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Er gehört zu den Stillen in der literarischen Landschaft der Schweiz. Sein Werk ist schmal, Erzählungen und Kurzgeschichten und zahlreiche Kürzestgeschichten. Hans-Dieter Furrer ist kein Autor der weitschweifigen Schilderung sozialer, wissenschaftlicher oder geographischer Umstände, seine Sache ist das prägnante Wort. Und das macht ihn zu einem der wichtigsten Autoren der heutigen fantastischen Literatur im Lande Wilhelm Tells.Hans-Dieter Furrer ist es gelungen, einen eigenen Duktus in seinen Erzählungen zu entwickeln. Seine Erzählungen und Kurzgeschichten sind originell, scharf im Ausdruck und unverkennbar. Ein Autor, den man sich merken muss.Das Titelbild und die Innenillustrationen stammen von Rainer Schorm.
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2024
AndroSF 198
Hans-Dieter Furrer
DIE GEHEIMNISVOLLE SPHINX
und andere fantastische Geschichten
AndroSF 198
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: April 2024
p.machinery Michael Haitel
Titelbild & Illustration: Rainer Schorm; ausgenommen Abbildung zur ersten Geschichte: Le Sphynx mystérieux, Charles Van der Stappen (1897), Musées royaux d'art et d'histoire, Bruxelles (Foto: Michel Wal)
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 391 8
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 727 5
In Erinnerung an Tania Vandesande aus Brüssel, die mich zum ersten Mal mit chryselephantinen Skulpturen bekannt gemacht hat.
Die Dogge glänzte im Sonnenlicht. Sie war aus Bronze und überwachte von ihrem Sockel den Park. Eine ältere Dame in auffällig karierter Jacke spazierte an ihr vorüber, an der Leine einen langhaarigen Dackel nach sich ziehend. Der Dackel bellte kurz zu der bronzenen Dogge hinauf, als ob er sie grüßen wollte. Ich erhob mich von der Bank, auf der ich mich ein wenig ausgeruht hatte, und schlenderte im Schatten alter Bäume durch den Brüsseler Parc du Cinquantenaire auf das Königliche Museum für Kunst und Geschichte zu.
Mein Ziel war der Raum mit chryselephantinen Skulpturen der Art Nouveau, welche am Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstanden. Für diese Kunstwerke arbeiteten die Künstler mit Elfenbein in Kombination mit Edelmetallen wie Gold und Silber. Sie gehören zur Kunstrichtung des Symbolismus. Eines der schönsten Werke dieser Art schuf Charles van der Stappen 1897 mit seiner Sphinx mystérieux, der geheimnisvollen Sphinx. Und ihr allein galt mein Museumsbesuch. Ihr Geheimnis wollte ich ergründen.
Über eine breite Treppe stieg ich zum Eingang hoch und kaufte an der Kasse eine Eintrittskarte. An diesem sonnigen Augustmorgen interessierten sich nur wenige Besucher für die Sammlung. Auf knarrenden Parkettböden ging ich ziemlich achtlos an wandgroßen Gobelins und Stilmöbeln mit feinen Holzintarsien vorbei und stand schon bald in dem Raum mit den Jugendstil-Skulpturen, die in hohen, mit dunklem Holz eingefassten Vitrinen schimmerten.
Und da war sie, auf Augenhöhe, inmitten einer Anzahl weiterer chryselephantinen Figuren, die Sphinx mystérieux, die ich bisher nur von Abbildungen aus Büchern gekannt hatte. Ihre Schönheit war überwältigend. Die Büste auf einem Sockel aus Onyx faszinierte mich vom ersten Augenblick an. Sie war größer, als ich sie mir vorgestellt hatte. Der Künstler hatte sie in Lebensgröße gestaltet. Das zarte Gesicht aus Elfenbein, der metallisch glänzende Harnisch und der Helm mit dem Vogelkopf aus einer Silberlegierung, wie ich dem Hinweisschild neben der Skulptur entnehmen konnte. Alles bis ins kleinste Detail meisterhaft verarbeitet. Kein Wunder, dass diese geheimnisvolle Gestalt die Menschen schon seit mehr als einem Jahrhundert in ihren Bann zog. Eine schmalgliedrige Elfenbeinhand hatte die Sphinx erhoben, fast ihre geschlossenen Lippen berührend. So als wollte sie ihr Geheimnis bewahren, mich zum Schweigen auffordern.
