Die Furien - Janet Hobhouse - E-Book

Die Furien E-Book

Janet Hobhouse

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Beschreibung

Helen entstammt einer New Yorker Familie, deren einst märchenhafter Wohlstand und liebevolle Verbundenheit miteinander ferne Erinnerung sind. Sie wächst in prekären Verhältnissen auf, der Vater spielt früh keine Rolle, mit der lebensunfähigen Mutter verbindet sie eine heillos verstrickte Beziehung.Erst als Helen einen ganzen Ozean zwischen sich und ihre Mutter Bett bringt, gelingt es ihr, sich zeitweise von ihr zu befreien. Sie studiert in Oxford, heiratet ihre große Liebe und erlebt als junge Autorin rauschhafte Zeiten in der Londoner Kunst- und Literaturszene. Doch nach ihrer Rückkehr setzt sich das Drama mit ihrer Mutter fort, das erst durch eine Tragödie beendet wird.Schonungslos und wortgewaltig erzählt Janet Hobhouse in ihrem Roman von den Konflikten mit der Mutter und der lebenslangen Suche nach dem eigenen Weg.

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EPUB
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Seitenzahl: 590

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Janet Hobhouse

Die Furien

Roman

Aus dem Englischenvon Anne Steebund Bernd Müller

DÖRLEMANN

Die Originalausgabe »The Furies« erschien erst nach dem Tod von Janet Hobhouse 1992 bei Bloomsbury in London und 1993 bei Doubleday in New York City.     Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten © 2023 Dörlemann Verlag AG, Zürich © 1993 by the Estate of Janet Hobhouse Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf unter Verwendung einer Illustration von Goi Waran78/Shutterstock Porträt von Janet Hobhouse: © John Timbers, ArenaPAL Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-901-0www.doerlemann.ch

Inhalt

CoverTitelei und ImpressumPorträtPrologI – Frauen1234II – Männer56789III – Die Furien101112IV – Allein1314Zur Autorin und zu ihren ÜbersetzernZum Buch

Janet Hobhouse

Prolog

Fotos sind keine Erinnerungen …

Lange Zeit lebten meine Mutter und ich so einsam, gefangen in der Stadt und in ungesicherten Verhältnissen, so fern von allem, was den Begriffen Familie oder Stabilität auch nur nahe kam, so sehr darauf angewiesen, füreinander eine lebens- und liebenswerte Umgebung zu schaffen, daß mir die Existenz von Vorfahren, obwohl sie durch Hunderte von Fotos belegt ist (Fotos, braun wie Herbstlaub und mit Eselsohren, aber anschaulich, stilisiert, vor allem theatralisch), selbst jetzt noch märchenhaft vorkommt. Das liegt nicht allein an dem, was mir damals plausibel erschien, sondern hat auch damit zu tun, wie das Märchen sich darstellte: Unter den Versammelten aus mehreren Generationen, die für den Fotografen posiert hatten, lächelnd unter Zylindern und Sonnenschirmen auf dem Krocketrasen vor sommerlichen Residenzen oder steif dasitzend in den weitläufigen, mit Kostbarkeiten angefüllten Empfangszimmern ihrer New Yorker Stadthäuser, gab es zwar keine Fürsten, aber fürstlichen Reichtum, exotische Herkunft und, unglaublicher als alles andere, eine einzige große, liebevolle Familie, in sich geschlossen und so erstrebenswert wie jedes Königreich aus dem Märchen.

Daß meine Mutter, die sich kaum einer anderen Person auf der Welt verwandt fühlte, in nur drei Generationen soweit gesunken war, heraus aus dem Milieu des Wohlstands und der Güte, der verläßlichen Vielzahl einander verbundener Personen, dem Zusammenleben mit Cousins, Tanten, Bediensteten und dergleichen, sagt etwas über das Tempo des amerikanischen Lebens in diesem Jahrhundert. Einerseits kann es den Einwanderer ohne Verbindungen befähigen, in wenigen Jahrzehnten eine sorgenfrei lebende, vielköpfige Dynastie hervorzubringen, andererseits kann es ebenso rasant alles rückgängig machen und, wie in unserem Fall, einen gewaltigen, erfolgreichen, lokalpolitisch aktiven Clan mit internationalen Verbindungen auf eine Handvoll kümmerlicher Einzelgänger reduzieren, mit etwa soviel Zusammenhalt wie lose Stahlkugeln im Weltraum.

Es ist nicht nur die Größe und Pracht dieser im Bild festgehaltenen Familie, die mir so seltsam erscheint: Seltsamer noch ist das Schweigen, das ihre Existenz umgab. In meiner Kindheit wurden niemals Familiengeschichten erzählt, nie wurde über Ursprünge oder Reisen gesprochen, nie der Eindruck familiärer Kontinuität oder gar, wichtiger noch, eines verlorenen Paradieses vermittelt. Niemand wurde mit Hochachtung beschrieben und im Gedächtnis bewahrt, niemand außerhalb des explosiven Umfeldes von Schwester, Mutter, Großmutter. Man hätte meinen können, wir wären jeweils durch Parthenogenese entsprungen und nur den zwei oder drei Frauen schicksalhaft verbunden, die uns prägen oder behindern sollten, so daß wir im Anschluß an die Kindheit noch jahrelang darum ringen mußten, uns aus dem Würgegriff unserer unweigerlich weiblichen Gegner zu befreien.

Insofern entspricht meine Geschichte der meiner Mutter, meiner Tante, meiner Großmutter. Jede von uns hat in Beziehung zu einer guten und einer schlechten Mutter gelebt, im ausschließlich weiblichen Angesicht eines Schicksals, das uns anfangs lachte und sich dann als gefräßig entpuppte. »Mutter« und »Großmutter« waren nur die wechselnden Begriffe, mit denen wir unseren besonderen Engel oder unser Ungeheuer definierten und gegen die wir unseren Überlebenskampf ausfochten. Vielleicht war es der Anfang allen Übels, daß meine Mutter die Regeln vergaß: Sie vergaß, daß man sein Schicksal der vorangegangenen Generation abringt. Oder es begann damit, daß sie, nachdem sie im ersten Stadium des Konflikts unterlegen war, auf die Idee kam, das ganze Drama, das ganze uralte Generationenritual nur unter uns, zwischen ihr und mir, durchzuspielen.

Dabei hatte es früher eindeutig eine andere Art Familienleben gegeben, scheinbar stabil, horizontal anstatt vertikal aufgebaut, und die Fotos waren der Beweis dafür. Während meine Mutter und ich von einer Zwangsräumung zur nächsten in kleinen, trostlosen Mietwohnungen hausten, während meine Großtante für uns nur als letzte Rettung für Telefon- und Stromrechnungen firmierte, während sich meine Großmutter meiner Mutter als Ungeheuer an Gleichgültigkeit darstellte, lag irgendwo – vermutlich in der alten chinesischen Truhe meiner Großtante Shrimp – dieser große Hort an Fotografien einer ungenannten und gar nicht so lange vergangenen Familie, der wir theoretisch alle in so kurzer Zeit entsprungen waren.

Die Bilder wären mir damals nicht weniger erklärlich gewesen als später, als ich sie fand. Vergilbt, glanzlos und rissig, unbeachtet und unerwähnt, ohne die Macht, in mir oder meiner Mutter Erinnerungen auszulösen, hätten sie dennoch eine Verbindung zu einer anderen Welt hergestellt. Sie hätten im Gegensatz zu unserem damaligen Dasein – das aus heutiger Sicht noch viel grauer erscheint, ausgeblutet und tot – vielleicht Überleben versprochen. Eindringlich, erotisch, sinnlich verweisen sie auf eine Welt voller Licht und Grünpflanzen, voller Düfte und Stoffe, auf eine Welt ungefährdeter Weiblichkeit und, o Wunder, ungefährlicher Männlichkeit in Gestalt gütiger und weiser Patriarchen, leutseliger Onkel und heißgeliebter Brüder. Solche Bilder hätten im Kontext meiner ausschließlich weiblichen (vater-, onkel- und bruderlosen) Familie und vor allem im Kontext des Lebens meiner Mutter – in dem alle Männer bedrohliche Gauner oder Herzensbrecher, aber doch bloß Statisten ohne jede Permanenz waren – nur mit der Wucht einer Offenbarung erscheinen können.

Und diese unproblematischen Frauen: in Satin gehüllt, mit schmaler Taille und hoch angesetzter Brust, kunstvoll frisiert und mit Medaillons behangen, mit Rosenwasser parfümiert, soeben von Einkaufsreisen in Paris und Tokio zurückgekehrt – auch sie hätten Erlösung verheißen können. In dem Milieu, in dem sich meine Mutter und ich bewegten, glich diese Lade voller Bilder einer nicht losgegangenen Bombe, angefüllt mit Schönheit, Liebe und Sicherheit, war sie der geheime, vergrabene Schatz eines Königreichs, zu dem keine von uns den Schlüssel finden konnte und dessen Vorhandensein scheinbar seit langem vergessen war.

Sie waren um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach Amerika gekommen, waren vermögend und hochangesehen aus Frankfurt eingetroffen. In New York und Baltimore gründeten sie Firmen, heirateten untereinander und pflegten Umgang mit Leuten, wie sie sie von zu Hause kannten, mit »gebildeten« Juden aus besseren Kreisen, die ihr Judentum lediglich als eine besondere Ausprägung ihrer europäischen Herkunft ansahen, als kulturelles Erbe und gesellschaftliche Verpflichtung, als Quelle der Selbstachtung, nicht jedoch als Religion und schon gar nicht besonderer Erwähnung wert. (Jedenfalls nicht später, bei meiner Mutter und mir. Meine Mutter hat mir einmal erzählt, sie habe als Kind ihre Schulkameraden beneidet, weil sie Juden waren.) Rabbis traten bei Hochzeiten und Begräbnissen in Erscheinung, aber es gab keine Bar-Mizwa, kein Seder, keine Synagoge, keine Schul. Das Erbe annehmen hieß, Klavierunterricht zu nehmen, fremde Sprachen zu lernen und oft ins Ausland zu reisen. Amerika galt als Außenposten eines Weltreichs, wo man nach Kräften bemüht war, das angenehme Leben in Deutschland fortzusetzen.

