Die Geister von Jala - T.R. Bruscha - E-Book

Die Geister von Jala E-Book

T.R. Bruscha

0,0

Beschreibung

In der Zukunft ist nichts mehr so wie es einmal war. Schon gar nicht, wenn man Jahrhunderte geschlafen hat. Aber es ist nur auf den ersten Blick wie erträumt. Unter einer paradiesischen Oberfläche lauert die Dunkelheit der menschlichen Art. Es beginnt eine Jagd um die letzten echten Menschen und die Menschlichkeit selbst.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 1

Statisches Piepsen erfüllte die immense Lagerhalle. Weiße Planen unterteilten sie, wehten unregelmäßig unter den Ausstößen altertümlicher Abluftsysteme. Hing ein Gutteil von ihnen präzise an den vorgesehenen Fixierungen, litten andere an den Folgeerscheinungen vieler Jahre. Einige, aus ihren Verankerungen gerissen, schliffen am Boden. Vereinzelt fanden sich lange Risse und Schmutzflecken auf ehemals weißer Farbe. Indes verliehen ihr milchweiße Nebelschwaden den Hauch von Unwirklichkeit.

Einstmals voneinander abgetrennte Areale fügten sich durch abgerissene Planen zu einem Ganzen. Sie gaben den Blick auf mannshohe, silberfarbene, Kapseln frei, verfügten über integrierte Zahlenfelder im oberen Drittel. Im Minutentakt aktualisierten sich die darin aufflackernden Symbole, hoben sich dunkelrot vom Silbergrau des Untergrundes ab.

Winzige Eiskristalle bedeckten durchgehend die Halle mit einer unwirklichen Schicht aus Frost und Eis. An ihrem Ende stotterte halbherzig ein altertümliches Kühlaggregat vor sich hin, tagein, tagaus, im stetig gleichen Rhythmus. Aus dessen Inneren erklangen kratzende, schnaufende Geräusche. Dass es noch funktionierte, ähnelte einem Wunder. Es hätte vor vielen Jahren einer gründlichen Wartung unterzogen gehört.

Neben ihm tropfte Flüssigkeit träge in eine gefrorene Pfütze und bildete eine dünne Eisschicht. Innerhalb der separierten Ecke überzog eine dicke, schützende Frostschicht alles bis hinauf zur Hallendecke. Raureif und Unmengen an Eiszapfen bedeckten die dort platzierten Kapseln und beschwerten daneben hängende Plastikplanen.

Enervierendes Klopfen durchbrach jahrelange Stille, hallte, einem Echo gleich, von den Wänden zurück. Dumpf erklangen hämmernde Schläge gegen stabiles Material. Knirschend und schwerfällig öffnete sich eine massive Metalltür.

Zum ersten Mal seit Ewigkeiten strömte frischer Sauerstoff in die Halle, wirbelte den Bodennebel auf. Gemächlich traten zwei Gestalten ein, zogen eine Bahre mit sich, deren altersschwache, winzige Räder beim Abschreiten der Kapseln quietschten. Bei jeder Bewegung raschelten dezent ihre silberfarbenen Overalls.

Unter gleichfarbigen Helmen zeigte sich keinerlei emotionale Regung. Ohne Hast schritten sie die Reihen ab, bevor sie vor einer separierten Kapsel stehen blieben. Zierliche Eisblumen formten sich auf dessen Zahlenschloss zu komplexen Mustern. Darunter schimmernde Symbole ließen sich nur schwer identifizieren.

Gleichgültig derartiger Schönheit gegenüber wischte eine der beiden Gestalten eilig über die Scheibe. Zauberhafte Winterblüten verwandelten sich in hauchdünne Schlieren, brachte deutlich erkennbare Zeichen zum Vorschein. Dicke, behandschuhte Finger betätigten sie in lange einstudierter Abfolge. Anschließend trat die Figur im Overall zurück, wartete geduldig auf das Kommende.

Heftiges Zischen, unterstrichen von metallisch dominierten Geräuschen, erklang. Rostiges Knirschen entriegelte lautstark den Schließmechanismus, gab den Zugang zum Geheimnis preis. In jenem Moment, in dem sich der Deckel hob, entströmte weißlicher Rauch. Sacht sank er hinab, verschmolz mit dem Bodennebel.

In der Kapselhülle schwebte ein milchig getrübter Behälter, in feinste Fäden eingesponnen. Von leichten Eiskristallen umgeben, schob ein stabiler Greifarm den Kokon knirschend aus der Kapsel. Zäh fließende Sekunden verstrichen, bevor er über der Bahre zum Stillstand kam. Elegant schwenkte er um, legte die Fracht sanft auf die Bare und brachte dadurch die Räder zum Ächzen.

Schläuche und dünne, mehrfarbige Röhren verbanden das Gefäß mit dessen ursprünglicher Lagerstätte. Schwungvoll riss die größere Gestalt sie aus ihrer Verankerung. Losgelöst von jeglicher Fixierung schlugen sie gegen die Rückwand der Kammer. Gleichzeitig löste sich die letzte Klammer des Metallarmes, der sich augenblicklich dezent in die Kapsel zurückzog. Sacht kehrte der Deckel in seine Ursprungsposition zurück.

Knirschenden Schrittes traten die Gestalten den Rückweg an. Bedächtig, permanent auf ihr Frachtgut achtend, kamen sie nur langsam voran. Der Transport kostete sie offensichtlich viel Kraft und Energie. Gleichzeitig verwandelte sich das Quietschen altersschwacher Räder in dumpfes Ächzen und die Bare schwankte unter zusätzlichem Gewicht. Dabei zogen sie an bereits geöffneten Kapseln vorbei, deren Greifarme mit einer hauchzarten Schicht Raureif überzogen, vor sich hindämmerten.

Erste Anzeichen beginnender Eiskristalle an der Stahltür verwiesen auf die Oberherrschaft klirrender Kälte. Unmittelbar nach ihrem Aufschließen begann der Frost damit, sie zurückzuerobern. Trotz hohem Krafteinsatz fiel es den beiden schwer, sie zu bewegen. Es dauerte Minuten, bis sie sich allmählich öffnen ließ. Von außen drang dezentes Licht in die frostige Märchenlandschaft. Ein paar Eisflocken begleiteten die Gestalten mit ihrer Fracht, wirbelten um sie herum, als sie die Halle verließen. Ächzend schloss sich die Tür hinter ihnen. Märchenhafte Stille übernahm die Regentschaft. Winterliche Ruhe, einzig durchbrochen von seufzenden Maschinengeräuschen, kehrte zurück.

Kapitel 2

Fröstelnd rollte sie sich zusammen. Kälte überzog ihren klammen Körper mit Gänsehaut. Schlotternd schlugen ihre Zähne aufeinander, bis sie vermeinte, nur noch aus Eis zu bestehen. Ihrer Sinne größtenteils beraubt, fehlten ihrem Gehirn notwendige Informationen.

Schleppend besserte sich ihr Zustand. Eindrücke kamen hinzu, Fehlinformationen verringerten sich. Erkannte sie anfangs ausschließlich dunkle Schatten vor hellgrauem Hintergrund, verbesserte sich allmählich ihre Wahrnehmung. Blasse Umrisse bekamen Farbe, erhielten Konturen. Im Zuge dessen ließ die eisige Kälte in ihr nach. Zitternde Muskeln beruhigten sich. Das Gefühl zu erfrieren verschwand.

Düstere Träume wandelten sich zu bedrohlichen Szenarien, retteten sich, schaurigen Gespinsten gleich, in ihren Wachzustand hinüber. Verängstigt zog sie in den Momenten des Erwachens die duftende, kuschelweiche Decke über den Kopf. Ähnlich einem Kleinkind vermochte sie dabei nicht, zwischen Realität und Traumbildern zu unterscheiden. Blitzartig kniff sie die Augen zusammen, versuchte nochmals, einzuschlafen. Bald dämmerte sie weg, seufzte im Halbschlaf auf, tauchte in eine erneute Traumphase ein.

Unter der Bettdecke roch sie Veilchenduft, schmeckte Karamell, durchzogen mit Schokolade. Vereinzelt vernahm sie den Klang von Messingschalen, hörte zwitschernde Vögel sich um ein Revier streiten, vermeinte, behutsame Berührungen an der Stirn zu fühlen. Sanfte, unverständliche Worte drangen an ihr Ohr, die sie nicht verstand. Geborgenheit umgab sie, hüllte sie schützend ein.

Allmählich erhöhten sich die Wachphasen, in denen sich Hunger in ihren Eingeweiden bemerkbar machte. Massiver Energiemangel schwächte ihre Glieder, quälte sie. Mehrmals probierte sie sich, im Halbschlaf umzudrehen. Jedes Mal scheiterte sie daran kläglich. In einem halbwegs wachen Moment versuchte sie sich aufsetzen. Eine Schmerzsalve jagte durch ihren Körper, über sie hinweg, schleuderte sie in eine traumlose Phase.

Beim nächsten Erwachen verzichtete sie vorerst auf einen Folgeversuch. Stattdessen versuchte sie mit brennenden Augen, ihr Umfeld wahrzunehmen. An der Wand ihr gegenüber bemerkte sie ein ockerfarbenes Feld inmitten pastellgrün gestrichener Mauern, in dem sich rötliche Linien bewegten. In regelmäßigen Abständen glitt daraus ein bläulich gehaltenes Licht, das ihren Körper von Kopf bis Fuß überstrich.

