Die Geige des Barden - Nadim Affani - E-Book

Die Geige des Barden E-Book

Nadim Affani

0,0

Beschreibung

Fluchs' größter Schatz ist eine abgenutzte Geige. Jeden Abend spielt er sie in der Taverne, um sich und seine Schwester vor dem Hungern zu bewahren. Eines Nachts bietet ihm ein Fremder einen Auftritt auf einem entlegenen Schloss an - für einen fürstlichen Lohn! Fluchs begibt sich auf die aufregende Reise und bleibt nicht lange allein. Doch schon bald erkennt er, wie gefährlich sein Weg ist ... Die Geige des Barden ist ein Roman für jene, deren Leidenschaft für Musik ebenso groß ist wie die Liebe zur fantastischen Literatur.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buchbeschreibung:

Fluchs' größter Schatz ist eine abgenutzte Geige. Jeden Abend spielt er sie in der Taverne, um sich und seine Schwester vor dem Hungern zu bewahren. Eines Nachts bietet ihm ein Fremder einen Auftritt auf einem entlegenen Schloss an - für einen fürstlichen Lohn! Fluchs begibt sich auf die aufregende Reise und bleibt nicht lange allein. Doch schon bald erkennt er, wie gefährlich sein Weg ist…

Über den Autor:

Nadim Affani wurde 1983 in Paderborn geboren und lebt als Buchautor und Game Designer in Düsseldorf. Die Geige des Barden ist sein Debüt als Schriftsteller fantastischer Romane.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

DANKSAGUNG

Mein Dank gilt allen, die mir bei diesem Buch geholfen haben. Ganz herzlich danke ich meiner Familie für ihre Unterstützung und insbesondere meiner Lektorin und Mutter Elisabeth, die dieses Buch mit Erfahrung und Können korrigiert hat.

Ich grüße alle Barden, Musiker und Träumer, die mit mir musiziert haben. Ihr seid meine Inspiration und ich denke immer gerne an unsere gemeinsamen Stunden.

PROLOG

Mit einem lauten Krachen zersplitterte der Ast unter den Füßen der jungen Frau und hallte durch die morgendliche Stille des Waldes. Doch das Geräusch konnte sie nur gedämpft wahrnehmen, denn eine Erkenntnis blitzte in ihren Gedanken auf:

»Ich wurde entdeckt! Wie haben sie mich nur gefunden?!« Bereits einen halben Atemzug später konzentrierte sie sich wieder auf den Boden vor ihren Füßen und rannte ohne Unterlass weiter. In einem so hohen Tempo zu laufen gestaltete sich jedoch wesentlich schwieriger, als sie es sich wünschen würde: Der dichte Bodennebel, der nach der regnerischen Nacht seit den frühen Morgenstunden durch die Wärme der ersten Sonnenstrahlen vom Waldboden hinauf in die Wipfel stieg, sorgte dafür, dass sie immer nur kleine Teile des vor ihr liegenden Terrains erahnen konnte. Also musste sie notgedrungen jeden zweiten Schritt in den Nebel vor sich setzen. Die Angst, ins Straucheln zu geraten, wurde jedoch überlagert von der Angst, erwischt zu werden. Sie wusste, dass hinter ihr die übelsten Schurken der ganzen Gegend her waren, selbsternannte Verteidiger, die hinter der Maske der Hilfsbereitschaft jedoch nichts weniger waren als Söldner, Schurken und Sadisten.

Sie würde ihnen nicht in die Hände fallen, solange sie es verhindern konnte.

Sie musste nur einen sicheren Ort erreichen, dann könnte sie endlich eine Nacht Ruhe finden und ein bisschen schlafen. Seit Tagen war sie unterwegs gewesen, und die Muskeln in ihren Beinen durchzog ein brennender Schmerz. Als sie den Waldrand erkennen konnte, lockerten sich ihre Schritte ein wenig. Hinter sich hörte sie keine Stimmen mehr, und in ihr kam die Hoffnung auf, vielleicht den Fängen ihrer Verfolger entgangen zu sein.

Dort! Nur noch wenige Bäume, und sie würde es geschafft haben. Ein weiterer Blick nach oben ließ sie aufatmen: Vielleicht dreihundert Schritte hinter dem Waldrand konnte sie die Laterne einer Schänke sehen und davor eine kaiserliche Handelsstraße.

Sie nahm alle Kräfte zusammen und wollte zu einem letzten Spurt anlegen, als das Unvorstellbare geschah. Im Nebel hatte ihr linker Fuß zwar Halt auf dem Boden gefunden, jedoch hatte sie nicht bemerkt, dass direkt davor eine Baumwurzel nur einige Handbreit aus dem Boden hervor ragte und so ihr nächster Schritt wie von einer Schlaufe gefangen stecken blieb. Jäh wurde sie in voller Bewegung abgebremst und ihr bereits völlig verspanntes Bein gab mit einem peitschenden Geräusch nach. Vor Schmerz und Überraschung entfuhr ein Schrei ihrer vor Trockenheit brennenden Kehle, bevor sie nach vorne fiel und längs zu Boden ging. Das nasse Laub fing ihren Sturz ein wenig ab, doch es dauerte einige Augenblicke, bevor sie sich wieder aufraffte und mit voller Kraft ihrer Arme nach oben stemmte.

