20,99 €
Jana Revedin entfaltet ein atmosphärisches, mitreißendes Venedig-Panorama – so authentisch und berührend, dass man Eri, der jungen Protagonistin, auf jedem Schritt durch die Gassen der Serenissima und auch in die Weite der unbekannten Lagune folgt. Ein Roman über Mut, Herkunft und die Kraft eines Neuanfangs. Aufgewachsen auf einem Bergbauernhof, ahnt Eri lange nicht, wohin sie wirklich gehört. Erst nach Umwegen – und einem abgebrochenen Studium – entdeckt sie ihre wahre Berufung: Sie wird Gärtnerin. Auf den Rat ihrer exzentrischen Großtante, die einst aus der Enge der Berge in die Welt der Haute Couture ausbrach, wagt Eri den Schritt nach Venedig. Doch die Lagunenstadt empfängt sie kühl, neblig und voller Widerstände. Hartnäckig kämpft sie sich in ein Projekt zur Wiederbepflanzung der Lagune hinein – und stößt bald auf eklatante Ungereimtheiten, die niemand sehen will. Versickernde EU-Gelder, blockierte Pläne, gefährliche Interessen: Eri beginnt, unbequeme Wahrheiten aufzudecken. Zwischen Misstrauen und neuen Bündnissen wächst sie über sich hinaus. Sie findet wahre Freunde und auch Mitstreiter in dem begonnenen Projekt und verliebt sich in Todd, einen der raren echten Venezianer. Als ihre betagte Tante sie schließlich besucht, kommen lange gehütete Geheimnisse ans Tageslicht – und beide Frauen erkennen, dass ihre Geschichten untrennbar miteinander verwoben sind.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2026
Inhalt
Venedig zu Allerseelen
Santa Lucia
Casin
Ponte di Calatrava
San Barnaba
Spirito Santo
Die Boutique
Bei den Augustinerinnen
Azzurro Celeste
Galoppatoio
Via Malamocco
Im Baumarkt
Don Alfredo
Campo della Chiesa
Al Ponte di Borgo
Da Scarso
Die Totenglocke
Malamocco am Abend
Die Möglichkeit des Verlusts
Chiara
Maurettos Risotto
Todd
Malamocco am 11. Januar
Auf Der Federica
Die geheime Lagune
Westwind
Punta della Dogana
Treporti
Da Tiepolo
Sind wir arbeitslos?
Tumult im Paradies
Sondern dem Wunder
Die Stiftung
Fakten Sind Besser
Santonico
Lio Piccolo
Morgen an den Canal Grande
San Nicolò am Karnevalssamstag
Lokalkolumne
Ospedale al Mare
Bühne frei für unsere Geschichten
Als wir Kinder waren
Aus der Welt gefallen
Ich kann das gut durch Dich
Jetzt?
Hänsel und Gretel
Am Leuchtturm
Addio del Passato
Pachuka
Spirito Santo am Ostersonntag
La Calcina
In der Bar
Lebwohl, oh Vergangenheit!
Zimmer Nummer 8
Überallhin
San Giovanni e Paolo
Kardiologie
Bei Nora
Das Gartenhaus
Impressum
Für Theodor, meinen ersten Enkelsohn
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
Hilde Domin
Venedig zu Allerseelen
Santa Lucia
Die Tür des Zugabteils schob sich lautlos zur Seite. Eine metallisch klingende Frauenstimme flatterte über den Bahnsteig: „Venezia Santa Lucia. Terminus. Attenzione al passo.“
Eri schlug das Herz bis zum Hals. Sie war also angekommen, da, wo ihre Großtante Eri vor siebzig Jahren ihre große Karriere als Modejournalistin begonnen hatte. Zu einer Zeit, als man nach dem Krieg in einem braunvermummten Deutschland hockte und weder nach Paris noch nach New York oder Mailand blickte.
Tante Eris Geschichte war auf der Junginger Höhe – und tatsächlich nicht nur dort – eine Legende geworden, und das noch zu Lebzeiten. Sie war heute über neunzig und spazierte weiterhin fröhlich und von Kopf bis Fuß in Yves Saint Laurent gekleidet durch die Amsterdamer Grachten.
Jetzt aber achtgeben: Hatte sie alles aus dem Großraumabteil ihres Nachtzugs eingepackt?
Es war kurz vor acht Uhr morgens, und sie hatte seit ihrer Abfahrt in Zürich beim besten Willen nicht mehr als ein, zwei Stündchen geschlafen.
So aufgeregt war sie. So neugierig war sie. Und solches Bangen hatte sie doch vor ihrem eigenen Mut.
Sie zog kurz den störrischen Reißverschluss von Tante Eris alter Reisetasche auf, die aus Lederriemen und Wolltuch gefertigt war. Sie hatte zwei T-Shirts zum Wechseln dabei, die Lederschuhe – ihre Mutter, wäre sie noch am Leben, hätte gesagt: „vor allen Dingen ein ordentliches Paar Schuhe“ – und ihr Jackett für das Bewerbungsgespräch, dazu ihre Daunenweste, die sie gerne unter ihrem Janker trug, wenn es draußen klamm war. Man wusste ja nicht, was Herbstwetter in Venedig bedeutete.
Doch im letzten Moment hatte sie auch noch die alte Leica-Kamera dazugelegt, die sie von Tante Eri zum Abschluss ihrer Lehre geschenkt bekommen hatte. Kurios, sie hätte ihre Heide nicht ohne sie verlassen können, und sei es nur für zwei Tage. Denn wer wusste, ob sie in der Gärtnerei am Lido angenommen würde?
Wenn ja, müsste sie wahrscheinlich gleich dableiben, und was machte sie dann ohne Tante Eris Kamera?
In Schäufeles Gärtnerei, in der sie diesen Sommer ausgelernt hatte, konnte sie nicht zurückkehren, es gab keine freien Stellen. Der Familienbetrieb einer verstrittenen Familie, das hatte sie in den drei Jahren Lehrzeit gelernt, war ein kopfloses Unternehmen, und das merkten Kunden wie Mitarbeiter. Marie, die Schäufele-Enkelin, ihre Lehrherrin und ihr Vorbild, gab sich die größte Mühe. Doch sie war hilflos, wenn sie tagtäglich von zwei älteren Generationen boykottiert wurde.
