianas Vater sprach verbittert von den »unerlösten Teilen« und wütete vor allem gegen Frankreich, ein Land, das er vorher geliebt hatte. Er zitierte gern aus D’Annunzios Brief an die Dalmatiner: »Als wir zu den Waffen griffen, um Frankreich und die Welt zu retten.« Doch anstatt belohnt zu werden, blieb ein geschwächtes Italien übrig.

Seit dem Arbeitsunfall regte sich ihr Vater besonders leicht über diese Ungerechtigkeit auf. Als könnte Frankreich etwas für den Kranhaken, der ihm gegen den Kopf geknallt war, sodass er auf dem rechten Auge nichts mehr sah. Als wäre seine Verletzung eine Kriegswunde.

Wieder hörte sie die Stimme ihrer Mutter und entnahm ihrem Singsang, dass sie betete. Dann fiel die andere Zimmertür zu, und Stille kehrte ein.

Jeder wurde manchmal krank, schaffte es aber wenigstens bis zur Toilette. Stefano, du Ferkel!, dachte Liliana.

Sie nickte gerade ein, als ein schreckliches Wimmern ertönte. Hastig sprang sieh auf und öffnete die Tür. Es war dunkel, trotzdem konnte sie die gekrümmte Gestalt ihres Bruders erkennen. Er trug seinen weiten Mantel, und ein Ächzen entrang sich seiner Brust.

Noch bevor sie reagieren konnte, kam ihre Mutter mit der Lampe. »Geh wieder ins Bett, Liliana.« Dann begleitete sie Stefano, der sich schwer auf sie stützte, zur Haustür.

Liliana begriff, dass sie das gewesen waren, ihr großer, schwankender Bruder und ihre gedrungene kleine Mutter, die dieses laute Schlurfen, diese ungleichmäßigen Schritte hervorgebracht hatten. Barfuß folgte sie ihnen zur Außentoilette, die sich die drei Wohnungen dieses Stockwerks teilen mussten. Noch nie hatte sie erlebt, dass ihr Bruder gestützt werden musste. Mit dem Ellbogen stieß die Mutter die Toilettentür auf, und im schwankenden Licht der Laterne sah Liliana, wie Stefano in den stinkenden kleinen Raum taumelte wie ein Betrunkener oder wie ein geprügelter Hund.

Die Geräusche, die nun folgten, das Furzen, Schreien, Würgen, Grunzen, Rülpsen, Platschen und Spritzen, waren so grässlich, so primitiv und schockierend, dass Liliana schleunigst die Flucht ergriff.

Papa hatte sich gerade erst erholt, und jetzt war Stefano krank. Liliana kniff krampfhaft die Augen zu. Wieder dachte sie an die verstümmelten Männer, sie konnte nicht anders. Wie von selbst marschierten diese vor ihrem inneren Auge humpelnd auf und ab. Es gab so viele davon seit Ende des Krieges. Sie trafen sich sonntags vor der Kirche und bettelten um Almosen. Sie mussten an ihnen vorbei, wenn sie den Gottesdienst besuchten, erst beim Reingehen und dann ein zweites Mal beim Rausgehen, wenn Mutter sie mitzog.

Einer von ihnen war zuerst da gewesen. Er hielt sich immer unweit der Kirche auf, selbst wenn man abends unter der Woche kam, um den Rosenkranz zu beten oder sonntagnachmittags zum Benedictus. Sie fragte sich, was wohl aus ihm geworden war, aus diesem Mann ohne Beine, der sich mithilfe eines kleinen Rollbretts fortbewegte und einen seltsamen Bart hatte, der nur aus einer Kinnhälfte spross. Es war nicht leicht, ihn im Gewoge der Bettler zu entdecken, die noch stehen und sich vordrängen konnten. Sie machte sich Sorgen um ihn. Bei so vielen Neuankömmlingen, die um Almosen konkurrierten, blieb seine Schale häufig leer.

Liliana hatte nie etwas dabei, das sie in die ausgestreckten Hände und Mützen legen konnte. Wenn ihre Mutter ihr ausnahmsweise vor der Messe eine Münze gab, landete diese stets in der Kollekte.

Einmal hatte Liliana nur so getan, als würde sie sie in den Beutel stecken. Als sie dann nach der Messe an den vielen Bettlern vorbeikamen, hielt sie nach dem Rollbrettmann Ausschau und nahm sich vor, sie in seine Schale zu werfen. Aber er war viel zu weit hinten, und ihre Mutter hatte sie an der Hand, sodass nichts daraus wurde.

Sie versteckte die Kupfermünze in ihrer Schublade – mit dem festen Vorsatz, sie dem Mann in der darauffolgenden Woche zu geben. Sie nahm sie mehrmals heraus und dachte an die Tüte Karamellbonbons, die sie sich dafür kaufen könnte, und legte sie in einem Anflug von Mitleid jedes Mal zurück.

Noch vor der nächsten Messe entdeckte Mutter die Münze. Sie schlug von hinten gegen Lilianas Beine und schimpfte sie eine Diebin. Dass das Geld für den Bettler gewesen war, war ihr egal. Sie zwang Liliana, zur Beichte zu gehen und zu sagen, was sie ihr aufgetragen hatte.

Sie habe die Kirche bestohlen. Genauso gut hätte sie einen Priester, ja, Gott bestehlen können. Selbst wenn die Mutter die Münze nicht entdeckt hätte, hätte Gott davon gewusst. Von der hinterhältigen kleinen Sünderin, die glaubte, es besser zu wissen als ihre Mutter und die Heilige Kirche. Es sei ein Segen, dass sie erwischt worden sei. Die mütterlichen Schläge, Lilianas Reue und die ihr vom Priester auferlegte Buße würden sie von der Sünde erlösen, die sie sonst als Fleck auf ihrer unsterblichen Seele auf ewig mit sich herumgetragen hätte.

Liliana setzte sich auf. Licht fiel durch die Fensterläden. Langsam wurde es Tag. Sie war ein kleines Mädchen gewesen, als sie die Münze genommen hatte, sieben oder acht, inzwischen war sie dreizehn.

Erneut beschwor sie die Bettler herauf und entdeckte ihren Vater unter ihnen, mit einer Augenklappe. Er wirkte ganz verloren. Dann stieß ihr Bruder dazu, gekrümmt und zittrig, während er unmenschliche Laute von sich gab.

Ihr Vater arbeitete seit dem Unfall nicht mehr, sodass das Haushaltseinkommen ausschließlich aus dem Gehalt ihres Bruders bestand. Ohne ihn würde Liliana die Schule verlassen müssen. Ohne ihn würden sie auf der Straße stehen, wie ihre Mutter zu sagen pflegte.

Sie schlüpfte aus dem Bett und kniete sich auf den Boden. Sie sprach ein Vaterunser, ein Ave Maria und ein Schuldbekenntnis. Sie betete um Demut und bat Gott, Nachsicht mit ihrem Bruder zu haben, ihn wieder gesund zu machen.

