Die Gärten der Villa Sabrini - Cristina Camera - E-Book

Die Gärten der Villa Sabrini E-Book

Cristina Camera

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Beschreibung

Florenz, amore mio Helle Aufregung im Münchener Auktionshaus Wagner: Die Kunsthistorikerin Susanna Martens glaubt ein Bild aus dem Familienbesitz der Lanzis als Fälschung entlarvt zu haben. Unterstützt von ihrer alten Liebe Andreas, kommt sie in Florenz einer Familienfehde der verfeindeten Juweliersdynastien Lanzi und Russo auf die Spur. Als sich Susanna aber gegen ihren Willen in Ettore, den Erben der Lanzis, verliebt, gerät sie in einen Strudel von Macht, Geld und Intrigen …

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Seitenzahl: 521

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Cristina Camera

Die Gärten der Villa Sabrini

Roman

Im Abbild ist das in Wahrheit Ferne präsent und das Sterbliche unsterblich; das flüchtige Leben des Moments gewinnt, in Materie gezwungen, Dauer. So gibt die Poesie des Künstlers eine Ahnung von Ewigkeit.

Bernd Roeck 

I. «Caffè Gilli»

Die Uhr des «Caffè Gilli» zeigte halb sieben an. Es war ein Dienstagabend im September. Susanna Martens saß an einem der runden Tische am Fenster, beobachtete die Gäste auf der Terrasse unter den weißen Markisen und die Touristen auf der Piazza della Repubblica, die trotz der schwülen Spätsommerhitze in Scharen über den Platz marschierten. Sie genoss jeden Atemzug, jeden Moment in der Stille und Kühle des Tearooms. Endlich, nach vier langen Jahren, war sie zurück. Der vergangene Freitag, ein dreizehnter, hatte Schicksal gespielt. Wie hätte es auch anders sein können bei diesem Datum. Sie war hierher gereist mit einem speziellen Auftrag in der Tasche: Sie sollte den Urheber eines Gemäldes finden, das unangefordert und, so schien es zumindest auf den ersten Blick, auf dunklen Wegen zusammen mit einem weiteren Kunstwerk im Auktionshaus Wagner, für das sie seit drei Jahren arbeitete, angeliefert worden war.

Als sie das Bild zum ersten Mal in die Hand nahm, hatte sie ein seltsames Gefühl beschlichen, eine Mischung aus Faszination, Ärger und Unruhe. Das Bild berührte sie auch jetzt, ließ sich nur schwer aus den Gedanken verscheuchen, obwohl sie sich innerlich dagegen wehrte. Doch es musste warten. Dieser Abend gehörte ihr. Viel zu kopflos und verzweifelt hatte sie diese herrliche Stadt vor vier Jahren verlassen, jetzt wollte sie den Augenblick der Rückkehr ungestört genießen. Morgen würde sie sich in die Arbeit stürzen und versuchen, dem Rätsel des Gemäldes hier in Florenz auf die Spur zu kommen.

«Was darf es sein, Signora?» Ein Ober stand diensteifrig und leicht nach vorne gebeugt an ihrem Tisch und riss sie endgültig aus ihren Gedanken.

«Ein Glas Champagner!»

«Sì, Signora!» Ein kurzes beifälliges Nicken.

«Und ein Stück Schokoladenkuchen mit dunkler Glasur und… Sahne bitte.»

«Certo, Signora!» Dieses Mal erfolgte das kurze Nicken schon in einer Drehung nach rechts. Der Kellner wandte sich zum Gehen, doch Susanna hielt ihn mit den Worten zurück: «Einen caffè ristretto und ein Glas Wasser.»

«Ah», jetzt lächelte der Kellner ein wenig dünn, «Signora sind nicht allein.» Er verbeugte sich noch eine Spur tiefer und verschwand schließlich eilig in Richtung Küche, bevor sie ihn noch einmal von der Arbeit abhielt. Die einzelne Kundin im Tearoom bei vollbesetzter Terrasse zu bedienen machte ihm sichtlich keinen Spaß, registrierte Susanna belustigt. Aber die Signora war sehr wohl allein, dachte sie zufrieden – und genau das wollte sie in diesem Moment mehr als alles andere sein. Ihr war nach Überschwang, nach Schokolade und nach Champagner zumute, nach Genuss ohne vorwurfsvollen Zeugen. Sie lehnte sich in dem bequemen Kaffeehausstuhl zurück und sah sich um.

Nichts hatte sich verändert seit dem letzten Mal, als sie zusammen mit Andreas hier gesessen und Cocktails getrunken hatte. Der einladende Tearoom des «Caffè Gilli» war für sich schon eine Reise wert: Die wunderbare Uhr aus dem Fin de Siècle, die im Rundbogen über der Tür zum großen Barraum thronte, die mehrarmigen Murano-Lüster, die goldgelben Damastdecken über den runden Tischchen, der blendend weiße Stuck an Decke und Wänden und die honigfarbene Holzvertäfelung, die bis in Augenhöhe reichte. Susanna hatte einen Blick für Architektur, für Antiquitäten, für Bilder. Kunst war ihr Beruf und ihre zweite Natur. Warum nur hatte sie so viel Zeit verstreichen lassen, um dies alles wiederzusehen und zu genießen? Die vor Jahren liebgewonnene und vertraute Umgebung, die ruhige Atmosphäre im Inneren des Cafés bildeten den denkbar stärksten Gegensatz zu den Touristen, die auf der Terrasse dicht an dicht saßen und das stete Promenieren der Florentiner auf der piazza neugierig beobachteten, und gaben ihr die Gewissheit, dass ihre Reise nach Florenz das Beste war, was sie in den letzten Jahren unternommen hatte.

Susanna nippte an ihrem Champagnerglas und schob sich dann ein Stück des Schokoladenkuchens mit Sahne in den Mund. Dieser Schokoladenkuchen des «Caffè Gilli» war ein wahrer Hochgenuss. Dunkler Biskuitteig in Schichten übereinandergelegt, dazwischen eine fast schwarze Schokocreme, die schon Ähnlichkeit mit einer Mousse au Chocolat aus Bitterschokolade hatte, war Verführung pur und zerging auf der Zunge. Selbst die wenig angenehme Erinnerung an das gemeinsame Frühstück mit Jochen am gestrigen Montagmorgen konnte diesem Schokoladentraum etwas anhaben. Ein weiterer Bissen des Kuchens verschwand zwischen Susannas Lippen, und das Gesicht von Jochen, missbilligend und stirnrunzelnd ob so viel kalorienüppiger Unvernunft, das unvermittelt vor ihrem geistigen Auge erschien, machte ihr ungeheuren Spaß. Sie spürte selbst, wie sich ein Lächeln auf ihr Gesicht stahl.

Erst jetzt, abgeschieden und geborgen in der Anonymität des Tearooms, in der eleganten und altmodischen Umgebung des «Gilli», begriff sie, weshalb sie an diesem Morgen in München so befreit in den Flieger gestiegen und nach Florenz gereist war. Es ging nicht, wie sie sich einzureden versuchte, in allererster Linie darum, ihre Mission zu erfüllen, sondern sie wollte endlich ergründen, was ihr in ihrem Leben wirklich wichtig war. Denn der sogenannte Auftrag, den sie sich mehr oder weniger selbst verordnet und ihrem Chef förmlich abgerungen hatte, hatte den Stein lediglich ins Rollen gebracht. Handeln musste sie selbst, und das hatte sie endlich auch getan. Sie hatte sich eine Auszeit genommen. Und das Schönste dabei: Jochen hatte ihr fassungslos und – wie selten – sprachlos zugesehen, wie sie den Koffer packte.

Jochen war keiner, der gern verreiste. Jochen war Staatsanwalt. Er hatte keine Zeit für Extravaganzen. Er saß in unaufschiebbaren Verhandlungen und kämpfte sich durch riesige Aktenberge sowie kiloschwere Gesetzesbücher. An ihm hingen Schicksale, er entschied über Gedeih und Verderb. Susanna dagegen stöberte in verstaubten Büchern und zerschlissenen Stoffen, wuchtete ramponierte, alte Möbel und schätzte Ölschinken vergangener Epochen. Susanna handelte mit Kunst. Jochen verhandelte das Leben. Es war in seinen Augen einzig und allein ihre Schuld, wenn sie die Bedeutungshierarchie ihrer Beziehung nicht begriff.

Dabei hatte alles so normal angefangen. Nichts deutete auf einen partnerschaftlichen Urknall hin. Jochen war so wie immer gewesen. Sie hörte und sah ihn jetzt überdeutlich vor sich, als sie ein weiteres Stück des köstlichen Schokoladenkuchens in den Mund schob.

Wie jeden Morgen beim Frühstück verschanzte er sich hinter seiner Süddeutschen Zeitung und schlürfte immer wieder höchst aufreizend an seinem heißen Cappuccino. Manchmal las sie die Seite mit, die er ihr hinhielt, aber in diesem Fall war es die mehrspaltige Börsentabelle, die sie nicht interessierte. Dagegen beobachtete sie gespannt, wie Jochen das Kunststück fertigbrachte, seine Cappuccinotasse neben sich auf die Untertasse zu stellen, ohne dabei den Blick vom Wirtschaftsteil zu nehmen oder etwas zu verschütten. Mehr Nahrhaftes gab es für ihn nicht frühmorgens gegen acht. Susanna hatte das ganze Wochenende durchgearbeitet, sich kaum Zeit für eine Mahlzeit gegönnt, damit der Katalog für die kommende Herbstauktion rechtzeitig fertig wurde. Sie hatte Hunger und machte sich zwei Käsebrote und eine Kanne Kaffee. Beidem sprach sie mit großer Hingabe zu. Da ertönte unvermittelt Jochens Stimme hinter der Zeitung.