Von der Skulptur ging eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Ganz unbewusst war ich einen Schritt nähergetreten. Wie unter einem unerklärlichen Zwang hob ich meine Hand und machte damit dieselbe Geste wie die Sphinx. Dabei stieß ich mit der Handkante gegen das Glas der Vitrine, und in diesem Augenblick geschah etwas Sonderbares.
Ich befand mich nicht länger im Ausstellungssaal, sondern lehnte an der rostzerfressenen Reling eines alten Dampfers, der von einem Schaufelrad am Heck langsam flussaufwärts getrieben wurde. Ich bemerkte, dass ich einen altertümlichen Feldstecher umhängen hatte, hob ihn an meine Augen und blickte zum Ufer hinüber. Ein langer Zug von schwarzen Trägern tauchte aus einem Waldstück auf. Sie waren mit Ketten aneinandergefesselt und trugen Elefantenstoßzähne. Begleitet wurde die Kolonne von bewaffneten, weißen Soldaten, welche mit Lederpeitschen auf die Träger einschlugen. Hinter den Bäumen stieg eine Rauchsäule in den Himmel. Schüsse und Schreie waren zu hören. Ich erkannte die brennenden Hütten eines Dorfes und fliehende Gestalten. Ein Schwarzer kam schreiend ans Ufer gerannt und streckte mir eine abgehackte Hand entgegen!
Etwas weiter flussaufwärts passierte unser Boot einen Elfenbein-Sammelplatz. Ein paar Strohdachhütten, Holzvorräte und aufgestapelte Stoßzähne. COMPAGNIE D’IVOIRE LEOPOLDVILLE las ich auf der Blechtafel an einem der Lagerschuppen. Auf einem kleinen Hügel im Hintergrund stand ein etwas größeres Holzhaus mit schattiger Veranda, auf der ein paar weisse Offiziere und Kolonialbeamte in weißen Anzügen den Nachmittagstee schlürften. Wie Schatten standen hinter ihnen die schwarzen Diener. Kein Zweifel, ich befand mich auf dem Kongo und wir fuhren mitten ins Herz der Finsternis.
Wie im Zeitraffer wurde der Flusslauf jetzt schmaler, der Baumbestand dichter. Wie durch ein grünes Tor fuhren wir in den Regenwald ein. Die Bäume bildeten ein undurchdringliches Blätterdach. Unheimliche Lichter geisterten durch das Dickicht, das bis ans Wasser reichte. Irgendwo über mir kreischte eine Horde Affen – oder hörte ich etwa menschliche Schreie? Eine grün schillernde Schlange klatschte direkt neben mir auf das Deck und glitt über die Bordwand ins dunkle Wasser. Und als ich dann wieder durch meinen Feldstecher sah, hatte ich vor meinen Augen eine fantastische Szenerie. Am Flussufer tat sich eine große Lichtung auf. Eine breite Treppe schwang sich hoch zu einem tempelartigen Gebäude, dessen Eingang eine riesige Elefantenskulptur bildete. Und davor stand eine schwarze Amazone in goldschimmernder Rüstung, flankiert von zwei schwarzen Panthern. Erst jetzt sah ich die zu beiden Seiten der Treppe an Elefantenstoßzähnen aufgespießten Köpfe. Es waren nicht die Köpfe von Schwarzen. Es waren die Schädel von schnauzbärtigen Weißen, die noch ihre Tropenhelme aufhatten …
»Ne touchez pas, Monsieur!«
Erschrocken zuckte ich zusammen und drehte mich um. Mein Tagtraum hatte wohl nur Sekunden gedauert. Vor mir stand die Museumsaufsicht, eine junge schwarze Frau in adretter dunkelblauer Uniform. Seltsamerweise dachte ich sogleich an eine Kongolesin aus Kinshasa. »Entschuldigen Sie …«, aber dann verstummte ich wieder und stand wie erstarrt. Ich blickte gebannt in die Augen der Frau und spürte, dass es im Raum, in dem anscheinend keine weiteren Besucher anwesend waren, jetzt wesentlich dunkler geworden war. Und wärmer!
