Die gemalte Schuld - Margarete Fuß - E-Book

Die gemalte Schuld E-Book

Margarete Fuß

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Beschreibung

Eigentlich sollte jetzt alles gut sein. Um ihren Traum vom Leben als freie Malerin verwirklichen zu können, hat Antonia sogar ihren Mann und die gemeinsamen kleinen Kinder verlassen. Aber bereits der Plan, die neue Existenz in New York aufzubauen, scheitert. Schon bald wohnt sie im Mannheimer Jungbuschviertel. Dort fühlt sich die Bergmannstochter wohler als in der reichen bayrischen Kleinstadt, in der sie mit ihrer Familie lebte. Malen kann sie hier jedoch auch nicht. Sie trödelt nur herum und rutscht fast in die Obdachlosigkeit ab. Davor bewahrt sie die muslimische Studentin Ayshe. Auch Thomas, der sein katholisches Priesteramt aufgegeben hat, weil er nicht mehr zölibatär leben will, steht ihr immer wieder bei. Doch den Kampf gegen ihre inneren Dämonen muss sie ganz alleine führen.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Das Buch

Eigentlich sollte jetzt alles gut sein. Um ihren Traum vom Leben als freie Malerin verwirklichen zu können, hat Antonia sogar ihren Mann und die gemeinsamen kleinen Kinder verlassen. Aber bereits der Plan, die neue Existenz in New York aufzubauen, scheitert. Schon bald wohnt sie im Mannheimer Jungbuschviertel. Dort fühlt sich die Bergmannstochter wohler als in der reichen bayrischen Kleinstadt, in der sie mit ihrer Familie lebte. Malen kann sie hier jedoch auch nicht. Sie trödelt nur herum und rutscht fast in die Obdachlosigkeit ab. Davor bewahrt sie die muslimische Studentin Ayshe. Auch Thomas, der sein katholisches Priesteramt aufgegeben hat, weil er nicht mehr zölibatär leben will, steht ihr immer wieder bei. Doch den Kampf gegen ihre inneren Dämonen muss sie ganz alleine führen.

Die Autorin

Margarete Fuß wurde 1956 als Tochter eines Bergarbeiters geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Diese eigenartige Welt, in der Kohlestaub, aber auch Solidarität und die Sorge der Frauen um ihre Ehemänner allgegenwärtig waren, prägte sie für ihr Leben. Während ihrer langjährigen Tätigkeit als Informatikerin konzentrierte sie sich vor allem auf die menschengerechte Gestaltung von Software. Erst spät entdeckte sie die Freude am Schreiben und nahm sie im Jahre 2009 zum Anlass, aus ihrem bisherigen Beruf auszusteigen. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Nach »Die Marionetten Eliterias« (BoD, 2016) ist »Die gemalte Schuld« ihr zweiter Roman.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

1

Als Antonia den Laptop aus ihrem prall gefüllten Rucksack zerrte, kam auch eine Babywindel zum Vorschein und fiel auf den Boden. Schnell legte sie den Klapp-Computer in die dunkelgraue Schale, die der Flughafenangestellte für sie bereithielt. Dann hob sie die Pampers auf und stopfte sie durch den noch offenen Reißverschluss zurück. Diesen zu schließen und ihren lilafarbenen Reisebegleiter in der nächsten Box auf dem Transportband zu deponieren, war eine Bewegung.

Nach der Handgepäck- und Körperkontrolle steckte sie den Computer wieder in den Rucksack, nahm aber die Windel heraus. Lange schaute sie auf das gefaltete Teil aus Plastik und Vlies und warf es dann in den nächsten Abfalleimer. Wie gut, dass sie an diese Dinger nun nicht mehr denken musste. Hüpfend setzte sie ihren Weg zum Gate fort, ohne sich um die Leute zu scheren, die sie verwundert ansahen. Fast trotzig streckte sie der uniformierten Frau am Gate-Schalter ihre Bordkarte entgegen und betrat rasch die Gangway.

Das Flugzeug stand lange am Anfang der Startbahn. Antonia wurde schon ungeduldig, doch dann heulten die Motoren auf und das Flugzeug rollte los. Erst ging es nur langsam voran, aber bald wurde sie von der Kraft der Beschleunigung in ihren Sitz gedrückt. Aus dem Fenster sah sie die Flughafengebäude vorbeisausen. Herrlich! Diesen Moment liebte sie am meisten, wenn sie die ganze Leistung der Flugzeugmotoren regelrecht spüren konnte. Ein Rausch der Geschwindigkeit. Und dann, wenn man meinte, das Ruckeln der Räder auf dem Boden nicht mehr aushalten zu können, war es plötzlich ganz ruhig, wenn das Flugzeug abhob. Aber dann wurde es auch langweiliger. Man bewegte sich mit rasender Geschwindigkeit und merkte es überhaupt nicht. Da war das Motorradfahren doch wesentlicher aufregender.

»Sie können Ihre Gurte jetzt lösen«, sagte eine Stewardess.