«Ich bin übrigens morgen Abend verhindert. Anwalt Oberhauser will mir einen Vergleich anbieten. Ich kann dich also leider ausnahmsweise nicht zu deinen Eltern zum Essen begleiten. Du entschuldigst mich, Liebes?» Jochen machte sich sogar die Mühe, lugte hinter seiner Zeitung hervor und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Bevor sie jedoch auf diese neuerliche Absage des elterlichen Abendessens reagieren konnte, war sein blonder Schopf schon wieder hinter dem Druckerzeugnis verschwunden. Da Jochen schlicht nicht bereit war, einen Sonntag mit ihren Eltern zu teilen, zu opfern, wie er sich ausdrückte, hatten sie sich auf einen Dienstagabend geeinigt. Da Susannas Eltern beide bereits in Rente waren, sollte es doch für die «alten Leutchen», Zitat Jochen, keinen Unterschied machen, wann man gemeinsam zu Abend aß. Doch dieses Ritual, dieses Zugeständnis an familiäre Gepflogenheiten, fiel mindestens dreimal im Monat ins Wasser, weil der Herr Staatsanwalt sich dann doch nicht freinehmen konnte, da wieder einmal ein wichtiger Termin seine Anwesenheit erforderte.

Susanna sah zum Fenster hinaus. Die Terrasse war nach wie vor voll besetzt. Weiße Kugellampen und flackernde Windlichter zauberten Abendidylle unter die Markisen. Die Tagestouristen waren inzwischen mehr und mehr durch Florentiner ersetzt worden, die ihre Cafés am Abend zurückeroberten. Es saßen hauptsächlich junge Pärchen dicht nebeneinander. Sie gestikulierten, lachten und küssten sich ungeniert. Freunde kamen dazu. Frauen wie Männer begrüßten sich, als hätten sie sich tagelang nicht gesehen. Susanna war sich sicher, dass die meisten vor einer Stunde noch in einem Büro oder einem Laden zusammen gearbeitet hatten. Umarmungen und Küsschen auf beide Wangen vervollständigten das Begrüßungsritual. Motorradhelme und Rucksäcke landeten höchst unsanft unter den Tischen. Ein junger Mann in Jeans und locker darübergeworfenem T-Shirt, mit Handy in der einen und Speisekarte in der anderen Hand, überlegte noch im Stehen, was er nehmen sollte. Dann hielt er einen vorbeieilenden Kellner am Ärmel fest, dass dieser Mühe hatte, sein vollgestelltes Tablett nicht fallen zu lassen, und gab ihm die Bestellung mit auf den Weg. Die mürrische Reaktion des Kellners wurde mit Gelächter quittiert. Susanna fragte sich, wann sie jemals mit Jochen so frei und ungezwungen ausgegangen war? Waren sie einfach schon zu alt für diese Art von Leben? Zu sehr mit dem Alltag beschäftigt, um am Frühstückstisch oder in einem Restaurant etwas Lustiges oder gar Liebevolles zueinander zu sagen? Sollte sie ernsthaft bereits im Alter von dreiunddreißig Jahren mit ihm alt sein? Und was war von einer Beziehung zu halten, die ein harmloses Käsebrot ins Schleudern brachte?

Sie wusste bis jetzt nicht, was Jochen schließlich veranlasst hatte, ein weiteres Mal hinter seiner Zeitung hervorzuschauen und argwöhnisch ihr Frühstück zu beäugen.

«Warum hast du dir nicht auch gleich noch Spiegelei mit Speck gemacht?», kam es spitz über seine Lippen. Sein Gesichtsausdruck war dabei ein einziger Vorwurf. Das konnte er. Das hatte er in seinem Beruf zur Perfektion gebracht. Anfangs fand sie seine Sorge um ihre schlanke Figur schmeichelhaft. Unterstellte sie doch, dass er sie reizvoll und deshalb erhaltenswert fand. Aber sie hatte noch nie Gewichtsprobleme gehabt. Deshalb ging ihr seine Art, ihre Mahlzeiten zu kontrollieren, langsam, aber sicher gegen den Strich. Doch Susanna zog es vor zu schweigen, sich nicht provozieren zu lassen. Sie saßen in der Küche und nicht im Gerichtssaal. Stattdessen biss sie in ihr Camembertbrot.

Jochen legte nun endgültig die Zeitung beiseite und stützte beide Unterarme auf der Tischplatte ab. Seine Stirn in Falten gelegt, sagte er wenig freundlich: «Was veranlasst dich, derart unvernünftig zu sein und fetten Käse und Butter in rauen Mengen in dich hineinzustopfen?» Sein Blick wurde noch etwas argwöhnischer, und dann fragte er völlig konsterniert: «Du bist doch nicht etwa schwanger?»

Angewidert und plötzlich den Tränen sehr nahe, warf Susanna ihr angebissenes Käsebrot auf den Teller, ging zur Anrichte, kippte den Kaffee in den Ausguss und die Brote in den Müll. Dann verließ sie leise die Küche. Sie ahnte schon lange, dass Jochen geradezu panische Angst davor hatte, sie könnte schwanger werden, sie könnte ihn sozusagen mit einem Kind festnageln, an seine Ehre als Mann appellieren und gleichzeitig seine aufstrebende Juristenkarriere ruinieren. Wie sehr sie sich nach einem Kind, nach einer Familie sehnte, konnte Jochen offensichtlich nicht nachvollziehen. Er war weit davon entfernt, irgendwelche Schritte in Richtung Familie zu unternehmen oder sich zu irgendwelchen Zugeständnissen hinreißen zu lassen.

Letztlich hatte Jochen es Beate, Susannas langjähriger Freundin, zu verdanken, dass er noch nicht stolzer Vater eines ungewollten Kindes war. Beate redete immer wieder auf die Freundin ein, sie möge doch nicht so einen kapitalen Fehler begehen und ausgerechnet einen Mann wie Jochen vor vollendete Tatsachen stellen. Dabei könnte sie doch nur kreuzunglücklich werden.

«Aber ich hätte wenigstens ein Kind», hatte Susanna immer am Ende ihrer Diskussionen eingeworfen. Beate pflegte sich an diesem Punkt ihres Gesprächs dann an die Stirn zu tippen. Sie selbst hatte zwei Kinder und konnte diese Sehnsucht nach den quengelnden, weinenden und ständig streitenden Quälgeistern nur schwer nachvollziehen. Wenn sie auch keines freiwillig hergegeben hätte, wie Susanna nur zu gut wusste.

Inzwischen hatte sie ihr Champagnerglas geleert, den Kuchen aufgegessen, den Espresso getrunken, eine mehr als fürstliche Rechung bezahlt und auch dem freundlichen Ober ein üppiges Trinkgeld auf den Tisch gelegt. Es war kurz nach zwanzig Uhr an diesem Dienstag, die Happy Hour im «Gilli» fast zu Ende, denn die Gäste, die an den inzwischen in Weiß eingedeckten Tischen auf der Terrasse saßen, bestellten bereits ihr Abendessen. Nach einer weiteren einsamen Mahlzeit stand Susanna nicht mehr der Sinn. Aber sie wollte an der Bar noch einen Cocktail trinken. Sich unter die Florentiner mischen, die dort erfahrungsgemäß Abend für Abend zusammenkamen, aufgestylt für ein bewegtes Nachtleben, das man bestens am Bartresen des «Caffè Gilli» beginnen konnte. Niemand würde sie ob ihres ausschweifenden Lebensstils zur Rechenschaft ziehen. Die Umgebung rund um diesen Tresen aus glänzendem, aufpoliertem Holz war der ideale Laufsteg, um zu sehen und gesehen zu werden. Die grauweiß melierte Granitplatte, die die geschwungene Form des Tresens als durchlaufendes Band unterstrich, war vollgestellt mit Tellern, Schalen und Schüsselchen, deren Inhalt aus einem Cocktail eine volle Mahlzeit machten: pikante Cremes, gegrillte Scampis, verschieden große eingelegte Oliven, geröstete Erdnüsse, Chips, Grissini und Blätterteigplätzchen, gefüllt mit rohem Schinken und Ricottacreme.

Susanna bezahlte einen Negroni an der cassa und stellte sich in dritter Reihe an der Bar an. Sie hatte Zeit. Nichts war so anregend, wie den Barkeepern beim Schütteln und Rühren zuzusehen. Und ihre Erwartungen, was die sogenannte feine Gesellschaft von Florenz abends am Körper und in den Haaren trug, wurden nicht enttäuscht: die Damen in durchsichtigen Chiffonblusen und hautengen Jeans, mit riesigen Goldkreolen an den Ohrläppchen und dicken Ringen an mehreren Fingern, mit überdimensionalen dunkel- oder goldgefassten Sonnenbrillen, die an den Bügeln in Similisteinen die Embleme der Couturehäuser in den Raum strahlten und auf magische Weise in den gesträhnten Haaren hielten; die Herren in dunkelblauen Leinenanzügen und blau-weiß gestreiften Hemden, die sie am Kragen offen trugen, oder in dunklen Baumwollhosen und rosafarbenen Poloshirts, die die am Meer erlangte Sommerbräune im Lichterschein der Murano-Leuchter und in den Spiegeln hinter dem Tresen bestens zur Geltung brachten. Das Palaver war laut, das Gelächter nicht minder. Man kannte sich, man traf sich, und man beäugte sich jeden Abend aufs Neue, ob dem Modediktat der laufenden Saison auch Rechnung getragen wurde. Susanna, wie fast immer komplett in Schwarz gekleidet, konnte sich daneben sehen lassen. Sie gehörte hier zu den Vertretern des stile molto classico, zur Gruppe der ewig Schwarzen, die schon fast als Nonkonformisten verschrien, aber geduldet waren, weil man mit Schwarz einfach nichts falsch machen konnte.