Sie sehen nicht sehr amerikanisch aus, diese geheimnisumwitterten Verwandten. Streng und selbstbeherrscht, ist ihnen keine Besorgnis anzumerken, weil sie gerade erst eingetroffen sind, kein Eifer, sich anzupassen. Sie tragen ihre extravagante Mode ohne Schüchternheit oder gespielte Kühnheit, als wüßten sie, daß sie die Neue Welt nach ihrer Pfeife tanzen lassen können. Sie haben es zu etwas gebracht, weil sie es nicht anders erwartet haben. Die Männer haben schöne Frauen geheiratet, die schönen Frauen haben ihnen Kinder geboren, und die Familie hat für ihr Wohlergehen gesorgt. Sie hatten Amerika nicht nötig, um zu überleben.

Wahrscheinlich erlangte die Familie erst 1907 ein erkennbar amerikanisches Selbstverständnis, als mein Ururgroßvater Samuel sein Rheinschlößchen am Riverside Drive verkaufte, das Haus, in dem seine Kinder und Enkelinnen geboren waren. Die Liste der zur Versteigerung freigegebenen Objekte füllt ein kleines Buch, einen Katalog der Kostbarkeiten: Elfenbeinschnitzereien, orientalische Wandschirme und Skulpturen, englische und deutsche Antiquitäten, Perserteppiche, italienische Madonnen und juwelenbesetzte Kruzifixe, der Inhalt von Stallungen und Billardzimmern. Elizabeth, Samuels Frau, zog damals mit ihren Pariser Roben und dem irischen Hauspersonal in eine bescheidenere Behausung, in einen neuerbauten Wohnblock anderthalb Kilometer weiter südlich an der West End Avenue. Erst da, im Jahr nach dem großen Erdbeben und der Brandkatastrophe von San Francisco, im Jahr von Picassos Demoiselles d’Avignon, trat meine verführerische Familie ins zwanzigste Jahrhundert ein, ließ sie das Alte fahren und nahm sich des Neuen an, übte sie zum ersten Mal eine Version des generationsbedingten Imperativs ein, der verlangt, Brücken abzubrechen und in der Gegenwart zu leben.

Fangen wir bei ihnen an, bei Samuel und Elizabeth Woolf, dem Mann mit dem Walroßschnurrbart und der Frau mit den Mandelaugen und dem dunklen Haar, nicht nur, weil sie sich als erste zu Amerika bekannt haben, sondern auch, weil sie die Eltern von Mirabel waren, dem Engel im Leben meiner Mutter.

Samuel hatte 1877 die Japanese Fan Company gegründet. Das war zunächst ein ganz schlichtes Unternehmen, dessen japanische Fächer in der Epoche vor Erfindung der Klimaanlage für Männer und Frauen im Sommer unabdingbar waren. Später importierte es außerdem orientalische Schriftrollen, Holzschnitte und Drucke, Tee und Kampferholztruhen, Jade, Elfenbein und Kimonos. Es hatte Geschäftsräume am unteren Broadway, ein Büro in Tokio und Repräsentanten in Shanghai, Peking, Hongkong, Kanton, Futschou und Kobe. Einmal im Jahr überquerte Samuel den amerikanischen Kontinent, um mit dem Dampfer nach China, Indochina und Japan zu fahren, häufig begleitet von Frau und Verwandten, von seinen Söhnen oder seiner Tochter Mirabel. Die Rückreise erfolgte oft über Europa, wo sie ihre Vettern in Deutschland besuchten und die Geschenke (»Bullybuffskis« genannt) verteilten, für die Samuel berühmt war. Als Familienbetrieb stellte die gedeihende Fan Company die lahmen Enten des Clans ein, leicht beschränkte Neffen sowie die Ehemänner von Schwestern, die aus Liebe geheiratet hatten. Zeitweise waren es so viele, daß das Unternehmen nicht so florierte, wie es möglich gewesen wäre. Dennoch sorgte es gleich einer orientalischen Milchkuh lange Zeit prachtvoll für alle.

Dank der Firma verlebten Mirabel und ihre Brüder eine ungewöhnliche Kindheit. Sie spielten in Kimonos und Kabuki-Masken, schwangen Zierschwerter, führten Zauberkunststücke vor und zündeten raffinierte Feuerwerkskörper. Außerdem wurde ihnen die Welt als weitläufiger Ort nahegebracht, der mit Wasser bedeckt und voller Ausländer war.

Mirabel, die Kleine auf den Fotos, die fürstlich in schmucken Kostümen umherstolziert oder mit ihren chinesischen Puppen spielt, hatte daheim ein vollkommenes Leben, bis auf eine Kleinigkeit, die sich schon in den ersten Kinderporträts andeutet und immer deutlicher erkennbar ist, je weiter sie heranwächst. Immer hübsch gekleidet, von erlesenen Objekten umgeben, in schöne Kulissen gestellt, fällt sie durch die traurige Tatsache auf, daß sie im Gegensatz zu ihrer Mutter und ihren Cousinen nicht schön ist und es niemals sein wird. Sie ist ein unattraktives Kind mit schwerem Kinn und großer Nase, dichten Augenbrauen und untersetztem Körperbau – eine Erscheinung, die mit zunehmendem Alter um so trauriger anmutet wegen der modischen und sorgfältig geschneiderten Gewänder und kunstvollen Hüte, die sie als Tochter ihrer Mutter zu tragen gezwungen ist.

»Mirabel war keine Schönheit.« Das war für die wegen ihrer Schönheit berühmten Töchter und Enkelinnen, die sie liebten, eine erstaunliche und bedeutsame Tatsache. Meine Mutter nannte sie »hausbacken«, ein Eingeständnis, das sie veranlaßte, vor lauter Mitleid ein wenig zusammenzuzucken. Meine Großtante Shrimp dagegen pflegte zu sagen: »Natürlich war Mutter keine Schönheit.« Sie sagte es mit einem gewissen Stolz und im gleichen verschwörerischen Tonfall, dessen sich die Familie bediente, wenn sie von Eleanor Roosevelts reizlosem Äußeren sprach, so als müsse der Mangel an derlei Vorzügen mit tugendhafter Entsagung einhergehen, so als hätten Eleanor und Mirabel mit ihrer Zeit Besseres anzufangen gewußt als Schönsein.

In Wahrheit jedoch war Mirabel nicht bloß »hausbacken«, ein Begriff, der geeignet war, wohlwollend ihre füllige Statur und die verläßliche Reizlosigkeit ihrer Züge zu beschreiben. Sie war auch nicht bloß »unscheinbar«, wie es bei uns in Amerika mit frömmelnder Selbstgefälligkeit heißt, sondern regelrecht häßlich. Ich, das einzige Mitglied ihrer Familie außerhalb ihres Bannkreises, die ich nicht lange genug mit ihr bekannt war, um in die allgemeine Verehrung mit einzustimmen, bin dazu ausersehen, es Ihnen mitzuteilen: Sie war regelrecht häßlich. Zwar war von ihr, als ich sie kennenlernte, kaum etwas übrig außer einem Sammelsurium warmer Kleidungsstücke und kostspieliger Düfte, ein kleiner pastellfarbener Stoffhaufen mit Spitzenbesatz und dicken Knöcheln in vernünftigem Schuhwerk, umweht vom Geruch staubiger Vorhänge und Silberputzmittel. Meine Mutter schleppte mich vor ihrem Tod ein paarmal zu ihr, damit ich sie oder vielmehr sie mich in Augenschein nehmen konnte, und jeder Besuch war wie eine Audienz bei einer Königin, die in einem großen, düster eingerichteten Apartment am südlichen Central Park Hof hält. Sie saß zusammengesunken in ihrem Lehnsessel, im Sitzen kaum kleiner als im Stehen, und strahlte kaum etwas von jener Herrlichkeit aus, die ihr die Familie angedichtet hatte. Aber für meine Mutter und deren Schwester Constance war sie nichts Geringeres als eine Gottheit. Dieses kleine in einen Schal gewickelte Paket, dem die fleischigen Waden in ebenso vielen Lagen über die Schuhe hinausquollen wie die Falten des broschenbesetzten Halses aus der Umschnürung seines Kragens, dessen blaue Augen das weiche, lose, feingerunzelte, leicht nach Puder duftende Fleisch wie Knöpfe zusammenhielten, dessen Lächeln die Falten und Umrisse der samtenen, zart behaarten Wangen in Unordnung brachte – dieses kleine Bündel vergänglicher Weiblichkeit war für sie der Inbegriff menschlicher Güte, das stille Zentrum eines turbulenten Universums und letztlich die Waffe, mit der sie ihre böse Mutter und einige der besonders bösen Männer in Schach halten konnten.