Vergebens. Kaum hatte sie ihr Bein auf den Boden aufgesetzt, zerriss der Schmerz ihren Körper und sie knickte ein. Mit diesem Bein würde sie es nicht schaffen. Sie griff sich einen Ast vom Boden und versuchte mit dieser Gehhilfe zumindest langsam voranzukommen. Einen Schritt nach dem anderen setzte sie mit unterdrücktem Schmerzensgewimmer ihren Weg fort, als ein dumpfer Schlag sie an der Schulter traf und zu Boden warf. Sie griff sich an die schmerzende Schulter. Dabei ertasteten ihre Finger etwas Warmes und der Stoff war an der Stelle seltsam nass. Sie zog die Hand zurück und sah entsetzt auf die blutverschmierten, zitternden Finger. Sie war ihnen nicht entkommen.

Kriechend bewegte sie sich bis zum Baumstamm der großen Eiche weiter, unter der sie lag, und lehnte sich mit der unverletzten Schulter zwischen Wurzeln und Stamm. Die kühle Rinde tat ihr gut und zwischen den Blättern des alten Baumes schien das Sonnenlicht in einem Bündel von Strahlen durch den Nebel. Sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen, und spürte, wie ihr ganzer Körper sich langsam entspannte.

Mit der rechten Hand zog sie eine Flöte aus der Tasche und betrachtete sie. Das fein gearbeitete Instrument war von herausragender Qualität und hatte ihr all die Jahre gute Dienste geleistet. Sie dachte auch an ihre Familie. Dann sah sie bereits im Nebel die Silhouetten ihrer drei Verfolger. Müde und geschlagen beobachtete sie, wie die Gestalten immer näher kamen, konnte sich jedoch nicht mehr darauf konzentrieren, ihre Gesichter zu erkennen, da ihre Sicht immer mehr verschwamm. Lediglich die roten Umhänge mit den aufwändigen Stickereien konnte sie erkennen. Langsam legte sich ein dunkler Schleier über das, was sie sah. Zuerst verschwammen die Ränder ihrer Sicht, dann wurde auch das Licht der Sonnenstrahlen von der Dunkelheit verschluckt. Mit einem tiefen Seufzer verlor sie vollständig das Bewusstsein.

KAPITEL 1

Fluchs dämmerte noch im Halbschlaf, als er eine Stimme hörte. »Fluchs? Bist du wach?«

Unwillig und verschlafen drehte er sich auf seinem einfachen Holzbett um und verkniff missmutig die Augen. Ein Sonnenstrahl drang durch einen Spalt im Holz der Fensterläden und traf genau sein Gesicht.

»Fluhuuuchs! Komm schon, raus aus den Federn!«

Er wandte sich erneut um und lag nun auf dem Rücken. Mit einem tiefen Atemzug gähnte er laut und ausgedehnt. Dann streckte er seine Arme und Beine in alle Richtungen, bis ein leises Knacken zu hören war.

»Ich komme ja schon ...» Seine Worte galten mehr sich selbst als seiner Schwester, die seiner Meinung nach wie so oft viel zu früh aufgewacht war. Mit einer geschickten Bewegung holte er Schwung und rollte sich aus dem Bett. Nur einen kurzen Moment später stand er auf den Beinen. Kraftvoll stieß er die Fensterläden auf und ließ die von der Sonne angewärmte Luft in seine winzige Kammer einströmen.

Obwohl es im Haus seit dem Tod seiner Eltern vor über fünfzehn Jahren genug Platz gab, hatte er sein Kinderzimmer nie gegen ein größeres gewechselt. Außerdem besaß er sowieso nichts, das mehr Platz erfordert hätte. Nachdem er seine Stoffhose und das alte Leinenhemd seines Vaters angezogen hatte, öffnete er die Tür seiner Kammer und ging zum Zimmer seiner großen Schwester. Ohne zu klopfen, öffnete er die Tür und trat ein. Ihr Raum war weitaus geräumiger als seiner. Wie immer lag sie im Bett, den Kopf an der Rückenlehne auf einem Kissen hochgelegt. Sie sah ihn fröhlich an.

»Guten Morgen, mein Lieber!», rief sie gut gelaunt, als er an ihr Bett trat.

»Morgen ...« Seine Antwort glich mehr einem Gähnen als einem verständlichen Wort und doch verlor seine Schwester nicht ihren freudigen Gesichtsausdruck.

»Rufst du mich wieder wegen dem Bein?«, fragte Fluchs und schritt dabei einmal um das Bett herum. Verlegen nickte seine Schwester, und Fluchs bemerkte nun, dass ihr Bein tatsächlich aus dem Bett hing.

Der Winkel, in dem ihr Knie abknickte, sah alles andere als angenehm aus.

»Wie ist das denn wieder passiert?«, fragte Fluchs seufzend, während er ihr Bein vorsichtig anhob und zurück auf das Bett legte.

»Ich habe heute Nacht geträumt, dass ich richtig laufen kann. Wir waren auf dem Markt und ...«, doch Fluchs unterbrach sie. »Jaja, ist ja schon gut.«

Sie hielt inne und sah ihn erwartungsvoll an. Ohne sie anzublicken, ging er zum Fenster und zog die Vorhänge auf, die von einer sanften Brise hin und her wiegten.

»Entschuldige bitte. Du weißt, wie gerne ich es sehen würde, wenn du endlich wieder laufen könntest.«

Er blickte einen Moment lang traurig auf die Felder, die sich vor seinen Augen erstreckten.

»Das ist schon in Ordnung, Fluchs. Mach dir nichts draus.« Die Stimme seiner Schwester klang zart und verletzlich, und Fluchs ärgerte sich plötzlich, sie unterbrochen zu haben. Er schüttelte die Schwermütigkeit mit einem Kopfschütteln ab und setzte ein Lächeln auf.

»Ich gehe mal Wasser holen und dann besorge ich uns etwas zum Frühstück. Worauf hast du Hunger?«, fragte er und ging zurück zur Zimmertür, ohne sie mit einem weiteren Blick zu bedenken.

