Die Gebrüder Kip - Jules Verne - E-Book

Die Gebrüder Kip E-Book

Jules Verne.

0,0
0,49 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In "Die Gebrüder Kip" zeichnet Jules Verne ein faszinierendes Bild des Abenteuers und der Entdeckung im Kontext des 19. Jahrhunderts. Der Roman, der sich zwischen einer spannungsgeladenen Erzählung und einer detaillierten Beschreibung innovativer Technologien bewegt, erzählt die Geschichte der Brüder Kip, die auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens und der Naturwissenschaften eine Expedition unternehmen. Vernes literarischer Stil, geprägt von einem ausgeprägten Sinn für Detail und einer tiefen Leidenschaft für den Fortschritt, zeigt sich in den lebhaft geschilderten Szenen und den wissenschaftlichen Erklärungen, die den Leser in das Geschehen hineinziehen und zugleich dessen Geist anregen. Jules Verne, ein Pionier der Science-Fiction-Literatur, war bekannt für seine spektakulären Reisen in die tieferliegenden Fragen der menschlichen Existenz und den wissenschaftlichen Errungenschaften seiner Zeit. Aufgewachsen in einer Zeit, in der der Industrialisierungsprozess und technische Fortschritte immer mehr Menschen faszinierte, führte Vernes eigener Background in einer Juristenfamilie und sein Drang, zu reisen, zu seinen lebhaften Beschreibungen abenteuerlicher Expeditionen und innovativer Ideen, die oft mehreren Jahrzehnten voraus waren. "Die Gebrüder Kip" ist ein unverzichtbares Werk für jeden Leser, der sich für die Verbindung zwischen Abenteuer und Wissenschaft interessiert. Der Roman fordert dazu auf, die Schönheit und Komplexität der Natur zu erkunden und lässt uns über die Möglichkeiten des menschlichen Erfindergeistes reflektieren. Ein spannender, lehrreicher und unterhaltsamer Roman, der die Vorstellungskraft anregt und den Leser auf eine fesselnde Reise mitnimmt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jules Verne

Die Gebrüder Kip

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Marcel Lange
EAN 8596547752196
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Gebrüder Kip
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Wenn der Ozean zum Gerichtssaal wird, entscheidet nicht nur der Wind über das Schicksal. In Jules Vernes Die Gebrüder Kip verdichten sich Weite, Gefahr und Rechtssuche zu einem einzigen Spannungsfeld: Zwei Brüder geraten in einen Strudel aus Seefahrt, Pflicht und Verdacht. Das Meer ist dabei mehr als Kulisse; es ist ein Prüfstein der Wahrnehmung, an dem Mut, Urteilskraft und Zusammenhalt bestehen müssen. Vernes Roman greift die Frage auf, wie Wahrheit unter widrigen Bedingungen ans Licht kommen kann, wenn Regeln, Rollen und Autoritäten schwanken. So beginnt eine Reise, die Abenteuer und Gewissensprüfung untrennbar miteinander verknüpft.

Die Gebrüder Kip gilt als Klassiker, weil der Roman Abenteuerlust mit moralischer Ernsthaftigkeit verbindet. Verne führt seine Leserinnen und Leser nicht nur über die Weltmeere, sondern auch durch das Labyrinth von Indizien, Vermutungen und Charakterprüfungen. Das Werk steht in der Tradition großer Seefahrtsgeschichten, erweitert sie jedoch um eine sorgfältig konstruierte Untersuchung des Verdachts. Statt bloßer Sensation bietet der Text eine dichte Abfolge von Entscheidungen und Konsequenzen, die bis heute nachhallt. Dadurch ist er ein Referenzpunkt für Erzählungen, die den Nervenkitzel der Reise mit der Logik von Beweis und Verantwortung verbinden.

Jules Verne (1828–1905) zählt zu den prägenden Autoren des 19. Jahrhunderts. Als französischer Schriftsteller wurde er mit den Voyages extraordinaires bekannt, einem Romanzyklus, der wissenschaftliche Neugier, geografische Erkundung und erzählerische Spannung vereint. Verne ist kein bloßer Visionär technischer Wunder, sondern ein akribischer Beobachter von Institutionen, Berufen und Weltverhältnissen. Die Gebrüder Kip gehört zu seinen späten Arbeiten und zeigt, wie souverän er Schauplätze, Milieus und Handlung miteinander verwebt. Für deutschsprachige Leserinnen und Leser ist das Buch unter dem tradierten Titel Die Gebrüder Kip bekannt und bewahrt in der Übersetzung den Impuls des französischen Originals.

Entstanden ist der Roman zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit beschleunigter Globalisierung, in der Dampfschiffe, Telegraphie und internationale Handelsrouten das Erleben der Ferne veränderten. Verne veröffentlichte das Werk in Frankreich im Rahmen seiner berühmten Reihe, die Unterhaltung und Bildung programmatisch verband. Diese Entstehungszeit prägt die Erzählung: Technik und Organisation der Seefahrt, soziale Hierarchien an Bord und ein Sinn für weltweite Verflechtungen bilden das tragende Fundament. Zugleich markiert der Roman eine späte Phase in Vernes Schaffen, in der sich seine Erkundungslust mit einer reflektierten Sicht auf Recht, Ordnung und Beweisführung verbindet.

Die Ausgangssituation ist einfach und wirkungsvoll: Zwei Brüder brechen zu einer Reise auf, deren Route sie weit hinaus auf offene See führt. Ein Schiff, eine Besatzung, ein Alltag zwischen Wachen, Arbeit und Wetter – und dann eine Tat, die das fragile Gleichgewicht des Bordlebens zerstört. Der Verdacht fällt dorthin, wo Nähe, Gelegenheit und Unwissenheit leicht zusammenkommen. Was als Passage beginnt, wird zu einem Kampffeld um Ehre, Glaubwürdigkeit und Rettung aus moralischer wie existenzieller Not. Mehr sei zur Handlung nicht verraten; entscheidend ist, wie Verne die Spirale des Zweifels angelegt hat.

Thematisch kreisen die Kapitel um Bruderbund und Solidarität, um Standhaftigkeit gegenüber Druck und um die Frage, was Gerechtigkeit unter extremen Bedingungen bedeuten kann. Verne interessiert sich für die Mechanik des Verdachts: Wie entstehen Deutungen, woher beziehen sie ihre Kraft, und wodurch können sie berichtigt werden? Die Gebrüder Kip stellt Mut gegen Übereifer, Pflichtgefühl gegen Willkür und Erinnerung gegen Gerücht. Indem der Roman die Brüder in eine Lage versetzt, die sie zu klaren Entscheidungen zwingt, zeigt er, wie aus persönlicher Loyalität eine allgemeine Prüfung von Fairness und Ordnung wird.

Literarisch überzeugt das Werk durch genaue Beobachtung und ökonomische Dramaturgie. Verne entfaltet nautische Arbeitsabläufe, räumliche Verhältnisse und soziale Rollen präzise, ohne den Fluss der Erzählung zu bremsen. Die Spannung wächst Schritt für Schritt aus Situation, Rhythmus und Perspektivwechsel, nicht aus bloßen Effekten. Zugleich bleibt die Sprache zugänglich, die Szenen klar gegliedert, die Motive wiederkehrend und markant. Dieses Zusammenspiel erzeugt eine stetige Verdichtung: Das Meer wird erfahrbar, die Gemeinschaft an Bord nachvollziehbar, und die Konsequenzen jeder Entscheidung treten deutlich hervor, bis sich das moralische Relief der Geschichte scharf abzeichnet.

Im literarischen Feld positioniert sich Die Gebrüder Kip zwischen Abenteuerroman, Seestück und Kriminalerzählung. Verne überführt die Lust am Fremden und Fernen in eine präzise Logik von Ursache und Wirkung. Damit trägt das Buch zu jener Traditionslinie bei, die das Maritime als Brennspiegel gesellschaftlicher Ordnung begreift. Es schließt an frühere Seefahrtsprosa an und kündigt zugleich moderne Mischformen an, in denen Ermittlungszüge, Verhandlungsszenarien und technische Details selbstverständlich ineinandergreifen. So hat das Werk seinen festen Platz im Kanon jener Geschichten, die Weltwissen mit erzählerischer Spannung produktiv verschalten.

Der historische Hintergrund verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe. Seerecht, Hierarchien an Bord und die Praxis des Navigierens bilden nicht nur Dekor, sondern Handlungslogik. Globale Handelswege und Kolonialverflechtungen bestimmen die Route, während die Disziplin des Schiffsalltags zeigt, wie abhängig Menschen im Ausnahmezustand voneinander sind. Technik ist präsent, doch nie Selbstzweck: Sie dient als Mittel, Kommunikation, Ordnung und Nachweisbarkeit zu verbessern. Gerade diese Balance zwischen Menschenwerk und Naturgewalt lässt das Geschehen plausibel werden und verankert die moralische Dimension im konkreten Gefüge einer fahrenden Gemeinschaft.

Zeitgenössisch relevant bleibt das Buch, weil es die Spannung zwischen Anschein und Wahrheit beleuchtet. In einer Welt, in der Meinungen schnell zirkulieren und Urteile rasch gefällt werden, erinnert Die Gebrüder Kip daran, wie sorgfältig geprüft, abgewogen und gesichert werden muss, bevor eine Anschuldigung trägt. Der Roman sensibilisiert für Verantwortung in Ketten von Aussage, Deutung und Entscheidung. Er zeigt zudem, wie Vertrauen aufgebaut, gebrochen und wiederhergestellt werden kann. Damit spricht er Debatten über Fairness, Beweise und öffentliche Reputation an – Fragen, die unseren digitalen, beschleunigten Alltag unmittelbar berühren.

Als Klassiker behauptet sich das Werk durch seine robuste Erzählökonomie, seine anschauliche Weltgestaltung und seine unprätentiöse, klare Sprache. Verne gelingt es, die Faszination des Unbekannten mit der Strenge des Denkens zu verbinden. Die Handlung bleibt zugänglich, ohne banal zu werden; die Charaktere sind gezeichnet durch Taten, nicht Behauptungen. Besonders nachhaltig ist die Einsicht, dass Gemeinschaft und Gerechtigkeit nicht abstrakt, sondern in konkreten Situationen errungen werden. Diese zeitlosen Qualitäten machen Die Gebrüder Kip zu einer Lektüre, die über Generationen hinweg überzeugt und ihre Spannung nicht durch bloße Überraschungen, sondern durch innere Notwendigkeit erzielt.