Der Negroni schmeckte herrlich bitter nach der süßen Schokolade und war prickelnd kalt. Auf einem kleinen Porzellanteller hatte sich Susanna eine Auswahl der Snacks angerichtet und beschloss, dass das nun ihr Abendessen sein würde. Hunger hatte sie nach ihrer üppigen Kuchenvöllerei ohnehin keinen mehr. Sie beobachtete das Treiben um sich herum und dachte dabei unweigerlich an Andreas, mit dem sie hier viele Stunden während ihrer Studienzeit verbracht hatte.

Der bayerische Staat hatte ihr für außerordentliche Leistungen ein Stipendium bewilligt und sie mit einer Forschungsarbeit an die Stadt am Arno geschickt. Auch damals schon hatte ein Auftrag Schicksal gespielt. Ein Jahr lang konnte sie in Florenz bleiben und sich mit einem weniger bekannten und erforschten Zeichenkarton von Leonardo da Vinci beschäftigen. Mit den neuen Forschungsergebnissen wollte sie später ihre Promotionsarbeit in München fertigstellen. Andreas von Weisenfels, ein ausgewiesener Kenner der italienischen Renaissancemalerei, hatte sich in München habilitiert und einen Lehrstuhl an der Universität von Florenz angeboten bekommen. Zehn Jahre schon lehrte er in Italien, als Susanna bei ihm im Institut erschien. Er war ihr als Bester seines Fachs empfohlen worden, und sie hatte Glück: Er akzeptierte sie als Praktikantin an seinem Institut und unterstützte sie bei ihren Leonardo-Forschungen.

Als sie ihm zum ersten Mal begegnete, um sich vorzustellen, war er in seinem Büro umringt gewesen von einer Reihe junger Studentinnen, die er ganz offensichtlich mit einer Anekdote bestens unterhielt. Schallendes Gelächter empfing sie, als sie den Kopf zur Tür hereinsteckte, weil niemand auf ihr Klopfen reagiert hatte.

Der charismatische professore mit den langen dunkelbraunen Haaren, den blauen Augen und den immer leicht derangierten Klamotten, der hinter seiner hohen Stirn einen scharfen analytischen Verstand verbarg und ein Lächeln hatte, das sich nicht nur bei Susanna verheerend auf den Seelenfrieden auswirkte, wurde von seinen Studentinnen umschwärmt. Sein offen zur Schau gestellter Charme machte Susanna jedoch argwöhnisch und ließ sie anfangs an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Irgendwie passten seine lockeren Umgangsformen nicht mit ihrem Weltbild eines ernstzunehmenden Wissenschaftlers zusammen. Kritisch beobachtete sie ihn, verfolgte sie seine Vorlesungen und Seminare, konnte es aber dann doch nicht verhindern, dass sie anfing wie die anderen auch, sein schier unerschöpfliches Wissen zu bewundern. Sie merkte, wie sein Charme auch bei ihr auf fruchtbaren Boden fiel, wie seine Nähe sie irritierte. Und sie machte den vergeblichen Versuch, sich hinter ihrer Arbeit und einem betont sachlichen Auftreten zu verstecken, stets darauf bedacht, ihr eigentliches Ziel, ihre Promotionsarbeit, zu verfolgen. Die weiblichen Studenten, allen voran die herausgeputzten Italienerinnen, die weniger mit guten Prüfungen als mit gewagten Modekreationen glänzten, gingen ihr auf die Nerven. Sie hatte kein Interesse daran, ihn mit einem figurbetonten Top zu begeistern, was sie wollte, war die Anerkennung ihrer Arbeit.

Ihre Zurückhaltung musste ihn schließlich gereizt und herausgefordert haben, denn sein Werben um sie wurde deutlicher, substanzieller und weniger wortreich. Er lud sie zum Abendessen und zu Konzerten ein, aber erst als er sie dazu aufforderte, mit ihm zusammen eine Sonderausstellung in den Uffizien vorzubereiten, kam er ihr auch persönlich näher. Leonardo war das Thema, um das sich alles drehte. Es sollte eine große Ausstellung werden, die einige Jahre der Konzeption und Planung bedurfte. Als sie schließlich nach einer langen durchgearbeiteten Nacht hier im «Caffè Gilli» den ersten gemeinsamen Cocktail tranken, wurde Susanna das Opfer ihrer eigenen Müdigkeit, des reichlich genossenen Alkohols und des weichen und plötzlich sehr anlehnungsbedürftigen Professore. Die Nacht endete am frühen Morgen in seiner Wohnung in einem der alten Häuser im Viertel von Santa Croce. Nach dieser gemeinsamen Nacht fand sie kein Mittel mehr gegen ihn. Die Arbeit half ihr zwar, nicht völlig kopflos zu werden, aber ihr sonst so gut funktionierender Verstand spielte ihr mehr und mehr Streiche. Sie merkte, wie sie vor sich selbst nach Entschuldigungen suchte, um ihre zunehmende Abhängigkeit von Andreas zu kaschieren. Und er schien ihre Verliebtheit zu genießen. Dabei wusste sie nie genau, wie weit es ihm selbst ernst war und wo das Spiel mit ihren Gefühlen anfing. Er hielt sie in einer Art Schwebezustand, der sie elektrisierte und gleichzeitig verzweifeln ließ. Im Austeilen von Küsschen und verbalen Nettigkeiten an seine Studentinnen war er niemals geizig. Einmal konnte Susanna nicht mehr an sich halten und fragte: «Warum machst du das?»

«Was mache ich denn?», fragte er in aller Unschuld zurück.

«Warum machst du einer Studentin Komplimente, die dich lediglich gefragt hat, ob sie zu deiner nächsten Sprechstunde kommen kann?»

«Sei nicht langweilig», hatte er ihr halb amüsiert, halb ärgerlich vorgeworfen. «Was habe ich denn bitte gesagt oder getan, das du mir vorhalten könntest?»

Er wollte sie nicht verstehen! Oder war er wirklich so begriffsstutzig? Merkte er denn nicht, wie verletzend er sich verhielt? Susanna hätte sich in diesem Moment am liebsten die Zunge abgebissen. Wie hatte sie nur so dumm sein und in seine Falle tapsen können wie ein junges Kaninchen? Wenn sie jetzt wiederholte, was er tatsächlich gesagt hatte, nämlich dass er sich freute, die Studentin zu sehen, und schon sehr neugierig auf die Fortschritte ihrer Arbeit war, machte sie sich in seinen Augen vollends lächerlich. Deshalb schwieg sie lieber. Sie packte ihre Sachen zusammen, um sein Büro zu verlassen, in dem sie sich zu einer kurzen Besprechung getroffen hatten. Aber Andreas umarmte sie von hinten, hielt sie fest und drückte ihr einen Kuss auf den Hals. Danach flüsterte er ihr ins Ohr: «Ich mag es, wenn du eifersüchtig bist.»

Sie konnte es nicht verhindern, dass ihr eine Gänsehaut über Gesicht und Hals lief. Er hatte sie in der Hand, und das machte sie manchmal unglaublich wütend auf ihn und auf sich selbst. Er brauchte nur im Institut aufzutauchen, und sie merkte, wie ihr Körper auf ihn reagierte, wie eine heiße Welle sie durchflutete, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Der Verstand riet ihr, auf Abstand zu gehen. Andreas war kein Mann für eine dauerhafte Partnerschaft. Das ahnte sie, noch bevor er es ihr selbst sagte. Dennoch war sie gegen ihre Gefühle machtlos, ließ sich treiben, wollte alles mitnehmen, was sie kriegen konnte.

Susanna trank den Rest ihres Negroni aus. Seine Bitterkeit entsprach plötzlich auf unangenehme Weise genau ihren Erinnerungen an damals. Das Thema Andreas war nicht beendet. Sie spürte nach wie vor Wut, Ärger und Enttäuschung darüber, wie es zu Ende gegangen war, obwohl vier Jahre dazwischenlagen. Sie hatte ihre Affäre, wie Andreas ihre Beziehung zum Schluss abwertend und vielleicht auch aus Selbstschutz genannt hatte, weder verdaut noch verarbeitet, sondern nur verdrängt. Nie hatte sie sich das so deutlich eingestanden wie in diesem Moment. So sehr hatte sie darauf vertraut, die ruhige, manchmal fast langweilige, aber auch ungefährliche Beziehung zu Jochen könnte ihr helfen, die Vergangenheit zu vergessen. Seit gestern wusste sie, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllen würde. Kaum zurück in Florenz, holten sie die verbannten Träume wieder ein, kam die Verzweiflung hoch, die sie besiegt zu haben glaubte. Vielleicht half ihr die direkte Konfrontation mit der Vergangenheit am besten, diese Gespenster endlich loszuwerden. Dabei legte sie keinen Wert darauf, Andreas zu treffen oder zu sprechen. Was sollte das nach all den Jahren bringen? Er hatte sich mit Sicherheit nicht verändert. Und sie wollte mit Sicherheit nicht zu ihm zurück. Doch sie hatte es ihm bis jetzt nicht verziehen, dass sie es zugelassen hatte, von ihm verletzt und gedemütigt zu werden. Aber sie hoffte, dass die großartige Stadt, vor allem aber auch ihre Freundin, Elisabetta Sabrini, helfen konnten, ihre diffusen Gefühle, die sie nach wie vor für Andreas empfand, zu klären. Sie wollte weder Groll noch Wut empfinden, da jene Zeit trotz allem zu den glücklichsten gehörte, die sie bis jetzt erlebt hatte.

Susanna trat vor das «Caffè Gilli», ging über die große Piazza, deren Gebäude ringsherum mit weichem Licht aus großen Strahlern beleuchtet waren. Blitzlichter aus Fotoapparaten versuchten, die Stimmung und die großartigen Bauten als Erinnerung für zu Hause festzuhalten. Sie verließ den Platz durch das riesige, mehrfach überbaute Tor und machte sich auf den Weg zu ihrem Hotel. Inzwischen fühlte sie sich müde, spürte die Anstrengungen der Reise und die Aufregungen, die sie wieder in die Stadt am Arno geführt hatten, auch körperlich. Der Alkohol hatte sie in eine melancholische Stimmung versetzt, die sie nun wirklich nicht gebrauchen konnte. Sie musste schnellstens unter die Dusche und dann ins Bett, damit sie morgen ihre eigentliche Aufgabe in Angriff nehmen konnte.

