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Die 18jährige Amelia Brown führt ein ganz normales unbeschwertes Leben, das jäh aus den Fugen gerät, als sie eines Tages den geheimnisvollen Simon Galloway kennen lernt, zu dem sie sich von Anfang an hingezogen fühlt. Doch schon bald geschehen einige merkwürdige Dinge und Amelia findet heraus, dass Simon kein normaler Mensch, sondern ein Scarag ist, ein mysteriöses Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten, das einzig und allein zum Schutz der Menschheit existiert. Simon existiert nur, um Amelia zu beschützen, was schwieriger und komplizierter wird als je zuvor, als Simons böse gewordene Schwester Samantha auftaucht und zur gefährlichen Bedrohung für Amelia und ihre Familie und Freunde wird. Wird es Simon, den guten Scarags und Amelia gelingen, Samantha aufzuhalten und die Menschen, die sie lieben, zu beschützen? *****Du hast mal wieder Lust auf ein spannendes und originelles Lese-Erlebnis, das Dich in seinen Bann zieht und nicht mehr loslässt? Du magst Geschichten, in denen die Realitäten von ganz normalen Menschen plötzlich auf den Kopf gestellt werden, weil sich herausstellt, dass übermenschliche Wesen mit besonderen Fähigkeiten unter uns sind? Dann ist dieser erste Teil der "Galloway Geschwister"-Trilogie genau das Richtige für Dich! Anschaulich und spannend geschrieben, mit sympathischen und lebensnahen Charakteren, stellt "Die Galloway Geschwister - Gefährliche Bedrohung" eine noch nie da gewesene Variante des Schutzengel-Mythos' dar!
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Maja M. Scharf
Die Galloway Geschwister
Gefährliche Bedrohung
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
***
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
8
9
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Impressum neobooks
Ich gehe dahin,
wo Dein Weg hinführt.
Meine Augen finden den Weg,
den Deine nicht sehen.
Meine Augen sehen die Gefahr,
die Du übersiehst.
Meine Beine tragen mich schneller zu Dir
als irgendwo anders hin.
Meine Arme fangen Dich auf,
wenn du fällst.
Mein Körper ist Dein Schutzschild,
in jeder Situation.
Meine Hände finden Deine,
auch im Dunkeln.
Mein Herz schlägt nur,
weil Deins schlägt.
Die Menschen sind komisch. In jeder Hinsicht.
Wie sie durch die Welt gehen und glauben, sie zu kennen und alles zu wissen, obwohl sie in Wirklichkeit überhaupt keine Ahnung haben. Wie sie alles, was sie nicht verstehen, erklären wollen und dabei hauptsächlich Unsinn reden. Wie sie die Welt verändern und verbessern wollen, obwohl sie keine besonderen Mächte oder Fähigkeiten haben.
Ja, sie sind komische Wesen.
Sie wissen kaum etwas. Sie wissen auch nichts über uns.
In einigen Hinsichten sind wir den Menschen ähnlich. Unser Körper sieht genauso aus wie der eines Menschen; wir haben zwei Augen, zwei Ohren, einen Mund, eine Nase, Haare auf dem Kopf, zwei Hände und Füße und ein normales Gebiss.
Wir werden geboren, wir leben und wir sterben, genau wie die Menschen.
Das ist aber auch schon alles, worin wir ihnen ähneln, ansonsten sind wir vollkommen anders.
Wir sind zum Beispiel gegen Krankheiten absolut immun, können noch bei vollständiger Dunkelheit sehen und sind stärker und schneller als die Menschen. Wir bewegen uns geschickter, sind kräftiger und unsere Körper sind widerstandsfähiger als die der Menschen. Wenn wir uns doch mal verletzen, heilen unsere Wunden etwa doppelt so schnell wie menschliche. Und unser Blut ist nicht rot, sondern schwarz.
Wir sind innerhalb von drei Jahren nach unserer Geburt ausgewachsen und voll entwickelt. Ab dann leben wir nur noch für unsere Aufgabe.
Es ist unsere Aufgabe, die Menschen und vor allem den einen Menschen, zu dem wir gehören, zu beschützen.
Immer wenn ein Mensch geboren wird, wird auch einer von uns geboren, der dann zu diesem Menschen gehört, der zum selben Zeitpunkt auf die Welt gekommen ist.
Wir müssen immer zusammenhalten und alles tun, was wir können, um die Menschen zu schützen. Vor Katastrophen, vor Unfällen, … manchmal müssen wir gute Menschen vor bösen Menschen beschützen.
Wie gesagt, die Menschen wissen nicht, dass es uns gibt.
Wir leben mit ihnen zusammen und doch weit von ihnen entfernt. Wir sollen sie beschützen, doch wir sollen uns ihnen niemals offenbaren, was nicht immer leicht ist.
Vor allem in letzter Zeit wird es für uns immer schwieriger, denn vor kurzem hat sich eine von uns gegen die Menschen und damit auch gegen uns andere gewendet.
Sie ist die Erste unserer Art, die sich vollständig von unserer Aufgabe gelöst hat. Damit ist sie in ein ganz unbekanntes Gebiet unserer Macht vorgestoßen und jetzt … jetzt ist sie eine der Stärksten unserer Art … eine gefährliche Bedrohung für uns und die Menschen, die wir beschützen.
Wer wir sind?
Wir nennen uns Scarags. Und es ist unsere Aufgabe, die Menschen zu beschützen.
Als ich an diesem Morgen aufwachte, hatte ich noch keinen Schimmer davon, dass dieser Tag nicht nur vollkommen anders verlaufen würde als geplant, sondern auch der Beginn eines völlig veränderten Lebens für mich sein würde.
Als ich nach dem Ausschlafen aufstand und unter die Dusche ging, hatte ich noch keinen Schimmer davon, was mich an diesem Tag alles erwartete und dass mein Leben danach nie mehr wieder so sein sollte wie bisher.
Zunächst handelte es sich um einen ganz gewöhnlichen Samstagmorgen; nach dem Duschen lief ich hinunter in die Küche und gesellte mich zu meiner Mutter und Steven zum Frühstück.
„Guten Morgen, Amelia“, begrüßten sie mich fröhlich, als ich mich zu ihnen an den Tisch setzte.
Während Steven sich gleich wieder seiner Zeitung zuwandte, schenkte meine Mutter mir Kaffee ein und lächelte mich mit ihrem üblichen strahlenden Lächeln an. „Gut geschlafen?“, fragte sie.
Ich nickte und nahm mir ein Brötchen aus dem üppig gefüllten Korb in der Mitte des Tisches. „Klar“, antwortete ich lächelnd, „und du?“
Meine Mutter schmunzelte leicht. „Bestens“, erwiderte sie und wandte sich dann auch wieder ihrer Zeitung zu.
„Hast du irgendwas Bestimmtes vor heute?“, wollte Steven wissen.
Ich zuckte mit den Achseln. „Eric gibt heute Abend eine Party“, antwortete ich.
„Das ist ja mal was ganz Neues“, sagte Steven sarkastisch.
Ich funkelte ihn grinsend an. „Tja, hier kann ich ja noch keine Party machen“, gab ich trocken zurück, „da muss ich mich noch ein paar Wochen gedulden, bis ihr endlich auf Hawaii seid.“
Steven schüttelte lachend den Kopf. „Wehe“, murmelte er nur und wandte sich ebenfalls wieder seiner Zeitung zu.
Steven und meine Mutter waren bereits seit fast vierzehn Jahren miteinander verheiratet. Sie hatten sich kennen gelernt, als ich gerade einmal drei Jahre alt gewesen war. Seitdem war Steven wie ein Vater für mich. An meinen leiblichen Vater konnte ich mich nicht mehr erinnern, er hatte meine Mutter schon kurz nach meiner Geburt verlassen.
