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Texte über das Schockierende, das Kontroverse oder vielleicht doch nur über das ganz Gewöhnliche. Eine Sammlung von Kurzgeschichten, prosaischen Ideen und Lyrik, angeordnet um die Erzählung "Die Geburt".
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2015
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[1]
Verführerische Natur
[2]
Leopold Oboku
[3]
Großer Loewitsch
[4]
Der Deutschlehrer
[5]
Sechsdorfer
[6]
Die Geburt
[7]
Der Kampf der alten Herren
[8]
Der Rinderbaron und der Wahnsinn
[9]
Der Besuch beim Fürsten
[10]
Die leere Wohnung einer jungen Frau
[11]
Wenn Licht am Morgen gegen Hügel brandet, der Landschaft Flucht im Schatten nicht gelingt, der Pflanzen, Bäume, Blumen Träne rinnt, und Schein sich durch die Äste zwingt. Dann kennt kein Knochen mehr das Knarren, keins meiner Glieder mehr ein Zerren. Dann reiß ich auf, was klar betrachtend sitzt in Höhlen, stehe stramm und klar im Raum, bin nie mehr müde unter Sonnenstrahlen, denn vor mir liegt entblößt Natur.
Es fiel ihm nicht leicht, die Tür zu öffnen, denn der Wind hielt dagegen. Irgendwann hatte er mit viel Kraft ihren Winkelzenit erreicht, und eben jener Wind schmetterte sie brachial gegen die Hauswand. Nun schützte ihn nichts mehr. Seine alten Glieder mussten sich vollkommen der rauen See ausgesetzt sehen. Das Gehen schien ihn anzustrengen, vielleicht zu schmerzen. Doch wusste man nicht eine Träne von einem Regentropfen zu unterscheiden. Von diesen Tropfen trug der Wind einige mit sich. Sie trafen auf das Gesicht und zersprangen in eben kleinere von ihnen, welche wiederum von den Haaren seines Bartes gespalten wurden, so dass sein Gesicht nur noch nass war. All das wiederholte sich immer wieder, und plötzlich hatte der Wind auch seine schützende Mütze erfasst und schleuderte sie – erst zielstrebig – dann nur noch in einer Spirale in den Himmel, bis die kräftigen Wogen diese nicht mehr tragen konnten, weil sie sich so sehr mit Wasser vollgesogen hatte.
Doch es störte ihn nicht. Er hatte es schon tausende Male miterlebt und war dessen nicht müde geworden, selbst wenn der Sturm ihn um den Schlaf brachte. Der Sonnenaufgang. Die Strahlen der aufgehenden Sonne spiegelten sich so stark in seinem nassglänzenden Gesicht, als würde sie sich selbst blenden, denn ihr Aufgang dauerte länger als sonst. So dachte der Mann. Und so sehr die Wogen der Wellen und des Windes das Festland und seine Häuser in die Mangel nahmen, er ging doch weiter auf die Klippe zu. Seine Beine schlackerten jedes Mal, wenn er sie für einen weiteren Schritt hob, durch die Luft. Auch seine Jacke hatte der Wind nun gespalten und so flatterte sie um seinen gänzlich durchnässten Körper herum, als würde sie versuchen zu fliehen. Er wusste, dass nicht viele Schritte bleiben würden, um den Sonnenaufgang zu erleben; und so ging er weiter. Über ihm brach der Himmel auf. Immer mehr Regentropfen stürzten sich mit der Absicht von abermillionen Selbstmördern auf das Haupt des Alten, welcher aus Sucht nach der Schönheit der Natur seine schützende Hütte verlassen hatte. Die Erde bebte und veränderte ihre Form. Schwache Erde. Nur der Alte hielt stand. Es waren noch ein paar Schritte bis zum Rand, und die Sonnen ließ auf sich warten. So ging er weiter und weiter und weiter und über den Rand.
Er stürzte und stürzte in den Abgrund wie ein Tropfen und wurde wie eine Tür gegen die Felswand geschlagen und zersprang an den felsigen Bartstoppeln der Insel in viele Stücke, bis die Felswand rot war. Und wie sich niemand anderes am Sturm hatte stören lassen, aus jedem einzelnen Regentropfen keinen Hehl gezogen hatte, so bemerkten sie auch nicht, dass die Hütte des Alten geöffnet stand, der Alte selbst weg und die Sonne endlich aufging und den dunklen Sturm lichtete. Nur die Wellen wuschen den Stein rein.
Die Tränen waschen den Marmor, den weißen, bis auf sein Blut rein.
Er glüht nun, blendend schön vergeht sein Halt der Schwere wegen, seiner Tat.
In leeren Gängen hallen seine Splitter, trippeln seine langen Schatten und kreuzen sich auf Gräbern der Toten, die kühl in diesem Schatten ruhen.
Verängstigt sind die Kreatur, die einst schlugen, trugen, schliffen.
Doch Handwerk ists, was zu unser aller Ende nur den Schrei des längst zu Staub gewordenen erhält, und vor Angst zur Einsamkeit der Stille, wieder und wieder hallen lässt.