Dann geschah etwas Unglaubliches! Das Gesicht der schwarzen Frau verwandelte sich. Gleich unter den Augen stülpte sich die Haut nach vorne. Zuerst sah es so aus, als würde sie ihre Backen aufblasen. Dann sprang der breite Mund mit den vollen Lippen auf. Zwei Reißzähne blitzten. Gleichzeitig vernahm ich das Reißen von Stoff. Die Uniformjacke platzte auf. Schwarz glänzendes Fell wurde darunter sichtbar. Kein Zweifel, die Museumswärterin verwandelte sich vor meinen Augen in einen schwarzen Panther. Und im Ausstellungsraum herrschte jetzt eine drückende tropische Hitze.
Ich stand einfach da. Reglos, wie eine der Skulpturen. Und ich starrte wie hypnotisiert auf den Panther, der sich vor mir sprungbereit auf dem Boden duckte. Er fauchte mich wütend an, und ich roch seinen animalischen Atem. Er war größer als die Leoparden, die ich von Zoobesuchen in Erinnerung hatte. Ganz unerwartet schoss plötzlich seine Pranke vor und riss mit gnadenlos offenen Krallen über meinen linken Arm. Der Hieb war so kräftig, dass er mich umwarf. Ich nahm noch wahr, wie sich der Ärmel meiner Jacke blutrot färbte. Dann verlor ich das Bewusstsein.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Fuß der Treppe unter dem Eingang zum Museum. Meine Verletzung verursachte höllisch brennende Schmerzen. Das Blut auf dem zerrissenen Ärmel war bereits eingetrocknet. Ich setzte mich auf. Es dämmerte schon und im Park vor mir war weit und breit kein Mensch mehr zu sehen. Was ich vor ein paar Stunden erlebt hatte, kam mir jetzt wie ein Albtraum vor. Aber die Krallenwunden an meinem linken Arm waren echt. Der schwarze Panther hatte mir einen Denkzettel verpasst. Und Auslöser für die fantastische Verwandlung der Kongolesin, deren Vorfahren im dunklen Afrika unter den weißen Ausbeutern gelitten hatten, war die geheimnisvolle Sphinx. Als am Ende des neunzehnten Jahrhunderts diese chryselephantine Skulptur entstand, war der Freistaat Kongo im Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II, der seine Kolonie bedenkenlos ausbeutete. Damals kamen ganze Schiffsladungen mit Elfenbein nach Antwerpen. Und um den Kunstmarkt zu beleben, verschenkte der König einige der schon damals sehr wertvollen Elefantenstoßzähne an bekannte Bildhauer. War die Sphinx vielleicht aus einem jener Stoßzähne geschaffen worden, die der belgische Monarch verschenkt hatte? Lag etwa auf diesem Elfenbein, das der Bildhauer für sein Kunstwerk verwendet hatte, ein afrikanischer Fluch? Vielleicht gar der Fluch einer schwarzen Königin der Elefanten, die sich an den weißen Jägern rächte, so wie in meinem Tagtraum?