War das so am Berg? Dass den Menschen das Licht ausging, wenn im Herbst die Schatten in die Täler fielen, der scharfe Wind durch die Baumkronen zog und anhielt, über lange Monate? Und dass sie im Frühling, wenn das Licht zurückkehrte, übermütig wurden, Investitionen tätigten, die nie trugen, und ihren Kunden Hoffnungen machten, die sie nicht halten konnten?
Eri hatte ihre Lehre in Rekordzeit abgeschlossen – bitter nötig, nachdem sie zuvor ein Jahr zu lang am Abitur gefeilt und mühsame Semester in einem Botanikstudium vergeudet hatte, das ihr zu theoretisch war. Ihre Mutter hatte sie gewarnt: „Du bist fürs Handanlegen gemacht.“ Während ihre Schwestern längst den Betrieb auf der Heide führten, hatte sie Zeit verloren … oder etwa nicht? Denn sobald sie in der Gärtnerei Zuchtformeln, chemische Tabellen und die Prinzipien der Kreislaufökologie anwenden konnte, dämmerte ihr plötzlich das logische Prinzip dahinter.
Marie und sie hatten in ihren gemeinsamen drei Jahren den privaten Handel in Schäufeles Gärtnerei angekurbelt, doch die öffentlichen Aufträge stagnierten. Aus dieser Sackgasse heraus, aus der weder sie noch Marie einen Ausweg fanden, hatte sie dem Rat ihrer Tante Eri vertraut. Am Nachmittag nach der Gesellenprüfung hatte ihr Marie den ersten Strauß Blumen ihres Lebens überreicht – korallenrote Pfingstrosen – dazu eine Briefkarte.
„Aus Holland, von deiner Tante“, hatte sie feierlich gesagt.
Beim Aufreißen des Umschlags war ihr ein Stellenangebot aus Venedig entgegengeflattert – eine gefaltete Seite aus einem EU-Ausschreibungskatalog.
Dass ihre Tante, sonst in der Welt der Haute Couture zu Hause, EU-Webseiten durchstöberte? Eri hatte gestaunt. „Bewirb dich hier. Lagunennachpflanzung – du kennst dich doch mit Heidepflanzen aus? Noch dazu in Venedig, wo auch für mich alles begann.“
„Venezia Santa Lucia. Terminus …“, hörte sie wieder die Frauenstimme auf dem Bahnsteig. Es war der 2. November, ein Samstag und der Tag nach Allerheiligen.
Eri sah sich um. Anscheinend hatte man diesen Bahnhof seit jeher auf große Besuchermengen ausgerichtet. Kein Umsteigebahnhof wie die bei ihr im unspektakulären Schwabenland, sondern der Bahnhof einer Kunstmetropole, an dem man ehrfürchtig ankam und eine Zeit begann, die lebensverändernd sein könnte.
„Final Stop“, wiederholte die Dame aus den Lautsprechern passend zu Eris Gedanken. Zwei raumhohe Durchgänge führten nach draußen, sicherlich auf einen Vorplatz und direkt an den Canal Grande, wo das Vaporetto der 1er-Linie zum Lido fahren musste, soweit hatte sie sich im Internet umgesehen.
Doch da waren die Nebelschwaden. Sie drängten sich durch die hohen Durchgänge und lösten sich nur langsam auf der Ankunftsplattform auf.
Die Menschen auf dem Bahnsteig – eigentlich wenige für einen so langen Zug, der sie von Zürich über den Gotthardpass nach Mailand und weiter bis an die Adria gebracht hatte – hielten in ihren Gesprächen inne oder blickten von ihren Telefonen auf. Außer der metallischen Dame, die ihr „Venezia Santa Lucia …“ wiederholte, sagte keiner etwas, alle sahen auf die Nebelwolken, die durch den Bahnhof schwebten.
Kinder an den Händen ihrer Eltern wiesen nach oben, und tatsächlich: Dicke Nebelpolster unterwanderten die Bahnsteigüberdachungen, es glich einem Angriffsgeschwader zuckerwattiger Zeppeline. Vielleicht lösten sie den Bahnhof gerade vom Boden los und hoben ihn in ferne Himmel?
„Götti, schau!“, riefen Schweizer Kinder ihren Tanten oder Großeltern zu. „Mamma mia, la solita Venezia“, raunten die jungen Italiener, die mit Eri das Großraumabteil geteilt hatten. Sie kamen, wie Eri in ihren kurzen frühmorgendlichen Gesprächen erfahren hatte – sie hatte ein wenig Italienisch im Gymnasium gelernt und konnte ihnen schlecht, aber recht folgen –, aus hiesigen Familien und waren in Mailand, Brescia und Verona zugestiegen, um ihre Besuche auf verschiedenen Friedhöfen in und um Venedig zu erledigen. Ihre Laune hielt sich hinsichtlich des Anlasses und der Wetterlage in Grenzen.
„Attenzione: Egregi passeggeri, ci scusiamo che le linee acquee sono brevemente interrotte a causa della nebbia“, sagte die Lautsprecherstimme gerade, als sich der Zug geleert hatte und die Fahrgäste auf den Bahnsteig strömten. Die Verbindungen über die Kanäle sind kurzzeitig unterbrochen? Die jungen Italiener gingen unbeirrt weiter, die Fremden wie Eri blieben verstört zurück.
Was tun, wenn die Vaporetti nicht fuhren? Sie musste um halb elf in der Firma am Lido vorsprechen, bei der sie sich beworben hatte, und sie wusste, die Fahrt dorthin dauerte vom Bahnhof aus eine gute Dreiviertelstunde. Danach wäre noch die ganze lange Lidoinsel abzugehen. Was, wenn der Nebel anhielte?