Die Uhr des Campanile zeigte zehn Minuten nach neun, als sie die Piazza Santa Maria Novella erreichte. Sie liebte die Kirche, die denselben Namen trug. Aber der Anblick, der sich ihr jetzt bot, war traurig. Hinter einem hohen Gerüst mit einem riesigen Baumwolltuch verhüllt, zeigte Santa Maria Novella nichts von ihrer sonst so berühmten weißgrünen Marmorfassade. Der ganze Platz war durch die Bauarbeiten an der Kirche beeinträchtigt. Sonst schon nicht unbedingt von besonderem Reiz mit seiner lieblosen Rasenfläche in der Mitte, lag alles voller Abfälle. Grauer Baustaub überzog Autos, Straßen und Gehsteige. Rund um die Piazza pulsierte unverdrossen das Leben von Florenz. Dies war die Kehrseite der berühmten Stadt. Nicht alle Viertel waren vorzeigbar. In manchen wurde einfach gelebt, war die Stadt kein Museum, sondern präsentierte ihre Schattenseiten. Baustellen in Florenz hatten eine lange Haltbarkeit. Geld versickerte hier, wie anderswo auch, in unbekannten Kanälen und tauchte nur sehr verspätet, wenn überhaupt, wieder auf. Santa Maria Novellas Fassade war jedenfalls für die nächsten Jahre kein Touristenmagnet.

Sie ging weiter, erreichte wenige Minuten später die Via della Scala und betrat ihr Hotel. Mit dem Lift fuhr sie in den dritten Stock und betrat ihr Zimmer. Susanna machte Licht und warf sich erleichtert und müde auf das Bett. Das Zimmer war hübsch und zweckmäßig eingerichtet: ein Messingbett mit einem seidigen Überwurf in Gold- und Brombeertönen, ein dunkelbrauner Holzschrank mit passender Schubladenkommode, ein kleiner Schreibtisch mit Stuhl, darüber ein ovaler Spiegel und daneben eine Stehlampe mit einem beigefarbenen Seidenschirm – kein Stück zu viel. Der wunderbarste Farbtupfer dieser Hotelidylle allerdings hing auf einem Bügel an der Frontseite des Kleiderschranks. Kein Innendekorateur hatte hier seine Finger im Spiel, sondern es war die neueste Errungenschaft Susannas: ein sündhaft teures, wunderschönes und für ihre Verhältnisse gewagtes Abendkleid aus Seide in einem intensiven Smaragdgrün. Sie stand vom Bett auf, nahm das Kleid vom Schrank, trat vor den Spiegel und hielt es sich unters Kinn. Sie blickte in ein blasses, von der Reise angestrengt wirkendes Gesicht, das von kinnlangen, tizianroten Haaren gerahmt war, die Susanna in der Mitte gescheitelt trug. Das Grün des Kleides und der dunkelbraune Ton ihrer Augen waren wie für einander geschaffen.

Als Jochen sie am gestrigen Abend zu Hause antraf und Susanna dabei beobachtete, wie sie gerade eine riesengroße Tüte einer Nobelboutique aus der Maximilianstraße auf den Boden stellte, war er mitten in der kleinen Diele explodiert.

«Was hast du da gekauft?», fragte er. Keine Begrüßung kam über seine Lippen, kein Kuss erreichte ihre Wangen. Ohne lange zu fragen, wollte er die Tüte an sich nehmen. Aber Susanna hielt sie fest.

«Ich möchte sofort wissen, was du in der teuersten Straße der Stadt eingekauft hast! Musst du jetzt für den Altwarenladen deines Chefs schon Designerklamotten kaufen, damit du den Krempel an den Mann bringst?»

Susannas rechte Handfläche fing zu kribbeln an. Am liebsten hätte sie Jochen für diese unverschämte Bemerkung eine Ohrfeige verpasst. Was in Gottes Namen hatte sie nur bisher an diesem Mann so begehrenswert gefunden? Wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? Aber es wurde immer deutlicher: Jochen mochte zwar ein selbstbewusster und manchmal sogar mäßig witziger und charmanter Jurist sein, aber im täglichen Leben war er unbeholfen, lebensuntüchtig. Er brauchte eine Frau um sich, die ihm die Wohnung richtete, sich um seine Wäsche und Anzüge kümmerte, putzte und einkaufen ging. Dazu war sie bislang auch bereit gewesen. Allerdings hatte sie immer noch gehofft, er würde ihr als Gegenleistung einen Ehering an den Finger stecken und sie würden ein Kind bekommen. Aber seine letzte Bemerkung am Frühstückstisch hatte sie endgültig aufwachen lassen. Jochen forderte jegliche Bequemlichkeit, ließ sich nach Strich und Faden bedienen und verwöhnen, aber er erbrachte keine Gegenleistung, und er würde keine Verantwortung für sie, geschweige denn für ein gemeinsames Kind übernehmen, das begriff sie in diesem Augenblick. Dass er ihr jetzt offenbar auch noch übelnahm, was sie sich mit ihrem selbstverdienten Geld kaufte, war an diesem Tag entschieden zu viel. Sie sah plötzlich glasklar, was aus ihr nach zehn oder fünfzehn Jahren Beziehung mit Jochen werden würde. Sie würde die Bedienung spielen, die Haushälterin für den erfolgreichen Juristen, die nach Möglichkeit auch den sogenannten täglichen Kleinkram, wie Jochen das nannte, finanzierte.

Allerdings fehlte ihr nach der Auseinandersetzung mit Heribert Wagner am Vormittag dieses Montags die Energie, auch noch mit Jochen eine Grundsatzdiskussion über ihre nicht vorhandene Zweierbeziehung zu führen. Sie drehte sich daher auf dem Absatz um und trug ihre riesige Tüte in das gemeinsame Schlafzimmer. Dort öffnete sie ihre Seite des Kleiderschranks, zog den Hartschalenkoffer, den sie am Boden aufbewahrte, heraus, schob die Tüte an seiner Stelle hinein und verschloss nachdrücklich ihre Schrankhälfte mit dem Schlüssel. Jochen machte einen entschiedenen Schritt auf den Schrank zu, aber Susannas Arm schoss nach vorne. Unnachgiebig drückte sie ihm ihre Hand auf die Brust.

«Lass das», sagte sie und maß ihn mit einem Blick, der ihn endlich überrascht zurückweichen ließ.

«Was soll das werden? Was hast du vor?»

«Ich verreise!»

«Ich kann jetzt aber nicht verreisen. Ich habe zwei wichtige Verhandlungen in dieser Woche.»

«Du brauchst auch nicht zu verreisen. Ich fahre allein! Mir liegt es völlig fern, mit meiner Genusssucht deinem beruflichen Eifer im Wege zu stehen.»

Jochen machte den Mund auf und klappte ihn wieder zu. Er war zum ersten Mal in ihrer Beziehung sprach- und fassungslos. Er sah so verdattert aus, dass es schon wieder komisch war. Susanna kniff die Lippen zusammen, um nicht loszulachen, und begann aus ihrer Kommode Unterwäsche für fünf Tage zusammenzustellen. Stück um Stück wanderte in den Koffer, und Jochen stand daneben, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und beobachtete ungläubig und mit zunehmend finsterer Miene Susannas Treiben. Als sie schwarze Miederhöschen und teure Seidenstrümpfe vorsichtig hineinlegte, fragte er: «Dir ist das ernst?»

«Todernst!»

«Gut möglich, dass du das noch bereust!» Dann verließ er das Schlafzimmer, nicht ohne zu vergessen, die Tür kräftig hinter sich zuzuschlagen.

Susanna hängte das Abendkleid wieder an die Schranktür zurück, damit es sich noch etwas aushängen konnte nach der Reise, und griff nach ihrer Handtasche, die sie auf dem Schreibtisch abgestellt hatte. Sie holte ein schmales, rauchgraues Kuvert heraus und entnahm ihm eine gedruckte Karte. Es war eine persönliche Einladung zu einer «Gem Show» der Goldschmiede und Juweliere im Palazzo Pitti. Morgen, Mittwoch, um 21.00Uhr, erwartete man die verehrten Gäste in Abendkleidung zu einer Präsentation von Mode und Schmuck mit anschließendem Flying Buffet. Elisabettas Mann, Carlo Sabrini, aufstrebender Kommunalpolitiker der Stadt Florenz und deren Kulturreferent und Eventmanager, wie sich Elisabetta am Telefon lachend geäußert hatte, stellte für spezielle Veranstaltungen die exklusiven Räumlichkeiten der Stadt gegen horrende Mietpreise zur Verfügung. Er wusste, wie man die stets klamme Stadtkasse etwas aufbessern konnte. Es war nicht die erste Einladung, die Susanna auf diesem Weg erhalten hatte, aber noch nie hatte sie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, sie könnte einmal eine davon wahrnehmen. Sie hatte sich die exotischen oder völlig abgehobenen Events gerne vorgestellt, aber dann die Einladungskarten regelmäßig in den Papierkorb geworfen. Dieses Mal konnte und wollte sie dabei sein.

Elisabetta hatte einen Freudenschrei am Telefon ausgestoßen, als sie sie heute Mittag noch vom Flughafen in München aus angerufen hatte. Die Freundin hatte nicht im Traum daran gedacht, dass ihre Bemühungen, Susanna endlich wieder einmal nach Florenz zu locken, Erfolg haben würden. Sie würden viel Spaß haben, das war sicher. Elisabetta war eine lebenslustige, kleine, drahtige Person, die mit ihrem Temperament und ihrer Lebensfreude einfach ansteckend wirkte.

