Die Gebärmutter - Sheng Keyi - E-Book

Die Gebärmutter E-Book

Sheng Keyi

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Beschreibung

»Sheng Keyi ist eine Geschichtenerzählerin, die bereit ist, Tabus zu brechen.« THE NEW YORK TIMES ›Die Gebärmutter‹ erzählt das Schicksal der Frauen einer Familie, die während des 20. und 21. Jahrhunderts in einem Dorf in der chinesischen Provinz Hunan aufwachsen. Großmutter Qi ist in der Qing-Dynastie groß geworden. Als Mädchen hat man ihr die Füße gebunden, nun kann sie sich nur trippelnd fortbewegen. Schon in jungen Jahren verliert sie ihren Ehemann, unterdrückt fortan all ihre eigenen Bedürfnisse und wird darüber zu einer harten, kalten Frau. Ihre Tochter Wu Aixiang wird ebenfalls jung Witwe und kümmert sich allein um ihren Sohn und die fünf Töchter. Zu ihrem schweren, entbehrungsreichen Leben treten gesundheitliche Probleme, deren Ursache eine nach der Geburt ihrer letzten Tochter zwangsweise eingesetzte Spirale ist. Und auch das Leben von Wu Aixiangs Töchtern wird durch die Familienpolitik der Regierung und die Frage der Fortpflanzung bestimmt. Als die Tochter des einzigen Sohnes von Wu Aixiang – die vierte Generation der Familie – ungeplant schwanger wird, diskutiert ein Familienrat, ob sie das Kind bekommen soll. Sheng Keyi schildert Gesellschaftskonflikte, ausgetragen am Körper der Frau, und erzählt vom Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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›Die Gebärmutter‹ erzählt das Schicksal der Frauen einer Familie, die während des 20. und 21.Jahrhunderts in einem Dorf in der chinesischen Provinz Hunan aufwachsen. Großmutter Qi ist in der Qing-Dynastie groß geworden. Als Mädchen hat man ihr die Füße gebunden, nun kann sie sich nur trippelnd fortbewegen. Schon in jungen Jahren verliert sie ihren Ehemann, unterdrückt fortan all ihre eigenen Bedürfnisse und wird darüber zu einer harten, kalten Frau. Ihre Tochter Wu Aixiang wird ebenfalls jung Witwe und kümmert sich allein um ihren Sohn und die fünf Töchter. Zu ihrem schweren, entbehrungsreichen Leben treten gesundheitliche Probleme, deren Ursache eine nach der Geburt ihrer letzten Tochter zwangsweise eingesetzte Spirale ist. Und auch das Leben von Wu Aixiangs Töchtern wird durch die Familienpolitik der Regierung und die Frage der Fortpflanzung bestimmt. Als die Tochter des einzigen Sohnes von Wu Aixiang – die vierte Generation der Familie – ungeplant schwanger wird, diskutiert ein Familienrat, ob sie das Kind bekommen soll.

Sheng Keyi schildert Gesellschaftskonflikte, ausgetragen am Körper der Frau, und erzählt vom Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung.

© Mark King

Sheng Keyi wurde 1973 in der Provinz Hunan geboren und zog in den Neunzigerjahren nach Peking. Seit 2003 hat sie ein umfangreiches, auch international anerkanntes erzählerisches Werk geschaffen, das wie der Roman ›Die Gebärmutter‹ von einem kritischen Blick auf die chinesische Gesellschaft geprägt ist. Einige ihrer Bücher sind in China verboten.

Frank Meinshausen, geboren 1965, studierte Moderne Sinologie und Germanistik in Tübingen, Nanjing und Heidelberg. Er arbeitet als Übersetzer für zeitgenössische chinesische Literatur und Sprachlehrer.

SHENG KEYI

DIEGEBÄRMUTTER

ROMAN

AUS DEM CHINESISCHENVON FRANK MEINSHAUSEN

Die chinesische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel

›The Womb‹ bei Chiu Ko Publishing, Taipei.

© Shenk Keyi 2019

E-Book 2023

© 2023 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Frank Meinshausen

Lektorat: Friederike Arnold

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: Catharina Suleiman

Satz: Fagott, Ffm

E-Book-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book 978-3-8321-6079-3

www.dumont-buchverlag.de

FAMILIENSTAMMBAUM DER GESCHWISTER CHU

KAPITEL 1

Zwischen dem Mädchen und Meister Yan stand eine weiße, mit klarem Wasser gefüllte Porzellanschale. Im Wasser lagen ein Messer, eine Schere und eine Zange. In die Schale fielen Sonnenstrahlen, durch die das Wasser noch sauberer und das Metall noch kälter wirkte, während das Licht in der Schale noch heller zu leuchten schien. Das Wasser und der schneidend kalte Glanz der Metallinstrumente wuschen das Gesicht von Meister Yan ab wie einen Felsen. Er hob ein weißes Tuch in die Luft und schüttelte es aus, worauf es sich ausbreitete und seine Arbeitshose bedeckte. Die Sohlen seiner schwarzen, sehr hochwertig aussehenden Stoffschuhe waren weiß wie Hammelfettjade und erinnerten an zwei Anführungszeichen. Seinen stolzen, distanzierten Gesichtsausdruck hatte er sich ursprünglich angewöhnt, damit er zu diesen Sohlen passte. Mit zusammengepressten Lippen griff er nach dem Hahn, drückte kurz den vorhandenen Kot aus dessen Darm, band die Füße mit einem Seil zusammen und rupfte ihm dann die Federn an einer Stelle des Bauches aus. Nachdem er mit der Klinge seines Messers einen blutigen Schnitt hineingemacht hatte, befestigte er dort an beiden Seiten zwei Haken, die mit einem dünnen Bambusbügel verbunden waren, sodass eine Öffnung entstand. In diese Öffnung führte er einen kleinen Stahllöffel mit einem dünnen Draht an der Unterseite ein und schöpfte damit zwei fleischfarbene Kidneybohnen heraus, die er in die Wasserschüssel gab. Dies alles geschah mit so geschmeidigen Bewegungen, als würde er kalligrafische Schriftzeichen schreiben.

»Warum müssen Hähne kastriert werden?«, fragte das Mädchen. Es hieß Chu Yu und war die jüngste Tochter der Familie Chu. Sie hatte klar konturierte Gesichtszüge, die wie gemeißelt wirkten.

»Nach der Kastration denken sie nicht mehr an die Hühner, sondern haben nur noch eins im Kopf: Fleisch anzusetzen.« Meister Yan ordnete konzentriert seine Metallinstrumente, wusch sie und wickelte sie in ein Taschentuch ein. »Ganz zartes Fleisch wird er ansetzen, als Mahlzeit für euch.«

»Aber wenn der Hahn das selbst gar nicht will?«

»Wenn du zu Hause ein Huhn tötest, um es zu essen, würdest du das Huhn dann erst um Erlaubnis fragen?«

»Nein«, antwortete das Mädchen ehrlich.

Die frisch kastrierten Hähne, es waren mehrere Dutzend, hatten sich noch nicht von ihrem Schock erholt. Mit emporgereckten Hälsen und weit aufgerissenen Augen gackerten sie in leisem Protest, als wollten sie das Mädchen davor warnen, dem schlechten Menschen nicht zu nahezukommen.

»Geh und frag mal deine Mutter, ob sie die Hoden behalten will.« Seine Worte richtete Meister Yan an das Spiegelbild des Mädchens im Wasser, während er seine beiden Hände darin von den Blutflecken reinigte. Für jemanden, der auf dem Land lebte, waren sie ungewöhnlich weiß, mit zarten rosa Fingerspitzen. Er bewegte sie langsam und sanft, als würde er die Hände seiner Geliebten waschen. Jeden Finger rieb er mit liebevoller Zuneigung ab. Gewaschen sahen sie noch rosiger aus.

Chu Yun, die älteste Tochter, kam, um auftragsgemäß die Hahnhoden bei ihm abzuholen. Sofort fiel ihr Blick auf seine zehn rosa Finger, die sich im Wasser bewegten. Weil sie etwas zu lange hinschaute, stieß sie mit der Schüssel gegen ein Hindernis, und die Hahnhoden verteilten sich auf dem ganzen Boden. Zufällig ging gerade eine »Tante« aus der Nachbarschaft vorbei und erblickte zufällig das Paar; und ebenso zufällig war sie eine Cousine von Meister Yan. Sie agierte deshalb an diesem Tag als Heiratsvermittlerin und durfte sogar die Hoden verspeisen.

»Laibao, ihr Chus braucht zu Hause einen Schwiegersohn. Yan Zhenqing wird der Mann deiner ältesten Schwester. Wenn du groß bist, dann lernst du bei ihm Tiermedizin und wie man Viehzeug kastriert.« Die »Tante« war gerade durch den Haupteingang getreten, als sie auf Chu Laibao traf, einen Jungen mit flachem Gesicht. »Einen besseren Beruf wie den kriegst du nicht. Denk mal darüber nach. Deine Kleidung ist sauber und ordentlich, und dein Geld kannst du ohne zu sprechen und in aller Ruhe im Sitzen verdienen. Welcher Mensch mit einer Begabung hat schon Lust, Felder zu bestellen. Im Juni bringt dich die Sonne um, und beim Dreschen und dem Pflanzen von Setzlingen stirbst du vor Anstrengung.« Der flachgesichtige Junge antwortete mit einem starken Schnaufen. Denn er war stumm und konnte nur zuhören.

So hatte Chu Yun sich verlobt. Und so war sie irgendwann schwanger geworden.