Antonia lehnte sich zurück und atmete hörbar aus. Geschafft! Sie saß doch tatsächlich im Flugzeug nach New York. Das Rückflugticket hatte sie nur pro forma gekauft, um keine Scherereien mit der amerikanischen Einreisebehörde zu bekommen, und sie besaß nur ein Touristenvisum, aber sie beabsichtigte nicht, zurückzukehren. Sie hatte keine Ahnung, ob sich ihre Wünsche in den USA tatsächlich verwirklichen ließen, doch sie war zuversichtlich. Bob Dylan hatte schließlich auch seinen Weg gemacht – mit nichts in seinem Gepäck als einer Gitarre. Sie hatte zwar keine Gitarre, aber sie hatte Aquarellfarben und konnte sehr gut malen. Dazu kam ihr fester Wille, damit nun endlich ihren Lebensunterhalt zu verdienen und vielleicht sogar ganz groß rauszukommen.

Zuallererst würde sie dorthin gehen, wo John Lennon gewohnt hatte. Wohnte Yoko Ono eigentlich noch in der Stadt?

Plötzlich fuhr es ihr eiskalt den Rücken herunter. Machte sie nicht gerade das, was die Mutter von John Lennon auch getan hatte? Sie hatte ihren Sohn einfach einer anderen Frau gegeben, ihn nicht selbst aufgezogen. Sein ganzes Leben lang hatte John Lennon darunter gelitten. Und Antonia ließ zwei Kinder zurück, hatte weder ihnen noch ihrem Mann gesagt, dass sie sie verlassen würde. Nun ja, Kalle mit seinen zwei Jahren würde es noch gar nicht verstehen und Maja auch nur bedingt. Sie war zwar schon fast vier, aber tagsüber ohnehin nicht mehr zu Hause. Vormittags war sie im Kindergarten und danach bei Gisela. Auch Kalle war inzwischen öfter bei ihrer Schwiegermutter als bei ihr. Wahrscheinlich betrachteten die beiden Gisela nun als ihre Mutter. Sie nahm nicht an, dass sie den Kindern wirklich fehlen würde. Dieser Gedanke ließ sie eine bequemere Sitzhaltung einnehmen und ihre Aufmerksamkeit nach außen richten.

Eine weiße Wolkendecke verhüllte den Blick auf den Atlantik. Wie immer war Antonia fasziniert von dieser riesigen Watte-Landschaft unter sich und dem strahlend blauen Himmel darüber. Zum Glück hatte sie die Sonne im Rücken, sodass sie nicht geblendet wurde.

Ihre Augen wanderten über die unendliche Weite des Himmels, und ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit überflutete sie. Das war es, wonach sie sich so sehr gesehnt hatte. Sie lächelte und blickte weiter verträumt nach draußen.

Erst als ihre Sitznachbarin sie anstieß und auf die Stewardess aufmerksam machte, die Getränke anbot, kam sie wieder in die Realität zurück.

»Einen Ingwertee, bitte«, sagte sie.

»Den haben wir leider nicht. Sie können ...«

»Dann bitte einen schwarzen«, unterbrach Antonia die freundliche Frau.

Nachdem sie den Tee ausgetrunken hatte, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Sie fühlte sich sehr ruhig, und dieses Gefühl verging während des gesamten Fluges nicht. Gelassen nahm sie die Störungen durch die Stewardess oder andere Passagiere hin, schaute immer mal wieder in den blauen Himmel oder ließ den Blick durch das Flugzeuginnere schweifen.

»Fasten your seat belt.« Rot leuchtete die Anzeige über Antonias Sitz. »In fünf Minuten landen wir«, sagte der Pilot. Antonia lächelte. Frei! Endlich frei!

2

Sechs Monate später

Antonia stand am Gepäckband im Frankfurter Flughafen und wartete auf ihren mattgrünen Reiserucksack, den sie in New York gegen den schwarzen Rollkoffer eingetauscht hatte. Sie hatte sich schon dort vorgenommen, einfach nur zu gehen, wenn sie erst wieder in Deutschland wäre. Keinen Bus, keinen Zug und kein Auto wollte sie benutzen. Das wäre alles zu schnell. Selbst ein Fahrrad erschien ihr momentan zu flott für das, was sie sich vorgenommen hatte. Sie wollte ihren Geist besänftigen, zur Ruhe kommen und Antworten finden.

Am meisten bedrückte sie die Frage, warum sie in den letzten Jahren so oft geflohen war. Immer hatte sie sich voller Freude und Hoffnung in eine neue Lebenssituation begeben, alle Brücken hinter sich abgerissen. Egal, ob es der gut bezahlte Job in München, ihr Mutterdasein im Städtchen oder ihr Aufenthalt in den USA war. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und sie musste weg. Natürlich erhoffte sie sich auch eine Antwort auf die Frage, wie es mit ihr, Stephan und den Kindern weitergehen könne. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie an ihre beiden Kleinen dachte.

Ein Mann zwängte sich an ihr vorbei, näher ans Gepäckband heran, und wuchtete einen großen Metallkoffer herunter. Dabei trat er einen Schritt zurück und auf Antonias Fuß. Kurz schaute er in ihr Gesicht, murmelte etwas, was wohl »Sorry« heißen sollte, und ging rasch davon. Kopfschüttelnd sah sie ihm hinterher und erstarrte dann. Ihr Blick heftete sich auf den kleinen Jungen, der neben dem Mann herging. Er war im Kindergartenalter, hatte dunkelbraune, kurze Haare und trug eine taubenblaue Kapuzenjacke. Seine Beine steckten in einer tannengrünen Hose. Wie fremdgesteuert ging sie langsam hinter ihm her.