Sie sah sich auf dem Bahnsteig um. Ihr Sitznachbar, der die ganzen Stunden von Mailand hierher kein Wort gesagt, und nur in seinen Ohrenstöpseln Musik gehört hatte – es war eine Oper, Verdi vielleicht? – kam vom Zugende, wo die Erste-Klasse-Wagons gereiht waren, mit einem Herrn auf sie und die Schweizer zu. Der Herr war im Anzug und trug darüber einen nachtblauen Wollmantel, der junge Venezianer hingegen war angezogen wie sie: schwarze Jeans, schwarze Stiefel, Steppweste, nur trug er statt eines Wolljankers eine geölte Jägerjacke und über der Schulter einen Kleidersack. Unter seiner Schirmkappe quollen dunkelblonde Locken hervor.
Könnte sie ihn um Hilfe bitten?
Sie versuchte es lieber auf Englisch, ihr Italienisch war doch noch sehr unsicher. Die Schweizer nutzten die Situation und stellten weitere Fragen auf Deutsch. Es entstand ein Fragenknäuel, in dem keiner mehr sein eigenes Wort verstand.
Der Herr im Wollmantel, er musste an die fünfzig sein, antwortete langmütig, anscheinend war er solche Touristenfragen auf den Bahnsteigen und in den Gassen seiner Stadt gewöhnt: „Caminate, semplicemente. You just walk.“
Ihr Sitznachbar übersetzte automatisch, doch ohne große Begeisterung: „Am besten gehen Sie einfach zu Fuß.“
Er sprach ihre Sprache, ohne Akzent, in reinem Hochdeutsch! Der gleiche trockene Klang wie ihre Hamburger Erdkunde- und Biologielehrerin in der Mittelschule, mit dem als ch gehauchten g am Ende von wichtig oder richtig, dem stummen d und b eines und oder halb, dem als a ausklingenden r von weiter. Jener nordische Ton hatte Eri immer gefallen. Vielleicht hatte sie sich deshalb so sehr für jene Lehrerin und ihre Naturkundefächer begeistern können – bis in ihr gewagtes, doch abgebrochenes Studium hinein.
„Die Familien hier wollen zum Markusplatz“, antwortete Eri dankbar, während sich alle in Bewegung setzten und durch einen der hohen Durchgänge auf den Bahnhofsvorplatz gelangten. Im dichten Nebel war der Kanal nur schemenhaft vor ihnen auszumachen. Die Schweizer Familien stellten ihre Koffer und Taschen ab und fragten wieder los, wie sie zu Fuß gehen sollten, mit all dem Gepäck?
Der Herr im Wollmantel hielt Eris Sitznachbar zurück, der schon gehen wollte, wohl bat er ihn, diesen ratlosen Familien beizustehen.
„Mit dem Gepäck warten Sie besser, bis der Nebel sich lichtet, und nehmen die 1er-Linie, die nach links losfährt.“ Er wies ans Ufer, wo tatsächlich ein behäbiges, sandfarbenes Boot im Leerlauf tuckernd an der sonst verwaisten Haltestelle stand. Der Nebel würde sicher innerhalb der nächsten halben Stunde abziehen, erklärte er. Die Schweizer Familien hoben ihre Hüte und Käppis und sagten „Vergelt’s Gott“ und „Grüezi“, dann waren sie in der Nebelwolke vor der Haltestelle verschwunden.
Eri blieb übrig.
„Und Sie?“, fragte der Herr im Wollmantel in Englisch.
„Ich muss um halb elf am Ende des Lidos sein.“
Er streifte seinen Handschuh zurück und sah auf seine Armbanduhr.
„Das werden Sie schaffen. Doch nicht mit dem langsamen 1er. Besser …“, er wies mit der Hand auf den Quai, der rechterhand des Bahnhofsvorplatzes begann, „Sie nehmen die Calatrava-Brücke und halten sich dann links. Sie durchqueren das ruhige Dorsoduro-Viertel, fragen Sie auf dem Weg nach den Zattere, und wenn Sie dort angelangt sind, nach der Haltestelle Spirito Santo. Sie liegt ganz am Ende des Zattere-Quais. Von dort nehmen Sie die direkte 6er-Linie zum Lido.“
Der Herr lächelte dazu, dann grüßte er, und die beiden gingen los. Eri sah ihnen nach, wie sie die ersten ausladenden Stufen des Bahnhofsvorplatzes nahmen. Ihr Sitznachbar ging schwebend, als berührte er den Boden kaum, seine Locken wippten mit den Schritten mit. Warum war sein Kollege oder Freund im Wollmantel so viel freundlicher als er?
Sei’s drum, immerhin hatten sie sowohl den Schweizern als auch ihr gut geraten. Hätte sich jemand am Stuttgarter oder am Zürcher Bahnhof die Zeit dazu genommen?
War Venedig ein Dorf, wie ihr Dorf weit oben auf der Junginger Heide? Kannten sich die Menschen hier vom Sehen, ja sogar beim Namen, und grüßten sich, wenn sie sich auf der Straße trafen? Was machte eine fragile Stadt wie Venedig, in sandigen Lagunenwässern erbaut und nicht auf stabilem Heideland wie bei ihr zu Hause, mit Millionen ziellos umherirrenden Menschen? Und weiteren Millionen im Jahr danach? Stand jeden Tag eine Heerschar von hilfsbereiten Herren in nachtblauen Wollmänteln am Bahnhof, die den Touristen ihren Weg wiesen?
Los geht’s, Eri Jung, sagte sie sich, doch irgendwie fand sie keinen Antrieb, obschon sie ihre Wegeroute jetzt kannte. Ohne einen wirklichen Grund winkte sie den im Nebel verschwundenen Silhouetten der zwei Venezianer ins Leere nach, da surrte ihr Telefon.
Casin
Wer konnte das sein?
Ihre Schwestern wussten, wo sie war. Sie würden sich sicher erst morgen melden, um vom Ausgang des Bewerbungsgesprächs zu erfahren. Marie? Die machte an diesem Wochenende den Ausverkauf ihrer Gewächshauspflanzen, was zwischen Allerseelen und dem bald beginnenden Advent eine gute Idee war. Tante Eri? Die hatte sie noch nie auf ihrem Mobiltelefon angerufen, sondern immer nur auf der Festnetznummer vom Hof. Auf dem Display leuchtete eine italienische Nummer, sie begann mit 041 …
„Eri Jung“, nahm sie den Anruf entgegen.