*

Als es Zeit zum Aufstehen war und sie die Augen aufschlug, sah sie in das finster-verhärmte Gesicht ihrer Mutter. »Wie geht es ihm?«, fragte sie.

»Er wird durchkommen.« Mutter presste die Lippen zusammen. »Sei ein braves Mädchen und spring aus den Federn. Schreib bitte eine Nachricht für seinen Chef beim Autodrom und gib sie vor Schulbeginn dort ab.«

Normalerweise nahm Stefano sie auf dem Rad mit und setzte sie vor der Schule ab, bevor er zur Rennstrecke fuhr.

»Müssen wir einen Arzt rufen?«, fragte Liliana. Der Arzt kostete Geld.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Es muss nur alles raus. Bete mit mir«, sagte sie dann. Sie schlug die Teppichkante um, und beide knieten sich darauf. Mutters Knie waren geschwollen, sodass sie nicht auf dem nackten Boden knien konnte. »Lieber Gott, vergib meinem Sohn Stefano sämtliche Verfehlungen und hilf ihm, auf dem rechten Weg zu bleiben. Vergib ihm, wenn er davon abgewichen sein sollte. Mach ihn wieder gesund. Er ist ein guter Junge. Er hat seine Lektion gelernt. Amen.«

»Amen«, echote Liliana. »Welche Lektion denn, Mama? Was hat er getan? Darf ich zu ihm?« Ihre Mutter umklammerte die Tischkante, um sich daran aufzurichten.

»Nein, zieh dich rasch an, schreib diese Nachricht und bring sie zur Rennstrecke.« Sie ging in die Küche, um Kaffee zu kochen.

Liliana lief durch den Flur und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer einen Spalt breit. Die Fensterläden waren geschlossen, und es war dunkel im Raum. Es stank. Sie konnte die schwere Atmung ihres Bruders hören, ihn aber kaum erkennen. Sie drehte sich zum Flur um, holte tief Luft, ging auf Zehenspitzen hinein und tastete im Halbdunkel nach ihren Kleidern und Schuhen, wobei sie nicht atmete. Als sie herauskam, rang sie nach Sauerstoff und zog sich im Wohnzimmer rasch an.

Ihre Mutter kam mit Kaffee und Brot. Sie schob Vaters Bücher beiseite, um Platz auf dem Tisch zu machen. Ihr Vater las die ganze Zeit, meist Gedichte. D’Annunzio und Ungaretti waren seine Lieblingsdichter. Von Baudelaire, dem Franzosen, war er abgekommen. Mutter blieb stehen. Sie setzte sich nie zum Essen, sondern eilte lieber hin und her, um danach im Stehen in der Küche zu essen.

»Was soll ich schreiben, was hat er denn?«, fragte Liliana und griff nach einem Stift.

»Schreib, er hat eine Magen-Darm-Grippe.«

»Er wird doch wieder gesund, oder?«

»Natürlich. Sonst bekommt er es mit mir zu tun.« Ihre Mutter verstummte, um die Schürzenbänder straff zu ziehen und kampfeslustig die Arme zu verschränken.

»Was ist los?«, fragte Lilianas Vater, als er ins Zimmer kam. »Wer hat sich deinen Zorn zugezogen?«

Seufzend verschwand die Mutter in der Küche, um seinen Kaffee zu holen. Vermutlich war sie böse auf ihn, weil er nichts mitbekommen hatte.

Der Vater sah ihrer Mutter nach und lächelte schwach. Wegen seines schmalen, hageren Wuchses und der langen Beine wirkte er größer, als er war. Außerdem hatte er einen Buckel. Das wirkte, als müsste er den Kopf einziehen, um andere zu verstehen oder durch die Tür zu passen. Sein Haar wurde langsam schütter, war aber noch dunkel. Er trug es aus der Stirn und hinter die Ohren gekämmt. Früher war es einmal schwarz gewesen, dazu seine leuchtend blauen Augen. »Wie ein Brigant«, sagte ihre Mutter, obwohl sie keinerlei Erfahrung mit solchen Räubern und er so gar nichts Räuberisches an sich hatte. Das Blau seines guten Auges war verblasst, was Liliana irgendwie mit dem Unfall in Verbindung brachte. Im Gegensatz dazu hatte das andere Auge, das schlechte, seine intensive Farbe behalten. Außerdem hatte es einen weißen Fleck in der Mitte, wo es eigentlich schwarz sein sollte. Diese beiden ungleichen Augen waren verstörend, aber für Liliana, die sich inzwischen daran gewöhnt hatte, seltsam schön. Weder Stefano noch sie hatten seine blauen Augen geerbt.

Vater lief stets mit einem leicht nach rechts gedrehten Kopf herum, damit sein gutes Auge mehr in die Mitte zeigte und besser für zwei sehen konnte.

»Wer hat den Zorn deiner Mutter auf sich gezogen?« Er schaute auf Liliana herunter, die am Tisch saß. Mit schräg gelegtem Kopf wie ein neugieriger Vogel, als könnte er auch mit dem linken Ohr besser hören, als wäre seine gesamte rechte Körperhälfte nicht mehr funktionsfähig. Er hatte sich schon immer etwas gespreizt ausgedrückt – eine Angewohnheit, die sich nach dem Unfall sogar verstärkt hatte. Ganz so, als würde er sich in poetische Wendungen flüchten. Wenn er redete, schien er Liliana zu entgleiten, und sie wusste nicht, was sie dem entgegensetzen sollte. Instinktiv berührte sie ihn dann.

Jetzt schlang sie die Arme um ihn. Da er es zuließ, drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange. »Stefano ist krank«, sagte sie. »Ihm war die ganze Nacht schlecht.«

»Der Ärmste.« Ihr Vater löste sich von ihr. »Hat er wieder diesen Fusel getrunken?« Er lachte kurz auf. »›Man muss immer trunken sein. Das ist alles, die einzige Lösung … Von Wein, von Poesie‹, von noch etwas, da dam …« Er zitierte einen seiner Dichter.

»Nando«, rief ihre Mutter aus der Küche. »Könntest du kurz kommen?«

*

Nando ist in der Küche und wartet, dass seine Frau aufhört zu seufzen, anfängt, mit ihm zu reden. Er sieht, wie sie sich ins drahtig-graue Haar fasst und eine verirrte Strähne in den tief sitzenden Knoten schiebt. Er geht einen Schritt zurück und lässt sich auf den Hocker in der Ecke sinken. Agata legt die Hände zusammen. Sie ist eine fromme Frau, und etwas beunruhigt sie. Er schließt sein gutes Auge, damit er nicht sehen muss, wie abgespannt und nervös sie aussieht. Das blinde Auge lässt er auf. Dahinter zeigen sich unterschiedliche Farben und merkwürdige Formen. Es herrscht keine absolute Dunkelheit. Manchmal sieht er lila Wirbel und grellrote Wellen.