„Und was habt ihr heute so vor?“, fragte ich nach einer Weile.
„Ich habe nachher noch eine Telefonkonferenz“, sagte Steven und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Deshalb muss ich los.“ Er stellte seine Kaffeetasse in die Spüle, gab meiner Mutter einen Kuss und mir einen Klaps und verschwand aus der Küche.
Steven war ein vielbeschäftigter Mann; er war Geschäftsführer einer großen Immobilienfirma und verdiente viel Geld, hatte dafür aber auch immer viel zu tun.
„Und was hast du vor?“, wandte ich mich an meine Mutter, als wir alleine waren.
„Ich wollte in die Stadt fahren“, sagte sie und stand auf, um den Tisch abzuräumen.
„Triffst du dich mit dem Club der reichen Ehefrauen?“, entgegnete ich grinsend und half meiner Mutter.
Meine Mutter schnitt eine Grimasse. „Sehr witzig“, meinte sie. „Nein, ich wollte mir ein neues Paar Schuhe kaufen und vielleicht mal wieder zur Maniküre gehen.“
„Okay“, murmelte ich nur und räumte das Geschirr in die Spülmaschine. Der „Club der reichen Ehefrauen“, wie ich es nannte, bestand aus drei furchtbaren Frauen und meiner gutherzigen Mutter, die überhaupt nicht dazu passte. Meine Mutter war im Gegensatz zu den drei anderen Frauen selbst berufstätig (sie leitete ihre eigene kleine Backstube, in der es die herrlichsten Kuchen und Gebäckstücke gab, die man sich vorstellen konnte) und sie war ein herzlicher und freundlicher Mensch und nicht eiskalt und nur an Geld interessiert wie die drei anderen Frauen, die nichts konnten außer das Geld ihrer reichen Männer auszugeben.
Dieser „Club“ traf sich etwa zweimal im Monat und ich verstand einfach nicht, warum meine Mutter immer noch dabei war, aber sie meinte, sie müsste dahin, wenn sie weiterhin „zur Gesellschaft dazu gehören wollte“.
„Willst du mitkommen?“, fragte meine Mutter mich jetzt.
Ich antwortete nicht sofort, sondern sah sie skeptisch an. „Erstmal geh ich Zähne putzen“, sagte ich ausweichend und lief nach oben.
Während ich meine Zähne putzte, überlegte ich, was ich sonst bis heute Abend anstellen sollte. Mir fiel nichts ein, also sprach eigentlich nichts dagegen, meine Mutter zu begleiten, bis auf die Tatsache, dass ich solche Dinge wie eine Maniküre verabscheute.
Ich ging wieder nach unten und traf meine Mutter im Flur, die sich schon fertig zum Ausgehen machte. Sie warf mir einen kurzen Blick zu und fragte abermals: „Und? Möchtest du mitkommen?“
Nachdenklich betrachtete ich meine Mutter eine Weile, wie sie ihr Outfit vor dem Spiegel zurechtrückte und an ihren Haaren herum zupfte, und fragte mich unwillkürlich, ob sie wirklich meine Mutter war. Ich hatte so gut wie nichts mit ihr gemeinsam; sie tat viel für ihr Äußeres und legte Wert darauf, gut auszusehen und gut angezogen zu sein (ein ansteckendes Merkmal der reichen Ehefrauen, vermutete ich), wohingegen ich mit meinem Aussehen ziemlich locker umging. Meine Mutter machte Yoga und tanzte für ihr Leben gern, ging regelmäßig zur Maniküre und Kosmetikerin und liebte es, shoppen zu gehen, ich hingegen fand das alles eher ermüdend. Und meine Mutter war eine hervorragende Köchin und Bäckerin, während mir sogar die einfachsten Gerichte total misslingen konnten. Außerdem war meine Mutter einfach eine wunderschöne Frau, groß und schlank, mit langem blonden Haar, hellblauen Augen und sehr sinnlichen Lippen. Von ihrem hinreißenden Äußeren hatte ich nicht viel geerbt; ich war klein und hatte eine durchschnittliche Figur, braune Haare und dunkelgrüne Augen und volle, wenn auch nicht so toll geformte Lippen wie meine Mutter. Ich fand mein Aussehen okay, wenn ich auch zugeben musste, dass ich nicht so sehr darauf achtete und nicht viel tat, um besonders hübsch auszusehen.
Meine Mutter drehte sich zu mir um und zog fragend die Augenbrauen hoch. „Na?“
Ich zögerte. Ich war erst einmal mit ihr bei der Maniküre gewesen und das war fast noch langweiliger gewesen als den ganzen Tag zu Hause zu verbringen. Und ich mochte es nicht, wenn irgendwelche fremden Leute an meinen Händen herum fummelten.
Doch weil ich nichts Besseres zu tun hatte und meine Mutter mich so glücklich anstrahlte, nickte ich achselzuckend. „Wieso eigentlich nicht“, meinte ich und zog mir meine Schuhe an.
Wir betraten das Einkaufszentrum und ich folgte meiner Mutter ins Obergeschoss, wo das Nagelstudio lag, in dem sie sich schon seit Jahren ihre Nägel machen ließ. Die Ladeninhaberin begrüßte meine Mutter fast wie eine Freundin, mit Küsschen auf die rechte und linke Wange und einer überschwänglichen Umarmung. Nach der freundschaftlichen Begrüßung wies sie uns zwei Plätze zu und bot uns ein Getränk an, dann machte sich auch schon je eine Mitarbeiterin an unseren Händen zu schaffen.
Nach fast einer ganzen Stunde, in denen ich das Säubern, Feilen und Lackieren über mich hatte ergehen lassen, fühlten sich meine Hände so sauber und rein an, dass sie mir fast fremd vorkamen.
Meine Mutter bezahlte und wir verließen den Laden.
„Und wie findest du’s?“, fragte sie mich.
„Ganz gut“, log ich und brachte ein Lächeln zustande.
Meine Mutter durchschaute mich sofort und schnalzte missbilligend mit der Zunge. Dann blieb sie vor einem schicken Schuhgeschäft stehen und sah interessiert in die Schaufenster.
„Ich geh da mal kurz rein“, meinte sie.
Ich nickte amüsiert, da ich genau wusste, was „kurz“ zu bedeuten hatte. Glücklicherweise befand sich direkt gegenüber von dem Schuhgeschäft ein hübsches Café, wo ich warten konnte.
„Ich warte da auf dich“, sagte ich und deutete zu dem Café hinüber.
Meine Mutter lächelte verständnisvoll. „Okay, mein Schatz.“
Dann war sie auch schon in dem Laden verschwunden und ich schlenderte zu dem Café. Viele Tische befanden sich außerhalb des Lokals um einen großen Springbrunnen herum verteilt. Ich suchte mir einen davon aus und nahm Platz. Es dauerte keine zwanzig Sekunden, da war auch schon ein Kellner bei mir. Er war ein attraktiver Südländer und schenkte mir ein freundliches Lächeln.
Ich bestellte einen Cappuccino und er verneigte sich leicht vor mir, ehe er davon wuselte und die Bestellung am nächsten Tisch aufnahm.
Ich schaute ihm kurz nach und unweigerlich huschte ein leichtes Lächeln über mein Gesicht. Als ich mich abwenden wollte, blieb mein Blick zufällig an den zwei Mädchen hängen, die zwei Tische weiter saßen und aufgeregt miteinander tuschelten. Dabei verdeckten sie ihre kichernden Gesichter immer wieder hinter den Speisekarten und spähten dann immer über diese hinweg zu etwas offensichtlich furchtbar Interessantem, das sich auf der anderen Seite des Springbrunnens befinden musste.