Er schreibt. Früher in der Schule habe ich mich gefragt, wie kommt ein Diktator dazu, eine Diktatur zu errichten, was treibt ihn an? Er sieht seine Vorstellung von Richtigkeit in seinem Handeln, also warum ist es dann falsch? Ist jemand minderwertig, weil er so ist oder macht er sich selbst minderwertig. Oder, was muss man tun, um in den Augen eines Diktators als minderwertig zu gelten? Wer bestimmt das? Wer besitzt die Macht, jedes Lebewesen und jedes seelenlose Objekt auf dem von uns besiedelten Planeten Erde in zwei Kategorien einzuteilen - minderwertig und nicht minderwertig? Ein Diktator bringt in den meisten Fällen eine große Anzahl an anderen Menschen um, passiv. Er legt fest, was für ihn minderwertig ist und was nicht. Aber macht es ihn böse, nur weil die Mehrheit der Meinung ist, dass er nicht so handelt, wie sie es für richtig hält? Er hört auf zu schreiben, legt sein Buch weg und geht schlafen.
Kein langes Warten, bis der Schlaf ihn in Besitz nimmt, er kommt sofort. Nach kurzer Zeit wacht er auf, blickt an die Wand seines Raumes. Auf der Tapete bilden sich die Umrisse des Wortes „Himmel“. Es wird hell, heller Himmel. Er wandelt über grüne Wiesen, durch sonnige Wälder, durchstreift Scharen von friedvollen Tieren. Streicheln, liebkosen, loben, das tut er. Er bahnt sich einen Weg durch die Scharen, die kommen, sie alle warten auf ihn. Keine Wolke am Himmel, die Sonne scheint herab, sie freut sich für ihn. Er durchstreift den Ozean, um an das andere Ufer zu kommen, um weiter zu suchen. Er hebt Steine auf und verändert ihren Platz, er reißt Blätter von den Bäumen, sie vergehen in seinen Händen zu Asche, der Wind verteilt sie. Weiter geht der Weg, immer die gleichen Dinge kommen ihm entgegen. Er durchstreift den Ozean drei weitere Male, um am selben vertrauten Ufer trocken, nicht von einem einzigen Tropfen benetzt, an Land zu treten. Auf einmal ziehen Wolken heran, die Sonne geht, die Kälte und die Dunkelheit teilen sich nun ihren Platz. Er erreicht eine Ebene, blickt weit hinaus, doch kann nicht erkennen. Er sieht alles, aber doch blendet ihn der Sonnenuntergang. Kein Tier in der Ferne.
Kein Blatt an den Bäumen. Nur er und seine beiden Begleiter Kälte und Dunkelheit. Vor ihm tut sich ein Hügel auf. Ein gigantischer Baum steht auf ihm, und auf dem größten Ast am höchsten Punkt sitzt ein Mann mit schwarzer Hautfarbe. Er ruft, doch der Mann wendet sich ihm nicht zu. Er scheint zu murmeln. Vor sich hin murmelt er, zeigt auf Dinge und benennt sie. Er zeigt auf einen Grashalm und sagt Gras, er benennt die Dinge, obwohl sie einen Namen haben. Er wundert sich und geht auf den Baum zu. Erklimmt ihn, zieht sich höher und höher, greift nach Ästen, die zu dünn erscheinen, doch sie tragen ihn voller Demut ehrfürchtig und brechen erst, wenn er über sie hinweg ist. Ein Vogelnest ziert einen Ast. In ihm drei Eier. Er zertritt sie, ohne darauf zu achten. Das Eigelb läuft am Baum hinab, tropft auf den Boden, und an den Stellen, wo es den Boden berührt, gedeihen Vögel, die hoch hinauf zum Ast fliegen und ein neues Nest bauen. Doch er steigt höher und erreicht schließlich den Ast, auf dem der Mann sitzt, der die Dinge benennt. Zeigend auf ein Blatt sagt er Blatt. Er rutscht ab und hält sich an einem kleinen Ast fest, an diesem sprießen kleine grüne Blätter. Er reißt einige ab und blickt in seine Hand, sie vergehen nicht zu Asche, sie haben jetzt einen Namen. Der Mann sitzt immer noch an der gleichen Stelle. Er balanciert auf dem größten Ast am höchsten Punkt des Baumes auf den Mann, der sitzend dort verharrt, zu. Plötzlich dreht er sich um, und er blickt in sein Gesicht. Er sieht seine Züge, er hat die Dinge benannt, er hat die Gesetze gemacht und die Regeln aufgestellt. Er zeigt auf den Himmel und folgt seinem eigenen Handzeichen. Am Himmel züngelt nun das Wort „Hölle“.
Er schwebt über der Stadt, in der er lebt, wo er herrscht, wo er die Gesetze macht, die Regeln aufstellt, wo sein Thron steht. Sein Blick senkt sich steil nach unten, er fällt auf ein Haus zu, sein rostiges Blechdach kommt immer näher. Er schreit, er glaubt, er schreit. Er schließt die Augen und steht vor einer Tür. Er öffnet sie, tritt ein, er tritt sie ein.
Eine Wolke von stinkendem Qualm schlägt ihm ins Gesicht. Husten, seine Lunge verkrampft sich, da das, was er fälschlicher Weise als Luft einatmete, genau dies nicht war. In dem Haus stehen Tische, an denen Menschen sitzen, schwarzer Hautfarbe, es riecht nach Schweiß und Alkohol. Er geht weiter, halbnackte schwarze Frauen tanzen wie in Trance auf den Tischen. In einer Ecke wird jemand erschossen, in der anderen erstochen, in der anderen erstickt, und in der letzten stehen fünf Männer mit den Gesichtern zur Wand und nehmen Drogen. Er dreht sich weg und erblickt wieder die Tische mit den tanzenden Frauen. Sie schlucken nun Medikamente und fangen an, sich langsam immer schneller zur Musik zu bewegen.