Sie kenne die Jungen von den faschistischen Jugendverbänden, sagt sie. Diese squadristi könnten brutal sein. Manchmal müsse man hart durchgreifen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Das ist, als würde man einen Pickel aufstechen und den Eiter ausdrücken. Habe das Nando nicht selbst so gesagt?

»Ja«, erwidert er vorsichtig. »Allerdings …« Er möchte ihr nicht voll und ganz beipflichten, bevor er weiß, worauf sie hinauswill. Manchmal wirft er sich für etwas in die Bresche, an dem er eigentlich zweifelt, nur um die schreckhafte, nervöse Agata zu beruhigen. Er hat gemischte Gefühle, was diese bewaffneten jungen Männer betrifft.

Als sie mit ihren Totenkopfflaggen auftauchten und in ihren geliehenen Panzern herumdonnerten, als sie das Gesetz selbst in die Hand nahmen, ihre Gegner verprügelten und erledigten, war er zunächst entsetzt, was für Schlägertypen das waren. Aber damals, 1920, als Sozialisten und Kommunisten das Land erpressten und sich das Bolschewikenfieber ausbreitete, mussten drastische Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Sie halfen, Streiks niederzuschlagen, unterstützten die Fabrikbesitzer in den Städten und die Gutsbesitzer auf dem Land.

Ja, damals musste hart durchgegriffen werden, und die squadristi wurden aktiv, wo die schwache liberale Regierung kläglich versagte. Ein Hauch von Heldentum umwehte sie. Und inzwischen werden sie vom Staat geduldet.

»Sie genießen inzwischen den Rückhalt des Staates«, wagt er sich vor, obwohl Agata dieses leise Wimmern von sich gibt, das in teuflisches Kreischen übergehen kann. Eines Staates, der nicht davor zurückgeschreckt ist, die Ordnung in diesen schweren Zeiten gewaltsam wiederherzustellen. Zu tun, was getan werden muss, um Italien wieder zu seiner einstigen Größe zu verhelfen. Das denkt er zumindest, ohne es laut zu sagen. Inzwischen betrachtet er die squadristi als notwendiges Übel. Das ist keine Zeit für gemischte Gefühle.

»Sie sind im Grunde der verlängerte Arm von Polizei und Armee«, sagt er. »Ein bisschen übereifrig vielleicht, aber es lässt sich nicht leugnen, dass sie Patrioten sind, den Einfluss der Bolschewiken zurückdrängen, den Fluch des roten Terrors brechen, Italien davor bewahren, denselben Weg zu nehmen wie die Sowjetunion. Sie verkörpern den Kampfgeist, den Italien zurückgewinnen muss. ›Lebe gefährlich‹, lautet eine ihrer Losungen, ›Es ist besser, einen Tag als Löwe zu leben, als hundert Jahre ein Schaf zu sein‹ eine andere.« Er beneidet sie. Wenn er doch nur jünger, kräftiger wäre!

»Ja«, sagt er nun mit deutlich mehr Nachdruck. »Die squadristi sind ein Instrument des Staates, wenn auch ein stumpfes. Sie sind eine reinigende Kraft in dieser korrupten Gesellschaft.«

Er kann Agata nicht sehen, weil er ihr sein blindes Auge zugewandt hat, hört sie aber leise wimmern. Er weiß weder, warum sie ihn zu einer politischen Diskussion in die Küche beordert hat, noch warum sie das Ganze so persönlich nimmt. Hat sie etwas in den Nachrichten gehört, von dem er nichts weiß? Sie war außer sich, nachdem die squadristi in Ferrara einen Priester zu Tode geprügelt hatten, aber das dürfte nun, wo sich Kirche und Faschistische Partei annähern, nicht mehr vorkommen. Die squadristi handeln nach wie vor ungestüm, das schon. Sie sind nicht in der Lage, zu differenzieren. Manchmal erwischt es Unschuldige. Das ist eben der Preis, den man zahlen muss.

Agata sagt nichts. Er zwingt sich, den Kopf zu drehen und sie mit seinem guten Auge anzusehen. Ihre Hände sind nach wie vor zum Gebet zusammengelegt, und sie schaut ihn gequält an.

»Was ist?«

»Diese reinigende Kraft hat sich unseren Sohn vorgenommen«, sagt sie. »Sie haben ihn geschnappt, verletzt und erniedrigt.«

Nando bleibt das Herz stehen und schlägt dann umso lauter weiter. »Wer hat ihn geschnappt? Was ist passiert?«, fragt er.

Stefano kenne die Männer, die das getan haben, sagt sie. Die jungen Schwarzhemden, die ihn an einen Stuhl gefesselt, nach hinten gekippt und ihm gewaltsam Rizinusöl eingeflößt haben. Die ihn nach Hause kriechen ließen, während er sich selbst und die Straße besudelte.

Seinen Sohn.

Würde er sich nicht ständig hinter seinen Büchern verkriechen, hätte er längst gemerkt, dass sein Sohn Probleme habe. Stefano sei kein Eiter, der ausgedrückt werden muss. Er sei ein guter Junge, mit guten Absichten.

»Was genau hat er denn gemacht?« Nando kann es sich denken. Dabei hatte er geglaubt, Stefanos sozialistischen Flausen Einhalt geboten zu haben, und gehofft, er hätte sie in Mailand zurückgelassen.

Doch es geht nicht um das, was er getan, sondern um das, was er nicht getan hat. Er ist kein Mitglied der squadristi geworden, er hat sich geweigert.

»Das ist alles?«, fragt Nando. Wenn ja, lässt sich das bestimmt einrenken.

Sie weiß nicht, ob das alles ist. Stefano kannte die Männer, doch es waren keine Arbeitskollegen, immerhin! Die Leute vom Autodrom wissen also nichts davon.

Wie lange noch?, denkt er.

Agata weint nie. Wenn sie wütend ist, stößt sie höchstens dieses schrille Kreischen aus, als würde sie erstochen. Doch jetzt weint sie.

Nando wendet erneut den Kopf ab und versucht sich zu sammeln. »Stefano wird das Gelübde ablegen müssen. Etwas anderes bleibt ihm nicht übrig«, sagt er. »Er wird Mitglied werden müssen. Nicht bei den squadristi, so weit muss er nicht gehen. Aber bei der faschistischen Partei. Er wird lernen müssen, den Mund zu halten und sich öffentlich zu bekennen. Er kann eintreten, sobald er sich einigermaßen erholt hat. Mit der Zeit wird Gras über die Sache wachsen.«

Sie weint lauter, versucht etwas zu sagen, doch das Weinen erstickt ihre Worte. Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, als würde sie sich ohrfeigen.

»Was noch?«, sagt er erneut. »Spuck’s aus, Frau.« Er klingt barscher als beabsichtigt.