»Meinst du, dass Bauer Moltke wieder ein paar Erdbeeren hat? Du könntest auch frische Milch mitbringen, die Kühe sind schon auf der Weide. Ich hab sie schon heute früh gehört.« Sie klang immer so begeistert, wenn sie etwas von draußen hören konnte.

Seit sie das Bett kaum noch verlassen konnte, nahm sie die Welt häufiger mit ihren Ohren wahr als mit den Augen.

»Erdbeeren?«, erwiderte Fluchs. »Ich kann ihn ja mal fragen. Aber erwarte nicht zu viel. Ich kann wirklich nicht versprechen, dass der alte Stinkstiefel nicht zu viel Geld dafür haben will.«

Mit diesen Worten verließ er den Raum und schloss die Tür hinter sich. Er hob den Beutel auf, den er am Vortag sorglos in die Ecke des kleinen Flures geworfen hatte, zog seine löchrigen Stoffschuhe an und trat hinaus vor die Tür.

Das Dorf, in dem sie lebten, bestand aus kaum mehr als zwanzig Häusern und ebenso vielen Bauernhöfen, die an den Kern anschlossen.

Das Haus, das er mit seiner Schwester bewohnte, lag direkt am Ortsrand. Jeder Durchreisende vermochte eindeutig zu erkennen, dass es das ärmste Haus im Dorf war. Das Dach war seit letztem Winter über der Küche löchrig und er hatte sich bei dem Versuch, es zu reparieren, beinahe den Hals gebrochen. Er dankte den Göttern dafür, dass sein Sturz nur eine Handbreit neben dem Zaun im weichen Gras geendet hatte. Auch die Holzbalken des Fachwerks hatten bereits bessere Zeiten gesehen. Sie waren an einigen Stellen morsch und splitterten bereits dort, wo sie noch intakt waren. Den Garten hatte seit einer Ewigkeit niemand mehr mit Aufmerksamkeit bedacht. Hoch gewachsenes Unkraut stand in voller Blüte und überragte die kümmerlichen Überreste der vertrockneten Gemüsepflanzen.

Lediglich die kleine Holzbank seitlich der grün gestrichenen Eingangstür war in tadellosem Zustand. Hier setzte sich seine Schwester immer dann hin, wenn die Schmerzen in ihrer Hüfte schwach genug waren, um das Bett zu verlassen. Solche Tage wurden jedoch seit einem Jahr zusehends seltener.

Neben der Bank war das Gras kürzer geschnitten und einige Kornblumen ragten aus dem wenigen Unkraut hervor. Fluchs hatte seiner Schwester dort einen Hund aus Ton hingestellt. Er hatte ihn gekauft, um ihr draußen Gesellschaft zu leisten, wenn er nicht zuhause war. Gemeinsam tauften sie ihn auf den Namen Bricky. Die wachsamen Augen des liegenden Schäferhundes hatten das Gartentor fest im Blick. Es war das Letzte, was Fluchs hatte kaufen können, bevor ihm das geerbte Geld ausging und er seine Arbeitsstelle antrat. Er betrachtete einige Sekunden lang die Bank und die Blumen und ließ die Erinnerungen auf sich wirken. Danach seufzte er kurz und ging im Gras auf die Knie.

Entschlossen griff er zu und rupfte wahllos das Unkraut zwischen den Blumen heraus. Als er nach einigen Minuten ein Büschel der hässlichen Ranken gesammelt hatte, warf er es mit Schwung in hohem Bogen über den Zaun auf das Feld neben dem Haus. Jeden Morgen versuchte er, es bis zum hölzernen Ortsschild werfen zu können, auf dessen verwitterten Planken in weißen Lettern der Name »Danningen« geschrieben stand. Auch heute hatte er damit leider keinen Erfolg. Obwohl er stets seine ganze Kraft in den Wurf legte, schaffte er es nie, sein Ziel zu treffen.

»Morgen sehen wir uns wieder, dann erwisch‘ ich dich«, murmelte Fluchs zu sich selbst. Er stand auf und klopfte sich die Erde von seinen Kleidern und Händen. Voller Tatendrang betrat er die Straße. Es war die einzige im ganzen Dorf, von der einige kleinere Pfade abzweigten. Sie führten jeweils zu den Höfen des Dorfes. Es war eine Handelsstraße, die hier hindurch lief und die Kleinstadt Königsruh mit dem Rest des Landes verband. Fluchs kannte diesen Rest jedoch lediglich aus Geschichten, die ihm durchreisende Händler erzählten, er selbst hatte es nie weiter als bis zum Nachbardorf geschafft.

Es gab schlichtweg keinen guten Grund dafür, sich so weit weg zu bewegen, außerdem gehörte Laufen zu den Tätigkeiten, denen er besonders wenig abgewinnen konnte.

Er wandte sich nach links und schlenderte den Gartenzaun entlang. Sein Ziel war jedoch nicht der Hof von Bauer Moltke. Dort durfte er sich nicht mehr blicken lassen, seit der Bauer ihn einmal beim Diebstahl einiger Birnen aus dem Obstgarten des Hofes erwischt hatte. Als Gegenleistung dafür, dass der Alte seiner Schwester nichts von dem Vorfall erzählte, hatte Fluchs versprochen, sich in Zukunft vom Hof fernzuhalten. Nein, den Hof würde er nie mehr betreten wollen, er hätte sich eh nicht getraut.

