Die fünf Farben des Todes - Simon de Waal - E-Book

Die fünf Farben des Todes E-Book

Simon de Waal

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Beschreibung

SCHNELLER – HÖHER – TOT Amsterdam 1928, kurz vor Beginn der Olympischen Spiele: Ein Erpresser verlangt, dass die Spiele abgesagt werden, sonst würden viele Menschen sterben. Das Olympische Komitee ist ratlos. Eine Absage kommt nicht in Frage. Doch das Leben von Tausenden Besuchern riskieren? ln ihrer Not wenden sie sich an den Hobbykriminalisten Van Ledden Hulsebosch. Bevor Van Ledden Hulsebosch sich auf die Suche machen kann, passieren die ersten mysteriösen Todesfälle. Van Ledden Hulsebosch findet heraus, dass der Mörder sich an den Farben der fünf olympischen Ringe orientiert …

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Heuvel • De Waal

Die fünf Farben des Todes

Ein Amsterdam-Krimi

Aus dem Niederländischen von Monika Götze

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

SCHNELLER – HÖHER – TOT

 

Amsterdam 1928, kurz vor Beginn der Olympischen Spiele: Ein Erpresser verlangt, dass die Spiele abgesagt werden, sonst würden viele Menschen sterben.

Das Olympische Komitee ist ratlos. Eine Absage kommt nicht in Frage. Doch das Leben von Tausenden Besuchern riskieren? ln ihrer Not wenden sie sich an den Hobbykriminalisten Van Ledden Hulsebosch. Bevor Van Ledden Hulsebosch sich auf die Suche machen kann, passieren die ersten mysteriösen Todesfälle. Van Ledden Hulsebosch findet heraus, dass der Mörder sich an den Farben der fünf olympischen Ringe orientiert …

Über Heuvel • De Waal

Dick van den Heuvel, geboren 1956, studierte an der niederländischen Akademie für Film und Fernsehen. Er arbeitet als Dramatiker fürs Fernsehen, für Theater- und Musicalproduktionen.

Simon de Waal, Kommissar bei der Kriminalpolizei in Amsterdam, wurde 1961 geboren. 1991 wurde er bei der Produktion eines Spielfilms als Experte konsultiert. Seither arbeitet er an diversen Krimiserien im niederländischen Fernsehen mit. Dabei lernte er auch Dick van den Heuvel kennen.

Gemeinsam haben sie die Serie um C. J. van Ledden Hulsebosch entwickelt.

Inhaltsübersicht

Für jeden, der ...1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel

Für jeden, der höher springt, schneller rennt, weiter geht, und jeden, dem Mitmachen wichtiger ist als Gewinnen.

1

«Dort steige ich auf keinen Fall hinauf», weigerte sich der Apotheker C.J. van Ledden Hulsebosch beharrlich. Er stand mitten auf dem Nieuwendijk, die Arme vor der Brust verschränkt. Vor ihm stand ausgeklappt eine wackelige alte Leiter. «Das Ding hält nur die pure Verzweiflung zusammen. Das ist Selbstmord! Und sollten Sie mich dazu zwingen, wäre es sogar Mord! Eines verspreche ich Ihnen: Wenn ich dabei sterben sollte, werde ich Sie heimsuchen und für dieses Verbrechen einsperren lassen. Nur damit Sie’s wissen!»

Fräulein Van Henegouwen seufzte tief. Inzwischen hatte sie sich zwar an die Marotten ihres Arbeitgebers gewöhnt, doch dieses Mal durfte sie nicht so einfach nachgeben – schließlich hatten sich die Inhaber der anderen Geschäfte bereits der Aktion angeschlossen.

«Alle hängen Fahnen für die Olympiade in der Straße auf, und wir werden es ebenfalls tun!», forderte sie fest entschlossen.

«Es heißt nicht einmal Olympiade», sagte Van Ledden Hulsebosch etwas beleidigt und rüttelte erneut an der Leiter, um zu beweisen, dass sie bei der kleinsten Belastung umfallen würde. «Die Periode zwischen zwei Olympischen Spielen, das ist die Olympiade. Nun ja, das wissen ohnehin nur die wenigsten Menschen, und es interessiert auch niemanden. Aschenbecher, Tassen, Lesezeichen … allesamt hat man sie mit einem Sprachfehler erster Klasse bedruckt: Olympiade! Und jetzt soll ich für diesen Unsinn auch noch eine Fahne aufhängen?»

Der Apotheker war absolut dagegen; Amsterdam war viel zu klein für ein solches Großereignis. «Los Angeles, ja, das wäre ein geeigneter Ort gewesen. Hatten die sich nicht auch beworben? Hollywood! Dort drehen sie ‹Ben Hur›; da bauen sie ein komplettes Kolosseum, wenn es sein muss. Warum veranstaltet man nicht dort diesen ganzen Unsinn!»

«Sie meckern und nörgeln den ganzen lieben, langen Tag, Herr Van Ledden Hulsebosch», sagte Fräulein Van Henegouwen, die allmählich die Geduld verlor.

«Habe ich nicht allen Grund dazu? Die Regierung bezahlt keinen Cent für diese Veranstaltung. Was glauben Sie wohl, wem hier das Geld aus der Tasche gezogen wird? Uns natürlich! Und von dem Geld bauen sie ein lächerliches Stadion, das keiner braucht.»

«Olympische Spiele müssen in einem Olympiastadion abgehalten werden», murrte Fräulein Van Henegouwen.

«Wir haben bereits ein Stadion.»

«Das ist zu klein.»

«Nein, es ist überhaupt nicht zu klein. Alles Lug und Trug! Niemand weiß genau, wie viel Plätze in dem neuen Stadion sein werden. Das ist doch merkwürdig, oder? Ich glaube, man verschweigt uns etwas, und ich habe auch eine Vermutung, was es ist: In das neue Stadion werden weniger Leute reinpassen als in das alte.»

«Das wissen Sie nicht mit Sicherheit.»

«Ich weiß es sogar mit großer Sicherheit, denn ich habe es ausgerechnet. Aber mir will ja keiner zuhören; alle stehen sie nur da und jubeln über diese stumpfsinnigen Olympischen Spiele. Sehen Sie sich doch nur einmal an, worum es dabei eigentlich geht. Da sind erwachsene Leute, die Speere werfen … und zwar nicht, weil sie auf der Jagd sind, sondern nur weil sie dieses Stück Holz möglichst weit werfen wollen. Das Einzige, was der Speer trifft, ist der Boden. Völliger Unfug! Und dann erst diese Kerle, die Diskusse schleudern, oder die Gewichtheber …»Van Ledden Hulsebosch schüttelte den Kopf.

Fräulein Van Henegouwen sah ihn mit einem ermunternden Lächeln an. «Was soll es denn nun werden? Steigen Sie die Leiter hinauf oder nicht?»

 

Inzwischen hatten sich die anderen Ladenbesitzer in den Eingängen ihrer Geschäfte versammelt und genossen das Treiben mit einem spöttischen Lächeln. Sie wussten alle sehr wohl, dass der Apotheker keinen Sinn für Sport hatte. Nun probte er auf offener Straße einen kleinen Aufstand, weil er eine Leiter hinaufsteigen sollte. Ein köstlicher Anblick.

«Sie stellen sich wirklich an!», schimpfte Fräulein Van Henegouwen erneut und faltete eine große Fahne mit den fünf olympischen Ringen darauf auseinander. Die Fahne sollte zwischen Hausnummer 17 und 18 aufgehängt werden, wo bereits die orangefarbene Standarte des Könighauses hing.

«Königin Juliana unterbricht noch nicht einmal ihren Urlaub in Norwegen, um die Spiele zu eröffnen», beklagte Van Ledden Hulsebosch. «‹Dann sollen sie das Ganze meinetwegen verschieben›, hat sie gesagt. So wichtig sind diese Spiele also! Dass ich nicht lache!»

Der Apotheker trat einen Schritt zurück, doch seine Haushälterin versperrte ihm, die Fahne schräg vor der Brust, den Weg.

«Sie steigen jetzt auf diese Leiter und binden die Fahne fest. Sonst gehe ich, und Sie bekommen heute Abend nichts zu essen», drohte sie ihm.