»Marcel!«, rief eine Frau, und der Junge drehte sich um. Antonia sah das fremde Gesicht und blieb stehen. Erst jetzt spürte sie das Zittern, das ihren ganzen Körper ergriffen hatte. Ihre Beine schienen sie nicht mehr tragen zu wollen, und sie schaute sich nach einer Sitzgelegenheit um. Als sie keine entdeckte, ging sie zur nächsten Wand und ließ sich daran entlang auf den Boden gleiten. Nun spürte sie ihr Zittern noch deutlicher, und sie presste die Zähne zusammen.

Wie hatte sie nur für einen Moment denken können, dass es Johannes war? Johannes war tot, schon lange war er tot. Sie schloss die Augen und atmete heftig aus. Aber der Junge hatte von hinten wirklich so ausgesehen. Und Johannes hatte die gleiche Jacke und die gleiche Hose angehabt, als er ...

Antonia schüttelte heftig den Kopf. Nein, daran wollte sie jetzt bestimmt nicht denken. Sie sprang auf und ging zum Gepäckband zurück.

Darauf kreisten nur noch wenige Koffer, und der Pulk der Wartenden hatte sich gelichtet. Ihr Rucksack war nicht zu sehen. Er würde ja hoffentlich noch kommen? Vielleicht war es ihre Strafe, wenn er verloren ging, dachte Antonia plötzlich und schalt sich sofort selbst wegen dieses Gedankens. Sie konnte aber nicht verhindern, dass das Bild des Albtraums, der sie in den letzten Wochen häufig heimsuchte, vor ihrem inneren Auge erschien. Sie stand in einem Gerichtssaal, vor ihr, hinter einem erhöhten Pult, drei Richter in schwarzen Roben. Der mittlere stand auf und schaute sie durchdringend an. »Das Urteil lautet auf schuldig«, sagte er mit so dröhnender Stimme, als wenn Gott selbst sprechen würde. Dann zog jemand etwas über ihren Kopf, sodass sie nichts mehr sah und kaum noch Luft bekam. Schweißnass und voll Panik wachte sie jedes Mal auf. Sie wunderte sich über den Vergleich mit Gott, der ihr gleich beim ersten Mal eingefallen war. Lange schon glaubte sie nicht mehr an Gott und war auch aus der Kirche ausgetreten. Aber das reichte wahrscheinlich nicht, um sich von den Schuldgefühlen zu befreien, die die katholische Erziehung in ihr erzeugt hatte.

Ihr Rucksack war immer noch nicht da, und sie war inzwischen die Einzige, die noch wartete. Sie schaute auf die Leuchtanzeige über dem Band, auf der vorhin noch »Ausgabe New York« gestanden hatte, aber jetzt war sie leer. Die Gepäckausgabe war beendet. Antonia spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. Sollte der Rucksack tatsächlich verloren gegangen sein? Sie ging vom Gepäckband weg und schaute sich nach einem Infoschalter oder Ähnlichem um, um ihre Beschwerde loswerden zu können. Sie sah keinen, aber es gab entsprechende Wegweiser. Schnellen Schrittes folgte sie ihnen. Am Sperrgepäckschalter ging sie rechts vorbei und merkte, wie sie immer panischer wurde. Doch dann drehte sie sich um und betrachtete das Wort »Sperrgepäckschalter«. Heftig stieß sie die Luft aus. Was bin ich blöd! Natürlich! Den Rucksack habe ich als Sperrgepäck aufgegeben, also muss ich ihn auch hier bei dem Schalter wieder abholen.

Nach zwei Minuten hatte Antonia ihren mattgrünen Rucksack auf dem Rücken und ging gen Ausgang.

Als sie den Bereich verließ, der nur für Fluggäste vorgesehen war, blickte sie als Erstes in die Gesichter von Menschen, die offensichtlich auf einen Ankommenden warteten. Keiner sah sie direkt an, sondern an ihr vorbei auf die automatische Schiebetür, aus der sie gerade gekommen war. Man hatte wahrscheinlich schnell gecheckt, dass sie nicht die erwartete Person war und die Aufmerksamkeit bei der Tür belassen.

Das Gesicht einer Frau, die ungefähr in ihrem Alter war, wandelte sich plötzlich von ausdruckslos zu freudig. Sie ging schnell an Antonia vorbei, und Antonia drehte sich um. Die blonde Frau umarmte einen etwa gleichaltrigen Mann und ließ ihn lange nicht los. Dann fuhr sie ihm mit einer Hand über die schwarzen Haare und ging einen Schritt zurück, um ihm anschließend sofort einen Kuss auf den Mund zu geben. »Wie schön, dass du wieder da bist«, sagte sie.

Antonia ging schnell weiter. Auf sie wartete niemand. Es wusste ja auch keiner, dass sie hier war. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, wie allein sie war, wie grenzenlos allein. Das machte ihr Angst, aber die Angst war in New York heftiger gewesen. Hier waren ihr die Menschen vertrauter, auch wenn sie sie noch nie gesehen hatte. Satzfetzen, die an ihr Ohr drangen, waren meistens in deutscher Sprache, und auch die erste Sprache auf den Hinweistafeln war Deutsch. Schon allein das gab ihr ein Gefühl von Nachhausekommen, und sie schalt sich selbst deswegen. Sie wollte keine Heimatgefühle entwickeln, nur weil die Menschen hier ihre Sprache sprachen. Sie wusste doch, dass sie wieder das Gefühl haben würde, nicht dazuzugehören, wenn sie länger mit ihnen zusammen war.