Sie lässt die Hände sinken. »Eher wird er sterben. Stefano sagt, eher werde er sterben.«

»Das muss eine Verwechslung sein«, erwidert Nando. »Sie müssen den Falschen erwischt haben. Die sind doch völlig außer Rand und Band, diese squadristi.« Er wird persönlich zum Parteibüro gehen und Beschwerde einlegen. »Eine offizielle Beschwerde.« Er nickt.

Der Blick, den sie ihm daraufhin schenkt, ist mehr, als er ertragen kann. Er schaut wieder weg, damit er ihren ungläubigen Blick nicht erwidern muss, und verharrt so, bis sie aus dem Zimmer gestampft ist.

Er sitzt in der Ecke, halb blind, nutz- und arbeitslos, weiß nicht, was er tun soll. Er kann kein Geld verdienen. Er kann seinen Sohn nicht an der Kandare halten, ihn nicht beschützen. Er kann dessen Folterer nicht bestrafen. Er ist nicht in der Lage, die Zukunft seiner Kinder zu sichern. Auch er war einmal jemand mit einem eigenen Büro. Er genoss Respekt auf der Arbeit, aber nicht nur.

Unten beim Rangierbahnhof gibt es ein Abstellgleis für Güterzüge, das seit Langem ein Schrottplatz ist. Genau dort gehört er hin. Ein kurzes Ungaretti-Gedicht fällt ihm ein. »Lasst mich so wie einen in die Ecke gestellten und vergessenen Gegenstand!«

Agata ist wieder da, sie schüttelt ihn. »Setz dich auf«, sagt sie. Es helfe niemandem, wenn er da zusammengesunken in der Ecke hocke wie ein alter Sack Borlotti-Bohnen. Ihr Griff ist eisern wie ein Schraubstock.

Er legt die Hand auf ihre.

»Es bricht mir das Herz«, sagt sie. »Es bricht mir das Herz, aber es muss sein.«

Er dreht sich zu ihr um, zu der energischen, unbezähmbaren kleinen Frau. Sie hat eine Hand in die Hüfte gestemmt und die andere auf seine Schulter gelegt, wie Henkel und Tülle einer Kanne. Sie beugt sich zu ihm, als würde sie ihm ein erfrischendes Getränk einschenken, in sein Gefäß, seinen verbeulten Kelch. Er reckt sich erwartungsvoll.

Stefano werde sich anpassen müssen, sagt sie. Und mitspielen wie alle anderen auch. Glaube er etwa, dass alle, die den Faschistengruß zeigten, überzeugt von dem seien, was sie tun? Er werde klein beigeben, sich anpassen müssen.

Nando möchte ihr lieber nicht in Erinnerung rufen, dass Stefano gesagt hat, lieber werde er sterben.

»Es geht nicht nur um ihn. Er bringt uns alle in Schwierigkeiten. Macht uns zur Zielscheibe. Was ist mit seiner kleinen Schwester? Hat er an sie gedacht, als er aufs hohe Ross gestiegen ist, sein hohes Ross? Um dann zu sagen, er werde lieber sterben!« Sie nimmt die Hand von seiner Schulter, damit sie beide in die Luft werfen kann. »Hier ist kein Platz für Märtyrer.«

»Und wenn er sich weigert?«

»Dann muss er weg. Dann muss er gehen.«

»Wohin?«, fragt Nando.

Sie zieht eine zusammengefaltete Zeitschrift aus der Schürzentasche und knallt sie ihm in den Schoß. Es ist die Autozeitschrift, die Stefano abonniert hat. »Da drin stehen jede Menge offene Stellen.«

Er wirft einen kurzen Blick auf die eingekringelte Anzeige.

Gehören Sie zu den Pionieren im Motorsport?

»Wir wollen nicht, dass er nach Afrika geht«, sagt er.

»Wir wollen ihn aber auch nicht tot sehen.«

»Ich rede mit ihm«, sagt er. »Ich bringe ihm Vernunft bei.«

*

Ein paar Wochen nach Stefanos Misshandlung saß Liliana mit ausgestreckten Beinen auf dem Bett und machte Hausaufgaben. Es war ein lauer Frühlingsabend und draußen noch hell.

Sie hörte, wie Stefano heimkam und schnurstracks ins andere Zimmer ging, gefolgt von Stimmengewirr. Nach einer Weile kam er zu ihr und setzte sich ans Fußende. Er legte ihr die Hand auf den weiß besockten Fuß, lächelte und senkte den Blick.

Es ging ihm besser. Er arbeitete wieder. Acht Tage war er krank gewesen, doch als er sich davon erholt hatte, war es, als hätte er einen dunklen Tunnel durchquert, um völlig verändert daraus hervorzukommen. Ständig stritt er mit Vater. Sie wusste nicht worüber, weil sie verstummten, sobald sie das Zimmer betrat.

»Ich kann nicht länger bleiben, Lili«, sagte er. »Hier ist kein Platz für mich.«

Sie zögerte kurz, würde wirklich alles tun, um ihn wieder glücklich zu sehen, den alten Stefano zurückzubekommen. »Du kannst mein Zimmer haben«, sagte sie.

Das meinte er doch, oder? Dass er es leid war, im Wohnzimmer zu schlafen, immer als Letzter zu Bett zu gehen und als Erster aufzustehen, keinen richtigen Platz für seine Sachen zu haben, seine Unterwäsche in der Kommode verstauen und sein Hemd an die Tür hängen zu müssen.

Er drehte den Kopf und massierte sich den Nacken, als wäre er steif. Er wollte etwas sagen, schien aber nicht zu wissen, was. Ihr wurde bewusst, dass er das Zimmer, bevor sie gekommen war, zehn Jahre für sich allein gehabt hatte. Dann hatte er ihr Platz machen, sich erst mit einem Baby und dann mit einem kleinen Mädchen arrangieren müssen, das seinen Schlaf störte. Dieses Zimmer gehörte rechtmäßig ihm. Er war schließlich erwachsen und derjenige, der das Geld nach Hause brachte.

»Wir können wieder tauschen«, sagte sie. »Es macht mir nichts aus. Ich schlaf gern auf der Liege.«

»Darum geht es nicht.«

»Worum dann?«

»Ich habe eine neue Stelle und gehe fort.«

»Zurück nach Mailand?«, fragte sie. »Bitte nicht, bleib da.«

»Ich gehe nicht nach Mailand.«

»Heiratest du? Heiratest du Teresa?« Sie mochte Teresa nicht besonders, aber so würde er wenigstens in der Nähe bleiben.

»Teresa ist nicht mehr meine Freundin«, erwiderte er.

»Sie ist eine Hexe«, sagte Liliana. »Ich hab sie nie gemocht.«

Stefano seufzte laut. »Sei endlich ruhig und hör mir zu.«

Sie schwieg, doch es dauerte, bis er etwas sagte. Es musste ihm schwerfallen, mit der Sprache herauszurücken. Dann holte er tief Luft und sagte, er habe eine Stelle in Tripolis, wo eine brandneue Rennstrecke gebaut werde. Er sei an ihrer Entwicklung beteiligt, so wie hier in Monza.