„Hier Casin“, hörte sie eine fistelnd hohe Männerstimme. „Ich rufe Sie vom Lido an.“ Sein Englisch war schlechter als das von Eri, was viel heißen wollte.
„Guten Tag“, sagte sie.
Es kam keine Antwort.
„Herr Casin Senior?“, fragte sie nach.
„Nein, Junior. Das macht mich herrlich jung, nicht?“
Eri wartete ab. Wohl ein Scherzbold, der Herr Casin Junior.
„Signorina, mi scusi. Ich muss mich für heute entschuldigen. Ich habe dringende Termine.“
„Wir haben eine Verabredung um zehn Uhr dreißig?“
„Ja, ja. Mein Vater wird im Negozio sein. Allerdings …“
„Allerdings?“, Eri bemühte sich, ruhig zu bleiben.
„Signorina, ich wollte Sie nur bitten, sich keine zu großen Hoffnungen zu machen. Eine so verantwortungsvolle Position für eine junge Frau?“
„Liegt Ihre Betonung auf jung oder auf Frau?“, wagte Eri eine Gegenfrage.
Stille am anderen Ende der Leitung.
Eri hörte Papierrascheln, das vom Motorengeräusch des jetzt losrangierenden 1er-Vaporettos am Quai vor ihr übertönt wurde.
„Laut meiner Unterlagen sind Sie nicht einmal dreißig Jahre alt?“ Seine Stimme überschlug sich fast.
Eri wartete ab. „Sie haben mich zu einem Gespräch eingeladen, Herr Casin.“
„Ja, ja, das stimmt. Wissen Sie, mein Vater…“
„Ich erfülle alle in der Ausschreibung genannten Anforderungen.“
Am anderen Ende der Leitung hörte sie Stuhlrutschen, er schien irgendwohin aufzubrechen: „Si, si, Signorina.“
„Es bleibt also bei unserem Termin? Ich stehe vor dem Bahnhof Santa Lucia. Ich bin von weither angereist.“
Ein gequältes Schweigen stellte sich ein.
„Also?“, fragte Eri nach.
„Sie haben nur …“, wand er sich, „laut Ihres Schreibens und Ihrer Zeugnisse keinerlei praktische Erfahrung als verantwortliche Gärtnerin, dazu keinerlei Orts- oder Sprachkenntnisse für die hier herrschenden Umstände, verstehen Sie? Wie wollen Sie sich denn in dieser großen Position, wie ich sie nennen möchte, behaupten?“
„Wir besprechen das um zehn Uhr dreißig. Bei Ihnen, vor Ort“, schloss Eri trocken. Solches Kleingerede, solche Missachtungen, die sie auch von zu Hause kannte – eine Frau und ein Beruf? Eine Frau und Verantwortung? Eine Frau und eine Lebensvision? – hatte sie hier ja ebenso erwartet.
Doch, wie ihre Mutter ihr immer geraten hatte, keine Auseinandersetzung auf Distanz. Und: keine Abmachung ein zweites Mal verhandeln. Ein Pakt war ein Pakt.
„Si, si, Signorina“, wiederholte er fahrig, wie ein abgelenktes Kind, „kommen Sie nur vorbei“, und legte auf.
Ponte di Calatrava
Eri überquerte die sanft geschwungene Brücke. In vollkommener Stille hatte sie ihren Weg entlang des Uferquais zurückgelegt, empört und doch gar nicht überrascht über die Aussagen des Herrn Casin. Doch am Fuß der Brücke angekommen, wuselte es plötzlich von Menschen. Sie versuchte, durch den Nebel den Grund zu erkennen. Vor ihr öffnete sich ein weiter Parkplatz, der von Bussen im Schritttempo durchfahren wurde. Sie hielten fast lautlos – der Nebel verschluckte beinahe jedes Geräusch – und entluden ihre Fahrgäste in großen Schwüngen. Doch auch von rechts kreuzte jetzt ein Strom von Fußgängern. Wo kamen die her?
Sie hörte das charakteristisch knurrende Motorengeräusch einer rangierenden Maschine unter sich. Ihr Traktor zu Hause, wenn er sich am steilen Hang seine Spur bahnte, klang genau gleich, und jetzt sah sie die Wellenknäuel im Kanal, die sich unter der Brücke auflösten. Ein weiteres behäbiges Vaporetto der 1er-Linie hatte an einer Haltestelle rechts vor ihr angelegt, an der Piazzale Roma angeschrieben war. Ein solches Boot musste so viele Menschen fassen wie drei Autobusse, und sie schritten alle zügig ihrer Ziele sicher an Eri vorbei.
Ihr wurde plötzlich schwindlig, einen Moment lang musste sie sich am gläsernen Geländer der Brücke festhalten.
Jetzt war sie hier. Allein.
Sie hatte sich eingebildet – oder besser: Tante Eri hatte sich eingebildet –, dass sie in einem fremden Land, in einer fremden Stadt, wo sie nur einen Hauch von dem verstand, was gesprochen wurde oder geschrieben stand, Schritt für Schritt täte, selbstverständlich, ohne Angst. Denn Angst hatte sie in ihrem Leben bisher kaum gekannt.
Sie war zwar von Haus aus still und hörte lieber zu, als dass sie sprach, doch ihre Neugier und ihre schnelle Auffassungsgabe hatten sie bisher aus jeder noch so brenzligen Situation gerettet. Wo viele viel redeten, aber vage blieben oder sich in seichten Erläuterungen verloren, traf sie oft den Nagel auf den Kopf, weil sie genau und ohne sich abzulenken hingeschaut und hingehört hatte. Zu Hause war sie zwar die Jüngste, und doch hatte die Mutter sie nach ihrer Sicht der Dinge gefragt, hatte sie ein Ereignis zusammenfassen, ein Resümee ziehen lassen. Und das war schon immer so gewesen.