Sie ging ziellos über die großen Freiflächen, auf Rolltreppen, durch Gänge, an denen Geschäfte lagen. Sie nahm weder die vielen Menschen wahr, die hier unterwegs waren, noch die bunten Auslagen in den Schaufenstern. Dafür war in ihrem Kopf gerade kein Platz. Sie überlegte, was sie als Nächstes tun könnte. Doch plötzlich wurde sie in die Realität zurückversetzt. Ihr rechter Fuß war auf etwas Weiches getreten, und sie schaute nach unten. Ein kleines Stück weißer Baumwolle, aus dem schmale Bänder hervorlugten, lag auf dem Boden.

Antonia erkannte sofort, um was es sich handelte, und ihr stockte der Atem. Eine solche Mütze hatten ihre Kinder in den ersten Monaten ihres Lebens getragen. Immer, wenn sie sie stillte, sah sie auf ein solches Stoffteil hinunter. Säuglinge würden viel von ihrer Körperwärme über den Kopf abgeben, hatte man ihr gesagt, und deshalb müsse der besonders geschützt werden.

Fast zwanghaft nahm sie die Babymütze auf und schaute sich nach Eltern um, die sie verloren haben könnten. Gleichzeitig steckte sie das Teil in ihre Jackentasche und vergewisserte sich, dass kein Band heraushing. Vor dem übernächsten Laden sah sie ein Paar mit Kinderwagen und ging mit ausdrucksloser Miene an ihm vorbei. Rasch eilte sie weiter durch den riesigen Flughafenbereich, bis sie schließlich ein Café sah, in das sie sich setzen wollte. Einen Ingwertee hatte man hier leider auch nicht, also nahm sie einen Kamillentee. Daran schlürfend sah sie auf die Menschen, die an ihr vorbei hasteten, nahm sie aber nicht wahr. Was sollte sie nun tun? Sollte sie einfach loslaufen und schauen, wo sie ankommen würde, oder sich erst einmal ein Ziel suchen?

Sie lehnte sich zurück und spürte plötzlich, wie müde sie war. Mit den Händen strich sie über ihre braunroten, naturkrausen Haare und nahm sie im Nacken zu einem kurzen Zopf zusammen. Bald entließ sie die Haare aber wieder in die Freiheit und zog die Babymütze aus der Jackentasche. Sie betrachtete sie kurz und knüllte sie in der Hand zusammen. Dann legte sie die Faust auf ihren Bauch und schloss die Augen. Ein Gefühl von Wärme, aber auch großer Sehnsucht durchströmte sie.

Schnell wurde ihr bewusst, dass sie heute nichts mehr unternehmen würde. Sie brauchte nur eine Unterkunft und musste sich ausschlafen. Morgen würde sie dann weitersehen.

Der See, der vor Antonia lag, strahlte eine himmlische Ruhe aus. An seinen Ufern sah sie vorwiegend Wald, aber auch größere sandige Abschnitte, die im Sommer wahrscheinlich als Strand benutzt wurden. Dann war hier bestimmt mehr Trubel. Jetzt aber, an einem Wochentag Mitte April, war nichts los, und das war ihr nur recht. Sie suchte sich eine Bank am Ufer, stellte den Rucksack darauf ab und setzte sich daneben.

Ihre Füße schmerzten, obwohl sie wahrscheinlich noch keine zwei Stunden gelaufen war. Sie waren es nicht gewohnt, solange benutzt zu werden und dabei nicht nur Antonias Gewicht, sondern auch ihren Rucksack zu tragen. Sie streckte die Beine aus und sog das Bild des ruhigen Wassers in sich ein. Wie lange war es her, dass sie alleine in der Natur gewesen war und dazu noch an einem See? Er erinnerte sie an die Seen in Schweden, die sie früher so oft mit dem Motorrad besucht hatte, obwohl er nicht deren Ursprünglichkeit besaß. Aber dafür war sie hier umweltfreundlicher unterwegs und störte die Ruhe der Natur nicht durch Motorengeräusche. Plötzlich wurde Antonia ein kontinuierliches Rauschen bewusst, das in ihre Ohren drang. Da hatte sie sich bezüglich der Ruhe wohl etwas vorgemacht. Sie nahm an, dass das Geräusch von der nahen Autobahn kam. Ob es in Deutschland überhaupt so ruhige Plätze gab wie in Schweden? Vielleicht würde sie bei ihrer Wanderung ja welche entdecken.

Sie wollte nach Heidelberg gehen. Dazu hatte sie sich entschlossen, als sie gestern in einem Buchladen im Flughafen eine Landkarte studiert hatte. Das war der einzige Ort in der nicht allzu weiten Umgebung von Frankfurt, mit dem sie etwas verband. Heidelberg kannte schließlich jeder in Deutschland, auch wenn er noch nie dort gewesen war. Der Schlager »Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren« ging ihr durch den Kopf, als sie den Namen las. Es muss dort wohl ganz nett sein, hatte sie gedacht, und als sie später auf der Wanderkarte sah, dass sie auf dem Weg dorthin durch ein großes Waldgebiet würde laufen können, war ihre Entscheidung gefallen. Sie wollte möglichst viel durch die Natur wandern, wenn das aufgrund der dichten Bebauung in Deutschland auch nicht überall möglich war. Und sie wollte in kleineren Pensionen übernachten, nicht in so einem Moloch von Hotel wie dem, wo sie die letzte Nacht verbracht hatte. Aber in der Nähe des Flughafens gab es nichts anderes, und sie hatte unbedingt erst eine Nacht schlafen müssen, bevor sie aufbrechen konnte.

