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Ende Februar in einem abgelegenen Baggersee Schwimmen gehen: Ein Ritual, das die Aufbruchsstimmung einer Clique von Freunden auf den Punkt bringt. Die auf die Umwälzungen der Spätsechziger folgende Bildungsreform beflügelt die Lebensentwürfe. Über Abitur und Studium hinaus erscheint vieles machbar. Es entstehen spezifische Milieus, in denen Phantasien vom Aufstieg aus einfachen Verhältnissen auf Rebellion und Verweigerungshaltung der Bürgerkinder treffen. Berauscht von den Möglichkeiten, die sich ihnen scheinbar eröffnen, geben sich unsere Freunde dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, hin. Aber bald zeigen sich erste Grenzen ihrer Vorstellungen. Thomas Arnold schmeißt das Gymnasium, um in der Fußgängerzone Gitarre zu spielen. Patrizia geht auf die Sekretärinnenschule, statt Abitur zu machen. Der Falke flieht vor der Einberufung nach Berlin. Das Ohr kommt wegen eines dilettantischen Versuchs, Drogen herzustellen, ins Gefängnis. Valentin fährt ungebremst mit dem Mofa in einen Reisebus. Nur der Rupp greift von Anfang an nach den Sternen: Er hat sich in Heidelberg für Philosophie eingeschrieben. Als sie sich nach Jahren treffen, um das Ritual zu wiederholen, zeigt sich, wie sehr sie inzwischen von einer neuen Wirklichkeit eingeholt worden sind. Thomas Arnold leidet unter einem Verfolgungswahn und ist schwer medikamentenabhängig. Patrizia lebt in einer unbefriedigenden Ehe und der Rupp scheint nach vierzig oder fünfzig Semestern immer noch am Anfang seiner Studien. Die Stimmung ist gereizt. Aber sie halten an der Idee fest, jetzt, Ende Februar, schwimmen zu gehen. Wer es am längsten im kalten Wasser aushält, soll von der als Prinzessin verkleideten Patrizia den Pokal bekommen, eine goldfarben angemalte Blechgießkanne vom Friedhof. Aber an ihrem geheimen Treffpunkt hat ein neoliberaler Jungpolitiker ein Mutmacher-Festival für die Jugend organisiert. Er schwingt hohle Reden und schwimmt als lebendes Beispiel für Entschlossenheit und Durchhaltevermögen in dem eiskalten Wasser. Ihrer Idee beraubt, zeigen sich Brüchigkeit und Ambivalenz ihres Zusammenhalts. Fast scheint es so, dass der aus Stagnation und Fehlentwicklungen resultierende Frust sich nur noch ein Opfer suchen muss. Das Ende der durch die Bildungsreform postulierten Ideale zeigt sich in der Erzählung von den Frühjahrsschwimmern nicht aus der gesellschaftskritischen Perspektive, sondern als klassische Tragödie, in der Darstellung des Scheiterns des Menschen an sich selbst.
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Als Kind einer Arbeiterfamilie wuchs Thomas W. M. Hecht in den sechziger Jahren in Mannheim auf, ging auf eine Brennpunktschule und studierte einige Semester Informatik, später auch einige Semester Mathematik..
Er übte verschiedener Berufe aus und unternahm Reisen, die ihn u.a. in das damals noch faschistische Spanien führten, ins revolutionäre Portugal, nach Skandinavien, Sizilien und in die Vorgebirge des Himalaya, wo er geheimnisvolle Klöster besuchte.