Ich runzelte kurz belustigt meine Stirn über die beiden peinlichen Mädchen und wandte mich dann kopfschüttelnd von ihnen ab. Weil es hier ansonsten allerdings nichts annähernd Interessantes zu sehen gab, sah ich schon nach wenigen Sekunden wieder zu ihnen rüber und überraschenderweise starrten die Mädchen jetzt zu mir herüber. Stirnrunzelnd drehte ich mich um, um zu sehen, was sie anstarrten, doch es schien tatsächlich so zu sein, dass sie mich anguckten. Als unsere Blicke sich wieder trafen, wandten die Mädchen sich rasch ab und spähten schon wieder herüber zur anderen Seite des Springbrunnens.
Und dieses Mal folgte ich ihrem Blick.
Wenn ich in der Sekunde gewusst hätte, dass ich gleich zum ersten Mal den Jungen sehen würde, durch den sich mein ganzes Leben von Grund auf verändern würde, dann … ja, was dann eigentlich? Vielleicht hätte ich dann genauer oder aufmerksamer hingeschaut oder hätte sein Verhalten genauer beobachtet. Vielleicht hätte ich dann lieber gar nicht erst hingesehen?
Aber Tatsache war, ich sah hin, ohne mir irgendetwas dabei zu denken.
Er saß auf einer Bank neben dem großen Springbrunnen, hatte die Arme vor seiner Brust verschränkt und – und das fand ich tatsächlich etwas merkwürdig – er sah mir direkt in die Augen. Normalerweise hätte ich mich angesichts dessen gleich wieder abgewandt, aber es war mir nicht möglich. Ich hatte noch nie so einen Menschen gesehen.
Er war wohl so ungefähr in meinem Alter und er war nicht hübsch, sondern schlichtweg wunderschön. Er hatte kurze dunkle Haare, volle sinnliche Lippen und eine gerade perfekte Nase. Soweit ich das im Sitzen und aus dieser Entfernung beurteilen konnte, war er ziemlich groß und schlank, hatte breite Schultern und das weiße T-Shirt spannte leicht an seinen Brustmuskeln. Er sah unglaublich aus. Und noch dazu sah er mich unverwandt an. Der Blick aus seinen strahlend blauen Augen war von solch starker Intensität, dass ich seine Augenfarbe auch bei der Entfernung zwischen uns deutlich erkennen konnte und dass ich glaubte, Stromschläge darüber zu kriegen.
Ich schluckte und spürte, wie ich rot anlief. Mit all meiner Willenskraft wandte ich meinen Blick wieder von dem Jungen ab. Dass er mich ununterbrochen anstarrte, erklärte jedenfalls die Blicke der beiden Mädchen, allerdings fragte ich mich unweigerlich, warum so ein Junge jemanden wie mich anglotzte. Die einzige plausible Erklärung, die mir spontan einfiel, war, dass ich irgendetwas Komisches an mir hatte und mit einem Mal fühlte ich mich peinlich berührt.
Der Kellner kam wieder an meinen Tisch und brachte mir meinen Cappuccino. Ich war äußerst dankbar, dass er kurz die Sicht auf den Jungen verdeckte und am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob ich irgendetwas Peinliches im Gesicht hatte, aber ich traute mich nicht. Und so entfernte der Kellner sich wieder und ich nippte an meiner Tasse und bemühte mich angestrengt, den Jungen nicht noch einmal anzusehen.
Doch ich spürte seine und auch die neidischen Blicke der beiden Mädchen und wollte nichts wie weg hier. So schnell wie möglich trank ich das heiße Getränk aus, legte genug Geld auf den Tisch, stand auf und wandte mich ab, ohne den Jungen oder die Mädchen noch eines Blickes zu würdigen.
Einen kurzen Moment lang wusste ich nichts mit mir anzufangen und stand etwas planlos an dem großen Springbrunnen herum. Während ich mich angestrengt darauf konzentrierte, nicht zu dem Jungen hinüber zu sehen, fragte ich mich, wohin ich jetzt gehen sollte. Es dauerte eine kleine Weile, bis mir wieder einfiel, dass meine Mutter sich in dem Schuhgeschäft auf der anderen Seite des Springbrunnens befand.
Schnellen Schrittes bewegte ich mich von dem Brunnen weg und auf den Eingang des Schuhgeschäfts zu, ohne mich umzudrehen. Ich wollte so schnell wie möglich von dem Café verschwinden und den Blicken des Jungen und der beiden Mädchen entkommen, die ich nach wie vor in meinem Rücken spürte.
Während ich auf das Schuhgeschäft zusteuerte, sah ich den Jungen und vor allem seine unglaublichen blauen Augen vor mir, deren Anblick sich auf meine Netzhaut eingebrannt zu haben schien. Und auch wenn ich es nicht wollte, konnte ich nichts dagegen tun, dass ich plötzlich stehen blieb und mich noch einmal umdrehte. Ich stand direkt im Eingang des Schuhgeschäfts und spähte zu der Bank an dem großen Springbrunnen rüber, doch der Junge war nicht mehr da. Er hatte seinen Platz verlassen.
Eine eigenartige Mischung aus Verwirrung und Erleichterung machte sich augenblicklich in mir breit. Kopfschüttelnd senkte ich meinen Blick und schmunzelte; sicher hatte ich mir nur eingebildet, dass er mich so angestarrt hatte. Vermutlich war es nichts weiter als ein zufälliger Blickkontakt zwischen uns gewesen. Und doch … seine blauen Augen und wie sie mich fixiert hatten …
Ich schluckte und versuchte, den Jungen aus meinen Gedanken zu vertreiben.
Und gerade als ich mich wieder umdrehte und das Schuhgeschäft betreten wollte, ging plötzlich alles sehr schnell.
Ich wandte meinen Blick von der Bank, auf der gerade noch der Junge gesessen hatte, ab und wollte mich wegdrehen, als ich auf einmal eine Bewegung vor mir wahrnahm. Es dauerte eine Sekunde, bis mir klar wurde, was für eine Bewegung das war. Jemand kam geradewegs auf mich zugerannt. Ich stutzte und runzelte verwirrt meine Stirn, doch es bestand kein Zweifel, dass die Person genau auf mich zurannte. Im selben Moment ertönte über meinem Kopf ein ohrenbetäubender Knall und der Boden unter meinen Füßen begann zu beben. Ich spürte sengende Hitze über mir und riss meinen Kopf hoch. Die Decke über dem Eingang des Schuhgeschäfts, über mir, war plötzlich explodiert, eine Feuerwelle rollte rasend schnell auf mich zu, Betonteile krachten von der Decke zu Boden und dicker schwarzer Rauch umhüllte das Geschehen.
Das alles geschah in Sekundenbruchteilen und es gab nichts, das ich hätte tun können, um zu verhindern, dass ich von der Explosion erfasst wurde. Merkwürdig … meinem Unterbewusstsein war vollkommen klar, dass ich in den nächsten Sekunden sterben würde und es hieß doch, in solchen Momenten zöge das gesamte Leben eines Menschen vor seinem geistigen Auge an ihm vorbei, doch das Einzige, was ich sah, war der Junge, der auf der Bank gesessen und mich aus seinen unglaublichen Augen angestarrt hatte.
Aber ich sah ihn überhaupt nicht vor meinem geistigen Auge, ich sah ihn plötzlich wirklich!
Genau in dem Augenblick der Detonation über mir, erkannte ich die Person, die auf mich zurannte; es war der Junge! Als er noch etwa drei Meter von mir entfernt war, stürzte er sich mit ausgestreckten Armen auf mich und erreichte mich, kurz bevor ich von der Feuerwelle und den herabstürzenden Trümmerteilen erfasst wurde. Die Wucht seines Körpers riss mich von den Füßen und stieß mich gute zwei Meter von der Explosion weg.