Eine Ente schwamm auf sie zu. »Ich hab nichts für dich«, sagte Antonia. »Und außerdem ist es verboten, dich zu füttern. Das steht auf dem Schild dahinten.« Sie wies mit der Hand vage in die Richtung.

Sie selbst könnte aber mal etwas essen. Sie holte das Käse-Baguette, das sie noch im Flughafen gekauft hatte, aus ihrem Rucksack und biss kräftig hinein. Selbst dieses Baguette war besser als alle Brote, die sie in New York gegessen hatte.

Das laute Motorengeräusch eines Flugzeugs übertönte das Rauschen der Autobahn, und Antonia schaute nach oben. So nah am Flughafen konnte man die Details der Maschine gut erkennen. Sie flog nicht sehr hoch.

Merkwürdig, dass sie jetzt hier in der Nähe von Frankfurt saß. Noch vor einer Woche war dieser Ort nicht mehr als ein Name gewesen, mit dem sie den größten Bankenstandort Deutschlands verband und in dem sie manchmal auf einer Zugreise gen Süden umsteigen musste.

Na ja, vielleicht sollte sie diese Gegend mal kennenlernen. Vom Ruhrpott aus war sie eigentlich immer nur Richtung Norden unterwegs gewesen. Schon als Kind verbrachte sie den Urlaub mit den Eltern an der holländischen Nordseeküste. Es war ja nicht weit von Bottrop aus, und Zeltplätze gab es dort genug. Und als sie in München und später im Städtchen, das im Umland der Großstadt lag, lebte, führten sie die Ausflüge in die nähere Umgebung oder in die Alpen.

Antonia spürte einen Stich in der Magengegend, als sie an die Orte dachte, die ihr für lange Zeit Heimat gewesen waren und wo jetzt noch die Menschen lebten, die ihr am nächsten standen. Alle hatte sie ohne ein Wort verlassen.

Wie es ihrem Vater jetzt wohl ging? Sie sehnte sich nach ihm. Nein, nicht wirklich. Sie sehnte sich nach dem Mann, der er gewesen war, bevor man ihm eröffnet hatte, dass auch er in Frührente gehen müsse. Wie hatte er gekämpft! Kindheit und Arbeitskampf waren für Antonia synonyme Begriffe. Das Zechensterben im Ruhrgebiet hatte immer wie ein Damoklesschwert über der Familie gehangen, und ihr Vater kämpfte um jeden Arbeitsplatz. Er dachte, er könne das Ende des Kohlenzeitalters aufhalten, wollte nicht wahrhaben, dass er zu einer aussterbenden Art gehörte. Aber wie sollte er auch? Er war mit ganzem Stolz Bergmann gewesen, wie schon sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater. Für ihn hatte es nie eine andere Welt gegeben, und er wollte auch keine andere. Aber am Ende dieses Jahres war auch das Zeitalter der Steinkohle zu Ende. Dann würde die letzte Zeche schließen. »Prosper-Haniel«, wie sie heute hieß und wo er immer gearbeitet hatte.

Sie stand auf und ging näher ans Wasser heran. Eine Gruppe von Enten nahm das wohl zum Anlass, auf sie zuzuschwimmen. Gedankenverloren betrachtete sie die Wasservögel und ließ ihren Blick dann über das gegenüberliegende Ufer schweifen. Ohne weiter nachzudenken, holte sie ihren Block und die Aquarellstifte aus dem Rucksack, setzte sich wieder hin und begann zu malen.

Antonia hatte sich ausweglos verirrt, fand den Weg, den sie eigentlich nehmen wollte, nicht wieder, und die Sonne stand schon tief. Bald würde es dunkel sein. Sie sah zwar andere Wegmarkierungen an Bäumen, aber nicht die Nummer neun, der sie bis hierher gefolgt war. Sie setzte sich auf einen am Wegrand liegenden Baumstamm und klappte die Wanderkarte auseinander. Bald fand sie die Wege, deren Markierungen sie soeben gesehen hatte, und etwas abseits auch die Nummer neun, aber ihr wurde auch dadurch nicht klar, wie sie wieder dorthin kam und wo sie falsch abgebogen war. Sie müsste den Weg wieder zurückgehen und hoffen, dass sie die Wegmarkierung finden würde, aber dazu fehlte ihr die Zeit – jedenfalls dann, wenn sie nicht im Dunkeln weitergehen wollte.