Susanna sah sich um. Ihr Koffer stand unausgepackt noch in einer Ecke des Hotelzimmers und wartete darauf, dass sie sich seiner erbarmte. Eigentlich hatte sie keine Lust mehr dazu, alle Teile im Schrank zu verstauen. Aber wenn sie morgen früh in die Bibliothek wollte, um mit ihren Recherchen zu beginnen, würde sie auch keine Zeit dafür haben. Sie kannte sich, sie kam morgens schlecht aus den Federn. Also wuchtete sie den Hartschalenkoffer auf ihr Bett und öffnete den Deckel.

Obenauf lagen Pullover für die kalten Abende. Wenn sie an die Hitze dachte, die nach wie vor in den abendlichen Gassen stand, konnte sie über ihren deutschen Wetterpessimismus nur lachen. Sie hängte ihren schwarzen Hosenanzug, die Allerweltsgarderobe für alle Lebenslagen, auf den mitgebrachten Bügel und legte ihr Nachthemd über das Kopfkissen. Dann folgte eine Lage weißen Seidenpapiers, das die gesamte Kofferfläche abdeckte. Darunter kamen völlig ungewohnt und selten deplatziert für Susanna zwei dicke Wochenendausgaben der Süddeutschen Zeitung, die sie Jochen eigenmächtig entwendet hatte. Sie war ihm jetzt noch dankbar, dass er irgendwann das Schlafzimmer geräumt hatte, um nicht Zeuge ihrer Reisevorbereitungen zu werden. Eine Reise, die er überflüssig und in höchstem Maße lästig fand, weil sie seine tägliche Routine empfindlich störte.

Die dicken Zeitungen sollten ihr helfen, den Zoll am Flughafen bei ihrer Ankunft in Florenz zu überlisten. Dabei hatte sie wenig Hoffnung gehabt, dass ihr das Täuschungsmanöver gelänge. Aber niemand hatte sich bei der Einreise für ihren Kofferinhalt interessiert. Susanna hob die Zeitungen an und legte sie auf den Schreibtisch. Darunter kam ein dunkelbrauner Karton zum Vorschein. Sie starrte darauf und strich behutsam mit den Fingern darüber.

Dann hob sie vorsichtig den Karton hoch und blickte in zwei starre, weitaufgerissene, blaue Augen, die wie aus Glas zu sein schienen und die zu einem Jünglingskopf mit flachsgelben Locken gehörten. Sein Blick, der in eine unbekannte Ferne schaute, vermittelte den Eindruck von Trauer und Schmerz. Susanna unterdrückte den Wunsch, ihm über die Augen zu streichen, sie ihm wie bei einem Toten zu schließen. Der Ausdruck des Porträts hatte etwas Beklemmendes und unsäglich Trauriges an sich. Sie fühlte, wie eine leise Angst sie ergriff, eine leichte Gänsehaut über ihre Unterarme lief. Dieses Bild hatte alles ins Rollen gebracht, hatte sie ein Wochenende lang grübeln lassen. Während sie fieberhaft an dem Auktionskatalog arbeitete, hatte sie hin und her überlegt und schließlich den Mut aufgebracht, sich sowohl mit ihrem Freund als auch mit ihrem Chef anzulegen. Und je länger sie das Bildwerk betrachtete, desto sicherer war sie sich, dass sie mehr über dieses Jünglingsporträt wissen musste, wenn sie wieder zur Ruhe kommen wollte.

II. La Biblioteca

Um halb neun Uhr am nächsten Morgen verließ Susanna nach einem kurzen Frühstück an der Bar das Hotel. Sie wollte möglichst früh die biblioteca erreichen, die in den Gebäuden der Uffizien untergebracht war, um mit ihren Recherchen zu beginnen. Das Jünglingsporträt und Wagners Auftrag duldeten keinen weiteren Aufschub. Und sosehr sich Susanna freute, in Florenz zu sein, so sehr fühlte sie sich Wagner verpflichtet. Seine Autorität, die er am Montagmorgen mit aller Deutlichkeit in seinem Büro ausgespielt hatte, blieb wie üblich nicht ohne Wirkung auf sie. Der ehemalige Trödelhändler, der sich mit Wohnungsauflösungen und Flohmärkten nach seinem Studium der Betriebswirtschaft in den siebziger Jahren seine ersten Brötchen verdient hatte, war inzwischen als Autodidakt in Sachen Kunst und Antiquitäten zu Geld gekommen. Selbst auf dem heißumkämpften Kunstmarkt Münchens hatte er sich mit seinem Auktionshaus einen guten Ruf erworben, und er war alles andere als zimperlich, wenn es ums Geschäft ging. Nur so waren seine beneidenswerten Gewinne zu erklären. Nicht immer war Susanna mit seinen Geschäftspraktiken einverstanden. Nicht immer ließ sich Wagner von ihr überzeugen, dass er einfach nicht alles verkaufen konnte, nur weil es den Weg in sein Auktionshaus gefunden hatte. Während sie die Via della Scala entlangging, hatte sie keinen Blick für die Auslagen der kleinen Geschäfte, weil ihr Kopf voll war mit den Ereignissen der vergangenen Tage. Die Art und Weise, wie das Jünglingsporträt nach München gelangt und schließlich in der Lagerhalle Wagners gelandet war, entsprach überhaupt nicht dem üblichen Weg, auf dem Kunstwerke normalerweise in ein Auktionshaus gelangten.

Als sie am Freitagnachmittag mit einer Tasse Kaffee am Fenster ihres Büros stand, das sie sich mit ihrer Freundin und Kollegin Beate teilte, und auf den Innenhof des Auktionshauses hinunterschaute, dachte sie an nichts Böses. Lediglich eine kurze Verschnaufpause wollte sie sich gönnen, und dabei beobachtete sie, wie eine schwarze Limousine langsam vor die Laderampe fuhr. Ein dunkelhaariger und dunkelgekleideter Mann mittlerer Statur stieg aus und öffnete den Kofferraumdeckel. Mit nur mäßigem Interesse verfolgte Susanna, wie Hausmeister Gruber ohne Eile, wie es seine Art war, mit einer Sackkarre hinzukam und gemeinsam mit dem Fremden eine flache, aber breite Holzkiste aus dem Kofferraum wuchtete und auf die Karre auflud. Dabei wurde nicht viel gesprochen. So viel bekam Susanna mit, denn der ganze Ausladevorgang dauerte nur wenige Minuten. Dann fuhr die Limousine, ein schwarzer Alfa, langsam wieder aus dem Innenhof und hinaus auf die Straße. Susannas letzter Blick galt dem Nummernschild des Wagens, der demnach aus Italien stammte. Eine Entdeckung, die sie dann doch etwas verwunderte. Angeliefert und abgeholt wurde täglich etwas. Aber aus dem Ausland trafen die Lieferungen entweder per Bahn oder per Lkw-Fracht im Auktionshaus ein. Eine Privatlieferung mit dem eigenen Auto machten nur wenige Kunden. Aber danach sah es ganz offensichtlich aus.

«Komm, Bea», sagte Susanna und stellte ihre Kaffeetasse auf dem Schreibtisch ab, «ich möchte doch wissen, was da gerade angeliefert wurde.»

Nur widerwillig ließ sich Beate stören.

«Du und deine Neugier! Bedeutet doch nur Arbeit, egal, was da geliefert wurde. Wir haben mit dem, was hier auf den Tischen herumliegt, genug zu tun.»

«Komm schon!» Susanna ließ nicht locker. Für sie hatten die täglichen Lieferungen, selbst nach drei Jahren Arbeit bei Wagner, nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Sie fand es immer wieder spannend, welche Schätze sich in den Kisten und Kartons verbargen.

Gemeinsam gingen sie zu Gruber in den Lagerraum und kamen gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der Hausmeister aus der Kiste zwei Bilder heraushob. Es handelte sich einmal um ein wunderschönes Altarblatt der italienischen Gotik. Das erkannte Susanna sofort. Das kleine, goldgrundige Kunstwerk war eine echte Rarität und unglaublich wertvoll. Das andere Bild zeigte einen Jünglingskopf, den Susanna bei genauerem Hinsehen für eine Fälschung hielt. Der Maler versuchte sich darin, zugegebenermaßen sehr gekonnt, ein Renaissancebild zu kopieren. Dennoch wirkten die Farben zu frisch, die Oberfläche zu glatt für ein Bild dieser Zeit. Die Kombination aus hochklassiger und wertloser Ware in ein und derselben Lieferung fand Susanna äußerst seltsam. Noch alarmierter war sie dann, als sie feststellen musste, dass außer einem Geschäftsbrief in englischer Sprache keine weiteren Papiere die Kunstwerke begleiteten. Keine Fracht- oder Zollpapiere, keine Expertisen und keine Eigentümernachweise, wie sie bei Kunstgegenständen, die die italienische Grenze passierten, obligatorisch waren. Eigens abgestellte Gutachter und Kuratoren von Museen mussten hinzugezogen werden, wenn eine Galerie, ein Museum oder ein Privatsammler Kunstgegenstände ins Ausland veräußern wollte. Straffreier Export war nur mit eindeutigem Herkunftsnachweis möglich. Natürlich fanden sich immer Mittel und Wege, die gesetzlichen Bestimmungen zu unterlaufen. Doch fehlten die Papiere, war für den Händler besondere Vorsicht geboten. Nach all den Erfahrungen, die Susanna mit dieser Art von Sendungen über die Jahre gesammelt hatte, handelte es sich dabei um Schmuggelware, im schlimmsten Fall sogar um Diebesgut. In dem beiliegenden Brief bat die Einsenderin Cosima Bettone, wohnhaft in Florenz, lediglich darum, die Kunstwerke zum nächstmöglichen Termin zu versteigern. Nicht einmal Mindestgebote hatte sie abgegeben. Hinweise auf die Künstler, denen die Bilder zuzurechnen waren, fehlten ebenfalls. Befremdet sahen sich Susanna und Beate an.