Den im dunklen Korridor des Lebens geschulten, feurigen Augen von Großmutter Qi Nianci fiel als Erstes auf, dass Chu Yuns Bauch dicker geworden war. Großmutter Qi sorgte dafür, dass Wu Aixiang sie eingehend befragte. Wu Aixiang, die weder eine Methode noch Worte dafür im Kopf hatte, schnappte sich Chu Yun und sperrte sie in einem Zimmer ein, wo sie ihre Tochter in direktem Ton und mit leiser, zitternder Stimme traktierte, so als hätte sie den Ärger selbst verursacht.

»Du leichtfertiges, geiles Frauenzimmer. So schnell hast du ihm erlaubt, deinen Körper zu besteigen.«

Chu Yun verstand nicht, was ihre Mutter meinte. Aber als sie sie so übel schimpfen hörte, spürte sie den Ernst der Lage und sah die Mutter mit einem verstörten und überraschten Blick an.

»Du kriegst einen kleinen krähenden Balg, nicht wahr?«, fragte die Mutter und trat näher auf sie zu. Ihre Stimme klang jetzt noch gepresster, noch leiser. »Und das Rote kommt schon lange nicht mehr?«

Im Laufe ihres späteren langen Lebenswegs sollte diese Frage ihrer Mutter noch häufig in Chu Yuns Kopf widerhallen. Und jener ängstliche Tonfall, der an eine Untergrundpartei erinnerte, die geheime Informationen preisgibt, ließ sie noch oft erschaudern. Sogar nachdem sie selbst Mutter und Großmutter geworden war, fühlte sie sich noch immer körperlich durch und durch unwohl, wenn sie an die blinde Ignoranz gegenüber dem Geschlechterverhältnis in ihrer Jugend zurückdachte und an die schmutzige Verachtung, die sich in der Haltung ihrer Mutter gezeigt hatte. Die Mutter hatte ihr nie gesagt, dass Mädchen ihre Periode bekommen. Erst als sie mit blutverschmierter Hose von der Schule zurückkam, reichte sie ihr eine Rolle mit sehr groben gelblichen Einlagen aus Strohpapier. Selbst zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihr nichts über Menopause und Schwangerschaft oder den Zusammenhang zwischen Menstruation und Eisprung erzählt, geschweige denn darüber, wie eine Frau schwanger wird. All diese Probleme des Erwachsenwerdens hatte die Mutter nicht einmal erwähnt. Dies verschaffte ihr Autorität und die Möglichkeit, die jüngere Generation für dumm zu erklären.

Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter ihr Kleid angehoben und ihren Bauch betastet hatte, sich dann auf einen Stuhl setzte und leise wimmerte und fluchte. Sie konnte ihre geflüsterten Flüche zwar nicht genau verstehen, aber sie wusste, dass sie sich mit Wehklagen Luft machte, wie der über das Unglück der Familie oder die Blindheit des Himmels. Auch sie selbst hatte erst in diesem Moment erfahren, dass sich etwas in ihrem Bauch befand, etwas, das von ihrer schamlosen Missetat zurückgeblieben war. Gleichzeitig begriff sie, dass das Besteigen, von dem die Mutter gesprochen hatte, sich darauf bezog, dass Yan Zhenqing auf ihren Körper gekrochen war. Ihre Mutter bezeichnete die gegenseitige Liebe zwischen Mann und Frau in der Nacht als einseitiges männliches Besteigen, so als würde die Frau ihre Pflichten vernachlässigen, indem sie dem Mann erlaubte, heimlich auf irgendeinen Berggipfel zu steigen und dort verbotene Früchte zu stehlen. Yan Zhenqing hatte sich tatsächlich mehrere Male auf sie gelegt. Seine Mutter hatte es anscheinend darauf angelegt, dass er bei ihr schlief, und als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr, nahm sie die Nachricht mit großer Freude auf. Die Haltung der beiden Mütter zu dieser Angelegenheit war grundverschieden.

Nicht lange danach, an einem Vormittag, an dem sich tiefe Gefühle mit starkem Regen verbanden, holte Meister Yan seine Braut Chu Yun unter lauten Trommel- und Gongschlägen von ihrem Elternhaus ab und führte sie in ihr neues Zuhause. Ihre Mutter hatte mehrere Lagen Gaze um ihren Bauch gewickelt und ihr eingeschärft, beim Laufen ihren Unterleib einzuziehen und zusätzlich ein locker sitzendes Kleid darüber zu tragen. Unterwegs hielt die Mutter die ganze Zeit den Kopf gesenkt. Die beiden männlichen Trauzeugen des Bräutigams waren gemietet worden, und der ganze Trubel hatte letztlich etwas Schäbiges an sich. Bei all denjenigen, die die Familie noch aus der Vergangenheit kannten, stellte sich daher ein leichtes Gefühl des Bedauerns und sogar eine gewisse Traurigkeit ein.

Chu Yun hatte eine plumpe, rundliche Figur. Sie war jung und ohne Lebenserfahrung, sodass sie sich diese Dinge nicht zu Herzen nahm. Wie alle Mädchen, die heirateten, standen ihr Tränen in den Augen, und sie empfand gemischte Gefühle. Und als sie den Geruch der nagelneuen, viereckig gefalteten Baumwollsteppdecke wahrnahm und ihre nach Größe aufgereihten und in hellen Farben gekleideten vier Schwestern sah, die fröhlich im Hochzeitszug mitgingen, liefen ihr die Tränen über die Wangen.

Die Leute waren sich einig, dass Chu Yue, die zweite der Töchter, das hübscheste der fünf Mädchen war. Leider hatte sie sich als Kind mit kochendem Wasser verbrüht, sodass die Hälfte ihres Kopfes auf erschreckende Weise kahl war und rosa glänzte, ein Anblick, den jeder bedauerlich fand. Mittlerweile hatten sich Chu Yues Hüften zu richtigen Hüften und ihre Brüste zu richtigen Brüsten entwickelt. Ihre runden Stellen waren wohlgeformt und die flachen fest und kompakt. Sie fiel auf im Hochzeitszug. Sie trug eine Perücke in Form eines Bubikopfes. Damit sie ihr nicht vom Kopf rutschte, hielt sie den Hals steif und wirkte dadurch so würdevoll wie eine Königin. Wäre Chu Yues Kopf vollständig mit Haaren bedeckt, so dachten die Leute, würden die Heiratsvermittler an der Türschwelle Schlange stehen, und sie könnte sich die beste Familie aussuchen und den besten Mann heiraten. Über die anderen Mädchen der Familie Chu, deren Körper noch schmal wie eine Scheibe ware, hatten sie bereits eine klare Vorstellung, wie sie vollkommen herangereift einmal aussehen würden.

Die Mädchen hüpften den Weg entlang. Laibao, ihr einziger Bruder, wusste, dass seine älteste Schwester, wenn sie dann verheiratet war, für immer bei einer anderen Familie wohnen würde, und war daher die ganze Zeit in gedrückter Stimmung.

Dies hatte sich im Jahr 1982 ereignet.

Zu Chu Anyuns Lebzeiten war die Familie Chu wohlhabend und angesehen gewesen. Allgemein bekannt für seine Aufrichtigkeit, hatte der große, schlanke und attraktive Mann eine ruhige, natürliche Autorität besessen. Als überaus pietätvoller Sohn wusch er seiner verwitweten Mutter oft ihre nur ungefähr neun Zentimeter kleinen gebundenen Füße. Auch seine Frau behandelte er anständig. Nachdem Wu Aixiang mit achtzehn Jahren an ihn verheiratet worden war, sorgte er dafür, dass ihre Gebärmutter nie untätig blieb, damit niemand bestreiten konnte, dass das Paar sich gegenseitig liebte. So wie man Bohnen setzt, brachte Wu Aixiang schnell hintereinander sechs Töchter zur Welt, von denen eine starb, während fünf gesund und stark waren und prächtig gediehen. Als Chu Laibao geboren wurde, raubte den Eltern die gewaltige freudige Überraschung über den Pillermann zwischen seinen Leisten schier die Sinne. Großmutter Qi Nianci war sogar derart begeistert, dass ihr die Knie zitterten. Für die Chus stand in diesem Moment ein ewiger Vollmond am Himmel – ein nicht mehr steigerbares Glück, das nicht abzunehmen vermochte. Die Feier zum ersten Lebensmonat des Kindes dauerte drei Tage. Die Straße war rot von den Überresten explodierter Knallkörper, und das Feuerwerk erhellte den halben Himmel, bis in einem Umkreis von hundert Meilen jeder wusste, dass Chu Anyun einen Sohn bekommen hatte.

Nachdem Wu Aixiang das Wochenbett verlassen hatte, ließ sie sich den Ring einsetzen.

Das niedrige Gebäude des Krankenhauses der Kleinstadt sah aus wie ein Hühnerstall, der sich unter dem danebenstehenden Parasolbaum versteckte. Diesen Eindruck vermittelte auch das Innere: Die Wände waren fleckig, die Fenster starrten vor Dreck, und durch die Luft wehte der Geruch von Urin.

Sie sollte in ihrem Leben nur dreimal dorthin fahren, einmal, um sich den Ring einsetzen zu lassen, und die beiden anderen Male, um ihn entfernen zu lassen. Sie war eine rundum gesunde Frau, die wie alle anderen auf den Gängen wartenden, vor Leben strotzenden Frauen eine brutheiße Fruchtbarkeitsenergie ausstrahlte. Ein elastisches, energiegeladenes Chaozhou-Rindfleischbällchen nach dem anderen war ins Krankenhaus gerollt, wo sie nun alle versammelt darauf warteten, dass Metallinstrumente ihre Körper öffneten und stählerne Ringe eingeführt würden. Danach konnten sie ihren Männern verkünden, dass ihre Herbergen es nun ablehnen würden, weitere Gäste aufzunehmen, und ihre Restaurants vorzeitig schlossen.