Obwohl sie weder Tür noch Fenster sah, herrschte ausreichende Beleuchtung, dezentes, angenehmes Licht strahlte indirekt von der Decke, tauchte den Raum Wärme. Neben einem niedrigen Mauerstück entdeckte sie ein Waschbecken, in dessen Nähe sie die Toilette vermutete. Erstaunt registrierte sie das vollkommene Fehlen zusätzlicher Möbelstücke. Bevor sie über den spartanischen Zustand des Raumes nachzudenken vermochte, verfiel sie in einen eigenartigen Dämmerzustand. Wie in einem Fieberdelirium nahm sie Personen wahr, die sich um sie zu kümmern schienen. Daneben bemerkte sie Seltsames, das sie nicht in einem Krankenzimmer erwartete. Viel zu fantastisch wirkten jene Wesen, die sie besuchten.

Beim ersten Mal drangen leise zischende Geräusche an ihr Ohr. Leichter Brandgeruch stieg in ihre Nase. Erstaunt registrierte sie einen Drachen, der auf ihrem Bett herum hüpfte, und es dabei in massive Schwingungen versetzte. Wie ein Leuchtkäfer glühte er aus eigener Kraft, ließ seine Schuppen in den verschiedensten Farben schillern. Kurz hielt er inne, zwinkerte sie an. Quirlig, sprang er zu ihrer geballten Faust, versuchte daran einen Klammergriff. Mit der Größe eines Babykätzchens misslang ihm dieses Vorhaben gründlich. Dafür schlugen sich nadelspitze Krallen in ihre Finger, bevor er zu Boden hopste und unter ihrer Schlafstätte verschwand. Trotz pochender Schmerzen begann sie herzhaft zu lachen, was wiederum in einem heftigen Hustenanfall endete.

Das nächste Mal lag sie auf ihrer linken Seite, fühlte einen eisig kalten Lufthauch im Nacken. Schwarzgrauer Nebel waberte auf, verdichtete sich, ehe er den kompletten Raum ausfüllte. Gleichzeitig dunkelte das Licht deutlich wahrnehmbar ab. Aus den Nebelschwaden formte sich eine Gestalt, die sie nicht zu definieren vermochte. Purer Schrecken entstieg ihr, wallte an ihr Bett, versuchte, unter ihre Decke zu kriechen. Verängstigt sah sie die Nebelfigur einen Ausläufer formen, der sie zu ergreifen trachtete. Flink zog sie die Bettdecke über ihren Kopf, verbarg sich darunter, in der Hoffnung, sie damit vertreiben zu können. Mehrere Minuten hielt sie sich versteckt, bis sie es wagte hervorzulugen. Bibbernd vor Angst kniff sie die Augen zusammen, bis sie sah, dass sich der Nebel in Luft auflöste.

Bei diesen beiden blieb es nicht. Dutzende Besucher kamen. Manche schienen einem Märchen entsprungen, andere wirkten wie normale Menschen. Jeder löste ein Gefühl, bisweilen eine Stimmung in ihr aus, die sie anfänglich nur sporadisch zuzuordnen vermochte. Umso heftiger traf es sie nach den Gästen, wenn diese sie wieder alleine zurückließen. Der Macht eines derartigen emotionalen Tornados hatte sie nicht das Geringste entgegenzusetzen. Überrollt von dessen Wucht, weinte oder lachte sie, kicherte, freute sich und vieles mehr. Hirngespinsten gleich, bemühte sie sich, die Erinnerungen daran zu vergessen, ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Vergebens.

Dazwischen tauchten vereinzelt real wirkende Bilder auf, vermittelten ihr den Eindruck, ihr Erinnerungsvermögen käme zurück. Damit verknüpfte Regungen drangen bis in ihr Herz vor, fühlten sich intensiv und vertraut an. Griff sie nach ihnen, glitten sie ihr durch die Finger. Verzweifelt versuchte sie, hinter den dichten Nebelschleier zu sehen, der ihre Vergangenheit verbarg. Es gelang ihr nur spärlich, einzelne Gedankenfetzen zu ergreifen. In einer davon erkannte sie Essenzielles.

„Erinya, ich heiße Erinya.“

Innerlich tanzte sie vor Freude. Unwillkürlich entfuhr ihr ein Lächeln, das sie in den Schlaf mitnahm. In ihren Träumen woben die Erinnerungsfetzen ein Netz, auf das sie im Wachzustand noch keinen Zugriff hatte.

Fehlende Erinnerungen brachten sie nahezu zum Verzweifeln. Daneben hatte sie mit einem weitaus unangenehmeren Problem zu kämpfen. Übelkeit. Ihr Magen bemühte sich permanent, seinen Inhalt loszuwerden. Grummeln und glucksende Geräusche aus ihrem Inneren irritierten sie gründlich. Letztendlich erwachte sie mit dem Geschmack von Erbrochenem in ihrem Mund. Angewidert verzog sie ihr Gesicht. Es schmeckte widerlich.

Nach einer gefühlten Ewigkeit zogen sich die Nebelschleier in ihrem Kopf zurück. Physisch wie psychisch fand sie sich längst auf dem Weg der Besserung. Frische Energie durchfloss ihren geschundenen Körper, den einige Narben zierten. Schwindelgefühl, Übelkeit und andere, unangenehme Begleiter der letzten Zeit verschwanden langsam.

Ihr geschwächter Zustand blieb existierte. Jeder Versuch sich zu bewegen kostete anfänglich viel Kraft und Willensstärke. Frustriert kämpfte sich Erinya mühsam voran, zwischen Traum- und Wachzustand pendelnd. Zu versagen kam für sie nicht infrage. Bald bemerkte sie eine kontinuierliche Verbesserung sämtlicher Sinne. Dabei spürte sie Empfindungen in nie zuvor gekannter Intensität. Zu Beginn heillos damit überfordert, bemühte sie sich verzweifelt darum, ihre Selbstkontrolle zurückzuerlangen.

Von Durst geplagt, musterte sie den Raum, entdeckte einen simplen Beistelltisch an ihrer linken Bettkante. Kindliche Freude durchströmte sie beim Anblick eines darauf stehenden lindgrünen Schnabelbechers. Offensichtlich enthielt er für sie gedachte Flüssigkeit, griff danach, führte ihn zitternd an ihre Lippen. Das darin enthaltene Getränk erinnerte sie an Früchtetee mit leichter Zimtnote. In winzigen Schlucken genoss sie den Tee, der ihre Kehle hinunter rann. Nie zuvor berührte etwas derart Köstliches ihren Gaumen. Trotz einer leicht scharfen Unternote trank es sich ausgesprochen angenehm.

Die ungewohnt anstrengende Bewegung erschöpfte sie zutiefst, und sie lockerte unbewusst den Griff um den Trinkbecher. Ohne es verhindern zu können, entglitt er ihr. Zu Boden polternd, prallte er mehrmals ab, rollte in Richtung Mauervorsprung. Noch bevor sie sich entschließen konnte ihn aufzuheben, überrollte sie erneut der Schlaf.

Verwundert registrierte sie beim Erwachen erneut einen gefüllten Becher auf dem gleichen Beistelltischchen. Daneben stand eine Schale mit Löffel in ident, grünem Farbton. Vernehmlich knurrte ihr Magen, verlangte nach Nahrung, die sich verarbeiten ließ. Vorsichtig griff Erinya zu, versuchte, zusätzliche Unfälle ihres Geschirrs zu vermeiden. Der Vorsatz gestaltete sich schwerer als erwartet.

Geschmacksneutral, mit zäher Konsistenz widerstrebte alles in ihr, den Brei zu schlucken. Dessen ungeachtet bekam sie den Eindruck, ein Feuerwerk an Geschmack tobe in ihrem Mund. Anfänglich bitter verwandelte es sich in extreme Süße mit einem Unterton leichter Salzigkeit. Zäh brachte sie nur winzige Portionen die Speiseröhre hinab.

Erste Freude über die Speise verwandelte sich in eine Grimasse der Abscheu. Angewidert widerstand sie nur schwer der Versuchung, die Breischale an die Wand zu werfen. Stattdessen schlug sie sich wacker, würgte todesverachtend den Schleim hinunter. Noch beim Essen murrte ihr Magen. Ihre Eingeweide verkrampften sich, lösten Druck und Übelkeit aus. Nur mit Mühe behielt sie das Gegessene in sich.

In den folgenden Tagen gewöhnte sich ihr Körper an den Brei und verlangte sogar nach mehr. Geruchlich erinnerte er an eine Mischung verschiedenster Currysorten, unterlegt mit einem feinen Hauch Zimt. Ihre Zunge wiederum schmeckte Rosmarin, Oregano und Lavendel heraus, wobei dezente Untertöne anderer Gewürze vereinzelt durchdrangen. Direkt im Anschluss an das Essen versank sie meist in traumlosen Schlaf, woraus sie frisch ausgeruht erwachte.

Nicht nur die Nahrung änderte sich, sondern auch ihre Figur. Stachen anfangs ihre Rippen unter dem dünnen Krankenhaushemd deutlich hervor, veränderte sich der Zustand binnen kurzer Zeit. Ihre Kraft kehrte zurück, ließ den Körper regelrecht nach Bewegung gieren.