»Liegt Tripolis bei Rom?«, fragte sie.

Er lachte laut auf. »Hast du keine Erdkunde in der Schule? Nein, in Nordafrika.«

»Ich hab’s mit Tivoli verwechselt«, sagte sie. »Tivoli liegt bei Rom.« Erst da begriff sie, was er gerade gesagt hatte. »Afrika! Du kannst unmöglich nach Afrika ziehen.«

Wenn die Leute auswanderten, kehrten sie nie mehr zurück, so viel wusste Liliana. 1921, als sie zehn und Stefano zwanzig gewesen war, noch in Mailand gearbeitet hatte, waren in einem Monat drei Mädchen mit ihren Familien weggezogen, darunter ihre beste Freundin Benedetta.

Damals gingen viele Leute fort. Die Männer hatten ihre Stellen verloren und konnten keine Arbeit finden. Manche hatten zwar Arbeit, verdienten aber nicht genug, um ihre Familien zu ernähren. Die Menschen hungerten. Da nahmen sie ihr wichtigstes Hab und Gut, verkauften, was sie nicht mitnehmen konnten, und bestiegen in Genua eines der großen Schiffe. Benedettas Familie wanderte nach Argentinien aus.

Damals vergrub Liliana ihre Puppe, die ebenfalls Benedetta hieß, im Park und zog ihre weißen Kommunionshandschuhe an, um ihrer Freundin zum Abschied zu winken. Sie versprachen, sich zu schreiben, doch seitdem hatte sie nichts mehr von ihr gehört.

»Bitte, geh nicht«, sagte sie.

»Ich muss. Hier ist kein Platz für mich, Lili.«

»Wie meinst du das?«

Er ließ ihren Fuß los und rutschte näher. »Das kann ich dir nicht richtig erklären«, sagte er. »Wenn du ein Stück älter bist, wirst du es verstehen.«

Sie hasste es, wenn Leute so was sagten.

»Hör zu«, sagte er, bevor sie etwas einwenden konnte. »Ich wandere ja nicht nach Amerika oder Argentinien aus. Es ist gleich auf der anderen Seite vom Mare nostrum.«

»Ich weiß nicht, wovon du redest.«

»Das bedeutet ›unser Meer‹ auf Lateinisch. So haben die alten Römer das Mittelmeer genannt.«

»Ich weiß, was Mare nostrum bedeutet«, sagte sie beleidigt.

»Ich mein ja nur, es ist gar nicht so weit weg. Wenn ich anständig Geld verdiene, komm ich dich besuchen. Ich geh nicht für immer fort.«

»Aber du hast hier eine gute Stelle.«

»Die dort ist besser. So eine kriege ich hier nie.«

»Hörst du auf dein Gefühl?«, fragte sie.

Da lächelte er. »Ich denke schon. Hier spricht es einfach nicht mehr so zu mir.«

Diese Worte versetzten ihr einen Stich. »Nimm mich mit«, flehte sie.

»Das geht nicht, Lili. Ich weiß noch nicht genau, was ich dort tun werde. Vorerst musst du bleiben, zur Schule gehen und lernen, so viel du kannst, damit du eines Tages Lehrerin oder Sekretärin werden kannst oder was auch immer du willst. Du musst dich an meiner Stelle um Mama und Papa kümmern.«

»Ich will aber nicht.«

»Wir alle müssen Dinge tun, die wir nicht wollen.«

»Du nicht.«

Er schaute weg und kratzte sich im Nacken, trommelte sich nervös mit den Fingern aufs Knie. Sie wartete darauf, dass er weiterredete. »Lili«, sagte er schließlich. »So ist es nun einmal.«

»Würdest du mich bitte in Ruhe lassen? Ich muss Hausaufgaben machen.«

»Jetzt sei doch nicht so.«

Sie hielt sich das Buch vors Gesicht.

Er stand auf und ging zur Tür. »Wenn du am Freitag nach der Schule zum Autodrom kommst, drehe ich eine Runde auf der Harley-Davidson mit dir.« Mit diesen Worten verabschiedete er sich.

Später rief Vater die ganze Familie ins Wohnzimmer, um die Neuigkeit zu verkünden. Er sprach von Stefanos neuer Stelle wie von einem großartigen Erfolg, von einer Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen durfte.

»Wie toll«, sagte Mutter, die zitternd neben Liliana auf dem geblümten Sofa mit den verschnörkelten Holzlehnen saß.

»Hat er seine Stelle beim Autodrom verloren, weil er krank war?«, fragte Liliana.

Es war einfacher, das zu sagen, wenn sie alle versammelt waren. Ihr Vater vor der Kommode, ihre Mutter gegenüber auf dem Sofa und Stefano auf der Liege, mit dem Rücken zur Wand.

Für einen Moment sagte keiner etwas. Liliana sah zu Stefano hinüber. Der schaute Vater an, mit hochgezogenen Brauen, als könnte er dessen Antwort kaum erwarten.

»Nein, nichts dergleichen«, sagte Vater schließlich mit wackliger Stimme und drehte den Kopf so, dass er ihrem Bruder direkt ins Gesicht sah. Er räusperte sich. »Ich bin stolz auf dich, mein Sohn.«

Sie sah zwischen beiden hin und her, folgte ihren Blicken, begriff aber nicht, was los war, was so lautstark verschwiegen wurde.

Ihr Vater schaute wieder geradeaus. Afrika sei ein Land voller Möglichkeiten, ein exotischer Ort, an dem sich ein junger Mann beweisen könne. Wäre er jünger, ginge er selbst dorthin. Er erzählte, wie offen das dünn besiedelte Italienisch-Nordafrika der italienischen Kultur gegenüberstehe, außerdem werde es Italiens Probleme auf dem Arbeitsmarkt lösen.

Inzwischen müssten die Menschen nicht mehr den Atlantik überqueren, um Arbeit oder Ackerland zu finden. Stattdessen könnten sie in ein im Aufbau befindliches Land gehen, in ein Land voller Möglichkeiten, das irgendwann ein kleines Stück Italien an einer weiteren Küste des Mare nostrum sein werde. Während er sprach, wurde seine Stimme kräftiger und bekam mehr Timbre. Er erklärte das Konzept des spazio vitale, erzählte, dass Italien sich ausbreite, sich den Lebensraum nehme, den seine expansive geografische Lunge benötige, um endlich wieder frei atmen, zu einstiger Größe zurückfinden zu können.

Liliana ließ Stefano, der blass und verkrampft wirkte, nicht aus den Augen.

Ihr Vater zitierte ein Ungaretti-Gedicht: Girovago – Landstreicher. »›Ich suche ein unschuldiges Land‹«, sagte er und erklärte, dass der Teil Nordafrikas unter italienischer Herrschaft, in den Stefano ziehen werde, genau so ein Ort sei. Primitiv, leer, unterentwickelt.

Liliana wunderte sich, warum Stefano angesichts dieses ruhmreichen Abenteuers nicht stolzer, aufgeregter war.