Sie dachte daran, dass sie mit einem Smartphone wahrscheinlich nicht in dieser ausweglosen Lage wäre. Von einer Navigations-App hätte sie sich schon frühzeitig den Weg zum nächsten Ort zeigen lassen können. Aber sie wollte so ein Ding nicht, weil sie sich dadurch irgendwie entmündigt vorkam. Ihr altes Nokia-Handy reichte ihr völlig aus. Damit konnte sie telefonieren oder mal eine SMS verschicken, und mehr wollte sie nicht. Für alles und jedes sofort Hilfe in einem Mobiltelefon zu suchen, anstatt erst einmal den eigenen Verstand einzuschalten, das war nicht ihr Ding. Und diese Messenger-Apps und sogenannten sozialen Medien fehlten ihr überhaupt nicht. »Das Smartphone nimmt dem Leben die Abenteuer«, hatte sie oft gesagt. Und nun war sie also mitten in einem Abenteuer und musste überlegen, was zu tun war.

Es wäre wohl das Beste, die Nacht hier im Wald zu verbringen und erst im Hellen weiterzugehen. Sie schaute sich um. Der Waldboden rings um den Weg war licht und mit moderndem Laub bedeckt. Es gab kaum Unterholz. Eigentlich ideal, und allzu kalt würde es sicher auch nicht werden. Am Tag hatte sie sehr geschwitzt und sich gewundert, wie warm es im April schon war. Es war ein richtiger Sommertag gewesen. Selbst in Shorts und T-Shirt war es teilweise zu warm. Ob es hier in der Gegend immer schon so früh sommerliche Temperaturen gab?

Antonia rollte ihre blaue Iso-Matte auf dem Waldboden aus und legte den gelben Schlafsack darüber. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie einen so auffälligen gekauft hatte. Dadurch würde sie jedem vorbeikommenden Spaziergänger auch hier, etwas entfernt vom Weg, auffallen, und sie wollte keine Störung und keine Gesellschaft.

Dann muss ich mich eben tarnen, dachte sie und streute des Waldbodens über den Schlafsack, bis er nicht mehr zu sehen war. Anschließend kroch sie hinein, und dabei fielen die meisten Blätter wieder hinunter. Mist! Sie nahm sie wieder auf und streute sie über sich. So gut wie auf dem leeren Schlafsack blieben sie nicht liegen, aber es war besser als nichts. Sie legte sich hin und atmete wohlig aus. Die Baumwipfel über ihr waren noch gut zu erkennen, und sie genoss die Ruhe des Waldes. Ab und zu war ein Vogelzwitschern zu hören, aber das war jetzt viel seltener als am Tag und würde wahrscheinlich auch bald enden. Sie nahm jedenfalls an, dass die Vögel im Dunkeln ruhig waren.

Sie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und beobachtete, wie die grün-braune Farbe der Baumwipfel immer mehr ins Schwarze überging, je dunkler es wurde. Sie hörte ein leises Rascheln und schreckte hoch. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Was war das? Sie schaute sich um, konnte aber nichts erkennen. Und wenn es wieder ein Wildschwein war? So eines, wie es sie heute beim Spazierengehen fast umgerannt hatte? Fraßen Wildschweine auch Menschen? Jetzt hielt sie es in ihrem Schlafsack nicht mehr aus. Sie stand vorsichtig auf und versuchte, im Halbdunkel etwas zu erkennen. Vergeblich. Sie lauschte. Da war wieder dieses Rascheln. Gar nicht weit entfernt. Sie klatschte in die Hände, und ein Tier sprang davon. Was es genau war, konnte sie nicht erkennen. Sie nahm aber aufgrund der Bewegungsart an, dass es ein Hase war.

Warum nur hatte sie plötzlich solche Angst im Wald? Sie hatte doch früher so oft allein in Schweden im Wald übernachtet, und dort gab es auch Tiere, die ihr vielleicht hätten gefährlich werden können. Eine Weile stand sie lautlos da und achtete auf jedes Geräusch. Ein solch verdächtiges Rascheln wie vorhin vernahm sie nicht mehr, und so kroch sie schließlich wieder in ihren Schlafsack. Auch im Liegen spitzte sie noch die Ohren, aber bald übermannte sie die Müdigkeit und sie schlief ein.

Nachdem sie aus einem unruhigen Schlaf erwacht war und die Sonne ihr Licht spendete, nahm sie ihre Wanderung wieder auf. Den Weg, den sie abends für die Suche nach einem Schlafplatz verlassen hatte, fand sie nicht wieder. Und so ging sie noch lange mitten durch den Wald, mit nichts anderem im Blickfeld als Bäume und Unterholz.

Irgendwann wurde es ihr zu warm in der langen Hose und dem Pullover, die sie in der morgendlichen Kühle angezogen hatte. Sie nahm den Rucksack herunter und tauschte die warme Kleidung gegen Shorts und T-Shirt aus. Dann reckte sie sich und fühlte sich plötzlich ohne den schweren Rucksack so befreit, dass sie einen Sprint einlegte. Doch der währte nicht lange. Sie rutschte an einer matschigen Stelle aus und fiel mitten in den Schlamm.

So ein Mist, dachte sie und richtete sich mühsam wieder auf. Erde und halbvermoderte Blätter klebten an ihr, und sie entdeckte an ihrer rechten Hand eine blutende Wunde. Schnell ging sie zurück zu ihrem Rucksack und holte ein Papiertaschentuch heraus, mit dem sie das Blut abtupfte. Die Verletzung war nicht sehr groß, blutete aber weiter. Antonia atmete heftig aus und setzte sich den Rucksack auf den Rücken. Beim Weitergehen presste sie das Taschentuch auf die Wunde.