Endlich fühlte sie sich kräftig genug, schlug entschlossen die Decke beiseite und schob gemächlich ihre Beine über die Bettkante. Zentimeterweise tastete sie sich vorwärts, bis ihre Zehenspitzen kühlen Boden wahrnahmen. Ohne darüber nachzudenken, setzte sie die Fußsohlen auf den Zimmerboden, versuchte, mit Schwung aufzustehen.

Wackelig stand sie für einen Moment neben dem Bett. Grinsend, auf unsicheren Sohlen, mühte sie sich darum, das Gleichgewicht zu wahren. Ungewohnt fühlte sich der Untergrund an. Kurzfristig vermeinte sie, ihren eigenen Herzschlag zu fühlen. Irritiert sah sie hinab, schüttelte verwirrt den Kopf.

Trotz parkettähnlicher Struktur erinnerte sie der Grund unter ihren Füßen an einen kuscheligen Teppich. Vorsichtig tapste sie in Richtung Waschbecken, stellte bedächtig einen Fuß vor den anderen. Innerlich triumphierend griff sie nach dem Becken. Bevor Erinya in Jubel ausbrechen konnte, verließ sie jegliche Kraft. Ihr Kreislauf erschlaffte. Schwarze Sternchen zogen vor ihren Augen auf. Schwindelgefühl setzte ein und sie schachmatt. Stechend durchzog Schmerz ihren Körper, trieb ihr die Tränen in die Augen. Noch bevor sie reagieren konnte, hüllte Schwärze sie ein, zog sie hinab in eine alles verzehrende Ohnmacht.

Im Moment des Erwachens wähnte sich Erinya in der Hölle. Jede Faser ihres Körpers durchdrang heftiges Pochen im Rhythmus des Herzschlages. Winzigste Kopfbewegungen schossen feurige Blitze durch sie hindurch. Stöhnen drang an ihr Ohr. Anfänglich wusste sie diese Geräusche nicht zuzuordnen, bis sie verstand, dass sie ihrer eigenen Kehle entstammten. Vorsichtig an ihre Stirn tastend, stieg Übelkeit in ihr auf. Augenblicklich zog sie den Finger zurück.

„Aufstehen! Hoch mit dir!“

Murmelnd, sich damit anfeuernd, bugsierte sie sich Minuten später erneut aus dem Bett. Zu Beginn klappte es nur mühsam, das Gleichgewicht beizubehalten. Von Mal zu Mal fiel es ihr leichter, bis sie mühelos ihre Schritte setzte. Wie ein Kleinkind lernte sie, sich besser einzuschätzen und ihren Körper zu kontrollieren. Physisch wie psychisch kehrte so etwas wie Stabilität ein.

„Blödes Zimmer!“

Grummelnd saß sie am Bett, schlug frustriert auf ihr Kissen ein, ärgerte sich dabei gründlich.

„Haben die hier keine Fenster? Ist doch lächerlich, dass es nicht einmal eine Tür gibt! Ich will den Himmel sehen! Hört ihr mich?“

Kräftig ausholend, warf Erinya ihr Polster an die gegenüberliegende Wand, hockte sich trotzig auf die Matratze.

„Wo sind die Sterne? Ich will die Sterne sehen!“

Deprimiert stützte sie dabei den Kopf auf ihre aufgestellten Beine, umklammerte diese zusätzlich mit den Armen. Nur mühsam hielt sie ihre Tränen zurück.

„Gebt mir zumindest einen Spiegel!“

Überdeutlich trat Frust zutage. Gedankenverloren, mit sich und der Welt hadernd, übersah sie, wie sich die Wand ihr gegenüber auflöste und den Blick auf das Dahinterliegende freigab. Bemerkte nicht, wie eine ältere, weiß gewandete Frau an ihr Bett trat.

Schweigend nahm sie den Polster in die Hand, legte ihn auf dem Mauervorsprung ab, trat einige Schritte beiseite und strich über das Mauerwerk neben sich. Wie zuvor verschwand die Wand, löste sich auf, gab den Blick auf einen kleinen Schrank voller Tücher und Kleidung frei. Daraus entnahm sie ein frisches Kissen. Für einen winzigen Moment hielt sie inne, schien zu überlegen, ob sie es Erinya reichen sollte, entschied sich dann jedoch, es auf ihr das Kopfende des Bettes zu legen.

Verwundert folgte Erinya ihr mit den Augen. Irgendwoher kannte sie die Frau, doch woher? Schlagartig fielen ihr die Traumbilder ein. Ihr hatte sie Essen und Trinken zu verdanken. Stets hatte sie ihren geschmeidigen Gang bewundert, der sie an eine Ballerina erinnerte.

Silberfäden durchzogen ihre, zu einem straffen Dutt hochgesteckten Haare. Vereinzelte Härchen wagten sich mutig daraus hervor, umrahmten ihr ausgemergeltes Gesicht. Schmerz schimmerte durch ihre Augen, fehlende Lachfältchen ließen sie hartherzig wirken. Jede Bewegung brachte tief sitzenden Kummer zum Vorschein. Erinya spürte ihn, wie eine unsichtbare Aura, die die Frau umgab.

Schaudernd schlug sie eine unendliche Woge der Traurigkeit in ihren Bann, ließ sie frösteln. Lag auf ihren Lippen ein verhaltenes Lächeln, so blieben die Augen kalt wie die eines toten Fisches.

Weißer, fließender Stoff schmiegte sich an den schlanken Körper, erinnerte sie an die einfache Kleidung einer Krankenschwester. Erst jetzt bemerkte Erinya hinter der Frau die Türöffnung und riss die Augen auf. Von einigen blinkenden Lichtern und vereinzelten Schatten in der Dunkelheit abgesehen, erblickte sie nur ein dunkles Loch, in das sie starrte.

„Nun? Wie fühlen Sie sich?“

Sanft, mit gütig klingendem Unterton sah die Fremde sie an.

„Wo bin ich?“

„Beantworten Sie erst meine Frage. Wie fühlen Sie sich?“

Mürrisch brachte Erinya nur ein „Geht halbwegs“ über die Lippen. Schnippisch fuhr sie gleich darauf fort. „Und wo bin ich hier?“

„In Sicherheit und in guten Händen!“

„Schön und gut, und sonst? Ist das ein Raumschiff? Für mich sieht es nach einer Krankenstation aus, liege ich richtig?“

„Stimmt, das hier ist eine Krankenstation. Aber glauben Sie mir, Sie sind hier in guter Obhut!“

„Na schön, und wer sind Sie?“

„Sie können mich Isadora nennen. Ich kümmere mich um Sie, seit Sie hier sind!“

„Und seit wann bin ich hier?“

Ärger begann sich in ihr aufzustauen. Musste sie ihr jede Information einzeln aus der Nase ziehen?

Statt einer Antwort griff Isadora nach Erinyas linker Hand und zog sie zu sich. Leicht klopfte sie gegen den Daumenknochen. Unter ihrer Haut kribbelte es, Poren öffneten sich, entließen dünne weißliche Drähte, die sich nach außen bohrten. Windend bewegten sie sich wie Spülwürmer, entschlüpften der Hand und fielen in eine von Isadora gehaltene Schale. Weiß schlängelten sie sich übereinander.

Entsetzen stand in Erinyas Gesicht geschrieben. Angewidert fehlten ihr die Worte. Kreidebleich saß sie wie gelähmt auf dem Bett, zog blitzschnell ihre Hand zurück, sobald Isadora sie losließ.

„Was .... ist ... das?“

Zittern durchdrang ihre Stimme. Schaudernd wandte sie sich vom Anblick der beweglichen Drahtwürmer ab. Eiskalt rann es ihr den Rücken hinunter, beim Gedanken, wie lange sie diese Würmer bereits in sich trug.

„Ganz simpel gesagt handelt es sich um Medizin.“

„Igitt.“

Darauf erntete sie nicht mehr als ein halbherziges Lächeln der Schwester.

Mit der Schale in der Hand trat diese einige Schritte zurück. An ihr vorbei schlenderte ein Mann, ebenso in Weiß gekleidet, wie sie.

„Scheint beinahe, als hätten wir das Schlimmste überstanden. Meinen Sie das nicht auch, Schwester?“

Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, stellte er sich an Erinyas Bett. Väterlich besorgt sah er sie mit gütigem Blick an. Leicht angegraute Schläfen verliehen ihm einen Hauch von Autorität. Schlank und drahtig stand er vor ihr. An seinem Körper gab es kein offensichtliches Gramm Fett zu viel.

Isadora reichte ihm die Schale mit den, nach wie vor aktiven, Drahtwürmern. Konzentriert blickte er die Würmer an, bevor er sie zurückreichte.

„Sämtliche Werte sprechen für sich und wie Sie selber schon bemerkt haben, geht es Ihnen tatsächlich besser. Wie kommen Sie mit dem Gehen zurecht?“

„Haben Sie mich etwa beobachtet?“

„Natürlich stehen Sie hier unter Beobachtung. Es ist in unser aller Interesse, uns gut um Sie zu kümmern. Doch ich kann Sie beruhigen, Sie werden bald wieder fit sein.“

Jedes einzelne Wort durchdrang ein angenehmer Unterton, den sie nicht zuzuordnen vermochte. Für einen Moment schloss sie ihre Augen und hatte das Bild eines stattlichen Königs vor sich, der selbstbewusst sein Volk regierte. Das brachte sie zum Schmunzeln. Wirkte die Stimme des Arztes so auf sie?