Sie hatte ihre Meinung gesagt, und die Mutter hatte genickt. So lernte sie, dass Ehrlichkeit einen Wert besaß und dass ihre kleine Stimme gehört wurde. Und wenn sie sich einmal vorschnell zu rau ausgedrückt hatte, zu salopp oder gar beleidigend, hatte die Mutter nur leicht den Kopf schieflegen müssen, und sie korrigierte sich.
Die Mutter hatte gut gewählte Worte geliebt und hatte jedes Mal, wenn Eri den richtigen Ton gefunden hatte, leise gesagt, so dass es niemand außer ihnen beiden hören konnte: „Besser so. Die Wahrheit bleibt die Wahrheit.“
Jetzt war sie hier. Allein. Keiner nahm sie mehr an der Hand wie die Mutter oder wie die gute Marie in Schäufeles Gärtnerei, die Eri von Kind auf kannte und die Tag um Tag die Ecken und Kanten der Seniorchefs für sie abgeschliffen hatte.
Heute um halb elf müsste sie bei Alfredo Casin Senior vorsprechen. Wenn der Junior verhindert war – na und? Der Senior und Firmengründer hatte in einem solchen Vorzeigeprojekt sicher noch ein Wort mitzureden. Denn für die erste Lagunennachpflanzung auf dem europäischen Kontinent hatten die Casins zweifellos Dutzende Anschreiben erhalten. Von überall her, womöglich auch aus Amerika, aus Skandinavien und aus Asien, wo ebenso ausgedehnte Lagunenbiotope zu finden waren und wo man von diesem Pionierprojekt viel lernen könnte.
Vielleicht war sie doch leichtsinnig gewesen, sich hier zu bewerben?
Sie erinnerte sich genau an den Moment im Mitarbeiter-Dachzimmerchen von Schäufeles Gärtnerei, sie vor Maries Laptop, die Dämmerung vor den Fenstern. Sie hatte einen fünfzeiligen Motivationsbrief aufgesetzt und an Marie geschickt – mehr herausragende Qualitäten für die ausgeschriebene Stelle konnte sie beim besten Willen nicht über sich erfinden. Klick, war die E-Mail losgeflogen wie der kleine Häwelmann in seinem Bettchen in den endlosen Abendhimmel. Marie würde ihr Schulenglisch korrigieren und ein Empfehlungsschreiben beilegen, mehr konnte sie nicht für Eri tun. Schäufeles Gärtnerei stand vor dem Konkurs, es war ein Wunder, dass Marie sie bis zur Gesellenprüfung hatte dabehalten können. Wohin also mit ihr?
Sich auf die Spuren ihrer Tante Eri nach Venedig zu begeben, erschien Eri in der Euphorie nach dem bestandenen Examen eine verrückte, aber verlockende Idee. Obschon sie vor dem Prüfer kaum ein Wort herausbrachte, hatte er sie bei den Pflanz-, Schnitt- und Veredelungsaufgaben genauer beobachtet als alle anderen Kandidaten.
„Was für ein Händchen“, hatte er gesagt, als er ihr das Diplom überreichte, und dann zu Marie gewandt: „Geben Sie acht auf sie.“
Bis heute war Eri nicht sicher, ob das ein Kompliment gewesen war. Sie wusste, dass sie schlecht im Redenhalten war, schlecht darin, Fremden in die Augen zu sehen, schlecht im schnellen Reagieren, wenn Dinge sich veränderten oder anders präsentierten als gedacht – selbst die kleinsten.
Dafür konnte sie gut beobachten, aus sicherer Distanz. Gut zuhören. Worte wählen. Manchmal trug sie Sätze tagelang mit sich herum, lernte Absätze auswendig, die sie gelesen hatte, und sprach sie leise im Gehen vor sich hin.
Worte waren wichtig – wie Namen. Im Geheimen gab sie auch den Pflanzen Namen, so wie den Tieren. Sie sprach mit ihnen, hörte ihnen zu. Denn sie war sicher: Auch die Pflanzen, ja selbst die Steine, die Erden, die Wasser und der Wind sprachen zu uns. Hörten uns. Berührten uns.
Was wollte sie hier, in dieser wuselnden Stadt? Die in bewegten Wassern stand, dem einzigen Element, das Eri von Kindheit an mit stillem Bangen erfüllte.
Im weiten Heideland ihrer Hochebene gab es Bäche und Rinnsale, die sich zu Flüsschen formten und zu mäandernden Tümpeln, um sich dann, nach der Schneeschmelze und erneut im Herbst, in reißenden Wasserfällen ins Tal zu stürzen. Es gab also zwei Arten von Wasser. Das stille Wasser war ihr vertraut, das nährte die blühende Heideflora, die dort wuchs, und die vielen Tierfamilien, die sich ansiedelten. Doch das bewegte Wasser, das in Strudeln trieb und ganze Landstücke davon sog, ja sich dann in Abgründe stürzte, entwurzelte sie. Solch bewegtes Wasser kam in ihren Albträumen vor, und sie hörte noch ihre Mutter sagen: „Ein Feuer hört irgendwann auf, Kind, das Wasser nie.“
Eri raffte sich auf und machte sich vom Geländer los, mit dem ganzen Gewicht ihres Wagemuts im Nacken – sie hatte keine Zeit zu verlieren! Da knickte sie kurz in die Knie, beinah glitt ihr dabei die Reisetasche aus der Hand.
Auf ihren beiden Schultern lastete das Joch, das sie in ihrer Kindheit zu Hause am Hof den Ochsen zum Furchen der Felder, zum Holzschleppen und zur Ernte aufgeschirrt hatten. Jedes Mal gaben sie einen Laut von sich, der gleichzeitig ein Stöhnen über die Last des Gewichts und eine Vorfreude auf die Arbeit bedeuten konnte. Und jedes Mal bekamen sie eine Anerkennung von Eri.
Sie kraulte ihre breite Stirn, leicht darauf klopfend, und die Tiere senkten den Kopf, als wollten sie sagen: Wir machen das besser gemeinsam.
„Wir machen das besser gemeinsam“, sagte da jemand zu ihr. Eri sah auf.