Mirabels Leben wurde von Enttäuschungen und Freuden geprägt, über die ich nur Vermutungen anstellen kann. In ihrer Kindheit genoß sie weite Reisen und Wohlstand sowie den Schutz von Samuels Schloß und einer großen, liebevollen Familie. Sie hatte einen lebhaften, schnurrbärtigen, nach Tabak duftenden Vater, eine ziemlich steife, konventionell langweilige und konventionell schöne Mutter. Sie hatte zwei ältere Brüder und sieben junge Onkel, die auf Festen mit ihr tanzten und nie ihren Geburtstag vergaßen. Ihre dunkelhaarigen Cousinen behielten im Sommer die weißen Baumwollhandschuhe an, wenn sie Limonade tranken, und fuhren winters im Schneesturm vor, ließen ihre Pferde dampfend, ihre Kutscher frierend am Bordstein warten, während sie Seehundsfellcapes und Muffs ablegten und Geschenke hereinbrachten, die unter eine große, mit Kerzen geschmückte Fichte gelegt wurden. Es gab viel streng geregeltes, duftendes, musikalisch untermaltes Glück, und daneben gab es in den Rissen und an den Rändern dieses Daseins zwangsläufig dumpf und stetig pochend Mirabels Selbstverständnis, daß sie in diesem perfekten, privilegierten Familienleben irgendwie fehl am Platz war. Ihr Defekt war nicht auf ihr Temperament oder ihren Willen zurückzuführen, sondern auf ihre Person. Deshalb kam wohl auch irgendwann der Augenblick, in dem für sie das Leben eine Wende nahm, in dem Bewußtsein, daß ihre Unzulänglichkeit feststand und niemals überwunden werden konnte.

Schönheit war scheinbar alles, worüber im Freundeskreis ihrer Mutter gesprochen wurde, über »vorteilhaftes« Aussehen, das durch günstige Kleidung unterstrichen und von männlichen Bewunderern allzu sehr geschätzt werde. Liebe, meinten die Damen, sei ein Taumel, der den Unterschied zwischen Schönheit und bloßer Ansehnlichkeit verwischen könne. Daß Liebe heldenhaft blind sei, behauptete allerdings keine. Mirabel wirkte zwischen den plaudernden Schönen wie ein Irrtum und war am glücklichsten, wenn sie allein war oder sich im Denken und Handeln unsichtbar in einer Welt ohne Spiegel aufhielt. Aber sie war so perfekt als Tochter ihrer Mutter verkleidet und wurde so eindeutig akzeptiert, wohin sie sich auch wandte, daß sie manchmal alles vergaß und sich eins mit ihrem Leben fühlte.

Eines Tages steht sie vor ihrem Toilettentisch und betrachtet im Licht des frühen Morgens ihr Spiegelbild. Die Sonne hinter ihr verleiht ihren zerzausten Locken einen rosigen, präraffaelitischen Glanz. Sie ist noch nicht richtig wach, und das Licht fühlt sich an wie eine behutsame Hand auf ihrem Kopf, die sie vorwärtsdrängt, hinein ins Leben. Ihre Schultern, wächsern unter den Trägern ihres Nachthemds, wölben sich wie die Lehnen eines schönen Stuhls. Sie nimmt die kräftigen Konturen wahr und das Versprechen noch ungenannter, ferner Wonnen. Sie sieht sich vor, nicht allzu genau oder zu lange hinzusehen, sondern läßt den Blick über ihr Spiegelbild schweifen. Sie hat nichts weiter als einen Eindruck von sich, und dessen Unbestimmtheit macht sie froh. Sie begutachtet ihr Haar, das fließend ihr Gesicht umrahmt und hinten über den Rücken herabfällt. Sie denkt an die Lockenpracht ihrer Mutter (ja, sie selbst benutzt diesen Begriff), die morgens zu frisieren sie sich zur Gewohnheit gemacht hat. Kunstvolles, offizielles, zeremonielles Haar, eines Erzherzogtums wert (wie kommt sie auf so ein Wort, so einen Ort?). Sie hat die silbergerahmten Porträts ihrer Großtanten und älteren Cousinen gesehen, die zu Dutzenden wie Visitenkarten auf dem Frisiertisch ihrer Mutter aufgereiht sind, reihenweise zwischen Elfenbeinbürsten und Knopfhaken, Cloisonné-Kästchen und Nadelkissen, aufrecht und blinkend über der vergilbenden, rosengemusterten Spitze. Das Haar ihrer Mutter ist von der gleichen Sorte, dick, dicht, triumphal wie der Kranz eines Siegers, stolz wie der Schild eines Kriegers. Es begleitet sie durch den Tag, in die Zusammenkünfte mit anderen Bürgern von Rang, in die Frauenvereine, die öffentliche Projekte finanzieren und Kaffeekränzchen für wohltätige Zwecke ausrichten.

Mirabel aber hat noch undamenhaftes Haar, Mädchenhaar, schmucklos wie die Natur. Sie sieht es sich noch einmal an, wendet langsam den Kopf im Gegenlicht. Wer weiß, sagt sie, vielleicht gibt sich das noch. Sie findet sich spröde, koboldhaft an diesem Morgen, wie eine Elfenkönigin mit rosigem Haar. Sie liebt den morgendlichen Spiegel, der ihr das eigene Abbild so sanft nahebringt. Sie hegt zärtliche Gefühle für seinen Mahagonirahmen, die dunklen Flecken in der Versilberung. Heute heißt sie sich selbst willkommen. An anderen Tagen, zu anderer Stunde sieht sie sich so, wie sie gelegentlich befürchtet, in Wahrheit zu sein: als scheußlicher, vierschrötiger, ja zwergenhafter Wechselbalg in diesem Ästhetenpalast. Aber in diesem Augenblick ist sie einfach sie selbst, mit kräftiger statt »bedauerlicher« Nase, mit energischem statt »unweiblichem« Kinn, mit intelligenten blauen Augen und heller statt »bleicher« Haut. Sie ist sechzehn. Es ist ihr gutes Recht, sich zu fragen, was die Zukunft bringen wird.

Da geht die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf, und ihre Gouvernante steht hinter ihr. Sie überragt sie, läßt den Nimbus aus Licht zerbersten, verdunkelt den Spiegel, verbannt Mirabels Spiegelbild in die Ecken des Raums. Ihre Stimme macht die absolute Stille zunichte, und Mirabels Unsichtbarkeit.

»Was machst du denn da?«

Mirabel sieht, wie die Gouvernante an ihr vorbei in den verräterischen Spiegel blickt, wie sie ihr Abbild begutachtet und sorgfältig überlegt, was sie sagen soll.

»Immerhin bist du recht gescheit«, sagt sie in einem Ton, der jeglicher Spekulation ein Ende macht. »Und das ist dein Glück, Mirabel, denn schön wirst du ganz bestimmt nie.«

Mirabel nimmt es mit freundlicher Miene zur Kenntnis. Sie weiß, daß eines Tages die Gouvernante nicht mehr da sein wird, während sie, Mirabel, bleibt. Sie weiß, daß der Papa sie liebhat und die Mama sie respektiert und sich auf sie verläßt. Hier in diesem Haus ist niemand darauf aus, ihr das Gefühl zu geben, sie sei nicht wohlgeraten. Doch der Frieden im Angesicht ihres Spiegelbilds ist für immer dahin. Zwanzig Jahre später wird Mirabel die Geschichte von der Gouvernante ihrer älteren Tochter erzählen. Es wird das einzige Erlebnis mit einem Spiegel sein, an das sie sich erinnert. Und so wird es sich einprägen.

Vielleicht war es nicht an diesem Tag, doch in jedem Fall kam die Zeit, da Mirabel die Debatte mit sich selbst beendete und aufhörte, sich einzubilden, sie könne jemals hübsch werden. (Sie sagen, so geht das nicht, aber es geht doch so. Ein kleines Ventil wird geschlossen, und der ganze Lauf eines Lebens kann sich verändern.) Sie dachte nie wieder über ihr Aussehen nach, oder zumindest nicht so. Statt dessen befaßte sie sich damit, gescheit zu sein. Sie spielte Karten mit ihrer Mutter, unterhielt sich über Politik mit ihrem Vater. Sie teilte ihren Eltern mit, daß sie den Wunsch habe, Ärztin zu werden. Vielleicht weil niemand, am wenigsten sie selbst, damit rechnete, daß sie heiraten würde, ließ man sie studieren. Und dann trat in dieses vorherbestimmte, sich selbst bescheidende, anspruchslose, aufrechte und vernünftige Leben ein Element der Unwahrscheinlichkeit, ein älterer Mann, mit dem niemand gerechnet hatte, ein höflicher, überaus würdevoller Handelsreisender aus Tennessee. Eines Tages saß er im Salon von Mirabels Eltern, dem mit den Putten an der Decke, und richtete, die manikürten Hände locker im Schoß, jede seiner Äußerungen an seine sommerlich leichten Schuhe.

Die physisch benachteiligte Tochter eines reichen Mannes hätte hier wie anderswo die Heldin einer Ehetragödie werden können, doch bei meiner Erbin vom Riverside Drive nahm die Geschichte einen anderen Lauf. Spät, aber nicht zu spät (sie war 26) wurde ein Freier vorstellig, der trotz seiner minderen Herkunft kein Glücksritter war, sondern ein sanfter, recht stattlicher Mann, ein wenig dandyhaft, aber bescheiden, ein jüdischer Beau aus den Südstaaten. Er war rund vierzehn Jahre älter als sie, und das Leben hatte ihm übel mitgespielt, indem es seine Frau und ihren einzigen Sprößling im Kindbett sterben ließ.

Auch begegnete Mirabel dem Witwer aus Tennessee keineswegs mit geziemender Dankbarkeit. Im Gegenteil, die unerwartete Erlösung vom Schicksal einer alten Jungfer war ihr gar nicht recht. In ihren Augen war Heirat die sichere Katastrophe, eine unvermeidliche und unerträgliche Erniedrigung. Sechs Wochen vor der Hochzeit kollabierte sie und erlitt, wie sie es später nannte, einen Nervenzusammenbruch. Sie weinte und protestierte entweder, oder sie lag leblos da, weigerte sich zu sprechen und starrte an die Decke. Doch ihre Mutter weinte ebenfalls (die Einladungen waren längst verschickt), und am Ende erklärte sich Mirabel bereit, doch zu heiraten.