Der Arzt war überrascht, dass Wu Aixiangs für Schwangerschaften nicht eben ideale Gebärmutter nacheinander sieben Kinder hervorgebracht hatte. Aber noch mehr wunderte er sich über den häufigen Verkehr des Paares und sein anhaltendes Interesse aneinander. Wu Aixiang war es unangenehm, offen über ihr Sexualleben zu reden. Ihr beschämtes Gesicht leuchtete vor Glück. In den stillen Nächten auf dem Land hatten die Gelenke ihres Mannes, wenn er es mit ihr tat, beim Verdrehen knackende Laute von sich gegeben. Laute, die sich in ihrem Kopf zu einem Regengeräusch verdichteten, während sie sich selbst wie ein Bananenblatt vorkam, das dieser Regen blank und sauber spülte.

Während dieser Jahre war Chu Anyun bereits zum Leiter des landwirtschaftlichen Betriebes aufgestiegen und damit zum Gipfel des Glücks. Gleichzeitig war auch sie wohlhabend geworden. Alles lief so, wie sie es sich gewünscht hatte. Doch dann kam ein Schicksalsschlag aus heiterem Himmel, wie Vogelkacke, die ihr auf die Stirn klatschte. Nicht lange nach dem Einsetzen des Metallrings wurde Chu Anyun von einer seltsamen Krankheit befallen. Zwei Monate später bestattete man seinen von blutigem Grind überzogenen und nach Heilkräutern riechenden Körper in einem Hügel aus gelber Lösserde.

Im Jahr 1976 wurde Wu Aixiang, eine voll im Saft stehende Frau von Anfang dreißig, zur Witwe.

»Kooperiere mit meiner Mutter, sie ist in der Lage, die Familie gut zu führen.« Kurz vor seinem Tod hatte Chu Anyun alle Befugnisse an seine Mutter abgegeben.

Wu Aixiang ließ das Gefühl nicht los, dass der Stahlring in ihrem Körper auf irgendeine geheime Weise mit dem Tod ihres Ehemanns in Verbindung stand, dass dieses Ding Unglück brachte. Während der darauffolgenden träge dahinfließenden langen Tage entwickelte sich ihr psychisches Unbehagen zu einer körperlichen Krankheit. Der schwere Stahlring schien die Anziehungskraft der Erde zu verstärken und sie nach unten zu ziehen. Zum Glück aber erforderte das Leben ihre ganze Aufmerksamkeit. Seine Anstrengungen und Mühen retteten sie. Der letzten Bitte ihres Mannes folgend, stand sie ihrer Schwiegermutter unterstützend zur Seite und gehorchte ihr in allem. Außenstehenden blieb die friedliche und harmonische Beziehung zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter nicht verborgen, sie bemerkten aber auch, wie streng und kalt Qi Nianci war. Auch sie hatte mit etwa dreißig Jahren ihren Ehemann verloren. Sie verstand sich darauf, die Frau in ihrem Körper abzutöten und eine echte Witwe zu sein. Die Menschen der Qing-Dynastie wussten wirklich noch, wie man sich richtig vergnügt. Manche Leute behaupteten, sie wisse sehr gut, wie man mit endlos langen Nächten fertigwerde, und dass die von ihr im Dunkeln verwendeten Karotten und Gurken anderntags auf dem Esstisch verteilt würden. Den ringförmigen Jadeanhänger am Brustteil ihrer Jacke habe ihr Mann früher um sein bestes Stück getragen. Es war unvermeidlich, dass dieselben Leute über dessen Größe, ausgehend vom Durchmesser des Jadeanhängers, spekulierten. In ihrer Vorstellung ließen sie die junge Qi Nianci entweder als unzüchtiges Weibsstück oder als verführerischen Vamp wiederauferstehen.

Würde man die bereits aufgedunsene, weißgesichtige Qi Nianci sorgfältig kneten, ihre Falten glätten, den Speck entfernen und die Haut straffen, dann könnte man sie sofort in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen: in eine junge Frau mit feiner Haut, zartem Fleisch und starker sexueller Lust – ein Foto aus ihrer Jugendzeit würde dies voll und ganz bestätigen. Die Zeit war nichts als eine Maske, die gewohnheitsmäßig die Wahrheit verbarg.

Qi Nianci liebte es, ihre selten kleinen Füße draußen in der Sonne zu waschen, so wie man ein freigelegtes antikes Objekt wäscht. Das war ihre Art, Autorität zum Ausdruck zu bringen. Sie führte ihre kleinen Füße vor, wie Offiziere und Soldaten ihre Verdienstorden präsentierten. Niemand wusste, wie viel geheimnisvolles Leben in ihnen verborgen war. Chu Laibao sah gerne dabei zu, wie sie die Füße im Wasser einweichte wie zwei Klebreiskuchen und sie zum Trocknen auf den Rand der Schüssel stellte. Wie kleine weiße Mäuse, die auf dem Bauch liegen und auf den richtigen Moment zur Flucht warten. Derweil starrte die Besitzerin der kleinen Füße auf die in der Ferne liegenden Felder, als würde sie dort von etwas angezogen. Dabei wackelte ihr Kopf leicht. So ging das schon seit einigen Jahren, immer die gleiche Bewegung, als würde sie beharrlich alles verneinen.

Und stets brachte Wu Aixiang ihr, während sie ihre Füße wusch, eine Tasse Sesam-Sojabohnen-Tee. Während Qi Nianci ihn trank und die Bohnen kaute, kümmerte sie sich um Angelegenheiten der Familie.

»Warte doch noch mit der Entwöhnung, bis Laibao fünf ist. Wenn er jetzt noch saugen will, dann lass ihm das Vergnügen.«

»Hm. Es ist schade, dass schon lange keine Milch mehr kommt«, sagte Wu Aixiang und nickte ausdruckslos.

Qi Nianci schüttelte den Kopf und machte eine winkende Handbewegung. »Aber was ihm fehlt, ist nicht die Milch. Sondern der Vater, das schmerzt. Ihm fehlt die Liebe.«

Wu Aixiang stieß ein weiteres flaches »Hm« aus.

Aus dem Wald drang der Schrei einer Turteltaube.

Qi Nianci kam wieder mal auf Chu Yue zu sprechen. Dass sie vor zehn Jahren nun mal das kochende Wasser aus der Kanne über den Kopf bekommen habe, ließe sich nicht mehr ändern. Also müssten sie sich bemühen, eine gute Partie für sie zu finden, und sie mit einer besonders hohen Mitgift ausstatten. Chu Yue sei ein herzensguter Mensch und hätte daher auch ein gutes Leben. Im Folgenden kommentierte sie – nicht zum ersten Mal – auch den Charakter der anderen Mädchen. Chu Yun zum Beispiel sei phlegmatisch. Chu Bing berechnend und Chu Xue mutig. Chu Yu zeige große Begabung. Die hätte das Zeug zum Studieren. »Wir könnten unseren letzten Hausrat verkaufen, um sie an die Universität zu schicken. Aber man sollte nichts erzwingen … Und wenn du mich fragst, in eine gute Familie einzuheiraten ist immer noch wichtiger als alles andere.« Sie schüttelte den Kopf. »Und was Laibao angeht. Wenn er, so wie er ist, für unsere Familie den Weihrauch am Glimmen halten könnte, dann hätten die Bodhisattvas unserer Ahnen im Himmel schon einen ganz guten Stand.«

Menschen, die gut im Erfinden von Geschichten waren, verschwendeten auf die Sache mit Chu Anyuns Tod eine Menge Speichel. Sie waren fest davon überzeugt, dass Chu Anyun, auch nachdem er ins Grab gelegt worden war, jene schreckliche Nacht nicht vergessen konnte. Als ihm alle anderen Wege versperrt gewesen seien, habe ihm Gott eine Jauchegrube geschenkt. Unter dem Knüppel gäbe es vielleicht noch die Möglichkeit weiterzuleben, und mit einem etwas dickeren Fell könnte man in der Spucke der Leute schwimmen. Die Moral oder die öffentliche Meinung würden ihn kaum umbringen, und wäre der Ruf der »Aufrichtigkeit« ruiniert, spiele das noch weniger eine Rolle. Aber selbst als Geist hätte er bedauert, dass er in die Jauchegrube gesprungen und so am ganzen Körper mit Gift in Kontakt gekommen sei.

In jener Sommernacht sollte der Himmel voller Sterne stehen, aber kein Mond zu sehen sein. Die nebeneinanderliegenden Fischteiche würden in einem geheimnisvollen Licht leuchten, schlaflose Vögel würden mit den Flügeln flattern, Frösche in den Weiher springen und mit einem dumpfen Geräusch die Wasseroberfläche durchbrechen. Es läge ein vertrauter Fischgeruch in der Luft. Die Teiche sind schachbrettartig angelegt und die Pfade dazwischen mit einfachem Hundszahngras gesäumt – einem widerstandsfähigen, kriechenden Gras, das im Winter abstirbt und im Frühjahr wieder aufblüht. Wenn man darauf tritt, fühlt es sich weich und fluffig an. Die kerzengeraden Wasserlärchen reihen sich pechschwarz an der Straße entlang. Der Mann, der im Begriff ist zu sterben, weiß, auf welchen Straßen es Rinnen gibt, in welchen Fischteichen Unterwasserriffe lauern, wie viele Wasserlärchen auf seinem Hof stehen, wie viele Setzlinge sich in den Teichen befinden, wie die Teiche heißen, wie groß ihre Fläche ist, wie viele Sauen gehalten werden, wie viele Hähne kastriert wurden und wie viele Hennen Eier legen. Um sich mit dem Hof vertraut zu machen, hatte er seine Frau häufig allein zu Hause gelassen.