Thomas W. M. Hecht lebt und arbeitet heute noch in seiner Heimatstadt Mannheim
Vorwort
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Ende Februar in einem abgelegenen Baggersee Schwimmen gehen: Ein Ritual, das die Aufbruchsstimmung einer Clique von Freunden auf den Punkt bringt. Die auf die Umwälzungen der Spätsechziger folgende Bildungsreform beflügelt die Lebensentwürfe. Über Abitur und Studium hinaus erscheint vieles machbar. Es entstehen spezifische Milieus, in denen Phantasien vom Aufstieg aus einfachen Verhältnissen auf Rebellion und Verweigerungshaltung der Bürgerkinder treffen. Berauscht von den Möglichkeiten, die sich ihnen scheinbar eröffnen, geben sich unsere Freunde dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, hin. Aber bald zeigen sich erste Grenzen ihrer Vorstellungen. Thomas Arnold schmeißt das Gymnasium, um in der Fußgängerzone Gitarre zu spielen. Patrizia geht auf die Sekretärinnenschule, statt Abitur zu machen. Der Falke flieht vor der Einberufung nach Berlin. Das Ohr kommt wegen eines dilettantischen Versuchs, Drogen herzustellen, ins Gefängnis. Valentin fährt ungebremst mit dem Mofa in einen Reisebus. Nur der Rupp greift von Anfang an nach den Sternen: Er hat sich in Heidelberg für Philosophie eingeschrieben.
Als sie sich nach Jahren treffen, um das Ritual zu wiederholen, zeigt sich, wie sehr sie inzwischen von einer neuen Wirklichkeit eingeholt worden sind. Thomas Arnold leidet unter einem Verfolgungswahn und ist schwer medikamentenabhängig. Patrizia lebt in einer unbefriedigenden Ehe und der Rupp scheint nach vierzig oder fünfzig Semestern immer noch am Anfang seiner Studien. Die Stimmung ist gereizt. Aber sie halten an der Idee fest, jetzt, Ende Februar, schwimmen zu gehen. Wer es am längsten im kalten Wasser aushält, soll von der als Prinzessin verkleideten Patrizia den Pokal bekommen, eine goldfarben angemalte Blechgießkanne vom Friedhof. Aber an ihrem geheimen Treffpunkt hat ein neoliberaler Jungpolitiker ein Mutmacher-Festival für die Jugend organisiert. Er schwingt hohle Reden und schwimmt als lebendes Beispiel für Entschlossenheit und Durchhaltevermögen in dem eiskalten Wasser.
Ihrer Idee beraubt, zeigen sich Brüchigkeit und Ambivalenz ihres Zusammenhalts. Fast scheint es so, dass der aus Stagnation und Fehlentwicklungen resultierende Frust sich nur noch ein Opfer suchen muss.
Wirklich sympathisch ist keiner der Protagonisten, zu sehr sind sie befangen in ihrer Überheblichkeit, in der Unzugänglichkeit ihrer Personen und im Leugnen ihres Scheiterns.
Patrizia, die einzige Frau in der Gruppe erlebt die Männer als gleichermaßen gierig wie unsicher in ihrer sexuellen Identität. So, wie sie nur zum Orgasmus kommt, wenn sie selbst Hand anlegt, stehen für die Männer ihre Beziehungen untereinander im Vordergrund. Lebenslügen und ein rauer Umgang miteinander haben ihre Gefühle verdrängt.
Das Ende der durch die Bildungsreform postulierten Ideale zeigt sich in der Erzählung von den Frühjahrsschwimmern nicht aus der gesellschaftskritischen Perspektive, sondern als klassische Tragödie, in der Darstellung des Scheiterns des Menschen an sich selbst.
Das ist ein Breitbandtacho sagte das Ohr. Das ist ein Breitbandtacho sagte der Falke. Sowas gibts heute nicht mehr. Eine unbestimmte Zeitdauer hatten sie nicht geredet. Der Falke sah in den Rückspiegel. Nein, sowas gibts heute nicht mehr. Hinten in der Mitte saß Patrizia. Dass sie so in der Mitte saß, verhinderte, dass sie sich elegant hinsetzen konnte. Das eine Bein rechts, das andere links vom Mitteltunnel. Links von ihr saß Thomas Arnold, rechts der Rupp. Arnold wirkte, als würde er auf eine Gelegenheit warten, etwas zu sagen, der Rupp sah teilnahmslos aus dem Fenster in die kalte Februarlandschaft. Dass ich den dabei habe.