Heute liest man Die Gebrüder Kip als Einladung, über Mut, Urteilskraft und Zusammenhalt nachzudenken – und als Versprechen, in eine sorgfältig gebaute Welt einzutreten, die Unterhaltung und Reflexion vereint. Der Roman zeigt, wie groß die Bühne des Meeres ist und wie klein doch der Raum, in dem Menschen Entscheidungen treffen müssen. Er bleibt aktuell, weil er Vertrauen nicht voraussetzt, sondern prüft, und weil er Hoffnung nicht verschenkt, sondern erarbeitet. Wer dieses Buch aufschlägt, findet eine Reise, die den Geist schärft, das Herz fordert und die Vorstellungskraft weitet.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Die Gebrüder Kip ist ein Roman von Jules Verne, der die Welt der Hochseeschifffahrt des 19. Jahrhunderts als Bühne für ein Justizdrama nutzt. Im Mittelpunkt stehen zwei niederländische Brüder, deren Lebensweg eine unerwartete Wendung nimmt, als sie auf See eine Anstellung annehmen. Aus einer scheinbar gewöhnlichen Überfahrt wird eine Erzählung über Loyalität, Pflichtbewusstsein und die Zerbrechlichkeit des guten Rufs. Verne verschränkt maritime Atmosphäre mit einem nüchternen Blick auf soziale Mechanismen: Autorität, Kameradschaft, Rivalität und das Bedürfnis nach Ordnung. Die Spannung resultiert aus der Frage, wem geglaubt wird, wenn Worte einander widersprechen und greifbare Gewissheiten auf hoher See rar sind.

Zu Beginn werden die Brüder als zuverlässige, arbeitsame Seeleute eingeführt, deren Zusammenhalt sich in den Routinen an Bord bewährt. Sie fügen sich in die Hierarchie eines Handelsschiffs, auf dem Menschen verschiedener Herkunft auf engem Raum kooperieren müssen. Verne beobachtet präzise, wie Tagesabläufe, Dienstpläne und Kommandos eine fragile Normalität erzeugen. Gleichzeitig deutet er unterschwellig Konflikte an: kleine Verstimmungen, verletzte Eitelkeiten, das Misstrauen gegenüber Neuankömmlingen. Der Blick des Romans bleibt sachlich und registriert, wie sich in unauffälligen Gesten künftige Entscheidungen abzeichnen. Aus dieser Ruhe entsteht die Grundlage für spätere Erschütterungen, wenn Routine und Vertrauen unter Druck geraten.

Mit fortschreitender Fahrt verschärfen Seegang und Entbehrungen die psychische Belastung. Verne nutzt das geschlossene Setting des Schiffs, um Abhängigkeiten sichtbar zu machen: Disziplin wird zum Schutz, aber auch zum Machtmittel. Einzelne Zwischenfälle – Unachtsamkeiten, widersprüchliche Befehle, handfeste Wortgefechte – bleiben zunächst ohne Konsequenzen, hinterlassen jedoch Spuren. Der Roman zeichnet, ohne zu dramatisieren, wie Handlungen aus Pflichtgefühl und Selbstbehauptung ineinander greifen. Die Brüder bemühen sich, neutral zu bleiben und ihre Arbeit korrekt zu erledigen. Doch gerade ihre Verlässlichkeit macht sie in einer angespannten Gemeinschaft zu Projektionsflächen, an denen sich die Frage nach Vertrauen exemplarisch entzündet.

Ein schwerer Vorfall auf See durchbricht schließlich die fragile Ordnung. Wetterkapriolen, Schäden am Material und improvisierte Reparaturen verlangen rasche Entscheidungen. Die Autorität an Bord wird in dieser Krisenlage auf die Probe gestellt, und frühere Spannungen treten offen zutage. Verne schildert diese Phase als Kettenreaktion aus Notwendigkeiten und Versäumnissen: Wer handelt, setzt sich aus; wer zögert, gerät in Verdacht. Die Brüder geraten mitten in diese Konfliktlinien, nicht als Drahtzieher, sondern als Mitwirkende in einem Ensemble, das um Stabilität ringt. Die unberechenbare See liefert den Hintergrund für eine Auseinandersetzung, die bald eine juristische Dimension annehmen wird.

Als ein Verbrechen die Mannschaft erschüttert, kippt die Stimmung. Ein Todesfall im Zentrum der Befehlsgewalt schafft ein Vakuum, das Misstrauen und Schuldzuweisungen begünstigt. Aus Indizien, Vermutungen und widersprüchlichen Aussagen entsteht ein Narrativ, das die Brüder in den Fokus rückt. Verne zeigt, wie in Ausnahmesituationen Erklärungen gesucht werden, die Ordnung versprechen – auch wenn Beweise brüchig sind. Der Roman entwirft keinen sensationsheischenden Krimi, sondern untersucht den Prozess, in dem aus Gerüchten Gewissheiten werden. In der Enge des Schiffs genügt wenig, um Verdacht zu verfestigen und die Weichen für eine Anklage zu stellen.

Die Untersuchung verlagert sich an Land und nimmt amtliche Züge an. Verne zeichnet das Verfahren in sachlichen Strichen: Protokolle, Zeugenaussagen, die Gewichtung von Rang und Reputation. Dabei wird die Asymmetrie deutlich zwischen Angeklagten, die kaum Handlungsspielraum haben, und Institutionen, die schnelle Entscheidungen treffen wollen. Die Brüder halten an ihrer Version fest, doch die Umstände scheinen gegen sie zu sprechen. Öffentlichkeit und Behörden neigen dazu, eine stimmige Geschichte dem mühsamen Zweifel vorzuziehen. Der Roman verdichtet hier sein zentrales Thema: Wie wird Wahrheit festgestellt, wenn die maßgeblichen Ereignisse unter widrigsten Bedingungen stattfanden?

Ausgerechnet eine damals moderne Technik eröffnet einen anderen Blick: die Fotografie. Hinweise auf fotografische Aufnahmen aus dem Umfeld des Verbrechens werfen die Frage auf, ob ein mechanisch erzeugtes Bild mehr Verlässlichkeit bietet als widersprechende Erinnerungen. Verne nutzt dieses Motiv nicht als bloßen Trick, sondern als Reflexion über Beweiskraft, Objektivität und die Grenzen menschlicher Wahrnehmung. Inmitten der Verhärtungen suchen einzelne Unterstützer nach Spuren, Dokumenten und Geräten, die Aufschluss versprechen. Der Roman verschiebt seine Spannung von der dramatischen Tat hin zur nüchternen Arbeit des Prüfens, Entwickelns, Vergleichens – zu einem Ringen um Klarheit, das Geduld und Sorgfalt verlangt.

Die Suche nach belastbaren Indizien wird zur Reise durch Archive, Depots und persönliche Hinterlassenschaften. Dabei entstehen neue Risiken: Interessen prallen aufeinander, mögliche Entlastung ist nicht für alle willkommen, und Zeit arbeitet gegen die Betroffenen. Die Brüder, äußerlich isoliert, bleiben innerlich verbunden; ihr Vertrauen ineinander steht dem Misstrauen der Umwelt gegenüber. Verne steigert so die Dringlichkeit, ohne die Auflösung vorwegzunehmen: Es geht um das Auffinden, Sichern und richtige Deuten von Spuren. Die Frage, ob technische Aufzeichnungen die entscheidenden Lücken schließen können, trägt die Erzählung in eine Phase gespannter Erwartung.

Am Ende steht weniger eine kühne Heldentat als die leise Beharrlichkeit, mit der Wahrheit ermittelt werden muss. Die Gebrüder Kip vereint Abenteuer, Justizerzählung und Technikreflexion zu einer Geschichte über Verantwortung und Fairness. Der Roman legt nahe, dass Fortschritt nur dann human ist, wenn er in Dienste der Gerechtigkeit gestellt wird, und dass Loyalität standhalten kann, wo Reputation zerbrechlich ist. Ohne die abschließenden Entwicklungen zu verraten, bleibt die nachhaltige Bedeutung klar: Urteile brauchen Maß, Methoden und Mitgefühl. Verne zeigt, wie mündige Öffentlichkeit und überprüfbare Belege einander bedingen – auf See wie an Land.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Gebrüder Kip spielt in einer maritimen Welt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Ozeane Verkehrsadern einer global vernetzten Wirtschaft waren. Britisches Weltreich, niederländische Kolonialmacht und französische Dritte Republik prägten die politischen Rahmenbedingungen. Dominante Institutionen waren Reedereien, Versicherer, Konsulate und Hafenverwaltungen sowie die Marinegerichte, die über Disziplin und Recht auf See wachten. Handelsschiffe verbanden Europa mit Süd- und Ostasien, Australien und dem Pazifikraum. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich ein Szenario aus Schiffahrt, Handelsinteressen und kolonialen Berührungspunkten, in dem Autorität, Recht und Technik den Handlungsspielraum der Menschen an Bord bestimmen.

Jules Verne veröffentlichte das Werk um 1902 innerhalb der Reihe Voyages extraordinaires bei Hetzel. Diese späten Romane verbinden Abenteuererzählung mit dokumentarischem Gestus, der technisch-naturkundliches Wissen und Geografie popularisiert. Nach Jahrzehnten industriellen und imperialen Aufstiegs blickt Verne auf eine Welt, die von Technikgläubigkeit, Rationalisierung und massenkultureller Wissensvermittlung geprägt ist. Die reich illustrierten Ausgaben richteten sich an ein bürgerliches Publikum, das Wissenschaft als Fortschrittsmotor betrachtete. In Die Gebrüder Kip spiegelt sich diese Haltung in der genauen Darstellung nautischer Praktiken und moderner Beweismittel, zugleich bleibt der Text sensibel für soziale Spannungen, die der maritime Alltag sichtbar macht.

Die Epoche war vom Übergang von der Segel- zur Dampfschifffahrt gekennzeichnet. Seit den 1860er und 1870er Jahren beschleunigten Schraubendampfer mit Eisen- und Stahlrümpfen den Verkehr, doch robuste Segler blieben aus Kostengründen im Einsatz. Der 1869 eröffnete Suezkanal veränderte Handelsrouten, während traditionelle Umfahrungen des Kaps der Guten Hoffnung weiter bestanden. Kohlenstationen, Dockanlagen und maritime Infrastrukturen wuchsen in strategischen Häfen. Die Koexistenz alter und neuer Technik prägt auch Vernes Stoffe: Unsicherheiten der Navigation, Abhängigkeit vom Wetter und die ökonomische Logik der Fracht bestimmen die Risiken, denen Schiffe und ihre Besatzungen ausgesetzt sind.