Ich landete unsanft auf dem Boden, spürte immer noch enorme Hitze über mir und atmete stickige giftige Luft ein. Trotzdem riss ich meine Augen auf und richtete mich ein Stückchen auf. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich dem Jungen direkt in die Augen.
Er lag genau vor mir auf dem Boden und erwiderte meinen Blick eindringlich.
Um uns herum herrschte das reinste Chaos; Menschen schrien und rannten in alle Richtungen davon, dichter Rauch breitete sich über und um uns herum aus und ein schriller Alarm hallte durch das ganze Einkaufszentrum. Ich nahm kaum etwas von alldem wahr, so gebannt starrte ich den Jungen an. Ich hatte keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, aber er hatte mir gerade das Leben gerettet. Er hatte sich auf mich gestürzt, hatte mich rechtzeitig erreicht und vor der Explosion und den herabstürzenden Trümmerteilen beschützt.
Ich schluckte und öffnete meinen Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus. Und selbst wenn ich etwas hätte sagen können; genau in dem Moment, in dem ich meinen Mund öffnete, sprang der Junge plötzlich auf, wandte sich ab und lief einfach davon. Ehe ich mich auch nur rühren konnte, war er in dem dichten Rauch verschwunden.
„Amelia!?“ Ein hysterischer Schrei holte mich in die Realität zurück und meine Mutter stürzte sich auf mich. „Um Gottes Willen, geht es dir gut, mein Schatz?“
Meine Mutter umarmte mich, nahm mein Gesicht in ihre Hände und küsste mich ab. Sie drückte mich ganz fest an sich und begann heftig zu schluchzen.
„Mama“, versuchte ich sie zu beruhigen, „es geht mir gut.“ Was ich selbst kaum glauben kann!
Meine Mutter schluchzte. „Oh, Gott sei Dank! Gott sei Dank!“
Ich blickte an mir herunter und bewegte meine Glieder und meinen Kopf; ich schien tatsächlich völlig unverletzt zu sein. Wie um alles in der Welt war das möglich? Wie hatte der Junge das gemacht? Ich musste ihm nachlaufen und ihm danken. Ich musste ihn fragen, wie er es hatte schaffen können, mich rechtzeitig zu erreichen. Außerdem musste ich mich vergewissern, dass es ihm gutging!
In dem Moment stürmten Sanitäter und Feuerwehrleute den Laden, sie löschten die kleinen Flammen, die die Explosion hinterlassen hatte, und versorgten die Menschen, die in der unmittelbaren Nähe gewesen waren.
Als sie mich untersuchen wollten, sträubte ich mich. Ich musste den Jungen finden!
„Sei doch vernünftig, Mädchen“, sagte der Sanitäter. „Du könntest ernsthafte Verletzungen davongetragen haben!“
„Amelia, du musst dich untersuchen lassen“, beharrte auch meine Mutter. „Es ist ein Wunder, dass es dir gut geht; du warst am nächsten an der Tür dran, als es passierte.“
Nein, es ist kein Wunder, dachte ich. Er war es. Er hat mir das Leben gerettet.
„Mir geht’s gut“, sagte ich entschieden und stand auf. Ich kam problemlos auf die Beine und spürte nach wie vor keinerlei Anzeichen einer Verletzung.
Der Sanitäter packte meinen Arm. „Wir müssen dich untersuchen. Es dauert auch nicht lange.“
Ich riss mich los. „Es geht mir gut, ehrlich“, rief ich und bevor mich jemand aufhalten konnte, lief ich los. Ich sprang über die Betontrümmer und rannte aus dem Schuhgeschäft hinaus. Ich blickte mich in alle Richtungen um und hielt Ausschau nach dem Jungen, der mir soeben das Leben gerettet hatte. Ich schaute nach rechts und links, nach oben und unten, lief ziellos durch die Gegend und suchte nach ihm, doch ich konnte ihn nicht finden.
Gerade als ich die Hoffnung aufgeben und zurück zum Laden laufen und mich untersuchen lassen wollte, entdeckte ich ihn plötzlich doch. Er stand etwa dreißig Meter von mir entfernt an einer Ecke und spähte unauffällig zu dem Schuhgeschäft rüber.
Schnellen Schrittes ging ich auf ihn zu, dabei betrachtete ich ihn und suchte nach erkennbaren äußeren Verletzungen. Er war etwas verdreckt und sein weißes T-Shirt war an einigen Stellen zerrissen und schwarz, aber ansonsten schien auch er vollkommen unversehrt zu sein. Von blutigen Wunden war keine Spur zu sehen. Wie konnte das nur möglich sein?
Als ich nur noch zehn Meter von ihm entfernt war, wandte er seinen Blick plötzlich mir zu. Seine Augen begegneten meinen und ich blieb abrupt stehen. Einen Moment lang sahen wir einander wieder nur an, dann wandte er sich erneut ab und verschwand hinter der Ecke.
„Hey!“, rief ich laut und setzte mich auch wieder in Bewegung. Nach wenigen Schritten begann ich zu laufen. „Hey! Warte!“
Doch als ich um die Ecke lief und damit rechnete, ihn wegrennen zu sehen, war er spurlos verschwunden. Ich stutzte und blickte mich stirnrunzelnd in alle Richtungen um, doch er war nirgends mehr zu sehen.
Ich schluckte und nach einer kleinen Weile ging ich zurück zu dem Schuhgeschäft, wo meine besorgte Mutter und der etwas genervte Sanitäter mich erwarteten.
„Na, junge Dame?“, sagte er in strengem Ton. „Lässt du dich jetzt endlich untersuchen?“
Ich nickte nur, sagte jedoch kein Wort.
„Ist wirklich alles okay, mein Schatz?“, fragte meine Mutter und nahm mich in ihren Arm. „Was ist denn los?“
Seufzend lehnte ich mich an sie und fragte mich, warum der Junge einfach abgehauen war. Auch während ich mit meiner Mutter im Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren wurde, dachte ich ununterbrochen an nichts anderes als an den Jungen; an seinen eindringlichen Blick von der Bank am Springbrunnen aus, an seine unglaublichen blauen Augen, daran, wie er schon vor der Explosion auf mich zugestürmt war, als hätte er gewusst, was passieren würde, und daran, wie er mich wie durch ein Wunder hatte retten können …
Ich musste nicht einmal eine Nacht im Krankenhaus bleiben. Zuerst hatten die Ärzte darüber gesprochen, aber alle Untersuchungen waren positiv verlaufen und ich hatte ihnen und auch meiner Mutter mehrmals versichert, dass es mir gutging.
Ich sagte niemandem ein Wort von dem mysteriösen Jungen; es würde vermutlich nur beunruhigend auf meine Mutter und die Ärzte wirken, zumal es viel zu unglaublich klang, um wahr zu sein. Manchmal erwischte ich mich sogar selbst bei dem Gedanken, dass ich es mir womöglich doch nur eingebildet hatte. Andererseits hatte es zig Augenzeugen im Einkaufszentrum gegeben und ich hatte den Jungen eindeutig gespürt, als er sich auf mich gestürzt hatte, also war es offensichtlich wirklich geschehen. Trotzdem wollte ich es für mich behalten, zumal mir so viel Aufmerksamkeit ohnehin unangenehm gewesen wäre.
Aus diesem Grund erzählte ich es auch Eric und Millie nicht, die ich an diesem Abend auf der Party traf.
Gegen neun Uhr stand ich vor Erics Haus, aus dem bereits laute Partymusik und die Stimmen von unzähligen feiernden Menschen ertönten.
„Hey Kleine“, begrüßte Eric mich fröhlich, als er die Tür öffnete und mich hereinließ.