Es war der junge Venezianer, ihr Sitznachbar aus dem Zug. Er nahm fraglos ihre Tasche und wandte sich zum Gehen.
Von der Seite traf sie sein dahingehuschter Blick: „Ich musste meinen Vetter ein Stück begleiten, wir kamen von einer Besprechung.“ Er wies auf den Anzugsack auf seiner Schulter. „Doch wenn wir jetzt zügig gehen, schaffst du deinen Termin.“
Eri sagte nichts.
Ein Opernhörer. Ein Einsamer. Einer, der in seiner Welt gefangen schien. Er hatte sie schon im Zug interessiert.
„Ich bin Todd“, sagte er leise im Rhythmus ihrer Schritte.
„Todd“, wiederholte Eri.
„Das kommt von Tòdaro, der venezianischen Form von Theodor.“
Seine schwarz-in-schwarze Silhouette hob sich gegen den Nebelhintergrund stechend scharf ab; es wäre leicht, ihm durch diese diffuse Wattekulisse zu folgen.
Sie schritten von der Brücke herunter und bogen nach links ab, den Parkplatz mit den lautlos haltenden Bussen umrundend.
„Ich bin Eri“, brachte sie heraus, das Ochsenjoch lag noch immer auf ihren Schultern, doch war es leichter geworden, ja sogar federleicht. In der Präsenz dieses gerade eben noch so unnahbaren Venezianers könnte man es spielend abnehmen und wie einen Bumerang durch die Luft werfen.
„Von Erika. Wir Schwestern heißen alle nach unseren Heideblumen.“
„Das ist schön“, sagte er.
Dann schwiegen sie wieder und gingen an einem schmalen Kanal entlang, bis sie zu einer Brücke kamen, auf die alle um sie herum links abbogen.
„Siehst du, an diesem Punkt der Fondamenta hättest du dich leicht verlaufen können. All diese Leute vom Festland arbeiten in der Innenstadt, um den Markusplatz herum, und nehmen den Weg über den Tolentini-Platz. Du aber willst ins stille Dorsoduro-Viertel, auf die Zattere?“
„Spirito Santo, hat dein Vetter gesagt.“
„Ja, am Ende des Giudecca-Kanals. Man kann die Haltestelle auch auf Google Maps finden.“
„Ich bin lieber in der wirklichen Welt.“
„Ich auch. Wenn überhaupt.“
Was sollte das heißen?
San Barnaba
Er ging weiter, rasch und federnd, wie jemand, der gerne früher ankommt, als er erwartet wird. Ab und an blickte er neben sich auf die Pflastersteine, um zu sehen, ob Eris Schritte folgten.
„Ich begleite dich noch bis zum Campo San Barnaba, von dort an kennst du dich leicht aus. Ich muss zu meinen Verwandten, wir fahren auf den Friedhof.“
„Natürlich“, sagte Eri, „und Dankeschön.“
Sie gelangten den schmalen Kanal entlang über zwei Brücken auf das Campo Santa Margherita, einen lustig geformten Platz, auf dem in der Mitte, wie Todd knapp erläuterte, das ehemalige Haus des Henkers frei und ohne Nachbarhäuser stand, weil in der gesamten Stadtgeschichte niemand je hatte neben dem Henker wohnen wollen. Der Nebel verzog sich von einem Moment auf den anderen und die Sonne schien überraschend warm auf die Pflastersteine.
Eine steinerne Stadt, dachte Eri und sagte das laut.
Todd wandte sich ihr zu.
„Du kennst sie?“, fragte er.
„Nein, ich entdecke sie.“
„Ich auch. Jeden Tag.“
Im Weitergehen fragte er am Ende des Platzes, vor einer nächsten Brücke ohne Geländer: „Bleibst du lange hier?“
„Nur heute.“
„Ein Besuch?“
„Nicht wirklich.“
„Sightseeing?“
„Oh nein, schon ernster.“
„Ein Job?“
„Ich hoffe.“
„Als was?“
„Als Gärtnerin.“
Er hielt mitten im Gehen inne. Ein versonnenes Lächeln zog über sein Gesicht, das in ein Strahlen überging.
Warum strahlte einer so, wenn man eine simple Gärtnerin war?
Sie erreichten den folgenden Platz, dessen monumentale Kirchenfassade er als San Barnaba vorstellte. Hier verabschiedete er sich, nicht ohne ihr den Weg in die nächste Gasse zu weisen, die sie auf die Zattere, den Uferquai des Giudecca-Kanals bringen würde. Der Name Zattere, erklärte er ihr noch, bedeute Flöße, weil der breite Geh- und Verladequai entlang der alten Hafengebäude ursprünglich aus angedockten Flößen bestanden habe.
„Danke nochmals“, sagte sie.
Er gab ihr ihre Reisetasche zurück, machte einen ausholenden Pagendiener und ging rückwärtsgewandt in die Gasse neben der Kirche ab.
Waren diese Venezianer allesamt Schauspieler?
Nun, sie lebten in einer perfekten Kulisse! Doch egal, es war müßig, weiter darüber nachzudenken, weder würde dieser Todd-der-Schauspieler noch sein Vetter-im-Wollmantel ihr jemals wieder begegnen.
Ihre betagte Tante Eri, die ihr ganzes arbeitsreiches Leben den Aufführungen ihrer Lieblingsopern nachgereist war, würde sagen, sie waren die angezupfte Melodie einer Ouvertüre, die in den Akten nicht mehr vorkam, oder wenn, dann ganz am Ende, wenn sich die Zuschauer schon nicht mehr an sie erinnerten.
Wieder allein, sah Eri sich um. Eine steinerne Stadt, die im Wasser einer Lagune stand. Trotz der wärmenden Sonne spürte sie Rücken und Schultern plötzlich nicht mehr, so kalt waren sie. Als hätte der feuchte Nebel vom Morgen sie erst jetzt mit eisiger Hand ergriffen. Mit zügigen Schritten ging sie weiter in die Richtung, in die Todd gezeigt hatte.