Die Eroberung dieses Teils von Nordafrika, die 1911 begonnen habe und vom Krieg unterbrochen worden sei, werde fortgesetzt, sagte ihr Vater. Mit den Erniedrigungen der Nachkriegszeit sei es nun langsam vorbei.

Stefano stand auf. Kopfschüttelnd stand er vor der Liege.

Vater bemerkte nichts davon und fuhr fort. Jetzt, mit Mussolini an der Spitze, der moderne, faschistische Ideale vertrete, werde es rasch Fortschritte geben. Italien werde sich nicht länger mit der Zuschauerrolle zufriedengeben, sondern selbst Geschichte schreiben.

Stefano begann langsam zu klatschen. »Bravo«, sagte er. »Lass uns ein paar Primitive auspeitschen, um zu einstiger Größe zurückzufinden. Großartig. Das Römische Reich ist wiederauferstanden.« Seine Stimme triefte vor Hohn. »Der Duce sollte dich dafür bezahlen, Papa.«

»Stefano«, sagte die Mutter warnend.

»›Die rote Fahne wird triumphieren‹«, sang er heiser den Refrain des Arbeiterlieds Bandiera rossa und reckte die Faust.

Als er verstummte, sagte keiner etwas. Er nahm sein Jackett und legte es sich über die Schulter. »Tut mir leid Mama.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Gleich darauf fiel die Haustür ins Schloss.

Kaum war Stefano fort, nahm Vater die Mütze vom Garderobehaken. »Ich gehe frische Luft schnappen.«

Liliana blieb mit ihrer Mutter auf dem geblümten Sofa zurück. Sie stand auf, öffnete das Fenster und streckte den Kopf hinaus, sah zu, wie ihr Bruder zwei Stockwerke tiefer das Haus verließ. Er überquerte die Straße und eilte in Richtung Zentrum. Dann tauchte ihr Vater auf und nahm die Gegenrichtung zum Bahnhof. Sie schloss das Fenster.

»Was ist los?«, fragte sie, doch ihre Mutter war bereits fort.

*

Vier Tage lang sprach Liliana nicht mit Stefano. Immer wenn sie beinahe einknickte, fiel ihr wieder ein, dass er sie im Stich ließ, dass seine Gefühle anderswo waren. Unterschwellig wusste sie, dass er es nicht so meinte, redete sich aber das Gegenteil ein. Es war leichter, wütend auf ihn zu sein, als sich mit der Situation abzufinden. Die Familie zerbrach. Vater war versehrt und nicht mehr für sie erreichbar, Stefano nur noch wütend oder verstockt. Bald würde er aus ihr unerfindlichen Gründen in ein fremdes Land gehen. Mutter war ständig auf den Knien oder schleifte Liliana mit zum Nachmittagsrosenkranz in die Kirche.

»Beten wir, dass er nicht fortgeht?«, fragte Liliana einmal, als sie in der Seitenkapelle von Santa Maria in Strada knieten.

Ihre Mutter schüttelte unmerklich den Kopf. »Nein, dass er nicht von Löwen gefressen wird.«

Liliana wollte fragen, ob es in Tripolitanien Löwen gebe, besann sich jedoch eines Besseren. »Gehört Stefano zu den Bolschewiken?«, flüsterte sie.

»Natürlich nicht«, erwiderte die Mutter.

»Warum hat er dann dieses Lied gesungen?«

»Um Vater zu ärgern.«

»Warum wollte er Papa ärgern?«

»Pst«, machte die Mutter.

»Ich verstehe nicht, warum er weg muss«, sagte Liliana.

»Es ist nicht unsere Aufgabe, das zu verstehen«, erwiderte die Mutter. »Wir müssen Vertrauen haben.«

*

Die Lücke, die ihr Bruder riss, war riesig. Lilianas Leben änderte sich von Grund auf. Es verlor seinen Geschmack, war wie Brot ohne Öl, wie Nudeln ohne Salz.

2

Heimatlose Hunde

Ein Ausschnitt aus der Repubblica vom Mai 1980 – ein Artikel mit der Überschrift Versuchter Mord an libyschen Dissidenten in Rom.

Der Himmel war grau, aber es war warm und kein Regen angesagt. Später sollte die Sonne hervorkommen und sämtliche Wolken auflösen. Es war Anfang Mai, und zum ersten Mal in diesem Jahr herrschte in London echtes Sandalenwetter. Liliana zog den Leinenbeutel, in dem sie ihre Sommerschuhe aufbewahrte, unter ihrem Bett hervor. Obenauf lag eine von Alans grauen Socken.

Sie ging in die Hocke und musterte ihn.

Alan war vor Weihnachten gestorben, im Februar hatte sie seine Sachen weggegeben. Ihre Freundin Joan hatte gesagt, das sei therapeutisch, und war gekommen, um zu helfen.

Joan war eine langjährige Freundin aus der Kirchengemeinde. Seit auch Liliana Witwe war, sahen sie sich deutlich öfter.

Alans Hemden, Anzüge, Krawatten, Gürtel, Brogues, sein großer Mantel und seine besten Pullis wurden in Tüten gepackt, um sie der Hilfsorganisation in Muswell Hill zu spenden, für die Joan ehrenamtlich arbeitete. Schlafanzüge, Unterwäsche und Socken landeten im Müll. »Niemand will anderer Leute Socken tragen«, sagte Joan. Es gab ein Paar Wandersocken, das er nur einmal getragen hatte.

Alan war gerne gewandert. Manchmal hatte ihn Liliana in die Yorkshire Dales begleitet. Dann ging es in derben Stiefeln und wasserabweisender Kleidung im Nieselregen auf den Gipfel, wo in den Nebel gespäht wurde. Liliana hatte nie richtig verstanden, was das sollte, sich aber nichts anmerken lassen. Das war eines von diesen seltsamen englischen Dingen wie Yorkshire Pudding mit Sauce, Teebecher, Essigchips und selbst bei kühlem Wetter an den Strand gehen. Sie hatte all das bereitwillig übernommen, weil sie in England eine neue Heimat gefunden hatte – erst recht, nachdem ihr Bruder und seine Familie verschwunden waren. Seitdem war Alan ihre Familie gewesen.

Sie griff nach der einsamen Socke, die Joans Ausmistaktion entwischt war. Es steckte etwas drin, vorne bei den Zehen. Sie zog ein Bündel Scheine hervor, die von einem Gummiband zusammengehalten wurden. Sie waren um einen Zettel gefaltet, auf dem in Alans Handschrift stand: Verwöhn dich, mein Schatz. Sie zählte die Scheine. Fünfhundert Pfund.

Verrückt, dachte sie. Ein Geschenk aus dem Jenseits. Guter alter Alan.

Sie schlüpfte in ihre Sandalen, steckte das Geld und den Zettel in das mit einem Reißverschluss versehene Innenfach ihrer Handtasche und machte sich auf den Weg.