Von meiner Mutter habe ich einiges über meinen Urgroßvater in seinen späteren Jahren erfahren: daß er einen Kanarienvogel besaß und gern Radio hörte, daß er sonntags die Comicstrips las und den Vorsitz führte beim formellen Familienfrühstück aus Räucherhering, gebratenen Täubchen und Rührei, das seinen kleinen Enkelinnen in prunkvollen Silberschüsseln serviert wurde. In Shrimps Erinnerung war ihr Vater ein »Prachtexemplar«, aber reserviert und ein wenig steif. Er erzählte Witze, die seine Töchter abgedroschen fanden, machte nie eine ausgefallene Bemerkung, erhob Einspruch gegen jede Zweideutigkeit (er muß ein eher untypischer Handelsreisender gewesen sein) und war zeit seines Lebens ein guter Republikaner und Rotarier.

Auf dem Foto, das ich von ihm habe, ist er weißhaarig, sehr groß und elegant. Er steht mit meiner Mutter in den Armen an einem überfüllten Strand, zwischen den halbnackten Badegästen viel zu aufwendig angezogen im dreiteiligen Leinenanzug mit Strohhut. »Gütig« war das Wort, das immer im Zusammenhang mit ihm benutzt wurde, und ich habe den Verdacht, daß es sich dabei um die höfliche Umschreibung einer gewissen geistigen Beschränktheit gehandelt haben muß. Jedenfalls wurde er nach der Hochzeit in die Fan Company aufgenommen, was auf einen irgendwie gearteten Mangel schließen läßt. Und ich vermute, daß seine Frau und seine Töchter ihn zwar gern hatten und stolz waren auf seine vornehme Erscheinung und seine guten Manieren, ihn jedoch mehr oder weniger ignorierten. Mirabels Ehemann wurde schlicht dem Haushalt und dem Familienbetrieb einverleibt, und das Leben ging mit ihm weiter wie bisher, so als wäre dieser Ehemann nur eines von vielen Geschenken des Papas, ein weiteres Mitbringsel von einer Geschäftsreise ins Ausland.

Ich habe kein Bild von ihm als junger Mann. Aber ein junger Mann war er schließlich auch nie. Er trat in Mirabels Leben, als er vierzig Jahre alt war, ein Witwer, möglicherweise verwundet, ins Abseits geraten durch den Tod seiner Frau und seines Kindes, obwohl »Abseits« ein zu romantischer Begriff ist für einen nimmermüden Rotarier wie ihn. Sein wahres Wesen entsprach genau seinem Äußeren: Gewandung, gute Manieren und Berechenbarkeit (für Kinder ist Stil gleich Substanz). Er setzte sich zusammen aus goldener Uhrkette, Comics und Räucherheringen, aus anspruchslosen Witzen und den ewig wiederholten und schwer zu ertragenden Sprüchen, mit denen er seine Zuneigung für die Familie zum Ausdruck brachte. Er tappte, nehme ich an, in diesem weiblichen Haushalt im dunkeln, erst eingemeindet in Mirabels Familie, dann von seiner eigenen unterjocht. Weit davon entfernt, Mirabels Leben zu ruinieren, hatte er gegen ihr Matriarchat nie eine Chance – er war ein einzelner männlicher Fisch im Teich, der nur der Fortpflanzung diente. Er verharrte in ihrer Nähe und tat seine merkwürdig akzentuierten Äußerungen, oder er zog sich in seine Männerwelt zwischen Büro und Club zurück, ins Reich der Politik und der Herrenschneiderei, wo eines so wichtig genommen wurde wie das andere. Mit seiner südstaatlichen Eleganz und seiner gepflegten Schönheit zierte er den Haushalt so, wie es Mirabel nicht vermochte. Er übernahm die traditionell weibliche Rolle, steuerte physischen Charme und gesellschaftliche Konvention bei und gab Mirabel unerwartet die Freiheit, sie selbst zu sein.

Und Mirabel? Sie hatte ihrer Mutter den Gefallen getan und gegen ihren eigenen Willen geheiratet. Sie hatte unter Protest der Medizin entsagt, aber schließlich ihr »Prachtexemplar« mit der gleichen Gutmütigkeit hingenommen, mit der sie die Einschätzung ihrer Gouvernante bezüglich ihrer Zukunft hingenommen hatte. Kein Zweifel, sie liebte ihn, so gut sie konnte, und das um so mehr, nachdem sie entdeckt hatte, wie wenig sie ansonsten vom gewohnten Leben opfern mußte. Denn sie blieb allezeit und zuallererst die Tochter ihrer Mutter und kleidete sich weiterhin so: mit Roben aus dem Hause Worth, Perlen in den Ohren und einem der Pekinesen ihrer Mutter auf dem Schoß, wenn sie mit der Kutsche zum Einkaufen fuhren, zu Hochzeiten oder Treffen des Damenvereins. Selbst nachdem ihre Töchter geboren waren, nachdem Samuel sein Schloß verkauft hatte und die Familien getrennte Wohnungen bezogen, pilgerte Mirabel jeden Morgen heim zu ihren Eltern und half wie gewohnt ihrer Mutter beim Frisieren. Als Samuel 1911, vier Jahre nach dem Verkauf, aus dem Leben schied, kam seine Witwe bei Mirabel unter. Um diese Zeit, während der vereinzelte Mann der Familie jeden Morgen zur Arbeit im Familienbetrieb seiner Frau aufbrach, muß Mirabels Matriarchat etabliert worden sein. Und um diese Zeit wurde Mirabel ob ihrer Funktionen als Tochter von Elizabeth Woolf, als Mutter von Shrimp und Emma, nicht jedoch, nehme ich an, als Ehefrau ihres Mannes, in Angel umgetauft.

Das Paar bekam in den ersten drei Ehejahren kurz hintereinander zwei Töchter, und sollte Mirabel je Braut und Geliebte gewesen sein, so machte dieses Stadium schon bald den Freuden der Mutterschaft Platz. Ihr Mann durfte die Babys auf den Arm nehmen und sich mit ihnen fotografieren lassen, doch seine Einmischung in ihre Erziehung wurde in Grenzen gehalten. Seine Domäne, das wurde ihm rasch klargemacht, blieben die Firma und die Clubs. Er hatte kaum Freunde, obwohl er wahrscheinlich ermutigt wurde, eigene Freundschaften zu schließen. Seine Verwandten aus Tennessee kamen gelegentlich zu Besuch, aber ihre Besuche wurden nie erwidert. Er bekam sein gesellschaftliches Leben wie seinen Lebensunterhalt von der Familie seiner Frau zugeteilt. Dabei war er sich kaum bewußt, wie wenig er im Haushalt zu sagen hatte, denn alle Machtverschiebungen wurden ganz unauffällig und subversiv eingeführt, dank Mirabels unvermindert blühender Hingabe an die Familie.

Im Sommer fuhren sie, natürlich en famille, nach Shokan, ihr Anwesen in den Catskills, wo sie die Kutschpferde herumtollen und sich ausruhen ließen (Geisha, das Lieblingspferd, wurde oft aufgezäumt und von den im Überfluß vorhandenen Neffen und Nichten geritten) und lange sommerliche Wochen damit zubrachten, zu angeln, zu lesen, Ausflüge zu unternehmen und nach der Natur zu malen. Das Haus war von einem pensionierten Hudson River-Lotsen gemietet, dessen Sohn, ein schüchterner, zarter junger Mann (der darum als vertrauenswürdiger Gefährte für die Kinder galt), Amateurfotograf war. Angetan mit Tweedkappe und Knickerbockern, verfolgte er mehrere Sommer lang mit Kamera und Stativ die Besucher aus New York und fing in weißes Musselin gekleidete Mädchen und Knaben in Matrosenanzügen im Bild ein, die blühenden Obstbäume und das hohe Gras, in dem es von Grillen und Mücken wimmelte. Er folgte ihnen auf matschigen Pfaden am Fluß entlang, wohin sie sich mit Angelruten und sommerlicher Lektüre begaben, und übernahm es, sie bei ländlichen Festen offiziell abzulichten: bei üppigen Mahlzeiten mit kalten Platten und Pasteten, Bier und Limonade, zu denen sie von einer großen Eisenglocke gerufen wurden, um dann anschließend auf Rasenflächen und in hochlehnigen Korbstühlen zu ruhen und sich mit jenen handbemalten Fächern Kühlung zu verschaffen, mit denen die Familie ihr Vermögen gemacht hatte.

An den langen Abenden, an denen es bis spät noch hell war, ließen die Erwachsenen Bäder ein und zogen sich zum Essen um. Sie spielten Whist und versammelten sich in Räumen, die nach Kölnisch Wasser und Tabak und dem exotischen Modergeruch regenbenetzter, sonnenbeschienener ländlicher Holzhäuser dufteten. In den Zimmern im Obergeschoß tobten die Kinder. Sie schlossen Bündnisse und erlagen Schwärmereien, während im Juni, Juli und August die Tage in Wogen von Hitzewellen und Regenperioden vergingen.

Die Männer, die in der Stadt ihr Geld verdienten, kamen am Freitagnachmittag mit dem Zug angefahren und füllten die Sonderabteile, die in der Sommersaison für Wochenendreisende angehängt wurden. Daraufhin wurde im Sommerhaus eine gewisse steife Ordnung wiederhergestellt. Die Frauen wandten ihre Aufmerksamkeit von kindlichen Themen ab (während der Woche war es am einfachsten, sich auf das Niveau der Kinder einzulassen, staunend auf den Anblick von Vogelnestern und toten Fischen zu reagieren, über Insektenstiche und sommerliche Erkältungen hinwegzutrösten und die Hände zu ringen, wenn jemand fast ertrunken wäre oder beim Reiten gestürzt war). Sie schnürten sich in ihre Korsetts und zogen weniger bequeme Kleider an, gaben sich Mühe mit ihrer Konversation und fingen in Gegenwart der Männer unüberhörbar zu schnattern an. Davon ausgenommen war Mirabel, die sich unter den Kindern am wohlsten fühlte und ihr Verhalten im Beisein der Männer so wenig veränderte, wie es die Gebote der Höflichkeit zuließen. Der Mann aus Tennessee dagegen nahm zwar mit der übrigen Familie auf der breiten, säulengestützten Veranda seine Limonade ein, behielt jedoch seinen Stadtkragen an und knöpfte vom späten Freitagabend bis zu seiner Abfahrt irgendwann am Montagmorgen seine Weste nicht auf.