Eines war sicher: Meine Wunde war echt und brannte wie Feuer. Ich musste möglichst schnell verarztet werden. In der Rue Dekens ganz in der Nähe hatte ich kürzlich ein altes Stadthaus entdeckt, ein typischer Bau aus der Jugendstilzeit mit farbigen Glasfenstern im Erdgeschoss. In diesem Haus hatte ein Arzt seine Praxis. Mit etwas Glück würde er mich wieder erkennen. Ich hatte ihn vor dem Haus getroffen und ein paar Worte über die kunstvolle Fassadenarchitektur mit ihm gewechselt. Ich machte mich also auf den Weg und hoffte, niemandem zu begegnen. Mit meinem heruntergerissenen und blutverschmierten Jackenärmel sah ich nicht sehr vertrauenerweckend aus. Ich überquerte die Avenue des Nerviens und ging die Rue Deckens hinauf. Ein alter Mann mit einem Einkaufswagen auf der anderen Straßenseite war der einzige Mensch, der meinen Weg kreuzte. Die Backsteinfassade des Hauses war nicht zu übersehen. Doktor Henri Vernon – Médecin stand auf dem Messingschild über der Türglocke. Nach kurzem Klingeln öffnete sich die Türe. Doktor Vernon hatte seinen Arztkittel bereits durch eine bequeme Strickweste ersetzt, doch als er meinen zerrissenen Jackenärmel und das getrocknete Blut sah, führte er mich ohne lange Fragen ins Behandlungszimmer, desinfizierte fachmännisch meine Risswunden, gab mir eine Spritze – gegen Starrkrampf oder Tollwut vermutlich – und verpasste mir einen ordentlichen Verband.
Doch dann wollte er es doch noch wissen: »Wie ist das eigentlich passiert?«
Dass ich im Museum von einem schwarzen Panther angefallen worden war, konnte ich ihm natürlich nicht erzählen. Aber da erinnerte ich mich an die bronzene Dogge, die ich im Park bewundert hatte, und murmelte irgendwas von einem großen Hund, der mich angesprungen hätte. »Es war eine schwarze Dogge«, bekräftigte ich. Doktor Vernon schien mir nicht ganz zu glauben. Er kannte sicher den Unterschied zwischen den Krallen einer Hundepfote und den Pranken einer Raubkatze. Er ging aber zum Glück nicht weiter auf meine Geschichte ein. »Ein paar Narben werden wohl bleiben« meinte er nur, und ich solle doch in einer Woche nochmals vorbeikommen, um den Verband zu erneuern.
Mein Museumsbesuch liegt jetzt schon etliche Jahre zurück. Drei verheilte, aber gut sichtbare Narben laufen schräg über meinen linken Oberarm. Sie sind eine bleibende Erinnerung an die geheimnisvolle Sphinx. Manchmal röten sie sich stärker und beginnen zu brennen. Dann kehren die Bilder von den Gräueltaten im Kongo zurück.
»Il ne faut pas oublier qu’un tableau est un tableau,
c’est-à-dire une autre réalité.«
(Man darf nicht vergessen, dass ein Bild ein Bild ist,
das heißt eine andere Realität.)
Paul Delvaux
Mit dem TGV Thalis war ich im Juli 1997 von Paris nach Brüssel gefahren. Wie jedes Mal führte mich mein erster Weg in dieser Stadt über die Grand Place und durch die Galeries Saint-Hubert direkt ins »Mort subite«, in jenes Bierlokal, in dem die Zeit stillzustehen schien. Alles war unverändert. In der Ecke lag noch immer die graue Hauskatze in ihrem Körbchen, als schliefe sie seit Jahren ihren Dornröschenschlaf. Das »Mort subite« war so etwas wie ein persönlicher Kraftort für mich. Hier fühlte ich mich wohl und bekam dieses angenehme Kribbeln im Bauch. Und das lag nicht nur am Bier. Anschließend spazierte ich auf den Mont des Arts hinauf, auf den Berg der Kunst, zu den Königlichen Kunstmuseen und stellte erfreut fest, dass dort eine große Ausstellung mit Werken von Paul Delvaux gezeigt wurde. Ich war schon immer fasziniert von den Bildern dieses Surrealisten, in denen auf einsamen Bahnhöfen im Mondlicht weiß gekleidete oder nackte Frauen auf Dampfzüge und Straßenbahnen warten. Oder wo vor Kabinetten mit roten Samtvorhängen unbekannte Schöne neben klappernden Skeletten stehen und dem Betrachter ihre entblößten Busen zeigen. Wie im Traum ging ich durch die Säle der Musées royaux des Beaux-Arts und stand oft minutenlang vor Delvaux fantastischen Gemälden. Viele der Bilder zogen meinen Blick förmlich in sich hinein, über die weiten, von sonderbaren Gestalten bevölkerten Plätze bis in den Hintergrund, wo über breiten Treppenaufgängen antike Tempelstädte in den grauen Himmel ragten.