Auf einem kleinen Platz, den die Gasse nach dem Campo San Barnaba bildete, blieb sie vor einer Buchhandlung stehen und kontrollierte die Uhrzeit auf ihrem Mobiltelefon. 8:29 Uhr. Sie würde das erste Vaporetto vom Spirito Santo nehmen und den Lido zeitgerecht erreichen. Vorausgesetzt, die 6er-Linie führe wieder!
Ihr Blick streifte über die Auslagen in den drei Schaufenstern. Was las man so, in dieser Stadt, in der kaum doppelt so viel Menschen lebten wie im verschlafenen Hechingen?
Im ersten Schaufenster lagen Bücher zu Kunstgeschichte und Architektur. Reiseführer, Kochbücher und Krimis im zweiten. Doch das letzte Fenster war mit Frauenliteratur dekoriert. Ein Sticker mit der Aufschrift La letteratura è donna war auf allen Covern angebracht und wies auf ein Lesefestival am Tag der Madonna della Salute hin.
Gut, hier war sie zumindest ein wenig angekommen, dachte Eri. Sie schob ihr Telefon wieder in ihre Jankertasche und wollte weitergehen, da verließ sie die Kraft, so plötzlich wie vorhin auf der Brücke. Kurz lehnte sie sich neben dem Schaufenster an die Hausfassade und schloss die Augen. Die Sonne wärmte. Wenige Menschen gingen an ihr vorbei, sodass sie die Augen geschlossen halten und hören konnte.
Sie klemmte die Reisetasche zwischen ihre Stiefel, legte beide Handflächen flach auf die Hausfassade – und zog die Sonnenwärme in sich ein. Wie ein morgenfeuchtes Moos. Oder eine immerkühle Eidechse. Oder eine dösende Katze.
„Signorina, mi scusi, sa?“
Eri öffnete die Augen.
„Non stia qui con la borsa in bella vista.“
Eine betagte Dame mit wild toupiertem weißem Haar hatte sich vor ihr aufgebaut und schien besorgt um ihre Tasche. Sie wedelte mit den Armen durch die Luft, als ständen drei böse Räuber hinter ihr und sie müsste sie abwehren.
„Ich gehe schon weiter, danke“, sagte Eri, „auf die Zattere hier geradeaus und dann nach rechts bis zum Ufer?“
„Precisamente“, nickte die Dame.
Eri warf sich ihre Tasche über die Schulter und drehte sich nach einigen Schritten nochmals zu ihr um. Sie stand traumverloren auf dem Campiello und winkte ihr freundlich nach.
Am Ende der Gasse bog Eri auf einen sonnigen Quai, der einen Kanal voller Boote einrahmte. Schmale Sportboote und Lastenkähne, sogar ein paar Gondeln waren vor einer Werft vertäut, die offensichtlich noch in Holz arbeitete. Der Kanal musste nach Südosten gerichtet sein, denn sie lief jetzt direkt dem Morgenlicht entgegen.
Und da sah sie die beinahe endlose Wasserfläche. Wie hieß die Küste gegenüber? Der immense Kanal vor ihr war nach dem Stadtteil benannt, den man hinter ihm erkennen konnte. Das hatte Todd doch erwähnt?
Der Giudecca-Kanal! Die Küste jener Giudecca, die Eri in der Ferne vor sich sah – von Nebel war keine Rede mehr –, war kein Festland, sondern eine weitere Insel.
Sie ging wie magisch angezogen auf das Wasser zu. Und je näher sie dem Quai kam, desto mehr wurde ihr bewusst, dass das Wasser diese Stadt nicht nur von oben, durch Regen, bedrohte. Und auch nicht allein durch die Süßwasserflüsse, die in die Lagune mündeten und die man über die Jahrhunderte zu leiten und zu regulieren verstanden hatte. Sondern vom weiten Meer.
Was machten die Menschen, wenn eine Flut kam und die Quais und Gebäudefundamente überspülte? Wie hatten die Venezianer, die seit eineinhalb Jahrtausenden an dieser Küste siedelten, einen Weg gefunden, mit den Gezeiten dieser Wasserstadt zu leben? Allein die Vorstellung, dass der Lagunenpegel unter ihr steigen könnte und der Kanal vor ihr über seine Ufer treten wie die Bäche und Flüsse in ihrer Heide, wenn es im Frühling taute oder im Herbst lange regnete, machte Eri atemlos.
Spirito Santo
Sie erreichte die breiten Zattere und bog nach links ab, die volle Morgensonne im Gesicht. Wie man mit einer Wasserstadt zu leben lernte, wurde ihr jetzt klar. Ganz einfach, alle trugen Gummistiefel!
Der gesamte Quai war überflutet. Nicht gefährlich tief, doch tief genug, um schöne Schuhe zu ruinieren. Eri raffte ihre Reisetasche höher auf die Schulter, keinesfalls sollte Tante Eris Leica, aber auch nicht die Lederschuhe ihrer Mutter durch das Salzwasser Schaden nehmen. Ihre Stiefel, na gut, das waren Cowboystiefel, die Kummer gewohnt waren. Und doch beobachtete sie die Venezianer, die in dieser frühen Morgenstunde am Quai entlang zum Café, zur Apotheke oder zum Gemüseladen gingen, mit einem gelinden Neid. Nächstes Mal brächte sie ihre Gummistiefel mit.
Die Vaporetto-Haltestelle Le Zattere lag genau vor ihr, und auf der mannshohen Tafel mit dem Fahrplan konnte sie sehen, dass das Boot der 6er-Linie zum Lido hier alle zwanzig Minuten anlegte. Dann drei Minuten später an der Haltestelle Spirito Santo.
Spirito Santo – dahin hatten sie Todd und sein Vetter geschickt. Also ging sie den überschwemmten Quai weiter entlang. In von unsichtbarer Hand koordinierten Bewegungen wichen die Menschen den Wellenschüben in Richtung der Hausfassaden aus, auch wenn sie alle Gummistiefel trugen. Es sah aus wie ein gut eingespieltes Ballettensemble oder eine Truppe von Streetdancern in einer Pop-up-Performance.Alle bewegten sich im selben Rhythmus und in annähernd gleichen Linien – die Passanten, die Marktgänger mit ihren kleinen Handwägelchen oder die Männer von der Müllabfuhr, die Haus für Haus die Müllsäcke einsammelten und in ihre kastenförmigen Rollwagen schmissen, sowie die Lieferanten, die hohe Säulen von Pappkartons vor sich hertrugen und aus jeder Gasse, die auf den Quai mündete, mit leeren Händen zu ihren Lieferkarren zurückkamen.