Die Rosskastanien an der Priory Road waren voller weißer und dunkelrosa Blüten, die schwer zwischen den Blättern hingen. Was für üppige, ausladende Bäume!, dachte Liliana, während sie unter ihnen herging und über ihren unerwarteten Geldsegen nachdachte.

Verwöhn dich.

Was sollte das bedeuten? Sie wartete an der Bushaltestelle. Alans Aufforderung bekam plötzlich so eine Tragweite, so etwas Nachdrückliches, seltsam Provozierendes. Sie wusste nicht, ob sie überhaupt wusste, wie das ging, sich verwöhnen. Was das eigentlich hieß. Auf einmal wurde sie sich der unsichtbaren Kräfte bewusst, die ihr Leben bestimmt und sie hierhergeführt hatten, in diese Straße Nordlondons, ins Hier und Heute im Mai 1980. Sie hatte immer nur reagiert, erduldet und improvisiert, statt aktiv zu entscheiden oder sich etwas zu gönnen.

Der Bus kam, und sie stieg ein.

Sie würde sich auf ein Sandwich mit Joan treffen, nachdem deren Schicht bei der Hilfsorganisation vorbei war. Doch zunächst wollte sie in die Bibliothek, um italienische Zeitungen zu lesen. Das war relativ neu, dass sie sich mit Nachrichten aus Italien beschäftigte. Sie hatte es sich erst in den letzten Monaten angewöhnt. Dienstags und donnerstags, wenn Joan bei der Hilfsorganisation arbeitete, nahm sie den Bus nach Muswell Hill, um dann eine gute Stunde die Repubblica vom Vortag zu lesen.

Nach Jahrzehnten, in denen sie englischer gewesen war als jeder Engländer, war es, als hörte sie den Ruf ihres Geburtslandes. Es schrie nicht und fuchtelte nicht, drängte sie zu nichts. Auf eine leise, unitalienische Art schien es ihr nahezulegen, dass das, was sie hinter sich lassen wollte, als sie vor Jahrzehnten nach London zog, doch ziemlich lange her war. Seitdem war viel Wasser den Fluss hinuntergeflossen. »Oder besser gesagt: Wasser, das keine Mühle mehr antreibt«, murmelte sie in ihren Worten. Nein, das stimmte nicht: Acqua passata non macina più.

Ihr Italienisch war ganz eingerostet. Das Lesen fiel ihr leicht. Sie wusste allerdings nicht, was ihr über die Lippen kommen würde, sollte sie versuchen, es zu sprechen. Sie hatte ihre Muttersprache seit Jahren nicht mehr benutzt, nicht einmal im Stillen oder wenn sie sich den Zeh stieß und laut fluchte. »Damn«, fluchte sie dann, oder: »Flaming Nora. Ach du Schreck!«, wie Alan sich auszudrücken pflegte. Manchmal träumte sie auf Italienisch, aber im Wachzustand war die Sprache tabu. Sie hatte versucht Engländerin zu werden, ihr Italienischsein abzulegen. Das hatte sie wichtig gefunden, ja, sogar notwendig.

Wasser, das vorbeigeflossen ist, mahlt nicht mehr. Keine besonders elegante Übersetzung, aber genau das besagte das Sprichwort mehr oder weniger. Sie stellte sich einen von den Gezeiten glatt geschliffenen, rund gewordenen Flusskiesel vor.

Kaum hatte sie die Bibliothek betreten, nahm sie eine Ausgabe der Repubblica aus dem Regal im Lesesaal und setzte sich an einen Fenstertisch. Beim letzten Mal hatte sie vom Mafiamord an einem Polizisten erfahren, der Korruption aufgedeckt hatte. Keine vierzig Jahre alt.

»Fast noch ein Kind«, hätte Alan gesagt.

Auf eine distanzierte, irgendwie unbeteiligte Art versuchte sie zu ergründen, ob Italien heute, 1980, mehr oder weniger gewalttätig war als das Land, das sie 1938 für immer verlassen hatte. In diesen Tagen gab es zwar keine squadristi mehr, die ihre »heiligen Knüppel« schwangen, dafür schien die Mafia ein ernstes Problem zu sein. Und die Terroristen von den Roten Brigaden.

Heute beschäftigte sich die Titelseite fast ausschließlich mit dem politischen Machtkampf zwischen den Christdemokraten und den Republikanern, die beide zur Regierungskoalition gehörten. Das war natürlich die größte Veränderung, die Demokratie. Italien war keine Monarchie mehr. 1938 wäre das unvorstellbar gewesen, zumindest für Liliana. Damals hatte es nur eine Partei gegeben, die Faschistische Partei. Als sie dem Land den Rücken gekehrt hatte, waren die Faschisten sechzehn Jahre an der Macht gewesen. So gut wie jeder, der eine andere Meinung vertrat, war auf die eine oder andere Art zum Schweigen gebracht worden.

Sie blätterte um, als sie das Gesicht eines Mannes anstarrte, den sie fünfzig Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Ugo Montello.

Bei seinem Anblick verschlug es ihr den Atem, als hätte sie einen Schlag auf den Solarplexus bekommen. Sie verdeckte das Bild und sah auf. Sie war ganz aufgewühlt und befürchtete, sich übergeben zu müssen.

Bleib sitzen!, befahl sie sich. Gleich ist es vorbei.

Sie schloss die Augen. Hinter ihren Lidern tauchte kurz ein kleines Baby mit schwarzem Haar und saphirblauen Augen auf, wenn auch nicht sehr lange. Ansonsten nichts als Dunkelheit. Sie öffnete die Augen und begegnete dem Blick eines älteren Herrn mit Schiebermütze, der ihr gegenübersaß. Er hatte seine Ausgabe der Times sinken lassen, um sie zu mustern. Sie atmete schwer und laut, der Mund stand ihr offen. Sie schloss ihn und schluckte.

Dann senkte sie den Blick, ohne sich auf den Text zwischen ihren gespreizten Fingern zu konzentrieren. Um sie herum ging das leise Treiben in der Bibliothek weiter. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, nahm sie die Hände weg.

Es war ein altes Foto, das aufgenommen worden sein musste, als sie ihn kannte, in seiner Glanzzeit. Stolz wie ein Pfau trug er seine Luftwaffenuniform und hielt das Käppi in den Händen, gewelltes Haar spross aus seinem Schädel.

Die Todesanzeige erwähnte seine herausragende Karriere und dass er in den 1960ern als Polizeipräsident einen schwierigen Kampf gegen Verbrecherbanden geführt habe. Zwischen den Kriegen sei er Luftwaffenpilot gewesen und habe es bis zum Oberst gebracht sowie eine wichtige Rolle bei der »Befriedung Libyens« und später im Abessinienkrieg gespielt. Offensichtlich war er in seiner Wohnung in der Via Nomentana in Rom friedlich eingeschlafen und hatte eine fünfundfünfzigjährige Ehefrau, drei Kinder und sieben Enkel hinterlassen.