Es war bereits Abend, als ich die Ausstellung verließ. Zeit für ein weiteres feines Bier, diesmal im »Cirio« in der Nähe der Place de la Bourse. Ich war noch ganz in Delvaux Bilderwelt gefangen, als ich vor dem stilvollen Lokal aus der Jahrhundertwende saß und über den belebten Platz blickte. Die griechisch inspirierte Säulenfassade des Börsengebäudes schien wiederum direkt aus einem Delvaux-Gemälde zu stammen. Und der noch helle Abendhimmel hinter den bereits dunklen Silhouetten der Hausfassaden erinnerte mich an ein Bild von René Magritte, jenem weitaus bekannteren belgischen Maler.
Die surrealen Eindrücke dieses Tages verdichteten sich, als ich etwas später das »Halloween« betrat, ein fantastisch eingerichtetes Lokal, das mir von Freunden empfohlen worden war. Ich setzte mich an einen der leicht erhöhten Tische, direkt unter ein Ölgemälde, auf welchem Graf Dracula zwei zähnefletschende Hunde an der Leine führte. Vor mir auf der Theke erhob sich die Skulptur eines gehörnten und geflügelten Ungeheuers, das H. P. Lovecrafts Universum entflogen sein konnte. Um in die Realität zurückzufinden, bestellte ich beim Kellner, der eine dunkle Mönchskutte trug, ein in einer alten Abtei gebrautes Starkbier. Kaum hatte ich einen ersten Schluck des kräftigen Gebräus getrunken, betrat eine Frau den Raum, die mein Realitätsgefüge erneut ins Wanken brachte. Es war so eine Art Déjà-vu-Erlebnis. Ich hatte diese Frau schon einmal gesehen. Sie trug ein langes blaues Kleid, ärmellos, mit zarten, weißen Spitzenbordüren, das etwas altmodisch wirkte und überhaupt nicht in diese Zeit passte. Das hochgesteckte Haar verbarg sie unter einem dunklen, blumengeschmückten Hut. Das Eindrücklichste aber waren ihre verträumten großen Augen im bleichen, fast maskenhaft weißen Gesicht. Sie setzte sich an einen Tisch schräg unter mir. Plötzlich wurde mir klar, wo ich sie gesehen hatte. Aber das konnte nicht sein! Sie war exakt so gekleidet wie das Mädchen in einem der Delvaux-Bilder, die ich am Nachmittag bewundert hatte. Kurze Zeit später betrat ein Blumenverkäufer das Lokal. Er hatte einen flachen Korb voller Sommerblumen, die mit blauen Stoffbändchen zu Sträußchen gebunden waren. Niemand kaufte ihm etwas ab – nur die rätselhafte Frau aus dem Bild nahm mit einer feingliedrigen, weißen Hand das Sträußchen, das ihr der Verkäufer, ein dunkelhäutiger Tamile, entgegenstreckte. Ihre blassroten Lippen formten sich zu einem Lächeln, als sie ihm dafür ein paar Münzen gab. Er lächelte mit weißen Zähnen zurück und verließ das Lokal. Madame Delvaux, wie ich die Frau insgeheim getauft hatte, saß jetzt reglos an ihrem Tisch, vor sich ein schlankes Champagnerglas und daneben das zierliche Blumengebinde.