Im Gegensatz zur Schwester schien ihm das Lächeln ins Gesicht gemeißelt, ließ die Lachfalten um Lippen und Augen ausgeprägter erscheinen. Sie passten wunderbar zu ihm, unterstrichen den Eindruck wahrer Lebensfreude.

Lächelnd reichte er ihr die Hand, die Erinya beherzt ergriff. Kühl umschlossen seine schlanken, knotigen Finger ihre eigenen.

„Schön Sie wieder unter den Lebenden zu sehen. Wir haben uns ernsthafte Sorgen gemacht, dass wir Sie vielleicht nicht mehr retten könnten.“

Leichte Besorgnis erschien für einen Moment in seinen Augen, bevor er erneut das typische Lächeln aufsetzte.

„Sie können mich Doktor Lazaar nennen. Ihre Rettung war zwar nicht ganz einfach, aber Sie dürften eine Überlebenskünstlerin sein!“

„Warum gerettet? Was ist passiert? Warum bin ich hier?“

„Viele Fragen. Etwas zu viele für den Moment. Sie werden auf jede einzelne davon Antworten erhalten, sobald die Zeit dafür reif ist. Im Augenblick ist sie das noch nicht.“

Erinyas Gesicht sprach Bände. Leicht verdrehte sie die Augen und gab Unverständliches von sich. Deutlich sarkastisch kamen ihr Worte in den Sinn, die sie besser verschwieg.

„Mit anderen Worten, Sie sagen mir nicht, was ich wissen will?“

„Noch nicht, in ein paar Tagen schon. Sie brauchen derzeit!“

„Ruhe hatte ich hier genug. Ich langweile mich, und zwar gründlich“, vermeldete sie murrend. Für einen Sekundenbruchteil gefror dem Arzt das Lächeln im Gesicht. Woraufhin Erinya gedanklich feststellte, dass Fröhlichkeit definitiv besser zu ihm passte.

Erst jetzt bemerkte sie, wie das Sprechen sie anstrengte. Immer deutlicher fühlte sie unangenehmes Kratzen im Hals, versuchte, es mit Tee aus dem Schnabelbecher wegzuspülen.

„Ihre Genesung geht schneller voran, als wir erwarteten. In einigen Tagen sollten Sie wieder gänzlich auf den Beinen sein, wenn ich mir Ihren Heilungsfortschritt ansehe. Bis dahin bekommen Sie noch Ruhe und Erholung verordnet. Verstehen wir uns?“ Scheinbar fiel es ihm schwer, ernst zu bleiben.

„Was könnte ich hier denn schon tun? Ich langweile mich fast zu Tode. Das nervt! Wie soll ich mich erholen, wenn ich mich so sehr langweile?“

Anklagend sah sie ihn an, grummelte Unverständliches in sich hinein und senkte anschließend den Blick zu Boden. Offensichtlicher Frust drang durch ihre Stimme. Doktor Lazaars Lächeln formte sich zu einem nicht zu übersehenden Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte. Obwohl er auf sie ausgesprochen charmant wirkte, sie völlig aus der Fassung brachte, hielt sie sich mit zusätzlichen Kommentaren zurück.

„Wenn ich schon sonst zu tun bekomme, dann geben Sie mir zumindest einen Spiegel. Ich will wenigstens wissen, wie ich aussehe!“ Sacht griff sie an ihre Schädeldecke, spürte den flauschigen Flaum auf ihrem Haupt, der die Wiederkehr einst wallender Haarpracht ankündete.

„Natürlich verstehe ich Sie, besser, als Sie glauben. Beschäftigung ist für den Geist notwendig. Unterforderung zerstört vieles, das wir als Menschen einst erschaffen haben. Trotzdem hat Ihre Genesung im Augenblick Vorrang. Ist das für Sie nachvollziehbar?“

Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, legte er seine Hand auf ihre Stirn, strich sanft darüber.

„Alles zu seiner Zeit. Haben Sie etwas Geduld. Schlafen Sie, träumen Sie. Ruhen Sie sich aus. Vielleicht wünschen Sie sich eines Tages die jetzige Ruhe zurück. Können wir uns darauf einigen?“

Leichte Entspannung überkam Erinya. Verständnisvoll ruhte sein Blick auf ihr, gab ihr das Gefühl, ihm blindlings vertrauen zu können. Von einem Augenblick zum anderen ließ die Anspannung in Nacken und Rücken nach. Ruhe kehrte ein. Müde sank Erinya in ihr Kissen zurück, fühlte sich von der Situation gründlich überfordert. Wie konnte eine simple Unterhaltung nur so anstrengend sein?

„Was ist das Letzte, an das Sie sich erinnern können?“

„Was meinen Sie?“

„Das Letzte, bevor Sie hier erwacht sind.“

„Ich weiß es nicht. Ehrlich!“

Chaos herrschte in ihrem Kopf. Vereinzelt erschienen real wirkende Bilder vor ihrem inneren Auge. Zu greifen vermochte sie sie nicht. Erinnerungsfetzen wirbelten Realität und Fantasiegebilde durcheinander. Erinya starrte in die Luft, versuchte, auftauchende Abbildungen ihrer Erinnerung zu ordnen. Verzweifelt erkannte sie die schiere Größe dieser Aufgabe.

„Das ist schwierig. Ich erinnere mich an nichts. Es gibt zwar vereinzelt Bilder und Personen, nur kann ich sie nicht zuordnen. Das ist Mist. Ich will mich ja erinnern, nur wie soll das gehen, wenn die Erinnerungen ständig verschwinden? Mit kommt es vor, als würde meine eigene Vergangenheit vor mir weglaufen.“

Schwer schluckte sie, spürte einen Kloß in ihrem Hals entstehen.

„Kennen Sie das, Doktor?“

Schweigend setzte er sich neben sie auf die Bettkante, hielt für einen Augenblick inne. Erneut ergriff er ihre Hand, umschloss sie und sah sie aus wasserblauen Augen an.

„Als Arzt bekomme ich des Öfteren Fälle von Gedächtnisverlust, die behandelt gehören. Ich kann daher Ihre Situation nachvollziehen. In den letzten Jahren haben sich unsere Behandlungsmethoden stark verbessert. Wir können inzwischen alle Erinnerungen zurückholen, die der Patient wünscht. Daher versichere ich Ihnen, es wird alles gut werden. Es ist nur notwendig, dass Sie mir vertrauen. Können Sie das?“

In seiner Stimme schwang etwas Einschmeichelndes mit, lullte sie ein. Wortlos nickte sie nur, setzte mehrmals an zu sprechen. Geduldig wartete Doktor Lazaar.

„Wissen Sie, ich versuche, mich zu erinnern. Aber ich kann nichts greifen. Ich grabe in meinen Erinnerungen, ohne Antworten zu bekommen. Ich sehe Bilder, die ich nicht verstehe, geschweige denn erklären kann. Sie verwirren mich, geben mir Informationen, die nicht stimmen können.“

Nachdenklich hielt sie für einen Moment inne.

„Es gab da eine Zugfahrt, an die ich mich erinnere. Der Zug war alt, keine moderne Magnetschwebebahn, sondern fuhr auf Schienen. Am Platz mir gegenüber gab es einige Löcher im ausgebleichten, bläulichen Bezug. Ich kann mich noch deutlich an etwas erinnern, das nach alten Leuten roch.“

„Gab es noch andere Passagiere im Zug?“

„Nicht, dass ich wüsste. Soweit ich das Bild rekapitulieren kann, saß ich allein im Abteil.“

„Können Sie mir sagen, wo dieser Zug entlang fuhr?“

„Nicht genau. Die Fenster waren verschmutzt. Es ging vorbei an Feldern mit Erntemaschinen. Weiter weg gab es Berge voller Nebelschwaden. Nur wo das gewesen sein soll, könnte ich beim besten Willen nicht sagen. Da bin ich definitiv überfragt.“

Sie schluckte.

„Das ist doch verrückt. Meinen Sie, ich drehe durch?“

„Nein, machen Sie sich keine Sorgen. In einem Fall wie dem Ihren ist das absolut normal! Gibt es noch mehr, an das Sie sich erinnern?“

„Sicher, aber ich kann im Moment nicht einmal sagen, ob die Erinnerungen real sind.“

Bedauernd senkte Erinya den Blick, fühlte an ihrer linken Wange die nasse Spur einer Träne. Unangenehm berührt saß sie mit angezogenen Beinen unter der Decke und merkte erst viel zu spät, dass sie weinte. Schluchzend saß sie auf dem Bett, vergaß, dass sich der Arzt und die Schwester noch im Zimmer aufhielten.

Sanft zog Doktor Lazaar sie zu sich und drückte dabei ihren Kopf an seine Schulter. Hemmungslos öffneten sich die Schleusen, ließen sie bittere Tränen vergießen. Flüsternd sprach er beruhigend auf sie ein, strich ihr leicht über den Rücken. Tröstend hielt er sie im Arm, bis schließlich der Tränenfluss versiegte.

Rasch zog sie sich aus der Umarmung zurück.

„Besser?“

Aus der Kitteltasche holte Doktor Lazaar ein Taschentuch, wischte ihr damit die Tränen von den Wangen.