Stattdessen ging er zu einem kleinen Haus am anderen Ende des Dorfes. Dort lebte die Bäuerin Trella. Sie bearbeitete alleine ein kleines Feld und einen Gemüsegarten, dessen üppige Ernte sie gerne für kleines Geld mit Fluchs und seiner Schwester teilte. Das windschiefe Haus war schon von weitem gut erkennbar, es war das einzige im Dorf, dessen Dach mit roten Tonziegeln gedeckt war. Sowohl das Haus als auch der Garten erstrahlten in tadellosem Zustand, kein einziges Büschel Unkraut verunstaltete die lockere Erde. Wenn Fluchs bei Trella zu Besuch war, bekam er immer gute Laune. Sie war eine herzensgute Frau und half ihren Nachbarn bei jeder Gelegenheit. Er bewunderte sie für diese Eigenschaft, vor allem weil er und seine Schwester auf ihre Unterstützung angewiesen waren.

Selbstsicher ging er mit wippendem Schritt durch das eiserne und kunstvoll verzierte Gartentor auf die Haustür zu. Als er dort ankam, klopfte er dreimal an die Tür.

»Ich bin hier drüben! Bei den Gurken!«

Fluchs erkannte Trellas helle Stimme sofort und drehte sich um. Er wunderte sich, dass er sie wirklich nicht gesehen hatte, als er den gepflasterten Gartenweg entlanggegangen war. Erst jetzt erkannte er, dass einige große Stauden und Tomatenpflanzen die Sicht auf Trella versperrt hatten. Doch dort zwischen Radieschen und Gurken, Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln kniete sie und hackte zwischen den Beeten. Ihre blonden Haare hielt ein bunt geblümtes Kopftuch zusammen, lediglich eine einzelne freche Strähne schaffte es, ihr ins Gesicht zu fallen. Fluchs liebte ihre Augen, die wie grüne Edelsteine funkelten, wenn sie ihn ansah. Ihre Schürze war fest um die Hüfte gebunden und verdeckte wie immer jeden Blick auf ihren wunderschönen Körper. Er hatte sich insgeheim schon seit seiner Jugend ausgemalt, wie sie wohl darunter aussehen mochte.

»Komm schon, Fluchs, steh da nicht einfach rum und guck Löcher in die Luft. Beweg dich! Hilf mir und lauf zum Schuppen rüber. Bring mir die Schubkarre mit dem Mist.«

»Muss das sein?«, erwiderte Fluchs mürrisch auf ihre Bitte. Er hatte wirklich keine Lust, Mist durch die Gegend zu schieben, allein der Geruch erregte in ihm stets das Bedürfnis, schleunigst das Weite zu suchen. Ja, wenn es etwas gab, das er hasste, dann war es Mist.

»Beweg dich, du faule Socke!«, rief Trella und hob ihren Kopf. Ihr fröhliches Gesicht erstrahlte im Sonnenschein und sie hob erwartungsvoll eine Augenbraue.

»Zwing mich nicht, aufzustehen und das selber zu machen.«

»Ich bin ja schon auf dem Weg«, antwortete Fluchs und setzte sich widerwillig in Bewegung. Er hielt es für besser sie nicht zu verärgern, schließlich war er hier, um sie um etwas zu bitten. Als er mit der Schubkarre zurückkehrte, stellte er sie neben dem Beet ab und wich ehrfürchtig einige Schritte zurück, bis der unangenehme Geruch weniger streng war.

Trella streckte ihm ihre Hand wortlos entgegen. Er half ihr mit einem Ruck hoch. Sie klopfte sich den Staub von der Schürze, legte ihre Hände an die Hüfte und sah ihn mit einem breiten Grinsen an.

»Was kann ich heute für dich tun?«

»Na, ich wollte fragen, ob du mir ein bisschen Milch verkaufst. Und vielleicht einige Kartoffeln.«

Fluchs war es kaum noch unangenehm, um Hilfe zu bitten. Ihm blieb nichts anderes übrig.

»Du weißt schon, dass ich dir zeigen kann, wie du selbst Gemüse ziehst, oder?« Sie zwinkerte ihm zu. »Aber ich weiß ja, wie sehr dir Gartenarbeit widerstrebt. Na komm, ich pack dir eben alles ein.«

Sie drehte sich um und ging ins Haus. Erst jetzt fand Fluchs seine Sprache wieder. Die ganze Zeit hatte er nur gebannt auf ihre wunderschönen Augen geschaut. Eine unangenehme Frage musste er dennoch klären.

»Ähm«, stammelte er, »wie viel möchtest du denn dafür haben?«

Er spürte, wie die Schamesröte in sein Gesicht stieg. Bei den grundlegendsten Dingen nach dem Preis fragen zu müssen war ihm peinlich, weil es stets verriet, wie wenig Geld er und seine Schwester besaßen.

»Ich glaube, 5 Kupfertaler sollten reichen.«

Trella verschwand im Haus, um seine Bestellung zusammenzustellen.

Währenddessen öffnete Fluchs seinen Rucksack und zog den kleinen Stoffbeutel hervor, in dem sich sein Geld befand. »Mist, nur drei Taler.« Er überlegte kurz, bekam jedoch keine Idee, was er tun sollte. Im selben Augenblick verließ Trella mit voll bepackten Armen das Haus.

»Ich habe leider nicht genug Geld bei mir.« Mit gesenktem Kopf starrte er auf seine Hände.

»Und wie möchtest du mich dann bezahlen?«

»Heute ist Freitag, da bekomme ich wieder Geld«, versicherte er ihr und wie immer willigte Trella ein. Sie hätte ihm den fehlenden Betrag auch erlassen, doch er wollte ihr nichts schuldig bleiben. Sie berechnete ihm bereits deutlich niedrigere Preise als üblich und ohne sie hätte er keine Ahnung gehabt, wie er mit seiner Schwester über die Runden hätte kommen sollen.