Behutsam zog ich den Katalog, den ich seit dem Ausstellungsbesuch mit mir herumtrug, aus der Tragtasche und begann darin zu blättern. Ich war mir sicher, der Frau in Blau in der Ausstellung begegnet zu sein. Und da war sie! Im Bild Le tunnel, von Paul Delvaux im Jahre 1978 gemalt, erkannte ich sie wieder, in einer Gruppe von drei Frauen. Das blaue Kleid, die Spitzenbordüren, das fein geschnittene Gesicht mit den großen dunklen Augen. Das musste sie sein! Als ich aufblickte, um nochmals einen Vergleich zwischen Bild und Realität anzustellen, war der Stuhl schräg unter mir, auf dem sie gesessen hatte, leer. Auch das Sträußchen lag nicht mehr auf dem Tisch. Nur das volle Glas stand da. Sie schien es nicht angerührt zu haben. Eine Zeit lang starrte ich noch auf den leeren Stuhl, dann klappte ich den Katalog zu, bezahlte mein Bier und verließ das »Halloween«. Madame Delvaux ging mir auf dem Weg ins Hotel nicht mehr aus dem Sinn. Und nachdem ich nachts mehrmals aufgewacht war und über diese unmögliche Begegnung nachgedacht hatte, war am nächsten Morgen mein Entschluss gefasst. Ich musste mir Delvaux Bild Le tunnel nochmals ansehen.
Glücklicherweise warteten nur wenige Menschen vor dem Museumseingang. Ein paar Kunststudenten, ein älteres Ehepaar, drei japanische Touristen. Nicht zu vergleichen mit dem Besucherstrom, der ein Jahr später die große Magritte-Ausstellung stürmen würde. Ohne mir die anderen Delvaux-Bilder noch einmal anzusehen, ging ich direkt in den Saal, in dem Le tunnel hing, ein grosses querformatiges Gemälde von 150 mal 250 Zentimeter. Und da stand Madame Delvaux, in der rechten Bildhälfte, dem Betrachter zugewandt, den Kopf leicht zur Seite geneigt. So nah wie möglich trat ich an das Bild heran, musterte das fein gemalte blaue Kleid, die schlanken, weißen Arme, die Schultern, das Gesicht. Die Struktur der Leinwand war unter dem Farbauftrag deutlich zu sehen. Kein Zweifel, die Dame war von Meisterhand in Öl gemalt. Doch wie konnte sie dann aus der Realität des Bildes hinaustreten und die Stadt Brüssel besuchen? Ich hatte wohl gestern doch etwas zu viel von dem starken belgischen Trappistenbier getrunken. Meine Fantasie hatte mir etwas vorgegaukelt.
In diesem Augenblick stieß ich mit der Schuhspitze gegen etwas, das direkt vor dem Bild unter der Dame im blauen Kleid auf dem Parkettboden lag. Ein verwelktes Blumensträußchen mit blauem Stoffband. Das Sträußchen, welches Madame Delvaux am Abend zuvor im »Halloween« gekauft hatte.
Der alte Mann kam jeden Mittwoch. Zielstrebig suchte er den Saal auf, wo das Gemälde Kermesse villageoise aus dem Atelier von Pieter Brueghel dem Jüngeren hing. Diese dörfliche Kirchweih, um 1616 auf Holz gemalt, faszinierte ihn. Er konnte sich an dem lebensfrohen Gemälde nicht sattsehen. Auf Bänken im Freien saßen trinkfeste Runden, an Tischen wurde geschlemmt und gelacht. Menschen tanzten, spielten oder tratschten. Ein Paar küsste sich. Und im Hintergrund war eine Rauferei im Gange. An Ständen mit süßen Leckereien und Andachtsbildchen vorbei führte der Weg zur kleinen Dorfkirche.
Der junge Mann, der den Saal beaufsichtigte, kannte den alten Mann. Er stellte ihm sogar jeden Mittwoch einen bequemen Sessel vor das Gemälde. Da saß der Alte dann stundenlang, ganz in das Bild versunken, seinen Mantel über der Sessellehne, den breitrandigen braunen Hut auf den Knien. Mit der Zeit kannte er jedes Detail. Er begann die Dorfbewohner zu charakterisieren, gab ihnen Namen, erfand Geschichten zu den einzelnen Szenen, ließ die Leute untereinander sprechen. Die Bilderwelt begann zu leben. Und wenn er abends mit der Straßenbahn nach Hause fuhr, hatte er das fröhliche Dorffest noch immer vor Augen.