Eric war ein sehr großer und muskulöser Junge, hatte dunkelblondes Haar, blaue Augen, hohe Wangenknochen und ein außergewöhnlich nettes Gesicht mit einem außergewöhnlich fröhlichen Lachen, das einem auf der Stelle sympathisch sein musste. Auf seiner Nase und seinen Wangen wimmelte es von Sommersprossen, die sein Gesicht jetzt im Sommer nur noch gebräunter wirken ließen.
Eric war mein bester Freund und der einzige Mensch, mit dem ich wirklich auf einer Wellenlänge war. Wir kannten uns seit fast vier Jahren; damals waren wir beide in demselben Einkaufszentrum gewesen und zu zweit im Fahrstuhl stecken geblieben. In dieser Situation hatten wir uns zwangsläufig unterhalten, irgendwann angefangen zu lachen und aus der eigentlich blöden Situation war erstaunlicherweise ein echt lustiger Nachmittag geworden. Nachdem wir nach etwa zwei Stunden aus dem Fahrstuhl befreit worden waren, waren wir uns am nächsten Tag zufällig wieder über den Weg gelaufen und waren zusammen einen Kaffee trinken gewesen. Wir hatten uns einfach super verstanden und auch heute noch, fast vier Jahre später, waren wir die besten Freunde.
„Hey Großer“, gab ich grinsend zurück.
Es waren schon einige Leute hier, die alle tanzten, tranken und sich amüsierten. Hier und da standen einige sich küssende und fummelnde Pärchen an der Wand gelehnt, man brüllte sich über die laute Musik hinweg an und die Luft war stickig und von dem Rauch von unzähligen Zigaretten erfüllt. Es war eine ganz normale typische Party bei Eric.
„Komm, ich besorg dir was zu trinken“, rief Eric mir zu und wir bahnten uns einen Weg durch die feiernde Menge zur Küche. Während Eric mir aus dem großen Bierfass einen Becher zapfte, ließ ich meinen Blick erneut über die feiernde Menge schweifen. Allerdings sah ich sie gar nicht wirklich. Der mysteriöse Junge war wieder in meinem Kopf aufgetaucht und starrte mich aus seinen blauen Augen eindringlich an.
Ich war so gedankenverloren, dass ich überhaupt nicht bemerkte, dass Eric mir einen Becher reichte. Erst als er lauthals meinen Namen brüllte, zuckte ich zusammen und wandte mich ihm zu.
„Hier, dein Bier“, rief Eric und kicherte kurz über diesen wahnsinnig einfallsreichen Reim.
„Oh“, sagte ich und nahm ihm den Becher lächelnd ab. „Danke.“
Eric sah mich einen Moment lang prüfend an. „Ist alles okay?“, fragte er schließlich.
„Jaah, natürlich“, meinte ich zaghaft. „Es ist nur …“ Ich zögerte. Ich blickte in Erics Augen und wusste, dass ich es ihm ruhig erzählen konnte. Kurz entschlossen packte ich seine Hand und zog ihn durch die feiernde Menge hindurch, bis nach draußen in den Garten. Dort erzählte ich ihm alles, was ich heute Morgen im Einkaufszentrum erlebt hatte; davon, wie der Junge mich in dem Café beobachtet, wie er mich plötzlich vor der Explosion gerettet hatte und wie er dann einfach abgehauen war.
Als ich geendet hatte, war Eric erstmal baff. „Krass!“, seufzte er beeindruckt. „Und dir geht’s wirklich gut?“
Ich nickte. „Ja, dank diesem Jungen.“
„Scheint topfit zu sein, der Typ“, meinte Eric nach einer Weile.
Ich grinste über diesen Kommentar.
Eric betrachtete mich nachdenklich und schließlich breitete sich ein glückliches Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Gott sei Dank bist du okay“, sagte er leise.
Lächelnd nickte ich. „Das bin ich.“
Eric atmete tief ein und erwiderte mein Lächeln. „Komm her, Kleine“, murmelte er und schloss mich in seine Arme. Sofort fühlte ich mich beruhigt und vertrieb den geheimnisvollen Jungen weiter nach hinten in meinen Kopf.
Eric ließ mich los und rief: „Das muss jetzt aber wirklich gefeiert werden, Am’! Du wurdest heute – naja, das Wort ‚Opfer’ passt nun wirklich nicht – eines Wunders!“
Ich lachte und hob meinen Becher hoch. „Auf das Opfer eines Wunders!“
Eric grinste zufrieden und prostete mir zu. „Das Opfer eines Wunders“, erwiderte er und zwinkerte mir zu. Dann tranken wir jeder einen großen Schluck und gingen wieder zurück ins Haus. Im Wohnzimmer entdeckte ich meine Freundinnen Millie und Sarah, die an dem großen Panoramafenster, das zum Garten hinzeigte, standen.
„Ich sag mal Millie und Sarah hallo“, rief ich Eric zu.
„Alles klar“, rief er zurück. In dem Moment ertönte die Türklingel und Eric wuselte davon, um den neuen Gästen die Tür zu öffnen.
Ich bahnte mir einen Weg zu Millie und Sarah und begrüßte die beiden. „Hey Leute!“
„Hey Am’“, erwiderten sie und wir umarmten einander flüchtig.
„Wo ist Lena?“, fragte ich, als ich bemerkte, dass sie fehlte.
Millie zuckte mit den Schultern. „Konnte nicht kommen“, meinte sie lächelnd.
Wir unterhielten uns eine Weile, bis plötzlich ein großer massiger Typ kam und Millie anquatschte. „Hey, willst du was trinken?“, fragte er lächelnd.
Millie warf Sarah und mir einen Blick zu, doch wir nickten nur belustigt. „Okay“, sagte Millie zu dem Typ und er nahm sie mit in die Küche.
Sarah und ich tauschten einen viel sagenden Blick aus und begannen zu lachen. „Typisch Millie“, meinte Sarah.
„Du meinst, typisch Jungs“, verbesserte ich sie. „Millie kann eigentlich nichts dafür.“
Sarah nickte lächelnd. „Stimmt.“
Es gab kaum eine Party, auf der Millie nicht angebaggert wurde; auf einigen wurde sie sogar mehrmals angemacht oder auch manchmal von mehreren Typen gleichzeitig. Und natürlich stylte sich Millie auch, sodass sie besonders gut aussah, aber ich glaubte, dass sie auch noch angemacht werden würde, wenn sie ungeschminkt in einem Müllsack auf einer Party auftauchte. Millie war einfach eine Schönheit mit einer umwerfenden Figur, also konnte sie tatsächlich nichts dafür, dass sie ständig angemacht wurde.
Manchmal beneidete ich sie ein kleines bisschen darum, aber meistens tat sie mir eher Leid, denn bei den meisten Jungen, von denen sie angemacht wurde, handelte es sich um Idioten oder Nervensägen.
Der große massige Typ schien ebenfalls eine Nervensäge zu sein, denn er ließ Millie keine Sekunde mehr allein. Als Millie sich ihren Weg zurück zu uns bahnte, folgte er ihr auf dem Fuß, worüber sie nicht erfreut wirkte. Und auch als sie ihm demonstrativ den Rücken zukehrte und mit uns sprach, redete er unentwegt weiter auf sie ein und schien verzweifelt zu versuchen, sie zum Lachen zu bringen.
Sarah und ich amüsierten uns köstlich über Millies genervtes Gesicht und ihre immer offensichtlicher und gemeiner werdenden Abfuhren, die sie dem Typen erteilte, die der aber anscheinend nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Irgendwann rastete Millie völlig aus, sodass Sarah und ich uns vor Lachen kringelten.
Während ich wie verrückt lachte, ließ ich meinen Blick unweigerlich durch den Raum schweifen und da sah ich ihn plötzlich!