Van Ledden Hulsebosch öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. Der stechende Blick, mit dem Fräulein Van Henegouwen ihn ansah, belehrte ihn aber eines Besseren, und so schwieg er. Voller Angst und mit deutlichem Widerwillen stieg Van Ledden Hulsebosch die Leiter hinauf. Auf halber Höhe drehte er sich herum und nickte mit einem Lächeln den Ladenbesitzern zu, die noch immer auf der Straße standen und ihm feixend zusahen. Das war also der große Ermittler, der so beeindruckende Arbeit bei der Aufklärung des rätselhaften Mordes an einem Revuestar geleistet hatte. Und nun stand er vor aller Leute Augen mit wackeligen Knien auf einer kippeligen Leiter mit der olympischen Fahne über der Schulter.

 

Während der letzten Wochen war Van Ledden Hulsebosch voller Verachtung durch seine eigene Straße gegangen. Jeder versuchte, einen Vorteil aus den Spielen zu ziehen. Der Bäcker, Van Iersel, bot neuerdings «Olympisches Gebäck», wie er es nannte, in seiner Etalage an. Außerdem verkaufte er Plätzchen, die er «Olympiadetjes» getauft hatte. Und im Schaufenster von Borchels Kramladen standen Keksdosen, Teedosen, Kaffeedosen oder gar Zigarrenschachteln mit Art-déco-Abbildungen von Sportlern darauf. Auch wenn bis zum ersten Startschuss noch einige Wochen vergehen würden, hatten die Spiele die Stadt bereits in ihren Bann gezogen.

 

«Ein bisschen weiter nach links. Nein, das ist zu viel. Etwas zurück. Jetzt hängt sie gut. So lassen. Wunderbar!», kommandierte Fräulein Van Henegouwen. «Sollen wir nicht auch unser Schaufenster ein wenig umdekorieren?»

Behutsam kletterte Van Ledden Hulsebosch die Leiter hinab, wobei er sich so krampfhaft an den Sprossen festklammerte, dass seine Knöchel weiß wurden. «Eine Apotheke hat kein Schaufenster und meine schon gar nicht. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?» Van Ledden Hulsebosch warf seiner Haushälterin einen wütenden Blick zu, doch die ließ sich nicht von ihm beeindrucken.

Als wäre sie taub, sagte sie: «Vielleicht etwas aus Lakritz in den olympischen Farben. Ja, das würde gut aussehen: Blau, schwarz, rot, grün und gelb. Kinder sind ganz wild auf bunte Süßigkeiten!»

«Fräulein Van Henegouwen, lassen Sie meine Apotheke in Ruhe! Ich bin kein Süßwarenladen! Außerdem ist Lakritz schwarz – das ist schon seit Jahrzehnten so und wird sich bestimmt nicht wegen dieser unsinnigen Sportveranstaltung ändern!»

Van Ledden Hulsebosch drehte sich um und stiefelte in sein «Heiligtum». Am liebsten hätte er sich in seinem Labor eingeschlossen und gewartet, bis dieses fürchterliche Spektakel vorbei war. Leider hatten die Organisatoren mit ihren fossilen Hirnen den Plan gefasst, die Spiele in zwei Teilen abzuhalten, was das Ganze noch verschlimmerte. In ein paar Wochen sollte zuerst die große olympische Hockey- und Fußballmeisterschaft stattfinden, danach eine kurze Pause und dann, fast einen Monat lang, Schwimmmeisterschaft, Wettrennen, Boxkämpfe und Radmeisterschaften. Er wollte nichts damit zu tun haben. Van Ledden Hulsebosch stampfte schmollend in das Labor und schrie seinen freundlichen, von Natur aus sehr schweigsamen Assistenten Vreugdenhil an, er solle nur ja die Klappe halten.

 

Der Nieuwendijk und die Kalverstraat sahen prächtig und farbenfroh aus. Fräulein Van Henegouwen war begeistert von dem gigantischen Aufwand. An fast allen Häusern hingen bunte Fahnen, und die Schaufenster waren reich dekoriert. Die Stadt hatte sich beinahe über Nacht in einen quirligen Jahrmarkt verwandelt, und in den kommenden Tagen würde es noch aufregender werden, wenn die Sportler, die Funktionäre und die ausländischen Zuschauer nach Amsterdam strömen würden.

Die neunte Olympiade, wie sie der Volksmund nannte, war eine komplizierte Angelegenheit. Fräulein Van Henegouwen kannte zwar nicht alle Einzelheiten, doch ihr war nicht entgangen, dass man in den Niederlanden schon seit Jahren davon träumte, dieses Spektakel auszurichten. 1916 hatte noch der Weltkrieg getobt, und 1920 war Antwerpen die große Ehre zuteil geworden, weil die Belgier während des furchtbaren Krieges solch schreckliches Leid hatten ertragen müssen. Danach hätte eigentlich Amsterdam an der Reihe sein sollen, aber der Begründer der modernen Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, forderte vor seinem Abschied, Paris solle 1924 die Spiele organisieren. Eine große Enttäuschung. Doch die frühe Zusage, die Niederlande würden nach Paris die Spiele bekommen, beruhigte die Gemüter schnell. Zuerst war Den Haag im Gespräch gewesen. Die günstige geographische Lage und die vielen Hotels für die internationalen Gäste hatten dafür gesprochen. Doch dann hatte Amsterdam die stärkere Lobby gehabt und den Zuschlag bekommen.

Fräulein Van Henegouwen war eine der Ersten gewesen, die ein Gästezimmer angeboten hatten. Die Organisation hatte zu wenig Unterkünfte für die Sportler, die von nah und fern anreisen würden. Und weil ihr Arbeitgeber ein großes Haus hatte, hielt sie es für angebracht, dort einem Athleten Unterschlupf zu bieten. Van Ledden Hulsebosch gegenüber hatte sie das bisher verschwiegen; es war noch nicht sicher, ob sie überhaupt einen Gast bekommen würden. Die Vorstellung, jemanden im Haus zu haben, der vielleicht eine Medaille gewann, erschien ihr großartig. Jemanden aus einem fernen Land, aus Malta zum Beispiel, oder einen Schwimmer aus Norwegen, oder einen Läufer aus Finnland. Sie würde dafür Sorge tragen, dass es ihm an nichts mangelte, und auf diese Weise ihren Teil zum Medaillengewinn beitragen. In ihren Tagträumen sah sie bereits, wie die Flagge bei der feierlichen Siegerehrung gehisst wurde und wie der Athlet eine Träne wegwischte, den Blick zur Tribüne richtete und ihr Gesicht suchte. Sie würde ihm mit einem weißen Handschuh zuwinken, und der Sportler würde nach Ablauf der Spiele sagen, dass er diese Leistung nie hätte vollbringen können, wenn nicht Fräulein Van Henegouwen so ausgezeichnet für ihn gesorgt hätte.

Dass nun zum ersten Mal auch weibliche Sportler teilnehmen durften, war der Haushälterin ein Dorn im Auge. Sie mochte keine sportlichen Frauen, weil sie so männlich wirkten. Deswegen hatte sie auf dem Formular auch geschrieben, dass sie «einen Sportler männlichen Geschlechts bevorzugen würde», wobei sie «keinerlei Bedenken wegen der Hautfarbe oder mangelnder Sprachkenntnis» hege. Wenn der besagte junge Mann vor ihrer Tür stünde, würde sie ihn liebevoll aufnehmen. Und wenn er erst einmal das Haus betreten hatte, würde ihn Van Ledden Hulsebosch sicherlich nicht mehr zurückweisen.

Jeden Tag ging sie bei dem Büro an der Weesperzijde vorbei, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Doch die Mühlen der Behörden mahlen langsam, und es war noch nicht bekannt, welchen Sportler sie – wenn überhaupt – beherbergen würde. Mit der Zeit wuchs in ihr das Gefühl, abgewimmelt zu werden. Die Organisation tat gerade so, als hätte sie genug Betten. Wie oft hatte sie schon erzählt, dass der Sportler bei ihr zu Hause – sie erwähnte nicht, dass das Haus eigentlich ihrem Arbeitgeber gehörte – eine fabelhafte Unterkunft haben würde, mit fließend Wasser, einem weichen Bett und mehr als drei Mahlzeiten pro Tag. Die Mädchen vom Organisationskomitee vertrösteten sie jedes Mal; sie würden sich bei ihr melden. Es war zum Verzweifeln.