Der fischige Geruch von Muscheln, der Gestank von Schweinekot, der Duft nach Futtermitteln. Hunde bellen, Katzen schreien. Das Schilf raschelt, die Weiden wiegen sich sanft. Der Mann, der in Kürze sterben wird, geht ganz gemächlich, mit aufrechter Haltung. Verborgene sexuelle Lust steigt in ihm auf. Seine Leidenschaft verleiht ihm die besondere Fähigkeit, unter tausend anderen Gerüchen präzise den Körperduft jener Frau einzufangen. Er liebt diesen realen landwirtschaftlichen Betrieb, er liebt aber auch den geheimnisvollen »Hof« ihres Körpers mit seinen überall sprießenden Blumen und Kräutern, seinen Hügeln und Seen, seinen sumpfigen Ebenen. Und seiner Strohhütte mit dem rauchenden Kamin. Der Mann, der in Kürze sterben wird, kommt an einem Haus aus rotem Ziegelstein vorbei, hört, wie die Schweine miteinander rangeln, hört ihr freudiges Grunzen und spürt, dass Friede und Wohlstand herrschen: keine Seuche unter den Schweinen, keine Krankheit unter den Fischen, die Perlenaustern sind fett geworden. Er kann dem Land und den Menschen in die Augen sehen. Sofort wird sein Verlangen, sie zu sehen, noch ein wenig dringlicher.

Es ist schwer zu sagen, ob die Vermutungen der Leute, die sich gerne um fremde Angelegenheiten kümmern, zutreffen oder nicht. Die Aussage der Person, die behauptete, an der Verfolgungsjagd und der Durchsuchung beteiligt gewesen zu sein, hatte Hand und Fuß. Sie erklärte, dass der Ehemann längst Wind von der Affäre bekommen und es daher so gedreht habe, dass er seine Frau auf frischer Tat ertappte. Andere behaupteten, es habe sich um eine Verschwörung gehandelt. Der Ehemann habe es auf den Leitungsposten des landwirtschaftlichen Betriebs abgesehen und seine Frau als Köder benutzt. Sein Plan bestand darin, Chu Anyun, sobald er angebissen hatte, zum Rücktritt zu zwingen und so seinen beruflichen Rivalen aus dem Weg zu räumen. Doch überraschenderweise verliebte sich seine Frau tatsächlich in Chu Anyun, und das Spiel nahm eine substanzielle Wendung. Er hatte nie vorgehabt, eine wirkliche Zuneigung zwischen ihnen zu stiften. Eifersucht loderte in ihm auf, weshalb er in jener Nacht, als er den Beweis für den Ehebruch in die Hände bekam, seinem Gegner weiterhin zusetzte. Er hatte sich im Voraus Gedanken über mögliche Fluchtwege gemacht und jeden dieser Wege mit einer Falle versehen, die seinen Gegner als leichte Beute entweder verstümmeln oder töten würde, darunter auch eine vergiftete Jauchegrube.

Skandale sind faule Eier. Jede dem Gestank nachjagende Fliege hat sowohl das Selbstvertrauen als auch das Recht, sich summend zu äußern. Doch diese Meinungsäußerungen sind wie Maden, die sich überall auf dem Kadaver niederlassen und die Wahrheit zerfressen, bis sie kaum mehr erkennbar ist.

Jemand gab an, sich zu erinnern, an jenem Abend gegen neun Uhr auf dem Hof von Weitem eine Taschenlampe gesehen zu haben, die hin- und hergeschwenkt wurde. Der Lichtstrahl sei mal lang und mal kurz gewesen, mal habe er sich auch in einen runden Lichtkegel verwandelt. Anscheinend war ein Schwein aus seinem Koben ausgebrochen. Der unruhige Strahl in der Stille war um die zehn Minuten lang zu erkennen gewesen. Ein wenig später in derselben Nacht wurde ein Mann, der am Hintereingang seines Hauses urinierte, von einem Geräusch im Lotosteich so erschreckt, dass er sich über den Fuß pinkelte. Er sah, wie etwas aus dem Wasser kroch, etwas mit einem glänzenden, bleichen Körper, das sich aufrecht entfernte. In der zweiten Nachthälfte war Chu Anyun dann völlig durchnässt zurückgekommen. Er sei bei seinem nächtlichen Spaziergang in einen Graben mit stinkendem Wasser gefallen, sagte er. Wu Aixiang stieg aus dem Bett und machte einen Topf mit Wasser heiß, um ihren Mann abzuschrubben und seine juckenden Stellen zu kratzen. Sie rieb und wusch ihn, bis die Seife so dünn wie ein Blatt Papier war, der Hahn krähte und es draußen hell wurde. Laibao, der daran gewöhnt war, mit einer Brustwarze im Mund zu schlafen, schrie und weinte die ganze Nacht hindurch und weckte damit eine Menge Bewohner des Hauses auf, die nur einen leichten Schlaf hatten.

Die herbstliche Flur war eine bunte Mischung aus Farben. Gelb, Grün und Rot. Wenn nach dem Regen die Sonne wieder herauskam, dann gab es auch blaue Blätter und bunte Flüsse. Die Reisfelder schienen kein Ende zu nehmen. Die grünen Blätter schimmerten zum Teil schon gelblich.

Die Ähren dagegen waren wie junge Mädchen im Frühling, die sich nach Liebe sehnen und schweigend ihre Köpfe hängen lassen. Gelegentlich ein Feld mit Wasserkastanien, deren Blattsprossen dunkelgrün und dünn waren wie bei Frühlingszwiebeln. Dichtes Unkraut entlang der Wassergräben, langbeinige Insekten, die dicht über der Wasseroberfläche entlangeilten, so als würden sie ihrem Spiegelbild nachjagen. Am Feldrain stand ein langbeiniger weißer Vogel, der gemächlich dahinschritt und manchmal unversehens aufflog und seine Silhouette in das Himmelszelt bettete. Das Meer war weit genug, damit die Fische springen konnten, und der Himmel für die Vögel hoch genug, damit sie fliegen konnten. Aber ob Vögel, Bäume oder Menschen: Alle Dinge unter dem blauen Himmel wirkten, als wären sie Lebewesen auf dem Meeresboden.

Das war der Anblick, der sich Chu Anyun von seinem Grab aus bot. Den Standort des Grabes hatte Wang Yangming, der Bestatter, gewählt. Er behauptete, das Buch der Wandlungen studiert zu haben und Feng-Shui praktizieren zu können. Aber damals war das nicht erlaubt, und niemand legte Wert darauf, sodass er nur die Leiche waschen und die Beerdigung organisieren durfte. Nachdem er Chu Anyuns gesäuberten Leichnam eingesargt hatte, kaufte er vom Lohn für seine Dienste für Chu Yue eine Bubikopfperücke. Eine Weile später schickte er ihr eine neue, und nachdem er ihr nacheinander drei Perücken geschenkt hatte, heiratete er sie. Dies geschah 1983, als Chu Yue gerade ihr siebzehntes Lebensjahr vollendet hatte.

Es heißt immer, es gäbe nichts Perfektes auf der Welt. Aber einige Jahre später waren Chu Yue und Wang Yangming die Eltern eines Sohnes und einer Tochter. In ihrer Familie wurde viel erzählt und viel gelacht, alle hatten eine gesunde Gesichtsfarbe und strahlende Augen. Bei ihnen stimmte wirklich alles. Anfang der 1990er Jahre bekam Chu Yu, die jüngste Tochter der Chus, die Zulassung an einer Universität in Peking. Gleichzeitig entstand um den einsamen, öden Hügel, in dem Chu Anyun jahrelang gelegen hatte, plötzlich einiger Trubel. Die Toten begannen sich dort zu stapeln. Leute gruben sogar ihre Vorfahren aus und verlegten die Gräber an diesen unter Feng-Shui-Aspekten günstigen Standort, in der Hoffnung auf glücklichere Zeiten. Erst jetzt konnte sich Wang Yangmings Talent entfalten, und er wurde ein berühmter Feng-Shui-Meister. Und nachdem sich für ihn ein Weg zu Wohlstand geöffnet hatte, baute er als Erster im Dorf ein mehrstöckiges Wohnhaus und legte einen abwechslungsreichen Blumengarten an.

»So wie ich immer sage … Eine Ehe beruht nicht auf Liebe, sondern auf Schicksal.« Qi Nianci, die, obwohl sie über neunzig war, immer noch scharfe Augen und Ohren hatte, schüttelte ihren Kopf.

Chu Anyuns Tod brachte für die Familie dramatische Veränderungen mit sich. In diesen harten Zeiten stand Qi Nianci mit ihren beiden kleinen Füßen fest auf dem Boden. Statt weiter kopfschüttelnd und zähneknirschend in ihrem Lehnstuhl zu sitzen, verkaufte sie etwas von ihrem Schmuck. Und da sie auch danach ständig Juwelen und Porzellan aus der Qing-Dynastie veräußerte und ein strenges Budget einhielt, konnte sich die achtköpfige Familie ebenso wie früher sattessen und warm genug anziehen. In einer Zeit der Versorgungsengpässe, in der es anderen an Nahrung und Kleidung mangelte, waren die Chus immer noch in der Lage, etwas zu verleihen. Qi Niancis Maßnahmen waren hart und entschieden. Nach seinem fünften Geburtstag wurde Chu Laibao gewaltsam entwöhnt und schlief nun mit Chu Yun im selben Bett. Einmal wachte Chu Yun mitten in der Nacht auf, weil sie spürte, dass Laibao in tiefem Schlaf an ihrer Brust saugte. Sie kümmerte sich nicht weiter darum und ignorierte es auch die wenigen Male danach. Bei seiner großen Schwester verringerte sich Laibaos Angst vor der Entwöhnung. Als Chu Yun heiratete, war er völlig von der Brust losgekommen, aber sein IQ hatte sich nicht weiterentwickelt.