«Na, toll!», konnte sich Beate dann nicht verkneifen. «Wusste ich’s doch. Arbeit… und dann auch noch von der ganz feinen Art. Ich habe nichts gesehen. Vor Montag brauchst du mir damit gar nicht erst zu kommen.» Mit dieser wenig hilfreichen Bemerkung hatte sie die Lagerhalle verlassen. Susanna kannte Beate gut genug, um zu wissen, dass das heikle Gespräch über die dubiose Ware mit Wagner an ihr hängenbleiben würde. Und sie sollte recht behalten.

Susanna stand an einer Ampel gegenüber dem Palazzo Strozzi in der Via Tornabuoni. Die Rustica-Fassade des Palazzo wurde an seiner linken Flanke vom hellen Licht der Morgensonne angestrahlt. Sie schaute zum blauen, wolkenlosen Himmel hinauf. Es versprach ein weiterer sehr warmer Septembertag zu werden. Susanna fühlte sich plötzlich unerwartet glücklich. Es genügte, einfach dazustehen, angekommen zu sein, um in ihr ein Gefühl der Freude aufsteigen zu lassen. Der Spritzenwagen der Stadt fuhr langsam an ihr vorbei. Er hinterließ dunkle feuchte Flecken auf dem Asphalt. Es roch nach nassem Staub, nach Moder, der aus uralten Hauseingängen strömte und nach ribollita, der unvermeidlichen toskanischen Suppe, die, mehrmals aufgewärmt, täglich dicker wurde und zu den Standardgerichten Florentiner Familien und Gasthäuser gehörte. Es roch so typisch nach Florenz, dass Susanna tief einatmete und dieses Duftgemisch richtiggehend in sich aufsog.

Einen Moment zögerte sie, dann gab sie ihrem Impuls nach. Ein kleiner Abstecher konnte doch nicht schaden! Ihr Besuch in der Bibliothek würde nicht lange dauern. Sie war sicher, die Beweise für die Fälschung rasch zu finden. Sie hatte ganz bestimmt Zeit, einen Blick in die Geschäfte der Via Tornabuoni zu werfen. Erfolgreich beruhigte sie ihr Gewissen. Gleich nach der Bibliothek würde sie ins Hotel zurückgehen, das Porträt holen und Cosima Bettone aufsuchen. Vermutlich stellte sich dabei heraus, dass die ganze Aufregung auf einer Reihe von Missverständnissen beruhte. An einen echten Schwindel oder gar Betrug vonseiten der Signora mochte sie nicht so recht glauben. Vielleicht auch einfach deshalb, weil die Aussicht auf unbeschwerte Tage in Florenz, und das ganz auf Kosten von Heribert Wagner, unwiderstehlich war. Heute Abend schon würde sie ihre Freundin Elisabetta treffen, und dann könnten sie ausgiebig in alten Erinnerungen schwelgen, über ehemalige Kommilitonen herziehen, und vielleicht würde Elisabetta auch die eine oder andere Neuigkeit über Andreas ausplaudern.

Die Via Tornabuoni hatte von jeher eine seltsame Faszination auf sie ausgeübt. Die Läden der weltberühmten Einkaufsstraße, die Nobelmarken Armani, Gucci, Valentino und Dolce & Gabbana, reihten sich wie Perlen auf einer Schnur aneinander. An den Auslagen einfach nur vorbeizugehen, obwohl überall noch die schützenden Eisengitter heruntergezogen waren, brachte Susanna nicht fertig. Einmal ohne Jochen Mode zu bewundern, ohne seine Kommentare wie: «Du kaufst ja doch nichts» oder «wir müssen weiter, was gibt es denn da so Interessantes zu sehen», oder noch besser «das ist doch alles maßlos überteuert», war einfach zu verführerisch.

Als Studentin hatte sie der ungeniert ausgestellte, dekadente Luxus belustigt, hatte sie vor allem an den Nachmittagen und am frühen Abend Frauen jeglichen Alters dabei beobachtet, mit welcher Selbstverständlichkeit sie sich in diesen Läden bewegten, Sonnenbrillen probierten, Handtaschen an Seidenröcke hielten, ob die Farbe auch passte, und Verkäuferinnen mit nicht enden wollendem Anprobieren nervten. Aber sie hatte niemals ernsthaft das Verlangen verspürt, es ihnen nachzumachen und sich eines dieser teuren Teile zu leisten. Nicht, dass es etwa im Bereich ihrer finanziellen Mittel gelegen hätte! So freigebig war der bayerische Staat nun wieder nicht. Allerdings war ihr auch bewusst, dass sie so nie wirklich dazugehörte. Nur zu gut kannte sie die prüfenden Blicke völlig unbekannter Passanten, die sie ungeniert musterten, ob sie nicht wenigstens eine der bekannten Marken sichtbar am Körper trug. Man wurde taxiert, eingestuft und ganz schnell einer bestimmten Schicht zugeschlagen. Als deutsche Studentin, selbst mit gutem Geschmack und apartem Aussehen, konnte man nur mittelmäßig bis schlecht abschneiden. Außer man war blond, langbeinig und blauäugig. Mit all dem konnte Susanna nicht dienen. Sie hatte es als eine gewisse florentinische Arroganz hingenommen und sich gleichzeitig im Stillen darüber amüsiert. Sie brauchte schließlich nicht hier zu leben.

Susanna wusste natürlich, dass es nicht in allen Florentiner Haushalten wie bei Grafen und Fürsten zuging. Auch sie blieb ihrer Herkunft und Erziehung treu. Ihr Vater war Architekt gewesen und hatte im Baureferat der Stadt München gearbeitet. Er verdiente nicht schlecht, aber trotzdem lebten sie bescheiden. So hatte sie natürlich nicht von Kindesbeinen an gelernt, wie wichtig bella figura war! Wie entscheidend das Aussehen bei der täglichen passeggiata um fünf Uhr nachmittags durch die Gassen von Florenz das Selbstbewusstsein stärkte. Wie jede und jeder Einzelne sich geschickt von den Strömen der Touristen zu unterscheiden verstand, dabei bemüht, mit den anderen der eigenen Klasse mitzuhalten, ja sie am besten noch zu übertrumpfen. Es war ein täglicher Konkurrenzkampf auf den Gassen von Florenz, der nicht mit offenem Schlagabtausch, sondern diskret und gezielt mit Gucci-Handtaschen, Valentino-Halstüchern, Ferragamo-Schuhen oder Armani-Anzügen geführt wurde.

An manchen Tagen hatte sie diese oberflächliche Zurschaustellung von Geld und Prestige jedoch nicht amüsiert, sie hatte sie mehr als widerwärtig gefunden. Sosehr sie die Stadt liebte und ihren Bewohnern Sympathie entgegenbrachte, sosehr sie sich auch um Freundschaften und Anerkennung bemüht hatte, so wenig war sie doch bereit gewesen, deshalb für ein Täschchen fünfhundert Mark hinzublättern, nur weil das edle Plastikmaterial die Embleme einer Nobelmarke wie ein Tapetenmuster abbildete und das «must» der Saison war. Wer da nicht mithalten konnte, wurde auf Distanz gehalten. Die Reichen der Stadt blieben unter sich. Auch die Studenten kannten ihren Wert. Sie hatten keinen Hehl daraus gemacht, dass sie Kunstgeschichte studierten, weil sie glaubten, damit am einfachsten und angenehmsten ihre Zeit zu verbringen und gleichzeitig auch noch einen akademischen Titel zu erlangen, mit dem man unter seinesgleichen bestehen und brillieren konnte. Einen Beruf, wie Susanna vorschwebte, wollten die wenigsten daraus machen. Brauchten sie auch nicht. Im Hauptberuf waren sie reiche Erben.

Elisabetta, auch sie verwöhnt und mit jeglichem Tand der Hochglanzblätter ausstaffiert, war dennoch in dieser Hinsicht eine Ausnahme gewesen. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil ihr Vater, ein Amerikaner aus New York, als Diplomat ein offenes Haus pflegte. Man gab sich kosmopolitisch, weltoffen und tolerant. Susanna hatte sich in der Stadtwohnung der McGregors am Lungarno, in einem der mächtigen Palazzi, immer wohlgefühlt.

Entschieden riss sie sich jetzt von den Auslagen los und beschleunigte ihre Schritte. Als sie die Piazza della Signoria überquerte, merkte sie schon, wie es um sie herum immer voller wurde, wie sich einzelne Touristengruppen vor dem Palazzo Vecchio und vor der Loggia dei Lanzi formierten. Es war höchste Zeit, endlich die Uffizien zu erreichen. Als sie nach der Loggia rechts in die Piazzale degli Uffizi einbog, traute sie ihren Augen kaum. Eine Schlange von Menschen, die unter den Arkaden dicht an dicht standen, immer vier nebeneinander, reichte fast an den Lungarno, und es war noch nicht einmal neun Uhr. Susanna hatte es vergessen, aber die Realität holte sie ein. Florenz gehörte einem nie allein. Die ganze Welt interessierte sich für die Schätze der Stadt, begeisterte sich für ihre Schönheit und fiel Heuschrecken gleich jedes Jahr in Schwärmen ein. Das Stimmengewirr unter dem Gewölbe des langen Ganges hallte zu ihr heraus. Die wunderbaren Arkaden, von Vasari genial geplant und von CosimoI. de’ Medici in Auftrag gegeben, waren schwarz von Menschen.