In Shokan, unter den Kindern und Alten, war Mirabel am glücklichsten. Dort liebte sie das Leben am meisten und brachte auch ihren Töchtern bei, es nach Kräften zu lieben. Aus der Unsichtbarkeit, die sie einst als Kind geübt hatte, wurde Transparenz, während sie sich ringsum bei der Familie unentbehrlich machte. Sie bot ihr Leben dar als Bindeglied, klar wie eine Glasperle, zwischen ihrer eigenen verzauberten Kindheit und der ihrer Neffen, Nichten und Töchter. Sie war für alle nur Angel, der Engel: Fürsprecherin, Beschützerin, Versorgerin, ein leuchtendes Vorbild an Entgegenkommen für die Menschen ringsum.

Wahrscheinlich ging Mirabel von heißgeliebter Tochter zu heißgeliebter Mutter über, ohne sich groß für die Zwischenphase als heißgeliebte Ehefrau zu interessieren. Das beweist mir nicht allein ihre Ambivalenz beim Gedanken an Heirat, sondern auch der Umstand, daß sie nach ihrer Hochzeit auf töchterlicher Kontinuität bestand und freiwillig als Anstandsdame erst ihrer Mutter und später ihrer Töchter und Enkelinnen fungierte. Sie herrschte zeit ihres Lebens durch freudige Dienstbereitschaft, durch Förderung der Schönheit und Brillanz, die sie umgab. Ihre selbstgewählte Rolle war durchweg die einer Fürsorgerin; sie schlichtete Streitigkeiten, führte Lösungen herbei. Drei Frauen- und mindestens zwei Männergenerationen verließen sich auf ihre freudige Großzügigkeit.

Ihre Hingabe hatte nichts mit Selbstverleugnung zu tun. Im Gegenteil: Sie fand im Geben Erfüllung; sie versuchte damit die unendliche Glückseligkeit ihrer Kindheit weiterzugeben. Aber vielleicht ist diese Art von Liebe und Geborgenheit nicht übertragbar, vielleicht kann man sie nur ausleben, zeigen, daß es sie gibt, als mögliches Vorbild. Jedenfalls besaß nach ihr niemand mehr diese ruhige Klarheit, diese Fähigkeit, einfach nur zu sein und durch ihre bloße Existenz Überfluß zu schaffen. Wir anderen haben das Gegebene immer in Frage gestellt, was damit anfing, daß wir unser Glück wie Äpfel aus dem Baum zu schütteln versuchten, und damit endete, daß wir um Frieden bettelten.

»Mutter hat immer alles erledigt«, sagt Shrimp einfach, und wenn in ihrer Bemerkung Kritik anklingt, dann nur, weil Mirabel, indem sie immer alles erledigte, die anderen hilflos gemacht haben könnte. Shrimp ist überzeugt, daß es bei ihr so war; alle waren überzeugt, daß es bei meiner Mutter so war. Und Emma, meine Großmutter, muß sich davor gefürchtet haben, denn sie floh von zu Hause, sobald sie alt genug war, um davonzulaufen. Nur meine Tante Constance hat nie jemand als hilflos bezeichnet. Aber auch sie hat Mirabel als Maßstab benutzt, nach dem die übrige Welt beurteilt und für enttäuschend befunden wurde. Ich selbst bin wie gesagt nie in den Bannkreis von Mirabels verderblicher Liebe geraten, sondern habe ihre Auswirkungen nur aus zweiter Hand über den Scherbenhaufen meiner Mutter erlebt.

Die beiden Töchter, die so bald nach der Hochzeit von Mirabel und Tennessee geboren wurden, waren einander äußerlich verblüffend ähnlich. Sie hatten Elizabeth Woolfs schwarzes Haar und ihre dunklen Augen geerbt, ihre blasse Haut und den zarten Teint, und dazu die hochgewachsene, schlanke Gestalt ihres Vaters. Auf den offiziellen Fotografien, konventionellen Kinderporträts, wird ihr noch ungelebtes Leben festgehalten. Wenn ich die beiden kleide, wie Mirabel sie gekleidet hat, wenn ich sie sehe, wie der Fotograf sie gesehen hat, stellen sich meine Großtante und meine Großmutter als zwei kleine Mädchen mit dunklen Locken und kohlschwarzen Augen dar, in hellen Knöpfstiefeln und weißen Kleidern mit Satinschleife, völlig unschuldig und fast nicht zu unterscheiden. Empfinde ich sie jedoch so, wie sie später wurden und wie sie sich für meine Mutter darstellten, als die zwei Seiten eines grimmigen Frauenschicksals, dann machen mir sogar ihre Kinderbilder angst. Denn diese reizenden Schwestern waren die erste Paargeneration: das gute Kind und das böse, die Lebenstüchtige und das Opfer. Diese Paarungen haben zweimal die Familie gespalten und die Voraussetzung für all die Vernichtungswut und Reue geschaffen, die abwechselnd das Zusammenleben zwischen mir und meiner Mutter bestimmten.

Meine Großtante Elizabeth (Shrimp) wurde 1905 geboren, anderthalb Jahre vor Emma. Bis Samuel sein Schloß am Riverside Drive verkaufte, führten sie ein ziemlich förmliches Leben bei Eltern und Großeltern in einem Haus voller Bediensteter. Es war dies ein Leben, das von strengen Vorschriften und feststehenden Verboten reglementiert wurde. Im Stall standen teure, temperamentvolle Tiere, im Wintergarten exotische Pflanzen und in fast jedem Zimmer irgendwelche Objekte, die man nicht berühren durfte. Nachdem sich die Familien aufgeteilt hatten, führten sie ein einfacheres Leben in einer großen luftigen Wohnung an der West End Avenue und hatten außer dem Kindermädchen nur eine Hausangestellte, die für sie saubermachte und kochte. Doch die beiden Welten blieben eng verknüpft. Shrimp konnte sich erinnern, wie die schönen Gemahlinnen der jungen Onkel ihrer Mutter zu Besuch gekommen waren, wie sie an einem Winternachmittag alle zusammen eintrafen, mit von der Kälte rosigen Wangen und Hüten, die wie schmucke Vogelnester auf ihren Hochfrisuren thronten, verankert durch Schleier, die sie fest über ihre hübschen, ungepuderten Nasen gezogen hatten. Am Aufschlag ihrer Pelzmäntel waren Veilchen oder Gardenien festgesteckt, und unter weiten Rüschensäumen lugten hohe Knöpfstiefel hervor. Offenbar durfte sie ein- oder zweimal einer Abendeinladung ihrer Großeltern beiwohnen, denn sie erinnert sich auch an die konventionellen Kammerorchester, an den Schmuck und die Roben der Frauen mit Wespentaille und Dekolleté und Puffärmeln aus dunklem Satin, Samt und paillettenbesetztem Taft. Sie erinnert sich an das Licht auf weißen Schultern und an Parfümwolken, vermengt mit dem Zigarrenrauch der Männer und dem Duft der Nelken, die neben blitzenden goldenen Uhrketten am Revers ihrer schwarzen Abendanzüge befestigt waren.

Das neue Zuhause hielt andere, einfachere Sinnenfreuden bereit: den Luxus, krank zu sein, das Fieber, die Benommenheit und die Trägheit einer langen frühen Quarantäne wegen Diphtherie. Damals hatte meine Großtante bei zugezogenen Vorhängen im Bett gelegen und die Rufe der Lumpensammler und Blumenverkäufer drunten auf der Straße gehört, oder die umherziehenden Musikanten, die abends im Innenhof hinter dem Haus aufspielten. Man erlaubte ihr, ihnen Münzen zuzuwerfen, die in Papier eingewickelt waren, damit sie nicht verstreut wurden. Sie erinnert sich an die Katzen auf dem Hof, an die armseligen Pferde, die vor die Wagen der Straßenhändler gespannt waren, an das Äffchen des Leierkastenmanns in der roten Uniform mit Goldtressen, an den schönen Dalmatiner, der vorn auf dem Löschfahrzeug saß, wenn die Feuerwehr mit von Hand gekurbelter Sirene den Häuserblock entlangfuhr, und an das Klingeln der Straßenbahn auf dem Broadway, das das Rattern ihrer Wagen auf den Schienen übertönte.

Als Shrimp sechs Jahre alt war, zog im Anschluß an Samuels Begräbnis, an dem sie nicht teilnehmen durfte, ihre Großmutter zu ihnen in eine kleine Zimmerflucht, die vom Foyer abging. Sie hatte damals schon Beschwerden mit dem Herzen, und die Mädchen wurden angewiesen, leise zu sein, wann immer sie an ihrer Tür vorbeikamen. Mirabel brachte ihr das Frühstück auf einem Tablett, und am späten Morgen kam es vor, daß die Kinder Elizabeth Woolf dabei beobachten konnten, wie sie in einem bestickten chinesischen Bettjäckchen und mit einem Haarnetz auf dem Kopf ihren Tee einnahm. Neben ihr auf einem kleinen Tisch standen Blumen zwischen den silbergerahmten Fotografien und Medikamenten in blauen und braunen Glasflaschen.