Schließlich lag der Wald hinter ihr, und sie blickte in ein weites Tal, an dessen Berghängen nur vereinzelt Bäume auf grünen Wiesen standen. Weit unten lag ein Dorf. Mit den aus dieser Perspektive kleinen Häusern, die sich um eine Kirche versammelten, hätte es der Landschaft einer Spielzeugeisenbahn entsprungen sein können.

Antonias Magen knurrte, und sie setzte sich auf eine einladende Bank am Wegesrand, auf der sie die Landschaftseindrücke würde genießen können. Sie lüftete das weiße Papiertuch an ihrer Hand und schaute sich die kleine Verletzung an. Die Blutung schien gestillt, und so warf sie das verschmierte Tuch in den Mülleimer neben der Bank.

Eigentlich müsste ich mich mal waschen, dachte sie beim Blick auf den Matsch und die Blätter, die immer noch an ihr klebten. Aber hier gab es kein Wasser, und jetzt hatte sie vor allem Hunger. Also holte sie aus ihrem Rucksack die angebrochene Tüte mit Studentenfutter und die Wasserflasche. Was würde sie jetzt für eine Flasche Milch geben! Das war das Blöde am Herumwandern, dass man keine leicht verderblichen Lebensmittel mitnehmen konnte. Jedenfalls nicht bei dieser Wärme. Sie hatte ja schon einiges im April erlebt, aber so warm wie jetzt und hier hatte sie diesen launischen Monat noch nie erlebt. Jedenfalls kam es ihr schon merkwürdig vor, dass sie am Vormittag, nur mit T-Shirt und Shorts bekleidet, schwitzte.

Nachdem sie die ganze Tüte leergefuttert hatte, holte sie ihr Handtuch aus dem Rucksack, faltete es ein paar Mal und platzierte es ans Ende der Sitzfläche der Bank. Sie legte sich auf die braunen Holzlatten und bettete ihren Kopf auf das provisorische Kissen. Dann schloss sie die Augen, lauschte dem Gezwitscher der Vögel und rückte ein wenig hin und her, um die optimale Liegeposition zu finden.

Als sie aufwachte, war etwas anders. Das spürte sie sofort, aber sie konnte nicht sagen, was es war. Dann bemerkte sie, dass die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht verschwunden war, aber die Beine sich noch gut gewärmt anfühlten. Sie schlug die Augen auf und sah aus den Augenwinkeln eine schwarz gekleidete Gestalt. Erschrocken setzte sie sich auf, und ihr wurde bewusst, dass ein Priester neben ihr stand. Den Ausschnitt des schwarzen Hemdes füllte ein weißer Stehkragen aus, den sie bisher nur bei Geistlichen gesehen hatte. Der Mann lächelte sie freundlich an. Feine graue Strähnen zogen sich durch seine dichten schwarzen Haare.

»Ich konnte doch nicht zulassen, dass Sie einen Sonnenbrand bekommen«, sagte er.

Sofort regte sich in Antonia der Trotz. »Warum konnten Sie das nicht zulassen? Vielleicht wollte ich ja einen Sonnenbrand bekommen?«

»Entschuldigung, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin.« Der Mann in Priesterkleidung ging einen Schritt zurück.

Antonia verschränkte die Arme vor der Brust und schloss die Augen. Was wollte dieser blöde Pope von ihr? Sie hatte keine Lust auf Menschen, auf Popen schon gar nicht!

»Sie bluten ja«, sagte der Schwarzgekleidete, und Antonia öffnete unwillkürlich die Augen. Er wies auf den Handrücken ihrer rechten Hand, wo die Schürfwunde wieder aufgegangen war. Dann vergrub er seine Hand in der Tasche seiner weiten Hose und zog schließlich an einem weißen Stück Stoff.

Ohne den Kopf zu wenden, beobachtete Antonia die Aktivitäten der rechten Hand des Pfarrers genau. Das weiße Taschentuch war sorgfältig gefaltet und sah sauber aus. Das konnte sie schon erkennen, als es noch halb in der Tasche verborgen war. Doch als die Hand weiter an dem Stoff zog, wurde daneben etwas anderes sichtbar. Rosafarben war es, und es dehnte sich beim Herausziehen wie ein breites Gummiband. Als die Hand des Priesters das Taschentuch endlich vollständig befreit hatte, fiel das Gummiteil, dessen Transparenz erst jetzt sichtbar wurde, auf den Boden.

Antonia richtete sich ruckartig auf und heftete ihren Blick fest auf das längliche, einem Luftballon ähnelnde Teil. Dann wandte sie ihr Gesicht der vor ihr stehenden schwarzen Gestalt zu und ließ ihre Augen langsam daran hoch wandern, bis sie auf das auseinandergefaltete Taschentuch in der Hand des Priesters stießen.

»Hier, nehmen Sie«, sagte er.

Antonia ignorierte das weiße Tuch, hob mit spitzen Fingern das unbenutzte, aber auseinandergerollte Kondom auf und streckte es dem Mann entgegen.

»Sie haben da etwas verloren«, sagte sie.

Irritiert schaute der Pope auf das vor seiner Nase baumelnde rosa Gummi-Teil. Dann fing er an zu lachen.

»Ach das.« Er setzte sich auf die Bank. »Das habe ich einem Schüler abgenommen.«

Antonia schaute ihn prüfend an. Täuschte sie sich oder war seine Gesichtshaut jetzt röter als zuvor? War ihm die Angelegenheit peinlich oder log er?