»Viel Glück heute Abend!«, rief ihm Trella noch hinterher, als er den Hof verließ. Er winkte ihr zu und bedankte sich erneut. In seinen Händen hielt er einen Korb mit Milch, Kartoffeln und sogar einer Handvoll Himbeeren, die sie ihm auf Nachfrage umsonst dazu gepackt hatte. Er musste sich heute Abend anstrengen, damit er ihr morgen das Geld geben konnte. Mit diesen Lebensmitteln würden er und seine Schwester erst einmal einige Tage genug zu essen haben. Er hatte es sogar geschafft, seiner Schwester etwas Besonderes mitzubringen. Über die Himbeeren würde sie sich nämlich bestimmt freuen, auch wenn sie Erdbeeren lieber mochte.

Nachdem er seinen Einkauf zuhause verstaut hatte, servierte er seiner Schwester eine Schale mit Haferkleie und Milch, deren Krönung drei besonders große Himbeeren waren. Zufrieden beobachtete er, wie seine Schwester das Essen genüsslich zu sich nahm. Er selber würde bis zum Abend warten müssen, denn er aß nur an Tagen, an denen er arbeitete. Den Rest der Woche unterdrückte er den Hunger, so gut er konnte.

Nachdem seine Schwester gegessen hatte, ging er auf sein Zimmer und schloss sorgfältig die Tür. Er nahm den schmalen Koffer, der neben seinem Bett stand, und legte ihn auf der Matratze aus Stroh ab. Mit einem lauten Klicken ließ er die Verschlüsse aufschnappen und zog mit einer sanften Bewegung das rote Samttuch zur Seite. Darunter kam sein wertvollster Besitz zum Vorschein: eine Geige. Das kastanienrote Holz hatte unter den Jahren sichtlich gelitten und doch verrichtete das Instrument unermüdlich drei- bis fünfmal pro Woche seinen Dienst. Fluchs sog den unverwechselbaren Duft des Holzes tief ein und sofort verschwanden all seine Sorgen und Gedanken in weiter Ferne.

Sie wichen einem Gefühl tiefster Zufriedenheit, welches er immer dann verspürte, wenn er eine Melodie im Kopf hörte. Diese Geige war nicht nur sein ganzer Besitz, sie war die Lebensader, die sein Herz am Schlagen hielt. Und heute Abend würden sie wieder gemeinsam zu eben diesem Takt das Leben feiern.

KAPITEL 2

Lange bevor die Sonne unterging, breitete sich in Fluchs eine gespannte Vorfreude aus. Zuerst war es nur ein Kribbeln, das sich langsam, aber sicher von seinem Bauch aus vergrößerte, bis ihm die Freude beinahe aus der Brust zu springen schien.

Er liebte diesen Moment sehr. Gab es einen Abend, an dem er nicht arbeiten durfte, sehnte er die Zeit voller Ungeduld herbei, in der er endlich wieder sein Tagewerk verrichten durfte. Als die Sonne den Horizont berührte, hörte er den lang erwarteten Ton der kleinen Glocke, auf den er so sehnlich gewartet hatte. Er legte seine Geige vorsichtig in ihren Koffer zurück, klappte die kleinen Verschlüsse aus angerostetem Metall zu und trat zur Tür hinaus. Er hätte es nie gewagt zu gehen, ohne zuvor seiner Schwester eine gute Nacht zu wünschen. Wie jeden Abend rief sie ihm aus ihrer Kammer zu, er solle sich gut vergnügen, was er mit der gleichen Regelmäßigkeit erwiderte, bevor er die Tür schloss.

Von seiner Haustür bis zur Dorfschänke waren es genau 217 Schritte. Diese Zahl kannte er deshalb so gut, weil seine Schwester ihm so das Zählen beigebracht hatte, als er noch ein kleiner Junge war. Damals hatte sie ihn an ihre Hand genommen und war mit ihm in langsamen Schritten die Straße hinab gelaufen, während sie gemeinsam laut die Zahl jedes Schrittes riefen.

An Regentagen hatte sich Fluchs einen Spaß daraus gemacht, die Schritte so zu verlängern oder zu verkürzen, dass er genau passend zu ganzen Zahlenschritten eine der vielen Pfützen mit einem gekonnten Sprung traf. Dadurch war er bei der Ankunft in der Schänke so nass, dass er sich erst in der Küche aufwärmen musste, bevor all seine Kleider wieder getrocknet waren. Unterdessen ging seine Schwester ihrer Arbeit als Schankfrau nach und bewirtete die fahrenden Händler aus allen Teilen des Königreiches. Sie strahlte bei der Arbeit dieselbe Freude aus, die sie sich bis heute hatte bewahren können.

Er erinnerte sich noch gut an diese Tage, und es stimmte ihn glücklich, dass er heute seiner Schwester die harte Arbeit erwidern konnte. Er vermochte nicht viel zu tun, um ihrer beider Leben angenehmer zu machen, doch das bisschen Geld, das er verdiente, sicherte ihr Überleben. Als er die Schänke erreicht hatte, atmete er tief durch, richtete sich gerade auf und ging mit wiegenden Schritten auf den Eingang zu. Die schwere Eichentür ließ sich nur unter größter Anstrengung öffnen und wieder schließen. Er musste sein ganzes Gewicht gegen das Holz werfen, um sie zu bewegen. Der daraus resultierende Schmerz in seiner Schulter konnte seine gute Laune aber nicht im Geringsten vermindern.

Endlich war der Moment gekommen, da er sich nicht mehr wie ein Niemand fühlte. Nein, jetzt war er Barde.

»Fluchs der Unterhalter! Ein Virtuose! Ja, der vermutlich größte Geiger des Königreiches!« - zumindest waren dies die Worte, mit denen Brentar, der Wirt, ihn jeden Abend ankündigte.