Fräulein Van Henegouwen wurde unsanft aus ihren Tagträumen aufgeschreckt, als eine junge Frau ihren Arm packte. Sie hatte einen dunklen Teint und sprach nur gebrochen Niederländisch. Sie suche die Apotheke, stotterte die Frau nervös. Vielleicht braucht sie Medikamente, dachte Fräulein Van Henegouwen. Die Augen der Frau rollten Hilfe suchend umher, auf ihrer Stirn standen runde Schweißperlen – nicht vor Anstrengung, sondern ganz offensichtlich vor Angst. Sie müsse unbedingt den Apotheker sprechen. Fräulein Van Henegouwen handelte kurz entschlossen und führte sie zum Haus von Van Ledden Hulsebosch.

Der Apotheker hatte sich inzwischen hinter ein Mikroskop geflüchtet. Sein Nachbar, der Lebensmittelhändler Alex van Zulten, hatte ihn um einen Farbstoff für Salatöl gebeten. «Das Zeug verfärbt sich schon vom bloßen Anschauen», hatte er sich beklagt. «Die Leute wollen nun mal hellgelbes Öl, sonst meinen sie, es sei alt und ranzig. Ich schütte jede Woche mehrere Liter frisches Öl weg, nur weil es nicht die richtige Färbung hat.» Van Ledden Hulsebosch hatte versprochen, sich der Sache anzunehmen. Er hatte eine Reihe von Experimenten mit dem Salatöl durchgeführt und war inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass Zitronensäure zwar den gewünschten Effekt erzielte, sich aber nicht gut mit dem Öl verband – von der Geschmacksveränderung ganz zu schweigen. Lieber hätte der Apotheker eine Mordwaffe untersucht, das Blut auf einer Klinge oder verdächtige Spritzer auf einem Oberhemd, doch die letzte Zeit war es in Amsterdam auffallend friedlich gewesen. Zweifellos eine weitere unangenehme Nebenwirkung dieser Sportveranstaltung; offenbar verbrüderte Sport tatsächlich. Der Kriminologe in Van Ledden Hulsebosch hätte es gern anders gehabt.

Er sah irritiert auf, als Fräulein Van Henegouwen das Labor betrat. Einen Augenblick lang dachte er, sie wolle ihn wieder mit Flaggen, olympischen Ballons oder anderem sportlichem Firlefanz belästigen. Dann bemerkte er die Frau, die sie in das Zimmer hineinführte. Die Frau sah ihn kurz an und sank dann langsam auf den Marmorfußboden.

«Vreugdenhil!», rief der Apotheker seinen Assistenten, und kurz darauf hatten die beiden die junge Frau auf einen der Tische gelegt. Unter ihren Kopf schoben sie einige zusammengefaltete Handtücher als Kopfkissen. Van Ledden Hulsebosch hielt Riechsalz unter ihre Nase. Während die Frau zu sich kam, musterte er sie aufmerksam; sie sah wie eine Inderin aus. Sie hustete einige Male, sah sich überrascht um und brach dann in ein untröstliches Schluchzen aus. Van Ledden Hulsebosch reichte ihr ein Glas Wasser und legte die Hand stützend unter ihren Kopf. Nach einigen Minuten hatte sie sich ein wenig beruhigt, war aber immer noch nicht im Stande zu sagen, was sie in die Apotheke geführt hatte.

«Sie sagte, sie müsse Sie sprechen», meinte Fräulein Van Henegouwen. «Sie war völlig aufgelöst. Allein wie sie sich an meinen Arm klammerte, als wäre ihre Hand ein Schraubstock. Ihre Fingerabdrücke sind immer noch an meinem Handgelenk zu sehen. Da, schauen Sie mal.»

Van Ledden Hulsebosch sprach fließend Französisch und sehr gut Deutsch, aber sein Englisch war nur mäßig. Dem aufgeregten Wortschwall der Inderin entnahm er nur, dass es um ihre Mutter ging, und ein Hotel war ebenfalls im Spiel.

«Rufen Sie Saltet an, Wache Rembrandtplein, und sagen Sie ihm, er soll so schnell wie möglich herkommen. Er liest englischsprachige Zeitschriften über die amerikanische Polizei, also wird er diese Dame wohl verstehen können.» Dann wandte er sich an die junge Frau und sagte auf Niederländisch: «Seien Sie ganz unbesorgt. Was auch immer es ist, ich werde Ihnen helfen.» Sie nickte, obwohl sie ihn nicht verstand. Doch seine sonore Stimme und der freundliche Blick, den er ihr hinter den Brillengläsern zuwarf, übten wohl einen beruhigenden Einfluss auf sie aus. Dennoch schien sie von einer schier unmenschlichen Panik ergriffen zu sein. Ihre Augen schossen fortwährend von links nach rechts, wie bei einem jungen, ängstlichen Reh auf der Flucht vor dem Jäger. Van Ledden Hulsebosch zückte ein unbenutztes Notizheft und notierte: Panik, rollende Augen. Er rieb sich innerlich die Hände: Das war ein neuer Fall.

 

Kommissar Jonathan Saltet befand sich mit seinen Kollegen mitten in einer Besprechung unter dem Vorsitz von Polizeipräsident Marcusse. Dieser stand im Unterrichtssaal vor der Tafel und erklärte, dass die Olympischen Spiele das Können der gesamten Amsterdamer Polizei auf die Probe stellen würden.

«Menschen vieler Nationalitäten werden unser Land besuchen, und mit ihnen wird natürlich nicht nur die sportliche Elite der Welt in unsere Hauptstadt kommen, sondern zweifellos auch kriminelle Elemente. Ich bin davon überzeugt, dass sich unter den rechtschaffenen Besuchern viele Verbrecher befinden werden, die Handel mit allerlei zwielichtigen Gütern betreiben wollen. Und deswegen, meine Herren, müssen wir auf der Hut sein!»

Polizeipräsident Marcusse hielt bereits seit zwei Stunden einen Monolog über dieses Thema, doch Kommissar Saltet hatte noch keine einzige praktische Anweisung erhalten, geschweige denn ein Konzept vernommen, mit dem die Polizeibeamten etwas anfangen konnten. Die meisten Polizisten verstanden keine fremden Sprachen, und das wäre doch wohl das mindeste, was ein Polizist bei der anstehenden Olympiade können müsste. Wie sollten sie nur registrieren, wer sich in Amsterdam befand, und wie sollten sie Maßnahmen ergreifen, um den Zustrom von Ausländern, und vor allem der Waren, die sie mit sich führten, zu kontrollieren? Saltet hatte bereits einige Male tief geseufzt, denn über all diese Dinge hatte er sich bereits Gedanken gemacht, doch die Vorschläge, die er bei Marcusse eingereicht hatte, waren ungelesen in der Schublade verschwunden. Marcusse mochte keine jungen, ambitionierten Kommissare, die meinten, alles besser zu wissen, und erging sich lieber in weitschweifigen, pathetischen Ausführungen.

«Der olympische Gedanke ist der des Friedens. Und wir – der örtliche Hermandad, um beim Griechischen zu bleiben –, wir haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass dieser Gedanke verteidigt wird.»

Saltet entfuhr erneut ein tiefer Seufzer, dieses Mal allerdings ein wenig zu laut.

«Gibt es einen Grund für Ihr Stöhnen, Kommissar Saltet?»

Jonathan sah sich um. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet.

«Hermandad ist nicht griechisch.»

Marcusse warf dem jungen Staatsdiener einen tödlichen Blick zu.

«Aha, und was soll Hermandad sonst sein?»

«Der Name einer Art Gesellschaft, die im Spätmittelalter in Spanien entstand, sowohl auf dem Land als auch in der Stadt. ‹Bruderschaft› ist die wörtliche Bedeutung. Sie sorgte für die Einhaltung von Recht und Ordnung.» Saltet erinnerte sich an den peinlichen Moment, als Van Ledden Hulsebosch ihn korrigiert und sich belehrend über die ersten Polizisten in der Geschichte ausgelassen hatte.