Navigation beruhte weiterhin auf Präzision und Disziplin. Chronometer, Sextanten, Kompassjustierung, verbesserte Seekarten und meteorologische Beobachtungen ermöglichten genauere Kursführung, konnten aber Gefahren nicht bannen. Riffe, Stürme, Nebel und schlechte Sicht bedrohten Schiffe im südlichen Indischen Ozean und im Pazifikraum. Signalflaggen, Licht- und Nebelzeichen sowie Leuchttürme unterstützten die Orientierung. Fehler an Bord hatten rechtliche Folgen: Seekriegsrecht, Handelsrecht und Hafenstatute regelten Verantwortlichkeiten. Die harte Hierarchie auf Schiffen, mit dem Kapitän als nahezu unumschränkter Autorität, war ein etablierter Rahmen, den Verne realistisch abbildet und in dessen Spannungen die Handlung angesiedelt ist.

Die Arbeitswelt der Seeleute war von strenger Rangordnung geprägt: Kapitän, Offiziere, Steuerleute, Maschinisten, Bootsmänner und Matrosen folgten festgelegten Kommandostrukturen. Anwerbung, Heuerverträge und Musterungsprozesse unterlagen staatlichen und konsularischen Kontrollen. Verstöße gegen Disziplin oder Befehlsverweigerung konnten als Meuterei verfolgt werden, ein Delikt mit schwerwiegenden Strafen. Medizinische Versorgung war rudimentär, Unfälle häufig, und der Alltag verlangte körperliche Härte. In diesem sozialen Mikrokosmos spiegeln sich Klassenunterschiede wie auch transnationale Zusammensetzungen von Besatzungen, was Konfliktpotenzial barg, das Abenteuerromane jener Zeit – auch Vernes – aufgriffen.

Der koloniale Rahmen ist essenziell. Britische, niederländische und französische Besitzungen umspannten Guam, Neuseeland, Australien, die Sundainseln, Inselgruppen im Indischen Ozean und im Südpazifik. Häfen wie Kapstadt, Batavia (Jakarta), Hobart, Sydney, Auckland, Port Louis oder San Francisco fungierten als Knotenpunkte. Handel mit Wolle, Tee, Gewürzen, Zucker, Erzen und Holz verband die Kolonien mit den Metropolen. Missionare, Händler und Kolonialverwaltungen strukturierten Kontakte zu indigenen Gesellschaften. Verne verankert seine Figuren in dieser Welt aus Übergängen, Grenzräumen und asymmetrischen Machtverhältnissen, die zugleich Chancen zum sozialen Aufstieg und Anlass zu Konflikten bot.

Recht und Strafe wurden im 19. Jahrhundert internationalisiert, blieben aber regional sehr unterschiedlich. Transportstrafen prägten lange Australien; Frankreich nutzte Neukaledonien und Französisch-Guayana als Strafkolonien, Großbritannien verwaltete Kolonialgefängnisse in Ozeanien und Asien. Todesstrafe und langjährige Haftstrafen waren für Kapitalverbrechen gängig. Verfahren in Kolonialhäfen konnten durch Konsulargerichte und gemischte Zuständigkeiten kompliziert sein. Die Aussicht, fernab der Heimat der Justiz ausgeliefert zu sein, intensiviert die dramatische Grundierung von Die Gebrüder Kip und verleiht dem Thema Rechtsstaatlichkeit in einer globalisierten, doch ungleich regulierten Welt besondere Schärfe.

Parallel formierte sich die moderne Kriminalistik. In den 1880er Jahren etablierte Alphonse Bertillon in Frankreich ein anthropometrisches Identifikationssystem; fotografische Erkennungsdienste wurden Standard. Ab den 1890er Jahren setzte sich die Daktyloskopie in Britisch-Indien durch und wurde um 1901/1902 in Großbritannien und Frankreich institutionell verankert. Gerichte begannen, technische Beweise systematischer zu würdigen, auch wenn Standards schwankten. Vernes Erzählung verarbeitet dieses Vertrauen in objektivierende Verfahren und spiegelt Debatten darüber, wie Bilder, Messungen und Protokolle Wahrheit sichern – oder verfehlen – können.

Fotografie hatte seit den 1850er Jahren einen rasanten Aufstieg erlebt. Vom Nassplattenverfahren zur Gelatinetrockenplatte wurde sie flexibler und für Amateure zugänglich. Reise- und Expeditionsfotografie prägten den Blick auf entfernte Räume; illustrierte Magazine popularisierten Ansichten exotischer Küsten und Häfen. Um 1900 waren tragbare Kameras verbreitet, sodass auch auf Schiffen fotografiert wurde. Diese technische Verfügbarkeit ist für Die Gebrüder Kip zentral: Die symbolische Aufladung des fotografischen Bildes als scheinbar „objektive“ Spur passt zum zeitgenössischen Glauben an die Sichtbarmachung von Tatsachen und zur Hoffnung, Irrtümer der Justiz dadurch zu korrigieren.

Kommunikationstechnisch lebte die Seefahrt zwischen Isolation und Vernetzung. Unterseeische Telegrafenkabel verbanden seit den 1870er Jahren Europa mit Asien und Australien; Nachrichten zirkulierten rasch zwischen Metropolen und wichtigen Kolonialstädten. Auf offener See jedoch blieb man bis zum Durchbruch der Funktelegrafie um die Jahrhundertwende weitgehend abgeschnitten. Marconis Versuche fanden in den späten 1890ern statt, und eine breite maritime Ausstattung setzte erst im frühen 20. Jahrhundert ein. Diese Lücke zwischen Kabelnetz an Land und Kommunikationsstille auf See bildet den Resonanzraum für Missverständnisse, Verzögerungen und Verdachtsmomente, wie sie Verne dramaturgisch nutzt.

Ökonomisch dominierte der Logik der Frachtverkehr. Schiffe transportierten Güter von erheblichem Wert, ihre Pünktlichkeit beeinflusste Märkte. Versicherungen – allen voran Lloyd’s und nationale Seeversicherer – bewerteten Risiken, klassifizierten Schiffe und setzten Anreize für Wartung und Disziplin. Havarien führten zu Untersuchungen, bei Ladungsverlusten drohten existenzielle Folgen. In diesem Umfeld entstanden auch Anreize für Betrug, Sabotage oder verschleierte Haftungsverschiebungen. Verne spiegelt diese Konstellationen, ohne auf trockene Fachsprache zu verfallen, und zeigt, wie wirtschaftlicher Druck moralische Entscheidungen verformt und rechtliche Grauzonen entstehen lässt.

Die Reiseliteratur und naturwissenschaftliche Popularisierung waren etablierte Genres, die Verne produktiv verband. Seit Humboldt und den großen Marineexpeditionen hatten Reiseberichte die öffentliche Wahrnehmung entfernter Regionen geprägt. Karten, Diagramme und enzyklopädische Einschübe vermittelten geologisches, zoologisches und ethnografisches Wissen. Verne integriert solche didaktischen Passagen, um nicht nur Spannung, sondern auch Orientierung zu bieten: Windregime, Strömungen, Inselketten und Hafenpraktiken erscheinen als sachliche Kulisse, die das Geschehen plausibilisiert und Lesende zugleich an den Fortschritten des Wissens beteiligt.

Die Darstellung indigener Gesellschaften folgt im 19. Jahrhundert oft europäischen Stereotypen. Missionarische Quellen, Reiseberichte und Kolonialverwaltungstexte erzeugten Bilder von „Wildnis“ oder „Zivilisierung“, die Machtverhältnisse legitimierten. Verne reproduziert gelegentlich diese Perspektiven, reflektiert sie aber mitunter, indem er wirtschaftliche Interessen, Übergriffe und Missverständnisse sichtbar macht. Die Gebrüder Kip steht in dieser Ambivalenz: Der Text spiegelt den epistemischen Rahmen seiner Zeit, in dem ethnografische Neugier und hierarchische Weltbilder koexistieren. Für heutige Lesarten eröffnet das einen kritischen Blick auf die Wissensordnungen des späten 19. Jahrhunderts.

Nationalitäten und Zugehörigkeiten sind im Roman nicht nur Folklore, sondern Struktur. Niederländische, britische und französische Akteure bewegen sich in einer maritimen Kultur mit transnationalen Regeln: Flaggenrecht, Klassifikationsgesellschaften, Hafenpolizeien und Konsularschutz schaffen ein Netz aus Normen, das dennoch Schlupflöcher lässt. Verne nutzt diese Gemengelage, um Loyalitäten, Sprachgrenzen und Rechtsräume gegeneinander zu verschieben. Gerade an der Schnittstelle zwischen nationaler Identität und globalem Gewerbe entfalten sich misstrauische Blicke, aber auch solidarische Handlungen, die das Miteinander einer vielsprachigen, kosmopolitischen Seefahrt spiegeln.

Moralische Leitvorstellungen des europäischen Bürgertums – Fleiß, Ehrlichkeit, Familiensinn – strukturieren die Figurenzeichnung. Sie geraten in Spannung zu ökonomischer Rationalität und zur Strenge maritimer Autorität. Der Topos der zu Unrecht Verdächtigten verweist auf die zeitgenössische Debatte um Beweislast, Glaubwürdigkeit von Zeugen und Vorurteile gegenüber Fremden oder sozial Schwächeren. Verne knüpft daran einen Appell an rechtsstaatliche Sorgfalt: Nicht Rang, Nationalität oder Ruf sollen entscheiden, sondern nachvollziehbare Tatsachen. Diese Forderung ist ein Kernmotiv des Romans und verbindet ihn mit Reformdiskursen um Justiz und Polizei.

Die Medienlandschaft des Fin de Siècle war von Massenpresse, Feuilleton und illustrierten Wochenschriften geprägt. Sensationsfälle, Gerichtsreportagen und Technikrubriken erreichten breite Leserschichten. Vernes Roman antwortet auf diese Konstellation, indem er Kriminal- und Abenteuerstoff verknüpft und zugleich ein Lehrstück über Beweisführung erzählt. Das Publikum suchte Spannung, aber auch Orientierungswissen in einer komplexer werdenden Welt. Zwischen Enthüllungslust und Skepsis gegenüber Gerüchten positioniert sich Die Gebrüder Kip als Plädoyer für prüfbare Evidenz statt Hörensagen – eine Haltung, die zur Popularität des Stoffs beitrug.