Die Schänke war groß und bot alles, was das Herz eines fahrenden Händlers oder Reisenden sich wünschen konnte: sichere Stallungen für bis zu sechs Pferde, eine Scheune mit Platz für drei Wagen und ein gutes, wenn auch hartes, Nachtlager. Hinzu kam eine Garküche, in der die Köchin Berta deftige Speisen zubereitete, und ein schweres, süffiges Bier, welches in der Stadt Sonnenfels hergestellt wurde.

Fluchs war für die Unterhaltung der Gäste zuständig. Sie fanden an den vielen Tischen im Gastraum Platz. Manchmal waren es so viele, dass Brentar aus der Scheune einige alte Schemel herübertragen ließ. Das war jedoch nur in seltenen Fällen nötig, etwa wenn das Greifenfest stattfand. Da an allen anderen Tagen nicht genug Reisende im »Dampfenden Kessel« - so hieß die Schänke - zu Gast waren, hatte Fluchs mit dem Wirt abgemacht, dass dieser eine kleine Glocke läutete, wenn der Abend anbrach. Sobald Fluchs die Glocke hörte, ging er los, ansonsten blieb er zuhause und langweilte sich.

Fluchs stieg über zwei Heuballen auf einen erhöhten Tisch, den er als Bühne nutzte, und verneigte sich kurz. Dann legte er seinen Geigenkoffer ab und befreite das wertvolle Instrument vorsichtig aus seiner Hülle. Dabei huschte sein Blick kurz ins Publikum. Heute zählte er nur wenige Gäste, es saßen gerade einmal neun Menschen an den Tischen. Der Kerzenschein reichte kaum aus, um ihre Silhouetten und Gesichter erkennen zu können. Für mehr langte das Licht nicht.

»Brentar könnte sich wirklich mehr Lampen kaufen«, dachte Fluchs. Er räusperte sich kurz, bevor er die Stimme erhob:

»Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu unserem heutigen Abendkonzert!« Er machte eine ausschweifende Geste mit dem Arm und fuhr dann mit kräftiger Stimme fort.

»Ich bringe Euch die schönsten Lieder des ganzen Königreiches und darüber hinaus. Somit beginnen wir nun also mit einem Stück, das einst Prinz Caldian seiner Geliebten widmete: Dein Herz sei mein Schild.«

Ohne auf eine Reaktion zu warten, die im Übrigen auch ausblieb, begann er zu spielen.

Mit behutsamen Armbewegungen entlockte er seiner Geige eine Melodie und verfolgte mit geschlossenen Augen jeden einzelnen Ton. Dabei bildete sich, je länger er spielte, ein Bild in seiner Vorstellung. Es war, als könne er die Geschehnisse sehen, die das Lied erzählte.

Er sah den Prinzen, der im Blumengarten seiner Angebeteten zu Füßen lag. Die Rose, die er aus der Hecke pflückte und ihr in den Schoß legte, sowie den sanften Kuss, den sie ihm zum Dank auf die Lippen hauchte. Nachdem das Lied ausklang, öffnete er die Augen und verbeugte sich. Die Anwesenden quittierten seine Aufführung mit einem kleinen Applaus und er stellte das nächste Lied vor. Es hieß »Der Reisende im Wüstensand«, ein Klassiker, den er immer dann aufführte, wenn er den Zuhörern einen Hauch Exotik vermitteln wollte.

Nacheinander spielte er alle Lieder, die er für diesen Abend ausgesucht hatte, frei aus dem Gedächtnis, bis er mit einem allerorts bekannten Lied aus der Hauptstadt endete.

Er musste nicht sehen, ob seine Musik den Menschen gefiel, ihr Applaus reichte ihm als Zustimmung und Lob vollkommen aus. Heute blieb der Beifall allerdings verhalten, so wie an fast jedem Abend. Noch nie hatte er jemanden zu seiner Musik tanzen sehen, selbst wenn er die beschwingtesten Lieder zum Besten gab. Er verstaute die Geige ebenso vorsichtig im Geigenkasten, wie er sie herausgezogen hatte, und vertraute ihn Brentar zur sicheren Verwahrung für den restlichen Abend an. Dieser legte den wertvollen Koffer in ein Regal hinter der Theke.

Fluchs griff nach einer Holzschale, die am Tresen für ihn bereit stand, und ging dann von Tisch zu Tisch. Einige Gäste ließen ihm einen oder zwei Kupfertaler hinein gleiten, was seinerseits mit einer tiefen Verbeugung dankend beantwortet wurde. Schnell verstaute er das Geld in seiner Hosentasche und ging direkt in die Küche, denn nun folgte der zweite Höhepunkt des Abends: das Abendessen. Es war der einzige Lohn, den er vom Wirt bekam, und darüber freute er sich ungemein. Meistens gab es nur eine dünne Suppe mit ein wenig Gemüse, aber heute bekam er einen saftigen Hühnerschenkel mit Kartoffeln, Zwiebeln und reichlich dicker Bratensoße. Berta goss sie mit einer großen Kelle großzügig über das Fleisch.

»Berta, du meinst es heute aber sehr gut mit mir!« Seine großen Augen verschlangen den Teller, den Berta ihm reichte.

»Du halbes Hemd kannst es doch gut gebrauchen.« Sie zwinkerte ihm zu. Eine graue Haarsträhne hing ihr an der verschwitzten Stirn und klebte dort fest. Sie stand den ganzen Abend am Herdfeuer und Hitze und Anstrengung hatten ihr Gesicht rot gefärbt.

»Hast du heute Abend gut verdient?«, erkundigte sie sich, während ihre Hände routiniert die Kartoffeln in der Pfanne wendeten.