KAPITEL 2

An einem frühen Morgen am Wochenende, als Pollen von Weidenkätzchen durch die Luft wirbelten, wurde der Himmel über Peking von schrillem Hunan-Dialekt erschüttert. Eine laute Stimme, so wie sie nur Frauen aus dem Dorf besitzen, zerriss die Ruhe des kleinen Wohnviertels. Und es war tatsächlich Chu Yus Kosename, der da gerufen wurde. Chu Yu eilte aufgeschreckt zum Fenster. Draußen, in der Mitte der Gartenanlage, stand ihre Schwester Chu Yun. Sie hatte beide Hände zu einem Trichter zusammengelegt und rief in Richtung des Hochhauses. Ihr Haar war zu einem Dutt zusammengesteckt, und sie trug eine dattelrote Strickwolljacke zu einem schwarzen Saumrock. Nach jedem Schrei wandte sie sich mal in die eine, mal in die andere Richtung. Dabei wirkte sie entspannt und bewegte sich ganz gemächlich, so als ob sie es auf gar keine Antwort abgesehen hätte und ihre Stimme nur zum Zeitvertreib üben würde – sie war immer schon träge und phlegmatisch gewesen.

Sie war mit einem der grünen Züge nach Peking gekommen. Es war billig, und unterwegs konnte man gut die Landschaft betrachten. Offenbar hatte sie die ganze Nacht lang nicht geschlafen und in die Dunkelheit hinausgesehen, als würde sich die Schwärze der Nacht im Norden von der im Süden unterscheiden. Sie besaß eine gesunde Gesichtsfarbe, und ihre Haut war straff. Nachdem sie noch vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr zwei Kinder geboren hatte, ließ sie sich entsprechend der geltenden Politik gehorsam die Eileiter abbinden. Auf ihrem Bauch blieb ein langer Regenwurm zurück. »Ich weiß nicht, wie viel Ärger ich mir damit erspart habe«, sagte sie. Jetzt sahen ihre Hüften und ihr Po immer noch so aus, wie es sich gehörte, und sie wirkte überhaupt nicht wie eine Frau von vierzig Jahren. Mit ihrem Aussehen, ein klein wenig Kulturbeflissenheit und dem Wissen, wie man sich richtig anzog und schminkte, wäre es der ideale Zeitpunkt gewesen, um Männer aufzureißen. Es war schon lange her, seitdem Chu Yu ihren Heimatort verlassen hatte. In Peking hatte sie studiert und gearbeitet und dabei ihren Dialekt völlig abgelegt. Sie hatte sich vollständig in die Stadt im Norden integriert und sich vom Landleben entfremdet. Daher wusste sie auch nichts darüber, wie sich die Frauen auf dem Dorf verändert hatten, und war entsprechend überrascht, als sie feststellte, dass Chu Yun nicht nach Peking gekommen war, um dort für leichten Wind und Wellengekräusel zu sorgen wie im Seengebiet bei ihnen auf dem Land, sondern um einen Tsunami auszulösen.

Im Mai des vergangenen Jahres schien Chu Yun etwas auf dem Herzen gelegen zu haben. Sie hatte für einige Tage in ihrem Elternhaus gewohnt, war aber wieder nach Hause zurückgekehrt, ohne etwas zu sagen. Alle hatten angenommen, dass sie einiges an Yan Zhenqing auszusetzen hatte. Seine Hände, von dessen rosa Fingerspitzen sie damals so fasziniert gewesen war, waren zu nichts anderem imstande, als Haustiere zu kastrieren. Das Geld, das er verdiente, übergab er seiner Mutter zur Verwaltung, während Chu Yun die Arbeit auf dem Feld erledigte. Oft klemmte sie das Kind zwischen ihren Beinen fest, um die Hände für die Arbeit frei zu haben, und manchmal nahm sie es auch in die Armbeuge und bereitete mit der freien Hand das Essen zu. Ihre Großmutter mit den kleinen Füßen hatte sie von Anfang an gewarnt: Auf dem Land leben die Menschen von der Feldarbeit. Jemand, der zupacken, Lasten schleppen und Felder bestellen kann, gilt als gut und wertvoll.

Damals hatte sich Chu Yun überhaupt noch keine Gedanken darüber gemacht, worum es im Leben ging. Stattdessen hatte sie an die überaus zarten, rosafarbenen Fingerspitzen gedacht; daran, von solchen Händen mehrere Meilen weit weggeführt zu werden, etwa zu einer Filmvorführung in ein Open-Air-Kino. Und sie hatte an seinen stolzen, distanzierten Gesichtsausdruck gedacht, der so gut zu den jadeweißen Sohlen seiner Schuhe passte. An die Ähnlichkeit zwischen ihm und ihrem Vater. Selbst als sie in dem grünen Zug saß, musste sie zugeben, dass sie sich damals von jenen zarten rosa Fingern angezogen gefühlt hatte. Sie erinnerte sich an die ersten guten Jahre ihrer Ehe. Ihr junges und kraftvolles sexuelles Begehren war wie ein tosender Sturzbach gewesen, der, durch Hindernisse gestaut, immer wieder nach einem Abfluss gesucht hatte. In den Nächten hatten sie die rosafarbenen Finger mit unermüdlicher Leidenschaft beschenkt und bei ihrer langsamen Verwandlung zur Frau unterstützt. Aber jetzt konnte sie sich schon nicht mehr ins Gedächtnis rufen, wie der Honig, mit dem sie geradezu übergossen worden war, geschmeckt hatte, so als wären ihre Geschmacksknospen blockiert. Aber dafür würde ihr später ein anderes, noch wärmeres und umfassenderes Gefühl zuteilwerden, das lange anhalten sollte – und zwar, dass sie die Liebe verstand und den Sex, nachdem er sich mit der Liebe vermischt hatte. Es war, als würde eine neue Welt für sie entstehen, eine Welt, die sie einem anderen Mann verdankte.

Im Zug genoss sie während der Fahrt die Dunkelheit und schwelgte in Erinnerungen. Vom nächtlichen Fenster wurde ihr Gesicht zurückgeworfen wie von einem Spiegel. Mal wirkte es entschlossen, mal unsicher, mal aufgeregt und mal ernüchtert. Eine Zeit lang betrachtete sie sich einfach nur genau – dieses spiegelnde Fensterglas bildete sie noch deutlicher und authentischer ab als der handtellergroße Ankleidespiegel bei ihr zu Hause.

Soll ich denn überhaupt nach Peking fahren? Mal fiel ihre Antwort positiv aus, mal zweifelte sie. Sie wusste nicht, wie Chu Yu die Sache betrachten würde. Vom Instinkt her glaubte sie, dass eine kultivierte Großstädterin wie Chu Yu dazu sicher nicht die gleiche Einstellung haben würde wie ihre Mutter. Sie hatte nie daran gedacht, ihre seit vielen Jahren verwitwete Mutter für das, was sie tat, um Verständnis und Unterstützung zu bitten, ja, sie hatte sogar mit ihr nie über ihre Probleme gesprochen. Seit dem Tod ihres Vaters musste sie als älteste Tochter mit Sorgen und Schwierigkeiten kämpfen und einen Teil der Verantwortung mittragen. Und seit dem Abgang von der Mittelschule half sie ihrer Mutter bei den alltäglichen Aufgaben im Haushalt. Außerdem schnitt sie Getreideähren, pflanzte Reis an und kümmerte sich um Alt und Jung. Ihre Großmutter war zwar seelisch stark, aber wegen ihrer kleinen Füße war sie auf eine Krücke angewiesen, mit der sie sich so vorsichtig bewegte, als hätte sie Angst, beim Auftreten den Erdboden zu beschädigen. Sobald sie sich erkältete, legte sie sich hustend ins Bett, und sobald sie Chilis aß, bekam sie leichte Hämorrhoidenschmerzen. In all diesen Fällen musste Chu Yun sie betreuen. Aber Husten und Hämorrhoiden waren nicht der Rede wert. Die schwierigste Pflicht bestand darin, der Großmutter jeden Tag die Füße zu waschen – alle zehn Zehen waren gebogen und in der Fußsohle versenkt, so wie in Schlamm und Sand eingebettete Muscheln oder in Zement gewalzte Kieselsteine. Man musste sie in heißem Wasser baden und sie kräftig reiben und massieren. Rheuma war das einzige Übel auf der Welt, das sie plagte und gegen das sie nichts ausrichten konnte. Ihre Füße hatten auch schon andere Familienmitglieder gewaschen, aber die Großmutter wollte nur Chu Yun. Anstatt ihren Wunsch damit zu begründen, dass sie eine gute Massagetechnik und Kraft in ihren Händen hatte, sagte sie lieber, dass Chu Yun aufrichtig sei, gewissenhaft arbeite und charakterlich keine Neigung zur Faulheit zeige. So treu und loyal hatte Chu Yun ihr Leben gelebt.

Manche Leute behaupteten, sie würde sich so ins Zeug legen, weil sie ständig an den Jadeanhänger ihrer Großmutter denken musste. Tatsächlich jedoch gefiel ihr das Smaragdarmband, das die Großmutter um ihre Hand trug. Als die Großmutter es verkaufte, tat ihr dies im Innern weh, aber sie gab keinen Ton von sich. Schließlich gab sie ihren heiß geliebten Jadeanhänger nicht an Chu Yun weiter, sondern an Chu Yu, die sie schon immer bevorzugt hatte. In Chu Yun kam deshalb kein Neid auf, sondern sie blieb ruhig und gelassen. In gewisser Weise war sie das genaue Abbild ihrer Mutter Wu Aixiang. Andere Leute sagten, sie habe Meister Yan übereilt geheiratet, um ihrer Familie zu entkommen, im Glauben, dass man einen durch Überanstrengung gekrümmten Rücken durch Wegheiraten wieder geradebiegen könne. In Wirklichkeit aber bog sich ihr Rücken danach noch viel schlimmer. Alle diese Annahmen entsprachen den gewohnheitsmäßigen Denkmustern der Leute, doch tatsächlich hätte zu dieser Frage nicht einmal Chu Yun selbst klar Stellung nehmen können.