Die späte Phase von Vernes Schaffen fällt in eine Zeit beschleunigter Innovation. Elektrizität, Stahlbau, Chemieindustrie und neue Verkehrsmittel veränderten Alltagsroutinen und riskierten zugleich neue Unsicherheiten. Juristisch reagierten Staaten mit Standardisierung, Kodifizierung und Professionalisierung. In dieser Übergangslage ist die Fotografie als Beweismittel mehr als ein Plotinstrument: Sie steht symbolisch für das Versprechen der Moderne, soziale Konflikte durch Techniklösungen zu zähmen. Zugleich schwingt die Frage mit, wie zuverlässig Apparate sind und wie ihre Ergebnisse interpretiert werden – ein Zweifel, den Verne erzählerisch auslotet, ohne ihn endgültig zu lösen (leichter Spoiler).","Schließlich kommentiert das Buch seine Gegenwart, indem es Vertrauen in Wissenschaft mit einem Bewusstsein für institutionelle Fehlbarkeit verbindet. Es kritisiert Vorverurteilungen, warnt vor Autoritätsmissbrauch auf See und zeigt, wie globale Märkte moralische Entscheidungen verkomplizieren. Zugleich bestätigt es die Hoffnung, dass rationale Verfahren Missstände aufdecken können. In dieser Balance liegt die historische Signatur von Die Gebrüder Kip: Der Roman ist ein Produkt einer technisch-optimistischen Ära, das die Schattenseiten imperialer Ordnung und die Zerbrechlichkeit von Recht in Grenzräumen sichtbar macht und so seine Zeit spiegelt wie befragt.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Jules Verne, geboren 1828 in Nantes und gestorben 1905 in Amiens, gilt als einer der prägenden Erzähler des 19. Jahrhunderts und als Wegbereiter des modernen Abenteuer- und Zukunftsromans. Unter dem programmatischen Titel Voyages extraordinaires entfaltete er bei seinem Verleger Pierre-Jules Hetzel eine Folge von Romanen, die wissenschaftliche Neugier, Reiselust und erzählerische Spannung verbanden. Werke wie Reise zum Mittelpunkt der Erde, Von der Erde zum Mond, Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer und In 80 Tagen um die Welt prägten das Bild technischer Möglichkeiten und kartierten zugleich die Geografie einer global vernetzten Moderne.

Sein Erfolg beruhte auf der Verbindung von sorgfältiger Lektüre populärwissenschaftlicher Quellen, genauer Ortsbeschreibungen und Figuren, die die Ingenieurs- und Entdeckerethik seiner Zeit verkörperten. Vernes Romane verbanden didaktische Impulse mit dramatischer Handlung und prägten kollektive Vorstellungen von Unterseebooten, Luftschiffen oder globaler Mobilität. Sie wurden früh in viele Sprachen übersetzt und fanden ihr Publikum in Feuilleton, Buchausgabe und auf der Bühne. Über das Unterhaltungsversprechen hinaus boten sie eine reflexive Beobachtung der wissenschaftlichen Kultur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, deren Hoffnungen und Widersprüche sie ausloteten.

Bildung und literarische Einflüsse

Vernes Kindheit in der Hafenstadt Nantes nährte ein lebenslanges Interesse an Karten, Schiffen und fernen Ländern. Auf Wunsch seines Vaters, eines Anwalts, begann er ein Jurastudium in Paris und schloss es ab, ohne den ersehnten Weg in die Literatur aufzugeben. In den Pariser Jahren frequentierte er Theater, Bibliotheken und literarische Kreise und eignete sich ein breites Wissen aus Geografie, Technik- und Naturkunde an. Prägend waren neben Reiseberichten und populärwissenschaftlichen Zeitschriften auch Romane von Daniel Defoe und James Fenimore Cooper sowie die phantastische Erzählkunst Edgar Allan Poes.

Vor seinem Durchbruch als Romancier schrieb Verne Vaudevilles und Libretti und arbeitete zeitweise an Pariser Bühnen. Um finanziell unabhängig zu bleiben, war er zugleich als Börsenmakler tätig, was ihm eine gewisse methodische Disziplin und Beobachtungsschärfe abverlangte. Die Freundschaft mit Komponisten wie Aristide Hignard beförderte sein Gefühl für Rhythmus und szenische Wirkung, das später seine Romane strukturierte. Seine literarische Bildung speiste sich weniger aus akademischen Lehrstühlen als aus einer eigenständigen, beharrlichen Lektüre: Statistiken, Expeditionsberichte, technische Abhandlungen und Presseartikel wurden zu Rohstoffen seiner Erzählwelten.

Literarische Laufbahn

Die entscheidende Wende kam mit dem Verleger Pierre-Jules Hetzel, der 1863 Fünf Wochen im Ballon veröffentlichte und Verne für eine langfristige Zusammenarbeit gewann. Hetzel formte die Reihe Voyages extraordinaires mit einem klaren Programm: unterhaltsame, dennoch bildende Romane, die zeitgenössisches Wissen popularisierten. In enger Redaktion entstanden Bücher, die wissenschaftliche Plausibilität anstrebten, ohne den Abenteuercharakter zu verlieren. Hetzel beeinflusste Ton, Moral und Aufbau, ermutigte zur didaktischen Rahmung und zur Einbindung aktueller Forschung. Dieser Schulterschluss aus Autor und Verleger machte Verne rasch zu einem Namen im französischen und internationalen Buchmarkt.

In schneller Folge erschienen Klassiker: Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864) verknüpfte Geologie und Höhlenphantasie, Von der Erde zum Mond (1865) spekulierte kühn über ballistische Raumfahrt, Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (1870) entwarf mit der Nautilus eine Ikone des technischen Zeitalters. In 80 Tagen um die Welt (1872) feierte moderne Verkehrsnetze und globale Synchronität, Die geheimnisvolle Insel verband Ingenieursfindigkeit mit Robinsonade. Stilistisch zeichnen die Romane ein Hang zu detailreicher Topografie, Exkursen und einem Ensemble aus Gelehrten, Ingenieuren und wagemutigen Reisenden aus, deren Unternehmungen durch Dialoge und anschauliche Apparatekunde gestützt werden.

Vernes eigene Reisen auf seinen Yachten der Saint-Michel-Reihe und auf großen Dampfern lieferten Anschauung. Eine schwimmende Stadt folgt einer Atlantiküberquerung und beobachtet das Leben an Bord, während Michel Strogoff die Spannweite seiner Erzählkunst zwischen Abenteuer, Logistik und Landschaftsbeschreibung demonstriert. Auch Indien, Russland, Schottland oder Norwegen fanden durch Reiseimpressionen Eingang in das Werk. Parallel eroberte Verne die Bühne: Dramatisierungen, allen voran die Bühnenfassung von In 80 Tagen um die Welt, wurden Publikumserfolge und verstärkten seine Präsenz weit über das Buch hinaus.

Mit den 1880er Jahren nahm der Ton gelegentlich dunklere Schattierungen an. Romane wie Die 500 Millionen der Begum skizzierten technisierte Dystopien, Robur der Eroberer und Der Herr der Welt reflektierten Ambivalenzen luft- und motorgetriebener Mobilität, Der Kauf des Nordpols befragte die Instrumentalisierung der Natur. In Der Eissphinx setzte sich Verne dezidiert mit Poe auseinander, indem er die offenen Fragen von Poes Arthur Gordon Pym weiterspann. Die wissenschaftliche Grundlage blieb wichtig, doch wuchs die Skepsis gegenüber den sozialen und militärischen Anwendungen neuer Verfahren.

Zeitgenössisch erfreute sich Verne enormer Popularität, wurde jedoch von Teilen der Kritik als reiner Unterhaltungsschriftsteller unterschätzt. Übersetzungen, besonders ins Englische, erschienen teils stark gekürzt oder umgearbeitet, was die Wahrnehmung seiner Poetik lange prägte. Moderne Editionen streben nach textlicher Treue und haben eine Neubewertung begünstigt: Verne erscheint als präziser Beobachter des Wissensregimes seiner Epoche, dessen Romane gleichermaßen Dokumente der Wissenschaftskultur, Experimente des Erzählens und Reflexionen über Globalität sind. Sein Einfluss reicht in Science-Fiction, Abenteuerliteratur, Kinder- und Jugendbuch sowie in Film und bildende Künste hinein.

Überzeugungen und Engagement

Vernes erzählerisches Programm war von einem aufgeklärten Vertrauen in Bildung und Forschung getragen und zugleich sensibel für deren gesellschaftliche Kosten. Er popularisierte Wissen, ohne es unkritisch zu feiern, und zeigte wiederholt, wie Technik in ökonomische, militärische und politische Interessen verstrickt ist. In Amiens übernahm er kommunalpolitische Verantwortung und engagierte sich jahrelang im Stadtrat, unter anderem für Kultur und städtische Infrastruktur. Öffentliche Vorträge und Lesungen unterstrichen sein Selbstverständnis als vermittelnder Autor. Seine Figuren spiegeln diese Haltung: Sie verkörpern Neugier, Disziplin und internationale Zusammenarbeit, während die Romane zunehmend vor Übermut und Missbrauch technischer Macht warnen.

Letzte Jahre & Vermächtnis

Seit den 1870er Jahren in Amiens ansässig, führte Verne ein geordnetes Arbeitsleben, unterbrochen von Reisen und Seefahrten. 1886 wurde er von einem psychisch erkrankten Neffen angeschossen, was eine dauerhafte Gehbehinderung hinterließ. Er schrieb unbeirrt weiter und diente von späten 1880er Jahren bis 1904 im Stadtrat von Amiens. Gesundheitsprobleme, darunter Diabetes, erschwerten die letzten Jahre, ohne seine Produktivität völlig zu mindern. Späte Romane wie Der Herr der Welt (1904) verdichten seine Skepsis gegenüber grenzenloser Technik. Jules Verne starb 1905 in Amiens; sein Tod besiegelte ein Werk, das bereits zu Lebzeiten breite Leserschaft und internationale Sichtbarkeit gefunden hatte.