Abends kam ihr Vater von der Arbeit heim, im Arm eine Zeitung, die er in einem Lehnstuhl unter einer Stehlampe mit Fransenschirm Wort für Wort durchzulesen pflegte. Wieder wurden sie ermahnt, keinen Mucks zu machen, aber sie müssen ihn dennoch häufig gestört haben. Im Wohnzimmer stand ein mechanisches Klavier, und er nahm mit ihnen zusammen auf dem Hocker Platz und legte seine langen, eleganten Finger über ihre kleinen Hände, während sie dem Auf und Ab der Tasten folgten und so taten, als brächten sie die Klänge hervor (»Moments musicaux«, den »Stundenwalzer«), die in Wahrheit von den rollenden Metallstiften im Herzen des Instruments aus schwarzem Mahagoni erzeugt wurden.

Am Samstagnachmittag, wenn Mirabel sie an die frische Luft schickte, nahm Tennessee sie statt dessen oft mit ins Kino, am liebsten in ein Melodram mit Wallace Reid oder Lillian Gish, woraufhin sie zu Hause treuherzig beichteten, sie seien »ausgerutscht und in einen Film gefallen«. Ein andermal ging er mit ihnen ins Varieté, um sich die burlesken Komiker anzusehen, die er so liebte und die im Familienprogramm des Palace auftraten – zu Minsky’s wurden sie natürlich nicht mitgenommen.

Für Shrimp war und blieb der Vater aufgrund seiner Bürozeiten, seiner würdevollen Haltung und seines Alters fremd, wie einfühlsam er selbst, wie liebenswert kindlich seine Vergnügungen auch sein mochten. Selbst sein leicht ungewöhnlicher Akzent und seine Körpergröße trennten ihn von Mirabel und den Kindern. Natürlich war auch ihre Großmutter eine distanzierte Gestalt, bewahrt vor dem Alltag des Haushalts durch ihren heiklen Gesundheitszustand und ihren Rang. Die irische Köchin hatte wenig zu bieten, was sie anzog, und das Kindermädchen war bei ihnen die meiste Zeit unbeliebt. Ihre geliebte Mutter war schlicht die ordnende Kraft im Universum, allgegenwärtig, schutzgewährend, liebevoll, aber nicht zu trennen von ihrer physischen Umgebung, der Inbegriff von Sicherheit, Kontinuität und Licht. Die zwanghafte Zuneigung, die Shrimp in ihrer Kindheit empfand, galt keinem der Erwachsenen, sondern ihrer kleinen Schwester. Emma war von Anfang an und für lange Zeit ihr Liebesobjekt. Zuhause und Kindheit bildeten nur den Hintergrund, vor dem sich diese überwältigende Leidenschaft abspielte.

Mirabel hatte, möglicherweise aus praktischen Erwägungen, die Tendenz, die Schwestern zu behandeln, als wären sie eins, Ableger ihrer selbst und daher unterschiedliche Varianten ein und derselben Person. Sie zog sie gleich an, kaufte ihnen die gleichen Puppen und schickte sie, als sie alt genug waren, in dieselbe Schule, erst zu Madame Tisney und später ins PSJ. Eine Zeitlang sah es so aus, als wollten sie die Vorstellung mittragen, die sie von ihnen hatte, und schienen sich darin zu gefallen, nicht nur gleich auszusehen, sondern sich auch gleich zu benehmen. Sie waren immer auf sich beschränkt und unzertrennlich, und zwar nicht nur daheim, sondern auch in der Schule, wo sie zwar verschiedenen Klassen angehörten, aber dennoch jede Gelegenheit wahrnahmen, zusammenzusein, so als gebe es sonst niemanden auf der Welt. Sie taten es, auch wenn sie deswegen oft gehänselt, manchmal von anderen Kindern angegriffen und sogar von ihren Lehrern bestraft wurden.

Doch obwohl Mirabel nicht zwischen ihnen unterschied und sie selbst keine Unterschiede machen wollten, hatte die Natur anderes mit ihnen vor. Wie eine einzelne Zelle begannen sie sich bald zu teilen und sich, so als gebe es immer noch keinen anderen auf der Welt, in Beziehung zueinander auszuformen. Dies jedoch ging umgekehrt vonstatten: Es war die jüngere Schwester, die gegenüber der älteren die höher entwickelte Form darstellte. Im physischen Bereich waren Emmas Züge von Anfang an stärker definiert, ihre Augen dunkler, ihre Wangenknochen ausgeprägter, ihr Hautton interessanter, ganz so, als habe der fragliche Maler, nachdem er beim ersten Kind die Grundzüge skizziert hatte, seine Zeit und Kenntnisse darauf verwandt, sie beim zweiten zu perfektionieren.

Auch charakterlich hatte Emma immer die Eigenschaften, die man von einer älteren Schwester im Verhältnis zu einer jüngeren erwartet. Sie war es, die Spiele erfand und Expeditionen anregte. Sie war abenteuerlustiger, sehr viel mutiger, von Grund auf unabhängiger, als habe sie in allen Lebenslagen nichts zu befürchten, da sie alles schon einmal durchgemacht hatte. In Shokan blieb Shrimp auf Spaziergängen zurück, machte sich Sorgen um Schmutz auf ihren Kleidern oder die Wassertiefe in einem Teich, wollte nicht tauchen lernen, wollte nicht mit den Jungen tanzen. Emma dagegen zögerte nie. Mit unfehlbarer und doch erstaunlicher unbewußter Überlegenheit schwamm sie grundsätzlich weiter, kletterte höher, rannte schneller, behielt ein Geheimnis länger für sich oder ging früher ein Risiko ein, akzeptierte jedoch trotzdem ohne Ungeduld oder Vorurteil die Beschränkungen, denen ihre ältere Schwester unterlag.

Dafür ging Shrimp mit sich selbst ins Gericht. Ihr Versagen und ihre Ängstlichkeit quälten sie. Selbstverachtung wurde ihr zur ständigen Last und bald zum untrennbaren Bestandteil ihres Selbstgefühls. Zudem begann sie die unausweichliche Zurückweisung durch ihre Schwester vorauszusehen. Sie redete sich ein, daß ihre enge Beziehung darauf gegründet war, daß ihrer Schwester die eigenen Vorzüge im Augenblick noch nicht bewußt waren. Vielleicht war Shrimp vorübergehend damit durchgekommen, da sie gerade soviel älter war, daß Emma sie als ebenbürtig ansah, gerade soviel größer, stärker und weltgewandter, um vor Emma zu verbergen, was Shrimp längst wußte: daß sie einfach langweiliger, leichter einzuschüchtern, weniger einfallsreich, weniger hübsch, kurz gesagt, viel weniger lebenstüchtig war als ihre Schwester. Und das war nicht nur vorübergehend so, sondern unveränderlich und absolut. Außerdem wurde alles dadurch noch hoffnungsloser, daß sie über die Konsequenzen der Unterschiede zwischen ihnen Bescheid wußte, Emma hingegen nicht. In der Schule und in Shokan merkte Emma nicht, daß die anderen Kinder ihre Kühnheit bewunderten und Shrimp nur deshalb respektiert wurde, weil sie Emmas Schwester war. Nach einiger Zeit, aber nur wenig später war ihr nicht bewußt, welche Wirkung sie auf Jungen hatte. Mit vierzehn, fünfzehn Jahren stellte Shrimp fest, daß ihre Besucher – dieselben Jünglinge, die in ihrer Gegenwart zappelten und auf die Uhr sahen – auflebten, erröteten und zu prahlen anfingen, sobald ihre jüngere Schwester das Zimmer betrat. Ein Foto der beiden in diesem Alter: Shrimp ist fünfzehn, Emma dreizehn, aber Emma erscheint als die gereiftere Schönheit. Shrimp ist eine blasse, verschwommenere, in Babyspeck verpackte Version ihrer graziösen und eleganten Schwester. Dabei machte nur Shrimp sich Gedanken um ihr Haar, ihre Kleider und ihr Make-up, während Emma nicht das geringste Interesse zeigte, sich um ihr Aussehen zu bemühen. Sie konnte anziehen, was sie wollte, konnte ihr Haar lassen, wie es war, und dennoch strahlend schön sein. Shrimp hatte keine andere Wahl, als angesichts der Ungleichheit zu kapitulieren. Ihre Eifersucht war bestenfalls halbherzig, da sie selbst Emma bewunderte und Emma dem allem gegenüber gleichgültig blieb. Schönheit, Mut, Unabhängigkeit gehörten ganz natürlich zur Persönlichkeit ihrer Schwester. Sie war sich ihrer Vorzüge so wenig bewußt wie der Tatsache, daß sie atmete.

Shrimp akzeptierte ihre eigene Gewöhnlichkeit und darum Unterlegenheit gegenüber Emma und fing an, sich andere Wege zu schaffen, um in der Welt zu bestehen. Da sie kein zauberhaftes Geschöpf sein konnte wie ihre Schwester, würde sie sich mit Lob und konventionellen Leistungen zufriedengeben. Sie wurde eine gute Schülerin, damenhaft, wohlerzogen und adrett. Sie verkehrte Ängstlichkeit in Sittsamkeit, paßte ihre Wünsche den Gegebenheiten an und verfolgte mit immer weniger Bedauern die Abenteuer, die ihre Schwester erlebte. Da sie Mirabel ohnehin immer näher gewesen war, wurde sie die Verläßliche und übernahm von ihrer Großmutter den Glauben an die Familie, romantische Liebe und die Notwendigkeit, der Mode zu folgen. Es war Emma, die rebellisch wurde; sie empfand wachsende Geringschätzung für die bürgerlichen Vergnügungen ihrer Familie, die erdrückende Vetternwirtschaft, vor allem aber dafür, daß Mirabel sich immer um alles kümmerte. An Stelle von Liebe, Schönheit, Erfolg, die sie mißachtete, weil sie davon genug mitbekommen hatte, begann sie nach dem einzigen zu streben, was sie sich ihrer Meinung nach erarbeiten mußte: Freiheit. Schon ganz früh war sie entschlossen, für sich selbst zu sorgen, niemandem verpflichtet zu sein und ein Künstlerleben zu führen.