Noch war vom Ritual, von seiner Wirkung nichts zu fühlen. Der Rupp, der studiert doch Philosophie. Wie lange eigentlich schon. Gibts da keine Regelstudienzeit. Bedachte man, dass auf ein Jahr zwei Semester kommen, dann kam da ganz schön was zusammen. Für das Ritual war das aber egal. Patrizia in ihrem weißen Prinzessinnenkleid. Der Opel rumpelte durch eine Reihe von Schlaglöchern und durchfuhr dann mit beträchtlicher Seitenneigung eine Kurve. So ein weiches Fahrwerk, das gibts heute nicht mehr. Nein, sagte der Falke, das ist nur bei den alten Autos so. Der hat auch nur drei Gänge. Dreiganggetriebe.
Arnold hatte zugenommen, seit sie sich zuletzt gesehen hatten. Wie lange war das jetzt her. Der hat ganz schön zugenommen, dachte Patrizia, der ist richtig fett. Zwangsläufig berührte sie einen seiner Schenkel und spürte seine Wärme. Arbeitest du noch bei der Post. Nein da hat man auch Samstag Dienst. Ach. Meine Freundin wollte das nicht. Die wollte den Samstag mit mir verbringen. Also so richtig. Das war wie eine Sucht. Ich hab mich dann für die Frau entschieden. Trotz allem. Haste jetzt nen neuen Job. Und wovon lebst du dann. Ich krieg so was wie Sozialhilfe.
Das Ohr drehte sich nach hinten: Entscheidung für die Frau. Das find ich jetzt echt gut. Eine Frisur wie Prinz Eisenherz. Auch irgendwie nicht gerade modern. Er hat sich kaum verändert. Wie auch der Falke, der groß, blond und athletisch war. Nur der Arnold ist so fett geworden. Die Frau, sagte Arnold, die wollte immer Sex. Laura hieß die. Also mindestens einmal die Woche. Muss Man sich mal vorstellen. Krass. Die war total süchtig. Und dann eben fast immer am Samstag. Und danach in die Badewanne sagte das Ohr. Er war ein Anwärter auf den Pokal. Er war muskulös. Immer noch, dachte Patrizia. Und ein guter Schwimmer.
Die Landschaft war eintönig. Bäume und Büsche kahl. Es war Ende Februar. Der Tag war sonnig, aber arschkalt. Man muss das Leben mit Anstand leben, dachte Patrizia, und das ist schwerer, als man denkt. Ehe, Kinder, Haus abbezahlen. Dazu braucht es Charakterstärke. Dann: Ein ganzer Tag mit Typen von früher. Von gestern, gewissermaßen. Vielleicht ja nicht irgendwelche Typen. Freunde wäre aber auch irgendwie zu viel. Sie waren zusammen auf der Schule. Abgesehen vom Rupp. Und dann kam diese Zeit. Wo ist eigentlich Valentin. Der wollte nicht mit. Der macht jetzt so sein eigenes Ding. Hab ich gehört, sagte Patrizia. Wir haben ab und zu noch Kontakt. Der ging ja auch nie ins Wasser. Der Kampf um den Pokal wurde nur zwischen dem Falken, dem Ohr und Thomas Arnold ausgemacht. Ich denke, sagte der Falke, Valentin kann nicht schwimmen. Er hat es zwar nie gesagt, vielleicht ist es ihm auch peinlich, aber er ist ein Nichtschwimmer. Ich habe jedenfalls noch nie gesehen, dass er ins Wasser ist. Ist ja auch egal, sagte das Ohr, das Ritual ist für alle da. Es wirkt auf alle, die dabei sind. Es ist ein großes Geheimnis, aber es funktioniert.
Das Leben mit Anstand leben, dachte Patrizia noch mal. Anständig leben. Ein Mann, der wenigstens arbeiten geht. Sie war mit Ulf, einem Deutsch-Argentinier verheiratet. Ein eigenes Haus, auch wenn es noch nicht abbezahlt war. Das blond ist gefärbt sagte sie. Sieht gut aus, sagte der Falke, weil sonst niemand etwas sagte. Aber dann auch das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, die Welt zu verstehen. Es hat keinen Sinn, seinen Platz in der Welt zu haben, wenn man nicht versteht, warum das so ist. Wieso hast du dir keinen neuen Job gesucht, nachdem du bei der Post aufgehört hast. Ich war da völlig fertig. Diese Laura hat sich dann von mir getrennt. Da war ich dann beides los, Job und Frau, da hab ich ne Zeit gebraucht.