Nach seinem Tod erschienen weitere Romane, teils auf Grundlage von Manuskripten, die sein Sohn Michel redaktionell bearbeitete, was zu textkritischen Diskussionen führte. Ein besonderes Nachspiel fand Paris im 20. Jahrhundert, ein frühes Manuskript von 1863, das erst 1994 veröffentlicht wurde und Vernes Blick auf eine technisierte, ökonomisierte Metropole zeigt. Verne bleibt einer der weltweit meistübersetzten Autoren; seine Bildwelten wirken in Populärkultur, Wissenschaftskommunikation und Technikimagination fort. Verfilmungen, Bühnenfassungen und neue, philologisch präzisere Ausgaben halten sein Werk präsent und machen die Spannungen zwischen Fortschrittsglauben und Vorsicht weiterhin produktiv.

Die Gebrüder Kip

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Band.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Zweiter Band.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.

Erster Band.

Erstes Kapitel.

Die Schenke zu den »Three-Magpies«.

Inhaltsverzeichnis

Zur Zeit unserer Geschichte – 1885 – wurde Neuseeland, das sechsundvierzig Jahre früher von Großbritannien in Besitz genommen und zunächst Neusüdwales angegliedert, zweiunddreißig Jahre später aber zur selbständigen, von der Krone unabhängigen Kolonie umgewandelt worden war, vom endemischen Goldfieber heimgesucht. Die Unordnung, die überall eine traurige Folge dieses Fiebers ist, war hier nicht so verheerend hervorgetreten wie in verschiedenen Provinzen des australischen Festlandes. Immerhin entstanden dadurch bedauerliche Störungen, von deren Nachwehen die Bevölkerung der beiden Inseln noch genug zu leiden hatte. Vorzüglich wurde damals die Provinz Otago, der südliche Teil von Tawai-Pounamon, von Goldsuchern förmlich überschwemmt. Die reichen Erzlager von Clutha lockten zahllose Abenteurer herbei. Das wird niemand verwundern angesichts der Tatsache, daß die Ausbeute der Goldfundstätten Neuseelands zwischen 1864 und 1889 zwölfhundert Millionen Francs betrug.

Australier und Chinesen waren nicht die einzigen, die gleich einem Schwarme gieriger Raubvögel über die reichen Gebiete herfielen, auch Amerikaner und Europäer strömten dahin zusammen. Da war es denn auch kein Wunder, daß die Mannschaften der Handelsschiffe, die Auckland, Wellington, Christchurch, Napier, Invercargill oder Dunedin anliefen, nach der Ankunft in diesen Häfen der Verlockung, die ihnen hier entgegentrat, meist nicht widerstehen konnten. Vergeblich versuchten die Kapitäne ihre Matrosen zurückzuhalten, vergeblich bemühten sich die Behörden, ihnen dabei zu helfen! Das Desertieren wurde allgemein, und die Reeden füllten sich mit Fahrzeugen, die wegen Mangel an Mannschaft nicht abfahren konnten[1q].

Zu den vor Dunedin liegenden Schiffen gehörte auch die englische Brigg »James-Cook[3]«.

Von den sieben, zu deren Besatzung gehörenden Matrosen waren nur drei an Bord zurückgeblieben, die anderen vier aber davongelaufen mit dem festen Vorsatze, sich nicht wieder einfangen zu lassen. Zwölf Stunden nach ihrer Flucht mochten sie wohl schon weit weg von Dunedin sein und sich auf dem Wege nach den Goldfeldern der Provinz befinden. Der Kapitän, der seine Rückfracht längst eingenommen hatte und nun schon vierzehn Tage müßig vor Anker lag, hatte die Fehlenden nicht zu ersetzen vermocht. Weder der Köder einer größeren Heuer, noch die Aussicht einer nur wenige Monate dauernden Fahrt hatte ihm Ersatz zugeführt, und obendrein befürchtete er auch immer, daß die noch an Bord gebliebenen Leute sich versucht fühlen könnten, dem Beispiel ihrer Kameraden zu folgen. Und während er sich einerseits bemühte, Seeleute zu finden, bemühte sich anderseits sein Bootsmann Flig Balt in den Schenken, am Hafen und bei den Schlafbasen der Stadt, die Besatzung wieder zu vervollständigen.

Dunedin liegt an der Südostküste der südlichen Insel, die die Cookstraße[2] von der nördlichen, in der Sprache der Eingebornen Tawai-Pounamon von Ikana-Maoui, scheidet, den beiden Teilen, die Neuseeland bilden. Im Jahre 1839 hatte Dumont d'Urville[1] an der Stelle der heutigen Stadt nur einzelne Maorihütten gefunden, während man jetzt hier Paläste, Hotels, freie Plätze, Squares in üppigstem Grün, von Spurwagen befahrene Straßen, Bahnhöfe, Niederlagen, Märkte, Banken, Kirchen, Schulen und Krankenhäuser, und ganze Industrieviertel neben Vorstädten sieht, die immer weiter hinauswachsen. Dunedin ist heutzutage eine reiche und glänzende Industrie- und Handelsstadt, von der zahlreiche Bahnlinien nach allen Richtungen ausstrahlen. Es hat fast fünfzigtausend Einwohner, eine geringere Volksmenge als die Aucklands, der Hauptstadt der Nordinsel, doch eine größere als die von Wellington, dem Regierungssitze der Kolonie Neuseeland.

Am Fuß der amphitheatralisch einem Hügel angeschmiegten Stadt breitet sich der Hafen aus, in den nach der Herstellung eines von Part-Chalmers ausgehenden Kanals Schiffe von jedem Tonnengehalte einlaufen können.

Von den Schankstätten, deren es im unteren Stadtteile eine große Menge gibt, ist eine der geräuschvollsten und besuchtesten die Adam Frys, des Wirtes der »Three-Magpies«. Dieser wohlbeleibte Mann mit hochrotem Gesicht ist kaum mehr wert als die Getränke seines Schanktisches, man kann eigentlich sagen: ebensoviel wert wie seine gewöhnlichen, aus Landstreichern und Trunkenbolden bestehenden Gäste.

Am heutigen Abend saßen in einem Winkel der Spelunke zwei Männer vor zwei Gläsern und einer halbgeleerten Pinte Gin, den sie vor dem Fortgehen aber gewiß noch bis zum letzten Tropfen verzehrten. Es waren das zwei Seeleute vom »James-Cook«, der Bootsmann Flig Balt und ein Matrose Namens Vin Mod.

»Du hast also immer Durst, Mod? fragte Flig Balt, während er seinem Genossen aufs neue einschenkte.

– Zwischen den Mahlzeiten immer, Bootsmann, antwortete der Matrose. Der Gin nach dem Whisky und dann der Whisky nach dem Gin! Das hindert einen doch nicht zu schwätzen, zu horchen und zu beobachten. Die Augen sind dann vielmehr weit heller, die Ohren seiner und die Zunge nur um so freier!«

Es unterlag wohl auch keinem Zweifel, daß bei Vin Mod die genannten Organe inmitten des Getöses in der Schenke mit wunderbarer Leichtigkeit fungierten.

Der fünfunddreißigjährige Matrose, ein Mann von kleiner Gestalt, war mager, aber muskulös und geschmeidig; er hatte das Gesicht eines Marders mit scharf geschnittener Nase, hervorstehendem Munde und Augen, worin eine Alkoholflamme zu flackern schien, dabei die Zähne einer Ratte, doch im ganzen einen listigen und intelligenten Gesichtsausdruck. Völlig bereit zu jedem schlechten Streiche, ganz wie sein Genosse, der das recht wohl wußte, waren die beiden einander würdig und konnten sich einer auf den anderen verlassen.

»Die Geschichte muß nun aber ein Ende nehmen, sagte Flig Balt mit rauher Stimme, indem er mit der Faust auf den Tisch hämmerte.

– Wir brauchen ja dort aus dem Haufen nur zu wählen!« erwiderte Vin Mod.

Er wies dabei auf die trinkenden, gröhlenden und fluchenden Gruppen hin, die in dem Alkoholdunste und Tabakrauche, die den Raum verdüsterten, ihr Unwesen trieben. Man wurde schon halb berauscht, wenn man nur die Luft der Schenke einatmete.

Flig Balt, ein Mann von achtunddreißig bis neununddreißig Jahren, war von Mittelgröße und hatte breite Schultern, einen mächtigen Kopf und kräftige Gliedmaßen. Wer ihn einmal gesehen, konnte sein Gesicht mit der großen Warze auf der linken Wange, die Augen mit dem strengen Blicke und den dichten, gekräuselten Augenbrauen, dem rötlichen Bart um das Kinn, doch ohne Schnurrbart – wie nach amerikanischer Mode – nicht wieder vergessen... alles verriet an ihm den zum Hassen geneigten, eifersüchtigen und rachelüsternen Charakter. Vor wenigen Monaten erst hatte er sich zur ersten Reise auf dem »James-Cook« als Bootsmann eingeschifft. Aus Queenstown, einem Hafen des Vereinigten Königreiches, gebürtig, ergab sich aus seinen Papieren, daß er von irländischer Abkunft war. Jetzt, wo er schon seit einigen zwanzig Jahren zur See fuhr, wußte er von seinen Angehörigen sogar selbst nichts mehr, wie ja so viele Seeleute keine andere Familie als ihre Bordkameraden, keine andere Heimat kennen als das Schiff, das sie gerade trägt. Was seinen Dienst betraf, versah ihn Flig Balt streng und pünktlich, und wenn auch nur Bootsmann, verrichtete er an Bord doch auch den des ersten Steuermannes. Der Kapitän Gibson glaubte auch bezüglich aller untergeordneten Einzelheiten des Dienstes auf ihn bauen zu können, so daß er sich in der Führung der Brigg nur den Oberbefehl vorzubehalten pflegte.

Tatsächlich war Flig Balt jedoch nur ein Schurke, auf den wegen mancher Freveltat gefahndet wurde und der auch noch unter dem verderblichen Einfluß Vin Mods stand und sich dessen unbestreitbarer Überlegenheit beugte. Vielleicht bot sich ihm jetzt Gelegenheit, einen längst erwogenen, verbrecherischen Plan auszuführen.

»Ich sage Ihnen, nahm der Matrose weiter das Wort, hier in der Schenke zu den »Drei Elstern« braucht man nur mit verbundenen Augen zuzugreifen... hier gibt's genug Burschen, wie wir sie wünschen und die sofort bereit sind, auf eigene Rechnung Handel zu treiben...

– Mag sein, warf Flig Balt ein, wir müssen aber doch wissen, woher sie kommen.