«Könnten Sie mir dann bitte schön den Titel ‹Heiliger Hermandad› erklären? Ich nehme doch an, wir sprechen von derselben Person!», warf Marcusse, der versuchte, das Gesicht zu wahren, ein.

«Die Gesellschaft hatten das Ziel, die Wallfahrer zu beschützen, die auf dem Weg nach Santiago de Compostela waren. Und weil sie ihre Sache sehr gut machten, verlieh ihnen der Papst das Prädikat ‹heilig›.»

«Und der Papst bringt uns wieder zurück zu den Olympischen Spielen!», schloss Marcusse die Erklärungen Saltets resolut ab.

Saltet schluckte seinen Ärger hinunter. Der Papst, Rom, das Stadion, Athletik, die Spiele, die Griechen … Wer keine Ahnung hatte, konnte wirklich alles wahllos miteinander in Verbindung bringen.

«Wenn Herr Saltet es erlaubt, werde ich mit meinen Ausführungen fortfahren», sagte der Polizeipräsident.

Dazu war Saltet durchaus bereit, doch scheinbar war es Marcusse nicht vergönnt weiterzureden. Fräulein Jans aus der Telefonzentrale klopfte höflich an und entschuldigte sich für die Störung.

«Es ist dringend. Für Herrn Saltet. Ich hab’s aufgeschrieben, denn ich soll es Ihnen wortwörtlich weitersagen.» Sie sah auf den Zettel in ihrer Hand. Fräulein Jans wurde von der gesamten Wache Rembrandtplein auf Händen getragen, denn sie kochte den besten Kaffee von Amsterdam. Sie hatte, gelinde gesagt, das Schießpulver nicht gerade erfunden, aber sie war ein durch und durch liebenswerter Mensch ohne jeden Hintergedanken. Sie drückte ihre Brille fest auf die Nase. «Herr Van Ledden Hulsebosch lässt ausrichten, dass Sie sofort zur Apotheke kommen sollen und dass Sie keine Bedenken wegen Herrn Marcusse haben sollen, denn der sei doch bloß eine Flasche, und hierbei ginge es um Leben und Tod, und davon habe das Den Haager Würstchen ja sowieso keine Ahnung. So jedenfalls hat er es gesagt.»

Marcusse stieg die Zornesröte ins Gesicht. Einzelne Polizisten kicherten leise, und Saltet sah zu seinem Vorgesetzten auf, der eine wegwerfende Handbewegung machte. Marcusse war froh, den Besserwisser los zu sein. Jonathan packte seine Sachen zusammen und verließ den Saal. Zusammen mit Fräulein Jans ging er über den Flur.

«Er sagte, ich müsse es genau so wiedergeben», entschuldigte sich Fräulein Jans.

«Sie haben das sehr gut gemacht.»

«Aber Herr Marcusse war nicht sehr erfreut.»

«Ach, das beruht vermutlich auf Gegenseitigkeit!»

Fräulein Jans runzelte die Stirn … Was meinte der junge Ordnungshüter nur damit?

Keine Viertelstunde später war Saltet in der Apotheke. Die Frau war inzwischen weniger scheu, aber noch immer ängstlich. Sie musste etwas Schreckliches erlebt haben, so viel war sicher. Doch was das sein konnte, war ihr nicht zu entlocken. Nur, dass etwas mit ihrer Mutter nicht stimmte, stand fest.

Van Ledden Hulsebosch brachte Saltet auf den Stand der Dinge.

«Sie hat Fräulein Van Henegouwen angesprochen, weil sie eine Apotheke suchte. Ob sie speziell meine Apotheke suchte, ist unklar. Vielleicht kannst du das herausbekommen. Und bitte frag auch, was genau passiert ist.»

«Du sagtest, es ginge um Leben und Tod.»

«Als ob dich Marcusse wegen eines einfachen Fahrraddiebstahls gehen lassen würde. Ich kenne doch meine Pappenheimer! Bitte sprich mit ihr.»

Jonathan Saltet stellte sich vor. Die Miene der jungen Frau hellte sich auf, als sie in fließendem Englisch angesprochen wurde. Van Ledden Hulsebosch verfolgte das Gespräch aus gebührendem Abstand. Nur hin und wieder schnappte er ein Wort auf, das er verstand. An Saltets Gesichtsausdruck konnte er jedoch ablesen, dass es nicht um Kleinigkeiten ging, sondern um Dinge von größter Wichtigkeit. Schließlich zog Saltet Van Ledden Hulsebosch in eine Ecke des Laboratoriums.

«Merkwürdig», sagte Saltet.

«Was?»

«Sie vermisst ihre Mutter.»

«Das kann in einer Stadt wie Amsterdam passieren», meinte Van Ledden Hulsebosch relativierend.

«Die Frau ist wegen der Spiele hier. Anscheinend ist sie Leichtathletin, wahrscheinlich eine Läuferin. Ihre Mutter trainiert sie.»

«Na und?»

«Sie sind extra vor der Eröffnungsfeier in die Niederlande gekommen, um sich zu akklimatisieren. Ihr Körper muss sich wohl erst an unsere Temperaturen gewöhnen.»

«Was für ein Unsinn!»

«Sie sind heute Morgen angekommen und haben sich ein Zimmer im Hotel Klugt genommen, etwas weiter weg, am Haarlemmerdijk. Ihre Mutter hatte von der langen Reise Kopfschmerzen. Sie selbst wollte ein bisschen einkaufen und sich in der Stadt umsehen.»

«Und das hat sie getan?»

«Sie ist zwei Stunden weg gewesen, sagt sie. Zwei Stunden und 17 Minuten, um genau zu sein. Diese Leichtathleten scheinen bei allen Gelegenheiten die Zeit zu stoppen.»

«Sportlerwahnsinn», kommentierte Van Ledden Hulsebosch; er ließ selten eine Gelegenheit aus, seine Meinung zu den Spielen und anverwandten Themen kundzutun.

«Als die Frau ins Hotel zurückkehrte, war ihre Mutter verschwunden. Schlimmer noch, das Zimmer im zweiten Stock war nicht mehr da! Und der Besitzer behauptet steif und fest, sie seien nie angekommen.»

«Was?»

Van Ledden Hulsebosch sah Saltet mit großen Augen an.

«Was soll das heißen, das Zimmer war nicht mehr da?»

«Sie bat um den Schlüssel von Zimmer Nummer 7. Der Hotelier sagte, es gäbe überhaupt kein Zimmer 7. Außerdem würde er sie gar nicht kennen. Und als sie in Panik geriet, ging er mit ihr zu der Stelle, wo sie ihre Mutter vor zirka zwei Stunden zum letzten Mal gesehen hatte.»

«Ein Zimmer kann doch nicht einfach verschwinden. Ich bitte dich!» Van Ledden Hulsebosch zog die Augenbrauen hoch und schüttelte vehement den Kopf.

«In dem Zimmer, wo die Frau noch vor wenigen Stunden mit ihrer Mutter gewohnt hatte, befand sich nun die Wäschekammer, ganz so, als habe es nie ein Zimmer Nummer 7 gegeben.»

«Und was ist mit Zimmer 8?»

«Das Hotel hat nur sechs Zimmer.»

Van Ledden Hulsebosch sah zu der jungen Dame auf dem Tisch hinüber. Fräulein Van Henegouwen streichelte ihr mitfühlend übers Haar.

Er kniff seine Augen halb zu und versuchte, sich die Ereignisse bildlich vorzustellen.

«Eine junge Frau und ihre Mutter gehen in ein Hotel. Die junge Frau macht einen Spaziergang. Sie kehrt zum Hotel zurück. Ihre Mutter ist verschwunden, und das Zimmer ist zur Wäschekammer umfunktioniert worden», fasste Van Ledden Hulsebosch die Geschichte zusammen. «Das ist doch der reinste Unsinn!»

«Sie behauptet, es sei so gewesen.»

Der Apotheker nahm Jacke, Spazierstock und Hut und wandte sich zum Gehen.

«Wir werden uns dieses so genannte Hotel einmal anschauen. Ich mag nämlich keine Rätsel», sagte der selbst ernannte Kriminologe. «Und du kommst mit, Saltet. Fräulein Van Henegouwen, Sie passen in der Zeit auf unsere Athletin auf.»