Am Haupteingang versuchte ein einsamer Museumsdiener sein Bestes, indem er mit vollem Körpereinsatz die Touristen davon abhielt, die heiligen Museumshallen zu stürmen. Susanna fühlte leichte Panik in sich aufsteigen. Auch sie musste durch diesen Haupteingang, um durch die Museumsbuchhandlung die Treppe zur Biblioteca zu erreichen. Wie sollte ihr das gelingen? Sie hatte nicht vor, sich ans Ende der Schlange zu stellen. Schließlich wollte sie nicht in die Gemäldegalerie. Während sie noch überlegte, wie sie es wohl anstellen sollte, den Kontrolleur von ihrem Vorhaben zu überzeugen, fiel ihr Blick auf ein großes Plakat, das neben dem Eingang aufgestellt war. Es wies auf eine Leonardo-da-Vinci-Ausstellung hin, die noch bis Ende des Jahres gezeigt wurde. Jetzt, viele Jahre später, war es also endlich so weit. Susanna hatte den Fortschritt der Arbeiten zur Ausstellung nach ihrer Rückkehr nicht mehr verfolgt. Sie wollte nicht an Andreas, an die gemeinsame Zeit in Florenz erinnert werden. Es war schlimm genug gewesen, dass ihre Promotion noch ein Bindeglied darstellte, das sie nicht kappen konnte, wollte sie nicht ihre eigene Zukunft gefährden. Vielleicht würde sie sich trotzdem in den nächsten Tagen die Ausstellung ansehen. Eigentlich war sie das ihren eigenen Studien und Leonardo schuldig, wenn es für sie auch beruflich nicht mehr von Belang war. Sie konnte nicht für den Rest ihres Lebens alles meiden, was sie entfernt an Andreas erinnerte. Dann hätte sie erst gar nicht nach Florenz reisen dürfen.

Entschlossen trat sie auf den Haupteingang und den Museumsangestellten zu, der auch sofort wild mit den Armen zu rudern begann und die vermeintliche Touristin ans Ende der Schlange zu scheuchen versuchte. Erste Unmutsäußerungen der Wartenden machten ihr nicht gerade Mut. Susanna war froh, den schwarzen Hosenanzug für diesen an sich rein informativen Gang zur Bibliothek gewählt zu haben. Neben den Besuchern in Shorts und Flipflops war sie sichtbar geschäftlich unterwegs.

«Your ticket!», bellte sie der Mann vom Museum an.

«Ich habe einen Termin in der Bibliothek», gab Susanna zurück, sehr bemüht um eine korrekte italienische Ausdrucksweise. Der Mann stutzte, wollte sich aber nicht geschlagen geben.

«Your ticket!», wiederholte er mit Nachdruck, als könnte ihn die Wiederholung seiner Aufforderung weiterbringen.

«Signora Stefania erwartet mich», log Susanna aufs Geratewohl. Sie hatte keine Ahnung, ob Stefania heute Dienst hatte, ja ob sie überhaupt noch für die Bibliothek arbeitete. Aber sie hatte Erfolg mit dieser Taktik. Der Mann legte eine Eisenkette vor den Besucherstrom, um weitere Touristen erst einmal zurückzuhalten, zog ein Handy aus seiner Hosentasche und telefonierte. Ein argwöhnischer Blick traf Susanna. Offenbar hatte sie den falschen Namen erwischt.

«Fragen Sie, ob Signor Terani Zeit hat, um kurz mit Signora Martens zu sprechen.»

«Sì, sì…!»

Das hörte sich nun schon etwas verheißungsvoller an. Gnädig hakte der Mann die Eisenkette schließlich wieder aus ihrer Verankerung und ließ Susanna passieren. Innen folgte eine genaue Prüfung durch Sicherheitsschranken wie am Flughafen. Sie musste ihre Handtasche auf ein Förderband legen, sämtliche Metallteile vom Körper nehmen und sich einer Leibesvisitation unterziehen. Man nahm die Überprüfung der Besucher sehr ernst. Nicht wenige murrten, weil sie ihre Mineralwasserflaschen in einen Behälter werfen mussten, der bereits zu dieser frühen Stunde fast voll war. Die Angst vor terroristischen Anschlägen hatte auch Florenz erreicht. Die sonst so sprichwörtliche Nonchalance der Italiener bezüglich der Folgeleistung von gesetzlichen Vorschriften traf hier nicht zu. Na ja, es ging ja nur die Touristen an, dachte Susanna ein wenig belustigt. Spielte ja keine Rolle, wenn sie murrten und sich beschwerten. Wer es bis zur Sicherheitsschranke geschafft hatte, wartete schon seit Stunden. Es war unwahrscheinlich, dass die Kontrolle jetzt noch einen Besucher abhalten konnte. Und wenn doch? Fa niente – macht nichts! Einer weniger.

Susanna wandte sich nach rechts und ging durch den Museumsshop. Normalerweise hätte sie sich hier gern aufgehalten und ein wenig gestöbert. An Büchern kam sie nur schwer vorbei. Aber vielleicht konnte sie das nach erfolgreicher Recherche noch machen. Jetzt hatten erst einmal Wagner und der Jüngling Vorrang.

Sie stieg die grauen Steinstufen nach oben, bis sie eine weitere Sicherheitsschranke erreichte. Ohne Alarm auszulösen, öffnete sie die Glastür dahinter und betrat den Vorraum des Lesesaals.

«Signorina, che gioia!» Ein untersetzter Mann in weißem Arbeitsmantel, ganz so als befände er sich im Kampf gegen Viren und Bakterien, als müsste er die kostbaren Bücher vor Grippe und Infektionen schützen, eilte mit offenen Armen auf Susanna zu. Es war Guido Terani, der Bibliothekar, der nach ihren Händen griff und sie schmerzhaft zur Begrüßung drückte.

«Signor Terani, wie geht es Ihnen?»

«Bene, bene…» Sein Gesicht glühte, seine Augen strahlten. Signor Terani war der unermüdliche Forscher nach Büchern gewesen, die sie für ihre Promotion und ihre Arbeit für Andreas gebraucht hatte. Er hatte Kataloge gewälzt, Handschriften ausgegraben und schließlich der bis dahin wenig bekannten Skizze von Leonardo mit Urkunden und Inventarien, die er in den weitläufigen Archiven im Keller der Uffizien entdeckte, Leben eingehaucht. Susanna verdankte letztlich seinem Sachverstand und seiner unermüdlichen Hilfsbereitschaft den Erfolg ihrer Promotion. Kein Wunder, dass er sich an sie erinnerte, hatte sie sich doch mindestens genauso oft in der Biblioteca degli Uffizi aufgehalten wie in der Universität.

«Was gibt es Neues, Signor Terani?» Susanna wusste, dass sie nicht einfach mit der Tür ins Haus fallen konnte, dass sie sich mit ihm erst ein bisschen unterhalten musste, bevor sie ihre Wünsche äußern konnte. Aber das machte nichts. So gewann sie etwas Zeit. Denn sie hatte sich noch nicht endgültig entschieden, wie sie ihre Recherche begründen wollte. Sie war sich auch nicht ganz sicher, welcher Maler der Renaissance für den Jünglingskopf Pate gestanden hatte. Sie kannte kein Porträt, das mit dem Bild in ihrem Hotelzimmer identisch war. Die Fälschung war in ihren Augen und mit ihrem Kenntnisstand eine mehr oder weniger gut geglückte Annäherung an die Malerei im Renaissancestil. Das Gemälde war in Temperafarben ausgeführt, eine für moderne Maler sehr seltene und aufwendige Technik, und auf einer Platte aus Lindenholz aufgebracht.

Doch selbst den ihr wirklich gut bekannten und vertrauten Bibliothekar wagte sie nicht ins Vertrauen zu ziehen. Zumindest vorläufig nicht. Sie wollte nicht unnötig Staub aufwirbeln. Vielleicht klärte sich die Sache als völlig harmlos auf.

«Es ist viel geschehen», begann Signor Terani zu erzählen. «Professoressa Tibaldi ist im letzten Jahr ganz unerwartet gestorben.»

«Ach», mehr brachte Susanna nicht zustande. Die Tibaldi hatten sie geschätzt und gleichzeitig gefürchtet. Eine große, stämmige Frau, die aus Rom stammte, als Spezialistin der gotischen Architektur galt und deren Lieblingsthema Giotto war. Susanna hatte nicht viel mit ihr zu tun gehabt, aber sie kannte sie. Die Professoressa war einfach nicht zu übersehen, noch weniger zu überhören. Eine temperamentvolle, laute Person, die ihre Studenten scheuchte und sich mit schweren Examensprüfungen keine Freunde unter ihnen machte.

«Ja, eines Tages hat man sie tot in ihrer Wohnung gefunden. Herzstillstand. Einfach so!» Terani nickte bedächtig. «Sehr traurig!»

Susanna wartete ab. Sie war sicher, er würde mehr erzählen.

«Und dann die Sache mit Professore Weisenfels! Aber das wissen Sie ja sicher!» Er sah sie bedeutsam an. Susanna erschrak. Der Bibliothekar wusste über die Beziehung zwischen ihr und Andreas natürlich Bescheid. Sie waren mehrmals gemeinsam bei ihm gewesen und hatten seinen Rat eingeholt. Danach hatte er Susanna scherzhaft wie ein besorgter Vater getadelt. Der Professore sei bei seinen Studentinnen schon sehr beliebt, hatte er ihr leise verraten, ob sie denn das nicht wisse. Sein Hinweis war zu spät gekommen.

«Was ist mit Professore Weisenfels?», fragte Susanna und gab sich alle Mühe, interessiert, aber gleichgültig zu wirken, obwohl seine Bemerkung sie beunruhigte.

«Vor zwei Jahren hat er seine Arbeit im Institut aufgegeben.»

«Das ist nicht möglich! Warum sollte er das tun? Die Universität ist sein Leben. Nichts sonst interessiert ihn wirklich.» Sie musste es schließlich wissen. War doch seine Arbeit am Institut letztlich der Trennungsgrund gewesen. Andreas hatte behauptet, seine Arbeit ließe ihm keine Zeit für Frau und Kinder. Er wollte frei sein, wollte vielleicht auch einmal nach Amerika gehen, an ein großes Museum, um dort für einige Zeit zu arbeiten. Er hatte Pläne gehabt. Karrierepläne, die sich mit einer Familie in seinen Augen nicht verbinden ließen. Susanna hatte das nicht so gesehen, aber es war ihr auch nicht gelungen, ihn umzustimmen.