– Wozu denn, Bootsmann? Wenn sie nur dahin gehen, wohin wir wollen. Wenn man sie aus der Kundschaft Adam Frys wählt, kann man den Kerlen alles zutrauen!«

In der Tat war über den Ruf, in dem diese Spelunke stand, gar nicht zu streiten. Die Polizei konnte hier ihre Schlingen auswerfen, ohne befürchten zu müssen, daß sie einen ehrbaren Burschen singe, mit dem sie noch nichts zu tun gehabt hätte. Sah sich aber der Kapitän Gibson genötigt, seine Mannschaft auf jede nur mögliche Weise zu ergänzen: an die Kundschaft der »Three-Magpies« hätte er sich darum gewiß nicht gewendet. Flig Balt hatte ihm auch weislich verheimlicht, daß er in dieser Spelunke seine Angel auswerfen werde.

Der mit Tischen, Bänken und Schemeln ausgestattete Gastraum, mit einem Schanktisch an dem einen Ende, hinter dem der Wirt sich aufhielt, und mehrere Reihen größerer und kleinerer Flaschen auf Regalen standen, bekam sein Licht durch zwei vergitterte Fenster, die nach einer engen, zum Kai hinabführenden Straße zu lagen. Den Eingang bildete eine mit festem Schlosse und tüchtigen Riegeln versehene Tür mit einem Schilde darüber, worauf drei weniger gemalte als hingesudelte Elstern sich mit den Schnäbeln bearbeiteten... ein Wappen, das dieser Schenke völlig würdig erschien. Im Oktober wird es unter fünfundvierzig Grad südlicher Breite auch in der schönen Jahreszeit schon halb neun abends recht finster. Einige mit übel riechendem Petroleum gespeiste Blechlampen hingen über dem Schanktische und im Zimmer verteilt von der Decke herab. Die, die davon rauchten, ließ man einfach rauchen, und die, die bei aufgezehrtem Dochte knisterten, ließ man ruhig knistern, hier genügte ja die dämmerige Beleuchtung. Wo es sich nur darum handelt, sinnlos zu trinken, braucht man nicht klar sehen zu können: die Gläser finden den Weg zum Munde schon allein.

Etwa zwanzig Matrosen saßen auf den Bänken und Schemeln... Leute aus allen Ländern: Amerikaner, Engländer, Irländer, Holländer, zum größten Teile Deserteure, die einen bereit, nach den Goldlagern aufzubrechen, die anderen von da zurückgekehrt und jetzt dabei, ohne Überlegung die letzten Goldklümpchen zu verschwenden. Alle schwatzten, fangen und heulten so laut, daß bei dem wilden, betäubenden Lärm Revolverschüsse kaum vernehmbar gewesen wären. Die Hälfte der Gäste lag schon umfangen von der stumpfsinnigen Trunkenheit nach verfälschten Branntweinen, die sie mechanisch hinuntergossen und deren scharfes Brennen sie in der Kehle gar nicht mehr empfanden. Dann und wann erhob sich einer, taumelte und brach wieder zusammen. Mit Hilfe des Kellners, eines kräftigen Eingebornen, hob Adam Fry die halb Bewußtlosen auf, schleppte sie aus dem Wege und warf sie in eine Ecke des Zimmers. Immer knarrte die Tür in ihren Angeln, immer schwankten einige Gäste hinaus, tasteten sich an den Mauern hin oder fielen klatschend in den Rinnstein der Straße, und immer traten andere herein und nahmen auf den eben freien Bänken Platz. Da gab es so manches Wiederfinden, da wurden unflätige Worte gewechselt und mit Händedrücken begleitet, wobei die Knochen zu zerbrechen drohten. Hier sahen sich Kameraden nach langer Wanderung durch die Fundstätten von Otago vielleicht zum ersten Male wieder. Zuweilen flogen auch spitzige Bemerkungen, grobe Scherzreden, Beleidigungen und Herausforderungen von einem Tische zum anderen. Wahrscheinlich verging der Abend nicht ohne Streitigkeiten zwischen einzelnen, die dann zu einer allgemeinen Rauferei ausarteten. Das war übrigens für den Wirt der »Three-Magpies« und für seine Gäste nichts neues.

Flig Balt und Vin Mod beobachteten gespannt die unruhige Gesellschaft, ehe sie, je nach Umständen, mit ihren Absichten hervortreten wollten.

»Na, um was handelt es sich denn eigentlich? sagte der Matrose, der sich auf die Ellbogen gestützt so vorlehnte, daß er dem Bootsmanne näher kam. Wir haben ja nur durch vier andere die vier Burschen zu ersetzen, die uns davongelaufen sind. Nun, denen brauchen wir keine Träne nachzuweinen, die hätten doch nicht zu uns gehalten. Ich sage Ihnen, hier blüht unser Weizen! Ich lasse mich auf der Stelle hängen, wenn hier einer darunter ist, der sich weigerte, sich eines guten Schiffes zu bemächtigen und damit auf dem Pacific umherzusegeln, statt nach Hobart-Town zurückzukehren... das zieht bei allen!

– Kann wohl sein, bestätigte Flig Balt.

– Nun bedenkt einmal, fuhr Vin Mod fort, vier solche verwegene Burschen, der Koch Koa, Ihr und ich, gegen den Kapitän, die drei anderen und den Schiffsjungen... da sind wir mehr als genug, um mit diesen fertig zu werden. Eines schönen Morgens betritt man die Kabine Gibsons... niemand mehr da! Man trommelt die Mannschaft zusammen... da fehlen drei Leute... na, die wird während ihrer Nachtwache eine Sturzsee über Bord gespült haben, so etwas kommt ja auch bei ruhigem Wetter gelegentlich vor. Und dann... dann ist der ›James-Cook‹ nicht wieder zu sehen... er ist mit Mann und Maus im Großen Ozeane untergegangen. Nun fragt niemand mehr nach ihm, und unter einem andern Namen, einem hübschen Namen – die ›Pretty-Girl‹ zum Beispiel – segelt er von Insel zu Insel, betreibt seinen ehrbaren Handel... Kapitän Flig Balt... Steuermann Vin Mod... er vervollständigt seine Mannschaft durch zwei bis drei brauchbare, flotte Burschen, an denen es auch in den Hafenplätzen des Ostens und des Westens nicht mangelt... und jeder sammelt sich dabei ein hübsches Vermögen statt der mageren Heuer, die doch meist eher vertrunken ist, als sie angerührt wird!«

Ob das Geräusch ringsum die Worte Vin Mods manchmal verhinderte, bis zu Flig Balts Ohren zu dringen, das hatte nichts zu bedeuten. Der zweite brauchte sie gar nicht zu hören. Alles was sein Gefährte sagte, sagte er sich schon selbst. Nachdem sein Entschluß einmal feststand, suchte er nur dessen Durchführung zu sichern. So bemerkte er denn jetzt auch nur:

»Die vier neuen, du und ich, sechs gegen fünf, den Jungen eingerechnet.. das stimmt schon. Doch hast du denn vergessen, daß wir in Wellington den Reeder Hawkins und den Sohn des Kapitäns an Bord nehmen müssen?

– Ja freilich, wenn wir von Dunedin aus nach Wellington segeln. Wenn wir aber nicht dahin gehen...

– O, das ist bei günstigem Winde nur eine Sache von achtundvierzig Stunden, erwiderte Flig Balt, und mir scheint es doch nicht so sicher, daß wir bei der kurzen Fahrt unser Vorhaben schon ausgeführt haben könnten...

– Gleichviel! rief Vin Mod. Machen Sie sich keine Gedanken darüber, wenn auch Hawkins und der junge Gibson mit an Bord wären; sie fliegen über die Reling hinaus, ehe sie recht zu Verstande gekommen sind. Die Hauptsache bleibt immer, noch einige Genossen aufzutreiben, denen das Leben eines Menschen nicht mehr gilt als eine alte, unbrauchbare Tabakpfeife... verwegene Kerle, die sich nicht vor dem Stricke ängstigen... und solche Burschen werden wir hier schon finden!

– Na... wollen's versuchen,« antwortete der Bootsmann Balt.

Beide begannen nun die Gäste Adam Frys noch etwas schärfer ins Auge zu fassen, und einige von diesen warfen ihnen auch schon wiederholt forschende Blicke zu.

»Da seht, sagte Vin Mod, der da... ein Kerl wie ein leibhaftiger Boxer... der mit dem dicken Kopfe. Wenn der Bursche nicht schon zehnmal mehr auf dem Kerbholz hat als nötig ist, gehenkt zu werden...

– Jawohl, fiel der Bootsmann ein, das scheint der rechte zu sein...

– Und der da, der nur ein Auge hat... und was für eins! Glaubt mir, das andere hat er auch nicht bei einem Streite verloren, wo er im Rechte war...

– Wahrhaftig, Vin... ja, wenn er unser Angebot annähme...

– Natürlich tut er das.

– Freilich, bemerkte Flig Balt, vorher können wir sie doch nicht in alles einweihen.

– Natürlich erfahren sie alles erst, wenn die Zeit zur Ausführung da ist, dann werden sie schon mit zugreifen!.. Und jetzt... sehen Sie einmal den, der eben hereinkommt. Schon nach der Art, wie er die Tür zuwirft, könnte man darauf schwören, daß ihm die Polizei an den Fersen hängt...

– Wir wollen ihm etwas zu trinken anbieten, meinte der Bootsmann Balt.

– Und ich setze meinen Kopf gegen eine Flasche Gin, daß er das nicht abschlägt! Dann, weiter da unten... der Seebär, der den Südwester schief auf dem Kopfe sitzen hat, der sieht mir auch aus, als ob er mehr im Arrest im Frachtraume als auf dem Vorderkastell gewesen wäre, und daß er häufiger die Füße in Ketten als die Hände frei gehabt hätte!«

Wirklich machten die vier von Vin Mod bezeichneten Personen vollständig den Eindruck gewissenloser Schnapphähne. Wenn Flig Balt sie anmusterte, schien es doch sehr fraglich, ob der Kapitän Gibson zustimmen würde, Leute dieses Schlages als Matrosen anzunehmen. Sie nach ihren Papieren zu fragen, wäre unnütz gewesen, sie hätten doch keine vorgewiesen, und das aus triftigen Gründen.