Bei aller Liebenswürdigkeit und Originalität hatte Emma unterschwellig immer eine gewisse Härte, eine gewisse Unnachgiebigkeit, was ihre Vorstellungen von Freiheit und moralischer Rechtschaffenheit anging, und die sollten sich auf ihre ganze Familie auswirken. Doch diese Eigenheiten, die ihre Mutter und Schwester verletzen konnten und die ihren Töchtern beinahe zum Verhängnis wurden, waren meine Rettung, als ich ein Kind war, und auch später noch. Dabei hätte ich sie damals, als Kind und völlig hingerissen von der streitbaren Frau, wie ich sie kannte, mit der Heldin in einem Märchenbuch verwechseln können. Wie begeistert ich auch von ihr sein mochte: Sie war immer die Schneekönigin, kalt, schön und ein wenig rücksichtslos.

Für Mirabel war Emma schlicht ihre entzückende, hochbegabte, wenn auch ein wenig eigensinnige Tochter. Sollte sie die Nähe vermißt haben, die ihr die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter geboten hatte, gab sie sich gern damit zufrieden, Shrimp um sich zu haben, Feste und Reisen nach Europa zu planen, über junge Männer und die Verwandtschaft zu reden, ununterbrochen einkaufen zu gehen und über Modefarben und Saumlängen zu konferieren. Und als Emma anfing, eigene Pfade zu beschreiten, blühte Shrimp unter der Obhut ihrer Mutter auf, in einer Welt, in der nun niemand mehr mit ihr konkurrierte. Falls ihr irgendwann der Verdacht kam, daß Emma den besseren, wenn auch schwierigeren Weg durchs Leben gewählt hatte, hinderte sie das nicht, ihren eigenen zu genießen. Sie wurde eine schicke und trotz ihrer ständigen Selbstabwertung äußerst kultivierte junge Frau. Sie war eine der ersten Frauen am Journalismusseminar der Columbia-Universität, das sie nach der Oberschule besuchte, schon damals eine hochelegante Erscheinung mit blitzenden dunklen Augen unter schräg aufgesetzten Filzhüten. Sie hatte inzwischen nicht nur gelernt, ihre Ängstlichkeit zu verbergen, sondern war allen Anzeichen nach auch von Optimismus erfüllt.

Die Verhältnisse waren damals, glaube ich, noch ganz angenehm, in den frühen Tagen vor den Ehen oder zumindest vor Emmas Kriegserklärung gegenüber Mirabel. Es müssen die Umstände ihres Abgangs gewesen sein, die das Idyll zerstörten. Sie setzten dem ganzen perfekten Familienleben ein Ende, egal, wie sehr sich Mirabel anschließend bemühte, das einstige Paradies wiederherzustellen. Emma war bereits von der Schule abgegangen, um bei der Art Students’ League Malerei zu studieren, als sie eines Tages von zu Hause verschwand, ohne Vorwarnung, ohne Abschiedsbrief. Eine ganze Woche lang suchten ihre verzweifelten Eltern nach ihr. »Ich erinnere mich an Papa, als er das Telegramm bekam«, pflegte Shrimp zu sagen, »er stand gebeugt vor dem hohen Heizkörper und hat vor Erleichterung geweint.« Die Detektive von Pinkerton hatten sechs Tage gebraucht, um sie in einem Hotelzimmer in Minneapolis aufzuspüren, der Heimatstadt des sechsundzwanzigjährigen Bildhauers, mit dem sie durchgebrannt war. Sie selbst war gerade erst siebzehn.

So war es also um meine Großmutter bestellt, kurz bevor sie von den Pinkerton-Männern in einem Motel in Minneapolis entdeckt wurde. Ich sollte sie Ihnen vielleicht beschreiben, wie sie dasitzt und darauf wartet, daß Vergil von der Arbeitssuche zurückkommt: im Schneidersitz auf der Liege in dem düsteren Zimmer, verstrickt in einen Sturm widerstreitender Gefühle. Ihre Miene, kühl wie immer, verriet von diesen Gefühlen nichts. Ihr dunkles, glänzes Haar war dicht und knabenhaft geschnitten, wie es damals Mode war, nackenfrei und »klassisch« aus dem Gesicht gekämmt, wie Vergil es gern hatte, weil er so ihre Knochenstruktur sehen konnte, ihr »Gerüst«, wie er es nannte. Sie hatte hohe Wangenknochen und eine lange, feine Nase, große, oft wild dreinblickende dunkelbraune Augen und einen durchdringenden, für ein so junges Mädchen gelegentlich entnervend direkten Blick. Ihre Haut war hell und ungeschminkt sogar äußerst blaß. Sie war groß und schlank, was sich selbst unter dem dicken dunkelblauen Pullover und dem formlosen Wollrock abzeichnete, mit langen, anmutigen Armen und Beinen. Sie sah aus wie die Athletin, die sie war – sie ging jeden Tag im Stadtbad in der Nähe der Schule zum Schwimmen, und sie ging überallhin und bei jedem Wetter zu Fuß: Man konnte sie sehen, wie sie, ihre Bücher und Pinsel in einem Ranzen auf dem Rücken, mit langen Schritten zweimal am Tag die dreißig Häuserblocks zwischen zu Hause und Schule hinter sich brachte, selbst wenn sie dadurch zu spät zum Abendessen kam. Ihr Profil war äußerst fein, fast schon königlich. Vergil zeichnete, als er sie kennenlernte, ein ums andere Mal ihr Gesicht, und später erklärte sie sich bereit, ihm in seinem Zimmer am Lower Broadway unbekleidet Modell zu stehen. Er zeichnete sie im Liegen, Sitzen und Stehen, liebevoll, respektvoll, langsam. Er setzte ihre Gliedmaßen in lange Kohlestriche um, betonte und schraffierte immer wieder die vorstehenden Knochen an ihren Hüften und Schultern, die Wellen ihres herrlichen dunklen Haars. Er war überzeugt, daß sie das schönste Mädchen war, das er je gesehen hatte, noch ein halbes Kind, aber schon mit einer alles überwältigenden Präsenz, selbstbeherrscht, unaffektiert und manchmal ein wenig beängstigend in ihrer Schönheit und edlen Haltung. Er war verrückt nach ihr – das sah ihm jeder an, und es war mit der Zeit für sie beide schwierig geworden, an der Schule zu bleiben.

Sie saß also auf dem Bett, strich mit der Hand über die schäbige Decke und versuchte darüber nachzudenken, was sie empfand. Da war zunächst eine wilde, herzlose, animalische Freude, der kleinlichen Welt in New York entkommen zu sein, dem gepolsterten, regelmäßig abgestaubten Leben an der West End Avenue, der Neugier und den Anspielungen ihrer kreidebeschmierten Kommilitonen in der Schule. Außerdem empfand sie Triumph, weil sie kaum vier Monate, nachdem sie dort angefangen hatte, einen der gutaussehenden Kunstlehrer erobert hatte, den schwermütigen Bildhauer mit den dunklen Brauen und dem blonden Haar, den die anderen Mädchen – die jungen Frauen, sollte man sagen, denn sie waren meist um einiges älter als sie – in ihrer Klasse altmodisch geziert, aber dennoch schamlos umschwärmten. Sie seufzten hinten im Klassenzimmer tief auf und täuschten Verzweiflung über ihre Arbeiten vor, die Vergil daraufhin geduldig korrigierte, ohne sich anmerken zu lassen, daß er ihre Bemühungen, ihn zu verführen, durchschaut hatte. Bei meiner Großmutter war es von Anfang an anders gewesen. Mit Sicherheit war sie schon am ersten Unterrichtstag dadurch aufgefallen, daß sie so jung war, und sie selbst hatte Vergils Aufmerksamkeiten eine Weile mißverstanden. Sie verwechselte seine rätselnden Blicke in ihre Richtung, seinen Eifer, wenn er ihr behilflich war, ihre Staffelei aufzustellen oder ihre Arbeiten feucht einzuwickeln, zunächst mit der Güte eines älteren Lehrers gegenüber einer wesentlich jüngeren Schülerin. Doch dann hatten einige der Mädchen begonnen, sie damit aufzuziehen. Sie hatten sie Lehrerliebchen und Musterschülerin genannt, und sie hatte angefangen, es selbst zu merken.

Nun jedoch kamen sie, schwarz und mit schöner Regelmäßigkeit, seit sie davongerannt war: Anfälle von Panik angesichts dessen, was sie getan hatte. Sie verschwendete keinen Gedanken an das Entsetzen ihrer Eltern. Und das lag nicht etwa daran, daß sie ihr gleichgültig waren; sie konnte sich schlicht keine andere Reaktion vorstellen als Überraschung, ja sogar ein wenig Ehrfurcht vor ihrer Kühnheit. Daß sie vorhatte, ohne sie ihr Glück zu machen, wußten sie mit Sicherheit inzwischen. Wie oft hatten sie sich in den letzten anderthalb Jahren gestritten, bis Mirabel zum Papa gesagt hatte, daß Emma einen zu starken Willen habe und daß sie vielleicht tatsächlich wisse, was sie wolle. Daraufhin war sie von der Schule abgegangen und hatte in diesem Herbst bei der Art Students’ League angefangen. Und nun, stellte sie sich vor, würden sie nur wieder zueinander sagen, daß Emma eben wisse, was sie wolle, und daß sie sich dem beugen müßten. War nicht ihre Mutter von ihren Eltern gezwungen worden, ihre Wünsche zurückzustellen und den Papa zu heiraten? Und war dies nicht eine Gelegenheit für sie, sich gegenüber ihrer eigenen Tochter selbstlos zu verhalten? Und falls sie kein Verständnis aufbrachten, mußten sie es eben einfach akzeptieren. Sie, Emma, war nicht wie ihre Schwester und würde nie mit dem zufrieden sein, was sie zufriedenstellte. Sie hatte nicht vor, Lebensweisheiten aus Frauenzeitschriften zu übernehmen, solange das Leben selbst ein großes Abenteuer war, das große Abenteuer, das sie so eindringlich aus ihrem Zimmer an der West End Avenue rief, daß sie nicht umhin konnte, fortzugehen. Das war alles: Sie war fortgegangen.