„Atmen Sie tief ein und aus!“

Gehorsam folgte sie der Anweisung. Nach ein paar Atemzügen fühlte sie sich besser.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Für Ihren Gesundheitszustand ist das absolut normal. Bei Gedächtnisverlust dieser Intensität kommt es im Regelfall zu massiven Erinnerungslücken. Erst nach Tagen kehren rudimentäre Erinnerungen zurück. In einzelnen Fällen kann das auch länger dauern. Aber sie gehen niemals hundertprozentig verloren.“

Er setzte erneut sein kurzfristig entschwundenes Lächeln auf. „Lassen Sie sich ausreichend Zeit. Achten Sie darauf, sich nicht zu überanstrengen! Höchstwahrscheinlich kommen Ihre Erinnerungen schneller zurück, als Sie denken! Überfordern Sie sich nicht, sondern genießen Sie die Ruhe, die Sie jetzt haben.“

Aufmunternd lächelte er sie an, strahlte Hoffnung aus. Entschlossen den Raum zu verlassen stand er auf. Gedankenverloren blieb er stehen, drehte sich um und sah Erinya erneut an.

„Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen.“

Aus der linken Tasche des leicht speckigen Arztkittels förderte er ein Päckchen zutage. Nachdenklich hob er es in Augenhöhe und drehte es in der eigenen Hand, bevor er es ihr reichte.

„Das ist für Sie. Es wird ihnen helfen, sich zu erinnern. Geben Sie dem Heilungsprozess eine Chance, in Ordnung?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er den Raum. Sprachlos blieb sie auf dem Bett sitzen. Die komplette Zeit über hatte Isadora schweigend hinter dem Arzt gestanden. Noch immer hielt sie die Schale mit den Drahtwürmern in der Hand. Wie zuvor wirkte sie kalt und hartherzig. Zusammengepresste, dünne Lippen, unterstrichen diesen Eindruck.

„Das Päckchen stellt ein Willkommensgeschenk dar. Glauben Sie mir, Sie finden rasch eine sinnvolle Verwendung dafür. Nutzen Sie es weise, es ist ein ausgezeichnetes Mittel um das Gedächtnis anzukurbeln.“

Schnippisch im Unterton, klangen die Worte beinahe anklagend.

„Ich habe noch etwas für Sie!“

Die Schale auf dem Mauervorsprung ablegend, griff sie erneut in das Fach, zog einen Packen daraus hervor, den sie auf Erinyas Bett legte.

„Die Krankenhaushemden brauchen Sie nicht mehr zu tragen.

Nehmen Sie das hier!“

„Darf ich Sie noch etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Wann bekomme ich endlich vernünftiges Essen?“

„Es wird nicht mehr lange dauern. Ihr Magen ist einfach noch nicht so weit, dass er feste Nahrung gut verarbeiten kann.“

„Und was ist mit den Tees? Etwas Abwechslung wäre auch nicht schlecht, der jetzige schmeckt langweilig.“

„Was Sie schmecken, sind die Nährstoffe, die Ihnen bei der Regenerierung helfen sollen. Aber ich sehe zu, was sich machen lässt.“

Erinyas verärgertes Gesicht quittierte sie lediglich mit einer erschöpft wirkenden Miene. Leicht gebeugt drehte sie sich um, griff nach Kissen und Schale.

„Armes Kind“, murmelte sie in sich hinein.

„Was haben Sie gesagt?“

„Nichts.“

Ohne sich auf eine Diskussion einzulassen, hob sie ihre linke Braue und folgte dem Arzt. Hinter ihr manifestierte sich die Wand erneut. Zurück blieb eine verdatterte, junge Frau mit einem Päckchen. Was hatte sie erwartet? Nach wie vor fehlten Antworten.

Mehr aus Langeweile, denn aus Neugierde heraus, begutachtete sie das Geschenk, hielt sie es erst in der Hand, schüttelte es, versuchte, den Inhalt zu erraten. Mit Leichtigkeit ließ sich das darum herumgewickelte Papier lösen. Darin fand sie ein dezentes, handliches Notizbuch mit anthrazitfarbenem Umschlag.

Erinya hob es an die Nase, roch daran. Der elegant gestaltete Einband schien in ihrer Hand zu pulsieren, strahlte Wärme aus. Es gefiel ihr, entsprach ihrem Stil und Geschmack. Darin verarbeitetes Papier ähnelte Büttenpapier, dem sie einst beim Arbeiten den Vorzug gab. Weiß, mit eierschalenfarbenem Unterton, griff es sich angenehm in an, lud ein, es mit Bildern und Worten zu füllen.

An den Buchrücken entdeckte sie einen Stift im gleichen Anthrazit. Wispern erklang in ihrem Kopf, als sie ihn berührte. Ihre Hand kribbelte, innerlich entstand Unruhe. Verwirrt ließ sie ihn los, augenblicklich endeten diese Empfindungen.

„Was zum ....“

Dafür fehlten ihr die Worte. Mehrmals griff sie nach dem Stift. Jedes Mal kamen die gleichen Wahrnehmungen zurück.

Anfänglich hatte Erinya nicht die geringste Idee, was der Arzt ihr mit diesem Geschenk sagen wollte, begriff dann schlagartig. Es sollte ihre Erinnerungen ankurbeln, ihr helfen, die eigene Vergangenheit zu finden. Lächelnd saß sie mit dem Buch in der Hand auf ihrem Bett und dachte über den ersten Eintrag nach. Aufgeregt freute sie sich darauf, es zu befüllen.

Wie erschlagen fühlte sie sich von den Bildern, die unvermittelt in ihrem Kopf auftauchten. Sie schloss die Augen, versuchte, sie zu fassen. Schneeflocken gleich schwebten sie vor ihr. Wie aus dem Nichts erstanden immer mehr davon, bis sie glaubte, in einem Schneesturm zu versinken. Blitzschnell umschwirrten sie die Flocken, bevor sie sacht zu Boden sanken, wo sie allmählich zu versickern drohten.

Dieser Macht hatte sie nicht das Geringste entgegenzusetzen. Nur langsam beruhigte sich das Toben, bis der Blizzard sich legte. Nach wie vor stoben die Bilder ziellos durcheinander, tanzten um sie herum. Dabei merkte sie nicht, wie sich ein Lächeln auf ihre Lippen stahl. Tief in ihrem Innern spürte sie das Kleinkind in sich, das sich noch von einem herbstlichen Laubhaufen gefallener Blätter beeindrucken ließ. Sie vermisste diese Unbeschwertheit und Lebensfreude, das Gefühl alles zu schaffen. Entzückt griff sie zu, doch erneut entzog es sich ihr und tauchte unter. Spielerisch fasste sie in das Bilderchaos, versuchte blindlings, eines davon zu sich heranzuziehen.

„Wollt ihr wohl hierbleiben?“

In Gedanken lachend, erkannte sie immer deutlicher hauchfeine Unterschiede. Etliche Bilder erschienen blasser. Zu einigen fühlte sie eine unerklärliche Verbindung, während andere sie gründlich abstießen. Bei manchen schien generell etwas nicht zu stimmen, doch blieb ihr der Grund dafür verborgen.

Anfänglich verwirrte sie diese Vielfalt, bis eine der Flocken genau vor ihrer Nase herumtanzte.

„Dich kriege ich!“

Grinsend schob sie vorsichtig ihre Hand nach vor, packte blitzschnell zu, spürte, wie die Schneeflocke zwischen ihren Fingern versuchte auszubrechen. Jaulende Klagelaute ertönten in ihrem Ohr, bis die Gegenwehr abflaute. Lächelnd hob sie die Hand, öffnete sie. Erstaunt sah sie auf ihre blanke Handfläche. Erinya fühlte ein Stechen in ihrem Herzen, riss die Augen auf.

Der Stift entfiel ihrem Griff. Die Bilder entschwanden, gaben den Blick auf das Zimmer frei. Erstaunlich klar im Kopf runzelte sie die Stirn, verstand nicht, wohin die Schneeflocken verschwunden waren.

Nachdenklich senkte sie ihr Haupt, sah dabei auf ihren Schoß, auf dem der Schreibstift lag. Erneut nahm sie ihn in die Hand, woraufhin der Schneesturm wieder entfachte.

Schlagartig begriff sie. Das Notizbuch griff auf ihre Erinnerungen zu, auf Bilder, die sie bewusst nicht wahrnahm. Jetzt wusste sie, womit sie das Buch füllen würde. Binnen Minuten entstand auf der ersten leeren Seite eine Zeichnung des Bilderschneesturms. Mitten darin hockte ein Schemen auf dem Bett und versuchte nach den einzelnen Flocken zu haschen. Ungewohnt anstrengend gestaltete sich das Zeichnen für sie, kostete erstaunlich viel Energie. Erschöpft fielen ihr bald schon die Augen zu. Der Stift kullerte aus ihrer Hand, blieb neben dem aufgeschlagenen Notizbuch auf ihrem Schoß liegen.

Unruhig träumend, wälzte sie sich im Bett herum, bis Decke, Buch und Schreibstift am Boden landeten. Wie gerädert erwachte sie aus dem Schlaf. Wiederholt hatte sie von Dingen geträumt, die sie ängstigten, aber sich nicht greifen ließen. Ihr Kissen, nass von Tränen, hielt es umklammert, wie ein Kleinkind einen Teddybären. Feuchte Wangen und leicht geschwollene Augen zeugten von einer Sturzflut an Tränen. Innerlich spürte sie, wie der Stift Erinnerungen aufwühlte, die besser in der Vergangenheit verblieben. Zu viel Schmerz hing an ihnen.