 

Das Gebäude am Haarlemmerdijk 13, nur einen Steinwurf von der Apotheke entfernt, war breiter als die meisten Häuser dieser Straße. Es stand noch nicht so lange hier und war von der Bankiersfamilie Huetinck errichtet worden. Die jüngste Tochter der Familie, Amalia, hatte den Grundstein gelegt, wie eine Inschrift an der Vorderfront verkündigte. Im Erdgeschoss gab es einen Haushaltswarenladen. Familie Huetinck hatte nur ein paar Jahre hier gewohnt, dann war der Bankier mit den Seinen in ein Haus an der Nassaukade umgezogen. Nicht etwa, weil ihm das Haus nicht gefallen hätte, aber die Gegend galt in der Stadt als ‹minderwertig›, und in den letzten Jahren hatte es am Haarlemmerdijk einen großen Zustrom verschiedenster krimineller Subjekte gegeben. «Mach keine Haarlemmerdijkies», sagten die Amsterdamer, wenn sie fanden, ihr Gegenüber solle sich mäßigen. Inzwischen war das zu einem feststehenden Ausdruck geworden. «Haarlemmerdijkies» wurde alles genannt, was zu weit ging.

Johannes Klugt hatte das Gebäude für wenig Geld bekommen und darin ein mittelmäßiges Hotel eröffnet. Seine Gäste suchte er sich selbst, in und um den Hauptbahnhof, wo er tagelang herumstreifte und jeden Fremden ansprach, der aussah, als könne er eine billige Bleibe gebrauchen. Selbstverständlich konnten Reisende auch ins Victoria Hotel gegenüber dem Bahnhof gehen, aber das war um ein Vielfaches teurer als die Zimmer am Haarlemmerdijk.

Klugt stand selbst an der Rezeption und empfing Van Ledden Hulsebosch und Saltet aufs Freundlichste.

«Tja, die Dame kommt hier rein und sagt: Ich will auf Zimmer 7. Dann beginnt sie plötzlich zu schreien und dreht durch. Also sag ich: ‹Dann sehen wir eben mal nach.› Ich hab sie mitgenommen und ihr das Zimmer gezeigt», erzählte er in breitem Amsterdamer Dialekt.

«Ich würde das Zimmer auch gern sehen», sagte Van Ledden Hulsebosch.

«Und mit welchem Recht, wenn ich fragen darf?», erwiderte Johannes Klugt mit einem verschlagenen Lächeln. Saltet zog seine Polizeimarke hervor und zeigte sie dem Hotelbesitzer.

«Polizei, auch das noch», erschrak sich Klugt. «Wenn’s was Schlimmes is … ich hab nichts damit zu tun. Ich war so freundlich, dem Fräulein zu zeigen, dass ihre Frau Mutter nich hier ist. Sonst hab ich nichts mit der Sache zu tun. Ich bin ein gesetzestreuer Bürger. In meinem Haus geschehen keine zwielichtigen Dinge.»

«Wenn Sie mir das Zimmer jetzt zeigen würden!»

«So ‘n Zimmer gibt’s nich. Das habe ich dem Fräulein auch gesagt.»

«Das Zimmer, von dem sie behauptet, sie habe es bezogen.»

«Das is meine Wäschekammer! Wie oft soll ich das noch sagen? Aber Sie können sie sehen. Was daran so interessant sein soll, is mir schleierhaft.»

Klugt war nervös. Die Polizei mochte er gar nicht. Er beherbergte oft Kriminelle. Wenn sie irgendwo einen Bruch gemacht und sich in einem der Cafés die Beute geteilt hatten, nahmen sie gern ein Bett in seinem Hotel. Im Tausch gegen einen Teil der Beute organisierte Klugt dann alles, wonach ihnen verlangte: Mädchen, Alkohol und andere Vergnügungen. Davon sollte die Polizei natürlich nichts wissen.

«Ich hab nichts damit zu tun», wiederholte Klugt noch einmal und stieg mit einer Laterne in der Hand die Treppe hinauf. Sie kamen in einen Flur, in dem die Nummer 6 tatsächlich das letzte Zimmer war. Daneben war eine Tür, die genauso aussah wie die anderen Türen. Nur hatte diese keine Nummer.

Klugt schloss sie auf. Sie traten in einen kleinen Vorraum; dahinter befand sich ein relativ großes Zimmer, das als Wäschekammer benutzt wurde. In den Fächern der Wäscheschränke lagen Decken, Laken, Kissen, Handtücher und andere Sachen, die im Hotelbetrieb unentbehrlich waren. Van Ledden Hulsebosch ließ seine Hand über das Holz der Tür gleiten. Dann betrachtete er das Türschloss. Keine Spur irgendwelcher Manipulation. Wenn ihn sein Instinkt nicht völlig im Stich ließ, dann war dieser Raum schon seit langem eine Wäschekammer. Nichts deutete darauf hin, dass man das Zimmer vor kurzem neu eingerichtet hatte.

Er warf einen Blick in den Flur und überlegte, ob sich die Frau vielleicht im Zimmer geirrt hatte.

«Nein, unmöglich. Die anderen Zimmer sind besetzt. Sie is garantiert nicht hier gewesen», sagte Klugt schnell, als könne er Van Ledden Hulseboschs Gedanken lesen.

«Hat sie sich in das Gästebuch eingetragen?»

«Natürlich nicht, sie is doch kein Gast! Wenn man kein Gast is, dann trägt man sich dort auch nich ein. Das ist doch wohl klar.»

«Darf ich Ihr Gästebuch mal sehen», sagte Van Ledden Hulsebosch so entschieden, dass Klugt nichts anderes blieb, als ihm murrend diesen Wunsch zu erfüllen.

«Die kommt in mein Hotel, die fragt mir Löcher in den Bauch, aber mir glauben – vergiss es! Ich bin ein ehrenwerter Hotelbesitzer. Was hier in der Gegend passiert, is mir schnuppe. Ich bin einfach ein ehrlicher Bürger. Ich hab ‘n reines Gewissen. Die kommt hier einfach rein, schreit rum, und ich hab da nichts mit zu tun.»

Van Ledden Hulsebosch schlug das Gästebuch auf und studierte die Eintragungen. Nirgends gab es ein Zimmer Nummer 7; nirgendwo waren Namen durchgestrichen oder ausradiert worden. Alles sah ordentlich aus.

In dem Moment wurde die Tür aufgerissen. Herein kam Fräulein Van Henegouwen, vollkommen außer sich.

«Da sind Leute vom Krankenhaus gekommen, und die haben sie mitgenommen», sagte sie.

«Die Inderin?»

«Ja, die sagten, Sie hätten sie angerufen und um eine Untersuchung gebeten. Ich sagte: ‹Das würde ich aber doch wissen.› Aber die sagten, sie müsse mit, und dann haben sie die Frau mitgenommen.»

«Ich habe nicht im Krankenhaus angerufen», sagte Van Ledden Hulsebosch alarmiert.

«Tja, das hab ich mir auch gedacht, aber was sollte ich denn machen? Und auf Vreugdenhil braucht man auch nicht zählen.»

Saltet sah Van Ledden Hulsebosch an.

«Ich werde einen Dienstwagen kommen lassen», sagte Saltet. Er wusste genau, dass alle körperlichen Anstrengungen Van Ledden Hulsebosch zuwider waren; und bis zum Krankenhaus war es ein weiter Weg.

«Tu das», sagte der Apotheker und schwieg.

2

Der DKW, mit dem Saltet und Van Ledden Hulsebosch zum Amsterdamer Krankenhaus gebracht wurden, bog mit quietschenden Reifen um die Ecke. Der erschrockene Pförtner schaffte es gerade noch rechtzeitig, den Schlagbaum für das heranbrausende Polizeiauto zu öffnen. Er vergaß prompt, ihn wieder zu schließen, und starrte Saltet, der wie ein junger Filmheld aus dem Fahrzeug sprang, mit offenem Mund an. Van Ledden Hulsebosch war – wie immer – langsamer. Er hatte es nicht so eilig, denn er wusste, dass die junge Frau nicht aus dem Krankenhaus fliehen konnte. Manchmal kam es auf Schnelligkeit an, wenn man einem Straftäter auf den Fersen war, doch meist war Eile ein schlechter Ratgeber bei der Verbrechensbekämpfung. Man konnte schnell etwas übersehen und dadurch den Fall unnötig verkomplizieren.