Man konnte nicht genau sagen, wer zuerst die Idee gehabt hatte, das Ritual zu wiederholen, aber jetzt erschien es ihnen selbstverständlich, dass sie die gleiche Strecke fuhren wie damals. Nur Valentin hatte sich geweigert. Haha, sagte Arnold plötzlich, ich glaube der Valentin ist wirklich ein Nichtschwimmer. Keiner antwortete ihm. Er hätte auch: haha, der Feminismus oder haha, der Islam sagen können. Wir machen das jetzt, sagte das Ohr. Ja, sagte der Falke, wir machen das. Und er dachte bei sich: Das ist die Magie. Das war diese Zeit. Das fing an kurz vor Ende der Schule. Und dann kam sie. Die Zeit.
Patrizia merkte, dass ihr Kleid hochrutsche, mit jeder Bewegung auf der Velour-Sitzbank. Thomas Arnold sah sich um, wie einer, der auf ein Abenteuer aus ist. Ein Abenteuer im Urwald. Fischerweste und Cargo-Hose. Der Mann hat etwas vor. Der Rupp dagegen: Mit einer Art Dufflecoat, Samthosen und roten Wildleder-Turnschuhen.
Mit was für einem Auto sind wir eigentlich früher gefahren. Mit meinem, sagte der Arnold, aber, haha, ich hab keinen Führerschein mehr. Nur ein Bier zu viel, aber dreimal hintereinander. Ich krieg den nie mehr. Da reicht der Idioten-Test nicht. Ich müsste den ganz neu machen, und das schaff ich nicht. Wir sind auch mal mit meinem gefahren. Gott ja, Patrizia, ja, da kann ich mich erinnern, das war der Ford Granada. Riesen-Schiff. Ford Consul, sagte sie, mit Schrägheck. Gott, was es damals alles gegeben hat. Der Valentin hatte ja nur ein Moped. Der konnte sich ja nichts leisten. Ich konnte mir damals auch nichts leisten, sagte der Falke. Das kam ja irgendwie erst später.
Und das ist jetzt der gleiche Weg. Oder der selbe Weg. Hab ich nie kapiert, was da der Unterschied ist. Ist doch egal ob man der selbe oder der gleiche sagt. Das ist doch das gleiche. Das gleiche ist nicht das gleiche wie das selbe, sagte der Rupp und dann wie zum Trotz: Die Kunst wird uns ernähren. Thomas Arnold sah sich um. Seine Aufmerksamkeit war fokussiert, seine Gedanken geordnet. Alles ist wie damals. Das Heute verband sich harmonisch mit der Vergangenheit. Seine Augen waren wie Scheinwerfer, die mal dies und mal jenes ausleuchteten. Und sein Geist sah beides: Gegenwart und Vergangenheit. Eine abgewetzte Stelle auf der Lehne des Fahrersitzes, die Schachtel Zigaretten auf dem Armaturenbrett. Das Ohr, wie er lachte, unrasiert. Patrizia, ihre Hakennase, die blondierten Haare, ihre Sommersprossen. Als Schüler war er verliebt. Die saß neben mir.
Er konnte sich dann aber nicht mehr so genau erinnern. Und dann war es, als würde ein geistiger Spurhalte-Assistent eingreifen. Alles war gut, damals. Ich habs ja nicht leicht gehabt, bei der Position, die mein Vater im Amt hatte, da erwarten die Leute ja was. Irgendwie hat das dann aber nicht geklappt. Eine fröhliche Runde in einer versifften Bude. Die erste Haschisch-Pfeife. Ihm wurde tierisch schlecht. Voll die Panik. Aber wieder beruhigte ihn eine innere Kraft. Das war eben so, da kann man nichts machen. Drogenkarriere. Er lernte Dealer und Junkies kennen. Beinahe, und das war wirklich ganz knapp, hätte er sogar mal so genannten O-Shit geraucht. Davon redeten alle. Das war Haschisch, das angeblich mit Opium versetzt sein sollte. Leute die koksten. Und dann so dies und das.