Wie gewohnt schwanden ihre Träume erneut binnen Sekunden dahin. Zurück blieb ein kalter Schauer, der ihr über den Rücken jagte. In all den Traumbildern nahm sie nur eines bewusster wahr. Es rief Angstschweiß in ihr hervor. Panisch griff sie zum Fußboden, hob Stift und Notizbuch auf und begann zu zeichnen, bevor es endgültig verschwand. Aus abgrundtiefer Schwärze löste sich der Schemen eines kalkweißen Gesichtes. Ausdruckslos, bar jeglicher Regung, traf sie der Anblick bis in ihr Innerstes, vermittelte ihr, absolute Wertlosigkeit. Schockiert schlug sie das Buch zu. Noch immer traf sie der Blick dieser leeren Augen. Ihr Herzschlag raste vor Angst dahin.

Es dauerte, bis sie sich genug gesammelt hatte, sich ausreichend klar im Kopf fühlte.

„Das war nur ein Traum! Nicht mehr als nur ein dummer Traum!“

Krampfhaft hielt Erinya ihre Augen offen und starrte die gegenüberliegende Wand an. Gleichzeitig begann sie sich zu fragen, wie Isadora die Tür geöffnet hatte.

„Wie haben die das nur gemacht?“

Annähernd unhörbar stand sie auf, tastete sich am Mauerwerk entlang.

Es gab keine Vertiefungen, keine Öffnungen, keine noch so kleine Ritze. Frustriert gab sie auf, holt sich stattdessen aus dem Fach frische Kleidung. Ihre alten Sachen rochen übel vom langen Tragen. Froh sie loszuwerden, hängte sie auf den kleinen Mauervorsprung.

Hose und Shirt fühlten sich bequem, anschmiegsam weich an. Dünn wie ein Negligé verfügte das Material nur über geringes Eigengewicht. Obwohl ihr der helle beige Farbton nicht gefiel, freute sich Erinya darüber, normalere Kleidung zu bekommen. Auf die typische Krankenhauskluft verzichtete sie gerne. Federleicht fließend schmiegte sich der Stoff an ihren Körper, hüllte ihn auf angenehme Weise ein.

Sie verspürte weder Hunger noch Durst, vielmehr die Neugierde auf etwas, das sich im Zimmer verbergen mochte. Entschlossen tastete sie weiter die Wände ab. Anfänglich blieben ihr die Geheimnisse des Raumes verborgen, bis sie zufälligerweise über zwei Kastennischen stolperte. Gähnende Leere starrte ihr daraus entgegen.

„Das ist alles? Nicht mehr? Echt jetzt?“

Frust erklang in ihrer Stimme. Enttäuscht warf sie sich bäuchlings auf das Bett und dachte nach. Wie von Zauberhand löste sich schräg gegenüber, ein Stück der Mauer auf, gab einen kleineren, sonnendurchfluteten Bereich frei. Mit ausreichender Helligkeit versorgt, stellten die Deckenlichter ihre Arbeit ein. Fasziniert sah Erinya in das Sonnenlicht, in dem Staubflocken tanzten, sie regelrecht verzauberten. Wie lange hatte sie die Sonne nicht mehr gesehen?

Staunend trat sie zu den hohen Fenstern. Lächelnd, mit Tränen in den Augen, erblickte sie einen weitläufigen, hellen Park. Mitten im gepflegten Rasen lag ein kleiner See mit frisch erblühten Seerosen. Einige säuberlich angelegte Wege schlängelten sich durch das Gras, vorbei an Baumalleen und farbenfrohen Blumenbeeten. Ungehindert wärmte die Sonne die Grünfläche, nur vereinzelt zogen Schönwetterwolken am Himmelsgestirn vorüber.

„Wie wunderschön!“

Innerlich vor Freude aufseufzend, vermochte sie sich an dieser Schönheit kaum sattzusehen. Nach Minuten, die wie im Flug vergingen, zog sie sich ein paar Schritte zurück, stolperte um ein Haar. Den Sturz fing ein bequemer, ausladender Stuhl auf, den es vorher noch nicht gab.

„Was zum ...“

Langsam schien sich der Sessel zu verändern, sich an ihren Körper anzupassen. Obwohl sie es nicht direkt sah, fühlte sie leichte Vibrationen im samtig-weichen Material. Irritiert saß sie darauf, bis das Vibrieren nachließ. An einer optimalen Stelle stehend, genoss sie den friedvollen Anblick der Natur, ohne über dieses seltsame Möbelstück nachzudenken.

Was sie sah, gefiel ihr. Hielt sie sich auf der Erde auf? Ähnliche Gärten kannte sie aus dem ehemaligen England, in dem Parks erstaunlich viel Aufmerksamkeit und Pflege bekamen. Nicht nur der Rasen, sondern auch Sträucher nebst einigen, kräftig gestutzten Bäumen luden zum Verweilen ein.

Im sauberen, klaren Seewasser spiegelte sich die Sonne, lud zum Träumen ein. Je länger sie auf dieses idyllische Bild sah, umso mehr entschwanden die düsteren Traumbilder aus ihrem Kopf. Zum ersten Mal entspannte sie sich, fühlte den Frieden in ihrem Herzen Einzug haltend. Innerlich verband sie eine Art Normalität mit diesem Anblick, den sie sich nicht zu erklären vermochte.

Tief im Innersten berührte sie etwas, das sie bewahren wollte. Ihre Gedanken vergessend, zeichnete sie, füllte das Büchlein mit Bildern. Jede einzelne Skizze brachte einen Funken in ihr zum Klingeln. Sie wollte sich an ihre eigene Vergangenheit erinnern. Mit jeder Seite, die sie befüllte, tauchten weitere Erinnerungsfetzen auf, die sie nicht verstand.

Noch fehlte das Gesamtbild. Stundenlang konzentrierte sie sich ausschließlich auf das Buch. Beim Befüllen der Blätter unterschied sie nicht zwischen real oder Traum.

Erst Stunden später spürte sie die Präsenz einer anderen Person in ihrer Nähe. Auf leisen Schritten stellte Isadora frischen Tee, zusammen mit einem kleinen Teller winzig wirkender Küchlein, auf ihr Beistelltischchen. Ohne Erinya zu beachten, schnappte sie sich das verschwitzte Krankenhaushemd, drehte sich um und verließ den Raum.

Verdattert saß Erinya weiterhin im Sessel, sah ihr verwundert nach, bevor sie mit den Schultern zuckte und sich erneut dem Notizbuch widmete.

Hoch konzentriert befüllte sie die Seiten mit Kritzeleien. Einzelne, unzusammenhängende Worte fanden sich einsam mitten in Bildern, die sie nicht verstand. Unmengen an Skizzen und Begriffen ergaben auf den ersten Blick keinerlei Nutzen. Trotz aller Bemühungen vermochte sie nicht, das Puzzle zusammen zusetzen. Immer tiefer vergrub sie sich in das Buch. Von Zeit zu Zeit blätterte sie zurück, vervollständigte Bilder, fing die nächsten an. Hunger begann in ihren Eingeweiden zu rumoren. Gähnend legte sie den Stift beiseite. Ihr Körper forderte seinen Tribut.

Ausgiebig nutzte sie in den folgenden Tagen das Notizbuch, versank immer tiefer in ihrer Arbeit. Deutlich spürte sie ihr Zeichentalent zurückkehren, erkannte, wie sie jedes noch so kleine Detail korrekt wiederzugeben vermochte. Eine Fülle an Bildern erwuchs. Fremdartige Maschinen, Geräte, die sie nie zuvor gesehen hatte, dominierten. Vereinzelt entstanden wunderschöne Landschaften, derer sie sich nicht erinnerte.

Fantastische Szenen mit Drachen und anderen seltsamen Kreaturen schob sie in das Land der Träume. Dazwischen erstanden Dutzende von Porträts. Zwischen unbekannten Gesichtern gab es ein lächelndes Konterfei von Doktor Lazaar, ebenso wie eine grimmig dreinschauende Isadora. Selbst der Anblick ihrer eigenen Zeichnung von der Schwester jagte ihr eisige Schauer über den Rücken. Mit den Stunden fiel es ihr immer schwerer, Erinnerungsflocken zu fassen. Die anfängliche Faszination des Schneesturms hatte sich längst gelegt. Sie benötigte eine Pause.

Seufzend legte sie den Stift beiseite, beobachtete den Park. Sie liebte den Anblick, freute sich darauf, im Rasen sitzend Steinchen in das Seewasser zu werfen. Nach wie vor strahlte die Sonne herab, brach sich im Wasser, ließ es wie Myriaden Diamanten auf der Oberfläche glitzern.

Mit dem Buch in der Hand stand sie auf, trat an das Panoramafenster heran. Sehnsucht lag in ihren Augen. Wie lange hatte sie schon kein Gras mehr unter ihren Füßen gespürt?