Saltet war bereits nach oben gerannt, während C.J. behäbig die Stufen hinaufstieg. Die junge Leichtathletin aus Britisch-Indien lag im zweiten Stock, in einem Mehrbettzimmer. Sie schlief. Oder besser gesagt: Sie war gerade in Schlaf versetzt worden.

«Es erschien mir am besten, sie zur Ruhe kommen zu lassen», erklärte der behandelnde Arzt Cornelis van Tunen. Er schloss den Reißverschluss des Etuis, in dem er seine Injektionsnadeln verwahrte. «Sie stand unter Schock. Ich habe sie untersucht und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie ein Beruhigungsmittel braucht. Sie wird den Rest des Tages und vermutlich die ganze Nacht schlafen. Würden Sie jetzt bitte auf dem Flur warten?»

Saltet warf noch einen letzten Blick auf die ruhig atmende Frau, die in dem Bett am anderen Ende des dunklen Schlafsaals lag, bevor er mit dem Apotheker den Raum verließ. Er konnte den Geruch, der in Krankenhäusern hing, nicht ausstehen, den Gestank von Formalin und das Geräusch von quietschenden, klappernden Schritten auf dem glatten Linoleum der Zimmer und Flure. Tagsüber wurde das Licht ausgeschaltet, wodurch in dem gesamten Gebäude eine bedrückende Stimmung herrschte.

«Unheimich», flüsterte Saltet auf Deutsch, als sie zusammen in dem dunklen Flur standen.

«Das heißt ‹unheimlich›», verbesserte ihn Van Ledden Hulsebosch.

«Haben Sie sonst noch Fragen?», erkundigte sich der Arzt. Er war ihnen gefolgt und putzte gerade seine Brillengläser. Für einen Mediziner war er noch recht jung, hatte ein bisschen zu lange blonde Haare, die in einer verwegenen Tolle vor seinen Augen hingen. Van Ledden Hulsebosch mochte ihn nicht, obwohl es dazu keinen Grund gab. Diese Art der Voreingenommenheit konnte er wiederum bei sich selbst nicht ausstehen, denn es war ein Gefühl, und Gefühle entbehrten jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Doch manchmal litt sogar er an menschlichen Regungen, weswegen dieser Arzt ihm abgrundtief unsympathisch war, er erschien ihm blasiert und arrogant.

«Weshalb haben Sie die Frau eigentlich hierher bringen lassen?», fragte der Apotheker.

«Wir bekamen einen Anruf von einem Ihrer Nachbarn. Er berichtete uns, dass eine völlig überreizte Frau Ihre Apotheke betreten hatte. Inzwischen ist uns Ihr Name ein Begriff, Herr Van Ledden Hulsebosch», sagte der Arzt lächelnd. «Deswegen hat der Dienst habende Arzt sofort eine Ambulanz losgeschickt. Es hätte ohne weiteres etwas mit einem Mord zu tun haben können.»

«Wer war dieser Dienst habende Arzt?»

«Das war ich selbst», sagte er und sah C.J. trotzig an.

«Und Sie haben sie mitgenommen und ruhig gestellt.»

«Nein, zuerst habe ich sie untersucht. Und inzwischen kenne ich auch ihren Namen. Sie heißt Ione Chatterjee Golaknath, und sie kommt aus Britisch-Indien. Aber das wussten Sie wahrscheinlich schon.»

«Sie sucht ihre Mutter», sagte Saltet und beobachtete die Reaktion des Arztes. Dieser blieb gelassen und lächelte weiterhin grimmig, wie C.J. fand.

«Stimmt, so etwas hat sie erwähnt. Wenn Sie die Frau weiter befragen wollen, schlage ich vor, Sie holen sie morgen ab. Ich weiß auch nicht mehr als Sie, ich kann Ihnen also auch nicht weiterhelfen, und vorläufig schläft sie.»

Van Ledden Hulsebosch sah am Arzt vorbei zu der jungen Frau im Bett. Sie schlief und brauchte sich im Augenblick keine Sorgen über die Schrecken Amsterdams zu machen. Sie war das einzige Opfer und der einzige Zeuge in einem Fall, in dem es keinerlei Spuren gab. Selbst eine Leiche fehlte. Vielleicht ist es ja auch gar kein Fall, dachte Van Ledden Hulsebosch.

«Wir können hier nicht mehr viel tun», sagte Saltet und machte Anstalten zu gehen.

Doch Van Ledden Hulsebosch war noch nicht ganz fertig.

«Würden Sie bei jeder vagen Behauptung einen Krankenwagen losschicken?», fragte er den Arzt.

«Nein», antwortete dieser und strich sich die störende Haarlocke aus dem Gesicht. «Aber ich verfolge Ihre Abenteuer im Courant Nieuws van de dag, und dies war die einmalige Chance, eins davon mitzuerleben.»

«Sie fanden es also aufregend. Und deswegen spritzen Sie dem Opfer ein Schlafmittel?»

«Sie war außer sich! Panisch! Sie brauchte Ruhe!» Das Lächeln erlosch langsam, und der Arzt begann nervös in seinen Papieren zu blättern. «Sie hätte hier alles zusammengeschrien, wenn ich ihr nichts verabreicht hätte.»

«Ist es Vorschrift, jemanden, der Angst hat, ruhig zu stellen?»

«Nein, das war meine Entscheidung, wenn Sie gestatten. Ich bin schließlich Arzt, wissen Sie!»

«Und ich arbeite mit der Polizei zusammen. Sie müssen sich für Untersuchungen zur Verfügung halten», sagte der Apotheker.

«Was soll der Unsinn? Ich? Wieso?»

«Ich finde Ihr Verhalten reichlich verdächtig.»

Jetzt wurde der Arzt böse. «Ich versuche, dieser Frau zu helfen, und dann kommen Sie hierher, um mich zu beleidigen? Für wen halten Sie sich eigentlich?»

«Ich, mein Herr», sagte der Rechercheur, «bin der Mann, dessen Abenteuer Sie im Courant verfolgen. Sie waren also vorgewarnt.»

Damit drehte sich Van Ledden Hulsebosch um und schob Saltet vor sich her den Gang hinunter. Hinter seinem Rücken veränderte sich der Gesichtsausdruck des Arztes; alle Selbstsicherheit verschwand mit einem Mal. «Und was wird morgen mit der Frau geschehen?», wollte Fräulein Van Henegouwen wissen, als der Apotheker in sein Geschäft zurückkehrte.

«Wenn sie sich ausgeruht hat, darf sie wieder nach Hause. Körperlich geht es ihr wohl gut.»

«Aber wo soll sie dann hin? Sie hat hier kein Zuhause, das wissen Sie genauso gut wie ich.» Inzwischen hatte Fräulein Van Henegouwen gut nachgedacht und Pläne geschmiedet. Die bewusstlose junge Dame im Krankenhaus war zwar eine Frau, aber trotzdem eine Spitzensportlerin. Vom Olympischen Büro an der Weesperzijde brauchte sie nichts zu erwarten, die hielten sie bloß hin. Wenn sie noch eine Chance haben wollte, an einer Medaillenverleihung beteiligt zu sein, dann war die Dame aus Britisch-Indien eine wunderbare Gelegenheit. Ihr Arbeitgeber würde sie nicht vor die Tür setzen, denn er würde wissen wollen, was hinter diesem merkwürdigen Rätsel steckte. Fräulein Van Henegouwen hatte bereits im ersten Stock ein Bett bezogen, in ebendem Zimmer, in dem der Apotheker bald einen Unterrichtsraum einrichten wollte. Er plante einen Kurs für junge Polizisten mit dem Thema «Was ist am Tatort zu tun?». Zehn Stunden sollte die Unterweisung dauern und von der Amsterdamer Polizei finanziert werden. Zwar hatte er sich mit Polizeipräsident Marcusse noch nicht auf die Höhe der Vergütung geeinigt, doch das würden sie bald nachholen.

«Das ist kein Schlafzimmer, das ist ein Unterrichtsraum!»