Fluchs griff in seine Hosentasche und brachte mit einer Hand alle Münzen zum Vorschein. Er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, die Einkünfte des Abends erst in der Küche zu zählen. So sahen die Gäste nicht, wie es um sein Einkommen bestellt war.

Heute zählte er sechs Kupferstücke, somit also genug, um seine Schuld bei Trella zu begleichen und morgen ein Brot zu kaufen.

»Sechs Taler«, antwortete er unbeeindruckt. »Das war für so wenige Leute schon ganz in Ordnung. Aber wirklich berauschend ist es nicht.«

Berta nickte. »Das wird die Jahreszeit sein. Weißt du, wenn der Herbst zu Ende geht, behalten die Leute das Geld in den Taschen. Falls der Winter dann länger dauert, macht es ihnen nichts aus. Hast du auch etwas Geld für den Winter zurückgelegt?«

Hatte er nicht. Grundsätzlich hatte Fluchs keinerlei Erspartes, dafür reichte sein Lohn nicht aus. Außerdem war ihm das Thema unangenehm. Er zuckte betont gleichgültig mit den Schultern und antwortete.

»Es sollte für mich und meine Schwester ausreichen.«

»Jaja, das höre ich gerne. Nun lass es dir aber schmecken, mein Junge.«

»Danke sehr«, antwortete Fluchs und hatte sich bereits halb zum Gehen gewandt, als ihm noch etwas einfiel.

»Warum gibt es heute überhaupt so ein tolles Essen? Ist heute ein königlicher Feiertag?«

Berta lachte und schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Aber wir hatten heute einen Gast, der sehr großzügig gezahlt hat, um genau dieses Gericht serviert zu bekommen. Da sagt der Alte natürlich nicht nein!«

Der Alte war nicht nur der Besitzer der Schänke, sondern auch ihr Mann. Vermutlich war dies der Grund, warum sie es sich erlauben konnte, ihn so zu nennen, dachte Fluchs. Er selbst hatte vor einigen Jahren einmal diesen Titel versehentlich verwendet und sich daraufhin eine ganze Woche nicht mehr blicken lassen dürfen. So lange hatte es nämlich gedauert, bis Berta ihren Mann beruhigen konnte. Seitdem hielt er sich Brentar dem Wirt gegenüber immer vorsichtig zurück und ging ihm, wenn möglich, aus dem Weg.

Fluchs nahm sich einen Holzlöffel und setzte sich abseits der anderen Gäste in die hinterste Ecke der Schänke. Hier konnte er in Ruhe essen und die anderen Gäste unauffällig beobachten. Er malte sich dabei aus, woher diese Menschen wohl kommen mochten und was sie in diesen Teil des Landes verschlagen hatte. Dabei spielte ihm seine Fantasie oft die wildesten Szenarien vor und er genoss diese Unterhaltung sehr.

An den Tischen waren Prinzen und Prinzessinnen, Hofnarren und Boten bis hin zu Reitern der königlichen Garde vertreten, die gegen wilde Drachen zu Felde zogen. Heute konnte er jedoch zu wenig erkennen, da die meisten Gäste mit dem Rücken zu ihm saßen. Fluchs wollte sich gerade wieder seinem Essen zuwenden, als er einen weiteren Gast bemerkte, der ihm zuvor entgangen war. Die Gestalt hatte sich in der ihm gegenüberliegenden Ecke auf einem Stuhl niedergelassen und sah ihm direkt in die Augen. Da auf ihrem Tisch keine Kerze stand, konnte Fluchs nichts weiter erkennen. Dennoch wunderte er sich, dass ihm dieser Gast weder beim Hereinkommen noch während der Aufführung aufgefallen war.

Fluchs‘ Neugier war nicht groß genug, um sich weiter damit zu beschäftigen. Er sah auf den noch gut gefüllten Teller vor sich herunter, griff mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger eine vor Bratensoße glitschige Kartoffel und schob sie sich genüsslich in den Mund. Er schlang sie nach einem kurzen Biss herunter, ohne weiter zu kauen. Zu groß war sein Hunger, seit er heute Morgen das Essen für seine Schwester zubereitet hatte. Als er wieder aufblickte, war die Figur in der Ecke verschwunden. Verwundert sah er sich um, konnte den Mann jedoch nirgends entdecken. Hatte er wirklich so lange weggeschaut? Er sah noch einmal genauer hin und strengte seine Augen an, kniff sie sogar zu kleinen Schlitzen zusammen, in der Hoffnung, in der Dunkelheit besser sehen zu können, wo der Gast abgeblieben war. Ohne Erfolg.

Er beendete sein Mahl mit einigen weiteren großen Bissen und verstaute dann die übrige Hälfte seines Essens in einer Schale, die er sich aus der Küche holte. Er wollte, dass auch seine Schwester etwas von diesem Festmahl genießen konnte. Schnell brachte er sein Geschirr an die Theke, erhielt wie sonst auch seinen Geigenkoffer zurück und machte sich auf den Weg nach Hause. Kaum hatte er die schwere Tür des Wirtshauses hinter sich ins Schloss gedrückt, drehte er sich um und erstarrte vor Schreck. Vor ihm stand eine in dunkle Kleidung gehüllte Gestalt, groß und aufrecht. Fluchs konnte unter der Robe die breiten Schultern erkennen. Außerdem bemerkte er einen Schwertknauf, der an der Hüfte seitlich darunter hervorragte. Das Gesicht konnte er nur in den Grundzügen erkennen. Fluchs wich einen Schritt zurück. Vor lauter Schreck kam ihm kein Wort über die Lippen.