„Wie gerne wäre ich jetzt da draußen.“

Melancholie ergriff sie für einen Augenblick. Sie vermisste es, die nackten Zehen in frisches Gras zu graben, darin herumzuwühlen. Der Geruch nach Erde, ein sanfter Windhauch, der ihre Nase umwehte, Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, all das fehlte ihr. Ständig in diesem Zimmer eingesperrt zu sein, verscheuchte die positive Laune allmählich. Dezente Schwermut kehrte schleichend ein, traf sie tief.

Erst Stunden später, in denen sie vereinzelte Erinnerungsflocken ergriff, erkannte sie eine Veränderung im Schneesturm. Einige der Flocken kamen zu ihr, umschwirrten sie, ließen sich einfacher fangen denn je zuvor. Außergewöhnlich detailgetreu erstand daraufhin das Abbild eines alten Friedhofes. Uralte Bäume spendeten Schatten, standen zwischen teils windschiefen Grabsteinen. Einzelne Grabplatten wiesen Brüche auf, viele von ihnen überwucherten längst Efeuranken. Dazwischen wachten gütige Engelsstatuen über die Verstorbenen. Über allem lag der Charme naturbelassener Verwilderung. Frieden strömte ihr entgegen. Es berührte etwas tief in ihrem Herzen, das sie nicht verstand. Innerlich wusste sie, dass sie die Seele des Totenackers eingefangen hatte.

Wo andere Erinnerungen versagten, vermochte sie den Friedhof leicht zuzuordnen. Ein Schwung an Erinnerungsfetzen öffnete sich, überströmte sie mit Emotionen. Nach dem Tod ihrer Großmutter besuchte Erinya regelmäßig den Platz, sprach mit ihr, holte Rat bei ihr ein. Sorgsam pflegte sie ihre Grabstelle, pflanzte Blumen und kümmerte sich um das Grablicht. Innig mit ihr verbunden, verwand sie nie deren Dahinscheiden. Eines Tages nahm sie einen Block mit. Die Ruhe inmitten der Gräber ließ sie aufblühen, brachte ihr Zeichentalent zum Vorschein.

In wiederkehrenden Abständen fand ihre Mutter sie dort, setzte sich zu ihr auf die altertümliche, moosbewachsene Bank. Kummer stand in den Augen der frühzeitig gealterten Frau, die sich für ihr einziges Kind nur das Beste wünschte. Besorgnis erklang in ihrer Stimme, wenn sie Erinya aufforderte, endlich den Totenacker zu verlassen. Für ein Mädchen ihres Alters sei es einfach nicht normal, sich immerfort auf menschenleeren Friedhöfen aufzuhalten. Stattdessen sei ihr Platz unter Gleichaltrigen. Alt würde sie noch früh genug, sie solle ihr Leben genießen, anstatt ständig zwischen Gräbern zu sitzen. Regelmäßig entstand deswegen Streit, dabei wollte Erinya doch nur die Erinnerung an die Verstorbene bewahren.

„Mama, wie konntest du nur. Ich wollte dich stolz machen, nicht eine Nummer unter vielen sein. Ich wollte frei und stark sein, nicht schwach wie die anderen, die nur Saufen und Party im Kopf hatten.“

Es schmerzte, diese Erinnerung erneut zu durchleben, sich der Streitereien zu vergegenwärtigen, die sie mit ihrer Mutter führte. Sie bevorzugte Ruhe, zog sich gern vor dem kindischen Hickhack ihrer Altersgenossen zurück. Ihre Mutter dagegen bestand darauf, dass sie ein normales Kind haben wollte, mit normalen Hobbys und einem normalen Freundeskreis.

Eines Tages begann Erinya damit vorzugeben auf Veranstaltungen und Feste zu gehen, nur um endlich in Frieden gelassen zu werden. In ihrer Tasche befand sich kein Schluck Alkohol, sondern ihre Lernmaterialien. In hellen Vollmondnächten zog es sie hinaus auf eine Anhöhe, mit wunderschönem Ausblick auf die Großstadt. Mitten in der Dunkelheit sternenklarer Nächte erhellten zauberhafte Lichter den Bereich der Stadt, brachten sie zum Träumen. Dort gewann sie Abstand zur versifften, schmierigen Metropole Europas, die sich nach den ersten Völkerwanderungen zu einem Schandfleck entwickelte. Die dort lebenden Menschen hatten in ihrer Zeit längst keine Hoffnung mehr, zu vieles hatte Europa damals in den Untergang getrieben.

An manchen Tagen, in denen Eiseskälte alles in ihren klammen Fingern hielt, zog sie sich in eine der letzten alten Kirchen zurück. Lächelnd erinnerte sich Erinya der oft stundenlangen, philosophischen Unterhaltungen mit den Priestern. Doch meistens zog sie Nächtens den Friedhof vor, in denen nur Käuzchen Geräusche von sich gaben.

In Gedanken erfreut, ihre Tochter sei letztendlich doch zur Vernunft gekommen, fragte ihre Mutter niemals nach, wo sie sich herumtrieb.

„Wieso konntet ihr mich nicht einfach als das akzeptieren, was ich war? Ihr hättet stolz sein müssen auf mich! Ich habe mehr erreicht, als alle anderen meines Jahrgangs, hatte eine gute Ausbildung, gute Noten und eine Zukunft. Wie viele der anderen landeten im Gefängnis oder in der Leichenhalle?“

Vor dem Panoramafenster kauernd, die Beine umklammernd, wischte sich Erinya mit dem Ärmel die Tränenspur von ihrer linken Wange.

Hinter ihr, auf dem Stuhl sitzend, beobachtete sie Doktor Lazaar schweigend. Er spürte, wie sie weinte, wie ihr Körper dabei zitterte, legte ihr beruhigend die Hand auf die rechte Schulter. Erschrocken zuckte Erinya zusammen, ließ um ein Haar ihr Notizbuch fallen.

„Wo kommen Sie denn her? Ich habe Sie gar nicht kommen hören.“

„Man sagt mir nach, ich sei leise. Ich wollte nur wissen, wie es Ihnen geht, ob Sie alles bekommen, was Sie brauchen. Fühlen Sie sich hier wohl?“

„Wann darf ich hier raus?“

„Sie wollen in den Park?“

„Ja.“

„Sie vermissen das Grün?“

Mitfühlend sah er sie mit wasserblauen Augen an.

„Wer nicht?“

„Ein wenig Geduld noch! Spüren Sie noch Schmerzen?“

Leicht schüttelte Erinya den Kopf.

„Nein, die sind zum Glück vorbei.“

„Das freut mich zu hören.“

Auf das Buch deutend sah er sie fragend an.

„Darf ich es mir ansehen? Bitte.“

Seinem strahlenden Lächeln, dem Dackelblick, der sie an einen Welpen erinnerte, vermochte sie die Bitte nicht abzuschlagen. Schweigend reichte sie ihm das Büchlein, ließ ihn durchblättern.

„Viel ist nicht drin. Ich kritzele nur rum. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das überhaupt Sinn ergibt.“

„In allem steckt ein Sinn, mal mehr, mal weniger. Manchmal, auch wenn wir das nicht für möglich halten, sind es vor allem Kleinigkeiten, die die Wahrheit in sich bergen.“

Ohne jegliche Regung betrachtete er die Bilder, gab das Notizbuch anschließend zurück.

„Ihr Zeichentalent ist eine Gabe. Liegt es bei Ihnen in der Familie oder haben Sie es erlernt?“

„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich habe es von meiner Großmutter.“

Wissend lächelte er sie an.

„Das dachte ich mir. Derartige Talente entspringen so gut wie immer der Familie. Sie können stolz auf sich sein. Solch lebensechte Zeichnungen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Das ist einfach fantastisch.“

Bewunderung lag in seinem Blick. Erinya schwieg, wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

„Oh, habe ich was Falsches gesagt?“

Besorgt griff er nach ihrer Hand.

„Nein, es ist nur ...“

„... die Erinnerung? Es ist gut, wenn diese sie berühren, dann sind Sie auf dem richtigen Weg. Es freut mich, dass das Willkommensgeschenk seinen Zweck erfüllt. Darf ich Ihnen noch etwas zeigen?“

„Was denn?“

„Sie sind ja mit dem Notizbuch nahezu fertig. Bitte!“

Schweigend reichte sie es ihm erneut. Das Buch in der linken Hand haltend, löste er den Umschlag vom Deckel, schlug ihn zurück. Unter ihm bisher verborgen, entdeckte sie einen kleinen Riegel, den Doktor Lazaar leicht zurückzog. Dezentes bläuliches Schimmern umgab den Riegel, als würden darin Daten verarbeitet werden. Wenige Augenblicke später legte Doktor Lazaar den Umschlag wieder zurück und reichte ihr das Buch erneut.

„Öffnen Sie es!“

Gehorsam tat sie wie geheißen. Erstaunen stand in ihren Augen, als sie erkannte, dass ihre Zeichnungen entschwunden waren.

„Was ist passiert?“

„Mit dieser Funktion können Sie das Buch immer wieder neu nutzen.

Die Bilder können Sie natürlich aussortieren oder aufbewahren. Sehen Sie!“

Er tippte das Buch an der Seite an, woraufhin sich daraus ein Gespinst entspann. An jeder einzelnen hauchfeinen Wurzel hing ein durchsichtiges, leicht bläulich schimmerndes Blatt.