«Das ist es nicht! Sie haben weder ein Pult noch eine Tafel. Sie können dort noch gar nicht unterrichten, und deswegen können Sie damit genauso gut bis zum Ende des Sommers warten.»

«Was soll ich um Himmels willen mit einer Sportlerin unter meinem Dach?»

«Sie wollen doch nicht etwa behaupten, es würde Sie nicht interessieren, was mit ihrer Mutter geschehen ist?»

«Fräulein Van Henegouwen, ich habe nicht die Absicht, die Anzahl der Frauen in meinem Haus die Menge von einer überschreiten zu lassen. Das ist mir zu gefährlich. Meine Antwort lautet ‹Nein›, und das in dreifacher Ausführung!»

«Und wo soll sie dann hin?»

«Zu Ihrem wunderbaren Olympischen Komitee, das überall in Amsterdam um Zimmer für diese Sportsleute wirbt. Meiner Meinung nach haben die genug Platz.»

«Wenn Sie die Frau hier behalten, können Sie das Verschwinden der Mutter untersuchen.»

«Wer sagt denn eigentlich, dass es ein Kriminalfall ist? Vielleicht ist sie einfach nicht ganz richtig im Kopf. Vielleicht leidet sie unter einer Psychose. Vielleicht ist diese Mutter ein bloßes Hirngespinst. Ich hab mich den ganzen Tag mit der Sache beschäftigt und glaube mittlerweile, dass überhaupt nichts dran ist.»

«Das ist nicht Ihr Ernst.»

«Und ob es das ist!», sagte der Apotheker, klang aber ein wenig unsicher. Also drehte er sich schnell um und trank einen großen Schluck Wasser. Fräulein Van Henegouwen schwieg, und nach einer Weile schluchzte sie leise. Dann sagte sie klar und deutlich: «Entschuldigen Sie bitte», und lief schnell hinaus.

«Frauen», seufzte Van Ledden Hulsebosch und sah dabei nach oben, um Gott höchstpersönlich die Schuld am Nicht-Funktionieren der Schöpfung zu geben. Von Gott bekam er keine Antwort und von Vreugdenhil – «Sagen Sie doch auch mal was!» – ebenso wenig. Er seufzte abermals. «Frauen.» Und dann ging er hinter Fräulein Van Henegouwen her, um sich mit ihr zu versöhnen. Was blieb ihm anderes übrig. Sie würden die junge Athletin für einige Zeit – aber keinen Tag länger, als die Olympischen Spiele dauerten – in seinem Hause unterbringen.

 

Weil ihm mehr als genug Zeit blieb, bevor die Inderin wieder ansprechbar war, ging er erneut ins Hotel Klugt am Haarlemmerdijk. Irgendetwas stimmte da nicht, aber er konnte nicht sagen, was es war.

Der Besitzer freute sich nicht gerade über das Wiedersehen.

«Sie! Nicht noch einmal!»

«Ich würde gerne Ihre Wäschekammer ein zweites Mal inspizieren, wenn Sie nichts dagegen haben.»

Der Hotelier machte eine abweisende Handbewegung. Van Ledden Hulsebosch wusste, dass er notfalls Saltet anrufen und so den nötigen Druck auf Klugt ausüben konnte. Aber er hatte keine Lust, diesen Aufwand zu betreiben, also zuckte er lediglich mit den Schultern.

«Wenn Sie nicht einverstanden sind, gehe ich wieder.»

«Ich hab nichts damit zu tun», sagte Klugt unaufgefordert.

«Womit haben Sie nichts zu tun?»

«Mit allem.»

Der Apotheker hörte genau hin und ließ die Worte auf sich wirken. Sagte ihm der Mann hinter der Rezeption indirekt, dass hier sehr wohl etwas geschehen war, er aber nicht hineingezogen werden wollte? Und was war es genau, womit er nichts zu tun haben wollte?

«Sehn Sie sich um, aber rühren Sie nichts an – ich kann Unordnung nämlich nicht ausstehen», sagte Klugt mit verkniffener Stimme und stürzte sich auf den Papierkram auf seinem Schreibtisch.

Der Rechercheur ging die Treppe hoch. Jetzt hatte er Zeit, und diese Zeit wollte er nutzen, sich gründlich umzusehen. Vom oberen Flur ging eine Reihe Türen ab, sieben insgesamt. Sie waren dick mit Lack bestrichen, und an jede Tür war vor nicht allzu langer Zeit eine Kupferzahl genagelt worden. Nur an der Tür der Wäschekammer fehlte die Zahl. Van Ledden Hulsebosch strich über die Kupferzahl. Sie war geputzt und sah gut aus, viel zu gut für ein Hotel in solch einer schäbigen Gegend. An der siebten Tür hing ein Holzschild, auf dem in ordentlichen weißen Buchstaben «Wäschekammer» stand.

Van Ledden Hulsebosch vergewisserte sich mit einem kurzen Blick den Gang hinunter, dass er allein war. Dann fühlte er an der Lackschicht auf den Türen. Sie war gut getrocknet, doch es bestand kein Zweifel, dass sie erst kürzlich aufgetragen worden war. Die Farbe auf den Türen war in viel besserem Zustand als auf den Türrahmen und Fußleisten. An den Wänden blätterte sie sogar hier und da ab, und an den Stäben des Treppengeländers war so gut wie gar keine mehr vorhanden. Van Ledden Hulsebosch nahm ein Taschenmesser aus seiner Jacke und ritzte eine Tür leicht ein. Ein kleines Stück Farbe blätterte ab. Er zerrieb es zwischen den Fingern. Die unterste Schicht ließ sich noch ein bisschen kneten.

Dann öffnete er die Tür der Wäschekammer und ging hinein. Durch einen kleinen, mit Holz vertäfelten Vorraum gelangte er in den großen Wäscheraum. Der Geruch frisch gewaschener Wäsche schlug ihm entgegen. Der Raum war so groß, dass man darin ohne Probleme einige Betten hätte aufstellen können, aber es standen überall Schränke. Auch dieses Zimmer sah für das insgesamt ziemlich verfallene Gebäude sehr gut aus.

«Können Sie was finden?», fragte Johannes Klugt, der sich heimlich angeschlichen hatte.

«Ja», sagte Van Ledden Hulsebosch und verbarg sein Erschrecken erfolgreich. Er strich über die Laken, Kissenbezüge, Decken. Sie waren sehr sauber und glatt gebügelt. Er drückte auf einen Wäschestapel und beobachtete, wie dieser weich zurückfederte.

«Hier sieht’s prima aus, finden Sie nich?»

«Ganz und gar nicht», sagte Van Ledden Hulsebosch und drehte sich um. «Gleich kommen ein paar Polizisten und nehmen diese Tür hier mit», sagte er plötzlich. Er konnte sehen, wie die Farbe aus dem Gesicht des Hotelbesitzers wich.

«Was wollen Sie denn mit meiner Tür?»

«Die benötige ich für meine Untersuchung», antwortete der Rechercheur und schob sich an dem verdutzten Mann vorbei nach draußen.

«Ich bin nich verpflichtet, Ihnen meine Tür zu geben. Darüber steht nichts im Gesetz. Sie können doch nich einfach bei Leuten reinspazieren und ihnen die Tür wegnehmen! Sind Sie meschugge? Noch is das meine Tür!»

«Sie können sie schon mal aus den Angeln heben. Sonst machen das die Beamten. Und keine Tricks», sagte C.J. und verließ das Gebäude. Klugt blieb mit einem nervösen Zucken um die Mundwinkel zurück.

 

«Eine Tür?» Polizeipräsident Marcusse sah Saltet an, als ob dieser ihm ein unziemliches Angebot gemacht hätte. Neben seinem Untergebenen stand dieser fürchterliche Apotheker vom Nieuwendijk.

«Die Tür ist ein wichtiges Beweisstück», entgegnete Van Ledden Hulsebosch ungeduldig.

«Ein Beweisstück wofür?»

«Im Fall der verschwundenen Mutter. Ich vergeude hier meine Zeit, denn Sie hören wieder nicht zu. Er hört einfach nie zu!» Letzteres sagte er zu Saltet, der in der Zwischenzeit die Zimmerdecke bewunderte, als ginge ihn dieser schon lange schwelende Streit nichts an.