Während einer vorübergehenden Pause der Zugdurchsagen wurde Chu Yun durch eine Frau, die ein Kind im Arm trug und über deren Schultern große und kleine Taschen hingen, an die Zeit erinnert, als sie mit ihren eigenen Kindern unterwegs gewesen war. Sie fragte sich, wie sie das durchgestanden hatte. Ihr Sohn, der gerade eine Ausbildung zum Koch machte, befand sich bereits in einem Alter, in dem sein Herz beim Anblick eines hübschen Mädchens heftig pochte, und ihre Tochter Yan Yan stand wie jede achtzehnjährige junge Frau in voller Blüte. Im einundzwanzigsten Jahrhundert züchteten und aßen die Menschen zwar immer noch Hühner, aber sie brauchen keinen Meister Yan mehr dazu. Yan Zhenqings chirurgische Instrumente lagen einsam und funkelnd in einer Schublade, während sein Handwerk bereits Rost angesetzt hatte wie ein Stück altes Eisen. Seine zehn rosa Finger waren längst matt und stumpf geworden. Dass sie einmal einen Glanz besessen hatten, der den Appetit der Frauen wecken konnte, sah man ihnen kein bisschen mehr an. Wo er seine stets mit voller Hingabe betriebene Kunst des Hähnekastrierens erlernt hatte, sein Mittel, die eigene Existenz zu sichern, wusste niemand.

Aufgrund seines Alters ließ sich vermuten, dass seine Jugend in ein Meer von Rot getaucht gewesen war: rote Fahnen, eine rote Sonne, rote Abzeichen und Plaketten, rote Armbinden. Er war das Produkt einer Zeit, in der man seine Mutter wie die meisten Jugendlichen mit Schulbildung aufs Land verschickt hatte, was wohl seine zarten, rosigen Fingerspitzen erklärte. Sein Vater, ein Bauer aus der Gegend und so ehrlich wie ein Mauerziegelstein, hatte während einer Hungersnot das letzte Stück Süßkartoffel seiner Frau und seinem Kind überlassen und war dann selbst verhungert.

Vier Jahre später heiratete seine Mutter einen anderen kreuzehrlichen Bauern aus derselben Gegend. Dieser fiel jedoch in einen Wassergraben und ertrank, nachdem er eine halbe Flasche Schnaps getrunken hatte, aus lauter Freude über ein Stück Land, das der Familie zugewiesen worden war. Yan Zhenqing besaß daher die stolze Arroganz eines Stadtmenschen, aber gleichzeitig auch die Stumpfheit und Begriffsstutzigkeit eines Landbewohners. Genau darin lag die Ursache seines Problems, denn er fühlte sich oft wie in zwei Hälften gespalten und kämpfte mit sich selbst. Er konnte toben wie ein Verrückter, der dann gar nichts mehr gemein mit dem kultivierten Mann hatte, der er sonst war, einem Mann, der Hähne so behutsam kastrierte, als würde er eine Stickerei anfertigen.

Der Zug bewegte sich keuchend vorwärts. In Gedanken versunken schälte Chu Yun eine Mandarine, die sie sich mechanisch in den Mund stopfte. Lautlos krümmten sich ihre vollen Lippen. Mit einem ausdruckslosen Gesicht, das an eine Kuh erinnerte, hörte sie erst auf zu kauen, als sie sich über etwas klar geworden war. Außerhalb des Fensters war alles undurchsichtig. Nur gelegentlich flackerten einige unruhige Lichter auf, die kleine Löcher in die Dunkelheit bohrten. Nun fuhr sie nach Peking, ohne vorher Bescheid gesagt zu haben. Denn zum einen hatte sie nicht gewollt, dass sich irgendjemand einmischte oder Bedenken äußerte, und zum andren konnte sie, sollte sie ihre Entscheidung bereuen, so unauffällig einen Rückzieher machen, und niemand würde von ihrer verrückten Idee erfahren. Im Dorf tratschten die Leute üblicherweise nach dem Essen miteinander, um die Verdauung zu fördern, und Dinge, die misslungen waren, kommentierten sie immer besonders bissig. Daher war das Letzte, was sie wollte, dass diese Sache in den Mäulern jener Leute landete, in deren Zahnspalten noch das Essen vom Vortag festhing. Seit dem letzten halben Jahr lastete das Getratsche der Leute über sie bereits so auf ihr wie hoher Schnee auf einem Ast. Daher wollte sie in Peking etwas Großes tun, das diesen Schnee zum Schmelzen bringen würde. Sie war noch nie weit von zu Hause weg gewesen, nicht einmal in Changsha. Dass draußen ein solches Chaos herrschte, hatte sie nicht erwartet. Nach vielen Umwegen war sie vom Laufen völlig nassgeschwitzt. Schließlich hatte sie ihr Ticket in der Hand und bestieg den Zug. Doch kaum saß sie fest auf ihrem Hinterteil, wallte Panik in ihr auf, und ihr Wille begann zu schwanken. Der Zug dagegen kannte kein Zögern. Sobald er sich in Bewegung gesetzt hatte, fuhr er mit gedrosselter Kraft seinen Weg nach Norden, so als würde er fürchten, sie könnte sich noch umentscheiden.

Nachdem Chu Yun geduscht hatte, zog sie sich Hauskleidung an, trank etwas Wasser und frühstückte. Kaum war sie zur Tür hereingekommen, hatte sie auch schon angefangen, von den Erlebnissen ihrer Fahrt zu erzählen. Selbst im Badezimmer sprach sie sehr laut weiter. Ihr Dialekt hüpfte lebendig auf und ab wie ein Spatz, der aus Versehen ins Zimmer geflogen ist und nun mal gegen das eine und mal gegen das andere Hindernis prallt. Einen solchen Radau hatte Chu Yun früher nicht gemacht. Wenn sie notgedrungen etwas sagen musste, war sie dabei so gewissenhaft vorgegangen wie jemand, der sich zum Anziehen sein bestes Kleidungsstück aus den Tiefen seines Koffers holt. Jetzt standen alle ihre Koffer und Kleiderschränke offen. Die Taube hatte ihren Käfig verlassen und hörte nicht mehr auf zu gurren. Das war nicht normal. Ihr Blick war ein wenig unstet. Wenn er sich nicht auf das Essen in ihrer Schale heftete, so wanderte er zu den Kalligrafien und Bildern an den Wänden, und immer tat sie so, als sei sie fasziniert. Ihre Gefühlslage schien kompliziert zu sein. Einerseits unterdrückte sie mit Mühe ihre Freude, andererseits lastete ihr gleichzeitig auch etwas schwer auf der Seele, als könnte sie jederzeit mit einem schwierigen Problem herausrücken und Chu Yu um eine endgültige Entscheidung bitten.

Dies sei das erste Mal, sagte sie, dass sie so weit gereist sei. Unterwegs hätte sie kein Geld ausgegeben, sei aber auch nicht hereingelegt worden, sodass sie nach wie vor nicht wisse, wie Betrüger aussähen. Bevor sie von zu Hause weggegangen sei, habe sie sich vorgenommen, ihren Geldbeutel fest an sich zu drücken, niemandem zu vertrauen, nichts zu kaufen, sich in nichts einzumischen und nirgendwo anders hinzusehen als aus dem Fenster.

»Du hättest mir vorher Bescheid geben sollen«, sagte Chu Yu. »Ich hätte dich vom Bahnhof abholen können. Dann hättest du auch nicht die Leute in unserer kleinen Wohnanlage in aller Frühe aus dem Schlaf gerissen. Und außerdem … wenn ich auf Dienstreise gewesen wäre, was hättest du dann gemacht?« Chu Yu hatte keine andere Wahl, als auf den Dialektkanal umzuschalten und mit steifer Stimme in eine schlammige, dumpf tönende Yiyang-Mundart zu fallen. Jedes Mal, wenn sie ins Dorf zurückkehrte, wo man sich mit einem lausig klingenden Hochchinesisch über sie lustig machte, musste sie die Veränderungen verbergen, die die Außenwelt in vielen Jahren bei ihr bewirkt hatten. In der Heimat war sie bereits eine Fremde. Sie konnte den Dialekt nicht ausstehen. Und wenn sie die von ihrem eigenen Mund hervorgebrachten Laute hörte, die so klangen, als hätte sie sich ihre Zunge mit heißer Suppe verbrannt, dann konnte sie sich selbst nicht leiden. Aber noch widerlicher fand sie es, in Gegenwart ihrer Verwandten, die kein Hochchinesisch sprachen, Hochsprache zu verwenden. Hätte sie ihnen die Wahrheit gesagt, dann hätten sich die Leute über sie lustig gemacht und gesagt, dass sie ihre Herkunft vergessen habe und das rechte Maß nicht mehr kenne. Selbst Chu Yun hätte geglaubt, dass sie ihre armen Verwandten verachtete. Das Einzige, was sie tun konnte, war, den Dialekt tiefer zu sprechen, ihn zum Beispiel von Tonart D auf Tonart C oder von Tonart A auf Tonart G herabzusetzen. Aber so klangen ihre Stimme und ihr Akzent ein wenig traurig, distanziert und gleichgültig.

»Ich weiß, ich hatte Glück.« Nach der heißen Dusche waren Chu Yuns Wangen gerötet. Ihr Haaransatz an der Stirn war ziemlich tief, als würde sie eine Perücke tragen.