„Wenn Sie die Blätter berühren, können Sie sie vergrößern, verkleinern, verschieben oder auch löschen. Es ist ein praktischer Speicher. Sollten Sie den Wunsch danach verspüren, können Sie natürlich auch die Bilder wieder in das Buch ziehen. Manchmal ist das ganz hilfreich.“

Lächelnd drückte er noch einmal auf die gleiche Buchstelle.

„Wie haben Sie das gemacht?“

Erinya blickte erstaunt und leicht verwirrt auf den Platz, wo kurz zuvor noch das Geflecht existiert hatte.

„Wie kann das funktionieren?“

„Das ist einfache, simple Technik. Es gab eine Zeit, als noch unendlich viel Papier verschwendet wurde. Diese Technologie ist eine Weiterentwicklung dessen, was manche wollten und andere nicht herzugeben bereit waren. Sie werden bald schon merken, dass das Modell hier ....“ auf das Buch deutend “.... für Sie nahezu unverzichtbar werden könnte. Ich bin damit aufgewachsen und es ist ständig bei mir. Früher gab es Ähnliches, das Menschen ständig mit sich trugen. Sie nannten es, glaube ich, Smartphone oder Laptop, manche trugen Notizhefte mit sich, Taschenkalender und vieles mehr. Dieses Buch ist eine simple Basiseinheit, doch sie reicht gänzlich aus um sämtliche Basisbedürfnisse ausreichend zu befriedigen.“

Während er sprach, zeigte er ihr noch einmal die ganze Funktion des Buches, erklärte ihr, wie sie mit den Dingen sinnvoll arbeiten konnte. Erstaunt bemerkte Erinya, wie wenig sie bisher von diesem Notizbuch tatsächlich wusste.

„Wie zapft es dann die Erinnerungen an?“

„Es hilft Ihnen einfach nur, indem Sie ihre Gedanken und Bilder aufzeichnen. Sie haben diese Option hervorragend genutzt.“

„Vermutlich.“

„Es ist schön, zu sehen, wenn unsere Arbeit hier auch von Erfolg gekrönt wird. Und bei Ihnen sehe ich, dass dem so ist. Kommen wir jetzt aber zu einem anderen Thema. Wenn Sie wollen, dürfen sie ab jetzt auch das Zimmer verlassen. Sie sind fit und gesund genug. Doch bleiben Sie auf dem Stockwerk. Zumindest bis auf Weiteres.“

„Tatsächlich? Warum erst jetzt?“

„Denken Sie einmal nach. Warum waren in Klöstern die Zellen meist karg eingerichtet?“

„Aus Sparsamkeit? Um zu Gott zu finden?“

„Nein, sondern damit Mönche und Nonnen sich auf ihr Innerstes konzentrieren konnten. Es gab keine relevanten Ablenkungen. Das gleiche Prinzip gilt auch hier. Doch bei diesen Fortschritten brauchen Sie die strenge Abgeschiedenheit nicht mehr. Die ersten Schritte haben Sie längst geschafft. Der Kontakt zu anderen wird Ihnen beim nächsten Schritt helfen.“

„Die bekamen vermutlich aber auch keinen Lagerkoller.“

Herzhaftes Lachen brach sich aus seiner Kehle.

„Nein, vermutlich nicht. Aber Sie auch nicht.“

Obwohl es sie freute, fühlte sie sich nicht ganz wohl dabei. Gab es einen Haken, den sie auf den ersten Blick nicht erkannte?

„Bleiben Sie einfach auf dem Stockwerk! Sofern sich Ihr Gesundheitszustand hält, dürfen Sie in ein paar Tagen auch aus dem Gebäude und in den Park. Können wir uns darauf einigen?“

Schweigend nickte Erinya. Sie fühlte sich mehr als nur bereit, wollte endlich raus.

„Gut! Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kreislauf bricht weg oder es geht Ihnen anderweitig nicht gut, verschwinden Sie augenblicklich zurück in ihr Zimmer. Wenn Sie draußen der grünen Linie folgen, kommen Sie direkt in den Speisebereich. Dort finden Sie alles Nötige.

Sie dürfen sich im Stockwerk gerne umsehen.“

Für einen Augenblick fror sein Lächeln ein, Ernst lag in seinen Augen.

„Bedenken Sie, für Ihren Körper ist es immer noch eine ernste Belastung. In den Kapseln, auf der Reise und all die anderen Umstände haben Ihnen kräftig zugesetzt. Kommen Sie, ich zeige Ihnen noch, wie die Tür aufgeht!“

Neugierig folgte ihm Erinya bis zur Wand, wo er an einer Stelle leicht über die Struktur fuhr. Leise löste sich die Struktur vor ihr auf und gab eine Tür frei.

„Fahren Sie noch einmal drüber, dann können Sie die Tür wieder schließen. Ist doch alles ganz einfach, oder? Außer Ihnen kann nur das Personal die Tür öffnen. Nutzen Sie die Zeit, sehen Sie sich etwas hier auf dem Stockwerk um. Ich bin mir sicher, Sie werden sich ausgesprochen wohlfühlen.“

Erinya nickte nur stumm, bevor er sie alleine ließ. Sie freute sich darauf, endlich etwas Auslauf zu bekommen.

Alleine in ihrem Zimmer zurückbleibend, griff sie noch einmal in das Fach mit den frischen Kleidungsstücken. Darin herum kramend zog sie Hausschuhe und einen Bademantel heraus. Im Gegensatz zu Hose und Shirt konnte sie sich in Hausschuhe und Bademantel richtiggehend hineinkuscheln. Leicht flauschig und in gleichem fad-beigen Farbton gehalten, ergänzten sie einander hervorragend.

Die ersten Schritte aus dem Raum hinaus fühlten sich leicht und beschwingt an. Bereits nach wenigen Metern merkte Erinya, wie ihr Kreislauf aufjaulte. Stur setzte sie einen Schritt vor den anderen, folgte der grünen Linie, wie Doktor Lazaar ihr angeraten hatte. Bereits nach wenigen Metern hielt sie inne, merkte, wie ihr Kraft fehlte. Das sollte sie bei Gelegenheit ändern.

Sich an der Wand abstützend, schlich sie langsam nach vor, bis sie in einen hellen, sonnendurchfluteten Bereich gelangte. Mitten in einer abgerundeten Fläche standen einige Tische mit Stühlen, das Licht drang durch hohe Panoramafenster in den Raum, an den Wänden entdeckte sie ein hübsch hergerichtetes Buffet.

Himmelblaue Vorhänge ergänzten marineblaue Tischtücher und Stuhlpolster. Blumenarrangement und pastellgelb gestrichene Wände erschlugen Enya beinahe.

Auf ihren knurrenden Magen hörend, widmete sie sich erst einmal dem gut ausgestatteten Buffet. Unter durchsichtigen Deckeln lagen weiches Gebäck, Aufschnitt und Aufstriche verschiedenster Art und Farbe. Den Großteil des Buffets jedoch nahmen Salate, Früchte sowie Möglichkeiten ein Müsli zu mischen, ein. Aus einem Zapfhahn ließen sich Wasser, Tee oder Shakes ziehen.

Sauberes, eierschalenfarbenes Geschirr stand direkt daneben. Die Fülle überwältigte sie anfangs, bis sie sich dann doch einen Teller nahm und ein kleines Müsli mit Nüssen, Agavensirup und etwas Milch zusammenstellte. Über alles streute sie eine Prise Zimt. Endlich konnte sie ihr Essen wieder nach eigenem Gutdünken mischen. Wenigstens gab ihr das einen kleinen Hauch an Eigenständigkeit zurück. Noch warm fühlte sich das Gebäck in ihrer Hand an, als käme es direkt aus dem Backofen. Es roch unglaublich verführerisch, so sehr, dass sie am liebsten noch direkt vor dem Buffet hineingebissen hätte. Mit einer Tasse Tee setzte sie sich an einen der Tische und begann langsam, aber genüsslich, ihr Essen zu verspeisen.

Mit den zugeführten Nährstoffen stabilisierte sich auch ihr Kreislauf wieder. Jetzt fühlte sie sich auch wohl genug und hatte wieder ausreichend Aufmerksamkeit um sich genauer umzusehen. Sie war, buchstäblich, alleine. Dabei hatte sie sich auch auf Austausch gefreut, den sie im Augenblick nicht bekam.

Hell und freundlich angelegt, mit Blick direkt auf den See nur mit einem anderen Blickwinkel, lächelte Erinya trotzdem. Immerhin war zumindest die Umgebung eine andere und das Essen ebenfalls.

Gedankenverloren blickte sie während des Essens weiterhin aus dem Fenster. Erst, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte, zuckte Erinya zusammen. Gleichzeitig erklang eine heisere, aber doch wohlvertraute Stimme.

„Na? Auch wieder wach?“

Einen Augenblick später knallte eine Tasse neben ihrem Tablett auf den Tisch, ein Mann um die 20, wie sie mit leichtem Flaum auf dem Kopf, in der gleichen Kleidung wie sie, setzte sich ungefragt neben sie.

Seine, vor Lebensfreude blitzenden Augen, wirkten müde, als hätte er viele Nächte lang durchgemacht. Der rabenschwarze Haarflaum gab ihm etwas Verwegenes, harmonierte aber mit seinen grünblauen Augen.

Etwas zu schwungvoll landeten einige Tropfen aus seiner Tasse auf dem Tischtuch, hinterließen eine kleine, bräunliche Pfütze.