Nun mußte freilich erst festgestellt werden, ob diese Männer überhaupt geneigt wären, sich anwerben zu lassen, ob sie nicht eben erst von ihrem Schiffe desertiert und vielleicht gerade im Begriffe wären, die Matrosenjacke mit der Goldsucherbluse zu vertauschen. Jedenfalls boten sie sich doch nicht von allein an, und es blieb immerhin fraglich, was sie auf den Vorschlag, an Bord des »James-Cook« anzutreten, antworten würden. Das mußte sich ja zeigen, wenn man mit ihnen gesprochen und das Gespräch freigebig, nach ihrer Wahl mit Gin oder Whisky, begossen hatte.

»Heda... guter Freund... ein Gläschen gefällig? rief Vin Mod, um den eben Eingetretenen an seinen Tisch zu locken.

– Lieber zwei... wenn's euch recht ist, antwortete der Matrose mit der Zunge schnalzend.

– Drei... auch vier oder ein halbes Dutzend, wenn du eine trockene Kehle hast!«

Len Cannon – so hieß der Mann oder so nannte er sich wenigstens – nahm ohne Umstände an dem Tische Platz und verriet die beste Lust, es auch mit einem Dutzend Glas aufzunehmen, er sah aber recht gut ein, daß man – wenn es geschah – ihn nicht um seiner schönen Augen und seines hübschen Äußeren willen so reichlich bewirten werde.

»Na... um was handelt es sich denn?« platzte er so fort mit der heiseren Stimme des Schnapstrinkers heraus.

Vin Mod klärte ihn über die Sachlage auf: Die Brigg »James-Cook« sei zum Auslaufen fertig... eine anständige Löhnung... eine Fahrt von wenigen Monaten... mehr eine Spaziertour von Insel zu Insel... gutes Essen.. reichliches und vorzügliches Getränk... ein Kapitän, der sich auf seinen Bootsmann verließ, auf den hier sitzenden Flig Balt, dem die Sorge für das Wohlergehen der Mannschaft zufiele... Heimathafen Hobart-Town, dazu alles, was einen Matrosen verlocken konnte, der sich während des Aufenthaltes am Lande zu zerstreuen liebte... und vor allem: dem Hafenkapitän keine Papiere vorzulegen... Morgen mit Tagesanbruch gedächte man, wenn die Besatzung vollständig wäre, in See zu gehen... und für den Fall, daß der Mann ein paar Bekannte hätte, die gerade brach lägen und sich einzuschiffen bereit wären, so sollte er sie nur bezeichnen, wenn sich jene jetzt vielleicht hier in den »Three-Magpies« aufhielten...

Len Cannon betrachtete den Bootsmann Flig Balt nebst dessen Genossen und zog bedenklich die Stirn in Falten. Was bedeutete denn dieser Vorschlag?... Was mochte wohl dahinter stecken?... So vorteilhaft das Angebot auch zu sein schien, beantwortete er es doch nur mit einem einzigen Worte.

»Nein! sagte er bestimmt.

– Du tust damit unrecht! erwiderte Vin Mod.

– Mag sein... kann mich aber nicht anmustern...

– Warum denn?

– Will eben heiraten!..

– Ach... Possen!

– Nein, Ernst... Kate Verdax... eine Witwe...

– Oho... Freundchen, entgegnete Vin Mod, ihn auf die Schulter klopfend, wenn du dich jemals verheiratest, wirst du nicht mit Kate Verdax, sondern mit Kate Gibbet... der Witwe Galgen getraut werden!«

Len Cannon lachte hell auf und leerte sein Glas mit einem Zuge. Trotz des Zuredens des Bootsmannes Balt beharrte er aber bei seiner Weigerung; dann stand er auf und mischte sich unter eine lärmende Gruppe, in der stark beleidigende Sticheleien gewechselt wurden.

»Nun, dann wird's mit einem anderen versucht!« sagte Vin Mod, der sich durch den ersten Fehlschlag nicht entmutigen ließ.

Er verließ jetzt den Bootsmann Balt und setzte sich neben einen Matrosen in einer andern Ecke des Gastzimmers. Dieser sah auch nicht gerade besser aus als Cannon, schien auch wenig mitteilsam zu sein und unterhielt sich offenbar am liebsten nur mit seiner Flasche... eine endlose Unterhaltung, die dem Manne jedenfalls genügte. Vin Mod ging ohne Umschweife auf seine Angelegenheit ein.

»Kann man wohl deinen Namen erfahren?

– Meinen Namen? antwortete der Matrose mit einigem Zögern.

– Ja...

– Und wie ist denn der deinige?

– Vin Mod.

– Und das ist einer...

– Eines Seemannes von der Brigg »James-Cook«, die jetzt vor Dunedin liegt.

– Warum willst du denn meinen Namen wissen?...

– Nur um ihn vielleicht in unsere Mannschaftsrolle einzutragen.

– Mein Name ist Kyle... sagte jetzt der Matrose, ich möchte aber doch auf eine bessere Gelegenheit warten.

– Wenn sich eine solche findet, Freundchen...

– O, die findet sich allemal!«

Damit wendete Kyle Vin Mod den Rücken zu, dem diese zweite abschlägige Antwort doch etwas von seiner Zuversicht raubte. In der Schenke Adam Frys ging's wie an der Börse: die Nachfrage übertraf das Angebot, es eröffnete sich also nur eine geringe Aussicht zum Abschluß eines Geschäftes.

Auch mit den beiden andern Kunden, die schon lange hin und her stritten, wer mit dem letzten Schilling die letzte Pinte bezahlen sollte, kam es nur zu demselben Ergebnisse.

Sexton, ein Irländer, und Bryce, ein Amerikaner, wollten lieber zu Fuße nach Amerika und nach Irland gehen, als sich – sei es auf der Yacht Ihrer graziösen Majestät oder auf dem besten Kreuzer der Vereinigten Staaten – anwerben lassen.

Einige Versuche, andere zu ködern, blieben trotz der Fürsprache Adam Frys ebenso erfolglos, und Vin Mod kam ziemlich kleinlaut an den Tisch Flig Balts zurück.

»Na... nichts ausgerichtet? fragte dieser.

– Hier ist nichts zu machen.

– Gibt's denn in der Nähe der ›Three-Magpies‹ keine anderen Matrosenschenken?

– Das wohl, antwortete Vin Mod, doch wenn wir hier keine passenden Leute gefunden haben, anderswo finden wir solche erst recht nicht.«

Flig Balt konnte einen kräftigen Fluch nicht unterdrücken und schlug dabei so heftig auf den Tisch, daß die Flaschen und Gläser darauf umhertanzten. Sollte sein Plan vereitelt werden? Sollte es ihm nicht gelingen, vier Leute seiner Wahl unter die Mannschaft des »James-Cook« einzuschmuggeln? Dann blieb vielleicht nichts anderes übrig, als die Lücken mit ehrbaren Matrosen auszufüllen, die jedenfalls zu Kapitän Gibson halten würden.

Georgsstraße in Sydney.

An guten Matrosen fehlte es freilich eher noch mehr als an schlechten, und so verstrichen voraussichtlich noch mehrere Wochen, ehe die Brigg – wegen Mangel an Mannschaft – die Anker lichten konnte.

Da hieß es denn, sich anderswo umzusehen. An Matrosenkneipen fehlte es in dem Stadtviertel hier ja nicht, wo es deren, wie Vin Mod sagte, mehr gab als etwa Kirchen und Bankhäuser. Flig Balt war schon dabei, die Zeche zu bezahlen, als sich am anderen Ende des Raumes erneut ein wüster Lärm erhob.

Die Streitfrage zwischen Bryce und Sexton bezüglich der Bezahlung dessen, was sie verzehrt hatten, nahm eine beunruhigende Wendung. Beide hatten offenbar mehr getrunken, als es der Stand ihrer Finanzen erlaubte. Adam Fry war aber nicht der Mann dazu, Kredit zu geben, selbst wenn sich's nur um wenige Pence handelte. Die beiden Seebären hatten für zwei Schillinge Branntwein vertilgt, und entweder erlegten sie die zwei Schillinge oder die Polizei nahm sich der Zechpreller an und brachte sie dort unter, wo sie wegen Schlägereien, grober Beleidigungen und Übertretungen jeder Art schon oft sicher untergebracht gewesen waren.

Der von dem Kellner über die Schlage verständigte Wirt der »Three-Magpies« zögerte keinen Augenblick, sein Guthaben einzufordern, und doch hätten Sexton und Bryce den Mann nicht befriedigen können, denn ihre Taschen waren ebenso leer an Geld wie sie selbst voll von Gin und Whisky. Vielleicht wäre jetzt ein Dazwischentreten Vin Mods mit gut gefüllter Hand von Erfolg gewesen und die beiden Matrosen hätten jetzt vielleicht ein paar Piaster als Vorschuß auf zukünftige Löhnung angenommen. Vin Mod machte auch einen solchen Versuch, er wurde damit aber schleunigst zum Teufel gejagt. Im Schwanken zwischen dem Wunsche, bezahlt zu werden, und der Unannehmlichkeit, zwei Kunden einzubüßen, wenn diese sich am nächsten Tage auf dem »James-Cook« einschifften, kam ihm jetzt nicht einmal Adam Fry, wie er gehofft hatte, zu Hilfe.

Als der Bootsmann Balt das bemerkte, meinte er, daß der Sache hier ein Ende gemacht werden müsse.

»Komm, wir wollen gehen, rief er Vin Mod zu.

– Ja, antwortete dieser, noch ist es nicht neun Uhr. Wir wollen die ›Old-Brothers‹ oder den ›Good-Seeman‹ aufsuchen; bis dahin sind's nur zwei Schritte, und ich will mich hängen lassen, wenn wir unverrichteter Sache nach dem Schiffe zurückkommen!«

Das »sich hängen lassen« als beteuernde oder metaphorische Ausdrucksweise kehrte in den Worten des »braven« Vin Mod sehr häufig wieder; vielleicht war er der Ansicht, daß das doch das Ende seiner irdischen Laufbahn sein werde.

Hatte Adam Fry anfänglich sein Geld nur barsch gefordert, so war er inzwischen zu Drohungen übergegangen. Sexton und Bryce sollten bezahlen oder sie würden noch heute in Polizeigewahrsam sitzen. Der Kellner erhielt gleichzeitig Auftrag, ein paar Konstabler herbeizurufen, an denen es in diesem Teile der Stadt niemals fehlt. Vin Mod und Flig Balt wollten schon mit ihm hinausgehen, als drei oder vier handfeste Burschen an der Tür Stellung nahmen, um keinen hinaus-, vorzüglich aber auch keinen hereinzulassen.