Irgendwann war er bei der Post gelandet. Beutelumschlag, Paketrampe, Briefsortierung. Kann man sich nicht vorstellen. Und dann, Tagschicht, Nachtschicht, Wochenenddienst. Und dann Laura. So ein Scheiß, hatte sie gesagt. Das war der Auslöser. Ohne eigenes Verschulden verlor er alles. Sein Vater musste seine Schulden bezahlen. Aber das ist wichtig, sagte er zu sich selbst, dass ich da nichts dafür kann. Ich hatte die besten Absichten. Zunächst hatte er geglaubt, das sei Schicksal. Die Haschischpfeife, die sexsüchtige Frau. Erst spät, eigentlich zu spät, hatte er die Zusammenhänge erkannt. Die Mischung aus Angst und Wut, die in ihm hochstieg, wurde jedoch durch eine rosarote Wolke aufgesaugt. Heute ist ein schöner Tag.
Haste nen Stadtplan oder so eins von den neuen Navis. Ja und nein, sagte der Falke. Ich hab nen Stadtplan, aber die Straße hier ist nicht mehr drauf. Wahrscheinlich, weil hier eh keiner rausfährt. Wenn hier keiner rausfährt, wieso haben sie die Straße dann gebaut. Und früher sind ja wir hier rausgefahren. Das hab ich jetzt nur so gesagt. Klar fährt hier mal einer raus, beispielsweise um nen Hund auszuführen und im Sommer gehen die Leute schwimmen. Aber um diese Zeit schwimmen gehen, das machen doch nur wir. Ja, sagte der Falke, das machen nur wir. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass das jemand anders gemacht hätte. Wir sind halt etwas Besonderes, weil wir nicht nur reden, sondern auch was machen. Das war ja schon damals so, auf der Schule und auch danach. Das war unsere Zeit, sagte das Ohr.
Meistens trafen sie sich beim Falken, weil der eine eigene Bude hatte. Es klingelte an der Tür. Der Falke öffnete und Valentin trat ungelenk ein. Ein großer Kerl, kräftig, aber irgendwie unkoordiniert. Klamotten wie aus dem Kleidersack der evangelischen Kirche. Der Motor des Mopeds war schon zu hören, bevor er an der Tür läutet. Früher, sagte er, also vor ein paar Jahren, da hatte ich so eine Phase, dass ich dachte, die ganze Welt sei nur für mich gemacht. Das war so seine Art, mit einem schwerwiegenden Thema ganz unvermittelt anzufangen. Auf eine gewisse Art autistisch und mit einer Neigung zum Solipsismus. Der Falke kochte Tee und hörte sich alles an.
Ein Radio hast du auch nicht, fragte das Ohr. Nein, da ist kein Radio drin, sieht man ja, aber ich kann hier ja nicht irgendwas einbauen, es muss zum Auto passen, vielleicht so was wie Blaupunkt Frankfurt mit Röhrenverstärker. Und so etwas ist teuer, wenn man ihn überhaupt kriegt. Der Opel hat ja auch noch sechs Volt. Drei Gänge und sechs Volt murmelte das Ohr.
Ich muss pinkeln sagte Patrizia. Da ist jetzt aber kein Klo, sagte Thomas Arnold. Ich fahr mal raus, da kommt jetzt gleich ein Parkplatz, da gibt’s Gebüsch. Durch Valentin hatte der Falke den Rupp kennengelernt. Unvermittelt und ungeplant. Er betrat eine Kneipe, Frau Nachbar, was sich vom Spruch Anarchie ist machbar, Frau Nachbar, ableitete und traf auf Valentin, Rupp und ein paar andere Typen. Der Falke war alleine unterwegs. Er wusste zwar irgendwie, dass Valentin eine Gruppe oder Bande in der Hinterhand hatte. Meine Tschaika, sagte er. Er hatte diese Leute aber noch nie gesehen. Valentin schien irgendwie unangenehm überrascht, aber er stellte die Leute vor. Rupp, Mike und Mike und Dim. Was für eine Banda. Die beiden Mikes waren kleine kriminelle Schlägertypen, Dim ein fetter Trottel.