«Wo ist er hingegangen?»

«Er hat sich im Tibertal ein altes rustico gekauft und schreibt dort Bücher. In die Biblioteca kommt er noch manchmal, aber meistens schickt er eine seiner früheren Studentinnen.»

Susanna tat sich schwer, diese Nachricht zu verdauen. Was in Gottes Namen wollte Andreas im Tibertal? Dort war ja nun gar nichts los. Keine Ausstellungen, keine Nachtlokale, kein Theater, keine schicken Bars, keine jungen Studentinnen.

«Am Institut war man über seinen Schritt sehr überrascht», fügte Guido Terani noch hinzu.

Susanna konnte sich das gut vorstellen. Sie war es auch. Schneller als erwartet hatte sie Neuigkeiten über Andreas erfahren. Aber mit dieser Wendung in seinem Leben hatte sie nicht gerechnet.

«Und wie ist es Ihnen ergangen? Was machen Sie in Monaco di Baviera?», fragte Signor Terani freundlich und lachte sie an. Er wollte das Thema wechseln und stellte dabei eine für Susanna heikle Frage. Eigentlich wollte sie den liebenswerten Guido Terani nicht anlügen. Aber für die Wahrheit konnte sie sich auch nicht entschließen.

«Ich arbeite als Kunstsachverständige, mache Expertisen.» Das war zumindest nicht ganz gelogen. «Und arbeite manchmal für ein Kunstmagazin.»

«Ah», seine Augen blitzten auf. «Und Sie sind hier, weil Sie Hilfe brauchen!», sagte er mehr als nur hoffnungsvoll. Es war unübersehbar, dass er Susanna jede nur erdenkliche Hilfe gewähren würde. Sie war fast ein wenig gerührt und beschämt zugleich.

«Ich fürchte ja», begann sie vorsichtig. «Ich möchte mich über Piero della Francesca, seinen Lehrer Domenico Veneziano und über Masaccio informieren.»

Signor Terani sah sie eigenartig an. Die Freude war aus seinem Gesicht gewichen. Ernst musterte er sie, um dann auf seinen Computerbildschirm zu starren, als wäre dort bereits die Antwort zu finden.

«Warum Piero?»

«Im kommenden Frühsommer findet eine große Ausstellung über ihn an verschiedenen Orten der Toskana statt. Aber das wissen Sie ja sicher. Das Magazin möchte gerne einen Überblick seiner Werke bringen. In der deutschen Kunstszene ist der Maler nur wenigen Kennern bekannt.»

«Seit einigen Monaten hat das Interesse an Piero della Francesca sprunghaft zugenommen.»

«Und Sie glauben nicht, dass das im Zusammenhang mit der Ausstellung ganz normal ist?»

Guido Terani bewegte seinen runden Kopf bedächtig hin und her. Es war klar, diese Auffassung mochte er nicht teilen.

«Ich kenne die Professoren und ihre Assistenten, die mit der Ausstellung befasst sind, bestens. Weisenfels gehörte auch dazu.» Er machte diese Bemerkung so nebenbei, als wollte er verhindern, dass Susanna ihr große Bedeutung zumaß. «Aber es fragen Leute nach Bildbänden und theoretischen Schriften, die mit der Universität nichts zu tun haben. Eigentlich sollten wir uns freuen, wenn auch ganz normale Bürger unsere schöne Biblioteca benutzen. Aber… na ja, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.» Der Bibliothekar machte eine Pause und schaute in den großen Lesesaal hinein.

Sie standen im Vorraum, in dem die Kataloge, Karteikarten und Nachschlagewerke in wandhohen, dunklen Holzregalen aufbewahrt wurden. Der Blick in den Lesesaal hatte Susanna immer schon mit Ehrfurcht und Freude erfüllt. Es war ein mehr als architektonisch nur gelungener Raum, viele Meter hoch, vollgestellt mit Büchern, die man während des Studiums in München nur vom Hörensagen kannte: die Viten des Vasari, die Architekturtraktate des Palladio, Skizzenbücher und Handschriften eines Raffael oder Michelangelo. Alles Originale natürlich und alles verfügbar. Davon träumte man in München. Teilweise waren die Schätze nur durch eine kunstvoll geschmiedete Gitterwand an den Bücherregalen vor dem Zugriff geschützt. Die Gitterwände konnten mit zierlichen Schlüsseln leicht geöffnet werden, und alles, was ein Kunsthistorikerherz höherschlagen ließ, war da, musste nur herausgenommen werden. Susanna hatte anfangs diese Selbstverständlichkeit kaum glauben wollen. Ehrfürchtig stand sie in dem riesigen Raum, an dessen Seiten Arbeitstische mit Leselampen vor den Regalwänden standen und ein hervorragend restaurierter Terrakottaboden tiefrot im Licht der einfallenden Sonne glänzte. Die Grisaillemalereien an den beiden Stirnseiten unterstrichen noch die zurückhaltende Farbigkeit und Eleganz in Weiß und Grau. Sie wagte es damals nicht, all die herrlichen Bände zu benutzen, einfach anzufassen und zu lesen, bis jener Signor Terani ihre Unsicherheit begriff und ihr eindeutig zu verstehen gab, dass das durchaus in Ordnung war, wenn sie sich an den Regalen selbst bediente.

Jetzt stand er wieder neben ihr und schien nach den richtigen Worten für seine Empfindungen zu suchen.

«Sehen Sie den schwarzhaarigen Mann dort vorne rechts?»

Susanna hatte ihn sofort gesehen. Er schien von seiner Lektüre vollständig eingenommen zu sein und fixierte das aufgeschlagene Buch vor sich bewegungslos. Er trug eine dunkelgerandete Brille und wirkte sehr intelligent und intellektuell, aber ganz sicher nicht wie ein Student. Das war es wohl auch, was Guido Terani irritierte.

«Der Herr kam letzte Woche zum ersten Mal. Stefania hatte Dienst und hat ihm eine umfangreiche Auswahl an Büchern über italienische Renaissancemaler, unter anderem auch über Piero della Francesca herausgesucht. Er gehört ganz sicher nicht zum Personal der Universität. Ich habe keine Ahnung, was er mit den Büchern will. Und ich wollte ihn auch nicht fragen. Irgendwie schien mir das nicht angebracht. Er wirkt nicht so auf mich, als würde er gern plaudern.»

«Vielleicht ist er Journalist.» Susanna hielt das durchaus für möglich. «Vielleicht will auch er, so wie ich…», fügte sie noch zögernd hinzu, weil sie sich ihrer Notlüge durchaus bewusst war, «einen Artikel für ein Magazin oder eine Zeitung schreiben.»

«Hmm, na ja!» Der Bibliothekar schien nicht überzeugt. «Es ist mindestens ein halbes Jahr her, da kam ein Mann mit wuchtigem Brustkorb in fadenscheiniger Jeans und einem weißen T-Shirt in die Biblioteca. Irgendwie kam er mir wie ein verkleideter Student vor, einer, der sich betont jugendlich und leger gibt. Dabei war er ganz sicher einige Jahre älter als jener dort.» Er machte mit seinem Kinn eine kleine Drehung, um nicht zu deutlich auf den Mann mit der Brille zu zeigen. «Der Besucher damals wollte alle Bildbände, die wir über Piero haben, einsehen. Ich habe selten einen so selbstbewussten und gleichzeitig so eitlen Mann getroffen», fügte Signor Terani hinzu und schüttelte missbilligend den Kopf, als er sich an die damalige Begegnung erinnerte. «Non era elegante.» Das war so ziemlich das Schlimmste, was man einem Florentiner nachsagen konnte. «Er stolzierte die Regale entlang wie ein Hahn im Hühnerstall! Ein Hahn in… Jeans!»

Susanna lächelte über die Entrüstung Teranis. Ganz offenbar hielt er Jeans für eine geschmackliche Entgleisung. Zugleich bewunderte sie seine Beobachtungsgabe und sein Erinnerungsvermögen. Florentiner und Bella Figura – eine nicht ausrottbare Verbindung. Dennoch schien ihr das Misstrauen oder Missbehagen, das er ihr schilderte, übertrieben. Zugegeben – es tat sich nicht viel in diesen Räumen. Es passierte sicher nie etwas Außergewöhnliches, Spektakuläres. Vielleicht war es kein Wunder, dass Guido Terani in eine zufällige Begegnung mehr hineininterpretierte, als angebracht war.

«Und Sie meinen, ich kann mir nichts über Piero della Francesca ansehen, solange der Herr dort die Bücher bei sich hat?»

«Wir müssen ihn fragen, ob er auf das eine oder andere Werk verzichten kann und wie lange wir die Bücher noch für ihn reservieren sollen. Bestimmt können Sie sie nächste Woche haben», sagte er zuversichtlich.

Susanna schüttelte bedauernd den Kopf. «So lange habe ich leider keine Zeit. Ich fliege am Samstagnachmittag nach München zurück.»

«Kommen Sie», forderte er sie resolut auf. Er schritt auf den Mann zu und redete leise auf ihn ein. Es waren noch einige weitere Plätze im Lesesaal besetzt und Ruhe oberstes Gebot! Susanna hielt sich im Hintergrund und wartete ab. Der Mann hörte geduldig zu, nickte einige Male zustimmend. Schließlich winkte Guido Terani Susanna zu sich heran.

«Darf ich bekanntmachen: Signorina Martens aus Monaco di Baviera!»

Der Mann stand auf, gab ihr die Hand und verbeugte sich leicht. Die Duftwolke eines sehr herben Herrenduftes kam mit seiner Verbeugung zu Susanna herüber.