Am anderen Ende des Raumes, in der Tür zum Flur, stand der Junge aus dem Einkaufszentrum und sah zu mir herüber.
Mit einem Mal verging mir das Lachen abrupt und ich starrte mit offenem Mund zu dem Jungen rüber. Als er merkte, dass ich ihn entdeckt hatte, wandte er sich schnell ab und verließ das Wohnzimmer.
Doch dieses Mal würde ich ihn nicht spurlos verschwinden lassen; ohne ihn aus den Augen zu lassen, bahnte ich mir so schnell wie möglich einen Weg durch die Menschenmenge, um ihm zu folgen. Natürlich verlor ich ihn in dem Gedränge doch sehr schnell aus den Augen, sodass ich schließlich im Flur stand und mich suchend umschaute, allerdings ohne Erfolg.
Ich schluckte. Hatte ich ihn mir etwa nur eingebildet? Bestimmt hatte ich das; warum sollte dieser Junge auf einer Party von Eric auftauchen? Keiner von uns kannte ihn und er kannte uns nicht.
Ich schüttelte meinen Kopf und atmete tief durch und vertrieb den Gedanken an den Jungen aus meinem Kopf.
„Am’!“, rief plötzlich jemand hinter mir.
Ich wirbelte herum und erblickte Eric mit seinen zwei Kumpels Cole und Julian in der Küche stehen und mir zu winken.
Ich versuchte, ein lockeres Lächeln aufzusetzen und gesellte mich zu ihnen. „Was gibt’s?“, wollte ich wissen.
„Es gibt Tequila, Baby!“, rief Eric ausgelassen und eine recht ordentliche Alkoholfahne wehte mir entgegen.
Ich grinste. „Okay, also los!“, rief ich und rieb mir die Hände.
„Okay“, sagte Eric, stellte vier kleine Schnapsgläschen vor uns auf den Tisch, legte jedem eine Zitronenscheibe dazu und schüttete jedem eine Prise Salz auf den Handrücken der linken Hand.
Dann hob er sein leeres Glas und prostete Cole, Julian und mir in der Luft zu.
Ich zog amüsiert meine Augenbrauen nach oben, tauschte einen belustigten Blick mit Cole und Julian und grinste Eric kopfschüttelnd an. „Hast du nicht was vergessen?“, fragte ich.
Eric blickte hinab auf sein leeres Glas und wieder zu uns. Dann strahlte er übers ganze Gesicht, was so niedlich und gleichzeitig so blöd aussah, dass ich vor Lachen losprustete.
„Sorry, Leute“, rief Eric. „Da hab ich wohl glatt den Ketuila vergessen.“
„Genau“, rief Cole lachend. „Den Ketuila!“
Ich kicherte ununterbrochen und Eric zwinkerte mir grinsend zu. „Na, dann schenk uns mal einen … Ketuila ein“, lachte ich und hielt ihm mein leeres Glas hin.
Eric öffnete die Tequilaflasche und schenkte jedem ein Glas ein. Dann hob er sein Glas von neuem hoch und prostete uns in der Luft zu. „Auf ein Neues“, rief er fröhlich.
„Auf deine Party“, Julian.
„Genau, auf dich, Bro’!“, rief Cole gut gelaunt.
Eric grinste und sah mich fragend an.
Ich lächelte, hob mein Glas und verdrehte meine Augen. „Auf dich“, sagte ich dann grinsend.
„Ja, das will ich auch meinen“, grinste Eric und verschüttete die Hälfte seines Tequilas, als wir unsere Gläser in unserer Mitte zusammenstießen.
Daraufhin hatten wir noch jede Menge Spaß, wir tanzten und lachten (das heißt, ich stand eigentlich eher daneben und lachte darüber, wie die anderen „tanzten“) und spielten ein paar lustige Partyspiele, bis der Gastgeber irgendwann mitten auf dem Küchentisch einschlief, woraufhin ich einen roten und einen schwarzen Filzstift holte und die Gelegenheit nutzte, um Erics Gesicht unter dem lauten Gelächter der Umstehenden in eine groteske Clownsvisage zu verwandeln.
„Da wird er sich freuen, wenn er aufwacht und in den Spiegel schaut“, grinste Millie, als wir Erics Haus verließen und uns auf den Heimweg machten.
„Bist du den anhänglichen Typen losgeworden?“, fragte ich belustigt.
Millie verdrehte ihre Augen und stöhnte genervt. „Ich hab mich ungefähr eine halbe Stunde auf dem Klo eingesperrt, damit er dachte, ich wäre schon weg“, meinte sie, „aber es hat nicht geklappt. Er hat mich kurz darauf wieder gefunden und verfolgt.“
Ich lachte. „Du armes begehrtes Mädchen.“
„Man hat’s nicht leicht im Leben“, grinste Millie achselzuckend. „Also bis Montag“, sagte sie an der nächsten Kreuzung, wo sie nach links und ich nach rechts musste.
„Bis dann“, entgegnete ich, winkte ihr noch einmal zu und ging alleine weiter.
Bereits nach wenigen Schritten hatte ich das ungute Gefühl, jemand würde mir folgen, doch jedes Mal, wenn ich über die Schulter sah oder mich ganz umdrehte, war niemand zu sehen. Trotzdem kam es mir so vor, als würde mich jemand beobachten, obwohl ich keine Ahnung hatte, woher dieses Gefühl kam.
Als ich in unsere Wohnsiedlung kam, glaubte ich zweimal, näher kommende Schritte hinter mir zu hören, aber es war keine Menschenseele zu sehen.
Mit schnellen Schritten und rasendem Herzen ging ich weiter und fragte mich dabei unwillkürlich, woher diese plötzliche Paranoia kam. Ich war auch früher schon spät abends alleine nach Hause gegangen und hatte bisher nie etwas Unheimliches erlebt oder Angst gehabt. Hatte das etwa mit der Begegnung dieses mysteriösen Jungen und seiner Rettungsaktion zu tun?
Jetzt dachte ich schon wieder über ihn nach!
Genervt schüttelte ich den Kopf, um ihn aus meinen Gedanken zu vertreiben, doch es gelang mir nicht; er blieb hartnäckig anwesend, vor meinem geistigen Augen sah ich die Explosion und wie er mich vor der drohenden Feuerwelle beschützt hatte, wobei seine blauen Augen mich durchbohrten.
Schnellen Schrittes ging ich die Straße, in der wir wohnten, hinauf, vorbei an den immer größer und protziger werdenden Villen; wir lebten in einem sehr reichen Wohnviertel, das sich vor allem durch unnötig große und teure Villen und unfreundliche arrogante Nachbarn auszeichnete.
Schließlich kam ich vor unserem Haus an, einer großen, im mediterranen Stil erbauten Villa. Unser Grundstück war von einem hohen massiven Eisengitterzaun umgeben, deshalb musste ich kurz an dem großen Tor vor der Einfahrt stehen bleiben, um den Sicherheitscode einzugeben. Das Tor schwang auf und ich trat hindurch auf unser Grundstück. Als ich an unserer Haustür ankam, hielt ich inne und blickte mich noch einmal um.
Das Tor schloss sich hinter mir bereits wieder, aber für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich zu sehen, wie jemand schnell hinter der Hecke auf dem Nachbargrundstück verschwand. Und obwohl ich diesen Jemand nur einen Augenblick lang gesehen hatte und ich mir fast sicher war, dass es sich wieder um eine Halluzination handelte, hätte ich schwören können, dass es der Junge aus dem Einkaufszentrum gewesen war …
Den Sonntag verbrachte ich damit, mir fast pausenlos Gedanken über den Jungen zu machen. Wieso hatte er mich an dem Springbrunnen im Einkaufszentrum so eindringlich angeschaut, wieso hatte er kurz darauf nicht mehr auf der Bank gesessen, woher hatte er von der Explosion wissen können, wie um alles in der Welt hatte er mich retten können und wieso hatte er sich danach innerhalb weniger Sekunden aus dem Staub gemacht, ohne auch nur ein einziges Wort zu mir zu sagen? All diese Fragen huschten ununterbrochen durch meinen Kopf und allmählich bereiteten sie mir Kopfschmerzen.