Eines Mittwochs überraschte er den jungen Aufseher mit der Mitteilung »Pieter und Mareike haben geheiratet!« Und auf die Frage, ob das Verwandte von ihm seien, antwortete er: »Nein, das sind junge Leute aus dem Dorf von Brueghel.«
Etwa ein halbes Jahr später geschah dann das Unfassbare: Der alte Mann verschwand! Er hatte wie jeden Mittwoch auf seinem Sessel gesessen und sich in sein Lieblingsbild vertieft. Aber als der junge Angestellte seinen letzten Kontrollgang machte, stand vor dem Brueghel-Gemälde der leere Sessel mit dem Mantel. Hätte der alte Mann den Saal vorzeitig verlassen, hätte er ihn garantiert gesehen. Unwillkürlich wanderte sein Blick hinüber zum Gemälde mit der Kirchweihszenerie – und wie durch Zufall entdeckte er zwischen den Tanzenden den breitkrempigen braunen Hut am Boden. Automatisch begannen seine Augen den Alten im Bild zu suchen, wo sich hinter der einseitig bemalten Holztafel eine ganze Welt verbarg.
Verwundert blickte Hieronymus Hofmeister aus dem Schlafzimmerfenster seines Hauses. Über Nacht hatte sich auf der Wiese ein Teich gebildet. Bei starken Regenfällen an sich nichts Außergewöhnliches. Doch in dieser Nacht hatte es überhaupt nicht geregnet! Sonderbar war auch, dass in der Mitte des Teichs ein dunkler Erdhügel aus dem Wasser ragte und aus der Erde eine rosafarbene Spitze spross.
Am nächsten Tag war der Teich immer noch da. Bereits hatte ein Entenpaar das Gewässer entdeckt und sich darauf niedergelassen. Und die rosafarbene Spitze war schon rund einen Meter hoch gewachsen, trieb filigrane Ästchen aus und bildete blütenartige Blätter. Irgendetwas an der ganzen Szenerie kam Hieronymus bekannt vor.
»Legst du jetzt ein Biotop an?«, fragte ihn schmunzelnd sein Nachbar, der wie jedes Wochenende sechs frische Hühnereier vorbeibrachte.
Hieronymus lachte. »Ich bin selber gespannt, was daraus wird!«
Die fremdartige Pflanze wuchs in den folgenden Tagen und Nächten unheimlich schnell. Und schon bald wusste Hieronymus, woher er dieses rosafarbene Objekt kannte. Schließlich hatte er in jungen Jahren Kunstgeschichte studiert und jahrzehntelang als Experte für ein Münchner Auktionshaus gearbeitet. Er holte den großen Bildband mit den Werken von Hieronymus Bosch aus seiner Bibliothek und schlug die Doppelseite mit dem »Garten der Lüste« auf. Tatsächlich! Da war sie, auf dem linken Flügel des Triptychons, diese vegetabile, spitz zulaufende Skulptur von vollendeter Symmetrie, die auf einer Kugel saß. Und sie sah haargenau so aus wie das Gebilde im Teich, das bereits den Giebel des Hauses überragte.
Weshalb blühte diese »Wunderblume« ausgerechnet vor seinem Haus? Vielleicht, weil er Hieronymus hieß? Der Name hatte Familientradition. Schon sein Urgroßvater, ein gebürtiger Niederländer, hatte Hieronymus geheißen. Abends kamen jetzt öfters die Rehe aus dem nahen Wald. Und nachts schlich sich ein Fuchs an den Teich, ohne die beiden Enten in ihrem Schlaf zu stören. »Unser kleines Paradies« hatte Vera, seine vor zwei Jahren verstorbene Frau, das kleine Anwesen immer genannt. Wie passend! Die rosafarbene Skulptur schien auch einen Einfluss auf die Umgebung zu haben. Eines Vormittags zog gar ein kleiner Wanderzirkus über die hundert Meter entfernte Landstraße. Hieronymus Hofmeister traute seinen Augen nicht, aber da ritt tatsächlich ein Affe auf einem Elefanten. Und eine Giraffe war auch dabei. Fehlte nur noch das Einhorn!