Der Rupp hatte sich gerade für Philosophie in Heidelberg eingeschrieben. Die Welt sagte er, also die Welt der Menschen, wird zerfallen, aus Mangel an Moral, aus Mangel von dem, was den Mensch zum Übermenschen macht. Und was macht den Mensch zum Übermenschen, hatte der Falke gefragt, halb spöttisch, halb amüsiert von der Erscheinung dieses mittelgroßen, rothaarigen Jungen mit der unglaublich dicken Brille. Die Distanz. Die Distanz ist das. Und das ist auch das, was die Philosophie lehrt. Ich trinke hier nur ein Bier hatte der Falke zu Valentin gesagt.
Gott, dachte Patrizia, wie peinlich, aber was soll ich machen, es ist arschkalt und ich muss pissen. Andererseits hatten die Jahre, die vergangen waren, vieles relativiert. Sie hatte zwei Kinder, zwei Jungs und war verheiratet. Ulf, ein Mann der sein Handwerk verstand. Da ist der Parkplatz. Ja, da ist der Parkplatz. Der Falke nahm Gas weg. Die Bremsen griffen, mit einem mahlenden Geräusch und ungleichmäßig. Der Platz, als Ausgangspunkt für Wanderungen gedacht, war frei. Bis auf einen Kombi, ein japanisches Fabrikat. Mit einem Knirschen kam der Wagen auf dem nicht befestigten Platz zum Stillstand. Wir sind da. Der Falke stieg aus.
Der Opel war ein Zweitürer. Man musste die Lehne des Fahrersitzes nach vorne klappen. Haha, Pinkelpause, sagte Thomas Arnold. Er hatte Schwierigkeiten, von hinten nach vorne durchzusteigen. Ein Viertürer wäre besser gewesen. Ja, sagte das Ohr, ein Viertürer, da kann man leichter aussteigen. Thomas Arnold: wie eine auf den Rücken gedrehte Schildkröte. Er zappelte und keuchte. Schließlich kam er irgendwie von der hinteren Sitzbank nach vorne und aus dem Auto heraus. Fett und bleich. Aber er war vor zwanzig Jahren ein guter Schwimmer gewesen. Das Schwimmen und die Vergabe des Pokals wurde nur zwischen dem Falken, dem Ohr und Thomas Arnold ausgemacht. Der Rupp war Nichtschwimmer und somit nur mit dabei. Als Beobachter und vielleicht, um eine philosophische Bemerkung abzugeben.
Wo soll ich jetzt pinkeln? Da ist doch überall Gebüsch. Aber die Büsche waren, wie die Bäume kahl. Der Falke holte eine Zigarettenpackung vom Armaturenbrett. Camel ohne Filter. Kann ich auch eine haben? Klaro. Mit einem Fingerschnippen ließ der Falke eine Zigarette aus der Packung springen, gerade so weit, dass sie nicht herunterfiel und das Ohr bequem zugreifen konnte. Er gab dem Ohr Feuer, bevor er seine eigene anzündete. Eine Geste der Hochachtung.