Wie breit war die Bühne dieser fein koordinierten Choreografie? Wie breit waren diese Zattere?
Nicht endlos breit. Vielleicht so breit wie ihre Hoffläche zu Hause, vom Bauernhaus bis zu den Ställen und zur Scheune gemessen? Zwölf, fünfzehn Meter? Oder mehr?
Es war schwer abzuschätzen, denn rund um die Vaporetto-Haltestelle gab es ein Eiscafé und mehrere Restaurants, deren Tische und Stühle den halben Durchgangsweg füllten. Noch dazu waren an diesem Quai, der die Sonnseite der Stadt einnahm, hölzerne Flöße angedockt, auf denen die Restaurants zusätzliche Sitzplätze anbieten konnten. Die Breite des Quais erweiterte sich also optisch bis in die Wasserfläche des Kanals hinein.
Man musste sich dieses kleine Paradies an einem Sonntagmittag vorstellen, wenn hier alle Tische besetzt waren, Kinder und Hunde herumliefen und die hin- und hereilenden Ober jedes Mal um ein Haar zu Fall brachten.
Die Sonne wurde stärker. Eri ging sehr nah an den Hausfassaden entlang, denn da hob sich der Quai, um das Lagunenwasser in den Kanal zurückzuleiten. Und während sie sich durch die Wellenschübe und über eine Brücke hangelte, merkte sie an der aufsteigenden Kälte in ihren Beinen, dass ihre Stiefel doch nicht ganz so unempfindlich gegen Salzwasser waren.
Nach der Brücke war sie auf einmal allein. Es wurde ihr ein wenig mulmig, der Quai knickte nach links ab, und die Häuser wirkten nun wie herrschaftliche Residenzen. Gab es an diesem leeren Ende der Zattere tatsächlich noch eine Vaporetto-Haltestelle?
Niemand schien hier zur Arbeit oder auf eine Tasse Kaffee zu gehen, und ihr wurde, mit der feuchten Kälte in den Waden, bewusst, dass diese plötzliche Unsicherheit ihr, wie sie als Kinder immer gesagt hatten, ein Loch in den Bauch grub. Dennoch ging sie beherzt weiter.
Nur die Ruhe, sprach sie sich Mut zu, sie würde die Spirito-Santo-Haltestelle „am Ende des Zattere-Quais“, wie der Vetter-im-Wollmantel gesagt hatte, wohl finden!
Und während ihr Magen begann zu knurren und sie die Schritte verlängerte, erreichte sie eine weitere Brücke, dann das Fassadeneck eines hellgrün verputzten Palazzos. Ein weiterer langer Abschnitt der Zattere eröffnete sich vor ihr, an dessen Ende grau und gelb lackiert ein Vaporetto-Haltestellenfloß im Wasser tanzte, auf dem Spirito Santo angeschrieben stand.
Eri war erleichtert. Und zufrieden mit sich selbst. Sie hatte nicht gleich wieder ihr Telefon aus der Jankertasche gezogen, sondern ihrem Orientierungssinn vertraut und war lieber ein paar Takte schneller gegangen, als stehen zu bleiben und sich wie so ziemlich die gesamte Menschheit heutzutage der allgemeinen Digitalkontrollwut hinzugeben.
Bei ihnen auf den langen Wanderwegen hoch oben auf der Heide, am Hof oder in ihrem kleinen Gasthaus war das Phänomen zum Glück noch beinahe unsichtbar, oft genug gab es gar keinen Empfang. Aber unten in Hechingen und in Schäufeles Gärtnerei war ihr das ständige Aufs-Telefon-Geschaue wie eine Zivilisationskrankheit vorgekommen.
Als Kind konnte sie jeden Weg auswendig, wenn sie ihn nur einmal an der Hand der Mutter, ihrer Schwestern oder mit den Erntehelfern gegangen war. Egal, ob oben auf der Heide oder unten im Städtchen. Ganz einfach, sie hatte sich alles, was sich nicht bewegte, den Baum, den Weidezaun, die Straßenecke, das Schaufenster, das blühende Beet gemerkt.
Doch jetzt erst mal zum Lido bitte, Signorina Eri?
Das erste Vaporetto der 6er-Linie war für 8:45 Uhr angesagt, wenn das nicht etwas sportlich war, die Boote kamen sicher von einem zentralen Hafendepot hergefahren.
Eri suchte die Wasserfläche ab. Auf dem breiten Kanal sah man noch kein einziges Boot, nicht einmal ein Ruderboot. Das erste wieder fahrende Vaporetto wäre also sicher das um 9:05 Uhr, wie es auf dem angeschlagenen Fahrplan gestanden hatte. Sie würde zwanzig Minuten später am Lido ankommen. Von der Haltestelle bis zu Casins Gartenmarkt, vier Kilometer außerhalb des Städtchens und kurz vor dem letzten Dorf auf der Insel, das Malamocco hieß, war es, wenn man nicht trödelte, ein Fußweg von einer Dreiviertelstunde. Das würde knapp werden. Vielleicht fuhr ein Bus?
Ihr Loch im Bauch wurde größer. Sie würde sich, am Lido angekommen, in irgendeinem Café ein Schinkenbrötchen leisten, dafür musste die Zeit reichen, damit sie mit guten Nerven bei ihrem Vorstellungsgespräch erschien.
„Iss zuvor etwas und trink ein Schlückchen dazu“, hatte ihre Mutter an jenem Tag gesagt, als sie von zu Hause losging, um sich für die Gärtnerlehre zu bewerben. Dasselbe hatte sie ihr auch am Morgen der Gesellenprüfung geraten – ein stilles Ritual, wie ein Zauberspruch. Eri