Die imposante fremdartige Form erschien jetzt bis ins kleinste Detail vollkommen. Die große Kugel hatte sich wie eine Wurzelknolle aus dem Boden geschoben und ruhte auf dem Erdreich. Die zwei Arme, die seitlich aus der Kugel ragten, erinnerten an die Gelenkarme eines Roboters. Das Ganze hatte irgendwie etwas Technisches angenommen. Ein vibrierendes Summen erfüllte die Luft, und das Innere der Kugel schien zu leuchten.
In der folgenden Nacht erwachte Hieronymus, stieg aus dem Bett und wurde förmlich ans offene Fenster gezogen. Er starrte wie hypnotisiert auf das rosafarbene Objekt. Und dann geschah etwas Seltsames. Wie von einer fremden Macht gesteuert zog sich Hieronymus an, schlüpfte in Jacke und Stiefel und verließ das Haus. Er ging über die Wiese, stakste durch das Wasser des Teichs und kletterte zur Kugel hoch, aus der jetzt pulsierendes Licht strahlte. Er legte die Handflächen auf die gewölbte Oberfläche und spürte die warme Vibration. Dann stemmte er sich durch die Öffnung und ließ sich ins weich gepolsterte Innere der Kugel fallen. Schon schob sich eine Art Membrane über den kreisrunden Einlass, und das Raumschiff – er wusste instinktiv, dass es eines war – begann stärker zu vibrieren. Er spürte noch den Druck einer rasanten Beschleunigung. Dann verlor er das Bewusstsein.
Als Hieronymus wieder zu sich kam, lag er auf der Türschwelle seines Hauses. Sein Nachbar beugte sich besorgt über ihn.
»Was ist passiert, bist du okay?«
Langsam setzte sich Hieronymus auf und blickte sich um. Der Teich war verschwunden. Und das rosafarbene Raumschiff ebenfalls. War er damit tatsächlich durch den Weltraum geflogen oder hatte er alles nur geträumt? Und woher kamen die fremdartigen Bilder und Visionen in seinem Kopf? Und wie sollte er seinem Nachbarn das alles erklären?
»Ich war gestern in der Nacht nochmals draußen, da muss ich wohl eingeschlafen sein. Und wo mein Biotop geblieben ist, weiß der Himmel!«
Sehsucht
An einem Sommertag im Jahre 1993 saß ich gegenüber vom Kölner Dom vor einem frisch gezapften Kölsch, als mein Blick auf ein Plakat fiel: »SEHSUCHT – das Panorama als Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts« in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Eine einmalige Gelegenheit! Lange bevor das Kino die Leinwand eroberte, hatten diese Bilderwelten das Publikum begeistert. Noch am selben Nachmittag fuhr ich hin und tauchte ein in die spektakuläre Welt der Panoramen, Dioramen und Guckkästen.
Am meisten beeindruckte mich ein sogenanntes »Moving Panorama«. Man saß in einem nachgebauten Eisenbahnabteil, und vor dem Fenster zog eine gemalte Landschaft vorbei. Wälder, Steppen, Seen, Brücken, Bahnhöfe. Es handelte sich um eine imaginäre Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Der russische Künstler Pawel Jakowlewitsch Piassezki hatte seine Impressionen als Aquarelle gemalt, die auf Tuchrollen von insgesamt 940 Metern Länge geklebt wurden, wie ich später dem Ausstellungskatalog entnehmen konnte.
Ich ließ mich auf einer der Sitzbänke nieder und blickte aus dem Fenster. Die Illusion war perfekt. Nach einer Weile glaubte ich wirklich, in einem fahrenden Zug zu sitzen. Es fehlte nur noch das Rattern der Räder, das Rütteln des Wagens und das Pfeifen der Dampflokomotive. Und dann geschah etwas, das ich mir bis heute nicht erklären kann. Ich fühlte, dass sich meine Umgebung verändert hatte. Die Sitzbank war mit einem Mal weich gepolstert. Ein feiner Parfümduft erreichte meine Nase.