»Du bist schon verdammt lange nicht mehr zu Hause gewesen. Großmutter freut sich jeden Tag darauf, dass du zurückkommst. Bist du jetzt Oberärztin geworden?«

»Reden wir nicht über die Arbeit«, sagte Chu Yu. »Nun da du hier bist, nutzen wir doch die Zeit, um uns zu amüsieren. Nächste Woche habe ich Dienst. Und wenn viele Patienten kommen, kann ich dich nicht begleiten. Wo willst du denn so hin? Zum Platz des Himmlischen Friedens, zur Großen Mauer, zum Kunstviertel 798?« Den Namen des Kunstviertels sprach Chu Yu auf Hochchinesisch aus und vermied dadurch den seltsamen Auslaut, den die Zahl acht im Dialekt hatte. Dieses kleine Manöver fühlte sich an, als würde sie eine Öffnung in einen dunklen Raum brechen. Sie verschaffte ihr einen Atemzug frische Luft.

»Heute haben wir Kapuzenhimmel«, sagte Chu Yun kauend im Dialekt und deutete mit den Spitzen ihrer Stäbchen sogar kurz nach draußen. Sie war dazu bestimmt, einen Beitrag zur Verbreitung ihrer Heimatsprache zu leisten, mit leicht verständlichen Wörtern lebendige Bilder zu schaffen, ohne Retroflexe, Frikative und Nasallaute. Wie als würde ihre Zungenspitze mit auf ihr liegenden Kieselsteinen spielen, sodass es wie Geplätscher klang. Doch ein paar der Ausdrücke, die aus ihrem Mund kamen, verstand Chu Yu bereits nicht mehr.

»Was für ein Kapuzenhimmel?«

»Der dicke Nebel … eine Kapuze aus dickem Nebel … Man weiß nicht, ob sie später noch verschwindet.«

Durch diese anspornende Übung war der Dialekt in Chu Yus Kopf bereits aus seinem Winterschlaf geweckt worden, und die lokalen Redeweisen über das Wetter begannen in ihren Ohren zu klingen. Sie hatten die Stimme der Großmutter. Denn die Großmutter war in der Familie Chu für die Wettervorhersage zuständig. Jeden Morgen nach dem Aufstehen öffnete sie zuerst die Haustür und schaute zum Himmel. Und erst nachdem sie sich auf das Wetter festgelegt hatte, begann sie mit den alltäglichen Verrichtungen des Tages. Sie erinnerte sich an Begriffe wie Kapuzenhimmel (dicker Nebel), weißer Klumpenfrost (starker Frost, der kleine Klumpen bildet), Eishaarfall (eiskalter Nieselregen), treibende Härchen (feiner Nieselregen) oder Sturzschnee (große, schnell fallende Schneeflocken). Unmittelbar nach ihrer Wettervorhersage pflegte sie außerdem zu seufzen: »Herrje, gestern Nacht habe ich zehn Stunden geschlafen.« Als ob es normalerweise weniger als zehn Stunden wären und sie unvorsichtigerweise verschlafen hätte. Großmutter wusch sich das Gesicht, putzte sich die Zähne, kämmte sich die Haare und steckte sie zu einem Dutt hoch. Wenn alles in Ordnung gebracht und fertig war, musste sie sich nur noch auf ihre Krücke gestützt an die Tür stellen und rülpsen, um die Blähungen in ihrem Magen loszuwerden. Dann standen alle diejenigen, die sich noch in ihren Betten fläzten, unverzüglich auf und folgten dem Rhythmus des Tages. In der Familie Chu gab es niemanden, der es gewagt hätte, im Bett zu bleiben.

Chu Yu betrachtete ihre Schwester, die so selbstsicher wie ihre Großmutter über das Wetter sprach. Natürlich kümmerte sich außer den Bauern niemand mehr um das Wetter. Sie kannten sich mit Getreide aus und waren für ihre tägliche Mahlzeit auf den Himmel angewiesen. Chu Yu hatte schon sehr früh entschieden, sich auf und davon zu machen. Der Tod ihres Vaters hatte sie dazu gebracht, die Medizin als Studienfach zu wählen – diese Wahl entsprach auch am meisten den Wünschen und Absichten der Großmutter. Ärzte konnten niemals arbeitslos werden. An dem Tag, an dem der Zulassungsbescheid der Medizinischen Hochschule eintraf, überreichte Qi Nianci Chu Yu den Jadeanhänger und belohnte damit die erste Universitätsstudentin der Familie Chu. Außerdem war es eine namhafte Hochschule.

Chu Yu und Chu Yun gehörten fast zwei verschiedenen Generationen an und waren einander ein wenig fremd. Und zudem dauerte es eine Weile, bis Chu Yus Kindheitserinnerungen aktiviert waren und ihr bewusst wurde, dass das in ihr steckende kleine Mädchen vom Lande unter der nicht sichtbaren Hülle der sogenannten Stadtkultur noch immer lebendig war. Chu Yun hatte einen hohen Preis bezahlt, und sie selbst hatte als Familienmitglied von ihrem Opfer profitiert. Also gab es keinen Grund, warum sie heute ihre ländliche Verhaltensweise verachten und an ihr herumnörgeln sollte.

»Solange keine Messer vom Himmel fallen, können wir überall hingehen.« Chu Yu spürte eine innere Unruhe, so als wolle sie etwas wiedergutmachen. »Wir gehen erst zum Platz des Himmlischen Friedens und zur Verbotenen Stadt, und abends essen wir Pekingente im berühmten Restaurant Quanjude.«

»Um die Wahrheit zu sagen«, erwiderte Chu Yun, »ich bin nicht zum Vergnügen hergekommen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu …« Chu Yuns Miene wurde ernst. Offenbar kam sie erst jetzt zur Sache. Mutig blickte sie Chu Yu direkt ins Gesicht und kniff die Lippen zusammen. In ihren Augen lagen tausend ungesagte Worte.

Mit einem Wink ermunterte Chu Yu sie weiterzusprechen.

»Ich bin wegen einer Operation hier.«

»Was für eine Krankheit hast du?« Chu Yus Gesicht nahm einen völlig anderen Ausdruck an.

»Ich bin nicht krank … Ich möchte …« Erneut fiel es Chu Yun schwer zu sprechen, als würde sie an hartem Reis würgen. »Ich möchte … mir meine Eileiter wieder öffnen lassen.«

Chu Yu stieß nicht den schrillen Schrei aus, den Chu Yun erwartet hatte. Als hätte sie nichts gehört, wandte sie ihren Kopf und warf einen Blick auf den Abreißkalender: Samstag, 9. April 2000.

Sie ging hinüber und riss das Blatt des bereits vergangenen Tages ab. An diesem Tag hatte sie mehrere Patienten gehabt, die sich in einer besonders kritischen Situation befanden. Die flehenden Blicke der Familienangehörigen waren ihr ununterbrochen ins Gesicht geflackert wie Warnlichter. Einer der Angehörigen hatte ihr ein Buch geschenkt, doch zwischen den Seiten war ein roter, mit Geld gefüllter Umschlag eingeklemmt gewesen – sie hatte alles zurückgegeben. Sie wusste nicht, seit wann die Familien der Patienten eine solche Abhängigkeit von solchen roten Umschlägen entwickelt hatten. Sie hielten sie für einen Teil der Krankheit und verbanden sie mit dem Krankenhaus. Und sie wussten sogar, wie sie die Beträge in den roten Umschlägen je nach Wichtigkeit der Ärzte aufteilen mussten. Sogar die Krankenschwestern erhielten oft Obst und Snacks von ihnen.

Sie hätten es nur ungern zugegeben, dass sie damit Gewissen korrumpierten und dass die roten Umschläge, die ausschließlich zum moralischen Niedergang der Ärzte beitrugen, weder deren Potenzial aktivierten noch für die medizinische Kunst einen Nutzen darstellten. Daher forderte sie die Krankenschwestern in ihrer Abteilung immer wieder auf, geduldig zu sein. Sie sollten lächeln, die Familienangehörigen der Patienten um Vertrauen bitten und sie davon überzeugen, dass es die Pflicht der Ärzte sei, zu heilen und Leben zu retten.

Chu Yu zerriss das Kalenderblatt und warf es in den Papierkorb, wobei sie die Stirn runzelte, als würde ihr plötzlich etwas wehtun.

Dann ging sie auf den Balkon, griff nach der Gießkanne und gab den Blumen Wasser.

Sie erinnerte sich noch sehr genau an den Sommer des Jahres 1985, als sie nach der Schule auf einen Botengang geschickt wurde. Ihre Mutter hatte ein altes Huhn und einen halben Korb Eier vorbereitet. Beides sollte sie zu Chu Yun bringen. »Das braucht sie nach ihrer Operation jetzt ganz besonders«, sagte sie. Um zu verhindern, dass die Eier zerbrachen, war sie mit dem Fahrrad nur ganz langsam gefahren, sodass es bereits dunkel war, als sie bei Chu Yun ankam. Sie lag kerzengerade im Bett, mit aufgedecktem Unterkörper, auf dem eine rote, glänzende Narbe prangte. Ihr Gesicht war wegen des Fiebers von einem leuchtenden Rot überzogen, während ihr Baby noch immer in ihren Armen lag und an ihrer Brust saugte. Dieser Anblick hatte Chu Yu tief erschüttert. Es schien, als würde etwas Chu Yuns Körper bei lebendigem Leibe auffressen, und schnell kam sie auf den Gedanken, dass dieses Etwas ihre Krankheit und das Baby sein mussten.

Es sollte jemand kommen und das Baby wegnehmen und sie, weil sie krank war, ins Krankenhaus schicken.