Der Rupp sah nach draußen. Die Welt und insbesondere die Menschen, die darin lebten, widersetzten sich mal mehr und mal weniger der philosophischen Betrachtung. Der strahlendblaue Himmel und die kahlen Bäume und Büsche zeigten sich gleichgültig. Dabei wäre es ja gewissermaßen die Rolle des Philosophen gewesen, durch Gleichgültigkeit Überlegenheit zu beweisen. Er war froh, dass Valentin nicht mit dabei war. Andererseits fehlte so nun das verbindende Glied zu den anderen. Er empfand ein leichtes Unwohlsein, dachte aber, dass er in den eisigen Höhen seiner geistigen Überlegenheit damit leben müsse. Auch für ihn hatte es die Zeit gegeben. Die Zeit, als er nach den Sternen griff, Dinge tat, die ihm niemand zugetraut hatte, die Zeit seiner Bande und er: Philosoph und Rebell. Ich werde kein Kaufmann, hatte er gesagt und erst recht kein Handwerker. Er zog in die WG, in der er heute noch wohnte und beschloss der Welt die Stirn zu bieten. Er war schon immer etwas Besonderes gewesen. Schon als er in die Schule kam. Kein kleiner Junge war so hässlich, kein kleiner Junge hatte eine so dicke Brille.
Das Ohr inhalierte. Ein Moment tiefster Besinnung, Kontemplation sozusagen. Man konnte ihm ansehen, wie einzelne Tabakkrümel auf seiner Zunge brannten und so für die Ursprünglichkeit der Erfahrung garantierten. Der Falke sah sich um. Prüfend. Die Landschaft, die immer noch, gleichförmig, wie sie hier war, aus kahlen Bäumen und Büschen bestand, aus einem gleichgültigen Himmel und der Erde. Diese Erde knirschte unter seinen rahmengenähten, italienischen Halbschuhen. Es brauchte eine gewisse Form von Selbstbeherrschung, von Mut und Beharrungsvermögen, um in dieser Welt zu bestehen. Er zog an seiner Zigarette. Die Spitze glühte.
Da machte Thomas Arnold auf sich aufmerksam. Er konnte nicht sagen wie. Irgendwie war er in sein Blickfeld geraten. Ein kleiner Hanswurst. Eine clowneske Absonderung des Universums. Er hatte vergessen, ihm eine Zigarette anzubieten. Wortlos hielt er ihm die Schachtel hin. Ungeschickt fummelte Thomas Arnold daran herum. Der Falke beobachtete ihn, wie er mit seinen dicken Fingern in das Zigarettenpäckchen eindrang und dabei einige Zigaretten leicht beschädigte, bevor er seine zu fassen bekam. Er zog sie ein paar Millimeter heraus, dann rutschte sie zurück. Klappt schon irgendwann. Als er die Zigarette hatte, stand ihm Schweiß auf der Stirn. Der Falke zögerte einen Moment, beinahe berechnend, dann gab er Feuer. Dieser Tabak, sagte Arnold, so natürlich, ohne Filter, authentisch nennt man das wohl. Ein reines und direktes Erlebnis.
Und die wollte wirklich jeden Samstag Sex, fragte das Ohr, also wenn ich das jetzt richtig verstanden hab. Aber irgendwie ging vom Falken so etwas aus, wie, dass man jetzt die Magie des Augenblicks nicht stören dürfe und so inhalierten sie gleichzeitig, sahen in den Himmel, ignorierten die Kälte und gingen einige Schritte. Dass der Rupp im Auto sitzen geblieben war, interessierte im Moment keinen. Der Parkplatz war teilweise von Laub aus dem Vorjahr bedeckt, jetzt ausgetrocknet und im Zerfall begriffen.
Sie sahen zu dem abgestellten japanischen Kombi. Ich frage mich, was der um die Uhrzeit hier macht. Samstag Vormittag, da sind die Leute doch einkaufen. Vielleicht führt er ja einen Hund aus. Meinste, dass jemand so weit raus fährt, nur um nen Fiffi rauszulassen. Who let the dogs out … imitierte Thomas Arnold und der Falke und das Ohr mussten lachen. Der Klassenclown. Immer ein wenig lustiger, immer ein wenig besoffener als die anderen. War schon so im Jugendzentrum. Aber auch irgendwie höllisch empfindlich. Ein Schwätzer. Und dann sein Vater: Großes Tier beim Amt. Und dann die Sache mit seiner ersten Haschischpfeife: Ein Zug und schon voll die Paranoia. Aber da konnte sich niemand wirklich etwas drunter vorstellen. Das waren alles so Geschichten. Eine richtige Drogenkarriere hatte ja keiner von ihnen.