Sie wollte Malerin werden und hatte sich vorgenommen, nach dem, was sie getan hatten, um zusammenzusein, anderswo weiterzumachen. Auf keinen Fall hätten sie in New York zusammensein können. Allein der Gedanke, ihn ihrer Mutter und ihrem Vater vorzustellen, ihn in das Haus mit den vielen guten, faden Dingen mitzunehmen, zu Papa mit seinen Witzen und seiner bemühten Vornehmheit, zur Mama mit ihrer geduldigen Würde und Fürsorglichkeit. Sie hätten Vergil mit ihrem Wohlwollen erdrückt. Deshalb war sie mit Vergil fortgegangen, und sie waren zusammen. Und nun erfaßte sie diese finstere, blinde Panik, daß etwas schiefgegangen sein könnte. Warum fühlte sie sich nicht mehr frei in bezug auf das Abenteuer, das ihr Leben war? Hatte es plötzlich und unerwartet schon in diesem Alter einfach aufgehört?

Vergil hatte ebenfalls Eltern, womit sie nicht gerechnet hatte: schäbige, feiste Lutheraner und noch konventioneller als ihre Eltern, wenn man ihm glauben durfte. Er schien sich, nachdem er auf heimischem Boden angelangt war, sogar ein wenig vor ihnen zu fürchten. Er wurde verlegen, wann immer sie von ihnen anfing, er, der in New York immer so selbstsicher gewesen war. Darum hatte sie an ihn geglaubt, unter anderem darum hatte sie ihn gemocht, weil seine freie, entschlossene Art ihrer eigenen entsprach. Hier jedoch, in dieser windigen Stadt, da sie zusammen nur noch genug Geld hatten, um ein paar Tage durchzukommen, und eine Entscheidung zu fällen hatten, wurde das Ganze recht fadenscheinig. Er hatte sie ein paarmal angefahren, war sogar ein wenig gemein geworden. Und manchmal fühlte sie sich einsam, wenn sie mit ihm zusammen war. Er konnte stundenlang in schlechte Laune versinken und sie ignorieren, so daß sie nicht einmal mehr vor sich selbst existierte. Am schlimmsten benahm er sich, wenn er bei seinen Eltern oder seiner Schwester gewesen war. Die war, das war ihr deutlich anzumerken, richtig froh, daß aus dem großartigen Kunstjob in New York nichts geworden war, daß Vergil doch nicht so etwas Besonderes war und daß er wie alle anderen auch gezwungen sein würde, zu arbeiten und sich abzurackern und das Leben langweilig zu finden.

Emma war fast erleichtert, als die Detektive von Pinkerton auftauchten; allerdings war sie auch wütend über die Art und Weise, wie man ihr nachspioniert hatte. Nachdem man sie nach New York zurückgeholt hatte, redete sie tagelang nicht mit ihren Eltern. Es kam hinter der verschlossenen Wohnzimmertür zu langen Unterredungen zwischen ihrem Vater und Vergil, und im Anschluß daran ging Vergil, ohne daß man ihm erlaubt hätte, mit ihr zu sprechen. Nur Mirabel kam, klopfte leise an ihre Tür und brachte ihr auf einem Tablett das Abendessen. Daheim war sie rastlos und verdrießlich, und natürlich durfte sie nicht mehr an die Schule zurück. Sie müßten heiraten, sagte ihr Vater – und Emma saß in der Falle. Sie konnte nur von zu Hause fort, wenn sie mit Vergil wegging, und das war nur zu schaffen, wenn sie ihn heiratete. Das Problem war nur, daß Emma nicht mehr wußte, was sie wollte. Mirabels Güte war überwältigend, und Vergil unterlag ihr, und dann mußte sie sich ebenfalls fügen. Man bot Vergil eine Stellung in der Fan Company an, leistete eine Vorauszahlung von sechs Monaten auf eine kleine Wohnung, und dann war alles vorbei. Und schließlich war wirklich alles vorbei, als Emma feststellte, daß sie schwanger war. Sie bekam im ersten Jahr ihrer Ehe eine Tochter und achtzehn Monate danach – als würde Emma Mirabels Leben noch einmal leben – ein zweites Mädchen. So kam es, daß Emma zwei Babys hatte, noch ehe sie zwanzig Jahre alt war. Aus war es mit der Malerei, vorbei mit der Freiheit und fast ganz vorbei mit der Liebe. Babys und kaum noch Schlaf, Streit mit Vergil und die aufreizende Einmischung, die großmütterlichen Bemühungen Mirabels, die gesiegt und alles vereitelt hatte und von der Emma doch vor allem hatte loskommen wollen. Das aber war nun nicht mehr möglich, denn ihre Mutter hatte Vergil mit Leib und Seele in Besitz genommen (sie dagegen würde sich nie in Besitz nehmen lassen). Und was von Vergil übrig war, entschwand schon bald in andere, bizarre und gräßliche Gefilde, so unerreichbar, daß es das Vorstellungsvermögen meiner gefangenen und erschöpften Großmutter überstieg.

»Es hat immer schreckliche Spannung geherrscht im Haus. Ich erinnere mich an nichts anderes als Angst in diesem Haus. Ich kann mich an keine glückliche Minute entsinnen, als ich klein war, keine Minute ohne Angst.« Das bekam ich von meiner Mutter zu hören, als ich sie vor fünfzehn Jahren einmal nach ihrer Kindheit fragte.

»Ich habe den Streit im Nebenzimmer mitbekommen, aber nicht begriffen. Es hörte sich für mich an, als würde jemand Kissen aufklopfen. Ich hatte Angst, von meinem Vater geschlagen zu werden … Die Gefahr war immer gegenwärtig, unmittelbar bevorstehend. Ich wußte, daß auch meine Mutter seine Gewalttätigkeit ertragen mußte, aber ich machte mir keine großen Sorgen um meine Mutter, weil sie sich keine großen Sorgen um uns machte. Sie muß völlig in Anspruch genommen gewesen sein von ihrer unglücklichen Beziehung. Mir waren die furchtbaren Auseinandersetzungen zwischen ihnen bewußt, und vor allen Dingen die Selbstgerechtigkeit und Christlichkeit meines Vaters und seine Überzeugung, das Ebenbild Gottes auf Erden zu sein.

Als ich noch ganz klein war, entriß er mich gelegentlich meiner Mutter und meiner Schwester, setzte mich auf seinen Schoß und sagte mir immer wieder ein Wort vor: ›Gott‹. Ich hatte wahnsinnige Angst und erinnere mich, daß in meinem Kopf damals irgend etwas vorgegangen ist. Ich weiß nicht, was es war, aber die Intensität und der Zwang, den dieser Mann in dem Alter auf mich ausgeübt hat, und die Wut dahinter … Es kam mir vor, als hätte er eine Mission zu erfüllen für diese nicht greifbare Sache; er war ihr Repräsentant auf Erden, und wenn ich sie nicht verstand, würde bestimmt etwas passieren. Ich hatte das Gefühl, unmittelbar in Gefahr zu sein, wenn ich sie nicht verstand. Er zwang mich nicht zuzuhören, er zwang mich, zu verstehen. Er jagte mir im buchstäblichen Sinn des Wortes eine Höllenangst ein.

Ich erinnere mich, wie ich als kleines Kind ein Bilderbuch betrachtet habe, woraufhin er sich von hinten anschlich und mich überraschte und erschreckte, weil ich, eine Fünfjährige, mich auf ein Bilderbuch konzentriert hatte. Er warnte mich, mich in Gedanken je mit etwas anderem zu beschäftigen als mit Gott … und danach konnte ich mich in meinem ganzen Leben nie wieder lange auf etwas konzentrieren.

Er hat dafür gesorgt, daß ich die Christian Science School besuche, ich und nicht Constance; er hat mich ununterbrochen mit Religion bombardiert. Ich mußte in die Sonntagsschule gehen. Ich weiß noch, daß ich das als große Demütigung empfand, als tiefes, finsteres, grauenhaftes Geheimnis, wie ein Zimmer, das einen gräßlichen Fetisch birgt.

Ich erinnere mich, daß mir einst im Kino die Worte ›Gott ist Scheiße‹ in den Sinn kamen, und ich erinnere mich, daß es das erste Mal war, daß ich einen gotteslästerlichen Gedanken hatte. Ich war ein kleines, frohes Gehirn, das im Weltraum schwebt, ehe mir das passierte. Und die Worte schossen mir durch den Kopf: ›Gott ist Scheiße.‹ Und ich erinnere mich an die entsetzliche Panik darüber, daß ich so etwas denken konnte. Diese Panik habe ich nie überwunden.«

Auf den frühesten Fotos, die ich von meiner Mutter habe, sieht sie mit ihrem schwarzen Haar und den furchtsamen Tieraugen und den scheinbar uralten Sorgenfalten auf der Stirn wie ein indisches Kind aus. Neben ihr, wie um ihre Behauptung zu bestätigen, daß Constance verschont blieb, ist der gelassen dreinblickende blonde Kopf ihrer kleinen Schwester zu sehen, die damals wie seither auch mühelos durchs Leben zu gleiten schien. Das einzig Gute, woran sich meine Mutter aus der allerersten Zeit erinnert, ist Angel, eine unstete Präsenz, die kommt und geht, die da ist und doch nicht da, die nicht immer da sein darf und nie lange genug, um sie vor dem Mann zu beschützen, der aus dem abgedunkelten Schlafzimmer kommt, um sie hochzuheben, sie festzuhalten und ihr von Gott zu erzählen.