Ich dachte auch daran, dass ich ihn mir gestern Abend zweimal eingebildet hatte, obwohl diese Halluzinationen äußerst real auf mich gewirkt hatten. Doch wieso sollte er auf Erics Party gewesen sein und wieso sollte er mich auf meinem Heimweg heimlich verfolgt haben? Das ergab doch überhaupt keinen Sinn, ich musste es mir eingebildet haben.
Als ich am Sonntagabend mit Mama und Steven die Nachrichten schaute, wurde auch die Explosion in dem Einkaufszentrum erwähnt; allerdings schien es noch keinerlei Erklärung dafür zu geben. Es wurde berichtet, dass weiter eifrig nach einer Ursache gesucht wurde und dass es „an einer Wunder grenzte“, dass sich niemand dabei verletzt hatte.
Wieder dachte ich an den Jungen, der dieses „Wunder“ vollbracht hatte und fragte mich unweigerlich, ob ich ihn jemals wieder sehen würde.
In dieser Nacht schlief ich sehr unruhig; immer wieder tauchte der wunderschöne Junge mit den unglaublichen blauen Augen in meinen Träumen auf. Entweder starrte er mich einfach nur an oder er stürzte sich auf mich und rettete mich vor einer Lawine aus Schuhen, manikürten Fingernägeln und Tequilagläsern.
Am Montagmorgen war ich ziemlich durch den Wind und brauchte etwas länger als normalerweise, um mich fertig für die Schule zu machen.
Als ich schließlich fertig war, verabschiedete ich mich von meiner Mutter (Steven war schon längst auf der Arbeit) und verließ unser Haus.
Ich stieg in den silbergrauen Audi A1, den Steven mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte und fuhr aus unserer Einfahrt hinaus. Während ich das Auto vom Hof hinunter bugsierte, dachte ich nach wie vor über den Jungen nach. Das große eiserne Tor schloss sich wieder hinter mir, als ich den Hof verlassen hatte. Ich wollte gerade losfahren, die Straße hinunter, als urplötzlich ein großer schwarzer Geländewagen aus der Einfahrt unserer Nachbarn kam und ich nur durch eine Vollbremsung einen Zusammenstoß verhindern konnte.
Den Fahrer konnte ich nicht sehen, doch ich drückte zweimal wütend auf die Hupe, um ihm klar zu machen, dass er mich zu Tode erschreckt hatte. Er reagierte nicht darauf, sondern fuhr vor mir auf die Straße und brauste dann davon.
Ich schloss für einen Moment die Augen, um mich von meinem Schreck zu erholen, dann stöhne ich genervt und schüttelte missbilligend den Kopf. Als ich weiterfuhr, war der Junge erstmals aus meinen Gedanken vertrieben. Stattdessen ärgerte ich mich weiter über den Nachbarn, der mich fast plattgefahren hätte.
Unglücklicherweise war unsere Wohngegend voller solcher Idioten; in unserer Nachbarschaft lebten nur reiche arrogante Schnösel, die niemanden außer sich selbst leiden konnten und glaubten, die Welt drehte sich bloß um sie, wie das Exemplar, das mir soeben die Vorfahrt genommen und beinahe mein geliebtes Auto zerstört hätte.
Im Vorbeifahren warf ich einen Blick auf das Haus, aus dessen Einfahrt der Geländewagen gekommen war. Das Haus hatte in den letzten paar Wochen leer gestanden, doch ich wusste von meiner Mutter, dass dort dieses Wochenende endlich wieder Leute eingezogen waren.
Offenbar genau die richtige Sorte für unser Wohnviertel, dachte ich genervt.
Ich fuhr unsere Straße hinab an den ganzen furchtbaren Villen vorbei. Je weiter ich wegfuhr, desto kleiner und gewöhnlicher wurden die Villen.
Schließlich hielt ich vor einem großen modern geschnittenen Haus, dessen Fassade aus außergewöhnlich vielen Panoramafenstern bestand, drückte einmal kurz auf die Hupe und wartete, bis Eric herauskam, damit wir gemeinsam zur Schule fahren konnten. Eric wohnte am Rand unserer Wohnsiedlung, weshalb ich auch gut zu Fuß von ihm nach Hause gehen konnte.
Es dauerte nicht lange und er sprang die Steintreppe vor dem Haus hinunter und stieg zu mir ins Auto.
„Hey Kleine“, sagte er und ich drückte wieder aufs Gaspedal.
„Hey“, erwiderte ich lächelnd, während ich mich in den morgendlichen Berufsverkehr einfädelte.
„Danke für die Clownsvisage übrigens“, sagte Eric und verengte seine Augen zu Schlitzen. „Ich vermute einfach mal, dass ich die dir verdanke?“, fügte er sarkastisch hinzu.
Ich grinste und nickte, so als wäre ich besonders stolz auf diese Aktion. „Gern geschehen.“ Ich schielte zu ihm herüber und fügte hinzu: „Hast es ja gut wieder abbekommen.“
„Hat mich aber ein paar Stunden und ein paar Schichten Haut gekostet“, gab Eric trocken zurück.
Ich schüttelte lachend den Kopf. „Das kommt davon, wenn man auf einer Party einschläft“, meinte ich.
„Eine Party, auf der du Gast bist“, korrigierte Eric mich und wir tauschten einen kurzen grinsenden Blick aus.
Wir hatten unsere Wohnsiedlung inzwischen hinter uns gelassen und fuhren jetzt eine Straße hinunter, an deren Seiten sich keine Villen mehr, sondern ganz normale Ein- oder Mehrfamilienhäuser befanden.
„Heute Morgen hatte ich schon fast einen Unfall“, sagte ich nach einer Weile.
Eric sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wie denn das?“, wollte er wissen.
Ich stieß einen genervten Seufzer aus. „Wie’s aussieht, sind die neuen Nachbarn eingezogen“, antwortete ich. „Jedenfalls hat ihr blöder Geländewagen mir vorhin die Vorfahrt genommen und meinen kleinen Audi beinahe platt gemacht.“
„Oh Mann“, sagte Eric, dann grinste er belustigt. „Dann passen sie ja in eure Wohngegend.“
Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse und verdrehte die Augen. „Sieht so aus“, seufzte ich.
„Im Moment scheinst du ungewöhnlich viele Beinahe-Unfälle zu haben“, murmelte Eric nachdenklich.
Ich schnaubte.
„Hast du dich denn mittlerweile von dem Ereignis im Einkaufszentrum erholt?“, wollte Eric wissen.
Ich zwang mich dazu, den mysteriösen Jungen nicht allzu weit in meine Gedanken hineinzulassen. Schweigend nickte ich.
„Gestern in den Nachrichten hieß es, die Ursache sei immer noch unklar“, sagte Eric nachdenklich, „und dass es ein Wunder sei, dass niemandem etwas passiert ist.“
„Naja, wenn dieser komische Junge nicht gewesen wäre, dann wäre mir ganz schön viel passiert“, meinte ich.
Daraufhin schwiegen wir eine Weile, bis Eric mich schließlich fragte, ob wir Millie mit zur Schule nahmen.
Ich nickte und hielt zwei Minuten später vor Millies Haus an. Sie stand bereits an der Straße und erwartete uns. Zum Glück hatte mein Auto vier Türen und so konnte Millie jetzt bequem hinten auf die Rückbank steigen.