Als hätte Chu Yun ihre stummen Worte gehört, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme: »Es ist kein großes Problem … solange ich keine Chilis esse.« Und schließlich unter großem Gelächter: »Ist das Hauptproblem gelöst, dann sind es auch alle anderen.«

Chu Yu glaubte, sie habe damit gemeint, dass der Tod die beste Lösung wäre. Es dauerte Jahre, bis sie begriff, dass das sogenannte »Hauptproblem« sich auf eine Sache zwischen Mann und Frau bezog – die Empfängnisverhütung. Diese Spielart des täglichen Kriegs zwischen Ehepaaren wurde schließlich durch die Sterilisation der Frauen beendet.

Jene Szene, in der Chu Yun im Bett lag und das Baby unter ihrer Achsel noch immer stillte, hatte sich ihr tief eingeprägt. Die Wunde im Unterleib ihrer Schwester blendete ihre Augen wie ein Blitz. Sie erinnerte sich an die blutigen Schnitte, die Yan Zhenqing beim Kastrieren der Hähne gemacht hatte. Zum ersten Mal bekam sie Angst vor ihrem weiblichen Körper. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass der Körper einer Frau solche Dinge ertragen musste. Ich will niemals ein Kind bekommen. Ich will nicht, dass, wenn ich krank bin, irgendein anderes Ding sich von meinem Körper ernährt.

Und später dachte sie: Ich will nicht heiraten. Dann muss ich nicht gebären … denn wenn ich nicht gebäre, dann brauche ich auch keine Sterilisation. Und selbst wenn ich sterbe, werden an keiner Stelle meines Körpers Narben zurückbleiben.

Ein paar Jahre später musste Chu Yu miterleben, wie Chu Yue von ihrer Sterilisation zurückkehrte. Dies verschärfte die Angst vor ihrem Körper.

Wang Yangming, Chu Yus Schwager, hatte Chu Yue damals auf einer zweirädrigen Handkarre hinter sich hergezogen. Er war stark sonnengebräunt und von gedrungener Statur. Auf seinem kahlen Kopf hatten sich so viele Schweißperlen gebildet, als wäre er im Regen nass geworden. In seinem Gesicht hatte ursprünglich schon unglückverheißendes Qi gelegen. Die Leute sagten, er habe zu viele Leichen gewaschen, daher habe sich kaltes, tödliches Qi an sein Äußeres gehängt. Als er etwas älter geworden war, wirkte seine ganze Erscheinung, als hätte er in Todesflüssigkeit gebadet. Die goldenen Schmuckstücke, die er am Körper trug, erinnerten eher an Grabbeigaben – Feng-Shui zu praktizieren brachte die häusliche Wirtschaft auf Trapp. Und wenn man Geld hatte, aber nicht wusste, wie man es ausgeben sollte, dann hängte man es eben an den eigenen Körper. Gewichtsmäßig musste man damit die anderen Leute übertreffen, und eine goldene Halskette musste möglichst dick sein. Mit seinen schweren Ketten um Hals und Hände zog er die Handkarre langsam über eine Dammstraße wie ein wandernder Kuli, der seine Freiheit verloren hat. Auf dem Karren lag Chu Yue bewegungslos wie eine Tote. Eine große geblümte Decke bedeckte sie vom Kopf bis zu den Füßen.

Wang Yangming zog Chu Yue direkt zurück in ihr Elternhaus, damit sie sich dort erholen konnte. Daher fühlte sich Yan Zhenqing von der Großmutter benachteiligt und begann in Gegenwart seiner Frau Zwietracht zu säen. Daraufhin wehrte Chu Yun seine Stänkereien mit dem blassen Satz ab: »Unsere Familie schuldet Chu Yue etwas.«

Eines Tages erinnerte sich Chu Yu an ihre Frage über das Hähnekastrieren, die sie Yan Zhenqing als Kind gestellt hatte. Als Erwachsene verstand sie seine Antwort, aber gleichzeitig waren ihr wieder neue Zweifel gekommen. Verloren Frauen nach der Sterilisation ihre Empfindungen und Begierden? Weder hatte sie jemanden danach gefragt, noch hatte sie sich je mit anderen Menschen über dieses Thema unterhalten. Eine Menge Fragen über das Erwachsenwerden einer Frau waren mit einem schwer zu erklärenden Tabu belegt, wie etwa die Unterhose der Großmutter, die diese nie in die Sonne zum Trocknen hängte. Es gab viele Dinge, die aus ihrer Sicht hätten anders sein müssen. Aber da sie so jung gewesen war, hatte sie sich keinen Reim darauf machen können. Die Sache mit ihrer Mutter zum Beispiel, die ununterbrochen die doppelte – psychische und physische – Qual des Stahlrings hinnehmen musste. Ständig litt sie, weil ihr Rücken wehtat und die Beine nicht mitmachten, sowie unter Schwellungen und Schmerzen im Unterleib, die sich bei schwerer Arbeit verstärkten. Und noch mehr Energie kostete sie es, mit dem kalten Fremdkörper in ihrem Inneren fertigzuwerden. Wenn sie erschöpft auf einem Stuhl saß und über all die Beschwerden nachsann, die der Stahlring mit sich brachte, dann sah sie aus wie Häuflein Elend.

Nach dem Tod des Vaters war die Mutter, der Ansicht der Großmutter folgend – »Mach für Laibao ein bisschen Platz« –, mit ihrem Bett zu ihr ins Zimmer umgezogen. Nachts lagen die beiden dann oft bei ausgeschaltetem Licht in ihren jeweiligen Betten und tauschten im Dunkeln Klatsch und Tratsch aus, bis über ihrer Plauderei eine von ihnen anfing zu schnarchen. Deshalb hatten sie sich tagsüber nicht viel zu sagen, ja, es sah sogar so aus, als ob sie beide die Beleidigten spielten. Manche Leute behaupteten, dass die Großmutter ihre Schwiegertochter allzu sehr überwachte. Im Innersten fühlt sich die Schwiegertochter unglücklich, sagten sie.

Oft dachte die Mutter daran, den Verhütungsring herausnehmen zu lassen. Ohne Mann ist dieses Ding auch nicht mehr nötig. So hatte sie damals überlegt. An jenem Abend war die Großmutter recht gut gelaunt. Wu Aixiang, die mehrere Moskitonetzschichten von ihr trennten, hatte sehr lange mit sich gekämpft, bis sie schließlich aussprach, was sie dachte.

Eine Witwe, die ins Krankenhaus geht, um sich den Ring entfernen zu lassen. Das würde Anlass zu Getratsche geben. So hatte die Großmutter ihrer Schwiegertochter geantwortet. Ihre Stimme war so ruhig und klar gewesen wie bei jeder ihrer Entscheidungen. »Lass das Ding drin, es stört nicht.«

Wie immer hatte die Mutter mit einem kurzen »Hm« reagiert und nicht mehr viel dazu gesagt. Nach ihrem Tod entdeckte Chu Yu beim Ordnen des Nachlasses einen Krankenbericht von 1980 (sie hatte alles aufbewahrt, was mit ihrem Leben zu tun hatte). Aus ihm ging hervor, dass die Mutter zur Behandlung und zur Überprüfung des Rings ein Krankenhaus aufgesucht hatte. Laut Diagnose hatte sich der Ring bereits verschoben. Um ihn zu entfernen, wären ein Krankenhausaufenthalt und eine Operation notwendig gewesen. Aber die Mutter hatte sich entschieden, mit dem Stahlring zu leben, vielleicht weil es Zeit oder Geld kostete oder aus allen möglichen anderen Gründen. Später war die Mutter in die Kleinstadt gefahren, um einzukaufen, und hatte diese Gelegenheit dazu benutzt, klammheimlich ins Krankenhaus zu gehen und sich den Ring entfernen zu lassen. Es war vermutlich das erste Mal in ihrem Leben, dass sie der Großmutter nicht gehorchte, und dies endete mit einem Fehlschlag.

In ihrer Jugend war Großmutter Qi Nianci ein harter Knochen gewesen. Unter den Frauen in der alten Gesellschaft gab es wahrscheinlich nicht viele, die es so faustdick hinter den Ohren hatten wie sie. Wenn Leute vom Land zusammenkamen, dann konnte es passieren, dass sie alte Geschichten auskramten. Sie sah gut aus, und der Mann war aus reichem Hause. Leider war er unehrlich und neigte zu Seitensprüngen. Man wusste auch nicht, wie sie es fertiggekriegt hatte. Sie hatte tatsächlich verhindert, dass ihr Mann sich eine Nebenfrau nahm. Später wurde er von jemandem totgeschlagen. Angeblich hatte er mit der Ehefrau eines anderen geschlafen, ohne zu ahnen, dass sein Junge sein Hobby erbte und auch mit den Frauen anderer Leute schlief und deswegen ebenfalls sein Leben verlor. Sie war noch keine zwei Jahre Witwe, da hatte sie schon einen Liebhaber. Ihre Schwiegermutter ließ ihr die Wahl zwischen zwei Wegen: entweder in eine Heirat einzuwilligen, ihren Sohn zurückzulassen und keinen Anspruch auf nur einen Fen des Familienvermögens zu erheben oder hübsch manierlich ihre Witwenschaft zu akzeptieren, bis ihr Sohn eine eigene Familie gründete. Der gesamte Familienbesitz würde dann von ihr verwaltet werden, und sie könnte sich auf Gold, Silber und Juwelen zur Ruhe betten. Warum sich Großmutter Qi nicht neu verheiratet hatte, war bis heute ein vollkommenes Rätsel. Manche sagten, weil zu dieser Zeit gerade die Xinhai-Revolution tobte und ihr Liebhaber in einem Gefecht starb. Andere meinten dagegen, sie habe am Familienvermögen gehangen und deshalb den zweiten Weg gewählt.