Diese Matrosen waren offenbar bereit, mit ihren Kameraden gemeinschaftliche Sache zu machen. Jetzt wurde die Lage der Dinge ungemütlich, und wie so oft endigte gewiß auch der heutige Abend mit einer allgemeinen Schlägerei.

Adam Fry und den Kellner ließ das ziemlich kalt, sie dachten nur daran, den Schutz der Polizei anzurufen, wie sie das unter solchen Umständen gewöhnt waren. Da sie die Tür besetzt sahen, versuchten sie auf der Rückseite des Hauses nach der dort vorüberführenden Gasse zu gelangen.

Dazu ließ man ihnen aber keine Zeit. Die ganze Bande stand gegen sie auf, und vor allen taten sich Kyle, Sexton, Len Cannon und Bryce darin hervor. An dem Getümmel unbeteiligt blieb nur ein halbes Dutzend sinnlos betrunkener Burschen, die in den Ecken lagen und sich überhaupt nicht mehr auf den Füßen erhalten konnten.

Dem Bootsmann Balt und Vin Mod war es also unmöglich, die Gaststube zu verlassen.

»Wir müssen aber auf jeden Fall fortkommen, sagte der erste, hier regnet es doch bald Püffe und Schläge...

– Wer weiß, meinte der zweite, laßt sie sich nur prügeln, vielleicht haben wir zuletzt noch den Vorteil davon!«

Wenn beide von dem Streite Nutzen zu ziehen hofften, wollten sie davon doch keinen Schaden haben, und so flüchteten sie eiligst hinter den Schanktisch.

Zunächst entbrannte ein Kampf mit »blanker Waffe«, wenn dieser Ausdruck für die Fäuste und die Füße der Streitenden erlaubt ist. Sehr bald kam gewiß aber auch das Messer an die Reihe, und es wäre nicht das erste- und auch nicht das letztemal gewesen, daß es in der Gaststube der »Three-Magpies« zum Blutvergießen kam. Es sah schon aus, als müßten Wirt und Kellner dem Ansturme der überlegenen Rotte unterliegen, zum Glück stellten sich aber doch einige der Stammgäste der Schenke auf ihre Seite. Fünf bis sechs Irländern, die sich jedenfalls für die Zukunft einigen Kredit sichern wollten, gelang es, die Angreifer zurückzudrängen.

Jetzt herrschte ein Tumult ohnegleichen. Der Bootsmann Balt und Vin Mod hatten, obwohl sie sich so gut wie möglich zu schützen suchten, die größte Not, nicht getroffen zu werden, als nun Flaschen und Gläser in allen Richtungen durch die Luft zu stiegen anfingen. Alles fluchte, gröhlte und schlug durcheinander. Die Lampen wurden dabei umgestülpt und gingen aus, und der Raum wurde nur noch notdürftig von einer Laterne erhellt, die vor einer Scheibe an der Eingangstür angebracht war.

Die allerhitzigsten, Len Cannon, Kyle, Sexton und Bryce, die zuerst zum Angriff übergegangen waren, hatten sich jetzt nur noch zu verteidigen. Der Wirt und der Kellner gehörten nämlich auch nicht mehr zu den Lehrlingen in der edeln Kunst des Boxens. Einige furchtbare Stöße streckten Kyle und Bryce mit halb gesprengten Kinnladen zu Boden; sie rafften sich jedoch wieder auf, um ihren Kameraden beizustehen, die von den Irländern mehr und mehr in eine Ecke getrieben wurden.

Der Kampf schwankte unentschieden nach der einen und der anderen Seite, und eine Entscheidung wurde voraussichtlich nur durch einen Eingriff von außen herbeigeführt. Wiederholt übertönte der Ruf »Zu Hilfe!« »Hierher Hilfe!« das Getümmel. Die Nachbarn bekümmerten sich kaum um den wilden Lärm, der in der Schenke zu den »Three-Magpies« tobte, an derlei Prügeleien zwischen dem Seevolk waren die Leute von jeher gewöhnt. Es wäre auch ganz nutzlos gewesen, sich vermittelnd unter die Hitzköpfe zu wagen. Das war Sache der Polizisten, die ja, wie man zu sagen pflegte, für so etwas bezahlt werden.

Die Rauferei wurde immer erbitterter, der Zorn der Kampfhähne artete zur sinnlosen Wut aus. Tische und Bänke lagen umgestürzt durcheinander.

Man hämmerte einander mit Schemelbeinen auf den Kopf. Die Messer flogen aus den Taschen, die Revolver aus den Gürteln, und es knallte und krachte bald hier, bald da in dem entsetzlichen Getöse.

Der Wirt suchte noch immer entweder die Tür nach der Straße oder die nach dem Hofe zu gewinnen, als ein Dutzend Polizisten von der Rückseite des Hauses her eindrang. Es war nicht nötig gewesen, bis zu ihrer, einige hundert Schritt entfernten Wache zu laufen. Sobald vorübergehende Personen sie unterrichtet hatten, daß es in der Schenke Adam Frys wieder einmal blutige Köpfe gab, gingen sie, ohne sich besonders zu beeilen, dorthin, und mit dem Ordonnanzschritt, der allen englischen Polizisten eigen ist, kamen sie gleich in hinreichender Zahl, Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Wahrscheinlich machten sie zwischen denen, die angegriffen hatten, und denen, die sich verteidigten, keinen besonderen Unterschied. Sie wußten aus Erfahrung, daß die einen gewöhnlich ebensoviel wert waren wie die anderen. Wenn sie die ganze Gesellschaft verhafteten, erfüllten sie ihre Pflicht jedenfalls am besten.

Obwohl das Schlachtfeld nur sehr dürftig erleuchtet war, erkannten die Polizisten unter den wütendsten Raufbolden doch sofort Len Cannon, Sexton, Kyle und Bryce; diese hatten sie ja schon wiederholt nach dem Gefängnis abgeführt. Die vier Schnapphähne sahen auch gleich, was ihnen bevorstände, und deshalb beeilten sie sich schleunigst, durch den Hof zu entkommen. Freilich, wohin sie auch fliehen mochten, morgen wurden sie doch höchst wahrscheinlich eingefangen.

Da benutzte Vin Mod, wie er Flig Balt gesagt hatte, den günstigen Augenblick, und während die übrigen sich noch weiter balgten und stießen und gegen die Polizisten vorgingen, um die Flucht der am meisten kompromittierten zu begünstigen, holte Mod Len Cannon noch ein.

»Alle vier nach dem ›James-Cook!‹ rief er ihm zu.«

Sexton, Bryce und Kyle hatten die Aufforderung gehört.

»Wann fährt der ab? fragte Len Cannon.

– Morgen mit Tagesanbruch.«

Und trotz der Polizeibeamten, gegen die sich wie auf Verabredung die ganze Bande gewendet hatte, und trotz Adam Fry, dem es besonders daran lag, sie verhaftet zu sehen, gelang es Len Cannon und seinen drei Spießgesellen, denen Flig Balt und Vin Mod nachfolgten, der drohenden Gefahr glücklich zu entwischen.

Eine Viertelstunde später trug das Boot der Brigg sie an Bord, und hier befanden sie sich im Volkslogis vorläufig in Sicherheit.

Zweites Kapitel.

Die Brigg »James-Cook«.

Inhaltsverzeichnis

Die zweihundertfünfzig Tonnen große Brigg[4] »James-Cook« war ein festgebautes Fahrzeug mit reichlicher Segelfläche und breitem Rumpfe, der ihr große Stabilität verlieh. Am Heck scharf abfallend und am Bug erhöht, hatte es nur schwach geneigte Masten und hielt sich vortrefflich bei jeder Segelstellung. Das Schiff konnte noch sehr scharf am Winde. aufkommen, glitt leicht über die Wellen dahin und legte bei einer frischen Brise bequem seine elf Knoten zurück.

Seine Besatzung bestand, wie der Leser aus dem Vorstehenden erfahren hat, aus dem Kapitän, einem Bootsmanne, sieben Matrosen, einem Koch und einem Schiffsjungen. Es fuhr unter britischer Flagge und hatte als Heimathafen Hobart-Town, die Hauptstadt Tasmaniens, das, eine der wichtigsten Kolonien Großbritanniens, der Regierung über Australien angegliedert ist.

Schon etwa seit zehn Jahren betrieb der »James-Cook« die sogenannte große Küstenfahrt im Westen des Stillen Ozeans, zwischen Australien, Neuseeland und den Philippinen, und hatte sich immer glücklicher und einträglicher Fahrten zu erfreuen gehabt, dank der mehrseitigen Beanlagung seines Kapitäns, der einen guten Seemann und einen guten Kaufmann in seiner Person vereinigte.

Der jetzt fünfzig Jahre alte Kapitän Gibson hatte die Brigg niemals verlassen, seit sie aus der Werft von Brisbane hervorgegangen war. Zu einem Viertel war sie sein persönliches Eigentum, während die anderen drei Viertel dem Reeder Hawkins in Hobart-Town gehörten. Das Schiff hatte immer reichlichen Ertrag abgeworfen, und auch die jetzige Fahrt versprach von Anfang an, guten Verdienst zu bringen.

Die Familien des Kapitäns und des Reeders standen schon seit langer Zeit in freundschaftlichster Verbindung, denn Harry Gibson war von jeher für das Haus Hawkins gefahren. Beide wohnten in Hobart-Town in demselben Stadtteile. Die Hawkins'sche Familie war ohne Kinder, die Gibsons hatte nur einen einzigen Sohn, der jetzt einundzwanzig Jahre zählte und sich dem Handelsstande widmete. Die beiden Frauen sahen sich täglich, was ihnen die Trennung von ihren Ehegatten weniger fühlbar machte. Der Reeder befand sich zur Zeit nämlich in Wellington, wo er mit Nat Gibson, dem Sohne des Kapitäns, ein neues Kontor eingerichtet hatte. Von dort sollte der »James-Cook« beide nach Hobart-Town zurückbefördern, sobald das Schiff in den Archipelen der Umgebung von Neuguinea, nördlich von Australien und in der Gegend des Äquators eine volle Ladung eingenommen hatte.

Vom Bootsmann Flig Balt erübrigt es jetzt, zu sagen, welch Geisteskind und was er wert war, auch über welche Pläne der gewissenlose Bursche brütete. Zu seinen verbrecherischen Neigungen und seiner Eifersucht gegen denKapitän gesellte sich noch eine Heuchelei, die den vertrauensseligen Gibson von Anfang an getäuscht hatte.