Der kurze Moment schien sich endlos in die Länge zu ziehen und beide blickten sich nur wortlos in der Dunkelheit an. Langsam zogen zwei große Hände die Kapuze vom Gesicht. Darunter kam das faltige Gesicht eines bärtigen Mannes zum Vorschein. Seine schulterlangen Kopfhaare erstrahlten im blauen Glanz des Mondlichts, das ihm in den Rücken schien.

»W-w-wwer bist du?« Fluchs stotterte vor Angst. »Was willst du von mir?«

Ein Lächeln flog über das Gesicht seines Gegenübers.

»Keine Angst, Kleiner. Ich bin hier, weil ich dich unter vier Augen sprechen wollte«, entgegnete der Mann.

»Aber ich kenne dich gar nicht«, antwortete Fluchs und fügte hinzu: »Und wenn du mich ausrauben willst, so sei dir geraten, es zu lassen. Ich bin nicht reich und habe nichts zu geben.«

Der Mann lächelte noch deutlicher und zeigte auf den Koffer, den Fluchs in seiner linken Hand fest umklammert hielt.

»Und was ist das?«, fragte er mit hämischer Stimme.

»Das ist nur eine alte Geige. Die wird dir nicht viel Geld bringen.« Fluchs versuchte abzuwiegeln und machte einen Schritt zurück, während er sich ohne Erfolg nach einem Fluchtweg umsah.

»Na na, mach dir nicht gleich ins Hemd. So ne halbe Portion, wie du eine bist, wird schon keiner ausrauben. Und ich schon gar nicht.«

Der Mann machte einen Schritt zur Seite, so dass das Mondlicht ihn direkt anleuchtete. Fluchs sah sich das Gesicht des Mannes genauer an. Er machte eigentlich einen freundlichen Eindruck, am helllichten Tage hätte er diesem Menschen vermutlich sogar eine gutmütige Seele bescheinigt. Trotzdem hatte er Angst.

»Was willst du von mir?«, fragte Fluchs, der langsam seine Beherrschung zurückerlangte.

»Ich möchte dich anheuern, um auf einem Fest zu spielen.«

Fluchs hob ungläubig die rechte Augenbraue.

»Wie war das?«

»Du hast mich schon richtig verstanden. Mein Herr hat mich auf diese Reise geschickt. Ich soll nach Musikern Ausschau halten und sie für ein Bankett auf das Schloss einladen. Die Bezahlung ist wahrlich gut, das versichere ich dir.«

»Und was muss ich dafür tun? Lediglich einen Auftritt spielen?«

»Ganz genau. Du spielst einen Abend lang, von mir aus auch die Musik, die du heute Abend gespielt hast. Danach erhältst du deinen Lohn und ziehst deines Weges.«

Fluchs dachte nach. Die Aussicht auf Bezahlung ließ ihn hellhörig werden und weckte sein Interesse.

»Von wie viel Bezahlung reden wir hier? 10 Taler? 15? Für 20 würde ich sogar einige neue Lieder lernen.«

Nun brach der Mann vor ihm in laut grollendes Gelächter aus.

»Mein Junge, die Bezahlung, von der ich rede, sind 71 Silbermünzen.«

Fluchs versuchte sich gleichgültig zu geben, doch es war ihm nicht möglich, diese enorme Summe herunterzuspielen.

»Für ... einen Auftritt?«

»Ganz genau«, antwortete der Mann mit einem Lächeln, das Fluchs nicht deuten konnte.

»Sonst nichts?«

»Sonst nichts. Du musst allerdings zum Schloss meines Herren reisen. Es liegt in einem anderen Königreich. Die Reise dorthin ist recht einfach, ich werde dir den Weg gerne beschreiben.«

»Klingt interessant.« Fluchs versuchte, sich unbeeindruckt zu geben. »Wann muss ich denn dort ankommen? Ich habe nämlich zur Zeit kein Pferd ...«

»Das Bankett ist in drei Monaten. Du kannst also ohne Probleme zu Fuß anreisen.«

Fluchs dachte kurz nach. Ob er sich so lange von zu Hause fernhalten konnte?

»Ich danke Euch für Euer Interesse an meiner Kunst, doch ich muss ablehnen.«

Die Überraschung stand dem Mann sichtlich ins Gesicht geschrieben.

»Ich ...« Fluchs zögerte, bevor er fortfuhr. »Ich kann meine Familie einfach nicht so lange alleine zurücklassen. Ihr müsst euch einen anderen Barden suchen.«

Er nahm all seinen Mut zusammen und ging an dem Mann vorbei in Richtung seines Hauses. Dieser wandte sich erneut an ihn.

»Ich verstehe deine Entscheidung sehr gut. Aber du kannst dich noch immer anders entscheiden. Ich komme in einem Monat wieder hier vorbei, wenn ich zurück nach Norden reise. Bis dahin kannst du es dir überlegen.«

»Danke für das Angebot«, erwiderte Fluchs. »Auf Wiedersehen.«

»Auf bald, mein Junge«, antwortete der Mann. Nach dem kurzen Abschied nickte er Fluchs zu und ging in die Schänke zurück. Fluchs jedoch schlenderte in Gedanken versunken die Hauptstraße entlang nach Hause. Dort angekommen, zog er sich die Schuhe aus und weckte seine Schwester. Sie freute sich übermäßig, ihn zu sehen.

Als er ihr das Essen servierte, konnte sie ihr Glück kaum glauben und fragte Fluchs über jedes Detail des Abends aus. Sie unterhielten sich noch bis tief in die Nacht hinein, bevor er sich in seine Kammer zurückzog und ins Bett legte, um zu schlafen. Die Begegnung mit dem Fremden und dessen Angebot erwähnte er mit keiner Silbe.

KAPITEL 3