»So, so, einem Schüler abgenommen«, sagte sie und überließ das Kondom der Hand des Priesters, der es schnell wieder in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Dann richtete sie ihren Blick auf das Dorf im Tal.

»Ja, der Schüler hat im Unterricht damit gespielt, und das konnte ich ihm nicht durchgehen lassen.«

»Warum rechtfertigen Sie sich? Es kann Ihnen doch eigentlich egal sein, was ich über diesen Präser in Ihrer Tasche denke.«

»Ja, eigentlich.« Der Priester schaute ins Tal.

Lange Zeit sagte niemand etwas.

»Wahrscheinlich denken Sie jetzt, dass ich Sex habe und deswegen das Teil in meiner Tasche ist. Das denken doch alle sofort, wenn ein katholischer Priester irgendetwas tut, was im Entferntesten mit Sex zu tun hat.«

»Na und? Haben Sie Sex?« Antonia verstand sich selber nicht. Was, um Himmels willen, ging es sie an, ob dieser Mensch Sex hatte oder nicht? Sie hatte, weiß Gott, andere Sorgen.

»Sie sind sehr direkt«, sagte der Schwarzgekleidete.

»Liegt wohl an meiner Situation. Ich habe nicht mehr viel zu verlieren, muss mich an keine gesellschaftliche Konvention halten – bin fast ein Outlaw.«

»Das dachte ich mir schon, als ich Sie so sah, voller Dreck und auf einer Bank schlafend.«

Antonia warf dem Priester ein verzerrtes Lächeln zu. »Und da wurde natürlich sofort Ihr seelsorgerisches Herz geweckt und Sie dachten, dass Sie meine arme Seele retten müssten.«

Der Pfarrer zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht, was ich gedacht habe.« Dann unterbrach er sich selbst. »Ach doch! Ich sah, dass Ihr Gesicht schon leicht rot ist, und da wollte ich Sie tatsächlich vor einem Sonnenbrand bewahren.«

»Ich habe Sie nicht darum gebeten!«, sagte Antonia heftig.

»War es denn so schlimm?«

»Darum geht es nicht. Sie haben meine schlafende Situation ausgenutzt, um sich mir zu nähern.«

»Also hören Sie mal!«, sagte der Pfarrer empört. »Ich habe mich tatsächlich nur neben Sie gestellt, sonst gar nichts!«

»Viel Abstand war da nicht zwischen Ihnen und mir!«

»Ich habe Sie in keiner Weise berührt. Wirklich nur da gestanden.«

Antonia verzog den Mund. »Das reicht ja schon.« Dann schaute sie auf ihre dreckigen Arme und Beine. »Zum Anfassen lade ich wohl nicht gerade ein, sonst wäre es vielleicht mehr geworden.«

Der Pfarrer sah Antonia direkt an. »Was hat Sie nur so verletzt, dass Sie so misstrauisch sind?«

Antonia schüttelte den Kopf und drehte sich so, dass sie dem Pfarrer den Rücken zuwandte. »Hauen Sie ab! Ich habe Sie weder gebeten, mich vor einem Sonnenbrand zu schützen, noch mir therapeutische Ratschläge zu geben.«

Der Priester blieb sitzen und schwieg.

Ein Eichhörnchen kletterte den Baumstamm hinab, der genau in Antonias Sichtfeld lag. Sie mochte diese kleinen braunen Tiere mit ihren langen Schwänzen und bewunderte ihre Art, sich nach allen Richtungen hin frei bewegen zu können. Dieses saß kopfüber an dem Baumstamm und schien unschlüssig zu sein, in welche Richtung es weiter klettern sollte.

»Entschuldigung«, sagte der Pfarrer, und das Eichhörnchen verschwand schnell wieder in der Baumkrone.

»Sie haben es verscheucht!«, rief Antonia ärgerlich.

»Was?«

»Das Eichhörnchen!«

»Tut mir leid!«

Antonia stieß heftig den Atem aus. »Können Sie eigentlich noch irgendetwas anderes, außer sich zu entschuldigen und sich ungefragt in das Leben anderer Leute zu drängen?«

»Nein!«

Antonia drehte sich abrupt zu ihm hin und nickte anerkennend. »Das war das Beste, was ich bisher aus Ihrem Mund gehört habe.«

»Als Pfarrer habe ich nie etwas anderes gelernt, als anderen Menschen zu helfen.«

»Vielleicht sollten Sie das aber, anstatt mir Ihre Hilfe aufzudrängen«, sagte Antonia.

Der Schwarzgekleidete schaute auf seine gefalteten Hände im Schoß. »Eine gute Idee!«, sagte er.

Antonia streckte sich. Sie wollte dieses Gespräch beenden, doch der Spott in seiner Stimme ließ sie aufhorchen.

»Hält Sie etwas davon ab, neue Dinge zu lernen?«

»Ich weiß nicht, was!«

»Dabei wird Ihnen doch wohl Ihr Gott helfen können, oder?«

»Ich weiß nicht, ob er mir noch hilft!« Der Priester sprach so leise, dass er kaum zu verstehen war.

»Was soll das denn heißen? Predigt ihr Popen nicht immer, dass wir Menschen alle in Gottes Hand sind?«