«Ich höre sehr wohl zu. Es ist keine Mutter verschwunden. Es gibt eine Frau im Krankenhaus, die das behauptet, aber die ist vermutlich verwirrt. Und deswegen habe ich etwas Besseres zu tun, als Türen aus einem Hotel entfernen zu lassen. Demnächst finden die Olympischen Spiele statt!»

«Ja, das weiß ich inzwischen auch!», sagte Van Ledden Hulsebosch gereizt. «Aber das kann doch keine Entschuldigung dafür sein, die routinemäßige Recherche liegen zu lassen?»

«Gehe ich recht in der Annahme, dass für diese lächerliche Untersuchung ein Dienstfahrzeug missbraucht wurde?»

«Wir mussten so schnell wie möglich ins Krankenhaus!», warf Saltet ein.

«Ich habe es auch oft eilig. Doch deswegen verfüge ich nicht so verschwenderisch über das Eigentum der Polizei. Wenn ich es recht bedenke, ist ein derartiger Missbrauch mit Diebstahl gleichzusetzen. Nun gut, ich will nochmal ein Auge zudrücken, aber einen Tadel werden Sie dafür bekommen, junger Mann!»

«Um nochmals auf die Tür zurückzukommen», fing Van Ledden Hulsebosch von neuem an.

«Zustimmung verweigert!», rief Marcusse und freute sich, dass jetzt keine Staatssekretäre und Bürgermeister eingreifen konnten wie beim letzten Fall des Apothekers. «Es gibt keinen Mordfall oder Ähnliches. Es gibt lediglich eine überspannte Frau, die irgendetwas ruft, und deswegen werden keine Türen aus den Angeln gehoben. Wir haben Besseres zu tun», sagte er streng, und als Van Ledden Hulsebosch noch etwas einwenden wollte, hob er die Hand zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war.

Saltet und Van Ledden Hulsebosch drehten sich um. Als sie an der Tür angekommen waren, spielte Marcusse seinen letzten Trumpf aus: «Ich möchte, dass Sie, werter Saltet, während der Olympischen Spiele die Leitung über die Verkehrspolizisten an der Weteringschans übernehmen. Das scheint mir eine schöne Aufgabe für einen Kommissar mit Zukunftsplänen. Ach ja, Apotheker, vielleicht ist es für Sie gut zu wissen, dass ich Bürgermeister Vlugt abgeraten habe, was Ihren Unterricht betrifft. Die Schulung junger Kommissare nehme ich selbst, oder einer meiner Männer, in die Hand. Dafür brauchen wir keine Apotheker.»

Van Ledden Hulsebosch, der wie angewurzelt stehen geblieben war, drehte sich um und hätte sich auf dieses selbstherrliche Großmaul gestürzt, wenn ihn Saltet nicht am Arm gepackt und nach draußen gezogen hätte. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, meinte C.J., so etwas wie einen Siegesruf zu hören, wie von einem Fußballer, der gerade ein Tor geschossen hat.

«Ich könnte ihn umbringen. Unfassbar, welchen Zorn dieser Mann in mir entfacht. Eine sehr unangenehme Person», seufzte der Rechercheur. Kopfschüttelnd folgte er Saltet.

«Und wer hätte dann den Mord aufgeklärt?», fragte Saltet lächelnd. «Ich meine, wenn Sie ihn wirklich umgebracht hätten.»

 

C J. spazierte die Amstel entlang. Es war ein schöner Frühlingstag, und der Fluss, an dem die Stadt vor langer Zeit entstanden war, schlängelte sich friedlich vom Munt stadtauswärts. «Ich brauche überhaupt keinen Dienstwagen», murmelte er vor sich hin. Wenn es weder regnete noch kalt war, war Van Ledden Hulsebosch durchaus bereit, zu Fuß zu gehen. Amsterdam war eine prächtige Stadt zum Spazierengehen. Hauptsache, er musste nicht schnell irgendwo hin, denn anstrengend durfte es nicht werden. Es war ein wunderbarer Spaziergang, und er genoss den weiten Blick übers Wasser. Er roch die Ställe des Zirkus Oscar Carré, und von der Berlagebrug aus, in der Nähe des Amstelhotels, sah er das prächtige Paleis voor Volksvlijt stolz auf dem Frederiksplein stehen. Im Licht der Maisonne leuchteten die Metallteile hell auf, und die vielen Fensterscheiben reflektierten die Sonnenstrahlen auf den Platz und den Fluss. Schließlich kam er an die Weesperzijde, wo die Armen, die sich die Miete für eine Wohnung nicht leisten konnten, in Hausbooten wohnten. Demnächst würden die schwimmenden Wracks allesamt weggeschleppt werden, damit die Stadt für die Olympischen Spiele ordentlich aussah. Sie sollten weiter oben am Fluss einen Platz finden.

Er hatte seinen Ritterorden angesteckt. C.J. van Ledden Hulsebosch war Ritter im Orde van Oranje-Nassau, aber er trug diese Auszeichnung selten. Er fand das Ganze ziemlich angeberisch und wollte deswegen nicht bevorzugt behandelt werden. Aber, ach, in Notfällen konnte sie vielleicht eine Tür öffnen, die für andere verschlossen blieb. Obwohl er in diesem Moment lieber nicht an «Türen» denken wollte. Die ganze Sache mit dem unangenehmen Marcusse lag ihm im Magen.

Er wusste, dass sich das Olympische Komitee im Eckhaus von Weesperzijde und Ruyschstraat befand. Diese Unterkunft hatte der fortschrittlich denkende Abgeordnete Wibaut der Organisation zur Verfügung gestellt. Der Seitenhieb, den der Politiker mit dieser Aktion den konfessionellen Parteien austeilte, war beabsichtigt. Denn diese hatten große Mühe mit den Olympischen Spielen, da auch sonntags Wettkämpfe stattfinden sollten. Vor allem die Reformierten hatten ernsthafte Bedenken gegen einen derartigen Anschlag auf die sonntägliche Ruhe. Wibaut, als tonangebendes Mitglied der Sozialistischen Demokratischen Arbeiterpartei, kurz SDAP, hatte die Spiele sofort befürwortet, und sei es nur, um den braven Gläubigen eins auszuwischen. Er selbst hatte sich vorübergehend in eine Wohnung in der Waldeck Pyrmontstraat einquartiert und verwendete einige Zimmer in dem weitläufigen Gebäude als Arbeitsräume.

Van Ledden Hulsebosch hatte sich telefonisch angekündigt und dabei beiläufig fallen lassen, dass er nicht nur Kriminalist sei, sondern auch von Königin Wilhelmina persönlich ausgezeichnet. Außerdem wusste er, dass der Bürgermeister von Doorn und Maarn, Herr Alpherts, Baron Schimmelpennick van der Oye, in der Organisation tätig war. Kurzum, er hatte lediglich hier und da an ein paar Fäden ziehen müssen, um nun höchstpersönlich vom Komiteevorsitzenden Geert van Rossem empfangen zu werden.

«Kommen Sie doch herein», sagte der Berufsmilitär, der vom Verteidigungsministerium freigestellt worden war, um die Spiele zu organisieren. Van Ledden Hulsebosch sah sofort, dass Van Rossem ein Mann mit wenig Sinn für Humor war. Er machte nicht viele Worte, und das, was er sagte, diente der Sache. Van Rossem war groß gewachsen und hatte den Körper eines Sportlers; welche Sportart er betrieb, konnte der Apotheker allerdings nicht sofort ausmachen.

«Fechten», sagte er knapp, als Van Ledden Hulsebosch ihn danach fragte. «Offiziell bin ich auch Président de la fédération d’escrime und als solcher Interessenvertreter des Olympischen Komitees. Sport kann nicht von Leuten organisiert werden, die nichts von Sport verstehen.»

«Ich dachte, der Regierung seien die Spiele egal», sagte Van Ledden Hulsebosch, als sie die knarrende Eichenholztreppe zu den Räumen, in denen Van Rossem das Zepter schwang, hinaufgingen.

«Wie meinen?»

«Sie sind vom Militär und nun zu diesem Komitee entsendet worden. Genau genommen ist das doch eine verkappte Subvention.»