Sie faltete die Zeitung zusammen, stand auf und behielt sie einen Moment in der Hand. Ugo war all die Jahre am Leben gewesen. Bis vor Kurzem hatte er an einem fernen Ort geatmet. Nun hatte seine Lunge den Dienst eingestellt, während ihre nach wie vor arbeitete und die warme Luft in dieser Bibliothek Nordlondons ein- und wieder ausatmete, ein und aus. Sie atmete, Ugo nicht mehr.

Neben dem Zeitungsregal lag ein Stapel alter Zeitschriften. Sie hob ihn an und schob die Ausgabe der Repubblica darunter. Dann wischte sie sich die Hände an ihrem Rock ab und ging.

Bis zu ihrem Treffen mit Joan fehlte noch eine halbe Stunde. Sie könnte einen kleinen Schaufensterbummel machen und überlegen, wofür sie die fünfhundert Pfund ausgeben wollte. Oder zur Post gehen und sie auf ihr Konto einzahlen, auch wenn keine von beiden Optionen etwas von der extravaganten Verwöhnaktion hatte, zu der Alans Notiz sie ermuntert hatte.

Als sie an der Queens Avenue auf einen Verkehrskreisel zulief, sah sie wieder vor sich, wie sich Alan im Krankenhausbett vor Schmerzen gewälzt hatte.

»Lass mich nicht im Krankenhaus sterben«, flehte er sie an.

Doch wie sollte sie ihn da rauskriegen, wo er bereits Teil der Maschinerie geworden war? Man hatte es ihr nicht erlaubt. Wohingegen Ugo »zu Hause friedlich eingeschlafen war«. Ihr kamen die Tränen. Sie nahm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sie diskret weg.

Ugo und Alan beherrschten ihr ganzes Denken, aber das sollten sie nicht, nicht gleichzeitig. Ihr dröhnte der Kopf.

An der Ampel stand ein Bus. Sie stieg ein und fuhr den Hügel hinunter. Ihre Gedanken schienen durch den dunklen Wald ihrer Vergangenheit zu streifen, über die Wege ihres Lebens, die grau verblassten Weiten, den undurchdringlich dornigen Teil in der Mitte. Sie flatterten dahin wie ein erschöpfter Vogel, der nicht zu seinem Nest zurückfindet, nicht weiß, wo er landen soll.

Als sie nach Hause kam, rief sie Joan an und ließ ihr ausrichten, dass sie sich heute leider nicht treffen könnten, es sei etwas dazwischengekommen.

Sobald sie an diesem Abend die Augen schloss, war Ugo da. Es war, als schliefe er neben ihr, so wie er auch sonst alles tat, äußerst energisch. Laut schnarchend, beanspruchte er das ganze Zimmer mit seinen Vibrationen. Im Dunkeln spürte sie, wie die Luft dicker wurde. Sie schien wieder in Ugos Schlafzimmer in Tripolis zu liegen, in seinem großen Bett aus Walnussholz, unter den sich langsam drehenden Blättern des Deckenventilators.

Sie setzte sich auf und machte die Nachttischlampe an. Da waren die lila Tagesdecke und die blauen Damastvorhänge mit den Ornamenten in Beige und Rosa, der Schlafzimmerteppich und ihre Filzpantoffeln. An der gegenüberliegenden Wand hing ein Stich vom Ingleborough Peak, den sie Alan zum Fünfundsechzigsten geschenkt hatte. Lauter vertraute Gegenstände an ihrem gewohnten Platz. Sie war zu Hause in London. Ugos Schnarchen hatte das Raum-Zeit-Gefüge nicht gesprengt. Sie ging nach unten und machte sich eine Tasse Kamillentee.

Als sie wieder ins Bett schlüpfte, war Ugo noch da. Er lag auf dem Rücken, seine breite Brust hob und senkte sich. Sie hatte stets den Kopf darauf gebettet, die Wange daran geschmiegt, um auf seinen lauten, selbstbewussten Herzschlag zu lauschen.

Er war vor zwei Tagen gestorben. Zu Hause friedlich eingeschlafen. Er musste fast neunzig gewesen sein. Nie war er zur Rechenschaft gezogen worden. Gab es keine Gerechtigkeit auf der Welt?

Sie wälzte sich hin und her, versuchte, eine bequeme Schlafposition zu finden. Sie drehte sich auf die Seite und presste das Ohr ins Kissen. Da war dieses Flüstern im rechten Ohr, ein unverständliches Murmeln. Heute wurde es vom wilden Trommeln ihres Herzens begleitet, das doppelt so schnell schlug wie sonst.

*

Am Donnerstagvormittag fand sie sich erneut in der Bibliothek wieder. Sie hatte den Bus genommen, weil sie Joan zum Mittagessen treffen und vorher ein paar Lebensmittel einkaufen wollte. Muswell Hill Broadway war dazu genauso gut geeignet wie jeder andere Ort. Sie musste außerdem bei Alexandra Motors vorbeischauen und sich ihren Scheck abholen. Die hatten es endlich geschafft, Alans alten Wagen zu verkaufen. Sie hatte dort in Teilzeit als Buchhalterin gearbeitet, wusste also, dass die Firma vertrauenswürdig war.

Zu schade, dass sie das Pensionsalter längst erreicht hatte. Am liebsten hätte sie weitergearbeitet, um die Zeit totzuschlagen. Sie musste sich ja nicht mehr um Alan kümmern. Auto fahren hatte sie nie gelernt, war aber gern unter Menschen, die sich für Autos interessierten. Eigentlich wollte sie auch beim Trödelladen in der Coney Hatch Lane vorbeischauen, um zu gucken, ob neue Stoffe eingetroffen waren, doch der hatte zu. Sie hielt stets nach Seidenschals Ausschau. Sie nähte eine Patchworkdecke daraus, fürs Gästezimmer.

Im Grunde hatte sie heute gar nicht vorgehabt in die Bibliothek zu gehen, sondern sich eine kurze Pause von Italien und italienischen Nachrichten gönnen wollen. Aber nachdem sie ihre Einkäufe erledigt hatte, blieben ihr ein paar Minuten, und hier saß sie also.

Sie sah, dass der Zeitschriftenstapel verschwunden war. Besser so, sonst wäre sie versucht gewesen, sich die Todesanzeige ein zweites Mal anzusehen, nach Fakten zu suchen, die sie übersehen hatte.

War ein Beerdigungsdatum angegeben gewesen? Der Zeitraum zwischen Tod und Beerdigung war in Italien deutlich kürzer. Nicht so kurz wie in muslimischen Ländern, aber deutlich kürzer als in England, wo Wochen vergehen konnten. Ugo dürfte längst zur letzten Ruhe gebettet worden sein, bestimmt hatte er einen Grabstein bekommen. Es lief ihr kalt den Rücken hinunter, als hätte sich eine eiskalte Hand auf sie gelegt. Sie schüttelte sie ab.

Sie nahm die neuesteRepubblica