„Der Typ von der Party hat sich gestern wieder bei mir gemeldet“, lautete ihre genervte Begrüßung.
Prompt breitete sich ein Grinsen auf meinem Gesicht aus. „Ist nicht dein Ernst?“, entgegnete ich amüsiert.
„Irgendjemand hat ihm wohl meine Handynummer gegeben“, seufzte Millie. „Jetzt muss ich mir wohl eine neue besorgen.“
„Tja, er war ja am Samstag schon total anhänglich“, grinste ich und fädelte mich wieder in den Verkehr ein. „Und jetzt hat er sich offenbar zu einem professionellen Stalker entwickelt.“
Millie stöhnte genervt. „Ich will’s nicht hoffen.“
Eric wandte sich zu ihr um und fragte vergnügt: „Dein wievielter Stalker wäre das denn?“
Millie funkelte ihn an. „Ich hoffe, du warst nicht derjenige, der ihm meine Nummer gegeben hat.“
Eric schüttelte den Kopf, grinste aber weiterhin breit. „Nö, aber ich finde es trotzdem lustig.“
„Ist es aber nicht“, entgegnete Millie.
„Ach, das ist doch nicht dein erster Stalker, Millie, du kennst dich doch damit aus und weißt, was zu tun ist“, meinte Eric, wandte sich wieder nach vorne und lehnte sich in seinem Sitz zurück.
Millie schien es vorzuziehen, darauf nicht einzugehen. Stattdessen wandte sie sich mir zu. „Wie geht’s dir, Am’?“, fragte sie.
Ehe ich antworten konnte, rief Eric: „Amelia hatte heute schon fast einen Unfall.“
Ich runzelte belustigt meine Stirn und warf Millie im Rückspiegel einen Blick zu. Sie sah mich fragend an und ich erzählte ihr von dem schwarzen Geländewagen, der aus der Einfahrt gerast kam und mich zu Tode erschrocken hatte.
„Oh je“, sagte Millie, als ich auf den Schulparkplatz fuhr. „Das klingt ja nach einem typischen Nachbarn für eure Gegend.“
„Hab ich auch gesagt“, grinste Eric.
Ich verdrehte meine Augen und parkte in einer freien Parklücke. Wir stiegen aus dem Wagen aus, ich schloss ihn ab und wir machten uns auf den Weg ins Gebäude.
Als wir bei unseren Spints stehen blieben und ich meinen öffnete, lehnte Millie sich mit dem Rücken gegen ihren und fragte lustlos: „Hast du die Physikhausaufgaben gemacht?“
Ich schmunzelte. „Du etwa nicht?“
Statt zu antworten verzog Millie ihr Gesicht zu einer Grimasse.
„Hast in Gedanken wohl schon Ferien, was?“, spottete Eric.
Millie verengte ihre Augen zu Schlitzen und funkelte ihn böse an.
Eric grinste nur und sagte: „So, ich muss los. Wir sehen uns in der Pause.“ Und mit einem letzten Augenzwinkern drehte er sich um und lief den Flur runter, wo seine Freunde bereits in der Tür zum Klassenzimmer auf ihn warteten.
Ich packte meine mitgebrachten Bücher und Ordner in meinen Spint und nahm nur die Unterlagen für die erste Stunde in die Hand.
Plötzlich richtete Millie sich unvermittelt auf und fuhr mit ihrer Hand durch ihr langes blondes Haar. Stirnrunzelnd sah ich sie an, doch ihr Blick war starr geradeaus gerichtet, auf irgendetwas – oder irgendjemanden – hinter mir.
„Wer ist denn das?“, hauchte sie aufgeregt.
Ich folgte ihrem Blick, konnte allerdings niemand wirklich Interessanten entdecken. „Wen meinst du?“, erwiderte ich verwirrt.
„Wer auch immer es gewesen ist, er ist gerade in den Klassenraum gegangen, in dem wir jetzt Unterricht haben“, meinte Millie und klang so entzückt, dass ich mir ein Lachen verkneifen musste.
Kopfschüttelnd ging ich auf unseren Klassenraum zu.
Millie folgte mir aufgeregt. „Das bedeutet, er kommt in unsere Klasse!“
„Na und?“, fragte ich achselzuckend.
„Na und?“, wiederholte Millie ungläubig und packte mich am Arm. „Wie sehe ich aus?“
Ich grinste und musste mich zusammenreißen, um nicht wieder die Augen zu verdrehen. „Gut“, antwortete ich und ging an Millie vorbei in den Klassenraum. Wer auch immer unser neuer Mitschüler war, er musste ziemlich hübsch sein, um Millie derartig aus der Fassung zu bringen. Ich schaute mich jedoch nicht großartig im Raum um, sondern setzte mich direkt an meinen Platz und wartete darauf, dass Millie sich zu mir gesellte. Ich schlug meinen Ordner auf und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum, als Millie endlich das Klassenzimmer betrat. Mit einem halb belustigten, halb genervten Stirnrunzeln stellte ich fest, dass sie sich auf dem Flur offenbar noch ein wenig nachgeschminkt hatte. Sie stolzierte geradezu in den Raum hinein, schüttelte ihre blonde Mähne kurz, warf einen auffälligen Blick nach hinten in die letzte Reihe und ließ sich dann endlich neben mir nieder.
Ich beobachtete sie fasziniert. „Muss ja ziemlich gut aussehen“, wisperte ich ihr belustigt zu.
Sie wandte sich mir zu und starrte mich an. „Ziemlich gut?“, wiederholte sie. „Hast du ihn denn noch gar nicht gesehen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, und jetzt will ich mich lieber auch nicht umdrehen“, sagte ich leise.
„Ziemlich hübsch ist die Untertreibung des Jahrhunderts“, murmelte Millie ernst, als unser Physiklehrer Mr. Fisher das Klassenzimmer betrat. Augenblicklich wurde es ruhig und Mr. Fisher begrüßte uns freundlich. Er war einer meiner Lieblingslehrer und ich – oh Mann, nicht zu fassen, dass ich das sagte – eine seiner Lieblingsschülerinnen, was wohl hauptsächlich daran lag, dass ich im Gegensatz zum Großteil der restlichen Klasse immer meine Hausaufgaben hatte und mich am Unterricht beteiligte.
„Entschuldigt die Verspätung, Leute“, sagte Mr. Fisher, während er seine Aktentasche auf seinem Pult aufklappte. „Aber ich habe eben erfahren, dass wir einen neuen Mitschüler haben.“
Millie rutschte neben mir unruhig auf ihrem Platz hin und her. Also bitte!
Mr. Fisher kramte einen kleinen Zettel aus seiner Tasche und blickte dann auf in die Runde. „Simon Galloway?“
Aus der letzten Reihe ertönte eine tiefe, leicht raue Stimme: „Ich bin hier.“
Die gesamte Klasse drehte sich zu dem neuen Mitschüler um, also wandte auch ich mich ihm zu. Ich konnte ihn allerdings nicht sehen, da Amanda Harris mir die Sicht versperrte.
„Gut, Simon“, sagte Mr. Fisher, „es ist natürlich ungewöhnlich, dass du fast zum Ende des Schuljahres kommst, aber ich habe gehört, du warst einer der besten Schüler an deiner alten Schule, also solltest du keine Schwierigkeiten haben.“
Amanda Harris beugte sich zu ihrer Sitznachbarin rüber und flüsterte ihr aufgeregt etwas zu, sodass ich zum ersten Mal unseren neuen Mitschüler begutachten konnte.
Ich konnte nicht verhindern, dass mir der Unterkiefer herunterklappte; bei unserem neuen Mitschüler handelte es sich um den Jungen aus dem Einkaufszentrum!
